Wiens»' 81 aöt- 8 ibIiotii 6 lL, 8763 A »M D 5 ^ iE' M2. -M! AM ^7 »?«H v v - L« r« »4 s« zKe?s rHe zKc zKezi^ - ?5 >K Bibliothek für Kinder und Binöerfreunde. Wien, 1789. bei dernHerausgeber im k.k.Taubj?ummeninstit»rfe. » Fritzchen am Weihnachtsabend« sagt mir doch, ihr lieben Leute- Wie fang' ich armer Knab' es an, Daß meinen guten Eltern heute Ach dankbar mich bezeigen kann. Da seht nur, was für schöne Gaben Hie wieder mir zum Heilgen Krist Ho mildiglich bescheeret haben! — L> was das alles herrlich ist! Dich, buntes Futteral mit Kärtchen, Dich liebes, goldnes Bibelbuch, Und o, du allerliebstes Pferdchen, Nie, niemals seh' ich euch genug! Me möcht' ich doch den theuren Beiden Gern wieder was zu Liebe thun! Ällein — ich Ärmer kann vor Freuden Nur weinen; kann sonst gar nichts thun. -O fagt mir doch, ihr lieben Leute, Me fang ich armer Knab' es an, Daß meinen besten Eltern heute Ach dankbar mich bezeigen kann? Rmderbibl. HI. Th. H Karl und Lieschen war ein 'angenehmer Frühlingstag; und Rar! und Lieschen sollten mit ihrem Vater nach einem schönen Garten gehen, der vor dem Tho- re lag. Zndes der Vater sch in der Nebenkammer ankleidete, blieben beide Kinder in seinem Zimmer. Hart, der über das Äusgehen große Freude hatte, hüpfte lustig herum , und schlug unvorsichtiger Weise mit seinem Stocke eine kleine niedliche Blume ab, die der Vater in einem Topfe gezogen Hatte. D Schade! sägte Lieschen/ und hob das Blümchen von der Lrde auf. Sie hatte es noch in der Hand, indem der Daker ins Zimmer trat. Was hast du gemacht, Lieschen? fragte er mit etwas unwilligem Gesichte: — Mir die Blume abzureisfen, von der du wußtest, daß ich sie so gern erhalten hätte, um Samen davon zu ziehen! O jieber Vater, stotterte Lieschen, indem sie ihn bei der Hand faßte, sey doch nur nicht böse! Böse? antwortete der Vater; das bin ich nicht. Äber, da es dir in dem Garten, der nicht unser ist, auch einsallen könnte, Blumen abzu- reisscn: so darf ich dich nicht milnehmen. j Lieschen schlug dieÄugen nieder und schwieg. Da konnte Rar! sich länger nicht halten; er trat vor den Vater hin mit Thränen in den Äugen und sagte: Nicht Schwester Lieschen, lieber Vater, ich war es, der die Blume abschlug. Fch muß als* zu Hause bleiben und Lieschen mit dir gehn. Der Vater, der über das güte Her) seiner ' Kinder und über die Liebe, die sie zu einander hatten- ganz entzückt war- nahm sie beide in seine Llrme, küßte sie und sprach: ihr seyd beide meine lieben Kinder und sollt beide mit mir gehen. Die Blume würde rtur länge nicht so viel Freude gemacht haben, als mir die Hosiüung Macht, daß ihr euch immer lieben und beide zu guten Menschen auswachsen werdet. Da hüpften sie an ftiner Seite beide vergnügt zum Garten (5. Auf ein andermal bedächtiger. ^^ännschen jagte einst im Garten Linen bunten Schmetterling: „Millll du nicht ein wenig warten?" Spracy er — „kleines schwaches Ding? " ,-Gut! Ich will dich doch wohl kriegen!^ Vnd verfolgt ihn überall; Konnte wäs im Mege liegen: Hämischen denkt an keinen Fall. „Ich will dich doch endlich haben!" Schrie er und sah in die Höh; Doch, da war ein großer Graben, Hännschen fällt darein o Weh! INehnert § r ü h l i n'g s l i e d. Hx ^>^er Schnee zerrinnt, Der Mai beginnt; S r 4 Die Blüten keimen Lluf Garlenbäumen, Und Vogelschall Tönt überall. Mer weiß, wie bald. Die Glocke schallt. Da wir des Maien Uns nicht mehr freuen; Mer weiß, wie bald, Oie für uns schallt! Drum feyd zwar froh; Doch, Kinder, fo. Daß ihr dies Leben Dem, der's gegeben, Durch Frömmigkeit Und Tugend weiht. Fritzchens guter Vorsatz. ^UN will ich doch, das lob' ich an, An meinem ganzen Leben, Menn Gust mir was zu Leid gethatt, Ahm brüderlich vergeben. Aüngst schlug er mich beym Kräuselspiel; Ach gieng, ihn zu verklagen, Thal sehr bedrückt, und weinte viel, Und sah ihn wieder schlagen. Die Rache wäre jemals süß? Ach Hab' es nicht gefunden! Ach sah ihn schlagen: und gewiß. Mir brannk's wie heiße Munden, Ach thu's nicht wieder! Ärmer Gust! Lr dauert mich noch immer! 5 Wie weint'br) Hakt'ich das gewußt, Verklagt hätt" ich ihn nimmer. Und künftig, wenn er wieder schlagt, (Lr hat nicht oft geschlagen.), . Ho bitt' ich, daß er sich verträgt - Und denk' an kem^Verklagen. Ho leben wir in Einigkeit, Und find uns gut von Herzen; Verspielen unsre Tändelzeit, Und sparen uns viel Schmerzen. Overbeck. Zwei ungleiche Brüder. V^inst lebten irgendwo zwei Brüder, die einander sehr ungleich waren. Der ältere brachte den ganzen Tag zu mit Spielen, mit wildem Herumschwärmen, kurz, mit nichkswürdigem Zeitvertreibe. Lr hörte nicht gern zu. wenn etwas Gutes erzählt wurde; das Lesen kam ihm unangenehm und beschwerlich vor; seine Gedanken richtete er selten auf etwas Nützliches, und hakte fast immer abgeschmackte Dinge im Kopfe. Der jüngere Bruder las gern in Büchern; hörte aufmerksam zu, wenn ihm etwas erzählt wurde; dachte darüber nach, und machte sich ein Vergnügen daraus, das wieder zu erzählen, was er von seinen Lehrern oder aus Büchern gelernt hatte. Ls läßt sich leicht errathen, wie es mit dem einen und mit dem andern geworden seyn müsse. Äls der jüngere eilf Fahr alt war, könnt' er so vernünftig denken und sprechen, daß seine Litern ihn oft mit sich in Gesellschaft nah- 2 z men; theils, ihm ein Vergnügen zn machen, theils, damit er von andern verständigen und guten Leuten allerlei lernen möchte, (Denn es giebk Dinge, die man aus Bü- chern nicht lernen kann, vvn denen man aber doch nicht eher etwas versteht, als bis man viel im Büchern gelesen hat.) Mit seinem altern Bruder hingegen, der nunmehr dreizehn Jahr alt war, gieng es ganz gnders. Menn Erwachsene mit einander sprachen, so verstand er davon nur wenig, oder gar nichts; noch viel weniger aber könnt' er selbst vernünftig und angenehm sprechen. Seine Lltern hätten auch ihn gern in Gesellschaft erwachsener Leute gebracht; allein er wäre da nichts nütze gewesen und man würde gesagt haben: „Was soll doch dieser Knabe hier, mit dem Man kein vernünftiges Wort sprechen kann? Jeder Mensch muß sich zu seines Gleichen halten; und er gehört noch unter die Kinder." Lllso mußt' er zu Hause bleiben. Vas kränkte ihn nun nicht wenig, und darum faßte er endlich den guten Vorsatz, von nun UN recht aufmerksam, fleißig und stttsam zu werden Weil er aber an die Unachtsamkeit, an das Nichtsthun und an wildes Herumschwärmen einmal gewöhnt war; so wurde ihm sein löbliches Unternehmen anfangs ziemlich schwer. Lr that sich vielen Zwang an, und doch wollt es. ihm nirgends so gelingen, wie er nünschke. Sein guter Bruder, dem das sehr nahe aieng, gab sich alle Mühe, ihm behülstich zu ft)n: er wies ihm, wie man es ansangen müs- ft; er erklärte ihm dieses und jener und machte es ihm leicht, wo er wußte und konnte. Lrnstliche Bemühungen haben allezeit ihre gute Wirkung. Nachdem der ältere Bruder sich einige Zeit munter und unverdrossen bestrebt hatte, voll- kommner zu werden, so kam es endlich dahin, daß er darinnen seyn größtes Vergnügen fand. Nichts konnte ihm jetzt mehr Freude machen , als wenn er etwas gethan hatte, worüber seine Lltern und Lehrer ihre Zufriedenheit bezeigten; und etwas Neues zu lernen, war ihm viel zu angenehm, als daß er dabei hüte unaufmerksam seyn können. Kurz, er selbst konnte nunmehr nicht begreifen, wie es ihm vorhin möglich gewesen wäre, einVergnüqenanNichtsthunund an abgeschmacktem Zeitvertreibe zu finden. Gleichwohl hatte es ihm den Schaden gethan, daß er seinen jüngern Bruder sin manchen Dingen nicht völlig einholen konnte : denn der war allzuweit vor ihm voraus. Ls ist hiermit eben, lvie mit dem Feldbaue. Wenn man zu rechter Zeit säet, so kann man auch zu rechterZeit erndken, und reichlich erndken. Säet man aber zu spät, 'so hak man Mißwachs zu erwarten, oder doch weniger und nicht so schöne Früchte, als man sonst bekommen haben würde. Tefsm. Malchen, eine kleine Erzählung. „V^ei stets ein frommes gutes Kind, Daß ich mich deiner freue, Und rede nichts, und thue nichts^ was, Malchen, dich gereue!„ 8 - Ho sprach die gütige Mama Zu Matchen ihrem Kinde; Und lehrte sie zugleich dabei, Das, was gereut, sey Sünde Und das, was böse Sünde sey. Das könne jeder wissen; Hin Stimchen in uns sag' es laut; Dies Stimchen heißt Gewissen, Einst kam nun Malchen ganz allein Des Morgens in die Laube: Stand Kaffee, Thee und Zucker da, Lluch Kuchen, wie ich glaube. Nun kriegte unser Malchen Lust, Und wollte Zucker essen; Daß Zuckereffen Kindern schad't. Das hatte sie vergessen. Sie nahm — gleich war das Stimchen da Geschwind, „will's nicht genießen ; Zch will was Böses, denn das sagt. Mir laut ja mein Gewissen." Nun kam Mama, und gern verzieh Sie ihrem lieben Kinde. „Merks, dein Gewissen warnte dich. Mein Kind, vor einer Sünde.,, „Das ist das Stimchen — weißt du noch? Es wird dich immer lehren; Poch mußt du, liebes Malchen, auch Dem guten Stimchen Hörens H haltet's immer hoch und werkh, Ihr alle liebe Kleinen! Paß nicht Papa, daß nicht Manza M höse Kinder weinen! Rühl. Junker Hanns. «^/er Funker Hanns war flink und rasch, Und kühn in allen Dingen; Mil unter auch ein wenig basch. Und nicht recht aut zu zwingen. Lr lernte seine Lekzion, Und damit, meint'er, war' er schon Der weitern Zucht entflogen, Und Lhat sehr ungezogen. Die guten Lettern warnten ihn, Und sagten wohl mit Grämen: „Hanns, lässefl dich nicht besser ziehn, Mirds fein gut Lnde nehmen.,, Hanns hörte kaum mit halbem Ohr, Nahm seine sechs Vokabeln vor; Drauf eine kurze Pause; Und nun hinaus zum Hause. Und vor dem Hause lief vorbey Lin lediglofer Schimmel. Das war dem Funker Hanns so neu, Fhm deucht', er kam' in Himmel. „Lin ledigloser Gaul? Mas kann „Willkommener mir seyn? Mohlan, „Fch will aus freien Stücken „Probiren feinen Rücken!" — Gesagt war allezeit gethan. Lr packt den Gaul beim Schopfe. Der Schimmel fluht ihn seitwärts an, Und schüttelt mit dem Kopfe. * Doch schütteln hin, und schütteln her! Mein Hanns hinauf, und fort jagt erl Die Äeltern, ach! von weiten Schn ihren Funker reiten, "Um Gotteswillen! hinter ihm5" Die Mutter ruft's mit Schrecken. Der Vater rennt mit Ungestüm, Den Knaben zu entdecken. Doch ringsumher kein Gaul zu sehn, Die Äelkern wollen fast vergehn; Sie schicken, wen ste haben, Zu forschen nach dem Knaben. Des stieg dem Funker nichts zu Sinn, Das Herz sprang hoch vor Freuden; Und mir nichts, dir nichts, ritt er hin Mohl über Busch und Meiden. Und schup! gings rasch an einen Stein : Ger Schimmel stürzt', und brach ein Bein 5 Mein Hannsj von seinem Sitze Versank in eine Pfütze. Der Schimmel seufzt, der Funker schreit Äls wollt' ihn wer ermorden. Kein menschlich Änklitz weit und breit! Ls war schon Nacht geworden. Die Finstcrniß wuchs immer mehr, Von ferne betten Hunde her; Ls winselte der Schimmel, Der Funker schrie gen Himmel. Sein Schrein drang endlich allgemach Zu eines Meibleins Ohren Vom nächsten Dorf, das alt und schwach Vom Mege stch verloren. „Uch, lieber Gott!" sprach ste bei stch, Und wankte matt und kümmerlich Herbei an ihrer Krücke, Dem Funker Hanns zum Glücke. Und als ste fand das kranke Roß, Und fand den bangen Knaben, Da ward ihr schnel dar, Herz so groß z Des Mohlthuns Lust zu haben. l!--— , LI „Komm," sprach sie, „armes Kind, mit mir; „ Ich will auch sorgen für dein Thier, „Und binden feine Munden, „Menn wir nach Haus gefunden." — „ H Frau, das Thier gehört mir nicht! „ Llch hätt' ichs nie gesehen! „ Errettet nur mich armen Micht, „ Und laßt den Schimmel gehen!" — „ Ahn gehen lassest , böses Kind? " Sprachs Meiblein zornig und geschwind » „Und siehst, daß er die Knochen „Db deinem Stolz gebrochen? " Da kroch alsbqld der kleine Tropf Behend aus seiner Pfüze. Sie deckt' ihm den beklomnen Kopf Mit ihrer warmen Müze, Und nahm den Kstaben bei der Hand 4 Ging irrend über manches Land; Bis an den Laut von Hunden Sie sich zurecht gefunden. Da legt sie ihn gar mildiglich An ihr fchneeweisses Bette, ^ Und fodert einen Mann zu sich, Daß er den Schimmel rekte. Und puk puk! klopfcks an der Thür. „Holla! wer iss fo spät noch hier?«-^ „Bergt ihr den kleinen Knaben, „Den wir gefuchet haben?" — „ Den kleinen Knaben berg' ich wohl« „Er liegt im Schlummer. „Sei euer Herz des Trostes voll, „ Und lasset allen Kummer! „Den kleinen Knaben geb' ich euch, „Menn er euch kennen wird, sogleich." — Sie kannten sich; Entzücken Sprach laut aus allen Blicken,, 12 „O Mutter! daß euch Gott belohn!"— »Fahr hin , mein Kind, mit Freuden!" „Die Kellern danken euch den Hohn! „Gott wendet ihre Leiden! — „Lebt wohl! lebt wohl!" — Hie zogen hin; Und milder ward des Knaben Hinn; Lr dacht' an seinen Schimmel Und seufzte still gen Himmel. Und als er nun nach Hause kam. Mar alles noch im Kammer. Den Meg er augenbliklich nahm Zu seiner Kellern Kammer, Und stürzt sich ihnen in den Krm: Da wird das Herz den Keltern warm. Ls stießen Freudenzähren Dem lieben Gott zu Lhren. Die Kellern brachten Geld und Dank Der guten alten Mutter. Der Schimmel krigte lebenslang Bequemlichkeit und Futter. Der Funker Hnnns ward fromm und gut Und beugte seinen raschen Mukh; Und sah in allen Dingen Ls sich nach Mansch gelingen^ Clverbek. Lied eines Fröhlichen. H, eida! täglich freu' ich mich Und bin guter Dinge! Lieben Leute, seht wie ich Fröhlich hupst und springe! Meinen Lebensweg bestreut Unschuld noch mit Rosen: Glücklich, wer sich stets so freut, Stets so geht auf Rosen. Drum, wenn ich nun älter bin, Will ich mich bestreben, Immer bei vergnügtem Sinn Tugendhaft zu leben. Meine Pflichten thu ich bann» Unter stohen Scherzen. Thue alles, was ich kann. Mit vergnügtem Herzen. Pater, Mutter, jedermann Mag dann Fritzen leiden; Und erlang ich das: o dann Spring ich hoch vor Freuden! Trist dann auch ein Stürmlein mich Linst in meinen Tagen: Heida! war bekümr' ich mich! Merd's ja auch wohl tragen. * Ein Ungenannter, Der Aufschub. ^vlorgen! morgen! nur nicht heute! Sprechen immer träge Leute; Morgen! heute will ich ruhn! Morgen jene Lehre fassen, Morgen dies und jenes khun. Und warum nicht heute? morgen Kannst du für was anders sorgen; Jeder Tag hat seine Pflicht. Mas geschehn ist, ist geschehen. Dies nur kann ich übersehen! Mas geschehn kann, weiß ich nicht. -4 Mer nicht forkgeht, geht Mücke; Unsre schnellen Uugenblicke Gehn vor sich, nie hinket sich Das ist mein, was ich besitze; Diese Stunde, die ich nütze, Die nur ist gewiß für mich^ leiste; Wohl dir, daß du unter gesitteten Menschen gebohren bist! V^inst verlor sich ein kleines Kind von seineN Eltern weg in einem Walde, wo viele Bären waren. Die Bäreü thaken ihm nichts zu leide, sondern futterten es und liessen es mit sich laufen- :Da wurde das Kind wie ein Bär, kroch auf allen Vieren, wurde harrichk, fraß rohe wurzelnlernte nie sprechen, blieb ohne alle Vernunft. Ein andres Kind kam mOereine Heerde wilder Schafe. Dieses wurde ein Schaf - blökte wis ein Schaf, fraß nichts als Schafskräuter, lernte nie sprechen-, blieb ohne alle Vernunft Und du, mein Kind, kamst unter Menschen, und zwar unter gesittete Menschen: also kannst du sprechen , bist schon etwas vernünftig und wirst, wills Gotk! noch vernünftiger werden- So wie die Ulten sind, so werden gemeiniglich auch die Jungen. Sind jene klug, so werden es diese auch; sind jene vumM, so bleiben es auch diese. Kann wohl ein Kind stricken lernen, wenn im ganzen Lande niemand ist, der stricken kann? Uber auch, sind die Ulten Diebe und Räuber: so stehlen auch die Kinder, und haben nichts arges daraus- Und fressen jene gar Men- scheu; nun, so werden die Kinder auch kleine Menschenfresser. Mohl dir also, daß du unter gesitteten Menschen gebohren bist! Schlözer. Die Biene und die Hummel. 5^ Hummel. ^)mmer fleissig, Jungfer Biene? Um Verzeihung, daß ich mich erkühne, Sie zu führen. — Uber, liebes Kind, Suchst dir ja die kleinen Ueuglein blind! Meißk du nicht: man muß sich auch vergnügen- Komm, laß deine Urbeik liegen; Lustig, lustig laß uns seyn! Komm mit mir, es soll dich nicht gereun! Biene. Meine Urbeit ist für mich Vergnügen. Weil ich so erzogen bin. S um alles könnt ich nicht so müßig fliegen! Und was spräche dann auch wohl die Königin? Hummel. Ke, die wird's auch gleich erfahren« Biene. Kann es doch! Hummeln So machst du ihr was weiß. Biene. §i! Behüte! Hummel. Aungfer Fleiß, Da hat sie nichts zu befahren. Sie soll mit uns, kurz und gut. N>enn sie's mir nicht zu Gefallen lhut - So will ich sie selber, daß sie's weiß, Bei der Königin verklagen, Und, daß sie herumgeschwärmt, ihr sagen. Biene. wie es dir beliebt. Muß ich dantt auch leiden Ho ist Unschuld meine Trösterin. Gerne will ich mit ihr leiden, Und um alle eure Freuden Geb ich sie nicht hin. Das Dörfchen. rühme mir Mein Dörfchen hier! Denn schtznre Äuen, Lls rings umher Die Blicke schauen, Sind nirgends mehr. Hier Ächrenfelder, Dort wiesengrün. Dem blaue Wälder Die Gränze ziehn. Än jener Höhe Die Schäferei; Und in der Nähe Mein Sorgenfrei: So nenn ich meine Geliebte, kleine Einsiedelei; worin ich lebe, Zur Lust versteckt; Die ein Gewebe Von Ulm und Äebe Grün überdeckt. Dort kränzen Schlehen Die braune Kluft; Und Pappeln wehen Zn blauer Luft. Mll Mit sanftem Rieseln schleicht hier gemach Äuf Silberkieseln Ein Heller Bach; Fließt unter Zweigen/ Die über ihn Sich wölbend neigen, , Erftischend hin; Und läßt im Spiegel Den grünen Hügel, N5o Lämmer gehn Des Ufers Büschchen Und selbst die Fifchchen Am Grunde sehn. Da gleiten Schmerlen Und blasen Perlen Ihr schneller Lauf Geht bald hernieder Und bald herauf Zur Fläche wieder, Nein, schvnre ÄueN/ Äls rings umher Die Blicke schauen, Sind nirgends mehr! Vürofer, Der furchtsame Knabe. V^ine alberne Magd hakte einem Kinde viel abgeschmakte Dinge von einem schwarzen Mann in den Kopf gesetzt. Dieses Kind sah Keinmal einen Schorsteinse- ger ins Haus kommen, den es noch nie gesehen hatte. Darüber erschrak es, und lief vor Schrecken in die Küche, stch da zu verstecken, Liri-erblbl, III. Th, B «6 Lbcn war es hinein, so war auch schon der schwane Mann hinter ihm. In voller Äugst rennk es zur andern Thüt hinaus in eine Stube und kroch hinter den Ofen. Kaum aber hatte stchs ein wenig erhohlt: so horte es den fürchterlichen Mann dicht neben stch hinter der Mand im Schorstein kratzen. Im 'neuen Schrecken fprang es aus der Stube und dem Hause hinaus in den Garten, verstelle stch hinter einem Baume, sah mit verstörten Blicken und mit pochendem Herzen nach allen Seiten, und stehe! da kam plötzlich die schwarze Gestalt oben aus dem Schorstein hervor. Nunmehr sing das Kind an, aus allen Kräften um Hilfe zu schreien. Der Vater kam und fragte, warum es st» schrie? — Vas Kind wies mit schüchterner Ge- behrde auf den Schorstein; denn noch war es fo ausser stch, daß es nicht die Kräfte hakte, ein Mort vorzubringen. Der Vater lächelte und belehrte den kleinen furchtsamen Menschen, wie wenig Ursach er gehabt, sich so zu ängstigen. Der Knabe schämte sich, und hörte nachher niemals wieder auf die Erzählungen abergläubischer Leute. Vleine Belustigungen für Rinder. Ein Frühlingsliedchen. ^)hr Freunde des Lenzen, Lrfreuet euch hier! Umwindet mit Kränzen Die Schläfe, wie wir. rs Uns grünet die Meide - Uns blühet der Hain; Unr ladet Zur Freude Die Nachtigal ein. Dem Hasser der Tugend Nag' Unmuth die Brust; .Unschuldiger fugend Gebühret nur Lust: Fa, Tugend und Freude Lind ewig verwandt; Ls knüpftt sse^böide Lin himmlisches Band.' Drum, Freunde der Tugend- Lrfreuek euch hier; Genießet der Fugend Fn Unschuld- wie win Gleittir An ein junges Fräulein, dem man weiß gemacht hatte, daß es bessek sey, als andre Menschen. junges, gnädiges Fräulein, dein Stammvater iss auch der Meinige. Lr heißt Ädam- nicht Herr von Ädam. Älle Königinnen sind deine Verwandte; über — ssy nicht ssoltz — deine Magd, das lumpichte Bettelmädchen Und die schmierige HoLtentottin ssnd es auch. Klle Menschen find Vettern und Basen zusammen : die Deutschen - die schwarzen Äthiopier und die Kanibalen, wie die Franken, die Lachsen und die Baiern; die Tagelöhner, die Bauern und die Bettler, wie die Kaiser, diji Br Könige und die Ldelleute. Folglich sind alle Menschen einander gleich. Das wissen viele grosse und kleine Leule nicht. In Ostindien giebts närrische Leule, die 4 Adams glauben; diese sollen heissen: Brahmin, Siruri, Beise und Sudur. Vom jersien sotten die Geistlichen, vom Meilen die grossen Herren, vom drillen die Bürger und vom vierten die Bauern Herkommen. Die närrischen Leule! Auf Jamaika soll es Kaufmannsfrauen aus Lngland geben, die nicht glauben wollen, daß ihre schwarzen Sklavinnen so gul Menschen sind, wie sie. Die albernen Weiber! Ls war einmal eine kleine Königstochter; sie hieß, wo ich nicht irre, Isabelcben, war weiß, wie Schnee, und sein und zierlich, wie ein Püpchen. Viele große Leule warkeken dem kleinen Dinge auf, viele vornehme Leute küßten dem Mägdlein gar das Händlein: alles seines Papas wegen; aber das Närrchen meinte, es geschehe seinetwegen. Nun sah cS oft Skraßenkinder ^von seinem Fenster herab, ldie ekelhaft und lumvichk umherliefen. Ls sah in seinem Bilderbuche allerlei häßliche wilde Leute, und seine Gouvernantin erklärte ihm diese Bilder. Da dachte das gute Kind: ich muß doch wohl ein ganz andrer Mensch seyn, wie diese gemeinen, dummen, schmulzigcn Leute! Ls sagte dies seinem Garöerobemädchen, und das einfältige Ding antwortete: ja freilich, gnädige Prinzeßin! Ls sagte dies seinem Friseur, und der alberne Kerl antwortete: ja freilich, gnädige Prinzeßin'. Ls sagte dies seiner Hostneisierin: aber, aber, was antwortete die! '— -- . „Diese gemeinen schmutzigen Leute da sind eben so gut Menschen, wie sie, Prinzeßchen; und daß sie anders und besser aussehen, dafür können sie nicht, Kind ! Älsin dürfen sie ja nicht stolz darauf feyn." Mären sie Unter den Aameos erzogen , sie würden Noch nicht fünfe zählen können; wären sie im Samojedenlande gebohren, sie würden sich im Schnee wälzen; wären sie unter Schweinen aufgewachsen, Prinzeßchen! sie würden, so wahr ich ehrlich bin, den Sitten nach, ein Ferken seyn! „Hätte es hingegen dem Könige, ihrem Papa, gefallen, statt ihrer, ein gemeines Mädchen von der Straße aufzunehmen, oder aus dem Samojeden - oder Fameoslande eins kommen zu lassen , und es so sorgfältig und mühfam zu erziehen, wie sie: so würden diese — jetzt gemeine , dumme und eckelhafte Kinder, — so vornehm, klug und niedlich seyn, wie sie." Isabelchen konnte das nicht begreifen, oder - mögt es nicht begreifen. Laß sehn, mein Kind, ob du gescheuter bist? Schlözer. Ein Liedchen. «^^en flüchtigen Tagen Mehrt keine Gewalt: Die Räder an: Magen Lntfliehn nicht so bald. Gleich eilenden Blitzen Lntfliehn sic dahin; Drum will ich sie nützen. So lang ich noch bin. Rleme B^schaftlH. für Rinder. Der Gesang der Vögel, W-° Ein Rind. schön ertönt's im nahen N 5 ald! Mein Vater , rund umher erschallt Gesang; und freudiges Getümmel Steigt lieblich arzf zum hohen Himmel. Der Vater. Fa, Kind! )um Himmel Lönt's empor. Der muntern Vögel frohes Lhor, Die mit Gesang den Schöpfer droben Än jedem Morgen dankbar loben. Und wie dem Vater aller Nlelt Der Vögel Lobgesang gefällt; So lässt er gütig auch dein Lallen, Wenn du ihm dankst, stch Wohlgefallen. wilmfen- Das Ringfpiel» Personen: r. Vater. 5. A Oben spitz und unten breit - Durch und durch voll Süßigkeit^. : . was ist das? Lotte. D das ist ja fo ein altes Ding; Sin Zuckerhut! . . Friz. Fa, du hasts fchon gewußt, fonst hättest du es mir nicht errathen sollen! Lotten Dein Reim. Friz. Wenn ich arrig bin / Und ohn Eigensinn Thue, was ich soll: U) wie ist mir wohl! Mich lobt der Papa, Mich liebt die Mama Z Alles freuet sich. Lobt und liebet mich. Lotte. Nun noch dein Sprichwort! Friz. Eine Hand wascht die andre. . . Varer was soll das wohl heissen, Friz? Friz. Fa, wenn man andern Leuten was zu Gefallen thut, fo Lhun ste einem wieder was zu Gefallen. Vater. Richtig! Nun, das gieng ja recht gut, Friz! Fezt, Lotte, kommt die Reihe üpi L L uns beide. Mer von uns soll zuerst fragen: du oder ich? Lotte. Du. Vater. DeinUrtheil? Lotte. Daß die Faulheit den Menschen verdirbt. Varer. Wie so? Lotte. Za, wenn man nicht fleißig arbeitet, so wird man ungesund, und es fält einem lauter dummes Zeug ein. Gottlieb. Und man ist auch so unzufrieden! Rristcl. Und wird gar nicht stark. Karl. Fa, und das Lflen schmekt einem auch aar nicht so gut, als wenn man recht fleissig gewesen ist. Varer. Und dann, so entbehrt auch ein fauler Mensch der großen Freude, die der Fleis^ flge alle Übend empfindet, wenn er bedenkt, was er alles den Tag über gethan hat. — Nun weiter! Än was für eine Merkwürdigkeit aus der Geographie erinnerst du dich denn? Lotte. Fch weiß noch wohl, wo der Sago wächst. Vater. Nun, wo denn? Lotte. Fn Ostindien. Da giebts einen Baum, der heißt die Sagopalme. Na, dieser Baum hat inwendig so ein Mark, wie bei uns der Uhorn. Dieses Mark nehmen die Leute heraus und Lroknen es; das ist denn der Sago, wovon wir Suppen machen. Varer. Lrinnert sich jemand unter euch, was ich euch von diesem Sagobaumc einmal erzählt habe? Mie der liebe Gott ihn verwahrt hat? Rrrstel. Uch ja! Lr ist ganz stachlicht von aussen. . 37 Vater, worüber die Reisenden sich oft zu beklagen pflegen: aber haben sie wohl Recht, darüber zu klagen? Rrrftel. D nein! — wenn diese Stacheln nicht wären: so würden die wilden Schweine, die den Mark der Sagopalme auch gern fressen, die Bäume gewiß alle zerstören. Vaeer. Und dann müßten viele Indianer, die fast einzig und allein von diesem Baume leben, verhungern, und wir würden auch keine Sagosuppen mehr essen können. — Nun, dein Räthsel? Lotte, warum thuk der Hahn die Äugen zu, wenn er krähet? Rarl. -Ls mag ihm wohl so fauer werden. Lotte. L) nein! Seine Hennen sollen glauben , daß er's auswendig gelernt habe. Alle. Ha! ha! ha! das ist närrisch. Vater. Nun, und dein Sprichwort? Lorre. . An Gottes Segen ist alles gele. gen. Vater. Bravo! — Jezt also werde ich gefragt werden. ' Lotte. Dein Urkheil? Vater, Ist dieses: daß ihr heute alle recht sieissige Kinder gewesen seyd! Unsre Arbeit ist ja gleich vollendet. Lotte. Nun erzähle uns auch etwas Merkwürdiges ; aber was wir noch nicht wissen: hörst du, Väterchen? Vater. Laßt sehn, ob ihr dies dafür wollt gelten lassen. Äm persischen Meerbusen — ihr wißt doch noch, wo der ist? Alle. D ja! oja; da unken in Ästen! Vater. Nun, in der Gegend dieses Meerbusens also entsteht zuweilen ein sehr gefährlicher wind, den man dort zu Lande Samte! oder L Z Sanum nennt. Dieser Mind ist brennend heiß und Lödtet aufder Stelle alles, was erunkerwe- gens antrifk, es sey Mensch oder Thier, doch zum guten Glücke fährt dieser Mind nicht dicht auf der Lrde her. Menn daher die Leute an gewissen Kennzeichen merken, daß er losbrechen will: so werfen ste sich flugs mit dem Gesichte aufdie Lrde, und dann thut' er ihnen nichts. Diejenigen aber, die er übereilt und erstickt hat, liegen da , als wenn sie schliefen. Sie sind aber durch und durch verbrannt; wenn man sie daher beim Ärme oder beim Beine faßt: so lösen sich Ärm und Bein ab, und man behält sie in der Hand. — Gut, daß dieser schlimme Mind nicht auch bey uns weht! 4 Lotte. Nun dein Räthsel? Varer. wann hat man weniger,als gar nichts? Lotte. Ja, das weiß ich nicht. Gotrlieb. ich weiß es! Menu man nichts hak, und noch dazu etwas schuldig ist. Vater, Richtig. — Aezt ist also noch mein Sprichwort übrig. Lotte. Nein, mit Lrlaubniß! Lrst deinen Reim. Vater. Äh! den hält ich bald vergessen. Recht thun, und edel feyn und gut, Ist mehr, als Geld und Ehr; Da hat man immer guten Muty Und Freude um sich her; Und man ist brav, und mit sich eins, Scheucht kein Geschöpf und fürchtet keine. Und hier endlich mein Sprichwort: Ehrlich wahrt am längsten. Rristel. Mein Stückchen Ärbeik ist sjust fertig, 39 Alle. Mems auch! Meins auch! Narer. Dann laßt uns sehn, ob die Mutter noch nicht angefahren kömmt, um ihr mit dem verlesenen Spinat entgegen zu laufen! C. Die Blumen. ^udewios und Rarolme wurden von ihren liebreichen Vater öfters mitgenommen, wenn er ausgieng. Besonders geschah dieses, wenn sie durch Folgsamkeit und gutes Betragen seine Zufriedenheit verdient hatten. Lines Nachmittages, da sie sich auch ein vorzügliches Recht zu diesem Vergnügen erworben, nahm sie der Vater beide an die Hand und führte ste in einen herrlichen Garten. Llls sie dahin kamen, baten ihn die Kleinen, ob sie wohl allein darin spielen dürsten? Der Vater erlaubt' es ihnen, und gieng mit dem Besitzer desselben ins Gartenhäuschen, um sie ihrer Freude ganz zu überlassen. Der Garten war voll der schönsten Blumen. Beide Kinder waren sonst bescheiden, wenn sie etwas wünschten, und warteten gern, bis es ihnen gegeben oder erlaubt ward. Diesmal aber vergaben sie sich, und mogten ihrer Begierde, Blumen zu haben, nicht widerstehen. Sie giengen beide und pstükten die schönsten, die sie fanden. Rarolrne wies ihren Straus dem Bruder; der fand, daß der Seinige nicht so schön wäre, und lief hin, um andere zu pflücken. Geschwind, lief Karoüne hin, und pflükte auch noch einen. Den fand Ludewirs wieder besser, und wollte sich nicht zuvor kommen lassen Und so pstükten sie in die Mette, LudewiF Huk 4v und Taschen voll, Larolme Schürfe und Körbchen voll, bis fast alle Beeke kahl waren. Nun erst fiel es Aarolinen ein, wie unbesonnen und unbescheiden sie gewesen wären: sie moate die verheerten Beeke nicht mehr sehen,die noch vor wenigen Minuten so schön waren, und die sie verwüstet hatten. — Vor Scham wußte sie nicht, wo sie die ge- pstükten Blumen lasten sollte. Da bat sie ihren Bruder Ludewirs, sie ihr abzunehmen; aber dem gieng es eben so. Andern sie nun traurig und beschämt da standen, kam der Vater mit seinem Freunde, und erschrak, als er die Verwüstung im Garten und die Unlust an seinen Kindern sähe. Sie wollten erzählen und konnten nicht: endlich bracht es LudewrF stotternd heraus« Der Pater bat seinen Freund für sie um Verzeihung, der zum Glück einer von den Menschen war, die leicht verzeihen, und es gern that. Dann blickt er sie ernsthaft an, und wollte sie wieder verlosten. Über die Kinder hingen sich an feinen Ltrm; H, bester Vater! baten sie, laß uns nicht wieder allein; du siehst, wir sind noch nicht gut genug, daß wir allein bleiben können. Mir wissen nun, wie nothig wir deiner Lufsichk haben. Gewiß, wir wollen nicht eher wieder verlangen, allein zu seyn, bis wir uns gewöhnt haben immer an uns zu denken, und uns immer erst zu fragen, obs auch gut ist, was wir thun wollen? Rarolme Rudolphr. 4l Lieschens Klage über Friz- chens Tod. , mein Bruder, starb! o wenn er noch lebte! o wenn! o wenn! o wenn! Welch Lieschen hat nicht ein Herzchen nö- khig, einen Bruder Herzchen! Für ein anderer Herzchen dank ich. Seliges Herzchen! warum nahmst du mich nicht mit? warum die Nachtigal? warum? — Das Bögelchen verschied in Herzchens Hand. Sie hakten sich sehr lieb, —- dar Vögelchen und Hrizchen! Ach sch ste beide sterben. Sie liessen nicht von einander. Herz steht mich an. Was stehst du, Herzchen? Was? — Ach weinte — sollt ich nicht? „SM, Lieschen," ich hör es ihn noch sa- ,,gen,,, still, Lieschen, bleib bei Baker und „ Mütterchen; ich finde dort auch ein Lieschen, „unser Schwesterchen, dort, wo der liebe Gott „seinen Himmel hat , der bester als seine „ Lrde ist, auch wenn Felder und Wiesen voll „sind. Hilf ihn bitten , sehr bitten , den lieben „Gott, daß er mich in den Himmel nimmt, und „ auch mein Bögelchen herein läßt — uns beide „für einen. Du bist ein gutes Mädchen, der „liebe Gott thut dirs gewiß zu gefallen!" Friz sah gen Himmel und seufzte ; das Vögelchen sang noch aus; und jedes neigte sein Köpfchen auf die Brust, und jedes starb. D wenn ste noch lebten! wenn Bruder Herzchen noch lebte! Dort leben ste beide, Herzchen, auch sein Nachkigälchen. Was kommts dem lieben Gott auf ein Pläzchen für ein Nachkigälchen an? An» de,»Lebensläufen nach auffteigenderLinie. 4 » Lieschen zum Schmetterling. S. chmetterling, Schmetterling, setz dich! Sieh den Sperling, der auf dich lauert,und feinen Schnabel wezet, um dich als einen Braten m essen, und Sallat von dem Blütchen, wo du sitzest, dazu zu picken. Schmetterling, Schmetterling, fetz dich! Ich will dir nicht einen Flügel ausreissen, oder einen Fuß, oder dich ängstigen, Närrchen! Nein« Du bist klein, wie ich! Georg, mein größerer Bruder, fängt sich grössere Vögel, und er geht nicht mit ihnen um, wie ich mit dir umgehen werde. — Weißt du, was ich will? Ich will dich ein wenig anfehen, schönes Jüngferchen, nicht lange. — Ich weiß, du lebst nur kurz, armes Vögelchen ! Künftigen Sommer bist du nicht mehr, und ich bin schon sieben Sommer alt. — Ich will dich nicht vom Leben aufhalten, armes Vögelchen; aber besehen will ich dich , dein niedliches Köpfchen, und dein schlankes Leibchen, und deine sspitzenFlügclchen, das will ich befehn. Und damit du keine Zeit verlierst, werd ich dir ein Blütchen Vorhalten , damit du während der Zeit essen kannst. Schmetterling, Schmetterling, fetz dich! Närrchen, ich mein es gut mir dir. Schmetterling, Schmetterling, fetz d.ch! Aus den Lebensläufen nach sufsteigender Linie. Friz »nh der Käfer. , — Punktum! — nun hinaus ins der Lbend ist so schön; . Aun will ich Thierchen groß.und klein im Mondesglanze sehn! . Da kommt der schöne Mond schon Herz willkommen, lieber Mann! Wie man dich, und die Skernelein doch nie gnug sehn kann! Ho sagte Friz, und sprang ins Feld, und freute herzlich sich; That recht daran! — Mach du's auch so« erst lern, — dann freue dich. Stand da ein kleiner Äpfelbaum, an dessen Skämchen kroch Sin brauner Käser, sorgenlos, der nicht von dannen flog. Gleich war nun unser Fcizchen da: komm her, du Räuber, her! Lmpfang den Lohn; denn du zerfrißt mein Bäumchen gar zu sehr. Lr nahm das Thierchen, band am Fuß ein seidnes Fädchen ihm! Und, wenn es angstvoll aufwärts flog, wollt er's herunter ziehn. Ls flog, er zupfte, — und das Bein am Fädchen riß; da sprach — 9er Käfer? diein; des Knaben Herz , als sprächs dem Käfer nach. „Denk, ich fey Menfch, und Käfer du; dich hungerte/ wie mich. 44 ----- Und weil du deine Nahrung suchst, nur darum quält ich dich! Miß es, Sin Gott hak uns gemacht; quäl ja kein Thierchen mehr! Äch wüßtest du , wie weh mirs Lhut, mein Füßchen, ach wie sehr!« Friz ließ den Käfer: doch für ihn War alle Lust dahin; Faßt, Kinder, was sein Herz ihm sprach, ja fest in euren Sinn! Ruhl. Frizens Morgenlied. «i^u, lieber Gott, hörst gern es an, Wenn Kinder Dank dir bringen; Drum will ich jezt, so gut ich kann, Dir auch mein Loblied stngen. Mich hat ein sanfter Schlaf erquickt, Ich bin gesund und fröhlich. Wie viele sind nicht so beglückt. Sind krank, sind nicht so fröhlich ! Ja, lieber Gott, dir sag ich Dank; Du lassest jeden Morgen Mit nöthger Speise und mit Trank So gütig mich versorgen. Für meine Sltern dank ich dir. Die mich so zärtlich lieben; Luch für die Freunde dank ich dir, Die mich im Guten üben, O', laß uns diese Sltern noch Recht lange, lange leben! Thu, lieber Gott, o thu es doch, Laß sie noch lange leben! 45 Mir wollen (ich und Bruder Gust) Sie auch recht oft erfreuen; Mir wollen lernen, recht mit Lust, Nie Fleiß noch Mühe scheurn. Mir wollen leben, so wie hier Die Menschen leben sollen: Menn sie sich hier, und dort, bei dir, Am Himmel freuen wollen. Lin Ungenannter. Der Klügste giebt nach. Johann und das Pferd. 28üthend schlug Johann sein Pferd; Und da dies stch wieder wehrt, Steiget seine Mukh aufs höchste, Liner, der vorübergeht, Rust mit Lachen aus: „Li, seht! Mer ist da doch wohl der Klügste wehnert. Zwei Kinder, die sich selbst regieren wollen. B- Anton. >ater, ich wollte, daß ich schon groß wäre; so groß wie du! Vater. Und warum wolltest du das, Unton? Anton. Aa, dann hätte mir keiner mehr was zu befehlen, und ich könnte thun, was ich wollte. Vater. Dar wäre wohl war schöner, gelt, Änton? 46 Anton. O so herrlich! Vater. Lieschen , was sagst du dazu? Möchtest du auch wohl thun dürfen. was dü Lust hättest? Lieschen. Das glaub ich! Anton. Das sollte gehn! Du, und ich, Lieschen — juch! Vater. Nun h'ötk, Kindet; die Freude kann ich euch wohl machen. Von Morgen früh an, sollt ihr die Lrlaubniß haben, zu thun, was ihr wollt. Beide (aufspringend) Sollen wir? Vater. Sure gute Mutter und ich und alle Erwachsene im Hause wollen einmal nichts zu befehlen haben. Beide (hüpfend und springend) Nicht? ö je! oje! daß soll einmal eine Lust seyn! Vater, ba, was noch mehr ist, wir wollen euch diese Freiheit nicht blos Morgen, sondern so lange geben, bis ihr uns selbst bitten werdet, daß wir sie euch wieder nehmen mögen. Anton. D das soll denn gewiß lange währen! Vater. Nun es soll mir lieb seyn, wenn ihr künftig euch werdet allein regieren können. Morgen also bekümmert sich um euch kein Mensch. Der Morgen kam. Statt, daß die Kinder sonst um sechs Uhr geweckt wurden, weckte sie jezt niemand, und sie schliefen daher bis nach Ächten. Von langem Schlafen aber wird man träge und unlustig; das waren denn Anron und Lies chen auch, da sie endlich von selbst erwachten, und jeder sein Bett verließ. Indeß ermunterten sie sich doch bald durch den fröhlichen Gedanken, daß sie heute thun und lasten konnten, was sie wollten, -- 47 Llber was wollen wir denn nun, Lieschen? fragte Anton seine Schwester, da beide angezogen waren, und ihr Frühstück verzehrt hatten. Lieschen. I, wir wollen spielen! . Anton. Llber was? Lieschen. 9 nun, wir wollen Kartenhäuser bauen. Anton. O das ist ein dummes Spiel; das mag ich nicht! Lieschen. So laß uns Blindekuh spielen. Anton. Ja, wir beide! wenn du sonst nichts weißt! Lieschen. Oder mit Knkpkügelchen. Anton. Das mag ich auch nicht mehr leiden. Lieschen. Nä, so sag du was bessers. Anton. Weißt du was? Wir wollen, den ganzen Tag auf Steckenpferden reiten. Lieschen. O das ist was rechts! Nein, das khu ich nicht. Anton. Na, so wollen wir Fuhrmann spielen; du sollst daß Pferd und ich will der Kutscher seyn. Lieschen. Ja, daß du mich wieder mit der Peitsche träfest, wie letzt; weißt du noch? Anton. I nu, das that ich ja nicht gern! Lieschen. Ja, aber es that doch weh; nein, nein, da wird nichts draus! Amon. O du willst auch gar nichts! — So laß uns Jagd spielen; ich will der Jäger, und du sollst der Hirsch seyn; komm, komm Lieschen! Lieschen. Mit deinem Jagdspielen! Da kömmst du mir immer mit. Anton. Na, so will ich gar nicht mit dir spielen; daß du's nur weißt! Lieschen. Und ich nicht mit dir; daß du's auch nur weißt! 48 Mit diesen Worten gierig der Line in diese, die Llydere in jene Lcke des Zimmers, und ließ die Lippe hängen. Lange saßen sie da und maulten, und sprachen kein Work mit einander. Darüber schlug endlich die Glocke zehn, und von dem schönen Vormittage waren nun nur noch zwei Stunden übrig; als Anton sich endlich umwandke, und zu seiner Schwester sagte: So komm denn; ich will Knipkügelchen mit dir spielen. Lieschen. Za, aber ich habe keine Kügelchen, und du bist mir noch zwölf schuldig, die mußt -u mir geben. Anton. O was ich dir gestern schuldig war, das gilt nicht mehr! Lieschen. Z, warum denn nicht? Anron. Za, weil uns heute keiner was zu befehlen hat. Lieschen. O ich werd' es wohl dem Vater sagen! Anton. Z, der Vater will uns heute ja auch nichts zu befehlen haben! Liechen. Na, so spiel ich nicht! Anton. So laß es bleiben! Äbermals eine traurige Pause; abermals jeder in seinen Winkel! Anton pfif, Lieschen fieng an zu trillern; Anton holte stch eine Peitsche, um damit zu klatschen, Lieschen ihre Puppe, um damit zu plaudern; Anton brummte, Lieschen seufzte. Darüber hörte man die Glocke eilfe schlagen, und von dem schönen ungebrauchten Vormittage war nun nur noch eine einzige Stunde übrig. Anton warsunmuthsvoll seine Peitsche, und Lieschen ihre Puppe weg. Beide sahen sich einander ander an, und wußten nicht, was ste sich sagen wollten. Endlich sprach Lieschen: Nun so komm denn; ich will dein Pferd seyn. Auron. Na, das ist gut! Sieh, hier habe ich einen langen Bindfaden; der soll mein Zügel seyn. Da, nimm ihn in den Mund. Lieschen. N5arum nicht aar! Kannst ihn mir ja um den Leib, oder an oen Ltrm binden l Anron. Wie du doch sprichst! Hast du denn nicht gesehen, daß die Pferde das Gebiß im Maule haben, und daß der Zügel dran sitzt? Lieschen. Ich bin ja aberkein rechtes Pferd! Anton. Ja, du mußt dich aber doch so anstellen. Lieschen. D das ist nicht nöthig! Anton. O du willst auch alles besser wissen! So nimm doch > Lieschen. Nein, in den Mund nehrn' ich ihn nicht. Anton. So laß es bleiben! So will ich gar nicht spielen. Lieschen. Und ich auch nicht. Wiederum der vorige langweilige Auftritt; Anton in der einen, Lieschen in der andern Lcke. Anton nahm wieder seine Peitsche, Lieschen ihre Puppe; aber die Peitsche wollte dem Linen, die Puppe der Andern kein Vergnügen machen. Ancon seufzte, Lieschen weinte; zuletzt weinte Anron auch. Darüber wurd' es Mittag, und der Vater kam, sich zu erkundigen, ob es ihnen gefällig wäre, zum Lssen zu kommen. „Uber was fehlt euch dem ? " fragt' er, da er ste beide weinen sah. D nichts! antworteten die Kinder, wischten sich die Thranen ab, und folgten dem Vater zum Mittagsessen. Kinderbib!. III. Th. D 5v Äuf dem Tische waren diesmal vielerlei Gerichte, auch wein, und ein Weinglas bei jedem Teller. Kinder, sagte der Vater, wenn ich euch noch zu befehlen hätte, so würde ich euch nicht von allen diesen Gerichten essen, auch keinen wein, oder höchstens nur sehr wenig trinken lassen, weil ich weiß, daß vielerlei Speisen und der wein den Kindern schädlich sind. Aber ihr seyd nun heute einmal eure eigene Herren; ihr dürft also auch essen und trinken, was ihr Lust habt. Die Kinder ließen stch dieses nicht zweimal sagen; das Line foderke stch dies, das Ändere lenes, und beide schenkten stch ein ganzes Glas voll'wein ein. „Uber, Kind , stüsterke die Mutter dem Vater ins Ohr, ste werden krank darnach werden! " „Ich weiß wohl, liebe Frau, antwortete der Vater leise; aber es ist besser, daß ste einmal krank werden, und dabei schon jetzt lernen, wie sehr man stch durch Unmäßigkeit schadet, als daß wir jetzt für ihre Gesundheit sorgen, und ihnen diese wichtige Lehre dadurch entziehen." Die Mutter sähe ein, daß der Vater Recht habe, und ließ es geschehen. Fetzt stand man auf. Der Bauch der Kleinen war ungewöhnlich ausgespannt, und ihr Köpfchen sieng an zu schwindeln. Komm, Lieschen! schrie Anton, und riß das taumelnde Mädchen mit stch fort in den Garten. Der Vater folgte ihnen von fern nach. Fn dem Garten war ein kleiner Fischteich, auf dem Teiche ein kleiner Kahn, und Antori hatte Lust hincinzutreten. „Äbtr weißt du nicht, sagte Lieschen, -aß Uns das verboten ist? " Verboten? antwortete Anton; weißt dir denn nicht, daß uns heute nichts verboten ist? „Äch ja, das ist auch wahr," sagte Lieschen; gab ihrem Bruder die Hand und beide traten in den Kahn. , Hier näherte sich -et Daker; doch fair- er für gut, sich noch nicht zu zeigen. Lr wußte, daß der Teich nicht sehr tief war: „Und wenn sie nun auch hinein sieten, dacht' erst) kannst du sie ja gleich wieder herausziehn."—^ Vie Kinder wollten den Kahn los machen - Um darin zu fahren: aber es fand sich, daß er fest angekettet war: „Ho wollen wir wackeln!" rief der rüstige Anton; und fiettg an, den Kahn auf und nieder schwancken zu lassen. Über plötzlich geriekhen beide ins Stolpern; Lins ergriff das Ändere, um sich zu halten ; aber plump! lagen beide über Bord und im Waffen Schnell, wie der Blitz- sprang der Vater hinzu, crgrif mit jeder Hand eins seiner thörig- Len Kinder, und trug sie halb entseelt zu Hause; Hier mußten beide sich auf die heftigste Meise übergeben - indem man sie rüttelte und umkleidete; bis sie endlich ganz ermattet und mit fürchterlichen Kopfschmerzen zü Bette getragen wurden. - Zu den Kopfschmerzen gesellten sich auch Bauchweh und beständige Uebelkeit, welche von Zeit zu Zeit ein neues heftiges Erbrechen mit großen Beängstigungen verursachte. Zn diesem traurigen Zustande brachten sie also die ganze übrige Hälfte des Tages unter unaufhörlichen Seufzen und Weinen hin, bis sie endlich vor Mattigkeit einschliefem S L Früh am andern Morgen trat der Vater vor ihr Bett und Hagte, wie he geschlafen hätten? „Llch, gar nicht gut! antworteten beide mit leiser kränklicher Stimme." „Mir haben immer aufsiehen müssen, und der Kopfund der Bauch haben uns sehr weh gethan." Ihr armen Kinder! sagte der Vater! ich beklage euch. Uber — fuhr er nach einer Meile fort —- wie steht es denn heute mit eurem freien Millen ? Ihr »perdet ihn doch wieder haben wollen? „V ja nicht! ja nicht!" riefen beide mit großer Heftigkeit. Mer, warum nicht? fragte der Vater; ihr sagtet ja, daß das so herrlich wäre, Lhun zu können, was man wolle! „L> wir sind wohl recht dumm gewesen!« antwortete Anton. „Ja gewiß, recht dumm!" sagte Lieschen. Vater. Ihr wollt also nicht wieder eure eigene Herren seyn? Beide. D nein, nein! lieber Vater; sage du uns wieder, was wir lhun sollen; da gehts uns viel besser. Vater. Bedenkt euch wohl, was ihr thut; denn wenn ich euch wieder befehlen soll: so werd ich anfangen, euch etwas sehr Unangenehmes zu befehlen. Beide. V wir wollen gern alles, alles thun ! Vater. Seht, hier Hab ich ein bräunliches Pulver, heißt Rhabarber, schmekt sehr häßlich, aber isi ungemein gut für Leute, die, so wie ihr, sich durch Unmäßigkeit den Magen verdorben haben. Menn ihr nun noch wollt, daß ich euch wieder befehlen soll, so gebiethe ich euch, die- Pulver einzunehmen. Sott ich? .- - 5Z Beide. Ja, ja, lieber Vater! Und wenn's auch noch so garstig schmekte. Der Vater rührte jedem ein Pulver ein, und gab's ihnen. Die Kinder, ohne den Mund dabei zu verziehen, schluckten die bittere Lrze- nei beherzt hinunter. Diese that ihre Wirkung, und beide geneseten. Wenn man ihnen nachher eine recht große Strafe drohen wollte; so sagte man zu ihnen; ihr sollt wieder eure eigene Herren seyn! und die Kinder zitterten dabei mehr, als andere,' zu denen man sagt: ihr sollt die Ruthe kriegen! Frizchens Tischgedankm. ^^chon wieder Hunger; aber auch Schon wieder keine Notiz! Der liebe Gott, nach altem Brauch, Ist da, mit Speis' und Brod. Wo nimmt Sr's doch auch alles her. Für so viel Ult und Jung? Äuf Lrden, in der Luft, im Meer Hak jeder Mund genung. Du speisest alles, was sich regt. Mit Freuden und mit Lust! O Herr! ich bin sehr tief bewegt, Und voll ist meine Brust! Wie stch mein lieber Vater freut, Wenns seinem Frizchen schmekt. So hast auch du all weit und breit Den grossen Tisch gedeckt. Wir essen all' und trinken all'. Und danken unserm Gott! V Z Hin süßer Dank, ein Dank mit Schall! -- Mir danken unferm Gott! Mer äße nun nicht herzlich froh. Und tränke wacker drauf? — Lch Gott! der arme Mann auf Stroh Sieht auch zu dir hinauf. Lr hungert doch nicht/ lieber Gott? Sieb doch dem armen Mann Äuf Stroh auch ein klein Stückchen Brod, Du, der fo vieles kann! dLverbe^. Frizchens Dankgebet nach Tische. «^-^aß ich nun wieder fröhlich bin. Gesättigt und genährt. Das dank' ich dir in meinem Sinn, Du, der du mirs befcheert! Ich will auf deinen Segen bau«. ^ So oft es mir gebricht, Und deiner Gütigkeit vertraun. Denn du versäumst mich nicht. Ich will doch aber redlich feyn In allem, was ich thu; Du giebst dem Redlichen allein. Die andern hassest du. Sei immer noch mein Herr, mein Gott ^ Mein Vater und mein Schutz; So biet' ich sicher jeder Noch Und jedem Uebel Trotz. .Euerbeck. Fnzchen nach der Arbeit *^un, wohl bckom es mir! Ach bin auch endlich müde! Doch süßer, süßer Friede^ Liegt auf der Seele hier. Ich Hab mein Merk gekhan. Nun ruhet aus-^hr Glieder! Lluf Morgen ruf' ich wieder; Dann gehts von neuem an. N5ie wohl ist mir zu Sinn! Die Blumen alle winken, Und wunderfreundlich blinken Die Sternchen nach mir hin. Der Übend ist so schön; Mit ruhigem Gewissen Kann ich ihn nun gemessen; Und froh zu Bette gehn, N5ie wird' es anders seyn, Hätt' ich heut nichts gelesen, Und wäre faul gewesen: Mich würde nichts erfreun. Beschämt würd' ich den Kopf Uuf beiden Urmen stützen, Und in der Stube sttzen Lrbärmlich wie ein Tropf. Dann fragte mich Papa: "wie ists? was kann dir fehlen? weißt du nichts zu erzählen? „ Kein Wörtchen müßt ich da. Dann käme Fiekchen her, Und suchte mich mit Necken 56 Vom bösen Traum zu wecken: Doch Fiekchen hin und her! Verdrießlich würd ich dann, Mich ärgerten die Wände, Und, und — ich steng' am Lnde Mahl gar zu weinen an. L) wie ists doch so gut Um Urbeit und Geschäfte! >,. Wie stärkt es Muth. und Kräfte, Wenn man was Nutzes thut> Dank fey dem lieben Gott; Lr stärkte mich auch heute, Daß ich den Fleiß nicht scheute, Und ehrte fein Gebot. Nun auch zum süßen Lohn Getrost zu Tisch gesessen! Wer schaffet, darf auch essen; Mich dünkt, ich schmeck' es schon. O-verbek. Frizchen an den Tod. Ä8enn ich nun all erst bin und groß, Und habe viel gethan, Dann bringe mich in Gottes Schooß, Du schwarzer Knochenmann! Noch laß mich leben, denn ich bin Noch lange nicht geschickt, Und habe manches noch im Sinn; Wenn mirs nur alles glückt. Ach möchte wohl, im Srnst gesagt, Vor allen andern hier 57 Der beste seyn! Ich Hab' gedacht. Der Wunsch gezieme mir. Das ist kein tüchtiger Soldat, Fiel mir aus Büchern ein. Der nie darauf gesonnen hak, Mal General zu seyn. Wohlan denn, Frizchen! dacht ich da. Was rechtes oder nichts! Und guten Beistand hast du ja! Der liebe Gott versprichks. " Fe mehr wir thun, je lieber ist Ls unserm guten Gott; Und wenn du nun ein Mann erst bist, Sann hats nicht weiter Noth. Sieh, lieber Hain, *) das ist mein Ziel; Drum gehe nur vorbei! Ls fehlt mir noch so viel, so viel; Die Sach' ist noch zu neu. ^ Und ich bin klein und arm und schwach; O war ich doch erst groß! Und gut! — dann bring mich allgemach Du Hain, in Gottes Schooß! Nverbek. Ein Bild vom menschlichen Leben. ^n einem stürmischen Tage stand Lotte mit ihrem Vater am Fenster, aus welchem man viel Wiescnland übersehen konnte. Um Himmel flohen einzelne Wolken bald kleinere bald größere — sehr schnell vorbei, *) So viel als: lieber Tod. 58 --------- so daß man oft im Schatten, aber auch bald wieder im Sonnenscheine stand. Lotte sah den Schatten über die Wiese laufen und sprach: « D steh, steh, Vater, wie der Schatten dahinunter laust! Nun ist die Miese ganz dunkel; nun wieder hell! —. O steh! da kömmt schon wieder ein schwarzer Schatten! Da ist er schon wieder weg! „ Vater. Die meiste Zeit ist doch Sonnenschein auf der Miese. Nicht, Lotte? Lotte. D ja; nun ist ste schon lange hell gewesen; aber da kommt schon wieder ein Schatten! Vater. Uber auch der verfliegt doch bald? Lotte. Da ist er schon weg! Das ist doch närrisch! Vater. Kind, was du da stehst, das wirst du in deinem ganzen künftigen Leben erfahren? Lotte. Mie fo, Vater? Vater. Unser Leben, liebe Lotte, gleicht dieser Miefe. Menn wir recht fromm und brav stnd, fo geht es uns die meiste Zeit glücklich; da stnd wir, wie im Sonnenschein. Uber dieses Glück dauert doch nickt immer. Ehe wir es uns versehen, fährt eine Molke von Widerwärtigkeit über uns hin, und da stehen wir auf einmal im Schatten, das heißt, wir haben Misvergnügen. Über, getrost, liebes Kind! Uuch dieses Misvergnügen dauert nicht lange. Es verfliegt eben fo geschwind wieder, als du jenen Schatten verschwinden stehst. Denke daran, wenn du älter wirst; und es wird dir gut Lhun, daß ichs dir vorausgesagt habe, L, 59 E r n d t e l i e d* *)Vein Klang von allem, war da klingt. Geht über Sichelklaug, Menn sie der braune Schnitter schwingt Aum fröhlichen Gesang. Das Lehrenfeld in goldner Pracht Aauschk, Halm an Halm gewiegt ; D wie sein muntres Luge lacht! Mie isi er so vergnügt! Schon denkt er sich die Sch euren voll Und noch ein gut Theil mehr; Und wie der Thaler klingen soll, Denkt er sich nebenher. Kein Paradies, kein Herzogthum Lrfreut ihn, wie sein Feld; Der braune Schnitter gäbe drum Die ganze weite Melk. Lr singt, es zirpt in seinen Ton Die Grill' ihr schmetternd Lied; Und nieder sinkt die Garbe schon Don seines Staates Schnitt. Gemezelk liegt die ganze Schaar Der Halme lang und schwer, Die dicken Schwaten Paar bei Paar§ An Metten ringsumher. Da sieht der Schnitter mitten driy^ ' Und jauchzet, laut ins Thal, Nun hüpft die schlanke Bäuerin Daher, und ruft zum Mahl. Die Schüssel dampft, die Kanne bli^ Das Mahl schmeckt königlich; 6o Und seht, der braune Schnitter winkt, Das Mädchen schürzet sich. Und wieder hin aufs hohe Feld, Die Garben aufgefaßt. Gebunden, und emporgestellk; Und nimmer keine Rast! Und hui! kommt in vollem Lauf Der Magen angerollt, Lr ninunt die reiche Ladung auf. Und glänzt von ihr wie Gold. Und hui! gehts in raschem Trab, Getümmel hinterdrein. Den stoppelvollen Berg hinab. Zum Scheurenthor hinein. Kein Fest, kein Freudenspiel, kein Tanz Kömmt diefem Feste bei; Ls fühlet auch kein Städter ganz, Mas Lrndtefreude fey. Des Äckermanncs sauren Schweiß Belohnet diefes Fest^ Lr nimmt und ißt zu dessen Preis, Der Korn ihm wachsen läßt. Overbeck. Fritzchen an Lotte, da ihre Mutter krank war. in der stillen Kammer; Ich mag dich izt nicht sehn! Ach müßte bei dem Jammer, Der dich bedrückt, vergehn. Sn deiner Mutter Bette, Mit bleichen Ängesichk — Menn ich zehn Äugen hätte. Ach sähe diefes nicht! Dies Ringen und dies Leiden, Dich in der Mutter Urm, An Ungst von ihr zu scheiden, Im stummen öden Harm! Der Iheuren Kranken Stöhnen! Ihr heisfes Ltuge naß! Und deine Lausend Thränen! —» Gott! wie vermögt' ich das? In meiner Skub' alleine, Gestützt auf meinen Pulk, Da flitz' ich hier und weine. Und bete dir Geduld. Und bet' um deren Leben, Die, mir zur Freude, dir Das deine hat gegeben: Hilf, unfer Pater, ihr! D daß die trüben Tage Mit Flügeln dir entfiohn! Daß nach gestillter Klage Mir bald uns wieder fähn! Dann Beide Blumen streuten In deiner Mutter Schoos; Uns ihres Lebens freuten! Die Freude wäre groß. Indessen wächst ein Bäumchen Mit duftigem Jasmin In meinem liebsten Räumchen; Für Lotte fetzt' ich ihn. In diefes Bäumchens Kühle Da feiren wir hernach Mit ausgesuchtem Spiele Froh den Genefungstag. 62 Der Pflug, Ä^it Pferden zieht das Feld hinauf Der Hauer seinen Pflug; Doch nicht genug: Lr druckt, et drückt die Hand darauf» Ho sitz' ich auch an meinem Tisch Mit ausgeschlagnem Buch; Doch nicht genug: Ach sitz', ich sitz', und lerne frisch. . «NverdtcK Gespräch einer Mutter mit ihrent dreijährigen Kinde. '(M Rind- ist Morgen, liebe Mutter, *s ist Morgen; Lonne scheint hell am Himmel. Mutter. Das weiß ich- Kleine; warum sagst du das? Rmd. Ha — freu mich, daß ich ihn seh', den lieben Morgen und noch lebe. Mutter. Du hast ja schon oft wieder einen Morgen erlebt, liebes Kind; jeden Tag von deinem Leben, so lange du dich besinnen kannst > hattest du die Freude: woher freut s dich denn heute eben so ausserordentlich? Lmd. Ha — weil Ämme gestern Äbend sagte, daß ich wohl heut' Nacht sterben könnte - daß man immer nicht wüßte, wenn man's Lbends so zu Bett' ginge, ob man auch des andern Morgens noch lebte; und siehst, lieb' Mutter, nun bin ich nicht gestorben, leb' noch, o freu mich- Heu mich so sehr, so sehr, lieb' süße Müller! ---------- 6z Mutten Mas ist denn sterben, liebes Kind? Rind. Weißt du das nicht, Mutter? Mutten Ja, Kleine, so gut man's wissen kann, wenn man's noch nicht erfahren hat; ich mögte aber gerne hören, was du davon denkst? Rind. A, je nun, ich denk' eben nichts böses davon. Mutter (lächelt) Hast mich nicht verstanden, Kind; wie du meinst, was sterben ist? Rind. A, wenn man sich hinlegt und die Äugen zu hat, und kalt ist, wie Nachbars Louis- chen war. Mutter. Wenn du schläfst, fo legst du dich auch hin, und hast auch die Äugen zu. Rind. Aa, aber denn ist man nicht kalk, Mutter. Mutter. Wie weißt du das, hast du je einen angefühlt, der schlief? Rind. Ae nun — fo begraben ste einen doch nicht. Lber Louischen begruben ste, ich hab's gesehen, Mutter; wie du weg warst, nahm die Äm- me mich auf'n Ärm, und trug mich in die Kirche; da steckten ste ste mit dem schwarzen Kasten in ein stnster finster Loch, tief'nein. Mutter. Warum litt ste denn das, Kleine? Rind. Ae nun, ste wußk's ja wohl nicht, ste schlief ja, ich hakte ste den Tag vorher viel, viel gerufen; aber ste antwortete mir nicht, und da sagte die Ämme, ste könnt's nicht mehr hören. Mutter. Kannst du denn auch nicht hören, wenn du schläfst? Rind. Aa — weißt Wohl, wenn du mich's Morgens laut, laut rufst, so wach' ich/auf. Mutter. Und Loutschen hörte es nicht, daß du laut, laut riefst, und wachte nicht fiuf? Rind, Nein; das ist's eben« 64 Mutter. Weißt du denn nicht, wie das kömmt? Rind. Nein — Mutter. Mutter. Das, Kind, kömmt daher: das, was da macht, daß wir hören, aufwachen und verstehen können, war nicht mehr bei ihr — ohn- gefehr so, als wenn du des Morgens deinen Hansup *) ausgewogen hast, und schon im Garten herum läufst. Wenn ich dich aufwecken will, fo hört und versteht dein Hansup mich nicht, wenn ich ihn rufe ; kömmt auch nicht vom Bette zu mir, da er doch zu mir kömmt, wenn du ihn anhast. Rind. I — je — Mutter, mein Hansup, ist ja auch nicht ich. Mutter. Mas da in dem schwanen Kasten lag, par auch nicht Louiscben, es war ihr Hansüp, so ohngefähr wenigstens, ein bischen anders ist's freilich wohl, wirst's schon fehen, wenn du älter wirst, aber meistens läuft's doch auf eins hinaus. Rind. Mo war aberden Louischen selbst, Mutter? Mutter. Louiscbens Gestalt, ihr Kleid, oder wie es eigentlich heißt, ihr Körper, lag wie du sagst, in dem schwarten Kasten , den die Menschen Sarg nennen; das aber, was es vordem machte, daß Louiscben dich hören und verstehen , und sich mit dir übern lieben Gott und alles Schöne, was er euch gab, freuen konnte, war und ist nun noch an einem Orte, den wir Himmel nennen, wo es sich viel mehr freut, als du dich eben jezt freutest, daß du noch lebtest; denn dies Leben hört doch einmal mit Krank- *) Ein niedersächsischer Ausdruck, der eine Kinderkleidung bedeutet» die die Kinder de- Nacht- tragen. - 65 Krankheit, die weh lhuk, und mit dem Sterben, vor dem du dich so fürchtest, auf; aber, wenn man durch dies Sterben erst dahin gekommen ist, wo Lomscken Seele nun ist, fo ist man nicht mehr krank, und stirbt auch nicht mehr. Rind« Seele! -- was ist das? Murren. Kannst's noch nicht recht begreifen, liebes Kind; alle Menschen begreifens, fo lange ste leben, nicht ganz; etwas aber kann ich dir wohl davon fagen. Du bist Seele: das ist Seele in dir und in uns allen, was denken und verstehen, lernen und sich streuen kann: das andre da, deine Ärme, Hände, Füße, Kopf, Beine, ist nur dein Körper, oder wie ich erst sagte, der Seele ihr Hansup, den ste aber noch weit nöthiger hat, als der Leib feinen Hansup, denn er hilft ihr oft, daß ste stch viel, viel freuen kann, was ste ohne ihn nicht könnte. Uber einmal muß ste ihn doch ausziehen, und wenn ste denn recht fromm gewesten ist, stoll ste einen bessern wieder haben, der nie weh thun wird , und den ste auch nicht wiede» auszuziehen braucht, und soll dann immer beim lieben Gott bleiben, wo ste gleich nach dem Tode hinkömmt, und soll stch da viel Laufendmal mehr freuen, als du dich freuest, wenn du Blumen pflückest und ste mir bringst, oder Lrdbeeren issest und deine Bö- gel fütterst. Rind. Kriegt Louischen denn auch fo Körper wieder? Murrer. Mir alle, Kind, wenn wir fromm sind. Rind. Und die nicht fromm sind, Mutter? Mutter. O Kleine, darnach frage mich nicht, die werden nie den lieben Gott sehen. Ainderbibl. HI. Th. -L Rind. Nie den lieben Gott sehen ? o Mutter, Mutter, wie können sie denn leben? Den lieben lieben Herzensvater nicht einmal sehen, der al! die schönen Baume und Blumen, und dich, liebe Mutter, und die sreundlichen kleinen Vogel gemacht hat, und die Sonne, die schöne Helle Sonne da! Sieh, Mutter, o sieh mal (das Kind hüpfte in die Höhe) wie sie da ans Fenster hinscheint ! Das Fenster wird ganz golden davon; ach, wie will ich fromm feyn, dich, Mutter und alle Leute lieb haben, immer freundlich seyn, nicht einmal weinen, daß ich den lieben Gottzu sehen kriege, und auch fo'n Leib, der nicht mehr weh thun kann, so wie Gautschen, und denn mit lieb' Lomschen immer spielen kann. A. S. Das Gewitter. ^^?er donnert? — D getrost, getrost! Ls donnert unser Gott! Sey immerhin, du Sturm, erbost! Wir fürchten keine Noth. Mir Wissens ja, wir fühlens auch, Mas Lr verhängt, wird gut. Sein Ärm ist Macht, Fried' ist sein Hauch, Der so viel Münder Lhut; Der wachsen läßt und läßt gedeihn. Und macht das Land so reich! Zu dem die jungen Raben schrein, Und Lr erhört sie gleich. Lr Lhut die Hellen Molken auf/ Dann regnets mild herab z Die Lrde schauert, bebet auf, Und trinkt den Haft hinab. Und muthig steigt empor im Thai Die junge frische Saat. Sein Donner rollt mit starckem Schall, Und preiset seine That. Nicht ferne kann Lr von mir feyn, Der Blitz verkündigt ihn ; Äuf Wolken fährt der schnelle! Schein, Die Nacht sinkt untethim Gebt mir ein Tuch, daß ich mich hüll*, lind schweige vor dem Herrn! Er kömmt; die Lüfte werden still; wo Gott ist, bin ich germ Ach leg' an meine Stirn die Hand, Denn dunkel wird es mir - Ach falle nieder in den Sand; Der Herr, der Herr ist.hier! Trompeten reden nicht so laut, Wie diese Stille spricht, wenn sich der Herr ein Denkmahl baut, Das keine Zeit zerbrichtt Gewitter gehen vor ihm her. Und nach ihm Himmelblau'/ Lr wirft deü Sturm hinab ins Meer, Und bricht den Blitz entzwei. Lr hüucht die Sonne wieder an, Sie leuchtet wie zuvor - Und führet fort auf ihrer Bahn, Bis an das Lbendthor. Lr thut uns allenthalben wohl, Dbgleich wir Sünder stnd^ Sey, Erde, feines Ruhmes voll, Und preist ihn, Menschenkind! ElverbeF, Ä r H i r t e n l i e d. Treib' ich jeden Morgen Meine Heerd ins Feld. Mann die Vöglein singen, Meine Schäfchen springen, Sing' ich: „Gott erhält Gnädig, mächtig, Gütig, prächtig Seine liebe Melt!" „Grüne Mälder, Korn und Weizenfelder, Milder Sonnenschein, Kleine, liebe, Helle, Reine Silberquelle, Schattenreicher Hainj Gottes Millen Zu erfüllen Müßt ihr uns erfreun!" „Thau und Regen Schütten reichen Segen Ueber Thal und Hohn ; Laue sanfte Minde Kühlen uns gelinde, Menn sie spielend wehn; Schwüle Hitze Dämpfen Blitze, Nur bei Nacht zu sehn." „ O wie mächtig, Gnädig, gülig, prächtig. Ist der Herr der Melt; Melcher seine Lrde, König, Hirt und Heerde, rei von Sorgen 6 - Liebek uild erhält! Laß mein Lallen Dir gefallen. Großer Herr der Melk!" Lied eines kleinen Mädchens an ihren Vater, bei Überreichung eines Ro- »/^imm, Baker, dieses Röschen hm, Ich pflückt' cs nur für dich; Dies Röschen ifl, was ich jezt bin, Äufblühend, jugendlich, Ls hauchek feinen füßen Dufi, O Baker, nur für drch; Für dich durchwindet es die Lufk, Und öfnck flch für dich! Luch ich, ich blühe nur für dich; Gokk fchuf mich, dein zu feyn. Mit fanften Tugenden will ich senknöspchen. Dein Älter einst erfteun. A. A. « 3 ?o Frizchen an ctn Paar Tauben. ^iebe Täubchen, meine Freude, Lomrnk und freßt aus meiner Hand! L) ich khu euch nichts zu Leide, wir sind gar zu gut bekannt. Fresset, Täubchen, ohne Sorgen! Dankt mir mit dem Schmeichelton! Schnäbelk mich zum guten Morgen, Ilnd fliegt dann vergnügt davon! Hier auf warmbefonnte Höhen, YVo ihr rings das ofne Feld weit und hreit könnt übersehen, Hure freie eigne Melk. Üeberall feyd ihr zu Haufe - Liebe Täubchen, überall Findet ihrs gebekk zum Schmause, Ahne Koch ein schmeckend Mahl. Mir wirds nicht so gut gegeben; Ach muß hier in meinem Fach Mit den lieben Schnecken leben, Fein geduldig unterm Vach» Ammerfort auf platter Srde, Ammer langsam, Schrit vor Schrik; Alte Leute haben Pferde. Hflir erlaubt man keinen Rkt. Flügel, Flügel, liebe Tauben! H was sind die Flügel, schön l Seht, ich möchte sie euch rauben, Könnt es nur im Scherz gefchehn. Über wahrlich, sie zu leihen So bisweilen, o das war! Fliegen wollt ich ach im Freien! Ueberfchweben Land und Meer! Za, du Pärrchen! dies Vergnüge» Theil' ich doch wohl nie mit dir. Mögt ihr denn alleine fliegen! Aber Lines wünsch' ich mir: Solchen Sinn, und solche Güte, Ohne Groll und ohne Zank, Solch ein fromm und treu Gemüthe, Gebt mir das für meinen Dank! (Nverberk. Durch gegenseitige Hilfsleistungen gehen die Geschäfte des Lebens ihren Gang. Gilbert gieng mit feinem Vater einmal über die Gasse, und da kamen sie an einen Bau, der schon bis zum zweiten Stokwerke fertig war. Alberr sah, wie die Maurer auf den Stufen einer Leiter, faßen, und einander über die Schulter Steine zulangten. Das gestel dem Kleinen. D lieber Vater! rief er, wie lustig das aus- siehk! Laß uns da hinan gehen. Der Vater gieng näher mit ihm hinan, und beide sahen ein Meilchen zu, wie der Untenstehende Steine aufnahm, sie dem auf der ersten Stusse zureichke, wie der sie dem auf der zweiten Stusse, und der wieder dem Nächsten, und der wieder dem Folgenden zulangte, und wie da» 7L --------- immer so rasch fortgieng, bis die Steine hinaus waren, und vermauert wurden. was meinst du, Albert, sagte der Vater, warum sitzen alle diese Leute hier und langen einander zu? und warum arbeiten so viel an diesem Hause? Könnte nicht Liner daran arbeiten und die Ändern indes auch Häuser bauen, oder xtwas anders thun? Ja wohl, Vater, antwortete Albert geschwind; dann würd'es recht viele Häuser geben. Der Vater erwiederke: sollt' es wohl, mein Sohn ? Hast du auch bedacht, was du eben sagtest? wie viele Künste und Handwerke gehören nicht zu einem Bau, wie dieser, die der eine alle lernen müßte, der ihn unternehmen wollte: so viele, daß er sein ganzes Leben hindurch zu lernen hätte, ehe er dahin käme, so ein Haus bauen zu können. Äber laß uns einmal glauben, daß einer das alles in kurzer Zeit lernen könnte; laß ihn «tun allein ohne Hilfe anfangen zu bauen, laß ihn gl, les Holz, alle Steine und alles übrige, was zum Bau gehört, zusammen schleppen, dann die Lrde tief ausgraben und den Grund legen , dann auf diesem Grunde aufbauen. wenn er das erste Stokwerk vollendet, laß ihn aufsteiaen und das zweite anfangen; laß ihn nach jedem Steine diese Leiter herunter und wieder hinauf steigen, um ihn zu holen, laß ihn sofort allein arbeiten — wann meinst du wohl,daß das Haus unter Vach kommen würde? Äch, lieber Vater, sirgte der Knabe, ich sehe, wie sehr ich mich geirrt! Äuf diese weise würde nie ein Haus wie dieses zu Stande kommen. — - - " 7Z Du hast Recht, mein Hahn , versenke der Vater, und so wie es mit diesem Bau ist, so ists fast mit allen Geschäften des gesitteten menschlichen Lebens; sollen sie von statten gehn, so müssen vereinte Kräfte undGeschiklichkeiten angewandt werden. wenn ihrer viele einander die Hände bie« ken, so kommen große und schwere Dinge in kurzen zu Stande, die einer in vielen Fahren, ja in Jahrhunderten, wenn er sie durchlebte, nicht ausrichten könnte. So mein Sohn, ists auch mit den Bequemlichkeiten und Vergnügungen des Lebens; sollten wir sie uns selbst verschaffen, so würden wir nur wenige geniesten können. Uber da viele in der Gesellschaft das Fhre zur Bequemlichkeit der andern beitragen, so ist für alle zum mäßigen Genüsse da. Lluch du, mein Sohn, kannst einmal das Deinige dazu beitragen, du magst nun wählen, welchen Beruf du willst. Und wenn du mit diesem Gedanken in die welk und an die Geschäfte des Lebens gehst, wirst du finden, daß tausend andere wieder für dich arbeiten. Der Vater sagte ihm hierüber noch so viel, als er ihm verständlich machen konnte, und 2l!- ber-t fieng an, sich geselliger Tugenden zu befleißigen , und hat bald ihre Vortreflichkeit erfahren. Rarolme Äudolphi, 74 Einige Beispiele Von einer ausserordentlichen Begierde nach Weisheit und Geschicklichkeit. «> - *^!eanth, ein junger Lkhenienser, haste von Jugend auf einen langsamen Kopf gehabt, und dabei war er blutarnr. Dennoch hakt' er eine unersättliche Begierde nach Kenntnissen; die Erwerbung derselben mogle ihn» auch noch so sauer werden. Damals lebte zu Athen ein weiser Mann, Nahmens Zcno, der sich ein Geschäft daraus machte, junge Leute zur Weisheit und zur Tugend anzuführen. Gar zu gern hätte nun Rleanrh dieses Zcno's Unterricht genossen: aber wovon sollt' er leben, wenn er sich nicht durch Arbeit seinen Unterhalt erwarb ? Und wenn er, wie ein Tagelöhner , arbeiten mußte, wie könnt' er denn in Zeno's Schule gehen? Nleaml) wußte sich zu Helsen. Bei Tage hört' er den Zeno, und des Nachts trug er für einen Gärtner Wasser, oder mahlte für eine Frau Getraide auf einer Handmühle. Dadurch erwarb er sch in jeder Nacht so viel, als er am folgenden Tage zu seinem Unterhalte brauchte; und dabei war er gesund und stark. Das nahm nun die Leute nicht wenig Wunder. „Wovon, sagten ste, mag der junge Mensch stch nähren, da er gar nicht arbeitet?" Liner gieng gar so weit, ihn bei den Richtern ordentlich zu verklagen, daß er so gut bei Leibe wäre, und man doch nicht sähe, daß er stch etwas erwürbe. Die Richter liessen ihn vor stch kommen. -— 75 Da nun Vleanrb hörte, worauf es ankä- Me, höhlte er den Gärtner und die Frau, für die er bisher gemahlen hatte, herbei, damit sie bezeugten, daß er sich seinen Unterhalt zur Nachtzeit erwerbe. Dawurden denn die Richter nicht wenig gerührt über die edle Lernbegierde des jungen Menschen , und beschlossen einmüthig, ihn durch ein Geschenk von ivoo Rthlr. zu belohnen, Llber sein Lehrer Zeno verbot ihm, dieses Geschenk anzunehmcn: und warum mögt' er das wohl tbun? Denke darüber nach, junger Leser, und wenn du den Grund gesunden zu haben glaubst, so zeige ihn deinem Lehrer an, der wird dir sagen,, yb du es getroffen habest, Demosthenes, auch ein junger Äkhenien- fer, wäre gar zu gern ein geschickter Redner geworden : aber er schien von Natur dazu verdorben zu seyn. Denn erstlich stotterte er über die Maaßen und den Buchstaben r könnt er gar nicht aussprechen. Zweitens hatt' er eine unangenehme, kreis schende Stimme und schwache Lunge. Ändere fügen noch hinzu, daß er auch die üble Gewohnheit gehabt habe, beim dritten Worte , das er sprach, die eine Schulter in die Höhe zu ziehen. Das waren nun lauter schlimme Eigenschaften an einem, der sich öffentlich auf dem Markte hinstellen und vor allem Volke reden sollte! Luch machte Demosthenes, da er das erstemal auftrak, seine Sachen so schlecht daß er ausgepsiffen wurde, 76 Lin Änderet würde sich dadurch auf immer haben abfchrecken lassen : aber Demosthenes beschloß, der Natur zum Trotz, dennoch ein guter Redner zu werden, und —- er ward's! Äbcr hört, wie er esansieng, sich zu bilden. Zuweilen gieng er an das Gestade des Meers, wo sich die Meereswellen mit einem lermenden Getöse brachen, und sagte daselbst mit lauter Stimme eine Rede her, um sich zu gewöhnen, das Geräusch einer Volksversammlung zu überschreien. Zuweilen nahm er kleins Kieselsteine in den Mund, lies alsdann einen Berg hinaus, und sagte abermals im Laufen eine Rede her, und zwang sich dabei, jede Silbe vernehmlich auszusprechen. Lndlich, sagt man, habe er sich eine unterirdische Kammer angelegt, um sich darin im Reden zu üben, und damit es ihm nicht einfallen möchte, eher wieder auszugehen, bis er sich genug würde geübt haben, so habe er sich den halben Kopf kahl geschoren, so daß er sich eine gute Zeiklang nicht sehen lassen konnte, wenn er nicht wollte ausgelachet werden. Zn dieser unterirdischen Kammer nun soll er sich stundenlang vor den Spiegel geweht haben, um sich zu gewöhnen, seinem Körper beim Reden eine angenehme Stellung zu geben, und recht schickliche Bewegungen mit den Händen zu machen. Such soll er sich mit entblößter Schulter recht dicht unter die Spitze eines über ihn hängenden Degens gestellt haben, damit er, so oft er seiner Gewohnheit nach die Ächfel zuckte, sich verwunden mögke. Durch ununterbrochene Uebungen dieser Ärk brachte er es denn auch endlich dahin, daß er ^ 77 -er größte unter allen Rednern wurde, welche je gelebt haben, und daß seine Reden noch jetzt, nach so viel hundert Jahren, als ein Muster voy Wohlredenheit, bewundert werden. Z- Des jungen Euklides Vaterstadt war Me- gara; doch hielt er sich lieber zu Achen auf, um daselbst von dem weisen Sokrates Lehren der Weisheit zu hören. Einstmals aber wurden die Athenienser den Leuten von Megara feind, und ließen daher bekannt machen, daß der erste Megaräer, der stch wieder in Athen ertappen ließe, des Todes seyn sollte. Vas war nun eine recht traurige Nachricht für den jungen Euklides. Gar zu gern hätt' er den Sokrates ferner gehört; aber seinen Kopf daran zu wagen, das war ihm doch auch bedenklich. Endlich aber stegte doch die Liebe zur Weisheit über die Liebe zum Leben. Er beschloß, stch an das Verbot nicht zu kehren, sondern stch alle Abend heimlich in die Stadt Athen einzuschleichen. Hört, wie er das ansteng. Alle Abend gegen Untergang der Sonne zog er Weiberkleider an, und marschirte in diesem Aufzuge von Megara nach Athen, welches ein Wege von wenigstens zwei Meilen war. Sobald er in Athen angekommen war, verfugte er stch nach dem Hause des Sokrates, und brachte einige Stunden der Nacht mit ihm hin. Noch ehe der Tag anbrach, marschirte er wieder ab. So wagte dieser edle Fiingling alle Tage sein Leben, und ließ stch einen täglichen Gang von vier Meilen nicht verdrießen, um vom Sokrates zu lernen, weise und gut zu werden. 78 Wer vsn euch, ihr jungen Leute, hatkeden Mukh, ihm dieses nachzuthun? 4 » Antisthenes war auch ein solcher Lehre!r der Weisheit in Griechenland, als Sokrates. Dieser Halle aber das Unglück, säst lautet trage Schüler zu haben, mit denen er gär nichts ausrichten konnte. Vergebens ermahnte er sie, doch recht Ächtung zu geben aus das, was er sie lehrte, damit ste einst weise und geschickte Mannet würden; aber er predigte tauben Dhren. Endlich wurde er der vergeblichen Ermahnungen müde, und schickte alle seine saulen Schüler fort zu ihren Eltern. Es war aber unter ihnen einer, Namens - Diogenes ; der war ganz anders gesinnt, als die Uebrigen. Er halte nämlich eine große Begierde, et» was tüchtiges zu lernen, und hörte daher für sein Leben gern den Unterricht des Antisthenes. Der wollte also auch durchaus Nicht von ihm weg, da die andern fortgeschickt wurden, man mogke ihm auch sagen, was man wollte. Antisthenes droheke ihm: wenn er nicht gienge, so wollte er ihn mit dein Stocke, deck er in der Hand hatte, prügelm Uber er ließ sich auch dadurch nicht bewegend Nun wollte Aunsthenes vermuthlich sehen, wie standhaft der junge Mensch seinem Vorsätze treü bleibett würde: denn sonst wäre das, was er khak, eines weisen und guten Mannes nicht würdig gewesen. Er schlug nämlich wirklich Mit seinem Prügel wacker auf den jungen Diogenes los, und dieser ließ sich geduldig prügeln- s——- -- „Schlag nur, sagt' er, so viel es dir gefällt; aber gewiß sollst du keinen so harten Stock finden , womit du mich von dir und deinen Unterweisungen forkjagen könntest." Von diesem Augenblicke an, gewann ihn Antrsthcncs vorzüglich lieb, und dachte nicht weiter daran, ihn von sich zu lassen. L. Morgenlied. <^^er junge Tag schwingt seine Rosenflügel! Um die Natur. — Diepurpurrokhen Hügel Beglänzt der Morgensonne Strahl. Lin leichter Nebel deckt die hohen Lichen, Lobsingend steigt aus niedrigen Gesträuchen Die Lerche dort im Thal. Luch ich erwache — frei von eitlen Sorgen Sing ich dem Gott, der jeden frühen Morgen Lllgütig auf mich nieder sieht. L) du, mein Schöpfer! sieh die Freudenzähre An meinem Blick — sie stießt zu deiner Ehre Und wird zum Monnelied. Gieb mir ein Herz, in dem der stille Friede Der Unschuld herrscht und laß mich niemals müde In der Erfüllung meiner Pflichten seyn! Mein redliches Bemühn um wahre Lugend Sichst du, o Gott! — dir will ich meine Jugend Und meine späten Jahre weihn. Verlaß mich nicht, wenn einst der Prüfung Leiden Mich schrecken. — Halte mir die beßren Freuden Der aufgehellten Zukunft vor. Getrost blickt dann mein Geist aus Labyrinthen, Durch die sich traurig meine Schritte winden. Zu deillern Thron empor. 8» Der Abend. ()rey von des Tags unruhigem Gekümmel Entschlummert die Natur! Die stille Nacht senkt stch herab vom Himmel Lluf Wald und Flur. Der Äbendwind kühlt sanft die schwüllen Lüfte; Und Hügel, Feld und Äu Streun ringsumher balsamisch süße Düste, Lrfrischt vom Thau. Mit frohem Muth ergeb' ich mich dem Schlummer Durch Gottes Schutz bedeckt; Ach Glücklicher! den keine Furcht, kein Kummer An Träumen schrekt. Schon fühl ich mich ermattet und mir sinken Die müden Äugen zu. Kaum seh ich noch dich Äbendstern dort blinken, D süße Ruh! An den jungen Leser. V^s ist dir gut, lieber junger Freund, dich mit den Leiden andrer Menschen bekannt zu machen, damit du dich glücklich preisest, wenn du selbst von solchen Leiden frei bist, und damit du nicht vergessest, dem zu danken, der es dir so gut werden ließ. Deswegen lege ich dir auch folgendes Lied vor, worin die mannigfaltige Noch eines Schwindsüchtigen beschrieben wird. Lerne daraus, welch großes Glück es sey, frey und ohne Schmerzen Schein zu schöpfen, und — ' 8r und so, wie du khust, in jeder Nacht eines sanften erquickenden Schlafs zu geniesten. Dann wirst du gewiß auch vorsichtig werden und drch in Ucht nehmen, daß du dir nicht durch eine plötzliche Lrkälkung, oder durch einen abkühlenden Trunk, die Schwindsucht zuziehest, von der du hörst, daß sie ein so großes Nebel ist. Und nun vernimm also das Lied ejnes Schwindsüchtigen» eh mir! Ls sitzt mir in der Brust, Und »drückt und nagt mich sehr; Mein Leben ist mir keine Lust, Und keine Freude mehr. Ach bin mir selber nicht mehr gleich» Lin rechtes Bild der Nokh; , Bin Haut und Knochen, blaß und bleich- Und huste mich fast todt. > , Die Luft, drein herrlich von Natur , Gott seinen Segen senkt, > . Und daraus alle Kreatur " > I Mit Heil und Leben tränkt; Die ist' für mich nicht siei, nicht Heil, Mein Äthem geht schwer ein; Ach muß um mein bescheiden Theil Mich martern und kastein. Und doch labt und erquickk's mich nicht, Machts mir nicht frischen Sinn; Die Blume - die der N5urm zersticht. Melkt jämmerlich dahin! Äuch Schlaf, dek alle glücklich macht. Will nicht mein Freund mehr feyn, Rmderblbl. M. Th. F Und lasset mich die ganze Nacht Mit meiner Noch allein. Die Äerzte thun zwar ihre Pflicht Und pfuschen drum und dran; Mein sie haben leider nicht Das, was mir Helsen kann. Mein' Hilf allein bleibt Sarg und Grab. D, sangen an der Thür 9ie schon, und senkten mich hinab: N5ie leicht und wohl wär's mir 5 S sängen doch an meiner Thür Sie laut: "Ich Hab mein Cach rc. „ *) Und trügen mich **) und folgten mir In langer Reihe nach. . Rund um die Kirch' anö Grab heran, Und senkten mich hinein ! Ich lag, und hätte Ruhe dann. Und fühlte keine Pein. Doch ich will leiden, bib Gott ruft, Gern leiden bis ans Ziel. ' Nur deinen Trosk ! und etwas Luft! Du hast der Lust so viel. Claudius. Ein Landmann zu einem reichen 'Stadler. D u schläfst auf weichen Betten, ich schlaf auf weichem Klee; Du sichest dich un Spiegel, ich mich in stiller See ; *) Drt Anfang eines bekennten bterbeliedes: Ich Hab mein Sach Gott hcimgesrelt. **) T>er Verfasser will sagen: meinen gewest» ne" E'. ---------- 8Z Du wohnst in bangen Mauern, ich wohn auf freier Flur; Dir mahlen Lheure Mahler, mir mahlet die Natur; Du bist oft siech vor Mollust, und ich bin stäls gesund; Dich schützt um Geld ein Schweizer, mich schützt mein treuer Hund; Du trinkst gefärbte Meine > und ich den klaren Quell; Dein Äuge sieht oft finster, und Meines blickt so hell. Ewald» Der edelmüthige Bauer. v^s entstand einmal in dem bräunschweigischett Städtchen t)orsfclde eine Feuersbrunst; und das Feuer war schon ganz nahe an einem Orte, wv drei Fässer Pulver standen. Niemand wollte heran zum Löschen. Lin Tagelöhner wagte sich endlich hinzü, Und da die Flamme den Eingang schon verwehrte , stieg er durch ein Fonster in das brennende Gebäude, und brachte die Fässer an das Fenster, wo zwey andre Männer sie in Empfang nahmen. So retteten sie das Pulver, ünd schäften Sicherheit beim Löschen, wodurch ein großer Theil des Städtchens, der sonst vermuthlich ein Raub der Flammen geworden wäre, erhalten wurde. Das eine Faß war schon heiß von der Glut. Lunge Zeit nachher lobte jemaüd diesen Mann wegen seiner Thak, äussertc aber dabei, L r 84 .— daß es doch sehr verwegen von ihm gewesen wäre. «Nein, glaub' er mir, erwiederke der Bauer, ich Hab es nicht aus Verwegenheit ge- shan. Ach dachte so: wenn auch nun das Pulver losgeht, so ist an dir so viel nicht verloren; aber wenn du doch das Pulver herausholen könntest, so wäre noch manches zu retten; und du hast ja m dem Hause so vielGures genossen! Aus den Zeitungen. Der Csel und der Hund. V^in Lstl trabte feinen Hchrik; . . Lin leichter Windhund trabte mit. Hie hatten einen weg zu reisen. Fi! spricht der Hund, du träges Thier, Man kömmt ja nicht vom Fleck mit dir. Lr xagt voraus. An weiten Kreisen Kehrt er zurück zum Lfel hin, Begaffet ihn, verhönet ihn. Und schießt dann scrt, gleich einem Pfeile, ? Und macht sich drei au^ jeder Meile. Sie gehen weit, Berg auf, Berg ab, Durch lange Wälder, lange Triften, Der Lsel immer seinen Trab, Das Windspiel immer in den Lüsten. Doch dieser springt und rennt und stiegt Ho lange, bis auf halbem Wege Lr lechzend auf den Rippen liegt. Der wohlbedächtige, dem Scheine nach so träge, Farn an, wohin sein Lmt ihn rief. wer war es, der geschwinder lief? L H. Nicolai. 85 Der Schäfer und der Weltweise. Aus dem Gay V^ntsernt von Städten, lebte einst ein Schäfer, Den nie die Sorge um Gewinst bekümmert. Das älter halte schon sein Haupt versilbert, lind die Lrfahrung Weisheit ihn gelehrt. Im heißstcn Sommer, wi? im kältsten Winter, N ar sein Geschäft, zu warten seiner Heerde, Sie weiden, und in sichre Hürden schließen. So stöhn die Stunden in vergnügter Arbeit, Indem ihn weder Geiz noch Neid verfolgte. Das ganze Land umher erscholl mit Beifall Von seiner Weisheit und von seiner Tugend. Lin kiefgelehrter Weiser, von dem Rufe Des Schäfers hergelockek, kam und forschte: Von wannen ihm die seltne Weisheit käme? " woher, so sprach er, hast du all dein Wissens? Hast du aus Büchern, bei dem Schein der Lampe, In durchgewachten Nächten sie gesammelt? Nahmst du aus Rom und Griechenland dein Vorbild? Hast du des Plalos großen Geist ermessen? war Sokrates, war Tullius dein Führer? wie? oder hak, Ulisses gleich, dein Schicksall Von Reich zu Reich dich fern umher geführct? Und fremder Völker Sitten und Geselle, Und Weisheit und Gebräuche dich gelehrek?, Bescheiden gab der Schäfer ihm die Antwort: Ich habe nie nach Wissenschaft getrachtet; Noch bin ich fremde Länder durchgewandert. ') Einem englischen Dichter, 86 Um andrer Kunst' und Sitten nach)» --irren: Denn voll Verstellung ist der Mensch und fähig Das allcrfchärfste Äuge zu beirügen. Wer darf von diesem Forfchen Weisheit hoffen? Da wir uns selber niemals ganz erkennen. Die kleine Kennkniß, die ich mir gesammelt. Die Hab' ich einzig der Natur zu danken. Äus ihr zog ich die Richtschnur meines Lebens« Äus ihr den stäten Äbfcheu vor dem Bösen. Der Biene Tagwerk'weckte mich zum Fleiße, Die Ämeis hieß mich für die Zukunft sammeln, Mein Hund, der treuste feiner Gattung. feurte Zur Dankbarkeiirnich an zum treuem Dienste; Ich lernte von der Taub' und ihrem Gatten Der Lhe Zärtlichkeit und ihre Treue, Und von der Henne, die mit frommen Flügeln Ihr kleines Volk vor Frost und Unfall schützet, Lernt' ich den Umfang väterlicher Pflichten. Such diente dieNakur mir stäks zur Warnung Vor jedem Äbweg aus der Bahn des Guten. Nicht Elstern gleich, mit ewigen Gefchwäze Der Hörer Ohr vergebens zu ermüden; Nicht, gleich der dumpfen feierlichen Eule, Mit weisem Spruch allein das Mort zu führen; Noch, dem verhaßten Habicht gleich und Wölfe, Durch diebfchenGrifdesNächstcnGutzu schmälen; Und ärger noch, gleich einer giftgen Kröte, Durch Lügen feinen Namen zu vergiften. So ward mir jeder Gegenstand der Schöpfung Lin Änlaß zur Betrachtung. Denn das Kleinste Giebt tugendhaften Seelen Stof zum Lernen. „Dein Ruf fagk wahr, erwiedert ihm der Weife: In deiner Tugend liegt dein wahres Wissen. Zu oft misleiten Bücher uns und Menschen; Dpch wer die Pfade der Natur erforschet, Körnmt zu der sichern Quelle achter Weisheit 87 -tur sie allein ist, ohne Schulen, fähig Den Menschen weif'und Lugendhafkzu machen.« L. R. Nach einem Gewitter. ^s ist vorbeigegangen , das schwarze Gewitter? Die majestätische Stimme des Donners schweigt; die Blitze schlängeln sich nichk mehr durchs schwarze Gewölk. Die Schafe, die sich ängstlich unter diesem Laubdache gesammelt hatten, schütteln den Re» gen von der triefenden Molle und zerstreuen sich wieder auf der erfrischten Meide. Mie l-errlich glänzet die Gegend! Mie hell schimmert das Blau des Himmels durch das zer- rißne Gewölk! Mie schönfärbigk strahlt dort der A'egenbogen, von einem benezten Hügel zum andern ausgespannt! Die Molken fliehen! Sieh! wie sie ihren Schatten in der sonnebeglänzten Gegend zer- strcun! Dort liegt die Lnhöh mit ihren Hütten und Heerden im Schatten; jetzt flieht der Schatten und läßt sie im Sonnenglanze. Sieh, wie er durchs Thal hin über die blumichken Miesen läuft! Mie herrlich ist alles rings umher! Mix schön alles! Von der belebenden Sonne an bis zu der kleinsten Pflanze. -O wie werd' ich entzückt, wenn ich vom hohen Hügel die weite Gegend übersehe! oder wenn ich ins Gras hingestreckk die mannigfaltigen Blumen und Kräuter betrachte, und die unzählbaren Mürmchen, die daraufwohnen! oder wenn ich den anbrechendenMorgm,oder dcnGlanz 88 ^ des Äbendrothes, oder wenn ich in nächtlichen Stunden den gestirnten Himmel anschaue. Dann kommen Lausend süße Gedanken, tausend große Gedanken kommen dann in mein Herz; mein Luge vergießt Freudenthränen, uyd voller Entzücken bete ich an den, der alles erschaffen hat, den Vater aller Geschöpfe. H wie herrlich, wie allmächtig, o wie gütig pmß er seyn! Gcflner. ' An ein neugebohrnes Kind. V»^ey willkommen uns im Lrdenleben, Du gewünschter Knabe, sey gegrüßt! Sieh, wir freun uns deiner; steh mir heben Unsre Hände hoch, von wo du kommen bist; Blicken dankend auf und flehen Segen Äuf dich kleinen Lrdengast herab, Für dein ganzes Pilgerleben Segen Lus der treuen Vaterhand, die dich uns gab. Schön ist,lieberPilger,schön derPfadzu gehen« Sieh, mit Rosen ist er überstreut; Horck der Schattenbäume lieblichs Wehen« Sieh der Lilie stlberwcifles Kleid! Dich umfließt ein lichter blauer Himmel, Dich umstrahlt der hohen Sonpe Glanz, Und ein Mond bescheink ries Lrvgewimmel, ^chön geschmükt mit einem Sternenkranz. Und noch taulend tausend Gottesgabey Sind auf Lrden rund um dich gesa't; Und die alle sollst du, Liebchen, haben. Wenn dein Herz erst den Genuß versteht. Und wir woll'n , dich ihn verstehn zu lehren, Brauchen süße Reh und süßen Sang, Und du wirst mit freudiger Begier uns hören Und wir erndten frühe deinen Dank. Wirst dann wandeln unter Blütenbäumen,. Unter Gottes lieben lichtem Mond, Und die Tugend wird in deinem Herren keimen, An dem Herzen, wo die Unschuld wohnt. Hey willkommen uns im Lrdenleben! Mir empfangen dich mit frohem bang. Du gewünschter Knabe, steh, wir heben Unsre Hand' empor zum frohen Dank! Rarollne T-rdolphl. Der gewissenhafte Tagelöhner. ^)n dem Haufe der Litern des Herrn Probsts Soaldlnek zu Berlin arbeitete oft ein Tagelöhner, der überall das Lob eines fleißigen rechtschaffenen Mannes hatte. Linst spaltete er in den kurzen Mintcrkagew Hclz. Üls der Übend h-reinbrach, gab man ihm seinen Tagelohn, und zwar eben so viel, als er sonst in längern Lagen bekommen hatte. Lr zählte das Geld und sprach: es ist zuviel; so viel Hab' ich nicht verdient. Da man ihm aber antwortete: es solle ihm doch gegeben werden, nahm er es an. Linige Lage nachher hört man gm Übend, da cs sehr Heller Mondschein ist, jemand im Hofe Holz spalten. Ls wird einer hinausgeil schickt zu sehen, wer dieser scy; und stehe! es ist der ehrliche Tagelöhner. Üuf die Frage: warum er jezk diese Ürbeik verrichte? giebt er die Äntwork: „ei, ich habo yeulich mehr Tagelohn bekommen. als ich eigenl- lich Halle haben sollen: den will ich nun verdienen. Diese Antwort kam aus der Seele eines'guk, denkenden Tagelöhners. Größere Beweise der Gewissenhaftigkeit in seinem Stande, konnte er nicht geben. Aus öffentlichen Nachrichten. Zwei Hamster. V^in Hamster war vom frühen Morgen Bis in die späte Nacht bemüht, Sich aus den Winker zu versorgen; weil jeder kluge wirth aufkünftige Zeiten steht. Sein Nachbar hielt nicht viel von Fleiß und Sparsamkeit: Er war noch jung und ließ die edle Zeit Leichtsinnig unterSpiel undZeikvertreib vergehen. Denn weis jezt noch das ganze Land Bedeckt mit reichen Saaten stand. Hielt er's für albern, sich mit Norrakh zu versehen< Und glaubt', es würden allemal Die vollen Lehren ohne Zahl, wie jezt, auf allen Feldern stehen. Als nun die Zeit der Lrndte kam. Und seinen Zrthum ihm benahm; Da sah er, doch zu spät , sein künftig Llend ein. Und ließ sich seiner Thorheil renn. Denn er auch konnte reich, so wie sein Nachbar, seyn; Stak daß er, weil er jezt nichts mehr zu finden wußke, Srst betteln, dann verhungern mußte. Stoppe. sr Xenophon und Sokrates. «^-^er junge Tenophon begeneke dem Sokrates in einen engen Gäßchen. Da der Meltweise dieses Aünglings vielversprechende und bescheidene Gesichtsbildung wahrnahm; so hielt er ihm den Stock vor, damit er nicht vorbei gienge; und als jener hierauf stille stand, so fragt' er ihn; wo dies und jenes zu kaufen wäre? Lenophon beantwortete ihm diese Fragen mit der größten Fertigkeit. Darauf fragte Sokrates ferner: wo denn hier in der Stadt gute und rechtschaffene Menschen gebildet würden? „Das wisse er nicht! " antwortete der Jüngling. „ So folge mir denn," erwiederke Sokrates , „ und du sollst es sehen! " Von der Zeit an ward Fenophon des Sokrates bleibender Zuhörer. Diogenes Laert. Der Sonnenzeiger und die Glockenuhr. ^)um Sonnenzeiger sprach die Glockenuhr: Ach bitte dich, mir doch die Stund' izt anzugeben, (Ls war ein trüber Tag , auch sprach's die Stolze nur Sich über jene zu erheben.) Ach weiß sie nicht, versezt der Zeiger ihr; Man sieht die Stunde nur an mir. Wenn sich die Sonn' am Himmel cingesunden Du dauerst mich, fuhr jene fort. Was mich betrift, ich bin an keinen Drt, fln keine Zeit und an kein Lickt gebunden. Ununterbrochen währt mein Lauf; Zieht man in meinem Leib' ein Rad des Wor? gens auf, Zeig' ich den ganzen Tag, die ganzeNacht die Stunden. Äuch zeig' ich nicht allein, ich schlag auch; doch von dir Hör' ich nicht einen Laut. Ls scheint du kannst nickt zählen. Nun höre mich! Lins, zwei, drei, vier! So viel ist's an der Zeit; nie wird der Ton mir fehlen. Zudem ste spricht, zertheilet stch sogleich Der Nebel, und die Wolken fliehen; Die Sonne steht allein und strahlenreich Um Himmel: Uehrenseld und Teich und Felsen glühen. Der Zeiger weiset drei, ein Viertel noch dazu. „ Wie nun ,Frau Nachbarin !Verschmähest du Wich noch , daß ick so selten etwas sage? Antworten kam st du zwar auf jede Frage; Doch wer dir krauet, läuft Gefahr, Daß er bald allzuviel, bald allzuwenig zählet. Ick sckweige, wenn mir Helle fehlet, Ich rede selten, aber — wahr. " L. A, Nicolai, Ananiceris und Plato. Ananiceris brüstete stch mit einer ausserordentlichen Geschicklichkeit, die er, so wohl im Reiten, als auch im Fahren sich erworben hatte. ------ 9 ? Linst wollt' er auch dem Philosophen Plalo feine Künste zeigen, und fuhr zu vielen Malen dergestalt im Zirkel herum, daß die Räder feines Magens immer einen und ebendenselben Zirkel beschrieben. Llle Zuschauer waren erstaunt und klatschten ihm den lautesten Beifall zu. Der einzige Plato nur klatschte nicht mit. Ahm schien an einem jungen Manne, der nicht dazu bestimmt war, Kutscher oder Postillion zu werden, eine solche Geschicklichkeit mehr ladelns» würdig, als rühmlich Zu feyn. ^ „Denn, sagte er, wie ist es möglich, daß einer, der auf eme Fertigkeit dieser Ärk so viel Fleiß verwandt hat, nicht weit nützlichere und vorzüglichere Dinge darüber sollte versäumt haben ?" Aclian. / : F r ü h l i n g s l i e d. orch! Die Nachtigall ruft; '!§ Ls keimt das Feld, es glänzt die Luft;... Milde Sonnenstrahlen schweben; Blumen dringen hervor, ' , Unt» mit freudigen Leben Schwingt die Lerche sich empor. . D laßt mich, laßt michs ganz erquicken Der balsamirten Lüfte Mehn! Laßt mich das erste Veilchen pflücken, Das meine frohen Äugen fehn! O daß ich- wie aufSchwalbenstügeln, Am Nu, vom Thale zu den Hügeln , > Von da mich hoch zum Himmel dürfte drehtt; Um überall die Höhen heiter, 94 Die keimenden Mälder, die Berge voll Kräuter, Die rieselnden Bäche zu sehn! Rreschtmann. Protagoras und Demokrituö. ^rotagoras war von so armen Lltern geboh- ren, das er sich, als Jüngling, seinen Lebensunterhalt durch Lasitragen erwerben mußte. Linst kam er vorn Lande nach der Stadt Abdera zurück, aus der er gebürtig war, und ckrug eine Menge Holzstrünke, die er mit einem kurzen Bindfaden künstlich zusammengeschnürt hatte. Von ungesehr begegnete ihm der Philosoph Dcmokrirus, der die Ärk, wie er den Holzstoß zusammen gebunden und sich aufgelegt hatte,bewundernswürdig fand. Lr bat ihn daher, ein wenig auszuruhen, und trat hinzu, um die Ärt des Zusammenlegens und des Bindens , »vorin er etwas geometrisches bemerkte, genauer zu beobachten. Dann fragt' er ihn, »ver das Holz so zusammengelegt habe? und da jener antwortete, daß er es selbst gethan habe: so bat ihn der Philosoph, das Bündel auszulösen und in seiner Gegenwart ein neues zu binden. Der junge protagoras erfüllte diese Bitte, und wußte das Holz wieder grade eben so zusam- rnenzulcgcn und zu binden, als es vorher gewesen war. Da bewunderte Demokrims die sinnreiche Geschicklichkeit dieses nicht gelehrten Jünglings, und er sprach zu ihm: „ Junger Freund, da du die Gabe hast, das, was du thusi, gut zuthun, so giebkes grössere und edlere Beschäftigungen ,die ich dir bei mir machen kann." Sr nahm ihn hierauf mit sich, hielt ihn in allem frei, lehrte ihn die Philosophie, und mach« te aus ihm den großen Mann, der er nachher geworden ist. So gewiß ist cs, daß derjenige, der bei kleinen Geschästen Ordnung und Nachdenken anwendet, auch in grösser» glücklich forlkommen wird. A. Gellms. Polemo und -kenokrates. polemo, ein zur Schwelgerei und zu einem liederlichen Leben verführter Jüngling, kehrte einst bei Hellen Tage von einem Gastmahle zurück, welches die ganze Nacht hindurch gedauert hatte. Sein Llufzug paßte sich zu feinen Sitten. Sin leichtes durchs,chtigesKleid bcdekten zur Hälfte seinen unzüchtigen Körper, der von Pomade dichtete: und sein Haupt war mit einem Blumenkränze umwunden. Taumelnd von Trunkenheit schwankte er in diesem Uufzuge bis zu der Wohnung des Philosophen Lcnokrarcs, bei dem sich schon eine Menge lernbegieriger Zuhörer versammlet hatte, um Weisheit von ihm zu lernen. Der Wollüstling kriegte den Sinfall, auch zu ihm hinzugehen, und hatte sogar die Unverschämtheit , sich mitten unter den gelehrten Zuhörern desselben niederzusetzen, recht als wenn er ihnen das Gegentheil von dem weisen und ver? nüichtigen Betragen zeigen wollte, wozu der welk» weise sie ermunterte. 5>6 Met Äugen waren mit Unwillen auf ihn gerichtet. Nur Tcnokrätcs blieb in seiner Fassung - und qieng, vhne eine Miene zu verändern- in ssinein Vortrage zur Empfehlung der Bescheidenheit und der'Mäßigkeit über. Er redete so nachdrücklich darüber, daß Polens mit Mallem seinen Leichtsinn ihm nicht widerstehen konnte. Erst sähe man ihn den Kranz aus den Haaren nehmen, und zur Erde werfen; dann zog er den Mantel zusammen- um seine entblößten Urme zu bedecken; nach und nach verschwand aus seinem Gesichte die ausgelassene Fröhlichkeit des Zechers - und endlich legte er auch jedes andere Kennzeichen eines Schwelgers ab. Seine kranke Seele ward durch die Rede des Philosophen plötzlich geheilt, und aus einem elenden Wollüstling ward er selbst ein Weiser. Vale, ms Waplimrs. Die Kröte und die Wassermaus. «^).y,n den Ufern einer See Krochen einst des Ubends späte Eine Wassermaus und Kröte Un den Bergen in die Höh'. ' Uber mitten in dem Wanderck Rollt die eine mit der andern ' Plötzlich in den See hinab; Und so sehr die Kröte rang, Und den Leib zum Schwimmen zwang- Fand sie doch allda ihr Grab. Ulso gieng's der armen Kröte. Ahr Gesell, die Wassermaus, Machte sich nicht viel daraus; sie Sie treibt ihr Gewerb' in Flüssen, Wenn es auf der Lrde ruhtr » Älso, fag' ich, ist es gut, Mehr als eine Kunst zu wissem Lichtwer. Beispiel eines jungen Helden. «^)ei dem Tressen zu Freemans Zouse in Amerika, welches im Fahre 1777 zwischen den Engländern und Amerikanern vorfiel, focht'auch der eilfjährige Sohn des Kapitän Monin ander Seite seines Vaters mit blankem Säbel. Die Freiwilligen von Kanada, welche Kapitän Monin anführte, standen auf dem linken Flügel, der von den Amerikanern lebhaft angegriffen wurde und Kapitän Monin stürtzte von einer Flintenkugel todt zur Lrde. Der Oberst Fraser, welcher sich an der Spitze des englischen Korps befand, bat den Füng- li'ng , das Gefecht zu verlassen und beim Leichname seines Vaters zu bleiben. Der Knabe trat hierauf nur zwei Schritte Zurück, um die erkaltete Hand seines Vaters zum letztcnmale zu küssen; dann trat er wieder ins Glied und rief den Soldaten zu: beherzt, bra-; ve Ranadier, drauf zu! Aus den Zeitungen. Der dankbare Jude. E in Schiss voll Reisender, die au-Mestphalen nach Holland giengen, daselbst arbeiteten , und Rmderbibfi III. Th. G dann mit ihrem verdienten Gelde zurückkehrken, strandete, und alle waren in Gefahr zu ertrinken. Ltwa vier Personen klimmten den Mas hinan , und hielten sich da fest. Linen von diesen, der ein Bauer war, bat ein Jude um Lrlaubniß, sich an feinen Fuß hängen zu dürfen, weil er sonst nirgends mehr Rettung fand. Der Bauer verstattete es, und der Jude ward nebst den übrigen durch ein dazu kommendes Schiff gerettet. Der Jude schrieb des Bauers Namen, feine Herkunft, den Namen des Dorfs, und die Monatszahl des unglücklichen Tages auf, dankte feinem Lebeneerhalter, und versprach ihm, so bald er konnte, thatig zu zeigen, daß er erkenntlich wäre. „Reife hin in Gottes Namen, sagte der Bauer , ich that, was ein Mensch dem andern Lhun muß; danke nur Gott, der uns erlöst hat vom Tode.« Nach zwei Jahren schrieb der Jude an den Ämtmann des Dorfs einen Brief, der einZeug- niß der edlen Denkungsart desselben ist, und schickte demselben Zeuge zu Kleidern für den Bauer, feine Frau und Kinder, und fünfzig Stück Dukaten, die er ihm in feinem Namen zu geben bat. Der Bauer stand wie versteinert da, rieb sich die klugen und weinte, als er die ihm zugefchick- ten Kleider sah. „Nun, Gott Vergelts dem Juden, sagte er weinend ! Nun tadle mir einer die Juden, und scheelke sie, der foll's mit mir zu khun haben ! Noch grösser ward feine Bestürzung, als ihm der Llmtmann auch die fünfzig Dukaten auszahlte. Lr sprach nichts, und sah den Llmtmann beständig an, indem dieser ihm den Brief vorlas. Endlich rief er laut: „Nein- Gott! das bin ich nicht werth, für ein bischen Bummeln tun Bein! L) Gott fegNe ihn! und mache alle die Juden selig." Nachmittags bedankte sich der Bauer mik feiner Frau und Kindern äüfs rührendste beim Lmtmann- und der Bauer undÄMtmann schrieben Heide einen Dankfagungsbrief an den edlen Juden, der dem Lrstern nachher noch alle Iahli allerhand Geschenke züschickte. Aus öffentlichen Nachrichtens Wilhelm und Fraig. und Aranr waren beide Kinder an- fehnticher Llterm Hie waren Freunde, und sahen sich täglich; denn ihre Lltern wohnten Haus an HaNS bei einander. Beider Erziehung war fehr verfchieden. Franzens Litern waren reich, Wilhelms Lltern hingegen hatten nur ein mäßiges Lüskom- inen. . Hie lebten däbei vergnügt, und dachten mik aller Horgfalt darauf, ihren einzigen geliebten Hohn, dem sie wenig Vermögen hinterlasfen konnten- zum glücklichen Mann zu erziehen. Dazu wählten sic nun gerade die bestenMiktel. Lr war erst y Jahr alt, als er schon verfchie- dene Handarbeiten verstund , zu mancherlei nützlichen Leibesübungen gewöhnt war, auch von den Dingen nm sich her schon eine ziemliche Kennt- niß hatte. , . . - Lluch mußt' und begriff er schon, wie weit ein guter Handwerker oder äckerer einem schlechten Gelehrten oder unthätigen Reichen vorgehk« G r IOO Da er immer geschäftig und voller Leben war; so fehlt' es ihm auch an Gesundheit und Freude nicht. Ammer war es hell in seiner Seele , und verdrüßliche Langeweile kannte er nicht. Dies wußte sein kleiner Nachbar Franz wohl; denn, wenn Wilhelm nicht bei ihm war, so wußte er nichts anzufangen. Um sich die Langeweile zu vertreiben, aß und trank er ohne Hunger und Durst , und was war dann gewisser, als ein verdorbner Magen und Kopfschmerz? — Damit ihr aber wißt, woher das kam, sd hört auch etwas von seiner Erziehung. Luch seine Sltern hatten die gute Äbstchk, ihren Sohn glücklich zu machen ; nur gelangs ihnen nicht, weil sie die rechtenMittel nicht kannten. Von seiner ersten Kindheit an, bis zu seinen Aünglingsjahren , ließ man ihn beständig bedienen; so daß er sich nie von einem Stuhle zum andern bewegen durfte, wenn er nicht wollte, und' doch alle Bequemlichkeiten im Ueberstusse genoß. Man ließ ihn aus - undankleiden, und nicht das geringste durfte er sich selbst thun. Such, ihr glücklichen Kinder, die ihr zur Selbstthäkigkeik gewöhnt seyd zeuch wird es befremden ; aber es war so: man hielt es für Glückseligkeit , daß andre für ihn lebten und handelten. Menn Wilhelm im leinenen Röckchen umhersprang , oder seinem Vater, der zur Lust im Garten arbeitete, allerlei zutrug, und dann vor Freude, schon etwas gerban Zu haben, in - die Hände klopfte, dann ward der junge Herr Franz prächtig geputzt; in den Magen gehoben, um mit seiner Mama Besuche zu machen. Luch ward er wohl zur Mozion aus dem Felde herum gefahren, wo er denn ganz natür- lich weiter nicht viel zu sehen bekam, als die plüschnen wände der Kutsche, worin er einge- gesperrk saß. weil er die leckerhafkesten Speisen täglich im Ueberflusse genoß, ward er ihrer so gewohnt, ja so überdrüßig, daß er immer nach etwas bessern* verlangte. Seine allzuzärtliche Mutter suchte seinem Verlangen zuvorzukommen, und sann täglich auf neue Leckerien für ihn. Llber zu ihrer Bckümmerniß sah sie, daß sie ihren Zweck doch nicht erreichte. Lr war nicht zufrieden, ward kränklich und immer mürrischer, jemehr sie seine mürrische Laune zu vertreten suchte. «. Da befahl sie nun den Leuten im Hause, ihrem kranken Goldsöhnchen ja alles zu willen zu thun , damit es sich nicht ärgerte. Dies geschähe pünktlich, obgleich sein Wille oft sehr verkehrt war. wars nun Wunder, daß er der eigensinnigste , trozigste, umgestümste Mensch ward, bei dem kein Bedienter und kein Gesellschafter bleiben wollte? Wilhelm war ausser seinen S ltern der einzige, der ihn liebte, und mit ihm Geduld hatfe. Seinen willen könnt er ihm nun wohl nicht immer thun! aber doch verließ er ihn nie mis- vergnügt. wenn er zu ihm gieng, sann er immer auf neue Spiele, macht' auch selbst die Geräthschaf- ten dazu. Mußt' er nun etwas, dann kam er kn vollen Springen zu ihm: Komm, Kränzchen, und laß uns froh seyn; ich habe wieder ein neues Spiel; und eher ruht' er nicht ». bis sein kleiner Freund guter Dinge war. G Z ror Darüber gewannen ihn Franzens Eltern sehr lieb, und täglich lieffen sie ihn zu sich bitten. Da fragt' ihn Franzens Vater einmal: „Hage mir, lieber Wilhelm, wie du es machst/ daß du immer so froh bist?" Wie ichs mache? weiß ich doch wirklich nicht, antwortete Wtchclm ; aber mein Vater sagt immer , daß nur der Arbeitsame bei seinen Spielen und Erholungen froh seyn könne. Daß er guch hier, wie immer, die Wahrheit gesagt, Hab' ich dann am meisten erfahren, wenn wir einmal verreiseten, oder Fremde hatten, und ich keine Arbeitsstunden und keine Lehrstücken haben konnte. Und dazu, so bin ich immer gesund. Ach scheue keine Übend - und Morgenluft, und darf sicher im Garten arbeiten oder spielen, wenn der arme Franz noch im Bette sepn oder gar einnehmen muß. Hier entfuhr dem Vater ein Seufzer. Lr beschloß Wilhelms Vater zu fragen, welche Mitteler brauchen müßte, um seinen Hohn eben so gesund und fröhlich zu sehen, als Wilhelm svar. Der redliche Mann sagte ihm mit Freuden, wie ers angefangyn, um seinem geliebten Hohne die Gesundheit des Körpers und die noch edlere Gesundheit der Seele zu erhalten. „Die Kräfte des Geistes und des Leibes, sagte er, müssen geübt und durch Uebung zum künftigen Gebrauche gestärkt werden, wenn sie nichf erschlaffen, oder als tgdte Schätze vergraben siegen sollen. Weiter sagte er: daß der Gesundheit und Glückseligkeit der Kinder nichts so sehr schade ,als yMN man sie dusch beständige Erfüllung ihpex —I0Z Wünsche, und Befriedigung ihres unbilligen oder thörigten Verlangens, zum Eigensinn verwöhnte. Und weiter sagte er: welch einem Unmulhe und Grame gehl ein Mensch in dieser Melk entgegen, der als Kind gewöhnt ist, viel Wünsche zu haben, und he immer befriedigt, zu sehen — in dieser Welk, wo von zehn unserer Wünsche kaum einer erfüllt wird, und wo es uns gut ist daß he unerfüllt bleiben. — * Mit inniger Freude setzt' er hinzu, daß er gewiß hoffe, seinen Liebling einmal einen nützlichen und glücklichen Mann werden zu sehen. Franzens Vater war bewegt, und entschloß sich, auch seinen Hohn auf denselben Weg zur Glückseligkeit zu sichren. Ls war zu spät; denn der kleine Weichling war nun schon 12 Fahr alt; dazu widersetzte er hch, nach seinem gewohnten Ligenhnn, allem, was seiner Weichlichkeit ein wenig wehe that. Die allzuzärtliche Mutter bat denn wohl in solchen Fällen den Vater, es doch nur seyn zu lassen, weils doch nicht mehr gienge. HietLwie- derhohlke dies so oft, bis he ihn ermüdete, und so bliebs denn beim Älten. — Krank am Leibe und an der Heele wuchs der junge Franz ff fort, bis in sein >7kes Fahr , da ihn der Vater auf die Äniversikäk schickte , wo er die Rechte erlernenchllte. wrlhe m begleitete ihn; er hatte hch dasselbe Hkudium gewählt. Nur kamen he ganz verschieden vorbereitet dahin. Fch habe vergessen zu erzählen , daß Wilhelm nur wenige Lehrmeister hatte , und fast in allen Vorerkenntniffen von seinem Vater allein unterwiesen ward. Frain hatte der Lehrmeister eben so viele, als er Künste erlernen sollte, und das waren nicht wenige. ro4 Träg und zum Lernen ungeschickt, behielt er von dem, was er erlernen sollte, meistens nur Morte und Namen. Wilhelms Seele'gliech einem schönen luftigen und sonnigten Garten, wo alles Gute wuchs und bekam. Reich an mancherlei schönen Kenntnissen , und begierig nach mehrern, kam er an den Ort, der viele nützliche und glückliche Männer gebildet, und viel verderbte Aünglinge noch mehr yerdorben hak. Sein Fleiß und seine Sitten waren Beispiele für alle Mitstudirenden. Line Seele, wie die feinige, gab seinem Umgänge viel Annehmlichkeit: alles war ihm hold, und alles drängte sich nach seiner Gesellschaft. Frau; - der anfangs bei ihm wohnte,konnte, nach feinem Stolz und Ligenfinn, die vorzügliche Achtung, die Wilhelm genoß, nicht vertragen , und zog von ihm. Seine kranke Seele fehnte sich nach Vergnügungen — begierig ergrisfer alles , was nur von fern einem Vergnügen ähnlich fah, Wie oft er getäuscht ward, wie sehr er sich selbst schadete , und wie er von einer Thorheit zur andern, von einer Ausschweifung zur andern forkgieng, will ich euch nicht erzählen. Ls mag euch genug feyn zu wissen, daß er mit dem Keim des Todes in seinem Annern nach Hause zurück kam, bettlägerig ward, und nach ßiyer halbjährigen schmerzvollen Krankheit starb.—« ' Luch unser Wilhelm kam zurück, mit Schätzen der Weisheit beladen, und voll brennenden Verlangens, ein brauchbarer Mann zu werden.— Wie er von seinen Lehrern und Mitschülern schied -- und wie sein Vater und alle die Sei- MN ihn empfingen — o Mher! es ist einkösh- tich Ding, geliebt zu werden, und Liebe zu verdienen. — Seine Mutter pries sich die glücklichste ,und seines Vaters ganze Freude war er. Lin wichtiges Llmt in seiner Vaterstadt be, friedigte sein Verlangen, nützlich zu werden. Er wards. Und wv von glücklichen Menschen die Rede war, nannte man ihn gewiß zuerst. Rarolrne Rudolph». An den Mond. ^b>e schön kommt dort, mit freundlich fünf» tem Lichte, Der volle Mond daher! Mie wiegt, im Silberglanz, die Pappel und die Fichte Die schlanken Leste hin und her! O welch ein Blick! O welch ein sanfter Schimmer! — Oft Hab' ich dich gesehn, Du stiller,guter Mond,und doch bist du mir immer, So neu, so lieb, so wunderschön! Mer lehrte dich, so abgemessen gehen ? Än keinem Art zu früh, Un keinem Ork zu spät hak man dich je gesehen; O Freund, verirrst du dich denn nie? Der dich erschuf, muß wohl ein weisesMesen, Muß wohl recht gütig seyn. Du leuchtest freundlich ja dem undankbaren Bösen; Nicht dem Lrkenntlichen allein; Lln dir, o Mond, will ich ein Beispiel nehmen , yrid milde seyn, wie du, Ivß -.^ Ach will durch Liebe den, der mich nicht liebk, de« schämen, And seyn der Fördrer seiner Ruh, Du wirst es sehen, von deinem Himmel oben. Du holdes Lichf bei Nacht' Ach aber will indeß den hohen Schöpfer loben, Der dich und mich so gut gemacht. v. St, Der Ungerechte schadet sich selbst am meisten. Llinkerbury in England sieht man an ei- nem der schönsten Häuser einen Schild , zum Zeichen , daß es ehemals ein Gasthof war. An diesem Gasthose stieg einmal der Herzog von Nivernois ab, da er, als französischer Abgesandter an den englischen Hof reifete. Lr hatte kein beträchtliches Gefolge bei stch. Des andern Tages macht ihm gleichwohl der Wirkh eine Rechnung von zo Guineen, die der Herzog großmüthig bezahlte. Sobald dev Ädek in der umliegenden Gegend, der bei diesem Warthe abzusteigen und seine Ver- ' sammlungen zu haben pflegte, dies erfuhr: so kündigte er ihm auf. Das ganze Publikum folgte diesem Beispiele. Man setzte den Vorfall in die öffentlichen Zeitungen. Niemand kehrte mehr bei ihm ein. Der Gasthof war verlassen und in kurzer Zeit wurde der Besitzer desselben zum Raube der Gläubiger, die dieses Vorfalls wegen unerbittlich waren, und den Geldschneider nackend aus dem Haust jagten. Aus den Zeitungen. 507 Der Cfel in der Löwenhaut. ^in Lsel fand einst eine Löwenhaut. Da siel ihm ein, sich selbst zum Spaße drein zu stecken, And schnest sioh jedes Thier vor Schrecken. „Seht doch! das hakt' ich mir kaum selbes zugekraut! „Ja, ja! die Schuld lag blos an meinem grauen Felle; „Sonst war' ich längst aus dieser Lhre-nstelle, „Die mir gebührt. Gleich viel; -Vas lange währt, wird gut! „Li, ei! was doch ein Kleid nicht Lhut! „Lin Andrer mag in Zukunft Säcke tragen» „Ich will nicht mehr mich milder Arbeit plagen; „Ich pstege mich und fülle meinen Magen, „Und schlaff um wieder auszuruhn: „wie andre große Herren fhun, „Ich geh, wenn's nsir beliebt, auch wohl einmal spahircn. „Und lasse mich von Mensihen und vonThieren „Nach Skandsgedühr gehörig resppktiren. „Der Mensch wird, denk ich, doch auch so ver- , ständig seyn „Und sich vor meinem Kleide scheun.^ Indessen fam ein Schwarm von Jungen In aller Lust daher gesprungen; Die waren ihm schyg ziemlich nah. Als einer, der zuerst den neuen Löwen sah. Lin Löwe rief; nnd schnell enlsioh der ganze Haufen. „Seht! fuhr der Lsel fort, wie ich euch jage» kann! „Und das hat blos mein stattlich KlHid gelhan! ic>8 ..^.^ „Halt! halt! ihr sollt mir besser laufen, „Fang' ich nur erst zu brüllen an." Straks ließ er feine Stimm aus vollem Halse hören; Doch, stakt die Furcht der Knaben zu vermehren. So macht er, daß sie stille stehn. „Mas heißt denn das? Ha! Ha! nun fällt mir's ein; „Sie können wohl vor Lngst nicht aus der Stelle gehn, „Aa, ja? das wirds gewißlich feyn. „Bald sollt ihr gar vor Schrecken niederfallen." Drauf läßt er fein Geschrei zum zweitenmal erschallen. " Doch statt, daß sie zur Erde niederfallen, Kömmt einer gar zurück. Der Lfel, ihn zu schrecken. Geht auf ihn los. Mein zum Unglück guckt ein L>hr Don feinem dummen Kopf hervor. Der kühne Knabe stehts und droht ihm mit dHm Stecken, Äuf einmal fällt dem Ssel aller Muth. Lr kehrt sich um und spricht: „Für diesmal ists schon gut! „Ach merke, daß ihr's bloß aus Unverstände Lyuk; „Drum könnt ihr jetzt nur eure Mege gehn! „Und überdem seh' ich hier eine Distel stehn." Lr bückt den trägen Kopf zur Lrde langsam nieder Und rupft sie ab. Schnell ruft der Knabe feine Brüder; „Kommt! Kommt! Das ist ein Thier, das keine Maus zerreißt? „Scht nnr, wie schön er Disteln speist! „Mir wollen ihn nach Hause schicken! „Lin Sack gehört auf deinen Rücken, „Und keine Löwenhaut." Jetzt kam mit Lustgefchrei Die ganze frohe Schaar herbei; „Fort , riefen sie, fort mit dir in die Mühle !„ Der Lfel lief. Das war das Lnde von dem Spiele. Luch mancher unter uns, und nicht nur unter Thieren, Dünkt sich verehrungswerth und groß. Marum 7 Ahn zieren Lin hoher Federhut, Lin prächkigs Kleid, auch wohl— ein Ordensband, Doch feinen trägen Muth, Und feinen Unverstand, Versteckt kein Federhuk, Bedeckt kein Ordensband, Lr trage noch so hoch fein leeres Haupt empor: Der Mangel an Verdienst blickt überall hervor. Unedel und gemein ist, was er thut und spricht; Man bücket sich vor ihm; allein man ehrt ihn nicht. Rleine Beschäftigungen für Rinder. Diorrisius und der Reiche. Sey getrost, und Mre nicht! Durch der Lebens Thal hinab Sucht mein Freund mit mir das Grab z Und des Todes Schrecken sticht, Wenn mein Freund mich sterben steht. Droben wird, bet Ha und Nein! Freundschaft auch die Losttng seyn! Menn das Band der Freuden bricht, Zunge Blume, Mre nicht! Aperbeck Wahre Schönheit. G retch e n und Li es chen. O Grötchen« Lieschen, hast du schon meiner Schwester ihren neuen Hund gesehn? Lieschen. Zch glaube nicht, Grekchen! ---» was ist es denn für einer? Grerchen. Lch! das schönste Thierchen von der Melk. Lieschen. Das gesteh ich! — Mir heißt er denn? H r ri6 Gretchen. Scharmant. Lieschen. Scharmant? Vas ist ja ein scharmanter Name! Gretchen. Ja; aber er ist auch in der That scharmant? ^ Lieschen. So? — und was hat er denn alles an sich, was so schön ist? Gretchen. Sieh, Lieschen, es ist dir ei« Bündchen, das nur so groß ist! Lieschen. Die kleinen Hunde habe ich immer gern leiden mögen; und — ? - Gretchen. Und denn, so ist' er eine Urt von Windspiel; aber von der feinsten, kleinsten Urt. Lieschen. Vas ist schön! Gretchen. Und denn hat er ein ganz spitzes Schnäuzchen — o so spiz ! und kleine niederhängende Verchen , und Haare, so fein, wie Seide. Lieschen. Und welche Farbe hak er, Grek- chen? Gretchen. Isabelfarbe. Lieschen, welche Farbe ist das? Gretchen. Sine Urt von blasgelb. Lieschen. Sin besonderer Name; woher der wohl kommen mag? *) — Uber, Gretchen, kann der Hund auch schone Künste? Gretchen. V nach seinem Älter gewiß schon genug! Sr giebt die Pfote, und unterscheidet da- *) Man sagt, von einer gewissen spanischen Prinzessen Isabeüa genannt. Diese hatte die Niederlande geerbt; und da eine Skadt in derselben sich ihr nicht ergeben wollte: so.that sie das Gelübd, daß sie eher kein reines Hemd anziehen wollte, bis dir Stadt erobeit wäre. Nun dauerte aber die Belagerung lange; ihr Hemde krigle daher endlich die iZarbe, die man ihr zn Ehren nachher Isabelfarbe genannt har. ... H7 bei so genau die rechte und linke, daß es rechkza verwundern ist. Lieschen. Das ist wahr! Uber kann er nicht mehr? Gretchen. D ja! Höre nur, Lieschen — Lieschen. Nun; Gretchen. Lr thut, als wenn er kodt wäre; legt sich lang nieder, und steht nicht eher wieder auf, bis er Lrlaubniß dazu bekömk. Dann steht er auch Schildwache, und tanzt, daß es was allerliebstes ist. Lieschen. Das ist viel! Gretchen. Za, und denn weiß er auch, wenn man ihm zweierlei Handfchuh hinwirfk,jedem den Seinigen wieder zn bringen, ohne daß er ein einzigesmal fehlt. Lieschen. Gewiß der Hund ist klug, fehr klug! Uber, Gretchen, ist er auch immer hüb fch artig, freundlich, und thut er keinem was zu Leide? Gretchen. Za, das ist nun fo, fo! Wenn ein Fremder ins Haus kömmt ; fo fährt er ihm wohl nach den Beinen. Lieschen. Das müßt' er nur des Nachts Lhun, wenn er das Haus bewacht. Gretchen. Za, und denn beißt er auch immer meines Vaters feinen alten treuen Hund., . der ihm doch nichts zu leide thut; und ist fo neidisch auf ihn, daß er ihm nicht einmal das Lsfen gönnt, fondern ihm immer alles vor dein Nlau- ie wegfchnapt. Lieschen. Wie, Gretchen, das thut er? Gretchen, Wirklich! Lieschen. Und doch heißt er Schgxmant 7 Gretchen. D, doch! Lr ist ja fo schön,und so geschickt! H Z n8 Lieschen« Geh, Gretchen? — Fi aller Schönheit und Geschicklichkeit, sagt der Pater, -penn das Her? häßlich ist. Die Jagd. v^s war ein schöner lichter Frühlingsmorgen, «nd der zehnjährige kleine Gustav gieng seinem Vater zur Seite zu Busche, um die Jagdlust mit .ihm zu theilen. Rüstig trabt er mit seiner kleinen Flinte daher , und dünkt sich im Geist ein kleiner Nimrod *). Mie dauert ihm der Weg zum Gehölze so lange! Lhe ste noch heran kamen, flogen zwei zwik- fcherndeSchwalben über ihren Köpfen dahin. Izt, Vater! riesder Kleine begierig, spante den Hahn, und wollte abdrücken. Nein, sagte der Vater, izt nicht, mein Sohn. Indem ließ stch eine Lerche aus den Molken hernieder. Izt, Vater! schrie der Kleine begierig. Izt noch nicht, mein Sohn, wqr die Änt- work wieder. Der kleine Jäger war schon ungeduldig. Darauf kam ein Storch und erfüllte mit mächtigem Geklapper die Luft. — Nun doch, lieber Vater? rief er mit Ungestüm. Luch izt noch nicht, war abermals die Antwort. Da ward des Knaben Ungeduld grösser, als sein Gehorsam. Marum hast du mich denn mitgenommen, Vater, wenn dp henk nicht schießen *) Don dem in der Bibel gesagt wirb, er fey ein starker Jäger gewesen, - H9 willst? sagt er mit Unmuth. Und warum ver« wehrst du mir das Schießen? Der Vater. Damit du deine Begierde mast stgen lernest. Mit dieser Hitze hättest du doch nichts erzielt. Gustav. Wenn das ist, Dater, so gereut mich das Warten nicht. Sieh , ich bin schon gelassen — und gern laß ich noch einen vorbei; aber wenn dann wieder eine Schwalbe kömmt; soll ich? Der Varer. Nein. Gustav. Uber eine Lerche? Her Vater. Nein! Gustav. Uber einen Storch, Dater? Der Vater. Luch den nicht. Gustav. Uber warum denn nicht, liebster Vater? Oer Vater. Hat dir je eine Schwalbe etwas gethan? Gustav. Nein, Vater. » Der Vater. Line Lerche? Gustav. Niemals. Oer Vater. Lin Storch? Gustav. Mir nicht. Der Vater. Nun, steh, mein Sohn, andern Leuten eben so wenig als dir. Gustav. Uber darf man denn keine Thiere tödten, als die, die einem zu nahe kommen? Der Vater. O ja; Thiere, deren Fleisch eßbar ist, stnd uns zu tödten nicht verboten. Sind unss diese Thiere noch dazu schädlich, so isi's uns völlig erlaubt, ste aus dem Wege zu schassen, weil uns ihr Tod vor Schaden bewahrt. Uber, daß weder die Lerche, Noch der Storch, noch die Schwalbe schädlich stnd, sagtest du selbst; und wann hast du gehört,daß das Fleisch de*'' den leztern gegessen würde? Man müßte rro so aus bloßer Lust zu tödten umbringen, und wäre das nicht Grausamkeit? Das Fleisch der Lerche wird zwar gegessen; aber was könnte uns ein einziger so kleiner Braten sonderlich nützen? Lin Mundvoll — dann war er schon verzehrt. Sie darum zu tödken, hiesse also aus Mordlust Blut vergiessen; und das soll von meinem Gustav nie gesagt werden. Gustav. Das halt' ich nicht bedacht. — , Holl ich meine Flinke nur losschiessen ? Der varer. Mark nur noch, Lieber; du könntest ste noch brauchen.-Gesagt, geschehen! mit einemmal flog ein Volk Rebhüner vor ihnen auf; nun schieß, rief der Vater, und trif! Gustav zielte und lraf. > Froh flekt er seine Beute in die Jagdtasche, und wanderte fort mit seinem Vater, der im Gehendem aufmerksamen Hohne vieles von der Natur und Nutzbarkeit der Pflanzen uud Thiere erzählte. * Raroline Rudolphi. Ahne Gutes, selbst denen, die dich beleidigen. D- 'er mächt'ge Kustan saß einmal Bei Tafel, als der Sklaven einer Ahm eine Schüssel brachte Mit Reis, der fast noch stedend war. Dem Sklaven wird'r zu heiß, Nicht einen Äugenblick Kann er sie länger halten/ Die Schüssel fällt — und ach! ste fällt Dkm mächt'gen Hussan auf den Kopf. 121 Lrgrimt sicht er den Sklaven an; Doch dieser fällt ihm gleich zu Füßen, Und spricht mit festem Nluthe Uns seinem Alkzoran: *) „Für die nur, strenger Herr, „ Die ihren Zorn bemustern , „Ast einst das Paradies. Ich bin nicht zornig mehr, Antwortet Aussan kurz. Sklave, d. „Und denen gern verzeih«, „Die uns beleidigt haben. — Hussan. Auch ich verzeihe dir. Sklave. „ Doch liebt Gott die vor allen, „Die Böses gar mit Gutem lohnen. Und Küssan — hört es, Kinder! Und Hnftan reicht ihm freundlich Die Hand, um aufzustehn; Schenkt ihm die Freiheit und daneben Noch hundert blanke Thaler. Und diefer Austan — merkks! war nicht ein Krist; er war — nur Türke! wehnert. Die Streitsucht. ^nwnwar sonstein wackerer Knabe, lernte fleißig und war mit Freuden gehorsam ; deswegen ') Der Roran, oder Alkoran, ist die Bibel der Türken. ?2r ----- -! liebte man ihn sehr; aber er litt seit einiger Zeit, ich weiß nicht wodurch ? an einer traurigen Krankheit — an der Streitsucht. Man bedauerte ihn daher, und wünscht, ihn zu heilen. Schon viele Versuche chatte sein liebreicher Vater mit ihm gemacht; aber alle waren he fruchtlos geblieben. Seine Schwester, Mariane, seine gewöhnlichste Gespielin^ war eines von den gutartigen Mädchen, die rRl lieber Unrecht leiden, als streiten mögen. Nie gerieth sie mit ihm in Zank, fo oft he Luch zusammen spielten: denn so bald sie merkte, daß ihn sein Zankfieber antrat, schwieg sie still; und wollte er dann nicht weiter spielen, so gieng fie weg, ohne ihm den geringsten Vorwurf zu machen. Dies gute Betragen des kleben Mädchen hätte ihn sicher geheilt, wäre sein Nebel nicht schon zu Lies eingewurzelt gewesen; aber so weit war es mit ihm gekommen, daß ihre Sanftmuth ihn nicht mehr beschämte. Mas das schlimste war, so ward er täglich kränker. Seine übrigens gute Gemüthsart hatte ihm manchen kleinen Aeund erworben. Da sah er es nun sehr gern, wenn er nach sei. nen Lehrstunden Srlaubniß bekam, einen oder den andern zu besuchen, und sich mit ihnen zu vergnügen. Unter diesen waren auch ein Paar Knaben von heftigem Gemüthe. So lange unser Anton stch seines Fehlers . enthielt, gieng es recht gut; aber das war nicht lange, er ward bald wieder davon hingerissen. I2Z Linst kam er zu seinem Freund Philipp, bei dem noch zwei andre, Gustav und Rar!, zum Spiel sich versamlel hatten. Sie wollten ein Spiel anfanqen, ein jeder schlug eins vor, und bestand darauf, daß es gespielt würde, am meisten Amon. Philipp bat, sie möchten sich doch freundschaftlich drum vertragen, und rieth, daß eines jeden Spiel gespielt würde; und weil es doch nicht angieng,daßdie Gesellschaft sie alle auf einmal spielte, so schlug er vor, man möchte losen, wessen Spiel zuerst daran kommen sollte. Billiger konnte man nun wohl nicht entscheiden, als Freund Philipp, und doch ward er picht gehört. Die kleinen Streitgeister waren nicht fähig, ihn anzuhören, und bestunden alle drei gleich hartnäckig auf ihrem Willen. Daß es für diesmal um das Vergnügen der Gesellschaft gethan war, versteht sich wohl von selbst. Lber wenns dies nur allein gewesen wäre. Doch ach! ste horten auf, stch zu lieben, und Anton versicherte, weil er gar nicht schuld zu seyn glaubte, daß er nie wieder in ihre Gesellschaft kommen würde; die Ändern versicherten dasselbe, und so gieng man aus einander, ohne daß das Zureden des gutmüthigen Philipps das geringste geholfen hatte, Amon kam mismüthig nach Hause, gieng stumm und stnster allein umher, und wagt es doch nicht, stch selbst zu fragen, woher sein Mis- muth entstanden fey? Doch sagt' ihm eine ganz leise Stimme, daß seine Streitsucht wohl Schuld seyn mögte. Lm folgendenTage gieng er, nach erhaltener Lrlaubniß seines Vaters, zu einem andern kleinen Freunde, Simon genannt. Sr erinner« 124 te sich des gestrigen Tages, und war anfangs friedfamer. Simon hakte auch noch einen Bruder , der Rr-lstoph hieß. LUle drei giengen in den Garten, wo eine Kegelbahn, eine Schaukel, und verschiedene andere Spielanstalten waren. Hier giengs nun, wie man denken kann, sehr vergnügt zu: denn bisher war Anton der friedsamsteKnabe gewesen, und feine beidcnFreun- de bestrebten stch um die Mette, ihm Vergnügen zu machen. Von ungefähr wird Anton am andern Ln- de des Gartens einen kleinen Teich und einen Kahn darauf gewahr. D laßt uns dahin gehen, und uns aufdem Teiche herumfahren, sagt' er zu seinen Freunden. Mir dürfen nicht, lieber Anton, antwortete Simon. Der Vater fahrt uns selbst; uns hat ers verboten, uns zu fahren; wenn wirs uns je einfallen liessen, sagt' er, es dennoch zu thun, so würden wir dies Vergnügen nuf immer verlieren. — Anton. Und warum das? Rristoph. Weil wirs nicht verstehen, einen Kahn zu regieren, lieber Anton, und leicht zu Schaden kommen konnten. Anton. D, wenn er sonst keine Ursach hat! — ich versteh das Rudern; ich will euch schon fahren. Simon. Das kann seyn Anton; aber wir wagen es doch nicht: es könnte dir doch fehlen, und wir könnten, alle drei unglücklich seyn; über- dem so haks der Vater verboten, und dies ist uns gvnug. Armoph. Wenn du nur warten willst, bis der Vater zu Hause kommt, so wollen wir ihn Bitten, daß er uns fährt. - irs Anton vergaß sich; sahr fort zu streiten und ZU behaupten, daß sie es ohne Schaden thun könnten. > Da die beiden sich immer standhaft weigerten, und endlich versicherten, daß sie nicht wollten , nannt er sie furchtsam. Simon, ohne böse .zu werden, sagte ihm, daß sie sich bei dieser Furcht, ihren Vater )u beleidigen, besser befänden, als bei ihrer ehemaligen Wildheit. Dies beleidigte Anton so sehr, daß er kro^- tzig wcggieng, und versicherte, er würde nie wieder kommen. Sie, die froh waren, einen lästigen Gesellschafter los zu werden, hielten ihn nicht; und er gieng nach Hause, finstrer und mürrischer als je. Den Vater schmerzte das sehr, den Knaben mit diesem Unmuthe von einem Orte kommen zu sehen, von wo er sonst so viele Freude mitbrachte. Lr konnte keinen Augenblick zweifeln, daß seine traurige Streitsucht die Ursache dieses Mis- vehagens sey. Noch einmal, obgleich mit weniger Hofnung, wagt' er den Versuch ihn zu heilen. Dir ist nicht wohl, mein Sohn, sagte er zu Amon. Amon. D, ich möchte, daß ich nicht ausgegangen wäre! Vater Warum das? Anton. Denke nur, Vater, die Knaben, wo ich war, Simon und Rristoph , find weit jünger, als ich, und wollten mir doch nicht glauben. Vater. Und was wars, das sie dir nicht glauben wollten,, Anron. Am Garten ist ein Teich ; darauf wollt' ich sie fahren. (Du selbst hast mich ja das Rudern gelehrt, als wir einmal aufdem Lande waren, und aus des Enkels großem See zu- rr6 lammen fuhren.) Uber das wollten sie nicht glauben , so viel ichs ihnen auch versicherte. die albernen Knaben waren zu furchtsam, und blieben dabei, ihr Pater hätk's ihnen verboten. Varer. Und das nahmst du übel? Anron. Ja, wenn ich etwas gewiß weiß, und man es mir nicht glauben will — und widerstreitet. — Varer. Also magst du das Streiten nicht leiden ? i Amon. Wenn ich Recht habe, und man mirs doch abstreilen will. — Vater. Wie kannst du denn so gewiß wist sen, ob du Recht hast? Kannst du nicht irren? Anton- Ja, das wohl. Vater. Nun sieh, gleich diesmal hast du wirklich geirrck- Ancon. Ich, Vater? Vater. Ja, mein Sohn; deine beiden Freunde waren vernünftiger, als du. — Ihr Vater hatte ihnen ohne weitere Einschränkung das Fahren- auf dem Teiche verboten, daran hielten sie sich, und liesien sich durch deinen Ungestüm nicht irre machen; denn er hatte, ihnen nicht gesagt : wenn ein älterer und stärkerer Knabe, wie ihr, euch zuredek, so könnt ihr wohl fahren. Luch konnten sie ihn, weil er nicht da war, hierüber nicht fragen; sie hatten also Recht, an sein Verbot sich zu halten, und du hattest Unrecht , sehr Unrecht: denn du hättest sie bald zu einem großen Fehler verleitet. Amon. Uch, Vater, ich seh, daß ich ein Thor war. Kannst du mir verzeihen? Vater. Bon Herzen gern, mein Sohn. Und wie würd' ich dich lieben, wenn du von heut an dich bestrebtest, deine alten Fehler abzulegen l 127 Amon. Ach'will, liebster Vater, aber du mußt mir helfen, mußt mich erinnern, so oft ich in Gefahr bin, mich zu vergessen. Ach haßte das Streiten an andern, die Recht hatten zu streiten. wie gehäßig muß es mich gemacht haben, mich, der ich mit Unrecht strit? Nein, meine Freunde können mich nun nicht mehr lieben — ich werde nun immer traurig und allein zu Haufe sepn müssen! — Vater. Hör', Anton, wenn dein Vorsatz ernstlich ist, und ich glaube, daß ers ist, so gelingt dir die Ausübung gewiß. Versuch es einige Zeit, dich von deinem Fehler loszumachen, und fühlst du dann, daß es dir gelingt, dann geh zu deinen Freunden — auf mein Work; ste werden dir verzeihen, und konnten ste den eigensinnigen streitsüchtigen Anton nicht mehr lieben: so lieben ste gewiß den sanften Vertragsamen zehnmal mehr, als sonst. —- Anton folgte dem Rath, besserte sich, und ward geliebter und zufriedner, als je. Rarolme Rudolphi. Mäßigkeit und Unmäßigkeit. (Aus einer Unterredung.) lieben Kind, schadet stch selbst am meisten. Venn, wenn er zu viel Speise oder Trank genossen hat, so ist er zu seinen Geschäften unsthig und träge. Daher gelingen denn auch seine Geschäfte nicht; und deswegen steht man ihn oft verarmen. Vas Schlimmste aber ist, daß sein Körper sowohl, als auch sein Geist, dadurch geschwächt und kränklich werden. Da muß er denn immer 128 Ärzeneken einnehmen, Schmerzen leiden, und oft auch frühzeitig ins Grab sinken, Mer hingegen ein mäßiges, ordentliches und arbeitsames Leben führt, der wird seltner krank; der ist zu seinen Geschäften immer geschickt und aufgelegt; und, wenn es Gott anders gefällt, so erreicht er ein hohes und vergnügtes Älter. Mir fällt hierbei ein Geschichtgen ein, welches ich euch, lieben Kinder, doch noch erzählen muß. Lin Ärzt — denkt einmal, noch dazu ein Ärzl! — lebte sehr unmäßig. Lr kam einst mit einem gemeinen Bürgersmann in Gesellschaft; und von dem wußte die ganze Stadt, daß er sehr mäßig und ordentlich zu leben pflegte. Der Ärzt rühmte — wer weiß, wie sehr! feine große Wissenschaft, und sagte, daß keine Krankheit so gefährlich wäre, die er sich nicht getraueke zu Hellen. Der Bürger, der so ordentlich lebte, erzählte ihm darauf folgende Fabel: "Lin Ibis*) kam einst zu einem Hirsch, und prahlte mit seiner Geschiklichkeik. Mas kannst du denn? fragte der Hirsch. Ich lehre die Menschen, antwortete jener, wie sie wieder gesund werden können, wenn sie krank sind. Und ich, versetzte der Hirsch, ich lehre sie, wie sie es machen müssen, um niemals krank zu werden. „ Um dies zu verstehen, muß ich euch, lieben Kinder, sagen, was man von dem Ibis erzählt;, ob es wahr sey, das weiß ich nicht: denn ich selbst habe nie einen gesehen. Man ') Ein egyptischer Storch. - - 129 Man sagt aber von ihm, daß er, wenn er Verstopfungen habe- sich mik feinem Schnabel in einen gewissen Theil feines Leibes- den ihr wohl errathen werdet, Master sprühe, umDef« nung zu bekommen; und daß die Menschen daraus zuerst lernten, den Kranken ein Klystir zu fetzen. Von dem Hirsche hingegen ist es bekannt, daß er nie zu viel frißt, und in stäter Bewegung lebt. Versteht ihr nun die Fabel? Gut! — Mas geschah? Der eingebildete Ärzk, der dabei so unmäßig lebte, starb schon im z6sten Fahre; d^ Bürgersmann hingegen, der ein fo mäßiges und ordentliches Leben führte, wurde dafür 115 Fahre alt, und war sehr felten krank gewefen. iVehnerk Bon der Arbeitsamkeit. Emilie hatte eine Mutter, die liebte den Fleiß, Nnd war eine große Freundin der Lrbeitsirmkeik. Die Tochter war es nicht; auch ward es ihr schwer, der liebreichen Mutter zu glauben, wenn sie ihr von dem Vergnügen des Fleißes Und von der Uülust erzählte, die mit der Trägheit verbünden ist. Zwar arbeitete sie, fo oft es die Mutter befahl; denn des Gehorfams war sie gewohnt: aber man denke selbst, wie wenig es ihr glückte , da sie immer mit Unmuth daran giena. Liebes Mädchen, fügte dann oft die Mutter, wenn sie sie mit hängendem Kopfe und verdrießlichem Gesichte arbeiten sah, liebes Mädchen, möchtest du doch bald einmal selbst er- Lmderbibl. M. Th. K IAO - fahren, welche Glückseligkeit die Arbeit, und welch ein unleidlicher Zustand die Unthäkigkeit fey! Ihr liebevoller Mansch ward erfüllt. Als Emr ic n Jahre alt war, reiste sie einmal mit über Land; die Mutter versah stch mit allerlei Lrbeitszeuge, und rieth Emrlten, das auch zu thun. Sre wollt' es thun. Aber wie leicht vergißt man, was man ungern thut! Hie that es nicht. Die Reise gieng ziemlich weit. Als ste un- Lerweges waren, fiel ein so heftiges Regenwct- 1er ein, daß ste nicht weiter reisen konnten, und da ste* einen ofnen Magen hatten, in einem Dorfe bleiben und besser Melker abwarten mußten. Mess im Gasthofe kein Plaz für ste war, so ließen ste blos den Magen dort, und kehrten bei einer gutherzigen Alten ein, die ihnen Bett und Kämmerchen einräumke. Das war aber auch das Linzige, was ste hatte. Hie blieb bei ihren Gästen. Lin Spinrad fvar ihre ganze Beschäftigung. Mie wohl that es nun der Mutter, Arbeit bei stch zu haben! Hie unterredete stch mit der guten Alten , und unter Gespräch und'Arbeit fiog der lange Herbstabend dahin. Die arme Emi re hakte nun kein Geschäft, und weil die Alke von nichts weiter zu sprechen wußte, als von ihren Arbeiten: so fand ste auch an diesem Gespräch keinen Mohlgefallen. Kaum könnt ihrs euch vorstellen, ihr Lies ben, die ihr zur Arbeitsamkeit gewöhnt seyd, welche traurige Langeweile ste fühlte. Unter vielem Murren und Seufzen über das widcrwärtiaeMetter verbrachte ste deaAbend, und höchst unzufrieden mit stch jelost schlief ste ein. --------- igl Mit welcher Freud' erwachte sie den nächsten Morgen, als sie den Himmel Heller sah ! Mit welcher Ungeduld hoffe sie, daß der Magen zur Reife gefpannt würde! Ztzk war kr fertig: und froh und unter vielen Danksagungen schieden Mutter und Tochter von der treuherzigen Lllten. Die Fahrt gieng ein wenig uneben: denn d«ch das heftige Regenwetter war die Straße lief und unwegfam geworden. LUs sie beinah eine Meile gefahren waren- drach ein Rad am Magen; er fiel- doch kamen sie beide unbeschädigt davon. Nachdem sie sich vom ersten Schrecken erhöht!, ward die Mutter gewahr, daß zum guten Glücke ein Dorf in der Nähe fey. Sie Nahm Emilien mit sich - und gieng dahin , um ihrem Kutscher Hilfe szu schaffen. In diesem Dörfchen nun wohnte weder Schmidt noch Rademacher. Ls dauerte alfo ein Paar Tage» ehe der Magen wieder in Stand gefetzt werden konnte. Die arme Emilie! Mie seufzte- wie jammerte sie vor langer Meile! Und wer könnt ihr helfen? Die Mutter Nicht- fo lieb sie sie auch hatte. Von ihrer Urbeik konnte sie ihr keine geben: denn die hatte Emilie nie lernen mögen: Nun fing sie an, den Merth des Fleißes Ku fühlen; ganz beschämt sagte sie Zur Mutter: Lch- ich Habs verdient, liebe Mutter- von dieser kraurigenLangeweile gequält zu werden! Nun erst weiß ich, wie gut du es mit mir meintest - wenn du mich zur Ltrbeit anhieltest! Gewiß - hier' hieng sie sich an der Mutter Urm und drückte ihre Hand fest an sich, gewiß sollen deine Lrmahnun- rzr -- gen nicht wieder vergebens fcyn! Ich kenne nun das Unleidliche des Müßiggangs. — Ich entsage ihm von heut an, und (indem sie der Mutter Hand mit Thränen begoß) verzeihe mir, daß ich dich gekränkt habe! Nie, nie Lhue ich es wieder. Man sagt, sie hält' es nie wieder gethan« Rarolme Rudolph». Die Vorsicht. ^ ^in junges muthiges Roß, Dem Urbeik nicht so wohl gesiek, Llls Freiheit, Müßiggang und Spiel, Riß sich von seinem Joche los, Und floh davon auf grüne Meiden; O welche Freuden! Der Lenz und Sommer strich In frohem Müßiggänge hin; Ihm kam die Zukunft nicht in Sinn: Ls lebte jetzt und freute sich Mein der Minter nahm die Freuden Den grünen Meiden. Die Miesen wurden leer; In Lüften stürmt ein rauher Nord: Das Pferdchen floh von Ort zu Ork Und fand kein Dach, kein Futter mehr. Iezt warf es ängstlich feine Blicke Uuf sich zurücke. Ich Thor! rief es; ach! ach; Hält' ich die kurze schöne Zeit Das Bischen Urbeit nicht gescheut; Iezt hält' ich Haber, Heu und Dach; Mie schändlich: für fo kurze Freuden So lang zu leiden. Weiße. rZZ Letzte Unterredung des unglücklichen Wassers mit seinen beiden Söhnen. ^)ernehmk, ihr jpngen Leser, eine Mar sehr traurige, aber auch zugleich sehr lehrreiche Ge. schichte von einem Manne, den die Begierde sch zu rächen in das allergrößte Slend stürzte. Er hieß Wasser, und war Prediger in der schweizerischen Stadt Zürich. Schon in früher Äugend verrieth er einen ausserordentlich fähigen Kopf, der alles leicht begriff; auch große Lust zum Lernen bezeigte, und daher Hofnung machte, daß er einst ein recht nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden würde. Äber er äusserke auch schon von früher Äugend an eine gefährliche Sigenschaft des Herzens, welche seine Sltern und Lehrer für sein künftiges Mohlergehen zittern machte. Sr ließ sich nämlich leicht zum Zorne reizen , und dann übergab er sich einer elenden B.ach- beFierde, die ihn ankrieb, demjenigen, der ihn beleidigt hatte, wieder etwas Leides zuzufügen. Vergebens stellte man ihm die gefährlichen Folgen dieser bösen Leidenschaft vor: sie hatte in seinem Herzen schon oft tiefe Wurzel geschlagen, daß es ihm zu schwer wurde, sie wieder auszurotten. Sr wuchs also mit dieser Schlange irtt Bu. semauf; wurde zwar ein gelehrter Mann, aber führte doch fast immer, ein unruhiges und miss vergnügtes Leben, weil er alle Äugenblick e mit § 3 jemanden Händel hatte, und dann auf Mittel und Wege sann, seine Rachbegierde zu befriedigen. Lr ward zum Prediger erwählt: aber auch -ls Geistlicher blieb er her unruhige Kopf, der er gewesen war, Linst halt' er sich, ich weiß nicht worin, gegen seine Hörigkeit vergangen; diese gab ihm darüber einen Verweis: aber wasier, anstatt stch sein Vergehen reuen zu lassen, ward vielmehr noch gufgebachter gegen seine Obrigkeit, und vermeng sich gegen dieselbe durch ungebührliche Reden nur noch gröblicher, Da fand denn die Obrigkeit für gut, ihn durch eine empfindlichere Strafe zur Lrkennlmß feines Unrechts zu bringen und entsetzte ihn seines Amtes, Nun geriet!) stin Unwille vollends in Feuer und Flamme. Halt' er vorher seinen Zorn hlos durch bittre Morte zu befriedigen gesucht: so. faßt' er jezt den unglücklichen Porsatz, sich durch die Thak zu rächen, Lr entwandte, sagt man, (ich erzähle, was ich gehört habe; kann für die Mahrheik aber nicht stehem ) er entwandte also aus dem Ari- «klve *) eine Schrift, die, wenn sie bekannt wurde, seinem Baterlande zum Schaden gereichen konnte, Ullein seine Thak ward entdeckt, noch ehe er die Schrift bekannt machen konnte ; und die Hörigkeit ließ ihn ins Gefängniß werfen. Lr suchte aus demselben zu entfliehen; aber der Anschlag mislang, und der Lrfolg davon war, daß er in einen festern Kerker gesteckt, und in Keksen gelegt wurde, So nennet man den Ort. wo diejenigen Schriften tztrryqhrt werden, dir drn g-nirn Staat drtteffen. ------ IZ5 ^ Bon diesem Augenblicke an stellt er stch seinen Tod als unvermeidlich vor, und machte stch darauf gefaßt. Seine Richter verfammelten stch; man untersuchte fein Verbrechen, und berathfchlagte stch über die Strafe, die er verdient hätte Sin und zwanzig Stimmen verurkheilken ihn zum Tode, achtzehn hingegen wollten ihn davon frei gesprochen wissen Allein die meisten Stimmen galten. Man hofte indcß, daß er vielleicht noch begnadigt werden dürfte, wenn er stch nur bequemen wollte, seine Obrigkeit um Gnade zu bitten. Aber er verwarf diefe Zumulhung mit einer Hartnäckigkeit, die unbeweglich blieb. Selbst feyn alter, ihm sonst fo kheurer Vater, ließ ihn bitten, daß er doch das Mitleid seiner Richter anstehen möchte. Aber er ließ ihm antworten: er wollte alles, alles thun, was er ihm befehlen würde; nur dieses einzige konnte und dürfte er nicht. N5enn feine Thorheit oder Unglück (Verbrechen nännt ers niemals) den Tod verdient hätten , fo sey cs billig, dast er ihn dulde; und er habe stch darauf gefaßt gemacht. Da der Tag feiner Hinrichtung herannaheke, bat er stch die Hrlaubniß aus, noch einmal mit seinem Vater und mit feinen Kindern reden zu dürfen. Anfangs schlug man ihm diefe Bitte ab, weil man besorgte, er möchte feinen Söhnen Haß gegen die Obrigkeit einflößen, und ste bewegen , einst feinen Tod an ihn zu rächen. Allein darin irret man stch. Sndlich gab der Rath feine Sinwilligung: aber der alle Vater fühlte stch nicht stark genug, rz6 den Änblick feines unglücklichen Hohnes zu ertrügen ; er ließ fich also bei ihm entschuldigen. Heine beiden Hohne hingegen, der Line von ai, der Ändere von 14 Zähren, wurden zu ihm geführt. Jener heißt Salomo > dieser Hemrich, Der unglückliche Mann war seiner Banden so lange entlediget, und aus dem Kerker in ein artiges Zimmer gebracht, woselbst er in der Gesellschaft eines Geistlichen feine Höhne erwartete. Lin anderer Geistliche führte jezt die beiden Höhne in das Zimmer. Hie traten herein mit einem Herzen, dessen Beklemmung Tod oder Verrückung drohele. Gleich heim Eintritte empfing fie der Vater Mt einem ruhigen und unerkunsteltem Lächeln. „Guten Äbend, Heinrich, guten Äbend, Halomo! Gelt, wir haben einander lange nicht gesehen? — Wie habt lhr indeß gelebt? Wohl und gesund, aber ein wenig trqurig, wie mir diese beiden Herren sagen!" „Nun, traurig müßt ihr nicht seyn. Ihr seht ja, daß es mir so ziemlich wohl geht. Dies, ist ein artiges Zimmer fast so schön, wie unsre Htuoe; ich habe gut Esten und Trinken; diese beiden Herren und noch andre besuchen mich alle Tage; fie haben Liebe für mich," „Vicht wahr, ihr wollt nicht mehr traurig seyn? Ich Habs ja bester, viel bester, als ihr glaubtet!" Die Knaben schluchzten, standen wie an- gedonnert, kämpften, rangen. Äber ihre Thränen flössen unaufhaltbar. „Van, nun, fuhr ihr Vater fort, es wird schon besser werden: kommt (indem er beide bei der Hand nahm) sezt euch zu mir her; wir wollen uns ein wenig unterreden." Hie setzten sich, IZ7 „Nun, Heinrich, wie gehts, was hast du gelernt, seitdem wir uns nicht gesehen haben? Und du, Salomo, wie weit hast's gebracht?" Beide sagten's unter vielen Thränen, Lr, immer noch heiter und ruhig, gab ihnen dir beste Anweisung, wie und was ste lesen und stu- diren sollten, und schwatzt- mit ihnen so lange/ bis er sie etwas ruhig glaubte, Dann Hub er in einem etwas feierlichen To^ ne an: Lieber Heinrich, lieber Salomo, es kann vielleicht noch lange, recht lange währen, bevor wir uns wieder sehen und sprechen; und da Hab' ich eine Bitte an euch!<« „Nicht wahr, ihr wollt euren Vater nicht vergessen ? — Zwar Hab' ich euch viel Traurigkeit verursachet, und werde euch noch mehr verursachen ; aber ihr fühlt doch, daß ich ein guter Vater gegen euch gewesen bin? Nicht wahr, ihr fühlt das, und vergesset mich nicht?" Die Knaben schluchzten laut auf, weinten und umarmten ihn, „Gut, meine Lieben; das wäre eins! Aber ich habe noch eine, noch Zwei Bitten. Laß fetzen, Heinrich, was glaubst du wohl, das für einen Menschen das Wichtigste sey für dieses und jener Leben?" Der Knabe konnte nicht antworten, „Meinst du nicht, es sey, daß er Gottzum Freunde habe?« „Ach ja! Sie Habens uns immer gesagt! ^ „Aber warum ist dies das Wichtigste?^ — Wieder Stillschweigen, „Nicht wahr, weil Gott alles macht, alles leitet; weil wir unser Glstck von ihm allein er« halten müssen? " rzs „Äber, Heinrich, wie müßt ihrs denn machen, daß Gott euer Freund scy und bleibe? Weißt du das?" „Äch, Papa, wir müssen thun, was er uns befohlen hat, was im Evangelium vorgeschrieben ist!" „Hörst's, Salomo? und du, Heinrich, vergiß es auch nie. Versprecht mir beide, daß ihr im Evangelium steißig lesen, und über das Gelesene Nachdenken und darnach leben wollt!" Sie versprachens, „Liebe Kinder, das ist das Wichtigste! Eu» er Vater bittet euch darum, es me, nie zu vergessen. " „Seht, ich rede aus der Erfahrung: wenn ichs auch nie vergessen hätte, so war' ich stäts bei euch zu Hause geblieben , und so würdet ihr mich nicht verlieren. Llber beruhiget euch; wenn ihr euer Versprechen haltet: so wird Gott euer Vater seyn, und von ihm wißt ihr ja , daß er mehr für euch thun kann, als kein Mensch ausder Welt." „Glaubet mir, es ist eine gar schöne Sache, Gott zum Vater zu hüben ; und nicht wahr, liebe, liebe Kinder, ihr würdet mir gern einen Gefallen thun, wenn ihr könntet?" — Ihre Thränen stürzten, ste sanken zu seinen Füssen. — „Äch! für Sie sterben!" schluchzte der Äelkere. ' ^ ,jWir wollen nicht öom Sterben reden, lieber Heinrich; aber den Gefallen erwarte ich von euch, daß ihr nichts, nichts von dem vergesset, . was ich jetzt sage und ihr versprechet." „llpropos, Salomo; nicht wahr, du erinnerst dich noch der Ohrfeigen, die ich dir manchmal gegeben habe, wenn du unartig wärest, und nicht thun wolltest, was ich dir befahl? Aa hast du nun wohl zuweilen gemacht, ich war' —- lZ9 rin böser Vater? Über, nein, ich meint' es gut mit dir, es geschah zu deinem Besten, und du wirst's noch wohl ein sehen lernen! Hör mir jetzt aufmerksam zu, und du auch, Heinrich: was ich jetzt sagen werde, ist gleichfalls für euch beide wichtig, so wichtig, daß ihrs nie, nie vergesse» müßt." „Die Stadt Znricb ill wie eine Familie; -ie Hörigkeit, unsre gnädige Herren, sind die Väter, wir Ändern sind die Kinder.« „wenn nun ein Kind nicht recht thuk, mürrisch ist, schimpft, die Ändern unnöthiger weise plagt; was macht der Vater? Gelt, Salomo, er warnt das Kind, weiset es zurecht, giebt ihm Vermahnungen und Lehren; hilft das nicht, so giebt er ihm eine Ohrfeige." Läßts auch dann noch nicht von seinen Unarten ab; murrt es sogar über den Pater, oder beschuldiget es ihn der Ungerechtigkeit: so sperrt er das ungehorsame Kind ein, wie ichs etwa auch mit dir gemacht habe." „Äch, lieber, lieber Papa! winselte der Kleine; verzeihen Sie — " „Sey ruhig, Salomo; ich sage das nicht, um dich zu kränken; du hattest dich gebessert, du warst ein gutes Kind geworden, und Gottes Segen wird dich begleiten, und hier hast du einen Kuß meiner Liebe!" „Äber lch, Salomo, ich war ein solcher ungehorsames Kind gegen unsre Obrigkeit. Ach war mürrisch, plagte die Ändern, schimpfte und schmähte. Man wollte mich zurecht weisen; ich hörte nichts an; ich fuhr in meinen Unarten fort." „Unser Vater, die Obrigkeit, glaubte/-ich perdiene eine Ohrfeige, und gab ste mir: aber das besserte mich nicht; ich schimpfte vielmehr auf den «Vater, suchte ihn zu beleidigen, zu kränken, und du begreifst wohl, das konnte der Vater nicht leiden, und sperrte mich ein, und eben darum habt ihr mich so lange nicht gefehn." „Gelt, Heinrich und Salomo, ihr habks oft selbst gehört, daß ich zu Haufe über die Obrigkeit, die doch unser Vater ist, geschimpft und geseufzt habe? " „Das war nicht recht; das müßt ihr vergessen, auf ewig vergessen! Nicht wahr, ihrthuts? Ahr versprecht mir, zu vergessen, daß ich unartig war? Ach möchte gern, wenn ich euch nicht mehr sehe, den Trost haben, daß ihr an mich nur wie an einen guten Vater denkt." Sie verfprachens mit einem Side. „Und denn, liebe Knaben, horchet nicht auf andre Leate! Sie mögen sagen, was ste wollen, so erinnert euch nur dessen, was ich jetzt sage!" Denket, daß ich die Ohrfeige und das Lkn- fperren wohl könne verdient haben! Sehet eure Obrigkeit als euren Vater an, und vergesset nie, daß ihr derfelben eben das schuldig seyd, was ich von euch foderke — Liebe, Gehorsam, Ehrfurcht und Vertrauen. Sie kann fehlen, aber ste meinks doch nicht oöse." „Und nun, liebe Kinder, müßt ihr mir noch einmal die Hand darauf geben, daß ihr von allen , was ich euch gesagt habe, nichts vergessen wollt. Uber besinnet euch erst recht: ihr versprächet mir es vor Gott, und der läßt, wie ichs euch oft sagte, seiner nicht spotten." Das Gelübde wurde von den Thränen der Hohne und des Vaters vor Gott besiegelt. „Noch eins! Du, Heinrich, wirst zu deinem Großvater kommen, das ist ein alter, braver, frommer Mann; was er dir sagt, das khue, e- wird dein Glück feyn." - Z4i „Du weißt, lieber, lieber Heinrich, baff ich dich aufrichtig und zärtlich liebe; ich weiß auch, daß du mich liebst: um dieser Liebe willen fcy gehorsam und ehrerbietig gegen ihn." „Wenn ihm etwas Vergnügen macht, so verrichte es mit Freuden, suche seinen Befehlen zuvorzukommen, und seine Wünsche zu errakhen: und wenn er dann mit dir zufrieden ist, so sage ihm, das habe dir dein unglücklicher Vater in der letzten Unterredung anbefohlen, und ich werde dich im Himmel noch dafür segnen." „Sag' ihm, daß ich wünsche und bitte, er möchte dich der Beckerei widmen: machst du dich seiner Liebe würdig, so wird ers khun, und dann widme dich deinem Berufe. Suche nicht höher Zu steigen, so wirst du glücklich seyn." »,Und du, mein Salomo, du bleibst bei deiner Mama! Wenn du zu Hause kvrnmsk, so tröste sie; sag ihr, ich sey ganz wohl und ruhig, auch sie sollte ruhig seyn." „Sey gehorsam und ehrerbietig; Lhue alles, was sie sodcrt und wünscht; das ist deine Pflicht und mein Befehl, der letzte, lieber Salomo, dett dir dem Vater giebt: denn was ich jetzt sagen will, ist nur eine Bitte." „Du willst Theologie studiren; wenn du nicht eine unüberwindliche Neigung dazu hast, so laß es lieber bleiben. Ls ist ein gefährlicher Beruf! mich hat er unglücklich gemacht. Sags beb» ner Mama; küsse sie in meinem Na-nen, und gedenke meiner in Liebe!" Und nun, meine Lieben, Lieben, (beide umarmend) Nun ist's Zeit! Mich hats gefreut, euch noch einmal zu sehen! Ach geb' euch (beide küssend) meinen letzten väterlichen Segen. Gott sey euer Vater, euer Stütze, eure Trost! Wan- ... - delt in seinen Wegen, so wird seine Vaterhand euch weislich und gnädig führen." „Denket meiner in eurem Gebekh ; ich werde eurer in der Lwigkeit gedenken, und wills Gott! sehen wir uns dort alle wieder! " Die Knaben waren wie an den Vater ange-e klammert; sie weinten nicht, sie schluchzten , bebten, hatten Verzuckungen , .und wurden halb- lodt weggebracht. Lr lächelte unter seinen Thrä- nen, und faßte sich bald wieder. Von der Zeit an war er zur Vewundekung ruhig und gelassen. Llls ihm der Tag seines Uriheils und der vermut!)lichsie Inhalt desselben bekannt gemacht wurde: so veränderte er nicht einmal die Farbe, und fuhr ruhig in der schon angefangenen Unterredung fort. Uls ihm das Urlyeit selbsi im Gesangniß eröfnek, und er befragt wurde: ob ihm nicht vor dem Hingang schauerte? so antwortete er: „schauern? Mich wahrhaftig nicht. Ich habe alles durchgedachk, die ganze Scene mir vorge« stellt, und während meines Gefängnisses bin ich wohl zwölfmal wachend und träumend enthänv- Let worden, ohne mich zu entsetzen. Für mich isis gut, daß ich sierbe. *) Heyn sie ruhig, es wird gewiß gut gehn!" Die letzten Stunden über war Lavarer bet ihm. H,ar>6ter bebte, und wasier war so ruhig, so fest, daß nicht einmal das volle Glas in seiner Hand schwankte. Gegen 12 Uhr begehrte er zu speisen, und aß und trank, wie gewöhnlich, ohne weder langsamer,, noch geschwinder zu kauen. *) Er fühlte verwuthliw, daß er zu lange gewartet habe » ferne Leidenschaften zu bekämpfen j und verzweifelte daran, sich nun noch bessern tu können. '- - »4S Nach ein Uhr wurde er vor das Rathhaus geführt; der Meg gieng bei seiner Vaters Wohnung vorbei, und er stand still. „ Hier, sprach er nach einer kurzen Pause, „ wohnt ein sehr braver Mann. Ich Hab' ihm unaussprechlich viel zu verdanken, und nun so vergolten! Gott segne ihn, und belohne ihn!" Melker hin blickte er auf ein Haus, dessen Fenster von Leuten vollgepfropft waren, welches desto mehr auffiel, weil stch in allen übrigen Häusern beinahe kein Mensch sehen ließ. „ Daß die guten Leute so weinen mögen, dauert mich. sprach er ruhig; wenn nur keiner herunter stürzt." Vor dem Rathhause wollte er sein Urtheil selbst anhören; die Geistlichen widcrriekhen es ihm, rr aber antwortete: - „Ls ist meine Obrigkeit, die mit mir redet; ich bin es ihr schuldig, daß ich ihren Lnkschluß abhöre." Da er aber vor dem Gedränge nichts verstehen konnte, wandte er stch wieder zu dxn Geistlichen, und bat, daß stc in ihrem Gebcthe fork- fichren möchten. Durch die Stadt gieng und blickte er, wie ein Mann , der der Lrsilllung eines angenehmen Wunsches entgegeneilk,dkr stch aber vor denLeuten zu laufen schämt. Unter dem Thöre betete er den 88. Psalm, den er jedoch auf seine Umstände abgeändert hatte. Lus dem Rabensteine redete er noch mit dem Scharfrichter; fragte, ober recht und ihm bequem säße, und als dieser mit ja antwortete: so betete er mit lauter und fester Stimme: „Dir, o Gott, der du mich als Baker geleitet, durch Lhristum meiner Lrlösung mich ver» sichert, und durch deinen Geist zu güten Gesinnungen erweckt hast, dir empfehle ich meinen Geists Und da lag der Kopf, den auch die Henkersknechte-nicht ohne Thränen-hinlegten. (ssrößtcnthcrls aus den Ephemeriden der Menschheit. Aus L.eonhard und Gertrud, einem Buche für das Volk. (Etwas abgeandert.) ^)ieht den Hut ab, Kinder! und faltet die Hans __— folgt ein Todbett — Audi war bei feinen vier Kindern. Zeine Frau war ihm vor drey Monaten gestorben. Zeine Mutter lag sterbend auf einem Zkrohsacke, — sagte aber zu Rudi: such doch zu Mittag etwas Laub in meine Decke — mich friert. — O Mutter'. ich will gern izk gehen, sobald das Feuer im Dfen verlöscht seyn wird, sagte Rudi. — Die dürrer. Hast du auch noch Holz', Rudi hast du auch noch Holz ? Du kannst izt nicht mebr in den N5ald, von mir und den Kindern weg — o ? ndi, auch ich bin dir zur Last — Rudi. D Mutter, Mutter! sag doch das Nicht — du bist mir nicht zur Last — mein Gott! mein Gott! Könnte ich dir nur auch das, was du n'öthig hast, geben.— Dich dürstet, dich hundert und friert! und klagst nicht! das geht mir «ns Herz, Mutter ! .. »45 Mutter. Gräme dich nicht, Rubi — mek- tie Schmerzen sind, Gottlob! nicht groß, und Gott wird bald helfen — und mein Segen wird dir lohnen, war du mir thust. -- Rudi. S Mutter! o Mutter ich Hab' ja nichts — und du trägst meinen Mangel — o Mutter, o Mutter! » Mutter. Rudi, wenn man feinem Lnde nahe ist, fo braucht man wenig mehr auf der Srde — und was man braucht, giebt der Vater im Himmel! Ach danke ihm, Rudi; Lr stärket mich bei meiner nahen Stunde. Rudi (in Thränen.) Meinest du denn, Mutter, du erholest dich nicht wieder? Mutter. Nein, Rudi, gewiß nicht. — Rudi. D mein Gott! Mutter. Tröste dich, Rudi, ich gehe ins bessere Leben. Rudi, (schluchzend.) D Gott! Mutter. Tröste dich Rudi; du warst die Freude meiner Äugend, und izk bist du der Trost meines Älkers; und nun dank ich Gott — deine Hände werden bald meine Äugen schliessen; dann werde ich zu Gott kommen, und für dich beten; und Gott wird helfen; er wird mich erhören, Und es wird dir wohlgehn ewiglich — denk an mich, Rudi —- Rudi. D Mutter, liebe Mutter! Mutter. Äber izt noch eins, Rudi! Rudil Mas doch, Mutter! Mutter. Ach will dirs sagen, Rudi! ich muß dirs sage»: es liegt mir feit gestern wie ein Stein auf dem Herzen. Rudi. Mas denn, o Mutter! Mutter. Ach sah gestern, daß sich derRu- deli hinter meinem Bett versteckte, und aus feinem Sack gebratene Lrdäpfel aß -- er gab auch Rinderbibl.IH.TH. K 146 —- seinen Geschwistern; und auch die assens verstohlen. — Rudi, diese Erdäpfel sind nicht unser ; sonst hätte sie der Zunge auf den Tisch geworfen, und hätte seinen Geschwistern laut gerufen — ach! er hätte auch mir einen gebracht, wie ers tausendmal machte. — Ls gieng mir allemal ans Her?, wenn er mit etwas aus den Händen zu mir sprang, und so herzlich zu mir sagtet Großmutter-, iß auch!— DRudi, wenn dieser Herzensjunge ein Dieb werden sollte! D Rudi, wie dieser Gedanke mir seit gestern so schwer ausdem Herzen liegt' wo er ist — bring TNtr ihn, ich will mit ihm reden. Rudi. D ich Elender! (er läuft geschwind, sirchl den Rudel», und bringt ihn der Mutter ans Bett. —) Die Mutter setzt sich mühselig und zum letz- tenmale aus; kehrt sich gegen den Knaben; nimmt ihm die beiden Hände in ihre Ltrme; drückt ihn an ihr Herz, senkt das schwache sterbende Haupt hinab auf den Knaben — der Kleine weint laut — „Großmutter, was willst du? Du stirbst doch nicht; Äch stirb doch nicht, Großmutter!" so sagte der Kleine — sie antwortete gebrochen: „Za, Rudel», ich sterbe gewiß bald." „Zesus! ach mein Gott! stirb doch nicht Großmutter!" (sic muß sich wieder legen.) Der Knab' und sein Pater zerflossen fast in Thränen; sie erholte sich aber bald wieder, und . sttgte: es ist mir schon wieder besser, da ich izt liege. Rudel». Du stirbst doch izt nicht mehr, Großmutter ? Mutter. Thuc nicht so, du Lieber! ich sterbe ja g«rn> und ich werde ja dann zu einem liehen Vater kommen / bei dem es mir wohl sepn 147 Wird — bald, bald, Rubeli, werde ich zu ihm kommen. , . . Rudeli. L) wenn du stirbst, ich will mit dir sterben.. . Murren. Nein, Rudeli, du wirst nicht mit mir sterben; du wirst, wills Gott, noch lange leben und brav werden; und wenn einst dein Vater alt und schwach feyn wird, seine Hülfe Und sein Trost seyn — Gelt, Rudeli, du willst ihm danwgern thun, was du kannst, und was ihm Freude macht? Er thut Mir izt auch, was er kann — versprich- Mir! . > . . .. Rude'i. Fa gewiß, Großmutter; ich will recht thun — und folgen. . Mkktter^ Uber, mein Kind! Gott im Himmel, zu dem ich izt bald kommen werde, steh^ alles, was wir thuM Rubeü. Ich weiß wohl, Großmutter. , Mutter. warum hast du denn gestern hinter meinem Bett verstohlen Erdäpfel gegessen? Rudeli. Ach wills nicht mehr thun, Groß- Mutter ! ich wills nicht mehr thun. Verzeih mir doch, Großmutter! Verzeih mir, ö mein Gott! Großmutter! . ^. Murren. Hast du ste genommen, die Erdäpfel? Rubeln (schlucheznd.) — j — j ja! Großmutter! ^ Mutter, wem hast du sie gestohlen? Rubeli. (schluchzend.) — Dem, dem Mau — Maurer. .... ... . . . . . Mutter,. Du mußt izt zum Maurer, und ihn bitten, daß er dir verzeihe.. . Rüde «. Großmutter , um Gotteswillen! ich darf nicht, ich darf Nicht. ... , Mutter. Du mußt 7— daß du's ein andermal nicht mehr thust. Um Gokteswiüen, mein L L Lieber, wenn dich schon hungert, nimm nichts mehr. Gott verläßt niemand; er giebt allemal wieder. L) Rudeli, wenn du schon nichts hast, und nichts zu erwerben weißt, trau auf den liefen Gott, Rudelr.O Großmutter, gewiß, gewiß will ich nicht mehr stehlen. Mucrer. Nun so segne dich denn dekn und ^mein Gott, auf den ich hoffe — er bewahre dich, du Lieber! (sie drückt ihn an ihr 'Herz, weint, und sagt dann weiter:) du mußt izt zum Maurer; sag ihm, daß auch ich ihn um Verzeihung bitte. Rudi! geh mit dem Kiemen, sag, es sey mir leid, daß ich ihm die Lrdäpfel nicht zurückgeben könne ; sag ihm, ich wolle Gott bitten, daß er ihnen ihr übriges segne; und du, Rudi, du wirst ihm einmal einen Tag dafür arbeiten, damit er das Seine wieder erhalte. Und eben da sie redte, klopft der Vogt am Fenster. Die kranke Mutter erkannte den Vogt an seinem Husten, und sagte: D Gott! Rudi — es ist der Bogt — gewiß ist das Brod und die Butter, woraus du mir die letzte Suppe gekocht hast, nicht bezahlt! Rudi. UmGokkeswillen, es ist nichts daran gelegen; ich will ihm arbeiten, in der Srndte schneiden. Murrer. A«r, wenn er wartet. Rudi geht aus der Stube zum Vogt, und die Kranke seufzet Lies, redet bei sich selber, und sagt: seit unserm Handel, *) — Gott verzeihe ihm, dem armen geblendeten Tropf! — ist mir immer ein Stich ins Herz gegangen, wenn ich *) Er harre durch seine Ungerechtigkeit den Radi um ein Srück Landes gebracht. ihn sah; o Gott! und in meiner nahen Stunde muß er noch an mein Fenster kommen und husten ! Ls ist Gottes Hand, — daß ich ihm verzeihe, daß ich den letzten Groll überwinde, daß ich für seine Seele bete. Ach will es Lhun : verleih ihm , Vater im Himmel! verzeih ihm. Sie hörte izt den Vogt laut reden — D Gotter ist zornig. O du armer Audi — um meinetwillen kommst du unter seine Hände — sie sinkt in Ohnmacht. Audeli springt aus der Stube zum Vater. „O Vater, die Großmutter ist todk! " Audi. Herr Aesus! Vogt, ich muß gehen. Vogt. Ja es thut Noth! Ls ist kein Unglück , wenn die alte Hexe einmal todt ist. Audi horte nicht, was er sagte , und war schnell in der Stube. Seine Mutter erholte sich bald wieder; und wie sie die Augen Vfnetc, fragte sie: „Mar er zornig? . Lr will dir gewiß nicht warten 2" ' - Und Airdl antwortete; „es ist nichts weni- gers, was du meinest; es ist etwas Gutes." Die Mutter sieht ihn ernstlich an, und sagt wehmüthig: „redst du die Mahrheik, Audi? oder willst du mich nur sonst so trösten? Mas ist es?" ^ Audi. Der Funker hat mich zum Taglöhner im Kirchbau bestellt; ich habe des Tags 25 Kreuzer und auf ein Fahr Arbeit. Mutter. Asts auch gewiß? Audi. Fa Mutter! ganz gewiß. Mutter. Nun, ich sterbe leichter, Audi! daß du siehst deiner Kinder Hrod. Mein Lude ist mir itzt so leicht! Du bist gut, mein lieber Gott — sey bis an ihr Lude auch ihr guterGott. Glaub nur, Audi, ewig fest: KZ r5? v—-. Je csrdßre Noth, Je näher G^>rt. Audi. Wie sollt ichs vergeben. Mutte?.? Ach will itzt gehen, und dir das Laub in die. Decke holend " Mutter. Das hat nicht Lil. Ls ist, GoH lob! wieder wärmer. Gehe itzt mit dem Kleinen zu Le^nor. — > ' Audi winkt dem Betli aus der Stube; lagt ihm: Berli, gieb auf die Großmutter Lcht. Wenn ihr etwas'begegnet, so fchick» Nendri mir nach. Ach bin bei dem Maurer. ' Da nahm er den Kleinen an dieHand, und gieng mit ihm in die Hütte Lconors. ' Lr war noch bei feiner Arbeit, und Gertrud allein zu Häus , als sie kamen. Diese sah bald, daß der Vater und der Knabe Thränen in den Lugen hatten. „Mas willst du Nachbar Audi, warum weinst du? warum weint Wer Kleine? fragte jie liebreich , und bot dem Kleinen die Hand. D Gertrud! ich bin in einem Unglück. Lbe? du verzeihst mir. Der Andel, haj schon etlichemal aus Hunger von euren Lrdäpteln genommen. Lndlich hats die Großmutter gemerkt, und er hals ihr' bekannt, und schickt uns gleich, dich um Verzeihung zu bitten. Gertrud! sie ist auf dem Lodbett, und bittet dich, daß du uns verzeihest. D Gott wir können ste dir nicht wieder, zurück geben; aber ich will, euch gern dafür arbeiten ; verzeih ui^s! Gertrud. Schweig hievon, Audi! Komm, du lieber Kleiner! versprich mir , daß du niemand nichts mehr nehmen willst; (ste umarmt ihn) du hast eine brave Großmutter. ' Rttdeli. Verzeihe mir, Frau! ich will, weiß Gott nicht mehr stehlen. Gertrud. Mein Kind: Lhue das nicht mehr. Du weißt jetzt noch nicht, wie elend und unglücklich alle Diebe werden. Thu's doch nimmer, Kind! auch wenn dich hungert nicht. Komm lieber zu mir, und wenn ich kann« ich will dir gern etwas geben. Rudi. Mills Gott, soll ihn der Hunger nimmer treiben, Frau! Ach habe jetzt bei dev Kirche zu verdienen. Gertrud. Ach Habs gehört, und es hqt mich von Herzen gefreut. Audi. Hag doch deinem Manne: ich wollte ihm treu und ehrlich arbeiten, früh und spat seyn, und daß ich mir gern die Lrdapfel am Lohn abzielsn lassen wollte. G rtrud. Rede nicht von dem, Audi! Mein Mann hat, Gottlob! jetzt auch für ein Aahr Verdienst, und freut sich gewiß, wenn- euch nur wohlgehk. Äber ich muß mit dir zur alten Mutter, wenn sie so übel ist — Hie steckt dem Kleinen dürres Obst in seinen Hack, und sagt ihm noch einmal: „o Lieber ! nimm doch niemand nichts mehr j« uyd geht dann mit Audi heim. Dieser nimmt noch etwas Laub unter einem Nußbaume , das er auf dem Ofen Lroknen und dann damit seiner Mutter die Decke füllen wist. Gertrud wartet auf ihn ein wenig unter dem Baum; und von da giengen sie geschwind zur kranken Mutter. Gertrud grüßt sie., nimmt ihr die Hand, und weint. Die Kranke sieht sie weinen. „Du weinst, Gertrud! wjr sollten weinen. Hast du uns verziehen?« Gertrud. Du gute Rath r»! Gott wird die Deinigcn für dein gutes Her) belohnen, und für hie Sorge, die du für sie trägst. Rathr». Hast du uns verziehen, Gertrud? Gertrud. Schweig hievon. Könnte ich dei? pe Leiden erleichtern, ich würd' es gern thun. Rarhr». Du bist gut, Gertrud! ich danke dir. Gott wird bald helfen. Rudel»! hast du sie um Perzeihung gebeten? hat sie dirs verziehen? Rlidel». Fa, Großmutter! schau, "wie gut ste ist. (Lr zeigt ihr den Sack voll dürren Obstes.) « Wie ich schlummere, fagke die Großmutter; hast du auch recht um Verzeihung gebeten?« Rudel». Fa Großmutter! Rathr». Und cs ist dir Srnst? Rudel». Gewiß, gewiß, Großmutter! Rarhri. Wie mich ein Schlummer übernimmt ! Ss dunkelt vor meinen Lugen — SW wendet sich hierauf zur Gertrud: ich muß cilen. ., Fch kann fast nicht mehr.., wenn ich Lodt feyn werde,. Ger .. trud.. o gönne diesen Kindern — dann — diesen verlassenen Kindern, daun ,.. und wann auch ein gut Wort... sie sind so verlassen. Sie strekt die Hand aus, die Lugen brechen — „Rudel»! folg ihr — Gertrud. darf ichs hoffen? . . .« Sie entfchummerle , und sie ist nicht mehr aus diesem Schlummer prwacht. Gertrud vermukhete, daß es der Tod fey, und sagt' es Rudi — Wie er jezt, wie der Kleine die Hände zufammenschlagen, und ohne Trost , . . hinsinken; das bin ich nicht im Stande zu beschreiben. Gertrud tröstete den armen Rudi, und sagt? ihm den lezten Wunsch, den di? edle Muts ter geäusfers, und den er in seinem Kammer nicht gehört hatte. — Treuherzig nimmt er ihre Hand -- o Gertrud ! wie mich die Mutter reuet; wie sie so gut war! daß sie noch an das dachtewillst du auch poch an ihre Bitte denken, Gertrud? Gertrud. Ja, Rudi! so viel ich kann, will ich daran denken. Rudi. Gott wird dir's lohnen. Gertrud wandte sich um , sah gen Himmel — o Gott! laß mich die Bitte dieser Frau nie vergessen, sagte ste still bei sich selbst; nimmt den Rudeli und alle seine Geschwister; küßt ste mit warmen Thronen; besorgt die Todte, und geht dann wieder in ihre Hütte. — Leoiior und Gertrud waren jezt wieder in ihrer Hütte, und die Kinder liefen dem Daker und der Mutter entgegen, baten und riesen: Mir wollen doch geschwind unsere Lczgen *) wiederholen! Mutter, komm doch geschwind, daß wir bald fertig seyn. Gertrud. Marum so eifrig heute, ihr Lieben ? Thut es nokh? Rinder. Ja, wir dürfen dann, Mutter, wenn wir es können — mit dem Llbendbrod—- Gelt, Mutter, wir dürfen — du hasts uns gestern versprochen. Mutter, Ich will gern sehn, wie ihr die Lezgen brav könnet. Rinder. Äber wir dürfen dann, Mutter? Mutter. Ja, wenn ihr fertig seyn werdet. ') Da« , was em Kind zu lernen hat, heifit in der Schweizseine Lrzge; soll soviel heissen, als kekzion. Die Kinder freuten sich herzlich, und wiederholten, was sie in der Woche gelernt hatten, geschwind und gut. Da gab die Mutter ihnen ihr Äbendbrod, und zwo Schälchen Milch — sie nahm den Rahm nicht ab davon, denn es war ein Festtag. Und da die Kinder jezt aßen, nahm sie auch das Gritteli an ihre Brust. Aezt, während dem Essen, ist es eineHer- zensfreude der Kinder, sich zu erzählen, wem ein jedes fein Brod geben wolle — ich dem H.uve!i, sagt das eine, ich dem Heinli, das andre , ich der armen Lsse — ein drittes. Keines ißt einen Mundvpll von feinem Brod, keines thut einen Brocken davon in seine Misch — sie aßen alle die Milch ohne Brod — jezt sind sie fertig. — Noch liegt das Brod und das Messer neben der Mutter auf dem Tisch; und Niklas schleicht sich vom Tisch zu ihr hin: „Du giebst mir doch noch einen Mundpoll Brod, Mutter!" Sie antwortet: „ Du hast schon, Niklas!« Niklas. Ach muß cs ja dem Nudclr geben. Mutter. Ach Hab dir's nicht befohlen. Du darfst es essen, wenn du Littst. Niklas. Nein, ich will's nicht essen. Llbef du giebst mir doch noch einen Mundvoll? Mutter. Nein, gewiß nicht. Aiklas. Li — warum nicht? Mutter. Damit du nicht meinst, man müst, se nur, wenn man den Bauch voll hat, und nichts mehr mag, erst dann an die Ärmey den- - ken. — Man muß, wenn man recht chrav feyn will, selber Hunger und Mangel leiden können, wo es Noth thut, dem Lrmen an die Hand zu gehen. Niklas. Aa, Mutter l ists darum ? Mutter. Fa, Kind— aber giebst du es ihm jezt doch ganz? Niklas. Ja, Mutier! gewiß, gewiß. Ach weiß, er hungert entsezlich, und ich mag es wohl erleiden, bis um sechs Uhr, dann essen wir zur Nacht. Mutter. Fa, Niklas — und ich denke, ?r hat daun auch nichts. Niklas. Fa, weiß Gott! er hat dattn gewiß nichts zu Nacht. Murrer. Siehst du, Niklas, ob es nicht der Mühe werkt) sey, sich zu überwinden , und an seinem eigenen Mund etwas zu ersparen, damit man auch dann und wann dem Ärmer» seine so große Noch und Llend leicht machen könne? — Thränen find dem Niklas in den Äugen. Mutter. — Und du, Lise, giebst du deines auch ganz weg? Llsc Fa , gewiß, Mutter. Mutter. — und du, Lve, giebst du auch deines so weg? Lvc. Fa, freilich, Mutter! Mutter. — und du, Fönes? Jones.. Vas denk ich Muttert Mutter. — Nun, das ist brav, Kinder.! Äber wie wollt ihr es jezt auch anstellen? Ls hak alles so seine Hrdnung, und wenn man es noch so recht meint, so kann man eine Sache doch ganz unrecht anstellen? Niklas. Fch will lausen, was ich vermag, und ihn rusen; ich wills nur nicht in Sack stecken, Mutter , daß ers geschwind hat. Laß mich doch jezk gehen, Mutter! Mutter. Mark noch ein wenig, Niklatz ! --- Vu, Lise, wie willst du es machen? Life. Ach will es nicht so machen, wie Niklas. Ach winke den Beteii in eine Scke, und verstecke das Brod unter mein Tuch, und geb's ihm, daß es niemand steht, nicht einmal sein Pater. Mutter. Und du, Lve, wie willst du es machen? Eve. weiß ichs — wie ich den Heinli antreffen werde? Ach werd's ihm geben/ wie's mir dann kommen wird. Mutter. Und du, Aones, du kleiner Schelm ! du lachst; du hast Tücke im Sinn; wie willst du es machen? Jones. — Ans Maul steck ichs ihm, mein "Brod, Mutter! wie du mirs machst, wenn du lustig bist. — Lr muß mir die tfugen zukhun, und das Maul auf — dann leg' ichs ihm zwischen die Zähne. — Lr wird lachen, Mutter, gelt! er wird lachen. Mutter. Das ist alles recht, Kinder! aber ich muß euch doch etwas sagen: ihr müßt das Brod den Kindern still und allein geben, daß es niemand sehe, und man nicht meine, ihr wolltet nach Ruhm Haschen; denn das würde gar unartig seyn. Niklas. Potz kaufend, Mutter! fo muß ich mein Brod auch in Sack thun. Mutter, ^s versteht stch, Niklas! Life. Ach habe mir das wohl eingebildet, Mutter! und sagt' es vorher — ich wollt' es fo machen. Mutter. Du bist immer die allerwitzigste, Life; ich Hab' nur vergessen, dich dafür zu rühmen — du thust alfo wohl, wenn du mich darum mahnst. Life errötheke und schwieg, — Da sagte die Mutter; „Ahr könnt jetzt gehen, Kinder! ----- 157 tlber denkt an das, was ich euch sagte;" da gierigen die Kinder. Niklas läuft und springt, was er vermag, die Straße hinunter zu des Nudelis Haus, Lr trist ihn nicht auf der Gase an. hustet, räuspert sich , ruft ihm — aber er kommt nicht ans Fenster. Niklas jagt zu sich selber; was soll ich jetzt machen ? Kost ich in die Stube ? über ich solls ihm allein geben ; ich will doch gehen, und ihm nur sagen, daß er heraus auf die Gasse kömme. Der Nudeli saß eben mit seinen Geschwistern neben dem offenen Sarge der lieben gestorbenen Großmutter; und der Vater und die Kinder re« defen alle mit Thränen von der großen Treue und Liebe, die ihnen die Mutter in ihrem Leben erzeigt hätte— und der Vater und der Nudelt weinten ob dem letzten Kummer der guten Frau, wegen der Lrdäpsesund versprachen vor dem offenen Sarge der Großmutter ihrem lieben Golk im Himmel, in kiunerNoth, auch wenn sie noch so sehr hungern würden, keinem Menschen mehr etwas zu stehlen. — Niklas öffnet eben die Thüre, sieht die Gestorbene , erschrickt, und läuft wieder aus der Stube. Der Nudi aber, der ihn sah, dachte, Leonor wollt' ihm etwas sagen laHen; läuft dem Knaben nach, und frägt ihn, was er wolle? „Nichts, nichts," antwortete Niklas; „nur mich mit dem Nudeli lustig machen, hätte ich wollen — aber er betet jetzt —" Rudi. Das macht nichts, er ist bald fertig, wenn du zu ihm willst. Niklas. Laß ihn doch auf die Gasse. Rudi. Ls ist ja so kalk aufder Gasse; komm zu ihm in die Stube. Niklas. Fch mag nicht, Nudr; laß ihn nur auf einen Augenblick hinunter. Rudi. Ach mags wohl leiden. Niklas gieng jetzt mit dem Audi bis an die SkubeNlhür, und riefdem Andelr: „komin doch einen Lugenblick mit mir auf die Gaste. wurden. Ach mag letzt nicht. Man nimmt mir sie ja fort, dann.komm ich nicht mehr zu ihr in meinem Leben. Niklas. Nur einen Äugenblick. Audi. Gehe doch einen Äugenblick, und sieh) was er will. Der Pudel» geht zu ihm hinaus. Niklas steckt ihm das Brod in den Zack, und läuft fort. Der 7' udelt ruft ihm nach: „danke doch deinem Vater und deiner Mutter!" Niklas kehrt sich um, und sagt: schweig doch; es muß es niemand wissen ; " und laust wie ein Pfeil um die Hausecke herum. Life aicng indessen allgemach in ihrem Schritk ins obere Dorf zu des Marxen Bereit — er siand eben am Fenster: Life winkt ihm, und er schleicht still aus der Stube zu ihr hinunter. — Llfe. Du, ich Hab dir da Brod. Bereit (streckt zitternd die Hand darnach.) Du bist gut, List! es hungert tnich — aber warum bringst du mir jetzt Brod ? Life. Weil du mir lieb bist, Betel»! wir haben jetzt genug Brod; mein Vater muß die Kirche bauen. Berelr. Meiner auch. List. Aa, aber deiner ist nur Handlanger. Bereit. Das ist gleichviel, wenn'e nur Brod» Hiebt. Life. Habt ihr grossenHunger le den müssen ? Bereit. Äch! Wenns nur ,ezt bester wird.' Life. Ä5as habt ihr zu Mittag gehabt? Betel». Ach darss nicht sagen. Life. Warum nicht? Berel». Wenns ^der Paket vernahm, 'es würde mir — Life. Ach würd es ihm dann grad sagen; du Närrli! Berel» nimmt ein Stück »ungekochte rohe Rüben aus dem Sack, und sagt: " sieh da, Life! Life. Herr Aesirs! sonst nichts? Beeelü Nein, weiß Gott! jezk schon zwei Tage. Life. Und du darfst das niemand sagen, und von niemand nichts heischen? Bereli. Uch Gott! wenn er wüßte, was ich dir jezt gesagt, wie würv's mir gehen! Life. Uber warum sollst du es denn nicht sagen? Betel». Weil das so aussehen würde, als wenn wir betteln wollten; und.das sollen wir nicht. Life. Null, so iß doch das sBrod, eh du wieder hiüein mußt. Betel». Fa, ich muß bald gehn, sonst fehlts— Sr ißt das Brod, und eben ösnek derMarx die Thür. Betel» schluckt erschrocken den ungekäuten Bissen hinunter, und die Life läuft geschwind davon. Eve trist den Heinli unter seiner Hauskhüre an, und sagt ihm: willst du Brod? Aeinli. Aa, wenn du hast, Eve giebk's ihm, er dankt, mid Eve geht wieder fort. Der Jones aber schleicht um Michels Haus herum, bis das Babel, ihn sieht, 16 s HüSüMSSW und herab kommt. « Mas machst du da, Fönes ?», sagt Babel»! Jones. Ich möchte etwas Lustiges machen, Ba°bel»? Bäbe!». Ich will mit dir etwas Lustiges machen. Jones. Menn du thust, was ich will, so geht es gewiß lustig. Babel». Mas denn ? Jones. Thu's Maul auf, und die Äugen zu ! Bäbelr. Fa, du thust mir etwas wüstes ins Maul. Jones. Nein, das thu ich nicht, Babel», gewiß nicht! Babel». Ja, aber wenn du ein Schelm bist! — Ls thuk die Äugen ganz zu; stugs schiebt ihm Jones das Brod in den Mund, und läuft fort. Das Babel» nimmt das Brod aus dem Mund ' und sagt: das war lustig —sttzt nieder und ißt's. . Nun waren Leonors Kinder alle wieder heim. Sie erzählten Vater und Mutter, wie es ihnen gegangen wäre, und waren sehr munter; ^»se allein erzählte wenig, und war nicht munter. Und nun betete Gertrud mit ihren Kindern; gab ihnen ihr Nachtessen, und begleitete sie zur Ruh. — Gertrud und Lemor läsen noch eine Stunde in der Bibel und im Geäech'ouche — und es war ihnen wohl am Äbende des heiligen Fests< Lied Lied einer Schnitterin. ^aß dich schneiden, laß dich schneiden, Lrnte, reif und warm: Zieh, ein Mädchen voller Freuden, Sammlet dich in Lrm! Daß sich Fleiß und Lrbeit nähre - Reift dich Sonnenstrahl; Falle, falle, goldne Lehre! Lilles Mt einmal. Lbends bindt man dich in Garben, Führt dich jauchzend heim: Menschen kamen auch und starben; Älles kehret heim. Linst auch soll ich Schnitkermädchen So dahin, dahin — Und es regt sich wohl kein BlätcheN Daß ich nicht mehr bin. Lber Frühlingsodem wehet Ueber Grab und Flur, Und aus kodker Hülle gehet Schönere Natur. Lmderbibl. M. Th. L Falle, falle, goldne Uehre; Reif vom Sonnenstrahl; Trink zur Letzte diese Zähre, Unter Sang im Thal! Aus dem Helvetischen Aalender. Zezilie und Scharlotte. Ein Gespräch. (ZeMe i6, Scharlokke 14 Fahr alt.) Hl Zezilie. willkommen, Scharlotte! Linen bessern Linfall konntest du unmöglich haben, als den, heut zu mir zu kommen. Scharlotte. Das dacht' ich auch, und deswegen kam ich. wie gehts dir, liebe Zezilie? Zezilie. Siehst ja, wie gesund ich bin; und von innen gewiß nicht weniger, als von aussen. Laß uns nur gleich in den Garten gehen. Ls ist so recht ein Nachmittag, ihn da zu gemessen. Scharlorce. Das ist schon meine Sache. Komm nur! Uber was legtest du da so schnell bei Seite? Darf ichs nicht sehen? Zezklie. Hm! Scharlotte. Nun, ich will nicht weiter fragen. Zezilie. Uber bin ich nicht albern ? Du bist's ja! Hör', cs soll eine kleine Geburtslagsfreude für die L. werden. Sie liebte meine Stickereien. Scharlotte. D laß doch sehen! — Schon so weil fertig? .Zezi-ie. Fa, es sind auch nur noch Z Wochen hin, und sie wohnt 2v Meilen von hier. Scharlotte. Ach, daß es doch so weit ist! - Fezilie. Und wir keine Reise zu ihr machen können! — Uber komm in den Garten. (Sie umfassen sich, und gehen umschlungen zum Garten): Gcharlotte. Sag, liebe Zezilie, wie bist du seit ein Paar Jahren so ganz verändert? Vor zwei Fahren, eh ich von hier reiste, warst du oft so trübe , so finster, und wenn du auch froh in eine Gesellschaft kamst, mengst du doch die meiste Zeit misvergnügt wieder weg; und nun, feit ich wieder hier bin, so oft ich dich sehe, feh ich dich heiter. — Zezilre. — Äch, Scharlotte, wie srohbitt ich, daß du mich verändert findest! Fch war damals unglücklich, sehr unglücklich — und die theure beste L —, die ich so weniger Aufseherin verdiente, war mit mir unglücklich; denn herzlicher kann man von keiner Mutter geliebt werden, als ichs von ihr war. Sie haks ganz gehalten, was ste meiner sterbenden Mutter versprach : ste wolle an mir Mutterliebe beweisen. Gcbarlotte. Fch kenne die Trestiche. — Aber erzähl mir, was dich unglücklich machte. Zezilie. Fa ich erzähle dir, und dir allein — die Geschichte eines Morgens, der mir unvergeßlich bleiben wird. Den t6len Funius, wenn ihr Geburtstag wieder kommt, wirdszwei Fahr. Ss war einer der schönsten Morgen, die ich je gcsehn. Fch wachte früh auf; denn eine recht warme Freude laßt nicht lange schlafen. Der L — Kammer war zu: ich denk also, ste schläft noch: kleide mich geschwind ein wenig an, nehme Meinen Korb, den ein liebes Mädgen mir gestochten, (ste drückt Scharlotten die Hand) und laufe damit nach dem Garten, Mir Rosen zu ho- L 2 len, die ich auf der L — Bette streuen will. Ich laufe hier so die Kirschenallee herunter, nach den zerstreuten Rosenbüschen, die um den Ulmbaum stehen; wie ich aber an den Llusgang der Lllee komme, so sehe ich die L — kniend auf dem Rasen. — Ich will sachte wieder zurück schleichen, aber ste hört mein Geräusch, steht auf, wird mich gewahr, und rufl mich zurück. „Komm, Liebe, du sollst nicht Weggehen; es ist heut so ein Morgen für uns. „ Ich sah, daß ste Thränen in den Äugen hatte ; aber es waren nicht solche Thränen, wie ste ste für Lnkzücken weinen konnte. — Bei aller Kreundlichkeik, mit der ste mich rief, sah ich Kummer in ihrem Gestcht. — Sie faßte mich sanft bei der Hand, und schlug ihren Ärm um meinen Nacken: und so giengen wir die Ällee ein Paarmal auf und ab, ohne daß sie ein Mort redete, und ohne, daß ichs wagte, den Mund aufzuthun. Dann zog ste mich näher an sich, und sah mir ins Gesicht: „Ich habe dir etwas zu sagen, meine Liebe;" ich horchte schon. „Lkwas da- dir weh thun wird. " Mir ward bang. „ Du bist stoltz — Ich zitterte. « Ich konnte mich einer peinlichen Bangigkeit nie erwehren, wenn sie so redete; immer wars dann, als spräche mein Gewissen laut durch ihren Mund. „Haltest du gestern Mittag bei Tisch auf dich Ächt, was da in dir vorgieng? Llls du so große Begierde haltest, die Geschichte der Familie I — zu erzählen, und keiner auf dich hören wollte, so oft du anfingst, und jeder auf die verständigere Wilhelmine hörte, und sich über ihre schöne natürliche Ärk zu erzählen freute hattest du da nicht Ächt, war in dir vorgieng?« -- --- r6s „Du wurdest rokh, Merkest, und ich sah Thränen in deinen Äugen, die du verbergen wolltest: was war das, Liebe?,, Ich seufzte Lief, und schlug die Äugen nieder. — „Gestern Nachmittag, als du deine Zeichnung brachtest, und man sie blos besah, und sie dir ohne Lob wieder zurück gab, wie du da blaß wurdest, und sichtbarer Verdruß dein Gesicht entstelle, — was war das? " — „Den Äbend als du spieltest, und die liebe Wilhelmine sang — du spieltest erbärmlich. Wilhelmine konnte nicht mit dir auskommen, und fragte dich so sanft: ob du lieber aufhören wolltest? erinnre dich, welch Gesicht du ihr machtest, ihr, die? du sonst so lieb hast — sage mir, Liebe, was war das? " „ Endlich, als man Wilhelminen zu spielen bat, und dein Vater dir winkte, du mogtest singen — wie sich da dein Gesicht verfinsterte,wie unleidlich du sangst — sage mir, Liebe, was war das? " Nun zerfloß ich in Thränen, und schluchzte laut: denn ihre Rede hatte mich bis in das Innerste getroffen. — „Äch es war — Stolz:" — sagt' ich mit zitternder Stimme: — nie hat mich etwas tiefer gedemükhigt; als dies Bekenntniß. Wir waren unvermerkt an die Ulme gekommen, und standen hier an RasensiH. — — Sie sah, was in mir vorgieng; drückte mich mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit an sich, und ihre Thränen stoffen aus mein Gesicht herab. Sie schwieg — und sah zum Himmel. Ich fühlte, was dies Äufsehen bedeute; sank auf den Rasen, sie neben mir; und nie, nie vergeß ich dieses Gebeths. — L Z. i66 Als wir weiter gehen wollten, sagt' ich ihr, indem ich mich an sie schloß: „heut sollen Sie die letzten Thränenüber mich geweint haben."— Sie drückte mir die Hand: „grössere Geburts- kagsfreude könntest du mirmicht machen, als du mir durch diesen Vorsatz machst. Gott segne dich zur Ausführung."— Nun ward sie heiter, und ich mit ihr: sie sprach mit mir von der Schönheit des Morgens; mir waxs leicht und wohl — mein Herz war aufgethan, und fähig, feines ganzen Segens zu geniesten. Sie sprach vom Frieden mit uns selbst, und ihre Morte drangen tief ein. Fch fühlte damals zuerst, was es heißt, Frieden mit sich selbst haben. Mir giengen unter dem traulichsten Gespräch hinauf. Mein Vater halte ein kleines Fest veranstaltet, uud wir feierten einen der schönsten Tage. Von diesem Tag bestrebt ich mich der strengsten Aufmerksamkeit auf mich selbst; und seitdem sie mich so von dem traurigen Stolze geheilt, bin ich ungestört froh gewesen; denn itzt beleidigt mich nicht leicht etwas, D die gute L — was bin ich ihr schuldig! Scharlorre. Dank, Dank, liebste Zezilie, für deine Srzählung ! Sollst sehen, auch ich will mich der Aufmerksamkeit auf mich selbst bestreben; auch ich will froh und glücklich werden wie du's bist. Rarolme Rudolphr. Der Held und der Reitknecht. ^in Held, der sich durch manche Schlacht, Vnxch manch verheertes Land desLorbecrH werth gemacht. 167 Floh einstens nach verlohrner Schlacht, Verwundet in den Wald, den Feiüden zu entkommen ; Traf einen Lremiken an, Und ward von diesem frommen Mann Nebst feinem Reitknecht ausgenommen ; Doch beider Tod war nah. „Uch, fing der Reitknecht an: Merd ich denn auch in Himmel kommen ) Ich habe leider nichts gekhan, Uls meines HerrenVieh getreu in Ächt genommen. Ach armer, ich unwürdiger Mann! Mein mein Herr, der muß in Himmel komnien; Denn er, ach, er hak viel gelhan! Lr hat drei Könige bekriegt. In sieben Schlachten stets gesiegt. Und Sachen ausgefuhrt, oie man kaum glauben kann. Der Lremik fah draufden Helden kläglich an, Und sprach: „warum habt ihr denn alles dies gethan? „Marum? Zu meines Namens Lhren, Um meine Länder zu vermehren; Und was ich bin, ein Held zu feyn." H, fiel der Lremik ihm ein, Deswegen mußtet ihr so vieles Blut vergießen? Ich bitt' euch, laßt's euch nicht verdrießen, Ich sag' es euch auf mein Gewissen, Der Reitknecht, als ein schlechter Mann, Hat wirklich mehr, als ihr gethan. ^ Grllert. 168 Betrachtung über einen Vogel. ^)ch beobachtete neulich aus meinem Gartenhause ein Bögelchen, das sich, innigst vergnügt, auf" den Rand eines Blummentopfs unter einem blühenden wohlriechenden Pomeranzenbaum niedersetzke, . Unwissend, daß es in seiner Linsamkeit belauscht wurde, überließ es sich allen den Lm- psindungen, welche Unschuld, Sicherheit, und die wirksame Kraft der schönen Natur in allen empfindsamen Wesen erwecken. Ls sonnte seine Flügel in den erquickenden Stralen der Morgensonne, haschte ein vorbeieilendes Würmchen, hüpfte vor Freuden von einer Seite des Randes aus die andere, und ergötzte sich an noch einem Vogel seiner Llrk, der unten zu seinen Füßen auf dem Lrdboden im zarten Triebsande hakte, und entweder einer seiner Gespielen, oder seiner Kinder oder vielleicht gar seine Gattin seyn mogte. Nach ungefähr fünf Minuten flog es aus diesem engen Bezirke eines kleinen Gartens wieder in die weiten Grenzen der Natur, zu seiner eigentlichen Bestimmung, um unter unzähligen Freuden seyn schuldloses Leben fortzusetzen. Mir kam dieser kurze Aufenthalt des Vogels auf dem Rande einer zerbrechlichen Scherbe, als die kurze Walfahrt der Menschen in diesem Leben, und der weite Raum der ganzen Natur, als die Lwigkeit vor. Wie manche Annehmlichkeit genießen wir schon auf der Scherbe, die wir hier bewohnen! Aber wie viel tausend Herrlichkeiten mehr werden wir dann schmecien, wann sich unsre Seele — r6§> durch einen raschen Flug in die höhern und unermeßlichen Sphären der Ewigkeit erheben wird. , Aus dem Aarnöverischen Magazine. Gespräch zwischen Vater und Sohn. Sohn. >^»/chon wieder Tag und Nacht gleich Ls ist doch kaum ein halbes Jahr, da Sie mit sagten, wir hätten heute das Aequinoktium. *) Der längste und kürzeste Tag kommen doch jährlich nur einmal. Vater. Wunderlicher Knabe! Lbea davon kommt's, daß Tag und Nacht jährlich zweimal gleich sind. Vom kürzesten Tage bis zuin längsten muß solches einmal und vom längsten bis zum kürzesten Tage wieder einmal, und alsd jährlich zweimal erfolgen. Sohn. Bin ich nicht albern gewesen! Ja, wenn ein Jahr nur vom kürzesten bis zum längsten Tage dauerte, so hätten wir auch nur einmal Nachtgleiche. Varer. Laß dir^deine unbedachkstme Frage nicht leid seyn; du kannst etwas sehr Nützliches dabei lernen. Sohn. Was denn? Vater. D as menschliche Lebest hat Glück und Unglück. Wir wollen das Mick als die/ längern, das Unglück hingegen ah die kürzer» *) Dt« Zerr im Jahre, da Tag ,uv Nacht einander völlig gleich sind, indem der eine wie die andere grade nur !2 Stunden dauert. I7v -^ ' — traurigen Tage ansehen; die Zeit aber, die ohne groß Glück und Unglück, d. i. die aufeine sanf-, ke Art in Mer Zufriedenheit hinfließt, als Ae- quinoktialmge betrachten. Diese letzten werden sich also in deinem Leben gegen jene , wie zwei zu eins, verhalten. Grund genug zur dankbaren Anbekung der Vorsehung für das wohltätige Geschenk deines Lebens. Aus dem Hannoverischen Magazine. Andre Sonne. / An einem Erntemorgen. »^vrnjnst du zurück in purpurnem Gewände, Du große Himmelskönigin? Wir saj»en dich von uns nach fernem Lande Au segnen, zu beglücken ziehn, Wirsah'n dir nach und sichten laut: Komm wieder. Laß uns dein Antlitz wieder sehn! Du segnetest die fernen Menschenbrüder, And kstmß zurück auf unser Flehn. Hab tausend Dank, duLdel, Große, Milde, Daß du so treu, so segnend bist; Daß du n deinem schönen Himmelsbilde Lin Abbild achter Liebe giebst! Ha! immer strahlender von reichem Segen Und herrlicher wird dein Gesicht; Das Schnitiervolk zieht singend dir entgegen Und jauchzt ^b deinem neuen Licht. Und hek den Ärm und scheut nicht Schweiß und Mühen; Gesegnet sey lenn Müh und Schweiß, r?r Gesegnet sey, wann ihre Stirnen glühen, Ihr wackrer, unverzagter Fleiß! D du in deiner lichten Halle droben, Beglänze sie mit deinem Mutterblick; Laß sie ihn fühlen, und dich Göhlich loben. Und schmecken ihres Fleisses Glück! Doch, liebe Sonne, wann dein Feuerwagen Zur Mittagsstunde näher fährt, ' Und, ach! die Mukhigen verschmachten, zagen, Mann ihre Kräfte sind verzehrt: Dann hüll' in einen milden Molkenfchleicr Dein hohes strahlendes Gesicht. Llch! sie ertragen dein allmächtig Feuer, Die Hoheit deines Glanzes nicht! Sey minder groß, da es die Ärmen wagen, Menn sie auf ihren Garben ruhn, Ihr Äuge dankend zu dir aufzuschlagen, Und stärken sich zu neuem Thun. Und ziehn sie heim im stillen Llbendschatlen, Dann, Holde, lächle noch einmal, Und lohne du die guten, arbeitmatten Mit einem trauten Lbschiedsstrahl, Aarolme U.udolphr. Ein wahrer Freund ist mehr Werth, als alle Herrlichkeiten dieser Welt. ^)eannot und Lolin lernten beide zu gleicher Zeit lesen bei dem Schulmeister des Dorfs. Ieannor war der Sohn eines Mannes, der mit Mauleseln Handelte; Lolin hingegen verdank« fe sein Daseyn einem braven Uckersmanne. 172 Diese beiden Knaben liebten sich sehr, und nur dann sähe man sie recht vergnügt, wenn sie beisammen waren; mußten sie sich aber trennen, so war's ihnen beiden so bange ums Her), daß man sie oft mit Thränen von einander scheiden sah. Ähre Schuljahre waren beinahe verflossen, als der Schneider dem Ieannor ein Kleid von Sammet mit einer goldgestickten N5este und einen Brief von seinem abwesenden Vater brachte, der zur Überschrift hatte: an den jungen Herrn von Jeannotiere. Colin bewunderte das schöne Kleid, und war ganz und gar nicht eifersüchtig darüber; aber Ieannot machte von der Zeit an ihm ein vornehmes Gesicht, und darüber betrübte sich der gute Zunge. Von nun an gab Jeannot sich gar keine Mühe mehr etwas zu lernen, brachte seine meiste Zeit vor dem Spiegel zu, und sing an — o der Unverständige! alle andere Leute gegen sich gering zu schätzen. Linigc Zeit hernach kam ein Kammerdiener auf Lzckrapost mit einem zweiten Briefe an den jungen Herrn Mark» von Jeannotiere an. Dieser Brief enthielt einen Befehl des Herrn Vaters an den Herrn Sohn, nach Paris zu kommen. Jeannot stieg in die Kutsche, indem er mit vornehmer Miene dem armen Colin die Hand reichte, als wenn er ihm seiner Gnade versichern wollte. Colin fühlte sein Nichts, und weinte. Jean- nor fuhr in aller Pracht seiner neuen Herrlichkeit davon. Du wirst nicht wissen, lieber junger Leser, woher diese plötzliche Veränderung gekommen sey. Höre also an: -------- lTZ Ieannot, der Vater, hatte durch allerlei Ränke in kurzer Zeit unermeßliche Reichkhümer zufammengebrachk. Lr kaufte sich bald darauf in den Lldelstand, und da hieß man ihn dann den Herrn von Feannotiere. - Lr kaufte sich bald daraufeinMarkifat; und von der Zeit an hieß er der Mark» von Aeannoriere. So standen nun die Sachen, da er feinen Sohn, den jungen Mark» von Ieannotiere, zu sich kommen ließ. Lolin lieble seinen erhöhten Freund noch eben fo zärtlich, als zuvor; er schrieb ihm einen Glückwunfchbrief: aber der junge Marki antwortete ihm nicht. Lolin wurde vor Betrübniß darüber krank. Der Marki von Zeannokiere wollte nun feinem Sohne eine glänzende Erziehung geben: aber feine Frau Gemahlin wollte nicht zulasten, daß er Latein lernte; denn, sagte sie, es werden ja Nur französische Opern und Komödien gespielt. Man wollte ihn die Erdbeschreibung lehren: aber die Frau Markisinn sprach: wozu das? Sie Postillions werden den Meg nach feinen Gütern woyl ohne ihn zu finden wissen. Man redete davon, daß er die Geschichte lernen müßte. Posten! antwortete die Frau Markisinn; wenn er nur weiß, was sich an jedem Tage in Paris zuträgt: was braucht er sich um die vergangenen Zeiten und um andere Länder zu bekümmern? Aber ein wenig Arithmetik, meinte der Herr Marki, könnte dem jungen Herrn doch wohl nicht schaden! Gehen Sie! antwortete die Frau Markisinn; wozu wird er denn einen Homme d' Affaires *) . *) Ein Mann, der seines Herrn Hauswesen besor, gen und Rechnung darüber führen mnß. 174 -- halten, wenn er fekne Ausgaben und Einnahmen selbst berechnen soll? Nachdem man auf diese Meise alle andere Wissenschaften durchgegangen war: so ward endlichbeschlossen: der junge Marti sollte — Lanzen lernen. Da stch nun also das junge Herrchen mit nichts, als mit seinem Putze zu beschäftigen hatte: so war es sehr natürlich, daß der Misstggang ihn bald in Ausschweifungen und Laster stürzte. Er verschwendete große Summen , um stch nichtswürdige Vergnügungen zu erkaufen, welche in seiner wüsten Seele nichts als Ueberdruß, Eckel und Reue zurückliesten, indeß seine unverständigen Eltern eben so viel darauf gehen liest fen, um für Leute von Grande gehalten zu werden. Eine junge Miktwe von Stande, die nur wenig Vermögen besaß, faßte dengroßmüthigen Entschluß, die großen Reichkhümer des Herrn von Feannotiere stch stlbst zu-zueignen, und in dieser Äbstchk den jungen Marti zu heurathen. Der Marti und die Markistnn, welche von den Gesinnungen der Dame gegen ihren Sohn unter der Hand benachrichtiget waren, schätzten stch glücklich, mit einer so vornehmen Familie in Verbindung zu gerathen, und nahmen den Vorschlag mit beiden Händen an. Schon war der Tag zur Hochzeit festgesetzt, schon nahm der junge Marti die Gluckwünschun- aen bei feiner künftigen Gemahlin an: als plötzlich der Kammerdiener seiner Frau Mutter ganz ausser Äkhem ins Zimmer trat. Mas giebts? rief ihm verjünge Marti entgegen. Etwas, antrborteke der Kammerdiener, was Sie stch wohl nicht haben träumen lasten. Die - ,75 Gerichksbedienten leeren das Haus ihres Herr» Paters aus. Die Gläubiger bemächtigen sich aller seiner Habfeligkeiten, und man spricht sogar vom Gefängniß. Ach für mei» Theil eile zu^ rück, um mich für meine Dienste bezahlt zu machen. Ach muß doch sehen, fagte der junge Marti, was das ist, wovon der Kerl^da träumt. Aa, gehen Sie, erwiedeöte die Dame, und fetzen Sie den unverschämten Kerlen die Köpfe zurecht. Geschwind Marti! Der Marti lief, kam an, und fand, daß fein Vater schon in,Verhaft genommen war. Äl- le Bedienten waren schon davon gelaufen, und hakten, so viel sie konnten, mit sich genommen. Lr fand feine Mutter ganz allein, ohne Beistand, ohne Trost, weinend über ihre vorige Thor- heiten und über ihr jetziges Llend. Verzweifeln Sie nicht, rief ihr der junge Marti zu; meine Braut liebt mich unaussprechlich. Sie ist großmüthig, und wird ihnen mit ihrem Vermögen beifpringen. Ach eile sie herzuführen. Lr gieng; aber wie erstaunt er, da dir falsche Geliebte ihn folgendermaßen empsteng: ,jMie, Herr Marti, sindSie's? Mas wollen Sie hier? Asts recht, feine Mutter fc im Stiche zu lassen? Geschwind kehren Sie witder zurück! Sagen Sie ihr, daß ich ihr immer roch recht gut bin; daß ich eine Kammerfrau nöchig habe, und daß ich sie allen andern vorziehen wer>e." Der Marti stand wie versteinert da; mit dem bittersten Unwillen blickt' er auf sie herab, verließ sie, und eilte nach denen, welche feiies Paters Vermögen hatten verzehren helfen, rnd die er deswegen für die wärmsten Freunde ner Familie hielt. Diese empfangen ihn mit erzwungener Höflichkeit, versprachen ihm zu dienen, ließen ihn aber leer wieder von sich gehn. Linige Zeit nachher schienen sie ihn gar nicht mehr zu kennen. Der Zustand des armen Markis war jetzt der kläglichste von der Welk. Ahne Mittel und ohne alie Geschicklichkeit sich seinen Unterhalt zu erwerben, was sollt' er anfangen? Indes er eines Tages ganz verzweistungsvoll herumirrt, sieht er einen alten schwerbepackten Reisewagen, mit ledernen Vorhängen, langsam herbeirvllen, und hinter ihm vier eben so schwer beladene Lastwagen. In der alten Reisekutsche saß ein junger und grob gekleideter Mann, mit einem runden frischen Gesichte, aus welchem Gefälligkeit und Freude strahlten. Sein kleines braunes Weibchen, eben so grob gekleidet, als er, saß neben ihm. Der Zug gieng langsam genug, um dem reiserden Manne Zeit zu lassen, den sthwcrmuths- volley Marki mit Gemächlichkeit zu betrachten. Himmel!" rief er plötzlich aus, „ was seh ich? Ist das nicht Ieannor? Ja, wahrhaftig, er ists, er ists!" Mit diesen Worten khak der kleine runde MEN einen Saz aus dem Wagen, und hreng seinjm alten Freunde schon am Halse, ehe dieser noch einmal Zeit gehabt hatte, ihm recht ins Ge- flchchu sehn. -Iezk erkannte er ihn; es war — Colin Lhrünen derReue und der Scham benezten seinGe- stch/; er war unfähig, ein Wort hervorzubringen.- > Du bist mir untreu worden, sagte Coün; abch sey du immer großer Herr, so viel du willst, ich werde dich dennoch immer lieb behalten. Jean- - l77 Jeannot, gerührt und beschämt, erzählt ihm einen Theil seiner Geschichte unter unaufhörlichem Schluchzen. Komm, Närrchen, sagte Lolin, im Gast- Hose sollst du mir das übrige erzählen. Umarme mein kleines Weibchen; wir speisen diesen Mittag zusammen. Ulle drei gehen jezt zu Fuß voran; das Ge- päcke folget ihnen nach. . Wem gehört denn alle die Bagage, fragte Jeannot? Ist sie die Ahrige? „ Ha, erwiederte Lolin; alles mein und meiner Frau. Mir kommen so eben aus der Provinz. Ach bin der Vorsteher einer großen Schmelzhütte. " „Ach habe die Tochter eines reichen Kaufmanns geheirathet; wir arbeiten viel und Gott segnet uns. Mir haben unsre Urt zu leben nicht geändert, sind glücklich, und wollen gern un- serm Freunde Jeannot Helsen." „Uber du mußt nicht mehr Markt seyn; hörst du? Glaube mir, ein wahrer Freund ist mehr werth, als alle Herrlichkeit dieser Melt." „ Du sollst mit mir nach unserm Vaterlande ziehen; da will ich dich mein Handwerk lehren, welches nicht schwer zu lernen ist. Dann sollst du mein Gehülse werden, und wir wollen in dem Minkel der Srde, den wir bewohnen, recht froh mit einander leben." Jeannot war ausser sich; er fühlte eins ums andere Schmerz und Freude, Zärtlichkeit und Schaam; und sagte zu stch selbst: „Ulle meine Freunde aus der sogenannten schönen Mell haben mich im Stiche gelassen ,und dieser Lolin, den ich Unverständiger verachtete, kömmt nun allein, mir zu helfen. Welche Let-re für die Zukunft!" Rindermdl. III.Th" M - . L78 Colin merkte, daß das Schiksal des Vaters feinem Freunde auf dem Herren lag, und sagte daher: „ Für deine Mutter soll gleich gesorgt werden; und was deinen Herrn Papa betrist, fo verstehe ich ein wenig von Rechtshändeln, und ich mache mich anheischig, ihn aus seinem Gefängnisse zu befreien." Wirklich kam er bald damit zu Stande, ihn aus den Händen seiner Gläubiger zu erlösen. Ieannot begleitete ihn darauf, nebst seinen Hltcrn, in ihr gemeinschaftliches Vaterland: ihre Titel liessen sie zurück, und fingen an ihr voriger Gewerbe zu treiben. . Ieannor heirathete Colins Schwester, die von eben so zufriedener Gemüthsart war, und eben so einfache Sitten hatte, als ihr Bruder. Nothwendig mußte sie also ihren Gatten glücklich machen. Hltern und Sohn waren nunmehr überzeugt, daß das Glück der Menschen nicht in Eitelkeit, sondern in einem mäßigen, arbeitsamen und tugendhaften Leben bestehe. Wohl dem jungen Menschen, der dies frühzeitig aus ihrem Beyspiele lernt! Nach dem Französischen de« Herrn von Voltaire. Ueber die Sparsamkeit der Natur. ^4-uf daß nichts umkomme. Shnfehlbar ist dieser Grundfaz eine von den unzählbaren Absichten gewesen, die der Schöpfer bei der Hinrichtung der Welt vor Äugen hatte. In lausend Fällen offenbaret sich die Spar« famkeik der Natur. Hs ist nichts so geringe - » 7 - nichts so abgenutzt, was in dem großen Reiche Gottes nicht noch zu irgend etwas gut wäre. Ach ward an einen von Tannenhohe verfertigten und schon etliche Fahre gebrauchten Nelkenstabe gewahr, daß seine ganz graue und mürbe gewordene Oberfläche an vielen Orten, bis aufdas durchscheinende frischere Holz, benagt war. Andern ich über die Ursache dieser Wirkung nachsann, sah ich eine Wespe, die um den Stock herumflakterte. Ach wollte fle forkscheuchen; aber alsobald fiel mir ein, daß einst Äearrmur *) den Wespe» an den Fensterrahmen ihr Kunststück abgesehen, wie ste von diesem mürben Holzspänchen die Materie zum Bau ihrer Nester bereiten. Ach ließ ste also gänzlich ungestört, und ste machte mir die Freude, ihre Ärbeik vor meinen Lugen forkzusezen. An der Zeit von einer halben Minute hatte ste an mehr als einem Orte verschiedene Stelle» des Holzes benagt, und nachdem ste diese säubern Spänchen in ihrem Munde gesammelt, flog ste davon. T>ie graue, lvschpapierartige Hülle als-, womit diese Ansekken, auch grössere Hornisten, ihre Nester umgeben, und woraus ste selbst auch ihre Zellen bereiten, ist alles von solchem, dem Moder nahen Holze verfertiget, das ste mit einem klebrigten Safte, den ste bei sich haben, eben so künstlich, als der Papiermüller, zu einem für ste so brauchbaren Gewebe machen. Nachdem die Farbe des Holzes, oder der Baumrinde beschaffen ist, nachdem fallen auch ihre Nester aus. Ach habe große Horniffennester gesehen, die von hell, und dunkelbraunen Bastei M L Eia -Kana, oer -re Hatu* fleißig beo-achtüe» Igo mit wellenförmiger Schatkirung fo artig gebauek waren, daß es jeden Zuschauer in Verwunderung scZte. Mas also der Mensch nicht mehr nutzen kann, das braucht die Natur oft noch zu großen Absichten, und hat es ganzen Familien von Geschöpfen Gottes zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse angewiesen — auf daß nichts uinkomme. Aus dem Aamiöverifchen . Magazine. Die muthige Freundschaft. ^)wei Reisende, der Line ein Spanier, der Andre ein Franzose, hatten beide das Unglück gehabt, in die Sklaverei zu Algier zu gerakhen. Der Lrste hieß Antonio, Roger der lindere. Zufälliger Meise wurden beide zu einerlei Arbeiten gebraucht. Freundschaft iß eine gute Trösterin der Unglücklichen. Antonio und Roger waren durch die engsten Bande derselben verknüpft, und ge- nossen in der traurigsten Lage ihrer ganzen Süßigkeit. Sie klagten sich einander ihre Noth, und trösteten sich wechselsweise. Sie unterhielten sich während der Arbeit von ihren beiderseitigen Familien , von ihrem Vaterlande, und von der Freude, die sie empfinden würden, wenn sie jemals das Glück haben sollten, wieder frei zu werden. Dann weinte jeder seinen Schmerz über ihr gegenwärtiges Llend an des Andern Busen aus, und die Lrleichkerung, die fie darnach fühlten, machte sie stark genug, ihre Ketten und die müh- seligen Arbeiten, die man ihnen auferlegte, mit Geduld zu ertragen. Sie arbeiteten aber an der Anlegung eines Megcs, der durch felsichkes Gebürge geführt werden sollte. Lines Tages hielt der Spanier in feiner Arbeit ein; ließ feine ermatteten Arme sinken,und warf einen aufmerksamen Blick nach dem Meere hin. Plötzlich siel er feinem Freunde um den Hals und rief mit Lntzücken aus: « siehst du. Lieber, dort am fernen Horizonte ein Schis erscheinen ? „ Rocfer sähe hin, nahm das Schis in der Ferne wahr, konnte aber noch nicht begreifen, warum fein Freund darüber so ausser sich vor Freuden war. Lr fragte ihn also darum, und Antonio antwortete: Dieses Schis ist hoffentlich ein krisiliches. Nach feinem Laufe zu fchlieffen, wird es nahe bei dieser Küsie vorveisegeln, und aller Wahrscheinlichkeit nach, hier nicht vor Anker gehn. Roger. Nun? Antonio. Meün es nun dieser Küsie gegenüber feyn wird: so siürtzen wir uns von dieser Felscnspitze hinab ins Meer, schwimmen nach dem Schiffe hin, und dann, du Theurer, dann hat unser Llend ein Lnde! Mir werden frei scnn, und in Kurzem Fünfer Vaterland, unsre Llkern, unsre Freunde Wiedersehen. — Hier siürtzte er sich seinem Freunde abermals in die Arme, und benetzte mit Freuden- thräncn seine Mangen. Aber Roger stimmte nicht in sein Lntzü- cken ein. Lr sagte nur: «Wenn du dich retten kannst, mein Lieber, so werde ich mein eigenes Elend künftig ruhiger «tragen! „ Antonio. Wie meinst du das, Roger? Roger. Ich selbst werde dich nicht begleiten können; werde allein Zurückbleiben müssen. Antonio. Ich verstehe dich nicht. Roger. wie könnt ich mit dir hinabspringen, da ich niemals zu schwimmen gelernt habe ? Antonio. So Hab' ichs gelernt! Ln meinem Gürtel sollst du dich halten. Die allgewaltige Freundschaft wird meine Nerven stärken; ich werde dich und mich auf der Oberfläche des Wassers zu erhalten im Stande seyn. Rogen. Das wirst du nicht. Unmöglich kann ich zugeben, daß du dich der augenscheinlichsten Lebensgefahr aussezest. Antonio. Gesezk nun auch, ich unterläge der Größe unserer kühnen Unternehmung: ists dann nicht besser, wir sterben beide in einem Lugenblicke, als daß der Sine im Elende zurück- -leibt, und daß dem Ändern durch die stäke Erinnerung daran sein ganzes Leben verbittert werde. — Über wozu diese ängstlichen Besorgnisse? Unsere Freundschaft wird, wie gesagt. Mich stärken, wird mich fähig machen, mit meinen wohlgeübken Kräften Wunder zu thun. Lber ich merke, daß unsere Henker uns beobachten; wir müssen uns trennen. Lieber; adieu! wenn das Schiff nahe genug ist, bin ich wieder bei dir. Mit diesen Worten verließ er ihn. Sein Freund fühlte die heftigsten Gemüths- bewegungen. Liebe zur Freiheit, und sehnsuchtsvolles Perlangen, seine Eltern wieder zu sehen, riechen ihm, das großmülhige Lnerbietcn seines Freundes anzuuehmen. Lber der zGedavke an die gedoppelte Lebensgefahr, die derselbe zu feiner Rettung übernehmen müßte, machte ihn schaudern. „Nein, nein, sagt' er endlich zu sich selbst, — und wäre deine Drangsal noch einmal so groß, als sie wirklich ist, und wäre auch alle Hofnung, aus diesen Ketten erlöset zu werden, auf immer verschwunden: fo sollst du doch nicht zugeben, daß dein Freund um deinetwillen fein edles Leben wage. " "Antonio werde glücklich, wie er es zu feyn verdient. Ich will bleiben, will leiden bis der Tod meinem unglücklichen Leben einende machen wird. „ Ho AoAer. Indes durchschnit das herannahende Schis mit günstigem Winde die Wellen, und nach einigen Stunden war es dem Orte, wo die beiden Freunde ihre Sklavenarbeit verrichteten, meist gegen über. Antonio bemerkte es; zum Glück hatte« feine Harken Lufsehcr sich etwas entfernt; er nützte diesen Lugenblick, stog zu seinem Freunde und sprach: " Iezt, lieber Roofer- ist es Zeit! deine Hand und dann auf immer fort von diefer verhaßten Küste! A.oAer. Nein, mein Freund; nie werde ich mich entschliefsen, in dein großmüthiges Ln- erbielen zu willigen. Luf, Bester- rette dich allein, und erinnere dich in glücklichen Stunden an unsere Freundschaft! Mit diefen Worten siel er dem Antonio in die Lrme, und vergoß einen Strom von Thrä- nen. Antonio. Du weinst, Roofer? Nicht Thrä- nen, Muth und geschwinde Lntschliesfung haben wir nökhig. Widerseze dich nicht länger. Noch ein Paar Minuten, und wir sind auf immer verloren. Wähle, Freund: entweder laß dich von mir führen, oder ich stürze mich vor deinen Äugen von diesem Felsen in die tiefe Kluft hinab^ um meinem Leben ein Ende zu machen. Rocfer wirft sich ihm zu Füßen; will noch einmal ihm Vorstellungen machen; aber Antonio blickt zärtlich auf ihn nieder, hebt ihn auf, umschlingt ihn mit seinem Arm, erreicht in vollem Laufe den Gipfel des Berges, und stürzt sich getrost mit ihm hinab in die schäumenden Wogen. Beide gehen zu Grunde, bald aber erscheint der Spanier wieder auf der Oberfläche, und mit ihm sein Freund, den er im Herab- fpringen beschworen hatte, stch fest an feinem Gürtel zu halten. Anronio raft alle feine Kräfte zusammen, und arbeitet mit unglaublicher Anstrengung dem Schiffe entgegen. Zum Glück bemerkt man den Vorfall auf dem Schiffe, doch ohne zu wissen, was er zu 'bedeuten habe. Aber auch den Aufsehern der beiden Entronnenen bleibt ihre Flucht nicht verborgen. Sie springen plötzlich in ein Book um die Flüchtlinge wieder einzuholen. Antonio bemerkt die Gefahr, und verdoppelt sein Bestreben, den Nacheilenden zu entgegen. Auch Aotter hat stch um gesehen, und da er an derMöglichkeit den Nacheilenden zu entrinnen verzweifelt: so ruft er seinem Freunde zu: "Rette dich lieber; ich erschwere dir deine Arbeit! „ Mit diesen Worten läßt er den Gürtel fahren, und sinkt hinab in den Abgrund des Meers. Antonio ihm nach, ergreift ihn, da er eben ----- ' - 185 den Geist aufgeben will, und beide bleiben eine Zeiklang unsichtbar. Das nacheilende Book hält an, ungewiß, wo die beiden Schwimmer geblieben sind. UnterdeF hakte man auch von dem Schiffe ein Book ausgesetzt, und ruderke heran. Nach eruer kurzen Zeit erscheint der Spanier wieder mik seiner geliebten Beute auf den Mellen , und diejenigen, welche zu feiner Rettung abgesandt waren, eilen um desto mehr, ste zu erreichen. Über nun sind Antomo's Kräfte ganz erschöpft. Sr hört, daß man aus dem Boote ihm zurufk, faßt noch einmal Mukh, kämpft, ermattet von neuem, und ist so eben im Begrif zu versinken, als das Book herbeischwankk, und ein hilfreicher Ärm seinen und seines Freundes Untergang verhindert. Man zieht beide über Bord — V.o^er als einen schon Verschiedenen, Antonio als einen, der so eben verscheiden will, und in dem nur noch so viel Leben ist, daß er ausrufen kann: helft meinem Freunde, ich sterbe! Mit diesen Morten fiel er ohnmächtig nieder. Man sucht beiden zu helfen. Dörfer kehrt zuerst ins Leben zurück r aber wie groß war sein Schrecken, da er den, der ihm das Leben erhalten hakte, erblaßt zu seinen Füßen liegen sah! Lr stürzt sich auf den erstarrten Leib des Geliebten, und erfüllt die Luft mit seinen Wehklagen. Der gütige Himmel erbarmte sich seines Jammers, und neue Lebenskraft sing an, sich in dem erblaßten Körper des Sdlen zu regen, der mik feiner Großmuth stch hingcopfert hatte für seinen Freund. i86 Antonio thak einen Seufzer , und Rogtt erhob ein lautes Freudengeschrei. Man verdoppelte seine Bemühung mit Reiben und Erwärmen, bis der Erstarrte endlich wieder seine Äugen vfnete. Seine Blicke suchten Roger; sie fanden ihn, und dieser erfreuliche Änblick,vollendete seine Miederkehr ins Leben. ! Beide hielten einander fest umschlungen, und benetzten Liner des Ändern Ängesicht mit fußen Freudenthränen. So langten sie bei dem Schiffe an. Ähre tugendhafte Freundschaft flößte den härtesten Matrosen Lhrfurcht ein. Man beeiferte sich um die Mette, ihnen zu dienen; und in kurzer Zeit waren beide völlig wiederhergeflellk. Beide kamen nach einer glücklichen Fahrt ge-- lund und wohlbehalten in ihrem Bakerlande an, der Spanier zu Radix, der Franzose zu Bour- deaur. Ihre Trennung war die schmerzlichste, aber verminderte im geringsten nicht ihre gegenseitige Zärtlichkeit. Sie blieben die treusten, innigsten Freunde dis in den Tod, und ersetzten, so lange sie lebten, das Vergnügen eines persönlichen Umganges, durch einen liebevollen herzlichen Briefwechsel. Nach dem Französischen des Zerr» d' Arnaud. Betrachtung bei einem Bache. »Vdurmelnder Bach! deine unzählige Rröm- mungcn sollen mir heute nicht ohne Nutzen in die Äugen fallen. F ----- 187 Woher kommts doch, daß du deinen Lauf «ichk in gerader Linie fortsetzest ? — Der erste kleine Anstoß gab dir ohne Zweifel eine unmerkliche scharfe Richtung; diese verursachte an dem gegenseitigen Ufer einen stärkern Stoß, und beförderte endlich das unaufhörliche Zikzak, das du in deinem Wege bildest. < Hüte dich, murmelst du mir also gleichsam zu, vor der ersten auch nur geringen Abweichung von dem graden Wege der Tugend. Lin einziger Fehltritt zieht in der Folge unzählige Krümmungen nach stch, die endlich gar rncht wieder ins Gleiche können gebracht werden. Aus dem Hamröverischerr Magazine. Henriette. Eine Kindergeschichte. ^^enrierre war ein kleines Mädchen von 8 Jahren, weder vorzüglich schön, noch von reichen Lltern geboren, aber von sehr zufriedenem und fröhlichen Geiste, und von sehr gutem Herzen. Alles Schöne, was in des lieben Gottes Melk verbreitet liegt, sah das gute Mädchen als sein Ligenthum an; aber keine Kreude war ihm schmackhaft, die es nicht mit irgend einer andern Seele Lheilcn konnte. Nicht weit von ihrem väterlichen Gütchen — es war auf dem Lande, lebte ein sehr reicher Beamte, der vier Kinder hatte. Das Aelteste davon, eine Tochter, war ein Fahr älter, und die andern drei, jünger als Henriette. Sie hatte lange davon gehört, daß diese Kinder zwar alles, was man gewöhnlich zu den Be- 188 quemlichkekten des Lebens rechnet, im größte» Ueberflusfe hätten, dabei aber so traurige, verdrießliche, übellaunige kleine Geschöpfe wären, daß alle ihre Gespielen sich nachgerade von ihnen entfernt, und selbst verschiedene Hofmeister und Hofmeisterinnen darum ihren Llbschied genommen hätten. Henriette, die, wie gefagt, so gern überall die Freude verbreiten mogle, die sie selbst empfand, und so etwas gar nicht begreifen konnte, bat ihren Vater so inständig, ihr doch Eingang bei diesen Kmdern zu verschaffen, daß er sich endlich die Lrlaubniß dazu von dem Ämtmann ausbak. Der Ämtmann war so unglücklich, seit einigen Fahren keine Frau mehr zu haben, und seine vielen Geschäfte hielten ihn ab, sich um die Erziehung seiner Kinder, wie ers gern gewollt, zu bekümmern. Wie traurigwars also, daß er, so oft erbet der Mahlzeit, oder in irgend einer andern müßt- f gen Stunde, sich bei fernen Kindern zu erholen dachte, nichts als verdrießliche störrische Gesichter sah, und nichts als ewige Zänkereien hören und schlichten mußte! Er suchte diesem Nebel manchmal durch Geschenke neuer und kostbarer Spielsachen abzuhelfen : aber zu seinem noch größeren Misvergnüaen wurden diese die mehrste Zeit nur die Veranlassung neuer Zänkereien. So gewiß ists, daß kostbare Sachen keine Freude geben können, wenn das Herz nicht ist, wie es soll! Er nahm das Ltnerbieten von Henriettens ,Vater mit Freuden an, Lheils weil sich alle Gespielen seiner Kinder von seinem Hause wegge- wöhnk, und Lheils weil er schon von dem kleinen fröhlichen Mädchen auf der Nachbarschaft gehört hatte, das bei feinem trocknen Butkerbrod und m seinem Röckchen von Leinewand sd glücklich war, und ihren Lltern, und allen, die es kannten, so viel Freude machte. Ls war an einem herrlichen Sommerabend, als sie zum erstenmal hingieng. Der Anblick des weiten Hofraums, der prächtigen Gebäude, u. s w. hätte sie stutzen machen können, wenn sie für so was Äugen gehabt hätte; aber sie erlte nur dem Garten zu, wo sie am liebsten war, und wo sie die Kinder am ersten zu finden dachte. Sie irrte sich; sie waren alle viere: zwei Knaben und zwei Mädchen, in einem großen Saal beisammen. ' Man führte sie hinein, und hier hätte das Anfchauen so vieler kostbaren Spielsachen sehr leicht ihre ganze Aufmerksamkeit fesseln können, wenn ihre Seele nicht weit stärker durch denÄn- blick der vier kleinen übellaunigen Mesen getroffen worden wäre, davon das eine in diesem, das andere in jenem Minkel faß; daß eine noch weinte, das andere eben die letzten verdrießlichen Morte zwischen den Zähneri murmelte — und die alle gelb und bleich und mager wie der abgehärmte Neid ausfahen. Sie blieb still stehen, bis die Äelteste endlich sich so viel zu fassen vermogte, daß sie sie beider Hand nahm, und zu den andern führte, die sie denn mit so schlechter Manier, als cs bei übler Laune immerzu seyn pstegk, bewillkommten. Ls gehörte so viele natürliche Freundlichkeit dazu, als Henriette befaß, um nicht von einer so übel gestimmten Gesellschaft angesteckk zu werden; — aber sie faßte stcif bald, und indem man ihr einen schönen kleinen vierfitzigen Magen, der eben vor der Garkenthüre stand, zum Bewundern ryo - aewiesen hatte, sagte sie gleich mit ihrer gewöho- tichen Lebhaftigkeit: „Lr ist schön: aber warum fetzen wir un» nicht hinein? " Ob der Ton, womit fle dies sagte, schon fähig war, alles zu beleben und in eine andere Laune umzuschmelzen, weiß ich nicht; genug, bei dem ersten Schrit, den Henriette Lhat, sprang jeder aus seinem Winkel und an den Wagen. Sobald es indeß an's Linsteigen gehen sollte, so hieß es schon, „o ich muß fahren!" und „nein, du hast erst gefahren!" und „nein, so will ich gar nicht mit dabei senn," und ähnliche Reden, die man aus dem Wunde ungezogener Kinder zu hören pflegt. Hcnrrerrc hörte kaum die ersten Töne dieser übelstimmigen Musik, als sie plötzlich einflel, „» darf ich nicht heute der Führer von allen vieren sepn, da es das erstemal ist, daß ich hier bin?" — Umsonst bat die Äeltste sie, daß fle doch lieber in den Wagen einsttzen sollte — denn so viel Gegenhöflichkeit hatte Henriettens Llnerbieten schon gewirkt, — fle blieb dabei, „dies macht ihr mehr Vergnügen, und fle könnten ja nachher Lauschen." Dies geschah auch, und zwar ohne sonderlichen Zank, allein es ereignet sich bald eine Gelegenheit, die alles beinahe verdorben hätte, aber Henriettens gute Laune stellte auch hier da- Gleichgewicht wieder her. Der Wagen lief, durch die Schuld des izk- gen Führers zu nah an eine Hecke, und nun lag er! Da lag Ämn das eine hier, und streckte die kleinen bloßen Beine aus dem Rocke in die Höhe, das andre hatte Mund und Nase voll Sand^ alles aber schallt und brummte mit dem Führer, ----- r-r und jeder gab den leichten Schaden, den er gelitten hatte, für etwas großes aus, damit er nur Recht zu zanken hätte. Henriette allein wollte sich todt lachen über den Änblick, und statt, daß keins von den Verdrießlichen eine Hand aussireckte, um den andern zu Helsen, so halfsie allen, eins nach dem anders, in die Höhe, und dies wirkte denn so viel, daß man sich wenigstens in etwas besänftigte. Mas am meisten zu dieser Beschämung beitrug, war, daß man, als alles wieder in der Höhe war, sah, daß gerade Henriette, die allein gelacht hatte, eine Beule an den Kopf bekommen, weil sie damit an einen Baum geschlagen war. Fern aber, daß sie zugab, -aß man sic viel darüber beklagte, oder ihr was aufzulegen holte , bat sie: nicht daran zu denken; packte eins nach dem andern wieder in den Magen, unversicherte, sie verlange weiter nichts dafür, als daß man ihr noch einmal erlaubte, der Führer davon zu seyn. Dies ward einstimmig von allen fo lange »erstattet, bis das Fuhrwerk mit andern Zeitvertreiben abwechfelte. Und von nun an war Henriette fo in all' ihre Spiele verwebt, und hatte sich schon so viel kleine Rechte in dem Zirkel erworben, daß sie nur sprechen durfte, und es geschah. So gewiß ists, daß Gutherzigkeit, mit Verstand und guter Haune begleitet, die Ächtung von selbst erhält, die man dem, dersiefodert, versagt Dieser Übend war der glücklichste, den die Schönauischen Kinder (so hieß derÄmtmann) seit ihrer Mutter Tode jemals gehabt hatten. Man trennte sich ungern, und bat, bald wieder z» kommen. Da indeß Tugend kein Werk eines Augenblicks, sondern eine lange Gewohnheit ist: so mußte auch Henriette noch manche Rückkehr jener eingewurzelten Übeln Laune bei diesen armen Kindern mit ansehn. Nicht, daß es ihnen durchaus an Gutherzigkeit, oder an Fähigkeit sich zu freuen, gefehlt hatte: aber das Unkraut war zu groß geworden, und hatte den guten Saamen,aus Mangel einer geschickten Hand zumUusgälen, fast gänzlich erstickt. Lines Abends insonderheit, als es so arg damit war, daß kein Scherz, kein Spott, keine gutherzige Bitte was vermogte, — mußte Henriette zu der Drohung greifen, ste wollte sie von Stund an verlaßen, und nie wieder in ihre Gesellschaft kommen. Db sie es wirklich willens war, oder im Stande gewesen, es zu halten, weiß ich nicht; aber der ernste Ton, womit sie es sagte, und den sie bisher nicht an ihr kannten, machte so viel Lindruck auf die Kleinen, daß sie ihre Zänkerei für diesmal aufgaben, und gemeinschaftliche Sache machten, sie von ihrem Borsatze durch Bitten und Gelobungen zurück zu bringen. Sie war ihnen auch wirklich nun einmal so sehr nothwendig und so unentbehrlich zu ihrem Vergnügen geworden, daß der Tag ihnen wie drei andre lang dünckke, an dem sie nicht wenigstens aus ein Paar Stunden zu ihnen kam. Damit man sich aber nicht wundre, wie sie zu ihrem Vergnügen so aus die Nachbarschaft gehen konnte, da sie das einzige Kind ihrer Lltern war, das sie gern um sich hatten, und das sie nicht blos zum müßigen Spiele erzogen: so muß man misten, daß.Hcnrreere auch nicht immer nur die tändelnde Gespielin der Schönaus war. Dieses Dieses Leben würde sie nicht lange dort gefesselt haben, da sie schon von ihrer Mutter zu allerlei kleinen Geschäften gewöhnt war, die ihr ebensoviel Freude machten, als sie sich und andern dadurch nützlich ward. Sie konnte stricken, ein wenig nähen, etwas zeichnen, allerlei Sachen artig aus Papier nachschneiden, kleine unschuldige fröhliche Lieder singen, u. d. gl. Am allerbereitesten aber war sie, wenns darauf ankam, ihrer Mutter bei den kleinen Haushalt» ngsgeschäfken zu Hülfe zu kommen, die für ihr Älter möglich waren. So war zum Beweis niemand geschwinder im Verlesen der Gemüse und Kräuter, im Aus- schoten der Srbsen und Bohnen, ja sogar im Ausgäten der Gartenbeeten/ wenns Noth war, kurz, in allen Arbeiten, die zur Wirtschaft gehören, und sie sprach davon mit so vielem Vergnügen, daß es denen, die um sie waren, gleich Lust machte, es mit ihr zu thun. Mit der Zeit war sie auch wirklich dahin gekommen, in dem Schönauischen Hause allerlei Arbeiten unter den Kleinen gangbar zu machen, die sie in ihrer Abwesenheit vornehmen mußten, und wodurch nicht nur eine große Quelle zu Zänkereien verstopft, sondern eine noch weit grössere zum Vergnügen geösnek ward. Sie lehrte sie nämlich, so wie sie es bei ih« rer Mutter uewohnk war, die kleinen Arbeiten, als Strumpfbänder, kleine Tücher, die sie genäht hatten, ja gar Schürzen und Röcke, an die Kinder der Taglöhner, die zum Hofe gehörten, wegzuschenken, und sich an den Freuden der Sltern und Kinder zu freuen. Sine Sache, wovon die kleinen Schönaus vorher nichts verstanden , blos, weil man ihnen nichts davon gejagt hatte. Ninderbrbl. Ill.TH. N «94 Aßt aber ward es bald so zur Gewohnheit, daß sie schon immer zum voraus daraufdachten, und Henricrren mit zu Rath zogen, was sie diesem oder jenem Kinde, das ihnen lieb war,für ein Fest machen wollten. Ls ist sehr natürlich, zu denken, daß, da dieser Trieb, Freude zu geben, einmal bei den Kleinen erweckt war, er sich auch auf Henrietten nusdckmen mußte, die ihnen vor allen andern so werth war: aber der einzige Fehler von dieser war, daß sie nie ein Geschenk, es sey groß oder klein, von den Scbönaus annahm, selbst wenn die sie mit Thränen darum baten. Vermukhlich mußten es ihr wohl ihre Litern aus wichtigen Ursachen verboten haben, und das war ihr genug. Unter diesen Umständen sieht man nun leicht ein, daß sie es erlauben konnten daß Henriette so oft, als möglich, das Lchönausche Haus besuchte, wo sie ebensoviel, wo nicht mehr, Freude gab, als nahm: und die Veränderung, die sie dort wirkte, war auch wirklich nach einiger Zeit so groß, daß nicht nur der Vater und das ganze Haus es bemerkte, sondern daß selbst die Nachbarschaft ansing, aufmerksam darauf zu werden. Nicht, daß nicht noch von Zeit zu Zeit ein Ueberbleibsel der alten Fehler in dem Umgänge der Kinder unter sich sichtbar geworden wäre; aber wenn Henriette dabei war, so durfte sie nur lachen, oder spotten, und man schämte sich, oder lachte mit« Unter andern Fehlern, davon sie unvermerkt, und ohne selbst was davon zu wissen, die Kinder besserte, war auch die Weichlichkeit, über jedes kleine Ungemach zu klagen, sich vor jedem i95 täuhen Lüftchen > vor jed^m unangenehmen Anblick zu scheuen und sich zurück zu ziehn. Sie war hievon durch ihre Litern so sehr entwöhnt, daß sie nicht nur jede Witterung ohne Schaden ihrer Gesundheit ertragen, jeden unvermeidlichen Schmerz gelassen aushalten, sondern auch den Lnblick von Wunden und Krankheiten an andern, ohne wegzuschn, aushiell, so bald es möglich war, daß sie eine Hand mit teichen konnte. Sobald also auf dem Hofe der Schönaus vott den Leuten oder den Kizidern nur irgend einer krank war, oder einen Schaden hatte: sd ruhte sie nicht, sie mußt' es sehn, oder wenigstens wissen, ob sie nicht etwas beitragen könnte, es zu lindern. Durch diesenMuth und dieseThäkigkeit brachte sie es endlich dahin, daß ersidie Leltste,und hernach die Kleinen ihrem Beispiel folgten. So sehr wirkks, wenn man täglich gute Muster vor sich hat! Mit der Empfindlichkeit gegen Luft und Wetter brachte sie's noch leichter dahin, daß die kleinen Schönaus - die ihr nun cinmalin allem folgten, es ihr auch in diesem Stücke nachthaten Die Folge davon war- daß sie- statt, daß der Vater sonst fast alle Woche einmal den Lrzt tms der Stadt holen lassen mußte, ihn nun schon in drey Monat nicht gebraucht hakte: denn Fröhlichkeit uud Beschäftigung sind dir kostbarsten Ärzeneien des Himmels, und wohl den Kindern,' die bei Zeiten sich daran gewöhnen. . Luch in Lnsehung der Kleidung sogar sth- gen die Schönauschen Kinder nach gerade an- Aenrierrens einfache Lrk der ihrigen vorzuziehn, die sie an dem Genüsse so mancher Vergnügung gestöhrt halte. 3t s 196 Da dies überwunden war. so hielt sie auch nichts mehr ab, die Handln manches häusliche Geschäfte zu legen, wozu Henriette besonders große Lust hatte. Niemand hatte daran größere Freude, als die alte Haushälterin des Llmtmanns , eine brave tüchtige Frau, die die Kinder ihres ^>errn, dem sie so treu war, so gern zu nützlichen und guten Menschen gemacht sah ^ aber nichts dazu thun konnte. Nunmehr giengs an, daß Henriette sich oft Gemüse und dergleichen aus der Küche holen durste, um es mit den übrigen Kindern auszü- krüllen oder zu verlesen; ja, die Lelteste gewan sogar auch Geschmak daran, ein Gericht, oder Getränk, oder Gebacknes in der Küche machen zu lernen, weil ste merkte, daß der Vater es gern mochte, oder wenn ste hörte, daß es einem Kranken dienlich wäre. Line solche gänzliche Verwandlung seiner Kinder brachte den guten Ämtmann endlich dahin, daß er an seine Schwiegerin, eine vortres- liche Frau, die 10 Meilen davon ebenfalls aus dem Lande lebte, schrieb. Diese war oft Zeuge von dem garstigen Ton und dem garstigen Betragen gewesen, welches unter den Kindern ihres Schwagers eingerissen war, und ihm und ihr manche traurige Stunde machte; auch hätte ste die Kinder gern zu sich genommen, wenn nicht ihr Gatte, ein kränklicher Mann, der die Ruhe sehr liedke, und derselben im Schoß seiner Familie gewohnt war, sich dies allezeit verbeten gehabt hätte. Lln diese schrieb er nun, und bat ste inständig , ihn doch, so lange ste ihren Mann und ihr Haus verlassen könnte, zu besuchen, weil er mit ihr über wichtige Llngelegenheiten zu sprechen hätte. Diese gute Frau, die nichts anders vermu- theke, als daß die Kinder wieder die unglückliche Ursache dieser Bitte wären, und daß vielleicht eine neue Einrichtung damit getroffen werde, oder sie gar aus dem väterlichen Hause weggegeben werden sollten, eilte, was sie konnte, um hinzukommen, und stellte sich zum vorausman- chen unangenehmen Austritt vor, dem sie würde beiwohnen müssen. Luch war sie in einem Fahre nicht da gewesen, und hatte alle Ursache zu fürchten, daß die Kinder während der Zeit in ihren schlimmen Gewohnheiten nur noch weiter gegangen wären. Sie sah mit einer Art von Beklemmung die Annäherung des Amthofes, und fuhr mit Zittern auf denfelben hinauf; aber wie groß war ihr Erstaunen und ihre Freude, als sie nicht nur den Amtmann in der Mitte seiner vier Kinder mit den heitersten Gesichtern ihr entgegen kommen sah, sondern da die letzten auch nicht aushörken, mit Hüpfen und Springen und Fragen, und einem: „hören sie, liebe Tante!" und „kommen sts crcfchwind, liebste Tante!" da sie sonst nur feierliche Gesichter zu sehen gewohnt war, und da diese Kinder sonst sich kaum so lange zwingen konnten, bis das erste Willkommen vorüber war, um in ihre kleinen verdrießlichen Grunzereien auszubrechen. Der Amtmann, der ihr Erstaunen mit stummer Freude anfah , ließ stch nichts merken, sondern führte sie hinein. Hier hatte sie nun bald Gelegenheit, während ihrer Unterredungen, zu sehen, daß das, was sie vielleicht im ersten Augenblick für angenommene vorübergehende Heiterkeit gehalten halte, izt wirklicher Ton der Familie geworden war. srz - IS» Keine laute Zankereien, kein leises Brummen — keins, das dem andern in den Weg trat — alles Liebe und Freude und wechselseitiges Bemühen, sich einander zu dienen, chnd Wet- streit, einander in der Geschwindigkeit, es zu thun, zuvorzukommcn. — Tausendmal wollt? sie mit der Frage heraus, ob das, was sie sähe, auch dauerhaft, obs nicht hlos Maske sey ? Ähre Klugheit aber hielt sie zurück ; sie wollte sich lieber mit eigenen Äugen da« von überzeugen. - Hie wartete die Mahlzeit ab. — Älles gieng auf dem nämlichen Fuß fort. Da war kein Meilern des einen über das andere, kein: laß mich da sitzen! und: das muß ich haben! u. d. gl. Sogar sah sie, daß Ämalie, so hieß die Ueltste, zuweilen aufstaud, und Hachen, die auf dem Tische fehlten, ungeheißen besorgte. Hcherz und kleine Tändeleien wechselten ak — Mit Ungeduld wartete sie, bis der Tisch aufgehoben war. — Nun konnte sie sich nicht län? ger halten. — „Bruder, sagte sie, mit der äusiersten Bewegung, ich kann ihnen nicht länger meine Verwunderung bergen. Die Perwandelung, die ich in ihrem Hause unter ihren Kindern finde, isi mir wie Zauberei. „Hagey sie mir, woher entsteht sie? Wer hat sie gewirkt? Wer ist so glücklich gewesen, sie zu einem so beneidenswehrten Vater zu machen?" Mit Thräuen antwortete der gute Ämtmann: „Ich wußl's, liebe Schwester, welche Freudees ihnen machen würde, ein Llugenzeuge davon zu fiyn, und um diese Freude zu vermehren, ver- fihwieg ich sie ihnen." ^ > —- ry- „ Ach weiß, sie vergeben mir gewiß, daß ich pe vielleicht mit unangenehmen Vorstellungen zu mir kommen ließ." „Aa, von ganzem Herzen," sagte sie, indem sie die Kleinen eins nach dem andern an die Brust drückte, und das Geständniß von ihnen selbst herauslokke, wie ihr itziger Zustand den vorigen weit überträfe, und wie sehr es beiden Kindern selbst stehe, durch Fröhlichkeit und liebevolles Betragen ihr eignes sowohl als das Glück ihrer Litern zu befördern. — Ls war die rührendste Scene, die man sich denken kann; alles weinte — aber vor Freude. Nur die gute Tante konnte nicht länger aus- halken; sie mußte wissen, woher das Wunderwerk entstanden, wer der Urheber davon wäre? „Denn, sagte sic, der ist der größten Belohnung werkt)." Die fröhlichen Kinder wollten nun alle au- einem Munde ihre kleine wohlthäterin nennen, als der Vater ihnen durch ein Halt? Stillschweigen austegte, indem er hinzusezle, daß er sie damit den nächsten Tag bekannt machen wollte, — weil er voraus sähe, daß ein solcher Auftritt für heute zu viel Rührendes für diese herrliche Seele, in Betrag der weiten Reise, die sie gemacht hatte haben möchte. Kie mußt' es sich gefallen lasten. Der Tag gieng schnell unter heitersten Lm- psindungen hin, und was der guten Tante Zufriedenheit aufs höchste brachte, war, baß sie eine Art von geschäftiger Thätigkeit unter Kindern ausgebreitet sah, davon sie vorher in diesem Hause nichts gekannt hatte. Aedes wies ihr Probestück von kleiner Arbeit; jedes trug davon ein Stück an sich, und die einfachere Art, sich zu kleiden, war nicht -er kleinste Vortheil, den sie als eine Folge de? 200 veränderten Lebensart unter diesem glücklichen Häufchen bemerkte. — Lm Lbend, als sie in ihre Schlafkammer kam, ward sie noch auf die angenehmste Art durch verschiedene kleine Geschenke von Handarbeiten, Zeichnungen, Anschriften und Blumenkränzen überrascht, womit die Kinder unter der Lnlei- tung der guten Henriette der Tanke ein heimliches Fest zubereitet hatten. Sie legte sich mit den freudigsten Empfindungen und mit Dank gegen die Vorsehung zu Bette, und erwartete, nach einigen Stunden sanften Schlafs, mit Ungeduld den Morgen , der sie mit dem Urheber der zurückgekehrten Glückseligkeit dieser Familie bekannt machen sollte. Das erste Zusammenkommen am andern Morgen zwischen der Frau von G. (so hieß die Tante) und ihrem Schwager und den Kindern war lauter Liebkosung und Freude — und nun gicngs an ein Wiederholen der gestrigen Federung , den Stifter dieser Freude kennen zu lernen. Der Amtmann hatte Henriette mit samt ihren Sltcrn zu Mittag eingeladen; aber da der Pater eben Geschäfte halber nach der Stadt war, und die Mutter häuslicher Einrichtungen halber es sich verbitten mußte; so kam Henriette nur allein, und zwar wie gewöhnlich in der Abendstunde, nachdem sie ihre kleinen Geschäfte zu Hause vollendet hatte. Die gute Tante war unterdes schon darauf vorbereitet worden: daß ihr Schwager sein Glück dem einzigen Beispiel eines kleinen muntern wohlgezoHenen fleißigen Mädchen zu verdanken hätte, welches die Vorsehung selbst zu ihm geführt zu haben schien, um feine Kinder noch LOL eben zu rechter Zeit auf einen guten Meg zu bringen. Hie konnte den Äugenblick kaum erwarten, ehe das Mädchen kam. Endlich fahe sie das kleine heitre Geschöpf im weiffen leinenen Kleidchen und mit einem Strohhut ohn allen andern Zicrrath, als eine frische Rose dran, daher Hüpfen — sie sah sie kaum mit bescheidener freundlicher Miene und langsamer gewordenem Schritte auf sich zukommen: so hatte sie sie schon in ihren Ärmen, und erdrückte sie fast mit ihren Küssen. „Gott segne dich, gutes liebes Mädchen," rief sie zu wiederholtenmalen aus; „Gott segne dich, daß du die Freude dieses Hauses wieder hergestellk hast!" küßte sie dann wieder, und die Hellen Freudenthränen liefen ihr dabei die Mangen herunter. Henriette, die nicht wußte, was die gute Tante mit allen diesen Liebkosungen sagen woll^ te, weil sie sich bei dem, was mit den Schö- naufchen Kinder vorgegangen war, nie ein Verdienst beigemessen hatte, und keinen andeßn LoHn kannte, als die Freude, die man einerndket, wenn man sie andern macht — geriekh in. die bescheidenste süßeste Verlegenheit von der Mett; kam auch nicht eher heraus, als bis die gute Tante, die dieser merkte, sie wieder ihrem un- fchuldsvollen fröhlichen Gange mit ihren Gespielen überließ. Hier nahm sie bald ihre eiaenthümliche heitere Ruhe und lebhafte Geschäftigkeit wieder an, und bewies mehr, -als alles, was der Tante vorhin von ihr beschrieben war, durch welche Künste diese gänzliche Verwandlung bei ihren Schwe- sterkindern zuwege gebracht, nemlich durch gltte Laune und Beispiel, welches mehr ist, als alle Lehre. Die gute Frau konnte sich nicht satt dran febn und Horen, wie sie mit der größten Lebhaftigkeit überall beobachtete, wo sie etwas zum Dienst der andern thun konnte; wie sie mit einem einzigen Scherz, mit einem einzigen Lächeln die Freude um sich her verbreitete, und alles mit einer gleich lebendigen warmen Gefälligkeit Lnstcckte. — wie bedauerte sie, daß sie nicht mehr, als diesen einen Tag, Zeuge davon seyn konnte! denn den andern Tag mußte sie schon in aller Frühe wieder fort Einige Zeit vor dem Äbschiednehmen versuchte sie es nunmehr, die Kleine mit einem Geschenk zu überraschen, davon sie gewiß glaubte , daß es ihr gefallen würde. Ls war eine große Puppe, sehr einfach zwar, aber sehr hübsch gekleidet, mit allem was zur Lbwechselung im Änzuge noch nöthig seynkonüte. Ihre Kinder hatten sie für die älteste Scho- «äuen bestimmt; überaus dieser ihr eigenes Bitten wollte sie sie nun Henrietten geben. Henriette sah sie mit bescheidenem Wohlgefallen an, denn sie war nicht gleichgültig gegen hübsche Sachen diestr Srt; aber sie anzu- riehmen nein! dazu waren keine Ueberredungen in der welk fähig sie zu bewegen — auch zu keinem andern Stück, von was Ärt und Werth es auch feyn mochte. — „Sie hätte alles sie bedürfte das nicht es wäre ihr lieber, wenn sie diese Sachen in dem Schönauischen Hause hätte , wo die andern sich auch darüber freuen konnten.,. Kurz, sie war unbeweglich; vermuthlich, weil der Wille ihrer Lllern ihr so ein heiliges Gesetz geworden war, daß es ihr gar keine Mühe mehr kostete, ihn nicht zu überkretken. Die gute Frau sah nun wohl ein, daß ein Kind dieser Ärk auf seine eigene Weise behandelt und belohnt scyn mußte — sie drang nicht weiter in sie, sondern nahm ihre Klugheit zu Hülfe, um aus die Spur zu kommen, wie sie irgendetwas für sie thun könnte, das ihr angenehm wäre. Sie ließ stch mit ihr in eine Unterredung ein. Sie mußte ihr von ihren Slrern erzählen, und, als sie hörte, daß ihr Vater, seiner schwä.ch- chen Gesundheit halber, aus der Stadt aufs Land gezogen wäre, erkundigte sie sich genau nach der Beschaffenheit seiner Kränklichkeit. —- Sie fand bald , daß sie von einer solchen Art wäre, daß ihm das Reiten dienlich seyn könnte. „Lr sollte steißig reitensagte die brave Frau von G... „Za, antwortete Henriette,, „das haben ihm schon viele gcrathen." "Und warum Lhuk ers denn nichtfragte die Frau von G... „Weil er kein Geld dazu hat," antwortet Henriette mit der heitersten Ehrlichkeit; denn sie hatte nie gehört, daß ihr Vater sich schäm e, zu gestehen, daß er nicht reich seye — oder daß der bloße Reichthum ein Verdienst wäre. Die Frau von G ... nahm den Wink mit Freuden an; lhat aber, als dächte sie nichts dabei , und lenkte die Unterredung so unmerklich auf andre Dinge , daß Henriette in ihrer Fröhlichkeit nichts gewahr ward. Die ganze übrige Zeit enthielt die Frau von G. sich geflissentlich aller Lusbrüche von zärtlicher Erkenntlichkeit gegen Henrietten, und selbst beim Llb schied von ihr, gab sie ihr blos «inen 204 stummen Kuß, weil sie sich schon zum voraus durch den Gedanken schadlos hielt, daß sie ihrem Herzen nun bald auf eine bessere Lrt Luft machen könnte. Hie reiste den andern Morgen frühe unter tausend Freudenthänen ab, und dasBild dessen, was stein dem Schönauschen Hause ge- sehn, noch mehr aber ihr Vorsatz samt den Dolgen , die sie sich davon versprach — verkürzten ihren Rückweg. Hie nahm jedoch beim Äbsteigen in ihrem Hause erst noch eine etwas ernsthafte Mine an, als ob ihre Reise noch nicht glücklicher, als sonst, gewesen wäre. — Fa, sie drang logar, um die Ueberraschung zu vergrößern, von neuem in ihren Mann, daß er ihr doch erlauben mögke, die Schönauschen Kinder zu sich zu nehmen, und nun, als dieser bereits anfing zu wanken, änderte sie plötzlich dey Ton, und sagte mit der frohsten Bewegung: „Nein, lieber Mann, Gottlob es ist un- ri'öthig. Die Vorsehung hat unserm Schwager einen Sngel zugeschickt, der uns aller unsrer Sorgen überhoben, und ihn zu dem glücklichsten Vater gemacht hak." Sie erzählte hierauf nicht nur ihrem Manne , sondern auch ihren Kindern, auf welche Urt Henriette durch ihr tägliches Beispiel von gutherziger Fröhlichkeit, Fleiß und Dienstfertigkeik, diese Verwandlung allmählig zu Stande gebracht hätte; und diese wohlgezogne Kinder hatten so sehr ihre Freude daran, daß sie mit Ungeduld schon die Tage zu zählen anfingen, nach deren Verlauf ihre Mutter ihnen versprach,, daß sie das Sch'önausche Haus und Henrietten besuchen sollten. 205 Als ste mik ihrem Manne allein war,theillc fre ihm endlich ihren Vorsatz in Ansehung Henriettens Daker mit; und es dünkte den guten SNann, der so wohlhabend als wohlthätig war, eine Kleinigkeit, zu einem solchen Lndzweck ein Pferd wegzuschenkenr Nur wollt er durchaus, daß es dasjenige feyn sollte, wovon er selbst in Ansehung seiner Gesundheit manchen Dienst gehabt hatte, und das so sanft als sicher auf den Küßen war. Fzt kam es blos darauf an, das Pferd an seinen Mann zu bringen, ohne daß er Gefahr lies, wieder zurück geschickt zu werden. Zum Glück wußte kein Mensch umdasGe- heimniß ; auch nicht einmal der Schwager: denn so pflegte es die ktugc Frau von G. gern zu Hallen , wenn sie eine Sache unter Händen hatte , die mit Vorsicht behandelt werden mußte, daß sie sie ganz allein für sich betrieb. Sie ließ nunmehr noch einige Zeit verstreichen , verabredete es alsdayn mit einem Freunde, das bestimmte Pferd, als ob cs vertauscht werden sollte, mik nach der Stadt zu nehmen, und es von da durch unbekannte Hände an Henriettens Vater zu überliefern, wobei die Anweisung der Fütterung an einen gewissen Bauer im Lande zugleich mit erfolgte. Die kleinen Schönaus hatten nunmehr nach der Abreise der Tante schon wieder eine Zeitlang in der glücklichsten Eintracht mik ihrer muntern Nachbarin gelebt, und waren so fest im Guten geworden, daß es sie nichts mehr kostete, di» größten Gefälligkeiten gegen andere zu haben, und alles um sich her vergnügt zu machen. Sie besuchten nun oft Aenrietten um von ihrer Mutter in wirthschaftlichen Arbeiten und sonst was Nützliches zu lernen. Ltuch hätte der Ämkmann nun seit einiger Zeit einen wackern Hofmeister, der den beiden" Knaben nicht nur, sondern auch den Mädchen in manchen guten Sachen Unterricht gab - und cs gern sah, wenn Henriette zuweilen mit Äm- theil daran nahm. Smes Äbends , als die Kiüder sie hiezu nach ihrer Gewohnheit erwarteten, kam sie früher und ausier Odem auf den Hof gelaufen , Nahm die ältsie Schönau allein, und klagte ihr mit ängstlicher Gebehrde, daß ihrem Vater von unbekannter Hand ein Pferd geschenkt worden: daß dieses ganz gewiß von der Frau von G. käme, daß sie solches durch ihr Unbesonnenheit verursacht habe, und daß, wenn ihr Vater nur irgend auf die Spur käme, daß sie es veranlaßt hätte, sie gewiß wäre- daß er böse auf sie,werden und es zurükschicken würde. Sie irrte sich nicht - denn so leicht? es dieseirt Manne ward, sich mit wenigem zu begnügen - und das zu entbehren, wozu sein Vermögen nicht hinreichle, so unerträglich war ihm jeder Schein einer Bettelei; und er würde nie zu bewegen gewesen seyn. dieses, obgleich in der reinsten Äbsicht ihm gemachte Geschenk, anzunehmen, wenn er gewußt hätte, wem er es zurückgeben sollte. Zum guten Glück aber könnt' er aus keine Meise hinter das Geheimniß kommen : denn der Lmtmänn, an den er sich zuerst wandte, war so unwissend, als er selbst, und machte sich folglich so rein von allem Verdachte - daß er der Geber sey- daß auch keine Spur eines Zweifels übrig bleiben konnte. Dazu kam der Umstand, das Henriettens Vater grade vor einiger Zeit einem reichen durchreisenden Fremden einen sehr großen Dienst ge- - Lc>7 leistet hatte, und auf diesen argwöhnte er nunmehr vors erste. Nun konnte er nichts weiter dabei khun, als sch des Geschenks als einer Sache bedienen/ die ihm wenigstens nicht mit Unrecht zukam, wenn er sie gleich weder gewünscht, noch verlangt hatte. Lr thak es, Und zwar mit so glücklichen Lr- folge in Ansehung seiner Gesundheit, daß er von einem hagern, keichenden, der Zehrung ähnlichen Schatten, nach einigen Monaten schon anfing, eine weit frischere Gestalt und Farbe zu gewinnen, und nichts mehr von seiner alten grämeln- dra Hypochondrie zu fü len, die ihm so manche trübe Stunde gemacht hatte. Hen^etre, die mit der ältesten Schönau übereingekommen war, nichts zu entdecken, sah dieses von fern mit der innigsten Freude zwar, aber immer auch mit einer Art von Beklemmung an, wenn fie dachte, daß ihr Pater doch einmal hinter das Gehelmniß kommen möchte. Lndlich, als er einst so recht erquikt von einem gethanen Ritt zu Hause kam, fich so recht warm und herzlich in Dank gegen die Vorsehung ergoß, die ihn durch ein so unerwartetes Geschenk zur Gesundheit geholfen, und so recht sehnlich wünschte, daß ihm Gott doch noch die Freude gönnen möchte, seinemMohlthäker dafür zu danken, da konnte fich die gerührte Henriette nicht länger halten. Sie fi^l ihrem Vater mit lautem Schluchzen um den Hals, und gestand ihm alles. Der erstaunte Vater ward betrossen > und feine ersten Lmpfindungen waren mehr Unwille, als Dank gegen Henriette. Als diese ihn aber mit der reinsten Unschuld versicherte, daß fie nicht aufdie entfernteste Mep- 208 se Gelegenheit dazu geben wollen, noch aufden Verdacht habe kommen können, daß die Frau von G. ihre Fragen aus einer solchen Äbsicht thäke, und ihn mit tausend Thxänen bat, ihr doch nicht böse zu seyn: so warderinnigst gerichtet; zumal da seine Frau ihn mit ihrer gewöhn- 'lichen sanften Ürt erinnerte, daß er bedenken möchte, daß er diesem Geschenke seine wiedererhaltene Gesundheit zu verdanken habe. „Du hast Recht, meine Liebe," sagt' er darauf, „es würde Undank gegen die Vorsehung seyn, wenn ich mir ein Geschenk zur Quaa- le machte, das sie'mir so augenscheinlich zyewohl- that bestimmt hat." Lr umarmte alsdann Henrietten, und sagte zu ihr: „sey ruhig, mein Kind; du weißt, daß ich alles eher ertrage, als eine Nlohlkhat, die ich nicht zu erwiedern im Stande bin; aber ich bin doch nicht ungehalten auf dich. " Daß Henriette diese Mohllhak zehnfach durch das Gute verdient hakte, was sie bey den Schvnauschen Kindern gestiftet, das ließ er durchaus nicht bei sich zur Rechnung kommen; denn er pstegte immer zu sagen: wer einem Ändern einen Dienst liesten kann, der hat seinen Lohn dahin; auch ließ er sich so wenig, als Henriette selbst, von einem Verdienst für sein Kind träumen , daß sie sich dort so gezeigt hatte, wie sie war. Seine erste Bewegung trieb ihn nun wieder zu dem Ämtmann hin, der von der Nachricht dessen, was seine brave Schwigerin ge- than hatte, eben so überrascht, als erfreuet ward. Um seinen Dank abzutragen, verwies er ihn auf die Ankunft der Frau von G., dieser mit ihrer ganzen Familie in den ersten Tagen der nächsten Nkoche erwartete. Sie Hie kam auch wirklich — statt aber den Dank von Henriettens Vater anzunehmen, zog sie ihn mit sich allein, und beschrieb ihm umständlich, wie seine Tochter, durch ihr täglich Beispiel, ihren Fleiß, ihre muntere Geschäftigkeit, fröhliche Laune und gutherzige Gefälligkeit, alle die Glückseligkeit geschaffen habe, davon er nun selbst ein Zeuge in dem Schönau- schen Hause wäre. Hie that das mit einer solchen Wahrhaftigkeit und von aller Schmeichelei entfernten Menschenkunde , daß der gerührte Vater sich nicht erwehren konnte, sich seines Kindes, als des größten Schatzes zu freuen, womit die Vorsehung gute Lltern zu belohnen fähig ist. Zugleich unterließ er nicht, dem Beispiele seiner würdigen Gattin das größte Verdienst bei der Bildung deeser Tochter zuzuschreiben, die keine Sorgfalt gesparrt, um sie vor böfen Lindrücken zu bewahren, und ihre Seele zum Guten*, vor allem aber zu einem fröhlichen Mu- the zu gewöhnen, der die Quelle fo vieler Freuden für uns und andere ist. Diese drei glücklichen Häuser gaben sich von nun an auf das freundschaftlichste die Hand, um ihr eignes und ihrer Nebenmenschen Wohl thätigst zu befördern; und fo ward ein kleines Mädchen, wie Henriette, durch gutes Betragen, Wohlwollen und damit verknüpfte Heiterkeit der Seele, die Beförderin nicht nur der Glücks ihres eignen Hauses, sondern auch einer fremden Famiue. E. R, Linderbibl. HI. Th. L »10 Ein Lied vom Missen. Hirach L. 43. v. 21. Lr schüttet den Reisten- auf die Lrde wie Sah. meine lieben Päume an, wie sie fo "herrlich siehn, Uuf allen Zweigen angethan Mit Reisten wunderschön! Von unten an bis oben 'naus Uuf allen Zweigelein Hängks weiß und zierlich, zart und kraus. Und kann nicht schöner feyn; Und alle Bäume rund umher Ull' alle weit und breit Stehn da, geschmückt mit gleicher Lhr, An gleicher Herrlichkeit. Und sie beäugeln und besehn * Kann jeder Bauersmann, Kann hin und her darunter gehn. Und freuen sich daran. Uuch holt er Weib und Kinderlein Vom kleinen Feuerheerd, Und marsch mit in den Wald hinein! Und das ist wohl was werth. Einfältiger Natur Genuß Ohn' Ulfan) drum und dran Ast lieblich, wie ein Liebeskuß Von einem frommen Mann. Ahr Städter habt viel schönes Ding, Viel Schönes überall, Kredit und Geld und goldne Ring, Und Bank und Bsrfenfal. Doch Erle, Eiche, Meid' und Ficht, Am Reisten nah' und fern — So gut wirds euch nun einmal nichts Ahr lieben reichen Herr'n! Das hak Natur, nach ihrer Ärt Gar eignen Gang zu gehn. Uns Bauersleuten ausgespark, Die anders nichts verstehn. Mel schön, viel schön ist unser Wald; Dort Nebel überall, Hier eine weisse Baumgestalt Am vollen Sonnenstrahl; * Lichkhell, still, edel, rein und frei, Und über alles fein! — L) aller Menschen Seele sey So lichkhell und so rein! Mir sehn das an, und denken noch Linfältiglich dabei: Moher der Reif, und wie er doch Zu Stande kommen sty? Denn gestern Äbend, Zweiglein rein! Kein Reisten in der That! — Muß einer doch gewesen seyn. Der ihn gestreuek hat. Lin Engel Gottes geht bei Nacht, Streut heimlich hier und dort; Und wenn der Bauersmann erwacht, Ast er schon wieder fort. Du Engel, der so gütig ist. Mir sagen Dank und Preis; H mach' uns doch zum heil'gen Krisk Die Bäume wieder weiß! Claudius. Lr Frizchen «n den Verfasftr des vorstehenden Liedes. ^Hch las dein Lied vom Reisten jüngst. Und dachte so dabei: Me Du nun da im Walde giengst, Hinfällig., fromm und frei; Und wie Du an den Bäumen nur Dich inniglich erfreust. Und in die köstliche Natur Verliebt geworden styst. Das, dacht' ich, ist doch recht meinMann 1 Ast Mann, und ist auch Kind! Ast klug, und doch nicht abgelhan. Me wohl sd viele sind. Ach Hab' auch wohl noch mehr gesehn, Mas Du gedichtet hast. Und höre, es ist alles schön! Du glaubst nicht, wie stchs paßt! Ach ward beim Lesen oft recht still, Und dann mit eins so froh! Dein Spruch zieht einen, wie er will; Ach lieb' es eben so. Mas hat man von der hohen Lehr, Menn man ste nicht versteht, Und bei dem Grübeln immer mehr Hinein ins Dunkle Hehl? Ach fasse wohl so manches an, " ^ denk': es ist ein Buch; Hin also, Frizchen! sez' dich dran Und forsche drin, und such! 2IA Mein es ist denn doch kein Buch, -Vas auch der Titel spricht; Hai -war der schönen Morte gnug, Doch des Verstandes nicht. Ach halt' es immerhin mit Dir; Schxeib Du dein Lebenlang! Und nimm inzwischen denn von mir Recht warmen Herzensdank. Ach will auch bald mal zu Dir gehn, Mann? weiß ich nicht genau; Und Deine lieben Kinder sehn. Und Dich und deine Frau; Und springen mit Ln Deinen Mald, Und merken Gott den Herrn, Und schauen seine Lichkgestalt Uuf Lrden nah und fern. Und hängen mich an Deine Brust, Und sagen: Lehre mich! Ach habe wohl zur Tugend Lust; Doch klein und schwach bin ich. Und Du hast schon soviel voraus, Du lieber Bauersmann! Gott segne Dich und auch Dein Haus! — Und nimm dies Blättlern an! (Overbeck. »14 Die liebenswürdige Kockette, *) oder Schreiben einer Dame vom Lande. Aachen Sie nicht, mein Schatz, wenn ich Ahnen sage, daß ich im Ernst anfange, kockek zu werden. Seit einem halben Fahre, daß ich jetzt wieder auf dem Lande bin, und täglich eine Menge von Ärmen und Elenden sehe, thue ich fast nichts, als Herzen rühren, Thränen erwecken und bezaubern. „Äen will ich einmal recht heulen' lassen!" sagte ich gestern zu meinem Manne, der gar nicht wußte, was ich wollte, und flog auf den Platz, um einen alten armen Mann, der kümmerlich nach meinem Fenster sich), zu fprechen. Ach horte ihm recht freundschaftlich zu, fragte nach allen kleinen Umständen, die ihn drückten; beklagte ihn bei jeder Stusse seines Unglücks; gab ihm erst etwas für feine Frau, dann für feine Kinder, und befahl zuletzt meinen Leuten, ihm zwcen Scheffel Rocken und ein Glas Brandewein zu geben. Hier hätten Sie sehen sollen, wie dem guten Kerl die Thränen in feurigen Kugeln von den Wangen herunter rollten; er steng an zu schluchzen, und nie Hab' ich die feinste Schmeichelei mit solcher heimlichen Wollust genossen, als die Dankbarkeit dieses Greifes. ") Fine aocketle nennt man ein Frauenzimmer, das n^r immer darauf sinnet, mir es Andern, besonders Mannspersonen, schön und liebenswürdig scheinen möge. 215 Me er weggieng, kam ein Änderet, mit einem Ärm. „Guter Freund," sagte ich zu ihm, „wo habt ihr euren einen Ärm gelassen ?" „De» haben mir die Franzosen bei Minden abaeschoss fen," *) antwortete er mit ruhiger Gelassenheit. Hier ließ ich ihn seine Heldenthaten erzähv len; wie er unter dem Herzog Ferdinand gesuchten, wie er im Felde acht Tage lang ofi nichts als Kartoffeln aus der Äsche gegessen, und doch niemals so sehr gehungert hätte, als jetzt. Ach fragte ihn nach allem, was er von dem Herzoge wußte, und freute mich, daß seine Lugen immer mehr funkelten, je mehr er von ihm sprach. ^ Durch alles Fragen, Loben und Bedauren, wobei ich ihm zuletzt einen Dukaten in die Hand drückte, und einen Scheffel Rocken zu geben befahl, setzte ich den Mann in eine solche Entzückung, daß er mir mit einem Eifer, den ich an einem Prinzen Unverschämtheit genannt haben würde, auf die Hand fiel, und fie küßte, che ich fie wegziehen konnte. Fi! werden Sie sagen, fich von einem Bett« ler die Hand küssen zu lassen. — Aa nun! es ifi geschehen, und die Erinnerung macht mich nicht roth. Mein Mann legt mir dies alles als eine Probe meiner Koketterie aus, und ich weiß selbst nicht, was ich dazu sagen soll, daß mich eine männliche Thräne mehr rührt, als Lausend weibliche. Doch verschmähe ich auch das Vergnügen nicht, bisweilen einem Dutzend armer Hexen ei- *) Hier fiel in dem letzten siebenjährigen Kriege eine Schlacht vor, in welcher der Herzog Ferdinand von Braun chweig einen großenSieg über die Krqn- zoftn erföchte. ne dankbare Rührung abzujagen. Vor acht Ta« gen kam mein Kammermädchen ganz ausser Lthern gelaufen, und rief: „Gnädige Frau! gnädige Frau!" — „Nun, Scharlotte7 " „Ja, auf dem Boden!" „Nun, was denn auf dem Boden 7 " „Ä da liegt noch eine ganze Kammer voll Flachs, und die armen-Leute haben nichts zu spinnen, weil leider der Flachs im vorigen Fahre nicht gerathen." In meinem Leben habe ich keine angenehmere Zeitung gehört; ich lief mit dem Mädchen auf den Boden, wie eine Närrin, hielt allen Tanten und Großtanten meines Mannes, die den 'Flachs gefammlet hatten, eine Standrede, und man mußte mir denselben mit einander in die Scheune bringen. Hier ließ ich alle Meibsleute aus dem Dorfe zusammen kommen, und theilte den Flachs zum Spinnen unter che aus. Nun, das war eine Freude! Lber denken Sie, die guten Meibsen bringen mir das Garn dafür wieder, 'und verlangen kein Spinngeld, nachdem ich che bereits mit Korn versorgt habe. Ich das nicht auch süß, und kann Liefe schmeichelhafte Dankbarkeit, ohnerachtet che nicht von Männern kömmt, nicht immer mitgenommen werden7 Der Begierde zu gefallen entwischt nichts, und selbst meinen Vogel habe ich doppelt lieb, weil er mir und keinen andern zusiiegt. Ich habe mir schon viele sonderbare Lrgd- zungen aufdem Lande gemacht. Mie ich vor vier Jahren meinen Mann heuratheke. wählte ich an meinem Hochzeittage sechs arme nngen und sechs arme Mädchen aus, ließ sie -f eine ganz besondere Krt kleiden, und ihren Unterricht damit anfangen, daß sie hübsch englisch tanzen lernen mußten. Meine Äbstcht war damals, den Kleidungen und Köpfen unsers Landvolks eine ganz neue Wendung zu geben; und jene zwölf arme Kinder zu einem solchen Muster zu bilden, welches die Kinder der Reichen im Dorfe gewiß nachmachen tollten. Ich hielt aber für nöthig, damit anzusangen, ste erst recht flink zu machen. Unfangs hielt man mich für eine Lrznärrkn. Nachdem man aber attmählig sah, wie gut ich diese armen Kinder in allen Urten ländlicher Är- beit unterrichten ließ, und wie flink meine Mädchen in kurzen Röcken auf dem Felde und im Stalle wurden: so flcng jeder an zu stutzen; und nun, da ich auch mit geringen Leuten schwatze, mit ihnen klage, und ihnen dann Korn und Flachs gebe, so bin ich ihr Lngel. Ich sehe nichts, als gerührte Leute; und was ist aller Schmuck der Felder, aller Gesang der Nachtigallen gegen das Vergnügen, vergnügte Leute zu machen? Ueberbringerin dieses ist eines von diesen meinen Kindern; so nenne ich ste noch immer. Lassen Sie dieselbe einmal das Vieh melken, oder eine Butter zurecht machen. Sine fertigere, reinlichere und nettere Urt zu arbeiten müssen Sie in ihrem Leben nicht gesehen haben. Stwas Kocketterie spielt zwar schon aus dem meisten Fusse ; das thun aber die meisten Strümpfe, so die Mädchen stch setbst knükken, und die ste durchaus kragen müssen; weil ich den Glaube habe, daß ein hübscher weisser Strumpf allemal den größten Linfluß aus die sittliche Bildung des Menschen habe. Ist das nicht Philosophie? — Äber, mein Schatz, wann wollen Sie zu uns kommen? Ich 218 hoffe doch nicht, daß Sie das Land fliehen, um den Klagen der Nokhleidenden auszuweichen? Diese Ursache fällt bei mir weg, Bringen Sie allenfalls einige hundert Tha- ler, die Sie sonst auf Moden verwenden würden, in Ahrem grünen Beutel mit, wenn Sie Lust haben, an meinem rührenden Lustspiele Theil zu nehmen; und ich verspreche Ahnen, Sie soll» ,Len dafür laufendmal mehr Schmeicheleien zuh'ö» ren bekommen, als in der Stadt, und wahrhaftig von Leuten, die ganz anders empfinden, als alles, was sonst das Glück hak, sich Ahrem Fuß» schämel zu nahen, und dort seine Huldigung in .gehöriger Entfernung auf den Knien zu leisten. Der Greis mit dem Barte, mit den dicken rollenden Thränen, und der zitternden Sprache der Dankbarkeit, was ist das für ein Liebhaber gegen alle Ähre hohen Frisuren mit angehängten Menschenkörpern! ^ckckio carilkima! N. S. Ach weiß nicht, ob Sie den neuen Gukkasten schon gesehen haben, worin man durch das eine Glas alles so steht, wie es ist, und durch das andere, wie es sepn sollte. Ach habe so eben einen aus Lngland bekommen. Durch das erste Glas steht man unter andern ein prächtiges Schloß im besten gothischen Geschmack, mit Graben, Thürmen und Obelisken geziert, viele beißende Hunde und verhungerte Bettler vor dem Thore; umher eine Menge verfallener Skrohhütten und eine Kirche mit herabhängenden Sparren; das Land schlecht ge- bauet, die Nachbarn misvergnügt, und mit einem hämischen Blicke auf jede Gelegenheit lautend, dem stolzen Besitzer dieses', den Ärmen , und Nokhleidenden unzugänglichen Pallastes, * einen heimlichen Schaden zuzusügen. Das andere Glas zeigt eine leutselige Ldel- Hau vor ihrer offnen Thüre, wie sie dem einen guten Rath, dem andern Hilfe giebl; ihr Haus ist, wie sie, edel und anständig, und von einer Menge schöner Häuser umgeben, die wohlhabenden Anwohnern zugehören müssen. Ueberall sieht man die Freude und segnende Äugen, welche mit einander dankbare Blicke nach der guten Frau winken. Dort tragen hundert Ärme Korn vom Hause weg; hier fahren jubelnde Knechte Lausend Fuder wieder hinein. Glauben Sie mir, mein Schatz, daß ich recht gesehen habe. Line Frau war es, obgleich mein Mann mir den Kasten verschoben, und ein rechtes Frazengesicht, woraus man zur Noth einen Mann machen könnte, vorgerückt hat. Aus Mösers patriotischen Phantasien. Väterliche Ermahnung. war einmal ein verständiger und liebreicher Vater, welcher nichts sehnlicher wünschte, als, daß feine Kinder recht gut und glücklich werden mogten. Dieser erfahrne Mann wußte, daß es viele Bücher giebk, die zwar angenehm zu lesen sind, aber deren Lesung doch höchstverderblich, am meisten für junge Leute ist. Dahin rechnete er erstlich alle diejenigen Bücher, die einen schmutzigen, die Lhrbarkeit beleidigenden Inhalt haben; ferner alle diejenigen, worin die Geschichte verliebter Gecken beiderlei Geschlechts beschrieben wird; ferner solche, welche bloße Tändeleien enthalten, und nicht darauf abzwecken, die Menschen vernünftiger, arbeitsamer, wohlwollender und zufriedner zu machen; und endlich auch solche, deren Lesung uns weichlich und zu den Geschäften des menschlichen Lehens unlustig und ungeschickt machen kann. Er hatte deswegen oft zu seinen Kindern gejagt : „wenn ihr klug seyd , so nehmt kein Buch in eure Hand, es zu lesen, bis ihr es erst mir Oder einem andern vernünftigen Manne gezeigt und von uns gehört habt, daß das Lesen ^desselben euch nützlich seyn könne." Linst mußte dieser gute Mann auf ein gan* zes Jahr verreisen. Keine Kinder besuchten unterdes bald diesen, bald jenen von ihren Gespielen, bei denen ste bald dieses, bald jenes ihnen noch unbekannte Buch vorfanden. Die Gespielen rühmten diese Bücher, und sagten, daß ste sehr angenehm geschrieben wären. Darüber kriegten die Kinder Lust, ste auch zu lesen. Gern hätten ste ihren Baker erst gefragt; aber der war nun nicht da, und kam so lange nicht wieder. Lndlich dachten ste: diese Bücher müssen ja wohl nichts Böses enthalten, sonst würde man ja unfern Freunden, ste zu lesen, auch wohl verboten haben. Sie baten stch also eins nach dem andern aus, und lasen darin mit großem Wohlgefallen. Lber ach! wie bekam es ihnen! Der Vater fand ste bei seiner Zurückkunft ganz verwandelt. Statt der vorigen Unschuld und Reinigkeit ihrer Herzen, hatten ste die Seele voll wohllüstiger Bilder und schändlicher Begierden ; statt ihrer sonstigen Lust zum Lernen und zu jeder nützlichen Geschäftigkeit, wollten sse jetzt nur Romane, Komödien und kleine tändelnde Gedichte lesen; statt ihrer vorigen heitern und zufriedenen Gemüthsark, waren sie jetzt mürrisch und unzufrieden, fo oft sie nicht bei ihren Büchern sttzen und neues süßes Gif! für ihre Seele daraus einfaugen konnten. Da rief ste der bekümmerte Vater zu sich, und redete ste mit bethränten Äugen folgendermaßen an: „Meine allerliebsten Kinder! Das Unglück, welches zu verhüten ich alle Meise getrachtet habe, ist geschehen. Ls sind Bücher in eure Hände gefallen, von denen ich wünschte, daß ste euch immer mvgten unbekannt geblieben seyn; und das unglückliche Lesen dieser Bücher hat — ich sage es mit tiefster Bekümmerniß! — eure ganze Glückseligkeit untergraben.« ' „Ach sage dies nicht, um euch Vorwürfe zu machen. Luer Unglück hat gewollt, daß ich nicht da war, um euch zu rathen, und da diese Bücher, von denen ihr nicht glaubtet, daß stefo gefährlich wären, wirklich angenehm geschrieben sind: fo war es natürlich , daß ihr bald Ge- schmak daran fandet." „ Äber wenn eure eigene, schon zum Theil zerstörte Glückseligkeit euch noch nicht ganz gleichgültig geworden ist: o fo höret mit aller Aufmerksamkeit , deren ihr fähig feyd, die Marnung eines Vaters an, der euch fo herzlich liebt, und dessen Lrfahrung ihm die traurigen Folgen zeigt, die die Lesung dieser verderblichen Bücher zuver- läßig für euch haben wird, wenn ihr nicht von heute an eure schon kranke Seelen aufdaß ernst- kichste zu heilen euch bemühet.« „ Gesteht es mir, oder vielmehr gesteht es euch selbst, seitdem ihr diese Bücher leset, ha? den alle eureGedanken einen ganz andernSchwung genommen. Du, mein Sohn, siehst es nicht mehr für dein vornehmstes Geschäft an, etwas Nützliches zu lernen, und durch einen glücklichen Fortgang in jeder Srkenntniß den Beifall deines Vaters zu erwerben, und die Zufriedenheit desselben zu erhöhen." „Du,. meine Tochter, bist nicht fo eifrig mehr, die Geschäfte zu beforgen, die ich dir vertraue , und die glücklichen Fähigkeiten anzubau- , en, die ich mit jedem Tage zunehmen fah. " „Zst es nicht wahr, ihr sinnet seither auf nichts anders, als wie ihr Gegenstände finden möchtet, die eurer eingebildeten Zärtlichkeit wüv- dig, nach eurem Sinne euch glücklich machen, und durch euch glücklich werden können !'Kömmt nicht jede andere Pfiicht, jedes andere Geschäft euch ekelhaft und unrühmlich vor? und wünscht ihr nicht, je eher je lieber, euch in eine Äeihe von Begebenheiten verwickelt zu sehen, wie diejengen sind, welche die Helden und Heldinnen eurer Bücher fin euren Äugen fo fchäz- bar und fo bkncidenswürdig machen?" „ Äber überlegt — o ich bitte euch um eurer eigenen Wohlfahrt willen! — wie sehr euch dieses hindern müsse, euch diejenigen Tugenden und Ansichten zu erwerben, durch die allein ihr wahrhaftig gücklich werden, durch die allein ihr Ändere glücklich machen könnet! Ls ist — ich beschwöre euch, atterlicste Kinder, es wohl zu bedenken! — es ist ein falsches, ein verderbliches Vorurtheil, was die Hauptlehre dieser Bücher ausmacht, daß die Vereinigung zweier liebender Herzen die vornehmste Beschäftigung des Lebens, das einzige Mittel zur Glückseligkeit sey." 22Z »,Ich verberge es euch nicht: freilich ist die Liebe, die tugendhafte, reine Liebe, eine Quelle der erhabensten und süßesten Glückseligkeit. Liber weder eine romanhafte Denkungsart/noch abenteuerliche Begebenheiten, werden euch zu. diefem seligen Ziele führen. Ihr könnt, — glaubt es eurem Vater, der euch nie eine Un-- Wahrheit gefagt hat! — nicht anders, als unglück- lich werden, ihr könnet nicht anders, als Ändere, unglücklich machen, wenn ihr diesen bedenklichen Zeitpunkt übereilet. Erst müssen unsere Seelen reif zu einer tugendhaften Verbindung mit einer andern gleichgestimmten Seele seyn, ehe eine solche Verbindung möglich ist: und wie weit sind die eurigen von diefer Reife noch entfernt." „ Bedenke, mein Sohn, wie viele Erkennt- nisfe du noch zu erwerben, wie vielen Tugenden du noch nachzustreben hast, che du dem Staate und dem menschlichen Geschlechke nützliche Dienste zu leisten im Stande feyn wirst! Und du, meine Tochter, überlege, wie viel es noch brauchet, bis du fähig feyst, einem Haufe klüglich vorzustehn,undKinder vernünftig zu erziehen!" „ Wie unbedachtfam feyd ihr alfo nicht, daß ihr durch schimärische und einfältige Träume euch in dem glücklichsten Fortgange zur Volkom- menheit und Glückseligkeit hemmen lastet! Erwäget, wie unglücklich ihr feyn würdet, wenn das* zeitige, was ihr am feurigsten wünschet, euch alfo« bald gewährt würde!" „ Betrachtet, daß der Romanendichker seine Helden und Heldinnen, nach Belieben, weife, vollkommen und von Bedürfnisten ftei erschaffet; daß hingegen ihr von allen Zufällen des Lebens ab hänget; daß ihr euer Schicksal allein durch Weisheit und durch Klugheit verbessern könnt; A24 - daß Unbedachtsamkeit und Leichtsinn euch noth- wendig der Gefahr des äussersten Llendes aussetzen müssen; daß, wenn die Liebe euch einst glücklich machen soll, sie solches erst alsdann thun könne, wenn, durch die Vernunft erleuchtet und gebilligct, sie für euch nicht mehr ein Hinderniß zur Vollkommenheit, oder eine Quelle von Uebeln werden kann." Hier schwieg der Vater, und sähe mit einem bedenklichen und wehmükhioen Blicke auf feine verirrten Lieblinge herab. Hicfe erschraken vor der Gefahr, in der sie geschwebt hatten,ohne cs zu wissen, und ergriffen zitternd die Hand des zärtlichen Vaters, um sie mit ihrem Thränenzu benezen und ihn zu bitten, daß er ihnen doch helfen möchte, dem Verderben zu entrinnen, dem sie schon so nahe gewesen wären. Ein abermaliges Beispiel, wie nöchig es sey, feinen Körper und seinen Geist gegen künftige unausbleibliche Widerwärtigkeiten des" Lebens schon in der Jugend äbzu- härten. D. ^a die Herren Banks und Solander auf ihrer Reise um die dVekt in die Gegend des Feuerlandes gekommen waren, welches bekanntlich unter Amerika liegt: so empfanden jsie großes Verlangen , ans Land zu gehen , um die Beschaffenheit desselben zu untersuchen. Der Schiffskapikain, Herr Look, ließ ihnen also ein Book aussezen und darin fuhren sie denn, in Gesellschaft eines Schiffarztes und des Astronomen , nebst einigen Bedienten und Matrosen, nach der Küste. Hier -.— rsx Hier stiegen sie aus und gierigen landeinwärts, in der Absicht, gegen Abend zurückzu- komwcn und wieder an Bord zu gehen. Das Weiler war zu dieser kleinen Wanderschaft recht erwünscht: auch war es dazumal grade mitten im Sommer, indem der Liste Dezember in dieser Himmelsgegend der längste Tag ist. Nachdem sie eine Zeitlang gegangen waren, gerielhen sie in eine sumpsichke Gegend, die mit niedrigem Birkcngesträuche bedekt war. Ueber dieses mußte man hinweg steigen und sich die Unbequemlichkeit gefallen lassen, fast bei jedem Schritte bis an die Knöchel in den Morast zu sinken. Die Mühseligkeiten dieser Reise wurden noch vergrößert, da der Himmel sich plötzlich mit Wolken überzog und das Wetter nun auf einmal kalt und trübe wurde. Lin recht schneidender Wind sing an zu wehen; endlich erfolgte Schnee und nun war der Sommer auf einmal in den rauhesten Winter verwandelt. Die Reisegefährten munterten sich wechselseitig einander auf und drangen unermüdek immer weiter fort. Sie hatten ober kaum zween Drilthcile des sumpfigen Weges zurückgelegt,als schon einer von ihnen, Herrn Banks Zeichner, ohnmächtig niederste!. Man zündete ein Feuer an und ließ ihn, nebst einigen andern Lntkräf- telen, dabei zurück. Die übrigen erreichten endlich eine Anhöhe, wo die beiden Naturforscher durch die Lntde- ckung mannigfaltiger Kräuter für die übcrstan- denen Beschwerlrchleiten einigermaßen schadlos gehalten wurden. Rmdcrb,bl. !H. Th. P 226 Der Schnee hatte sich indessen vermehrt, die Kälte war heftiger worden, und es war nun schon so spät am Tage, daß man es ganz unmöglich fand, vor dem nächsten Morgen nach dem Schisse wieder zurückzukehren. Uber an einem solchen Gebirge, in einer so rauhenHim- mclsgegend eine Nacht hinzubringcn, war entsetzlich : und doch half kein andrer Rath. Man schickte daher nach denen, die beim Feuer gelassen waren, zurück, um sie, womöglich, auch aus den Berg zu bringen, von wannen sie sich sämmklich in den Mald begeben, al- da eine Hütte bauen und darin übernachten wollten. Ubends um 8 Uhr war die Gesellschaft an dem bestimmten Platz beisammen ukd traten nunmehr den Meg nach dem nächsten Thale an. Herr Solander beschwor seine Gefährten, sich doch ja in beständiger Bewegung zu erhalten, um sich des Schlafs zu erwehren, so groß auch immer die Versuchung dazu seyn möqte: denn, fügt' er hinzu, wer sich niedersetzt, der schläft ein, und wer einschläsk, der wird nicht wieder erwachen. Herr Banks nahm es über sich den Nachtrab zu führen. Ullein noch ehe man das Gebüsche erreicht hatte, nahm die Kälte dermaßen zu, daß der Doetor Solandcr selbst die Neigung zum Schlafe, vor der er die Ändern gewarnt hatte, ganz unwiderstehlich fand. Sr bestand, daß man ihm erlauben sollte, sich niederzulegen. Vergebens bat und ermahnte ihn Herr Banks; er legte sich in den Schnee und man hatte alle Mühe von der Melk, ihn vom Schlafe abzuhallen. 227 Liner von Herrn Banks Vediettten sieng an , dieselbe Ermattung zu füllen. Herr Banks schickte daher fünf Personen von der Gesellschaft voraus, um an dem ersten dem besten Orte ein Feuer anzulegen und erblieb beiden beiden Entkräfteten zurück. Endlich brachte man dikse wieder auf die Füße; aber ehe sie das sumpsichke Birkengebüsch zurückgelegt hatten, betheuerken sie aufs neue, daß es ihnen, weiter zu gehen, nun schlechterdings unmöglich wäre. Älle Vorstellungen und alle Bitten waren vergebens. Weder Herr Banks, noch seine Gchülfen, waren im Stande sie forkzutragen; man mußte sie daher beide niedersitzen lassen. Es dauerte nicht zwo Minuten, so waren beide in einen tiefen Schlaf verfallen. Da indessen einige von dem Vortrab mit der angenehmen Nachricht zurückkamen, daß in einer Entfernung von ein paar tausend Schritten ein Feuer angemacht sey: so gelang es dem Herrn Banks den Dockor Golander zu ermuntern, der aber, ohngeachkek er nur erst seit fünf Minuten eingeschlafen war, schon den Gebrauch seiner Gliedmaßen verloren hatte. Seine Muskeln waren dermaßen eingeschrumpft, daß ihm die Schuhe von den Füßen sielen. Der Bediente hingegen war ganz und gar nicht zu ermuntern. Herr Banks ließ daher feinen andern schwarzen Bedienten, nebst einem Matrosen, welche beide am wenigsten gelitten zu haben schienen , bei ihm, und versprach, sie ablösen zu laßen, sobald zween Ändere von der Gesellschaft sich ein wenig würden erwärmt haben. L28 Dies geschähe; allein nach einer halben Stunde kamen die ausgefthickkcn Männer allein zurück und berichteten, daß sie die ganze Gegend durchgesnchk, aber weder den Schlafenden noch seine beiden Gesellschafter gefunden hätten. Dies verursachte eine allgemeine Bekrübniß. Herr Banks, welcher diesem Vorfälle nachsann, vermißte eine Flasche mit Rum, undver- rnuthete, daß die zween zurückgelassenen Männer vielleicht versucht haben mogten, den Schlafenden damit zu ermuntern , und da sie vielleicht selbst zu viel davon getrunken, forkgekaumelt wären , ohne die ihnen versprochenen Megweifer zu erwarten. Zu noch größerem Unglücke sing es von neuem an, noch heftiger zu schneien und man mußte daher alle Hofnung aufgeben, die. armen Verirrten jemals wieder lebendig zu sehen. Gleichwohl hörte man zur großen Freude der ganzenGesellschasi gegen zwölfUhr in einiger Entfernung rufen. Man liefaugenblicklich hin und fand den Matrosen, welcher kraftlos daher schwankte und sogleich zum Feuer gebracht wurde. Herr Banks gieng weiter, um auch die beiden andern aufzusuchen; er fand sie endlich auch, aber in der kläglichsten Verfassung. Der Line stand zwar noch auf den Füßen, war aber unvermögend einen Schritt zu thun; der Lindere hingegen lag auf dem Boden und war un- ernpsindlich wie ein Stein. Die vereinigten Kräfte der ganzen Gesellschaft reichten nicht zu, sie fortzuschleppen. Man suchte darauf an dem Orte, wo sie waren, ein Feuer auzuzünden; aber auch diefes konnte des gefalleneu und noch immer fallenden Schnees 229 wegen, aller ersinnlichen Mühe, welche man sich gab, ohngeachtet, nicht zu Stande gebracht werden. Man sähe sich daher in der traurigen Nokh- wendigkeit, diese Unglücklichen ihrem Schicksale zu überlassen; machte ihnen ein Lager von Zweigen, bedeckte sie mit andern Zweigen; und verfügte sich wieder nach dem Mulde zurück. Mährend dieser Beschäftigung singen einige von den Uebrigen auch an, fühlloszu werden, und man konnte sie mit genauer Noth kaum zum Feuer schleppen. Die ganze Nacht wurde in einem Zustande hingebrachk, welchen das Vergangene, das Gegenwärtige und das Zukünftige gleich entsetzlich machten. Die zween Zurückgebliebenen mußte man für so gut, als Lodt halten, ein Theil der Uebrigen war krank und ohnmächtig und statt aller Lebensmittel hatte man einen einzigen Geier, der während der Reise geschossen war. Endlich brach der Tag an ; rund umher war nichts, als Schnee, zu sehen; die Kälte war noch eben so strenge, und der Mind noch eben so schneidend, als zuvor. Es war ihnen daher unmöglich den Rückweg anzutretken. Man schickte einige ab, um sich nach denen im Gesträuche zurückgebliebenen Unglücklichen umzusehn. Diese kehrten aber bald mit der traurigen Bothschaft zurück, daß sie todt wären. Da der Hunger nunmehr anfing, der Gesellschaft beschwerlich zu fallen: so zog man dem geschossenen Geier die Haut ab, zerlegte ihn P Z LZV -- in zehn Theile und jedermann bereitete nun seinen Lntheil selber zu, wie es ihm beliebt. Nachdem jeder seinen schmalen Bissen verzehrt hatte, wagten sie es, ihre Rückreise anzutreten. Ls glückte ihnen sich durchzuarbeiten. Sobald sie an Bord kamen, wünschten sie sich gegenseitig Glück, mit einer Freude, welche keiner Beschreibung fähig ist. Aus S-wkesworths AeisebeschrelbunA. Pz Inhalt. Erste Abtheilung. Seite. 1 Frizchen am Weihnachtsabend. i 2 Karl und Lieschen. 2 z Auf ein andermal bedächtiger. Z 4 Frühlingslied. — 5 Frizchens guter Vorsaz. 4 6 Zwei ungleiche Brüder. 5 7 Malchen, eine kleine Srzählung. 7 8 Junker Hanns. 9 9 Lied eines Fröhlichen. 12 io Der Aufschub. iZ n Wohl dir, daß du unter gesitteten Menschen gebohren bist. 14 12 Die Biene und die Hummel. 15 iz Das Dörfchen. 16 14 Der furchtsame Knabe. 17 15 Sin Frühlingsliedchen. 18 16 An ein junges Fräulein, dem man weiß gemacht, daß cs besser fey, als andre Menschen. ry. 17 Sin Liedchen. 2r 18 Der Gesang der Vögel. 22 19 Das Ringspiel. — 20 Die Blumen. Z 9 21 Lieschens Klage über Frizchens Tod. 4L 22 Lieschen zum Schmetterling. 42 2Z Friz und der Käfer. 48 24 Frizchens Morgenlied. 44 25 Der 'Klügste giebt nach. 26 Zwei Kinder, die Ach selbst regieren wollen. 27 Frizchens Tischgedanken. 28 Frizchens Dankgebet nach Tische. 29 Frischen nach der Arbeit. , Zo Frischen an den Tod. Zi Lin Bild vom menschlichen Leben Z2 Lrndkelied. ZZ Frizchen an Lotte, da ihre Mutter krank war. Z4 Der Pflug. ZZ Gespräch einer Mutter mit ihrem dreijährigen Kinde. §6 Das Gewitter. 57 Hirkenlied. ZZ Lied eines kleinen Mädchens an ihren Vater; bey Ueberreichung eines Ro- fenknöfpchen. Heike. 45 50 54 57 59 60 62 66 68 69 Zweite Abtheilung. Z9 Frizchen an ein Paar Tauben. 70 40 Durch gegenseitige Hülfsleistungcn gehen die Geschäfte des Lebens ihren Gang. 71 41 Liuige Beispiele von einer außerordentlichen Begierde nach Mcisheit und Gefchiklichkeit. 74 42 Morgenlied. 79 4Z Der Abend.s Zo 44 Kn den jungen Lefer. — 45 Lied eines Schwindsüchtigen. 81 46 Lin Landmann zu einem reichen Städter. 82 47 Der edelmüthkge Bauer. 8; 48 Der Lfel und der Hund. 84 Seite. 49 Der Schäfer und der Weltweife. 85 50 Nach einem Gewitter. 87 Zi Un ein neugebohrnes Kind. 88 52 Der gewissenhafte Tagelöhner. 89 5Z Zwei Hamster. 90 54 Lenophon und Sokrates. yr 55 Der Sonnenzeiger und die Glockcnuhr. 56 Snaniceris und Plato. 92 57 Frühlingslied. 93 58 Protagoras und Demokrttus. 94 59 Polemo und Lenokrates. 95 60 Die Kröte und die Wassermaus. 96 61 Beispiel eines jungen Helden. 97 62 Der dankbare Aude. — 6z Wilhelm und Franz. . 99 64 Ltn den Mond. ISA 65 Der Ungerechte fchadek sich selbst am meisten. 106 66 Der Lfel in der Löwenhaut. 107 67 Dionisius und der Reiche. 109 68 Sn die Tugend. m 69 Erkenntlichkeit. —- 70 Lin Knabe und eine Biene. 112 71 Der Tod einer Fliege und einer Mücke, r rz 72 Freundfchaftslied. . — 78 wahre Schönheit. 115 74 Die Aagd. n8 75 Lhue Gutes felbst denen, die dich beleidigen. 120 76 Die Streitsucht. 121 77 Mäßigkeit und Unmäßigkeik. 127 78 Don der Srbeitfamkeik. 129 79 Die Vorsicht. izr 80 Letzte Unterredung des unglücklichen Wassers mit feinen beiden Söhnen. izz 81 Sus Leonhard und Gertrud, einem Buche für das Volk. -44 Dritte Abtheilung. Seite. 82 Lied einer Schnitterin. i6i 83 ZeMe und Scharlokte. ,62 84 Der Held und der Reitknecht. 166 85 Betrachtung über einen Vogel. r68 dv Gespräch Mischen Vater und Sohn. 169 87 Än die Sonne, an einem Lrndkemorgen 17s 88 Ein wahrer Freund ist mehr werth, als alle Herrlichkeit dieser Melk. 171 89 Ueber die Sparsamkeit der Natur. 178 90 Die muthwillige Freundschaft. iZo 91 Betrachtung bei einem Bache. 136 92 Henriette, eine Kindergeschichte. 137 9z Lin Lied vom Reisfen. 210 94 Fritzchen an den Verfasser des vorstehenden Liedes. 212 95 Die liebenswürdige Kockette. 21 z 96 Väterliche Ermahnungen. 219 97 Ein abermaliges Beispiel wie nökhig es sey feinen Körper und feinen Geist gegen künftige unausbleibliche Widerwärtigkeiten des Lebens schon in der Äugend abzuhärken. 224 -- , / ' > ^ , v / - . Sk 7 ^ L^ » » / > - ^v ^ i r '.. . . :. »d » . d ^.... n ^ O »ch M E G »d » «G d G *»» G O * O « r », E> » » G D , ^ X ».< r< x >< ^ 7V WM M o - F. / y v -1? . 6L^ '