Offener Drief an meine lieben Mitbürger über eine nnnöthige Furcht, von I. F. Castelli. Liede Mitbürger! Wollt Ihr Euer Geld aus der Spareaffe herausnehmen? Ich lege das meinige hinein! L^er ungeheure Zudrang zur Sparkasse um das eingelegte Geld wieder zurück zu erhalten, beweist wohl, daß Ihr besorgt Euer Geld zu verlieren. Woher diese Furcht kommt weiß ich nicht, und da nicht der mindeste Grund dazu vorhanden ist, so kann ich nur vermuthen, daß schlechte Leute, welche Alles Gute gern zu untergraben und alles Vertrauen zu vernichten trachten, Euch diese Besorgnisse beigebracht haben. Nichts ist ansteckender als die Furcht, und wenn zehn Personen sich über Etwas ein wenig fürchten, so fürchten sich hundert schon sehr und Tausend außerordentlich. Die Furcht des Armen, sein durch Mühe und Fleiß im Schweiße seines Angesichtes Erspartes zu verlieren, ist auch sehr natürlich, aber in diesem Falle nicht nur ungegrün-et, sondern sogar lächerlich. Glaubt mir, liebe Mitbürger, ich würde um keinen Preis der Welt meine Feder dazu herleihen. Euch zum Vertrauen gegen dieses segensreiche Institut aufzufordem, wenn ich auch nur die kleinste Gefahr für Euch dabei sehen würde. Sicherer ist in diesen Zeiten nichts als die Spareaffe, wenn Ihr nicht selbst diese Sicherheit untergrabt. Ich will Euch aber nicht nur Worte, ich will Euch Beweise geben: Ihr tragt Euer erspartes Sümmchen in die Sparkasse. Aus den Einlagen von so vielen Tausenden werden dann große Summen, welche aber die Sparkasse nicht bei sich liegen lassen kann, denn da sie Euch Zinsen gibt, so muß sie wieder Zinsen zu verdienen suchen. Auf diese Art ist die Sparkasse Euer Agent, sie thut für Euch was Ihr nicht zu thun vermöget. Allein, da sie recht wohl weiß, daß ihr das Vermögen der ärmeren Classe anvertraut ist, so leiht sie nur Summen mit voller, mit pupillarischer Sicherheit (das heißt mit solcher Sicherheit, welche die Gesetze für das Vermögen der Waisen fordert) aus. Auf diese Art ist das Geld, Euer Geld, womit die Sparkasse für Euch speculirt, auf Herrschaften und Häuser, kurz auf Hypotheken vorgemerkt, welche mindestens doppelt so viel werth sind, als hierauf geliehen worden ist, also vollkommen sicher. Damit diejenigen, welche der Sparkasse vorstehen, hierin nicht leichtsinnig handeln können, hat ihnen der Kaiser auch einen Abgeordneten beigegeben, welcher darüber zu wachen hat. Es versteht sich, daß die Sparkasse immer auch so viel bares Geld in ihrer Casse vorräthig liegen hat, um alle Jene, welche heraus nehmen wollen, alsogleich zu befriedigen, und selbst in Zeiten, wo bereits aus unnöthiger Furcht der Andrang außeror- deutlich war, ist noch nicht ein Einziger unbefriedigt fortgegangen. Allein alles Geld kann sie nicht unbenutzt liegen lassen, und da sie große Summen auf längere Zeit dar- gelichen hat, welche ihr besonders bei Darlehen auf Bauernwirthschaften nur in kleinen Beträgen und in Raten zurückkommen, so kann sie auch Vieles nicht auf der Stelle wieder zurück erhalten. Die Sparkasse könnte also nur allein durch Euch selbst, durch Eure unzeitige Furcht und auch selbst da nur in eine augenblickliche Verlegenheit gerathen. Damm, liebe Mitbürger, habt Vertrauen in eine Anstalt, welche nur für Euch arbeitet, und welche für Euch wie ein Vater für seine Kinder sorgt. Vieles kann zu Grunde gehen, die Sparkasse kann nicht zu Grunde gehen! Nehmt immer von Eurem Gelde heraus, was Ihr nothwendig braucht, dazu ist die Anstalt da, drängt Euch aber nicht mit brennenden Köpfen dazu, als ob schon morgen Euer Geld verloren wäre! Wenn ich Millionen im Vermögen hätte, ich würde mich damit für die Sparkasse verbürgen, da ich aber diese nicht besitze, so bürge ich Euch mit Etwas, was mir mehr gilt, als Millionen, mit meiner Ehre dafür: Euer Geld liegt sicherer in der Sparkasse, als in Eurem eigenen Kasten.