Wiener Stadt-Bibliothek. 70717 . A DIE BAUKUNST UNSERER ZEIT 00 00 DEM BAUKUNSTJUNGER EIN FÜHRER AUF DIESEM KUNSTGEBIETE VON OTTO .WAGNER, ARCHITEKT (G. Ö. A.), K. K. HOFRAT, E. PROFESSOR AN DER AKADEMIE DER BILDENDEN KÜNSTE IN WIEN, EHRENPRÄSIDENT DER GESELLSCHAFT ÖSTERREICHISCHER ARCHITEKTEN, EHRENPRÄSIDENT DES BUNDES ÖSTERREICHISCHER KÜNSTLER, EHREN- UND KORRESPONDIERENDES MITGLIED DES KÖNIGL. INSTITUTS BRITISCHER ARCHITEKTEN IN LONDON, DER SOCIETE CENTRALE DES ARCHITEKTES IN PARIS, DER KAISERL. GESELLSCHAFT DER ARCHITEKTEN IN ST. PETERSBURG, DES KAISERL. ST. PETERSBURGER ARCHITEKTENVEREINS, DER SOCIETE CENTRALE D’ARCHITECTURE DE BELGIQUE IN BRÜSSEL, DER GESELLSCHAFT ZUR BEFÖRDERUNG DER BAUKUNST IN AMSTERDAM, EHRENMITGLIED DES INSTITUTS AMERIKANISCHER ARCHITEKTEN, DER SOCIETADE DOS ARCHITEKTES PORTUGUEGES, EHRENMITGLIED DES VERBANDES UNGARISCHER BAUKUNSTLER, DES ARCHITECTURAL INSTITUTE OF CANADA, PRESIDENT DES CONGRES ARTISTIQUES INTERNATIONAUX ETC. VICE IV. AUFLAGE WIEN 1914 KUNSTVERLAG VON ANTON SCHROLL & C2; GESELLSCHAFT M. B. H. KAISERADRESSE: KOPF DES TITELBLATTES. Inhalt. EVERE KV. K APoSToL M tl mit: a v : ' rv INHALT. I. Vorwort zur vierten Auflage II. Vorwort zur dritten Auflage III. Vorwort zur zweiten Auflage IV. Vorwort zur ersten Auflage V. Der Architekt. VI. Der Stil. VII. Die Komposition .... VIII. Die Konstruktion . . IX. Die Kunstpraxis .... X. Die Kunstförderung . . . XI. Die Kunstkritik .... XII. Schlußwort. Seite 5 7 io i3 3o 43 58 72 n3 122 i35 Vorwort zur vierten Auflage. STADTBAHN s HOFPAVILLON. * • **7v . «*«• VORWORT ZUR VIERTEN AUFLAGE. Die Anzahl der Zeitschriften und Buchwerke, welche alljährlich er' scheinen und die Tendenz haben, die Allgemeinheit über die Kunst zu „informieren" und das gewiß sehr schwache Kunstempfinden dieser All' gemeinheit zu heben, ist eine sehr große. Sie erreichen bis auf wenige rühmlich hervorzuhebende Ausnahmen stets das Gegenteil des beabsichtigten Zweckes. Diese sehr traurige Tatsache findet ihre Begründung darin, daß die Autoren dieser Zeitschriften und Buchwerke etwa folgendes bieten: Sie haben entweder ein Land oder eine Stadt entdeckt, deren Bau' werke dieser Allgemeinheit vorbildlich werden sollen, oder sie empfehlen eine Stilepoche als die allein seligmachende, oder sie schwärmen für lauschige Stadtplätze und krumme Straßen (in der Zeit der Kraftwagen, Luftfahrzeuge, Uberdreadnoughts, Kanonen mit 16 Kilometer Schuß' weite, Millionenheere etc.), oder sie werfen mit Phrasen, wie HeimatS' kunst, Einfügen in das Stadtbild und Erhaltung desselben, herum, oder sie (immer wieder diese Autoren) gehen mit ihrer Gründlichkeit so weit im „Interesse der Kunst“, die Zeitgenossen des Vitruv festzustellen etc. etc. Eines haben diese Autoren aber alle gemeinsam, nämlich das, daß sie den Begriff Kunst mit dem Begriffe Archäologie verwechseln und von l der Kunst unserer Zeit, hauptsächlich aber von der Baukunst unserer 1 Zeit, nichts oder Unrichtiges bringen. Nachdem diese Schrift' und Buchwerke leider gekauft und, was noch 3 STADTBAHN: HALTESTELLE ALSERSTRASZE. Vorwort zur vierten Auflage. •ässä; schmerzlicher ist, auch gelesen werden, so sind sie eigentlich durchwegs Attentate auf die Kunst unserer Zeit. Es ist deshalb jede Gelegenheit wahrzunehmen, ihre verderbliche Wirkung einzuschränken. Dies und manches andere war für mich die Veranlassung, an die vor' liegende vierte Auflage meiner Schrift (20 Jahre nach der ersten) heran' zutreten und dem Wunsche meines Verlegers, der mir auch mitteilte, daß dieselbe schon seit Jahren vergriffen sei, nachzukommen. Sie er' scheint diesmal unter dem Titel „DIE BAUKUNST UNSERER ZEIT". Hermann Mutesius hat mich durch sein geistreiches Buch „Baukunst, nicht Stilarchitektur" auf den ursprünglich fehlerhaften Titel aufmerksam gemacht. WIEN, im November 1913. 4 Vorwort zur dritten Auflage. Stadtbahn : brücke wahringerstrasze. fj VORWORT ZUR DRITTEN AUFLAGE. Wieder erscheint diese Schrift, wenig verändert in Form und Inhalt. Ihr Erfolg verhalf ihr zu einem etwas reicheren Kleide und veranlagte im Inhalte kleine Verschiebungen zugunsten des „Denkschriftartigen". Ihre Entstehungszeit (erste Auflage) fällt in das Jahr 1894. Sechs für die Kunst sehr erfolgreiche Jahre sind seit dieser Zeit ver' flössen. Ihre damals so zahlreichen Gegner sind verstummt. Sie war und ist noch heute ein Ruf an die baukünstlerische Jugend, die Kopie und den Weg des Plagiats zu meiden und im schöpferischen Wirken das Heil zu suchen. Künstler und Laien haben sich an dem Kampfe, den das eruptive Auftreten der Moderne hervorrief, beteiligt. Bei Künstlern konnte die Gegnerschaft nur eine Frage der Zeit sein, während Laien zur Festigung neuer, ganz veränderter Anschauungen der Vorbilder bedurften, deren Herstellung abzuwarten war. Sind gute Vorbilder von Gegenständen des Gebrauches auch heute schon ziemlich zahlreich und wurden in dieser Zeit auch schon grandiose Werke der Malerei geschaffen, so fehlen uns doch solche Vorbilder bei' nahe ganz im Monumentalbau. Gerade diese aber sind es, welche die Urteile der Laien über die Moderne zeitigen würden. Da die Künstler kraft ihrer Überzeugung auch nach dem Siege nicht ruhen und mit bewundernswerter Ausdauer trotz aller Mißgunst künst' 5 VILLA HUTTELDORF: GARTENPARTIE. Vorwort zur dritten Auflage. lerisch erzieherisch auf die Allgemeinheit einwirken, läßt sich erhoffen, daß auch diesbezüglich bald ein Schritt zum Ziele gemacht werde. Die Moderne ist aller gegenteiligen Prophezeiungen und der verwerfe lichsten Kampfesmittel ihrer Gegner zum Trotz Siegerin geworden und wird es immer bleiben. Mag sich auch die Kunstperiode und die Stil, bezeichnung ändern, der Wandel künstlerischer Anschauungen bleibt ein beständiger. ZUR ERKENNTNIS DIESES EWIGEN WER. DENS BEIZUTRAGEN, IST EINER DER HAUPTZWECKE DIESER SCHRIFT. WIEN, im Oktober 1901. 6 Vorwort zur zweiten Auflage. villa hutteldorf : gartenpartie. * * •>v r . ? ** \Sm ’ MJ?.: «o.jsr VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE. Als ich im Oktober 1895 die vorliegende Schrift veröffentlichte, stellten sich meiner darin ausgesprochenen Überzeugung Unverständnis und Übelwollen eines großen Teiles meiner Fachgenossen entgegen, und manches ungerechtfertigte, ja alberne Wort wurde mir zugeschleudert. Wie alle Neuerer mußte ich die Erfahrung machen, daß man der Welt nicht ungestraft sagen darf: Deine Anschauungen waren auf falscher Basis aufgebaut, Du hattest Unrecht. Kaum drei Jahre sind seit jener Zeit verflossen, und schneller, als selbst ich es dachte, haben sich meine Worte bewahrheitet; fast überall ist die Moderne als Siegerin eingezogen. Scharenweise kamen die Gegner als Überläufer ins Lager, ihre besten Kämpfer wurden wankend, als sie er' kannten, daß der Schild des Eklektizismus, der Heimatskunst, der „Im- timität" etc., welchen sie dem Ansturm der Moderne entgegenhielten, doch nur aus Pappe bestand. Ein Heer von Kunstzeitschriften erschien auf dem Kampfplätze, und alle haben der Moderne ihre Spalten geöffnet, in Tat und Wort wurde sie gefeiert. Gewiß muß es jeden Streiter mit Genugtuung erfüllen, wenn er nach jahrelangem Ringen den Sieg seiner Anschauungen konstatieren kann. Und dieser Sieg, er ist da! Wer wollte heute noch leugnen, daß die Menge die Kunst unserer Zeit nicht nur sympathisch begrüßt, sondern ein Großteil derselben so' 7 MIETHAUS WIENZEILE: DETAIL. Vorwort zur zweiten Auflage. • gar, wie ein Hungernder die langentbehrte Nahrung, mit Gier auf> nimmt. Glänzend wie ein Phönix ist die Kunst wieder aus der Asche der „Tradition“ als Zeitkunst erstanden und hat ihre schöpferische Kraft dokumentiert. Es mußte so kommen! Nicht im breitgetretenen Gleise der Kopie konnte sich die Kunst fortwälzen, nein, sie hat sich mit richtigem Emp' finden den schönheitlichen Ausdruck, passend zu unserm verstand«' strotzenden Jahrhundert, errungen. Durch den Vorstoß der Moderne hat die Tradition den wahren Wert erhalten und ihren Überwert verloren, die Archäologie ist zu einer Hilfs«- Wissenschaft der Kunst herabgesunken und wird es hoffentlich immer bleiben. Daß der Kampf ein erbitterter sein mußte, ist leicht erklärlich; wird doch durch den Sieg dieser Zeitkunst einer großen Anzahl von bisherigen Vertretern der Kunst der Boden entzogen, auf welchem sie die Tempel ihrer Erfolge errichteten. Daß natürlich nicht alle Blüten, welche die Moderne getrieben, zu gesunden Früchten reifen, darf niemanden wundern, daß aber alles keimt und sprießt, ist eine nicht hoch genug zu schätzende Tatsache. Gewiß werden Genie, Arbeit und Zeit viele der entstandenen Formen zu reinen und dauernden Kristallen wandeln. Nicht alles, was modern ist, ist schön, wohl aber muß unser Emp' finden uns dahin weisen, daß heute als wirklich schön nur Modernes gelten kann. JEDE KUNSTEPOCHE HAT SICH ABLEH. NEND GEGEN DIE FRÜHEREN VERHALTEN UND 8 Vorwort zur zweiten Auflage. miethaus wienzeile: detail. EINEM ANDEREN SCHÖNHEITSIDEALE GEHULDIGT Künstlerisch neugeborenes Schönes reißt uns zur Bewunderung hin und erhebt sich bergehoch über alles Kopierte. Von meinem Verleger aufgefordert, eine zweite Auflage dieser Schrift durchzuführen, komme ich diesem Wunsche um so lieber nach, weil es mir scheint, als ob es nur mehr geringen Nachdruckes bedürfe, um den Sieg auf allen Linien verkünden zu können. WIEN, im September 1898. 9 O Absperrvorrichtung nuszdorf. Vorwort zur ersten Auflage, ml ti i i i«■ CaS**-« ***** .-Ai ' “V v. ►-'< . * *«*»% jfr • »>*■ • » i ÄN. b ^ ^ j VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE. Bei beständigem Schaffen festigen sich in jedem Menschen eine Fülle von Anschauungen, diese fassen in ihm Wurzel und beeinflussen gleich Thesen sein ferneres Tun und Lassen! Sind seine Taten vom Erfolge begleitet, so ist anzunehmen, daß auch andere diese Anschauungen teilen, und daß ihnen didaktischer Wert inneliegt. Auch bei mir trifft dies zu. Berufen, an der ersten Kunstschule des Reiches das Lehramt auszu^ üben, fühle ich die Pflicht, solche Thesen zu fixieren, zu beweisen und zu verteidigen, um dadurch den Lehrzweck zu fördern. Dies und der Wunsch, das Peinliche allzuhäufiger Wiederholung beim Unterrichte wenigstens teilweise einzuschränken, waren die erste Ver-' anlassung, diese Zeilen zu veröffentlichen. Ich war bemüht, in gedrängter Kürze all das in diese Schrift einzu' beziehen, was ich im Laufe der Jahre an künstlerischer Erfahrung ge^ sammelt, an „Kunstpraxis“ erworben habe, und ich habe nicht unter✓ lassen, meiner Überzeugung, wie immer, so auch in diesem Falle vollen Ausdruck zu geben. Diese Zeilen bilden auch eine Art Erläuterungsbericht zu meinen graphischen Publikationen, deren Verständlichkeit sie gewiß fördern werden. Ein Gedanke beseelt die ganze Schrift, nämlich der, DASZ DIE io Vorwort zur ersten Auflage. ABSPERRVORRICHTUNG NUSZDORF. ; , * *: Ml Ä * N* * . Sv» r*"'* ^ *» »I* - r .'.9* BASIS DER HEUTE VORHERRSCHENDEN ANSCHAU. UNGEN ÜBER DIE BAUKUNST VERSCHOBEN WER. DEN UND DIE ERKENNTNIS DURCHGREIFEN MUSZ, DASZ DER EINZIGE AUSGANGSPUNKT UNSERES KÜNSTLERISCHEN SCHAFFENS NUR DAS MODERNE LEBEN SEIN KANN. Der Gedanke ist zweifellos richtig, die Form jedoch, in welcher er in der Folge entwickelt wird, mag manches Befremdende, Unbeholfene enthalten, kurz den nicht federgewandten Autor verraten. Auch Wieder, holungen werden dem Leser Unterkommen: ihre Begründung liegt in der Wichtigkeit, welche ich manchem Satze heimesse, und wohl auch in der Schwierigkeit, eine präzise Teilung des Stoffes nach Kapiteln vor. nehmen zu können. Zahlreich sind die Anhänger und Gegner der Richtung, deren Re. präsentant ich geworden zu sein scheine; aber sie gewinnt mehr und mehr an Boden und ich kann es nur wieder als persönliche Pflicht auf. fassen, dieser Richtung baldige allgemeine Geltung zu verschaffen; bin ich doch von der Überzeugung durchdrungen, daß sie die wahre und einzig mögliche, und daß der Weg, den ich meine Schüler führe, der richtige ist. So will ich denn versuchen, das Sein und Schaffen des werdenden Baukünstlers zu beleuchten, das Hohe und Hehre seines Berufes ihm vor Augen zu führen. Selbstredend mußte dem „genius loci“ Rechnung getragen werden, weshalb vorwiegend Wiener Verhältnisse berücksichtigt sind. ii 2 * VILLA HÜTTELDORF: ATELIER. Vorwort zur ersten Auflage. »t ? Gelingt es mir, einen Leitfaden in das Labyrinth der Anschauungen zu bringen und die Grundprinzipien moderner Baukunst verständlich zu machen — so ist der Zweck dieser Schrift erfüllt. WIEN, im Oktober 1895. 12 Der Architekt, sein Werde' gang. VILLA HÜTTELDORF: ATELIER. DER ARCHITEKT. Als die Krone des modernen Menschen in seiner glücklichen Veiv einigung von Idealismus und Realismus wurde der Architekt gepriesen. Leider empfindet nur er selbst, während die Mitwelt wenig teil' nehmend abseits steht, das Wahre dieses Ausspruches, und auch ich muß, auf die Gefahr hin, des Größenwahns geziehen zu werden, in das Preislied einstimmen. D ic bis ans Lebensende reichende Ausbildung des Architekten, die mit seinem Schaffen verbundene Verantwortlichkeit, die der Realisierung seiner Werke sich entgegenstellenden großen Schwierigkeiten, die Indo' lenz und die verschrobenen Ansichten der Menge in bezug auf die Bau' kunst, die nahezu immer unrichtige Bewertung der Qualität des Künstlers und die Verschiedenheit der Anschauungen der Fachgenossen etc. be' decken seinen Lebenspfad beinahe immer mit Dornen. Lob und Tadel, die, wie Sonne und Regen den Boden, eine Künstlerlaufbahn befruchten sollen, zeigen sich selten am baukünstlerischen Himmel, nur das ewige Grau der Praxis und das unheimliche Dunkel der allgemeinen Gleich' gültigkeit verschleiern jeden freien, heiteren Ausblick. Auf einen momentanen Erfolg, auf sofortige ideale Entlohnung kann der Architekt kaum rechnen. Die erhoffte Anerkennung wird ihm viel' leicht nach Jahren, wenn er unter einer Last von Unbilden ein Bauwerk vollendet hat, zuteil, während der Höhepunkt seiner künstlerischen Ekstase und Schaffensfreudigkeit in jenem Zeitpunkte liegt, wo er einen 13 STADTBAHN: VIADUKT ÜBER DIE ZEILE. Der Architekt, sein Werde' gang, die Baukunst. seiner Ansicht nach glücklichen Grundgedanken, allerdings für andere unsichtbar und unverständlich, skizziert. Der Architekt hat daher in der inneren Befriedigung den größten Teil seines idealen Lohnes zu suchen. Nichtsdestoweniger muß er mit gleicher Liebe und Ausdauer sein Werk stets im Auge behalten und nicht irre oder müde werden, wenn selbst seine pekuniäre Entlohnung, wie es leider die Regel ist, einem Almosen gleichkommt und es der Welt wie bisher auch fernerhin gefallen sollte, beispielsweise einer Säm gerin für eine Stunde Singens so viel zu geben, als Gottfried Semper sein ganzes Leben lang trotz aller Sparsamkeit erübrigte. Unter den bildenden Künsten (so schwer es mir wird, von Künsten zu sprechen; denn es gibt nur eine Kunst) ist die Baukunst beinahe allein wirklich schaffend und gebärend, das heißt, sie ist imstande, For' men zu bilden, welche der Menschheit schön erscheinen, ohne das Vor' bild in der Natur zu finden. Wenn auch diese Formen im Natürlich- Struktiven ihren Keim, im Material ihren Ursprung haben, so liegt doch das Gewordene so weit vom Ausgangspunkte, daß es als volle Neu' bildung gelten muß. Es kann daher nicht befremden, zu hören, DASZ IN DER BAU' KUNST DER HÖCHSTE AUSDRUCK MENSCHLICHEN, AN DAS GÖTTLICHE STREIFENDEN KÖNNENS ER' BLICKT WERDEN MUSZ. Und mit Recht! Liegt doch ein Beweis für das Gesagte in der unbe' greiflichen, überwältigenden Macht, welche die Werke der Baukunst auf die Menschheit ausüben und sie förmlich zur Beschauung zwingen. Es 14 Der Architekt, sein Werde" gang, Berufsbestimmung. STADTBAHN: HOFPAVILLON, DETAIL. muß daher die Baukunst als der mächtigste Ausdruck künstlerischen Könnens bezeichnet werden. Die Fähigkeit des Baukünstlers setzt sich aus zwei Eigenschaften zu' sammen: aus dem angeborenen Können (Veranlagung) und aus dem erlernten und erdachten Wissen. Je mehr diese beiden Eigenschaften zu Tage treten und sich die Wäge halten, desto größer wird der Wert des durch sie geschaffenen baukünstlerischen Werkes sein. Das angeborene Können besteht vorwiegend aus Phantasie, Ge' schmack und manueller Fähigkeit, wozu sich in der Regel später die Individualität gesellt; und diese Eigenschaften sind es, welche bei der Berufswahl des Architekten so schwer ins Gewicht fallen und gegen welche von Seite der Berufsbestimmer so viel gesündigt wird. Es können ja Lust und Liebe von Seite des Jüngers vorhanden sein, wenn aber Phantasie, Geschmack und manuelle Fähigkeit oder auch nur eine dieser Eigenschaften fehlt, so ist alle Mühe der Ausbildung umsonst. Mit dem System, einen Menschen zum Baukünstler heranbilden zu wollen, nur deshalb, weil er es werden möchte, ohne daß sich maß' gebende Personen darüber Rechenschaft geben, ob er dafür geboren, ob er hiezu Eignung besitze oder nicht — muß endlich gebrochen werden, ein Umstand, der bezüglich unserer Baukunstschulen schwer in die Wage fällt. Überflüssig ist es zu betonen, daß Seelenruhe und Sorgenfreiheit, Aufmunterung und Erfahrung Zusammenwirken müssen, um die er' wähnten Eigenschaften beim Individuum in ihrer Gänze und Größe zu 4 AUSSTELLUNGSVITRINE: SILBERGEGENSTANDE. rnmn zxt • iir * Der Architekt, sein Werdegang, seine Entwertung. entfalten. Davon wird es auch abhanden, ob die Schaffenskraft des Baukünstlers in seiner Laufbahn rege bleibt oder erlahmt. Andererseits aber muß wieder festgestellt werden, daß die Fülle des aufzunehmenden Wissens, die Erfahrung, das Werden und Ausreifen jugendlicher Frische, die glückliche Verwirklichung von Ideen den Zeitpunkt der vollen Reife des Architekten weit über jene Jahre hinausschieben, in welchen bei anderen Künstlern schon der Höhepunkt des Könnens erreicht ist. Sicherlich ist es nicht zu weit gegangen, wenn man deshalb die erfolgreiche Tätigkeit des Architekten über das vierzigste Lebensjahr hinaus verlegt. Dem Architekten selbst kann der Vorwurf nicht erspart bleiben, vieles getan zu haben, was das Sinken seiner Stellung und seines Standes herbeigeführt hat. Der Versuch, es mit der unlauteren Konkurrenz aufzunehmen, das Nichteinhalten des strikte gestellten Auftrages, ein sanguinisches Mehrversprechen dem Auftraggeber gegenüber etc. haben dem Architekten sehr geschadet. Eine weitere Ursache der „Entwertung“ des Architekten kann in der beliebten unkünstlerischen, geschmacklosen, daher unrichtigen Darstellungsweise der Zeichnungen seiner Werke erblickt werden. Eine einfache nüchterne Zeichnung, welche jedes künstlerischen Reizes entbehrt, wirkt auf Fachgenossen und Laien nichts weniger als anziehend. Es wird später beim Kapitel „Kunstpraxis“ sich Gelegenheit bieten, darauf zurückzukommen. Doch der Kern des Übels sitzt tiefer. DIE HAUPTURSACHE, 16 Der Architekt, sein Werde' gang, Ursachen seiner Ent' wertung. AUSSTELLUNGSVITRINE: SILBERWAREN. ,*v ; t: * . v ■ WARUM DIE BEDEUTUNG DES ARCHITEKTEN NICHT VOLL GEWÜRDIGT WIRD, LIEGT IN DER VON IHM BIS' HER VERWENDETEN ABGETANEN FORMENWELT, IN SEINER AN DIE MENGE GERICHTETEN SPRACHE, WELCHE DERSELBEN IN DEN MEISTEN FÄLLEN VÖL' LIG UNVERSTÄNDLICH BLEIBT. s Ein halbes Jahrhundert Letargie der Kunst, der Bann der Tradition, das blendende Aufleuchten der Kunst unserer Zeit, das Niederringen von Persönlichkeiten, welche bisher als Führer galten, die Korruption in der Kunst, die traurigen Resultate beinahe aller baukünstlerischen Wettbewerbe sind weiter nicht darnach angetan, die Kunst und damit die Stellung des Baukünstlers zu heben. Dies eingehend darzulegen und zu dessen Behebung beizutragen, ist wieder ein Zweck dieser Schrift. Es ist nicht genug zu verurteilen, daß die Architekten den ihnen von der Menge und den Nichtkünstlern aufgedrungenen Kampf zwischen Schöpferischem und Kopiertem nicht freudigen Mutes aufnahmen, die Gleichgültigkeit der Massen gegenüber der Baukunst nicht zu bannen wußten und die Flinte einfach ins Korn warfen, oder im Existenzkämpfe zu den traurigsten Mitteln griffen. Eine rege, unermüdliche Beschickung der Ausstellungen, ein eiserner Fleiß und eine nie erlahmende Tatkraft würden gewiß beitragen, hier allmählich Abhilfe zu schaffen. Die Beteiligung an Konkurrenzen trotz aller ihnen anhaftenden Mängel kann schon deshalb, weil sie außer' ordentlich lehrend wirken, nicht genug empfohlen werden. 17 3 SPEISEZIMMER«SESSEL. > i y- ’ * fr* Der Architekt, sein Werde gang, sein Titel. Schweigen sich auch die Fachgenossen über ausgestellte Werke usuell gründlich aus, so weiß doch jeder, daß man Künstlern nur durch Werke imponieren kann, und daß ihnen gegenüber jede leere Reklame in ein Nichts zerstäubt, ja die umgekehrte Wirkung erzielt. Durch seine Werke zeigt der Künstler sein Können, sein Denken und Fühlen — sein Inneres, die Wahrheit — und diese interessiert, wenn sie schön ist, immer. Für eine solche Wahrheit sind alle Künstler gleich empfänglich; die Gelegenheit, sie zu zeigen, sind eben Ausstellungen und Kom kurrenzen. Und nun einige Worte über den Titel „Architekt“. Es ist klar, daß diese Bezeichnung dem Baukünstler allein gebührt und daß es nicht am geht, Architekten verschiedenen Grades, wie beispielsweise Architekt' Unternehmer, Architekt'Konstrukteur, Architekt'Doktor etc. zu kreieren. Die vom Staate geschaffenen Bezeichnungen „staatlich geprüfter Ar' chitekt“, „diplomierter Architekt“, „Zivil-Architekt“, „Architekt Dok' tor“ etc. stellen oft einen ebenso großen Mißbrauch des Titels dar, wie es einer ist, wenn er von Leuten usurpiert wird, die nicht den Schatten einer Berechtigung hierfür haben. Es ist leider, wie schon erwähnt, überall Brauch, daß die Eltern oder deren Stellvertreter den künftigen Beruf der Kinder feststellen, ohne auf die individuellen Eigenschaften derselben Rücksicht zu nehmen. Doch in keinem Falle dürfte dies so verfehlt sein wie bei der Berufswahl zum Architekten. Die Momente, welche diesbezüglich für die Jugendführer maßgebend sind, gipfeln alle in der kurzsichtigen Anschauung, daß dieser oder jener 18 Der Architekt, sein Werde" mobel aus schlaf* und Badezimmer. gang, seine Studien. Beruf der lukrativste sei oder das beste „Fortkommen" verspreche. Daß die Fähigkeiten des Jüngers in Erwägung gezogen werden, ist schon deshalb ausgeschlossen, weil die erforderlichen Qualitäten, Phantasie, Geschmack und scharfes Denken, sich spät, also erst dann zeigen, wenn die Berufswahl längst zur Tatsache geworden ist, die Schicksalswürfel also gefallen sind. Eine sich ziemlich früh zeigende Fertigkeit im Zeich' nen allein berechtigt sicher nicht, den Jünger zum künftigen Baukünstler zu stempeln. Um aber hier das Richtige zu treffen, ist es der normale Weg, den technisch reifen, ao—25 Jahre alten, in der Kunstgeschichte theoretisch und praktisch sattelfesten Kandidaten den Meisterateliers der k. k. Aka' demie für bildende Kunst zu überweisen, deren Lehrer das Recht haben, darüber zu entscheiden, ob derselbe mit Erfolg die künstlerische Lauf' bahn betreten kann oder nicht. Für die Lehrer ist dies ein Leichtes. Es liegen ihnen nicht nur Zeug' nisse, Zeichnungen und Skizzenbücher zur Beurteilung vor, sondern sie können auch den Kandidaten während eines Probejahres akademische Studien betreiben lassen und vermögen dann, wenn sich in dieser Zeit die vorausgesetzte Eignung nicht zeigt, mit einer jeden Irrtum ausschlie' ßenden Bestimmtheit das Richtige zu konstatieren, eventuell ein früheres Urteil zu korrigieren. Dies jahrelang mit Konsequenz durchgeführt, würde allein schon eine Gesundung der Verhältnisse herbeiführen und ein halbwegs natür' - liches Verhältnis zwischen der Menge der vorhandenen baukünstle' rischen Aufgaben — und der Zahl der Architekten herstellen. 3 * STADTBAHN: HÜTTELDORF PERSONENTUNNEL. ZT > « ft Der Architekt, sein Werde' gang, Schulbildung. Es ist unmöglich, dieses Thema zu verlassen, ohne unserer Schulen im allgemeinen und der Kunstschulen im besonderen zu gedenken. Alle unsere Schulen kranken an dem Übel, daß die Lehrmethode beinahe ganz auf einer einzigen menschlichen Eigenschaft aufgebaut ist, nämlich auf dem Gedächtnisse. Die Phrase: „nur kein Herabdrücken des Bildungsniveaus" trägt weiter wesentlich dazu bei, andere, in die Schule gehörige Dinge in dieselbe nicht aufzunehmen, damit an dem mitgeführten Ballaste ja nicht Hand angelegt werde. Von einem Er' wecken des Kunstverständnisses, einer Übung im räumlichen Denken, einer Rücksichtnahme auf die individuelle Fähigkeit des Einzelnen und von einer Weisung des Schülermateriales in die richtige Bildungsbahn ist nie die Rede. Die beinahe allgemeine Indolenz der „gebildeten" Menge in künstlerischer Beziehung, die Gleichgültigkeit und die alberne Beurteilung, die selbst die größten Kunstwerke erfahren (und umgekehrt), unsere auf doppelter Basis aufgebauten Baukunstschulen, der geringe Wert, den beinahe alle Ressorts der Staatsverwaltung der Kunst bei' messen etc., ergeben einen nationalökonomisch beklagenswerten Verlust an Volkskraft und viele andere traurige Resultate, welche alle in unserer heutigen Lehrmethode in bezug auf die Kunst ihre Ursache haben. Mit Fleiß und Gedächtnis läßt sich jede Wissenschaft erlernen. Kunst aber ist nicht zu erlernen; der sich der Kunst widmende Jünger muß, wie erwähnt, die angeborne Fähigkeit zu diesem Berufe besitzen. Es ist daher eine ganz unrichtige Voraussetzung der Staatsverwaltung, eine Baukunstschule zu führen, zu denen JEDER Schüler, allerdings mit der nötigen technischen Vorbildung, Zutritt hat. 20 Der Architekt, sein Werde" Stadtbahn: viadukt über die zeile. gang, Überfüllung des Be" rufs. Die Akademie der bildenden Kunst in Wien hat in ihrem Statute die Bestimmung, daß jeder Lehrer die Aufnahme eines Schülers ver" weigern kann, wenn derselbe nicht Fähigkeiten zeigt, die den Lehrer überzeugen, daß der Kandidat mit Erfolg die Künstlerlaufbahn betritt. Dies gilt selbstredend auch für die daselbst bestehenden Baukunst" schulen, für welche überdies ein Ausweis über technische und kunst" wissenschaftliche Reife und das zurückgelegte 20. Lebensjahr verlangt wird. Nun besteht aber in Wien nebst den Baukunstschulen an der Aka" demie eine zweite Bauschule am Polytechnischen Institute, welche diese Bestimmung in ihrem Statute nicht hat. Es werden also an der Akademie für bildende Kunst Baukunstjünger mit angeborener Anlage zu diesem Berufe und an der technischen Hoch" schule Baukunstjünger, welche diese Anlage nicht besitzen, ausgebildet. Die Akademie für bildende Kunst „erzeugt“ jährlich 4—8 solche künstlerisch veranlagte, reife Architekten, nebstbei gesagt, eine mehr als genügende Anzahl, während die technische Hochschule 20 — 25 technisch gebildete Kandidaten pro anno als reif ins Leben setzt, wor" unter sich in den seltensten Fällen künstlerisch Veranlagte befinden. Wird dieser Vorgang durch viele Jahre praktiziert, so muß naturgemäß in Bälde einer mehrwertigen Minderheit eine minderwertige Mehrheit gegenüberstehen. Dies drückt sich bei uns dadurch aus, daß wir heute in Wien laut Wohnungsanzeiger 850 Architekten besitzen, während ein Kenner der Verhältnisse in die größte Verlegenheit kommt, 100 wirk" liehe Baukünstler zu nennen. frHl. ■wi - 21 VILLA HÜTTELDORF: WOHNZIMMER. I. f i t* Mi Der Architekt, sein Werdegang, ungünstige Berufsverhältnisse. Daß ioo Künstler gegen 750 Nichtkünstler nicht auf kommen können, ist klar. Ebenso klar ist, daß diese 750 Nichtkünstler unkünstlerisch, also kunstschädigend wirken. Wir haben es also in diesem Falle mit einer Institution der Staatsverwaltung zu tun, welche es sich zum Ziele macht, die Qualität der Baukünstler herabzusetzen. Schon die Ordnung dieser Angelegenheit würde die traurigen und depremierenden Erscheinungen in der Existenz der Baukünstler beheben. Bedürfen die niederen und höheren Schulen betreffs der Kunst gewiß der Reorganisation, so ist dies, durch unsere heutigen Kunstanschauungen bedingt, gewiß auch in Beziehung auf die Kunstlehrkräfte der Fall. Dies hat mich schon vor Jahren bewogen, geeigneten Ortes einen Antrag einzubringen, der auch hier Platz finden soll. Der Antrag ging dahin, daß die Unterrichtsverwaltung die Kunstlehrkräfte nur auf die Dauer von 5 —10 Jahren erwerben und es ihr nach Ablauf dieser Zeit freistehen soll, eine Neuberufung auf beliebige Zeit auszusprechen. Motiviert war der Antrag etwa wie folgt: Der Künstler erreicht langsam oder schnell den Zenith seines Könnens, immer ist es ein Vorwärtsschreiten. Viele fallen auf diesem zum Ziele führenden Wege, viele stürzen in Abgründe, viele erheben sich wieder, um dem Ziele zuzustreben, wenige erreichen den Gipfel. Es ist dies eben die Periode des Werdens. Wer den Gipfel erreicht, verweilt da oben selten lang, meistens kurz, um dann langsam abzusteigen. Da nun der Staat, was seine Kunstlehrkräfte betrifft, sicher immer die Allerbesten verwenden muß, Der Architekt, sein Werdegang, Berufung der Lehrkräfte. VILLA HÜTTELDORF: WOHNZIMMER. drängt sich naturgemäß die Frage auf: In welcher Periode soll der Staat die Kunstlehrkraft akquirieren? In der Periode des Werdens ist es unbestimmt, welche Höhe der Künstler erreichen wird; hat er aber den Gipfel überschritten, so wird es der Staat mit einer abnehmenden Kraft zu tun haben. In allen Fällen ist für den Staat ein gewisses Risiko vorhanden, dem er durch jede Berufung ausgesetzt ist. Hiezu tritt noch in den meisten Füllen der Umstand, daß das physische Leben des Künstlers zu dem Zenithe seines Könnens in sehr unsicherem Verhältnisse steht. Dieses Risiko abzuwenden und es der Staatsverwaltung zu ermöglichen, bezüglich ihrer Kunstlehrkräfte immer an erster Stelle zu stehen, war der Zweck meines Antrages, dessen Hauptmotive immer unsere heute ganz veränderten künstlerischen Anschauungen sowie das Bestreben, ein Veralten der Lehrkräfte hintanzuhalten, bleiben. Ein Umstand mag hier noch Erwähnung finden: Maßgebende Persönlichkeiten führen bei der Wahl von Kunstlehrkräften, also bei deren Ernennung, besonders aber wenn es sich um eine Kunstlehrkraft handelt, welche die letzte Ausbildung der Kunstjünger zur Aufgabe hat, ihre persönliche Anschauung, die in den seltensten Fällen eine richtige ist, und die Phrase ins Treffen: „Star" oder Lehrkraft, was soll gewählt werden? Eine Unzahl pädagogisch angehauchter Gründe werden hiebei bombastisch in die Diskussion gezogen um mit präziser Treffsicherheit dem Unrechten zur Wahl zu verhelfen. Nun kann es keinem Zweifel unterliegen, daß ein Star, wenn damit ein großer individueller, von Kunstverständigen emporgehobener Künst- STADTBAHN: HALTESTELLE NUSZDORFERSTRASZE. Der Architekt, sein Werde' gang, Berufung der Lehr' kräfte. ler gemeint ist, immer die beste Kunstlehrkraft sein muß. Vom Star läßt sich erwarten, daß er besser als jeder andere vorbildlich wirkt und gewisse Eigenschaften, wie Hochhalten der Ideale, Bewahren der Individualität der Schüler, Vonsichhalten jedes geschäftlichen Motivs und jeder künstlerischen Korruption, Bluten für seine Überzeugung, Wahr' heitsliebe in der Kunst und im Leben, also auch Gerechtigkeit bei Lob und Tadel etc., bei ihm schärfer als bei den Pädagogen'Künstlern her' vortreten, weil diese Eigenschaften von einem großen Künstler eben untrennbar sind. Der Umstand, daß jeder Baukünstler auch Techniker sein muß, hat zu einer Kumulierung der Begriffe geführt, und doch ist es klar, daß man ein bedeutender Techniker sein kann, ohne auf den Titel Künstler Anspruch machen zu dürfen. Die vom Staate eingeführten Prüfungen sind allenfalls geeignet, fest' zustellen, ob der Kandidat fähig erscheint, statische Berechnungen zu machen, und ob er imstande ist, Bauwerke herzustellen, welche für WohnungS' und andere Zwecke tauglich sind, ob diese Bauwerke aber auch als Kunstwerke zu bezeichnen sind, darüber haben Künstler allein zu entscheiden. Es liegt viel Ungesundes in all diesen Zuständen und es muß daher mit Freuden begrüßt werden, daß die Künstler selbst durch Gruppierun' gen das Werk der Sanierung in Angriff nahmen. Bisher war von der ersten Jugend des Architekten, seiner Entwicklung und Eignung die Rede. Der aus der Schule austretende, reifende Archi' tekt muß aber noch eine Anzahl geistiger Eigenschaften besitzen, welche 24 Der Architekt, sein Werde-* Stadtbahn: Haltestelle alserstrasze. gang, die Reisen. * ihn erst voll zur Ausübung seines Berufes befähigen. Als eine der wich-' tigsten unter diesen möchte ich die Fähigkeit des Wahrnehmens der Zwecke bezeichnen. Es ist bekannt, daß die Mitwelt die Aufgaben stellt und daß es dem Künstler obliegt, diese zu lösen und die Form hierfür zu finden. Tausende von Dingen sind es, welche diese Form beeinflussen, und alle muß der Baukünstler kennen, wenn die von ihm geschaffene Form auch einwandfrei werden soll. Charakteristik des zu Schaffenden, Wohn' und Lebensweise, Mode, Etikette, Klima, örtliche Lage, Material, die verschiedenen Techniken, Werkzeuge etc., endlich die pekuniären Mittel, sie sprechen alle ein ge' wichtiges Wort beim Entstehen des Kunstwerkes mit. Täglich gesellen sich hierzu eine Unzahl von Neuerungen und Erfindungen, deren Wahr' nehmung dem Architekten nicht entgehen darf und über deren Wert oder Nichtwert er rasch und gut informiert sein muß. Selbstredend spielen hierbei das Studium erscheinender Werke und hauptsächlich der Zeitschriften, die Praxis, Ausstellungen, Reisen etc. eine große Rolle. Betreffs der Reisen seien einige Worte gestattet. Die nach vollendeten Studien die Akademie als reif verlassenden Kunstjünger treten gewöhnlich, ehe sie sich zur Praxis wenden, eine Reise nach Italien an, deren Dauer auf ein bis zwei Jahre bemessen ist. Ich halte dieses Vorgehen für verfehlt. Es sei vor allem festgestellt, daß sehr viel Traditionelles in diesem Vor' gange liegt und daß unsere modernen Verhältnisse auch hier den Stand' punkt wesentlich verschoben haben. Abgesehen davon, daß heute schon 25 4 VILLA HÜTTELDORF: TERRAINSICHERUNG. ->V * V »V. Der Architekt, sein Werde' gang, die Reisen. die Fahrtdauer einer solchen Reise eine weit kürzere ist als einst, hat uns auch die moderne Publikation auf alles dort Schauenswerte in bester Weise vorbereitet. Diese Umstände sprechen gegen den bisher üblichen ein' bis zweijährigen Aufenthalt in Italien, der nur zu häufig zur Ver' bummelung des Kunstjüngers führt. Aber ganz abgesehen davon bin ich der Meinung, daß der werdende Architekt nach drei' bis vierjähriger Studiendauer an einer Baukunst' Hochschule noch immer nicht die genügende Reife zu einer erfolgreichen Reise nach Italien, in die Schatzkammer der alten Kunst, besitzt, daß also derartige Reisen immer zu früh angetreten werden. Malerische ^Virkungen, Lichteffekte, wohlerwogene Verhältnisse, Schauvorbereitungen, scharf bestimmte Sehdistanzen, richtige perspek' tivische Silhouettierungen, die Genesis der Formen und deren Begrün' düng, die charakteristischen Erscheinungen der Individualität der Mei' ster etc. können nur von einem geübten, erfahrenen Auge wahrge' nommen werden. Die hierzu nötige Reife ist im Alter des Akademie' Austrittes noch nicht vorhanden. Eine Reise nach Italien, um dort Aufnahmen gewöhnlich ganz un' richtig gewählter Bauwerke anzufertigen, kann nur als Zeichenübung angesehen werden; diese aber — wie es häufig der Fall ist — dazu zu benützen, um eine Sammlung von Architekturmotiven anzulegen, deren Inhalt nach der Rückkehr bei jeder Gelegenheit und ä tout prix ver' wendet werden soll, ist fast als Verbrechen, sicher als Fehler zu be' zeichnen. Recht schwer in die Wagschale fallend, um eine Reise nach vollende' 26 VILLA HÜTTELDORF: GARTNERHAUS. Der Architekt, sein Werde' gang, die Reisen. * *•! f - s** •’-r • i Ä* 1 ■ i* *"X , V- 1 . ten Studien und nach der damit verbundenen außergewöhnlichen Arbeits' leistung zu motivieren, ist ein gewisses Sehnen nach Freiheit und Schauen, das sich in diesem Lebensalter immer einstellt. Von diesem Standpunkte aus kann ich eine Studienreise nur auf das Wärmste befürworten; daß eine solche Reise vorerst nach Italien gehen soll, möchte ich beinahe anraten. Der hier angedeutete Zweck ist aber in i — 2 . Monaten völlig erreicht; nach kurzer Rast mögen vom Kunstjünger die Großstädte und jene Orte, wo moderner Luxus zu Hause ist, aufgesucht werden und dort möge er sich im Schauen und Wahrnehmen der Bedürfnisse der modern nen Menschheit gründlich einüben. Weitere drei Monate werden zur Ausführung dieses Planes völlig ge' nügen. Nicht also um traditionelle Formen in sich aufzunehmen, son' dem um Hebung des Kulturniveaus handelt es sich beim reisenden Kunstjünger. Der Zurückkehrende wird dann voll der empfangenen Eindrücke und mit ungeschmälerter Arbeitslust seine weitere Tätigkeit im Atelier eines Meisters beginnen können. Jahre hat er dort zuzubringen, mit Ausdauer und Fleiß die „Kunstpraxis“ kennen zu lernen, um mit etwa vollendetem 3o. Lebensjahre an selbständige Bauausführungen zu schrei' ten. Er hat dann bis zu seiner völligen Reife zehn Jahre Zeit, um aus eigenen oder fremden Mitteln Kunstwerke zu schaffen, auf welche er in seinen späteren Tagen übrigens kaum mit Befriedigung zurückblicken wird. Es wäre hier eines Umstandes Erwähnung zu tun, den jeder Künst' ler empfinden muß. Es ist dies das stete Zurückbleiben des Könnens 27 4* STADTBAHN: HALTESTELLE ROSZAUERLANDE, DETAIL. .'V - * . ; .-v. v* Der Architekt, sein Werdegang, sein Alter. gegenüber dem Wollen. Begründet ist dieser Umstand sicher dadurch, daß eben baukünstlerisches Können immer ein Neugebären ist. So kommt es, daß der Architekt bei jeder neuen Ausführung lernt und sich seines Fortschrittes bewußt wird. Diese Wahrnehmung und zugleich die Unmöglichkeit, Ausgeführtes verbessern zu können, erzeugt naturgemäß eine gewisse, nie ausbleibende künstlerische Depression. Ein großer Trost für den schaffenden Architekten liegt darin, daß seine Erfahrung nie, seine Schaffensfreudigkeit, insofern er gesund bleibt, kaum erlahmt. Eklatante Beispiele für das Gesagte geben unter vielen anderen die weit über die gewöhnliche Grenze hinausgerückten Altersstufen vieler großer Baukünstler [Bramante (70), Sansovino (g 3 ), Michel Angelo (89), Maderna ( 83 ), Bernini (91), Fischer von Erlach (73), Jones (80), Klenze (80), Semper (76), Garnier (73 Jahre), etc.]. Bevor auf das nächste Thema übergegangen wird, muß eine sich so oft vordrängende Frage beantwortet werden. Warum ist der heutige Architekt nicht auch Maler und Bildner wie die Mehrzahl der Künstler vergangener Zeiten? Der Hauptgrund für diese Erscheinung ist wohl in erster Linie darin zu suchen, daß das dem heutigen Architekten gebotene und von ihm aufzunehmende Wissen Dimensionen erreicht hat, welche das normale menschliche Aufnahmsvermögen schon weit übersteigen, während die Lern- und Übungszeit des Kunstjüngers, durch unsere wirtschaftlichen Verhältnisse bedingt, verringert wurde. Diese Umstände mußten „Spezialisten“ schaffen. Aber es gesellen sich noch eine Reihe anderer hinzu, welche den Typus der modernen Architekten völlig erklären. Die mei- 28 Der Architekt, sein Werde-' gang, Berufserweiterung. STADTBAHN: HALTESTELLE ROSZAUERLANDE, DETAIL. V • .'L - sten davon werden in dieser Schrift berührt, hier mag noch speziell auf Nachstehendes hingewiesen werden. Die modernen sozialen Zustände haben den Typus „Kunsthandwerker“ ganz verschwinden lassen und aus jedem Arbeiter eigentlich eine Maschine gemacht. Die natürliche Folge davon mußte sein, daß dieses ganze große Ge' biet des Kunstgewerbes dem Künstler, der Hauptanteil aber dem Ar' chitekten zufiel. So nach vielen Seiten mehr denn je in Anspruch genommen, ist der moderne Baukünstler gezwungen, alles Streben und alle Kraft seinem engeren Berufe zu widmen. Man könnte schließlich mit gleichem Rechte auch die Frage auf' werfen: Warum sind unsere modernen Maler und Bildhauer keine Archi' tekten? Zweifellos aus denselben Gründen, welche den Architekten hindern, gleichzeitig Maler und Bildhauer zu sein, mit der Einschrän' kung, daß es beim Architekten aus den frühen angeführten Gründen eine größere Berechtigung hat. Soviel über die Person, Lehrzeit und das „Sein" des Architekten. Es soll nun über das von ihm zu Schaffende gesprochen werden. Die zu beleuchtenden Themen gliedern sich etwa in Stil, Kompo' sition, Konstruktion, Praxis, Förderung und Kritik, doch ist selbstredend eine scharfe Begrenzung derselben nicht gut möglich. f 29 villa in hütteldorf. Der Stil, Wahl eines Stiles. Milli DER STIL. Eine Ansicht, welche leider auch noch in „Fachkreisen” verbreitet ist, ist die, daß der Architekt jeder seiner Kompositionen durch die Wahl eines sogenannten Stils eine Unterlage schaffen muß, ja man verlangt, daß er dann immer jene Stilrichtung, für die er Eignung zeigt, mit be' sonderer Vorliebe pflege. Die Stilunterlage wird von den Verfechtern dieser Theorie bis ins kleinste Detail eingehalten, sie wird zum Steckenpferd und avanciert schließlich zum Wertmesser bei der Beurteilung der geschaffenen, richtiger gesagt, kopierten Kunstformen. Der denkende Architekt kommt nun wirklich in die größte Verlegen' heit, wo er da den Hebel ansetzen soll, um ein solches Wahnsinnsge' bäude umzureißen. Es ist vorerst darauf hinzuweisen, daß das Wort Stil in dem oben angedeuteten Sinne stets die Blüte der Epoche, also den Gipfel des Berges, bezeichnet. Viel richtiger ist es aber immer, von einer nicht scharf abgegrenzten Kunstepoche, also vom Berge selbst zu sprechen. In diesem Sinne möchte ich das Wort Stil gebraucht wissen. So ist es sicher, daß beispielsweise die Griechen in der Bildungsperiode ihres eigenen Stiles nicht einen eigentlichen Gegensatz zum ägyptischen empfanden, ebensowenig wie die Römer hinsichtlich des griechischen. Der römische Stil entwickelte sich langsam aus dem griechischen und dieser aus dem ägyptischen. Liegen uns doch von der Blüte des einen 30 Der Stil, sein Entstehen. ABSPERRVORRICHTUNG NUSZDORF, DETAIL. > ■«t YfV t*. viO i»k bis zu jener des nächsten die Beweise in der ununterbrochenen Kette von Ubergangsformen heute noch vor. Die einzelnen Formen wurden von den Völkern gemäß ihres Könnens, ihrer Ausdrucks' und Anschauungsweise fortgebildet und entwickelt, bis sie dem Schönheitsideal der Epoche entsprachen. JEDER NEUE STIL IST ALLMÄHLICH AUS DEM FRÜ' HEREN DADURCH ENTSTANDEN, DASZ NEUE KON' STRUKTIONEN, NEUES MATERIALE, NEUE MENSCH' LICHE AUFGABEN UND ANSCHAUUNGEN EINE ÄN' DERUNG ODER NEUBILDUNG DER BESTEHENDEN FORMEN ERFORDERTEN. Haben welterschütternde Ereignisse ein Staatswesen durchtobt, so stand die Kunst still, sind Völker durch ihre Kraft zu Macht und An' sehen und endlich zum Frieden gelangt, so trieb die Kunst stets neue Blüten. Große soziale Umwälzungen haben immer neue Stile geboren. Stets war also die Kunst und ihr sogenannter Stil der ganz apodik' tische Ausdruck des Schönheitsideals einer bestimmten Zeitperiode. Die Künstler aller Zeiten hatten das scharf geprägte Empfinden, aus dem ihnen Zugekommenen und Verlangten Neuformen zu bilden, welche dann die Kunstformen ihrer Zeit darstellten. ES IST WOHL ALS ERWIESEN ANZUNEHMEN, DASZ KUNST UND KÜNSTLER STETS IHRE EIGENE EPOCHE REPRÄSENTIERTEN. Daß unsere so stark bewegte zweite Hälfte des neunzehnten Jahr' hunderts auch den Ausdruck, die Form, für eine ihr ureigene Kunst' 3i VILLA HÜTTELDORF: ATELIER, SÜDSEITE. Der Stil, Stilarchitektur. anschauung suchte, ist selbstverständlich. Aber die Ereignisse liefen schneller als jede Kunstentfaltung. Was war daher natürlicher, als daß die „Kunst" in der Übereilung, das Versäumte nachzuholen, das Heil allerorten suchte und zu finden glaubte, und daß deshalb so viele „Kunst' ler" beim Ertappen eines überlieferten Stiles das „Heureka” ausriefen und für die von ihnen vertretene Ansicht begeisterte Jünger suchten und fanden. Das Durchpeitschen aller Stilrichtungen in den vergangenen Jahr' zehnten war das Resultat der erwähnten Strömung. Wer erinnert sich da nicht an die elektrisierende Wirkung, welche nach den großen politischen Ereignissen in Deutschland die Worte „alt' deutscher Stil" hervorriefen? Prüft man heute in ruhiger, unbefangener Weise all die Stilfanfaren und Philippiken, mit denen seit 60 Jahren die Kunstanschauungen der Welt in die richtigen Bahnen gelenkt werden sollten, so kann man nur mit mitleidigem Lächeln die gewaltigen Irrtümer dieser Stil'Apostel konstatieren. Nachdem der erste Stildusel verflogen war, wurde das Geschaffene unmotiviert und unpassend befunden; man wurde sich darüber klar, daß alle sogenannten Stile einstens wohl in ihrer Epoche die volle Be' rechtigung hatten, daß für unsere moderne Zeit aber ein anderer Aus' druck gesucht werden müsse. Hat auch die große Mehrheit, weil das bisher Geschaffene an gute alte Vorbilder erinnerte, mit zeitweiliger Befriedigung erfüllt, der künstlerische Katzenjammer konnte nicht ausbleiben, da die entstandenen „Kunstwerke" sich nur als Früchte 3* Der Stil, die vergangenen Stile, VILLA HÜTTELDORF; ATELIER, MÖBEL. 4*1 archäologischer Studien entpuppten und ihnen jeder schöpferische Wert fehlte. DIE AUFGABE DER KUNST, ALSO AUCH DER MODERNEN, IST ABER DIESELBE GEBLIEBEN, WELCHE SIE ZU ALLEN ZEITEN WAR. DIE KUNST UNSERER ZEIT MUSZ UNS MODERNE, VON UNS GESCHAFFENE FORMEN BIETEN, DIE UNSEREM KÖNNEN, UNSEREM TUN UND LASSEN ENTSPRECHEN. Ob Michel Angelo, Dürer, Rubens, Fischer v. Erlach u. s. f. ein Bild, eine Skulptur oder ein Bauwerk schufen, stets trägt das geschaffene Kunstwerk den ureigenen Stempel des Meisters und der Zeit und nie ist es solchen Künstlern eingefallen, ihren Werken eine bestimmte Stilunterlage zu geben oder die Ausdrucksweise vergangener Jahrhunderte zu kopieren. Alle großen Baumeister der früheren Epochen würden ihre Bauauftraggeber für irrsinnig gehalten haben, wenn diese Bauauftraggeber den Wunsch oder Befehl ausgesprochen hätten, daß das herzustellende Bauwerk die Stilformen einer vergangenen Epoche zu zeigen habe. Vereinigen sich beispielsweise auf der Piazza und Piazetta Venedigs die Basilica, die Orologio, der Dogenpalast, die Bibliotheca, die alten und neuen Procuratien, also die Stile eines Jahrtausends nicht zu einem entzückenden Ganzen? Ist es möglich, daß die Meister, die solches schufen, einen „Stilauftrag'' erhalten haben? Nur zu oft findet man im Gegensätze zum hier Gesagten bei unseren heutigen Künstlern das Bestreben, möglichst genau das Alte wiederzu- 33 5 RENNWEG 3, WOHNHAUS. m « Der Stil, Stilbilder. geben, ja selbst die an alten Schöpfungen bis heute zu Tage getretenen, von den Witterungseinflüssen verursachten Veränderungen zu imitieren. Dies kann doch unmöglich die Aufgabe der Kunst unserer Zeit sein, und es zeigt sicher von Mangel jedes künstlerischen Gefühles, in der Nebeneinanderstellung solcher „Kunstformen'' mit der modernen Welt nichts Störendes zu finden. Einige Stilbilder sollen zur weiteren Illustration des Gesagten dienen: Ein mit lebhaften Farben bemalter griechischer Tempel, der Hain mit bunten Statuen geziert, ein schöner kurzgeschürzter Grieche mit brauner Haut, der heilige, farbig stimmende Olbaum, der tiefblaue Himmel, die erhitzte zitternde Atmosphäre, die sich scharf abhebenden Schatten — das ist doch ein Bild, eine Symphonie. Eine gotische Kirche, kindlich frommer Kerzenschein durch bunte Fenster schimmernd, die zur Kirche wallende Menge in ihren matt' bunten geschlitzten Wämsern und Kitteln, Weihrauch, das Geläute der Glocken, Orgelton, ein oft gar trüber Himmel — wieder ein Bild. Die französischen Ludwige vom XIII. bis XVI., ihre Hofdamen und Höflinge in ihren reichen und schweren Kleidern und Perücken, ihre Etikette, ihre reich verschnörkelten, schließlich einfacher werdenden Säle, ihre Schäferspiele in den stilisierten Gärten, weitab vom tiefstehenden Volke — eine Reihe von Bildern. Man versuche aus diesen Bildern auch nur den kleinsten Teil zu ent' fernen und durch einen anderen in einem fremden Stile tu ersetzen, — wie ein Mißton wird es im Akkorde erklingen. Soll nun bei uns das Bild zum harmonischen werden, so muß die 34 Der Stil, Mode und Stil. NUSZDORF: ABSPERRVORRICHTUNG, BRÜCKENKOPF. Kunst und ihre Form sich dem, was absolut nicht zu umgehen ist, der Menschheit und ihrer Erscheinung, ihren Bestrebungen anschmiegen. Die erwähnten Stilbilder führen uns logisch zur Wahrnehmung des innigen, bisher ignorierten Zusammenhanges von Geschmack, Mode und Stil. Selbst eine geringe Beobachtungsgabe muß in uns die Überzeugung wachrufen, daß die Außenerscheinung, die Kleidung der Menschen in Form, Farbe und Ausstattung den jeweiligen Kunstanschauungen und Kunstschöpfungen entspricht, ja absolut nicht anders gedacht werden kann. Keine Epoche, kein Stil hat hiervon eine Ausnahme gemacht. Recht anschaulich wird diese Tatsache durch ein Zusammenhalten von Kostüm' bildern mit den gleichzeitigen Werken der Baukunst, oder noch besser durch die Betrachtung von Gemälden, welche beides vereint zeigen (Car' paccio, Callot, Bosse, Lepautre, Chodowiecki, Canaletto). Ja die Sache läßt sich soweit verfolgen, daß sich uns schließlich die Überzeugung aufdrängt, die großen Meister vergangener Jahrhunderte seien daran gescheitert, wenn sie Gestalten in Trachten ihrer Vorfahren darstellen wollten. Ihre Anschauung, ihr Empfinden entsprach eben immer nur den Formen ihrer eigenen Epoche. Was Stift, Meißel und Pinsel schuf, war immer der ureigene Stil ihrer Zeit. Wie so ganz anders heute! Ein Sammelsurium von Stilen, alles wird kopiert, sogar patiniert; und das soll mit unserer Erscheinung stimmen? Es ist nicht nötig, Künstler zu sein, um diese Frage mit einem kräftigen 35 5 * STEINHOF: KIRCHE, CHORANSICHT. Der Stil und die Kleidung. tarn* r- « . V. „Nein" zu beantworten. Wo steckt nun der Fehler? Woher diese Dis' harmonie in Mode und Stil? Die moderne Menschheit hat sicher nicht an Geschmack verloren, sie bemerkt heute mehr denn je selbst den kleinsten Modefehler, und gewiß ist dies heute schwieriger als ehedem. Unsere Kleidung, unsere Mode wird von der Allgemeinheit diktiert und richtig befunden und schließt in dieser Beziehung selbst jeden Hirn weis auf einen Fehler aus. Darin ist die Disharmonie also nicht zu suchen, somit muß sie naturgemäß in den Werken der heutigen Kunst liegen. Und so ist es auch. DINGE, WELCHE MODERNEN ANSCHAUUNGEN ENTSPROSSEN SIND (selbstredend kann immer nur von solchen, welche auch zur Kunstform gereift sind, die Rede sein), STIMMEN VOLLKOMMEN ZU UNSERER ERSCHEINUNG; NACH ALTEN VORBILDERN KOPIERTES UND IMITIERTES NIE. Ein Mann im modernen Reiseanzuge wird beispielsweise sehr gut zur Bahnhofhalle, zum Schlafwagen, zu all unseren Vehikeln stimmen; was würden wir aber für Augen machen, wenn wir beispielsweise eine Gestalt in der Kleidung der Epoche Ludwigs XV. ein Fahrrad benützen sehen würden? Dieses erstaunliche Feingefühl der Allgemeinheit in bezug auf die Mode einerseits, diese Gleichgültigkeit, ja dieser Stumpfsinn betreffs künstlerischer Werke andererseits findet seinen Grund im Folgenden: Vorerst ist die Mode das Näherliegende, Leichtfaßliche, leichter zu 36 Der Stil, Wahl eines Stiles für ein bestimmtes Bauwerk. POSTSPARKASSENAMTSGEBAUDE, VESTIBÜL. STÄ-T'J ’r‘' f-* ... Beeinflussende, das Vorbereitende des Stils, während der Stil selbst den erstarrten, schwerer zu beeinflussenden und geläuterten Geschmack re' präsentiert, dessen Beurteilung schon Vertiefung und Verständnis er' heischt. Gewiß liegt aber, wie schon erwähnt, der triftigste Grund, warum die Massen für den größten Teil der Werke der Kunst in so hohem Grade unempfindlich bleiben, darin, daß die Sprache der Kunst unverständlich und das Gebotene kein Werk unserer Zeit ist. Im Suchen und Tasten nach dem Richtigen hat unsere Zeit, weit entfernt, uns und unsere Anschauungen zum Ausdruck zu bringen, im Nachäffen statt im Neuschaffen und natürlichen Fortbilden das Heil gesucht. Es hat den Künstlern gefallen, mit Lupe und Lanzette Tote zu se' zieren, statt den Lebenden an den Puls zu greifen und ihre Schmerzen zu lindern. Die Wahrnehmung, daß manche architektonische Aufgabe, z. B. der Kirchenbau, heute die gleiche zu sein scheint wie vor Jahrhunderten, während andere Aufgaben neuesten Datums sind, hat große Irrtümer gezeitigt. So kommt es, daß Laien und leider auch „Architekten" der Anschauung sind, daß beispielsweise ein Parlament griechisch, ein Tele' graphenamt oder eine Telephonzentrale aber nicht gotisch gebaut werden können, während sie eine Kirche direkt in letzterem Stile verlangen. Sie vergessen alle hierbei nur eines, nämlich, daß die Menschen, welche diese Gebäude frequentieren, alle gleich modern sind, und daß es weder Sitte ist, mit nackten Beinen im antiken Triumphwagen am Parlamente 37 Ausstellungsobjekt, Applikation der Tischdecke. Der Stil und die Wettbewerbe. vorzufahren, noch mit geschlitztem Wamse sich der Kirche oder einem Rathause zu nähern. Alle Fehler, welche diesbezüglich gemacht wurden und werden, fallen lediglich den „Künstlern" zur Last. Als entschuldigend hierfür kann nur die früher angeführte Hast, das Suchen nach dem Richtigen, und die durch mehr als ein halbes Jahrhundert herrschende Kunstletargie in die Wagschale fallen. Das Streben nach „malerischer Wirkung”, nach Übereinstimmung mit Vorhandenem, hat ähnliche sonderbare Blüten getrieben. Bei einer Konkurrenz für ein Rathaus haben sich die „Baukünstler” und auch die fach' und nichtfachmännischen Preisrichter redlich bemüht, das zu errichtende Bauwerk mit der alten „malerischen” Umgebung in Einklang zu bringen, sie sind sozusagen vom System der Theater' dekoration ausgegangen, haben aber nicht bedacht, daß der Neubau des Rathauses den Umbau aller umgebenden Häuser zur Folge hatte, so daß schließlich ein „altes” Rathaus von modernen Häusern umgeben resultierte. Bei einer anderen Konkurrenz, auch für ein Rathaus, waren von 53 Ent' würfen 52 — sage zweiundfünfzig — gotisch oder altdeutsch durchgebildet. Schreiber dieser Zeilen hat aber gefunden, daß die dortigen maß' gebenden Faktoren nichts weniger als gotische oder altdeutsche Männer, sondern stramme, selbstbewußte, moderne Deutsche waren und auch für diese ihre Eigenschaften die künstlerische Ausdrucksweise bei der Gestaltung des Rathauses erstrebten, aber den Künstler nicht fanden, welcher ihr Empfinden verwirklichte. 38 Der Stil, unsere Anschauung gen und Errungenschaften. Künstlerische Bestrebungen, welche trachten, Nachbildungen an Be' stehendes anzuschmiegen, ohne auf andere Bedingungen Rücksicht zu nehmen, müssen, abgesehen von einer gewissen Geistesarmut und einem Mangel an Selbstbewußtsein, die sie bergen, immer einen ähnlichen Ein' druck machen, als ob jemand im Kostüm eines vergangenen Jahrhunderts, noch dazu aus einer Maskenleihanstalt, einen modernen Ball besuchen würde. Dies kann also nicht der Weg sein, den die Baukunst unserer Zeit wandeln muß, würde ihr doch sonst alle schöpferische Kraft abzu' sprechen sein, ALLES MODERN GESCHAFFENE MUSZ DEM NEUEN MATERIALE UND DEN ANFORDERUNGEN DER GE' GENWART ENTSPRECHEN, WENN ES ZUR MODER' NEN MENSCHHEIT PASSEN SOLL, ES MUSZ UNSER EIGENES BESSERES, DEMOKRATISCHES, SELBSTBE' WUSZTES, UNSER SCHARF DENKENDES WESEN VER' ANSCHAULICHEN UND DEN KOLOSSALEN TECHNI' SCHEN UND WISSENSCHAFTLICHEN ERRUNGEN' SCHÄFTEN SOWIE DEM DURCHGEHENDEN PRAKTI' SCHEN ZUGE DER MENSCHHEIT RECHNUNG TRA' GEN — DAS IST DOCH SELBSTVERSTÄNDLICH! Welche gigantische Arbeit ist dadurch der Kunst unserer Zeit vorbe' halten und mit welchem Feuereifer müssen wir Künstler zugreifen, um der Welt zu zeigen, daß wir der gestellten Aufgabe gewachsen sind! AUSSTELLUNGSOBJEKT, APPLIKATION DER TISCHDECKE. e Jsr-- & I * T 39 0 HÜTTELDORF: VILLA, DETAIL R Der Stil, keine Renaissance, sondern eine Neugeburt. Ganz wie von selbst wird, wenn wir den richtigen Weg einschlagen, das der Menschheit angeborene Erkennen ihres Schönheitsideales zu lauterem Ausdruck kommen, die baukünstlerische Sprache wird ver" ständlich werden und der uns repräsentierende Stil geschaffen sein. Ja noch mehr! Wir sind nahe dem Ende dieser Bewegung. Dieses häufige Ab" weichen vom breiten Wege der Nachahmung und Gewöhnlichkeit, dieses ideale Streben nach Wahrheit in der Kunst, diese Sehnsucht nach Befreiung: mit gigantischer Kraft dringen sie durch, alles den be" stimmten Siegeslauf Hemmende vor sich niederreißend. Wie immer wird die Kunst die Kraft haben, der Menschheit ihr eigenes ideales Spiegelbild vor Augen zu halten. SO GEWALTIG ABER IST DIE UMWÄLZUNG, DASZ WIR NICHT VON EINER RENAISSANCE DER RE" NAISSANCE SPRECHEN KÖNNEN. EINE VÖLLIGE NEUGEBURT, EINE NAISSANCE IST AUS DIESER BE" WEGUNG HERVORGEGANGEN, STEHEN UNS DOCH, NICHT WIE DEN FRÜHEREN FORTBILDNERN, NUR WENIGE ÜBERLIEFERTEMOTIVE UND DER VERKEHR MIT EINIGEN NACHBARVÖLKERN ZU GEBOTE, SON" DERN WIR HABEN, ZUFOLGE UNSERER SOZIALEN VERHÄLTNISSE UND DURCH DIE MACHT UNSERER MODERNEN ERRUNGENSCHAFTEN BEDINGT, ALLES KÖNNEN, ALLES WISSEN* DER MENSCHHEIT ZUR FREIEN VERFÜGUNG. 40 Der Stil, die charakteristischen Eigenschaften des Neustils. HÜTTELDORF: VILLA, DETAIL. * DIESER NEUSTIL, DIE MODERNE, WIRD, UM UNS UND UNSERE ZEIT ZU REPRÄSENTIEREN, EINE DEUT. LICHE ÄNDERUNG DES BISHERIGEN EMPFINDENS, DEN BEINAHE VÖLLIGEN NIEDERGANG DER ROMAN. TIK UND DAS FAST ALLES USURPIERENDE HER. VORTRETEN DER ZWECKERFÜLLUNG BEI ALLEN UNSEREN WERKEN DEUTLICH ZUM AUSDRUCKE BRINGEN MÜSSEN. DIESER WERDENDE, UNS UND UNSERE ZEIT RE. PRÄSENTIERENDE STIL, AUF ANGEDEUTETER BASIS AUFGEBAUT, BEDARF, WIE ALLE VORANGEGANGE. NEN, ZU SEINER ENTFALTUNG DER ZEIT. UNSER SCHNELL LEBENDES JAHRHUNDERTHAT ABER AUCH HIER DAS BESTREBEN, DIESES ZIEL RASCHER ZU ER. REICHEN, ALS ES BISHER DER FALL WAR; UND DA. RUM IST DIE WELT ZUR EIGENEN ÜBERRASCHUNG SCHON AM ZIELE ANGELANGT. Solche Anschauungen bedingen, daß von der Wahl eines Stiles als Unterlage einer modernen baukünstlerischen Schöpfung nie die Rede sein kann, daß vielmehr der Architekt trachten muß, Neuformen zu schaffen oder jene Formen, welche sich am leichtesten unseren moder. nen Konstruktionen und Bedürfnissen fügen, also schon so der Wahr, heit am besten entsprechen, anzuwenden. Der Architekt kann in die volle Schatzkammer der Überlieferung greifen; von einem Kopieren des Gewählten kann aber keine Rede sein, * 41 6 REGULIERUNG DES STUBENVIERTELS: ASPERNPLATZ. •*T Up > 4 : • * i -, Der Stil, seine Formenunteiv schiede zu den vergangenen Stilen. * 4 sondern er muß durch Neugestalten das Überlieferte dem Zweck an/ passen oder aus der ^Virkung der bestehenden Vorbilder die von ihm beabsichtigte Wirkung herausfinden. Daß dieses Fortbilden, wie schon erwähnt, nur sukzessive geschehen kann, daß es hierzu der Anregung und Mithilfe der Mitwelt bedarf, ist wohl selbstredend. Prüft man aber unbefangenen Auges, wie sich's allerorten regt, wie die Künstler sich mühen, neue Schönheitsideale zu bilden, und über' blickt man das bisher Gewordene, so wird man überzeugt werden müs' sen, DASZ ZWISCHEN DER MODERNEN UND DER RE' NAISSANCE HEUTE SCHON EINE GRÖSZERE KLUFT LIEGT ALS ZWISCHEN DER RENAISSANCE UND DER ANTIKE. Die Komposition, ihreBedeu tung in der Baukunst. STEINHOF: KIRCHE. DIE KOMPOSITION. DIE KUNST IST, WIE SCHON DAS WORT ANDEU/ TET, EIN KÖNNEN, SIE IST EINE FÄHIGKEIT, WELCHE, VON WENIGEN AUSERWÄHLTEN ZUR VOLLENDUNG ERHOBEN, DER SCHÖNHEIT SINNLICHEN AUSDRUCK VERLEIHT. WIRD DIESER AUSDRUCK DURCH DAS AUGE WAHRGENOMMEN, SO ENTSPRICHT DIESE FÄHIGKEIT DEM BEGRIFFE „BILDENDE KUNST”. VON DEN BILDENDEN KÜNSTEN HABEN MALEREI UND BILDNEREI IHRE VORBILDER STETS IN DER NATUR, WÄHREND DIE BAUKUNST DIE MENSCHLICHE SCHAFFENSKRAFT DIREKT ZUR BASIS HAT UND ES VERSTEHT, DAS VERARBEITETE ALS VÖLLIG NEUGESTALTETES ZU BIETEN. DER URKEIM DIESER NEUSCHÖPFUNG HAT SEINEN FRUCHTTREIBENDEN BODEN IM MENSCHENLEBEN; DIESEM ENTSPRIESZT DIE AUFGABE, WELCHE DIE KUNST DURCH DIE KÜNSTLER ZU LÖSEN HAT. DIESE AUFGABE, DIE BEDÜRFNISSE DER MENSCHHEIT RICHTIG ZU ERKENNEN, IST DIE ERSTE GRUNDBEDINGUNG DES ERFOLGREICHEN SCHAFFENS DES ARCHITEKTEN. 43 ABSPERRVORRICHTUNG, KETTENDEPOT, DETAIL. p — «.1 * > mc ’ vr* •t ‘ ' . ? Die Komposition und der praktische Zug, der uns heute durchdringt. Der Beginn jedes baukünstlerischen Schaffens ist die Komposition. Ein Rezept für eine baukünstlerische Komposition gibt es bekannt' lieh nicht; in Erwägung des bisher Gesagten mag jedoch Nachstehendes als Ausgangspunkt einer Komposition gelten. Ein guter, großer Gedanke ist noch, bevor der Stift in Tätigkeit tritt, zu fassen und reiflich zu erwägen. Ob sich derselbe blitzartig zeigt oder langsam klärt, ob er des Durchdenkens und des Ausfeilens im Geiste wert ist, ob er bei der ersten Fixierung als Treffer oder Niete erscheint, ob er wieder und immer wieder neu gefaßt werden muß, ist gleichviel. So viel aber ist sicher, daß ein glücklicher Grundgedanke und seine reife geistige Durchbildung heutzutage schwer ins Gewicht fallen und weit mehr zur Wertschätzung eines Werkes beitragen als die üppigsten Blüten, welche das natürliche unbewußte Können des Künstlers ersprießen läßt. Ein gewisses praktisches Element, mit welchem die Menschheit heute durchtränkt ist, läßt sich eben nicht aus der Welt schaffen und jeder Bau' künstler wird sich endlich zu dem Satze bequemen müssen: „ETWAS UNPRAKTISCHES KANN NICHT SCHÖN SEIN.” In weiterer Folge ist es als richtig zu bezeichnen, nach dem Erfassen des Grundgedankens die verlangten, dem Bauprogramme entsprechen' den Bedürfnisse einfach und klar aneinander zu reihen und dieserart das Gerippe des Werkes herzustellen. Dieser Aneinanderreihung muß sich die Durchbildung des Grundrisses, da es sich ja in erster Linie um ein Bauwerk handeln wird, anschließen, und zwar mit dem Zwecke, durch Verschiebung der Räume und Raumformen auf empirischem Wege eine möglichst klare, axeale und einfache Lösung zu schaffen, 44 Die Komposition und der praktische Zug, der uns heute durchdringt. ABSPERRVORRICHTUNG, KETTENDEPOT, DETAIL. bis ein sogenannter akademischer Grundriß, eine Bautype, entsteht. Die einfache geschlossene Grundrißdisposition wird immer von dem Erfolge begleitet sein, die künftige leichte Orientierung im Bauwerke und die stets erwünschte verbilligte Bauherstellung zur Folge haben. Daß mit diesem Vorgang die Außengestaltung des Werkes gleichen Schritt halten muß, ist selbstverständlich. Empfiehlt sich ein derartiges Vorgehen bei jedem baukünstlerischen Entwerfen, so wird es beim Monumentalbau und bei Konkurrenzen geradezu zur Bedingung. Als grober Fehler wird es immer zu bezeichnen sein, einem favori' sierten Außenmotiv die verlangte Innenstruktur anzupassen oder gar diesbezüglich Opfer zu bringen. Die Lüge ist dann unvermeidlich und widrig wie diese wirkt die daraus resultierende Form. Ein Miethaus, welches mit unmotivierten Risaliten, Türmen und Kuppeln prunkt oder unter der Maske des Palastes stolziert, Tragsteine, welche Steinformen zeigen, aber aus Zink hergestellt sind und nicht tragen etc., wirken alle gleich albern, es sind eben künstlerische Lügen. Wesentlich wird jede Komposition durch das zur Ausführung bestimmte Materiale und durch die zur Anwendung kommende Technik beeinflußt; später soll dies des Eingehenden erörtert werden; hier sei nur erwähnt, daß sich die Komposition stets dem Materiale und der Technik zu fügen hat und nicht umgekehrt. Die Kompositon muß also schon ganz deut' lieh das Ausführungsmateriale und die angewandte Technik erkennen lassen. Dies gilt, ob es sich um die Darstellung eines Monumentalbaues oder um den Entwurf des kleinsten Schmuckgegenstandes handelt. 45 WÄHRING: ST. JOHANNESKUPPEL, DETAIL. Die Komposition; allgemeine Regeln für dieselbe. Die Komposition hat sich aber noch vielen anderen Dingen ersichtlich anzupassen. Die wichtigsten darunter sind: die klare Charakterisierung des Bauzweckes, die zur Verfügung stehenden pekuniären Mittel, die geographische Lage, die Berücksichtigung der Weltgegenden, die voraus-' sichtliche Dauer der Benützbarkeit, die Forderung des ästhetischen Ein' fügens in die Umgebung, eine durch die Innenstruktur bedingte Außen' erscheinung etc. Wie immer, also auch in den angeführten Fällen, muß das Streben nach Wahrheit der Leitstern des Baukünstlers sein; dann werden Cha' rakteristik und Symbolik des Werkes wie von selbst entstehen: der Kirche wird die Heiligkeit, dem Gebäude für Staatsverwaltung Ernst und Würde, dem Vergnügungsetablissement die Heiterkeit u. s. f. ge' wahrt bleiben! Nur zu oft muß sich die Komposition auf das entstehende Gesamtbild ausdehnen und dann ist dem Architekten die gewiß erwünschte Gelegen' heit geboten, mit seinem Können jene Dinge zu beeinflussen und fest' zustellen, welche als Steigerung der Effekte, Schauvorbereitung, Schaf' fung der Augruhepunkte etc. zu bezeichnen sind. Unsere moderne Epoche ist für große Effekte, welche in den Forde' rungen der bisher unerreichten Ansammlung von Menschen in Groß' Städten ihre Ursache haben, recht empfänglich, und dies motiviert einen gewissen großen Zug, der oft das modern Geschaffene durchzieht. Mit Befriedigung mag daher hier konstatiert werden, daß unsere modernste Kunst in Anordnung von Gesamtanlagen, Plätzen und Straßen, in Dispositionen von Monumenten, Herstellung von Avenüen etc., ganz 46 Die Komposition, Verhältnis zur Tradition. WOHNHAUS STADIONGASSE, VESTIBÜL abgesehen von den großen baulichen Schöpfungen, welche der ungeheure Fortschritt der Ingenieurwissenschaften ermöglichte, Dinge geschaffen hat, denen weder die Renaissance noch die Antike Ähnliches an die Seite zu stellen vermag. ES IST HIER AM PLATZE, DEN MODERN SCHAF. FENDEN ARCHITEKTEN EIN KRÄFTIGES, ERMUN. TERNDES „VORWÄRTS" ZUZURUFEN UND VOR ALL. ZUGROSZER UND INNIGER ANBETUNG DES ALTEN ZU WARNEN, DAMIT EIN, WENN AUCH BESCHEI. DENES, SELB STB EWUSZTSEIN WIEDER IHR EIGEN WERDE, OHNE WELCHES EINE GROSZE TAT ÜBER. HAUPT NICHT ENTSTEHEN KANN. Zur Komposition gehört auch, man könnte sagen, die Strategie der Baukunst. Es soll darunter das richtige Zusammenwirken mit den Schwesterkünsten Skulptur und Malerei verstanden sein. Nie darf der Architekt in einem solchen Falle den Kommandostab aus der Hand legen. Mag es sich um äußere oder innere Ausschmückung seiner Werke handeln, oder haben Skulpturwerke seine Gartenanlagen, Straßen und Plätze zu zieren, dem Architekten allein muß es Vorbehalten bleiben, die Führerrolle festzuhalten, da sich alles dem vom Architekten gefaßten Grundgedanken unterzuordnen hat. Recht fühlbar werden diesbezügliche Fehler in allen Monumenten, fragen und sind fast beständig auf der Tagesordnung. Jedes Monument ist ein integrierender Bestandteil des Platzes, auf welchem es zu stehen bestimmt ist, da der Platz schon bestehen muß, ehe das Monument für 47 WOHNUNG DOBLERGASSE, BADEZIMMER. Die Komposition, Figuren' große und Verhältnis. denselben zu komponieren ist; so daß nie der Platz mit dem Monu' mente, sondern stets das Monument mit dem Platz in Einklang zu bringen ist. Fehler dieser Art fallen immer den ausführenden Künstlern zur Last und haben gewöhnlich darin ihren Grund, daß entweder das Werk schon vor der Platzbestimmung vollendet war, oder daß die Bildner der leider nur zu verbreiteten Ansicht huldigen, daß ihr Werk für sich, intim be' trachtet werden müsse, also einen persönlichen Altar beanspruche, statt sich den Anforderungen der Platzgröße, der Höhe des Raumabschlusses, der Silhouettierung, dem Hintergründe, der Gruppierung etc. einfach zu fügen. Daß aber über solche Dinge dem Schöpfer der Platzbildung das Urteil zustehen muß, auch das muß ausgesprochen werden. Großen Wert wird der Baukünstler auf das Verhältnis der Figur zum Bauwerke und der Figuren untereinander legen müssen; diesbezüglich ist es einerlei, ob diese einen Platz, ein Bauwerk oder einen Raum schmücken sollen. Das Größenverhältnis der zur Verwendung gelangenden Figuren zum Gesamtwerke läßt sich naturgemäß nicht bestimmen; es sei nur fest' gestellt, daß zu groß und zu klein gleich ungünstig wirken. Zweierlei oder gar verschiedene Größenverhältnisse bei figuralem Schmucke an einem Objekte angewandt, müssen selbstredend das Gefühl erzeugen, als ob wir es mit Riesen und Zwergen zu tun hätten. Eine ähnliche Wechselwirkung besteht zwischen dem Ornamente und der architekto' nischen Form; auch hier kann ein unrichtiges Verhältnis sehr schädigend auf die Gesamterscheinung wirken. Die Moderne geht bei Verwendung 48 Die Komposition, Ökonomie in der Kunst. WOHNUNG DÖBLERGASSE, SPEISEZIMMER, DETAIL. von figuralem und ornamentalem Schmucke impressionistisch vor und nimmt nur jene Linien auf, deren sichere Wirkung für das Auge zu ge' wärtigen ist. Hieraus resultiert im Neustil das Übergehen (Zusammen' fließen) der tektonischen Form in die figurale, die möglichst geringe Verwendung von figuralem und ornamentalem Schmuck überhaupt, das Verwerfliche der Anordnung von Porträtstatuen als tektonische Bauteile, die Klarheit der ornamentalen Form und so vieles andere. Zur Komposition gehört ferner die künstlerische Ökonomie. Dar' unter soll ein den modernen Begriffen entsprechendes, bis an die äußer' sten Grenzen reichendes Maßhalten in der Anwendung und Durch' bildung der uns überlieferten oder neu geschaffenen Formen verstanden sein. Ganz besonders gilt dies von jenen Formen, welche als hohe Aus' drücke künstlerischen Empfindens und monumentalen Hochgefühls gelten, wie Kuppeln, Türme, Quadrigen, Säulen etc. Derartige Formen sind überhaupt nur vollkommen motiviert und spärlich anzuordnen, da die zu häufige Verwendung derselben immer die gegenteilige Wirkung hervorruft. Das Einfache, Praktische, das — beinahe möchte man sagen — Militärische unserer Anschauungsweise muß, wenn das entstehende Werk ein getreues Spiegelbild unserer Zeit werden soll, voll und ganz zum Ausdrucke kommen und schon deshalb ist alles Utrierte zu vermieden. Nicht um das Gesagte zu entkräften, sondern um der Wahrheit im Empfinden näher zu kommen, muß aber hier betont werden, daß der Baukünstler in verschiedenen Ländern verschieden reiche Formen zu 49 7 » ABSPERRVORRICHTUNG, AMTSGEBAUDE, DETAIL. ft.T VS^St xr «*:.Ts fe .T r i.W< ' »U*r Die Komposition, nationale auweise. verwenden haben wird, damit der Genius loci zum Ausdrucke komme. Es ist daher nur logisch, daß beispielsweise der Süddeutsche, der Nord' deutsche, der Franzose, der Engländer, der Italiener etc. verschiedene Schönheitsideale haben müssen, ja so weit soll die Komposition im Bestreben nach richtiger Ausdrucksweise gehen, daß immer Ort, Zeit und Mode richtig betont erscheinen; lassen sich doch heute noch alle bestehenden Werke der Kunst mit ziemlicher Genauigkeit in bezug auf Ort, Zeit und Lage von uns bestimmen. Es ist hier am Platze, nochmals darauf hinzuweisen, daß ein möglichst genaues Berücksichtigen der in dieser Schrift angedeuteten, die Kompo' sition beeinflussenden Dinge am Geschaffenen deutlich zutage trete, weil dadurch eben die Unterschiede im künstlerischen Ausdrucke des Objektes entstehen, welche dem Genius loci entsprechen. Gewiß ist auch nur auf diesem natürlichen Wege das nationale Element in die Kunst einzuflechten. Bei der Ähnlichkeit der Ausdrucks' und Lebensweise der Völker in den zivilisierten Ländern werden diese Differenzen nie große sein und hauptsächlich durch das erhältliche Material und die klimatischen Verhältnisse bedingt werden. Aus den angeführten Gründen muß ein starrsinniges Festhalten an historischen Stilen für gewisse Objekte oder die Wahl von solchen für gewisse Völkerschaften als Unding bezeichnet werden, wenn auch bei' spielsweise uns Deutsche die Bezeichnung „altdeutscher Stil” Vorjahren — wohl nur des Titels halber — elektrisierte. Endlich ist noch darauf hinzuweisen, daß die heute stark mißbrauch' ten Worte „intim” und „Intimität” in der Baukunst, durch die Groß' 50 Die Komposition, Symmetrie und Asymmetrie. STADTBAHN: HALTESTELLE WAHRINGERSTRASZE, DETAIL. stadtverhältnisse bedingt, nur noch im inneren Ausbau zum Ausdruck kommen können, denn gegen die Straße zu hat ihre Berechtigung auf-' Es kann nicht Aufgabe dieser Schrift sein, alles auf die Komposition Bezügliche zu beleuchten, auch ist es nicht möglich, überall die Grenze des Gebietes, in welches dieses oder jenes Thema einzureihen ist, genau einzuhalten. Vieles wird daher aus dem Vorhergegangenen und Rom/ menden durch den Leser ergänzt werden müssen. Auf das Wichtigste beschränkt, mag hier noch Nachstehendes Platz finden: Eine einfache klare Grundrißdisposition bedingt meist die Symmetrie des Werkes. Es liegt etwas Abgeschlossenes, Vollendetes, Abgewogen nes, nicht Vergrößerungsfähiges, ja Selbstbewußtes in einer symme' trischen Anlage; auch Ernst und Würde, die steten Begleiterinnen der Baukunst, verlangen sie. Erst dort, wo Platzform, Z.weck, Mittel, Utilitätsgründe etc. die Einhaltung der Symmetrie unmöglich machen, ist eine unsymmetrische Lösung gerechtfertigt. Das Nachäffen unsymmetrischer Bauwerke oder ein absichtlich um symmetrisches Komponieren, um eine angeblich malerische Wirkung zu erzielen, ist ganz verwerflich; haben doch alle diesbezüglichen alten Vorbilder nur darin ihre Entstehungsursache, daß spätere Generationen eine sukzessive räumliche Veränderung der symmetrischen Bauanlage herstellten, welche die Asymmetrie verursachte. Nie und nimmer ist jedoch urspünglich Absichtliches darin zu erblicken. Ein großes Gewicht hat der komponierende Architekt auf die per-' spektivische Wirkung zu legen, das heißt, er muß Silhouette, Massen«* 51 7* villa hütteldorf: gartnerhaus. Die Komposition, Sehdistan^ *«* *■ 'r rr^* > T j* v *«c Jk« GESAMTWIRKUNG (Silhouette des Bauwerkes, der Gruppe, der Platzwand etc.). WIRKUNG DES SONNENLICHTES UND DER ATMOSPHÄRISCHEN NIEDERSCHLÄGE (Lage gegen die Weltgegenden). AUSNÜTZUNG DES TERRAINS UND DES LANDSCHAFTLICHEN HINTERGRUNDES. ANNAHME NEUER UND RICHTIGE VERWERTUNG BESTEHENDER VEDUTEN UND DURCHBLICKE, SOWOHL IM FREIEN ALS IM RAUME. STETE RÜCKSICHTNAHME BEI PROJEKTIERUNG EINER STRASZE AUF DAS ENDBILD. RICHTIG BETONTER UND GUT SITUIERTER AUGENRUHEPUNKT. RICHTIGE LOZIERUNG UND MARKIERUNG VON ACHSENBRÜCHEN, SOWOHL AUSZEN ALS IM RAUME. ABGEWOGENE GRÖSZE UND BEDEUTUNG VON BAUTEN UND MONUMENTEN IN BEZUG AUF DAS STADT-, PLATZ- ODER STRASZENBILD (Einfassungshöhe). KLARE, SOFORT LEICHT FASZLICHE CHARAKTERISTIK DES WERKES. RICHTIGE ANNAHME DER FIGUREN-GRÖSZE ZU DEN BAUTEILEN, ZUR SEHDISTANZ UND UNTEREINANDER. 55 STADTBAHN: HOFPAVILLON, DECKENDETAIL. Die Komposition, einige Re geln. W’JK VOLLSTE ZWECKERFÜLLUNG JEDES WERKES. LEICHTE ORIENTIERUNG IN JEDEM BAUWERKE. ERWÄGUNG DER EFFEKTE BEI DIMENSIONIERUNG, AUFEINANDERFOLGE UND FARBENGEBUNG, AKU' STIK, SEHMÖGLICHKEIT IN RÄUMEN UND VOLL' KOMMENE UND SCHÖNE BELICHTUNG DERSELBEN. Und so vieles andere. Sollen Lösungen baukünstlerischer Werke den früher angedeuteten menschlichen Anforderungen genügen und das Gefühl des gesteigerten Effektes, des vorbereitenden Schauens, der Augenruhe, der richtigen Bildbegrenzung und der vollen Befriedigung erwecken, so erfordern sie vom Baukünstler ein hohes Können und ein peinliches Abwägen. Auch hierfür liefern uns die Meister der Renaissance und der Barocke ausgezeichnete Beispiele. Unsere moderne Epoche, welche, wie schon erwähnt, alle großen Dimensionen besonders schätzt, hat auch hier, wie in vielen Fällen, solche Anregungen und Überlieferungen mit Glück verwertet und Dinge geschaffen, auf welche wir mit gerechtem Stolze schauen können. So wird wohl dem Blicke aus dem zu errichtenden Mittelbaue der Kaiserburg in Wien nach dem Maria Theresienplatze zu, bei Vollendung des rückwärtigen Abschlusses nach Sempers Entwürfe, und nach Weg' fall des alten Burgtores nichts Ähnliches an Wirkung, Schauvorberei' tung, wohl erwogener Einfassung, Silhouettierung, Augenruhe etc. an die Seite gestellt werden können. Daß all diese Bemerkungen nur das Denken des werdenden Bau' 56 Die Komposition, der Maria- Theresien-Platz. STADTBAHN: HOFPAVILLON, MÖBEL. künstlers beeinflussen können und ohne dessen künstlerische Veran- lagung völlig wertlos werden, bedarf wohl kaum der Betonung. Alle Eigenschaften, welche der Architekt besitzen muß, treten eben bei der Komposition gegen Phantasie und Geschmack in den Hinter' grund, diese allein sind imstande, jenen Blütenzauber zur Entfaltung zu bringen, welcher berufen ist, Menschenherzen zu erfreuen, zu erheben. 57 8 POSTSPARKASSENAMTSGEBÄUDE, KASSENSAAL. diimiik Hl llll III fr - j Die Konstruktion. Artis sola domina necessitas. DIE KONSTRUKTION. Das Bedürfnis und die Notwendigkeit des Schutzes gegen die Un' bilden der Witterung, gegen Menschen und Tiere waren sicher die erste Veranlassung und der ursprüngliche Zweck des Bauens. Im Bauen selbst liegt der Keim zu jeder Konstruktion, deren Ent' wicklung mit dem Zwecke fortschreitet. Solches Schaffen entspricht dem Begriffe der reinen Utilität. Sie konnte nicht genügen; der der Menschheit innewohnende Schönheits' sinn rief die Kunst herbei und machte sie zur steten Begleiterin des Bauens. So ward die Baukunst! Der Schmuck von Hütten und Höhlen mit Blumen, Reisern, Tro' ph äen, Waffen und Denksteinen hat sicher das erste Gefühl für die Nachbildung wachgerufen, und so wurde die erste Kunst, die Baukunst, die Lebensweckerin ihrer Schwestern Malerei und Bildnerei. Ihre Werke sind das selbständige Schaffen des Schönen. Bedürfnis, Zweck, Konstruktion und Schönheitssinn sind daher die Urkeime des baukünstlerischen Lebens. In einem Begriffe vereint bilden sie eine Art „Notwendigkeit" beim Entstehen und Sein jedes Kunst' Werkes, dies der Sinn der Worte: „ARTIS SOLA DOMINA NE' CESSITAS". Kein Geringerer als Gottfried Semper hat zuerst unsere Aufmerk' samkeit auf diese Wahrheit gelenkt (wenn er auch später zum Teile 58 Die Konstruktion, das Utili' tätsprinzip. POSTSPARKASSENAMTSGEBÄUDE, EFFEKTENKASSEN. Vf AS5AM davon abging) und dadurch allein schon ziemlich deutlich den Weg ge' wiesen, welchen wir zu wandeln haben. Bedürfnis und Konstruktion halten mit der strebenden Menschheit gleichen Schritt, diesen kann die majestätisch schreitende Kunst nur langsam folgen. Die Befürchtung, daß das reine Utilitätsprinzip die Kunst verdrängen werde, liegt daher scheinbar nahe. Ja sie hat sogar zeitweilig zu einer Art Kampf geführt, der insoferne unrichtig aufgefaßt wurde, als man der Meinung war, daß die Gegensätze zwischen Realismus und Idealismus unüberbrückbar wären. Das Unrichtige dieser Auffassung liegt in der Voraussetzung, die Utilität könne den Idealismus vollständig verdrängen, und in der weiteren Folgerung, die Menschheit könne ohne Kunst leben, während nur an' zunehmen ist, daß Utilität und Realismus vorangehen, um die Taten zu erzwingen, welche die Kunst und der Idealismus auszuführen haben. Vom Ursprünge aller Kunst bis heute ist dieser Vorgang, dieses Werden ein gleiches geblieben; ein Blick in die Vergangenheit wird uns dies deutlich zeigen. Die erste menschliche Bauform war das Dach, die schützende Decke, sicher zum Ersätze mangelnder Höhlen. Das Dach verlangte die Stütze, später die Wand, endlich den Herd. Die künstliche Stütze holte das Baumaterial, Holz und Stein herbei, die Wand schuf Flechtwerk und Mauer. Diese Bauelemente haben durch seßhafte Ansiedelungen, durch Werk' zeuge und natürliche Verhältnisse ihre weitere Ausbildung erhalten. 59 KOSTLERGASSE, SPEISEZIMMER, DETAIL. a» . Die Konstruktion, das Ent' stehen der Kunstform. Überlieferungen, ein stetes Hinzukommen neuer Zwecke und Hersteh lungsmittel haben mit der durch den menschlichen Schönheitssinn ge borenen Kunst nach unermeßlich langer Entwicklung die Grundformen der Stützen, Wände, Sparren etc. allmählich zu Kunstformen erhoben. Nur so kann die Baukunst entstanden sein. Über die Richtigkeit des hier Gesagten kann wohl kein Zweifel bestehen. Prüft man überdies alle Kunstformen der historischen Zeitperiode, so läßt sich trotz aller Stilepochen die beinahe ununterbrochene Reihe des allmählichen Werdens vom Tage ihres KONSTRUKTIVEN Entstehens bis heute mit Leichtigkeit nachweisen. Ein logisches Denken muß uns daher zur Überzeugung führen, daß der Satz: „JEDE BAUFORM IST AUS DER KONSTRUKTION ENTSTANDEN UND SUKZESSIVE ZUR KUNSTFORM GEWORDEN", unerschütterlich ist. Dieser Grundsatz hält allen Analysen Stand und erklärt uns jede Kunstform. Schon im Kapitel Stil und oben wurde betont, daß die Kunstformen Veränderungen erfuhren. Diese Veränderungen sind, abgesehen davon, daß die Form dem Schönheitsideale der jeweiligen Epoche entsprechen mußte, dadurch entstanden, daß die Art der Herstellung, das Material, die Werkzeuge, die verfügbaren Mittel, das Bedürfnis, das Kunstemp' finden etc. verschieden waren und ihnen überdies in verschiedenen Gegenden auch verschiedene Zweckerfüllungen zukamen. ES KANN DAHER MIT SICHERHEIT GEFOLGERT WERDEN, DASZ NEUE ZWECKE UND NEUE KONSTRUKTIONEN NEUE FORMEN GEBÄREN MÜSSEN. 60 Die Konstruktion, das Ent' hütteldorfi Archiv, Armsessel. stehen der Kunstform. •^4 V Unsere modernste Epoche hat, wie keine frühere, die größte Anzahl solcher Konstruktionen (man bedenke nur den Erfolg des Eisens beim Metallbetonbau) hervorgebracht. Sind alle diese Formen auch heute noch nicht zu vollendeter und all' gemein empfundener Kunstform geworden, so ist dies aus dem früher angedeuteten Grunde erklärlich, weil eben die Utilität dieselben für die schaffende Kunst erst vorbereitet. Auch der Umstand mag hier nochmals betont werden, daß jede Form' gebung immer langsam und unmerklich vor sich geht. Es ist Sempers unbestrittenes Verdienst, uns durch sein Buch „Der Stil", allerdings in etwas exotischer Weise, auf diese Postulate verwiesen zu haben. Wie Darwin aber hatte er nicht den Mut, seine Theorien nach oben und unten zu vollenden, und hat sich mit einer Symbolik der Konstruktion beholfen, statt die Konstruktion selbst als die Urzelle der Baukunst zu bezeichnen. Immer geht die Konstruktion voran, denn ohne sie kann keine Kunst' form entstehen, und die Aufgabe der Kunst, Bestehendes zu idealisieren, ist ohne Bestehen des Objektes unmöglich. Die Bildung unserer ureigenen, den modernen Konstruktionen ent' sprechenden Kunstformen liegt also in uns selbst, die Möglichkeit, sie zu schaffen, ist uns durch das reiche Erbe, das wir angetreten haben, geboten und erleichtert. Das nutzbringende Resultat dieser Betrachtung ist ein sehr einfaches: „DER ARCHITEKT HAT IMMER AUS DER KON' STRUKTION DIE KUNSTFORM ZU ENTWICKELN." 61 STADTBAHN; HALTESTELLE GUMPENDORFERSTRASZE. Die Konstruktion, Einfluß der menschlichen Errungenschaften* * * w* MENDE INGENIEUR SPRICHT DAHER EINE FÜR DIE MENSCHHEIT UNSYMPATHISCHE SPRACHE, WÄH- REND ANDERERSEITS DIE AUSDRUCKSWEISE DES ARCHITEKTEN, WENN ER BEI SCHAFFUNG DER KUNSTFORM NICHT VON DER KONSTRUKTION AUSGEHT, UNVERSTÄNDLICH BLEIBT. Beides sind große Fehler. Da der Ingenieur selten als Künstler geboren ist, der Baukünstler in der Regel aber sich zum Ingenieur ausbilden muß, kann es als sicher angenommen werden, daß es der Kunst, beziehungsweise dem Baukünstler mit der Zeit gelingen werde, seinen Einfluß auf das heute vom Ingenieur okkupierte Gebiet zu erweitern, damit auch hier den berechtigten ästhetischen Forderungen Genüge geschehe. Die eingangs erwähnte Aufeinanderfolge der vorbereitenden Utilität und der das Begonnene ausbildenden Kunst wird also in allen Fällen eintreffen und mit der Zeit das Nichtbefriedigende der Werke des Ingenieurs abdrängen. Es ist hier, um nicht mißverstanden zu werden, zu bemerken, daß von einem Herabdrücken des Niveaus des Ingenieurs durch den Künstler schon deshalb keine Rede sein kann, weil die Fähigkeiten beider in vollkommener Weise nie in einem Individuum vereint waren, ja nicht vereint sein können. Wie die entstehende Kunstform von der Konstruktion, so wird diese wieder durch viele andere Dinge beeinflußt, welche später zur Besprechung gelangen sollen. 63 KÖSTLERGASSE, BADEZIMMER, DETAIL. Die Konstruktion, beschleus nigte Bauweise. *' i • r: Eines der wichtigsten Momente, welches als strikte ausgesprochene Forderung unserer modernen Epoche gelten kann, mag hier Erörterung finden. Es betrifft die Herstellungszeit und die davon gewöhnlich ab' hängige Solidität. Es ist eine verbreitete, aber ganz falsche Anschauung, daß unsere moderne Bauweise, weil eine stark beschleunigte, auch eine sehr um solide sein müsse. Der Grund ist im Eingriffe der Spekulation, welche natürlich mit der Kunst nichts gemein hat, ja ihre größte Gegnerin ist, zu suchen. Prüft man unsere modernen Konstruktionen aber genauer, so wird man leicht zur Überzeugung kommen, daß gerade das Umgekehrte der Fall ist, und daß die moderne Konstruktion es sich zur bestimmten Aufgabe gemacht hat, Herstellungszeit und Solidität, diese beiden Gegensätze, nach Möglichkeit zu vereinigen. Die moderne Konstruk' tion weist in dieser Beziehung großartige Erfolge auf. Durch die Bauweise aller Epochen zieht die deutliche Tendenz, den geschaffenen Werken eine möglichste Stabilität und Unveränderlichkeit zu verleihen, um einer der wichtigsten Thesen der Baukunst, „ewige Dauer”, gerecht zu werden. Nachdem unsere modernen Verhältnisse in Betreff der aufzuwenden' den Arbeitszeit eine völlige Umwälzung geschaffen haben, der Grund' satz der ewigen Dauer in der Kunst aber derselbe bleibt, muß die Korn struktion, welcher die Lösung dieser Aufgabe zufällt, zu neuen Mitteln greifen, um dieser Anforderung zu entsprechen. Diese Mittel hat sie zum größten Teile in Verwendung neuer Mate' 64 Die Konstruktion, solide und beschleunigte Bauweise. KÖSTLERGASSE, SCHLAFZIMMER. ♦ % rialien, in der Einführung der Maschinen und in der Teilung der Arbeit gefunden. Der Einfluß derselben auf die Kunstform muß daher selbstredend zutage treten. Dem Künstler fällt hiedurch eine weitere Aufgabe zu, er hat nicht allein, wie schon oft erwähnt, in der von ihm zu schaffenden Kunst' form die Konstruktion deutlich zu zeigen, sondern auch im Beschauer die Überzeugung wachzurufen, daß in derselben das verwendete Mate' rial, die Maschinenarbeit und die Herstellungszeit richtig zum Ausdruck kommen. Fehler dieser Art sind leider nur zu zahlreich. Kunstformen, bei denen die Herstellungszeit nicht dem Effekte oder dem Herstellungs' material entspricht, haben immer etwas Lügenhaftes oder Gequältes. Konsolen und Tragsteine, welche nicht tragen, Eisenbauten, welche das Gepräge von Steinformen zeigen, Putzbauten, welche völlige Stein' Struktur aufweisen, Skulpturen aus Zink, die große Menge äußerer De' tails, welche mehr scheinen wollen, als sie sind, und so vieles andere, gehören in diese Kategorie. Geht aber das Bestreben der Konstruktion dahin, bei gleicher oder größerer Solidität und künstlerisch gleichwertiger Form eine kürzere Herstellungszeit zu erzielen, so muß dies als richtig und als kunstför' dernd bezeichnet werden. Ein Beispiel mag hier für diese Anschauung sprechen. Bei einem hervorragenden Monumentalbau (Wiener Hofburgtheater) wird eine Säulenstellung samt Gebälke als Hauptmotiv der architek' 9 65 SILBERWAREN: TEE. UND RUMFLASCHE. Die Konstruktion, Anwen' düng neuer Materialien. tonischen Durchbildung des Obergeschosses projektiert. Der Bau wird in Steinschichten durchgeführt und das Material mit großem Aufwande an Zeit und Geld beschafft. Zu den Untergliedern des Hauptgesimses werden ungeheuere, an die Bauweise der alten Römer erinnernde Steinblöcke, aus welchen, konstruktiv bedingt, sogar die Konsolen des Hauptgesimses herausgearbeitet worden sind, verwendet. Die Bear«» beitung und Beschaffung dieser Werkstücke erfordert große temporäre und pekuniäre Opfer. Diese Art der Herstellung soll als „mißverstandene Bauweise" be' zeichnet und ihr im Nachstehenden eine „moderne Bauart“ gegenüber-' gestellt werden. Zur äußeren Bauverkleidung (naturgemäß bei gleichen Prämissen) werden (für die gleichen Flächen) Platten verwendet. Diese Platten können in ihrer Kubatur bedeutend geringer angenommen werden, dafür aus edlerem Materiale (beispielsweise aus Laaser Marmor) pro' jektiert sein. Die Befestigung dieser Platten würde durch Bronze-' knöpfe (Rosetten) erfolgen. Zum Tragen des weit ausragenden, in kleine Schichten geteilten Gesimses werden verankerte Eisenträger an-« gewendet, welche mit einer Bronzehülle zu verkleiden sind, etc. etc. Das Resultat dieser Gegenüberstellung wird ungefähr folgendes sein: Die Steinkubaturen sinken auf '/ lo bis '/ 50 der ersteren Annahme, die Anzahl der Werkstücke verschwindet nahezu ganz, die monumentale Wirkung wird durch das edlere Material erhöht, die aufgewandten pekuniären Mittel fallen um Ungeheueres und die Herstellungszeit wird auf ein geringes und erwünschtes Maß herabgedrückt. 66 Die Konstruktion, Entstehen künstlerischer Motive. KAFFEEKANNE UND TEEKESSEL. TP Gewiß genug der Vorteile, um in solchem Falle die moderne Bauart vorzuziehen. Aber die Anzahl der Vorteile ist damit nicht erschöpft, ihr größter liegt doch darin, DASZ SOLCHERART EINE ANZAHL NEUER KÜNSTLERISCHER MOTIVE ENTSTEHT, deren Durchbildung dem Künstler nicht nur sehr erwünscht sein wird, son' dern nach welchen er mit Hast und Eifer greifen muß, um in der Kunst wahrhaft fortbildend zu wirken. Resultate dieser Art sind aber nicht vereinzelt, sondern jedes Objekt ausnahmslos wird, von solchen Gesichtspunkten betrachtet, dem schaff fenden Künstler welche bieten. Es muß als selbstverständlich bezeichnet werden, daß moderne Men' sehen, welche den Wert der Zeit zu würdigen wissen, auch jene Kon/ struktionen propagieren werden, welche imstande sind, ihre diesbezüg' liehen Wünsche zu befriedigen. Dies geschieht nun naturgemäß durch Zuziehung von Materialien, welche sich jederzeit schnell und gut be/ schaffen lassen, und durch Teilung der Arbeit, also durch gleichzeitige Inangriffnahme verschiedener Konstruktionsbestandteile, so daß daraus eine raschere Art von Zusammenfügung des Werkes resultiert. Ist das so Zusammengestellte auch solid, so wird es auch bei höheren Kosten das Bisherige verdrängen. Selbstredend muß aus einem solchen Vorgehen immer eine neue Formgebung entstehen. Die Erhältlichkeit des einen oder anderen Materiales wechselt selbst' verständlich in verschiedenen Gegenden und daher ist seine Anwendung und die Vervollkommnung seiner Behandlung auch eine verschiedene. Dies hat zur Folge, daß in bestimmten Gegenden auch bestimmte 67 9* NUSZDORF: ADMINISTRATIONSGEBAUDE, DETAIL. Die Konstruktion, lokaler Charakter. Materialbauten überwiegen, ein Umstand, den der Baukünstler nie übersehen darf, weil das anzustrebende Schönheitsideal auch „lokalen Charakter” beansprucht (Bruch' und Werksteinbau, Ziegelrohbau, Putzbau, Holzbau, Beton' und Eisenbau etc.). In diesem Sinne kann von Heimatskunst gesprochen werden. Ein Umstand, welcher mit der Herstellungszeit eines Bauwerkes in engem Zusammenhänge steht, muß hier des besonderen erwähnt wer' den, schon deshalb, weil der größte Teil der Bauauftraggeber, leider nur zu oft vom Architekten selbst, darüber irrig informiert ist. Es be' trifft die erforderliche Zeit für die graphische, künstlerische und tech' nische Durchbildung des Projektes, welche dem Künstler hiefür ge' gönnt ist. Das Entstehen künstlerischer Arbeiten beruht zum Teile auf empi' rischem Schaffen und ist nur zu oft von Laune und Inspiration ab' hängig, nie aber wird eine solche Arbeit, weil sie eben auf empirische Weise entstand, derart fehlerlos sein, daß der sie ausführende Künstler nicht selbst Änderungen (gewöhnlich, wenn es zu spät ist) als erwünscht bezeichnen müßte. Ein mehr als genügender Zeitraum zur graphischen Herstellung des Werkes wird also dem Werke selbst immer zum Vorteile gereichen. Bei unseren Miethäusern, welche ihr Dasein stets nur der Tendenz „Kapitalsanlage” verdanken, ist die Zeit, in welcher der Architekt seine Arbeiten vollenden soll, immer sehr karg bemessen, ja sie schrumpft oft auf wenige Tage zusammen, da der Bauherr in der Regel den Bau' beginn dem künstlerischen Aufträge sofort folgen läßt. 68 Die Konstruktion, Eisen und Beton. ‘ STADTBAHN: BRÜCKE ÜBER DIE LINZERSTRASZE. Ä 0 Bei Monumentalbauten ist dem Künstler gewöhnlich eine genü' gende Zeit gegeben, um sein Projekt wenigstens soweit zu studieren und zu vollenden, daß größere Änderungen ausgeschlossen erscheinen, ja er genießt oft den nicht genug zu schätzenden Vorteil, noch vor Be' ginn der Bauausführung durch ein Modell des Bauwerkes sich über alles genügend Rechenschaft geben zu können. Es muß daher als völlig berechtigt erscheinen, bei Beurteilung von Monumentalbauten diesen Umständen Rechnung zu tragen, also keine Nachsicht walten zu lassen. Unter den Materialien, welche die moderne Bauweise besonders be' einflussen, spielt natürlich Eisen und Beton die Hauptrolle. Ihre kom struktiven Formen fügen sich am wenigsten in die uns überlieferte Formenwelt. In dem angetretenen so reichen Kunsterbe finden wir beinahe nichts, das uns die schönheitliche Ausgestaltung des Eisens oder Betons erleichtern würde. War damit auch einerseits eine längere Herrschaft des so unsympa' thischen Utilitätsprinzipes verbunden, so ist es andererseits nicht freudig genug zu begrüßen, daß dort, wo die Kunst diese Materialien formte, tatsächlich völlige Neuformen zutage traten und hierdurch einer der größten Impulse zum Werden des Neustils gaben. Die struktiven Eigenschaften des Eisens und des Betons sind aber tatsächlich so außerordentliche, daß sie fast jede Forderung zu erfüllen imstande sind und daß betreffs der Anwendung dieser Materialien eigentlich nur von einer pekuniären Grenze gesprochen werden kann. Diese ihre Universalität hat auch zu ihrer Überhebung, die noch vor 69 STADTBAHN: HOFPAVILLON, UNTERFAHRT, DETAIL. . Die Konstruktion, ihr Anlaß zu Neuformen. wenigen Jahren sich unästhetisch und recht aufdringlich breit machte, geführt. Einige neue Materialien, ihre noch nicht ganz durchgeführte, derzeit noch angezweifelte Erprobung und der pekuniäre Standpunkt haben auch hier ernüchternd gewirkt und deren Verwendung auf jenes Maß beschränkt, welches der künstlerischen Anschauung moderner Menschen entsprechen wird. Es bleiben jedoch genug der Objekte, welche durch die Anwendung des Eisens und des Betons konstruktiv und dadurch ästhetisch beeinflußt werden, so daß deren Existenz und der daraus resultierende Einfluß auf unsere heutige Bauweise als tonangebend zu bezeichnen sind. Die Möglichkeit und die Erleichterung so vieler Bauherstellungen, die Unbeschränktheit in der Annahme von Raumgrößen, die Durch' führung des ausgesprochenen Pfeilerbaues, die freie Wahl jeder Decken' form mit beliebiger Raumbelichtung, die starke Verminderung der Mauerstärken, die Feuer Sicherheit, die verringerte Bauzeit und so vieles andere sind Dinge, welche wir nur der Verwendung dieser Materialien verdanken. Der ungeheuere Wert der Konstruktion und deren einschneidender Einfluß auf die moderne Kunst ist durch das hier Gesagte wohl ge' nügend betont; es ist deshalb dem werdenden Baukünstler das Studium derselben auf das Eindringlichste ans Herz zu legen. RICHTIG ERDACHTE KONSTRUKTIONEN SIND NICHT ALLEIN DIE LEBENSBEDINGUNGEN JEDES BAUKÜNSTLERISCHEN WERKES, SONDERN SIE WER' DEN AUCH, UND DIES IST NICHT OFT GENUG ZU 70 Die Konstruktion. Konstrukt tion und Erfahrung, die Be' gleiter des Baukünstlers. STADTBAHN: HOFPAVILLON, UNTERFAHRT, DETAIL. 7'tk' ' * WIEDERHOLEN, DEM SCHÖPFERISCHEN, MODER. NEN BAUKÜNSTLER EINE UNZAHL POSITIVER AN. REGUNGEN BEI DER SCHAFFUNG VON NEUFORMEN — IN DES WORTES VOLLSTER BEDEUTUNG — IN DIE HAND SPIELEN. Die meisten Konstruktionen wird sich der Architekt von Fall zu Fall selbst zurechtlegen müssen. Dies erheischt aber nicht nur ein beständiges Verfolgen und Aufnehmen jeder Neuerung auf dem Ge. biete der Konstruktion und des Materials, sondern verlangt auch vom Architekten — und mit vollem Rechte — die schon erwähnte stark aus. geprägte, natürliche Findigkeit. Es ist kaum nötig, hier anzufügen, daß sich zur Anwendung der Konstruktion eine reiche Erfahrung gesellen muß, so daß der Satz als Postulat gelten kann: OHNE KENNTNIS DER KONSTRUK. TION UND OHNE ERFAHRUNG IST DER BEGRIFF BAUKÜNSTLER UNDENKBAR. 71 Stadtbahn: Haltestelle roszauerlande. Die Kunstpraxis, ihr Einfluß auf den Baukünstler. * j Iftx' ' ‘ DIE KUNSTPRAXIS. Schon früher war Gelegenheit, das Wort „Kunstpraxis" zu gebrauchen und auf dessen spätere Erörterung hinzuweisen. Unter Kunstpraxis soll eine erlernte, erworbene Übung in der Formgebung verstanden sein. Sie wird sich bei jedem, der eine lange Reihe von Jahren dem künstleri" sehen Berufe obliegt, einstellen und seinen Werdegang mitmachen. Ich halte es daher für zweckmäßig, die wichtigsten diesbezüglichen Er" fahrungssätze in diese Schrift einzureihen. Bevor auf das eigentliche Thema eingegangen wird, soll die Frage erwogen werden: „Wie sind baukünstlerische Arbeiten graphisch dar" zustellen ?” Es ist nicht zu leugnen, daß für architektonische Schöpfungen, so lange sie auf dem Papier stehen, sehr wenig Interesse bekundet wird. Bild, Plastik, Raum, Bauwerk und jedes andere Kunstobjekt wirken unmittelbar durch das Auge auf die Sinne des Beschauers, dessen Ver" ständnis und Beurteilung dadurch sehr erleichtert wird. Um Pläne und Risse zu verstehen, bedarf es geistiger Vertiefung, wozu es dem Be" schauer meist an Lust, häufiger aber an Fähigkeit mangelt, so daß ihm die Beurteilung erschwert oder gar unmöglich ist. Es beliebt so vielen Baukünstlern, die Entwürfe in nüchterner, den Anforderungen des Geschmackes nicht entsprechender Weise zu geben. Da durch neue Kunstgriffe und Erfindungen auch hier ein stetes Vervollkommnen der Darstellungsweise stattfindet und der Geschmack 72 Die Kunstpraxis. Künstlerin sehe Durchführung der Zeich' nungen. STADTBAHN s HALTESTELLE JOSEFSTADTERSTRASZE. dyOK der Autoren verschieden und „werdend" ist, kann das „Wie" nicht genau präzisiert werden, und es können demgemäß hier nur Andeutung gen darüber folgen. Um beim Alpha des architektonischen Zeichnens zu beginnen, muß vorerst betont werden, daß jede sogenannte flotte Manier ganz ver-' werflich ist, und daß es immer Aufgabe des Baukünstlers bleiben muß, seine Gedanken möglichst klar, scharf, rein, zielbewußt und überzeu' gungsvoll zu Papier zu bringen. Jede architektonische Zeichnung hat den Geschmack des Künstlers zu dokumentieren und es darf nie ver' gessen werden, daß KÜNFTIGES, nicht Bestehendes dargestellt wer' den soll. Die Sucht, ein möglichst täuschendes Zukunftsbild zu bieten, ist schon deshalb als Fehler zu bezeichnen, weil sie eine Lüge involviert. Alle reizenden Zufälligkeiten und Stimmungen, der Natur abgelauscht, durch ein gutes Aquarell fixiert und auf ein nicht bestehendes Objekt übertragen, sind absichtliche Täuschungen, also schon darum zu ver' werfen. Näher liegend, richtiger und daher natürlicher ist es, durch eine, sagen wir individuelle und impressionistische Darstellung das Werk, Interesse erweckend und mit Gedanken erfüllt, den Beschauer vor das Auge zu führen. Der Künstler hat dabei Gelegenheit, Phantasie, Geschmack, Wollen und Können zu zeigen, den Beschauer anzuregen und zu fesseln, ohne von der Wahrheit abzuweichen. Es geht heute ein nicht hoch genug anzuschlagender jugendfrischer Zug durch die modernen Kunstbestrebungen und Publikationen. Die große Zahl ausgezeichneter deutscher, englischer und französischer 73 10 STEINHOF: KIRCHE, HOCHALTAR UND KANZEL, DETAILS. Die Kunstpraxis. Ausstellungsfähige, baukünst lerische Zeichnungen. 1 15 L Kunstzeitschriften, in welchen fast alles künstlerisch Neuentstandene reproduziert erscheint, zeigen dies. Derlei Publikationen geben dem Künstler eine Fülle von Anregungen. Doch muß vor dem Zuviel dieser „Arznei” gewarnt werden. Ein geläuterter Geschmack wird dem Künstler auch hier als Führer zur Seite stehen und ihn trotz der reichen Anregung veranlassen, nur Dinge in seine Darstellung aufzunehmen, welche die Hauptsache würdig begleiten und das Interesse des Beschauers fördern. Natürlich wird er sich nur solcher Darstellungsweisen zu bedienen haben, von welchen bei geringem Zeitaufwande die größte Wirkung erhofft werden kann und welche eine leichte und schöne Reproduktion nicht ausschließen. Durch das Hervortreten der individuellen Auffassung etc. kann selbst die harmloseste orthogonale Projektion in ein sehens' wertes Kunstwerk verwandelt werden. Baukünstlerische Darstellungen, welche für Ausstellungen bestimmt sind, bedingen den Ausschluß alles die Umgebung Störenden. Grund' risse, Aufrisse und Schnitte, welche große weiße Papierflächen zeigen, können nie zwischen Bilder und Skulpturen eingereiht werden, da sie sicher das Gesamtbild stören. Dies ist auch der Grund, warum Werke der Baukunst bei Ausstellungen so oft mehr als stiefmütterlich behandelt werden. Das Ziel des Baukünstlers soll gerade darauf gerichtet sein, bei Ausstellungen Interesse erregend sich unter die Schwesterkünste ein' zureihen. So wichtig aber auch das „Wie” der Darstellung ist, so muß es selbst' redend gegen das, was dargestellt wird, in den Hintergrund treten. Zu 74 Die Kunstpraxis. Die Groß-' Städte. STEINHOF: KIRCHE, HOCHALTAR, DETAILS. ■# t Ol' diesem „Was” kehren wir nun nach dieser kleinen Abschweifung zurück. Es kann sich, wie in den anderen Teilen dieser Schrift, auch im Kapitel „Kunstpraxis” nur um das Hervorheben einzelner wichtiger Dinge, welche besonders die Baukunst unserer Zeit tangieren, handeln. Das Modernste des Modernen in der Baukunst sind wohl unsere heu' tigen Großstädte. Ihre früher nicht erreichte Dimension hat eine Unzahl neuer Fragen entstehen lassen, die ihrer Lösung durch den Baukünstler In jüngster Zeit ist infolge des Emporblühens aller großen Städte be' sonders die Frage der Städteregulierung in den Vordergrund getreten, weil sich in vielen Fällen das zwingende Bedürfnis zeigte, eine rationelle Lösung dieser Frage anzustreben. Ein Zusammenstimmen von Kunst und Zweck ist nach modernen Anschauungen immer die erste Bedingung einer guten Lösung. Mögen nun auch oft Fälle Vorkommen, bei welchen das künstlerische Mo' ment über der Zweckmäßigkeit stehen soll, so muß doch naturgemäß angenommen werden, daß beim Städtebau ein umgekehrtes Verhältnis einzutreten hat. Geht doch die allgemeine Anschauung sicher dahin, daß beispielsweise für den Verkehr, der für die Menge immer die Haupt' sache bleiben wird, keine Summe zu groß, für die Kunst aber „nichts” gerade genug ist. Gewiß ist es, daß das praktische Moment bei einer Stadtregulierung in den Vordergrund treten muß und daß die Kunst, strenge genommen, eigentlich nur darüber zu wachen hat, daß jeder Vandalismus vermieden werde. Bestimmter und ihre Rechte fordernd wird sie erst dort auftreten, entgegensehen 75 10 * NUSZDORF s ADMINISTRATIONSGEBÄUDE. Die Kunstpraxis, Die Groß' Städte, •\ T* % • wo ihr Schaffen Selbstzweck ist. Dies wird zur Folge haben, daß die verkehrstechnischen, ökonomischen und hygienischen Forderungen genau präzisiert und festgestellt werden und daß der den Regulier rungsplan durchführende Baukünstler diese Prämissen künstlerisch ver' wertet. Die nachfolgenden Anschauungen vertreten weder den Radikalismus der Stürmer, noch das Gejammer der Historiker in der Städtebaufrage, sondern gehen wieder von dem Grundsätze aus, daß das wichtigste Moment der Lösung einer solchen Frage die peinlichste Erfüllung des Zweckes sei, und daß bei Durchführung dieser Zweckerfüllung die Kunst allem Entstehenden die Weihe verleihen muß. Da unsere Lebensweise, unser Tun und Lassen, unsere technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften heute andere sind als vor tausend Jahren oder selbst vor ganz kurzer Frist, immer also ein stetig Werdendes waren und sind, muß die Kunst diesem Umstande, also auch unserer Zeit, Ausdruck verleihen. Die Kunst hat daher die Auf-' gäbe, das Stadtbild der jeweiligen Menschheit anzupassen. Die so beliebten Schlagworte von Heimatkunst, Einfügen in das Stadtbild, Gemüt im Stadtbilde etc. in dem Sinne, wie dies von Per' sonen ausgesprochen wird, welche die Kunst nur aus Lehrbüchern kennen und beurteilen, sind nichts als Phrasen, an die sich diese Personen klammern, weil sie der Großstadtbaufrage ratlos gegenüberstehen. Nur der wirkliche Baukünstler weiß zwischen Schön und Alt und nur Alt zu unterscheiden und abzuwägen und denkt weder an die frevelhafte Zerstörung des Schönen, noch an ein Kopieren des Bestehenden, auch 76 Die Kunstpraxis. Die Groß' Stadtbahn: Haltestelle alserstrasze. Städte. L nicht an den leider so beliebten „Aufputz” einer Stadt; ihm ist jede baukünstlerische Zuchtlosigkeit fremd. Unser demokratisches Sein, in welches die Allgemeinheit mit dem Schrei nach billigen und gesunden Wohnungen und mit der erzwurn genen Ökonomie der Lebensweise eingepreßt wird, hat die Uniformität unserer Wohnhäuser zur Folge. Deshalb wird auch diese im künftigen Stadtbilde stark zum Ausdruck kommen. Die Einzelwohnung ist bei gleichem Kubikinhalte und gleichem Grundrisse bei vielgeschossigen Häusern in bezug auf den Herstellungs' und Vermietungspreis billiger als in Häusern mit wenig Geschossen; stehen doch Grundpreis, Furn dierung, Dach etc. nur einmal in Rechnung. Da überdies der Spruch: „Zeit ist Geld” heute mehr als je in Betracht kommt, ist die Mehrung der Stockwerke bei Wohn-' und Geschäftshäusern bis zu 7 oder 8 Ge' schossen, ja bis zum Wolkenkratzer im Stadtzentrum naturgemäß. Die Zahl der Wohnhäuser wird in jeder Großstadt die Anzahl der öffentlichen Bauten weit überwiegen; aus ihrer Zusammenlagerung entstehen daher lange und gleiche Straßeneinfassungsflächen. Die Kunst unserer Zeit hat durch die Erbreitung der Straßen diese Uniformität zur Monumentalität erhoben und weiß dieses Motiv durch glückliche Unterbrechungen voll zu verwerten. Es kann daher kein Zweifel darüber bestehen, daß, wenn die Kunst in solchen Fällen richtig eingreift, nie von einer „Stadtschablone” die Rede sein kann. Diese entsteht immer nur dann, wenn die Kunst nicht zu Vforte kommt. Die zwecklich und ökonomisch bedingte Uniformität der Wohnhäuser hat leider zu einem ganz verwerflichen gegenseitigen Übertrumpfen im * VILLA HÜTTELDORF; ATELIER, DETAIL. Die Kunstpraxis. Gerade und krumme Straßen. Außendekor dieser Nutzbauten durch zweckwidrige Dinge, wie Risalite, Türme, Giebel, Säulen, Ornamentierung etc. geführt. Es ist gut, daß die moderne, breite Straße die Wirkung solcher protziger Lächerlich' keiten dämpft. Ebensowenig berechtigt und ebenso künstlerisch verwerflich sind ab' sichtliche, unmotivierte Straßenkrümmungen, unregelmäßige Straßen' und Platzlösungen etc., um angeblich malerische Straßenbilder zu er' zielen. Jede Großstadt wird mehr oder weniger solche gekrümmte Straßen und Unregelmäßigkeiten haben müssen; sie seien aber nur dann künstlerisch begrüßt, wenn sie aus dem Straßen' oder Verkehrs' Organismus entstanden oder durch Terrainverhältnisse etc. bedingt sind. Der repräsentative Ausdruck einer Stadt entsteht durch das bestehende Schöne und durch das neuzuschaffende Schöne. Jede Stadtregulierung zerfällt naturgemäß in zwei Teile: in den wachsenden peripherischen Teil, wo Technik und Kunst ziemlich frei schalten und walten können, und in das kompakte Stadtinnere, wo sich die Wünsche nach Neugestaltung dem Häusermeere, den Kunst' denkmälern, vorhandenen Einrichtungen und Anlagen akkommodieren müssen. Beide Teile sind natürlich voneinander abhängig und es wird so manche Aufgabe nur mit Berücksichtigung des ganzen Stadtgebietes gelöst werden können. Leider wird stets auf das dringender erscheinende Stadtinnere der größere Wert gelegt und die Peripherie recht neben' sächlich behandelt. Es ist dies schon deshalb ganz unrichtig, weil be' reits in kurzer Zeit hieraus neue Kalamitäten entstehen und sicher immer wieder Fragen auftauchen müssen, welche ebenso dringend ihre 78 Die Kunstpraxis. Die Groß'' Städte. VILLA HÜTTELDORF: ATELIER, DETAIL. fM» VV* T* . Lösung heischen; darum ist durch rechtzeitige Fürsorge dem Zwange vorzubeugen. Gewiß sind künftig erforderliche Dinge (Bahnen, Parks, Approvisio' nierung, Kehricht' und Schneeabfuhr, Materialzufuhr, Leichentransport, Stationsanlagen, Bezirksbaugruppen, Monumentalbauten etc.) leichter, schöner und billiger erhältlich, wenn ein großer Zug durch einen Re' gulierungsplan geht. Bemerkt mag noch werden, daß die stets anzustrebende großflächige Ausdehnung einer Stadt gewiß mit den Verkehrsverhältnissen in di' rektem Zusammenhänge steht und daß schlechte Verkehrsverhältnisse hohe Grundpreise, Stockwerkanhäufung und eine gedrängte Bauweise zur Folge haben müssen; eine schlecht regulierte Stadtperipherie trägt wesentlich zur Verschlimmerung dieser Übelstände bei. Die größte Sorgfalt und peinlichste Zweckerfüllung in der Stadtanlage beanspruchen Straßen und Plätze. Sie sind es, die vorerst eine Besprechung verlangen. Unnötig ist es, einen Beweis dafür zu geben, daß Platzgröße und Platzwand untereinander im richtigen Verhältnisse stehen sollen. Die Dimensionen eines Platzes scheinen beliebig zu sein, doch finden sie ihre natürliche Begrenzung darin, daß die erreichbare Höhe der ab' schließenden Platz wand ziemlich scharf gegeben ist. Diese Höhe, ob sie nun durch Bauwerke oder Baumgruppen entsteht, wird, abgesehen von einzelnen weiter emporragenden Bauteilen, kaum mehr als 25 Meter betragen. Soll daher die Platz wand in der angedeuteten Höhe auf das Auge noch einen genügend kräftigen Eindruck hervorrufen, so können 79 STATDBAHN: DONAUKANALLINIE, GALERIE. Die Kunstpraxis. Die Großstädte, ihre Straßen undPlätze. bei sonst richtigen Flächen Verhältnissen der Plätze etwa 120.000 Quadratmeter als ästhetische Größengrenze bezeichnet werden. Die „Place de la Concorde" in Paris hat 100.000 Quadratmeter (samt der Seine). Die Bodenfläche so groß dimensionierter Plätze bedarf aber in künstlerischer Beziehung gewisser Augruhepunkte und ganz energischer Teilungen. Diese Ruhepunkte werden durch Aufstellung figuraler und architektonischer Monumente, Brunnen etc. geschaffen, während durchlaufende Straßen, Kandelaberreihen, Balustraden, Alleen, Perrons, Trottoirs, Rasenflächen etc. teilende Leitlinien für das Auge abgeben. Als ästhetische Größengrenze einer Straßenbreite bei einer 25— 3 o Meter hohen Einfassung können etwa 80 Meter bestimmt werden, aber auch diese bedarf stark betonter Teilungen, um sie dem Auge angenehm faßlich erscheinen zu lassen. Die Länge einer Straße soll erfahrungsgemäß nicht unter das Fünffache ihrer Breite sinken und nicht das Fünfzehnfache derselben ohne charakteristische Unterbrechungen überschreiten. Die Minimaldimensionen eines Platzes sind selbstredend von der Höhe seiner Platzwand und von seiner Grundform abhängig, während für Straßenbreiten der unumstößliche Satz zu gelten hat, daß die Höhe der Einfassung die Straßenbreite nie übersteigen darf. Kleinere Plätze erwecken das Bedürfnis, die Platzwand ruhig abgeschlossen zu sehen, während größere ganz energische Teilungen der Platzwände verlangen. Die künstlerisch so wichtige Silhouettierung einer Stadt entsteht durch Monumentalbauten, Türme, Kuppeln etc. und 80 Die Kunstpraxis. Wolken^ kratzcr und die Gartenstadt. STADTBAHN: VIADUKT ÜBER DIE ZEILE. ' * \‘X -v > i # . die Terrain Verhältnisse derselben. In den letzten Jahrzehnten gesellten sich hinzu die Vielstock werke'Miethäuser (Wolkenkratzer). Ist das Problem solcher Bauten vom ästhetischen Standpunkte sicher löslich und wirken derartige Bauten, mäßig vorkommend, gewiß nicht ungünstig in der Stadtsilhouette, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß derartige Bauten nur dann die Zustimmung der Stadtverwaltung verdienen, wenn sie keine Anrainer molestieren. Eine Molestierung tritt aber durch Entziehung des Sonnenlichtes für den Nachbar ein. Es wäre deshalb die Bewilligung ihrer Ausführung nur gegen dem zu erteilen, daß der vom höchsten Punkte unter 45 Grad fallende Schatten eines solchen Wolkenkratzers kein Nachbarhaus trifft. Es ist hier an der Zeit, gewissen verschrobenen Ansichten entgegen' zutreten, welchen ein großer Teil der Menge huldigt, und die dahin zielen, jeden freien Platz, selbst das kleinste Plätzchen, mit einer Garten' anlage zu „schmücken”. Die Verfechter dieser Anschauung führen jederzeit eine Unzahl von Schlagworten, wie Augenweide, Luftzentrum, Aufsauger des Stick' Stoffes etc., in bombastischer Weise im Munde Diese Schlagworte werden dann in volksfreundliche Phrasen gekleidet und in die Massen geworfen, alle möglichen hygienischen Wirkungen werden behauptet; ob aber derlei Anlagen auch schön sind, wird nicht erwogen. Ganz abgesehen davon, daß solche sanitäre Postulate in ihrer Wir' kung mehr als fraglich erscheinen, sind diese kümmerlich vegetierenden Gartenkarikaturen jedermann im Wege und machen eines der schönsten architektonischen Motive, nämlich den Effekt der Fläche mit ihren Leit' 81 11 AUSSTELLUNG; SILBERWAREN, VITRINE. Die Kunstpraxis. Plätze, Gar' tenanlagen, Parks. linien, zur Unmöglichkeit. Die zauberhafte Wirkung der Place de Concorde in Paris, des Peters' platzes in Rom, die Piazza in Venedig wird jedem, der dieselben gesehen hat, in dauernder Erinnerung bleiben. Eine Gartenanlage auf diesen Plätzen (es hat, dem Himmel sei's ge' dankt, noch kein Mensch den Mut gehabt, eine solche zu verlangen) würde ihre ganze Wirkung zerstören. In Wien aber ist es gelungen, einen der größten Plätze (den Rathausplatz, 80.000 Quadratmeter) durch eine alberne Gartenanlage jeder künstlerischen Vfirkung zu berauben und mit einer monströsen, jedem praktischen Bedürfnisse Hohn spre' chenden Wegführung zu schänden. Gartenanlagen in Städten haben den ästhetischen und praktischen Bedürfnissen (zwei Begriffe, welche sich nach modernen Anschauungen immer decken) völlig Rechnung zu tragen und nicht allein auf den eilen' den Fußgänger durch einen geraden, eventuell schattigen Weg Rücksicht zu nehmen, sondern auch die mächtige Wirkung der Fläche zu wahren. Unwillkürlich drängt sich im Anschlüsse an das Gesagte die Park' frage in den Vordergrund, es sollen ihr deshalb einige Zeilen gewidmet sein. Parks im eigentlichen ursprünglichen Sinne waren ungeheure Terri' torien, welche landschaftliche Schönheiten in sich schlossen und deren reiche Besitzer veranlaßten, sie zu Herrensitzen umzugestalten. Es wur' den demgemäß Fahr' und Gehwege angelegt, welche Terrainwellen, Waldpartien, Baumgruppen, Seen, Teiche, Flüsse, Bäche, Felsgruppen und Aussichtspunkte etc. in leicht zugänglicher und in Interesse erwecken' 82 Die Kunstpraxis. Die Entste hung von Gartenanlagen. AUSSTELLUNG: SILBERWAREN, SCHWEBENDE FIRMATAFEL t» der Weise verbanden und zur malerischen Geltung brachten. An den schönsten und geeignetsten Punkten baute man Schlösser, Herrenhäuser, Villen, Pavillons, Warten etc. Diese durch den Kontrast zwischen Natur und Kunst entstandene Wirkung wurde durch beständige Verkleinerung der Fläche und Herbei'- zerrung von Objekten, welche weder dem Terrain noch der Lage ent" sprachen, zur Imitation (lies Karikatur des englischen Parks, Stadtpark in Wien u. s. v. a.). Die weitere Verkleinerung mußte, wie so viele Bei" spiele zeigen, selbstredend zu völliger Lächerlichkeit führen. Dies ist um so trauriger, als uns die Meister der Renaissance und hauptsächlich des Barock geradezu unübertreffliche Vorbilder für Gartenanlagen in der Nähe von Bauwerken als musterhafte Beispiele hinterließen. Sie haben uns deutlich den richtigen Weg gezeigt, auf welchem wir wandeln sollen, damit Bauwerk und Gartenanlagen sich gegenseitig in ihrer Wir" kung unterstützen und ergänzen. Es ist daher nicht genug zu empfehlen, daß der Baukünstler dies" bezüglich energisch eingreife, um die tatsächlich auf dem tiefsten Niveau stehende Gartenkunst so bald als möglich zu heben. So wird es ihm nicht allein obliegen, die Hauptdisposition solcher Anlagen schönheitlich auszugestalten, sondern er soll auch über die Flora soweit informiert sein, daß es ihm beim Verfassen eines solchen Projektes ein Leichtes werde, die richtige Wahl der Arten und Ver" teilung von Baumgruppen, Einfassungen, Lauben, Hecken, etc. vorzu" nehmen; er soll über die Haltbarkeit der Pflanzen mit Rücksicht auf die örtlichen Verhältnisse unterrichtet sein, er soll Farbe und Aussehen 83 n* AUSSTELLUNG PARIS: K. U. K. HOFGARTEN Die Kunstpraxis. Gartenanlagen, Platzfläche, Leitlinien. der vorzuschlagenden Gewächse genau kennen, er soll über die Wirkung des Terrains und dessen künstliche Verschneidung, über die Lage, Anordnung und Ausgestaltung der Wege, Durchblicke, Augpunkte im Reinen sein, er soll sich über künstlerische Wasserbauten, über die Verwendung und Verteilung von Figuren, Treibhaus- und Dekorationspflanzen, über den Bau von Gewächshäusern, über die Teppichgärtnerei und den großen Apparat ihrer Erhaltung völlig im Klaren sein. Bezüglich der Teppichgärtnerei weist die künstlerische und ökonomische Zweckerfüllung auf den Ausfall alles Exotischen hin. Er hat genau zu wissen, welche Baumsorten sich von Fall zu Fall zu Straßenalleen eignen, und welcher Ersatz durch Hecken, Lauben etc. geboten werden könnte. Er soll imstande sein anzugeben, wie dem Absterben der Straßenvegetation, welches durch das ausströmende Leuchtgas, durch die sickernde Straßenjauche, durch die vom Wagenverkehre verursachte Vibrierung und durch den Mangel genügenden Untergrundes (wegen der Kanäle, Wasserläufe etc.) verursacht wird, mit Erfolg zu begegnen ist. Nochmals sei auf die außerordentliche, monumentale Wirkung der Bodenfläche aufmerksam gemacht; Platzflächen lassen sich durch Verwendung verschiedener Pflasterungsmethoden mit mehrfarbigen Stein- und Kunststeinsorten und durch Anordnung von mit Solitärpflanzen geschmückten und eingefaßten Rasenflächen teppichartig ausgestalten und erzeugen dann, mit Zuziehung von Leitlinien und gut situierten Schauobjekten etc., die großartigsten Wirkungen. Diese Dinge stehen mit dem künstlerischen, monumentalen Aus- 84 Die Kunstpraxis. Die Kunst in der Straße. AUSSTELLUNG PARIS: K. U. K. HOFGARTEN sehen des Platz' und Straßenbildes in so engem Zusammenhänge, daß ihre intensive Berücksichtigung nicht genug empfohlen werden kann. Nach dieser Abschweifung zum Platz' und Straßenbilde zurückkeh' rend, ist hervorzuheben, daß der Baukünstler dasselbe noch in anderer Weise gewaltig zu berücksichtigen hat, damit es künstlerischen Anfcnv derungen genüge. Leider steht dem Architekten in vielen dieser Fragen wenig Einfluß zu, da in der Regel andere Gründe und leider nur zu oft amtliche und behördliche Maßnahmen den ästhetischen Einfluß beseitigen. Die wichtigste unter den noch zu erwähnenden Forderungen zur Er' zielung eines künstlerischen, abwechslungsreichen Bildes ist die, daß für öffentliche Gebäude der richtige Platz bestimmt oder mindestens vor' gesehen und der leider meist fehlende, ästhetisch aber absolut notwen' dige Augachsen' Endpunkt geschaffen werde. Das Außerachtlassen solcher künstlerischen Anforderungen, das über' all so stark vortretende Utilitätsprinzip, die Abneigung gegen monumen' tale Bauausführungen, der nie behobene Geldmangel für Kunstbestre' bungen geben auch hier dem Architekten manche harte Nuß zu knacken. Diese und ähnliche Umstände haben eine Art Scheinarchitektur hervor' gerufen, welche mit einer Lüge diese Blößen zu decken sucht. Die schon erwähnten outrierten Miethausfa^aden und die in neuester Zeit beliebte oktruierte Fa$adentype (Arkadenhäuser und Häuser am Franz Josefs' Quai in Wien etc.), also eine künstlerische, nicht technische Baubevor' mundung, gehören in diese Kategorie. Das Schwindelhafte, von Lügen Strotzende, an Potemkinsche Dörfer Erinnernde, das in solcher An' »5 % STADTBAHN: HALTESTELLE SCHOTTENRING. Die Kunstpraxis. DaS Mißt' haus der Großstadt. iiiiiiiiiiHi Ordnung liegt, kann nicht genug getadelt werden. Keine andere Kunst' epoche als die unsere hat solche Undinge aufzuweisen; sie geben uns ein recht trauriges Bild der Kunstverhältnisse unserer Zeit. Nur darin mag zum Teil eine Entschuldigung liegen, daß der auf Abwege geratene Geschmack nach dem erwünschten künstlerischen Ausdrucke ringt, die moderne Allgemeinheit ihm aber die Mittel, dies zu erreichen, schon deshalb verweigert, weil die stets wachsende Menge von Miethäusern mit der erforderlichen Anzahl öffentlicher Gebäude in sehr ungünstigem Verhältnisse steht. Die täglich einander ähnlicher werdende Lebensweise der Menschen, Wohnökonomie und Wohnwechsel haben das Einzelwohnhaus stark verdrängt, die Bauvorschriften haben noch ein übriges getan, und so mußte denn unsere heutige Uniformität der Miethäuser entstehen. In unserer Stadt spielt das moderne Miethaus eine große Rolle. In London haben die Bodenbesitzverhältnisse für diesen Zweck eine Bautype hervorgerufen, von welcher zu behaupten ist, daß sie beinahe auf jede Mitwirkung der Kunst verzichtet, während in Paris wieder eine Lösung reifte, welche die Unterbringung des Dienstpersonals in den Mansarden als unverrückbaren Ausgangspunkt hat. Berlin hat eine größere bebaute Fläche als Wien, und deshalb haben die Grundpreise dort nie jene Höhe erreicht, an welcher unsere so lang eingeengt gewesene Vaterstadt krankt. Die Terrainverhältnisse haben ein übriges getan. Unsere gegenwärtigen Miethäuser verfolgen, durch die wirtschaftlichen Verhältnisse bedingt, keinen anderen Zweck, als durch Anhäufung klei' 86 Die Kunstpraxis. Das Miet' haus der Großstadt. STADTBAHN: HALTESTELLE BRIGITTABRÜCKE. v Jr A net, leicht vermietbarer Wohnungen in einem Bauwerke das größte Er' trägnis des investierten Baukapitals zu erzielen. Nachdem der Mietwert der einzelnen Geschosse überdies durch Am bringung von Personenaufzügen ziemlich ausgeglichen wurde, mußte als natürliche Folge daraus hervorgehen, daß die äußere künstlerische Ge' staltung durch ein Auszeichnen der Geschosse nicht mehr tunlich war. Architektonische Durchbildungen, welche ihre Motive in der Palast' architektur suchen, sind daher an solchen Zellen'Konglomeraten als völlig verfehlt zu bezeichnen, weil sie eben der Innenstruktur des Baues widersprechen. Die Baukunst ist bei der Durchbildung der Fa$ade des modernen Miethauses auf eine glatte, durch viele gleichwertige Fenster unterbro' chene Fläche angewiesen, wozu sich das schützende Hauptgesims und allenfalls noch ein krönender Fries und ein Portal etc. gesellen. Die in dieser Schrift aufgestellten Grundsätze weisen aber darauf hin, daß es der Kunst nicht zukommt, gegen die erwähnten wirtschaftlichen Strömungen anzukämpfen oder sie durch eine Lüge zu bemänteln, som dern daß ihre Aufgabe darin liegt, selbst solchen Anforderungen Rechnung zu tragen. Auch hat das moderne Auge, wie erwähnt, den kleinen intimen Maß' stab verloren, es hat sich an weniger abwechslungsreiche Bilder, an län' gere gerade Linien, an ausgedehntere Flächen, an größere Massen ge' wohnt, weshalb ein stärkeres Maßhalten, eine weniger reiche Silhouet' tierung solcher Mietobjekte gewiß angezeigt erscheint. Die reichere Form wird demnach erst dort zum Worte gelangen, wo ihre Domäne unbe' 87 Stadtbahn: viadukt uber die zeile. Die Kunstpraxis. Die gerade Linie in der Großstadt. stritten bleibt und ihre Anwendung eine natürliche ist. Der Architekt suche also bei Miethäusern, welche doch immer die Hauptmotive des Straßenbildes bleiben werden, durch Dekorierung der Fläche in untereinander kontrastrierenden Bildern, durch einfache und richtig gewählte Details, durch deutliche Betonung der Konstruktion zu wirken, ohne daß dies, wie es leider nur zu häufig beliebt ist, in ein Übertrumpfen der Anrainer auszuarten braucht. Bei der eben angedeuteten künstlerischen Durchführung werden sich unsere Miethäuser noch am ehesten zu einem ästhetisch erfreulichen Prospekte vereinigen und gewiß zu allen jenen Dingen passen, für weh che die Straße geschaffen ist. Es muß immer bedacht werden, daß eine moderne Großstadt weder das Aussehen des antiken Rom noch des alten Nürnberg haben kann und haben darf. Die Bedeutung der geraden Linie in der Baukunst unserer Zeit wurde des öfteren besprochen. Eine Unzahl von Gründen verweisen deutlich und energisch auf deren größtmöglichste Verwendung. Mit Rücksicht auf die Straßenführung wird sie aber zur berechtigten Bedingung, schon aus dem einfachen Grunde, weil der geschäftige Mensch womöglich in gerader Linie geht und der Eilende sicher über den kleinsten zeitrauben-' den Umweg ungehalten ist. Die letzten Jahrzehnte tragen eben die Worte: „Zeit ist Geld" im Panier. Die Projektanten krummer Wege haben Gelegenheit, sich an durch-' querten Rasenflächen und an abgetretenen Rasenecken genügend davon zu überzeugen. 88 Die Kunstpraxis. Die offene liehen Bauten der Großstadt. STADTBAHN: VIADUKT ÜBER DIE ZEILE. Noch schlimmere Erfahrungen werden jene „Baukünstler“ machen, welche unpraktische Wege schaffen, und gar manche nicht sehr schmei' chelhafte Äußerung wird der Genasführte ihnen zuschleudern. Selbstredend ist die gerade Straße nicht überall durchführbar. Oft wird zur Erhaltung des Bestehenden, zur Erzielung besserer Bauplatz' formen etc. bei Straßenführungen die Kurve, die polygone Linie gewählt werden müssen. Solche Fälle gehören dann zu den sich von selbst er' gebenden Dingen, welche beitragen, das Stadtbild abwechslungsreicher und, wenn sie gut sind, auch interessanter zu gestalten. Des einen sei hier noch besonders Erwähnung getan, daß Brüche der Straßenfluchtlinien nie in die Baublöcke selbst zu verlegen sind. Gilt für den Fußgeher als Wegführungslinie die Gerade, d. h. die kür' zeste Linie, als die beste, so ist es andererseits für den Wagenverkehr gewiß zulässig, kleine Umwege und Kurven anzuordnen, selbstver' ständlich aber nur dort, wo sie aus natürlichen oder künstlerischen Be' dingnissen hervorgehen. Ein möglichst großer Schutz, der dem Fußgänger zu bieten ist, weist in Berücksichtigung des Wagenverkehres von selbst auf genügende Straßen' breiten und energische Verbreiterung bei Straßenkreuzungen hin. Der oben erwähnte Mangel an öffentlichen Bauwerken, welche mit ihren größeren Formen und motivierter reicherer Silhouettierung die Miethausfronten unterbrechen und so das Straßenbild durch große Kon' traste interessant gestalten würden, muß den Architekten veranlassen, die gewünschte Wirkung mit anderen Mitteln zu erzielen. Hierzu eignen sich am besten: das Einschalten von Plätzen, mäßig zurück' und wieder 89 12 STADTBAHN: HOFPAVILLON, INTERIEUR. t Die Kunstpraxis. Die Groß'’ stadt, Straßenbahnen. vortretende Baufluchten, die Schaffung von Vorgärten, die Anordnung von Straßenteilungen, die Gabelung derselben bei eingeschobenen Monu' menten und Brunnen, endlich jene Objekte, welche die Straßenfläche selbst aufzunehmen hat, wie Alleen, Lauben, Hecken, Kioske etc. Daß die pietätvolle Erhaltung der uns überlieferten Werke der Kunst, die zu wahrende Unveränderlichkeit ihrer Umgebung mit Rücksicht auf die stets wohlerwogene Sehdistanz und eine Reihe von Zufälligkeiten uns weitere wertvolle Mittel zur Bereicherung der künstlerischen Durch' bildung des Straßenbildes an die Hand geben, bedarf wohl kaum der Erörterung. Die Aufgabe des Architekten ist aber mit der künstlerischen Be' handlung der Straßen und Plätze einer Stadt noch nicht abgeschlossen. Die neueste Zeit hat so manche Institution, so manche Neuerung her' vorgebracht, welche der künstlerischen Durchbildung harrt. Hier sind in erster Linie die Bahnen zu nennen, deren Einfluß auf das Straßenbild nur zu oft ein verhängnisvoller ist. Bahnen im Straßenniveau, ob es nun Dampfbahnen oder solche mit elektrischem Betriebe sind, verunzieren fast immer, abgesehen von allen durch sie verursachten Störungen des Fußverkehrs, das Straßenbild. Diese Ansicht ist in den großen Metropolen bereits zur Überzeugung geworden. So würden beispielsweise die Pariser auf der Place de la Concorde und in den Champs'Elisees, die Berliner unter den Linden eine derartige Anlage kaum gestatten. Vollbahnen, zu denen sich jede Großstadt wird bequemen müssen, können entweder Hoch' oder Tiefbahnen sein. Die Wahl des einen 90 Die Kunstpraxis. Die Groß stadt, Straßenbahnen. STADTBAHN: HOFPAVILLON, INTERIEUR. \\i rz/yj. oder andern Systems hängt nur von lokalen Vorbedingungen und tech" nischen Gründen ab. Die resultierenden Pro und Kontra lassen sich in wenige Hauptpunkte zusammenfassen. Die Untergrundbahn, besonders wenn sie gedeckt ist, beeinflußt das Straßenbild beinahe gar nicht, sie ist bequemer, was den Zutritt anbe" langt, aber gewöhnlich teuerer in der Anlage und für das fahrende Publi" kum unangenehm. Die Hochbahn entstellt zuweilen in sehr empfindlicher Weise das Straßenbild, sie ist jedoch etwas billiger als die Tiefbahn und bietet dem Fahrenden durch einen freien und wechslungsreichen Ausblick manchen Genuß. Dem Städtebewohner wird nun in erster Linie immer um Erhaltung eines möglichst schönen Stadtbildes zu tun sein, es wird daher die Hoch" bahn bei ihm weniger Anklang finden, und dies ist auch selbstverständ" lieh immer der Standpunkt des Baukünstlers. In jeder Stadt bringen Gesetz oder Herkommen, technische oder finanzielle Gründe, die herrschende Windrichtung, die Bildung von Vil" len", Fabriks" oder Wohnhausbezirken mit sich, welche, durch die land" schaftliche Lage der Stadt wesentlich bedingt, in Perioden Wirtschaft" liehen Aufschwunges rapid an Ausdehnung gewinnen. In neuerer Zeit geht durch die Besserung der Verkehrsverhältnisse eine gewisse Strömung dahin, dem Einzelwohnhause und den damit verbundenen ideellen Voraussetzungen zu ihrem Rechte zu verhelfen, um das Versäumte nachzuholen. Dieser Strömung hat sich die Bauspekulation bemächtigt, unrichtige 12 * SILBERWAREN: TEEGLAS UND OBERSKANNE. « 1 1 is 5* i> • ♦ > v ^ /•jv-* .'» •» » ^«r>' 4, » ^*4^ • ^J¥ m 4^’ $• *. >*- « < * jiS*. •A.7 7»-? » A>'<4 i# <'* V *u*V? ' «< Die Kunstpraxis. Die Groß' stadt, Villenquartiere. * Dispositionen haben ein übriges getan, woraus eine neue Stadt- und Straßentype, die Kottage- oder Villenanlage, entstanden ist. So sehr nun auch die Straßen in solchen Villenanlagen, wenn sie in abwechselnder, kontrastierender, bald offener, bald geschlossener Bauweise, mit Vorgärten, eingeschobenen Plätzen etc. durchgeführt wären, in ästhetischer Beziehung begrüßt werden müssen, so haben sie bisher doch nur einen mangelhaften Erfolg aufzuweisen, und zwar hauptsächlich darum, weil der Bedarf und die Spekulation durch maßlose Anhäufung EINER Type dieser Bauweise den ästhetischen Todesstoß versetzten. Der Volksmund hat sein gerechtes, aber vernichtendes Urteil darüber auch schon gefällt und sie als Villenfriedhof bezeichnet. Viele ähnliche Objekte, ob dies nun Einzelhäuser oder Mietobjekte sind, nebeneinander gestellt, müssen sich gegenseitig jeder Wirkung berauben und eine ästhetische Langweile erzeugen, welche wieder nur durch große Kontraste behoben werden kann. Solche Villenanlagen verlangen daher zum Mindesten ein Durchziehen von auch ökonomisch bedingten Geschäftsstraßen in ganz veränderter Bauweise. Der bedeutende Einfluß auf das Straßenbild, welchen Monumente ausüben, wurde des Eingehenden unter „Komposition” hervorgehoben; hier erübrigt es uns noch, für das Stiefkind der Kunst, den Monumentalbrunnen, eine Lanze einzulegen. Unsere groß dimensionierten Plätze und Straßen erheischen gebieterisch hervorragende, stark ausgezeichnete Punkte. Dieses Bedürfnis kann aber aus naheliegenden Gründen nicht durch „Personenmonumente" gedeckt werden, auch sind unsere Plätze für derlei Monumente zu groß 92 Die Kunstpraxis. Die Groß' stadt, Brücken. SILBERWAREN, FRUCHT* UND ZUCKERSCHALE. ^ J t A 4 r. \ M 4 4 dimensioniert. Es muß also zu anderen Schaustücken gegriffen werden, wobei in erster Linie die Monumentalbrunnen in Betracht kommen. Zu dem Erfrischenden, Belebenden, das diese dem Städtebewohner bieten, gesellt sich als wichtiges künstlerisches Moment der Umstand, daß sie sich in Form und Größe sehr leicht dem Platzbilde einfügen lassen. Es kann daher den maßgebenden Faktoren, speziell in unserer Stadt, deren häufige Anwendung nicht genug ans Herz gelegt werden. Im Stadtbilde nahezu verschwindend ist der Einfluß unserer modernen Brücken. Das Eisen hat hier den Stein verdrängt, und die zur Dispo' sition stehenden Mittel sagen das Übrige in nicht mißzuverstehender Weise, so daß Brücken beinahe ganz zu Utilitätsbauten, zur einfachen ausgleichenden Wegführung herabsinken. Das erste brutale Auftreten des Eisenmaterials hat die Städtebewohner zu recht energischen Pro' testen veranlaßt, welche heute schon wenigstens zu dem Resultate ge' führt haben, daß, wo dies nur halbwegs möglich ist, „Konstruktion unten” angeordnet wird, um den immer schönen Ausblick von der Brücke nicht zu stören. Auch hier ist es dringend erforderlich, daß bei derartigen Herstellungen Kunst und Künstler ein gewichtiges Wort mitsprechen, damit der bisher ganz vernachlässigte Brückenanblick nach der Brückenachse eine Durchbildung erhalte und dadurch die ästhetisch notwendige Schauvorbereitung dem sich Nähernden geboten werde. Die künstlerische Durchbildung von Brücken wird daher in den mei' sten Fällen nichts als betonte Brückenköpfe und ein reicher ausgestat' tetes Brückengeländer zu zeigen haben. Unsere großen Fortschritte auf dem Gebiete der Hygiene, der unbe' 93 POSTSPARKASSENAMTSGEBAUDE, PORTAL. Die Kunstpraxis. Die Groß*- stadt, Hygiene. strittene Erfolg aller diesbezüglichen Maßnahmen, das ungeheure, stetig zunehmende Anwachsen der Bevölkerungsziffer in Großstädten, endlich der Umstand, daß künstlerische Bestrebungen und Wirkungen von Sauberkeit untrennbar sind, weisen von selbst auf die Notwendigkeit einer peinlichen Reinhaltung unserer Verkehrswege und eines tadellosen und adretten Aussehens unserer öffentlichen Anlagen hin! Dieser mehr als gerechtfertigten Anforderung hat der Architekt schon in der ersten Disposition durch entsprechende Maßnahmen Rechnung zu tragen. Es kann wieder nicht Aufgabe dieser Schrift sein, alles in das hygie' nische und verkehrstechnische Gebiet Gehörige anzuführen, es muß aber darauf Gewicht gelegt werden, daß der Architekt auch auf diesen Gebieten vollkommen auf dem Laufenden sei, und zwar schon deshalb, weil gerade diese modernen Errungenschaften in künstlerischer Beziehung irkfiche wir Neuformen (Straßenaborte, Wartestellen etc.) erfordern. Auch in das Gebiet der Hygiene gehörig ist die in Großstädten immer mehr und mehr zutage tretende Frage der Abfuhr der Verbrennungsgase und des Rußes. Die sanitären Maßnahmen, wie zwangsweise Ver' wendung von Kokes, Lozierung von Fabriken etc. an die Stadtperi' pherie, Rauchverzehrungsapparate etc. können selbstredend nur geringe Abhilfe bringen, da sie die ungeheure Anzahl der Heizungen unserer Wohngebäude gar nicht berühren. Allerdings beeinträchtigen in ästhetischer Beziehung nur die Fabriken durch ihre großen Schlote das Stadtbild, während die kleineren Rauch' fänge beinahe unbemerkt bleiben. Würden sich für die ersteren vielleicht auch schönere Formen finden lassen, so ist doch nach dem heutigen 94 Die Kunstpraxis. Sehnsucht nach Farbe in der Großstadt. POSTSPARKASSENAMTSGEBÄUDE, ECKAKROTERIE. Stande unseres Wissens wenig: Hoffnung: vorhanden, die Städte in ab' sehbarer Zeit von Rauch und Ruß zu befreien. Diese aber sind es, welche unsere Kunstwerke und das Aussehen der Straßen am meisten schädigen. Ein Konglomerat von Staub, Ruß und Niederschlägen bedeckt schon nach kurzer Zeit jedes Kunstwerk, wenn es im Freien steht, ja es verleiht ihm ein ganz verändertes und gewiß nicht beabsichtigtes Aussehen. Man hat es sicher nicht an Versuchen fehlen lassen, dem der Mensch' heit innewohnenden Sinn für Farbe durch Zuziehung' der Schwester' künste und Verwendung farbebeständiger Materialien Rechnung zu tra' gen. Aber alle derartigen Versuche scheitern an der mechanisch und chemisch vernichtenden Wirkung des erwähnten Übels. Vereinigen sich hiemit noch unsere ungünstigen klimatischen Verhältnisse, so resultieren daraus unsere geschwärzten Fa$aden mit ihrem durch Ruß unkennbar gewordenen figuralen Schmuck etc. Die häßliche Farbe unserer Bronzemonumente, die Unhaltbarkeit aller Malerei an den Außenseiten unserer Gebäude, die über den Win' ter notwendige Einschachtelung aller in Marmor hergestellten Zier un' serer Plätze und Bauwerke etc. sind die traurigen Folgen dieser Faktoren. Dagegen ist nur durch Verwendung möglichst einfacher Formen, glatter Flächen, Anwendung von Porzellan und Majolika, Steinzeug, Mosaikbildern, systematische Reinigung der Kunstwerke etc. vorzu' beugen, und die Baukunst unserer Zeit hat auf diesem Gebiete auch schon bedeutende Erfolge aufzuweisen. Politische und soziale Verhältnisse beeinflussen in hohem Maße die 95 STADTBAHN: DONAUKANALLINIE, DETAIL. Die Kunstpraxis. Die Kunst in der Großstadt, ihre neuen Aufgaben. vx:; ^ Bauweise in Städten, ja sie müssen als Hauptursache unserer so ver' änderten Bautypen gelten. Die Demokratie hat der Kunst eine reiche Anzahl neuer Aufgaben zugeführt, es muß aber festgestellt werden, daß die Kunst, was sie zum einen Teil durch die Mächtigkeit der neuen Im' pulse und durch die ihr von der modernen Konstruktion geschaffenen Möglichkeiten gewonnen, zum anderen Teile durch das Abhanden' kommen an souveränem Willen, an Tatkraft, an Ruhmessinn des Ein' zelnen und an Intimität gewiß eingebüßt hat. Unsere Kolossalbauten (Ausstellungen, Bahnhöfe, Parlamente etc.) sind im Gegensätze zu Schlössern, Palästen, Patrizierhäusern etc. ein beredtes Zeugnis hiefür. Noch sei hier des ökonomischen Einflusses auf die Kunst gedacht. Es hat den Anschein, daß das Wirken der Kunst erst dort beginne, wo Überfluß und Reichtum vorhanden sind. Dies ist gewiß unrichtig. Sicher entspricht das Einfache am besten unseren heutigen Anschauun' gen, welche, was das Stadtbild betrifft, wenigstens künstlerisch Prak' tisches beanspruchen. Der reine Utilitätsstandpunkt und die überladene Geschmacklosigkeit sind daher unter allen Umständen zu bekämpfen. Selbst das Einfachste kann ohne Kostenerhöhung künstlerisch durch' gebildet werden, einige Fabriksbauten im Stile unserer Zeit sind hie' für ein glänzendes Zeugnis. Mehr als je tritt in solchen Fällen die ernste Mahnung an den Künst' ler heran, durch präzise und gewissenhafte Erfüllung des Verlangten, durch die einfachste, zweckmäßigste Formgebung sein künstlerisches Können zu dokumentieren. OHNE ZWEIFEL KANN UND MUSZ ES SO WEIT KOMMEN, DASZ NICHTS DEM AUGE 96 Die Kunstpraxis. Einfluß der Stadtvertretungen. STADTBAHN: HALTESTELLE SCHOTTENRING. SCHOTTEN ■ * * SICHTBARES ENTSTEHT, OHNE DIE KÜNSTLERISCHE WEIHE ZU EMPFANGEN. Es darf nie vergessen werden, DASZ DIE KUNST EINES LANDES DER WERTMESSER NICHT ALLEIN SEINES WOHLSTANDES, SONDERN VOR AL, LEM AUCH SEINER INTELLIGENZ IST. Ein allgemeines, unbeugsames Festhalten solcher Grundsätze durch die Berufung der geeigneten Künstler würde jeder Stadt in kurzer Zeit ein anderes Aussehen verleihen und jenen widerlichen, lebkuchenartigen ornamentalen Wust unserer von Nichtkünstlern hergestellten Bauten verdrängen. Auch des großen Einflusses, den Stadtvertretungen und ihre Exe, kutivorgane auf die Gestaltung des Stadtbildes ausüben, soll an dieser Stelle gedacht werden. Alle öffentlichen und privaten Herstellungen unterstehen, leider immer noch, ihrer Ausführung und ihrer Kontrolle, und es mag zugegeben werden, daß diese Kontrolle mit Ausschluß alles Künstlerischen gut und sehr gewissenhaft ausgeübt wird. Da die dies, bezüglichen Verwaltungsorgane aber nur aus Technikern und nicht aus Künstlern bestehen und ihnen überdies für künstlerisch Auszuführendes oder nur für Dinge, welche zum adretten Aussehen des Stadtbildes bei, tragen sollen, pekuniär wenig oder nichts bewilligt wird, so geschehen die unglaublichsten Fehler, an denen das Stadtbild schwer leidet. Wenn ich unsere Vaterstadt wieder als Beispiel anführen soll, so ge, schieht dies mit einem großen Grade von Wehmut. Um nur einiges zu berühren, verweise ich auf die bei uns üblichen Märkte im Freien (Naschmarkt, Stände auf der Mariahilferstraße, i Kilometer lang, eine 97 13 FAMILIENGRUFT IN HIETZING. Die Kunstpraxis. Das Aus' sehen der Strafle. Unzahl häßlicher Verkaufshütten u. s. v. a.). Eine haarsträubende An-» häufung von Mist, Bakterienkulturen, ein beispiellos ruppiges Aussehen der Straßen, Passagestörungen, hygienisch nicht genug zu tadelnde Vor-' gänge, bilden nur einen kleinen Teil der zu erwähnenden Übelstände. Die viel zu stark bombierten Straßenflächen, welche die Fahrbahn stark verschmälern, unsere leider so unterschiedlichen Niveaux, die heil' lose „Unordnung" unserer Häuserfluchten, hölzerne, nach allen Wind' richtungen stehende Telegraphenstangen, die völlig planlos aufgestellten häßlichen Maste für die Oberleitung der elektrisch betriebenen Vehikel, die Geleiseanlagen derselben und die ebenso wirr verteilten Gaskan' delaber vereinigen sich mit einer Unzahl von Hütten und anderen auf der Straße stehenden Bauwerken zu einem tatsächlich wüsten Gesamt' bilde. Es ist daher hoch an der Zeit, daß die Stadtverwaltung unter Führung von Künstlern, durch Beschaffung der Geldmittel und durch Erlangung eines Expropriationsgesetzes energisch eingreife, um alles dem Auge Sichtbare nicht allein vom Ingenieur, sondern auch vom Künstler mit Erfolg approbieren zu lassen. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit wurde der Einwirkung mo' derner menschlicher Bestrebungen auf die künftige Gestaltung von Werken der Baukunst gedacht. Während aber in der Außenerscheinung unserer Bauwerke vielfach noch Unsicherheit, ein Tasten und Suchen nach dem Richtigen vorherrscht, zeigt sich in der Innenarchitektur, in der Ausgestaltung der Gegenstände des Gebrauches etc. ein energischer, zielbewußter Anlauf, ein sehr vorge' schrittenes Können, welches den modernen Tendenzen Rechnung trägt. 98 Die Kunstpraxis. Das Kunst gewerbe. STADTBAHN: HALTESTELLE KARLSPLATZ Das der Menge naheliegende Wort Komfort hat sich in allen Spra' chen eingebürgert und wird heute schon alles als fehlerhaft bezeichnet, das seinen strikten Gesetzen widerspricht. Zwei Bedingungen sind es, welche als Kriterien zu gelten haben und deren Erfüllung die moderne Menschheit fordert: GRÖSZTMÖG' L1CHSTE BEQUEMLICHKEIT UND GRÖSZTMÖGLICH' STE REINLICHKEIT. Alle Versuche, welche diese Postulate nicht berücksichtigen, liefern nur Wertloses, und alle Kunsterzeugnisse, welche diesen Regeln nicht entsprechen, erweisen sich als nicht lebensfähig. Die Beispiele hiefür sind Legion. Unbequeme Treppen, alles Um handsame, Unpraktische, schlecht zu Reinigende, alles struktiv Unriclv tige, alle Objekte, welche schwer herstellbar sind, bei denen also das Aussehen dem Herstellungspreis nicht entspricht, alle ungenügenden hygienischen Einrichtungen, Möbel mit zu scharfen Kanten und Gesims sen, Sitzmöbel, welche sich der menschlichen Form nicht anschmiegen und dem jeweiligen Gebrauche beim Lesen, Essen, Rauchen oder bei Empfängen etc. nicht entsprechen, alle unpraktischen Gegenstände des „Kunstgewerbes”, wenn selbst „große Meister” an deren Vfiege standen, und so vieles andere gehören in diese Reihe. Hiebei ist es gleichgültig, ob diese Gegenstände für den Palast oder für die einfachste bürgerliche Wohnung geschaffen wurden. Wiederholt wird in dieser Schrift angedeutet, daß es in der Kunst keine Klasseneinteilung der von Künstlern hergestellten Objekte geben darf. Es kann daher immer nur von Kunst und nie von Künsten die 13 o» 99 STADTBAHN: HALTESTELLE KARLSPLATZ. •k Ä Die Kunstpraxis. Besserung der Formgebung durch die Künstler. Rede sein. Künstlerisch schaffen heißt, den schönheitlichen Ausdruck finden, und es ist einerlei, ob es sich hiebei um Kleines oder um Großes handelt. Der Künstler wird durch Veranlagung und durch das Drängen der Verhältnisse in bestimmte Bahnen gelenkt. Der Fortschritt auf diesen geschieht durch Versuche, Studium, zähe Energie und Begeisterung. Zeit und Erfahrung bringen ihn dem ins Auge gefaßten Ziele näher. Immer aber bleibt das Schöpferische in seinem Wirken der Wertmesser seiner Leistungen und auch nur dieses führt ihn zum Erfolge. Diese Worte sollen daraufhinweisen, daß die Kunst unserer Zeit ihre Geburt und ihr Wachsen einer Anzahl von Künstlern dankt, die AL' LEN Zweigen der Kunst angehören, deren Einigung, durch die Sehn' sucht nach „BEFREIUNG" hervorgerufen, diese zu dieser Tat führte. Es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß die Moderne das ihr am nächsten liegende Gebiet, jenes des Gewerbes, auf welches sich die An' forderungen bedürfnishalber konzentrierten, zuerst erobern mußte. Die Allgemeinheit hat sich eben schnell entschlossen, jene Formen, welche ihr die Kunst unserer Zeit bot, zu akzeptieren; fand sie doch, daß diese Formen unserem heutigen Empfinden besser entsprechen als der bisher verwendete Stilkram. N icht wie in den vergangenen Jahrzehnten sollte die Kunst von Archäo' logie, Tradition und Wissenschaft am Nasenringe herumgezerrt werden, nein, sie begann, von den Fesseln befreit, wieder schöpferisch zu wirken. Allerorts erschienen Künstler auf der Bildfläche und haben das Ge' werbe wieder auf den richtigen Weg gewiesen und damit gezeigt, wie ioo Die Kunstpraxis. Die Kunst' gewerbetreibenden. BADEZIMMER, DETAIL '"VH unsäglich deprimierend der Eklektizismus war, welcher jede künstlerische Regung vermissen ließ. Die Plagiatkunst hat zwar die Begriffe „Kunstgewerbe” und „Kunst' gewerbetreibende" an die Oberfläche gebracht, aber gewiß nicht in dem Sinne, daß, wie in vergangenen Jahrhunderten, jeder Gewerbetreibende auch Künstler war. Die Pseudokunstgewerbetreibenden der letzten Jahr' zehnte hatten am Eklektizismus einen recht angenehmen Rückhalt, da die Herstellung von Kopien und Imitationen nicht die geringste künst' lerische Befähigung beanspruchte. Erst als die Künstler Neuformen schufen und erzieherisch auf die Menge einwirkten, trat die Hohlheit der bisherigen Mache klar zutage. Die Gewerbetreibenden waren darüber nie klar geworden, daß das wirklich Gute nur von Künstlern geschaffen wurde, wie es auch heute noch geschaffen wird. Die Begriffe Kunst und Gewerbe sind nach heu' tigen Anschauungen nicht vereinbar. Der Grund hiefür liegt in der Herstellungsweise der Objekte. Der Künstler wird immer nur in der Schönheit und in peinlicher Zweckerfüllung des entstehenden Werkes seine Befriedigung finden, während der Gewerbetreibende stets seinen Vorteil an erste Stelle setzt und schon dadurch zum Antipoden des Künstlers wird. Es kann daher dem Staate nur durch Schulung gelingen, diese Be' griffe, welche sich wie Essig und Ol zueinander verhalten, zu vereinen. Daß das Allgemeinverlangen nach Neuformen in der Kunst bei Ge' brauchsgegenständen zum großen Teile der Neuerungssucht, nicht aber dem Kunstbedürfnisse der Menge entsprang, ist eine nicht zu leugnende IOI STEINHOF: KIRCHE, PORTALDETAIL. Die Kunstpraxis. Die Kunst' gewerbetreibenden. Tatsache. Dies erklärt auch den Eifer der Gewerbetreibenden, die mas' senhaft begehrten Artikel so zu formen, daß sie der ausgegebenen Parole „Secession" (ihrer Ansicht nach) entsprechen. Dadurch entstand, wie in der Baukunst, ein Heer von Schädlingen. Sie setzten ihre haarsträubenden Ausgeburten unter obiger Devise der Welt als Neuerung vor, und es muß leider konstatiert werden, daß diese Erzeugnisse aus dem früher erwähnten Grunde auch gekauft wurden. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das rapide Eindringen der Kunst in das Gewerbe noch zu mancherlei Schlackenbildung führen muß. Prüft man das Geschaffene, so findet man, daß vieles dem Be' griffe Schönheit nicht entspricht, daß manches der reiflichen Überlegung entbehrt, daß der struktive Gedanke oft recht stiefmütterlich behandelt ist, daß auch in der Wahl der Ausführungsmittel Fehlgriffe geschehen. Dabei ist der Fortschritt der Herstellungstechniken, der nur auf empi' rischem Wege, also langsam zu erreichen ist, durch Überhasten im Kunstschaffen vielfach vernachlässigt worden. Der letzte Umstand hat den Ruf der Künstler nach staatlichen Ate' liers, besser gesagt Versuchswerkstätten, welche den Künstlerateliers affiliiert sein sollen, veranlaßt. Es soll aber hier vor dieser Institution etwas gewarnt werden, wäre es auch nur aus dem Grunde, um das An' hängen eines recht kostspieligen Ballastes und das Überfüllen der Kunst' gewerbeschulen zu verhindern. Was die Ausgestaltung unserer Räume anlangt, so ist es den Künstlern gelungen, heute schon wenigstens so weit auf die Menge einzu' wirken, daß sich der Gedanke festigt, DIE ERSCHEINUNG UND 102 Die Kunstpraxis. Raumerscheinung und der moderne Mensch. VILLA HÜTTELDORF: DETAIL. & m DIE FUNKTIONEN DES BEWOHNERS SOLLEN MIT DER RAUMERSCHEINUNG EINS SEIN. Es ist eben ein künstlerisches Unding, wenn Menschen in Salons, Lawntennis' und Radfahrkostümen, in Uniform oder karrierter Hose in Interieurs ihr Dasein fristen, welche in Stilen vergangener Jahrhum derte durchgeführt erscheinen. Gleich lächerlich ist es deshalb, für Städter bestimmte Villen wie Bauernhäuser auszugestalten und dieselben von Salonbauern und Stadtdirndeln bewohnen zu lassen. Einfach, wie unsere Kleidung, sei der Raum, den wir bewohnen. Hiermit ist aber nicht gesagt, daß der Raum nicht reich und vornehm ausgestattet sein könne oder daß nicht Kunstwerke ihn schmücken dürften. Reichtum und Vornehmheit sind aber nicht durch Formen auszudrücken, welche mit unseren Anforderungen von Komfort und mit unserem heutigen Form' und Farbgefühle disharmonieren. Das Interieur kann beinahe alle Arten gewerblicher Herstellungen und alle Techniken der Ausführung aufnehmen. Da nun alle diese Herstellungen der Mithilfe der Kunst bedürfen, ist die hohe Beachtung, welche die Künstler denselben widmen, mghr als gerechtfertigt. Um Dinge zu formen und zu Kunstwerken zu erheben, bedarf es, wie immer, der reiflichen Erwägung und scharfer Beobachtung. Da in dieser Schrift so oft als möglich auf die Wahrnehmung menschlicher Bedürfnisse und Anforderungen verwiesen ist, sollen zum besseren Ver/ ständnisse dieses Umstandes hier noch einige Beispiele folgen: Unter den textilen Erzeugnissen spielt der Teppich eine Hauptrolle; ihm seien einige Zeilen gewidmet. wohnung kostlergasse, Schlafzimmer. Die Kunstpraxis. Der Tep' Die Kunstpraxis. Der Tep . pich. Der Wandteppich entzieht sich eigentlich der Besprechung, weil er in künstlerischer Beziehung (Form, Farbe, Linienführung, bildliche Dar' Stellung etc.) ganz ungebunden ist. Vor seiner Anwendung in prak' tischer Beziehung soll aber in dem Sinne gewarnt sein, daß man stets seiner schlechten Eigenschaften eingedenk bleibe. Er ist schwer zu rei' nigen und schwer zu konservieren, er nimmt starke Gerüche (von Zi' garren, Obst etc.) mit Gier auf und gibt sie trotz guter Lüftung des Raumes noch lange Zeit ab. Der Raum, in welchem Wandteppiche verwendet werden, muß dementsprechend gewählt sein. Der Teppich als Bodenbelag hat in erster Linie als Annehmlichkeit und zur Sicherheit von Personen beim Gehen zu dienen. Die Unhör' barkeit der Tritte, die Wärme und Wohnlichkeit, die er dem Raume verleiht, und das Verhindern des Ausgleitens sind die Hauptgründe seiner Anwendung. Künstlerisch ermöglicht der moderne Teppich eine vollkommene Farbstimmung des Raumes. Völlig verwerflich ist jede unruhige und derbe Linienführung oder gar eine, welche Formen bringt, die dem Auge plastisch erscheinen und dadurch Unsicherheit und Unbehagen bei Benützung desselben erzeugen, also auch reichere Ornamente und Bilder. Ein Liniament hat sich hoch' stens darauf zu beschränken, entweder „Wegführend" oder „Leitend" zu wirken, oder den Teppichrand stärker zu markieren, um diesbezüg' lieh die Aufmerksamkeit des Teppichbenützenden zu erregen. Ein rei' ches en'plein'Ornament wird immer mit der Installierung des Raumes kollidieren. Dies ist auch einer der Hauptgründe, warum der orien' talische Teppich für unser Interieur nicht geeignet ist. Für die Zwecke 104 Die Kunstpraxis. Belichtung der Räume. WOHNUNG DOBLERGASSE, SCHLAFZIMMER. U*L hm des Orientes, freiliegend, von Divans umgeben, zum Wandschmuck ge/ stimmt, oder zu zweckentsprechenden Funktionen benützt, ist der orien/ talische Teppich mit seiner oft entzückenden Farbenharmonie sicher die denkbar beste Lösung, muß aber aus den oben angeführten und noch anderen Gründen für unser Interieur als unpassend oder nur für spezielle Zwecke geeignet bezeichnet werden. Mehr als genügendes Licht, angenehme Temperatur und reine Luft der Räume bilden ein sehr berechtigtes Verlangen der Menschheit. Während diese Dinge noch vor einem Jahrzehnte als unerreichbar galten, hat uns eine Anzahl von Erfindungen und Verbesserungen die Mög/ lichkeit ihrer vollen Erfüllung gegeben. So hat z. B. das elektrische Licht bei Vermeidung von Feuersgefahr die ideale (zerstreute, rußfreie etc.) Raumbeleuchtung ermöglicht. Elektrisches Licht läßt selbst die inten/ sivste Erfüllung von Zweck und Wirkung zu. Unsere Anschauungen haben sich aber nicht allein in Bezug auf die Beleuchtung, sondern insbesondere in Rücksicht auf Belichtung der Räume völlig geändert. Bei Mietobjekten wird das Normalfenster wohl noch ziemlich lange Vorhalten; beim Eigenwohnhaus zeigt sich aber schon überall das nicht hoch genug anzuschlagende Bestreben, die Lichtquellen dem Raume und den Funktionen, zu welchen er dient, anzupassen. Der Eklektizismus hat mit seinem Bestreben, die unbrauchbare Palast/ architektur in die Lösung der Profan/ und Monumentalbaufrage herüber/ zuzerren, lange hemmend auf die gesunde Entwicklung der Raumbe/ lichtung gewirkt, so daß heute mit Recht behauptet werden kann, daß 105 14 STADTBAHN: HALTESTELLE OBERDOBLING. Die Kunstpraxis. Die Kunst' werke im Raum. alle unsere Bauwerke, hauptsächlich die öffentlichen, ungenügend be' lichtet sind. Auch darum ist mit der Tradition zu brechen. Den eigentlichen Schmuck unserer Räume werden immer Kunst' werke bilden. Wie aber überall, wird auch hier ein weises Maßhalten sehr am Platze sein. Das geschmacklose Vollhängen ganzer Wand' flächen, selbst mit den größten Kunstwerken, muß immer eine gewisse Unsicherheit, eine Unruhe des Beschauers bewirken, sein Behagen unter' drücken und das Interesse und das Vertiefen für und in die Kunstwerke aber nahezu verschwinden machen. Dieser Umstand deutet schon deutlich darauf hin, daß der Wandschmuck nur dort anzuwenden sein wird, wo dem Auge ein Ruhepunkt geboten werden soll. Die Erwägung dieser Erscheinung wird hoffentlich bald dahin führen, die Massenerzeugung von Tafelbildern einzudämmen, eine planmäßige, künstlerisch durch' dachte Zier unserer Räume anzustreben und der leider so vernach' lässigten „angewandten” Kunst wieder zu ihrem Rechte zu verhelfen. »Slgtl Glei eich empfindlich wie für die Anzahl von Bildern ist der Raum für die Größenverhältnisse derselben, endlich für die Höhe, in welcher Kunstwerke anzubringen sind. Da der natürliche Sehwinkel des mensch' liehen Auges im Maximum 60 Grade (3o° aufwärts, 3o° abwärts) be' trägt, soll auch diesbezüglich der Bequemlichkeit Rechnung getragen werden, und deshalb sind Kunstwerke innerhalb dieses Sehwinkels an' zubringen. Aus diesem Umstande folgert die Moderne, und zwar mit vollem Rechte, daß Deckenbilder, deren Betrachtung eine unnatürliche mensch' liehe Stellung verlangt, verwerflich sind. 106 Die Kunstpraxis. Kunst im Gewerbe, die Mode. STADTBAHN: HALTESTELLE BREITENSEE. * r> »üf ll!l!l l! l|lllllll IHlii An der äußeren Grenze des Begriffes „Kunst im Gewerbe" befindet sich die menschliche Kleidung und wären hierüber sicher nicht Worte zu verlieren, wenn nicht von Künstlern wiederholt Versuche gemacht worden wären, auch dieses Feld sozusagen für die Kunst zu erobern; glänzende Anfänge hiezu sind bereits gemacht. Da bezüglich der Männerkleidung die wiederholt ausgesprochenen Gesetze gelten und alle dagegen gerichteten Anstürme völlig resultatlos verliefen, handelt es sich also eigentlich nur um die Frauenkleidung. Vom künstlerischen Standpunkte aus gilt dieselbe aber entschieden für dankbarer als die Männerkleidung. Eine wesentliche Änderung beider ist nur dadurch möglich, daß die Kunst Geschmack bildend in die Menge eindringt, so daß erst aus der Menge heraus die Impulse zur Neubildung in der Mode erfolgen, immer aber ist es den sozialen Verhältnissen vor' behalten, dabei die Hauptrolle zu spielen. Die Mode oder der Stil in der Kleidung kann deshalb nur von der Allgemeinheit geboren werden, und da in diesem Falle die Frauen starke Mitarbeiter sind, muß es heißen, auf diesem Gebiete die künstlerische Mitwirkung der anderen Menschheitshälfte heranzuziehen, um ein zwei' fellos befriedigendes Resultat zu erzielen. Es wurde mehrfach betont, daß der Baukünstler schon beim Ent' würfe seiner Werke die Technik des Materiales und der Ausführung vor Augen haben, sie also notwendigerweise auch kennen soll. Sehen wir nun ganz ab von jenen handwerksmäßigen Leistungen, über deren erschöpfende Kenntnis der Architekt für gewöhnliche Bau' ausführungen verfügt, und überblicken wir den Umfang der verschie' 107 14 * WOHNUNG KÖSTLERGASSE, WOHNZIMMER. Die Kunstpraxis. Neue Materialien, neue Techniken. denen Technologien, wie jene der Stereotomie, Textilik, Tektonik, Keramik, der Metallotechnik mit ihren hunderterlei Verfahren, so wird es klar, welchen Schatz von Wissen und Erfahrung der Baukünstler in sich aufzunehmen hat, wenn sein Schaffen erfolgreich sein soll. Nachdem der Baukünstler alle Materialien und alle Techniken kennen soll, sie aber naturgemäß nicht alle kennen kann, da dies über das menschliche Aufnahmsvermögen hinüberreicht, sei hier als praktischer Wink eingereiht, daß die Erfahrung den Baukünstler dahin bringen wird, mit Leichtigkeit über Dinge und Details hinwegzukommen, welche zu Spezialfächern ausgereift sind. Tausende und aber Tausende von Dingen sind es, welche die moderne Kultur ersonnen, und für viele hat die Kunst heute schon Formen gefunden, ja vielen eine vollendete Form gegeben; sie mahnen nicht an Formen vergangener Zeiten, ja sie sind völlig neu, weil eben ihre Prämissen, ihr struktives Prinzip unserem ureigenen, heutigen Verlangen und Erkennen entsprossen ist. Ein erfrischender Hauch zieht über das bisher dürre Kunstfeld und üppige Halme schießen allerorts empor. Nicht alles, was da keimt und sprießt, reift zur Frucht, wird zur Kunstform; daß aber, wie es die natürliche Kunstentwicklung verlangt, Neues entsteht und daß endlich das Kastratentum in der Kunst bloßliegt, das ist der uns beglückende Umstand. Langsam und ernst schreitet die Kunst fort und gebiert schöpferisch und beständig, bis sie jenes Schönheitsideal erreicht haben wird, das ganz unserer Epoche entspricht. 108 Die Kunstpraxis. Raumaku' stik. VILLA HÜTTELDORF; ATELIER. I I Naturgemäß wird der Menschheit Toben sie einstens wieder veran' lassen, zu Tal zu gehen, aber wieder und immer wieder wird sie empor' steigen, wenn ihr neue belebende Impulse zugeführt werden. So war es, so wird es immer sein. Die heilige Aufgabe der Künstler ist, die Menschheit und ihre Bestre' bungen zu begleiten und nicht abzulassen von ihr, wenn der Pfad auch dornig wird, damit das von der Kunst durch sie Geschaffene die Mensch' heit erhebe. Wie von selbst veranlassen mich diese Worte wieder und immer wie' der, den ernsten Mahnruf an die werdenden Baukünstler zu richten, sich im Schauen, Wahrnehmen, Erkennen der menschlichen Bedürfnisse zu üben und das Resultat ihrer Wahrnehmungen als Basis des Schaffens festzulegen. Wurzelt die Baukunst nicht im Leben, in den Bedürfnissen der gegen' wärtigen Menschheit, so wird sie des Unmittelbaren, Belebenden, Er' frischenden entbehren und auf das Niveau des mühseligen Abwägens herabsinken, sie wird eben aufhören, eine Kunst zu sein. Stets muß sich der Künstler vor Augen halten, DASZ DIE KUNST FÜR DIE MENSCHEN ZU WIRKEN BERUFEN IST UND DASZ NICHT DIE MENGE DER KUNST HALBER DA IST. DIE SCHÖPFERISCHE KRAFT SOLL SICH IN JEDEM WERKE DER KUNST IMMER WIEDER VON NEUEM ZEIGEN. Nicht eigentlich zur Kunst, wohl aber in das Kapitel „Kunstpraxis" gehört eine kurze Bemerkung über Raumakustik. 109 STADTBAHN: HALTESTELLE GERSTHOF. Die Kunstpraxis. Raumaku' stik. * . • \ * "i INI * • ,d*'i • • . w. / » . * Es stehen leider noch viele „Baukünstler" auf dem Standpunkte, daß die Akustik eines Raumes sich nicht planmäßig bestimmen lasse und ein diesbezüglicher Erfolg oder Mißerfolg stets in ein mystisches Dunkel gehüllt sei. Dem ist nicht so. Der Architekt ist imstande jeden Raum derart zu projektieren, daß die Akustik desselben mit apodiktischer Sicherheit vorausbestimmt werden kann. Die Theorie zu dieser Voraus' bestimmung ist eine sehr einfache und lautet: Möglichst gleiche Länge der Schallwellen und Vermeidung aller Reflexe. Die Lösung des ersten Teiles dieses Gesetzes ist eine ziemlich ein' fache und fällt überhaupt nicht so schwer ins Gewicht. Was aber die Reflexe betrifft, so ist der Architekt vollkommen in der Lage, alle Reflexe dadurch zu vermeiden, daß die an den Abschlußflächen des Raumes auf' fallenden Schallwellen sofort zerstäuben. Bei ebenen Flächen ist dies in der einfachsten Weise dadurch zu erzielen, daß diese Flächen kleine wellenförmige oder kantige Profile erhalten oder mit Stoffen überzogen werden. Menschengedränge hat ebenfalls die gewünschte Wirkung. Säle mit Säulen, scharfen Ecken, Risaliten, allzu großer Höhe etc. können daher nie einwandfrei akustisch sein. Eine Verkürzung, Verlängerung oder Abschwenkung der Schallwellen findet auch durch die ungleiche Erwärmung oder Abkühlung der Raum' luft statt, woraus sich ergibt, daß der Architekt die Wirkung der Hei' zung und Ventilation des Raumes in seine Kalkulation zu ziehen hat. Es drängt mich, zum Schlüsse dieses Kapitels die Frage aufzurollen: „Wie ist künstlerisches Eigentum zu schützen?" Gewiß ist es logisch und gerecht, daß der Schöpfer des Werkes mate' Die Kunstpraxis. Die Autor' Stadtbahn: Haltestelle ottakring. rechte. im n riellen und künstlerischen Erfolg aus seinem Werke ziehe und daß Ge' setze dieses sein Eigentum schützen. So einfach dies scheint, so schwer ist es durchführbar. Bei Werken, bei denen nur die bildliche Reproduktion in Frage kommt, funktionieren die Handhaben des Gesetzes völlig tadellos. In dem Momente aber, wo es sich um Ideen handelt, welche ganz oder zum Teile auf Werke übertragen wurden, sind diese Ideen vogelfrei. Die Ideen sind es aber, welche das Schöpferische an einem Kunstwerke bilden; und gerade zum Schutze dieser ist keine Gesetzesform zu finden. In wenig veränderter und unveränderter Weise werden sie als leicht erhältliche und sehr willkommene Beute betrachtet und verwickeln den rechtmäßigen Eigentümer, wenn er dieserhalb gesetzlichen Schutz sucht, in einen Rattenschwanz unerquicklicher und kostspieliger Prozesse. Da nun gerade der Künstler berufen ist, eine Fülle von Gedanken abzugeben, ist er durch Mißbrauch am stärksten in Mitleidenschaft ge' zogen. In mehr als normaler Weise soll diese Fähigkeit bei Kunstlehr' kräften vorhanden sein. Sollen diese, wie es ihnen ziemt, befruchtend auf Schüler und auch auf die Menge einwirken, so müssen die gereiften Ideen der Lehrkräfte den Schülern zugute kommen. Daß diese nicht gesetzlich geschützt werden können, ist selbstverständlich und hierdurch erledigt sich die Frage von selbst. Dem Staate obliegt es daher, solche Lehrkräfte gut zu honorieren und die Kompensation darin zu erblicken, daß die vogelfreien schöpferischen Gedanken der Lehrkräfte Besitz der Allgemeinheit werden. Die Künstler aber mögen, wenn sie bestohlen WOHNUNG DÖBLERGASSE, WOHNZIMMER. r Die Kunstpraxis. Die Autor' rechte. werden, in künstlerischer Anerkennung ihrer engeren Kollegen Genug' tuung finden und zur Selbsthilfe greifen, das heißt: die Diebe und Hehler, wo es immer tunlich ist, an den Pranger stellen. Die Kunstförderung. Wert derselben. WOHNUNG DOBLERGASSE: SPEISEZIMMER. IV ll DIE KUNSTFÖRDERUNG. „DER KÜNSTLER SOLL DAS SCHAFFEN, WAS DER WELT GEFALLEN SOLL, NICHT WAS DER WELT GE. FALLEN WILL,” sagt Goethe; an anderer Stelle wieder: „ES GIBT KEIN VERGANGENES, DAS MAN ZURÜCKSEHNEN DÜRFTE, ES GIBT NUR EIN EWIG NEUES, DAS SICH AUS DEN ERWEITERTEN ELEMENTEN DES VERGAN. GENEN GESTALTET; UND DIE ECHTE SEHNSUCHT MUSZ STETS PRODUKTIV SEIN, EIN NEUES BESSERES ERSCHAFFEN” Diese inhaltsschweren Worte decken sich völlig mit den Bestrebungen für die Kunst unserer Zeit. Daß die Kunst nicht allein ein bedeutender volkswirtschaftlicher Fak. tor, sondern auch der Maßstab der Kultur eines Volkes ist, auch das ist ein unantastbares Postulat. Es kann demnach keinem Zweifel unterliegen, daß die Kunst, also die KUNST UNSERER ZEIT zu fördern sei. Die Förderung der Kunst obliegt den Verwaltungen des Staates, des Landes und der Stadt; daß diese Förderung eine ausgiebige und rieh, tige sei, ist naturgemäß anzustreben. Leider ist dies bei uns nicht der Fall und es erscheint daher als Aufgabe, in dieser Schrift des Näheren auf diesen Übelstand einzugehen. Es ist kein Trost, hier zu bemerken, daß diese Erscheinung in allen Postsparkasse : Schreibtisch für das Publikum. Die Kunstförderung. Die staatliche Förderung. Staaten ziemlich gleichwertig zu beobachten ist, aber es muß als er' freulich aufgefaßt werden, daß die Künstler sich beinahe allerorts auf' gerafft haben, um Wandel zu schaffen. An eine Einigkeit der Künstler, welche der Kunstförderung gewiß recht dienlich wäre, ist schon deshalb nicht zu denken, weil jeder Künst' ler den eigenen Wertmesser künstlerischer Leistungen in sich trägt, da' her Kunsturteile schon aus diesem Grunde stets differieren werden, ein Umstand, der wieder naturgemäß jede Einigung unmöglich macht. An eine wirksame parlamentarische Vertretung betreffs der Kunst' pflege ist bei den heutigen politischen Verhältnissen und bei der bedauer' liehen Indolenz der Allgemeinheit gegenüber künstlerischen Fragen nicht zu denken. Endlich muß noch erwähnt werden, daß es eine offizielle oder offiziöse Kunst nicht gibt und nicht geben kann, daß sich die Kunst daher in kein starres System, gar nicht aber in das des legislativen und parla' mentarischen Getriebes einfügen läßt. KUNSTFÖRDERN HEISZT, DAS GUTE ERKENNEN UND DESSEN WERDEN ERMÖGLICHEN, ALLE HEMM' NISSE DER KUNSTENTWICKLUNG BEHEBEN, DAS STARKE SCHÜTZEN, ALLES MITTELMÄSZIGE UND SCHWACHE UNTERDRÜCKEN. Eine solche Kunstförderung verlangt in erster Linie ein richtiges und begeistertes Kunstempfinden und daraus resultierend ein richtiges Ur' teil der Förderer. Dieses ist aber unter den heutigen Verhältnissen nur von wirklichen Künstlern zu gewärtigen. i ^ ^ * Die Kunstförderung. Die Mit tel hiezu. POSTSPARKASSE: VESTIBÜL DETAIL. 91 U-: y ,r I s .* % „J U. „V. ‘•y; 7-J I >.* • * 4 r* 1 < <; v s Richtiges und begeistertes Kunstempfinden vereint mit der Macht, die Kunst zu fördern, ist heute leider nicht möglich, da die Macht der Allgemeinheit übertragen wurde, Kunstempfinden aber auf diese nicht übertragen werden kann. Um diese Kräfte aber zu vereinen, wodurch allein ein Erfolg zu erzielen ist, muß ein Apparat geschaffen werden, der, richtig funktionierend, eine tatsächliche Kunstförderung erhoffen läßt. Will der Einzelne hier eingreifen, weil er durch seine Stellung und Erfahrung hiezu berechtigt zu sein glaubt, so kann er eben nur als Mittel die Feder wählen. Ein recht einfaches Mittel, die Kunst zu fördern, wäre sicher eine gute und eingehende Kritik von autoritativer Seite über jedes entstehende Werk. Da eine solche aber nur wieder von Künstlern ausgehen könnte, ist sie schon aus diesem Grunde ausgeschlossen. Das „Warum" braucht hier wohl nicht besonders erklärt zu werden. Was die sogenannte Fach' kritik anbelangt, so sei hier, um den Wert derselben zu beleuchten, auf die Gegenüberstellung solcher Kritiken in der Schrift „Gegen Klimt als eklatantes Beispiel verwiesen. Die Mittel, die bildende Kunst zu pflegen und zu fördern, scheiden sich ungefähr in drei Hauptgruppen, welche aber nicht scharf zu be' grenzen sind, und zwar: ERZIEHUNG DES VOLKES ZUR KUNST, REORGANL SATION UNSERER KUNSTSCHULEN UND HEBUNG DER BAUKUNST ALS STETE FÜHRERIN DER KUNST. Was zunächst die Volkserziehung zur Kunst anlangt, so muß vor ff ii5 15 * SERVIERBRETT: SILBER, GETRIEBEN. Die Kunstförderung. Die Mit' tel hiezu. Die Qualität des Künstlers. 1 > • -- allem festgestellt werden, daß eine solche durch eine kleine Reorganisation unserer Schulen bei vorhandener, wenn auch nur geringer Eignung des Schülermateriales wenigstens erhoffen ließe, daß die Menge durch ent' sprechenden Unterricht zu etwas geläuterten Anschauungen und halb' wegs richtigen Kunsturteilen gelangen kann. Hiedurch wäre künftig wenigstens zu erwarten, daß nicht jedes Bestreben, in der Kunst Gutes und Neues zu schaffen, auf Unverständnis, völlige Gleichgültigkeit oder auf erbitterte Gegner stößt, wie dies heute leider der Fall ist. Jedenfalls würde das Urteil der Allgemeinheit, rechtzeitig in richtige Bahnen ge' lenkt, soweit reifen, Spreu vom Weizen unterscheiden zu können. Durch die Hebung des allgemeinen Kunsturteiles wird eine richtige Beurteilung der Qualität des Künstlers ermöglicht, damit der Künstler nicht wie heutzutage nach seinen gesellschaftlichen Vorzügen oder nach seinem mehr oder weniger borstigen Wesen oder nach anderen, oft recht unheimlichen Dingen bewertet werde. Der Maßstab für die Qualität des Künstlers bleibt immer die Qualität seiner Werke. Die Qualität des Künstlers zu erkennen und zu taxieren sind selbstredend nur erstklassige Künstler imstande und berufen. Die richtige Qualitätsbemessung muß aber für die Staatsverwaltung den Maßstab der Förderung bilden. Selbst' redend kann es sich nie um eine materielle Unterstützung handeln, sondern darf sich diese Förderung nur in Zuweisung von Aufträgen ausdrücken, und zwar derart, daß die Qualität des Auftrages der Qualität des Künstlers entspricht. Es muß hier noch besonders bemerkt werden, pekuniären Unterstützungen und jeder philanthropische Standpunkt Künstlern gegenüber für die Kunst (und nur um die, nicht um die 116 Die Kunstförderung* Die Mit' tel hiezu. Die Qualität des Künstlers. SERVIERBRETT; SILBER, GETRIEBEN. V * Künstler handelt es sich) immer einer Schädigung derselben gleichkommt. Jede Art von Minderwertigkeit, Schwäche und Dilettantismus in der Kunst kann im Interesse derselben keine Schonung beanspruchen. Sö lange Schwäche und Dilettantismus sozusagen auf eigene Kosten experimentieren, mag dies in Würdigung der Liebe zur Kunst geduldet werden; sobald sie aber darauf ausgehen, mit Kunstwerken in was immer für einer Form zu konkurrieren, sind sie auf das schärfste zu be^ kämpfen. Gleiche künstlerische Anschauungen werden naturgemäß Künstler-' gruppierungen zur Folge haben, woraus wieder Gruppierungen nach Qualitäten resultieren. Die Qualität und Quantität solcher Gruppen stehen im umgekehrten Verhältnisse. Die Allgemeinheit neigt leider immer nach der quantitativen Seite, woraus eine unrichtige Beurteilung des Künstlers und dadurch eine falsche Bewertung der geschaffenen Werke entsteht. Das Selbstbewußtsein des Könnenden läßt ihn Vieh heit und Satzung meiden. Je höher die Qualität, desto kleiner wird die Gruppe sein. Die Werke der qualitativ ersten Gruppe befremden als etwas Ungewohntes die Menge und bleiben ihr anfangs unverständlich. Durch all dies leidet die Beurteilung der Qualität des Künstlers. Je mehr der Künstler aus sich herausgibt, je mehr er offenbart, je mehr er an Individualität, an Stil bringt, desto höher steht seine Qualh tät, desto unbehaglicher wirkt er aber auch auf die Menge. Er schafft eben Neues unter seinem schöpferischen Drange. Wirklich Kunstgeborenes der Menschheit zu bieten, sind nur wenig Berufene imstande. STADTBAHN: GELANDERDETAIL. Mllliiit IMS vv Ti. >• Die Kunstförderung. Die Qualität des Künstlers. Eine Anzahl Unberufener versucht es, auch auf diesem Wege zu warn dein. Diese von letzteren „verübten”'Werke wirken abstoßend und bih den das eigentlich Schädigende für die Würdigung einer Kunst unserer Zeit, für die Menge aber ist solch unkünstlerisches Tun immer ein will' kommener Anlaß, ihren Mißmut und ihr Unbehagen auch dem neu' geborenen Guten gegenüber zu zeigen. Durch die Erziehung des Volkes zur Kunst wird eine durch was immer für Dinge beeinflußte Kritik, welche darauf ausgeht, Blinde und Übelwollende zu befriedigen, unmöglich und ihre heutige so oft kunst' schädigende Wirkung durch ein richtiges allgemeines Urteil naturgemäß lahmgelegt. Mit der richtigen Beurteilung der Qualität und der Wertschätzung des Künstlers geht das allgemeine Verlangen, daß Gutes und nur Gutes geschaffen werde, gleichen Schritt, wodurch wieder erreicht wird, daß der Auftrag für das zu Schaffende an die erhoffte Qualität, nicht wie bisher an so viele, gewöhnlich nicht sehr reine Nebenumstände ge' bunden ist. Daß aber nur Gutes geschaffen werde, daß die Allgemeinheit nur die besten Vorbilder erhält, darin liegt der Kardinalpunkt der Erziehung des Volkes zur Kunst, denn das Gute allein hat vorbildlichen Wert und fördert die Kunst. Da, wie erwähnt, die Pflicht, das Gute zu erkennen, der Staatsver' waltung, der Hauptstelle aller Kunstförderung, obliegt, so ist von der' selben das betonte, richtige Urteil zu verlangen. Dieses Verlangen zu befriedigen, ist heute die Staatsverwaltung nicht 118 Die Kunstförderung. Die Mit" tel hiezu. STADTBAHN: HOFPAVILLON, UNTERFAHRT. sX///// - '////, S5«!S in der Lage. Es muß deshalb ermöglicht werden, daß sie zu einem rieh' tigen, künstlerischen Urteile gelange, damit die Allgemeinheit durch die Staatsverwaltung auf den richtigen Weg geleitet werde. Es ist also eine künstlerische Autorität zu schaffen, damit die Förderung der Kunst und künstlerische Urteile nicht von Ungeeigneten ausgehen oder nach ganz unrichtigen Anschauungen praktiziert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, wird die Notwendigkeit der Schaffung eines die Staatsverwaltung unterstützenden Apparates, dessen sich diese bei Urteilen, also bei allen Kunstfragen, ob es nun Aufträge, Ankäufe, Ernennungen oder Schulreorganisationen etc. sind, zu bedienen hätte, zur nicht mehr abzuweisenden Pflicht. Es ist klar, daß ein solcher Apparat nur aus einem Areopag bestehen kann, welcher sich aus den ersten sich betätigenden Kunstkräften re' krutiert. Unsere rein wissenschaftliche und literarische Erziehungsmethode macht es dem Gebildeten heute unendlich schwer, ein gesundes, wahres Verhältnis zur bildenden Kunst zu gewinnen. Die fast allgemeine Indolenz in Fragen der Kunst, das Hinüberzerren der Bezeichnung „Künstler” auf andere Gebiete, die Gleichgültigkeit, ja selbst der Haß, dem die erhabensten Schöpfungen begegnen, wenn es nicht gerade kon' ventioneller Brauch ist, sie scheinbar anzustaunen, die Ratlosigkeit der Besten, selbst des Volkes dem Neuen gegenüber, der Leichtsinn, mit dem jedermann die ihn berührenden Kunstfragen erledigt, folglich dann auch der geringe Wert, den fast alle Ressorts der Staats', Landes' und Ge' meindeverwaltungen der Kunst beimessen, dies alles ist in engem Zu' Die Kunstförderung. Die Mit tel hiezu. STADTBAHN! HALTESTELLE MEIDLING. .MEIDLING sammenhang und bedingt wieder, auch nationalökonomisch genommen, einen beklagenswerten Verlust an ungenützter Volkskraft. Und doch, je mehr der Staats', Landes«* und Stadtverwaltung daran gelegen ist, jede Herabdrückung des Bildungsniveaus zu vermeiden, desto dringen' der bedarf sie zur Erziehung der Beihilfe der Kunst, des einzigen Mittels, das ihr zur Verfügung steht, um der Quantität des Erlernten, das sie durch den wissenschaftlichen Unterricht in das Volk trägt, auch etwas Kultur, die jener erst Wert verleiht, hinzufügen. Die angeführten Tat' Sachen führen zunächst zu dem Resultate, daß wir bei uns auf allen Ge' bieten die Überschätzung des Wissenden und die Unterschätzung des Könnenden wahrnehmen müssen. Es unterliegt keinem Zweifel und wurde es unzählige Male betont, daß die Baukunst die stete Führerin der Kunst war und ist. Von jeher hat sie als Ausdruck des Könnens und als Wertmesser der Kultur der Völker aller Zeiten gegolten. Sie wußte die anderen Künste in ihren Bannkreis zu ziehen, welche sich in ihrer Ausdrucksweise in ihr spiegelten. Durchdrungen von der ausschlaggebenden Bedeutung der Monu' mentalbaukunst für die allgemeine Kunstentwicklung sei hier auf die wiederholten Anträge des Verfassers dieser Schrift, den Monumentalbau betreffend, welche auch in der Sitzung des Kunstrates im Mai 1899 ge' stellt wurden, verwiesen und deren Hauptbegründung, die, abgesehen von dem hohen Werte der Schaffung vorbildlicher Werke der Baukunst, in dem Umstande gipfelte, die absolut notwendige Repräsentation der Staats', Landes' und Stadtverwaltungen unter allen Umständen durch die Kunst aufrecht zu erhalten. 120 Die Kunstförderung. Die Mit' tel hiezu. MIETHÄUSER: WIENZEILE, DETAIL. 4 n*m «00 *■>*-*.+ • 9 xa:*; X T Es ist unmöglich, immer nur das ökonomische Interesse der einzelnen Ressorts in Betracht zu ziehen; es muß auch der Überzeugung Ausdruck gegeben werden, daß das Verfügungsrecht über große öffentliche Mittel gewisse kulturelle Verpflichtungen auferlegt. Der Weg, diesen gerecht zu werden, wird immer die Rücksichtnahme auf die Kunstförderung sein. Dem Einwand, daß es sich in den meisten Fällen nicht um Luxus', sondern um Nutzbauten handle, steht die Bemerkung entgegen, daß die Kunst unserer Zeit weit entfernt ist, die unerbittlichen Forderungen des praktischen Lebens als Hemmnisse zu empfinden, sondern gerade aus ihnen die stärksten und fruchtbarsten Anregungen schöpft. Es muß deshalb hier mit apodiktischer Sicherheit ausgesprochen werden, daß ein wirkliches Kunstwerk nicht mehr zu kosten braucht als ein schlechtes Werk, daß aber ersteres vorbildlich, also zum Wöhle des Volkes wirkt, während letzteres direkt zum Verfalle in der Kunst führt, also einer Schädigung des Volkswohles gleichkommt. 121 IG stadtbahnviadukt wahringerstrasze. Die Kunstkritik. Laienurteile. 4 t :i. . *.«*<**» „.m DIE KUNSTKRITIK. Die vorliegende seit Jahren vergriffene Schrift hat über Wunsch des Verlegers eine vierte Auflage notwendig gemacht. Sie wurde ganz und auszugsweise nahezu in alle Sprachen wiederholt übersetzt. Dies ergibt wohl den überzeugenden Beweis, daß die darin vertretenen Anschau' ungen Billigung und Anerkennung fanden. Wie bei jeder Neuerung, besonders auf dem Gebiete der Kunst, hat diese Anerkennung der Zeit bedurft. Es mag deshalb hier erwähnt werden, daß die erste Kritik über das Buch nichts weniger als anerkennend war und mit dem Satze begann: „Aus einem Sumpfe ist eine Blase aufgestiegen.'' Kritiken über Kunstwerke und künstlerische Anschauungen sind eine, besonders für den Laien, recht heikle Sache und ändern sich mit der Zeit nur zu oft zum geraden Gegenteil. Die Zeit des Überganges vom Eklektizismus bis zum Erkennen einer „Kunst unserer Zeit" hat anfangs nahezu ausnahmslos nur abfällige Kritiken der Allgemeinheit über letztere gebracht. Die Gründe für diese Erscheinung sind in den vorherigen Kapiteln eingehend dargelegt. Es hat sich gezeigt, daß eine richtige Kritik, welche rechtzeitig, also in der Baukunst und allenfalls in der Plastik vor Entstehen des Werkes, also auf Basis von Projekten, Skizzen oder Modellen abgegeben werden soll, nicht von der Allgemeinheit, sondern nur von Personen ausgehen kann, welche ein starkes und geschultes Kunstempfinden besitzen. Über dieses verfügen in der Regel nur bedeutende sich betätigende Künstler. MIETHAUS: WIENZEILE. Die Kunstkritik. Laienurteile. in! i! -illlff ■ Besonders bei Werken der Baukunst spielt die Kritik vor Entstehen des Werkes eine große Rolle, da diese es ist, welche das Werk entstehen läßt. Bei solchen Kritiken fällt dem gewöhnlich ganz unrichtig informier' ten, künstlerisch unrichtig denkenden und künstlerisch unrichtig fühlen' den Laien die Hauptrolle zu. Um solche Kritiken des weiteren ungün' stig zu gestalten, vereinigen sich damit die Einflüsse der Überzahl minderwertiger Künstler mit ihren Auswüchsen (Geschäftskünstler und Renegaten), die fälschlich ins Treffen geführten ökonomischen Verhält' nisse, Protektion, Politik und Konfession, eine ganz unverständliche Rücksicht auf künstlerisch Schwache, endlich die nur zu oft hervortre' tende Absicht, das zu schaffende Werk jeder Vorkritik zu entziehen. Diese Umstände haben auch den ideellen Wert künstlerischer Wett' bewerbe nahezu vernichtet und gerade bei uns einige durch Wettbewerb entstandene Werke ermöglicht, deren Unterbleiben einer Kunstförde' rung gleichgekommen wäre. Es soll an dieser Stelle abermals festgelegt werden, daß es eine offi' zielle Kunstkritik aus den» angeführten Gründen nicht geben kann. Noch eine Tatsache mag hier Platz finden, nämlich der Umstand, daß Kritiken über Werke der Kunst nur zu oft auf Abwege gezogen wer' den und die richtige Kritik dadurch verblaßt und verwischt wird. Daß mit Rücksicht auf diese Tatsachen von einer Korruption in der Kunst, welche sogar bis zum Kesseltreiben (Klimt etc.) ausarten konnte, ge' sprochen werden muß, soll im Interesse der Kunst in diesem Kapitel festgestellt werden. 123 16 * VILLA HÜTTELDORF: SPEISEZIMMER. f" t» »• ► Die Kunstkritik über Werke von Zeitgenossen. Im langjährigen Kampf in der Kunst ist ein wenn auch geringes Reifen des richtigen Kunstempfindens und daher auch der Kritik der Allgemeinheit mit Befriedigung zu konstatieren. Trotz dieses Reifens kam es, um ein eklatantes Beispiel anzuführen, in heutiger Zeit — es handelt sich um eine große künstlerische Tat, nämlich den Bau des Berliner Opernhauses — zu einem Kampf zwischen Künstlern und Laien, der hier besonders erwähnt werden soll, weil diesmal hervorgeht, daß die Künstler fest gewillt sind, ihr heiligstes Gut, die Kunst, mit aller Kraft zu verteidigen. Möge ein günstig Geschick die Wünsche der Künstler zum Wohle des großen deutschen Volkes erfüllen und eine richtige Kritik vor Errichtung des Werkes bestimmend werden. Kritiken nach Vollendung des Bauwerkes haben eigentlich kaum einen Zweck und halten sich die Künstler möglichst ferne davon, damit ihnen dies nicht als „Brotneid” an den Kopf geworfen wird. Der Autor dieser Schrift, dem eine reiche Erfahrung nicht abgesprochen werden wird, ist überzeugt, daß die von ihm vertretenen Anschauungen in Bezug auf die Baukunst ihn überleben, ja, so lange Kunst besteht, wahr bleiben werden, und fühlt sich deshalb berechtigt, zur weiteren Bekräftigung seiner Überzeugung die Kritik über einige charakteristische Wiener Bauwerke seiner Zeitgenossen bringen zu sollen, schon aus dem Grunde, damit die Nachwelt erfahre, wie eine Anzahl von Kunstverstäm digen und er selbst über dieselben urteilten. Die nachstehenden Ausfülv rungen sollen beweisen, welche ungeheure Differenzen zwischen Künste lerurteilen und Laienurteilen bestehen und welche Zeitdauer nahezu immer erforderlich ist, um Laienurteile zu richtigen heranreifen zu lassen. 124 Die Kunstkritik über Werke von Zeitgenossen. 1860-1890. VILLA HÜTTELDORF: VORRAUM. * mmm u. ' ~ '»c« • Die Bauwerke, welche in Betracht kommen, teilen sich in zwei Hauptgruppen, und zwar in solche, welche in die Periode von 1860 bis 1890, und in solche, welche in die Periode von 1890 bis in die Jetztzeit fallen. Bei Beurteilung der Werke der ersten Periode ist zu beachten, daß bei Beginn derselben nahezu allerorts ein langsames Erwachen aus tiefem Kunstschlafe stattfand und bei uns überdies für die durch die Stadt' erweiterung hervor gerufene starke Tätigkeit im Monumentalbau zu wenig Baukünstler zur Bewältigung der Aufgaben vorhanden waren. Die Architekten dieser Periode fußten nahezu vollkommen in der Stilarchitektur, ja sie hatten sich jeder sozusagen einen passenden Stil zurechtgelegt. Ihre Schöpfungen wurden der erstaunten Menge auf Präsentiertellern in angenehmster Weise vorgesetzt, so daß jeder Teil dieser Menge sich nach seinem Geschmacke das ihm richtig Erscheinende aus dem „Sammelsurium” wählen konnte und gleich vom Hause aus die Kritik mit Behagen und „Überzeugung” dem Werke anpaßte. Um gleich ein recht drastisches Beispiel eines Laienkunsturteiles zu bringen, sei das Wiener Opernhaus an erster Stelle genannt und soll hier besonders auf seine Entstehungszeit (1860) hingewiesen werden. Daß dieses Bauwerk nicht ohne Fehler und ungünstig situiert ist, mag zugegeben werden. Als Fehler wären zu bezeichnen der vielleicht zu geringe Prunk, die etwas kleinlichen Raumdimensionen mit Ausnahme des Zuschauerraumes, das Vorziehen der Bühnenhöhe bis zur Haupt' fa^ade und ein Zuviel von Verwendung alter Kunstformen (Schlösser an der Loire). Nicht genug hoch ist dagegen anzuschlagen das scharfe STEINHOF: KIRCHE, HOCHALTAR, DETAIL. Die Kunstkritik über Werke von Zeitgenossen. 1860-1890. Erfassen der Zweckerfüllung (Akustik, Optik, Komfort, Ventilation), ein deutlicher Ansatz zu schöpferischem Schaffen und ein peinliches Abwägen von Konstruktion und Materialverwendung, welche das Bau' werk durchwegs zeigt. Diese hoch zu bewertenden Eigenschaften treten bei diesem Werke heute noch, nach mehr als 50jährigem Bestände, deutlich zu Tage und stellen deshalb die Künstler, welche es schu' fen, an die damals erste Stelle. Was aber die Kritik der Zeitgenossen an diesen Künstlern verübte, geht aus dem Umstande klar hervor, daß diese Kritik beide in den frei' willigen Tod trieb. Der damals erwachende Eklektizismus, eigentlich der Umstand, daß wirkliche Schaffenskraft auf Unverständnis selbst der „Künstler” stieß, war Mitschuld an der damaligen Kritik über das Wiener Opernhaus. Die Stilparteien, welche sich gebildet hatten, duldeten jede Art von leicht faßlicher Kopie, aber keinerlei Art von Neuschöpfung. Es war die Zeit, in welcher das Kunstempfinden der Menge und auch der „Künstler” in dem unverrückbaren Postulate kulminierte: Kirchen und Rathäuser können nur gotisch, Parlamente und Museen nur grie' chisch und Wohngebäude nur in dem Stile der Renaissance etc. gebaut werden. Diesem Umstande verdankt vor allem das Rathaus und nahezu alle Kirchen, also auch die Votivkirche, ihr Entstehen. Was das Rathaus anbelangt, so ist bei einer Kritik über dasselbe vor' erst hervorzuheben, daß demselben jede schöpferische Regung fehlt, daß es zu den amtierenden, repräsentierenden und besuchenden Personen 126 Die Kunstkritik über Werke von Zeitgenossen. 1860-1890. STEINHOF: KIRCHE, ANTIPENDIUM. □□□□□□UDO und zur freudig bewegten Menge des Festsaales, desgleichen zu unseren kulturellen Errungenschaften in gar keiner wie immer gearteten Relation steht und das praktische und künstlerische Moment, nur zu oft, sicher in den Hauptsachen der kopierten Stilarchitektur zum Opfer fiel. Festsaalform, Festsaaleintritt und Festsaaldekor, das Fehlen des Haupteinganges, die Turmstellung etc. sind deutliche Beweise hiefür. Ein auffälliger Mangel an Geschmack und Erfindungsgabe tritt, nebstbei er' wähnt, beinahe überall zu Tage. Dieses Bauwerk ist im Wege einer Konkurrenz entstanden. Gott' fried Semper hat bei Verlassen des Raumes, in welchem die Jury, der er angehörte, den Beschluß zum gotischen Baue faßte, den Ausspruch getan: „Ich müßte mein ganzes Leben verleugnen, wenn ich einem solchen Projekte meine Stimme gegeben hätte.” Die bei Fertigstellung des Bauwerkes fanatisch lobende Kritik über dasselbe hat sich durch den Umstand, daß irgend eine Enunziation vom „prachtvollen Rathaus” von da ab nahezu täglich zu hören war, bis zum heutigen Tage selbstredend nur unter den Laien erhalten. Unleugbar ein Mehr an Geschmack hat ein anderes, ebenfalls gotisches Bauwerk, die Votivkirche. Ihre Formen sind durchwegs ein Zusammen' tragen und Nachahmen von Bestehendem. Wenige künstlerische Urteile haben das Bauwerk schon vor seinem Entstehen als im Maßstab ver' fehlt und dadurch konstruktiv als bedenklich bezeichnet. Die Kritik, welche die Allgemeinheit darüber aussprach und zum Teil heute noch ausspricht, ist eine nahezu enthusiastisch lobende. In die Wagschale fällt hiebei, daß das W^erk „zierlich” gotisch ist. Von 127 POSTSPARKASSE: DETAIL. ■ - ||4 ti J ZI J‘U Die Kunstkritik über Werke von Zeitgenossen. 1860-1890. 1000 Städtebewohnern werden 999 sofort den Stil erkennen, ein Um' stand, der schon zur Befriedigung, also günstigen Beeinflussung der Kritik beiträgt, wozu noch die, die Kritik stark beeinflussende leichtfaß' liehe Zierlichkeit kommt. Der Verfasser erinnert sich, jahrelang im La' den eines Zuckerbäckers das Modell der Kirche, welches die Bewunde' rung der Menge hervorrief, gesehen und lobende Zeitungsstimmen über das „Modell” gelesen zu haben. Wie bei allen Kirchenbauten aus dieser Zeit ist auf das zweckliche und technische Moment von dem ausführenden Architekten gar keine Rücksicht genommen. Es war diesen und den anderen Herstellern von Kirchen völlig gleichgültig, beispielsweise Fragen zu lösen, wie: Sehen alle Kirchenbesucher den Hochaltar und die Kanzel? Ist die Kirche hygienisch (Weihwasserbecken, Spucknäpfe), ist sie akustisch, ist sie licht und kann sie deshalb rein gehalten werden? Sind die verwendeten Konstruktionen der Raumüberdeckung die einfachsten und ökonomi' schesten? Entsprechen diese Konstruktionen unserem kulturellen Fort' schritte? Ist für Reparaturfreiheit möglichst gesorgt? Ist der Kirchen' raum heizbar, sind die Zugänge bequem und sicher? Ist ein RettungS' zimmer etc. vorhanden? Ist Zugluft möglichst abgehalten? u. s. v. a. Aber auch die Menge verhielt sich ablehnend gegenüber der Lösung sol' eher Fragen, ja es kann behauptet werden, sie perhorreszierte jede Neue' rung und künstlerische Regung und der Maßstab, den sie bei Kritiken über Kirchenbauten anlegte, war immer der: Je mehr eine Kirche einem alten vorhandenen Muster gleicht, je besser ist sie; ja sogar die einfach' sten Dorfkirchen mußten zur Bekräftigung dieser Ansicht herhalten. Die Kunstkritik über Werke von Zeitgenossen. 1860-1890. POSTSPARKASSE: KASSENHOF. *»*•►*• ui iil j 8 II ii 11 n l 1 »1 « u Es ist dies nicht einmal der Standpunkt des Eklektizismus, sondern es sind rein panoptikumartige Anschauungen, welche maßgebend wurden. Nur kein Denken, nur keine künstlerische Regung, nur keine schaffende Kunst, so klang es aus der Menge betreffs der Baukunst. Ein Wachs' figurenkabinett gefiel ihr eben besser als die Skulpturengalerie des Va' tikans. Daß solche Dinge die Kritik beeinflussen müssen, ist selbstredend, und daß aus solchen Anschauungen immer Bauaufträge und Bauausfüh' rungen ähnlicher Art mit völliger Kunstvernichtung als Begleiterschei' nung entstehen mußten, ist leider ebenso selbstverständlich. Ob die Votivkirche heute schon, nach 40 Jahren, die Altersgrenze er' reichte oder ob sie des Stiles und der Konstruktion halber rekonstruiert werden muß, soll vorderhand dahin gestellt sein. Tatsache ist, daß die Haupteingänge der Kirche heute hölzerne lange Schutzdächer haben, um Eintretende vor abbröckelnden Steinen zu bewahren. Das Universitätsgebäude von demselben Autor bezeugt sicher wieder einen gewissen künstlerischen Geschmack, doch liegt es in Bezug auf seine Formgebung wieder völlig im Banne des Eklektizismus. Für die Hauptmassen und Sehdistanzen sind die angewandten Formen, beson' ders des Mittelbaues zu klein. Dieses Bauwerk und sein seitlich lie' gendes Gegenüber, das Parlamentsgebäude, stehen unrichtig zur Platz' lösung, welche Platzlösung wieder mit einer sogenannten englischen Parkanlage in einer in ästhetischer und verkehrstechnischer Beziehung ganz verfehlten Weise „geziert” ist. Wieder von demselben Autor ist das chemische Laboratorium. Auch dieses wurzelt in der Tradition. Die Verhältnisse und das Detail des 129 17 POSTSPARKASSE: VORHALLE. ». W Die Kunstkritik über Werke von Zeitgenossen. 1860—1890. Bauwerkes sind aber so glücklich gewählt, daß es als eines der relativ besten dieser Epoche zu bezeichnen ist. Am Parlamentsgebäude feiert der Eklektizismus geradezu Orgien. Auch dort sind unter vielem Anderen Haupteingang, Zu" und Auffahrt, Akustik, konstruktive Durchführung, das Ausführungsmaterial etc. dem Eklektizismus, also der Stilarchitektur, zum Opfer gebracht. Die Ver" hältnisse der einzelnen Bauformen sind zur Baugröße und Sehdistsnz zu klein, das Anhäufen von Motiven, welche unserem Gefühle nach die höchste Steigerung des Effektes hervorrufen sollen, gewiß fehlerhaft (8 Stück Quadrigen auf einem Bauwerke). Künstlerisch erfreulicher sind die Museumsbauten (es ist immer nur von der Außenerscheinung die Rede). Obwohl noch stark in der Tra" dition wurzelnd, sind doch Ansätze von selbsttätigem künstlerischen Schaffen bemerkbar. Kritisch nicht genug zu loben ist der große Ein" heitsgedanke der Platzdurchbildung, der nach Wegfall des Burgtores, Ausbau der Hofburg und der erforderlichen Schließung der restlichen Platzwände, mit seinen in den Größenverhältnissen ausgezeichnet getrof' fenen drei Monumenten, sich zu einem der schönsten Plätze der Erde entwickeln könnte. Leider sind auch hier schon Ansätze vorhanden, das überwältigende, künstlerische, vornehme Bild, welches so ganz um seren genius loci repräsentiert hätte, für alle Ewigkeit zu zerstören. Die Monumentalbauten der ersten Bauperiode sind naturgemäß durch unsere veränderten ästhetischen Anschauungen, durch unsere neuen Errungenschaften, durch Verlangen nach besserer und erweiterter Zweck" erfüllung, durch das erhältliche Material und auch in konstruktiver Be" 130 Die Kunstkritik über Werke von Zeitgenossen. 1860—1890. POSTSPARKASSE: AMTSZIMMER DES GOUVERNEURS. /jV ^'5- zichung sowie in Bezug auf Herstellungsdauer weit überholt, doch waren schon zur Zeit ihres Entstehens viele Stimmen vernehmbar, welche auf Berücksichtigung dieser Umstände verwiesen. Ein Beispiel für die zu dieser Zeit möglich erscheinende Herstellungs' dauer ist das Burgtheater, welches während seiner fünfzehnjährigen Bauzeit schon große Änderungen mitmachte, zu welchen sich bald nach Fertigstellung eine umfassende Rekonstruktion des Zuschauerraumes Sempers Ideen haben die Hauptdisposition des Werkes wesentlich beeinflußt, es hat sich aber beispielsweise gezeigt, daß ein segmentför^ miges Foyer, so sehr es auch verkehrstechnisch entspricht, immer nur eine ästhetische Enttäuschung bringen kann. Die beiden Stiegenhäuser dieses Bauwerkes stehen mit den Vorräumen und dem Foyer außer Ver^ hältnis und nicht im Kontakte. Als nicht uninteressant mag hier die Bemerkung Platz finden, daß der künstlerische Tiefstand dieser Epoche nicht allein durch den Eklek' tizismus deutlich zu Tage tritt, sondern auch durch den Umstand doku' mentiert wird, daß diese Zeit ein peinliches Erfassen der Zweckerfüh lung, welches sicher der Ausgangspunkt der „Baukunst unserer Zeit" ist, völlig ignorierte und Monumentalbauwerke schuf, welche schon in kurzer Zeit sich als zweckwidrig entpuppten, ja, die Künstler waren damals nicht in der Lage, das Bauprogramm für ihr eigenes Anstalts' gebäude [k. k. Akademie der bildenden Künste (Palazzo Spada etc.)], welches sich schon nach kurzer Zeit als ganz verfehlt erwies, fest'' zustellen. 131 18 POSTSPARKASSE: KASSENSAAL.VORRAUM. V 0 Die Kunstkritik über Werke von Zeitgenossen. 1890—1915. Zwischen der ersten und zweiten, der hier in Rede stehenden Perio' den liegt eine Stagnation des Monumentalbaues, welche zum Teil durch ökonomische Verhältnisse, zum Teil dadurch veranlaßt erscheint, daß das Gefühl für staatliche Repräsentation nahezu erlosch. Der kritische Maßstab, welcher nach dem Erwähnten an die Bauten der zweiten Periode zu legen ist, muß ein strengerer sein, weil die alh gemeinen Anschauungen zu dieser Zeit schon eine gewissere Reife zeig-' ten, die selbst im Laienurteile fühlbar wird und der Ruf nach Befreiung vom Eklektizismus allerorts laut wurde. Bei Kritik der Bauten der zweiten Periode ist leider festzustellen, daß nahezu alle sehr traurige Beispiele unserer künstlerischen Kraft aufwei' sen, ein Umstand, der um so mehr befremden muß, als zu dieser Zeit unser Vaterland über eine Anzahl ausgezeichneter Baukünstler verfügte. Von den Bauten der zweiten Periode ist in erster Linie das Kriegs«' ministerium zu erwähnen. Die Wahl des Bauplatzes, die ungelösten Hauptaxen, die Disposition des Grundrisses, der Mangel an jeder künst' lerischen Regung, die Anwendung ganz verfehlter Formen, eine nur zu deutlich hervortretende Geschmacklosigkeit und ganz unrichtig ver' wendetes und brutales Detail haben eine nahezu allgemeine kritische Mißbilligung wachgerufen. Es soll deshalb hier bemerkt werden, daß die Menge ein richtiges Endurteil ziemlich rasch fällte. Leider ist dieses Urteil erst nach der Bauvollendung und nicht vor Baubeginn entstanden. Ein weiterer künstlerischer Tiefstand wird fühlbar bei den Bauten der Akademie für Musik, welcher Bau von der Allgemeinheit mit Rücksicht auf die Geburtsstätte seines Stiles Musikbräu getauft wurde, bei dem Die Kunstkritik über Werke von Zeitgenossen. 1890-1915. POSTSPARKASSE: HAUPTSTIEGE. Baue der an bedeutender Geschmacklosigkeit krankenden Antonius^ kirche und in noch drastischerer Weise beim Baue des technischen Mu/ seums. Letzteres ist mit seiner ganz falschen Stellung im Gelände, mit seiner oft bis ins Komische gehenden Konstruktion (Säulen), der maske^ radeartigen Außenerscheinung geradezu eine Type, wie ein solches Werk nicht ausgeführt werden soll. Leider werden zu diesen Monumentalbau^Unglücken noch einige in Aussicht stehende hinzukommen. Unsere die Kunst schwer schädig genden politischen Verhältnisse noch in Rücksicht gezogen, kann es nicht wundern, daß die Gesamtkritik über die künstlerischen Taten dieser Zeit höchst ungünstig lauten muß und eine Besserung der Kunstverhähv nisse sich in Bälde kaum erwarten läßt. Die Laienkunsturteile, welche diesen und den in Aussicht stehenden Bauten zur Ausführung verhalfen, wirkten und wirken auf die Kunst geradezu vernichtend. Auf, ob dieser Zustände vaterlandsflüchtig gewordene hervorragende Künstler und ein trauriges Brachliegen ausgezeichneter Talente soll bei einer Kritik der Kunst dieser Zeit besonders hingewiesen sein. Das hier festgelegte ungünstige kritische Resultat über einige unserer Monumentalbauten entspricht der vollsten Überzeugung des Verfassers und aller, wie mit Recht behauptet werden kann, hervorragenden Künste lerzeitgenossen. Es wird nur durch die erfreuliche Tatsache gemildert, daß sporadisch ein KlehvKunstwerk, seltener ein guter Monumen/ talbau zu Tage tritt, und daß die Erfolge unseres Kunstgewerbes dank der ausgezeichneten Talente, welche sich mit demselben befassen, die i33 18 * STEINHOF: KIRCHE, APSIS. 4 Die Kunstkritik über das Kunstgewerbe. Kritik zur größten Anerkennung emporheben muß. Deshalb sei hier wieder konstatiert, daß unser Kunstgewerbe, von der ganzen Kunstwelt zugegeben, heute die erste Stelle einnimmt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die endgültige Kritik über Werke der Kunst die Allgemeinheit fällt, und wurde schon eingangs betont, daß diese bleibende Schlußkritik, um zur richtigen heranzureifen, der Zeit bedarf. Handelt es sich bei einer Kritik nicht um die Kunstwerke selbst, son' dern um die Qualität des Künstlers, so wird das Eindrängen von Un/ richtigkeiten in eine solche Kritik nahezu zur Regel, da die Beliebtheit oder Unbeliebtheit des Künstlers hiebei eine große Rolle spielt und die Mitwelt das Persönliche nur zu gerne in den Vordergrund stellt. Der Zeitraum, welcher dazu gehört, Künstlerqualitäten kritisch richtig. zustellen, geht in den meisten Fällen verloren und so geschieht es, daß ein oder der andere Künstler sehr zu ungunsten seiner Zeitgenossen emporgehoben wird. Auen hiefür fehlt es bei uns nicht an drastischen Beispielen. So wird jeder wirkliche Künstler heute mit Recht behaupten, daß Josef M. Olbrich, Gottfried Semper, Heinrich Ferstel etc. künstlerisch auf bedeutend höhe' rer Stufe standen als Friedrich Schmidt. Der unrichtigen Kritik seiner Zeitgenossen ist es aber gelungen, dem letzteren ein Denkmal zu setzen, während die erstgenannten (nach Qualität geordnet) bisher leer aus- gingen. Hoffen wir, daß die Nachwelt auch hier eingreift und die unrichtige Kritik richtigstellt. i34 Schlußwort, ein „Recept“. VILLA HUTTELDORF; ATELIER, KAMINECKE. v-. SCHLUSZWORT. Weit über die ursprüngliche Absicht hat die Ausdehnung dieser Schrift zugenommen, und doch scheint sie mir nur in knappster Form meiner Überzeugung Ausdruck zu geben. Ihr Inhalt ist nur das Fundament; die Art und Weise, wie die wei, teren Bausteine beschaffen sein, wie sie gelegt werden sollen und welche Formen ihnen zu geben sind, bleibt dem Stift überlassen. Vieles hätte ich noch mitzuteilen. Hierzu wäre aber die graphische Darstellung erforderlich. Diese wollte ich schon deshalb vermeiden, weil meine bisherigen Publikationen in gewissem Sinne die Illustration zu dem hier Gesagten bilden. Sie zeigen deutlich, wie die ausgespro, chenen Ansichten in mir reiften. Den Weg, den wir einschlagen müssen, um das gesteckte Ziel, den Stil unserer Zeit, zu erreichen, glaube ich angedeutet zu haben. Fasse ich das in dieser Schrift Gesagte zusammen und versuche ich, ein Essentiale derselben in wenige Worte zu prägen, um dem Baukunst jünger.bei jeder Art des Schaffens den kürzesten und besten Weg zum Ziele zu weisen, so würden diese Worte und DIE REIHENFOLGE IHRER ANWENDUNG etwa lauten wie folgt: I. PEINLICH GENAUES ERFASSEN UND VOLLKOM, MENES ERFÜLLEN DES ZWECKES (bis zum klein, sten Detail). II. GLÜCKLICHE WAHL DES AUSFÜHRUNGSMATE, 135 STEINHOF: KIRCHE, TURMENDIGUNG. Schlußwort, ein „Rezept“. RIALES (also leicht erhältlich, gut bearbeitungsfähig, dauere haft, ökonomisch). III. EINFACHE UND ÖKONOMISCHE KONSTRUK- TION und erst nach Erwägung dieser drei Hauptpunkte IV. DIE AUS DIESEN PRÄMISSEN ENTSTEHENDE FORM (sie fließt von selbst in die Feder und wird immer leicht verständlich). Nach diesem „Rezepte" entstehende Kunstwerke werden immer im Stile der Kunst unserer Zeit sein. Die Frage: „Wie sollen wir bauen?" kann nicht strikte beantwortet werden; UNSER GEFÜHL MUSZ UNS ABER HEUTE SCHON SAGEN, DASZ DIE TRAGENDE UND STÜTZENDE LINIE, DIE TAFELFÖRMIGE DURCHBILDUNG DER FLÄCHE, DIE GRÖSZTE EINFACHHEIT DER KONZEPTION UND EIN ENERGISCHES VORTRETEN VON KONSTRUKTION UND MATERIAL BEI DER KÜNFTIGEN NEUERSTEHENDEN KUNSTFORM STARK DOMINIEREN WERDEN; DIE MODERNE TECHNIK UND DIE UNS ZU GEBOTE STEHENDEN MITTEL BEDINGEN DIES. SELBSTREDEND HAT DER SCHÖNHEITLICHE AUSDRUCK, WELCHEN DIE KUNST DEN WERKEN UNSERER ZEIT GEBEN WIRD, MIT DEN ANSCHAUUNGEN UND DER ERSCHEINUNG MODERNER MENSCHEN ZU STIMMEN UND DIE INDIVIDUALITÄT DES KÜNSTLERS ZU ZEIGEN. Schlußwort, der Architekt „unserer Zeit". POSTSPARKASSE: VESTIBÜL, DETAIL. r r (So geschrieben vor 20 Jahren, wird ewig wahr bleiben! A. d. V.) Es kann heute von keiner Dämpfung der Ideale, von keinem Sinken des Kunstniveaus die Rede sein, und jene, welche durch diese Zeilen überzeugt oder in ihrer Überzeugung bestärkt wurden, werden zugeben müssen, daß die neuen großen Impulse, für welche die Menschheit stünd' lieh sorgt, richtig erfaßt, sicher mächtiger zur Klärung der heute noch stark verworrenen Kunstanschauungen beitragen werden, als alle best' gemeinten und starrsinnig verteidigten Doktrinen über die Anwendung stilreiner und gut kopierter Formen vergangener Jahrhunderte, welche mit modernen Menschen in gar keinem Zusammenhänge mehr stehen. Die Kunstjünger, welche dem in dieser Schrift angedeuteten Ziele zu« streben, werden aber, WAS DIE ARCHITEKTEN ALLER EPO CHEN WAREN, KINDER IHRER ZEIT; IHRE WERKE WERDEN DEN EIGENEN STEMPEL TRAGEN, SIE WERDEN IHRE AUFGABE ALS FORTBILDNER ERFÜL' LEN UND WAHRHAFT SCHÖPFERISCH WIRKEN, IHRE SPRACHE WIRD DER MENSCHHEIT VERSTÄNDLICH SEIN, IN IHREN WERKEN WIRD DIE WELT DAS EIGENE SPIEGELBILD ERBLICKEN, UND SELBST' BE WU SZTSEIN, INDIVIDUALITÄT UND ÜBERZEU' GUNG, DIE ALLEN KÜNSTLERN ALLER EPOCHEN EIGEN WAREN, WERDEN SIE KENNZEICHNEN. Die Fehler, in welche unsere Vorfahren dadurch verfielen, daß sie pietätlos die Werke ihrer eigenen Vorgänger unbeachtet ließen oder zer' störten, wollen wir vermeiden und die uns überlieferten Werke wie Ju' i37 STEINHOF: KIRCHE, KUPPEL UND TURM. Schlußwort, ein Apell. • /• # wele in passende Fassung bringen, damit sie uns erhalten bleiben, als plastische Illustration der Geschichte der Kunst. Die grandiosen Fortschritte der Kultur werden uns deutlich weisen, was wir von den Alten lernen können, was wir lassen sollen, und der eingeschlagene richtige Weg kann nur ein Ziel haben, Neues, Schönes zu schaffen. Möge das in dieser Schrift Gesagte auf fruchtbaren Boden fallen, zum Heile der Schüler, zum Heile der Schule, zum Heile der Kunst; mögen die ausgesprochenen Gedanken beitragen, ein frisch pulsierendes Leben, eine reiche, zielbewußte Entfaltung der Baukunst zu erwecken, damit wir unser Schönheitsideal auch verkörpert sehen — DIE BAUKUNST UNSERER ZEIT! I 138 KLISCHEES: GRAPHISCHE UNION, WIEN VI; K. U. K. HOF-PHOTO- CHEMIGRAPHEN C. ANGERER & GÖSCHL, WIEN XVI EINBAND: FRANZ GOGL’S NACHFOLGER KARL SCHEIBE ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG^ VORBEHALTEN. COPY-RIGHT 1915 BY KUNSTVERLAG ANTON SCHROLL & Co., G. m. b. H., WIEN * . • \ Ä -VW J *'M*-‘* tfc . .1 V-V - - . A . - - ’m',. 1 . «vf •» . ; v , nv*. 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