Adresse -es Reichstags Sc. Mai. dm Kaiser. Ew. Majestät! Ein Zeitraum von nur drei Tagen liegt zwischen der letzten und der gegenwärtigen ehrfurchtsvollen Adresse des constituirenden Reichstages an Ew. Majestät, und dennoch hat seitdem jede Stunde für Millionen Staatsbürger, welche die aufopferndste Liebe für Volksfreiheit mit unerschütterlicher Treue gegen den konstitutionellen Monarchen und mit vollster Gerechtigkeit-Erzeigung gegen jede Nationalität Oesterreichs vereinen, den drohenden Zerfall des Staates immer näher gerückt; denn nationale Wirren durchkreuzen jedes der Freiheitsverwirklichung und der Vaterlandsrettung geweihte Streben. Es ist nun dahin gekommen, daß das alleinige, leider! so lange unbeachtet gebliebene Mittel, Dvlkerwünschen die gebührende Rechnung zn tragen, jetzt inmitten der in Sturmwogen aufbrausenden Fluchen der letzte Hoffnungsanker bleibt. Nur ein internationaler Bölkercongreß des österreichischen Gesammtvaterlandeö, dessen Idee zum Heile Atter, nur mehr durch die Macht der materiellen Interessen und des Bedürfnisses gegenseitiger Schirmung der Bolksfreiheit, wie der Nationalitätsrechte, verwirklichbar ist: — nur ein solcher Völkercongreß bietet als letztes Rettungsmtttel sich dar Die Armee, deren Bestimmung es ist, das Vaterland gegen auswärtige Feinde zu schützen, kann noch manchen durch Völkerglück zu theuer bezahlten Sieg in gräßlichem Bürgerkriege erfechten, aber ein Uebel nicht beheben, welches sie vielmehr vergrößern muß, weil endlich die durch sie bekämpften übermächtigen Interessen in ihr selber sich geltend machen, und sie in feindliche Heere spalten. Ew. Majestät! die Völker vertrauen auch jetzt noch ihrem konstitutionellen Monarchen, und können nicht, wollen nicht glauben, daß Ew. Majestät liebevolles Herz sich werde abhalten lassen, auch den Völkern zu vertrauen, und einen Friedenscongreß der blutigen Waffengewalt vorzuziehen. Ew. Majestät erhabener Name wird ein von den Herzen der Volker geheiligter, ein unsterblicher sein in der Geschichte, wenn Ew. Majestät dieser dringenden Bitte des loyal vorgehenden Reichstages Gehör geben! Alö wahrhaft loyaler Reichstag darf er zu keiner Täuschung de« unfreiwilligen Anlaß geben, und muß namentlich in Bezug auf das Königreich Ungarn die möglich« Deutung auf das entschiedenste ablehnen, als wolle der österreichische Reichstag als friedliches Werkzeug denselben Zwecken dienen, welche bisher durch Waffengewalt in Ungarn angestrebt worden, und wodurch eben der Bürgerkrieg auch in den westlichen Kronenländern Ew. Majestät aufzulodern beginnt. Der constituirende Reichstag hat einzig und allein den Zweck im Auge, die Brandfackel deS Bürgerkrieges zu löschen, um die dem Reichstage obliegenden Pflichten erfüllen zu können, um in Wahrung der internationalen Interessen zwischen der Krone Ungarn und der im constituirenden Reichstage vereinigten Provinzen jenen Bölkerver- brüderungsbund zu' ermöglichen, der durch die SelbsterhaltungS- sucht Aller geboten ist, wofern nicht die Rechte des erblichen Thrones, der Volksfreiheit, der Nationalitäten und die durch gemeinsame materielle Interessen bedingte Vaterlandswohlfahrt gefährdet werden soll. Der constituirende Reichstag beschwört demnach Ew. Majestät aus das Feierlichste: einen Friedenseongreß der Völker des Königreiches Ungarn nnd feiner Kronländer durch frei von ihnen gewählte Abgesandte unverzüglich in Wien eröffnet» zn lassen, unter Zuziehung eines internationalen Ausschusses, bestehend aus Abgeordneten des constituirenden Reichstages, und unter Mitwirkung der beiden verantwortlichen Ministerien von österreichischer und ungarischer Seite. ^ Möge dieser Friedenskongreß den Anlaß bieten, mit thunlichster Beschleunigung auch das lombardisch - venetianifche Königreich beizuziehen. Der Reichstag schließt sein^, ehrfurchtsvolle loyale Adresse mit der heiligen Versicherung, daß er nur das Gesammtwohl aller Völkerschaften des österreichischen Kaiscrstaatcs vor Augen hatte, der innerhalb seiner Gränzen dem internationalen Verhältnisse Rechnung tragen muß, um statt des unhaltbaren alten Staatsbaues einen neuen, den durch kaiserliches Wort garantirten Errungenschaften entsprechenden aufführen zu können. Es ist der letzte Moment eingetreten, wo noch Gerechtigkeit und Weisheit die^ vielleicht nach verwüstenden Bürgerkriegen, zuletzt dennoch sich einstellende Nothwendigkeit zur Grundlage von Völkerfreiheit und Völkerglück machen können. Der constituirende Reichstag legt hiermit das Wohl oder Wehe von Millionen Menschen an das für sie gewiß in Liebe schlagende Fürstenherz, und wird, wenn „minder unbefangene Beur- theiler" der Sachlage sich beratheud zwischen Ew. Majestät unb dm legalen Reichstag stellen, wenn sie diese, mit dem erblichen Throne und der VolkSsreiheit es gleich treu meinende Adresse zu' einer vergeblichen machen sollten, sein Wirken dem Urtheile der Nachwelt anheüu- stellen. Gott segne Ew. Majestät und durch allerhöchst derm Entschluß die Völker Oesterreichs! Gedruckt bei Friedrich Eurich in Linz. Adresse des Obercommandanten der Wiener National-Garde Messenhauftl Baron Jellachich! Euer Ercellenz ist es bekannt, daß der hohe, nach der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung aller deutsch - österreichischen Länder — wie ich mehr und mehr klar ersehe, — souveräne Reichstag, in Anbetracht der, durch die Ereignisse des sechsten October vorherge- rusenen außerordentlichen Ereignisse — Ereignisse, von Vielen hervorgesehen — mit dem Aufträge betraut worden, Sorge für die Vertheidigung der Hauptstadt Wien und Umgebung, so weit der Wirkungskreis des Wiener National-Garde-Ober-Commando reicht, in Verthei- digungs-Zustand zu setzen. Euer Ercellenz dürfte es nicht minder bekannt sein, daß ich durch die Gewalt, welche die Geschicke und Verhängnisse des merkwürdigsten aller Jahre 1848 charakterisiert, aus der Einsamkeit eines fast einsiedlerischen Lebens — durch Berufung und Sanctionirung des hohen Ministeriums und des hohen Reichstags - Ausschusses, an die Spitze der Nationalgarde von Wien sammt den Umgebungen getreten bin. Sollte bei dem bisher noch ungestörten Personenverkehre dieser Vorfall Euer Ercellenz unbekannt geblieben sein, so ist die Mittheilung desselben der erste Grund dieses meines Schreibens. Das fernere Motiv des Erlasses dieser Note an Euer Ercellenz ist Folgendes: Der Inhalt des, im Aufträge des Reichstages vom Reichstags- Ausschüsse an Euer Ercellenz unter dem 14. October erlassenen, und durch Plakat der gesammten Bevölkerung veröffentlichten Schreibens, wäre schon als Privatmann, nicht bloß der Ausdruck meiner persönlichen Ansicht, sondern auch meiner tiefsten Ueberzeugung gewesen. Seit dem 13. October — unterbrochen durch ein kurzes Interregnum — in den Centralpunkt der Wiener Volkswehr gestellt, belehren mich in jeder Stunde, Organe der verbrüderten Volkswehr aus allen Provinzen der auf dem Reichstage durch den freien Volkswillen vertretenen Staaten, daß Euer Ercellenz mit Ihren unterstehenden Armee-Corps, trotz aller Versicherungen von friedlichen Absichten, als eine vollkommen feindliche Macht angesehen werden. Euer Ercellenz Erscheinen, mit Theilen eines aus Ungarn weichenden Heeres, sind der Gegenstand allgemeiner Befürchtung. Aber nicht jener Befürchtung, welche die, ihrer Errungenschaften sich bewußte Volkswehr der Hauptstadt Wien veranlassen könnte, rath- und thatloö die Hände in den Schoos zu legen, und sich von dem Feldherrn einer Armee, in Marsch gesetzt ohne Mandat eines verantwortlichen Ministeriums, sei es nun das Ungarische zu Buda-Pesth oder das Unsrige zu Wien, ich wiederhole, sich von dem Feldherrn einer Armee, dessen Verbindung mit dem k. k. Armeekorps Sr. Ercellenz des Herrn Grafen von Auersperg dem Verständnisse der denkenden Bevölkerung nicht klar genug vorliegt, Gesetze, oder was einerlei ist, das Verzweiflungsmittel einer Kapitulation vorschreiben zu lassen. Von einem solchen Geiste des sich Selbstverlaffens, der unmännlichen Unterwerfung unter einen durch Schlachtlinien sich ankündigenden Willen, der mich über die Freiheitsgedanken meiner deutschen und nicht deutschen österreichischen Mitbürger erröthen machen müßte, sind dem gefertigten Obercommandanten seit seiner kurzen AmtSthätigkeit keinerlei Symptome vorgekommen. Im Gegentheile. Von allen Seiten laufen Klagen, directe und indirecte Proteste von Einzelnen, Körperschaften, Gemeinden, deren Ge- sammtausdruck als das Echo der Landesstimmen angesehen werden muß, in meinem Hauptquartiere ein. Tausende und aber Tausende erwarten von mir, dem Leiter der Vertheidigung der Hauptstadt Wien, die Losung zum Angriffe gegen die Armee Euer Ercellenz, allein nicht so auch gegen die k. k. Truppen Sr. Ercellenz des Herrn Grasen Auersperg. Vertheidigung, und nicht Angriff, liegt in meinem ausgesprochenen und hinlänglich bekannten Aufträge. Allein — wie dieß in dem gestrigen Schreiben des hohen ReichstagsauSschusseS Euer Ercellenz eröffnet worden, die durch ihre Truppen vollzogene Entwaffnung der gesetzmäßig organistrten Nationalgarden der Dorfschaften, die drückenden Requisitionen, die Verhinderung der freien Passage, die Absperrung der Zufuhr von Lebensmitteln, und die Besetzung der zum Bezirke der Hauptstadt gehörigen Ortschaften legen mir die gebieterische, unabweis- liche und heilige Pflicht auf, mir von den Absichten Euer Ercellenz in möglichst beschleunigter Zeitfrist volle Ueberzeugung zu verschaffen- Sind die Absichten Euer Ercellenz durchaus friedlicher Natur, wird kein Angriff aus die; Stadt, wozu ich jedoch immer die Umgebung rechne — unternommen — wird den Absichten Euer Ercellenz bloß durch die beliebte Formel: ans strategischen Gründen, ein gehässiger Schein angeklebt, so habe eben auch ich aus strategischen Gründen von Euer Ercellenz die vollste, bestimmteste, dem einfachsten Verständnisse der Bevölkerung klare Verständigung über die folgenden Punkte, mir, in schon angedeuteter Zeitfrist zu erbitten: Erstens. Sind Euer Ercellenz geneigt, Ihre Truppen aus der Umgebung von Wien derart zurückzuziehen, daß ich im beharrlichsten Befolge meiner vom hohen Reichstage erhaltenen Mission nicht bemüssiget bin, auf der Grundlage eines scheinbaren Friedens zum Schutze der Hauptstadt und der Umgebung, zum Schutze von Personen und Dingen, zum Schutze von National- und Privateigenthum, zum Schutze von schwer ersetzbaren Gütern die außerordentlichsten Berthei- digungSmaßregeln zu treffen? Für einen Kampf, entbrenne er nun in den Mauern der Hauptstadt oder in den Außenbezirken, Rüstungen aufzubieten, welche eine für die Beschäftigung des Friedens und der Kultur bestimmte Bevölkerung in Soldaten umwandelt, welche den schwer gedrückten steuerpflichtigen Bürgern noch größere unerschwingliche Auslagen aufzwingen muß, welche Bestürzung ohne Maß, Befürchtungen ohne Ende, mit einem Worte, welche den edelsten Kern der auf dem hohen Reichstage tagenden Bevölkerung, an deren Wohlstände alle österreichischen Mitbürger fremder Nationalitäten ohne Unterschied betheiligt sind, die tödlichsten Wunden auf unabsehbare Jahre schlägt? Zweitens. Sind Euer Ercellenz geneigt, jeden Act der Feindseligkeit gegen die meinem Schutze vertraute Bevölkerung, Eingeborne wie Fremde, sofort einzustellen? Drittens. Sind Euer Ercellenz geneigt, sich sofort aus der drohenden Stellung, die Ihre, unter absolutistischen Bannern agirende Heeresmacht unter den Mauern, man kann sagen, derzeit selbst unter den Kanonen der Hauptstadt einnimmt, in der allerkürzesten Zeitfrist, ohne Rücksicht auf strategische oder politische Gründe, von deren Richtigkeit ich die unermeßliche Mehrheit der mir anvertrauten Volkswehren völlig fruchtlos würde überzeugen wollen — nach dem Süden zu in Ihr Heimathland zurückzuziehen? Die ungeheure Verantwortlichkeit, die seit der, wahrlich durch keinen demokratischen Ehrgeiz eines Emporkömmlings, sondern durch das Gebot reinster Bürgerpflicht erfolgten Uebernahme meines schwierigen Amtes, auf meinem alleinigen Haupte ruht, bemüssiget mich, diese meine erste Note an Euer Ercellenz fast in dem düsteren Charakter eines Ultimatums abgehen zu lassen. Ich gewärtige in Bälde Euer Ercellenz geneigte Antwort. Da ich sowohl als Mann des Volkes, als Vorstand deS Wehr- körpers der Stadt Wien in Entscheidungen, ob Kampf, ob Friede sein wird, nur offen verkehren kann, um darnach als Organ der entschiedensten Mehrheit zu handeln — so habe ich die weitere Ehre, Euer Ercellenz mitzutheilen, daß ich den Inhalt dieses Schreibend der Kenntniß deS Publikums nicht entziehe. Ferners, daß ich, geistige Waffen den roheren des menschenmordenden Kampfes vorziehend, die gesammte Presse der Hauptstadt, deS Vaterlandes, aller Culturstaaten des Welttheiles aufrufe, sich deS Inhaltes meiner ersten Ansprache an Euere Ercellenz zu bemächtigen. Wien, am 15. October 1848. Messenhauser, provisorischer Obercommandant. kk>2