«HAN der ungarischen Reichsversammlung vom 15. September hielt der Deputirte Kossuth, vormaliger Finanzminister, eine herzerhebende Rede, folgenden wesentlichen Inhaltes: „Mancherlei Leiden haben unser Land in neuester Zeit heimgesucht. Unter diesen nimmt das Zerwürstnß mit Oesterreich den ersten Rang ein, denn Raub, Mord und Verwüstung sind die Folgen desselben." „Und dennoch hegen beide Völker keinen Haß gegen einander, denn sie wissen, daß die Natur sie zn guten Nachbarn und Brüdern bestimmt." „Die beiden Nachbarvölker lieben und achten sich (Beistimmnng); aber eine feindselige, hinterlistige Macht, eifersüchtig auf die Errungenschaften derselben, hat sich zwischen sie gedrängt, eifrig bemüht den Samen der Zwietracht auszustreuen, um in der Verwirrung des Bruderkampfes die alte Knechtschaft wieder herbeiznführen. „Dieselbe Macht stellt sich auch als Scheidewand zwischen Volk und Monarchen, und sucht durch trügerisch herbeigesührte Mißverständnisse die heiligen Bande gegenseitiger Liebe und Treue zu lösen." „Ihren teuflischen Kunstgriffen ist es erst jüngst gelungen, den ersehnten Erfolg unserer Reichs-Deputation zu vereiteln." „Diese feindliche Macht nennt sich Camarilla, und zwei mit ihr eng verbundene, auf einander gefolgte unfähige österreichische Ministerien." „Wir haben die österreichische Nation stets geliebt, und seit ihrer helden- müthigen Erhebung für die Freiheit, wahrhaft geachtet (Beifall). Allein gegen die Camarilla nnd das mit ihr verknüpfte österreichische Ministerium trat ich stets als offener Feind in die C chranken, weil ich wußte, daß sie sich die Zerstörung unserer Errungenschaften zur verderblichen Aufgabe gemacht." „Lassen Sie uns, meine Herren, diesen verderblichen Einflüßen durch gerades, offenes Austreten ein Ziel setzen." „Senden wir eine Reichsdeputation nach Wien, nicht znm König, nicht zum Ministerium, sondern an das österreichische Volk und seine edlen Vertreter, um sie unserer Bruderliebe und unerschütterlichen Treue an das Herrscherhaus zu versichern. (Ungeheuerer Beifall.) „Mit der österreichischen Nation wollen wir uns verständigen, die alte Brüderlichkeit wieder Herstellen, und uns mit ihr über die Ausgleichung aller durch die neuen Ereignisse entstandenen, so wie durch die Ränke der Reaktion hinterlistig herbeigesührten Differenzen, auf dem Wege der Brüderlichkeit und Billigkeit be- rathcn." (Beifall.) „Aus dieser frerrndschaftlichen Verständig«' g möge die Wohlfahrt >r Gc- sanrint-Monarchie, deren Fortbestand wir nicht minder als die Oesterreicher wünschen, hcrvorgehcn, und zugleich der Monarch entnehmen, daß die Stütze und Kraft seines Thrones nur in der Eintracht aller Völker des GesammtstaatcS zu suchen ist." (Beifall.) „Durch Liebe nnd Vertrauen vereint, werden die Völker der österreichischen Monarchie auch ferner als Achtung gebietende Macht dastehen und jeder Gefahr kühn die Stirne bieten." — (Der Redner verläßt unter rauschendem Beifall die Tribüne.) Bewohner von Wien! Die Deputation der ungarischen Nation wird Montag den 18. August Mittags in Eurer Mitte erscheinen, um die Bande der Brüderlichkeit mit Euch stärker als sie je bestanden, zu schlingen.—Ihre Sendung ist edel nnd erhaben, nnd die Folgen derselben können das Glück der Monarchie für Jahrhunderte begründen. Strecket ihnen als Brüder die freundschaftliche Rechte entgegen, auf daß Liebe und Vertrauen zwei edle fteie Nationen für immer vereinige. Beide Völker haben nur einen gemeinsamen unversöhnlichen Feind: die aus den unverbesserlichen Anhängern der Aristokratie und Vureaucratie zusammengesetzte Reaktionspartei. Nur der vereinten Kraft beider Nationen kann es gelingen, dieser Hyder das Haupt abznschlagcn. Oestcrreicher! Lasset diese vielleicht letzte Gelegenheit zur Befestigung Eurer bedrohten Freiheit, zur Rettung der am Abgrunde stehenden Gcsammt- Monarchie, nicht unbenutzt vorübergehcn! Es lebe Ungarn, es lebe Oesterreich! es lebe die Gesammtmonarchie und über ihr das edle trcugelicbte Herrscherhaus l l! Wien, im September 18W. Girr treuer Bürger -es öftere. Gesauimtftaates.