Gin Bortrag, gehalten in der freien christlichen (deutsch-katholischen) Gemeinde in Wien am 21. September 1848, von Vr. E-uar- Vuller. Der Reinertrag ist zum Besten der Gemeinde. - - Wien, 1848. Bei Kaulfuß Witwe, Prandel und Compagnie. 2 «bedeutungsvoll, meine Brüder, tönen uns die Worte des begeisterten Apostels Paulus zu: „Ich bin desselbigen in guter Zuversicht, daß, der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollführen, bis an den Tag Jesu Christi." Wahrlich, diese Worte rauschen uns aus des Briefes lebendig gewordenen Lettern, al« sei eine Quelle, welche längst für verschüttet gegolten, aus dem Felstrümmerhanfen, der sie bedeckte, nun plötzlich wieder zum Licht der Sonne hervorgedrungen, um dem Wandrer, welcher unverdrossen seinem fernen Ziele zueilt, um dem Arbeiter, welcher mühevoll am schwierigen Werke schafft, erquickende Labung zu spenden. Solche Wandrer, solche Arbeiter find wir. — Umdrängt von allem Ankampf der Feinde, vom offnen Sturmlaufund vom heimlichen Minengang, und ob von unseren Freunden die Halben verzagen und die Lauen erkalten, — stimmen wir begeistert in das Wort de- Apostels ein, unser ganzes Dasein erfüllt und verjüngt und verdoppelt gleichsam die Zuversicht, „daß, der in u»S angefanaen das gute Werk, es auch vollführen werde bis auf den Tag Jesu Christi." Wir fühlen's m jedem Herzschlag, das Zeugniß der Gewißheit : so wenig eines Menschen Gewalt dem Strom gebieten kann: „Fließe zurück!" oder der Nacht: „Bleibe länger!" oder der Sonne: „Du sollst nicht aufgehn!" — so wenig vermag der Bund aller Feinde, und wären ihrer noch tausendmal mehr, als ihrer schon sind, den Strom des Lebens, den Gottes Hand auSgegoffen, zurück zu treiben, nnd die alte Nacht der Knechtschaft zu verlängern, und die ewige Sonne der Freiheit aufzuhalten, daß sie höher und höher emporfteige und immer mehr Geister erhelle und immer mehr Herzen erwärme. Wie gewaltig nun auch dies Gefühl der Zuversicht in uns lebt und webt und uns aufrecht hält, — so laßt uns doch ans demselben hindurchdringen zum klaren Bewußtsein dessen, worin solche Zuversicht begründet ist. Laßt uns sicher sein der Erkenntniß dessen, zunächst: „Was ist unser Werk ?" dann: „Wer hat es angefangen, daß er es auch voll- sühren muß?" und endlich : „Was ist der Tag Jesu Christi ?" Was ist unser Werk? Es ist dasselbe, für welches der erhabene Meister auf Golgatha's Höhen die Dornenkrone trug, dasselbe, an welchem die Apostel und ersten Jünger gewirkt, dasselbe, für welches di« Märtyrer gelitten und gestorben, dasselbe, welches die Vorläufer und die Helden der Refotmation wieder erfaßt, um es fortzuführen: die Erlö- sung der Menschheit zur vollkommenen Freiheit, die Verwirklichung des Gottesreiches durch dieselbe, also, daß aller Mißklang des Haffes sich auflöse in den reinem Dreiklang der Freiheit, der Wahrheit und der Liebe, daß jede Kluft sich schließe, welche je zwischen Gottheit und Menschheit, zwischen Diesseits und Jenseits aufgeriffen worden ist. Aller Haß, meine Brüder, ist nur möglich, so lang die innerste Wahrheit des Geistes nicht zur Klarheit geworden, so lang ihm das Bewußtsein vom Wesen der Freiheit fehlt. In ihr liegt das Wesei» der Gottheit und das der Menschheit zugleich begründet. So lange der Einzelmensch nicht zur Klarheit gekommen ist über sein innerstes Wesen, über seinen Ursprung aus dem Göttlichen, über seinen Zusammenhang mit demselben, über die Bedingungen, wie sich dieser offenbart und bethätigt, so lang betrachtet er sich selbst gleichsam als den Mittelpunkt der Welt, so lang dünkt ihm, daß er lediglich für sich, den Einzelnen, da sei, so lang gilt ihm jede Forderung seiner sinnlichen Natur, als ein Ausdruck seiner unbeschränkten Gewalt und Willkür, so lang stellt er sein Selbst nicht bloß allen andern Wesen entgegen, sondern auch über alle anderen Wesen, so lang glaubt er ein Recht zu haben, alle anderen Geschöpfe um sich her, auch die ihm ähnlichen, die Menschen, sich unbedingt zu unterwerfen. So wie nun auch jeder Andere dasselbe vermeintliche unbedingte Recht seines Selbst wieder geltend zu machen strebt, erblickt Einer im Andern den Feind, zu dessen Unschädlichmachung , ja zu dessen Vernichtung ihn der Selbsterhaltungstrieb auffordert. So wächst und reift aus dem Keime der Selbstsucht der Haß, die thierischen Leidenschaften, durch keine höhere geistige Kraft gebändigt, verwischen die letzten Spuren des Siegels, welches die Gottheit auf des Menschen Stirne gedrückt, und im Kriege Aller gegen Alle verliert Jeder im Andern — sich selbst. Der wunderbare Zusammenhang, in welchem dies Kleid, aus Erde gemacht, mit allen thierischen Trieben, der Körper, die Hülle des gottent- sioffenen Geistes, mit diesem steht, — dieser Zusammenhang erscheint dem blos sinnlichen Auge als ein ungeheurer Zwiespalt. Es ist «ine tiefe Wund« der ganzen Menschheit, die da in jedem Einzelmenschen brennt;'du lechzest nach Balsam, und findest ihn nicht, so lange du dich nicht im Göttlichen, Ewigen gesunden. Du empfindest etwas in dir, was dich mit dem Gefühl eines Herrscherthums. über alles Lebendige erfüllet, und doch bist du der Sklave eines unbekannten Etwas, über welches du nicht hinauskannst. Du umspannest alles mit deinem übermächtigen Verlangen, und der nächste Stein, dir im Wege, wird dir zur unüber- steiglichen Felswand. Es ist ein Zwiespalt, unermeßlich, dunkel wie die sternlose Nacht, ein furchtbares, nutzloses Selbstzerfleischen ! Wer löst das Räthsel? wer schließt die Wunde? wer füllt den Abgrund aus, der in der Menscheit klafft ? Wie wird die Selbstsucht gebändigt und doch jener mächtige Trieb versöhnt, der inmitten aller thierischen Triebe, der sich selbst in der tiefsten Versunkenheit der Staubesnatur noch roll Ahnung eines Rechts höherer Selbstständigkeit erhält? Wie wird der Haß entthront, der die Erde zum Schlachtfeld, der den Menschen zum Raubthier macht? Von diesem Ungeheuern Zwiespalte hat Jesus von N a z a r e t h die Menschheit zu erlösen begonnen, und so nennt sie ihn denn auch mit vollem Recht ihren Erlöser ; sie nennt ihn so in einem bei weitem höheren Sinne, als in dem jener gewöhnlichen Auffassung, welche die Erlösung bloß als «ine Befreiung von Wahn und Aberglauben bezeichnet. Ge» gen Wahn und Aberglauben haben auch andere Helden der Menschheit gekämpft: aber das eigentliche und innerste Heil der Menschheit, ihre Versöhnung mit sich selbst und mit der Gottheit hat keiner so bestimmt erkannt und vollbracht, als der erhabene Meister, den wir deßhalb Heiland und Mittler nennen. Der wahre M i ttler zwischen Menschheit und Gottheit ist Jesus geworden, indem er dem Menchengeist seinen Ursprung im Gottesgeiste, dem Menschenherzen seinen Zusammenhang mit dem göttlichen Weltgesctz offenbarte, einen Ursprung und Zusammenhang, welchen Jesus mit heiliger Siegesgewißheit seines Bewußtseins zuerst in sich selber fand. Ausgerüstet mit der Fülle des Göttlichen, konnte er flch wahrlich den Sohn des Höchsten nennen, und die so oft kurzsichtig verkannte ewige Wahrheit dieser Bezeichnung, die Jesu sich selber beilegte, war zugleich der größte Sieg, welchen er für die ganze Menschheit errang. Durch diese Wahrheit, wenn sie endlich die ganze Menscheit völlig durchdrungen, wird diese letztere frei von dem Bann der Sebstsucht, der jeden Einzelmenschen zum Feind des andern macht; den der Einzelmcnsch, der sich jenes Ursprungs aus Gotl und jenes Zusammenhanges mit Gott bewußt geworden, steht nun nicht mehr vereinsammt als Mittelpunkt der Schöpfung da; der Kern seines Selbst hat nun im Ewigen seinen Halt und erkennt das Ewige in jedem andern Menschen, der ja wie er desselben „göttlichen Geschlechtes" ist. Nun hat er kein Recht mehr, daß nicht auch eine süße Pflicht wäre gegen den andern; denn in jedem, der gleichen Rechtes mit ihm ist, erkennt er gleichsam im Spiegel des Einen Ewigen — nur sich s lbst wieder. Diese Erkenntniß befreiet ihn von der Dienstbarkeit des Zeitlichen, des Wandelbaren, von der trostlosen Einsamkeit seines Selbst, von dem Zwiespalt, der ihn verzehrt, er ahnet d e Gesetze eines heiligen Zusammenhanges aller Wesen zu einem einzigen wunderbar harmonischen Ganzen, und der entzückte Geist schaut den geordneten Plan einer sittlichen Weltvrdnung innerhalb deren nichts umsonst erschaffen ist, nichts verloren gehen kann. Wie die Welten in ewigtn Bahnen kreisen nach dem Grundgesetz, daß jede in sich selber ganz vollendet, von der andern angezogen wird und ihre eigene Anziehungskraft wieder auf die andere ausübt, und nun jede Welt so die andere trägt und hält, allso ist'S auch im großen All der Menschheit, und das Grundgesetz, welches die Bahnen jeder kleinen Gotteswelt, genannt Mensch, bestimmt, das Grundgesetz der vollkomen Freiheit, es heißt Liebe. Dies Grundgesetz hat Jesus Christus verkündigt, als Grundgesetz des großen Gottesreiches, zu welchem die ganze Menschheil sich läutern und vollenden soll, in welchem die Gottheit sich durch die Vollendung der Menschheit offenbaret und verkläret; das ist das Werk der großen Weltversöhnung, in seiner ewig sortwirkenden Kraft, das Werk, von dem der Apostel redet, daß, „der es angefangen, es anch vollfü >ren wird." Wer ist es nun, der diesWerk angefangen? Kein anderer als vergöttliche Gei st selbst, dessen der Menschengeist sich in Jesus von Nazareth in ganzer Fülle bewußt geworden, als des eigentlichen ursprünglichen Kerns seines Wesens. Herrlich steht er vor unseren Blicken, der edle Meister, im Kreise der Jünger, der Kinder, der Armen und Kranken, Allen ein Bruder, Allen ein Tröster, Allen der treueste Freund, in seiner ganzen vollendeten Menschlichkeit so ganz des in ihm lebenden Gottesgeistes bewußt, daß er mit vollem Recht den erhabensten Gedanken, den ein Mensch zu denken fähig ist, in den Worten aussprechen kan»: „Ich und der Vater sind Eins !" Nie, seit Menschenherzen schlagen, hat je eines die laut're Quelle der Gottheit so laut in sich rauschen gehört, als das Herz Jesu, da er jene Worte sprach, Worte, deren Klang wie milde Frühlingsluft auch in jedem andern Menschenherzen die Eisdecke aufthauen, welche jene Quelle in so vielen umschließt, daß sie ihren Zusammenhang, die Bürgschaft ihrer ewigen Dauer nicht ahnen. Und völlig bcwußtdes Gottesgeistes, dessen Fülle in ihm lag, konnte I esuS, der das Geheimniß der Weltversöhnung in dem einfachen, jedem Kinde verständlichen höchsten Dopvelgebote der Liebe ausgedrückt, alsMittler zwischen Menschheit und Gottheit, das heißt: als der, welcher der Menschheit das Bewußtsein ihrer Einkindschaft zur Gottheit klar gemacht, — konnte Jesus die Worte aussprechen, welche, wie so viele an- 4 dere, die von seinen milden Lippen strömten, Jahrhunderte lang gänzlich mißverstanden wurden, die Worte, in welchen er bezeugt, daß er selbst sich als Mittler in jenem Sinne begriff, die Worte: „Niemand kommt zum Vater, denn durch michd. h. wer nicht befreiet ist durch die Freiheit, die ich verkündigte, wer diese Freiheit nicht erworben, zu der ich den Ruf an die Menschheit erhoben, der dringt nicht hindurch durch'« Irdische zum Ewigen und Göttlichen. Wahrlich, so ist Er, der vollendetste Mensch, jedem, der nach Vollendung strebt, der Weg zur höchsten Wahrheit, welche die Welt befreit und versöhnt, und sein Leben ist das ächte Leben im Ewigen, im Göttlichen. Ausdrücklich bezeichnet aber Jesus selbst Den, der das Werk angefangen und der es vollführen wird, mit den Worten: „Ich hätte euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnet es noch nicht fassen, wenn aber der Tröster kommen wird, der Geist der Wahrheit, der wird euch in alle Wahrheit leiten." Dieser Geist, dieser heilige Gottesgeist der Wahrheit, der das Göttliche im Menschen von den Fesseln de« Irdischen befreit und die vollkommene Freiheit offenbart im Sieg der Liebe, in einem Sieg der Liebe, wie ihn Jesus am Kreuze gefeiert hat, dieser Geist ist der Geist des ChristenthumS; durch ihn ist das Christenthum nicht etwas, das blos in einer Zeit für alle Zeiten abgeschlossen worden wäre, sondern etwas immer Lebendiges, mit der Menschheit Fortschreitendes, wie der Gottesgeist selbst, allumfassend, allbeseligend. Dieser heilige Gottesgeist, der das Werk begonnen, wird es auch vollführen und vollenden. Darauf aber kommt es nun an, daß die Menschheit sich dieses Geistes immer klarer bewußt werde, wie sich Jesus dessen völlig bewußt gewesen ist, daß sie ihn in Jesu großem Vermächtniß, im Christenthum, endlich vollkommen rein und lauter wieder erkenne, daß fie die großen und ewigen Grundgedanken seines Werkes endlich ganz und gar reinige von allen Zuthaten, welche das Mißverständniß späterer Geschlechter um dasselbe aufgebaut hat, daß fie das Göttliche drin wiederfinde, wie es sich in der heiligen Dreieinigkeit: Wahrheit, Freiheit und Liebe, im Menschengeschlecht offenbart. Wohl ist das einfach erhabene Werk Jesu im Verlaus der Jahrhunderte vielfach entstellt und getrübt worden bis zur Unkenntlichkeit, und zwar eben durch diejenigen, welche es pflegen und bewahren sollten, und manch ein trostlos verzagendes Herz konnte wohl denken: der, der es angefangen, habe sich von ihm abgewandt, der Geist, der es beseelen sollte, sei völlig von ihm gewichen. Man darf es sagen, und man muß es offen uud ehrlich heraussageu: Das Werk Jesu hat keinen entschiedeneren Gegensatz gehabt, als die alte Kirche. Jede große Errungenschaft Jesu hat die alte Kirche geradezu geläugnet; wenn auch nicht etwa immer absichtlich, doch gewiß aus Mißverständniß der Absicht Jesu; erschrecke man nicht über diesen Ausdruck, der die Sache nur beim rechten Namen nennt, und das istPflicht. Was war denn die alte Kirche anders, als das wieder aufgelebte jüdisch-heidnische Priesterthum mit all seinen Rangstufen von Würden, mit all seinen Opfern und Bildern, mit all seinem Tempeldienst? Sie hob den Meister, mißkennend die erhabene Bedeutung seines tiefinnersten Gottbewußtseins , zu einem Gott selbst empor, zu einer sichtbaren Persönlichkeit der Gottheit; fie schied aus der Gottheit den heiligen Geist heraus, als eine dritte Person, fie entgci- stete also den Geist, fie entgöttlichte das Göttliche; fie stellte die Menschheit aus dieselbe Stufe herab, auf welcher fie vor jenen großen Worten unseres Meisters : „Ich und der Vater find eins," gestanden hatte, fie riß die Kluft zwischen Gottheit und Menschheit, zwischen Diesseits und Jenseits wieder auf, welche Jesus, unser erhabener Meister, mit einer ewig fortwirkenden Lebensthat geschloffen hatte; und über den Abgrund baute fie eine Brücke der Vermittlung, baute dieselbe aus traumhaften Vorstellungen der Einbildungskraft von dem Verdienst des Glaubens, — nicht etwa des Glaubens der Menschheit an das Göttliche in ihr, sondern des Glaubens an ihre Verderbtheit und Verlorenheit, — des Glaubens an die Versöhnung eines zürnenden Gottes durch daS unschuldige Blut seiner eignen vermenschten Persönlichkeit, des Glaubens an dieses Gottes Versöhnung durch volle Entäußerung des Menschen von seiner Freiheit, von seiner Menschlichkeit — denn was ist Mönchthum und Cölibat, was ist der unbedingte Gehorsam unter die Satzungen der Kirche wohl anders ? Ja, der „Glaube" hieß das Zauberwort, womit die alte Kirche, den erhabenen Gedanken Jesu gänzlich mißkennend, sein Werk zu vernichten, den heiligen Dreiklang : „Wahrheit, Freiheit, Liebe" für immer zu ersticken strebte; der Glaube an die Kirche, welche etwas rein Aeußerliches war und sich über die ganze tiefgewaltige Innerlichkeit des großen Versöhnungswerkes Jesu stellte. Die Kirche forderte den Glauben an ihre Satzungen, fie forderte, wie fie selbst an den Buchstaben sich hielt, den unbedingten Buchstabenglauben;— hiermit aber trat fie der Wahrheit entgegen, welche in jenem VersöhnungS-Dreiklang des Werkes Jesu enthalten ist, denn ihre Satzungen beruhten auf einer gänzlichen Verkennung der Wahrheit des JnnigkeitsverhältniffeS zwischen Gottheit und Menschheit. — Die Kirche schloß ferner jeden, welcher diesen Glauben an ihre Satzungen nicht bekannte, von dem großen Bundeider im Geiste Jesu vereinigten Geister aus, fie ver- s dämmte jeden solchen, so wie jeden, der, — sei's durch Zufall oder Willen — demselben nicht angehörte; sie erklärte: nur ihre Gemeinschaft sei der heilige Kreis, innerhalb dessen jener Bund des Heils sich befände, sie erklärte ferner, wer sich nicht innerhalb dieses Kreises hielte, der sei des Heiles, der Seligkeit nicht theilhaftig, der müsse von allen , welche derselben theilhaftig werden wollten, gemieden und gehaßt werden; hiermit frevelte sie wieder an der Wahrheit, aber auch an derLiebe zugleich, und stellte, freilich unwissentlich, den Haß an die Spitze aller ihrer Gebote, welche sie als Iesu Gebote verkündigt«; ja sie erklärte dadurch die Liebe, Jesu heiliges Vermächtniß an die ganze Menschheit, Liebe, in welcher sich Allberechtigung erklärt, für etwas Sündhaftes ! — Die Kirche verlangte endlich statt des freien Strebens und Ringens eines Jeden nach Wahrheit, statt der freien, allumfassenden, allbeseligenden, unausschließlichen Liebe für alle Menschen ohne Unterschied der Glaubensfcrm — sie verlangte unbedingten blinden Gehorsam unter ihre Satzungen, sie verlangte gänzliche Verläugnung der Vernunft, gänzliche Gefangennehmung des Gemüths, gänzliche Aufgebung des Willens; so strebte sie den dritten Grundton in jenem heiligen Dreiklang zu ersticken, nämlich: die Freiheit. Der Kampf der alten Kirche gegen die Freiheit ist das blutrothe Kennzeichen der ganzen Kirchengeschichte des Mittelalters; die Scheiterhaufen eine« Huß und Savonarola, die Opfer der Inquisition, die Entgeistung, Entsittlichung ganzer Böller voll der herrlichsten Anlagen und — die Entgeistung, Entsittlichung der Kirche selbst, sind die Zeugen dieses Frevels, welchen sie an dem großen von Jesus begonnenen Werke des Gottesgeistes und an der Menschheit begangen hat. Und dennoch konnte sie mit aller Weltmacht, die sie errungen, jenes Werk nicht vernichten, weil sie das Göttliche selbst durch ein bloßes Läugnen seines Daseins nicht zwingen konnte, wirklich aufzuhören zu sein, wie es von Ewigkeit an gewesen, weil sie es nicht zwingen konnte, aufzuhören, sich immer auf's neue wieder im Menschengeiste zu offenbaren. Der Gottesgeist, der das große Werk angefangen, das Werk der Erlösung der Menschheit zur vollkommenen Freiheit, — siehe da, als es durch die alte Kirche schon völlig vernichtet und zum Widerspiel seiner selbst verkehrt zu sein schien, — er, der cs angefangen, regte sich vor dreihundert Jahren im deutschen Bolle und bewegte dasselbe, das Werk fortzuführen. Diese Bewegung und Weiterführung war die Reformation des 16. Jahrhunderts. Sie erhoben sich, die gewaltigen Helden des Geistes, sie verwarfen die unbeschränkte Herrschaft der Kirche über die Gewissen, sie brachen im Namen der Menschheit den Stab über alle jene unnatürlichen und deßhalb unsittlichen Anstalten, wodurch die Kirche ihre Herrschaft errungen hatte, behauptete und befestigte; kühn drangen sie hindurch bis zu ihrem angeblichen Allerheiligsten, zerrissen den Vorhang, der dasselbe verhüllte und entschleierten das Bild des ewigen Tode«, vor welchem sich Jahrhunderte hindurch so viele Kniee gebeugt hatten. Inbrünstig die Wahrheit suchend, befreiten sie den so lang gefesselten Glauben von der Werkheiligkeit, stürmten sie über die zertrümmerten Formen einer rein äußerlichen Weltordnung sehnsüchtig in das geheimniß- volle Reich der Innerlichkeit hinein. Aber die Reformatoren des 16. Jahrhunderts, diese großen, herrlichen, todesmuthigen Geistesheldcn, sie vermochten sich der alten Weltanschauung doch nicht völlig zu entäußern. Ob sie auch den Glauben befreit, — sie ließen ihr großes Werk unvollendet, weil sie den Glauben zugleich zum Herrscher machen wollten über die Vernunft, von welcher sie, in irriger Auffassung der Worte de« Apostels Paulus, verlangten, daß sie sich unbedingt gefangen geben müsse an deu Glauben. Der Glaube allein, und zwar der Glaube an den versöhnenden Opfertod Jesu, galt ihnen als die geheimnißvolle Kraft, gerechtfertigt, d. h. entsündigt, vor Ver- dammniß gerettet und selrg zu werden, und als die Quelle des rechtfertigenden Glaubens galt ihnen einzig und allein die heilige Schrift. Diese war nun zwar dem ganzen Volke endlich geöffnet und jeder war berechtigt, darin zu lesen, zu forschen. Wenn nun aber die Vernunft etwas so Sündhaftes war, daß sie sich dem Glauben blind gefangen geben sollte, wie und womit konnte denn nun die Schrift erfaßt und erforscht werden? Das war der neue große Widerspruch. Eine Lösung dieses Räthsels konnte nur dadurch vollbracht werden, indem man aus der alten Kirche den Satz herübernahm, daß die heilige Schrift ein unmittelbarer Ausfluß des heiligen Geistes sei, daß die Verfasser derselben gleichsam nur die besonders begnadigten, aber willenlosen Werkzeuge gewesen, deren er sich bedient, daß mithin jeder Buchstabe der heiligen Schrift, so wie er dastehc, unbedingte höchste Geltung habe. Hierdurch verwandelte sich die große Eroberung der Reformation: daß die heilige Schrift, als Urknnde unserer Religion, Gemeingut aller Religicnsgenoffen sein müsse, in die bloße Befugniß für alle: sie zu lesen, und in die Verpflichtung: an ihren Buchstaben festzuhalten. Das ist der Grund, weßhalb die Reformation des 16. Jahrhunderts unvollendet bleiben mußte. Sie war ausgpgangen von dem Triebe des göttlichen Geistes, den heiligen Dreiklang: Wahrheit, Freiheit und Liebe, der von der alten Kirche vergessen und erstickt worden war, wieder herzustellen als den Ostermorgenklang der Erlösung. Gleichwohl hatte die Reform»- 6 tion des 16. Jahrhunderts die schlimme Erbschaft der alten Kirche, den Gedanken der Rechtgläubigkeit, auf das eroberte Gebiet der Glaubensfreiheit herüber- gepflanzt. Zeugniß dafür ist der unselige Streit über die Abendmahlslehre zwischen Luther und Zwingli, ist der Scheiterhaufen Servets in Genf, dessen Flammen Calvin'» Odem angefacht, Zeugniß dafür sind die verschiedenen Bekenntnißschriften, sind alle die zahlreichen fruchtlosen Versuche, eine Einigung im Glauben zu finden, — zu finden durch diese oder jene 8 i n t ra cht s f o rm e l! Als ob es überhaupt irgend möglich, als ob es nothwendig wäre, eine Glaubens e in h e i t zu erzielen durch Ueber- einkunst in starren Buchstaben, als ob dies ein Gewinn für die Menschheit wäre und ihr höchstes Ziel, — als ob nicht vielmehr jeder solcher Versuch geradezu dem einen göttlichen Geiste völlig widerstrebte, der die ganze Menschheit durchweht, und sich in jedem einzelnen Menschendasein durchaus besonders offenbart! Wie dem auch sei, unsre Hochachtung vor den Reformatoren des 16. Jahrhunderts wird dadurch nicht geschmälert, sie haben für ihre Zeit, nach ihrer Anschauung, kühn und begeistert das Höchste gethan, und ihr unsterbliches Vermächtniß, das Lebensprinzip der Reformation, wurzelnd im deutschen Geiste, blieb dem deutschen Volk, blieb der Menschheit unverloren und entfaltet sich in unfern Tagen zu einer neuen weltgeschichtlichen That. Ja, der das Werk angefangen, der sollte es auch vollführen. Der göttliche Geist, wie ihn der erhabene Meister in sich erkannt, wie er ihn aus sich heraus in voller Sieges- gewißheit verkündigt, — er ließ nicht ab und er läßet nicht ab, zu schaffen und zu wirken. Der göttliche Geist, der Geist der Wahrheit, der Freiheit und der Liebe, der Keim und der Kern, die unversiegbare, immer neue innerste Werdekraft des Christenthums, bricht aus tausend Menschengeistern, wie aus tausend Menschenherzen in tausendfachen Verlangen nach dem einen Worte des Lebens, und dieß Wort: die Erlösung der Menschheit zur vollkommenen Freiheit, will jetzt zur That werden, m u ß zur That werden. Soll sie wirklich eine solche sein, so muß sie alle menschlichen Verhältnisse, alle menschlichen Anstalten durchdringen, so muß der Geist, die heilige Lebens- flamme, zcr pregen und verzehren alle Formen, welche noch aus längstentschwundenen Tagen einer früheren Entwickelung stammen und welche nun, seelenlos uud nutzlos ge- geworden, eine neue, höhere, allgemeinere Entwickelung nur hemmen. Das große Allleben duldet nichts Tvdtes in sich, die sittliche Weltordnung nichts Zweckloses. Der Geist des Christenthums, der den Menschen nicht bloß in seiner unaussprechlichen Sehnsucht nach dem Göttl chen auffaßt, sondern ihm auch bewußt macht, des Göttlichen, das Göttliche aus ihm herauswirkt. ihn hinstellen will als den lebendigen Zeugen und als das je mehr und mehr vollkommenere Bild der Gottheit, — der Geist des Christenthums, der dem Menschen aus dem Wesen derGottheit die drei Urkräfte der Wahrheit, der Freiheit und der Liebe, als Grundstoffe seines Wesens zuerkennt, der den Menschen heranbildet, daß er sie als sein Eigenthum erfassen, daß er sie jemehr und mehr zur höchsten Allgemeingeltung bringen, daß er sich selbst daraus die sittliche Weltordnung erschaffen soll als sichtliche, — der Geist des Christenthums, Jahrhunderte lang nur so einseitig aufgefaßt, so kleinherzig kaum geahnt, Jahrhunderte lang so völlig mißverstanden, — er duldet die Formen nicht länger, welche unmündige Geschlechter für ihn selber hielten, er zersprengt sie, und wie aus der geöffneten Knospenhülle der balsamische Blütenduft entströmt, io schwebet der Geist des Christenthums aus jenem großen, Jahrhunderte lang mit sieben Siegeln verschlossenen Tabernakel hervor, welchen die Völker die „Kirche" nannten und welchen sie im frommen Wahne für das Christenthum selber hielten. Der Geist des Christenthums bed arf ihrer nicht mehr, ihrer und aller ihrer Erziehungsmittel; nicht mehr bedarf er jener Schrecken einer ewigen Verdammniß, jenes Zauberwortes von ausschließlicher Allein- beseligung der Rechtgläubigkeit, jener Schlüssel, welche die Gewissen, die Geheimnisse der Familien, den Himmel, die Hölle, das Fegfeucr öffnen, jenes Donnerwortes von ursprünglicher Verderbtheit der Menschennatur und jener unbegreiflichen Gnadenmittel ; er spricht das große Wort zur Menschheit: „Schaue in Christum selber und du findest in ihm das Göttliche im Menschlichen : schaue in Christum selber und du findest dich selbst darin, wie du werden sollst, wie du durch die in dir selbst wohnende Gotteskraft werden kannst, du findest die Wahrheit deines eigenen Wesens, den Weg deiner eigenen Heiligung, das ewige Leben darin!" Ja, die Kirche im alten Sinne des Worts, als einzige Erscheinungsform des Christenthums, als ausschließliche Anstalt des Heils und der Heiligung, sie verwelkt, — wie die Blüte verwelken muß, wenn sich bereits der Fruchtkern ausgebildet hat. Nicht mehr Raum hat der Geist des Christenthums in jener einzigen Anstalt; alle menschlichen Verbände und Anstalten will er schon erfüllen und die ganze Menschheit selbst will er sich zu seinem lebendigen Tempel erbauen, worin jeder mit jedem Athemzug freudig sich selbst zum Liebesopfer für Alle hingrben soll. Das ist die Vollendung LeSjWerkes durch denselben, dereS begonnen, — daß sich das Leben von Grund aus neugestaltet, weil es das Christenthum nicht mcbr bloß außer sich und üb er sich hat, wie etwas Uebernalürliches, wie etwas Unbegreifliches, Unerreichbares, sondern weil 7 es das Christenthum in sich selber trage», weil bas Christenthum völlig aufgehen muß im Leben, weil es besten Seele wird. In di'ser Vollendung de« Werke« durch denselben, der e« angefangen, in dieser Erfüllung des Christenthums muß sich die Familie, die Schule, der Staat und das Völkerverhältniß durchaus verjüngen uud heiligen; überall muß das Göttl iche, welches fichimMenschlichen als Humanität offenbart, alsHöchstes erfaßt werden, neben welchem keine Form mehr bleiben darf, welche besten Geltung beeinträchtigt oder verdüstert, welche demselben geradezu widerspricht. E« muß demMen scheu Alles zur Religion werden; Sittlichkeit, Tugend, Recht, alles muß ihm im Brennpunkt des Einen Göttlichen erschein-n; er muß Gott erkennen in jeder schönen Menschenthat, in jeder großen Idee der Menschheit; in dieser muß er aufgehen, um Gott finden zu können; was er thut und leidet, was er fühlt, denkt und strebt, das Kleinste wie das Größte, im Familienleben im bürgerlichen Verkehr, im Staat, — es muß alles ein freudiger, lautrer, begeisterter Gottesdienst sein! Auf diesem Standpunkte der Anschauung steht unsere Zeit; der deutsch-katholische Liebesbund hat sich, Bahn brechend, zuerst auf demselben erhoben. Ueber unseren Häuptern glühet schon daS Morgenroth jenes verheißenen Tages Jesu Christi. Erhebet ihr nun die Frage: „Was ist der Tag Jesu Christi?" Wohlan: Ihr habet die Antwort schon vernommen ! Cs ist der Tag an welchem der Gottesgeist, der in des Meisters erhabenen Plane sich offenbarte, des Meisters Werk vollendet durch euch selbst, die ihr seiner völlig bewußt geworden, das ihr in euch traget, daß er euch, daß er die ganze Menschheit bewegt. ES ist die Zeit, da die Dunkelheit von euch, von der Menschheit weicht, da es in euch, in ihr taget, da das heilige Licht, das von Anbeginn war, das Dasein des Einzelmenschen und das der Menschheit als unermeßlicher Lebensstrom durch- fluthet, da jeder im Nächsten das Göttliche und Ewige erkennt. Wenn klirrend die letzte Fessel birst, die den freien Geist noch umschlingt und ihn kettet an den Buchstaben, wenn der letzte Riegel gesprengt wird, hinter welchem die B e v o rr e chtun g das angeborene Recht jedes Menschen einkerkerte, wenn die letzte S che i d e w a n d zusammen- stürzt, die den Christen vom Christen, den Menschen vom Menschen trennt, wenn errungen ist die freie Allduldnng, in deren heiligem Kreise jeder da« Recht jedes andern anerkennt, wenn die Liebe verbindet, was der Glaube so lang getrennt, wenn die Wahrheit uns frei gemacht von dem Wahn, daß wir der Freiheit unfähig seien, wenn die Freiheit lebendig wird in jedem Einzelherzen als Bewußtsein des Göttlichen, als sittliche Würde, welche Diesseits und Jenseits verbindet, als höchste Tugend der freudigen Selbstaufopferuug für Menschenwohl und Bruderglück; — wenn die Wahrheit das ganze Leben der Familie, die ganze Erziehung, den ganzen bürgerlichen Berkehr durchdringt und verjüngt, —wenn die Fre i h e i t in den kirchlichen Genossenschaften und im Staate zur vollkommenen Wahrheit geworden, wenn das Vaterland der große Tempel des Geistes, die feste Burg des Rechts ist, so daß es eine Lust ist auf heimischer Erde zu wohnen, daß kein anderer Himmelsstrich für die Söhne des Vaterlandes Reiz hat, weil sie das Höchste und Beste, das Theucrste und Heiligste, was sie wünschen können, im Vaterlande besitzen, — wenn kein Volk der Erde mehr den Gedanken denken kann, ein anderes Haffen und verknechten zu wollen, wenn jedes, selbst im Besitze der Freiheit, jede» andere freie Bolk achtet und für dessen Freiheit brüderlich einsteht, — dann ist er über der Erde heraufgestiegen in seiner vollen Klarheit, der große Tag, welchen Jesus im Geiste voraus geschaut, für welchen er das Menschengeschlecht erziehen gewollt, und sein Erziehungspla» ist vollendet, und die tiefe Bedeutung jener heiligen Sage vom großen Weltgericht und von dem Erlöser als Weltrichter ist erfüllt. Denn da« Recht der Menschheit spricht er dann aus, der größte Menschensohn, und, was diesem höchsten Recht widerstrebt, das wird offenbar als gerichtet, es trägt sein Verdammungsurtheil, es trägt die Vernichtung in sich selbst; auferstehen werden an diesem Tage alle großen Geister, alle Helden und Märtyrer der Ideen, um nun ewig fortzuleben; vernichtet ist an jenem Tage der sittlichen Auferstehung des Menschengegeschlechts der Tod und vernichtet die Hölle der Lüge, des Hasses und der Knechtschaft, und ein neuer Himmel der Humanität, wölbt sich über der neuen, schöneren, geweihe- ten Erde, und diese Erde wird das verheißene Himmelreich sein, in welchem Liebe und Eintracht als Engel wallen uud mit ewig grünen Palmen des Gottesfriedens den treuen Kämpfern die kampfesheißen Stirnen kühlen, — in welchem eine große Gottesfamilie wohnt, in welcher das hohe Lied des Einen, aus dem Alle stammen und zu dem Alle streben, alle Lippen zu einem Grundton, alle Herzen zu einem Schlag der seligsten Freude verbindet; das ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit jener Wahrheit, die den Knecht zum Freien, den Sohn des Staubes zum Bürger der Ewigkeit macht. Ja, dieser Tag Christi ist nahe; wir fühlen seine Nähe am höheren Schlag unserer Herzen; es zittert jede Brust von den Flügelschlägen großer Ereignisse, — noch schauen wir sie nicht, aber schon schwebe» sie in den Lüsten über uns, wir hören schon 78 ihr Rauschen, schon bebt der Boden unserer deutschen Erde, schon der jedes Landes davon. Verkündigt wird die Nähe des großen Tages aber auch durch die verzweiflungsvollen Anstrengungen aller Derjenigen, welche bisher im Grauen der Nacht und durch die Nacht die Welt beherrscht haben, und welche vom ersten Strahl jenes Tages berührt, mit all ihrer Macht und Herrlichkeit in Staub zusammen finken werden. Sie ahnen die Nähe des Weltgerichts; jener heilige Dreiklang des Lebens, der durch die neue Schöpfung tönen wird, Wahrheit, Freiheit und Liebe, — für fie ist er der Posaunenschall , der fie vernichtet. Seht: drum schaaren fie sich eng aneinander, drum raffen fie den letzten Rest ihrer Kräfte zusammen, um die heranschreitende Stunde der Entscheidung aufzuhalten; drum bieten sie auf's Neue alle Macht der trügerischen Ueber- redung auf, um alle jene, deren Gewissen ste bisher beherrschen konnten, weil fie ihren Verstand nicht zur Entwicklung kommen ließen, um alle solche durch das Wahnbild in Schrecken zu setzen: „die Religion sei in Gefahr," „die bürgerliche Ordnung sei in Gefahr;" und wen fie dadurch zu bethören vermögen, den treiben fie zum Haß, zur Verfolgung, zur Vernichtung der Vorkämpfer des Gottesreichs. O ihr Armen, die ihr eueren Tyrannen gehorchet, weil ihr nicht im Stande seid, einzusehen, wie fie euch betrügen, — o ihr Armen, stünde unser erhabener Meister in eurer Mitte, — er weinte über euch und eure Kinder jene Zähren, die er über Jerusalem geweint; er ergriffe neuerdings die Geißel und triebe aus dem großen Tempel, genannt deutsches Vaterland , die Elenden all, die im Namen der Religion das Volk verkaufen an die uralte Macht der Nacht; er spräche neuerdings : „Wer Augen hat zu sehen, der sehe denn endlich, wer Ohren hat zn hören, der höre denn endlich! Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!" Aber würden fie ihn kennnen wollen, jene, welche das Volk betrügen um die Freiheit, damit uns Christus befreit hat, würden fie nicht neuerdings als Gotteslästerer und Hochverräter zum Kreuzestode verdammen, die geistlichen und weltlichen Pharisäer des IS. Jahrhunderts, und würden die Armen all, von ihnen aufgestachelt, nicht neuerdings rufen: „Kreuzige ihn!?" Nun wohlan, bewaffnen die Feinde der Vollendung des großen Christuswerks, bewaffnen die Feinde der zu vollendenden Erlösung all die beklagenswerthen Brüder, welche fie beherrschen, um die heranschreitende Stunde der. Entscheidung aufzuhalten, — wir alle, die wir hindurch schauen in das vollkommene Gesetz der Zukunft, wir scheuen den Kampf nicht, wir nehmen ihn gottesmuthig auf, und so gewiß Gott selbst sein ewiges Wesen nicht wandeln kann, so gewiß er die Wahrheit und die Liebe selber ist, so gewiß hat er der heiligen Freiheit, die seinem Wesen entflossen, die des Menschendaseins erste Bedingung und höchste Würde, die des Christenthums Seele ist, so gewiß hat er ihr seine Allmacht verliehen und seine Ewigkeit, daß fie — wenn auch langsam — alle zeitliche Macht der Welt überwindet, welche sie vernichten zu können wähnt, so gewiß wird er, der das Werk angefangen, es auch vollenden. Ueber alle jene Feinde der Freiheit, der Wahrheil und der Liebe, die sich jetzt enger denn je verbinden, schreitet er erlösend, erhellend und beseeligend hinweg, der Gottesgeist, — und — fie werden nicht mehr sein! Diese in Gottes Wesen selbst so fest, so unverbrüchlich begründete Zuversicht auf Ihn, die uns geweckt, die nns verbunden hat, fie erhalte uns auch stark im ernsten Kampfe, der da nahe bevorsteht; — o eine heilige Lust sei's, zu kämpfen: kämpften wir nicht mit, wir wären nicht Werth des Sieges und Segens, , die der Menschheit zu Theil werden. Diese Zuversicht, diese Siegesgewißheit des Göttlichen, daß uns beseelt und treibt, fie stähle und weihe uns, wenn dem ersten Strahl des Voll- envungstages die letzten Stürme der alten Nacht voranbrausen. Wie sie uns auch umtoben, wie sie uns auch mit eisigen Flügeln umfassen, ob sie den Boden unter unfern Füßen ausreißen, ob sie den heimischen Herd uns zerschmettern, und Weib und Kind unter den Trümmern verschütten, — wir wollen für die Vollendung des Werks stehn und nicht wanken; und müssen wir fallen, treue Vorkämpfer des großen Tages Christi, so sterben wir wie der greise Moses, der sein Volk durch die Wüste geführt, — das Land der Verheißung vor unfern Blicken aufgethan, und von dem harmonischen Dreiklang : „Wahrheit, Freiheit und Liebe" umtönt, den unsere Enkel als SiegSgesang anstimmen, sinken wir bewußt und freudig — nicht in des Todes Arme, nein, an jenes große Herz, dessen Schlag ewiges Leben ist! Gedruckt bei Edlen von Schmidbauer und Holzwarth.