Wisnss Siscli- I_3n6ssdiblio1kis>< 28 ! 8Lll ^ g - 8O 25 - 042005 - 54 ««« 1118 » »L / MU LLA» Wisusi' Ltscli- uncl l-Lliclssbidlioilisk 26132 ». ^>^ 9 - 8025 - 042005 - 54 Dingen und Ccrpi.tnl. Der kleine söi»ss» VS» Umis oder der Triumph der Arbeitsamkeit. Von Madame Eugenie Loa. Uebersetzt von n. Wien. Verlag von Rudolf Lechner. Der Kleine Robinson von Paris. . ''M " ^ ^ ^ 7^Zi. - '-L.. 1. Kapitel. Onkel Thomas ist todt. Eines der Häuser an den Gerbergräben in Bordeaux war schwarz behängen; ein Leichenzug bewegte sich aus demselben; man begleitete den Hausherrn zu seiner letzten Wohnung. Unmittelbar hinter dem Sarge bemerkte man als Hauptleidtragenden, einen jungen, blassen Mann, mit brauner Gesichtsfarbe, von den Freunden des Verstorbenen geführt, und einer Menge Menschen jeden Alters begleitet. Den Schluß des Zuges bildete ein armer, kleiner Knabe von ohngefähr zehn Jahren, der schwach und leidend aussah. Niemand beachtete ihn, obgleich sein schluchzen in das Herz schneiden mußte; sein schönes blondes Haar fiel in weichen, vollen Locken um die Stirne, und vermischte sich mit den Thränen, welche sein liebes Gesichtchen benetzten. Sobald der Leichenzug auf dem Friedhofe angelangt war, wurden die herkömmlichen Ceremonien vollzogen, zu deren Schluffe man Weihwasser über das zugeworfene Grab sprengte. Als dies geschehen war, nahm einer der Anwesenden das Wort, und zählte in einer feierlichen Rede die Tugenden des Herrn Thomas auf, welcher ein reicher Rheder von Bordeaux und nebenbei ein guter Sohn, ein treuer Gatte und ein liebevoller Vater war. Nach beendigter Rede zogen sich die Leidtragenden zurück, bald war es still um das Grab hemm. Der Knabe, welcher oben erwähnt ist, hatte sich bis dahin fern gehalten, nun aber eilte er herbei und warf sich weinend über den frischen Grabhügel, indem er laut ausrief: »mein Onkel, mein guter Onkel, soll ich Dich also nicht mehr sehen.« Verzweiflung lag in dem 1 2 Tone seiner Stimme, und der bloße Gedanke daran lähmte seinen Schmerz. Ein kalter Schauer zog durch seine Adern, die Thränen, welche seinen Augen entschlüpften, schienen sich zu verdichten. Er war vernichtet. Nach wenig Augenblicken jedoch erhob er den Kopf; der Todtengräber stand an seiner Seite. Gehst Du nicht mit den andern, mein kleiner Freund? fragte der Mann. O mein Gott! fuhr der Knabe fort, indem er sich mühsam erhob — wenn ich denke, daß er da liegt — in einem hölzernen Kasten, unter der Erde! Der Herr, welcher hier begraben wurde, war wohl Dein Vater, fragte der Todtengräber, während er das Maß zu einem Eisengitter nahm, mit welchem man das Grab einschließen wollte. Nein, Herr, er war mein Onkel, antwortete das Kind, indem es einen Schritt vorwärts that um sich zu entfernen, und doch wie von unsichtbarer Hand gezogen, nach dem lieben Orte wieder zurückkehrte. Dem Anscheine nach war er ein guter Onkel. O ja, ein sehr guter Onkel, er liebte mich sehr. Diese Worte erneuten den Schmerz und die Thränen des Kindes. Es bleibt Dir wohl noch ein Vater? Nein, Herr; mein Vater ist lange todt, ich habe ihn niemals gekannt. Und Deine Mutter? Ist auch todt. Kannst Du Dich ihrer nicht mehr erinnern? Der Todtengräber war wohl sehr neugierig, aber man muß es auch gestehen,, der Neffe des Herrn Thomas war ein interessanter Knabe. Ich war sehr klein, Herr, antwortete der Knabe. Ich kann mich nur mehr an ein weißes Bett erinnern, in welchem meine Mutter lag, vor demselben glaube ich noch meinen Onkel zu sehen, als er stehend meiner Mutter eine Hand reichte, während er mich mit der andere 3 liebkoste, und die Worte sprach: »Meine Schwester, ich schwöre Dir, Deinem Camillo Vater zu sein.« Camillo bin ich. Darnach führte er mich in sein Haus, und ich sah meine Mutter nicht wieder. Selbst an das Haus in welchem wir wohnten kann ich mich nicht mehr erinnern. Bist Du der einzige Erbe Deines Onkels? Der Erbe! was ist das? Was das ist? Das heißt, daß alles was Deinem Onkel gehörte Dein ist; sein Haus, seine Kleider, sein Geld. Und auch seinem Sohne, unterbrach ihn Camillo. Ah, hat er einen Sohn!? Einen großen Sohn, derselbe, welcher hinter dem Sarge meines Onkels ging. Die Erinnerung an den Sarg machte Camillos Thränen aufs neue fließen. Der große, blaffe, junge Mann, welcher mich für morgen zu sich beschied, um wegen des Steines und des Gitters zu sprechen? Ich gestehe, Dein Vetter sieht nicht sehr zartfühlend aus, er weinte nicht einmal. Das kommt davon, weil er zum weinen zu groß ist, erwiderte Camillo, indem er die Thränen von seinen Wangen wischte, das ist nur für Kinder, und mein Vetter ist ein Mann; er hat Reisen gemacht ; voriges Jahr war er mit meinem Onkel in Paris, wo sie drei Monate geblieben sind. Aber — leben Sie wohl Herr, ich gehe nach Hause, denn es wird dunkel, und Gustav könnte sich meinetwegen beunruhigen. Wer ist Gustav? Mein Vetter, er soll nun mein Vater sein, denn das hat ihm mein Onkel auf seinem Sterbebette empfohlen. Armes Kind, dachte der Todtengräber, indem er Camillo mit den Augen folgte. Dieser ging mit schwerem Herzen; seine kleine Gestalt wendete sich von Zeit zu Zeit nach dem Orte um, wo Herr Thomas eben begraben wurde. 1 * 4 2. Kapitel. Der Erbe und die Waise. Da der Kirchhof von dem Hause des Herrn Thomas ziemlich entfernt war, so kam Camillo erst bei finsterer Nacht heim. Seine erste Sorge betraf Gustav, welchem er nachfragte. Er hat sich in das Zimmer des Verstorbenen zurückgezogen, antwortete der Diener, und hat verboten daß man ihn störe. Ohne Zweifel will er sich dort ausweinen, dachte Camillo, welcher seit dem Augenblicke da sein Onkel den letzten Seufzer aushauchte, nicht zu weiuen aufgehört hatte. Indem er einen Leuchter aus den Händen des Dieners nahm, fügte er hinzu: Gute Nacht Jakob, ich werde zu Bette gehen — werde mich niederlegen ohne meinen Onkel geküßt zu haben, .... nicht wahr, mein armer Jakob, das ist sehr traurig .... O! das thut wehe! — sehr wehe! — Beruhigen-Sie sich, Herr Camillo, sagte der alte Diener indem er sich eine Thräne trocknete, wir sind ja alle nur auf der Erde um durch das Leben zum Tode zu gehen. Ja wohl; wenn wir aber weder Vater noch Mutter haben, wenn uns nichts bleibt als ein Onkel, und Gott uns auch diesen nimmt!? .... Doch — ich habe ja noch einen Vetter. Hm! _ armes Kind — einen Vetter! Da bleibt Dir wahrlich nichts großes, murmelte Jakob zwischen den Zähnen. Camillo mußte vor dem Zimmer seines Onkels vorbei, wenn er in das seinige wollte dabei konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, sich der Thüre zu nähern. Mein Gott! sagte er wehmüthig, wenn ich nur noch einmal meinen Onkel in seinem Armstuhl von rothem Damast sehen könnte! Wenn es mir nur einmal noch vergönnt wäre seine Stimme zu hören! 5 Indem er so sprach, legte er unwillkührlich das Auge an das Schlüsselloch, und sah das Zimmer von einem großen Lichte erleuchtet. Gustav ist da, dachte er; — er weint wohl. O, wenn er mich nur ein Bischen mit sich weinen ließe!. Er klopfte an. »Wer ist da?« rief eine rauhe Stimme. »Ich bin es, ich, Camillo; mache auf Gustav, ich bitte Dich.« »Geh zu Bett, und laß mich in Ruhe«, erwiderte Gustav kalt. Camillo wagte nicht seine Bitte zu wiederholen, aber er suchte zu erforschen was sein Vetter mache. Mit Erstaunen bemerkte er ihn vor einem geöffneten Schreibpulte stehen, und aus einer rothen Brieftasche mehrere Blätter Papier ziehen, welche er der Reihe nach las und verbrannte, ohne die geringste Traurigkeit dabei zu zeigen. Da Camillo den Zweck dieser Maßregeln nicht verstand, so beschloß er in sein Zimmer hinauf zu gehen; ganz nachdenklich darüber, daß sein Vetter nicht weine. Am andern Morgen ging er zum Frühstück hinab, und fand Gustav eben im Begriffe die Mahlzeit zu beendigen. »Ei, Du hast nicht auf mich gewartet?« sagte Camillo zu ihm. »Bin ich da, um auf Dich zu warten?« »Welch häßlicher Ton!« sagte Camillo. »Ist der Tod meines Onkels daran Schuld?« Er setzte sich an den Tisch, und klingelte. Warum klingelst Du? fragte Gustav. Damit man mir mein Frühstück bringe, weil Du alles gegessen hast. Ohne seinen Vetter zu beachten, befahl Gustav dem eintretenden Diener: CamUo wird in der Küche frühstücken; für die Zukunft merke Dir den Befehl für mich allein zu decken. »In der Küche!? Was soll das bedeuten?« fragte Camillo, dessen Kummer sich bei den Worten seines Vetters für einen Augenblick zn zerstreuen schien. 6 »Das bedeutet, daß ich allein Herr hier bin, und daß Du nichts bist. »Wie — ich bin nichts? — bin ich nicht Dein Vetter?« »Höre,« erwiderte Gustav, »Du bist zehn Jahre alt, und kannst verstehen, was ich Dir sage: Dein Vater und Deine Mutter hatten nichts, Du hast also nicht mehr als sie.« »Ja, aber Du bist reich Gustav, Du bist es für Dich und für mich.« »Du irrst; das was ich habe, ist für mich, für mich allein, verstehst Du?« »Das sind Mährchen!« Gibt es denn in diesem Hause kein Zimmer mehr für mich, ist an diesem Tische kein Platz mehr für Deinen Vetter?« »Dieses Haus gehört mir .. . doch, ich habe nicht nöthig, mich mit Dir in Erörterungen einzulassen .. . Mein Vater hat für Dich gethan was er wollte, er war Herr seiner Handlungen. Von heute an bin ich hier Herr, und zeige Dir hiermit an, daß Du mein Haus verlassen mußt.« »Und wohin willst Du, daß ich gehen soll?« fragte Camillo mit einem Blick voll Entsetzen. »Wohin Du willst. Was geht das mich an?« »Aber dennoch« .... dann brachen ihm plötzlich die Hellen Thrä- nen hervor, mit gefalteten Händen fügte der arme Knabe noch hinzu: »Was soll ohne Dich aus mir werden, Gustav, schwach und kränklich wie ich bin, werde ich Hungers sterben, wohin ich auch gehen mag.« »Und was wird man von Dir in unserm Stadtviertel sagen, wenn man erfährt, daß Du den Neffen Deines Vaters fortjagtest! daß Du Deinen Vetter verhungern ließest? Wenn Du durch die Straße gehst, werden die kleinen Knaben mit Steinen nach Dir werfen! Dieser sehr natürliche Schluß stimmte Gustav düsterer; er schwieg einige Augenblicke, dann erhob er plötzlich den Kopf und sagte mit einem angenonnnenen Tone von Sanftmuth: 7 »Du hast Recht, Camillo, Du sollst mich nicht verlassen; ich reise morgen nach Paris, wo ich Geschäfte habe, Du sollst mit mir gehen.« »Ist es wahr!?... Nach Paris! Ich, ich soll Paris sehen!« »Du sollst es sehen.« »O, wie gut bist Du Gustav, lasse Dich umarmen.« Und Camillo hielt die geöffneten Arme seinem Vetter entgegen; dieser aber schob ihn gleichgiltig zurück und erwiderte: »Es ist schon gut, lasse mich nur; man soll Dir Dein Frühstück bringen.« »O, ich bin nicht hungrig,« antwortete Camillo, indem er traurig den Kopf schüttelte ... »Alles was Du mir da gesagt hast... dann, daß ich meinen armen Onkel nicht mehr sehen werde, das macht mir das Herz so schwer, so voll... ich könnte nichts essen.« »Wie Dirs gefällt!« sagte Gustav und ging fort. 3. Kapitel. Die Tuilerien. Am ersten August 1836 stieg ein großer junger Mann mit einem Kinde aus dem Eilwagen, in dem Hofe des Postgebäudes zu Paris. »Mein Gott, wie müde bin ich, Gustav!« sagte das Kind zu dem jungen Manne, »drei Nächte sind vergangen, ohne daß wir geschlafen haben. « »Erwarte mich hier,« sagte Gustav. Er trat in die Anfnahms- stube und näherte sich einem Beamten mit den Worten: »Wann geht der Eilwagen nach Bordeaux ab?« »Um sechs Uhr, mein Herr.« »Ist noch ein Platz da? »Es ist noch ein offener Vordersitz da.« »Ich nehme ihn.« »Für wen denn, mein Vetter?« fragte Camillo, welcher seinem Vetter gefolgt war, ohne daß ihn dieser bemerkt hatte. 8 »Was geht das Dich an?« antwortete Gustav ärgerlich, als er seinen Vetter so nahe bei sich sah. Nachdem er den Platz bezahlte, gab man ihm einen kleinen Papierlappen zurück. Nun nahm er Camillo an der Hand, und beide traten aus dem Posthofe. »Wohin gehen wir jetzt?« fragte Camillo. »Nach den Tuilerien, um meine Uhr richtig zu stellen.« »Höre, ich erinnere mich, daß mein Onkel uns immer sagte, das Erste was ich thäte, wenn ich nach Paris käme, wäre das, daß ich nach den Tuilerien ginge um meine Uhr zu stellen. Armer Onkel! Es ist doch sonderbar, daß ich weinen muß, sobald ich an ihn denke...« »Wirst Du stille sein?« sagte Gustav, indem er die Hand Ca- millo's heftig schüttelte, mit welcher sich dieser die Augen abwischen wollte. Dieser Ton schüchterte das arme Kind ein; es schwieg. Zerstreut durch den Anblick der vielen, reichen Magazine, vor welchen er mit seinem Vetter vorüber ging, rief er nur von Zeit zu Zeit aus: »Was für eine schöne Stadt ist Paris!« Die beiden Reisenden kamen in dem Augenblicke bei den Tuilerien an, als man die Gitter öffnete. Es war noch kein Spaziergänger zu sehen. Gustav führte seinen Neffen in eine Seitenallee, und ließ ihn unter einem Kastanienbaume niedersetzen, dessen dichtes Laubdach Schutz gegen die Sonnenstrahlen bot. »Bist Du hungrig?« fragte er ihn. »O ja, mein Vetters- Gustav zog aus seiner Tasche zwei Birnen und ein kleines Brot. »Da hast Du, iß.« »Werden wir lange hier bleiben?» fragte Camillo essend. »Gefällt es Dir hier nicht?« »Vollkommen, aber siehe, wenn ich es Dir aufrichtig sagen soll: ich habe mehr Schlaf als Hunger.« Und in der Thal, Camillo's Augen waren halb geschlossen; sein hübscher, blonder Kopf fiel bald auf die eine, bald auf die andere 9 Achsel. Die Stille, welche um diese Zeit in dem schönen Garten herrschte, der kühle Schatten, die Marmorbecken, in welcher Schwäne und Goldfische spielten, alles schien zur Ruhe einzuladen. »Es ist leicht, Dich hierin zu befriedigen,« sagte Gustav; »Du kannst kein schöneres Schlafgemach haben, als hier im Schatten der Kastanien; strecke Dich aus und schlafe!« »Und was wirst Du thun?« fragte Camillo, indem er alles zum schlafen ordnete. »Ich habe ein Schreibzeug bei mir, ich werde mich damit beschäftigen einige Anmerkungen zu machen,« "erwiderte Gustav verlegen. »Aber was für ein Buch legst Du da statt eines Kissens unter Deinen Kopf?« »Es ist das letzte Geschenk meines armen Onkels, Robinson Crusoe.« »Mache, daß Du einschläfst!« sagte Gustav rauh. »Lies es zu Deiner Unterhaltung, während ich schlafe. Es ist die Geschichte eines armen Knaben, welcher auf einer einsamen Insel ganz verlassen war.« »Schlafe, sage ich Dir.« Nachdem Gustav das Buch aus den Händen seines Vetters gerissen hatte, blätterte er darin. »Lies ... lies ... es wird Dich unterhalten,« wiederholte Camillo gähnend, indem er sich die Augen rieb. »Armer Robinson! denke Dir Gustav, ein Kind in meinem Alter, oder doch ein wenig älter ... ganz allein, ganz allein auf einer unbewohnten Insel. .. aber das schreckliche an der Geschichte ist nicht die unbewohnte Insel, es ist das, allein dort zu sein. Unter andern Gustav,« fügte Camillo lachend hinzu, »verlasse mich nicht während ich schlafe, versprich es mir, damit ich nicht die Angst haben muß ein neuer Robinson zu werden. Das ist ein komischer Gedanke, nicht wahr? Halb lachend, halb gähnend, schlief Camillo bald ein. Seine 10 Züge behielten noch im Schlafe die Spuren einer stillen Fröhlichkeit, und eiues liebenswürdigen Vertrauens. Gustav kümmerte sich um seinen kleinen Vetter nicht weiter. Er zog aus seiner Tasche ein Schreibzeug, welches in Saffian gebunden war, und eine Lage Briefpapier; dann bediente er sich des Buches wie eines Schreibpultes, und fing an zu schreiben. 4. Kapitel. Das erwachen Camillo's. Der Tag fing an sich zu neigen, als Camillo erwachte. Das erste was er hörte, war der Schlag der Schloßuhr. »Sieben Uhr!« rief er aus, indem er sich dehnte, »ich habe gut geschlafen.« Er öffnete langsam die Augen und besah sich seine Umgebung. »Wo bin ich?« fragte er sich unwillkührlich; aber indem er sich in diesem Augenblicke an seine Reise und an seine Ankunft iu Paris erinnerte, fügte er hinzu: »Ach, ich bin ja in Paris.« Dann rief er Gustav; da er ihn auf dem Platze wo er ihn gelassen hatte nicht fand, so erhob er sich von seinem Lager, um ihn zu erspähen. »Wo ist er denn?« Er hat sich wohl zum Scherze versteckt, um mich zu erschrecken?« Mit dem glücklichen Gleichmuthe seines Alters sing er an, die Gegenstände seiner Umgebung zu betrachten. Camillo wartete noch eine Zeit lang geduldig; es hatte eben halb acht Uhr geschlagen und Gustav erschien noch nicht; er schüttelte seinen kleinen Kopf, ohne gerade den geringsten Verdacht zu schöpfen. »Ich habe zwölf Stünden geschlafen,« dachte er, indem er an seinen Fingern zählte; »Gustav hat sich gelangweilt, und mich dämm allein gelassen, das gleicht dem Selbstsüchtigen! Wer weiß, ob er nicht ohne mich zum Mittagessen gegangen ist, darin erkenne ich ihn ganz. OMM EÄ ' . F U >. ^^DDas ljfrwaehen CamlÜcks.^^" 11 Wenn er Hunger hat, kümmert er sich nicht darum, ob andere auch essen möchten, und wenn er satt ist, so meint er die ganze Welt müßte es auch sein. — Mir scheint, ich bin auch hungrig,« fügte er laut hinzu. »In der That, mein Kleiner, ich sah Dir schon lange schlafen zu,« sagte ein dicker Mann zu ihm, der in einen blauen zugeknöpften Ueberrock gekleidet war, einen Degen an der Seite und einen Dreispitz auf dem Kopfe trug. »Was machst Du denn hier ganz allein?« »Ich erwarte meinen Vetter,« sagte Camillo gutmüthig. »Bist Du denn gewiß, daß er kommen wird?« »Das will ich hoffen, Herr; er kann ja nicht anders, denn er weiß, daß ich Paris nicht kenne. »Kennt er es denn?« »O, ganz genau, er war voriges Jahr hier mit seinem Vater, meinem armen Onkel, sie sind drei Monate hier geblieben; drei ganze Monate.« »Und Du denkst nun hier zu warten bis Dein Vetter kommt?« fügte der Mann im blauen Ueberrocke hinzu, »Ich muß wohl, Herr; wo sollte ich denn hingehen?« »Und doch, wenn Dein Vetter nicht kommt, ehe die Gitter geschlossen werden? .... Wenn er auch schon drei Monate in Paris gewohnt hat, so kann er sich dennoch verirren.« »Dann werde ich hier schlafen,« antwortete Camillo traurig, aber Gott ergeben. »Das geht aber nicht mein kleiner Freund, wann der Tambour den Zapfenstreich schlägt, so mußt Du aus den Garten gehen.« »O, Herr, Sie lassen mich doch hier, wenn bis zu dieser Zeit mein Vetter nicht kommen würde?« »Ich bin Aufseher hier in den Tuilerien, es ist meine Pflicht die Leute von hier zu entfernen. Doch Dein Vetter kennt diese Verordnung, er wird ohne Zweifel kommen, Dich zu holen.« 12 Sobald der Aufseher sich entfernt hatte, konnte Camillo eine gewisse Unruhe nicht überwinden. »Mein Gott,« sagte er traurig, und ohne zu bemerken, daß die Tuilerien sich mit einer glänzend geschmückten Menge zu füllen begannen, »wenn mein Vetter nicht wieder kommen wollte, wenn er sich verirrt hätte, wie dieser Herr sagte, was sollte dann aus mir werden?_ Wohin sollte ich gehen? Und dann — ich bin hungrig, so hungrig, daß ich Schmerz empfinde.« »Genug davon« — setzte er einen Augenblick später hinzu, »Gustav wird wiederkommen, wenn er sich verirrt hat, so wird er nach dem Wege fragen, er weis es ja, daß ich ohne ihn verloren wäre. Wenn der Hunger nicht wäre, der mir den Magen zusammenzieht, ich würde ihn ruhig erwarten. Ich will lesen, das wird mir die Zeit verkürzen; ja lesen will ich, wenn anders er mir mein Buch nicht davon getragen hat. Nein, hier ist es.« Camillo stieß einen tiefen Seufzer aus, und hob sein Buch auf; zu seiner großen Verwunderung fiel ein Brief heraus, welcher an ihn überschrieben war. Er öffnete ihn und las Folgendes! 5. Kapitel. Brief eines Selbstsüchtigen. »Mein lieber Vetter, ich bin nicht reich genug, um für Dich zu sorgen; auch bin ich es Dir nicht schuldig, denn Du bist es im Gegentheil, welcher mir das Bischen Erziehung dankt, das Du erhalten hast, so wie alles andere, das Dir auf meine Kosten zugekommen ist, bis zum Kleide selbst, welches Du trägst. »Ich werfe es Dir nicht vor, aber ich muß Dir sagen: ordne in Zukunft Deine Angelegenheiten selbst so gut Du kannst, und vergiß 13 es, daß Du einen Vetter hast. Paris ist keine entlegene, unbewohnte Insel, wie Du ganz richtig bemerkt hast; es ist eine große Stadt, reich an Hilfsquellen. Du kannst lesen, schreiben und ein wenig rechnen, das wird Dir gute Dienste thun.« »Lebe wohl, Camillo; suche mich nicht auf, denn wenn Du diesen Brief liest, bin ich weit von Dir entfernt. Jeder Schritt, den Du versuchen würdest, um in mein Haus zu kommen, wäre unnütz. Ich bin Herr in meinem Hause; ich habe das Recht diejenigen hinauszujagen, welche mir mißfallen. Unterstehe Dich niemals, zu mir zurückzukehren.« »Es scheint mir überflüssig diesen Brief zu unterschreiben, denn Du wirst es errathen, wer ihn geschrieben hat. Betrachte mich wie einen Verstorbenen, und frage mir niemals nach.« »Lebe wohl, zum zweiten mal, und damit für immer.« 6. Kapitel. Der kleine, verwundete Hund. Nachdem Camillo den Brief gelesen hatte, war er einige Zeit wie vernichtet. Dann fing er an, ihn aufs neue Wort für Wort zu lesen; nach jedem Satze dachte er über das gelesene nach, und vermochte es immer nicht, an seine Verlassenheit zu glauben. Als er zur letzten Zeile kam, wo es hieß: Mit Gott, zum zweiten male, und für immer!« las er zu wiederholten malen. Jetzt blieb ihm kein Zweifel mehr, er war allein — allein zwischen der Menschenmenge, welche zu dieser Stunde in dem Garten an den Tuilerien spazieren geht. Die Sonne war untergegangen, aber die Nacht noch nicht hereingebrochen. Obgleich ihm Gustav's Brief die Gewißheit gab, daß er verlassen ist, so wagte er es nicht, den einzigen Verwandten, welchen er auf der Welt hatte, einer solchen Grausamkeit fähig zu halten. 14 »Es wäre zu schlecht!« sagte er sich, »so schlecht, daß es gar nicht geschehen kann. Er will mich doch nur erschrecken!« Camillo wagte es nicht seinen Platz zu verlassen, aus Furcht daß sein Vetter sich ganz entfernt, wenn er ihn hier nicht findet. Er war so sehr in Gedanken versunken, daß er keinen Hunger mehr fühlte; er dachte nur Eines, und dieses Eine beunruhigte ihn, und nahm seine ganze Vernunft in Anspruch. »Allein! — Verlassen! — Was soll ich thun, wohin soll ich gehen?« Es litt ihn nicht lange mehr auf seinem Platze; er erhob sich, und ging gerade vor sich hin. Die Menge war in diesem Augenblicke so groß, daß er im gehen von allen Seiten geflossen wurde. Camillo mochte seine von Thrä- nen feuchten Augen wenden wohin er wollte, er begegnete in diesem Gewühle keinem wohlwollenden Blicke. Der arme Knabe wurde kalt vom Kopfe bis zu den Füßen; er fühlte die Schweißtropfen sich verdichten, welche die Hitze auf seiner Stirne hervorgerufen hatte. Bald war er müde, die Spaziergänger anzusehen, darum blieb er vor einer Gruppe Kinder stehen, welche theils von ihren Erzieherinnen, theils von ihren Aeltern begleitet waren. Nur Camillo war allein in diesem großen, schönen Garten. Das Herz wurde ihm immer größer; dennoch wagte er nicht zu weinen, der arme Knabe. Der Hunger mit seinen Qualen machte sich auf's neue fühlbar, Zorn und Verachtung bewegten sein Gemüth, so daß er unwillkürlich ausrief: »O, Gott wird Dich strafen, mein Vetter! Dieser Ausruf erinnerte ihn zugleich an Gott, darum fügte er hinzu: »Aber der gute Gott wird mich nicht verlassen, er wird Mitleid mit mir haben!« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als ein von Blut triefender Hund heulend herbeilief, und zu den Füßen Camillos einen Zufluchtsort suchte. 15 »Lasse mich zufrieden« — sagte er unwillig. Demnach überlegte er: »Wie, ich bitte Gott Mitleid mit mir zu haben, und stoße ein armes Thier hilflos von mir!? Er bückte sich, und nahm den Hund in seine Arme. »So, ist das Dein Hund, Kleiner?« fragte ein alter Herr, welcher an Camillo vorüber ging. »Führe ihn an der Schnur, wenn Du nicht willst, daß man ihn tödte. Er hat einen harten Angriff überstehen müssen, um Dich aufzufinden; höre — bei jedem Streiche den die Schildwache mit dem Bajonette gab, um ihn am eintreten in den Garten zu hindern, glaubte ich ihn todt, aber nein, er erhob sich mir nichts, Dir nichts, und entwischte zuletzt den Verfolgungen des Soldaten. Darum glaube mir, mein Kleiner, es wird nöthig sein, daß Du ihn führst.« »Dieser Hund gehört nicht mir, Herr, ich weiß auch nicht wem er gehört; aber er ist verwundet, Sie sollten ihn mit in ihre Wohnung nehmen, denn — Sie haben gewiß eine Wohnung.« Man mußte sich in Camillos Lage befunden haben, um die trostlose Bitterkeit zu verstehen, welche in dem Seufzer lag, der diese Bemerkung begleitete. »Der Kleine ist allerliebst« , sagte der Greis lachend. »Gewiß habe ich eine Wohnung, aber ich liebe die Hunde nicht, denn man muß stets Acht auf sie haben. »Uebrigens, wenn sie Dir nicht lieber sind als mir, so brauchst Du diesen blos frei zu geben, er wird es nicht mehr lange machen. Wenn er dem Bajonette der Schildwache entgeht, so entwischt er gewiß nicht den vergifteten Kugeln, welche man in den Straßen nach den herrenlosen Hunden schleudert. Du meinst es gut, zu mir sollte ich ihn nehmen! Kindern scheint alles möglich« — wiederholte der alte Herr, indem er sich entfernte. Der alte Herr ist ein wahrer Egoist! dachte Camillo, indem er den Hund liebkoste, der ein klägliches röcheln hören ließ. Armer Hund, 16 er ist verwundet — fügte er hinzu, die Wunde prüfend, aus welcher das Blut quoll. So war es auch. Ein Schlag mit dem Bajonette, hatte dem Thiere an einer Pfote die Haut weggerissen, so daß das Bein durchsah. Camillo vergaß seinen Schmerz, seine Verlassenheit, seinen Hunger, und beschäftigte sich mit dem armen kleinen Thiere, welches außer ihm keinen Beschützer hatte. Er sah umher, uud bemerkte ein Wasserbecken, dorthin ging er mit seinem Schützling, näherte sich dem Rande desselben, und wusch die Wunde reinlich aus; dann riß er ein Stück von seinem Taschentuche ab, und wickelte es um die Pfote des Thieres. Dieses leckte ihm die Hände, und sah ihn mit einem Blicke an, den man also verdolmetschen konnte: »Du bist gut, ich danke Dir!« Camillo fühlte eine innere Befriedigung, und da er sich der Mahnung erinnerte, den Hund zu führen, so knüpfte er den Rest seines Taschentuches um dessen Hals. Wenn die Spaziergänger sich nur ein Bischen weniger mit sich selbst beschäftigt hätten, es wäre ihnen ohne allen Zweifel das Bild ausgefallen, welches in diesem Augenblicke Camillo mit seinem Hunde darstellte. Beide, einander gegenüber sitzend, sahen sich unbeweglich an, und in ihren Blicken lag ein stummer, aber unbeschreiblich rührender Ausdruck. Der Hund schien zu sagen: »Du hast mich gerettet und beschützt, verlasse mich nicht!« — Und Camillo: »Armes Thier, wir sind beide verlassen, was soll aus uns werden?« Dann war es, als ob sie sich gegenseitig verstünden, der Knabe strich mit seiner Hand den Kopf des Thieres, und dieses wedelte mit dem Schwänze, und beleckte die Hand, welche es liebkoste. Hier wird es am Platze sein, Camillos Bild zu zeichnen, so wie das ^ des verlassenen Hundes. Obgleich der Knabe zehn Jahre alt war, so gab man ihm doch nur sieben, weil er klein und zart war. Seine Züge waren fein geschnitten und geistreich; die Blässe seines Gesichtes gab ihm ein leidendes Aussehen; um seinen Mund lag der Ausdruck des Spottes, aber aus seinen schönen dun- 17 kelblauen Augen, sprach das tiefste Gemüth, das reinste Herz, das edelste Mitgefühl. Dabei war er reinlich, fast elegant gekleidet; er trug ein weißes Hemd mit gefältelten Halsstreifen, ein neues seidenes Halstuch, ein graues Beinkleid, eine blaue Tuchweste, weiße Strümpfe und lackirte Schuhe. Darum sah unser kleiner Freund mehr einem Kinde ähnlich das seine Ael- tern erwartete, welche sich auf einen Augenblick entfernt hätten. Das Thier war ein schwarzer, langhaariger Bologneser, welcher Stirne, Pfoten und Schwanzspitze roth gezeichnet hatte, sein Haar war seidenartig, seine langen, breiten Ohren, fegten beinahe die Erde. — Die einbrechende Nacht fand Camillo mit seinem Hunde noch in derselben Stellung, als ein Trommelwirbel jedem von ihnen den Kopf in die Höhe hob. 7. Kapitel. Für zwei Kreuzer Brod. Es war der Zapfenstreich. Camillo erinnerte sich, daß er auf dieses Zeichen den Garten verlassen müsse, darum erhob er sich, nahm seinen Hund auf den Arm, dazu sein Buch, und den Brief seines Vetters in die Hand, und ging auf den Ausgang zu, welcher nach der Straße Castiglione führte. »Genug« sagte er zu sich im gehen; gleichsam um sich zu ermuthi- gen, »in meiner Verlassenheit bin ich noch glücklicher als Robinson Crusoe, welcher auf seiner entlegenen Insel nichts fand; hier hat man alles. Er ging die Straße cke la kaix hinab; mit ganz verwunderten Augen besah er die schimmernden Kaufladen, an welchen er vorüber ging, und die vielen Lichter; er konnte einen Ausruf der Ueberraschung nicht zurückhalten. »Ach,« sagte er, wenn Robinsons Insel mit allem Ware so wohl versehen gewesen, man hätte keinen so dicken Band mit der Er- zälung seines Ungemachs vollschreiben können. 2 18 Aber ich vergesse ganz, daß ich hungrig bin, ich habe seit heute Morgen nichts gegessen als meine Semmtl, und zwei Birnen. In diesem Augenblicke befand sich Camillo vor einem Wirthshause; es fiel ihm nicht ein hineinzugehen, denn seine Erziehung in der Provinz, und die einfachen, patriarchalischen Sitten in dem Hause seines Onkels, hatten in seinem Geiste die Vorstellung entwickelt, daß ein Gasthaus ein Vergnügungsort sei; darum setzte er seinen Weg fort. Indem er vor einem großen Gasthofe vorbeiging, dessen Thor offen stand, trat er in den Hof desselben, um sich darin umzusehen. Wenn mich jemand bemerken würde, "dachte er, forderte man mich vielleicht auf in das Haus zu kommen. Er ging einige Schritte vorwärts; da sah er Kellner hin und herlaufen, und Hausknechte, welche vollauf zu thun hatten. Die einen trugen Schüssel und Teller die Treppe hinauf; die andern striegelten die Pferde, oder bespannten die Wagen; aber niemand bemerkte unfern kleinen Freund, niemand lud ihn ein ein wenig näher zu treten. In seiner kindlich, unschuldigen Weise konnte er dies gar nicht begreifen, und weil er meinte, daß man ihn nicht bemerke, so trat er einige Schritte vorwärts in das innere des Hofes. Vor einer offenen Thüre, über welcher die Worte geschrieben waren: »Hier spricht man die Hausmeisterin« stand eine alte Frau, welche ihn anrief: »Wen wollen Sie denn, mein kleiner Herr?« Niemanden, meine gute Frau, antwortete Camillo. Ganz glücklich darüber, daß man ihn endlich beachtet, ging er auf die alte Frau zu. »Was willst Du denn alsdann? warum kommst Du hier herein?« rief die Hausmtisterin in so unfreundlichem Tone, daß der Kleine beinahe einen Sprung zurück that. Indessen faßte er sich bald. »Ich dachte,« sagte er, »wenn Sie mich hier sehen, so werden Sie mich Hereinrufen.« 19 Die Frau machte große Augen, und schaute den Knaben wiederholt an, denn seine Worte schienen ihr unverständlich. Camillo fuhr fort: »Ach liebe Frau, ich bin müde, und sehr hungrig.« »Unser Haus ist kein Wirthshaus, mache daß Du fortkommst; geh' sage ich Dir, Du stehst hier nur im Wege!« Die unerbittliche Hausmeisterin, bekräftigte ihre Worte mit einer- entsprechenden Geberde, und da sie sah, daß Camillo sich nicht sehr beeilte, packte sie ihn an der Achsel, und stieß ihn zum Hause hinaus. Thränen rollten ihm über die Wangen herunter; »mein Gott! rief er aus, »wie grob ist diese Frau.« Ohne Ziel ging er weiter und kam an einen Bäckerladen. Vielleicht gibt man mir hier ein Stück Brod, dachte er, und ging hinein. Ein junges Mädchen saß am Ladentisch. Der Empfang der Hausmeisterin in der »Uus äs tu Unix,« hatte ihn entmuthiget, darum fragte er jetzt ganz schüchtern: »möchten Sie mir wohl ein Stück Brot geben, Mamsell?« »Sehr gerne, mein kleiner Herr« , erwiderte das junge Mädchen, indem es sich eilig erhob. Sie nahm ein Brot, und fragte mit einem anmuthigen Lächeln bevor sie es anschnitt: »für wieviel?« »Für wieviel?« fragte Camillo; das kommt auf Ihren guten Willen an. »Ei, das ist mir gleich!« antwortete das junge Mädchen. — »Willst Du für zwei Kreuzer, für drei? .... Sprich doch.« »Muß ich es denn bezahlen?« sagte der Kleine mit einer komischen Unschuld? »Glaubst Du denn, daß wir es umsonst hergeben?« Amanda, rief eine wohlgenährte Frau aus dem Hintergründe des Ladens hervor, wo sie mit schreiben beschäftigt war, — plauderst Du schon wieder mit den Kunden, anstatt sie flink zu bedienen? — 2 » 20 Schneide dem Kleinen für zwei Kreuzer Brot ab, und wenn er nicht genug daran hat, so schneide ihm für vier Kreuzer ab. Das junge Mädchen gehorchte. »Hier ist für zwei Kreuzer« , sagte sie. Während sie ihm mit einer Hand das Brot reichte, hielt sie ihm die andere zur Entgegennahme des Geldes hin. Camillo suchte in seiner Tasche, und wurde ganz roth, als er nur einen Kreuzer fand. Es war sein ganzer Reichthum. »Das ist alles was ich habe« sagte er zitternd; seine Augen hefteten an dem Brote, dessen Theilung er fürchtete. »Still! nimm schnell!« sagte das liebenswürdige junge Mädchen, indem es ihm das ganze Brot gab. Sie warf einen ängstlichen Blick nach dem Hintergründe des Ladens, und ließ Camillo's Kreuzer in eine Schieblade gleiten, wo man ihn klingen hörte als er mitten in das Kleingeld fiel, welches darin aufgehäuft war. Das arme Kind dankte, ging eilig weg, und setzte sich mit seinem Hunde in der Nähe des Ladens nieder, um nach Herzenslust zu essen. 8. Kapitel. »Wie soll der Hund genannt werden.« Camillo aß schon einige Augenblicke lang mit einer außergewöhnlichen Gier, als er, von dem Laternenschimmer unterstützt, die kluge Miene seines Hundes bemerkte, der vor ihm saß, und ihn ansah. Bei jedem Bisten, welchen der Knabe in den Mund steckte, erhob sich das verständige Thier und wedelte mit dem Schwänze. Sah es dann, daß zu seinem Vortheile nichts abgefallen war, so setzte es sich wieder, streckte seine Zunge hervor, und nahm eine traurige Miene an, so daß Camillo ganz bewegt davon ausrief: »Armes Thier, es hat Hunger! Ich habe zwar nicht zu viel für mich allein, aber was liegt daran 1 Wir wollen theilen. Ich habe heute 21 zu viel gelitten, um gegen das Leiden anderer Geschöpfe unempfindlich zu sein. Nach diesem Worten theilte Camillo jeden Bissen mit seinem vierfüßigen Freunde. Wie freute das Thier sich jedesmal, wenn die Gabe sich wiederholte; es wußte nicht, wie es seine Freude ausdrücken sollte; bald sprang es, und wedelte mit dem Schwänze, bald wälzte es sich zu den Füßen seines neuen Herrn oder sprang an ihm hinauf, und sah ihn mit einem Blicke an, der zu sagen schien: »Ich bin Dein, von nun an gehöre ich Dir ganz; Du beschützest mich, und ich will Dich dafür nie mehr verlassen.« Dann erhob er seine Vorderpfoten, indem er sich auf den Hinteren hielt, und schien nur das Zeichen zu erwarten, auf das er eine Polka, oder irgend einen andern Modetanz zum besten geben solle. »Gib mir die Pfote« sagte Camillo zu seinem Hunde. Dieser gehorchte sogleich, indem er höchst anmuthig bald die eine, bald die andere Pfote darreichte. Der Knabe war entzückt darüber; die Herzigkeit dieses kleinen Thieres, ließ ihn seinen Kummer vergessen. »Wie heißt Du denn?« fragte er ihn gedankenlos. Das arme Thier konnte hierauf nicht antworten, machte aber seine Sprünge wieder; bald erhob es sich, setzte sich nieder, wälzte sich auf dem Straßenpflaster, oder keifte indem es sich um sich selbst drehte, unaufgefordert reichte es bald die eine, bald die andere Pfote; aber — seinen Namen konnte es nicht sagen. »Ich möchte gar zu gerne wissen wie Du heißt«, sagte Camillo; (er sprach mit seinem Hunde, als ob dieser ihn verstehen könne) »denn, mein armer Freund, wir sind nun einmal Kameraden; Du bist der Gefährte meines Elendes, Du bist verlassen, und ich bin es auch; wir sind hilflos in dieser großen Stadt Paris, wie es einst Robinson auf seiner einsamen Insel war. Ich selbst bin Robinson, und Du, Du bist mein Freitag; bist schwarz wie er es war, nur konnte er sprechen, Du kannst es nicht! Vielleicht doch; antworte mir im Namen Freitags. Nein, nein! Du verstehst mich nicht; ach wie leid thut mir das, denn wenn ich mit Dir nicht sprechen kann, an wen soll ich meine Worte richten? Ach, lieber Gott, 22 ich glaube eine große Stadt, und eine unbewohnte Insel, haben Ähnlichkeit miteinander! Wer weiß ob ich hier nicht obendrein mein Nachtlager bezahlen muß, so wie man für das kleine Stück Brot, das wir miteinander aßen, Geld abnahm; ach! ich hätte es mit Lust allein gegessen. Geld habe ich nicht mehr; Du wirst mir auch nicht von großem Nutzen sein, obgleich es in der Fabel vom Löwen und der Ratte heißt, daß der kleine dem großen oft nützlich werden kann. Jetzt ist es einerlei, sei ruhig, ich verlasse Dich nicht, ich werde für Dich sorgen, Du wirst mich dafür lieb haben. Aber wie soll ich Dich nennen? Garstiger, böser Vetter, fuhr der Knabe fort, wie konntest Du mich allein lassen, in diesem Paris? Es ist Nacht — wo soll ich eine Ruhestätte suchen? Und er, wo wird er sein? Ohne Zweifel befindet er sich auf der Rückreise; o gewiß, jetzt weiß ich wohl für wen der Platz bestellt war; er war für ihn; o, was für ein schlechtes Herz hat er! Komm ein wenig näher zu mir, mein Hündchen, komme, ich erzähle Dir, was mir mein Vetter angethan hat. Doch nein, die Geschichte ist zu häßlich, man könnte mich hören, ich will nichts böses von Gustav sagen, weil er der Sohn meines armen Onkels ist, des Mannes, der mich so sehr liebte. Ach, wenn ich an ihn denk?., dann muß ich weinen. Wir wollen lieber von andern Dingen sprechen, zum Beispiel von Dir; ich werde Deinen Namen zu erforschen suchen, das macht mich meine Sorgen vergessen. Mit einer geistigen Beweglichkeit, die nur dem Kindesalter eigen ist, suchte Camillo sich der Namen von den ihm bekannten Hunden zu erinnern, er sprach sie leise nach einander aus, und lauerte dabei auf jede Bewegung des Hundes, oder auf das geringste Zucken seiner Ohren. Der erste Hund, dessen er sich erinnerte, hieß »Packan«, wahrscheinlich gab man ihm diesen Namen, weil er sehr muthig war, und 23 die Wölfe bekämpfte, welche in den waldigen Ebenen der Gironde sehr- zahlreich sind. Aber obgleich er den Namen »Packan« in allen Tonarten aussprach, so zeigte unser kleiner Jagdhund nicht das geringste Verständniß. Camillo nannte der Reihe nach,: Diana, Kastor, Caro, Hektor, der Hund rührte sich nicht. Vielleicht, dachte Camillo, gibt man den Hunden in Paris andere Namen als in Bordeaux. In diesem Augenblicke kam ein Mann vorüber, der einen Dreispitz auf dem Kopfe hatte, und in einen großen dunkelblauen Ueberrock gekleidet war, gerade als er sich Camillo näherte, Pfiff er einem großen Windspiel, und rief darnach den Namen »Fox«. Unser kleines Hündchen machte einen Sprung gleichsam, um dem Rufe zu folgen, bald aber legte er sich wieder zu den Füßen seines Wohltäters, indem er ein freudiges Knurren hören ließ. »Ach, Du heißt gewiß Fox?« sagte Camillo. Der Hund wedelte mit dem Schwänze und schien dadurch seine Beistimmung kund zu geben. »Nun wohl, mein lieber Fox, wir haben mit einander zu Abend gegessen, nicht wahr, aber wir haben nicht getrunken, und ich bin doch sehr durstig; bist Du es nicht auch?« Als ob der Hund ihn verstanden hätte, erhob er sich, lief nach einer benachbarten Straße, und sah sich wiederholt um, ob das Kind ihm folge. Fox führte seinen Herrn bis zum nächsten Kreuzweg, in dessen Mitte ein Brunnen stand, aus dessen beiden Röhren reines, frisches Wasser floß; der Hund trank aus dem Becken, Camillo aus einer Röhre. »Danke schön!« sagte dieser; »ich gab Dir Brod, Du gabst mir Wasser; wir sind einander nichts schuldig. Jetzt werden wir uns hier ein Lager zu recht machen, um, so gut es geht, unter freiem Himmel zu schlafen. Es ist nur gut, daß es so warm ist. 24 Camillo setzte sich auf den Fußsteig und wollte eben einschlafen, als der Mann mit dem blauen Ueberrock sich ihm näherte. Er hatte den Knaben nicht aus dem Auge gelassen. 9. Kapitel. Die Sicherheitswache und der kleine Landstreicher. »Was machst Du denn zu dieser Stunde hier, mein kleiner Freund! Weißt Du, daß es spät ist?« »Sie sehen es, Herr,« antwortete Camillo, »ich plaudere mit meinem Hunde.« »Ich hielt Dich erst für ein verlornes oder weggelaufenes Kind, aber an Deiner guten Kleidung erkenne ich meinen Jrrthum.« Als Camillo das Wort »verloren« hörte, zuckte es durch seine Glieder, er unterdrückte einen Ausruf. Sobald der Mann schwieg, fragte ihn der Knabe mit einer Miene, die man für Neugierde halten konnte, obgleich sie von der peinlichsten Unruhe hervorgerufen wurde: »Nun gut, wenn ich ein verlornes Kind gewesen wäre, was hätten Sie dann mit mir gemacht?« »Ich hätte zu erfahren gesucht, wo Deine Aeltern wohnen, und hätte Dich zu ihnen geführt. »Sie sind sehr gut,« sagte Camillo aufstehend. »Sie führen also verirrte Kinder zu den ihrigen zurück. Wie nennt man denn dieses Amt?« »Sicherheitswache.« »Sicherheitswache! Und dabei bringen Sie die verirrten Kinder zu ihren Familien zurück. Aber, Herr, was machet Sie denn, wenn diese Kinder kein Daheim haben?« »Dann stecke ich sie ins Gefängniß, denn Kinder ohne »Daheim« sind Taugenichtse oder Landstreicher.« »Aber es könnte sich doch ereignen, daß sie nicht immer Landstrei- 25 cher oder Taugenichtse sind; wenn es z. B. einen kleinen Vetter gäbe, den ein großer Vetter absichtlich verloren hätte, um seiner los zu werden.« Der Sicherheitswächter, dem das Geplauder des Kindes gefiel, sagte lachend: »Ein solcher Vetter wäre ein recht schlechter Mensch.« »Wenn es aber dennoch so wäre.« »Ich würde den kleinen Vetter nichts destoweniger ins Gefängniß führen, weil es nicht erlaubt ist, daß man auf der Straße übernachte. Aber das Gefängniß ist weder düster, noch sehr traurig. Wenn der kleine Vetter dort angelangt wäre, dann würde man ihn fragen ob er keine Aeltern hat, die Anspruch auf ihn machen; ist dieß nicht der Fall, so würde man ihn in ein Haus bringen, wo er sorgfältig gepflegt, und für einen bestimmten Beruf vorbereitet wird.« »Da ist er ja ganz wie in einem Erziehungshause.« »Das nicht, denn er darf nicht ausgehen, hat überhaupt keine Freiheit; auch würde es ihm nicht erlaubt sein, einen so hübschen kleinen Hund zum Gefährten zu haben, wie der Deine hier ist.« Camillo wurde nachdenklich. Es ist verboten, daß man auf der Straße schläft, sagte er sich, — das ist doch eigentümlich! Robinson war auf seiner Insel in solche Verlegenheit nicht gekommen. »Ich danke Ihnen, Herr, und wünsche Ihnen eine gute Nacht,« fügte er laut hinzu. Dann nahm er seinen Hund und entfernte sich. Zuletzt — dachte er im gehen — wird es in Paris für die verlassenen Kinder doch noch einen Zufluchtsort geben, welcher sie für das Verbot entschädigt, des Nachts nicht auf der Straße bleiben zu dürfen. Aber bin ich nicht tausendmal mehr in Verlegenheit als Robinson Crusoe es war? Wohin soll ich gehen? Alle Thore sind verschlossen, wenn ich anklopfe so wird man mich ohne Zweifel nicht einlassen, sondern grob sein, wie heute Morgen jene Frau an den Tuilerien; ich laste mich nicht gerne beschimpfen. Du lieber Gott, wo werde ich denn ein Nachtlager finden! 26 Gibt es denn nur verlassene Menschen und nicht auch verlassene Häuser! Das wäre etwas für mich und meinen Hund, nicht wahr Fox? Gerade als er so dachte, fiel sein Blick auf eine kleine Laterne welche mitten in der Straße brannte. Er bemerkte zu seiner Rechten zwei Häuser, die noch im Baue begriffen waren, und ein Gerüste, vor welchem eine zweite Laterne brannte, welche einen schwarzen, eckelhaften Rauch verbreitete. Das paßt uns! rief er freudig aus, hier sind zwei Häuser ohne Fenster und Thüren, und darum wohl auch ohne Bewohner; aus demselben Grunde hat man hier nicht um Einlaß zu bitten, kann also auch nicht abgewiesen werden; wir wollen hineingehen. Aber das arme Kind täuschte sich; denn kaum hatte es zwei Schritte unter das Gerüst gethan, als eine heisere Stimme hervor rief: »Wer ist da?« Die Kraft versagte unserm kleinen Freunde. »So ist denn auch hier jemand, der mich wegschicken kann,« sagte er, indem er seinen Hund zurückhielt. Dann hob er die thränenfeuchten Augen gen Himmel, in dessen tiefem blau Millionen Demantsterne glänzten, kniete andächtig nieder und betete: »Mein Gott, erbarme Dich über mich; was soll aus mir werden, wenn ich weder Nachtlager noch Nahrung finde. Gib mir Kraft mein Gott, sende mir durch Deinen heiligen Geist die Erkenntniß dessen, was ich thun soll, um dieser elenden Lage zu entgehen.« »Hilf Dir selbst, so wird auch der Himmel Dir helfen,« sagte mir mein guter Onkel oft. Ich verlange nicht mehr als mir helfen zu können; mache doch, lieber Gott, daß man mich nicht ins Gefängniß werfe. Ich habe einige Geschichten gelesen von Kindern welche arbeiteten, um ihre Aeltern zu ernähren; ich möchte ja gerne arbeiten, wenn ich nur die Mittel dazu hätte. Indessen setze ich mein ganzes Vertrauen in Dich, mein Gott; nimm Dich einer verlassenen Waise an, eines 27 zweiten Robinsons, der tausendmal mehr zu beklagen ist in Paris, als der wirkliche Robinson auf seiner Insel es war. Camillo's Gebet wurde durch ein zweites »Halt, wer da?« unterbrochen, das mit einer noch mürrischeren Stimme ausgesprochen wurde, als das erste. Fox beantwortete es durch ein gedehntes Knurren. 10. Kapitel. Der Invalide. »Es ist also doch jemand hier?« wiederholte die rauhe Stimme. Zugleich sah Camillo einen Invaliden auf sich zukommen, dessen zweites Bein aus Holz gemacht war, weßhalb er sich im gehen auf einen Stock stützte. »Du bist es, böser Wildfang, der all diesen Lärm macht?« sagte der Mann. »Es scheint mir, daß ich noch nicht viel Lärm gemacht habe,« antwortete Camillo traurig. »Wenn Du es gerade nicht selbst bist, der mich aus dem Schlafe weckte, so ist es doch Dein Hund; man kann in der verwünschten Straße I^ouis 16 Orunct auch nicht eine Stunde ruhig schlafen!« »Du schliefest? Ach dann warst Du sehr glücklich!« sagte Camillo immer in demselben Tone! »Ich schlafe, ich schlafe!« wiederholte der Invalide, Du siehst es ja, daß ich nicht schlafe. Wenn ich einen Hund hätte wie der Deinige hier, aber die Sicherheitswächter haben mir vor kurzem meinen armen Austerlitz vergiftet! Er wurde in seinen alten Tagen sehr gefrässig; täglich wiederholte ich ihm: »Austerlitz, nimm Dich vor den Klößchen in Acht, folge mir!« Das half nichts; es war als hätte ich diese Worte zu meinem hölzernen Bein gesprochen; er wollte nicht hören. Eines Tages fand er unterwegs einen Fleischkloß, welcher ihn reizte; er konnte nicht wider- 28 stehen; bald darauf starb er in meinen Armen. Mein guter Austerlitz er war mein Freund, mein einziger Freund! Wir fanden einander in der Schlacht bei Austerlitz, und wurden damals beide verwundet. Ich verband ihm seine Wunde, er leckte mir die meinige rein. Von diesem Augenblicke an, haben wir, wie das Sprichwort sagt: »mit einander auf dem Lebensstromme getrieben« — bis zum vergangenen Freitag, als mein Austerlitz seine Lebenstage beschloß. Willst Du mir Deinen Hund verkaufen, oder besser, mir ihn geben, denn wenn ich ihn Dir bezahlen müßte, das würde mir ein wenig schwer werden, denn für den Augenblick ist meine Tasche leer. Lasse ihn mir, ich werde ihn Austerlitz nennen. — Ich finde es selbst für ein Thier schmeichelhaft, wenn es mit diesem ruhmumstrahlten Namen genannt wird. Nun — was meinst Du dazu?« »Hören Sie mich, Herr Invalide, ich werde Ihnen einen Vorschlag machen: dieser Hund gehört nicht mir, darum kann ich ihn weder verschenken noch verkaufen, aber wenn Sie mir erlauben, daß ich mich mit ihm hier niederlege, so werden wir beide sie bewachen.« »Das geht, mein Junge, das geht ganz gut; komm nur herein, das Schlafzimmer ist luftig; es hat vier Mauern statt der Tapeten, und der Himmel wölbt sich als Decke darüber. Das Bett ist nicht zu verachten, obgleich der Kornhändler hier gegenüber es geliefert hat; im Feldlager hatten wir es nicht immer so gut. Hast Du zu Nacht gegessen? Bist du durstig oder hungrig?« »Ja wohl,« sagte Camillo voll Scham über sein Elend, »seit heute Morgen habe ich nur ein Stück Brot gegessen.« »Armes Kind! Lasse es gut sein, ich habe hier ein Stückchen kalten Braten, den ein allerliebstes, kleines Mädchen mir gegeben hat, welches nebenan wohnt, dazu habe ich noch ein Stück Brod; was den Wein anbelangt, ja davon bleibt mir nie etwas übrig, das ist eine Gewohnheit, die mir aus meiner Dienstzeit geblieben ist; der Wein gehört immer mir, wir können keine Secunde beisammen sein, ohne einander zu 29 bekämpfen; aber das geht dann immer auf Leben und Tod, denn einer vertilgt den andern. Wenn Du Wasser haben willst, so findest Du welches, glaube ich, in jenem Kruge; ich sage: »glaube ich«, denn wenn ich mir nicht gerade die Hände oder meinem Schnurbart wasche, so brauche ich nicht viel von dieser unschädlichen Flüssigkeit. — Uebrigens Du verstehst es, die Vorräthe wegzuschaffen, mein Junge!« »Wolltest Du vielleicht zufällig für morgen etwas aufheben?« unterbrach ihn Camillo, indem er plötzlich zu essen aufhörte. »Geh, Du kleiner Rekrut, mache weiter! Etwas aufbewahren! Wozu denn? Der Vater la luils hat keinen sichern Tag mehr, darum hebt er sich auch nichts auf. Ich bin au dem Tage einer denkwürdigen Schlacht geboren, bin ein Kind des Heeres; unsre Siege haben mich groß gezogen, mir aber keine Gewißheit gegeben, ob der folgende Tag mir freundlich leuchten würde! Und dennoch; seit mein hölzernes Bein mich einer Musterung unterwarf, und mich ins Jnvalidenhaus geleitete, könnte ich ein wenig ruhiger sein, aber das nützt nichts! man hängt nicht am Leben, wenn man gewohnt war auf Vulkanen zu wandern. Unter andern; ich spreche wieder wie eine alte Elster, und vergesse ganz, mich zu erkundigen, wie es zugeht, daß Du an Deiner reinlichen netten Kleidung Dich in den Straßen von Paris befindest, dem Hungertode nahe, und ganz verlassen?« »Herr Invalide, daS kann ich Ihnen nicht erzählen, das ist zu häßlich,« antworte Camillo. »Du mit Deinem frommen Engelsgesichte hast etwas häßliches gethan,« rief Vater lu I'uile aus. »Nicht ich, Herr Invalide, mein großer Vetter; mein Vetter ist der Sohn meines verstorbenen Onkels; dieser Onkel war aber der beste Mann auf der Erde, darum müßte es ihm sehr wehe thun, wenn er wüßte was sein Sohn gethan hat, und so — weil — ach Sie verstehen mich gewiß — aus diesem Grunde kann ich nichts böses von meinem Vetter sagen. 30 »Wenn uns der Kriegsdienst nicht deutlicher und klarer wäre vorgeschrieben worden, als Du die Geschichte Deines großen Vetters erzählt hast, so wären wir armselige Soldaten geworden-der Schlaf drückt Dir schon die Augen zu; gute Nacht! Du, Austerlitz hältst Wache, gute Wache. Noch einmal: »gute Nacht!« — Nach diesen Worten zog der Invalide sich in ein kleines Zelt von Leinwand zurück, welches sinnreich über den Balken des Baues geordnet war. Camillo streckte sich auf einen Bündel Heu hin, und Fox lagerte sich zu seinen Füßen. Einen Augenblick später war der arme Knabe in tiefen Schlaf versunken, und hatte all seinen Kummer vergessen. 11. Kapitel. Die Maurer. Bei Tagesanbruch wurde Camillo ganz plötzlich von seinem Hunde geweckt, welcher gewaltig bellte, da er halb mit ängstlicher, halb mit drohender Miene einem ganzen Heere von Maurern entgegen sah, welche sich gerade über den Theil des Hauses verbreiteten, wo sein neuer Herr, und der alte Invalide ruhten. — »He da! Invalide! Vater tu Illuils! rief einer der Maurer, wer sind denn die beiden Einwohner, welche in ein Haus ziehen, ehe es fertig ist?» Nun, was gibt es denn weiter, es ist doch kein Wunder, sagte Vater 1a lulle indem er die Leinwand seines Zeltes lüftete, und einen Blick nach Camillo warf, der sich voll Scham auf seinem Bündel Heu zusammenkauerte. Ich habe diese neuen Einwohner gastfreundlich ausgenommen, ist dabei etwas böses?« »Es ist gewiß nichts Böses dabei,« erwiederte einer der Maurer, welcher ein Polier zu sein schien, »aber ich erlaube mir doch zu bemerken, Vater 1a lulle, daß Ihr besser gethan hättet, den Wildfang zu seinen ZI Aeltern zu führen, welche sich um ihn beunruhigen werden, als ihn hier gastfreundlich aufzunehmen. „Ich habe keine Aeltern, Herr Maurer«, sagte Camillo aufstehend und sich die Haare zurecht schüttelnd. »Weder Vater noch Mutter?« erwiderte der Maurer. »Ich hatte nur einen Onkel, dieser ist gestorben«. Die Erinnerung an ihn befeuchtete Camillo's Augen, er wischte eine Thräne weg. »Weder Vater noch Mutter!« wiederholten alle Maurer, welche den kleinen Waisenknaben umgaben. »Du weißt also gar nicht, wo Du des Nachts bleiben sollst?« »Wo wohnte Dein Onkel? »Was für ein Geschäft hatte Dein Onkel.« »Hat Dir denn Dein Onkel gar nichts hinterlassen?« Alle diese Fragen folgten so rasch aufeinander, daß es für Camillo unmöglich war, sie zu beantworten. Ruhig! unterbrach sie Vater la luils; Achtung dem Befehl, Kameraden ! Wenn Ihr alle zu gleicher Zeit sprecht, wem soll der Junge antworten? Nach dieser Fluth von Fragen, erwiederte Camillo also: »Ich komme aus Bordeaux — gestern Morgens kam ich in Paris an, und eine Stunde später war ich ein verlassener Knabe, ein zweiter Robinson. Das ist meine ganze Geschichte.« »Verlassen, von wem?« riefen alle Maurer zu gleicher Zeit. »Das kann ich Ihnen, meine Herren nicht sagen; ich müßte den Schuldigen entehren; ja man würde ihn mit Steinen werfen, wenn er sich öffentlich sehen ließe. Aber sein Vater war so gut, der ist jetzt im Himmel bei Gott, es würde ihm Schmerz machen. Nein, nein, das könnte ich nicht. »Ist das nicht ein eigenthümlicher Knabe,« sagten die Männer zu einander, indem sie sich verwundert ansahen. »Glaubt es nicht« sagte einer der Maurer, er ist nichts weiter als ein kleiner Landstreicher, der seinen Aeltern davon gelaufen ist.« 32 »Und warum sollte ich denn meinen Aeltern davon gelaufen sein, frug Camillo, dem ein solcher Verdacht das Blut in die Wangen trieb. »Weil Du wahrscheinlich etwas schlechtes gethan hast, das die Peitsche verdient, der Du auf diese Weise entfliehen wolltest.« »Ich wollte es wäre so!« sagte Camillo; »o gewiß, selbst auf die Gefahr hin mit der Peitsche empfangen zu werden, kehrte ich gerne nach Hause zurück.« »Warum willst Du aber die Wahrheit nicht eingestehen?« »Hören Sie« erwiederte Camillo, dem der Unwille über das falsche Urtheil Muth gab: »wenn einer von Euch einen Bruder, Vetter oder andern Verwandten hätte, der sich einer schlechten Handlung schuldig gemacht hätte, würdet ihr öffentlich darüber sprechen?« »Nein, aber wir würden ihn züchtigen.»« »Das ist gut, aber ich, ich kann ihn nicht züchtigen, denn ich bin kleiner als er, und er ist dazu weit von hier entfernt; ich bin nur das Opfer seiner Schuld.« »Was sollen wir davon denken?« sagten die Leute zu einander. »Der Knabe weiß wahrscheinlich nicht, wo er heute ein Frühstück hernehmen soll!« »Ach ja, erwiederte Camillo, das ist wahr;« eine Thräne rollte ihm dabei über die Wange herab.« »Was das Frühstück anbelangt, Kameraden,« sagte ein Arbeiter, »wir theilen mit ihm das unsrige; jeder gibt einen kleinen Theil des seini- gen ab, das genügt für den Knaben.« »Du denkst doch stets nur an die nächste Viertelstunde« fügte ein anderer hinzu; »wann er gefrühstückt hat, so wird er auch zu Mittag essen wollen, der arme Cherubim; er wird ein Abendessen bedürfen.« »Ganz recht Poitevin, wir werden ihn auch da nit versorgen.« »Aber lange kann das nicht dauern. Wenn er nur stark genug wäre, um in die Lehre einzutreten!« 33 "Oder groß genug, um Dienste zu nehmen;« fügte der Invalide hinzu.« »Man muß versuchen, wie er zu gebrauchen ist,« erwiderte der Polier. In diesem Augenblicke hielt ein Wagen vor dem Bau, ein Herr stieg aus; die Leute gingen an ihre Arbeit; der eine ergriff eine Kelle, der andere eine Schaufel; ein Augenblick genügte, um jeden an seinen Platz zu stellen. Camillo allein zog sich in eine Ecke zurück. Allein! nein, allein war er nicht, Fox war ja bei ihm. 3 1. Kapitel. Der Baumeister sucht einen Stalljungen. »Wie, Ihr seid noch nicht an der Arbeit,« sagte der Herr im Wagen rauh und unfreundlich. Der Baumeister hatte sich durch das schnelle auseinanderstieben der Leute nicht tauschen lassen. „Verzeihen Sie Herr Dumont,« erwiderte der Polier, „wir hörten der Erzählung dieses Knaben zu, der uns mit seiner Geschichte sehr interessirte.« „Was ist das für eine Geschichte?« fragte Herr Dumont, indem er Camillo durch die Brille ansah, während dieser bescheiden den Kopf senkte. „Darauf wissen wir nicht viel zu antworten, sie ist aber wirklich interessant, glauben Sie es.« Als der Polier sagte, daß er sie nicht wisse, unterbrach ihn der Invalide, indem er die offene Dose dem Baumeister hinreichte — „cs ist wahr, und doch unglaublich! — nehmen Sie keine Prise? . . . . O, verzeihen Sie.« Und da er sah, daß Herr Dumont sich für die traurige, blaffe Gestalt des kleinen verlassenen interessirte, so erzählte er ihm, wie er ihn gefunden hatte, und wie fest das arme Kind dabei verharre, den Namen jenes Vetters zu verschweigen, der ihn so grausam dem Elende Preis gab. L>'' -MM' 8 er W aume^ier ^uc!)i emen Itaü^ringen. 35 "Ei was! das sind Märchen! er ist ein kleiner Faulenzer, ein Landstreicher!« brummte der Herr; dabei sah er Camillo beständig durch die Brille an, dieser zog sich dadurch ein wenig aus der Verlegenheit, daß er seinen Hund liebkoste. »Und wie heißt Du?« fragte er in rauhem Tone den Knaben. «Camillo Fernand.« »Du hast weder Aeltern noch Familie?« Camillo senkte weinend sein Haupt. »Du sagst, daß man Dich gestern Morgen in den Tuilerien aussetzte, und willst die Person nicht nennen, welche dieß gethan hat? Auf diese Fragen erhob unser kleiner Freund schmerzlich den Kopf. »Was hast Du denn gelernt?« »Ach, mein Herr, gar nichts.« »Haben Dich also Deine Aeltern nicht unterrichten lassen?« »Verzeihen Sie, Herr. Mein Onkel ließ mich unterrichten. Ich lernte ein wenig latein, Erdbeschreibung, rechnen, violinspielen und tanzen_ »Dein Onkel war also reich?« »Das weiß ich nicht, Herr, aber man kannte in seinem Hause keinen Mangel.« »Ist dieser Onkel gestorben?« Statt aller Antwort trocknete Camillo sich die Thränen ab. Es trat Stillschweigen ein. Der Baumeister schien etwas zu überlegen, wobei er den zarten Wuchs des Knaben prüfte; darnach sagte er zu sich selbst: »Am Ende ist dabei nicht viel gewagt,« und zu Camillo gewendet: »Wie alt bist Du?« »Zwölf Jahre.« »Kannst Du reiten?« »Ja Herr, mit und ohne Sattel.« »Du bist klein und zart; Du würdest ein vortrefflicher Stalljunge sein. Willst Du in meine Dienste eintreten? . . . .« »Nein, Herr,« sagte Camillo stolz. 3 * 36 »T)ieß scheint Dir sehr widerlich, Taugenichts, und warum denn, wenn Du es mir gefälligst sagen willst?« »Weil ich kein Diener sein will.« »Du magst lieber ein Landstreicher, ein Faulenzer oder Bettler sein,« erwiderte der Baumeister zornig; »dann mache, daß Du von hier fortkommst, lasse Dich nicht wiederfinden, sonst übergebe ich Dich der Sicherheitswache, welche Dich ins Gefängniß bringen wird, wie jeden andern Landstreicher. . . .« »Er mag nicht mein Diener sein!« »O Herr, haben Sie Barmherzigkeit, und thun Sie es nicht,« bat Camillo mit gefalteten Händen; »ich bin weder ein Faulenzer, noch ein Landstreicher; ich mag kein Diener sein, aber wenn Sie mir hier Arbeit geben, so will ich mich ihrer mit allem Eifer entledigen, ich werde Steine und Kalk herbeitragen, dabei das Maurerhandwerk lernen — aber Diener werde ich niemals.« »Und doch ist es leichter ein Diener zu sein, als ein Maurer; denn der Stand der Diener, ist gleich mit dem der Faulenzer.« »Darum will ich kein Diener werden, Herr.« »Du hättest bei mir nichts zu thun, als spazieren zu gehen, oder spazieren zu reiten.« »Und dadurch würde ich die Lust an der Arbeit verlieren; ich würde nur in Gesellschaft von Dienern leben, und mein armer Onkel hat mir immer verboten mit diesen Leuten zu verkehren; zuletzt würde ich wirklich ein Taugenichts. Nein Herr, das geht nicht.« »Schon gut, entferne Dich augenblicklich von hier, und komme mir nicht wieder vor die Augen;« dabei erhob der Mann seinen Stock, und drohte Camillo zu schlagen, dieser aber erwiederte ihm mit völlig ruhiger, aber ernster Miene: »Herr, schlagen Sie mich nicht, ich bin nicht Ihr Diener.« Darnach rief er seinen Hund zu sich, und bog in die Straße I^ouis 16 Oruncl ein. 37 Camillo ging weinend und nachdenkend vor sich hin, als ein leises: »Pst, pst,« ihn zum umsehen veranlaßte. Es kam von dem Invaliden, welcher hinter ihm herhinkte. »Sieh her, das schicken Dir die Arbeiter,« sagte er, indem er ihm ein sehr großes Stück Brot reichte; »Du bist ein braves Kind, Du hast gut gesprochen. Wenn Du diesen Abend kein Nachtlager findest, komme wieder hierher.« »O nein,« sagte Camillo, indem er mit den Achseln zuckte »dieser Mann ist zu böse.« Er dankte dem Invaliden, nahm das Brot, und beide trennten sich mit traurigem Sinne. 2. Kapitel. Ein Spaziergang in Paris. Da finden wir unfern kleinen Robinson, denn so nannte er sich selbst, abermals allein, verlassen in den Straßen von Paris. An einer Hand führte er seinen Hund, in der andern hielt er sein Brot, unter dem Arme trug er sein Buch, und so schlenderte er langsam nach den Loulsvurcks ck68 Italiens Das erste, was Robinson auf seiner Insel unternahm, dachte er, war, daß er sie nach allen Richtungen durchkreuzte, um sie kennen zu lernen. So ging er denn die Boulevards entlang, aß dabei sein Brot, und gab von Zeit zu Zeit auch Fox einen Bissen. Der Anblick der reichen Auslagekasten entzückte ihn. Ist es möglich,^ daß man hier Mangel leidet, hier, wo man von all' dem was schön und gut ist, umgeben wird! Kann man hier Hungers sterben, wo ein Kuchenbäcker neben dem andern ist? Ist es möglich, daß ein Kind, wie ich hier, keine Wohnung findet, wo es eine so große Menge Häuser gibt, deren Thore offen stehen! Vielleicht darf ich nur fragen. Die Leute, welche hier hin und her gehen sind ja keine Wilden, 38 sie werden mich nicht essen; jene auf Robinson Crusoes Insel thaten es, weil man die ihrigen gefangen nahm. Die Menschen hier sehen alle gut aus; diese Damen sind freundlich, und lächeln jedem der ihnen begegnet zu, die Herren grüßen einander so höflich; nur Muth Camillo, nur Muth! Er blieb vor einem Kaufladen stehen, in welchem Kleider zu haben waren, sogleich kam der Herr desselben heraus und redete ihn an: »Wenn Sie etwas von Kleidung nöthig haben, mein kleiner Herr, kommen Sie nur herein, Sie können hier alles haben.« »Ich danke Ihnen, Herr,« antwortete Camillo ganz entzückt über die Höflichkeit des Kaufmannes, »mein Kleid ist noch neu, wann es aber abgetragen ist, so werde ich Sie gewiß besuchen.« »Sie werden mit uns zufrieden sein,« antwortete der betriebsame Gewerbsmann. Camillo ging ein wenig weiter, da redete ihn ein Stockverkäufer mit den Worten an: »Geben Sie mir das erste Geld zu lösen, Herrchen, ein hübscher Spazierstock wird Ihnen ganz gut stehen, sehen Sie einmal dieses Rohr an, wie biegsam es ist, ich gebe es Ihnen fast umsonst, ja, ja, beinahe umsonst!« »Schönen Dank,« antwortete der Knabe. Durch das gefällige entgegenkommen dieser beiden Kaufleute er- muthigt, trat Camillo ganz kühn in ein großes Gasthaus. Es mochte um die Mittagsstunde sein, die Sonne brannte sehr heiß. »Was willst Du?« rief ihm ein alter Hausmeister zu, welcher eben im Begriffe war einen Fleck auf seine Hose zu flicken. »Die Sonne brennt sehr heiß,« antwortete Camillo, indem er ihn freundlich grüßte, — »möchten Sie mir wohl erlauben, einzutreten, damit ich mich ausruhen kann?« »Du bist wohl nicht recht bei Trost, weil Du Dich über mich lustig machst, kleiner Spaßvogel,« erwiderte der Thürsteher. Er schloß sein kleines Guckfenster, das er geöffnet hatte, um mit dem Knaben zu 39 sprechen, dann brummte er noch einige grobe Worte in den Bart hinein, welche Camillo nicht verstanden hatte, die aber ganz geeignet waren ihm alle Zuversicht zu nehmen. »Ich will weiter gehen,« dachte er, »alle Leute werden nicht so grob sein, wie dieser alte Schneider.« Zwei Schritte von dem Gasthause entfernt, hatte ein Eßwaaren- händler alles zur Schau gestellt, was die fünf Welttheile an den ausgesuchtesten Leckerbissen für die vorübergehenden Feinschmecker zu bieten hatten. Ein junger Mann, von angenehmen Äußern, und einer Wohlbeleibtheit, welche thatsächlich bezeugte, daß er von den guten Sachen, die ihn umgaben, keine mißachte, machte sich unter der Thüre seines Ladens stehend ziemlich breit; er hatte beide Hände in die Hosentaschen gesteckt und besah sich die vorübergehenden, welche beinahe alle vor seiner Auslage stehen blieben. Camillo versäumte es ebenfalls nicht, hier stehen zu bleiben, und einen lüsternen Blick auf die Gegenstände zu werfen, welche den Laden schmückten. »Wünschen Sie etwas, mein kleiner Freund?« fragte der Kaufmann lächelnd. Camillo erröthete. »Ja Herr, ich habe seit heute Morgen nichts gegessen als ein Stück trocknes Brod.« »Dann kommen Sie herein, und wählen Sie etwas.« »Dann muß ich Ihnen aber vorher sagen, daß ich kein Geld habe,« fügte der Knabe hinzu, indem er dem Kaufmanne bis in die Mitte des Ladens folgte. Dieser Mann aber sah ihn sehr ernst an, und sagte: »Wenn Sie kein Geld haben, warum kommen Sie herein?« »Ich bin ein armer, verlassener Knabe, mein lieber Herr, ich weiß nicht wohin ich gehen soll, wo ich bleiben kann; ich bin müde und hungrig.« »Das ist sehr traurig, aber ich kann nicht dafür.« 40 Der Kaufmann holte einen Kreuzer aus seiner Tasche, reichte ihn Camillo und sagte: »Dieß ist alles was ich für Dich thun kann, nimm und geh, denn Du bist meinen Kunden im Wege.« Ein lebhafter Unwille malte sich auf dem Gesichte unsers Freundes. »Ich bin kein Bettler, Herr,« sagte er; »ich will kein Almosen,« fügte er in stolzem Tone hinzu. Das weinen war ihm nahe; er stürzte aus dem Laden des Eß- waarenhändlers. »Einen Kreuzer wollte er mir geben! mir, dem Camillo Fernand, dem Neffen des Herrn Thomas, des reichen Rheders von Bordeaux! Einen Kreuzer! Mir, das ist traurig.« Camillo ging weiter; sein Hund folgte ihm mit hängenden Ohren und eingezogenem Schwänze. Auf der andern Seite der Boulevards standen Stühle, er ging hinüber und setzte sich in einen derselben. Kaum hatte er sich niedergelassen, als sich ihm eine alte Frau näherte, welche ihm stillschweigend die Hand hinstreckte. »Was wollen Sie denn,« fragte Camillo in komischer Weise. »Das ist ein sonderbarer Junge,« brummte die Stuhlvermiethe- rin vor sich hin, dann zu dem Knaben gewandt: »Nun, ists gefällig? zwei Kreuzer für den Stuhl!« »Wie,« antwortete Camillo, »Sie haben hier mehr als dreißig unbenützte Stühle, und ich darf mich nicht setzen ohne dafür zu bezahlen?« »Gewiß nicht, Herrchen, seien Sie so gut mir zwei Kreuzer zu bezahlen.« »Ich habe sie aber nicht.« »Dann setzen Sie sich auf die Erde.« Dabei hob die Frau den Stuhl von hinten in die Höhe, auf die Gefahr hin, Camillo hinunter zu werfen. »Ach, was sind Sie für eine böse Frau!« 41 »Ich bin Stuhlvermietherin,« antwortete die Frau ganz ruhig, indem sie sich auf denselben Sessel setzte, den Camillo eben verlassen hatte. »Wenn Du kein Geld hast um einen Stuhl zu bezahlen, so komme und setze Dich hierher« sagte ein Kind mit freundlicher Stimme im Dialekte der Auvergnaten. Es war ein kleiner schwarzer Knabe, der einen Affen in den Armen trug! 3. Kapitel. Erster Unterricht in der Industrie. »Du hast wohl Kummer, kleiner Mann,« sagte der Auvergnate, der Camillo mit großer Theilnahme ansah, als er sich die Thränen aus den Augen wischte. »O, ich wollte, ich wäre auf irgend einer entlegenen Insel!« antwortete Camillo mit einem Tone, in dem mehr Zorn als Kummer lag. Der Auvergnate lachte laut über diese Äußerung; »heilige Jungfrau« rief er aus, »was wolltest Du denn auf einer einsamen Insel, Du würdest dort vor Hunger sterben.« — »Hast Du Robinson Crusoe gelesen?« fragte ihn Camillo. »Erstens kann ich gar nicht lesen, und dann weiß ich auch nicht was das ist: Robinson Crusoe?« »Das hier ist es,« antwortete Camillo indem er ihm das Buch zeigte, welches er unter dem Arme trug. »Dieß? Aber das ist ja ein Buch.« »Es enthält die Geschichte eines Knabens in unserm Alter, welcher auf einer unbewohnten Insel ganz verlassen lebte.« »Heilige Jungfrau, dann ist er wohl dort gestorben?« »Im Gegentheil, er hat dort recht angenehm gelebt; er hat eine Niederlassung gegründet, deren Oberhaupt er geworden ist.« »Ach jetzt verstehe ich es, Robinson Crusoe ist der Name eines Feenmärchens.« 42 »O nein, es ist eine wahre Geschichte.« »Mache mir nichts weiß. Unser Pfarrer hat mich gelehrt was man eine unbewohnte Insel nennt. Das ist eine Stadt, wo es keine Häuser gibt, und wo niemand wohnt; wie kann man aber in einer Stadt leben, wo es weder Häuser noch Einwohner gibt?« »Und doch würde ich tausendmal lieber auf einer solch unbewohnten Insel verlassen sein, als hier in diesem volkreichen Paris.« »Das was Du hier sagst, ist dummes Zeug.« »Dummes Zeug?« erwiderte Camillo lebhafter, »dummes Zeug? Wenn ich auf Robinsons Insel wäre, könnte ich thun was ich wollte, dürfte mich setzen, wo es mir beliebte, dürfte schlafen wo es mir gefiele, und könnte essen was ich fände! Höre, ich will Dir die Geschichte von Robinson Crusoe erzählen. »Ganz allein, auf einer unbewohnten Insel, hatte er sich eine Grotte eingerichtet, wo er prächtig schlief, das kannst Du glauben, zur Sicherheit seiner Wohnung hatte er rund herum Bäume gepflanzt. Erging auf die Jagd, schoß Vögel, oder stellte Netze aus; er fing Lama, das sind Thiere wie unsre Ziegen, welche auch Milch geben, und ging auf den Fischfang aus; er sammelte Muscheln, machte sich seine Kleider aus Thierfellen, und Sonnenschirme aus Vogelfedern. Dann fand er eines Tages einen Neger, welcher sein Sklave wurde; o gewiß, ich möchte tausendmal lieber auf einer unbewohnten Insel sein! Hier ist wohl ein großer Überfluß an allem, aber niemand gibt ohne Bezahlung etwas davon ab; Es gibt viele Häuser, aber kaum tritt man in eines derselben, so wird man hinausgejagt. Es gibt alle erdenklichen Eßwaaren, doch nur für Geld, umsonst bekommt man kein Stückchen Brod. Des Nachts darf man nicht auf der Straße bleiben, am Tage darf man sich in keinen Stuhl setzen, wenn es ihrer gleich genug am Wege gibt; mit einem Worte: in einer großen Stadt ist man tausendmal mehr Verlegenheiten ausgesetzt, und darum viel unglücklicher. Sage mir, sind Dir jetzt nicht auch unbewohnte Inseln lieber?« 43 Der Auvergnate hatte Camillo mit komischen Ernste zugehört: »Das ist Geschmacksache,« erwiderte er, »ich ziehe Paris vor.« »Aber warum denn?« »Weil man hier Arbeit findet.« Dieß letzte Wort machte Camillo nachdenkend. »Arbeitest Du denn?« »Wovon sollte ich denn leben?« »Was thust Du denn?« »Ei, im Winter fege ich die Schornsteine, im Sommer zeige ich meinen Affen, und besorge hie und da kleine Aufträge.« »Du hast da bei mir einen Gedanken angeregt .... könnte ich denn nicht auch Arbeit finden?« »Gewiß.« »Aber was soll ich thun? Beim schornsteinfegen würde ich mir den Hals brechen, weil ich es nicht verstehe; willst Du es mich lehren?« »O, das ist aber im Sommer ein schlechtes Geschäft, und dann bist Du viel zu nett gekleidet, um Schornsteine zu kehren; Du würdest Dich rußig machen, und darüber müßte sich Deine Mutter ärgern.« »Ach! ich habe weder Vater noch Mutter!« »Warum hast Du denn dann Deine Heimat verlassen?« »Mein Vetter hat mich dazu gezwungen; erst hat er mich hierhergeführt, dann hat er mich allein gelassen, und ist wieder zurückge- reiset.« »Wie wunderbar!« . »Aber warum hast Du denn Deine Heimat verlassen, wenn Du noch Ältern hast?« »Ja siehe, das ist ganz etwas anderes. Meine Ältern sind arm, wie die Mehrzahl meiner Landsleute; zu Hause sind wir zehn Kinder; ich bin der zweite; mein älterer Bruder ist Zimmerputzer, und verdient viel Geld.« »Gibt er Dir auch davon?« 44 »O nein, das gehört für meine Mutter zu Hause; ich verdiene mir selbst was ich brauche mit meinem Affen.« »Hätte ich doch einen Affen!« «Du hast dafür einen Hund; freilich taugen Hunde nicht soviel als Affen. Uebrigens kannst Du ja auf anderer Leute Kosten leben!« »Ich soll betteln,« rief Camillo lebhaft aus. »Höre,« erwiederte der Auvergnate: »das schöne Haus, welches Du hier siehst, ist das »Oute äs Paris« ein Speisehaus, wo alle reichen Herren zu Mittag essen; dorthin gehe; Du bist ein netter Junge, die Herren werden Dir gerne einige Kreuzer geben; nur Muth ; was fürchtest Du denn? Dort sehe ich meinen großen Bruder, er winkt mir, da gibt es wohl einen Schornstein zu fegen; auf Wiedersehen!« Der kleine Auvergnate erhob sich schnell, und lief einem jungen Manne entgegen, der ihn an der Hand faßte. Beide entfernten sich, ohne ein einziges Mal nach Camillo umzusehen, der sich nun wieder allein fand. 4. Kapitel. Die Ueberreste eines Huhnes, ein Stück Brod und ein Glas Wasser. Die Sonne neigte sich; die Kellnerjungen des 6als äs Paris hatten eben das Zelt aufgezogen, welches über dem Aufgange ausgespannt war. Einer von ihnen fragte Camillo, warum er hier stehe, was er wolle. »Nichts,« antwortete er traurig. »Dann mache, daß Du fort kommst.« »Kann ich denn nicht hier bleiben, Herr?« erwiederte das arme Kind in einem ganz muthlosen Tone. »Nein; es ist jetzt die Speisestunde, da kann man es nicht zu- 45 geben, daß die Eingänge von Kindern verstellt seien. Geh, entferne Dich, sage ich Dir!« Camillo stand auf, sein Hund desgleichen; beide sahen sich an, und schienen sich gegenseitig zu sagen: »wohin werden wir jetzt gehen?« Aus Instinkt lenkte Fox seine Schritte nach den Eingängen der Küche des Speisehauses, welche in der Nebengaffe waren. Camillo folgte ihm. Für ihn war es einerlei, wohin er sich wendete. Sein vierfüßiger Gefährte roch bald die appetitlichsten Dämpfe, welche aus der schmalen Häuserreihe, die zur Küche führte, ausströmten. Er hielt an, und wedelte mit dem Schwänze. Plötzlich machte er einen Sprung, und verschwand am Eingänge des Hauses. Da Fox klein und schwarz war, so entging er anfangs den Blicken der Köche und Küchenjungen. Aber sein Magen, der eben so leer war, als der seines Herrn, lehnte sich gewaltig auf. Die Schnauze nach oben gekehrt, das Auge voll Sehnsucht, und den Schwanz ge- schnörkelt, schnüffelte er um den Bratspieß, der sich drehte, indem er die saftigsten Braten erzeugte; er näherte sich den Oefen, welche voll Kasserollen standen, und den Tischen, die mit Fleisch belegt waren. »Ei, was ist das für ein hübsches, kleines Hündchen, woher kommt es,« fragte einer der Küchenjungen. Und als ob Fox in der weichen, jugendlichen Stimme des Knaben Wohlwollen erkannt hätte, lief er auf ihn zu. Der Junge streichelte Fox, und dieser leckte die Hand, welche ihn liebkosete. »Armes Thier,« sagte der Knabe, »es ist so sanft. In diesem Augenblicke trat ein Kellner, der eben abdeckte, in die Küche, und stellte dem Jungen eine Schüssel hin, auf welcher die Ueber- reste eines Huhnes lagen; »wirf das weg,« sagte er, »und wasche die Schüssel ab.« Der Küchenjunge verließ den Hund, um seine Arbeit zu verrichten ; aber Fox sah ihn mit einer so demüthigen, bittenden Miene an, und in seinem Blicke, den er bald auf die Schüssel, bald auf den 46 Knaben richtete, lag so viel Güte, daß der Junge ihm die Schüssel hinstellte. »Hast Du Hunger?« fragte er, »so nimm. —« Fox sah mit einer unschlüssigen Miene darein, aber als der Knabe ihn mit einer wiederholten Aufforderung und einem aufmuntern- den Zeichen der Hand ermuthigte, packte Fox den Rest des Huhnes, und entwischte laufend aus der Küche. »Wohin denn, wohin,« rief ihm der Junge nach. So gerne er ihm auch nachgelaufen wäre, er mußte doch zuerst seinen Dienst thun, und die Teller abwaschen. Er hatte eben einen ganzen Stoß davon aufgeschichtet, als er an seinen nackten Füßen den warmen Hauch des Hundes fühlte. »Da bist Du ja wieder, sagte er freudig, »was willst Du denn noch von mir?« Und da der Hund den Knaben fortwährend ansah, so fügte dieser hinzu: »Ich habe nichts mehr als ein Stück Brod, willst Du es? Mit diesen Worten hielt er ihm eine halbe Semmel hin. Fox ließ sich nicht bitten, er nahm sie und schlüpfte zum zweiten Male damit hinaus. «Das ist ein sonderbares Thier,« sagte der Junge, »wohin mag er nun gehen, um das zu essen, was ich ihm gebe?« »Mit wem schlägst Du Dich denn herum,« rief ihm das Küchenoberhaupt zu. »Gott verzeihe mir, dieser Sudelkoch spricht mit seinen Tellern.« »Nicht doch, Herr Chipart,« antwortete der Junge mit freundlichem Tone, »ich spreche mit einem ganz eigenthümlichen Kunden.« »Mit welchem Kunden?« »Stellen Sie sich vor, Herr Chipart, mit einem kleinen, schwarzen Hündchen, welches ganz höflich die Ueberreste empfängt, welche ich ihm gebe, und das, um sie zu verzehren, ich weiß nicht wohin geht.» 47 »Wenn es wiederkommt, sage es mir.« »Da ist es.«« «Was für ein hübscher Hund!« sagte der Koch, indem er das Thier ansah, ohne seinen Herd zu verlassen; Fox kam mit offener Schnauze wieder, und schien bereit, alles darin aufzunehmen, was man ihm reichen wollte. »Er steckt die Zunge heraus, er ist durstig, gib ihm zu trinken Baptist, pflege ihn ein wenig, ich kann nicht vom Herde Weggehen; gib ihm was er bedarf, und lasse ihn nicht entwischen.« »Sehen Sie her, Herr Chipart, er will nicht trinken,« sagte Baptist, indem er mit dem Finger ans Fox zeigte, welcher vor einer mit Wasser gefüllten Schale stand, und den Jungen so ausdrucksvoll ansah, als ob er ihn um einen neuen Dienst bitten wollte. »Vielleicht will er an demselben Orte trinken, wo er gegessen hat, sagte der Koch, nimm die Schale, trage sie ihm nach, und verliere ihn nicht aus den Augen.« Als Fox sah, daß der Küchenjunge die Schale anfaßte, so nahm er seinen Weg nach der Kürchenthüre zu, kehrte aber abwechselnd von der Thüre zu dem Jungen, von diesem zur Thüre zurück; und erst als er merkte, daß dieser ihn verstanden hatte, ging er hinaus. Baptist folgte seiner Spur. 5. Kapitel. Von dem, was aus den Ueberreften des Huhnes, ans dem . Stücke Brod nnd dem Glase Wasser geworden ist. Wir haben Camillo auf einer Stufe des Eingangs sitzend verlassen, welcher zu dem »Oste cts kui'i8« führte, und zwar in der Nähe der Küche in der Straße Taitbout; seine Blicke hasteten an dem Punkte, wo sein Hund verschwand; es war ihm recht weh ums Herz; 48 mit ängstlicher Erwartung horchte er, ob sein Fox nicht zurückkehre, und weil er lange weg blieb, so zweifelte er ganz und gar an seiner Rückkehr, als er ihn plötzlich neben sich sah. Das arme Thier hielt etwas in seiner Schnauze, von dem unser kleiner Robinson im ersten Augenblicke nichts unterscheiden konnte; es waren die Reste des Huhnes. Fox legte sie ganz zierlich auf Camillos Knie, dann setzte er sich auf seine Hinterbeine, sah den Knaben unaufhörlich an, wedelte mit dem Schwänze, leckte mit der Zunge seine Schnauze, und nahm eine Miene an, die zu sagen schien: »iß, aber vergiß mich nicht!« »Woher hast Du das genommen?« sagte Camillo sorglos — »Du hast es gestohlen? Fox kneifte, anscheinend beleidigt über diese Zumuthung. »Man hat es Dir also gegeben?« wiederholte Camillo. Das Stillschweigen des getreuen, schien die Voraussetzung zu bejahen. »Das ist ein vortreffliches Stück Huhn,« sagte Camillo, indem eres besah, ohne es zu berühren, »vortrefflich, bei meiner Treue; es sieht so gut aus, wie jene Hühner welche den Mittagstisch meines Onkels zierten; aber Fox, ein Stück Brod würde dazu ganz gut schmecken.« Der Hund lief weg, als ob er die Worte verstanden hätte; bald kehrte er wieder zurück, und trug in seiner Schnauze die halbe Semmel von der ihr wißt. »Wenn ich Robinson bin,« sagte Camillo mit einem Tone des innigsten Dankes, »dann bist Du mein Freitag.« Er umarmte seinen Fox, und drückte ihn an sein Herz. »Komm« sagte er dann, »wir wollen miteinander zu Mittag essen.« Fox nahm seinen gewöhnlichen Platz ein, indem er sich seinem Herrn gegenüber setzte. Es war ein eigenthümlicher Anblick, diese beiden Geschöpfe zu sehen, beide mit Verstand und Gefühl begabt, mit einander essend, und jedes Stück ehrlich theilend. »Dir Fox gehören die Knochen, mir das Fleisch; Dir die Krumme, mir die Kruste von 49 dem Brode.« Dann liebkoseten sie sich jeder in seiner Weise; die Hand des Knaben streichelte den Rücken des Thieres; dieses leckte die Hand, welche es freundlich berührte. Es sah aus, als wären sie zwei Freunde, die mit einander ausgewachsen waren, und doch kannten sie sich erst kurze Zeit. Das Unglück hatte sie vereinigt. Glaubet es meine Freunde, das Unglück macht mehr, und treuere Freunde, als das Glück; die Freude vereint die Menschen, aber die Trauer verbindet sie, knüpft sie fest aneinander. Derjenige welcher leidet bedarf eines Freundes, derjenige welcher glücklich ist, sucht nur Gefährten, Kameraden. Unsere beiden Freunde hatten lange und gezwungen gefastet, sie überließen sich deßhalb mit ganzem Herzen der Freude, welche ihnen der Genuß des Huhnes und des Brodes gewährte. Wie schnell beides zu Ende war, könnt Ihr wohl denken. »Jetzt müßten wir auch etwas zu trinken haben,« sagte Camillo zu seinem Hunde. Und Fox der seinen Herrn um so besser verstand, da er dasselbe Bedürfniß fühlte, entschlüpfte zum dritten Male durch den bekannten Eingang. Dießmal kam er nicht allein zurück; es folgte ihm jemand. Der Knabe zitterte bei diesem Anblicke, denn er fürchtete eine Person, welche ärgerlich über die gestohlenen Gegenstände, ihn zur Rechenschaft ziehen würde. »Vielleicht soll ich das geraubte Huhn sammt dem Brode bezahlen. Mein Gott, beschütze mich, Du hast es ja zugegeben, daß Fox mir dieses brachte.« Endlich wagte Camillo, seine Augen zu erheben. Anstatt eines zornigen Mannes, sah er einen Knaben vor sich stehen, nicht größer als er selbst, mit einem frischen, fröhlichen Gesichte, und in der Hand eine Schale mit Wasser haltend. »Ei!« sagte er, bei dem Anblicke Camillos welcher eben noch ein Beinchen des Huhnes aussaugte, und des Hundes, welcher zu den Fü- 4 50 ßen seines Herren lag; — »ei, für Dich also war das Huhn, das Brod und ohne Zweifel auch das Wasser.« »So ist es auch, mein Freund,« antwortete Camillo ein wenig beruhigt, »ich hoffe Sie werden meinem Fox darum nicht böse sein, daß er mir mir getheilt hat.« »Das ist doch sehr komisch, ganz außerordentlich komisch.« Der Küchenjunge konnte sich von dieser Überraschung gar nicht erholen, und gewiß hätte er die Wafserschale fallen lassen, wenn Camillo der die Gefahr ahnte, sie ihm nicht aus der Hand genommen hätte. »O, von dieser Hundesliebe muß ich unseren Herren erzählen, das wird sie ergötzen.« Halb springend, halb laufend kam Baptist in der Küche an. »O kommen Sie doch, kommen Sie, sehen Sie sich einen guten Spaß an.« Dann verschwand er wieder, ohne eine der an ihn gerichteten Fragen zu beantworten; die Köche und Küchenjungen folgten ihm. »Nun was gibt es denn,« riefen sie alle auf einmal. Als sie Camillo mit seinem Hunde vor den Trümmern des Males sitzen sahen, wiederholten sie ihre Fragen. »Das war also für Dich?« »Für mich und meinen Hund,« sagte Camillo zitternd, — »bitte, seien Sie uns darum nicht böse.« »Wir sollen böse sein? Nein, wir freuen uns. Armes Thier, wie schön es ist! Aber woher kommt der Knabe ?« »Du bist kein armes Kind, dazu ist Deine Kleidung zu gut.« »Wie kommt es denn, daß Du mit Deinem Hunde diese Übeneste verzehrst?« Alle diese Fragen wurden so schnell nach einander gethan, daß Camillo nicht wußte auf welche er hören sollte. »Ich bin ein armes, verlassenes Kind,« sagte er; »wer mich verlassen hat, das kann ich nicht sagen; ich habe heute nichts gegessen als ein 51 Stückchen Brod, das man mir schenkte, und die Überreste, welche Sie meinem Hunde zuwarfen.« Die Zuhörer waren bewegt durch die Erzählung Camillos; ohne Zweifel hatten sie schon neue Fragen in Bereitschaft, als ein lautes Schellen an der Glocke hörbar wurde; zugleich ertönte die Stimme des Herrn, welcher sie rief, so daß sie in einem Augenblicke alle auseinanderstiebten. »Warte hier auf mich,« sagte der kleine Küchenjunge im Weggehen. »Siehst Du,« sagte Camillo zu seinem Hunde, indem er ihn streichelte, »siehst Du mein kleiner Fox, eine Wohlthat ist niemals verloren; Du hast Dein Mittagessen mit mir getheilt, jetzt bekommen wir ein anderes. Armer Freund, wenn ich Dich nicht ausgenommen hätte als Du Dich blutend mir entgegenstürztest, ich hätte gestern nicht gewußt wie ich meinen Durst löschen solle, hätte kein Nachtlager gefunden, und ohne Dich, mein Fox, hätte mir heute niemand zu essen gegeben. Wir wollen uns auch nicht mehr trennen; ich habe Dich lieb; magst Du mich auch leiden?« Das Thier, als ob es Camillos Worte verstanden hätte, drängte sich zu dessen Füßen, sah ihn zärtlich an, und knurrte in eigenthümlich wohlwollender Weise. »Gewiß hast Du mich gern,« fuhr der kleine verlassene fort, »armes Thier, Du bist lange nicht so böse wie mein Vetter; Du verläßt mich nicht in dieser großen Stadt Paris, wo niemand auf mich achtet. Wenn ich doch wenigstens arbeiten könnte. Siehst Du Fox darum kann ich den Gedanken nicht fasten, daß mein Vetter mich verlassen hat; daß ich einen geschriebenen Beweis davon in meiner Tasche habe; ich kann es nicht glauben es scheint mir oft, als müßte ich ihn jeden Augenblick Wiedersehen. .. . Ach, ich will lieber gar nicht daran denken. Ich höre den Küchenjungen kommen; wir werden unser Mittagbrod vollends einnehmen, denn ich bin noch sehr hungrig.« Es war in der That der erwartete Junge; er trug einen alten, bedeckten Korb. »Hast du Deinen Hund sehr gern, Kleiner,« fragte er Camillo? 4 * 52 »Wie meine Augen!« ' »Dann folge meinem Rathe; nimm diesen Korb, und verlasse diesen Ort, denn mein Herr hat die Absicht, sich Deines Hundes zu bemächtigen, gehe es nun wohl oder übel« »Er will mir meinen Hund nehmen? und mit welchem Rechte?« »Mit dem Rechte des stärkeren! Nimm, sage ich Dir, und geh, während mein Herr noch am Ofen beschäftigt ist. In dem Korbe findest Du zu essen und zu trinken; geh geschwind fort.« — Camillo nahm den Korb aus den Händen des Küchenjungen; die Furcht seinen Hund, seinen einzigen Freund, seinen Trost, zu verlieren, betäubte ihn ganz und gar; er führte Fox an seinem Taschentuche, und überließ sich neuerdings dem Zufalle. Die Nacht war eingebrochen; aber der Glanz der Gasflammen erleuchtete sie. 6. Kapitel. Der kleine Schulmeister. Meine jungen Leser werden es wohl bemerkt haben, daß Camillo sich nicht allzuweit von dem Neubau entfernt hatte, auf welchem er in der vergangenen Nacht einen Zufluchtsort fand. Es lag in seiner Absicht, dahin zurückzukehren. Das Haus befand sich am Anfänge der Straße I.oui8 ts Oranck. — Camillos kleines Herz schlug lebendiger, als er sich demselben näherte. »Wird der Invalide mich wohl wieder aufnehmen,« dachte er. »Du lieber Gott; wie traurig ist es, kein sicheres Nachtlager zu wißen. O Gustav, Gustav!« Als er an dem Gerüste des Hauses angelangt war, klopfte er an ein Bret desselben, welches über quer befestigt war, um den Eingang zu versperren; eine heisere Stimme antwortete: »Bist Du es Austerlitz?« »Ja, und der kleine Robinson kommt mit; guter Invalide, wollen Sie uns beide aufnehmen?« und der Miicl-enjunge.x^ 53 »Du kommst ziemlich spät, mein alter,« sagte der Invalide indem er das Brett in die Höhe nahm, um die beiden Ankömmlinge einznlassen. »Haben Sie mich denn erwartet,« fragte Camillo verwundert? »Gewiß; ich wußte wohl, daß Du in Paris keinen andern Zufluchtsort finden wirst, denn hier muß man alles bezahlen. Komm herein; ich habe auch ein Abendbrot für Dich; Austerlitz, gib mir die Pfote.« Er schob eine Schale unter Foxens Nase. »Ich danke schön, mein Invalide,« sagte Camillo, »ich habe ein Nachtessen bei mir.« »Hebe es Dir zum Frühstück auf. Komm, setze Dich zu mir, und erzähle mir, warum Du heute Morgen dem Baumeister dieses Hauses nicht als Stalljunge dienen wolltest.« »Weil mein Onkel mich nicht darum erziehen ließ, damit ich Bedienter werden soll.« »Ach, wie weit würdest Du denn mit Deiner Erziehung kommen; der Mensch will essen, siehst Du; ich kenne keine wichtigere Aufgabe.« »Und doch auch arbeiten, nicht wahr.« »Was willst Du denn mit Deinen kleinen Armen anfangen?« »Aber ich bin schläfrig, morgen wollen wir weiter davon sprechen. Gute Nacht! Gute Nacht, Herr Invalide.« »Sage dem Austerlitz, daß er gute Wache hält.« »Seien Sie unbesorgt.« Einen Augenblick später schliefen Camillo, der Invalide und der sogenannte Austerlitz, unter den Balken des Neubaus. Am andern Morgen, bei Tagesanbruch kamen die Maurer. Camillo hatte schon lange gewacht, er stand darum bald auf und ging zu den Männern, um sie zu bitten, daß sie ihn ihr Handwerk lehren möchten! »Armes Kind, Du bist ja zu schwach,« antwortete einer der Arbeiter. »Ich muß aber doch leben.« »Und dann,« wendete ein anderer ein, »muß jedes Handwerk ge- 54 lernt werden, die Lehre aber muß man bezahlen, und wo nehmest Du Geld her, um die Deinige damit zu bestreiten?« »Nun Gott; lehren Sie mich was Sie können, und ich will Sie lehren, was ich kann.« »Und was kannst Du?« »Ich kann .... ich kann Biolin spielen.« »Schönen Dank, davon mache ich keinen Gebrauch.« »Ich kann schreiben.« »Da müßte ich zuerst lesen können.« »Gut. Ich lehre Sie lesen, und Sie lehren mich Steine schneiden.« »Das geht,« sagte der Arbeiter. »Da seh einer,« rief der Invalide voll Entzücken; »was die Kinder heut zu Tage vermögen. Zu meiner Zeit, Gott verzeih mir, wäre keinem. Kinde der Gedanke gekommen, seinen Nachbar lesen zu lehren; darum konnte ich auch mein Lebtag kein Wort entziffern. »Ich werde Sie auch lesen lehren,« sagte Camillo, wenn Sie Lust dazu haben.« »Ich bin zu alt, um noch zu lernen; aber weil Du lesen kannst, so wirst Du mir die Geschichte der Schlachten unsers Kaisers vorlesen. »Da kommt mir ein Gedanke,« sagte einer der Arbeiter; »der Knabe ist zu schwach, um unser Handwerk zu lernen; es gibt aber mehrere hier unter uns, die nicht lesen können, diese soll er in den Ruhestunden unterrichten; dafür bekommt er sein essen mit dem Invaliden, desgleichen sein Nachtlager. Auf diese Art weiß er, wo er essen und bleiben soll, und für das weitere wird Gott sorgen. »So ist's recht.... nach allem wird Gottes Gnade helfen,« erwiderte Camillo. Als die Frühstückstunde für die Arbeiter gekommen war, gab ihnen der kleine Schulmeister den ersten Leseunterricht aus seinem Robinson; nach der Lehrstunde nahmen die Leute ihre Arbeit wieder auf; da kam der Invalide mit einem Pack alter, zerrissener Zeitungen. 1 55 »Jetzt lese mir die Beschreibung meiner Schlachten vor,« sagte er zu Camillo, »das wird mir die gute, alte Zeit zurückrufen.» »Eine Zeit, in der man einander todtschlägt, nennt Ihr gute Zeit,« sagte der Knabe lächelnd. »Und wo man nicht mit Sicherheit auf den Abend des beginnenden Tages zählen konnte, wo man fürchten mußte, sich selbst nicht mehr vollständig wieder zu finden.« »Ach, welche Zeit! Und wie es scheint habt Ihr es wirklich erlebt, daß Ihr Euch eines Abends nicht vollständig wiederfandet,« sagte Camillo, auf das hölzerne Bein des Invaliden hinweisend. »O, ich gäbe auch mein anderes Bein, wenn ich diese Zeit noch einmal erleben könnte,« antwortete der alte Mann voll Begeisterung! 7. Kapitel. Der kleine Lehrer verliert seine Schüler. Die Zahl der Maurer, welche Camillo zu ihrem Lehrer angenommen hatten, belief sich auf zehn. Sie waren alle junge, kräftige Leute, welche in Paris nur deßhalb waren, um ihr Gesellenjahr zu vollenden, und den Pflichten einer Kameradschaft nachzukommen, zu welcher sie gehörten. Diese bestanden darin, daß sie sich im Lande selbst auf die Wanderschaft begaben, und in jeder Stadt, durch welche sie kamen, eine Zeit lang gearbeitet hatten. Später werde ich meinen Lesern die Geschichte eines solchen Wanderburschen erzählen; jetzt müssen wir zu unserem kleinen Robinson von Paris zurückkehren. Von dem Standpunkte eines ganz verwaisten Kindes aus, welches für seinen Lebensunterhalt selbst sorgen muß, verstrichen Camillo's Tage jetzt ziemlich ruhig und angenehm. Ein weiches Lager hatte er freilich nicht, aber mit zehn Jahren schmeckt der Schlaf auf einem Strohbündel so gut, wie in einem Federbett. Aß er auch nichts als Brod und Suppe, so verzehrte er sein Mal doch stets in Gesellschaft fröhlicher Menschen, die eben auch keine gewählten Speisen hatten; eine Lehr- 56 stunde hielt er des Morgens, die andere des Abends; in der Zwischenzeit las er dem Invaliden seine alten Zeitungen vor, die übrige Zeit spielte er mit seinem Fox, dessen Anhänglichkeit an seinen Herrn täglich wuchs. Kinder leben nur der Gegenwart, unbekümmert was die Zukunft bringen wird! Das bewies auch Camillo; er dachte nicht daran, daß das Haus einmal fertig werden würde, daß die jungen Arbeiter ihre Wanderschaft durch Frankreich fortsetzen müßten, daß er folglich keine Schüler, keinen freundlich sorgenden Invaliden und kein Nachtlager mehr haben würde. Und ach! dieser Tag kam. Es war an einem schönen Sonntag des Monats August; die Sonne war herrlich aufgegangen, und verbreitete einen wunderbar festlichen Glanz über die Erde; Camillo hoffte diesen Tag mit dem Invaliden allein zuzubringen, weßhalb er sehr erstaunt war, als er über den Zimmerplatz seine zehn Schüler kommen sah. »Guten Tag, kleiner Meister!« sagten sie, indem jeder von ihnen seine Freundlichkeit auf andere Weise bezeugte. Selbst Fox wurde von ihnen begrüßt. »Wollen Sie heute lernen,« fragte Camillo, indem er schon das Buch öffnete. »Du bist nicht mehr unser Lehrer,« antwortete einer der Maurer. »Nein, Du bist es nicht mehr,« sagten mehrere zu gleicher Zeit, »wir kommen eben um Dir Lebewohl zu sagen.« »Ihr geht fort?« sagte Camillo ganz bestürzt. »Wir kehren in unsere Heimat zurück; morgen findet uns die Sonne auf der Heerstraße; darum wollen wir den letzten Tag mit einander verleben, natürlich: mit Erlaubniß des Herrn Invaliden.« »Das ist ganz schön,« erwiderte Vater la luils, »nehmt den Knaben nur mit, meine Freunde, macht ihm ein Vergnügen, aber merkt auf, und gehorcht dem Befehle: Gebt dem Kinde nichts zu trinken, ich 57 weiß es, daß Trinkgelage stets einen Theil Eurer Versammlungen aus- füllen, denket an das Wohl des Kindes; wenn der gute Junge krank würde, müßte man ihn in ein Krankenhaus bringen.« »Seid ruhig lieber Vater In luils,« antworteten die Maurer, »wir stehen für unfern kleinen Lehrmeister, wie für uns selbst. Geh, bürste Deinen Hut aus; wir machen uns auf den Weg.« »Ei sieh doch,« sagte der Invalide, indem er Camillo vom Kopfe bis zu den Zehen musterte, »wie hast Du es nur gemacht, um Dich für den heutigen Tag heraus zu putzen als gälte es eine Heerschau? Gestern war Dein Hemdchen schwarz wie mein Hut, heute ist es weiß wie eine Lilie. —« »Die Noth ist die Mutter der Erfindung,« erwiderte Camillo; «ich war gestern recht traurig, als ich bedachte, daß ich bald meinen zweiten Sonntag mit einem schmutzigen Hemde am Leibe verleben müsse, das ich seit meiner Ankunft hier noch nicht gewechselt halte; da bemerkte ich die Obsthändlerin neben an, welche mir manchen Rettig schenkt, damit ich nicht allein trocknes Brot esse, oder die mir ein Stückchen Käse aufbewahrt; sie wusch Hemden; da dachte ich bei mir, wie glücklich würdest Du sein, wenn Du das Deine auch gewaschen hättest. In dem Laden saßen junge Mädchen, welche Erbsen aushülsten. »Denen könntest Du helfen!« sagte ich mir. Ich ging zur Obstfrau, und grüßte sie höflich. »Was möchtest Du denn gerne, Kleiner,« sagte sie zu mir. »Möchten Sie mir wohl erlauben, daß ich den Mädchen beim Aushülsen helfe.« »Sehr gerne, mein Kind,« antwortete die Frau, Du kannst Dir ein Abendbrot verdienen. —« »Ein Abendbrot bedarf ich nicht, aber mein Hemd und meine Strümpfe möchte ich gerne gewaschen haben.« »Darauf kommt es nicht an, mein Kind,« sagte die Frau, »geh in den hintern Laden, und gib mir Deine Wäsche.« Gesagt, gethan! Daher kommt es nun, Vater ln I'uils, daß ich heute so reinlich aussehe.« 58 »Bravo!« riefen die Arbeiter. »Nun wollen wir aufbrechen.« Und Camillo trat in Begleitung der zehn Maurer seinen Weg an. »Was hast Du von Paris schon gesehen, Kleiner?« fragte einer der Leute. »Das Haus, welches wir eben verlassen haben, die eine Ecke der Boulevards bis an das 6ut6 (io knriV und die Tuilerien,« fügte er seufzend hinzu. »Das ist da, wo man Dich ausgesetzt hat? Willst Du dort einen Spaziergang machen?« fragte einer der Arbeiter. »Nein, o nein,« erwiderte Camillo heftig. »Magst Du lieber in die eliseischen Felder gehen?« »Sehr gerne,« antwortete der Knabe;« der Name dieses Ortes weckte in seiner Vorstellungskraft freundliche Bilder. »Mir fällt etwas ein, Kameraden,« sagte der jüngste der Maurer; »schlendern wir durch die eliseischen Felder bis an die Sternlinie, dort bekommt man den billigsten Wein; auch werden wir uns dort gut unterhalten.« Das Vergnügen des Arbeiters besteht im trinken; das gilt für alle Städte und Länder. Unsere eilf Freunde gingen nun Arm in Arm; Camillo und Fox in der Mitte; leicht und sorglos schleuderten sie durch die Alleen. Die Arbeiter sprachen von ihrer Abreise, dann von ihrer Ankunft in der Heimat und von ihren Familien. Der erinnerte sich fröhlich seiner Schwester, verändere seines Freundes; dieser sprach von seinem Vater, jener von seiner guten Mutter; heitere Einfälle und fröhliches Lachen wechselten miteinander. So gelangten sie endlich an den schönen Triumpfbogen, dem Schlußstein der eliseischen Felder. Camillo ging zwischen diesen fröhlichen Gesellen ganz still dahin; obgleich er noch ein Kind war, so fiel es ihm doch schwer auf's Herz, daß er keine Familie, keinen Freund, kein Daheim hatte. Sein Hund leckte 59 ihm die Hand, und schien ihm mit dieser Liebkosung sagen zu wollen: »ich will Dir Familie und Freunde ersetzen.« Unsere Arbeiter waren zu sehr zerstreut, um Camillo's Traurigkeit zu bemerken. Sie waren bei einer Schenke angelangt über welcher die Worte standen: »Zum Stelldichein.« «Dieser Schild scheint uns zu Ehren verfaßt zu sein,» sagten sie; »wir müssen ihn zur Wahrheit machen.« Lärmend traten sie ein. Camillo folgte ihnen und setzte sich. Fox, der keine Aufforderung abwartete, sprang auf die Bank, um sich an der Seite seines Herrn niederzulasten. Obgleich es noch Morgen war, als die Schüler mit ihrem Lehrer an dem Tische der Schenke Platz genommen hatten, so fand die einbrechende Nacht sie doch noch an derselben Stelle. »Sollten wir nicht nach Hause gehen?« bemerkte Camillo schüchtern. — Ohne diese Worte zu beachten, rief einer der Arbeiter, dem der Wein in den Kopf gestiegen war, seinen Gefährten zu: »Kameraden! mir ist ein Gedanke gekommen. Die Nacht ist schön; jeder hat seine Geldkatze bei sich, unser Gepäck ist nicht schwer, wir könnten abreisen. Meiner Meinung nach ist es vernünftiger im Monat August bei Mondenschein als bei Sonnenhitze zu wandern.« »So soll es sein!« erwiderten sie alle wie aus einer Kehle. Sie erhoben sich und riefen den Wirth herbei, um mit ihm zu rechnen. »Und ich?« unterbrach die ängstliche Stimme Camillo's. »Ja richtig!» sagte einer der Arbeiter, indem er sich verlegen hinter den Ohren kratzte, »unser kleiner Lehrer ist auch da. Was werden wir mit ihm machen? Bald hätten wir ihn vergessen.« «Das wäre nicht übel,« erwiderte der älteste des Bundes, »schnell die Börse gezogen Kameraden, wir veranstalten eine Sammlung für unfern kleinen Schulmeister, damit kann er einen Wagen miethen und sich nach seinem Gasthofe fahren lasten.« 60 Sogleich hatte jeder Geselle ein Frankenstück aus der Tasche, und legte es in Camillo's Hand. »Nun hast Du zehn Franken,« sagte der älteste, »mit dieser Summe könntest Du Dich nach Amerika einschisfen!« Ein anderer fügte hinzu: »Schlage wieder die Straße nach Paris ein, gehe durch das Stadtthor, vor dem Gitter wirst Du Miethwagen finden, da steige in den ersten besten hinein, sage zu dem Kutscher: »Straße I^oui8 1s Oianä Nr. 24, das im Bau begriffene Haus, und wünsche uns vorher noch eine glückliche Reise. —« »Du wirst doch keine Umstände machen!« sagte einer der Männer zu Camillo, welcher das Geld nicht nehmen wollte; »Du hast es ja verdient; hast Du uns nicht die Buchstaben kennen gelehrt, und haben wir mit Deiner Hilfe nicht sogar schon buchstabiert; umsonst ist der Tod, in der Welt aber verdient jede Mühe Lohn. Das Geld gehört Dir mit vollem Rechte; stecke es ein und hüte Dich vor den Dieben. Nun gute Nacht, noch einen Handschlag! — Fox gib mir Deine Pfote! Vorwärts Kameraden!« Camillo sah sie mit Thränen in den Augen fortziehen, dann steckte er seine zehn Franken ein, und nahm mit gesenktem Kopfe und wehmüthigem Herzen den Weg nach Paris. Fox hatte den Tag über viel gegessen und viel getrunken, darum bemerkte er die Traurigkeit seines Herrn nicht. 8. Kapitel. Die beiden Unbekannten in den eliseischen Feldern. Camillo that wie ihm die Maurer gesagt hatten. Als er durch das Stadtthor war, näherte er sich einem Miethwagen. »Wie viel verlangen Sie, Herr Kutscher, wenn sie mich nach der Straße 4.oui8 t6 Oranct fahren?« fragte er. 61 »Den Fahrpreis, mein kleiner Herr,« antwortete der Kutscher, dreißig Kreuzer, und was Sie mir außerdem als Trinkgeld geben wollen.« »Dreißig Kreuzer!« wiederholte Camillo; er überlegte. Nichts weckt die Thätigkeit des Geistes mehr, als das Unglück. Camillo hatte in den vierzehn Tagen seiner Verlassenheit mehr gelernt, als in den zehn Jahren, welche er in dem Hause seines Onkels verlebte. »Dreißig Kreuzer; wenn ich sie von zehn Franken wegnehme, so bleiben nur mehr acht Franken und zehn Kreuzer; von diesen dreißig Kreuzern kann ich meinem braven Invaliden Tabak kaufen, das wird ihn freuen, und ich habe dabei mein Geld bester angewendet, als wenn ich es verfahre. Ich werde meinen Weg wohl selbst finden. Zudem habe ich ja einen Mund und kann fragen.« »Nun, steigen Sie nicht ein, mein kleiner Herr,« fragte der Kutscher, indem er die Wagenthüre öffnete, und den Tritt herunter ließ. »Nein, ich habe es mir überlegt.« »Sie haben überlegt, daß Sie kein Geld haben,« entgegnete der Kutscher, »aber das macht nichts; steigen Sie nur ein, Ihre Aeltern werden mich schon bezahlen.« Camillo entfernte sich mit schnellen Schritten, die Bemerkung des Kutschers hatte neuerdings seinen Kummer erregt. Ich weiß nicht, ob meine jungen Leser schon die Bemerkung gemacht haben, daß ein Weg, den man nur einmal, und dazu bei Tage zurückgelegt hat, des Nachts ganz verändert aussieht. So ging es Camillo in diesen langen Alleen, in welchen wenig Laternen brannten; diese glichen einzelnen Sternen, welche durch dunkle Wolken leuchten. Nur mit großer Mühe konnte er den schönen Spazierweg wieder erkennen, den er am Morgen vom Sonnenglanze erleuchtet, und von einer geschmückten, wogenden Menschenmenge gefüllt sah. Obgleich er nicht recht wußte wohin er sich wenden mußte, so ging er doch schnell, in 62 der Richtung nach einem leuchtenden Puncte, welcher noch sehr weit entfernt war, aber das Ende der Allee zu sein schien. In Camillos Alter quält man sich noch nicht sehr mit Sorgen. Dennoch dachte er über den Verlust seiner Schüler nach, und über den Mangel eines täglichen Mittagessens, welcher für ihn daraus erwuchs. Er ging mit sich zu Rathe, was er künftig anfangen solle, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Ganz in Gedanken vertieft, bemerkte er nicht, daß ihm zwei Männer folgten, welche ihn seit dem Augenblicke nicht verließen, wo die Arbeiter ihm das Geld gegeben hatten. Sie hatten ein recht verwildertes Aussehen. Hätte Camillo auf seinen Hund geachtet, er müßte dessen Bewegung bemerkt haben, und das unruhige von einem beständigen Knurren begleitete herumschnüffeln an den verdächtigen Männern, die sich trennten, als sie im ödesten Theile der eliseischen Felder angekommen waren. Einer hielt sich zu Camillos rechter, der andere zu dessen linker Seite; der erstere sprach den Knaben an. »Mein kleiner Herr,« sagte er, indem er eine fremdartige Aussprache erkünstelte, »die Straße von Orleans, wenn ich bitten darf.« »Ich bin nicht von Paris, Herr,« antwortete Camillo, »ich kenne hier nur eine einzige Straße, diese heißt Uoui8 Io Oremck, und ich wollte Sie eben um den Weg dahin fragen.« Nun näherte sich der andere Mann: — »Was wünschen Sie meine Herren?« fragte er. — »Ich wünsche die Straße d'Orleans zu finden,« erwiderte der Fremde.« »Und ich die Straße Uouis le 6ranck,« fügte Camillo hinzu. »Das trifft ja sehr glücklich zu, daß Sie mich gerade begegneten, meine Herren,« entgegnete das zweite Individuum; »die beiden Straßen sind neben einander; ich muß durch beide gehen, um nach Hause zu gelangen, und wenn Sie wollen, so können wir den Weg miteinander zurücklegen.« »Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen,« entgegnete der Fremde; 63 »ich komme aus Nordamerika, bin sehr reich, und werde sie reichlich für mich und diesen Knaben bezahlen, denn der kleine hat ohne Zweifel kein Geld; ich sah ihn vor einem Miethwagen stehen, ohne daß er hineinzusteigen wagte.« »O doch,« sagte Camillo ohne Bedenken, »ich habe zehn Franken, ich wollte aber davon zu dem Zwecke mich fahren zu lasten nichts ausgeben, weil ich gehen, und nach meinem Wege fragen kann.« »Das ist sehr vernünftig, mein Freund,« erwiderte sehr freundlich der Fremde; »sind Sie schon lange in Paris? Sind Ihre Altern reich? Wie kommt es denn, daß Sie um zehn Uhr Abends, einen so entlegenen Weg allein zurücklegen?« Ohne seinen bösen Vetter zu nennen, erzählte Camillo in kindlicher Weise seine Verlassenheit, und seine Schicksale bis auf diesen Tag. Während er sprach, hatten die beiden Gauner sich einander genähert, und hätte Camillo nur ein Bischen mehr Lebenserfahrung gehabt, es hätte ihn überraschen müssen, daß zwei Männer, welche sich vor kurzem noch nicht kannten, Arm in Arm gingen, und sich ganz leise unterhielten. »Ei, es sind doch immer zehn Franken,« sagte der eine ziemlich laut. »Was sagen Sie? Zehn Franken,« wiederholte Camillo ohne jeden Verdacht. »Ich habe dem Herrn eben diese Summe angeboten, wenn er uns begleiten will,« sagte der Fremde. Camillo wollte eben einwenden, daß der Kutscher des Miethwagens nicht so viel verlangt habe, als er bedachte, daß der gemachte Vergleich den gefälligen Mann beleidigen könnte; er schwieg, und folgte den Männern; plötzlich bemerkte er die Unruhe seines Hundes, welcher seinen Herrn nach der belebteren Seite der elyseischen Felder lenken zu wollen schien. »Wollen wir uns nicht mehr dorthin halten,« sagte Camillo zu seinen Gefährten, »ich sehe dort Lichter und Menschen, es ist dort lustiger zu gehen als hier.« Bei dieser Frage, welche Camillo nur in der Absicht that, um sich 64 den Lichtern nähern zu können, von denen die Laden der Honigkuchenverkäufer erleuchtet waren, tauschten die Männer einen eigenthümlichen Blick aus. »Was ist daran gelegen!« sagten sie. „Es wird dort im Gegentheil bald finsterer sein als hier.« Camillo hatte Lust sie um eine Erklärung dieser Worte zu bitten, aber er wagte es nicht; auch verscheuchte Fox die Gedanken Camillos, durch lebhafte Freudenbezeugungen, zu welchen ihn die Nähe mehrerer Fußgänger anregte. Als sie durch eine Seitenallee gingen, hörte Camillo ein klägliches Stöhnen; er folgte dessen Spur, und bemerkte bald einen Greis, der auf die Erde hingestreckt war. 1. Kapitel. Der Blinde, welcher seinen Hund verloren hat. Camillo ließ sich von seinem guten Herzen bestimmen. Ohne auf den Rath seiner Gefährten zu warten, stürzte er sich zu dem Greise hin. »Seid Ihr gefallen, mein Freund?« fragte er, »habt Ihr Euch wehe gethan?« »Ach! ich bin ja blind!« antwortete der alte Mann. »Und könnt Ihr nicht nach Hause finden?« »Ich bin blind!« wiederholte der gefallene. »O, meine Herren« — sagte Camillo zu den beiden Männern gewendet, »führen wir diesen Blinden nach Hause.« »Glaubst Du, es ist unsre Aufgabe, alle Leute in ihre Wohnungen zu bringen, «erwiderte der zweite unbekannte in roher Weise, indem er Camillo am Arm ergriff, um ihn gezwungen weiter zu führen. »Ich bitte Euch inständig,« wiederholte Camillo, dann wendete er sich zu dem Fremden, und fügte hinzu: »Da Sie für uns Beide zehn Franken bezahlen wollten, wenn dieser Mann uns nach Hause geleitet, so bezahlen Sie aus Mitleid noch ein wenig mehr, um dieses Blinden willen!« »Ich bezahle nur für jene, welche mir gefallen,« entgegnete der Fremde. »Wohnt Ähr weit von hier entfernt?« fragte Camillo den leiden- 8 66 den, trotz des drängens der beiden Männer, welche ihn mit sich fortziehen wollten. »Ach, mein gutes Kind (denn aus Deiner sanften Stimme erkenne ich, daß Du noch jung bist), das ist nicht meine größte Sorge. »Um was sorgt Ihr Euch denn mehr?« »Komme, komme, mein kleiner Freund,« sagte der Fremde, in schlechtem französisch. »Nur noch einen Augenblick Herr Amerikaner,« antwortete Camillo; »denken Sie doch, daß dieser Mann blind ist; vielleicht wurde er sogar von seinem Führer verlassen.« Darnach wendete er sich wieder zu dem Blinden: »Ihr seid gewiß nicht allein hierher gekommen?« »Ich bin mit meinem Hunde, der mich täglich führte, hierhergekommen; aber ach! ich glaube man hat ihn vergiftet, er ist gestorben, ... ist hier gestorben . . . mein einziger treuer Freund, mein armer Medor!« »So komme doch endlich« sagte mit einem auffallend ungeduldigen und unruhigen Tone einer der beiden unbekannten. »Noch einen Augenblick, ich bitte Sie; Sie waren so gütig gegen mich, seien Sie es auch für diesen Greis. Wollt Ihr, guter Mann in einen Miethwagen steigen, und Euch zu Eurer Wohnung fahren lassen?« »In meine Wohnung! nein, nein!« dahin will ich nicht, sagte der alte Mann mit einer trostlosen Stimme. . . »Meine arme Frau! meine Tochter!« »Wie? Ihr habt eine Frau nnd eine Tochter, nnd wollt nicht zu ihnen zurückkehren!« fragte Camillo. Der eine der Gauner faßte den Knaben am Arm. »Vorwärts,« sagte er, »wir können nicht länger bleiben, komm mit.« »Einen Augenblick noch, meine Herren. O, ich weiß was es heißt, klein zu sein. Und ich bin nicht einmal blind!« »Und hast auch keinen gequetschten oder gebrochenen Arm,« fügte der Blinde hinzu. 67 »Ihr habt Euch den Arm gebrochen?« rief Camillo ganz bestürzt aus. »Nach dem Tode meines Hundes,« antwortete der Blinde mit frommer Ergebung, »wollte ich allein gehen, ich fiel hier nieder, und kann seit dem meinen Arm nicht gebrauchen. Sonst hätte ich mit meiner Violine wohl so viel verdient, um nach Hause kommen zu können, hätte vielleicht sogar meine Miethe bezahlen, oder wenigstens meinen Hausherrn beruhigen können.« »Mit Eurer Violine?« fragte Camillo. »Ja, mein Kind.« Während Camillo sich einen Augenblick zu bedenken schien, traten die beiden Gauner bei Seite, und beriethen miteinander. Der Knabe achtete nicht auf sie, und sagte zu dem Blinden: »Muß man sehr geschickt sein, um durch Violinspielen Geld zu verdienen?« »Ei bewahre, mein kleiner Herr:« antwortete der gefragte; »ich spiele nur eine Melodie, greife dabei oft falsch, trotzdem, daß ich sie seit dreißig Jahren herunter leiere. Mit diesem Verdienste, und dem wenigen, das mein Weib mit nähen, und meine Tochter mit kräutersammeln erwerben, leben wir ärmlich, aber .... wir leben. Von meinem Sohne kann ich hier nicht sprechen, er ist Maurer, und bringt des Sonntags beim Bierkruge durch, was er die Woche über verdiente.« Camillo wendete sich mit einem Male zu seinen Gefährten, indem er sagte: »Meine Herren, dieser alte Mann kann nur eine Melodie auf seiner Violine spielen, ich aber habe vier Melodien gelernt, ich will sie spielen, um so viel zu verdienen, daß er nach Hause kehren kann. Warten Sie so lange, ich bitte darum.« »Du bist wohl nicht gescheidt!« sagte der Fremde zornig, indem er vergaß in gebrochenem französisch zu sprechen. »Wir haben lange genug gewartet, vorwärts jetzt, komm mit.« »Ei, Ihr sprecht ja mit einem Male ganz gut französisch,« sagte 8 * 68 Camillo, indem er den Mann ganz erstaunt betrachtete, und zum ersten Male sein häßliches, verzerrtes Gesicht bemerkte. »Mein Kind,« sagte der Greis, ohne Camillos Worten Aufmerksamkeit zu schenken, »Sie sind ein braver, guter Knabe, ich danke Ihnen für Ihre wohlgemeinte Absicht, aber gehorchen Sie vor allem Ihren Ältern.« »Diese Herren sind weder meine Ältern, noch andere Verwandte von mir,« antwortete Camillo, »ich kenne sie gar nicht. Sie versprachen mir, mich nach Hause zu geleiten, das nahm ich gerne an; aber ich bin ihnen keinen Gehorsam schuldig, und weil ihr Herz so gefühllos ist, daß sie mir nicht gestatten, Euch diesen kleinen Dienst zu leisten, so mögen sie hingehen, wohin sie wollen; der gute Gott wird mich gefälligere Menschen finden lassen. Ich wünsche Ihnen einen recht guten Abend meine Herren, thun Sie sich meinetwegen keinen Zwang an, und setzen Sie ihren Weg fort.« »Weißt Du,« antwortete ihm jener, der sich bis jetzt für einen Fremden ausgegeben hatte, in gutem französisch, »daß wir Dich zwingen könnten mit uns zu gehen.« Nach dieser Drohung legte jeder der Männer eine Hand auf Camillos Achsel. Die Angst ermuthigte den armen Knaben. »Was soll das!« rief er aus, »Sie haben kein Recht mich wegzuführen; lassen Sie mich los, sonst rufe ich nach Hilfe.« Kaum hatte er diese Worte ausgerufen, so verschwanden die beiden Männer. »Nun,« sagte Camillo ganz erstaunt, »wo sind sie denn hingekommen?« »Haben Sie Geld bei sich,« fragte der Greis? »Ich habe zehn Franken, mein guter Mann.« »Wußten es diese Männer?« »Gewiß, ich habe es ihnen nicht verheimlicht.« »Dann haben sie keine guten Absichten, und sind sicherlich Diebe, 69 glauben Sie es. Danken Sie Gott, der Ihnen den Gedanken gab, mir beizustehen. Ihr gutes Herz hat Sie vor einem Leide bewahrt.« »Diebe!« wiederholte Camillo mit einem Ausdrucke des Schreckens, und sah ängstlich um sich; »Diebe? — Wenn Ihr, guter Mann, Euch erheben könntet, so wollten wir uns ein wenig mehr nach jener belebteren Seite hinwenden.« »Ich will es versuchen; mein Arm schmerzt sehr. Übrigens halte ich ihn nur für verstaucht. Wollen Sie mir Ihre Hand reichen? Wo wohnen Sie?« »In der Straße: Uoui8 16 Orunck,« antwortete Camillo, indem er den Greis aufforderte sich auf seine Achsel zu stützen. »Ich wohne nicht weit von hier, in einer der nächsten Straßen. Wenn ich bis Mitternacht nicht zu Hause bin, so wird meine Tochter mich holen, dann wollen wir Sie miteinander nach Hause geleiten, fürchten Sie darum nichts.« »Und während wir warten,« entgegnete Camillo, »will ich für Euch Geld verdienen, damit Ihr Eure Miethe bezahlen könnt; Ihr habt doch gesagt, daß die Violine Geld einbringt. Komme Fox, wir wollen gehen.« »Sie haben auch einen Hund?« fragte der Greis, dem das Thier eben die Hand leckte. »Wie eigenthümlich ist es doch,« erwiderte Camillo, »Ihr seid nicht besser gekleidet als die beiden Männer, welche uns eben verließen, und Fox liebkoset Euch, während er in ihrer Nähe nur brummte, und knurrte.« »Die Hunde haben einen merkwürdigen Instinkt,« antwortete der Blinde; »Fox hat es errathen, daß sein Herr sich einen Freund erworben hat, ich möchte fast sagen eine Stütze; aber ach! Elend ist mein Theil! und Elend ist niemanden eine Stütze,« fügte er traurig hinzu. »Wer weiß,« sagte Camillo lächelnd; »will ich Euch doch diesen Abend beschützen, und bin eben so elend als Ihr selbst es seid.« 70 2. Kapitel. Der kleine Violinspieler. Sie gingen zusammen, um einen guten Platz zu wählen; Camillo erzählte im gehen dem alten Blinden die Abenteuer, welcher er seit seiner Ankunft in Paris schon gefunden hatte. »Wo wollen wir uns setzen,« unterbrach er sich selbst. »Wenn es angeht, vor ein Kaffeehaus, mein kleiner Freund.« »Hier ist eines; das Gesandtschaftskaffeehaus.« »Suchen Sie einen Tisch aus, an dem Kinder sitzen.« »Warum?« »Weil Kinder von der Musik nichts verstehen; sie gefällt ihnen, mag sie sein, wie sie wolle.« «Schönen Dank; Ihr erwartet demnach nur schlechte Musik von mir. Hier ist ein Tisch an welchem ein Herr mit drei Mädchen sitzt.« »Das ist recht, setzen Sie Ihren Hund neben sich, stellen Sie die kleine Schale vor ihn, und fangen Sie an.« Camillo führte seinen Bogen über die Saiten hin, und überraschte den Greis, durch seinen reinen Strich. »O, Sie sind ja sehr geschickt,« sagte er, »gut, sehr gut; — kommen die Leute?« »Gewiß,« sagte Camillo bewegt; »aber ich muß Euch gestehen, daß ich mich schäme, denn ich habe bis jetzt nur vor meinem Onkel und meinem Lehrer gespielt.« »Nur Muth, Muth, mein liebes Kind;« sagte der Greis, mit leiser, klagender Stimme; »wenn ich heute meiner Familie nicht sechs und zwanzig Franken nach Hause bringe, so sind wir morgen obdachlos. Mein armes Weib ist seit zwei Jahren lahm, und meine Tochter, ein siebzehnjähriges Mädchen, kennt keinen frohen Tag. Nur Muth! liebes Kind; ich höre die Geldstücke in die Schale fallen, aber wie viel müssen es sein, bis die nöthige Summe da ist.« k.(eme 71 »Aber Ihr Bogen hält inne; der Takt wird langsamer, was haben Sie denn? fehlt Ihnen etwas?« »Große Schweißtropfen stehen mir im Gesichte,« antwortete Camillo; »ich glaubte nicht, daß es so schwer sei, öffentlich zu spielen; vor Leuten, welche man gar nicht kennt.« »O, möchte doch der Gedanke, daß Sie eine Familie retten, diese Angst verscheuchen! In Ihrem Alter ist sie ganz natürlich; aber wenn Ihnen die Hitze unerträglich wird, so nehmen Sie Geld aus der Schale, und lassen Sie sich im Kaffehause eine Erfrischung dafür geben.« »Nein, nein;« entgegnete Camillo, »dieses Geld dürfen wir nicht berühren.« »So nehmen Sie Ihren Bogen wieder, und spielen Sie; spielen Sie, mein jugendlicher Retter. Gott wird die Mühe segnen, welche Ihnen Schweißtropfen erpreßt; Sie haben sich eines Blinden erbarmt, Gott wird sich Ihrer erbarmen.« »Sprecht nicht mehr davon, guter Alter; diese Lobsprüche beschämen mich; ich habe alle mir bekannten Melodien gespielt, soll ich von vorn anfangen?« »Ja gewiß, wenn Sie nicht zu sehr ermüdet sind.« »Ich fange an, mich an diese Menschenmenge zu gewöhnen; Ihr werdet sehen, daß ich dießmal bester spiele.« Camillo spielte wirklich wie ein kleiner Engel, daher regnete es Geldstücke, jeder wunderte sich über die Anmuth, Reinheit und Nettigkeit des kleinen Spielers; jeder brachte seine Gabe mit Anerkennung oder Ermuthigung. Die Zeit verstrich, das Menschengewoge legte sich, die Kaffeehäuser und ihre Umgebungen wurden leer; Camillo hörte auf zu spielen, und sagte es dem Greise daß niemand mehr anwesend sei. »Dann wollen wir das Geld zählen,« sagte der Greis, »und es theilen, denn Sie haben ihr Theil wohl verdient.« »Theilen?« rief Camillo aus. »Nein, gewiß nicht, mein ehrli- 72 cher Alter, ich habe nur für Euch gespielt; Ihr wißt ja, daß ich zehn Franken besitze und damit reich bin.« Der Blinde lächelte, indem er den Betrag aus der Hand des Knaben nahm. Zu gleicher Zeit näherte sich der Kaffeehauseigenthümer dem Alten, und sagte: »Jetzt, da die Tische leer sind, kommt hierher und setzt Euch; laßt dem allerliebsten Jungen Erfrischungen reichen..... Was wollen Sie? Bier, Thee, Kuchen.... .« «Wie kommt es, daß Sie heute so liebenswürdig sind, mein Herr?« sagte der Blinde, indem er die Einladung annahm. »Das kommt daher,« entgegnete der Kaffeewirth, »weil Ihr mir gewöhnlich durch Euer schlechtes Spiel meine Gäste verscheucht, während Euer kleiner Begleiter heute eine Menge herangezogen hat; esset und trinket wie es Euch beliebt, und kommt morgen wieder.« In diesem Augenblicke trat ein junges Mädchen herzu, welches mit Thränen in den Augen einen Ausruf der Ueberraschung nicht unterdrücken konnte. Es war die Tochter des Blinden. 3. Kapitel. Die beste Weise zehn Franken ohne Zinsen anzulegen. »Mein guter Vater, wie hast Du uns heute geängstigt,« sagte das Mädchen zu dem Blinden; »Mutter und ich erwarteten Dich mit Ungeduld, denn es ist bald Mitternacht.« »Höre nur erst, was mir alles widerfahren ist,« antwortete der Greis heiter, »ich habe meinen Hund verloren, und mir den Arm verstaucht; hätte Gott mir nicht diesen kleinen Engel gesendet, wer weiß wann Ihr mich wieder gesehen hättet! Setze Dich, meine Tochter, und zähle die Einnahme zusammen.« »Ach! wäre sie doch hinreichend,« fügte das arme Mädchen hinzu, 73 indem sie die Geldstücke häufchenweise aufeinander legte. »Der Hausherr war eben bei uns, Vater, er ist wüthend, und droht uns aus dem Hause zu werfen, wenn bis morgen Mittag die Miethe nicht ganz bezahlt ist; unsere Einrichtung, unsere wenigen Kleidungsstücke, ja selbst unsere Tauben wird er behalten.« »Wir rechneten auf den Arbeitslohn meines Bruders, aber ach, der Leichtsinnige ist bis zu dieser Stunde nicht nach Hause gekommen. Wie kann man nur den Muth haben sein Geld in der Schenke zu vertrinken, während die ganze Familie von Kummer gebeugt ist? Möchte der gütige Gott ihn doch gnädig von diesem Laster heilen, ich bitte ihn täglich darum.« »Nun ist das Geld geordnet, jeder Stoß enthält zwanzig Kreuzer, die Rechnung ist leicht.« »Wieviel sind es?« fragte der Blinde unruhig, während Marie die einzelnen Stöße zusammenzählte. »Siebzehn,« sagte sie. »Ich mag zählen wie ich will, mein Vater, es kommen nicht mehr heraus. Ach, wir sind verloren!« Camillo war dem Mädchen mit den Augen gefolgt, als sie ihre Finger über die Geldstöße Hingleiten ließ. Ihre Verzweiflung über die fehlende Summe bewegte ihn tief; schnell entschlossen zog er seine zehn Franken aus der Tasche, und legte sie zwischen die Kreuzer, indem er hinzufügte: »und zehn machen sieben und zwanzig.« »Haben Sie also einen Theil der Einnahme in Ihrer Tasche versteckt?« sagte das Mädchen ohne Ueberlegung. »Versteckt?« .... entgegnete Camillo in beleidigtem Tone; »diese zehn Franken gehören mit vollem Rechte mir, Jungfer, ich gebe sie Ihnen, damit Sie die nöthige Summe voll machen können. Es ist doch gut, daß ich keinen Wagen gemiethet habe, denn dann hätte ich Ihnen diesen Dienst nicht erweisen können.« »Ihre zehn Franken will ich nicht,« sagte der Blinde bewegt, behalten Sie sie. Marie, gib das Geld meinem großmüthigen Freunde 74 zurück, es ist sein ganzes Vermögen, alles was er besitzt .... wo ist er denn? .... wo ist seine Hand? ich muß sie küssen. O, mein Gott, mein guter, gnädiger Gott! Wenn das Gebet eines unglücklichen Greises zu Deinem ewigen Throne aufsteigt, so segne dieses Kind!« »Was ist denn geschehen? guter Mann, Ihr weint; und darüber muß ich auch weinen,« sagte Camillo, indem er sich die Thränen trocknete. Marie war von diesem Auftritte überrascht; sie sah bald ihren Vater, bald den kleinen Knaben an. »Da Ihr doch 27 Franken für die Miethe haben müßt, und ich nur 17 verdiente, so ist es wohl billig, daß ich den Rest dazu lege.« »Das nennen Sie billig!« fügte der Greis mit Begeisterung hinzu. »Marie, hast Du die zehn Franken zurückgegeben?« »Aber Vater! ... .« »Meine Tochter thue, was ich Dir befehle. Du sollst nicht nur das angebotene Geld zurückgeben, Du sollst die Einnahme theilen. Wäre sie hinreichend gewesen, so hätte ich von dem großmüthigen Knaben den Theil zu leihen genommen, der ihm von rechtswegen zukommt; da die Summe aber nicht genügt, und ich morgen in jedem Falle mit meiner Familie auf die Straße gesetzt werde, so will ich theilen. Marie, gib dem Knaben acht Franken und zehn Kreuzer; ich bleibe ihm trotz dem zum Danke verpflichtet.« »Und ich,« erwiderte Camillo, »will Euer Geld nicht; ich will es, daß Ihr mein kleines Vermögen annehmt. Mein armer Onkel sagte immer, daß Männer sich gegenseitig helfen müßten. Ich bin wohl noch kein Mann, aber wenn ich Euch heute einen Dienst erweise, so werde ich morgen vielleicht gerne Eure Dienste annehmen.« »Nehmen Sie die zehn Franken des Knaben, guter Greis,« sagte ein dicker Herr, welcher sich vor kurzem an den benachbarten Tisch gesetzt, und dem Streite des Blinden mit Camillo zugehört hatte. »Nehmen 75 Sie sie; ich könnte Sie Ihnen selbst geben, wenn ich nicht fürchtete diesen braven Knaben der Gelegenheit zu einer würdigen Handlung zu berauben. Seien Sie ruhig; ich nehme die Rückzahlung auf mich. . . . Jetzt ist es schon spät ich darf mich nicht länger aufhalten, doch morgen sehn wir uns wieder, hoffe ich. — Sodann näherte er sich einem Wagen, den man ziemlich allgemein kannte, weil er regelmäßig an derselben Stelle der eliseischen Felder stand, und rief seinen Bedienten. »Peter — fahre diese braven Leute nach Hause, und merke Dir ihre Wohnung, damit Du mich morgen hinfahren kannst. Ich gehe zu Fuß nach Hause. Auf Wiedersehen morgen, meine Freunde!« fügte er hinzu, indem er dem alten über den Wagentritt hinauf half; macht keine Umstände, Ihr seid leidend, ich bin gesund. Mir habt Ihr überhaupt nicht zu danken. Euer Dank gebührt nur dem Knaben, besten gutes Beispiel mich zur Nachahmung anregte. Auf morgen also, meine Freunde.« »Wohin fahren wir?« fragte der Kutscher den Blinden. »Zuerst nach der Straße I^oui8 !s Orunck Nr. 24, wo der Knabe hier wohnt, und dann Straße kort-Nukon Nr. 3, wo ich wohne.« Camillo hatte in seiner kindlichen Unschuld die Handlungsweise des dicken Herrn ganz natürlich und einfach gefunden; er sprang seinem Fox nach in den Wagen und als der Wagenschlag sich schloß, rief auch er: »Auf Wiedersehen morgen, mein Herr. —« Hierauf fuhr der Wagen im Gallop davon. 4. Kapitel. Der dicke Herr im zweirädrigen Wagen. Stillschweigend, meine jungen Leser, übergehe ich die vielen Lobsprüche, welche während des fahrend an Camillo gerichtet wurden; ich spreche nicht von der Unruhe des Invaliden, der den Knaben vergebens 76 erwartete, bis er ihn endlich zu seinem großen erstaunen aus dem Wagen steigen sah. Ebenso wenig wiederhole ich die Erzählung Camillo's von den Erlebnissen des Tages, noch die Gedanken des Invaliden hierüber. Ich gehe zum folgenden Tage über. Camillo schlief auf dem Bündel Stroh so gut, wie in dem bequemsten Bette; als er erwachte, sah er neben sich den dicken Herrn im Gespräche mit dem Invaliden. Beide sprachen leise. »Also, armer Knabe,« sagte der Mann zu Camillo, sobald dieser die Augen öffnete, »Du bist ein ausgesetztes, verlassenes Kind, und willst aus Zartheit den Namen des Ungeheuers nicht nennen, das sich so unmenschlich gegen Dich benommen hat. Hier hast Du für's erste die zehn Franken, welche ich Dir schuldig bin; dann möchte ich wissen, was ich weiter für Dich thun kann. Was hast Du gelernt?« »Ich kann lesen, schreiben, rechnen und die Violine spielen, wie Sie gestern gehört haben,« entgegnete Camillo, indem er das Geld annahm, welches der dicke Herr ihm entgegen hielt. Aber, obgleich ich gestern viel Geld dadurch erwarb, so lege ich doch keinen Werth darauf, denn es that mir wehe, aller Augen auf mich gerichtet gesehen zu haben; jedes Geldstück, welches mir zu den Füßen geworfen ward, machte mich schamroth. Wär' es nicht für den blinden Mann geschehen, ich hätte es nimmermehr gethan.« »Jedes Handwerk hat einen goldenen Boden, mein Kind,« entgegnete der dicke Herr; »aber Du gingest einer traurigen Zukunft entgegen, wenn Du darauf angewiesen wärest mit Deinem Instrumente von Straße zu Straße ziehen zu müssen. Zu einer Ausbildung im violinspielen gehört viel Zeit und Geld, denn was man Dir gestern zuwarf, verdankst Du mehr Deiner Jugend als Deiner Kunst. Höre: ich habe mir als Strumpfwirker ein hübsches Vermögen erworben, und mich aus dem Geschäfte zurückgezogen.« »Einmal wöchentlich komme ich nach Paris. Am Ende der eli- seischen Felder, bei Beaujon liegt ein eingefriedetes Grundstück, das 77 gehört mir; da liegen Bretter aufgehäuft, Balken und alte Gartenwerkzeuge. Es sind vortreffliche Fruchtbäume da, diese, so wie alles andere sind eine Lockspeise für lüderliches Gesindel. — Für dieses Grundstück brauche ich einen Wächter, welcher durch ein Horn den nächsten Posten von der Anwesenheit fremder Leute benachrichtigt. —« »Hättest Du Muth diese Stelle anzunehmen, fürchtest Du Dich nicht?« »Vor was sollte ich mich fürchten?« fragte Camillo. »Vor Dieben? Ich habe ja nur zehn Franken; diese werde ich sorgfältig verstecken, so daß das suchen darnach nicht so leicht sein wird.« »Komme also gleich mit,« sagte Herr Raimond. »Verzeihen Sie mein Herr,« unterbrach der Invalide; »Sie haben noch nicht von der Bezahlung gesprochen, welche Sie dem Wächter Ihres Grundstückes bestimmen.« »Ja so! das ist eben keine große Sache« antwortete der gewesene Strumpfwirker. Erstlich bekommt er weder Wohnung noch Einrichtung, weil auf meinem Grund und Boden kein Haus steht; dafür findet er zum andern aber Bretter genug, aus welchen er sich ein Haus zusammennageln kann; die Obstbäume werden ihn mit ihren Früchten nähren. Ich werde ihm noch obendrein Gemüsesamen bringen, damit er ihn säe; auch will ich ihm von Zeit zu Zeit andere Lebensmittel bringen. Ueberhaupt werde ich Sorge tragen, daß er nicht Hungers stirbt. »Einverstanden, mein Herr,« sagte Camillo; «ich werde Ihr Grundstück hüten, gehen wir. Doch erlauben Sie mir vorher, Sie noch einen Augenblick zu verlassen.« Und mit der Unbefangenheit eines Kindes das für jede Bitte Gewährung hofft, hüpfte Camillo davon. Er war bald zurück, und hielt ein Paket Tabak in den Händen, sammt einer Thonpfeife, welche einen Kopf mit einem Dreispitz vorstellte. »Nimm mein guter Vater la I'uils,« sagte Camillo, indem er das ganze dem Invaliden entgegen hielt; ich entbehrte gestern das Fah- 78 ren im Miethwagen, um des Vergnügens Willen, Dir einen kleinen Vorrath an Tabak und eine Pfeife nach dem Bilde Deines Kaisers zu schenken, nimm beides freundlich an, und küsse mich zum Abschiede. Jetzt bin ich bereit Herr Raimond. Vorwärts, Fox. Ach — bald hätte ich mein Buch vergessen.« »Bei Gott, das Kind ist allerliebst,« rief der Invalide gerührt aus, sobald ich in das Jnvalidenhaus zurückgekehrt bin, werde ich Dich an meinem Ausgehtage besuchen, darum .... keinen Abschied, mein junger Freund.« »Du hast Dein kleines Vermögen geschmälert,« sagte Herr Raimond, indem er in seinen Wagen stieg und Camillo mit seinem Fox auf den Rücksitz wies. »Ja,« sagte Camillo, »ich hatte diesem braven Manne eine Ueberraschung zugedacht.« »Was für ein dickes Buch hast Du da?« fragte Herr Raimond, indem er sich auf seinem Vordersitze breit machte. »Es enthält die Geschichte von Robinson Crusoe,« antwortete Camillo ernst, »einem Matrosen, der Schiffbruch litt, auf einen Felsen verschlagen wurde, wo er am ersten Tage gewiß nicht so viele Hindernisse zu bekämpfen hatte, als ich, der ich mich mitten in einer großen Stadt befand.« »Aber am zweiten Tage war die Verlegenheit nicht mehr so groß,« entgegnete der gewesene Strumpfwirker ein wenig spottend. »Nein, Herr, das ist wahr; aber das kommt davon, weil ich von einem kleinen Schornsteinfeger hörte, daß man arbeiten müsse um zu leben.« Der Wagen hielt vor einem Platze, welcher halb mit Brettern, halb mit einer rissigen Mauer umgeben war. 79 5. Kapitel. Das Grundstück des Herrn Raimond. Herr Raimond stieg aus dem Wagen, öffnete eine niedrige Thür, und führte Camillo mit Fox auf ein Stück Land, das eine bedeutende Ausdehnung und eine vollständige Geviertform hatte. Drei Vierttheile des Bodens lagen brach, und waren nur hie und da mit Unkraut und Disteln bewachsen; ein Viertheil war mit großen Obstbäumen bepflanzt, welche ihre fruchtbeladenen Aeste segnend über die Erde breiteten. In einer Ecke war ein Haufe altes Brettergerumpel aufgeschichtet; daneben lagen Balken, verrostete Geräthe und Werkzeuge, oder zerschlagene Steine. Die Mauer, welche zur Einschließung des Grundstückes diente, war theilweise sehr hoch; mitunter aber niedrig und zerfallen; man konnte deutlich die Spuren wahrnehmen, welche böswillige Menschen hier zurückließen. »Hier ist Dein Feld und Dein Obstgarten,« sagte der gewesene Strumpfwirker, »sorge dafür, daß die Diebe Dir die Früchte nicht von den Bäumen holen. Hier findest Du einen Erdäpfelacker, er ist mit wenig Mühe zu bearbeiten. Auf dieser Seite hast Du eine kleine Wiese; ist das Gras hoch genug, so mähe es und verkaufe es den Oebstle- rinen für ihre Kaninchen. Du kannst hier glücklich werden, gleich einem Könige, wenn Du arbeitsam und verständig bist.« »Und dieß alles geben Sie mir? Ich werde dieß alles besitzen?« sagte Camillo ganz erstaunt. »Dein eigen wird nichts von allem sein,« entgegnete Herr Raimond trocken, »aber Du hast die Nutznießung davon.« »Das heißt ich kann damit machen was ich will, kann gehen und kommen, laufen, die Erde lockern, schlafen, ja selbst ein Haus aus den Brettern dort bauen.« »Ganz wie es Dir beliebt.« 80 »Dann lebe ich ja gerade so, wie Robinson Crusoe auf seiner Insel.« »Ganz so.« »Ach, guter Herr, wie soll ich Ihnen für so viel Güte danken?« »Indem Du in der Nacht Wache hältst, daß niemand meine Mauern zerstöre um Obst stehlen zu können. Es wird Dir nicht schwer werden die Diebe ferne zu halte. Sobald Dein Hund die Nähe des Raubgesindels wittert, wird er anschlagen; dann stoße schnell in das kleine Jagdhorn neben Dir; dadurch benachrichtigest Du die Wache, und man wird Dir zu Hilfe kommen.« »Ich verstehe vollkommen, mein Herr, und wenn Sie es erlauben, so fange ich meine Arbeit sogleich an, um vor Sonnenuntergang mein Haus fertig zu haben.« »Es thut mir leid, Dir nicht helfen zu können, weil ich heute eine Reise antrete, von der ich erst, nach ein oder zwei Monaten zurückkehren werde. Zum Glücke ist es mildes Wetter, und Du hast Zeit Dir vor Eintritt des Winters eine Hütte zu bauen. Indessen wenn Du jetzt gleich anfangen willst, so höre meinen Rath: wähle den Mauerwinkel, er wird Dich vor dem Nordwinde schützen, und Deine Hütte von zwei Seiten einschließen.« »Aber, sage mir doch einmal wie alt Du bist,« fuhr Herr Rai- mond sich selbst unterbrechend fort. »Ich bin zehn Jahre alt, mein Herr.« »Du bist noch sehr jung mein Freund. Ich möchte mehr für Dich thun können; gerne hätte ich Dich nach meiner Wohnung in St. Ger- main mitgenommen, aber meine Frau hat einen Knaben in Deinem Alter verloren, wenn sie Dich sähe, da zerflösse sie in Thränen, und bekäme Nervenanfälle, welche jeden Menschen von ihr fern halten. »Übrigens wirst Du Dich hier weniger unglücklich fühlen, als wenn Du in den Straßen herumirren müßtest, und hast einen sicheren Zufluchtsort, als den Neubau. Hier nebenan wohnt ein Zimmermann, 81 ich werde ihn ersuchen Dir die nöthigen Werkzeuge zu leihen Du mußt sehen wie Du Dich zu recht findest, die Noth ist die Mutter der Erfindung.« »Dank, tausend Dank, guter Herr,« rief Camillo aus, indem er Raimonds Hand ergriff um sie zu küssen, »wie glücklich machen Sie mich!« Und zu Fox gewendet fuhr er fort: »und Du, komm zu mir, damit ich auch Dir danke« er bückte sich zu dem Thiere herab, und schmeichelte ihm mit der innigsten Zärtlichkeit; »nicht wahr, wir haben es beide erfahren, daß der Herr die Seinen nicht verläßt; ich sah mich verlassen, aller Mittel beraubt, da kamst Du zu mir, warst verwundet, leidend und ebenfalls verlassen, ich nahm Dich auf, und seit dem ersten Stückchen Brot das ich mit Dir theilte, und das Du mir durch einen Trunk Wassers vergaltest, haben wir einander gegenseitig geholfen. Siehst Du, mein lieber Fox, ohne Dich würde ich vielleicht nicht hier sein.« »Bist Du also zufrieden, neuer Robinson?« fragte Herr Rai- mond, »dann lebe wohl.« Camillo begleitete den guten Herrn bis an seinen Wagen; ein junges Mädchen, welches er zu erkennen glaubte, näherte sich ihnen. Es war Marie. Sie trug in ihrem aufgeschürzten Vortuche etwas, das sich bewegte, und ein gedehntes girren hören ließ.« 6. Kapitel. Das Taubenpaar. »Endlich finde ich Sie, mein kleiner Freund,« sagte das Mädchen zu Camillo; »mein Vater schickt mich um Ihnen zu danken, und die Versicherung auszusprechen, daß er den Dienst, welchen Sie ihm gestern erwiesen haben, niemals vergessen wird. So bald es in seinen 6 82 Kräften steht, wird er Ihnen das geliehene Geld zurückerstatten, rechnen Sie darauf.« »Mir ist er nichts schuldig, denn Herr Raimond hatte die Güte mir die Summe.« »Zu leihen,« unterbrach ihn der gewesene Strumpfwirker lebhaft, »aber nicht sie Dir zurück zu erstatten. Ich sehe wohl, daß Du den Werth des Geldes nicht kennst.« Camillo schwieg. Die Tochter des blinden faltete ihre Schürze auseinander, und zeigte ein Paar hübsche, weiße Täubchen, indem sie sie zugleich ihrem kleinen Wohlthäter reichte. »Wollen Sie sie annehmen?« fragte sie, »sie sollen ein Zeichen meiner Dankbarkeit sein.« »Mir sollen diese Tauben gehören! Mir? und was soll ich denn damit anfangen?« »Bereite sie Dir zur Mittagsmahlzeit!« rief der Strumpfwirker aus, indem er in den Wagen stieg. »Lebe wohl, Camillo; nimm mein Grundstück in Acht; lasse Dir nichts stehlen, und bei dem geringsten Versuche den man macht, stoße ins Horn; Du darfst nicht fürchten, daß man es übel nehme, es ist besser, daß die Wache umsonst aufgestöbert werde, als daß man eine einzige Birne stehle! Lebe wohl.« Herr Raimond trieb seine Pferde an, und war bald aus Camillos Gesichtskreise verschwunden. Marie ging auch, sie zeigte ihrem jungen Freunde wie gut sie ihm sei, und erhielt dafür tausend Danksagung von ihm zurück. Camillo schritt vorwärts; seine Augen gleiteten über ein bedeutendes Stück Land; er rief aus: »jetzt bin ich in Wahrheit auf meiner einsamen Insel angelangt; nur war Robinsons Wohnort von Wasser eingeschlossen, während den meinen eine Mauer umgibt. Auch bin ich reicher, denn ich besitze einen Hund und zwei Tauben.« Trotz alle dem, machte ihn die Einsamkeit in der er sich befand, ein wenig traurig. Er näherte sich seinem Hunde, seinen Tauben; redete A ) > L Vas Nauöenpaar.'S^ 83 mit dem einen, und schmeichelte den andern. Bald erinnerte ihn auch die niedergehende Sonne, daß er an ein Nachtlager denken müsse; darum sah er sich nach Brettern um, und ging an die Arbeit. Er wählte dazu die Mauerecke, welche ihm Herr Raimond bezeichnte, und fing mit dem Legen des Fußbodens an, indem er zusammenpassende Bretter aneinanderfügte; dann versuchte er andere alsSei- tcnwände aufrecht zu stellen, aber das war sehr schwierig. Darum kam er damit nicht ans Ende. Dazu trat die Nacht ein, welche seiner Arbeit ebenfalls ein Ziel setzte, und so war er vor der Hand neuen Verlegenheiten ausgesetzt. »Über Nacht kommt Rath!« dachte er; »ich will zu Abend essen, meine Tauben unterbringen, und wenn es nicht anders geht, einmal unter freiem Himmel schlafen.« Nachdem er also überlegt hatte, aß er ein Stück Brod, pflückte Gras zu einem Lager für seine Tauben, und streckte sich auf die Bretter hin; die er aber doch sehr hart fand. »Hätte ich nur etwas Heu, oder Stroh!« dachte er. Zufällig fiel sein Blick auf die Tauben, die sich in ihrem weichen Neste ganz behaglich fühlten; da rief er unwillkürlich aus: »Aber warum thue ich denn für mich nicht dasselbe, was ich für meine Tauben gethan habe.« Wie gesagt, so gethan. Er riß mehrere händevoll Gras aus, und ordnete davon eine dicke Lage auf den Brettern, dann streckte er sich hin; sein Hund ruhte zu seinen Füßen, und Beide lagen bald in tiefem Schlafe. — 7. Kapitel. Die zehn Franken tragen Zinsen. Es ist nicht zu läugnen, daß Camillo, als er mit Tagesanbruch erwachte wie gerädert war. Er stand auf, fütterte seinen Hund und seine 6 * 84 Tauben, und da er einen langen Tag vor sich hatte, sing er an über eine bequemere Lagerstätte für die nächste Nacht nachzudenken. »Mit den Brettern wird es nicht gehen,« sagte er sich; »hier sind Ziegel, auch kleine Bruchsteine; wo soll ich aber Kalk dazu hernehmen, wo finde ich solchen?« Darüber nachdenkend, näherte er sich dem Ausgang, um in einen Becher welchen Marie ihm gegeben hatte, Wasser zu schöpfen. Er sah eine Schaar Maurergesellen vorüber ziehen, welche an ihre Arbeit gingen; schnell faßte er den Entschluß ihnen zu folgen, um sie um Rath zu fragen; während er sich die Gedanken zu recht legte, welche er aussprechen wollte, langte er mit ihnen zu gleicher Zeit vor dem Gasthofe Beaujon an, welchen diese Maurer auszubessern hatten. »Herr,« sagte er, indem er sich an den jüngsten wendete; »möchten Sie mir wohl eine kleine Gefälligkeit erweisen?« »Ich,« fragte der Maurerjunge ein wenig unhöflich. »Sie, oder ein anderer dieser Herren,« antwortete Camillo, ein wenig aus der Fassung gebracht. »Ich habe da, auf dem gegenüberliegenden Grundstücke ein kleines Häuschen zu bauen, und es wäre ein Beweis von großer Güte.. .« »Es Dir zu bauen,« ergänzte der junge Maurer. »Soll es vier oder sieben Stockwerke bekommen?« fragte ein anderer. »Wird es von einer Säulenreihe umgeben,« spöttelte ein dritter, »und müssen sie dorische Capitäler haben, wie jene des Louvre?« »O, der Herr läßt wohl ein Schloß bauen,« wendete ein vierter ein. »Und was gibt der Herr als Tagelohn?« fügte der erste Maurer mit lautem lachen hinzu, welches die ganze Gesellschaft in Heiterkeit versetzte. Camillo ganz betäubt von dem Kreuzfeuer schlechter Scherze in das er gerathen war, schwieg einen Augenblick, bald aber faßte er Muth, und erhob den gesenkten Kopf. 85 »Wir sind in dieser Welt darauf hingewiesen,« sagte er, »einander zu helfen; ich verlange keinen Dienst ohne Gegendienst. Ich kann zwar keine Häuser bauen, aber ich kann lesen, schreiben und die Violine spielen.« »Nun so lese, schreibe, und spiele die Violine vielleicht wird ein Haus daraus,« antwortete einer der Maurer. »Sie verstehen mich nicht,« sagte Camillo, ganz verwirrt; »wenn einer von Ihnen wollte lesen oder schreiben lernen, so wäre ich bereit es ihn zu lehren, und dafür könnte er mir beim bauen meines Häuschens hilfreiche Hand leisten.« »Statt mit der Hand, werde ich Dir mit dem Fuße zu Hilfe kommen;« diese Worte begleitete der Maurer mit einer Bewegung des Fußes gegen Camillo, die einen tüchtigen Stoß vermuthen ließ. In dem Augenblicke aber als der Bursche das Bein erhob, klopfte ihn ein Mädchen auf die Achsel. »Schämst Du Dich nicht Bruder,« sagte es, »ein Kind zu stoßen.« »Ei, das ist Jungfer Marie! Guten Morgen Jungfer Marie!« sagten die Maurer höflich zu dem jungen Mädchen. »Und nun! wer ist denn dieser Knabe?« fragte in barschem Tone Mariens Bruder. »Wer er ist!« erwiderte das Mädchen in aufgeregtem Tone, indem sie Camillos Hand ergriff; »wer er ist, das weiß ich nicht, aber ich will Dir erzählen was er gethan hat.« Und mit dem Ausdrucke des innigsten Dankes erzählte Marie, was der Knabe für ihren Vater that. Man mußte diese Leute beobachten, wie sie Mariens Erzählung folgten, wie sie immer aufmerksamer und ernster wurden, sich unbewußt um Camillo drängten, und ihn mit einem Interesse ansahen, das nahe an Ehrfurcht gränzte. Ihre Augen wurden feucht. Als Marie von den zehn Franken sprach, welche der Knabe so großmüthig zur Ergänzung der Summe beisteuerte, deren der Blinde nöthig hatte, da war die Begeisterung allgemein. »Bravo, Bravo! schlage ein! Verzeihe, daß wir Dich so sehr der- 86 letzten, Du bist ein braver, tüchtiger Knabe; schlage ein, sage ich Dir.« Bei diesen Worten streckten sich Camillo eine Menge nerviger, rauher Hände entgegen, die der Reihe nach seine kleine, weiße zarte Hand drückten. Nur einer dieser Arbeiter näherte sich Camillo nicht, und konnte ihm darum auch die Hand nicht reichen. Er stand schluchzend bei Seite und stampfte mit den Füßen gegen den Boden. Dieser eine war der jüngste der Maurer. »Nicht wahr Paul, Du bereust es jetzt, Dein Geld in der Schenke vertrunken zu haben, während dieser Knabe nicht einen Augenblick zögerte, das seinige für Deinen Vater hingegeben zu haben,« sagte Marie sanft. »Lasse mich,« entgegnete Paul kurz, »ich bin ein Elender! Ich verdiene nicht, daß mich die Sonne bescheine. Ich begreife gar nicht, was mich abhält, kopfüber in den Kanal zu springen!« »Das sind garstige Worte, Bruder,« sagte Marie. »Das wäre eines undankbaren Sohnes würdig,« entgegnete einer der Maurer. »Da Dein Vater arm ist, so wirst Du ihm durch den Lohn Deiner Arbeit mehr nützen können, als wenn Du im Canal Deinem Leben ein Ende machst.« »Dein Kamerad hat Recht,« sagte Marie, »treibe Dir diese häßlichen Gedanken aus dem Kopfe, gehe frischen Muthes an die Arbeit und lasse die Schenke links liegen.« »Das will ich auch gewiß; ich will keinen Fuß mehr in die Schenke setzen; ich schwöre. . . .« »O schwöre nicht,« unterbrach ihn Marie lebhaft. »Iß Deine Suppe, so lange sie warm ist,« fügte sie hinzu, indem sie eine Schale aus dem Korbe hob, welchen sie an der Hand hielt. »Ich mag nichts,« sagte Paul, ich verdiene gar nicht zu essen; »gib sie dem Knaben, ich werde diese ganze Woche nichts als Brot und Wasser genießen.« 87 »Du hast vollkommen Recht,« sagten Pauls Kameraden, »Du mußt Dich selbst züchtigen. Geben Sie die Suppe dem Kinde, Jungfer.« »Glauben Sie denn, daß ich ihn vergessen habe?« entgegnete Marie, indem sie eine zweite Schale aus dem Korbe nahm. »Wie, Sie haben an mich gedacht?« sagte Camillo, und seine Augen belebten sich bei dem Anblicke einer guten Suppe, deren er lange entbehrt hatte. »Ich habe auch daran gedacht, Dir einen Wafferkrug mitzubringrn, ein Schüffelchen für das Taubenfntter, einen Zinnlöffel und ein Messer.« »O, wie reich bin ich jetzt! Aber auch .... wie gut sind Sie!« rief Camillo vor Freude aus. »Höre Junge,« sagte der älteste der Maurer in einem feierlichen Tone zu Camillo, »Du wohnst auf dem Grundstück des Herrn Raimond; gehe ruhig heim, und kümmre Dich nicht weiter. Nach unserm Feierabend bleiben noch drei Stunden vom Tage übrig; wir sind unser zwanzig, da müßte der Teufel dahinter sein, wenn wir Dir bis zur Schlafzeit Dein Haus nicht fertig machten. Geh, Du hast einem Blinden, dem Vater eines unserer Kameraden, eine Wohlthat erwiesen, indem Du für ihn die Violine spieltest, und Dein kleines Vermögen hingabst, Du bist ein braver Junge; darum arbeiten wir gerne für Dich. Also diesen Abend rechne auf Deine Freunde. Ja, rechne auf sie,« fügte Paul hinzu. Da Camillo ihn an der Hand fassen wollte, zog er sie zurück und sagte: »Das verdiene ich nicht.« Sobald die Sonne niedergegangen war, kamen die zwanzig Maurer auf dem Grundstücke des Herrn Raimond an. Die einen trugen Kellen, die andern Tröge mit gelöschtem Kalk; sie waren überhaupt mit allem versehen, was zum bauen nöthig war. Camillo führte sie zu der Ecke, welche er zu seiner Wohnung bestimmt hatte, und nun gings an die Arbeit. Es war ein Vergnügen die Leute arbeiten zu sehen, wie sie Stein auf Stein, Ziegel auf Ziegel legten, und das ganze mit Mörtel verban- 88 den. Nachdem sie die beiden Mauern aufgeführt hatten, bildeten sie aus Brettern ein Dach und bedeckten es mit Ziegeln. »Morgen wollen wir manches daran noch bester machen,« sagten sie. »Ich bringe Dir eine Thüre.» »Ich einen Strohsack, der noch nicht von Würmern zerfreffen ist.« »Und ich einen Stuhl.« »Und meint Ihr, daß ich Zurückbleiben werde?« erwiderte ein anderer; ich bringe einen Tisch und eine Decke.« »O, meine Herren,« fiel Camillo ein, »wie gut sind Sie für mich.« »Du verdienst es auch, antworteten sie ihm alle zu gleicher Zeit; es waren dieselben Leute, welche des Morgens nicht genug Worte fanden, um ihn zu schmähen.« Paul hatte noch nichts zur Aussteuer beigetragen, er schien sich dessen zu schämen; Camillo bemerkte es. »Wollen Sie mir jetzt die Hand reichen,« sagte er, »damit ich Ihnen ebenso danke, wie allen andern.« »Du sollst mir danken, wann ich genug Geld verdient habe, um Dir die zehn Franken zurückzugeben, welche Du so großmüthig meinem Vater geliehen hast.« »Ich brauche sie nicht; sie haben mir viel höhere Zinsen getragen, als wenn ich sie in der Tasche getragen hätte. Diesem Gelde verdanke ich meine Stelle, mein Haus. . . .« »Und Freunde,« fügte der älteste hinzu, »Dein gutes Herz hat Dir alles verdient. Wohlthun trägt stets Zinsen.« »Gewiß,« sagte Camillo, »Gott gibt sie hundertfältig.« Die Maurer wünschten dem Knaben eine gute Nacht; zum ersten Male betrat er sein kleines Haus; mit dankendem Gemüthe faltete er seine Hände, kniete nieder und betete. Sein Gebet war heute länger als sonst; er hatte es noch nicht beendigt, als sein Hund, der wie gewöhnlich in Camillo's Nähe war, zu knurren anfing, und nach einer bestimmten Richtung sah. 1. Kapitel. Die Diebe und die Nationalgarde. Camillo bemerkte von der dunklen Ecke aus, in welcher er kniete, daß am äußersten Ende des Grundes zwei Schatten in Hellen Mondschein sichtbar wurden; später unterschied er zwei Männer, welche die Richtung nach den Obstbäumen nahmen. Das erste Gefühl, welches Camillo ergriff, war Furcht. Er erinnerte sich aber dennoch seines Hor- nes, zog es hervor und stieß drei scharfe, schrillende Töne heraus. Da sein Häuschen im Schatten lag, also nicht bemerkt wurde, so konnte er ruhig der Dinge warten, die da kommen sollten. Die Bösewichte erschrocken, und flohen sogleich nach jenem Theil der Mauer, welcher durchbrochen war. Wenige Minuten später hörte Camillo die Scharwache und ein wiederholtes: »Wer da!« Nach einem kurzen Zwischenräume riefen dieselben Stimmen: »Wir haben sie!« Nun trat Camillo hinaus, und sah in geringer Entfernung von seinem Wohnorte eine Gruppe Nationalgardisten, welche zwei verdächtig aussehende Männer in ihrer Mitte hatten. Er näherte sich ihnen. Der Schein einer Laterne, welche die Gardisten mit sich führten, fiel auf das Gesicht der Männer; als Camillo sie erblickte stieß er einen Schrei der Ueberraschung aus. »Ei! das sind ja meine beiden Fremden von vorgestern.« 90 Dieser Ausruf zog die Aufmerksamkeit des Corporals nach sich, welcher die Scharwache anführte. Errichtete einige Fragen an den Knaben. »Erstens,« antwortete Camillo, »habe ich das Signal gegeben.« »Wie,« fragte der Corporal, »dann bist Du ja der Knabe besten Geschichte mir Onkel Raimund erzählt hat?« »Ja, Herr.« »Und Du kennst diese Männer?« fügte er hinzu, indem er auf die Gauner wies, welchen der Feldwebel die Hände band. »Ich kenne sie,« sagte Camillo ohne zögern, »d. h. als ich vorgestern Abend durch die eliseischen Felder nach Hause gehen wollte, redete einer von ihnen, der größere, mich an, indem er mich in einem fremden Dialekte nach der Straße von Orleans fragte.« Jetzt erzählte der Knabe die Ereignisse des vorvergangenen Abends; der Corporal ergänzte die Geschichte durch Erzählung von Camillo's edelmüthiger Handlung. »Nun wohl,« erwiderte der Knabe mit kindlicher Einfachheit, »würde nicht jeder von Ihnen eben so gehandelt haben, wenn Sie wie ich Violine zu spielen verstünden. Uebrigens haben diese zehn Franken mir reichlich Zinsen getragen, kommen Sie nur und sehen Sie sich mein Haus an.« »Dein Haus?« fragte der Neffe von Herrn Raimond, . . . . »ich glaube, wenn Du auf dem Grunde meines Onkels einen Baumzweig findest, auf dem Du ausruhen kannst, so darfst Du Dich glücklich schätzen.« »Kommen Sie, kommen Sie!« sagte Camillo mit der liebenswürdigen Unbefangenheit, welche Kindern eigen ist. Und die Scharwache, der Corporal an ihrer Spitze, folgte dem Knaben. »Also hier ist Deine Lagerstätte,« sagten die Männer zu gleicher Zeit, als sie die vier nackten Mauern gewahrten, und das Gras, welches den Fußboden bedeckte. 91 »Ja,« sagte Camillo fröhlich. Dann aber schüttelte er sein blondes Köpfchen, und fügte mit trübsinniger Miene hinzu: »Vor einem Monate, als mein Onkel noch lebte, würde ich sehr unglücklich gewesen sein, keine andere Wohnung als diese hier zu haben; aber heute — nachdem ich die Angst kennen lernte, auf offener Straße zu schlafen, da von der Sicherheitswache aufgegriffen und wie ein Landstreicher ins Gefängniß geschleppt zu werden, heute danke ich Gott, meine Herren, einen so sichern Zufluchtsort gefunden zu haben.« »Armes Kind,« sagten die Zuhörer, gerührt durch den Ausdruck, welcher Camillo's Worte begleitete. »Aber wie kam es nur, daß Du Dich in Paris so allein befandest?« »Das darf ich nicht sagen; denn von seinen Verwandten soll man nie böses erzählen.« »Meine Herren,« sagte der Corporal, »für diesen Knaben müssen wir etwas thun.« »Ich bin nicht reich,« sagte einer von ihnen, ich bin Schuhmacher; ich nehme es auf mich für sein Fußzeug zu sorgen, indessen sind hier fünf Franken Herr Corporal.« »Ich,« sagte ein anderer, »werde ihm morgen ein Feldbett schicken und eme Matratze.« »Hier ist mein Theil, und der meinige, und der meinige.« Der Corporal nahm das Geld entgegen und bot es Camillo an, welcher erröthend einen Schritt zurückthat. »Ich kann es nicht nehmen,« sagte er; »ich kann nicht.« «So nimm doch!« entgegnete der Corporal. »Ich werde keinen Gebrauch davon machen, meine Herren. Ich weiß nicht woher es kommt, aber — ich mag nicht von allen Leuten Geld annehmen. — Verwenden Sie mich zu irgend einer Arbeit, damit ich das Geld verdienen kann, dann nehme ich es.« 92 »Was kannst Du denn?« fragte der Corporal, »kannst Du gut lesen und schreiben?» »Ja,« antwortete Camillo. »Höre, ich bin Buchdrucker; einer meiner Correktoren hat einen Lehrling nöthig. Komme morgen früh unter dieser Adresse, so wirst Du Arbeit finden. Bis dahin nimm die zwanzig Franken getrost an; nimm sie als ein Darlehen, wenn Du nicht anders willst, und gib sie mir später zurück.« »Gut, das nehme ich an,« sagte Camillo, »aber ich sage es zum voraus, daß ich es nicht behalte.« Die Gardisten sagten mit Wort und Handschlag gute Nacht, und zogen sich zurück. »In der That,« sagte Camillo, indem er das Geld in seinen Händen wog, »es bleibt doch wahr, daß gute Handlungen einen reicheren Lohn bringen als schlechte. Morgen werde ich Marie bitten, daß sie mir Hemden und Strümpfe kauft.« 2. Kapitel. Wie zehn Franken, welche ohne Zinsen angelegt wurden, ein schönes Kapital einbringen. Camillo war früh aufgestanden. Die Hoffnung in einer Buchdruckerei angestellt zu werden, war ihm durch den Kopf gezogen, und hatte ihn nicht schlafen lassen. Nachdem er ein Stück Brod und einige Radischen gegessen hatte, welche ihm vom vorigen Tage geblieben waren, fütterte er seine Tauben, und ging darnach mit Fox aus. Einige Schritte von seinem Wohnorte begegnete er den Corporal, der von der Wache heimkehrte, und eben im Begriffe stand, in einen Miethwagen zu steigen. »Dich finde ich gerade zu rechter Zeit,« sagte er zu Camillo, »steige ein, ich will Dich vorstellen und in die Druckerei einführen.« 93 Der Knabe ließ es sich nicht zweimal sagen; er setzte sich neben seinen neuen Herrn, und das Pferd trappte im Gallopp fort. Fox folgte den Spuren seines Herrn. Nach Verlauf einer Viertelstunde befand sich Camillo mitten in einer Buchdruckerwerkstätte. »Herr Germain,« sagte der Buchdrucker, in dem er Camillo einem alten Herrn vorstellte, dessen Augen von einem grünen Schirm gegen das Licht geschützt waren, so daß man nur die untere Hälfte des Gesichtes sehen konnte; »hier ist ein Knabe, welcher Ihnen beim lesen der Correktur behilflich sein wird; prüfen Sie ihn, ob er dazu fähig ist, und sagen Sie mir dann das Resultat.« »Ehe eine Stunde vergangen ist, werde ich Ihnen Bescheid sagen,« antwortete Herr Germain. — »Komme her zu mir, Kleiner,« fügte er hinzu, indem er ihn in einen abgeschlossenen Raum führte, der durch ein eisernes Gitter von der ihn umgebenden Werkstatt getrennt war. »Lies hier dieß Manuskript leise nach, während ich die Correktur laut lese und merkst Du, daß etwas ausbleibt, so sage es mir.« »Seien Sie nachsichtig, mein Herr, ich bitte Sie; es ist das erste mal, daß ich eine Druckerei sehe,» antwortete Camillo traurig. Der alte Correktor entgegnete sanft: »Ach! wenn Du noch keine Buchdruckerei gesehen hast, dann sollst Du die ganze Werkstätte in Augenschein nehmen, ehe Du an die Arbeit gehst. Hier siehst Du die Arbeiter oder Setzer damit beschäftigt, Buchstaben von Blei in einen Winkelhacken neben einander zu setzen, nach dem Manuskript, welches sie vor sich haben. Zuerst setzen sie Zeilen, dann Seiten, welche sie in einen eisernen Rahmen schließen, den man Form nennt. Diese Form bekommt der Drucker; dieser legt sie in die Presse ein; eine Walze, welche mit Schwärze überzogen ist, wälzt sich über die Buchstaben hin, und färbt alle erhabenen Stellen; darnach führt die Maschine einen weißen Bogen Papier über die Form; mittelst einer Einrichtung in der Presse erleidet das Papier einen Druck, nimmt die Formen der schwarz bestrichenen Buchstaben auf, und zeigt nun alle Wörter, welche der 94 Setzer gesetzt hat. Der erste Bogen, welcher auf diese Weise fertig ist, heißt Probebogen; dieser enthält Fehler, welche man durch Nachlesen aufsuchen, und auf dem Rande bemerken muß. Hast Du diese Erklärung verstanden?« »Vollkommen, Herr!« »Dann komm, setze Dich zu mir, und laste uns anfangen.« Camillo war so folgsam, so zuvorkommend gegen Herrn Germain, daß er dessen Freundschaft vor Ablauf des Tages gewonnen hatte. Camillo hatte ihm seine Abenteuer erzählt, und der alte Correktor hatte ihm angeboten, ihn zu sich in Kost zu nehmen. »Aber ich habe wenig Geld,« sagte Camillo, »um dafür hinlänglich zu bezahlen.« »Du kannst täglich dreißig Kreuzer verdienen,« antwortete der Correktor. Camillo machte große Augen und wiederholte: »Dreißig Kreuzer!« »Dreißig Kreuzer täglich machen wöchentlich neun Franken; von diesen bezahlst Du meiner Frau wöchentlich 6 Franken, dafür bekommst Du täglich Frühstück und Mittagessen von heute an. Bist Du mit dieser Einrichtung zufrieden?« »Das glaube ich ! Herr,« sagte Camillo, »ich bin sehr zufrieden. Mein Gott! Mein Gott!« fügte er hinzu mit feuchten nach oben gerichteten Augen, »mein guter Gott, Du hast mich nicht verlassen, ich danke Dir.« »Du bist ein frommer Knabe, das ist schön und recht,« erwiderte der alte Correktor. »Dein gutes Herz wird Dir Freunde gewinnen. Man wird Dir danken, daß Du den armen, verwundeten Hund nicht verlassen hast, mit welchem Du ohne zögern Dein Brod theiltest. Sieh, wenn Du das arme Thier von Dir gestoßen hättest, so würde der Invalide Dir nicht angeboten haben in dem Neubau zu übernachten; Du hättest die Maurer nicht lesen gelehrt, und die zehn Franken nicht bekommen. Wohl hätte das Geld leicht eine Beute der Diebe werden kön- 95 neu, wenn Dein gutes Herz Dich nicht noch einmal gerettet hätte. Und hättest Du die Noth des armen blinden, durch Dein großmüthiges Opfer nicht gemildert, so hätte Herr Raimond Dir die Wächterstelle auf seinem Grundstücke nicht angeboten, der Sohn des blinden und seine Kameraden hätten Dir Dein Häuschen nicht gebaut, und endlich wärest Du nicht mein Gehilfe in einer der ersten Druckereien von Paris. So ist es, wie meine Frau zu sagen Pflegt: »eine Hand wäscht die andere.« Glaube mir, Dein Hund und die zehn Franken können die Grundlage zu einem glänzenden Vermögen werden.« Camillo brach in lautes lachen aus. »Einstweilen« sagte er, »sind meine Schuhe durchgetreten, meine Strümpfe zerrissen, und meine Lagerstätte besteht aus Gras und Kräutern, wie jene des Robinson Crusoe.« So wie der alte Correktor es versprochen hatte, so geschah es auch. An demselben Tage wurde Camillo in die Druckerei von Herrn Raimonds Neffen ausgenommen, gegen eine Bezahlung von 9 Franken wöchentlich. Herr Germain stellte ihn seiner Frau vor; diese wußte in ihrer Freundlichkeit nicht, wen sie mehr pflegen sollte, den Knaben, oder den Hund. Bei einbrechender Nacht nahm Camillo von seinen neuen Beschützern Abschied, mit fröhlichem Herzen, und begleitet von Fox schleuderte er langsam durch die Alleen der elyseischen Felder. Als Camillo sich seiner Wohnung näherte, begegnete er Marien, welche auf seine Rückkehr zu warten schien. Sie hielt in ihrer Hand ein Taschentuch, welches sie als Halstuch zusammengelegt hatte. »Darf ich Ihnen die Augen verbinden Camillo,« fragte sie mit einer freundlichen und schelmischen Miene. »Wollen wir »blinde Kuh« spielen Marie?« fragte Camillo, indem er ihr die Stirne entgegen hielt. Ohne alle Erklärung, legte das junge Mädchen die Binde über des Knaben Augen, und indem sie ihn an der Hand faßte, zog sie ihn laufend nach sich. 96 3. Kapitel. Eine große und angenehme Überraschung. Obgleich Camillo die Augen verbunden hatte, und von Marie geführt wurde, so erkannte er doch den Weg, welchen er zurücklegte als denjenigen der zu seiner kleinen Wohnung führte; auch sing er an unterdrücktes lachen zu unterscheiden, dazwischen vernahm er ein wiederholtes »Pst! Pst!« — dann ein dumpfes Gemurmel, uud zuletzt ein leises Trippeln mehrerer Personen, welche vorsichtig hin- und her gingen. Bald fühlte er unter seinen Füßen die Diele seiner Hütte, und jetzt fiel auch die Binde von den Augen. Diese blickten in dem kleinen Raume umher, und ließen Camillo Dinge gewahren, die ihn in das höchste erstaunen versetzten. Die Wände seines Zimmers, welche er des Morgens nackt und kahl verlassen hatte, waren mit Tapeten überzogen, auf deren gelber Grundfarbe blaue Blumen gemalt waren. Er fand nicht den großen, viereckigen Raum ohne Thür und Fenster wieder, der nicht Ein Zimmergeräth enthielt, sondern statt dessen ein freundliches, verschließbares Zimmer, in dem nichts fehlte. An einer Seite stand ein Bett mit einer Matratze, einem Kopfkissen und einer Decke; an der andern Seite stand ein Schrank von Nußbaumholz, durch dessen halb offene Thür man auf den Fächern weiße Wäsche liegen sah. Am untern Bettende stand ein kleiner Speiseschrank, aus welchem ganz angenehme Düfte strömten, die den sehr brauchbaren Inhalt verrie- then. Dazu kam noch ein weißer, hölzerner Tisch, an welchem zwei Strohsessel standen. Dieß Alles überraschte Camillo so sehr, daß er nicht wußte ob er wache oder träume. Ein lautschallendes Gelächter, und ein freundlich boshafter Kniff Mariens, welche ihn aus seiner Betäubung Wecken wollte, brachten ihn wieder zur Besinnung. Erst jetzt bemerkte er seine Umgebung. Da standen die Maurer, die Kameraden von des blinden Mannes Sohne; dann der alte, blinde Mann selbst, neben diesem eieu Gruppe Herren, welche er an- 97 fangs nicht erkannte, in deren Mitte er aber den Buchdrucker, seinen Herrn, sah. »Nun, was sagst Du denn, zu diesen Dingen,« fragte ihn letzterer. »Denkst Du nicht, daß die zehn Franken, welche Du diesem armen braven Manne gabst, Dir reiche Zinsen getragen haben? Schaue um Dich; alles was Du hier siehst gehört Dir. Dieses Bett, dieser Schrank, der Tisch, die Stühle, kurz alles ist Dein; die Herren hier haben es Dir gegeben.« »Aber erkennst Du sie denn nicht? Sie sind die Scharwache der vergangenen Nacht.« »Hier findest Du auch Geschirr, Wäsche, Bettzeug, ein Dutzend Handtücher, und Kleidungsstücke zu Deinem Gebrauche.« »Hier ist außerdem ein Korb mit Wein, welchen Du den braven Leuten, die Dein Haus gebaut haben, zum besten geben sollst. Und da ich den blinden Mann mit seinen Kindern in Deinem Namen zum Abendbrot eingeladen habe, so habe ich auch Deinen Speiseschrank mit allem nö- thigen dazu versehen. Jetzt lebe wohl, mein Junge, auf Wiedersehen morgen in der Werkstätte. Camillo ergriff weinend die Hand seines Principals, die dieser ihm reichte; »mein guter Herr!« rief er schluchzend aus. Mehr konnte er nicht sagen; aber seine Thränen sprachen beredter als Worte es vermochten. Der Buchdrucker ging mit seiner Gesellschaft weg, und Marie, welche nur diesen Augenblick abwartete, drehte rasch den Schlüssel des Speiseschrankes, um die beiden Thüren zu öffnen; da stand eine große Pastete, ein gebratener Indian, und zwei große Laib Brod dabei. Camillo ergriff rasch das Wort indem er sagte: »Meine Freunde, hier ist Abendbrod für uns alle, kommen Sie zu Tische.« »Wir haben aber nur zwei Stühle,« sagte einer der Maurer. »Den einen für den Blinden, den andern für Jungfer Marie,« entgegnete Camillo. »Ei was,« sagte Marie, »der Abend ist schön, tragen wir den Tisch ins Freie, um da unser Abendbrot zu essen. Was die Sitze anbe- 7 98 langt, die sind bald gemacht, denn wir brauchen nur Bretter über die Steine zu legen, um die bequemsten Bänke zu bekommen.« »Es lebe Marie!« riefen die Maurer aus, indem sie ihren Vorschlag sogleich ausführten. Einige Augenblicke später war der Tisch zurecht gestellt, und von bequemen Sitzen umgeben. Der beste Platz ward dem blinden Manne angewiesen, nach ihm setzten sich alle andern; Fox machte die Runde; jeder Gast theilte ihm einen guten Bissen mit; Pastete und Indian wurden zerschnitten, die Weinstaschen entkorkt; Frohsinn und Heiterkeit belebten die Gesellschaft so wie das Mahl, welches der Mond mit seinem Silberglanze erhellte. Um zehn Uhr wurde aufgebrochen. Camillo ging allein in sein kleines Zimmer zurück. Nachdem er alles in Ordnung gebracht hatte, kniete er vor seinem Bette nieder, und dankte Gott aus tiefer Seele für alle Segnungen, welche er in den letzten Tagen so reichlich über ihn ausgegossen hatte. Seit Camillo in Paris lebte, schlief er in dieser Nacht wieder zum ersten Mal in einem Bette. »O, wie gut, wie wohlthuend ist dieses Lager,« sagte er zu sich; »um es so recht zu fühlen, muß man wohl, gleich mir, lange Zeit diese Wohlthat entbehrt haben.« Plötzlich zog ein beunruhigender Gedanke durch seinen Kopf: er hatte seiner Tauben vergessen. Wo waren sie: Was ist in mitten des Festes aus ihnen geworden? »War ich nicht undankbar gegen sie,« sagte er mit gepreßtem Herzen? »Ich habe sie vergessen.« Übrigens verhalf ihm das gute Bett bald zur Ruhe. Er fiel in einen tiefen Schlaf. 99 4. Kapitel. Der kleine Tauben- und Kaninchenhändler. Als Camillo am andern Morgen erwachte, hatte er nichts eiligeres zu thun, als Gott aufs neue für die Güte zu danken, durch welche er ihm dieß freundliche, nette Zimmerchen verliehen. Sogar Fox schien mit diesem Schicksalswechsel zufrieden; denn auf sinnreiche Weise hatte auch er sich eine etwas weichere Lagerstätte bereitet, als der Fußboden es war, indem er sich auf einen der Strohsessel legte. Aber als er erwachte, und seinen Herrn noch weit besser gebettet fand als sich selbst, sprang er auf das Bett, streckte und dehnte sich da, und überließ sich ohne allen Zwang den Liebkosungen Camillos. Die beiden Freunde wurden in ihrem Treiben durch das girren der Tauben unterbrochen, welche ihrerseits einen Theil der Liebkosungen zu beanspruchen schienen. Camillo öffnete die Thür, und sprang vor Freude in die Höhe, als er in dem Winkel, welchen sein Häuschen mit der Einschlußmauer bildete, einen hölzernen Käfig hängen sah, an dessen Rande die beiden Tauben den ersten Strahlen der ausgehenden Sonne entgegensahen. Jetzt bemerke Camillo unter dem Käfig ein Gitter, hinter welchem sich ein weiß und braungeflecktes Thier mit langen Ohren und glänzenden Augen befand. Er näherte sich dem fremden Gegenstände, besah ihn, prüfte ihn, sah genauer, — endlich rief er voll Freude aus : »Das sind ja Kaninchen! Diese Überraschung kann mir nur Marie gemacht haben. Was ist sie für ein gutes, dankbares Mädchen.« Camillo war ganz glücklich. Er hatte einen Hund, Tauben, Kaninchen; seine Anstellung in der Buchdruckerei setzte ihn in den Stand täglich dreißig Kreuzer zu verdienen; er baute Luftschlösser, wie die Milchfrau in der Fabel; berechnete im Geiste was er damit machen wollte und 7 * 100 schmiedete die herrlichsten Pläne. Erstlich wollte er täglich früh aufstehen, um seine Tauben und Kaninchen zu füttern, und selbst ein Frühstück zu nehmen. Darnach wollte er Gras ausraufen und es der Obstfrau bringen, bei welcher Marie arbeitete; damit würde die Zeit Heranrücken, die ihn in die Buchdruckerei riefe. Nach vollbrachtem Tagewerke würde er wieder in sein Häuschen zurückkehren, wo er sich über das Wiedersehen seiner Tauben und Kaninchen freuen könne. Was für ein gutes, angenehmes Leben stand ihm bevor. Er beneidete keinen König. Wohl war er nur der Wächter seines Grundstückes, aber was hielt ihn denn davon ab, sich für den Eigenthümer desselben zu halten? durfte er den Grund nicht verschönern? ihn nicht fruchtbar machen? Konnte er darauf nicht spazieren gehen wie es ihm beliebte ? Konnte er nicht sogar seine Freunde zu sich bitten? Mit dem Gelde das er verdiente konnte er Samen kaufen; diesen durfte er bauen, und pflegen. Hatte sein Onkel nicht oft gesagt: »es ist Zeit für alles« und diesen Grundsatz wollte der Neffe in Anwendung bringen. »Die Zeit geht schnell vorüber, wir müssen fortgehen Fox,« sagte Camillo. Sie verließen beide den Grund. Camillo verschloß die Aus- gangsthüre sorgfältig. Mit seinem kleinen Bündel Gras belastet, schlug er den Weg nach der Druckerei ein, doch ging er nicht gerade aus hin, weil er die gute Obstfrau besuchte die seine Nachbarin war. Er fand sie nicht zu Hause, aber Marie war im Laden. Als sie Camillo mit dem Bündel Gras eintreten sah, sagte sie lächelnd: »Ei sieh doch wie gut Sie er- rathen haben, warum Mutter Grand Jean Ihnen ein Paar Kaninchen schenkte!« »Das habe ich nicht errathen,« entgegnete Camillo; »aber ihre Aufmerksamkeit rührte mich; darum dachte ich, daß ich ihr vielleicht ebenfalls eine Freude machen könnte, wenn ich ihre Kaninchen mit frischem Gras versorgte. Wenn sie es erlaubt, dann bringe ich ihr jeden Morgen neuen Vorrath. Wollen Sie ihr das sagen, Jungfer Marie?« 101 »Das wird ihr sehr willkommen sein, Herr Camillo; das machen Sie gut,« antwortete Marie, indem sie das Gras in Empfang nahm. »Wie geht es denn bei Ihnen zu Hause, seit gestern Abend?« fragte Camillo. »Besser, denn es ist Friede eingekehrt in unser Haus, und Hoffnung ; mein Bruder wurde so sehr erschüttert durch die Großmuth, welche Sie meinem Vater erwiesen, daß er uns gestern die heiligsten Versprechungen zur Besserung gab. Ich muß mich schämen, sagte er, daß ein zehnjähriger Knabe mit seinem Gelde meine Familie rettete, während ich neunzehnjähriger Bursche mein Tagelohn in der Schenke vertrank. Von heute an, glaube ich, ist er gebessert, und durch wen? — durch Sie Camillo. Das ist gewiß etwas außergewöhnliches, daß ein Kind in Ihrem Alter, einem erwachsenen Burschen zum Vorbilde dient. »Glauben Sie mir Jungfer Marie, ich weiß gar nicht wie das kommt,« sagte Camillo, »es ist der liebe Gott, welcher mir die Gedanken ins Herz gibt.« »Und Sie hören auf ihn, das ist Ihr Theil Camillo. Mein Vater äußerte gestern, daß er sein Augenlicht noch nie so schmerzlich entbehrte als jetzt, wo er Sie so gerne gesehen hätte.« »Sprechen wir davon nicht weiter, Marie. Ich habe noch eine Bitte an Sie in Bereitschaft. Wie ich Ihnen schon erzählte, werde ich bei Herrn Germain Kost haben; außerdem nichts. Vom Hause aus bin ich aber an Reinlichkeit gewohnt, und habe doch gar keinen Begriff davon wie ich meine Wäsche reinigen, und in gutem Stande erhalten soll.« »Machen Sie sich darüber keine Sorgen, Camillo,« entgegnete Marie; »ich werde Ihre Wäsche wöchentlich abholen, und meine Mutter wird sie besorgen.« »Ich werde sie gerne für ihre Mühe entschädigen;« antwortete Camillo; »nun muß ich fort, die Arbeitsstunde ist nahe, auf Wiedersehen Marie.« »Auf Wiedersehen! morgen; Camillo.« 102 Es würde meine jungen Leser langweilen, wollte ich ihnen erzählen was Camillo Tag für Tag während der beiden folgenden Jahre machte. Es genügt hier noch anzuführen, daß er mit Hilfe von Mariens Bruder, welcher sich ernstlich besserte, sein Grundstück bearbeitete, Kartoffel und Salat pflanzte, die Obstbäume pflegte, die schadhafte Mauer ausbesserte, und daß dieß alles so vortrefflich geschah, daß Herr Raimond bei seiner Rückkehr von einer viermonatlichen Reise sein Eigenthum nicht erkannte. Er ging zweimal vor seiner eigenen Thür vorüber ohne anzuklopfen, weil sie ein Freund Pauls so hübsch hellgrün angestrichen hatte, daß sie nicht wieder zu erkennen war. Camillo aß weder seine Kaninchen, noch seine Tauben, daher kam es, daß er bald zwei große Familien dieser Thiergattungen besaß. Er verkaufte einen Theil davon, und gründete sich damit einen neuen Erwerbszweig, welcher seiner Arbeit in der Druckerei keinen Eintrag that. Es war im Februar 1838, als unser Robinson ein Ereigniß erlebte, von welchem wir Mittheilung machen müssen. 5. Kapitel. Fox verschwindet. Es war Sonntag. In der Buchdruckerei wurde nicht gearbeitet. Camillo hatte sich einen kleinen Vorrath von Holz gekauft, um einen eisernen Ofen zu Heizen, welcher in seinem Zimmer stand, weil seine Freunde, die Maurer, an ein Kamin nicht gedacht hatten. Er war ausgegangen, um in der Kirche Saint-Roche die Messe zu hören. — Wer jetzt unfern kleinen Camillo gesehen hätte, der würde in dem reinlich und gut gekleideten Knaben mit den nett geordneten blonden Locken, welche von der Mütze theilweise bedeckt waren, das arme, verlassene, blaffe Kind nicht erkannt haben, das vor zwei Jahren unter den Bäumen der Tuillerien schlief. Camillo sah blühend und gesund aus. 103 Nach beendigter Messe, trat unser kleiner Freund aus der Kirche. Fox folgte ihm. Auf der Treppe blieb Camillo stehen, um die Wagen vorüber fahren zu sehen, welche ihre Herrschaften abholten. Fox war noch neugieriger als sein Herr; er wagte sich selbst unter die Wagen, sogar die Hufe der Pferde fürchtete er nicht, darum bekam er auch manchen Stoß, worauf er sich stets seinem Herrn näherte, als ob dieser ihn schützen solle. »Das geht nicht anders, Fox,« sagte ihm Camillo, »warum bist Du nicht bei mir geblieben?« Aber der Hund hörte nicht auf die Rathschläge seines Herrn und kümmerte sich wenig um die Fußtritte der Bedienten; er entfernte sich von neuem um seine Neugierde zu befriedigen. Die Kirchengänger hatten sich allmählich entfernt; auch Camillo dachte an den Heimweg; in seinem gemüthlichen Zimmer, das er angenehm erwärmte, wollte er eine Geschichte von Frankreich lesen, welche Herr Germain ihm geliehen hatte, als er plötzlich eine fremde Stimme rufen hörte: »Fox, Fox.« Camillo sah sich um. Er bemerkte eine Kutsche, deren Schlag halb offen stand; auf dem Vordersitz saß eine Dame. Als Fox, der Fox unsers Camillo, die Stimme hörte, war er mit einem Satze im Wagen. Der Schlag schloß sich, zwei gute Pferde zogen die Kutsche im Nu vorwärts, während der gewandte Bediente sich auf seinen Hintersitz schwang. Als Camillo von seinem Erstaunen sich erholt hatte, wollte er folgen, aber der Wagen war verschwunden. Eine Flut von Thränen stürzte aus des Knaben Augen, und floß auf die Wangen herab. »Ich habe meinen Hnnd verloren,« rief er in seinem Schmerze aus, »daß die Leute sich nach ihm umsahen, mein lieber Fox! kehre wieder zurück! Wo bist Du denn, mein Fox?! 104 Ach, der arme Knabe hatte gut rufen; er mochte zurückkehren wie er wollte, um seinen Hund zu suchen, Fox war verschwunden; vielleicht für immer. Wie sollte er ein so kleines Hündchen in der großen Stadt Paris wiederfinden! Es wäre wohl nicht unmöglich gewesen, wenn Camillo sich den Wagen gemerkt, oder auf die Pferde und die Abzeichen der Bedienten geachtet hätte; aber das that er nicht, weil das Ereigniß so rasch kam, daß ihm keine Zeit zur Bestimmung blieb. Camillo konnte es sich nicht verhehlen, daß er von nun an allein sein werde. Weinend trat er den Heimweg an; schlich langsam durch die Allee der eliseischen Felder, indem er es nicht versäumte, bald links, bald rechts nach seinem Hunde auszusehen. So oft er einen schwarzen Bologneser sah, klopfte sein Herz rascher, seine Lippen stammelten unfreiwillig den Namen: Fox. Er beschleunigte seine Schritte, aber bald erkannte er fernen Jrrthum, und jede neue Täuschung erhöhte den Kummer um das verlorne Thier. Als er bei der Einfriedigung seines Grundes ankam, schien ihm alles öde und leer. Er trat ein, beachtete aber weder seine Tauben, noch seine Kaninchen; das so hübsch ausgestaltete Zimmer schien ihm ganz öde. Was sollte aus ihm werden, wenn sein Hund nicht wiederkehrte! Es ist wahr, Fox konnte nicht sprechen, aber er konnte bellen und knurren; bald sprang er auf den Sessel, bald auf das Bett; dann schwang er sich wieder auf die Kniee seines Herrn, und leckte ihm die Hände, oder er that als ob er beißen wollte, indem er Camillo zum spielen aufforderte. — Jetzt war dieß alles vorbei. Um sich zu zerstreuen, deckte der arme Knabe den Tisch und fing zu essen an. Beim ersten Bissen dachte er an Fox, der gewöhnlich vor ihm saß, und sein Mittagbrot erwartete; das schnürte Camillo die Kehle zusammen, er mußte weinen; wurde zuletzt unwillig und stieß den Tisch um, mit allem was darauf stand. »Fox war mir mehr als ein Hund,« rief er aus. »Er war mein Gefährte, mein Bruder, meine Familie!. .. -« 105 Die einbrechende Nacht fand Camillo in Schmerz versunken. Wie mochte ihm weh um's Herz sein, als er sich an diesem Abende zum Gebete kniete! »Mein Gott,« sagte er, »Du warst immer so gut gegen mich, schicke mir meinen Hund wieder zu; gib mir meinen Kameraden, meinen Freund zurück!« Er legte sich zu Bette, aber der Schlaf kam nicht; seine feuchten Augenlieder wollten sich nicht zur Nachtruhe schließen. Der Morgen brach an, und erneuerte Camillo's Schmerz. »Wo mag mein Fox sein?« dachte er, »mein Hund, der bei der geringsten Bewegung seines Herrn sprang, lief oder bellte.« Camillo stand auf und weinte. Nachdem er seine Hühner und seine Tauben gefüttert hatte, ging er fort nach der Buchdruckerei. Als er bei der Obstfrau vorüber ging, wo Marie in Arbeit war, blieb er stehen; aber statt eines herzlichen, fröhlichen Grußes, wie er ihn jeden Morgen aussprach, reichte er dem jungen Mädchen traurig die Hand und sagte: »ich habe meinen Hund verloren, Marie!« »Welch' ein Unglück!« rief diese aus. Sie weinte mit Camillo. Als er in der Druckerei ankam, antwortete er auf jeden freundlichen Gruß: »Ich habe meinen Hund verloren.« »Laß Deinen Kummer nur ruhen,« sagte Herr Germain. »Die Arbeit geht allem vor.« Aber ach! Camillo war den ganzen Tag unaufmerksam; noch kein Probebogen wurde so schlecht gelesen, wie an diesem Tage. »Ich werde Dir wohl einen andern Hund bringen müssen,« sagte Herr Germain. »Nein, o nein!« antwortete Camillo, »ich würde ihn wieder verlieren.« 106 6. Kapitel. Der junge Bettler in den eliseischen Feldern. Es war sieben Uhr Abends; der Helle Mondschein gab dem schneebedeckten Boden ein glänzendes kaltes Aussehen. Camillo hatte sein Tagewerk vollbracht, und ging traurig seiner Wohnung zu. Er schritt an dem Kaffeehause der Gesandten vorüber, demselben, vor welchem er eines Abends die Violine spielte, um dem blinden Greise Geld zu verdienen; da fiel ihm plötzlich ein blasser, magerer, junger Mann auf, ohne Hut, unter einem schlechten Ueberrocke vor Kälte zitternd; der Mann glich zum verwechseln seinem Vetter! Doch welch' ein Gedanke! Der Sohn seines Onkels, der reiche Erbe des Herrn Thomas, welcher viele Häuser und Weingärten von Bordeaux besaß, der sollte in Paris sein, und daselbst die Abzeichen des tiefsten Elendes zur Schau tragen. Camillo traute seinen Augen nicht, und schien doch, trotz der stechenden Kälte an die Stelle gebannt; seine Blicke hingen an dem sprechend ähnlichen Bilde seines Vetters. In diesem Augenblicke kam ein Mann quer über den Weg. Camillo sah den jungen Mann dem Fremden näher treten und ihm die Hand reichen. »Ich habe nichts,« sagte dieser kurz. »Ich muß Geld haben, denn ich sterbe fast vor Hunger,« ent- gegnete der Bettler. Die Finsterniß, welche an diesem Orte herrschte, ermuthigte ihn ohne Zweifel, so daß er dem Fremden die Arme zusammenpreßte, und mit dem Ausdruck der Verzweiflung festhielt. Diese Stimme, diese drohende Stimme war die seines Vetters. Camillo konnte sie nicht verkennen, denn seiner Erinnerung war sie immer gegenwärtig. Er stürzte sich auf seinen unglücklichen Verwandten, faßt ihn heftig am Arme und rief aus: »Gustav, was thust Du hier?!« 107 »Gustav?« .... wiederholte mit Schrecken der junge Mann; »Gustav? Wer hat Dir meinen Namen gesagt? Woher kennst Du mich?« In seiner Bestürzung ließ er den Arm des Unbekannten los; dieser nahm die Beine auf den Rücken und lief davon, froh darüber, daß er mit der Angst davongekominen war. »Gustav! Was thust Du hier!« wiederholte Camillo; seine Worte trugen den Ausdruck der Traurigkeit und des Vorwurfes; sein Blick haftete an dem jungen Manne, den er nur mit Abscheu und schaudern ansehen konnte. Nachdem die erste Aufregung vorüber war, sah auch der Uebel- thäter dem Knaben fester in's Auge, aber er erkannte ihn nicht. »Wer bist Du, und was willst Du von mir?« sagte er mit unfreundlichem Tone zu Camillo. »Wie Gustav, Du erkennst mich nicht?« »Ich habe Dich nie gesehen,« antwortete dieser, und that einen Schritt vorwärts um sich zu entfernen. »Aber ich bin Camillo!« »Camillo?!.... »Ja, der Neffe des Herrn Thomas — Camillo — Dein Vetter, den Du einst so böswillig in den Tmllerien verließest. Du scheinst in Paris zu wohnen, was machst Du denn da? Gustav, denn er war es wohl, schwieg still; er schämte sich, darum fand er keine Worte. »Es ist hier zu kalt,« sagte Camillo, »gehen wir in Deine Wohnung, oder — wenn es Dir angenehmer ist — in die meinige. Da wollen wir plaudern.« »Ich wohne nirgends, antwortete mit fast erstickter Stimme der junge Thomas. »Wenn ich eine Wohnung hätte, würde ich nicht zu dieser Stunde, und in diesem Wetter hier umherirren. Glaubst Du, daß ich gebettelt hätte, wenn ich nicht den ganzen Tag ohne die geringste Nahrung gewesen wäre? . . . .« 108 »Sprich nicht so laut, Gustav!« sagte Camillo. Der gute Knabe forderte nun mit der liebenswürdigsten Freundlichkeit seinen Vetter auf, ihn zu begleiten. Gustav folgte ihm, ohne ein Wort zu sagen. Während des Weges dachte Camillo über das ei- genthümliche Begegnen mit seinem Vetter nach; er konnte es sich nicht erklären, düß der Vetter als Bettler in den eliseischen Feldern sein Brot snchen müsse, weiter stellte er verschiedene Fragen an ihn, über die Ursache dieses großen Schicksalswechsel. Was Gustav anbelangt, so können wir nur sagen, daß er im voraus die Märchen ordnete, welche er erzählen wollte. Sobald er eingetreten war, konnte er einen Ausruf der Verwunderung nicht zurückhalten, als er die Ordnung gewahrte, welche in der kleinen Wohnung herrschte. »Wo sind wir denn?« fragte er. »Bei mir,« antwortete Camillo. Sogleich bewies er sich auch als freundlicher, liebenswürdiger Wirth, dessen Großmuth seines guten Herzens würdig war, obgleich sie sein Vetter nicht verdiente. »Warte, mein Vetter,« sagte er, »ich werde einheizen, damit Dn Dich erwärmst. Auch sollst Du essen, mache den Speiseschrank auf — es ist freilich nicht viel darin; das Frühstück und das Abendbrot eines armen Lehrlings; Brot, ein Topf mit Mus und etwas Wein. ... iß und sei nicht verlegen, ich bin nicht hungrig, ich habe zu viele Sorgen.« »Bei wem bist Du hier?« fragte neuerdings Gustav, indem er mit Heißhunger aß. »Bei mir selbst! oder doch fast so, wie bei mir selbst. »Wie,« sagte der junge Thomas, »diese Geräthe sind Dein Eigenthum ?« »Der Grund gehört nicht mir, ich bewache ihn nur; aber das Häuschen haben mir meine Freunde gebaut, vielleicht sollte ich es auch 109 nicht ganz als mein Eigenthum ansehen, aber die Geräthe gehören mir. Aber Vetter — sage mir nur, wie es zugegangen ist — Du warst so reich! »O, das ist eine sehr traurige Geschichte.« »Es ist noch nicht spät, erzähle sie mir.« »Gerne.« Gustav setzte sich an den Ofen, und ehe er sein Mal beendet hatte, begann er mit Camillo folgendes Gespräch. 1. Kapitel. Glück und Unglück. »Meine Geschichte ist nicht lang,« sagte Gustav, indem er eine sorglose Miene heuchelte; »ich habe Unglück gehabt; damit ist alles gesagt.« »Und ich habe Glück gehabt,« entgegnete Camillo; »aber —so wie mein Glück aus irgend einer, wenn auch unbekannten Quelle entsprungen ist, so hat auch Dein Unglück einen bestimmten Ursprung. »Und wie bist Du denn so glücklich geworden?« Camillo erzählte nun in der einfachsten und bescheidensten Weise das, was ihr meine Kinder schon wißt. »Jetzt aber erzähle auch Du, Gustav, was Dir widerfahren ist,« fügte der Knabe hinzu. »Ach, sagte Gustav, nachdem ich Dich in den Tuillerien einschlafen ließ, kehrte ich an demselben Tag nach Bordeaux zurück. Nach meiner Rückkehr, machte ich reines Haus.« »Was, Gustav! Du hast Jakob mit seiner Familie weggeschickt? und die alte Bonit, und den kleinen Franz? Waren sie doch alle in meines Onkels Hause geboren!« »Sie sprachen nur von Dir;« entgegnete Gustav verdrießlich. »Ich begreife wohl, daß die Erinnerung an mich dir Gewissensbisse verursachen mußte.« 111 »War ich nicht Herr im Hause, und konnte ich nicht thun was mir gutdünkte?« entgegnete Gustav in beleidigendem Tone. »Eben so wie es diesen Abend nur bei mir gestanden hat, Dir einen Zufluchtsort anzubieten oder nicht.« Gustav schien diese Worte nicht zu hören, und fuhr fort. »Höre, Camillo, Du darfst Dich nie wundern, wenn Du hörst, daß ein Mensch in sechs Monaten mit einem bedeutenden Vermögen fertig geworden ist. Nichts ist leichter.« »Höre. Ich nahm neue Dienstleute auf, Sie bestahlen mich. Mein Geld lieh ich Freunden. Ich ordnete Feste an, gab große Tafeln; schaffte mir Wagen und Pferde an. Dazu kamen noch verfehlte Spekulationen; und eines schönen Morgens war meine ganze Habe bis auf zehn tausend Franken zusammengeschmolzen.« »Zehn tausend Franken! Das wäre immer noch zu ertragen,« sagte Camillo mit einem bitter spottenden Tone. »Ich möchte wohl so viel haben, wie reich würde ich mich damit dünken. Besitzt Du diese Summe noch?« »Höre mich bis ans Ende. Ich wußte, daß die Spielhäuser in Paris geschloffen waren, aber ich hatte meinen Vater oft vom Spiel auf der Börse sprechen hören, in welchem man große Summen gewinnen kann. Ich ging also nach Paris, wagte mein kleines Vermögen auf der Börse, und — verlor es. Ich war dem Elende zum Raube geworden. Um mein Leben zu fristen, verkaufte ich meine Kleidungsstücke, und was sonst noch mein war, stückweise. Gestern nämlich war ich außer Stande, die Miethe für eine kleine Wohnung zu bezahlen, welche ich in der Straße Filles-Saint-Thomas inne hatte. Man setzte mich vor die Thüre, nachdem man das wenige, das ich noch besaß zurückbehielt, als Du mich begegnetest hatte ich seit vierzehn Stunden nichts gegessen.« »Ist es nicht ein Glück daß ich Dir begegnet bin!« sagte Camillo. »Bist Du mir denn nicht böse?« fragte Gustav überrascht. »Ich war wohl böse auf Dich, so lange ich Dich reich glaubte; jetzt beklage ich Dich, und aller Groll ist vergessen. Übrigens Gustav, 112 erinnere Dich der oft wiederholten Worte Deines Vaters: »Dem bösen folgt das Unglück, dem guten das Glück auf dem Fuße nach.« Mußt Du es nicht zugeben, daß wir beide die Wahrheit dieser Worte an uns selbst erlebten?« »Dummes Zeug« — sagte Gustav, indem er die Achseln schüttelte. »Hättest Du den privatisirenden Strumpfwirker nicht gefunden, der Dich zum Hüter dieses Grundes machte, und die guten Maurer, welche Dir Dein Häuschen bauten, was wäre wohl aus Dir geworden!! Gestehe es nur selbst.« »Das ist wahr!« fügte Camillo lebhaft hinzu, »hätte ich den braven Mann nicht gefunden, so hätten mir die Kameraden des jungen Maurers mein Haus nicht gebaut. . .« »Noch mehr« unterbrach Gustav, »ohne Deinen Hund wäre Dir dieß alles nicht begegnet.« »Aber diesen Hund, habe ich aus Mitleid zu mir genommen; und gerade darum hat Gott sich meiner erbarmt.« »Du legst es Dir so zu recht. Übrigens darfst Du über Dein Glück noch nicht in die große Posaune blasen.« »Und was fehlt mir denn?« fragte Camillo mit erhöhter Stimme; »mein Haus ist für mich groß genug; ich habe Freunde — vorzüglich die Familie des Blinden, der gewiß ein braver Mann ist, und mir schon manchen guten Rath ertheilt hat. Seine Frau wäscht und flickt meine Wäsche; seine Tochter brachte mir ein Paar Tauben, und zwei Kaninchen, sein Sohn, ein guter Bursche, der sich in kurzer Zeit besserte, kommt nach seinem Feierabend, und hilft mir meinen Boden bebauen. Meine Stelle in der Buchdruckerei bringt mir monatlich dreißig Franken ein; was bleibt mir noch zu wünschen übrig? nichts — wenn ich meinen Hund wieder hätte. Ich würde undankbar sein, wenn ich mich über mein Loos beklagen wollte, besonders wenn ich daran denke, was ich vor zwei Jahren war; ein verlassenes, armes Kind, in der unermeßlichen Stadt Paris; und was ich jetzt bin.« 113 »Gehst Du nicht bald zu Bette,« fragte Gustav, der es in einem langgedehnten gähnen deutlich zeigte, welche Langeweile ihm die letzte Betrachtung Camillos verursachte. »Ich habe nur Ein Bett,« antwortete der gefragte, »von diesem biete ich Dir die Hälfte an.« »Ich werde sehen, daß es mir Raum genug gibt,« entgegnete Gustav indem er sich ins Bett legte. »Betest Du denn nicht?« bemerkte Camillo, indem er sich niederkniete. »Wozu ist es?« antwortete Gustav indem er sich umwendete um zu schlafen. »O, mein armer Vetter, wie soll es Dir dann gut gehen. — Ich werde für uns beide beten.« »Da thust Du gut daran;« entgegnete Gustav kurz. Kaum hatte Camillo sein Gebet begonnen, als es ihm so vorkam, als ob er ein bekanntes bellen höre. »Gustav, Gustav!« rief er mit bewegter Stimme aus — läugne nun die Gerechtigkeit Gottes ... ich habe ihn gebeten, und nun schickt er mir meinen Hund wieder.« Camillo erhob sich, und ging hinaus um seinem Hunde zu öffnen. Einen Augenblick später kam er wieder und hielt seinen Hund in den Armen, indem er vor Freude weinte. Zum zweiten Male fiel er auf seine Knie nieder, dießmal um Gott zu danken. 2. Kapitel. Ein verlorner Hund. Fünfzig Franken Belohnung. »Es ist doch eigenthümlich, Vetter« sagte Camillo am andern Morgen, »Fox scheint Dich nicht sehr gerne zu haben, denn er schleicht unaufhörlich um Dich herum, indem er knurrt.« 8 114 »Sind denn die Hunde der Liebe oder des Hasses fähig!« entgegnen Gustav. »Gewiß. Sieh doch nur dieses arme Thier an, das ich verloren hatte, ist es etwas anderes als Freundschaft und Treue für mich, die ihn zurückgeführt haben? Du bist Zeuge seiner Freude gewesen. Aber lasten wir jetzt den Fox, und sprechen wir lieber von Dir.« »Ich danke Dir für Deine Beschützermiene,« erwiderte Gustav, indem er sich ankleidete, und dem Überrocke, welcher ihn bedecken sollte, ein weniger schmutziges und lumpiges Ansehen zu geben versuchte. »Ich möchte einige Freunde besuchen, kannst Du mir ein Hemd und ein Halstuch leihen?« »Ja,« sagte Camillo. Er suchte sogleich sein bestes Hemd, und sein schönstes Halstuch hervor, um es seinem Vetter zu geben. »Dann brauche ich auch Geld zum Frühstück,« sagte Gustav. Camillo zog aus dem Strohsacke seines Bettes eine kleine Lederbörse. »Ich habe dreißig Franken,« sagte er; »ich will sie mit Dir thei- len, hier hast Du Io davon. Ich bedanre, Dir nicht mehr bieten zu können.« Gustav war nicht darauf gefaßt, daß sein Vetter ihm eine so große Summe geben würde; er empfing sie ganz verwundert, indem er zu Camillo sagte: »Sieh, Du bist doch ein guter Junge; ich hoffe Dir diese Summe wieder ersetzen zu können, und nehme sie nur als Darlehen an.« Sobald Camillo seine Tauben und seine Hühner gefüttert hatte, so machte er sich bereit an seine Arbeit zn gehen, nnd lud seinen Vetter ein ihn zu begleiten. Als sie beide auf dem Platze »de la Concorde« angekommen waren, bemerkten sie einen Anschlagzettel, welcher eben erst veröffentlicht wurde, und vor welchem mehrere Personen stehen blieben. »Gewiß ist irgend ein kostbarer Schmuck verloren gegangen,« sagten die Vettern zn einander! 115 Gustav las laut folgende Anzeige: Verlorner Hund. Fünfzig Franken Belohnung. Vor zwei Jahren ging ein kleiner englischer Hund verloren, in der Nähe der Tuilerien. Er ist schwarz, mit einem Feuermale auf der Stirne, und an den vier Pfoten gezeichnet. Vorgestern, Sonntag, wurde er an der Kirche St. Roche wiedergefunden, doch entwischte er gestern Abend aufs neue. Er hört auf den Namen Fox. Man bittet denjenigen, welcher ihn gefunden hat, ihn zurückzubringen. Straße Lafitte, Nr. 37, zu Madame Marbeouf. Gedruckt bei Simon Na^on, t. ruo ck'Lrlurt. L ?aris. »Madame Marbeouf!« sagte Gustav mit nachdenklicher Miene; »das ist doch sonderbar.« »Dich, mein armer Hund, sucht man! Aber lasse es gut sein, wir beide trennen uns nie wieder,« sagte Camillo, indem er gleichzeitig Fox mit Zärtlichkeit an sich drückte. Die beiden Vettern schieden von einander, indem sie sich gegenseitig versprachen Abends zusammenzutreffen. Jeder war mit besonderen Gedanken beschäftigt. Camillo hatte nach seiner Ankunft in der Druckerei nichts eiligeres zu thun, als Herrn Germain von der Anzeige des verlornen Hundes zu erzählen, und ihn um seine Meinung zu fragen. »Meine Meinung mein Kind, werde ich Dir gleich sagen,« antwortete der rechtliche Correktor. »Der Hund gehört nicht Dir, folglich mußt Du ihn zurückgeben.« »Niemals« — antwortete Camillo, — ich werde mich nie von meinem Fox trennen.« »Bedenke aber, daß man Dich anklagen kann, diesen Hund gestohlen zu haben.« 8 * 116 »»Gestohlen!« rief Camillo aus, indem ihm das Blut ins Gesicht schoß, »gestohlen?« »Ganz gewiß,« entgegnete der Correktor, »es wäre ein Diebstahl einen Hund zurückzubehalten, der Dir nicht gehört.« »Dann darf ich nicht zögern.« Camillo nahm Fox in seine Arme und schickte sich an, ihn seinen ehemaligen Herrn zurückzubringen. Ehe er aus der Thüre trat, wendete er sich nach seinen Kameraden, welche ihn besorgt ansahen. »Glauben Sie meine Herren,« sagte er zu ihnen, »daß ich dieser Dame anbieten kann den Hund mir zu verkaufen.« »Dazu hast Du wohl ein Recht,« antwortete einer der Setzer. »Eben so wie die Dame im Rechte ist, wenn sie ihn Dir nicht verkaufen will.« Camillo ging weg; sein Herz war tief betrübt. Das arme Thier richtete seine Augen nach Camillo, und schien ihn um Schutz zu bitten. 3. Kapitel. Madame Marbeouf. »Guter Gott! was soll aus mir werden ohne meinen Fox,« sagte Camillo. Er sah seinen Hund unaufhörlich an; es kam ihm vor, als hätte er ihn nie so lieb gehabt, als gerade an diesem Tage. So kam er in der Straße an, welche durch den Anschlagezettel bezeichnet war. Als er sich dem Hause Nr. 37 näherte, bemerkte er seinen Vetter, welcher eben im Begriffe war einzutreten; er verdoppelte seine Schritte um ihn zu erreichen. »Was für eine Angelegenheit führt Dich denn hierher,« fragte er? »Was führt denn Dich her,« antwortete Gustav, dessen Gesicht plötzlich einen lebhaften Unwillen ausdrückte. »Du siehst es,« Dabei neigte Camillo sein Köpfchen traurig auf - Mad ame Mart» o ms 117 Fox. Der arme Hund hockte sich zusammen in den Armen des Knaben, und ordnete den Ausdruck seiner Züge, nach jenen seines jungen Herrn. »>Du kommst wohl die verheißene Belohnung zu holen,« entgeg- nete Gustav. Es wäre vergebens den Blick des Unwillens zu beschreiben, welchen Camillo nach seinem Vetter schleuderte. Der ehrliche Knabe begriff wohl, daß Gustav unfähig war seine Handlungsweise zu beurtheilen, darum kehrte er ihm rasch den Rücken. »So höre doch noch ein Wort, Camillo,« rief Gustav, indem er ihm nachlief, »sage Madame Marbeouf nicht, daß Du mich kennst.« »Warum darf sie das nicht wissen?« »Du wirst es später einmal erfahren« entgegnete Gustav, dann verließ er seinen Vetter. Camillo trat ein, und fragte bei der Hausmeisterin nach der Wohnung der Madame Marbeouf. »Im ersten Stock, links die Thür« antwortete diese. »Ach, Sie bringen der Dame den Hund, den sie verloren hat. Das ist für Sie sehr vortheilhaft; eine solche Belohnung erwirbt man sich nicht leicht; ich kann solches Glück nicht haben.« Camillo grüßte anstatt aller Antwort; stieg eine Treppe hinauf, und hörte noch oben die halb neidischen, halb boshaften Bemerkungen der Hausmeisterin, über den Mangel an Glück. Der Knabe klingelte. Ein Bedienter in grünem Kleide, mit Goldborden bedresst, öffnete die Thür. Kaum hatte er den Hund gesehen, so rief er aus: »Das ist ja der Fox unsrer gnädigen Frau, o wie glücklich wird sie sein! Denken Sie sich, vor zwei Jahren hat meine gnädige Frau dieses Thier verloren. Sie nahm damals die Post, um zu einem Verwandten zu reisen, der dem Tode nahe war; als sie dort ankam, fand sie ihn auch schon todt. — Das arme Thier verschwand bei den Tuilerien, wo meine gnädige Frau die Abfahrtsstunde erwartete. So hat es mir das Kammermädchen erzählt, welches die gnädige Frau begleitete.« 118 Von dieser Erzählung begleitet, durchschritt Camillo mit dem Bedienten mehrere vornehm eingerichtete Zimmer. Zuletzt kamen sie in ein kleines Kabinet, wo eine alte Dame in einem recht bequemen Lehnstuhl saß, und an einer Stickerei arbeitete. Der Diener zog den Thürvorhang ein wenig zurück, und sagte: «Gnädige Frau, Fox ist wieder gefunden.« »Fox! mein Fox!« rief die Dame aus, indem sie ihre Arbeit bei Seite warf, und beide Arme dem Thiere entgegen streckte. »Fox? . . . Nun kennst Du Deine Herrin nicht, undankbarer!« Aber Fox und sein Begleiter hatten die Schwelle des Zimmers noch nicht überschritten, und waren beide nicht in der Stimmung cs zu thun. »Fox!« wiederholte Madame Marbeouf mit zärtlicher Stimme, »wie, Du entziehst Dich den Liebkosungen Deiner guten Herrin. Sieh her, hier habe ich einen Kringel, den Du so sehr liebst.« Fox wedelte zum Zeichen des Dankes mit dem Schwänze, das war aber alles. — Madame Marbeouf war eine Frau in den sechziger^ ihre Züge schienen durch unglückliche Erlebnisse nie verändert worden zu sein, darum trugen sie immer noch die Spuren einer großen Schönheit an sich. »Sie sehen es, gnädige Frau,« wagte Camillo zu sagen — »Fox ist eben so betrübt darüber als ich selbst, daß wir uns trennen müssen.« Jetzt warf die Dame zum ersten Male einen Blick auf den Knaben. »Es ist gut, ich danke Dir,« sagte sie. Dann wendete sie sich zu dem Bedienten: «Peter gib diesem Knaben fünfzig Franken. Geh mein Kind, geh.« Und als sie bemerkte, daß Camillo sich nicht von der Stelle bewegte, fuhr sie mit sanften Worten fort: »Ist Dir die Belohnung zu gering? Willst Du mehr haben?« »Ich möchte Ihnen gerne einen Vorschlag machen, gnädige Frau,« sagte Camillo, der seine Thränen nur mühsam zurückhielt. »Was hindert Dich denn, es zu thun? Sprich.« »Ich bitte Sie gnädige Frau,« sagte Camillo schüchtern, »mir den Fox zu lassen. Er ist mein Freund, mein Bruder, denn ich bin ein 119 armer Waisenknabe, der niemanden hat. O, ich bitte Sie, lassen Sie mir Fox.« »Welch' sonderbares Kind,« sagte Madame Marbeouf, ohne die geringste Bewegung. Dann fügte sie mit einer gütig lächelnden Miene hinzu: »Es thut mir leid, mein Kind, aber der Hund gehört mir, ich werde ihn behalten. Gehe zu Peter und fordere von ihm was Du willst.« »Ich will gar nichts als Fox, gnädige Frau, ich bitte um nichts, als um Fox. O, schlagen Sie mir diese Bitte nicht ab. Sie sind reich, Sie haben Häuser, Diener, vielleicht auch Kinder, und ich habe gar nichts als Fox. Sehen Sie gnädige Frau, wie das arme Thier mich ansieht, wenn es sprechen könnte, es würde sagen: »Trennen Sie uns nicht, gnädige Frau, haben Sie Mitleid mit uns beiden.« Ohne von dieser rührenden Bitte bewegt zu sein, wendete sich Madame Marbeouf mit den Worten zu ihrem Bedienten: »Peter, führe den Knaben weg, und gib ihm hundert Franken.» Und zu Camillo sagte sie: »Geh' mein kleiner Freund, hundert Franken sind wohl mehr werth, als dieser Hund.« »Für Sie gnädige Frau, mag es so sein, für mich nicht,« antwortete Camillo, dem die Geringschätzung mit der er sich behandelt sah, eine gewisse Kühnheit gab. »Weil Sie denn glauben, daß ein verlorner Freund durch Geld zu ersetzen sei, so frage ich Sie: Wollen Sie mir Fox verkaufen? Wieviel verlangen Sie für ihn? Wenn die Summe mein Vermögen übersteigt, so werde ich arbeiten, um sie zu erwerben, und werde Ihnen das erworbene getreulich bringen. Sagen Sie es mir gnädige Frau, wieviel Sie für Ihren Hund haben wollen.« »Peter, führe diesen Knaben weg.« Und als Camillo neue Einwürfe zu machen versuchte, fuhr die Dame fort: »Genug, genug, ich will nichts mehr hören.« Camillo senkte seinen Kopf, und folgte Petern, ohne es zu wagen 120 einen letzten Blick auf Fox zu werfen, den seine Herrin festhielt. Als die Thüre sich hinter seinem Freunde schloß, fing auch der Hund an zu brummen und sich mit einem Wort unbehaglich zu fühlen. Camillo war trostlos; er ging weg, ohne die verheißene Belohnung anzunehmen. Der Bediente hielt ihn zurück. »So warten Sie doch, ich muß Ihnen doch erst das Geld vorzählen.« »Ich danke Ihnen, ich will es nicht, antwortete Camillo. »Eure Herrin ist eine böse Frau, ich will nichts von ihr.» »Meine Herrin eine böse Frau?» erwiderte Peter, »nicht sosehr als Sie glauben.« »Ist sie vielleicht gut?« »Das will ich gerade nicht sagen.« »Was ist sie denn also?» »Sie ist glücklich, mein kleiner Freund. Sie ist eine Frau, welche das Unglück nie an sich erfahren hat, darum kann sie sich keine Vorstellung davon machen. Meine gnädige Frau kann jemanden leiden sehen, ohne zu ahnen, daß er leidet. Wenn ein Armer ihr entgegen ruft: ich habe Hunger! so wird sie ganz ruhig antworten: Das thut mir recht leid. Fährt er dann fort: Geben Sie mir etwas zu essen; ein Kleidungsstück um meine Blöfse zu bedecken; so wird sie ihre Börse aus der Tasche ziehen und ihm Geld geben.« »Ach, lassen sie es sein, bei all' dem ist sie doch keine vortreffliche Frau,« entgegnete Camillo und ging fort. »Und Ihr Geld?« rief ihm der Bediente nach. »Ich würde es schlecht verdient haben, antwortete Camillo, indem er die Hand auf die Thürklinke legte, um zu öffnen, denn ehe es Abend wird, ist Fox wieder bei mir.« Nach diesen Worten grüßte Camillo höflich den Bedienten, und ging aus dem Zimmer. Sobald er auf der Straße angelangt war, wendete er sich rechts, anstatt nach der Druckerei zurückzukehren, bog in die Straße äs la Vietoirs ein, weil das Haus Nr. 37 in dieser 121 Straße eine Ecke bildete, setzte er sich auf das Pflaster und sing zu Pfeifen an. »Ei, gehst Du denn nicht an Deine Arbeit? fragte ihn sein Vetter, welcher eiligst umgekehrt war, um sich seiner Seits bei Madame Marbeouf vorzustellen. »Nein, ich werde den Tag über hier bleiben« — antwortete Camillo. »Der Dummkopf!« sagte Gustav für sich hin, und ging mit großen Schritten weiter. 4. Kapitel. Die Unterschrift. Was Camillo vorher sah, geschah auch. Fox, der schon einmal seiner Herrin entschlüpft war, umging neuerdings alle Hindernisse; sobald er Camillos Pfeifen hörte, kam er athemlos herbei gelaufen. »Bist Du endlich da, mein Fox,« sagte Camillo, »komm, komm, geschwind.« Beide liebkosten einander in ihrer Weise, und entfernten sich schleunigst. Als der alte Correktor Camillo mit dem Hunde zurückkehren sah, schüttelte er die Achseln. »Du hast Dich also wirklich nicht entschließen können, Deinen Fox zurückzugeben,« sagte er. «Es ist nicht recht gehandelt, Camillo.« Dieser aber erzählte was geschehen war, und entschuldigte sich, so sehr er konnte. Es war interessant die Bemerkungen der Arbeiter zu hören, denn jeder wußte etwas anderes zu sagen. — »Ich hätte es so gemacht.« — »Und ich würde das gethan haben.« — »Ich behielte den Hund.« 122 »Ich hätte die hundert Franken genommen, und meinen Kameraden einen guten Tag damit bereitet.« — »Nein, das Geld hätte ich auch nicht genommen, aber ich hätte dieser Frau die Wahrheit gesagt.« — »Ja,« fiel Camillo ein, »Ihr glaubt alle, daß es leicht sei, eine Dame mit so vornehmer Miene zu sprechen, deren eintönige Stimme jede Einwendung verbietet. Ich konnte sie nur bitten, mir meinen Fox zu lassen, und dann weinen, weil sie es mir abschlug.« »Und was hat sie geantwortet?« »Sie hat die Belohnung verdoppelt, da sie voraussetzte, daß eine größere Summe mich leichter für den Verlust des Thieres entschädigen würde.« »Du hättest Ihr Deinerseits hundert Franken anbieten müssen,« entgegnete ein Schriftsetzer. »Das habe ich auch gcthan, aber sie hat mir ins Gesicht gelacht.« »Sie wird gedacht haben, daß Du die Summe ohnehin nicht besitzest; Du hättest sie ihr zeigen müssen.« »Daß ich dieß nicht konnte, wissen Sie alle; aber ich versprach ihr, die Summe zu erwerben, und sie ihr nachträglich zu bezahlen.« »Ach, so geht es nicht,« riefen einige Arbeiter. »Geld muß man nicht versprechen, das muß man zeigen. Man widersteht nicht so leicht zwanzig schönen, blanken Fünffrankenstücken. Die Blicke aller Anwesenden sagten mehr als Worte, daß diese Ansicht die richtige sei. »Für Sie, Gaspard, mag das so sein, das ist möglich, aber reiche Leute denken anders. »Ich halte meine Meinung fest,« sagte Gaspard, indem er mit der Hand auf seine Geldbörse klopfte; »lch werde wohl recht haben.« »Ich denke eben so, ich auch; ich auch,« rief es aus allen Ecken hervor. »Man müßte nur eine Probe machen. Wäre das nicht möglich?« 123 »Ich besitze keine hundert Franken,« emgegnete Camillo traurig, »ich habe nur fünfzehn.« »Würdest Du sie gerne hingeben, wenn Du Deinen Hund damit loskaufen könntest?« fragte Gaspard. »Ich gebe sie gerne und die Einnahme der künftigen drei Wochen dazu,« antwortete Camillo. »Nun gut Kamaraden, laßt uns das fehlende ergänzen,« fügte Gaspard hinzu. Er stieg auf einen kleinen Steintisch, wohin man gewöhnlich die Schriftformen legte, um sie nach der Correktur zu verbessern, und forderte alle Arbeiter zur Ruhe auf, dann sprach er mit lauter Stimme: »Ein Kamerad ist in Gefahr seinen Hund zu verlieren; dieser Hund ist zugleich sein Freund, das liebste und theuerste was er besitzt; er kann ihn retten, wenn er hundert Franken bezahlt.... seid Ihr bereit, diese Summe zusammenzuschießen?« »Ja! ja! ja!« Jetzt legte Gaspard mit ernster Miene seine Mütze auf den Tisch und sagte: »Die erste Gabe sei von mir, der ich selbst an das arme Thier gewöhnt bin. Ich will das Beispiel geben.« Er warf ein blankes Goldstück in die Mütze. »Ich bleibe nicht zurück,« sagte Herr Germain, indem er ein Fünffrankenstück dazu legte. Jeder Arbeiter trat vor, wühlte erst ein Bischen in der Tasche, und legte dann seine Gabe dazu. »Mein armer Fox,« sagte Camillo weinend, »o, meine Freunde, wie gut sind Sie! Wie werde ich Ihnen jemals dafür danken können! »Bist Du nicht selbst der beste von uns allen, obgleich Du der kleinste bist,« entgegnete ein Arbeiter, der seine Gabe eben darbrachte. Obgleich Camillo wenig Hoffnung hatte, so rührte es ihn doch zu Thränen, daß man ihm mit so viel Liebe entgegen kam, und ihn so großer Aufmerksamkeit würdig hielt. 124 Sobald die Summe voll war, legte sie Gaspard zu einer Rolle zusammen, fragte nach der Adresse der Madame Marbeouf, legte seine Blouse ab, und ging weg. 5. Kapitel. Neue Pläne. Briefwechsel. Nach einer Stunde kam Gaspard zurück. Er warf seine Mütze unwillig hin, und rief aus: «das ist eine steinerne Natur; der Junge hatte recht, als er sagte, daß die Dame mir ins Gesicht lachen wird. Was soll ich mit dem Gelde machen, mein Freund,« fragte sie mich, indem sie es wegstieß, als ob sie fürchtete sich daran zu brennen. »Ich habe meinen Hund, und ich werde ihn behalten.« »Vermuthlich hatte sie noch nicht bemerkt, daß ihr Liebling aufs neue entwischt war, und ich hütete mich wohl ihr zu sagen, daß er in unserer Gewalt sei. Was die hundert Franken anbelangt,« fügte sie hinzu, »so bin ich sie schuldig, und da Sie im Interesse des Knaben da sind, so werde ich sic Ihnen übergeben, wenn Sie wollen.« »Ich danke Ihnen,« entgegnete ich. »Und ohne mehr zu hören, verließ ich das Zimmer. Nun bin ich wieder hier, und gebe Euch Kameraden das Geld zurück.« »Ich danke Ihnen nichts desto weniger für ihre Mühe,« sagte Camillo, indem er Gaspard's Hand drückte. »Ich habe einen andern Gedanken, den ich Ihnen sogleich mittheilen will, um Ihre Meinung darüber zu hören.« »Es scheint, daß heute gar nicht gearbeitet wird,« unterbrach mit mahnender Stimme der Factor. »Gestern war Montag,« entgegnete Gaspard, »da sind wir noch nicht recht im Zuge; aber seien Sie ohne Sorge, in einer Viertelstunde ist jeder an seinem Platze. Nun theile uns Deinen neuen Gedanken mit, Du kleiner Robinson. 125 Hier, mein lieber Leser, muß ich bemerken, daß der Name Robinson dem kleinen Camillo geblieben ist. Man nannte ihn nur zuweilen Robinson von Paris, um ihn von Robinson Crusoe zu unterscheiden. »Mein Plan,« sagte Camillo »ist der: Madame Marbeouf hat allem Anscheine nach die Thiere, besonders die Hunde gern. Vielleicht ist sie den Zärtlichkeiten eines Thieres zugänglicher als meinen Thränen, darum denke ich, daß einer von uns im Namens Faxens an sie schreiben sollte.« »Angenommen! Angenommen!« rief es aus allen Kehlen. Nach verschiedenen Anleitungen wurde nun der Entwurf zu einem Briefe gemacht; er wurde verändert, dann verworfen, ein zweiter Entwurf hatte dasselbe Schicksal, so daß erst nach mehreren Versuchen ein Schreiben folgenden Inhaltes zu Stande kam. »Gnädige Frau! Theure Herrin! Es ist zwei Jahre her, daß ich in den Tuilerien mich verlief. Bonden Wachen hin und hergejagt, von den Aufsehern verfolgt, wie ein wüthender Wolf, verwundet und mit Blut bedeckt, war ich dem Tode nahe, da niemand sich meiner annehmen wollte, als ein Knabe, der gleich mir allein und verlassen umherirrte, sich meiner erbarmte. Er wusch meine Wunden in dem großen Wasserbecken des Gartens, zerriß sein Taschentuch in zwei Theile, um mir einen Verband zu machen, und das Blut zu stillen. Der unglückliche Knabe hatte nur einen Kreuzer; er kaufte dafür ein Stück Brod und theilte es mit mir. Sehen Sie gnädige Frau, derlei vergißt man nicht, und wenn man auch nur eine Hundenatnr hat, so fühlt man doch den schuldigen Dank.« »Seitdem haben wir beide, der Knabe und ich, einander nicht mehr verlassen. Er hätte jede Stelle zurückgewiesen, wo man ihm seinem treuen Gefährten den Eingang verschlossen hätte. Zwischen uns herrscht völlige Gleichheit der Rechte, wir sind Freunde. Wir theilen 126 einander Freude und Leid mit, und verstehen uns dabei ganz gut.« — Dennoch gnädige Frau werde ich Sie immer gerne sehen; ich werde Ihnen, wenn Sie es erlauben, sogar von Zeit zu Zeit einen Besuch machen, z. B. des Sonntags; aber rechnen Sie nicht darauf mich ganz zu behalten. . . »Bravo,« rief Adrien, als der Verfasser an diese Stelle gekommen war. — Jetzt sollte aber auch davon die Rede sein, daß es das arme Thier sehr langweilig findet nichts als Kringel zu essen, und mit seidnen Decken zugedeckt zu werden. »Warten Sie nur,« entgegnete Camillo, »auch daran wird die Reihe kommen.« Der Schreiber fuhr fort: »Ich weiß es, gnädige Frau, daß Sie das Recht haben, mich durch Anschlagzettel in der ganzen Stadt berüchtigt zu machen; ich weiß, daß Sie sich meiner bemächtigen können so bald Sie wollen, daß Sie mich gewaltsam zurückrufen dürfen; aber zum bleiben gegen meinen Willen werden Sie mich nicht zwingen.« »Wenn Sie mich anbinden, so werde ich den Strick entzwei reißen ; wenn Sie mich in ein Zimmer einsperren, so werde ich durchs Fenster springen, und wenn es hundert Fuß hoch wäre; selbst wenn ich mein Leben dabei aufs Spiel setzen müßte; und würden Sie mich so strenge hüten, daß an kein entkommen zu denken wäre, so würde ich jede Nahrung verweigern, und den Hungertod erwählen. Daß es solche Hunde gegeben hat, welche aus freiem Willen Hungers starben, ist Ihnen gewiß bekannt; wenn nicht, so le;en Sie die »Geschichte« der berühmten Hunde« von Friedrich von Coursy.« »Vielleicht nennen Sie mich nun einen undankbaren. . . hierauf erwidere ich folgendes:« »Sie sind reich gnädige Frau, und Sie haben mich vielleicht thener gekauft. Camillo hat mich nicht gekauft, er hat mir das Leben 127 gerettet. Und dann — unter uns gesagt — das Leben, welches ich jetzt führe, gefällt mir weit besser als mein früheres. Es ist sehr langweilig der Hund einer reichen Dame zu sein. Bei Ihnen wurde ich gehätschelt, liebkost, mit Zuckerkringel gestopft, mit Bonbon und Näschereien gefüttert. Da ich immer auf seidenen Kissen lag, und keine andere Bewegung machte, als wenn ich mit Ihnen aussuhr, so verloren meine Glieder alle Elastizität und wurden steif und schwer, das machte mich traurig, verdrießlich, reizbar. Bei Camillo, meinem Freunde, genieße ich nur ein einfaches, aber gesundes Mal; wir laufen und springen in die Wette, wir spielen fröhlich mit einander, und daß: »Zufriedenheit mehr Werth ist als Reichthum« das wissen Sie wohl.« »Noch eine Beschwerde.« »In Ihrer Gegenwart, war ich das geliebte Hündchen des ganzen Hauses; der theure Schatz, voll Verstand und Fähigkeiten. Aber wenn Sie den Rücken wendeten, dann änderte sich die Meinung der Leute gegen mich; da hieß es: Das häßliche Thier! Wie es stinkt! Daß die gnädige doch einen solchen Hund um sich haben, und ihm ihre Zuneigung schenken mag. Und dann regnete es gewöhnlich Fußtritte von allen Seiten.« »Camillo hat keine Bedienten, aber er hat Freunde; diese erfreuen das arme Thier mit den gleichen Liebkosungen, und dulden es gerne um sich; darum, gnädige Fran, seien Sie gerecht, und überlassen Sie mich meinem neuen Herren. Sie werden nichts gewinnen, wenn Sie mich zur Rückkehr zwingen, lassen Sie mich aber meinem jetzigen Herren so erwerben Sie sich zwei Freunde; und ich verpflichte mich, bei der Ehre eines Bolognesers, Ihnen jeden Sonntag meine Aufwartung zu machen, und Ihnen meine schönsten Künste vorzuführen.« Indem ich der Ehre einer baldigen Antwort entgegen sehe, empfangen Sie, gnädige Frau, die Versicherung meiner tiefsten Ehrfurcht und meiner aufrichtigsten Ergebenheit. Da ich nicht selbst unterzeichnen kann, so habe ich meine Pfote unten abgedruckt. 128 A. L. Die Antwort an: Fox poste restants. Dieser Brief wurde an Madame Marbeouf adressirt, und auf die Stadtpost gegeben. Nach einigen Stunden antwortete Madame Marbeouf wie folgt: Mein lieber Fox! Da ich Dir nicht alles schreiben kann, was ich Dir sagen möchte, so mache mir das Vergnügen, mich mit Deinem jungen Beschützer zu besuchen. Deine ehemalige Herrin Antonie Marbeouf. Dieser Brief wurde in der Druckerei vorgelesen. »Was ist zu thun?« fragte Camillo seine Freunde. «Was anders, als hingehen,« sagte der Eine. »Ich ginge nicht,« sagte ein anderer. »Nun gut — ich gehe,« unterbrach Camillo, »ich werde um die Erlaubniß bitten, mich eine Stunde entfernen zu dürfen, und dann zu der Dame gehen, um zu hören was sie uns beiden will.« »Fox wird bald die Aufmerksamkeit des ganzen Personales hier für sich allein in Anspruch nehmen,« antwortete der Factor verdrießlich. »Ich bleibe nicht lange weg, mein Herr, seien Sie gewiß, ich verspreche es!« sagte Camillo mit einer so gutmüthigen Miene, daß der Factor wider Willen lächelte. »Geh, mach vorwärts, Du kleiner Versucher,« sagte er zu ihm. Und nun ging Camillo abermals mit seinem Hunde unter dem Arm fort. 1. Kapitel. Noch immer der Vetter. Camillo war wieder in der Straße Lafitte bei Nr. 37 angekommen, und ging dießmal an dem Thürsteher vorüber, um gerade aus in das erste Stockwerk hinauf zu steigen. Er wollte eben an der Glocke ziehen, als er bemerkte, daß die Thüre offen stand. Er trat ein. Bald vernahm er einen lebhaften Wortwechsel zwischen Madame Marboeuf und einer andern Person. »Ich sage Ihnen, daß Sie sich entfernen, und meine Schwelle nie wieder überschreiten sollen,« sagte Madame Marboeuf mit sehr lauter Stimme. — »Aber wenn ich ihn wiederfinde, wenn ich ihn zu Ihnen her führe?« antwortete man. »Ich werde ihn aufnehmen, denn er hat sich nichts zu schulden kommen lassen. Aber Sie werde ich darum nichts desto weniger von mir ferne zu halten wissen, wie jeden andern Taugenichts. Gehen Sie, mein Herr.« »Gnädige Frau — bedenken Sie doch.« »Ich kenne Sie nicht mehr, mein Herr, entfernen Sie sich.« Da man diese Weisung nicht zu beachten schien, so erhob Madame Marbeouf ihre Stimme noch mehr, und sprach mit dem Tone des unwiderruflichsten Befehles: 9 130 »Entfernen Sie sich — oder ich laste Sie durch meine Leute hinauswerfen.« In demselben Augenblicke öffnete sich die Thüre weit, ein blasser junger Mann, mit stierem Blicke ging an Camillo vorüber. Es war Gustav. »Was willst Du hier?« fragte ihn dieser mit aufgeregter Stimme. »Madame Marbeouf besuchen,« antwortete Camillo ruhig. »Geh fort, geh fort, sage ich Dir, diese Frau ist ein Ungeheuer,« rief Gustav aus. Und ehe Camillo Zeit fand, sich selbst zu sammeln, nahm ihn Gustav am Arm, um ihn mit sich fortzuziehen. Sie eilten die Treppe hinab; auf der letzten Stufe stießen sie beide an einen dicken Herrn, welcher denselben Weg aufwärts machen wollte. »Einen Augenblick!« sagte der dicke Herr, indem er seine Hand auf Camillos Achsel legte. Dieser erhob seine Augen, der dicke Herr und der Knabe riefen zu gleicher Zeit aus: »Sie sind es Herr Raimond!« »Du bist es, mein kleiner Wächter! Wer ist dieser junge Mann?« »Mein Vetter.« »Was willst Du denn hier?« »Vorwärts, vorwärts!« unterbrach Gustav, indem er Camillo zum weitergehen zwang, damit er nicht mehr antworten könne. Sobald sie auf der Straße waren, hatte Camillo nichts eiligeres zu thun, als Gustav um eine Erklärung des vorgefallenen zu bitten, dieser aber verließ ihn, indem er ihm in kurzem, rauhen Tone sagte: »Du wirst alles erfahren. Lebe wohl.« 131 2. Kapitel. Der Bediente der Frau Marbeouf. Camillo hielt es für räthlich die versprochene Erklärung seines Vetters abzuwarten, und seinen Besuch bei Madame Marbeouf zu verschieben. Er schlug darum den Weg nach der Druckerei ein. Sobald er daselbst mit seinem Hunde angelangt war, fragte ihn jeder nach seinen neuesten Erlebnissen. Der Knabe erzählte das vorgefallene; seine Erzählung wurde der Gegenstand des lebhaftesten Gespräches im ganzen Arbeitslokale, darum fand es der Factor für gut demselben dadurch ein Ende zu machen, daß er Camillo mit Probebogen zu verschiedenen Schriftstellern schickte. Kaum war er fort, so kam ein Bedienter in grüner Livre welche mit goldnen Treffen besetzt war. »Arbeitet hier nicht ein Knabe, Namens Camillo,« wendete er sich an Herrn Gaspard, »er hat einen kleinen, schwarzen Bologneserhund.« »Sie sind beide ausgegangen,« antwortete der gefragte. »Ich komme im Aufträge der Madame Marbeouf.« »Was will denn Madame Marbeouf von dem Knaben?« »Sie läßt ihn bitten, sogleich zu ihr zu kommen. Sobald er zurückkehrt, soll ihm dieser Auftrag gemeldet werden.« Der Bediente empfahl sich höflich. Es war beinahe Abend, als Camillo seine Bestellungen beendigt hatte. Darum kam er auch nicht mehr in die Druckerei zurück, sondern eilte nach Hause, indem er die elyseischen Felder durchschnitt. Fox war an seiner Seite. Es befremdete ihn nicht wenig, bei seiner Ankunft die Thüre der Einfriedigung offen zu finden; er lief nach seinem Häuschen ... wer könnte sein Erstaunen malen, als er Madame Marboeuf auf dem einen, Herrn Raimond auf dem andern Stuhle sitzend fand; der blinde, sein Sohn und seine Tochter standen daneben. Ihnen zur Seite befand sich 9 * 132 der gute Invalide von der Straße Louis le Grand, welcher sogleich seine Freundschaft mit Fox erneute, und ihn seinen lieben »Austerlitz« nannte. Madame Marbeouf schien sehr bewegt zu sein; Herr Raimond schlug spielend mit seinem Stocke gegen den Fußboden; der blinde hielt sich in einer ängstlichen Ruhe, um aus dm Bewegungen der andern zu er- rathen was vorgeht; Paul und Marie weinten halb vor Rührung, halb vor Freude. Madame Marboeuf nahm das Wort: »Komme näher mein Kind,« sagte sie, indem sie dem Knaben die Hand entgegen streckte, »und sage mir, warum Du nicht zu mir gekommen bist, als ich Dich dazu aufforderte.« Camillo wollte eben antworten, als Gustav eiutrat; sein Blick war düster, aber seine ganze Haltung drückte Entschlossenheit aus. Alle schwiegen, und sahen ihn mit überraschten Blicken an. 3. Kapitel. Öffentliche Abbitte. Schluß. »Ich bin ein großer Verbrecher!« sagte Gustav mit bewegter Stimme; »zum Beginne meiner Züchtigung will ich mich selbst anklagen vor Ihnen allen, besonders aber vor Camillo, der so gut, so vertrauensvoll ist! — Mein Vetter ! ach, Du hattest recht, als Du behauptetest, daß jede gute, so wie jede böse That, Lohn oder Strafe nach sich ziehe! Unsere beiderseitige Geschichte ist ein Beleg dazu. — Meine erste böse That, war die, daß ich das Testament meines Vaters verbrannte, in welchem für Dein fortkommen gesorgt war. Damit beraubte ich mich selbst der Mittel das Vermögen meines Vaters zu retten, welcher seine Absichten damit in diesem Documente aussprach. Du weißt, mit welcher unwürdigen Grausamkeit ich die Reise nach Paris machte, um Dich hier ohne alle Hilfsmittel zu verlassen. Erlauben Sie mir alle die einzelnen Begebenheiten dieses bedauernswerthen Tages zu übergehen. Seit jener Stunde Camillo, als , ich Dich verließ, hat Dein Bild meinen Schlaf oft gestört; oft sprang ich ^Ä-DerAedlente der Irau Mar^oeu^^^" 133 aus dem Bette, weil kalte Schauer mich überfielen, und mir keine Ruhe ließen. Der Himmel weiß es, welch lange Nächte ich durchwachte, weil ich die Augen nicht schließen konnte aus Furcht Dich im Traume zu sehen!« Eine heftige Gemüthsbewegung hinderte Gustav am sprechen. Nach einigen Augenblicken fuhr er fort: »Bei meiner Rückkehr nach Bordeaux erfuhr ich, daß aus Paris eine Schwester meines Vaters angekommen sei. Ich hörte niemals von ihr sprechen, weil mein Vater sich mit ihrem Manne entzweit hatte; sie kam in der Absicht sich mit ihrem kranken Bruder zu versöhnen. Es war zu spät; denn mein Vater lebte nicht mehr. Meine Tante war eine reiche Witwe, darum besuchte ich sie. Ihre erste Frage an mich, galt Dir Camillo, dem Sohne ihrer Schwester. Sie wußte, daß Du arm warst, und sprach die Absicht aus, ihr Vermögen mit Dir zu theilen, weßhalb sie mich bat, Dich zu ihr zu führen. Ich wußte nicht recht, was ich darauf erwidern sollte, ich gab vor, daß Deine Erziehung sehr vernachlässigt sei, und ich Dich darum in ein Erziehungshaus in Paris gebracht habe. Deine gute Tante lobte mich über die Anordnung, und erkundigte sich nach der Anstalt in welche ich Dich gebracht habe. Ich nannte ihr die erste Adresse, welche mir einsiel; und sie reiste wieder nach Paris zurück. Es währte nicht lange, das kannst Du wohl denken, so erhielt ich einen Brief von unsrer Tante; sie machte mir die bittersten Vorwürfe, daß ich sie so schändlich getäuscht habe. Ich antwortete nicht. Bald darnach verlor ich mein Vermögen, durch Diebstahl, List und Betrug. Ich war des Besitzes nicht würdig. Ich ging nach Paris, um meinen Verbrechen die Krone aufzusetzen.«' »Eines Abends trieb mich der Hunger an, einen Mann, welcher in den elyseischen Feldern ging, festzuhalten. Ich verlangte auf dieselbe Weise Brod von ihm, wie ein Räuber die Börse oder das Leben verlangt, nur war ich unbewaffnet. Obgleich ich Veranlassung gab, daß man mich jeder bösen That fähig halten konnte, so würde es mich doch aufs tiefste schmerzen, wenn man mich des Gedankens an eine Mordthat beschuldigte. Indessen ließen mein elendes Aussehen und die nächtliche Stunde wohl ähnliches vermuthen, das ist 134 wahr, aber meine Absicht war keine andere, als zu betteln; plötzlich schlug eine Kinderstimme an mein Ohr; es war dieselbe Stimme welche ich allnächtlich in meinen Träumen zu hören meinte; ich sah mich um. Wer bist Du? fragte ich, weit mehr zitternd vor Schreck als der Mann, welchen ich angehalten hatte, und welcher nun entfloh. Camillo, antwortete mir mein Vetter — denn er war es.« «Die Lage jener Augenblicke ist nicht zu beschreiben.« »Camillo empfing mich gütig; mich, der ihn aus dem Hause mei- mes Vaters jagte. Er nahm mich in sein Zimmer auf, und theilte mit mir sein mühsam erworbenes Geld.« »Glauben Sie aber nicht, daß dieses edelmüthige Betragen mich rührte. Nein, der Eifersuchtsteufel bemächtigte sich meiner; ich war Camillo böse, daß er besser ist als ich; daß er zu leben hat, während ich vor Hunger fast verging; ja selbst darüber ärgerte ich mich, daß er meinen Hunger stillen, und mir ein Obdach anbieten konnte. Als ich Morgens in seinem Bette erwachte, tauchte die Wuth der vergangenen Nacht in meinem Herzen auf. — O, Camillo, tritt nicht zurück; ich darf Dir ja auch das Geständniß machen, daß dieser unwürdigen Gesinnung die aufrichtigste Reue und die qäuleudsten Gewissensbisse folgten. Wir gingen mit einander aus dem Hause; die Anzeige des verlornen Fox fiel uns beiden auf. Camillo fand darin eine Veranlassung zur Trauer, ich sah aus seinem Kummer Freude und Glück hervorgehen.« »Nachdem wir uns getrennt hatten, ging ich zu Ihnen, gnädige Frau. Zu meiner großen Überraschung fand ich Camillo mit seinem Hunde an Ihrer Thüre. Ich stammelte eine Entschuldigung, und erwartete meinen Vetter mit Ungeduld; denn durch dieses Zusammentreffen konnte das ganze Geheimniß enthüllt werden. Camillo kam zurück. Da er eine Zeit lang in der Straße auf und nieder ging, mußte ich mich entfernen, damit er mich nicht in Ihr Haus eintreten sähe; denn ich fürchtete dadurch die Entdeckung des verwandtschaftlichen Verhältnisses in welchem ich zu Ihnen stehe.« Dann wendete Gustav sich an diesem: 135 »Camillo, Madame Marbeouf ist die Schwester meines Vatersund Deiner Mutter.« »Ja, mein liebes Kind,« fügte Madame Marboeuf mit Güte und Wohlwollen hinzu, »ja ich bin Deine Tante, und von heute an ist mein Haus das Deine. Komm, komm, daß ich Dich küsse.« Camillo war zu bewegt um zu wissen was er thun solle; er sah bald seine Tante an, welche ihm ihre Arme entgegen streckte, bald Herrn Raimond der ihm ein Zeichen gab, der Aufforderung der Tante zu folgen, dann hingen seine Blicke wieder an den Zeugen dieses Auftrittes, welche weinten, während Fox abwechselnd die Hand seiner früheren Herrin, und jene Camillos leckte. »Komm, mein liebes Kind, laste Dich umarmen,« wiederholte Madame Marbeouf. Camillo stürzte sich in die Arme seiner Tante. »Aber wie, liebe Tante, haben Sie denn erfahren, daß ich Ihr Neffe bin,« fragte Camillo. »Durch Deinen Vetter,« fiel Herr Raimond ein. »Ich besuchte heute früh Madame Marbeouf, welche eine Freundin meiner Frau ist, um sie zum Mittagessen zu bitten. Ich fand Dich an der Treppe mit diesem jungen Manne, den Du mir als Deinen Vetter nanntest.« »Du wolltest mir sagen, was Ihr beide hier macht, als Dein Vetter Dich fortzog. Madame Marbeouf, welcher ich diese Begegnung mittheilte, erzählte mir, daß der junge Mann einer ihrer Neffen sei, von dem sie nichts mehr wissen wolle, weil er sich in Hinsicht eines andern Vetters sehr schlecht betragen habe. Von dessen Abkunft und verschwinden erzählte sie mir nun. Diese Erzählung führte mich auf die Spur; da trat der junge Mann ein. Madame, sagte er, verzeihen Sie mir, daß ich es noch einmal wage hier einzutreten. Ich weiß es, daß ich ein elender, nichtswürdiger Mensch bin, und weder Mitleid noch Gnade verdiene; aber Sie sollen erfahren, daß der Knabe, welcher Ihnen den Hund wieder brachte, Ihr Neffe ist, den sie seit zwei Jahren suchen. Jetzt können Sie 136 mich von Ihren Leuten hinauswerfen lassen, ich werde mich nimmer beklagen. Er ging, nannte uns vorher aber noch die Buchdruckerei in welcher Du arbeitest. Madame Marbeouf schickte sogleich einen Bedienten dahin ' ab; durch ihn erfuhren wir, daß Du Gänge zu machen hast, welche Deinen ganzen Tag in Anspruch nehmen werden. Darum kamen wir auf den Gedanken Dich hier zu überraschen. Vorher wünschte Madame Marbeouf aber den blinden noch zu sehen, eben so wie den Invaliden dessen Geschichte ich erzählte; diese Personen bestellte sie hierher, wo wir Dich seit zwei Stunden erwarten.« Könnt Ihr, meine jungen Leser, die Freude begreifen und nachfühlen, welche ein Kind empfinden muß, daß ganz verlassen war, und nun plötzlich eine Familie findet! Camillo liebkoste abwechselnd seine Tante und Herrn Raimond; er drückte die Hände des Invaliden, dann jene des blinden, ohne Marie und ihren Bruder zu vergessen. Plötzlich fiel es ihm ein, daß er seinen Vetter vergessen habe, der sich nachdenkend in eine Ecke zurückzog; er lief auf ihn zu. »Gustav,« sagte er mit Zärtlichkeit, »sei nicht neidisch auf mein Glück, ich bitte Dich darum.« »Wie könnte ich neidisch sein,« antwortete Gustav sanft, »Du verdienst es ja.« »Übrigens,« fügte Camillo mit Lebendigkeit hinzu, »Du wirst es mit mir genießen, denn ich theile mit Dir dieß große Glück. Ich habe eine Tante wieder gefunden, welche auch die Deine ist.« »Nein,« entgegnete Madame Marbeouf, »ich erkenne nur Einen Neffen an, und dieser bist Du.« «O, meine liebe Tante,« sagte Camillo mit bittendem Tone, »verzeihen Sie ihm.« »Nein, mein Vermögen ist für ihn verloren.« »Ihr Vermögen, das mag sein, liebe Tante, aber Ihre Liebe. . . .« »Es scheint,« bemerkte Herr Raimond lachend, »daß Dir weniger daran liegt das Vermögen Deiner Tante zu theilen, als Ihr Herz.« 137 Camillo, den die boshafte Bemerkung des gewesenen Strumpfwirkers gar nicht zu berühren schien, antwortete schnell: «Das kommt daher, weil ich meine Tante so verstanden habe, daß sie mir über ihr Vermögen freie Hand läßt, und dabei wird Gustav nicht zu beklagen sein. Mit der Theilung des Herzens ist es aber etwas anderes.« «Madame,« sagte Herr Raimond in seiner etwas derben Weise, »begnadigen Sie ihn. Es lebt zu viel biederer Sinn in diesem Knaben, als daß man denken sollte für seinen Vetter sei nichts davon übrig geblieben; rollt doch dasselbe Blut in ihren Adern; und das des kleinen Knaben ist zu rein, als daß das des jungen Mannes ganz verwahrlost sein sollte. Vollständige Amnestie, Madame; es ist der alte Freund Ihres Mannes, welcher Sie darum bittet.« «Es ist nicht recht, daß die bösen mit den guten auf gleiche Weise belohnt werden,« entgegnete Madame Marbeouf. »Das einzige was ich thun kann ist: daß ich die Augen schließe bei dem, was Camillo für seinen Vetter thut. Ich werde ihm erlauben ganz nach seinem gutdünken Groß- muth zu üben.« «Dann sei nur ruhig, es soll Dir an nichts fehlen,« lispelte Camillo seinem Vetter ms Ohr. Als Camillo diese Worte sagte, fühlte er kleine Zähne in seine Hand dringen. Es war Fox, welcher ihm einen Vorwurf darüber zu machen schien, daß er seiner nicht gedenke. »Du hast recht Fox,« sagte Camillo, indem er sich bückte und ihn küßte, »ich bin undankbar; Du bist es gerade, der mir alles Glück zugebracht hat; denn ohne Dich wäre ich noch der kleine Robinson von Paris, und Du wärest der arme Freitag.« Fox war über Camillos Liebkosungen entzückt, und schien ihm zu antworten: »Nein, mein lieber Herr, es ist Deine Güte welche aus dem armen Robinson von Paris den reichen Erben der Madame Marbeouf 138 machte, und aus Freitag, den glücklichen Fox. Dir hat sie eine Tante und Glücksgüter eingebracht, .mir weiche Polster und Zuckerkringel.« - Ich habe Euch, liebe Kinder, nun nichts mehr zu sagen, als daß Camillo in diesem Augenblicke seine Studien in einer der ersten Lehranstalten von Paris vollendet, und daß auf dem Grundstück des Herrn Raimond ein schönes Haus gebaut wurde. Unter den Maurern welche es aufführten, bemerkte man auch Paul und seine Kameraden. Der Invalide, dem man einen neuen Austerlitz schenkte, hütet den Zimmerplatz, und die Hausmeisterstelle ist dem blinden und seiner Familie versprochen. Einem blinden gibt man eine solche Stelle, werdet Ihr ausru- fen! — Nein, der blinde hat sein Augenlicht wieder; er ließ sich denn Staar stechen; der Geschicklichkeit des Doctors Max, eines ehemaligen Schülers und Freundes Dupuytrien, verdankt er es, daß er seinen Wohlthäter und die Helle Sonne schauen kann. Was Gustav anbelangt, so vermochte es Camillos Güte, welche sich niemals verläugnete, und seine Aufmerksamkeit nicht ihn zurückzuhalten. Er nahm Dienste bei der Armee in Afrika, und ging dahin ab. Fox befindet sich wohl, obgleich er an Leibesumfang bedeutend zunimmt; dennoch hält er sich noch recht gut; kann aufwarten und tanzen, wenn man ihn mit den Worten dazu auffordert: „Vorwärts Fox! springe für den kleinen Robinson von Paris.« Iichaltsverzeichniß. Erstes Buch. Seite 1. Kapitel. Onkel Thomas ist todt.. 1 2. -> Der Erbe und die Waise..4 3. » Die Tuilerien. 7 4. » Das erwachen Camillos.10 3. » Brief eines Selbstsüchtigen ..12 6. -> Der kleine verwundete Hund.13 » Für zwei Kreuzer Brod.17 » Wie soll der Hund genannt werden.20 -> Die Sicherheitswache und der kleine Landstreicher.24 10. -> Der Invalide. 27 11. » Die Maurer.30 Zweites Buch. 1. Kapitel. Der Baumeister sucht einen Stalljungen.34 2. » Ein Spaziergang in Paris.37 3. » Erster Unterricht in der Industrie.41 4. » Die Überreste eines Huhnes, ein Stück Brod und ein Glas Wasser 44 8. » Von dem was aus dem Überresten des Huhnes, aus dem Stück Brod und dem Glase Master geworden ist.47 6. » Der kleine Schulmeister.82 7. » Der kleine Lehrer verliert seine Schüler.88 8. » Die beiden Unbekannten in den eliseischen Feldern.60 Drittes Buch. 1. Kapitel. Der Blinde, welcher seinen Hund verloren hat.68 2. » Der kleine Violinspieler.70 3. » Die beste Weise zehn Franken ohne Interessen anzulegen . . 72 140 Seite 4. Kapitel. Der dicke Herr im zweirädrigen Wagen. 78 8. » Das Grundstück des Herrn Raimond. 79 6. » Das Taubenpaar. 81 7. -> Die zehn Franken tragen Zinsen. 83 Viertes Buch. 1. Kapitel. Die Diebe und die Nationalgarde. 89 2. » ' Wie zehn Franken, welche ohne Zinsen angelegt wurden, ein schönes Kapital einbringen. 92 3. » Eine große und angenehme Überraschung. 96 4. » Der kleine Tauben- und Kaninchenhändler. 99 8. -> Fox verschwindet.102 6. » Der junge Bettler in den eliseischen Feldern.106 Fünftes Buch. 1. Kapitel. Glück und Unglück.110 2. » Ein verlorner Hund. Fünfzig Franken Belohnung .... 113 3. » Madame Marbeouf.116 4. >> Die Unterschrift. 121 8. » Neue Pläne. Briefwechsel ... 124 Sechstes Buch. 1. Kapitel. Noch immer der Vetter.129 2. >> Der Bediente der Frau Marbeouf.131 3. » Öffentliche Abbitte. Schluß.132 Druck von Anton Schweiger in .^n. O- » ^ , e> ' /// ^ ^K.