An die Studenten Wiens! Drüder! Der Kampf der Märztage war der Kampf der Gesinnung und des kräftig erwachten politischen Bewußtseins gegen das System der Knechtung und Entgeistigung, der Sieg war jener des Geistes über das erniedrigende Marionettenspiel, bis jetzt Staats- und Regierungskunst genannt. Die Drache, die uns gängelten, sind zerrissen, die Schauspieler, die uns ihre Stimme borgten, sind verjagt, die Puppen haben Leben bekommen, stehen auf eigenen Füßen, und reden ihre eigene Sprache. Wir, die Studenten, waren die nächsten Opfer jener unseligen Politik der Geistesnive- lirung; die kalte, erstarrende Hand des Zwanges empfing uns beim Eintritte in die Bahn der Wissenschaften. Sorgsam hatte man über unsere Zeit verfügt, für jede Stunde ein nach polizeilichem Ellenmaße zugemeffenes Stück Wissen bestimmt. Die Gespenster, Prüfung und Klaffen mußten es verhüthen, daß wir nicht abseits streiften, um uns dem Baume der Erkenntniß zu nähern. Mit desto größerem Stolze und freudigerem Selbstbewußtsein empfangen wir nun die ehrende Anerkennung vom ganzen civilisirten Europa, daß wir die Ersten in unserem Vaterlande den Kampf des Lichtes gegen die Finsterniß begonnen, daß wir die Ersten dem Bedürfniß nach Freiheit und Selbstständigkeit den kräftigen, weittönenden Ausdruck gäben, der auch gleich in der Brust aller Wohlgesinnten seinen lauten Widerhall fand. Was bis jetzt gethan wurde, es war Wirkung des göttlichen Freiheitstriebes, der würdigen Gesinnung und des kräftigen Wollens. Allein für das, was von jetzt an zu thun ist, reicht diese heilige Trias nicht mehr hin. Der Blitz zerstört, was seinen Gang hemmt, und reinigt die Luft von faulen Dünsten, auf daß die schaffende, verjüngende Kraft frei und ungehemmt walten könne. Der Blitz selbst aber schasst nicht. An die Stelle des morschen, nun vernichteten Staatsgebäudes wird jetzt ein neues, kräftiges treten. Jeder Bürger wird berufen sein, diesen Bau zu fördern und zu stützen. Wollen wir, einst in's praktische Leben getreten, demselben nicht bloß als Handlanger dienen, dann müssen wir uns durch eine tüchtige politische Durchbildung für die neue Wirkungssphäre vorbereiten. Freunde! Gestehen wir es uns, unsere politische Befähigung ist weit hinter unserem Streben, weit hinter unserem Wunsche einst zu nützen, zurück. Unsere politische Ausbildung war mangelhaft, Weniges haben wir gelernt, und das Wenige müssen wir zu vergessen streben, denn mit der Kabinetsherrschaft hat auch die politische Weisheit von gestern ein Ende. Die Oeffent- lichkeit wird jetzt das Forum der Regierung, für dieses müssen sich jetzt alle Kräfte heranbilden. Nebst tüchtiger geschichtlicher und politischer Kenntniß, ist die Fähigkeit einer klaren Debatte, einer geordneten, kräftigen Rede unerläßlich für Jeden, der dem Vaterlande zu nützen berufen wird. Nur die Oeffentlichkeit, aber nicht jene lärmende der Aula, nur die gegenseitige Anregung vermag diese Fähigkeiten zu entwickeln, und die vorhandenen zur Reife zu bringen. Zu dem Ende ist es nöthig, daß wir uns selbstständig vereinigen, um uns eine politische Bildungsanstalt unter der Form „eines Lese- und Rede-Vereins" zu schaffen. In dem Folgenden haben wir es unternommen, die Grundzüge eines solchen Vereins zu skizziren. — Eure Gesinnung, Brüder! bürgt mir für Eure Anerkennung, für Eure rege Theilnahme. I. Der Verein hat den Zweck, den Studirenden die Mittel zur Erlangung politischer Bildung an die Hand zu geben. Zu diesem Behufe wird der Verein: a) die besten Zeitschriften des Inn- und Auslandes, wissenschaftliche Werke und Monatschristen aus dem Gebiete der Geschichte und der Staatswiffenschasten überhaupt, die letztem nach Verhältniß der vorhandenen Mittel, und endlich die neuesten Brochüren, welche sich auf wichtige Tagesfragen beziehen, seinen Mitgliedern zur Benützung darbieten; b) wird im Vereinslokale ein größerer Saal zu gegenseitigen Besprechungen bestimmt. In demselben werden auch 4 Mal wöchentlich in noch zu bestimmenden Stunden geordnete parlamentarische Diskussionen über die wichtigsten Tagesfragen Statt haben, und so der politischen Urtheilskrast und dem Redetalente eine geistige Turnschule geboten. II. Um diesen Zweck möglichst vollkommen zu erreichen, ist es nöthig, die Bedingungen zum Eintritt in den Verein so billig zu stellen, daß jeder, selbst bei beschränkte!: Mitteln, seinem Bedürfnisse, sich daran zu betheiligen, Nachkommen könne. Zu dem Ende wird : a) der Beittag eines Studenten demnach auf 6 fl. jährlich festgesetzt, welcher in vierteljährigen Raten von 1 fl. 30 kr. C. M. im Vorhinein zu entrichten ist. Der Eintretende verpflichtet sich jedoch, wenigstens für ein halbes Jahr den Beitrag zu entrichten. Diejenigen Herren, welchen ihre Verhältnisse gestatten einen größeren Beittag zu leisten, werden im Interesse der guten Sache aufgefordert, dieses namentlich für den Anfang zu thun, da der Ankauf der nöthigen Bücher und der übrigen Einrichtung ein kleines Kapital erfordert; b) da der Verein vorzüglich für Studenten berechnet ist, so können nur diese auf den Vorzug Anspruch machen, der in einem so kleinen Beittag, wie der von 30 Kreuzer für den Monat, liegt. Wenn andere Herren des akademischen Körpers unserem Vereine beizutteten wünschen, so haben sie einen Beittag von 10 fl. C.M. jährlich, und zwar in halbjährigen Raten, im Vorhinein zu entrichten. e) Um den Miethzins für das erste Semester und das Meublement des Vereinslokales herbeischaffen zu können, haben die Unterzeichneten sich mit einigen Kunst- notabilitäten in's Einvernehmen gesetzt, welche mit größter Bereitwilligkeit ihre Mitwirkung zu einer für diesen Zweck zu veranstaltenden musikalisch-deklamatorischen Akademie zugesagt haben. III. Der Entwurf der Vereinsstatuten, die jedoch über den obenerwähnten Zweck nicht hinausgehen dürfen, so wie die Ernennung eines Comitts zur materiellen Leitung des Ganzen, bleibt der Entscheidung der Vereinsglieder Vorbehalten. Es muß jedoch in jedem Falle dem einzelnen Mitgliede unbenommen sein, zu jeder Zeit Auskunft über die Gebahrung des Vereins zu verlangen. Wer diesem Vereine beizutteten wünscht (nicht Akademiker sind ausgeschlossen), beliebe sich in der Wohnung der Unterzeichneten, Preßgasse Nr. 454, 2. Stiege, ersten Stock, täglich zwischen 8 und 10 Uhr Vormittags, in kürzester Frist zu melden. — Der Verein wäre von unberechenbarem Nutzen, es wäre traurig, wenn er wegen Mangel an Theilnahme nicht zu Stande kommen könnte. Doctoraiid der Rechte. Gedruckt bei 8dl. v. Schmidbauer und Holzwarch. L.e>e