Wiens»' Ztacil-Kibiiottielc. Seen L.^' .. 7 M U ^ K 'ULSM F ^ - Hogarthsche Studien für Unerfahrne/ Lüsterne und Kenner. (Aus dem Portefeuille eines Veteranen.) ex a/reno /ewee § Ich. Sehen und nicht sehen, hören und nicht hören: ja, ja, Katrinchen, das will ich mir ganz gewiß merken; gebe Sie mir noch ein kleines Küßchen! Katrinchen. Sie sind ein kleines Schaaf. Pfui, schon ein so großer Mensch und noch so dumm zu seyn! Schämen sollten Sie sich in Ihre Seele. — Weinen Sie nur nicht, denn damit wird nichts gut gemacht. Wenn Sie mir - gut und verschwiegen seyn wollen: so will ich Sie klüger machen. Ich. A'ch, bestes Katrinchen! ich bin Zhr herzlich, o von ganzem Herzen gut; und verschwiegen — ja verschwiegen will ich auch seyn! Katrinche n. Nun so kommen Sie heute Abend, wenn Papa und der Hofmeister ausgegangen sind, auf meine Kammer, da will ich Sie klüger machen. Aber ja, mns Himmelswillen, keinem Menschen ein Wort davon gesagt! ... V > Katrinchen küßte mich noch einmal und husch- .te davon. Ich, vergnügt wie ein Gott, schlich nach meiner Studierstube ^ rieb meine Hände, und rief mit Hamlet aus: „Wenn nur die Nacht schon da wäre!" Mein Vater ging aus, mein Hofmeister auch, und ich, um mich klüger machen zu lassen, hüpfte zu Katrinchen. Lächelnd kam sie mir entgegen, küßte mich, drückte mich — und ich küßte sie, drückte sie wieder. Zhr Busen quoll meinem Munde entgegen, und ich drückte den Kuß der Liebe auf ihn. — Der emporsteigende balsami- 31 sche Hauch benebelte meine Sinnen, ich sank trunken an ihren Busen, und o! „Was sah ich nicht, was hat nicht hier die Hand berührt, ,,EH' mich zu ihrem Werk die goldne Venus führt!" Eine einzige Lehrstunde bei Katrinchen machte mich klüger, als fünfjähriger Unterricht bei meinem Hofmeister. Nun konnte ich den Zweck der Schöpfung einsehen, nun wußte ich: warum es nicht gut sey, daß der Mensch allein sey. Ich ward verschwiegen, ich ward klug, ich urtheilte mit Verstand. Physik war nun von Stund an mein Studium, und ich hatte bald Kenntnisse genug, um zu wissen: daß es thöricht sey, jedem seine Weisheit aufzudringen. Zch verstellte mich also, schien dümmer als ich war, und bestärkte meinen Hofmeister in dem Wahn, daß feine Lehren und sein Stock mich weiser — ein Lieblingsausdruck meines theuern Mentors — gemacht hätten. 32 Mein pfiegmatischer Vater, der seit langen Jahren schon Wittwer war, wünschte sich zu meiner Besserung Glück, und gab mir Freiheit, spatzieren zu gehen, wenn ich wollte, vermuth- lich damit Herr Storch nur desto besser mit ihm kannegießern konnte. Täglich besuchten sie eine Gesellschaft, wo die wichtigsten Staatssachen abgemacht wurden, und indem sie mit Polens Theilung beschäftiget waren, untersuchte ich die Geheimnisse der Natur, trank den Becher der Liebe, schleif am wallenden Busen, und schlummerte dem wollüstigen Erwachen entgegen. Küssend schlief ich ein, und küssend erwacht ich zu neuen Freuden. Wenn mein Auge dann matt sich erhob, und Katrinchen mit schalkhaften Lächeln mich ansah: so ward ich von neuem gestärkt zum seligsten Genuß der seligsten Freuden, und trank bis auf die Hefen, mit immer länger» Zügen, den Becher der Liebe. Katrinchen 53 Katrinchen war weiser als ich; denn ohne Katrinchen wäre ich nicht mehr. Sie lehrte mich Mäßigkeit, gab mir Gesetze und verlängerte dadurch den Genuß meiner Freuden. Katrinchen war nicht schön; aber sie besaß Reize, und gebrauchte sie dazu, wozu die Natur sie gab. Es war ein heißer Sommertag, da ich allein einen Spaziergang ins Feld machte. Mein Weg führte mich auf ein kleines Gehölz, und ich lagerte mich in den Schatten der bemosten Eichen. Mein Geist dachte sich die Freuden der gestrigen Nacht und gaukelte mir lachende Bilder der Zukunft vor. Ich schlief, und meine Phantasie malte mir Szenen der Liebe, malte mir Katrinchen auf das Lager der Wollust. Ich träumte mich in ihren Armen, sah mich an ihrem Busen, fühlte die brennenden Küsse, die ihr Nosenmund auf meine Lippen drückte, und — erwachte, sah sie vor mir, schloß sie halb schlafend in meine Arme, und brachte ihr unter Gottes freiem Him» mel auf weichem Nasen, im Gesang der Vögel, das Opfer der Minne. I. Bändchen. C 34 Mein Taumel verschwand, und ich sah — nicht Katriuchen, sah „Das blühendste Gesicht mit braunem Haar umzieret, „Gebrochene Augen und den Düsen aufge- schnüret, „ Den schönsten Arm und Fuß, ein Schenkel fleischig, zart, „Schön wie der Venus Leib, den Scopas ihr gegeben, „Pygmalions Meisterstück, warm, voll Gefühl und Leben." Wie erstaunt ich, wie bebt ich zurück! — Lächelnd zog mich das Kind der Natur wieder nieder, überhäufte mich mit neuen Küssen, drückte mich zärtlich an ihre hochwallende Brust, und „ Hörbar sah ich das Herz durchs seidne Halstuch pochen, „Und fühlte heißes Blut in allen Adern kochen." 35 Ich genoß noch einmal, was mir der Zufall beschert hatte — ich ließ nie gerne ein hübsches Kind lange schmachten — und untersuchte dann mit Muße meinen jetzigen hinreichenden Grund und den Gegenstand, der mich, wie Jupiters Mundschenk, mit dem vollen Becher der Liebe regalirte. Ein blondes, blauäugiges Mädchen lag in einer malerischen Attitüde neben mir, umschlang mich mit ihrem blendenden weißen Arme, und lächelte mir schalkhaft entgegen. Keines von uns beiden schien das Gespräch eröffnen zu wollen. Endlich kam sie meiner Blödigkeit entgegen, und sagte mit einer bezaubernden Grazie: „ Willkommen, mein Lieber, mir tausendmal willkommen!" Es war eine neue Sprache für mich, die meine Verlegenheit vermehrte. Ich schwieg. „Sind Sie stärker anT.haten, als an Worten?" frug sie schelmisch. Ich. Madam —- Mademoiselle! — ich schätze mich glücklich—* ich kann dem Schicksale — C 2 S i e. „Lassen Sie das gut sein, lieber junger Mann, hier im Angesichte des Himmels brauchen wir die Zeremonieen nicht. Sehen Sie jene Vögel! sie folgen auch dem Rufe der Natur, ohne sich erst Alfanzereien zu sagen. Ich fand Sie, hier durch Zufall, und muß ohne Zweifel Ihrem Traume für die genossenen Freuden danken; denn ich zweifle, daß wir ohne Ihren Traum so genau bekannt geworden wären. Die Grundsätze unsrer ersten Erziehung hängen uns immer noch an, und wir können uns nicht leicht von unfern eingesognen Vorurtheilen losreißen. Die Natur sagt uns freilich laut genug unsere Pflichten, aber wir unterdrücken sie zu unferm eignen Schaden. Dieses würde vielleicht auch jetzt geschehen sein, wenn nicht Ihre Phantasie zu sehr mit einem geliebten Gegenstände beschäftigt gewesen wäre. Zhr erster Blick beim Erwachen fiel auf mich; Sie umarmten mich, und ich — schrie nicht — das ist der ganze Vorfall. Werden Sie mir nun verzeihen, daß ich Zhre Huldigung annahm, da sie dock 37 allem Anscheine nach einer andern bestimmt waren? — Katrinchen hatte mich klug gemacht, und ich sprach, wie ich sprechen mußte. Wir versiegelten unfern Bund mit den zärtlichsten Küssen, und mein forschendes Auge entdeckte Reize, die ich mir als Ideale gedacht hatte. „Sagen Sie mir, schönes Weibchen, wer sind Sie denn eigentlich " — fing ich nach einer stummen Unterhaltung an, „damit ich doch weiß, wie der Engel heißt, dem ich diese Vergötterung zu danken habe. Ihr Name? " Zch bin die H ofrathin Sack, sagte Sie. Meine Eltern zwangen mich zur Heirath; mein Mann nahm mich nur des Geldeswegen, und ist dafür dankbar genug, mir die Wahl meiner Freuden allein zu überlassen. Seine Geldgeschäfte und Güternegoze zwingen ihn oft zu kleinen Landreisen, ich bin ganze Tage allein und habe also alle nur mögliche Freiheit, Besuche, wann 38 und von wem ich will, anzunehmen. Jener Garten dort ist der meinige, und Sie werden mir jederzeit willkommen sein. Hier empfangen Sie dm Schlüssel zur Hinterthüre. Dies war ein herrlicher Vorschlag; — aber Katrinchen, was wird die dazu sagen? — Ich überließ alles dieses der Zeit, bediente mich fleißig des Schlüssels zur Hinterthüre, und genoß die angebotenen Freuden, solange es möglich war. Einst kam ich zur Frau Hofrathin, als sie eben den Siegwart las. Sie bat mich, ihr eine Stelle, die Sie mir aufschlug, vorzudeklamiren. Es war die Stelle, wo Kronhelm Theresen seine Liebe erklärt. Ich that es mit allem Affekt , dessen je ein theatralischer Liebhaber fähig war, und wurde, außer den reichlichsten Lobeserhebungen > von ihr mit einer goldnen Uhr beschenkt. Sie sind ein scharmanter Junge, sagte sie zu mir ; Schade, daß Sie nicht Ihr Talent nützen und Schauspieler werden. Sie haben alle Anlagen dazu. 39 Ich. Meinen Sie, Frau Hofrathin? Sie. O gewiß! Sprache, Figur, alles, alles berechtiget Sie dazu. Wie viele Herzen würden Sie nicht erobern, wenn Sie als Hamlet, Romeo, Carl Moor oder Ferdinand Walter auf dem Theater erschienen. „ Und Sie meine Julie, Amalie oder Louise vorstellten", versetzte ich schalkhaft. „Lassen Sie uns zur Probe die Königin Dido und den zärtlichen Aeneas auffüh- rsn" sagte scherzend die Hofräthin; wir wollen gleich sehen, welche Anlage zum Schauspieler Sie haben. Kommen Sie. Zch bin Dido, Sie sind Aeneas. Die Szene ist eine Grotte. Wir setzten uns auf ein Himmelbette und zogen die Vorhänge zu; so wollte es die Hofrathin haben, um den Ort recht grottenmäßig vorzustellen. Ich schlank meinen Arm um ihren Nacken, küßte ihr seidnes Haar, das blond in langen Lo- 40 cken rollte und um die Schultern schwamm. Kleine Liebesgötter machten die Zuschauer. Sylphen spielten, Amoretten schäkerten, küßten. Hymen hielt Wache, nur seine Fackel brannte mit Wohlgeruch und jenem geistigen Feuer, das der verliebten Scherze nicht störet, der Wollust Reize erhöht, und zu liebevollen Küsten vielfacher einladet. „ Da ruhte die Schöne im Licblingsarm, „Zum Throne der Wollust von ihm geführt. „ Wie ward am Feuerbusen die Brust ihm so warm, „ Wie ward er vom Schauer der Liebe gerührt!" Die Szene ging ganz vortrefflich. Demun- geachtet schrie die Hofrathin: Da (üsxo! — Zch deklamiere noch besser. — Auf einmal hörten wir in unsrer Grotte Fußtritte und leises Gemurmel. Es war der Hofrath, dem man meine öftern Besuche hinterbracht haben mochte. So gutmüthigen Temperaments er auch immer war, und so tolerant er im Punkte der ehelichen Po- Uzey dachte, so scheute er doch das öffentliche Gerede und wollte nicht gern xuKUce für einen H — rci passiren. Wie ein aufgescheuchtes Reh aus dem Gebüsche fährt, wenn die bellenden Hunde es verfolgen, oder wie das sechzehnjährige Mädchen erschrickt, wenn unter Nachtigallenfiöten, im Schatten einer Nosenlaube, die Hand ihres Liebhabers furchtsam und blöde es wagt, die schönen Roftnknöspchcn des Grazienbusens zu enthüllen, und nun plötzlich die besorgte Mutter erscheint und sie überrascht, so fuhren wir auseinander und verließen das Himmelbette. Die Königin Dido schob, so gut es gehen wollte, die blas- rothen Schleifen und das weiße Muselinkleid wieder in ihre alten Lagen; Held A'eneas rüstete sich standhaft zur Flucht. Das Gartenhäuschen, wo wir unser Duo- dram repräsentieren, lag hart an einem Flüßchen, einer Mühle gegenüber. Die Retirade durch die Thür war abgeschnitten und der Feind ^ 42 bereits im Anzüge. Aus Furcht vor dem Geschrei der ehelichen Tugend und den Bewillkom- mungen des Hofraths, resolvirte ich mich kurz, einen Salto-Mortal durchs Fenster zu wagen, und von da durchs Wasser zum Tempel hinaus. Weiter war auch für mich nichts übrig. Grade hatte ich noch so viel Zeit, meine Expedition auszuführen, und den Flug durchs Fenster s )s dkeriikin zu machen, als ich noch im Springen den Drücker an der Thüre knarren hörte. Der Hofrath trat herein. Um mich zu retten und seinen Augen während des Schwimmens über dem Fluß zu entziehen, umklammerte die ehrsame Dido ihn mit beiden Armen, überströmte ihn mit einer Sündfluth von Küssen, zog ihn mit Gewalt aufs Himmelbette, und der ehrliche Schaafskopf mußte nolen» volens den zweiten Theil unsers unterbrochenen Duodrams endigen. Zch kam naß wie ein Budel ans jenseitige Ufer; das Duodram gefiel, es wurde applaudirt, und — der Vorhang fiel. 45 Dieses nasse Intermezzo hatte meine heißen Empfindungen so ziemlich abgekühlt, und ich kehrte ganz bedutzt und schüchtern nach Hause, Eben wollte ich mich meiner triefenden Kleider entledigen, als Katrinchen in meine Kammer K'at. „So, Sie saubrer Passagier" — schrie sie — „ hat man Sie einmal erwischt? " „Ich bin ins Wasser gefallen, Katrinchen!" sagte ich mit einer wahren Armensündermiene; „helfe Sie mich auskleiden, und trockne Sie meine Kleider, damit Papa nichts merkt." Katrinchen. Ich bin ins Wasser gefallen? Du Lügenmaul! Meinen Sie, ich kenne nicht Ihre säubern Streiche; ich wüßte nicht Ihre Liebeleien mit der Hofräthin Sack? Gestanden Hab ich und gelauert, um Sie nur einmal recht derb ausprügeln zu sehen. Ich. Katrinchen! sei Sie gescheit! was geht mich die Hofräthin an. 44 K'atrinchen. Ei du liebe Unschuld! ja wers glaubte. Damit Sie es nur wissen, Moßie Flattergeist, ich wars, die es dem Hofrath und der ganzen Nachbarschaft ausposaunte, was für schöne Streiche Sie und die Hofräthin im Gar- tenhauschen vornehmen; ich war es, die den Hofrach zurück brachte, damit er seinen ehrsamen Tugendspiegel ertappen und den Störer seiner Zufriedenheit derb ausprügeln sollte; ich bin es, die nun den Augenblick hingeht, es Herrn Storch und dem Papa zu sagen, was für ein feiner Zeisig Sie sind. Freuen Sie sich! Ich bat, ich weinte, fiel auf die Knie — alles vergebens! Katrinchen war und blieb unerbittlich. Alles ward entdeckt, und ich genoß nur noch eine Nacht in den Armen meiner groß- müthigen Hofräthin. In der Geschwindigkeit zog ich mich um, und zum Tempel hinaus. Ich schleuderte ins Freie und wandelte unwillkührlich nach dem kleinen Gehölze, wo ich jenen seligen.Traum von 45 Katrinchen hatte, und in der Eptase statt dieser die Hofräthin umarmte. Als es völlig dunkel war, und das Wetter in des Hofraths Hause abgetobn zu haben schien, kroch ich aus meinem Winkel, suchte meinen Schlüssel hervor und schlich wie ein Verschworner durch die Hinter- thüre nach dem Gartenhäuschen. „Noch einmal werde ich dich sehen — rief ich mit einer tragischen Attitüde im Tone des Theseus aus, als er seine A riadne zum leztenmale umarmte — vielleicht zum letztenmale!" Bald darauf sähe ich etwas Weißes die Allee herunterkommen. Es war die Hofrathin. Sie beruhigte mich ihres Mannes wegen, und erzählte mir, was während meines Luftsprungs vorgefallen war. Sie beweinte mein Schicksal, gab mir Geld, gab mir Empfehlungen, und ich durchwachte die Nacht in den Armen meiner großmüthigen Wohl- thäterin. Kaum graute der Tag, drückte ich den Abschiedskuß auf ihre Lippen, wanderte in Gottes Namen von dannen, und schüttelte den Staub von den Füßen. Roch einmal wandte ich den Blick nach dem Gartenhauschen und meiner reizenden Dido, erinnerte mich mit Lächeln der gestrigen Scene in der Grotte, und rief beim Verschwinden des geliebten Schauplatzes mit einem wehmüthigen Seufzer: ki'uimus "l'ross! Zwar wußte ich selbst noch nicht, wohin die Reise eigentlich gehen sollte, aber ich wanderte doch auf gut Glück so muthig fort, als ging ich dem lachendsten Glücke entgegen. Noch hatte ich Hoffnung, und die laßt nicht zu Schanden werden; ob sie gleich, wie Plato sagt, nur ein Traum der Wachenden ist. Ich hatte Geld und Empfehlungen in der Tasche, und somit reiste ich unbesorgt fort. Ich hatte das Glück im achtzehnten Jahre die Welt zu sehen, und, mir selbst überlaffen, jede Menschenfreude zu genießen, die sich mir darbot. Ich durchreiste Städte, wo mein Geld, meine Person mir die beste Aufnahme verfchaften. Ich sah Spröde, sah Koketten — sah Kinder der Natur und genoß sie alle. Von allen konnte ich sagen: 47 „Der freigewölbte Busen stieg „ Von Wollustahndungen, „ Die braunen Augen schossen Blitz, „ Streit zu verkündigen." Mein erstes Abentheuer war in der Residenz eines der ansehnlichsten Grafen deutscher Nation. Dort lebte eine Freundin meiner Wohlthäterin, der ich empfohlen ward. Ich hatte das Glück ihr zu gefallen, und sie bewies mir abermals, wie edel ein Weib handeln kann. Sie war eine reiche Wittwe, die Frau eines Kaiserlichen Majors, die in ihrem Alter von ungefähr dreißig Jahren noch immer nicht nöthig hatte, alle Ansprüche auf Schönheit aufzugeben. Sie faßte besonders eine sehr vortheilhafte Meinung von mir, und ich erhielt die Erlaubnis', sie zu besuchen. Der Teufel hatte aber sein Spiel mit mir, und wo er nicht selbst hinkommt, da schickt er einen Pfaffen. So ging mirs auch. In der Nachbarschaft meiner schönen Wittwe wohnte ein Geistlicher, der, wie ich hernach erfuhr. 48 selbst sein lüsternes Auge auf die Majorin geworfen hatte. Schon ehe ich noch in dieser Stadt vegetirte, belagerte er unaufhörlich das gute Weibchen mit seiner Liebe, fand aber kein Gehör und zog in aller Stille ab. Meine täglichen Besuche erregten seine Aufmerksamkeit. Er legte sich aufs Spioniren und hörte: daß der Wittwe Schatulle auch die meinige wäre, daß ich Tag täglich ihre Tafel genöße, Tag für Tag in ihrem Hause, wie in dem meinigen, aus-und einginge u. s. w. Auch das Geschwätz des vornehmen und geringen Pöbels kam zu seinen Ohren, daß ich nehmlich gewisse Gunstbezeugungen von ihr erhielte, die vor mir noch keiner erhalten hatte. Das war genug, mich seiner Rache aufzuopfern. Als Beichtvater des regierenden Neichs- grafen hatte er das Gewissen Sr. Erlaucht in seiner Gewalt. Er malte mich demselben als einen höchst gefährlichen und verdächtigen Menschen ab, und ich erhielt aus der hochgräflichen Kanzlei das Oonsiliulu sbeunäi; das heißt. mau 49 man verwiest mich förmlich aus dem hochgräfli- chen Gebiete. Zch war zu stolz, um zu bitten, und zu eitel, eine Beleidigung dieser Art ungeahndet von mir abzulehnen, machte deshalb einen Plan, mich an dem Pfafflein zu rachen, und legte gleich Hand an das Werk. Die Wittwe hatte eine Kammerjungfer, die der lüsterne Pater ebenfalls seiner Minne würdig fand, und da die Zofe nicht spröde war, ließ sie sich für einige blanke Dukaten willig zur Ausführung meines Plans gewinnen. Dieser bestand darin, daß das Mädchen zu dem Schwarzrock gehen und ihm weis machen mußte: die Frau Majorin habe sich nun endlich einmal zum Ziel gelegt, und sie wäre bereit, ihm in allen willig zu folgen, und seiner Liebe Gehör zu geben. Der Pater sollte ja nicht säumen, diesen Abend zu erscheinen, man würde dann alles besser mündlich mit ihm verabreden. I. Bändchen. D Zo Meine Wittwe billigte meinen Plan, und ich machte mit ihr noch die übrigen Anordnungen zur Züchtigung des Pfaffleins. Der Abend kam, und mit ihm der verliebte Geistliche. Er war so außer sich, daß er den Augenblick kaum erwarten konnte, der ihn der Wollustextase naher brächte. Er umarmte die Wittwe und suchte sie an ein Sopha hinzudrängen. „Sachte! sachte!" sagte sie, „Herr Pater, wir wollen es uns komoder machen. Ziehen Sie sich aus und legen Sie sich mit mir in mein Bette." Er. Dies will ich wohl thun, aber — wenn Jemand käme — S i e. Zch lösche die Lichter aus und schließe die Thüre ab. Die Wittwe ging zur Thür hin, that als schlösse sie zu, und löschte die Lichter aus. Zn dem Augenblicke schlich das Kammermädchen zur Thür hinein und die Wittwe hinaus. Die Zofe vertrat nun ihrer Gebieterin Stelle, that als käme sie zurück, entkleidete sich mit dem schwarzen Sündenbock und — begab sich mit ihm zu Bette. Nach Verlauf einer halben Stunde trat ich mit meiner Majorin in das Zimmer, und das Erste, was ich that, war, mich der Beinkleider Sr. Heiligkeit zu bemächtigen: denn dieses Lorpus äölicti schien mir zu meinem Plan äußerst wichtig zu seyn. Wir näherten uns dem Bette, beleuchteten das niedliche Pärchen, und baten den verwirrten Adonis um Vergebung, daß wir ihn gestört hätten. Wie vom Donner gerührt starrte der bedutzte Prälate bald die Majorin, bald mich an, und konnte kein Wort zu seiner Verteidigung Hervorbringen. Endlich fing ich an: «Sehen Sie, Herr Pater, Sie haben mich von hier verdrängen wollen, haben den guten Ruf dieser Dame durch Ihre hämische Prozedur verdächtig gemacht, und D 2 Z2 glaubten dadurch Ihrem Zwecke näher zu kommen. Aber Sie haben sich geirrt, mein Herr. Ich bin weder gefährlich, noch verdächtig, bin kein Abentheurer, diese Frau ist weder eine Buhl- dirne, noch so tief gesunken, die H— eines Pfaffens seyn zu müssen. Merken Sie sichs, Herr: Wer die Ehre eines braven empfindungsvollen Weibes lästert, ist ein Bube, und verdient Züchtigung. Ihre Strafe sey: daß Sie morgen zum Grafen gehen, dort widerrufen und die Zurücknahme meiner Verweisung bewirken, oder, so wahr Gort lebt! die Geschichte erscheint morgen gedruckt, und Zhre Beinkleider prangen auf öffentlichem Markte zur Schau." Was war zu thun? Die Sache war ernsthaft und konnte, wenn sie ruchbar wurde, für den Geistlichen von sehr nachtheiligen Folgen seiW. Er überlegte nicht lange, und versprach meine Bedingungen pünktlich zu erfüllen. Um mich ganz sicher zu stellen, mußte er mir noch einen schriftlichen Revers geben, der ebenfalls wider ihn zeugte« Ich erhielt in ein paar Ta- 53 gen den verlangten Widerruf meiner Verbannung, und sendete, nebst einem verbindlichen Schreiben, die Beinkleider an den Eigenthümer zurück. Kurze Zeit darauf verließ ich die gräfliche Residenz, ging nach Straßburg, um dort mein Glück zu machen. Ich wurde daselbst mit großen Männern bekannt, und legte durch ihren lehrreichen Unterricht, welchen ich getreulich benutzte, den Grund zu meinem künftigen Glück.*) Eine bayrische Gräfin, welche ich daselbst kennen lernte, nahm mich mit in ihr Vaterland, nachdem ich ihr vorher sehr glücklich einige Hühneraugen, womit sie sehr geplagt war, ausgeschnitten, und, wegen anderer Umstände, ein sehr heilsames Fontenell an den linken Arm au- *) Auch mit Cagliostro, Meßmer und andern Abentheuern des igten Jahrhunderts stand unser Held in genauer Verbindung. An merk, des Herausgebers. gebracht hatte, wodurch sie wieder zu einer sehr guten Gesundheit kam. Ich kannte den Hang der Bayern zur Ergötzlichkeit aus Erzählungen und Beschreibungen, und wenn dies zutraf, so war mein Glück gemacht. Ich ließ es darauf ankommeu, und siehe da, es gelang mir. Die bayrischen Mädchen liefern seltsame moralische Karrikaturen. Da wühlt ein Pfaffe mit der Hand in einem schönen Busen, der zur Hälfte mit dem Skapulier bedeckt ist. Dort sitzt ein schönes Kind, und hält in der einen Hand einen Rosenkranz, in der andern einen Priap. Dis fragt, ob man von ihrer Religion ist, denn mit einem Ketzer wolle sie nichts zu schaffen haben. Jene schlägt ein Kreuz über die Stirn, den Mund und die Brust, und pflanzt sich zur Wollustscene an die Mauer oder an eine Linde, während der Himmel im Donner und Blitz die Attitüde beleuchtet. Die Bayern lieben die Gemächlichkeit, das Wohlleben, hübsche Mädchen, Gastgebote, Mu- 55 sik, den Tanz, Kleider und Luxus, die Bäder und weiche Betten. Zch ließ alsobald ein Avertissement drucken, worinnen ich dem Publikum sagte, daß ich gekommen sey, der Sinnlichkeit den schönsten Thron zu errichten. Zch fand 8vo Subscribenten, miethete im Adler bei dem Gast- wirth Albert einen großen Saal, und errichtete in demselben ein Bett, welchem ich den Namen: Thron der Göttin aus Pa- phos, gab. Das sogenannte himmlische Bett des berüchtigten Doctor Graham in London gab mir die erste Idee dazu, und war demselben völlig gleich. Doch war der Preis etwas geringer, als jener in London, um sich hier den schönsten Zauber der Sinnlichkeit zu überlassen. Röl- lig aus Wien spielte auf einer Harmonika, und drei niedliche Münchner Grazien, Therese, Nannchen und Lieschen, bewillkommten die Fremden mit Götterahnlichen Erfrischungen. Zn leichten Gewändern gehüllt, verrieth jede Falte eine weibliche Schönheit, die die Begierde nach Befriedigung noch mehr entzündete. Mein Z6 paphischer Tempel erhielt Ruf, binnen vier Wochen hatte ich 2OO Louisdor in der Tasche, und einen Brillantring am Finger. Therese, Lieschen und Nannchen blieben im Netze hangen und wurden Mätressen bei dem Grafen von Seeau, mir inhibirte die Obrigkeit, die dem Spectakel nicht langer Zusehen wollte, mein Verfahren, verschloß den Saal, wo sich der Thron befand, und rieth mir ganz höflich, mich von dannen zu begeben. Zeh zog in aller Stille ab, und ging gra- desweges nach Paris. Mcßmer trieb grade zu der Zeit fein Wesen. Zch ward sein Schüler, nahm meine Zuflucht zum Magnetismus, brachte es auch wirklich dahin, daß eine allerliebste junge Dame, deren Vater Gesandter eines angesehenen Deutschen Hofes in Paris war, Somnambüle wurde, und in dieser Krisis sich folgendes Mittel für ihren Zustand selbst verordnete: „ Man führe den Grafen S. in meiw Ca- «binett; er lege sich zu mir ins Bett, 57 „ drücke seiüe Lippen fest auf die meinigrn, „und bleibe dann, bis sich das weitere von „selbst giebt, in meinen Armen, und ich „werde alsobald wieder gesund werden." Der Graf befolgte die Vorschrift, und die junge Dame genaß. Allein nach einigen Monaten zeigten sich die Spuren jener berühmten Wunderkur. Man meldete es dem Grafen und forderte ihn zu einer Heurath auf. — Er antwortete: ich habe die Dame zu kuriren aber kei- nesweges zu Heurathen versprochen; man halte sich an den Magnetiseur u. s. w. Das Gewitter brach über mich los, und ich ging wieder nach Deutschland. Zn Bremen fand ich eine reichliche Erndte und erwarb mir vielen Ruhm, denn die Damen sind daselbst dem Magnetismus erschrecklich zu- gethan, und lieben den Somnambulismus sehr. Ich und der berühmte Doktor Pichler hatten mit Operationen alle Hände voll zu thun. Ware es mir mit dem Heurathen Ernst gewesen, ich 58 hätte ansehnliche Parthien thun können. Aber der Henker plagte mich, daß ich nachher nach St. Petersburg ging. Dort ist wenig zu thun. Die süßesten Empfindungen sind daselbst dem Froste so gut unterworfen, wie alle Körper des Thier« und Pflanzenreichs. Eine einzige Kur verrichtete ich an einer polnischen Fürstin, bei welcher ich es aber bewenden lassen mußte, weil die Nerven der andern Frauenzimmer von der Kalte daselbst in beständiger Elasticitat gehalten werden, und zu Krankheiten für magnetische Kuren nie genug in Unordnung kommen. Ich verließ das für meine Kunst so unwirth- bare Norden, und ging mit einem segelfertigen Schiffe nach Holland. Hier fand ich vollauf zu thun. Zch bekam zwei Töchter eines französischen Kaufmanns in die Kur, welche meiner Methode viel Ehre machten. Auch eine Opernsängerin, von Geburt eine Genueserin, hatte ich zu bedienen, welche mir 100 Pistolen schenkte, und mich noch obendrein mit ihrer Hand beglücken wollte. Allein ich schlug es unter dem Vorwand aus, ich sey schon verheurathet. Mit einer vollen Börse langte ich in Pyrmont an, und spielte an dem berühmten Pharotisch rouAE 6t voir. Der Gewinnst vom ersten Abend verleitete mich zu höhern Sätzen, und eh' ich mirs versah, ward meine Börse geleert. Wohl oder übel muste ich auf ein Rettungs- Mittel denken. Ein reicher Böhmischer Graf nahm mich als Sekretair an, und wir durchreisten die schönen Rheingegenden, die Schweiz, Schwaben, Franken, Baiern. Mein Gedächtnis; ist zu schwach, sich jeder genossenen Freude zu erinnern, weil ich mit offenen Armen jede Gelegenheit znr Minne aufnahm. Mein Herr Graf hatte Freuden in Fülle genossen , und die Quelle des Vergnügens war für ihn versiegt. Doch aber wollte er n o ch geniesten oder wenigstens zu genießen scheinen, und zettelte zu Prag mit einer Theaterprinzessin einen Liebeshandel an. Er nahm sie von der Bühne, 6o bezahlte deswegen Hannchen anGelde, was er ihr an Manneskraft nicht geben konnte. Mit Geld, sagt das Sprichwort, kann man alles; — aber nur Eins nicht: und eben dieses Eine wars, was Hannchen vorzüglich verlangte. Als ehemalige Aktrize kannte sie die Welt, und suchte das beim Diener, was ihr der Herr nicht geben konnte. Zch war zu höflich, war zu mitleidig, um ihr die kleinen — oder großen, wie man will — Dienstleistungen abzuschlagen; und sie hatte Verstand genug, den Werth meiner Dienste zu schätzen und zu belohnen. Drei Jahre lebten wir in vollkommner Einigkeit, drei Jahre küßte ich Hannchen in Ruhe, als ein unglücklicher Zufall den Grafen mit unsrer zärtlichen Freundschaft bekannt machte. Er bezahlte Hannchen ihren rückständigen Zahr- gehalt, und gab uns beiden den Abschied. Gewohnheit hatte uns einander nothwendig gemacht, und Unglück knüpfte das Band der Freundschaft noch enger. Wir gingen, nach Wien, 6i und ich staunte beim Anblick der Kaiserstadt. Hannchen ging wieder aufs Theater, und ihre gute Aktion verschaffte mir manche süße Stunde, erneuerte mir manches Vergnügen. Sie selbst ward mir wieder neu, und ich genoß mit erhöheier Wollust die Freuden der Liebe. Bekanntschaften in Menge drängten sich zu mir, und ich war durch Hannchen der beneidete Nebenbuhler. Ich war nicht eifersüchtig, weil ich die Regeln der Natur zu gut kannte, die nicht für einen allein ihre Werke schuf. Ich genoß jede Freude, die Wien zu geben fähig ist. Ich war der Gott manches Balles, manches Soupees; Fürsten und Grafen, Bischöfe und Prälaten hofirten mir, und ich ward nicht stolz, weil ich die Quellen dieser Schmeicheleien, dieser Lobeserhebungen kannte. Ich pflückte manches Wiener Blümchen, und lasse dieser Nation die Gerechtigkeit wiederfahren, daß sie es im Studium der Experimentalphysik und der natürlichen Attraktion weit gebracht hat. Nichts ist reizender, als eine geborne Wienerin. Ihr muntrer Witz, ihre naiven, unge- 62 nirten Ausdrücke, die Provinzialismen: Sie kleine Bosheit, Schneckerl, G'Spatz elma che r, papierln Sie mich nicht, und dergleichen; ihre Freimüthigkeit und Jovialität sind bezaubernd, sind hinreißend. Schön war der Abend im Prater, wo ich die erste nahe Bekanntschaft bei Musik und Wein mit ihnen machte. Sie sind ganz Natur, und folgen der Spur dieser holden Mutter unter allen gesittetseinwollenden Nationen am mehresten. Nie werde ich euch vergessen, holde Wienerinnen! Ewig seyd ihr meinem Gedächtniß eingeprägt, niedliche Brigidenaue und du reizendes Wäldchen mit deinen verwilderten Gängen und dunkeln Hecken! Nach einem dreijährigen Aufenthalt verließen wir die Kaiserstadt und gingen nach Berlin. Wie staunte ich beim Anblick des Sitzes der Wollust. Eine Schuwih fegte die Schatulle der Großen und Fremden, eine tolle Gräfin Lichten an beherrschte das Land, und ein ehemaliges Dorfschulmeisterlein, Namens Wöllner, wollte § dem Gewissen der Unterthanen des großen Friedrichs Fesseln anlegen. Mein Hannchen war eine Nonne in Vergleich der dortigen Theaternymphen ; sie hatten alle Schamröthe verloh- ren. Das Berliner Theater konnte uns nicht gefallen, ohngeachtet ein Engel demselben Vorstand ; wir segelten also nach Königsberg. Hannchen betrat das dortige Theater mit Beifall, und ein Kurländischer Edelmann, Namens Sacken, nahm sie von der Bühne und heirathete sie. Ich hörte einige Vorlesungen über die Kan- tische Philosophie, und privatisiere als Gelehrter einige Zeit in Königsberg. Um diese Zeit starb mein Vater plötzlich, und ich hatte das Glück, meine Wohlthäterin wieder zu sehen, genoß das Vergnügen, meinen pedantischen Lehrer, Herrn Storch, Unterhalt zu geben, und fand selbst Katrinchen, meine erste Lehrerin, meiner Wohl- thaten bedürftig. Das gute Kind hatte wirklich in ihrer Jugend gesunde Grundsätze, aber jetzt, wo das Alter schon anfängt ihren Nacken zu krümmen, betet sie viel. »Wohl ihr, daß sie noch ei- 64 iien Gefährten auf dieser sündigen Weltbahn bekommen hat! Mein Herr Hofmeister hat die Narrheit begangen, sie zu heirathen, und ich sah hieraus, daß Katrinchen noch nicht ganz dumm vom Alter geworden ist, weil sie noch Verstand genug gehabt hat, einen alten Pedanten in die Schlinge zu ziehen. Wohl ihm, daß er ein tu- gendsames Weib hat, die viel betet und — viel keiftIch will ruhig bis an meinen Tod, den ich ruhig im Arm der Liebe erwarten will, mit Hölty singen: „ Süße heilige Natur „ Laß mich gehn auf deiner Spur, „ Leite mich an deiner Hand, „Wie ein Kind am Gängelband." Wohl wird mir seyn, wenn ich dann einst im Winter meines Lebens auf die durchlebte Laufbahn zurücksehe! — Alles nahm ich dankbar aus deinen gütigen Händen, milde Geberin! Nichts verschmähteich, alles genoß ich, was du mir gabst, und dankbar schlug mein Herz für dich nach 65 nachdem Genuß der kleinsten deiner Gaben! Zch war ein folgsamer Sohn, und* gefiel dir; und darum überschüttetest du mich auch reichlich mit deinen Gaben; darum gabst du mir Mädchen, schön wie Mahomeds Araberin, in der er sein Paradies fand. Darum gabst du mir Wein zur Stärkung in ritterlichen Spielen; darum gabst du mir seht noch Kraft, dir thätig meine Dankbarkeit zu bezeigen. Darum gabst du mir eine Luise, in deren Armen ich jetzt noch die höheren Freuden der Liebe genieße, die du deinen Kindern bereitest. Dank sey dir Mutter dafür! Danken werde ich noch mit lallender Zunge, danken, wenn die Seele diese sterbliche Hülle verlaßt. I. Bändchen. E HI. Der deutsche Ritter d'Eon. „Unschuld ist heut zu Tage eine Galanterie, die man der Gesellschaft bei einem Glas Wein zum Besten giebt." K o tz e b u e. An einer der schönsten, fruchtbarsten Gegend Frankens, eine Stunde von Bamberg, liegt das fürstliche bambergifche Lustschloß Seehof. Es heißt eigentlich die Marquardsburg von seinem Erbauer Marquard Sebastian Schenk von Staufenberg; dieser Name ist aber nicht mehr gebräuchlich, sondern man nennt es nach dem nahe dabei gelegenen Dorfe Seehof. In diesem Dorfe lebte im Jahr 1776 ein Mädchen, dessen körperliche Schönheit alles übertraf, was Maler und Dichter so sehr begeistert. Am Busen der Natur genährt und erzogen, veredelte sie ihre Reize durch Unschuld und Sittsamkeit. Ihre Eltern lebten im Dorfe von Gärtnerei und ein paar Kühen, und das schöne Röschen mußte täglich Blumen, Früchte, Butter und Milch nach der Stadt bringen. Ihren kleinen Kram wurde sie immer bald los; denn wer hätte wohl dem schönen Kinde nicht gern und willig .abgekauft. Mancher Wollüstling, zwar edel von Namen aber unedel von Denkungsart, gierte nach dem Genüsse der lieblich duftenden Rose, und da Röschen frohen Humors, frei und gegen Jedermann gefällig war, schien dieser Raub ihm leicht; aber vom Gegentheil ward er überzeugt, so bald er seine Absicht sich nur im geringsten merken ließ. Barone und Grafen, Domherren und Mönche kneipten mit sybaritischem Lächeln dem reizenden E 2 68 Kinde in die Wangen; Männer aus allen Stänr den tändelten um sie herum und brachten ihren Reizenden gebühren den Zoll. Oesters schon hatten sie in der einen Hand eine schwere Börse gewogen, und indem sie diese der ländlichen Unschuld zury Lohne des Lasters darboten, den andern Arm zu Freiheiten gekrümmt, die sich mit ihren Begriffen von Tugend nicht vertrugen. Röschen, obgleich arm, verachtete alles Gold, und weder Schmeicheleien noch Geschenke machten ihre Tugend wankend. Noch wurde sie roth bei jedem Worte, das die Tugend beleidigte, noch wies sie jeden trotzig zurück, der durch Worte und Mienen die Grenzen der Unschuld überschritt. — Ach! wenn sie dir immer hatten blühen sollen die Blumen der Unschuld, gutes Mädchen, so hättest du bleiben müssen im Schoße der Natur, nicht gehen sollen in goldene Städte, wo man Unschuld wie ein Märchen verlacht. Auf dem Lande wärst du glücklich gewesen, warst eine Mutter gewon 69 den, hättest gute Kinder herangezogen für die Nachwelt! — ' Röschen brachte gewöhnlich in das Haus eines Grafen Schönborn wöchentlich zweimal Milch, Butter, Gemüse und Früchte. Der Graf, ein junger, wohlgebildeter Mann, der in seinem Aeußerlichen alles hatte, um zu gefallen und einzunehmen, hatte Röschen schon einigemal auf der Treppe begegnet. Wenn er sie sah, so verweilten seine Augen mit einer wollüstigen Begierde auf ihr. Und sie, das Mädchen voll Unschuld, freundlich und vertraulich gegen jeden, sah ihn immer mit dem großen blauen, lächelnden Auge unbefangen an; senkte aber den Blick gleich wieder schamrot!) zur Erde, wenn sie merkte, daß sein Blick etwas mehr als einen freundlichen Gruß erspähe. Schönborn, so jung er war, so geschickt war er dennoch in der Kunst sich zu verstellen, die er von den Meistern derselben, den Menschen aus den höhern Ständen in Paris und Londen, unter denen er erzogen und aufgewachsen war, erlernt hatte. Seinen Charakter zu erforschen, war so schwer, als die Farbe eines Chameleons zu bestimmen, und vermuthlich wären selbst Lavater und Nicolai von seiner Physiognomie getauscht worden. Man glaubte in seinem Gesicht Redlichkeit zu lesen, und fand Falschheit in seinem Herzen; sein Auge verkündigte Geradsinn und Offenheit, aber dieser so oft trügende Spiegel der Seele trog auch bei ihm. Liebe war ihm blos sinnlicher Trieb, und Mädchen-Tugend Unding und Maske. Mit diesen Grundsätzen — wenn man anders Grundsätze nennen darf, was eigentlich bloß Nachäffung war — sah er Röschen, und seine Begierden wurden entflammt. Ihre Befriedigung ward nun sein Wunsch, und um der Erfüllung desselben um so gewisser zu seyn, nahm er sich vor, langsam und mit Vorsicht zu Werke zu gehen. Da er seinen ganzen Verführungplan überdacht und entworfen hatte, ritt er einst an einem 7r schönen Sommernachmittag nach Seehof, hielt vor Röschens Thüre still, stieg vom Pferde und trat rasch in die Stube. Vater und Mutter waren im Garten beschäftigt, Röschen saß eben beim Butterfasse. — „ Guten Tag, lieb Madel!" sagte er mit einer freundlichen Miene; «, da komm ich ja gerade recht zur frischen Buttermilch. Willst du mir wohl einen Labetrunk reichen? " „O ja, sagte Röschen dreist, Buttermilch können Sie haben, soviel Sie wollen, und auch Drod, wenn Sie d.amit vorlieb nehmen wollen." „Brav! Mädel," sagte der Graf „gieb, gieb! die Hitze hat mich abgemattet." Röschen spielte hurtig ein Glas ans, goß Milch darein, brachte Brod und überreichte beides dem Grafen. Schönborn schwatzte dann eine Weile mit ihr und hatte das Vergnügen, seine Fragen alle sehr naiv und ländlich unschuldig beantwortet zu sehen. 72 Um nun eine schwache Seite zu entdecken, auf welcher ihm der Angriff leichter werden könnte, entschloß er sich, "Röschen erst näher kennen zu lernen. Er unterhielt sich daher mit ihr von Tugend und Religion, suchte unvermerkt ihre Meinung von diesem oder jenem Gegenstände zu erforschen, und äußerte dann nach einiger Zeit die nämliche als seine eigene. Zuweilen ergriff ihn seine sybaritische Laune, und seine Zunge plapperte Zweideutigkeiten, bei denen Röschen errö- thete; so bald er es gewahrte, lenkte er wieder ein und nahm die Maske der Frömmigkeit vor. Mittlerweile trat der Vater in die Stube; er stutzte, einen so vornehmen Herrn bei sich zu sehen: allein der treuherzige Ton, mit dem der Graf ihn begrüßte, und dabei so vertraulich die > -Hand drückte, machte ihn ebenfalls beherzter. Zudem war Schönborn kaiserlicher Minister; keine geringe Ehre von einem besternten Herrn besucht zu werden. — Die ersten Gespräche betrafen des ehrlichen Jacobs Gewerbe, sein Nahrungs - und Hausstand, und wie natürlich, kam man auch auf die schweren Abgaben. Der Graf versprach Erleichterung, und drückte dabei ganz unbefangen dem einfältigen Landmanne ein Dutzend Holländer in die Hand. Endlich, wie von ohngefahr, drehte sich der Faden des Gesprächs auch auf Röschen. „ Ihr habt ein braves Mädel, sagte Schönborn, ein recht brav Mädel! Wie alt ist sie wohl?" „Ja, gnädiger Herr!" versetzte Jacob, „ich und meine Frau sind ihr auch recht gut! Nicht wahr Nösel? — und du uns auch! — sie geht ins sechszehnte Jahr." Der Graf stand dann auf, nahm den gut- müthigen Jacob recht freundschaftlich bei der Hand und führte ihn nach dem Garten. „Hört einmal," sagte der Graf zu ihm, als sie allein waren; „was wollt ihr denn aus eurer Tochter machen? " „Ach lieber Gott," sagte der Mann, „was der im Himmel aus ihr machen will — der weiß 74 doch am besten. Zwar Hab ich oft in meiner Einfalt gedacht, sie ist zu gut fürs Dorf; — aber — gnädiger Herr, es wird nicht alles, wie man's denkt." „ Ich sehe, ich habe einen braven vernünftigen Mann vor mir," erwiederte der Graf. „Euer Röschen gefällt mir. Meine Frau hat mir schon so lange angelegen, ihr ein Kammermädchen zu verschaffen, die für sie arbeitet und mit ihr spricht, wenn ihr die Zeit lang wird. Euer Röschen ist artig und sittsam. Meine Frau würde eine Freude haben, wenn sie ein solches Mädchen hätte. — Nun, wollt ihr wohl?" Der arme Jacob wurde durch dieses Anerbieten, dem er gleich im Herzen Beifall gab, in Verlegenheit gesetzt, was er geschwinde sagen sollte. — „Ei — gnädiger Herr! wollen Sie mir nicht Bedenkzeit geben? Ich muß erst mit meinem Weibe davon reden." „Ei, was Bedenkzeit," sagte Schönborn, „das braucht es nicht. Wenn ihr wollt, gleich die Hand darauf." Nun rief Jacob seine Frau herbei, die bei Anhörung der bevorstehenden Veränderung ihrer Tochter freilich wohl auch Schwierigkeiten hatte; besonders da Röschen, wie sie äußerte, weder kochen noch nähen könne. Allein der Graf versicherte, seine Frau würde sie darinnen schon unterrichten lassen. „ Macht doch keine Bedenklich? keiten!" sagte endlich der Graf. ,»Morgen lasse ich eine Kutsche herfahren, worinnen eure Tochter abgeholt werden soll. Sie wird es in meinem Hause gewiß recht gut haben. " „Eine Kutsche! —" schrie das Weib freudetrunken aus — „Eine Kutsche! — Mann! Mann! hörst du's, in einer Kutsche wird sie abgeholt — denk nur! Was die Nachbarn für Augen machen werden! Topp, gnädiger Herr! — Ich gebe sie Ihnen! Sie haben ein ehrlich Gesicht ! Aber nehmen Sie sie ja gut in acht!" „ Wunderliche.Frau! Nichts als Liebes und Gutes soll eurem Röschen geschehen!" Vater und Mutter gingen mit dem Grafen wieder in die Wirthsstube. Er bezahlte die Wirthin sehr freigebig und drückte Röschen beim Fortgehen ein großes Sitberstück in die Hand. Gewonnen hatte er das Spiel. Wir müssen dem Leser auch eine kurze Schilderung von Schönborns Gemahlin liefern, um ihn in den Stand zu setzen zu beurtheilen, in welche Hände das Mädchen hingegeben war. Sie war ein kaltes Weib, das nicht die geringsten Ansprüche auf Schönheit machen konnte Er hatte ste geheurathet, weil er dadurch mit einem alten fürstlichen Hause in Verbindung kam. Da er die Freuden der Liebe bei seiner Gemahlin nicht genießen konnte; so entehrte er die Unschuld junger Mädchen, und machte ehrliche Männer zu Hahnreien. Er galt allgemein für den größten Wollüstling seiner Zeit. Am andern Tage kam wirklich die Kutsche, hielt vor der Thür, und Röschen sollte von ihren Eltern scheiden. Hier kostete es dem ehrlichen Alten doch eine Thräne, seine Tochter so fortzuschicken. Auch die Mutter weinte! Rös- 77 chen ward warm ums Herz; doch das bevorstehende Glück überwog alles. Beide Eltern hoben sie in den Wagen, wünschten ihr Glück und Segen, und der Wagen flog mit ihr davon. Röschen- saß mit einem dunkeln Gefühl im Wagen. Es war ihr bang und weh; aber weinen konnte sie nicht. Die mancherlei bunten Zdeenvon dem herrlichen Leben, welches ihrer wartete, machten bald die bangen Gefühle des Abschieds von ihren Eltern schwinden! Der Wagen hielt still. Röschen stieg aus, wurde der gnädigen Herrschaft vorgestellt, erhielt Zeichen der Zufriedenheit, und mußte ihr Bauerngewank mit einer zierlichen städtischen Kleidung verwechseln. Diese neue Verwandlung brachte bei ihr ganz sonderbare freudige Gefühle hervor, und sie konnte nicht unterlassen, für Freude hoch aufzu- springen, als sie von ungefähr ihr reizendes Wesen in dieser modischen Verwandlung vor einem großen Pfeiler-Spiegel erblickte. Nun war Röschen mit ihrer Unschuld allein im Hause Schönborns, und dieser suchte alles 73 > hervor, ihr das neue Leben so reizend als möglich zu machen. Einige Wochen waren schon verstrichen, ohne daß der Graf seinem Entzwecke merklich näher gekommen wäre. Doch er wußte nur zu gut, daß zu Erreichung seiner Absicht Verstellung hier nothwendig sey; er kannte das weibliche Geschlecht zu gut, um sich nicht in den Schranken der größten Enthaltsamkeit zu tummeln, und dies gelang ihm so wohl, daß Röschen in kurzer Zeit seine Gesellschaft selbst suchte, da sie sie vorher geflohen hatte. Des Grafen Aeußeres hatte gleich anfänglich Eindruck auf sie gemacht, und dieser Eindruck war vielleicht ein mitwirkender Grund, daß sie die Gestalt, in welcher er sich ihr jetzt zeigte, für seine wahre hielt, da sie noch überdies bei niemand Verstellung vermuthete, weitste selbst ihrer unfähig war. Genug, ihr war der Graf werth, und in ihrem Busen erregte sich eine Empfindung gegen ihn, die sie so wenig zu benennslr -wußte, als sie Kunst und Geschicklichkeit sie ihm zu verheimlichen hatte. 79 Freude durchglühte den Grafen, als er den Ausdruck dieser Empfindungen, die er ganz richtig mit dem Namen: Liebe, belegte, in ihrem Gesichte las, und die Aeußerungen derselben so deutlich in ihrem ganzen Wesen bemerkte; doch hinderte ihm dies nicht, recht mit Ueberlegung zu Werke zu gehen. Er ließ Röschen noch nichts von seiner Leidenschaft merken, suchte aber den Funken, der in ihrem Herzen gezündet hatte, immer mehr anzufachen, damit er verzehrendes Feuer werden möchte. Hierdurch kam es in kurzem so weit mit dem armen Röschen, das; ihr etwas fehlte, wenn sie zufälliger Weise den Grafen einen Tag lang nicht gesehen oder gesprochen hatte. Sie suchte sich denn immer ein Gewerbe in Gegenden des Hauses zu machen, wo sie ihn vermuthete, und die Freude, die aus ihren Augen funkelte, wenn sie ihn fand oder er freundlich mit ihr sprach, verrieth deutlich genug, daß sie ihn gesucht hatte. Der Graf war zu hellsehend, um dieses nicht zu bemerken, und freute sich schon heimlich seines Triumphs. 82 Was Röschens Anschuld vollends untergrub, war die Gesellschaft der Domestiken, wo sie oft Worte hörte, über die sie anfänglich erröthete, und Dinge sah, wovon nie ein Gedanke in ihrer reinen Seele aufgestiegen war. Sie gewöhnte sich allmählich daran, dergleichen Worte zu hören, ohne roch zu werden; dergleichen Dinge zu sehen, ohne die Augen niederzuschlagen. Mit der Zeit lächelte sie sogar darüber und fand Freude daran. Das sah und merkte alles der Graf, und um so gewisser versprach er sich baldige Erreichung seines Entzwecks. Eine Scene veranstaltete er noch, um ihre Sinne dadurch zu reizen. Sein Kammerdiener hatte ein Liebchen, die eben nicht all zu züchtig lebte. Bei dieser schlief in demselben Zimmer Röschen, und ihr Bette trennte nur eine dünne Bretterwand. Eines Abends mußte sich auf Befehl des Grafen der Kammerdiener zu dieser Dirne schleichen, und sie zu einem verliebten Duodram beschwatzen. Lautes Stöhnen und Aechzen weckte Röschen aus dem kaum kaum begonnenen Schlafe. Sie fuhr von ihrem Bette auf, sah beim Scheine des Mondes, wie ihre Schlafgefährtin einen Mann in bloßem Hemde in ihre Arme schloß, ihn küßte und drückte; wie sie endlich anfing zu keuchen, ihre Lippen bebten, der Odem stockte, die Augen brachen. — Dieser Auftritt trillte alle Fibern des unkundigen Mädchens; sie schauterte und zitterte an allen Gliedern, und auch ihrem Busen entschwand ein leises Ach! — Daß ihre erhihte Einbildungskraft sie nicht viel ruhen ließ, ist leicht zu erachten. Nachdenkend über die gestrige Scene verließ Röschen ihre Ruhestätte. Zhr fehlte etwas, aber sie wußte selbst nicht, wie sie es nennen sollte. Mit allem Fleiße schlich sie nach den Gegenden, wo sie den Grafen vermuthete, doch dieser verbarg sich den ganzen Tag und auch den folgenden, so sauer es ihm auch wurde", damit ihr Verlangen nach ihm sehnlicher werden möchte. F I. Bändchen 82 Länger konnte es Röschen nicht mehr aushal- ten, sie mußte den Grafen sprechen. Zn der Abenddämmerung schlich sie sich ins Kabinet, und fand ihn im Schlafrock auf einem Sopha. „Sind Siekrank, gnädiger Herr," fragte sie ganz theilnehmend, „daß ich Sie gestern und heute noch nicht sah?" Der Graf, nunmehr von ihrer Liebe zu ihm hinlänglich überzeugt, hielt es für überflüssig, ihr länger die seine zu verbergen. Er erklärte ihr also, daß er bloß deswegen ihren Anblick so lange vermieden, weil er nicht glaube, daß sie so viele Aufmerksamkeit für ihn haben würde, feine Liebe mit Gegenliebe zu erwiedern. Er schilderte ihr daher mit allem Feuer eines entzückten Liebhabers seine heiße Liebe, und fragte dann mit ängstlichem zweifelhaften Tone: ob auch sie etwas für ihn empfinde? Röschen schwieg, schlug erröthend die Augen nieder, und ein tiefer Seufzer drängte sich aus ihrem Busen hervor. Dieses waren zu günstige 83 Vorbedeutungen, als daß der Graf nicht weiter hätte gehen sollen. Er zog Röschen an. sich, küßte ihren niedlichen Mund , ihre brennenden Lippen, ihre funkelnden Augen. Das arme Kind zog zurück und wußte nicht gleich, was ihr wiederfuhr. Er nahm ihre beiden Arme, schlang sie um seinen Hals, drückte ihren schwellenden Busen an seine klopfende Brust, schnürte ihr Leibchen auf, aus welchem zwei der schönsten Brüste hervorquollen, und seine Hände schwelgten an den festen Knospen der niedlichen kleinen Hügel. Küsse auf Küsse erhöhten den Reiz der brennendsten Sinnlichkeit, und sie, das glühende Mädchen , erwiederte seine Küsse mit nicht wenigerem Feuer. Des Grafen Hände sanken endlich von dem Busen zu dem Schoß hinab, glitschten an den runden, festen Schenkeln hinan, und berührten den Ort der Zauberei und des Vergnügens. Röschens Augen verloren das Sehvermögen ; sie versank in eine wollüstige Ohnmacht und ließ maschinenmäßig alles mit sich machen. F 2 84 Diesen Zeitpunkt hatte der Graf schon lange ersehnt. Ohne ein Wort zu sagen, löste er den Nock und alle Schleifen ihres Leibchens , riß ihr das Hemde mehr ab, als er es auszog, und genoß schwelgend in der Wollust Heiligthum. Röschen lag unbeweglich, ihr entstieg Geist und Leben!-- Aber welche Foltern zerfleischten ihren Busen, als sie wieder aus dem Taumel erwachte. Heiße Zähren stürzten auf den pochenden Busen herab, in welchem Reue tobte. Sie machte dem Grafen Vorwürfe; dieser bot seine ganze Beredsamkeit auf, sie zu beruhigen, und durch den Schwur, sie nie zu verlassen, und einer ewigen Liebe, gelang es ihm endlich. Irre geleitet durch Leidenschaft, und sicher gemacht durch die Ueber- redung ihres Verführers, erlaubte sie ihm in der Folge mehreremale dergleichen verliebte Jnter- mezzen. „Ich bin nun einmal verloren, weg ist meine Unschuld! Hin ist hin! — Mags seyn! —" das waren die Gedanken, die sie nun 'fest hielt. 85 Ern Fehltritt zieht öfters mehrere nach sich, dies war auch bei Röschen der Fall. Mehrere Monate waren bereits verstrichen, als das arme Mädchen bei einem wiederholten Liebesauftritt dem Grafen mit schwacher Stimme und Scham- röthe entdeckte: daß sie sich schwanger fühle. Der Graf hatte diese Nachricht schon seit einiger Zeit befürchtet, und sich also zu einem satanischen Plane vorbereitet. Er ließ weder Verwunderung noch Verlegenheit merken, sondern umarmte feurig das unglückliche Mädchen. „ Laß uns nun aber auch — fuhr er nach kurzem Stillschweigen fort — einen Plan mit einander verabreden. Daß ich mich nicht öffentlich als Vater des Kindes erklären darf, siehst du selbst ein; denn erfährt es meine Frau,'so jagt sie dich fort und du bist auf immer unglücklich. Thust du aber, was ich dir sage, und befolgst meinen Plan; so will ich dich, so lang ich lebe, nicht nur allein lieben, sondern auch mit Glücksgütern überhäufen." — Er theilte ihr nunmehr seinen 86 Plan mit, welches kein anderer war, als Röschen sollte ihren Beichtvater, einen rüstigen Augustiner Mönch, als Verführer angeben. Und um die Sache vor der Welt noch mehr glaubhaft zu machen, mußte das Mädchen des Sonntags, wenn die Leute aus der Klosterkirche gingen, allerlei an den Pater bestellen. Die Leute fahens — und als es oft kam, wurde es ihnen verdächtig. Sie machten ihre geheimen Bemerkungen über die Bekanntschaft, in welcher der geistliche Herr mit dem schönen Mädchen stehen müßte. Röschen kam nieder — der Graf gab ihr Geld und machte ihr neue Versprechungen — und sie gab auf seinen Befehl den frommen Pater als Vater des Kindes an. — Was hilft es mir, dachte sie, wenn ich den wahren Vater angebe? dann verstößt er mich und mein Kind — und ich kann dann damit betteln gehen. Abex nun vorsorgt er mich doch! — Eine Sünde mehr oder weniger! — Verdammt mich die erste nicht, so wird mich die zweite auch nicht ver- 87 dämmen! — Sie gab also den unschuldigen Mönch als Verführer an. Und nun hieß es überall und ertönte aus jedem Munde: Hab ichs nicht ge- sagt? Umsonst hat das Mädchen den Pater nicht so oft besucht und so heimlich mit ihm geflüstert.' Der Graf freute sich seines Sieges, und der Pater wurde sogleich, ohne weitere Untersuchung, von seinen Obern eingesperrt. Die Mutter des Kindes sagt es — das war hinlänglicher Beweis von der Wahrheit. Zn Röschens Herzen war Tugend und Scham gänzlich'getödtet. Sie ward eine Beute den Wollüstlingen, nachdem der Graf seine Begierden gesättigt und ihre Stelle mit einer andern reizender« Unschuld besetzt hatte. Sie vertraute sich endlich einem jungen flüchtigen Menschen an, der sie wegführtc aus dem Hause Schönborns und sie nach Schlesien Ln seine Vaterstadt Glogau zu bringen versprach. Schon näherten sie sich der sächsischen Gränze, als preußische Werber den jungen Menschen in 88 der Nacht mit Gewalt in feiner Herberge überfielen, banden und fortschleppten, und das arme Röschen in einem elenden Zustande sitzen ließen. Ganz allein, ohne hinlänglichen Unterhalt, entschloß sie sich endlich, ihr Geschlecht ganz zu verbergen, und den jungen Mann aufzusuchen. Sie verkaufte ein goldenes Kreutzchen, einen Ring und ein paar Ohrringe, erhandelte dafür männliche Kleidung, zog sie an, ergriff ihren Wanderstab und kam nach einigen Tagen wohlbehalten in Glogau an. Sie erkundigte sich allenthalben nach ihrem Geliebten, alleinkeine Spur davon war zu entdecken. Ohne Freunde, Hülfe und Rath, in einem ganz unbekannten Lande, von allem Lebensunterhalt entblößt, entschloß sie sich endlich Soldat zu werden. Sie kam in das Quartier eines Frauenschneiders zu wohnen, und da sie während ihres Aufenthalts im gräflichen Hause des Schneiderhandwerks ziemlich kundig geworden; so nahm der » »«l 89 Meister sie in Arbeit. Die Tochter verliebte sich in den reizenden Gesellen, doch machte der Vater Schwierigkeiten, sein Mädchen einem Soldaten zu geben. Ein militärischer Befehl hob alle Hindernisse, und Röschen wurde mir der Schneider-Tochter wirklich getraut. Aber die Brautnacht! — die Brautnacht! -- O borge mir einen Pinsel, holdselige Luna, Freundin der Verliebten und Vermählten, diese freudenlose Scene mit allen Farben der Wahrheit zu malen, oder besser: leihe dem armen Röschen statt eines gewissen Etwas jene extensible Attribute, die allein vermögend sind, sie der schrecklichsten aller Verlegenheiten zu entziehen! Lasse sie mit Gott Hymen muthwillig unter deinem Schuhe in dem Tempel der Wollust einzier hen. Muthwillig scherzte auch Röschen mit ihrer Freundin, und kleine leichtfertige Spiele schafften ihr anfänglich ein unbeschreibliches Vergnügen. Aber wer stellt sich der nach Sättigung schnap- 92 penden Braut, die wie ein Ofen glühte, plötzliches Staunen vor, als ihre kleine Hand nach einem Amor langte, und sich in die Muschel einer Venus verirrte. O Entsetzen des Entsetzens! Wie ein Blitz durchfuhr es ihren Körper, und schweigend sank die Hand durch die buschigte Wölbung an den nervigten Schenkeln herab. „Verzeihemir, Freundin" — sagte Röschen nach einer Pause — „denunschuldigen Betrug. Ich bin ein Mädchen, ein armes betrogenes Mädchen; aber heiß und innig lieb ich dich, inniger als je ein Mann dich lieben kann. Dies gleißende Geschlecht, dessen einziger Zweck unser Fall zu sein scheint! das in tausend Gestalten auf den Raub unsrer Unschuld lauert, und dann, wenn ihm endlich der Raub gelungen ist, uns noch wegen unsrer Schwäche verhöhnt! dem Schwüre ein Scherz sind, und Treue uud Rechtschaffenheit ein fremder Begriff! O hatte mich mein Schicksal unter die reißenden Thiere des Waldes gebannt! Zn ihrer Mitte muß es sich friedlicher wohnen, als unter diesen Ungeheuern- an Gestalt uns gleich. " — Röschen schilderte nun mit den lebhaftesten Farben die Verführung des Grafen Schönborns, und erregte durch ihre offenherzige Erzählung die wärmste Theilnahme ihrer Freundin. Statt der gehofften Freuden in der zärtlichsten Umarmung eines geliebten Mannes, weinte das harmlose Mädchen Thranen der Theilnahme in Röschens Busen. Beide Freundinnen, versprachen sich wechselseitige Liebe und ewige Verschwiegenheit. Die jungen Leutchen lebten vergnügt, hatten bei allen Menschen, die sie kannten, einen guten Leumund, und ihre Ehe ward von vielen als ein Beispiel einer guten, vernünftigen, christlichen Ehe gepriesen. Ihre Freundschaft blieb sich immer gleich, und wurde von Tage zu Tage so zärtlich, als nur immer die Liebe Neuvermählter in den ersten Flitterwochen sehn kann. Röschen maßte sich keiner größern Herrschaft im Hause an, als ihre Freundin, ob sie gleich die Nolle, die fie spielte, so wohl als ihre emsigere Sorge um Y2 den Broderwerb einigermaßen hierzu berechtigt hätte. Auch entzog sie sich den weiblichen Arbeiten nicht, wenn sie bisweilen bemerkte, daß ihre Gefährtin keine Lust dazu hatte. Sie kochte, wusch, scheuerte, doch alles ohne fremden Augen es sehen zu lassen. So standen die Sachen ein Zahr lang, als es dem Eheteufel Asmodi einfiel, sich in eine Angelegenheit zu mischen, die eigentlich gar nicht unter sein Forum gehörte,^ da hier nicht Ehe, sondern bloß Vereinigung zweier gleichgestimmter Freundinnen war. Er verbarg sich in ein altes Weib, das mit unserm Paare in einem Hause wohnte, und dem Himmel hätte danken sollen, daß sie nicht in Glaris oder ein paar Jahrhunderte früher geboren worden war, weil sie sonst ihre Augen leicht zum Scheiterhaufen qualificirt Haben dürften; wegen welcher sie vermuthlich auch Asmodi zu seiner Mittelsperson erkieste. Sie hatte es schon vorher einigemal bedauert, daß die Eheeines solchen hübschen, braven, from- 93 men Pärchens nicht gesegnet wäre, als sie sich einst in Röschens Abwesenheit bei der jungen Gattin befand, und wieder in diesen Mitleidston stnnmle. Mit einer Beredsamkeit, die das junge wollustgirrende Weibchen noch nie von ihr gehört hatte, schilderte sie ihr die Seligkeit der Mutterfreuden, und machte dadurch in ihr den Wunsch rege: ihr kleines Ebenbild aufihrem Schoße wiegen zu können. Um noch mehr diesen Wunsch zu befördern und ihr Attraktionsvermögen zu reihen, mußte gerade ihr Blick auf eine Kana- rienhecke fallen, wo ein rüstiger Hahn vor ihren Augen mit seinem trauten Weibchen kurzweilte. Ihr guten Thierchen seid glücklicher als ich — seufzte die schmachtende Gattin. — Gleichsam als ob der ungezogene Hahn diesen Wollustseufzer verstanden hatte, machte der muthwil- lige Spötter durch ein lustiges Da Lspo das arme Weibchen nur noch lästiger, und flatterte dann vergnügt um seine zufriedene Dulcinea herum. 94 Röschen kam jetzt wieder und staunte, ihre Freundin so übler Laune zu finden, da Heiterkeit sie noch nicht einmal verlassen hatte. „Was fehlt dir?" fragte sie mit zärtlicher Besorgniß. „Ich habe peinlichen Kopfschmerz —" antwortete die Freundin und stützte den Kopf. Röschen ging hinaus, bestreuete ein Stückchen Brod mit Salz und Kümmel, und wollte es ihrer Freundin auf die Stirne binden. „ Laß! laß " — sprach die liebekranke Freundin — „ du kannst mir doch nicht helfen." „Mir hat es schon öfters geholfen" — er- wiederte Röschen mit Zuversicht. — „ Lege dich in's Bette, vielleicht wird es da besser." Die platonisirende Ehestandsheldin gab nun im Bette ihren Gedanken ungestört Audienz. Ruhig überdachte sie die Reden der alten Lantip- pe, und Asmodi war unaufhörlich beschäftiget, das Gemälde mit dem hellsten, reizendsten Kolorit zu vollenden. Sein ausgestreuter Same fiel 95 auf kein unfruchtbares Land. Das gute Weibchen kommentirte das Sprüchlein: seid fruchtbar und mehret euch, wie es ihre Umstände erheischten. Sich mehren ist ein Hauptzweck der Ehe — sprach sie, und wollte gerade ihr errö- rhendes Gesicht schamhaft unter der Bettdecke verstecken, als Asmodi ein neues Gemälde vor ihre Augen brachte, welches wenigstens nicht dazu diente, das angefachte Feuer zu löschen. Hanns, der Bursche vom Hause, hatte gewöhnlich seine Lagerstätte auf der Ofenbank. Die Schwüle einer heißen Sommernacht nöthigte ihn, sich seiner Kleider zu entledigen, und der arme Bursche lag da in puris nstlirsUdu8 und schlief. Sein Hemde hatte sich verschoben, und zwischen seinen Lenden lauschte Gott Amor in einer strozzenden Attitüde. Man denke sich die nach Wollust zappelnde Schöne, deren Blick mit einmal auf diese Nudidäten fiel. Leise hob sie die Decke auf, sah unverwandten Auges nach dem lieblichen Forschungspunkt, und konnte den Blick 96 nicht wieder davon abwenden. Endlich stieg sie sachte aus dem Bette, um das Wunderding auch recht in der Nahe zu betrachten. Das Wasser lief ihr aus dem Munde! Mit Entzücken be? trachtete sie die schönen Werke der Schöpfung, die sie nur vom Hörensagen kannte, seufzte leise über das Entbehren derselben, und jeder ZriIH- res Gesichts malte sehnliches Verlangen nach denselben. Ein natürlicher Instinkt führte ihre Finger an die elektrische Stelle des schlafenden Knaben — ein zitternder Seufzer stahl sich aus seiner bebenden Brust. — Länger konnte sie nicht ihrer Begier widerstehen; so leise als möglich legte sie sich über ihn hin, und ließ den strozzendsn Amor sanft als Sieger in die Festung hineinschleichen. Wer beschreibt der so lange fastenden Schönen Wonnegefühle! So erquickend als nach einer anhaltenden Dürre der Regen der trocknen Erde ist, so erquickend war diese Scene demjun- gen schmachtenden Quasi - Eheweibchen. So 97 So leise, als möglich, verließ sie den schlafenden Endymion, bog sich still über ihn weg, und schlich eben so still unter die Bettdecke zurück. Aber wie unerträglich war ihr nun ihre Scheinehe. Nichts konnte sie mehr beruhigen, sie wurde unzufrieden und mürrisch, und selbst Röschens dringendste Bitten: ihr die Ursache dieser Veränderung, wozu Kopfschmerz nicht mehr angegeben werden konnte, zu entdecken, blieben unerfüllt. ,,Zch beschwöre dich, Freundin" — sprach Röschen endlich nach einigen Tagen — »sage mir aufrichtig, ob dir unsre Verbindung nicht mehr gefällt." Das Weibchen seufzte tief, schwieg und blickte Röschen unentschlossen an. ^ Dringender beschwor Röschen ihre Freundin — und diese gestand offenherzig das Lästige ihrer Lage. ,, Wir haben uns zwar verbunden " — fuhr ^ Röschen weiter — ,, einander Ln der Noth beizustehen, uns das Leben so leicht, so angenehm I. Bändchen. Ä zu machen, als wir können. Du verbirgst mir deine wirklichen Empfindungen, daß dir etwas fehlt, das ich dir nicht ersetzen kann, aber thue es nicht." Verlegen wollte sich das Weibchen entschuldigen, und das Widrige der Verbindung auf das Unerlaubte dieser Ehe schieben; doch Röschen war scharfsichtiger. »Ich will nicht weiter in dich dringen," sagte sie, „übrigens alles thun, was deine Zufriedenheit wieder Herstellen kann. Freundschaft war es von dir, diese Verbindung bis jetzt geduldet zu haben, meine Pflicht ist es daher, sie zu zerreißen, da sie dir jetzt lästig wird. Ich will dich verlassen, und dies soll vor dm Augen der Welt heimlich geschehen, damit du meine bösliche Verlassung zum Grunde der Scheidung angeben kannst, wenn du vielleicht Lust bekömmst, dich mit einem wahren Manne zu verbinden. " Röschens Freundin wendete alles an, sie hiervon abzuhalten, und suchte sie überhaupt zu über- I 99 reden, wieder Weiberkleider anzuziehen; aber beides war vergebens. Sie schlich sich einige Tage hernach in der Nacht aus der Stadt, und wollte ihren Weg nach Pohlen nehmen; allein da der vermeintliche Musquetier beim Visitiren vermißt wurde, setzte man ihm nach und erwischte ihn noch glücklich an der Gränze. Röschen wurde insGefangniß und den andern Tag zum Verhör geführt. Hier erzählte sie ihre ganze Geschichte, und glaubte nichts weniger als straffällig zu seyn; allein so sehr man beim Regiments allgemein über diese lustige Ehe padinirte, wurde sie doch von ihren Richtern zu einer zeitlichen Zuchthausstrafe verdammt. G 2 IV. Bekenntnisse einer jüngst verstorbenen Schauspielerin.*) „kor tot vsrios oasu», xor tot äisvrimins rvrum vst." -Aie Noth Zwang mich nach dem Tode meiner Eltern zur unaufhörlichen Arbeit, und Stricken und Nahen war in meinem vier- zehten Zahre die Hauptbeschäftigung, wodurch ich mich äußerst dürftig erhielt. *) Das Bedeutendste wird hier für die Leser dieser Blätter im Auszuge geliefert/ das Ganze dürfte vielleicht bald im Buchhandel erscheinen. der Herausgeber. Es befand sich damals ein italienischer Maler in meiner Vaterstadt, welcher für unsere Haupt- kirche eine Maria Magdalena zum Altarbilds malen sollte. Dieser Maler begegnete mir einst in der Straße, wo ich in den elendesten Kämmerchen eines antiken Hauses wohnte. Er blieb stehen , nahm mich bei der Hand und fragte mich, ob ich ihm nicht einen Gefallen thun wollte? — „Wenn ich kann — war meine Antwort — herzlich gern!" — »Ich will dein Glück machen, liebes Mädchen," sagte er, „und dir hundert Dukaten geben, wenn du mir zu einer Maria Magdalena sitzen willst, welche ich eben für eure Pfarrkirche malen soll." „Hundert Dukaten!" — schrie ich entzückt — „Mir, hundert Dukaten?" — Man kann leicht denken, da ich mich in so dürftigen Umstanden befand, daß ich nicht lange Bedenken trug, einzuwilligen, und mit ihm zu gehen. IO2 Der Maler, ein junger rüstiger Mann von vier und zwanzig Zähren, war artig und gefällig, und ehe er an die Arbeit selbst ging, setzte er mir ein Fläschgen süßen Wein und etwas Konfekt vor. Der Wein hatte mein Blut erhitzt, und ich mußte mich, auf sein Verlangen, ganz nackend ausziehen und mich in der Stellung einer Magdalena auf einen grünen Teppich hinlegen. Hier lag ich arme Sünderin nun nackend wie vom Mutterleibe, und hätte vor Scham in die Erde sinken mögen. Mit der linken Hand hielt ich meine Augen zu, und die rechte deckte die kaum bemooste Grotte. Der junge Künstler fuhr auf, zog mir beide Hände weg, und sprach freundlich zu mir: „Nicht so, schönes Mädchen! stütze deinen Kopf auf die rechte Hand, mit der linken blättre in diesem Buche." Zugleich löste er mein in Flechten geschlungenes goldgelbes Haar, und verstreute es lieblich über die linke Schulter mit einem Streif auf den linken Arm. Das linke Bein streckte er in einer reizenden Form. Dabei vergaß er nicht, mir Brust und Schenkel sanft zu streicheln. Er fing endlich an seinen Pinsel zu ergreifen und malte. — Doch um der Natur immer näher zu kommen, bat er mich noch um eine zweite Gefälligkeit. Ich erlaubte ihm alles. Ich kannte noch nicht den Zauber seines Pinsels, und mir verging Horen und Sehen.- Das Bild war fertig. Es wurde in der Kirche am hohen Altäre aufgehängt, verehrt und bewundert. Und daran war ich schuld.*) Der Maler nahm mich mit sich nach Italien. Aber wie wenig den Schwüren verliebter Män- *) Der Maler bediente sich bloß der Methode des Apelleö mit Verschönen Lais, wenn er eine Venus malte, oder was Raphael, der große Madonnen - Maler, that, wenn er den frommen Seelen das Bild seiner Matreffe, mit einem Heiligen - Nimbus umgeben, zur Erbauung vor die Augen hing. 104 ner zu trauen ist, erfuhr ich gar bald; denn kaum hatte die Herrlichkeit einige Monate gedauert, als ihm ein anderes Mädchen besser gefiel. Ich packte meine sieben Sachen zusammen, nahm die gespickte Börse des Malers in meine Verwahrung, und ging bei Nacht und Nebel davon. In Wien ging ich als Kammerjungfer bei einer alten reichen Gräfin in Dienste, deren Haus der Sammelplatz aller jungen Leute war, die der Gräfin Börse nöthig hatten, und dafür ihren verblühten Reizen huldigten, sie eine Grazie, eine Huris, eine Venus Anadyomene nannten. Die Gräfin war eitel und verliebt, hörte sich gerne loben, und nahm alles für baare Münze auf. Unter dem Heere von Anbetern befand sich ein junger Mensch, dem die Gräfin besonders gewogen: war. Wenn er mich allein fand, sagte er mir so viel Schönes und Artiges, daß ich mich leider gern von ihm allein finden ließ. Er versicherte mir, ich allein sey der Gegenstand seiner Liebe, und versprach mich glücklich zu machen. wenn ich ihn lieben könnte. .Ich gestand ihm meine Liebe sehr offenherzig, und der Handel war richtig. Einst fand er mich in einer Laube schlafend, weckte mich mit zärtlichen, feurigen Küssen, und ich — war schwach genug, nicht zu widerstehen. Mitten in der sckns smoross führte mein Unstern die Gräfin herbei, und ich hatte nur noch so viel Zeit, meine verschobenen Röcke wieder in Ordnung zu bringen. Sie überhäufte mich mit Schimpfworten, und gab mir auf der Stelle den Abschied. Zch war dienstlos; mein Liebhaber verreiste, und ich war wieder dem äußersten Mangel preis gegeben. Zn dieser Noth schnürte ich mein Bündelchen und sagte dem reizenden Wien ein Lebewohl. — Auf der ersten Station wurde ich mit einem Frauenzimmer bekannt, welche durch mancherlei Kleinigkeiten sich mein ganzes Zutrauen erwarb. Zch entdeckte mich ihr ganz, stehle sie um ihren Beistand an, und bat mir ihren guten Rath aus. Liebes Kind, sagte sie, ich kann dich gleich versorgen; es kömmt nur auf dich an, ob dir diese Versorgung gelegen ist oder nicht. Zch bin die Frau des Schauspieldirekteurs Wäser aus Breslau. Zch will dich, wenn du dich dem Theater widmen willst, zu mir nehmen, und dich wohl Versorgen. Mit Freuden nahm ich dies Anerbieten an, und küßte ihr dankbar die Hand. Sie bot mir einen Platz in ihrem Wagen an, und wir kamen glücklich und wohlbehalten nach Breslau. Der Herr Direktor nahm mich freundlich auf, doch mußte ich mich nach Tische einer Probe unterwerfen , die der Malerscene mit dem Maria Magda- lenen Bilde ähnlich war. Herr Wäser hatte nämlich die Gewohnheit, alle seine Aktrizen> die sich bei ihm engagirten, erst, wie er zu sagen pflegte, zu probiren. Er nahrn. mich daher in ein abgelegenes Kämmerchen, und ich mußte mich also wieder faßernackend vor ihm hinstellen. Doch da ich schon mehr Erfahrung in dieser Sache hatte, so machte ich weniger Schwierigkeiten, und legte meine Probe zur Zufriedenheit des Herrn Direktors ab. Man gab mich für eine Cousine aus, und nachdem Herr Wäser mich vier Wochen lang sattsam unterrichtet und mit mir probirt hatte, trat ich zum erstenmal als Rosine in dem Schauspiel: der Jurist und der Bauer, auf das Theater. Den andern Tag erhielt ich von unbekannter Hand ein sehr schmeichelhaftes Briefchen nebst einer goldenen Uhr; und ein paar Tage darauf stand in der Zeitung folgendes Gedicht: „Was zieht, o holde Zauberin ,»Zu dir, entzückt die Herzen hin? — »»Dies thut dein Reiz, dies thut dein Spiel; „ Dies schenkt der Freuden uns gar viel. „ Dir windet zum Lohne „Thalia die Krone — „Und ihr geweihter Priester, Ich, „Besinge dich!" ioä Auf einmal erwachte der Neid der Damen gegen Mich, und selbst die Frau Direktrice sah mich mit scheelen Augen an. Sie wurde von Stund an meine erklärte Feindin. Der Verfasser dieses Gedichts war ein gewisser Advokat Werner, den man nur spottweise den Pfefferküch ler - Advokaten nannte. Ich wurde mit ihm zufällig bekannt, und von ihm sehr nachdrücklich protegiert. Aus Rache beschloß die Direktrice den jungen Autor, welcher mich besungen hatte, öffentlich zu züchtigen. Sie reizte einen gewissen Schüler, einen elenden Kerl, welcher in Gotha der Schusterwerkstätte entlaufen war, und bei uns die komischen Rollen so niedrig und pöbelhaft repräsentiere, und durch seinen brüllenden Baß verhunzte, daß der Wiener Kasperl gegen ihn noch ein Garrik war, den armen Advokaten zu mißhandeln. Die Veranlassung war folgende. Er kam gewöhnlich nach geendigtem Schauspiel in die Garderobe, um mich nach Hause zu begleiten. IOY Emst, da ich die Franziska in Minna von Barnhelm mit Beifall gespielt hatte, kam er auch, wie gewöhnlich, zu mir, und bot mir seinen Arm. Plötzlich packte ihn der Elende bei den Haaren, und riß ihn nicht nur eine Haarlocke aus, sondern behandelte ihn auch mit Ohrfeigen und Prügel. Den folgenden Tag verließ ich dies Theater und ging nach Münster. Ein Domherr ließ mir unter der Hand artige Anerbietungen machen, wenn ich ihn meiner Liebe würdigen wollte, und ich gab ihm Gehör, wofür seine Freigebigkeit mich auf einen sehr splendiden Fuß setzte. Die Bekanntschaft mit einem jungen Schauspieler, den ich Karl nennen will, war ernsthafter geworden, als ich anfangs dachte. Wir sahen uns, liebten uns und heiratheten einander. Doch Meuchelmord entriß mit den Lieben! der meinem Herzen so theuer war. — Diese unglückliche Katastrophe trieb mich aus Münster, HO und brachte mich zu dem Hof - Theater nach S — dt. Ich spielte und sang die Zemire zur Zufriedenheit des Fürsten. Se. Durchlaucht schickten mir den andern Tag' hundert Dukaten, und ließen mich ihres gnädigen Wohlwollens versichern. Endlich erfolgte ein förmlicher Liebes- antrag, den ich denn auch, wie sich's versteht, mit allem Danke auf- und annahm. Jehl war ich die erklärte Mätresse des Fürsten, eines alten abgezehrten Wollüstlings. Ich wurde wegen dieses Glücks, wenn ich's so nennen darf, beneidet und heftig verfolgt. Was der Fürst nicht leisten konnte, mußte sein Kammerrath L — er ersetzen, und dieser hielt mich für die kalten Umarmungen meines grauen Adonis schadlos. Ich wurde Mutter. Der Fürst schmolle einige Tage, weil das Kind ihm nicht ähnlich sah. Doch in einer zärtlichen Schäferstunde überredete III ich ihn endlich, daß nur er — er allein Vater zum Kinde sep. — Endlich befreite mich ein unvermutheter Schlag, der den Fürsten den rechten Arm und Fuß lähmte, meines alten Liebhabers. Wohlweislich kirrte ich ihn so lange, bis er mir ein ansehnliches Rittergut verschrieb, wo ich jetzt mit meinem süßen L —er in philosophischer Ruhe die Freuden des Lebens genieße, und über die Thor- heiten der Welt lache. V. Seltsame Rettung. slkseti sumu», ut nibil «sgus ms^nsm spuä no» sämrrstionvm oecupsr, gliAiu liorno tor- lilor misor." >5ön freiem Busen. Lorgnetten und Perspektive ver- ? folgen euch rechts und links. Tausend wankende Strumpfbüchsenritter verfangen sich in euren schlaugewundenen Schawl. Tausende ziehen hinter euch her, huldigen euch mit französischen und englischen Opferbrocken, die sie den Abend vorher gesammelt haben, und starren aus lüsternen Augen den verwegenen Wettkampf eurer feuer- rothen Hahnenkamme, Kopftücher und Leibschlim gen an. ..Ein köstlicher Sonntag! Will doch H auch das schöne Gastmal der Natur genießen," dachte ich; schlürfte das Glas leer, und wollte der Menge nach. Mein Weg brachte mich in das sogen ante Linkische Bad, wo sich der ganze Schwarm versammelt hatte. Es war ein reiner, luftstiller Nachmittag. Die Natur schien sich geschmückt zu haben, ihre undankbaren Gäste zu empfangen. Zhr glan- ^ zendster Sonntagsschleier umwallte die Göttin. E Steif und geschnirkelt waren die meisten Gäste, K 2 wie Küchenzofen auf einem Kindtaufsschmaus, eine Landpastorin auf dem Hochzeitsball. Einfach und schweigend leuchtete die Göttin vor Allen hervor, wie im plappernden Theezirkel der Geist eines gebildeten Mädchens schweigend aus dem beseelten Auge spricht. Wie sich doch alles lackjrt und staffirt, behänselt und bekritzelt, dem Andern einen Blick zu entziehen; wie jeder aus der Menge allein hervorzustechen wähnt, und Tausend von Fünftausenden nicht bemerkt. Fünftausend von Tausenden nicht gekannt werden. Wie ste die sechs kümmerlichen Wochentage Drod gespart, und Zeit verschwendet haben, um den siebenten zu feiern; manches brauchbare Kleidungsstück verschnitzeln und zerstückeln, um Flik- ken auf Flicken zu witzeln, und sich mit Dockenfirlefanz herauszuputzen. Zahllose Verschiedenheit herrscht unter den gefiederten Bewohnern der Wälder und Lüfte; zahlloser unter dieser einzigen Gattung einer einzigen Stadt. Die Zeichnung einer einzigen Feder scheidet eine Pa- pagoyengattung von der andern; die bloße 149 Schlingung eines Schawls zeichnet eine ihrer holden Halbschwestern vor der andern aus. Schaut auf ihr Herrn, schaut herein ins Raritätenkämmerlein! — Hier herrscht die Kunst, hier herrscht Raffinement. Diese hat den Schawl über die Brust gezogen, das eine Ende um den Leib geschlungen, das andere flattert auf die Schuh herab, wie eine invalide Kriegsfahne. Jene warf ihn um die Schultern, beide Enden segeln auf die Knie herunter, wie die Flaggen eines zweimastigen Schiffs in der Windstille. Diese schürzt ihn in eine Schleife, die Zipfel gleiten den Hüften entlang, wie das Schildzeichen einer Färberei. Diese tragt ihn wieder anders; eine noch anders. Zuletzt wickeln fie sich wie Kinder hinein; kein Wunder, wenn sie dann des Fallhuts bedürfen; oder knüpfen ihn an die Wipfel zweier Bäume, und lassen sich schaukeln, bis die Schüchternheit das Übergewicht erhält. Lächle nicht, vorwitziger Jüngling, mit der gepfropften Binde. Dort gehen Legionen deines iZo Gleichen, jeder aufseine eigene Manier gepfropft. Kein Wunder, wenn das Fünkchen im Gehirn erlöscht. Ich erleb es noch, daß einer sich daran erdrosselt, wie Franz Moor an der goldenen .Hutschnur. Ich Hab es schon gesagt: jene holden Kinder gelten für Künstlerinnen in den Augen ihres Gleichen. Wer die beste Erfindung, oder auch nur die neueste besitzt, ist die g-eschickte- ste. Die Kunst der meisten Heldinnen der Buhne besteht in nichts anderm, im Handeringen, Portebras, Tressenfirlefanz, unachtem Steingeflimmer und Kleiderverschürzung. Doch gelten sie für Künstlerinnen; für die größten, je beredter der kupplerische Sachwalter ihrer physischen Talente ist. Auf der steinernen Bank im Winkel einer Hecke saß ein blinder Geiger bei einer Zitherspielerin. Der alte Invalide mit seinem Stock- knopfsgesicht, in der gebackenen Perücke und dem verwitterten Filz, an dem die Fingertasten neben einer Kokarde sichtbar waren, in deren Falten der vorjährige Sommerstaub sich fest gelagert iZr hatte, kratzte mit stumpfem Bogen die rostige Geige; sein mäckernder Baß stimmte in den Gesang der Tochter, die mit ihrem Spitzmausge- stcht aus gewürgter Kehle, durch die verbissenen Zahne, ein ewig wiederholtes Lied voll ewig wiederkehrenden Refrains den Lustwandlern in die Ohren schmetterte. Das eine ihrer schwarzgelben Wieselaugen stierte gerade aus, das andere drängte sich in den Winkel, zunächst an diesem, als wollte es schelmisch hinter dem ersten hervörblin- zen. Sie schlug auf jedes dritte Wort einen gefährlichen Triller, verzierte die Töne mit so grausamen Doppelschlägen, daß die Vögel im Walde verstummten. Ein Schwarm gaffender Buben, auch wohl gaffender Alten, hatte sich umher gegittert, die Künstlerin zu bewundern. Sie selbst hielt sich für keine geringere, als jene kadenzierende Prima Donna auf dem Dresdner Theater, die keine Note ungehudelt läßt, das schmelzendste Adagio durch so viel grmzende Scherzhaftigkeit, durch so viel schmerzhafte Ton- IZ2 Weisungen verschwemmt, daß die zärtlichste Zärtlichkeit zu Wasser zerschmelzen möchte. Man nennt sie Künstlerin, sie nennt es Kunst, sonst würde sie die grausame Mühe sich ersparen, so gut, wie die arme Zitherspielerin, oder der Trupp schläfriger Musikanten im gedrängten Zirkel, der, statt romantischer Tänze,, jovialischer Volkslieder, ein gothisches Konzert im bleiernen Kirchcnstiel herunterhaspelte, woran die Instrumente zerspringen möchten. Sie wollen ihre Kunst pro- duziren, und halten sie für eben so leicht, als ihre musikalischen Kredenzteller, die sie jedem beim Eintritt in den Garten um zwei gute Groschen unter die Nase reiben. Ich wich den musikalischen Kredenzteller dieser unzeitigen Kunst- gaukler aus, weil ich nicht viel Groschen zu ver- gaukeln habe, und in solchem Falle lieber einem blinden Manne, oder einem sechsfingerigen Buben einen Silberling in den Hutkopf werfe. Zm ganzen Umfang der bunten Legion traf ich kein heimliches Pärchen, das in stummer Be- / redsawkeit mit verschlungenen Händen wandelte, aber eine Menge gieriger Augen schien Alles verschlingen zu wollen. Ein Beweis, daß in zahlreicher Gesellschaft nicht immer die Geselligkeit herrscht. Auf einem reinlichen Fußsteig entzog ich mich dem summenden Bienenschwarm, eilte der Elbe zu, ließ mich übersetzen, verlor mich in ein duftendes Gehölz, wo die Nachtigallen ihre schwärmerischen Amorosos flöteten, und erwachte aus melancholischen Träumen im Schoße eines freundlichen Dörfchens. Auch hier hatte der Sonntag seine triumphirenden Fahnen aufgesteckt. Aus dem nächsten Gasthause rauschte eine bacchantische Tanzmusik vom obern Stock. Schon in der Ferne hörte ich die donnernden Sprünge der rüstigen Tänzer, das Siegsgefckrei der beglückten Zugend. Vor der Thür feierten einige Bürger mit ihren zierlich aufgesteiften Weibern und Töchtern die Vesperzeit. Mich erinnerten die kernhaften Trinkgläser an eine lechzende Lunge. 154 Gleich, mein Herr, sagte der eifrige Wirth. Befehlen Sie hier, oder dort oben? In der Stube linker Hand, winkt ich ihm zu, weil es mir da stiller schien, um eine Veilchenlese von Bemerkungen, Gedanken, Schwärmereien und rhapsodischen Nasonnements in meine Portefeuille einzutragen, die sich dem Beobachter auf offenen Spaziergängen so freigebig in die Arme werfen, und au den Rauchsäulen einer bevölkerten Stadt, wie eine Barke am Felsenriß, wieder zerschellen. „Ergebener Diener, mein Herr!" grüßte mich eine sich selbst produzierende Landstreichergestalt, die am Mittelpunkt des Tisches zwischen aufgestemmten Armen über ein Deckelglas hing. Auf dem ober» Theil des linken Ohrläppchens und dem Wirbel schwebte der verwegene Hut, wie das tyrannische Bogenziel des tückischen Landvogts. Ein zänkischer Schlächterknüppel streckte sich auf der Bank neben ihm aus, den Kopf in ein rumorisches Bündel eingewickelt. Ohne Brille las ich dem Eigenthümer vom Gesicht: Ach Herr! mein Stecken und Stab! 155 Das meinige mochte wohl eben nicht die schmeichelhafteste Aufnahme verkünden, weil ich durch einen unvermutheten Gesellschafter überrascht wurde. Er wollte mich wahrscheinlich umstimmen, griff aus der Tasche eine tellerförmige Dose, und machte Miene, mir sie zu kredenzen. Nichts ist mir unerträglicher, als Galanterien , die meiner Nase gelten; es ist grade mein gnügsamster Sinn; wollte Gott, mein Herz wäre auch so gnügsam, ich wäre der glücklichste Mensch durch dieses Herz. — Aber Herz und Nase, welch ein Vergleich! — Warum nicht? — Das Gleichniß ist noch so ziemlich verträglich , verträglicher als es scheint. Manches Menschen Herz sitzt in der Nase, so gut, wie manches andere im Tobacksbeutel, oder im Strick- korb. Viele der glänzendsten Siege weiblicher Vollkommenheit, verdanken die Weiber der Nase. Es klingt ein w§nig paradox, und ist doch kein Haar breit von der Wahrheit entfernt. IZ6 Ein Versehen mach ich gerne wieder gut. Gefällig wollt ich in die aufgeschraubte Dose langen, hatte zierlich die Finger gespitzt, um nicht so viel auf die Erde .streuen zu müssen, als plötzlich ein fratziges Mannsbild unter dem gelüfteten Deckel hervorpurzelte, und die Kaprer in die Luft sprengte. Wäre ich aufgeräumt gewesen, ich hätte vielleicht gelacht; den Unmuth beleidigt eine lappische Posse gerade am meisten, mit falschen Paßport noch mehr. Der läppische Mensch! Ich grub die Hand in den Busen, ließ meine Nase in Ruh. „Schnupfen Sie vielleicht nicht gern, mein Herr? " fragte schmunzelnd das Bajazo-Gesicht. Wenn ich auch hatte antworten mögen, das Albere, meinHerr, schreckte mich allein davon ab. Unter einer gewissen Klasse von Menschen ist diese Floskel so im Schwange, wie die falschen Brillanten bei einer gewissen andern. Ich dollmetsche meine Leute darnach, wie die weibliche Noblesse dieser letzter» die Männer nach der 157 Beobachtung des Handkusses richten. Küßt man einer dieser Feengöttinnen im Kommen und Gehen nicht die Hand, unvermeidlich gilt man für einen Grobian. Zn meinen Augen sind die Menschen, die mein Herr so häufig um sich streuen, entweder aus der Klasse der Lakeien, oder Schwadroneurs. Der Beweis liegt wirklich in den Worten. Es ist affektirte Nachäffung eines fremden Nationalgebrauchs, der, wie alle Manieren dieser Nation, hauptsächlich ihre theatra? lische, unter deutschen Händen zum Krüppel wird. „Wir Künstler gewöhnen uns diese leidige Notwendigkeit leicht an, wenn der Geist beschäftigt ist;" fuhr der Fremdling weitet. Diese neue Lieblingsfloskel aus der Werkstatt des beredsamen Römers setzte meine Beredsamkeit im Gang. — Er kann noch nicht für Einen stehn, pflegte mein alter Konrektor zu sagen, wie mag er für Viele sprechen? — „ Darf ich fragen-? —" l58 „ Schauspieler, mein Herr!" erwiederte er. Aha! Willkommen purzelndes Männchen aus der Dose! Nun erkenn' ich dich. Ich bin nicht abergläubisch. Die Geister finden einen abgesagten Feind in mir, deswegen hat sich wohl noch keiner auf meiner einsamen Schreibstube um Mitternacht blicken lassen. Doch möchte ich zwischen Zwölf und Eins nicht in ein vermauertes Kirchenbegräbniß steigen, und ein klapperndes Gerippe heraustragen, wie jene rüstige Dorfnymphe sich vermas. Es ist angebor- ner Schauer der Sterblichkeit. — Ich habe kein Vorurtheil gegen das Schauspiel, doch gehe ich selten und halb unwillig in die Komödie, seitdem Erfahrung mich überzeugt hat, diese unergründliche Kunst existire nur der lüsternen Verdauungssucht zum Kitzel; seitdem ich gelernt habe, daß die Opfer der Bewunderung meistentheils Künstlern gezollt werden, wie dieser einer seyn mußte. Ich schätze die Kunst zu sehr, um sie zur Buhlerin meiner Langenweile erniedrigen zu wollen; die Künstler zu wenig, um Bestie- digung meiner idealischen Forderungen von ihnen zu erwarten. Während ich mit dem vermessenen Sachwalter der Kunst einige Kreutz - und Quersprünge in ihrem Gebiet unternahm, wo er, wie ich ihm schon an der Hutform angesehen hatte, so fremd war, als ein bärtiger Talmudist in der neuen Offenbarung, rollten einige Chaisen ans Haus, mit militärischen Vorreutern und Begleitung. Den Damen und ihren wandernden Rittern kam zum Zeitvertreib die Lust an, den ländlichen Wirthskeller zu kosten. Man brachte ihnen Wein, Wasser, Zucker und Citronen vor die Schranken. Sie mischten rechts und links, links und rechts, Eins ums Andere, wie sie es mit ihrem Staate machen. Das Wasser war schaal, der Wein herbe, die Citronen nicht sauer, der Zucker kal- chigt. Wein im Wasser hieß Limonade. Wasser in Wein: »1s Zisec, das schmeckte leidlich. — Die Salomonische Gattin eines großen Herrn rümpfte die Nase über das Wort Mätresse. I/smsnw äeclsree. — Die blähende Brust l6o monstrirt dem Volke sein prangendes Kaminstück . an der goldnen Kette: fallt nieder, ihr Knaben, und betet an! Das Gewühl der Oberstube lockte den Vor? Witz der Damen, die hölzernen Hopfasas der Landmädchen zu persifliren. Sie stellten sich an den Eingang des Saals: mit dem ersten Wink des ersten Strauswedels war der glückliche Schwindel der Tänzer zerronnen. Zedes Pärchen wurde beblinzt und beflüstert; niemand sah auf sie, desto mehr auf sich selbst, um so wenig Blöse zu verrathen, als möglich. Das steife Zeremonie! der Gaffer theilte sich dem Begafften mit. Die zwanglose Walzkunst der unschuldigen Dirnen gab ihrer Satyre die meiste Nahrung. Hatte doch manche im luftigen Gewand, mit der windfangendcn Brust, dem seegelnden Kopfschmuck, so geschmeidig den Zirkel umschreiben können! Manche stolpert und seufzt, als wär es ihr Todtentanz. Manche, die vom Morgen bis zum Abend das Fortepiano geiselt und alle Operntrallirums brandschatzt, fällt mit jedem ' Schritt i6l Schritt aus der Mensur, und kommt nicht im Takt, wenn der Tambour ihn schlüge. Aber, mein Gott, was lernen sie denn? Sich ennuyren. Sie stricken doch so fleißig, zu Haus und auf der Promenade, in Schauspielen und Karossen; sie stricken doch gar zu fleißig? Eben darum! Ich möchte kein Mädchen, das nicht mit Sil- phenfiug im Walzer schwebt, nicht wenigstens Mozarts zärtliche Lieder, Pergolesis weinende Mutter zärtlich weinend spielen, und in Gesellschaften den Strickstrumpf entbehren könnte. Eine habe ich gekannt; zärtlich weine ich um ihren Verlust. — Ewig beweine ich ihn! Therese! Schöpferin meines Herzens! ich will deinen Namen nicht nennen: manche Schöpfung meines Herzens wird dich vielleicht im Stillen preisen. Mein Künstler hatte sich auch unter die Tanzenden gedrängt, seine Künstlergestalt zu produzieren. Er richtete sich vorher in der Unterstube auf, streckte den rechten Fuß in die dritte Position, drückte mit der linken Hand den Hut übers I. Banvchen. L 162 Ohr, zog mit der andern das Gilet aus den Falten, das Halstuch über das Kinn, schob den Bufenftreif in Parade, musterte die selbstgefällige Frisur im Spiegel, und schwang sich die Stufen herauf. Zch rückte den Hut ins Auge, schrumpfte mich in den Oberrock, und bemühte mich, den Schein von Ordnung zu zerstören, um unbemerkt und unbeschwerlich mein Perspektiv zu richten. Fi, wie das stäubt und qualmt, schnarrte eine sattelnasige Dame, hielt den Fächer vor, daß der Windzug der Walzer die Schminke nicht herunterblies, und scheuerte den goldenen Fingerharnisch blank. — Pfui, wie das beißt und dunstet, knurrten die Bauern. — War das nicht Eins? Geht heim an euern Nachttisch in den Puderstaub, hätt' ich gern gesagt. Die Noblesse wimmerte: mein Gott, es ist ganz abscheulich, und blieb da. Ein Fräulein zog das Etui, fingerte einen Flackon heraus, stürzte ihn gegen das Licht und rief: ach ich unglückliches Geschöpf, auch nicht einen Tropfen! Das muß ich gestehen, aufs Land fahren, und die Oäeurs vergessen! Der Künstler räusperte sich, langte die Dose hervor, und schmunzelte dem nächsten Dragoner- vffizier einladend in die Augen, indem er Miene machte, sie zu präsentiren. Der Nachbar wog ihn erst von Kopf bis zum Fuß; da er das Län- genmaaß an ihm bemerkte, spitzte er seine Finger. Der militärische Anwald zog den Deckel ab —> husch purzelte das Pfäfchen auf. Ha, ha, ha! brüllte der betrogene Gast. Hohl dich der Sa, tan! „Was ist? Was giebts?" schrie die vornehme Menge durcheinander. ,»O sagen sie doch!" — Damit ging das Drängen und Glotzen, Kik- kern und Plappern an. — „Mein Gott, wie necksch. — Allerliebst recht inventiös — ein Meisterstück!"-- Das wär ein Ding für dich, Bärbchen.'" gähnte ein Bauernbursch einer kleinen Dirne zu. Er hatte sich in Hemv- ärmeln an die Wand gelehnt, sah Mit vekschlun- genen Armen auf die Gaffer hin; das Kind schlang einen Arm um seine Knie, der andere zielte nach dem Popanz, gierig lächelnd bog es das Gesicht zu ihm empor. „Willst du's haben? Geh, der Schulmeister nimmt dirs Morgen weg." „Aber wo haben Sie das Kunststückerobert?" lispelte ein blinzelndes Fraulein mit singenden Akzent. Ihre listigen Augen und ruschligtcn Haare schienen den Eroberungen hold zu seyn. „Als ich in Karlsbad den Adelungen spielte," erwiederte der Wundermann. „Adelungen? Wer ist der?" fragte mir einer Schaafsmiene Fraulein Weisheit. „Zn Klara von Hoheneichen" — „Ach recht, ich besinne mich;" fiel sic mit einem sir, HUI 8ait tout, ein. „Weißt du noch, meine Liebe? Der heldenmüthige Ritter, der immer gefangen wird! Opitz spielt ihn ja auf dem Hoftheater." i6z „Also Sie sind unter den — Comödianten?" fragte die sattelnäsige Dame mit einem schneidenden Kopfwurf. „Also sie spielen mit so auf dem Theater?" — „Alle ersten Liebhaber, Helden und Karak- terrollen. Ich bin ein Universal - Schauspieler." Das ist scharmant, sang der blinzelnde Krauskopf. Eine passable Figur, wa mis. Oui, «is ciiere. pss, iriorisikur Is Lsro«? O oui! Er hat viel, was zu einem Künstler gehört, versetzte der Offizier mit kunstverständiger Miene. Die Dose nicht zu vergessen, flüsterte ich leise. ».Werden Sie bei uns im Bade spielen?" fragte die Dame. Uns — wiederholte ich heimlich. Wir werden spielen! fuhr ich in seinem Namen fort. Ich gesteh's, ich war ein wenig vorwitzig in meinem Winkel; zum Glück sprach ich nach der Seite zu, nicht gegen das Parterre, wie es in Monologen Styl ist. „ Nun, ich freue mich recht darauf," schnatterte das Gänschen weiter; „kriegt man doch einmal was Neues zu sehen, die Kunst veraltet ganz. Allons Messieurs! — ^ vos Services, Mesclames! Nun machen Sie Ihre Streiche gut! Votrs serviteur!" „ Unterthanigster Knecht!" schrie das Universal-Genie dem vornehmen Haufen nach, und bückte sich zur Erde. Wohl gesprochen, alter Maulwurf, schloß ich das Intermezzo: im Domestikenrang folgt auf den Diener der Knecht, so wird der Diener wieder Herr. Wohl bekomme dir die Prise! Der Mensch hat viel, was zu einem Künstler gehört, und: machen Sie Ihre Streiche gut! Das ist schlimmer, als Herz und Nase komponieren. Guter Lessing! ich streiche meine Rechnung aus. Und wenn ich wieder ins Theater komme, und höre irgend Zemanden ein einziges Mal sprechen: der Mensch deklamirt allerliebst oder das Gegentheil, ohne daß er mir i6/ auf dev Stelle eine Erklärung von dem Wort, Deklamation, theatralische^Deklamation, geben kann, so heiße ich ihn einen Mydos. Auf Ehre, es ist ein fatales, mysterisches Wort, Deklamation. Gerade so, als wenn ich sagen wollte: der Mensch philofophirt recht brav, oder sehr kläglich. Beides wäre offenbares Nonrsens. Acht Tage nachher entschloß ich mich ins Schauspielhaus zu gehen. Zudem ich um den Winkel des schwarzen Thors bog, erblickt ich auf dem Zettel die Ankündigung eines Stücks von meinem Lieblingsdichter, dem schätzbarsten der Nation, in gewisser Rücksicht, der die Vorstellungen der Bühne zuerst auf dem Gipfel ihrer eigentlichen Würde zu erheben suchte, ohne ganz den Dank dafür zu ärntcn, der ihm gebührt. Sehr natürlich. Was der Zweck auf dieser Seite gewinnt, verliert er auf der andern wieder, denn im Grunde — im Grunde — wir wollen darüber hier nicht richten! 168 Die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur schwingt nie zum Sonnentempel idealischer Vol- / lendung sich empor. Trägt auch ein Seraph sie hinauf: sie schwindelt, blendet sich und stürzt herab. Mangelhaft und widersprechend ist ihr Wesen, Mangel und Widersprüche ergötzen sie. Willig schmiegt sie sich ins bunte Gängelband der Phantasie, spielt mit gebrochenen Strahlen in dem Hain der Schwärmerei; zum Urquell des verfälschten Lichts gelangt sie nie. Ideeuspiel ist ihre Muttermilch, dem Geist des Ideals erliegt sie ganz. An diesem Felsen scheitert der Künstler und der Kunstverehrer. Das bunte Ungeheuer deb Unterhaltung zerschlägt die lieblichen Gesetze der Vollkommenheit. Im Sturme der Verwirrung stürzt der Thurm, und abgerissen ist die Brücke ins Gebiet der Harmonie. Man verzeihe die kleine Parenthese, sie kam aus meinem Herzen! das Gefühl für alles Schöne und Große lohnet. Ich bin ein Verehrer des Gefühls. In einer schwermüthigen Stimmung, wo man am 169 liebsten fühlt, wollte ich mich der hinreißenden Nührungsgewalt jenes Dichters übergeben, ein paar Thränen los zu werden, die auf Wolken der Melancholie mein Herz umzogen. Ich hatte die Tageszahl versehen, oder vielmehr, ich hatte gar nicht auf sie hingesehen. Die Ankündigung galt der vergangenen Vorstellung. .Ich merkte den unangenehmen Selbstbetrug schon in der ersten Szene, wo einige buntschäckige Dratfigurcn im altdeutschen Kostüm auf mich losgestiegen kamen. Mein Auge suchte schon den Ausgang; indem seegelte ein Zettel aus der anstoßenden Logenreihe nieder. Mechanisch ergriff ich ihn, lief ihn durch, und stieß cnif die Ehrenempfehlung eines fremden Gastes. Halb, zupfte mich ein Dämon an der Nase, falle nieder und bete an, dein Herr und Meister erscheint. Da war er schon, der unschätzbare Künstler! So fest ich auch die Augen an die Bühne heftete, so riß doch ein wachsendes Gemurmel in einer der nächsten Logen meine Aufmerksamkeit halb un- willig auf sich hin. Ein Schwann von Militärpersonen, Damen und Civilnoblesse war in lebhafter Unterhaltung verwickelt. Ueber die ganze Fronte hatte sich ein Offizier gebogen; er zog sich zurück, und bei dem Schein des hintern Spiegelleuchters sprang mir vor allen übrigen die sat- telnasige Physiognomie der bekannten Dame ins Gesicht. Schneller, als die Zunge des blin- zenden Krauskopfs neben ihr, sprang ich an die Kasse, wechselte mein Billet, und faßte Stand in den folgenden Verschlag, worin ich einige unbesetzte Platze wahrgenommen hatte. Dicht an den Pfeiler lehnte ich mich, daher fing ich jede Silbe aus der Nebenloge auf. Nicht gerade das Karlsbader Eisenfresserstück wurde gegeben, das sich dem magnetischen Gedachtniß des Fräuleins so fest angeschmiegt hatte, aber ein ziemlich ähnliches Scherz - und Kampfspiel. Der Held glich jenem auf ein Haar; eben so ruhmredig, plauderhaft und aufgeblasen; wollte alle Schwerter und Lanzen der fürstlichen Rüstkammer zerbrechen, Häuser und Städte auf einander wälzen, wie I7r Simson, und wälzte sich ein paar Mahl mehr, als dieser, in des Feindes Ketten und Banden: er hatte seine Stärke in der Zunge, wie sein Kumpan in den Haaren. Unser Künstler schleifte den Helden tüchtig bei den Haaren umher. Das ist Kunst. Kunst ist es, vor einem falschen Wü- thrig nicht zu zittern, und ihn zu überwükhen! Unvergleichlich, jauchzten die Damen, ein Teufelskerl , die Offiziers, ein drolligtcr Mensch, die Civilisten. Zn meinem eignen Bezirk rief ein junger Brillenastronom dem andern zu : hört einmal, das ist der, mit der komischen Dose, wißt ihr wohl? Er deklamirt göttlich! — Das glaub ich , er hat viel Kunst, wahrhaftig. Wie er alles so auswendig kann, ohne ins Buch herunter zu sehn. — Ein närrischer Mensch, das Kunststück mit der Dose hat mir gleich von ihm gefallen '. — Zm Paterre bemerkte ich ganze Haufen von Zuschauern, deren Mienenspiel es zeigte, daß er ihnen von dieser Seite auch schon bekannt war. Herrlich, herrlich! ergoß die Nebenloge 172 sich in Hymnen; allerliebst, allerliebst! die mei- mge in Odengesang. Klatscht doch zu, ins Teufels Namen, schrie eine Kommandostimme neben an. Bravo, bravo! Klitsch, klatsch! Der Stiefel war fertig. Durch das ganze Haus gaukelte der Schellenklang des Beifalls. Aus dem geschätzten Gast wurde ein angebeteter Bürger.— Der Popanz hatte Wunder gethan. Seinen Vorgänger sah ich zufällig einst den nämlichen Karakter darstellen. Ein großer Unterschied! Er verdiente unter dem Viertelsdutzend Künstler ein kunstbegeistertes Lieblingskind der Natur genannt zu werden. Sie hatte an seinem Taufstein Pathenstelle der Kunst vertreten. Er veredelte den Geist der Diktion, schmiegte die Fugen und Lücken durch das biegsamste Konversationsspiel in einander, während er zugleich die theatralische Tinktur über gewisse Parthien zog, deren die mimische Darstellung nie entbehren kann, wenn sie vor dem Kolorit des gemeinen Lebens hervorstechen, wenn sie dem Gedächtniß, wie 173 der Phantasie, dem Herzen, wie der Aufmerksamkeit, wirksame Spuren einprägen will. Ihm fehlte wenig, oder nichts, als daß er zu gewöhnlich wurde, und kein Popanz seine Lorbeeren kollektive. Der Nachfolger wühlte die Farben durcheinander, ^vie sie ihm unter den Pinsel kamen, und das war nicht etwa ein Tuschpinsel, cs war eine Kalchqnaste. Was ihm selbst nicht ins Auge sprang, wurde schwarz angesirichen; was ihm blendete, Höllenbrandroth; daneben ein bischen Gelb, ans Gelbe ein bischen Grau, dann wieder Pechschwarz und Feuerroth. Ueber das Ganze goß er Leimwasser, so fügte sichs zusammen, und blieb der Dauer anempfohlen. Auch mein Künstler blieb den Kunstverständigen empfohlen. Jener wurde gekrankt und verdrängt, bis er die Geduld verlor, seinen Stecken ergriff, und, wie Jonathan, die Straße wanderte, die kurz zuvor der falsche Prophet gewandelt hatte. Menschen mögen selten glatt und geschmeidig einhergetragen werden, sie wollen fahren, daß 174 Alles holpert und stolpert. Nicht gewiegt, erschüttert will mau sein. Zur moralischen Verstands, heißt das. Mau prieß des Künstlers herrliche Deklamation. Za, er saug und heulte. Sonst hatte er nicht eine Bebung der gewöhnlichen Umgangssprache, selbst in Stellen, die er eine Stunde zuvor so sprechen konnte, wie sie Zeder spricht. Aber er hatte doch den Popanz in der Dose! Keinen Zug der fließenden Bewegungen des Lebens, woran der Körper so reich, so ergiebig ist, wenn er sich verständlich machen, wenn er der Zunge Gesellschaft leisten will. Die Arme tappsten blind umher, rannten gegen den Hutkopf, oder stemmten sich aufs Schwertgefäß, ohne daß die fünf Finger einen 'Augenblick allein ihrer leichten Schwebung überlassen wurden. Aber er hatte doch den Popanz in der Dose! Keinen Hauch der physiognomischen Beredsamkeit, die auch dem Feuerländcr Sprache giebt, das dunkelste Gefühl erleuchtet, ber Sprache selbst Bedeutung lsiht; aber er hatte doch den Popanz in der Dose! — Er wollte doch mein Porträt nicht verkaufen, sagte der gerührte Onkel in der Lästerschule. Sehr rührend! Er hatte doch den Popanz in der Dose, ist zwar so rührend nicht — aber es ist wahr. Daß die Menge diese Wahrheit fühlte, verzeih ich ihnen gern: sie will unterhalten sein. Gleichviel, wer das Bratenwenderwerk ihrer Empfänglichkeit aufzieht, wenn die Näder nur herumgctrieben werden. Daß aber die übrigen Künstler meistentheils — denn diese Kunst hat das vor allen andern voraus, sie besitzt lauter Künstler, keinen einzigen Lehrling — die so stolz auf ihre Bestimmung sind, und daß die liebenswürdigen Künstlerinnen, die eben so wenig ihre Existenz der bloßen Unterhaltung verdanken möchten, als ihren Beifall einem scharfsichtigen Perspektiv, daß diese selbst mit in den Froschgesang des Beifalls stimmten, das ist eben kein Wunder, es ist nur lächerlich, so lächerlich, wie der Popanz in der Dose. Von diesen letz- Lern will ich gar nicht reden. Wenige begeisterte Lieblinge der Natur ausgenommen, denen sie den Nest der Seele ins Herz goß, denen die Weisheit dem Verstände schuldig blieb — was können die übrigen begreifen, was sie greifen. Wie kann man aus dem Strickstrumpf denken lernen, wie kann man durch den SchmLnkkopf fühlen lernen! Ein leeres Herz, eine klingende Schelle, vom Klingklang erzeugt, vom Kling- klang genährt! Gar nicht erwähnen würde ich sie, hätte ich Dich nicht gekannt, Charlotte Ackermann, Zch wollte Dir gern ein Denkmal meiner Achtung hier errichten. Allein, sie würden sich weit mehr an diesem stoßen, als an der schärfsten Schmähung auf sie selbst. Ihr aber Künstler, stolz auf eine Kunst, die nicht einmal den Schatten wirft, die flatterhaft sich selbst entschlüpft, in deren Formen die erste Wellenlinie nicht so lange weilt, als sie den Meißel an die zweite setzt, und dennoch das umfassendste 177 ftndste Gefild im Kunstgebiet besitzt, weil Geist und Natur mit ihren reichen Aernten sie beschenken müssen — was wäre diese wesenlose Meisterkunst, wäre sie nur das, wozu ihr sie entstellen wollt! Das Mauerhandwerk überwage sie: die Lehrlinge des letztem müssen wenigstens drei pythagorische Prüfungsqualen erst bestehen, bevor sie nur die Schaufel mit der Kelle vertauschen dürfen. Zhr tretet aufs Gerüst — und glaubt euch Meister. Könnt ihr es euren Nebenbuhlern in der Winkelwerkstatt wohl verargen, daß sie, ohne Schurzfell sogar, den Rang euch streitig machen wollen? — Wenn drei Theile und ein Drittheil eurer Legion des Anspruchs sich begeben, dann brüstet euch im Siege eurer Gottheit. Du letztes Drittheil, dem die Göttin Kranze wand, deine Schöpfung stirbt mit dir; blicke nicht verächtlich auf die nachbarlichen Gränzen. Schwillt die Blüthe eurer Lorbeern unter der Betastung des vermengten Haufens nicht so hoch, als ihr es verdient, schließt sich der Kranz der Huldigung nicht stets so fest um I. Bändchen. M 178 eure Stirn, als ihr begehrt — geschwind verschafft euch einen Popanz in der Dose; bas Volk im Sumpf ist seines Abgotts werth: dann scheint ihr durch das trübe Brillenglas der Gaffer, was ihr — für euch nur se-y dl VH. Die Berliner Maskerade. ,,Honn! soir c>ui mvl ^ penss. " ^lch liebe das Vergnügen des Tanzes, noch mehr aber der Maskeraden, wo man im schwarzen Tavaro, mit einer Maske vor dem Gesichte und einer Koklikoschleife am Hut, dem lästigen Cere- moniel der Hofetikette ausweichen kann. Der König wie der Bettler sind sich da, wie Sha k- speare sagt, einander gleich, und man begegnet sich daselbst, als ob Paul den Peter nicht kennte. Glückliche Zeit! M 2- Ich bonmotisire gern unter einem Schwarm solcher Nachtwandler und Speckmausgestalten; habe meine herzliche Freude, wenn ich sie neben einander schwirren, sich drangen und reiben sehe. Die ganze Last des Lebens ist in einem Walzer gewickelt, der, wie eine fliegende Aprillwolke, mit ihnen davon rollt. Sie jagen den Schweis aus dem Herzen, zersprengen die Pulse, um einen Schatten von Vergnügen zu erhaschen, der ihres thörigten Eifers spottet, der Furiengleichen Wuth ihrer entstellten Geberden, der strotzenden Gefäße des keuchenden Athems entflieht. Sie kämpfen mit einem Kobold, der im Moment des Angriffs sich ihnen auf Len Nacken wirft, über Berg und Schlüfte mit ihnen stürzt, bis sie in besinnungsloser Ohnmacht dem falschen Quälgeist Küche, Keller, Feld und Zimmer räumen. Jahrelange Behaglichkeit setzen sie aufs Spiel gegen den Taumel einiger Minuten, der sie erwürgt. Sie suchen die Freude, und lassen sie zu Haus. Wie kann sie unter Nachtgespenstern mit grinzenden Karrikaturen Wohlgefallen fin- i8i den, da die flatterhafte Empfindlerin dem stillen Obdach ländlicher Frühlingsblüthen, dem traulichen Sophawinkel schuldloser Liebe selbst entschlüpft ! Man will einen seltenen Gast umarmen, und erdrosselt ihn. Man ringt um den Besitz eines Glücks, das sich im Kampfe verblutet, und zu des Siegers Füßen den Geist verröchelt. Thörigter, weswegen kämpfest du darum? — Dich zu erschöpfen. Ich lobe mir das Paar ans der grünen gepolsterten Seitenbank, das selig in sich selbst, mit heimlich verschlungenen Händen, dem Wirbel der Schwärmer und Gecken entschlüpft. Die Larve scheint dem zärtlichen Mädchen blos die Gluth des Erröthens zu decken, dem angeschmiegten Jüngling die schüchterne Bewerbung anzn- spornen. Die brausende Musik begeistert den Flug ihrer Herzen. Sie lachen der Ketten des Zwanges, des trennenden Schicksals, stürzen weg über die Schranken der Verhältnisse, zerfließen in -einen perlenden Champagnerdurst, und 182 gleiten unter dem Flöteuklang der Sympathie in lieblichen Schwingungen auf der Quelle des Ver- gessens hinab, wie tempische Geister im Schimmer des lächelnden Mondes. Glücklich scyb ihr! Der schöne Lilien duftende Traum der Liebe hat den bunten, erstickenden Traum des Lebens verschlungen. Euer spielendes Daseyn unter diesen gaukelnden Marionetten gleicht dem Bilde einer badenden Venus von Van Dyks schmelzendem Pinsel, zwischen den bäurischen Zechergruppen anderer niederländischer Meister im Kunstkabi- net. Euer Wesen ist eine goldene Blume am blauen Firmament. Dieser Augenblick begranzt eure Existenz. Was war und was seyn wird, liegt jenseits eurer Sphäre, wie der aufgeworfene Sandkreis um das frische Grab der eingesenkten Bräute, die ein schützender Blitz hinunter warf. Alle Thränen der Gegenwart und Zukunft hat der waltende Strahl verzehrt: was kümmern sie die Thränen.dieser Welt! Möchtet auch ihr in diesem seligen Traum vergehen, wie der leuchtende Thau im glühenden i8Z Klee, oder möchtet ihr im nächsten Jahr, wenn die heldemnüthigen Entwürfe dieser Nacht das Schicksal besiegten, auch so untheilbar in euer Selbst verschränkt, die Kläglichen bedauern, die sich im Taumel einer wüthenden Engloise jetzt berauschen, um den Zwiespalt ihrer häuslichen Verhältnisse auf Augenblicke zu ersticken. Aber — aber — vielleicht taumelt ihr in Jahr und Tag gleich Jenen, zügellos umher, und zittert vor dem Morgen, der euren Nebel von euren schwärmenden Bewußtsein reißt, wie jetzt vor der schwermüthigen Melodie der feier lautenden Polonnoise, die mit dem traurigen Denkspruch: wenns immer, wenns immer so war, die Wehmuth scheidender Entzückung, die Ahnungsqualen einsamer Erinnerung um eure Seelen wölkt. — O Sterblichkeit aller sterblichen Freuden, wo wandelt ein lebendigeres Bild deines Wesens, als hier unter diesen hüpfenden Nachtgestalten! Aber auch o Mannichfalrigkeit der sterblichen Freuden, wie lebhaft zeichnest du dein Bild auf i84 diesem blendenden Schattengrund'. Was für Vergnügen findet dieser Mensch, in sinnlosen Kompositionsfratzen mit ermüdendem Eifer sein verkehrtes Zdeal mimisch zu karakterisiren? Sein Inkognito ist ein Freibrief an Mitleid und Verspottung. Morgen schmaußt der unverschämte Bettler von den Kupferpfennigen der Neugierde, und lacht der lächelnden Menge zufrieden in sich selbst. — Was lohnt dem dürftigen Bürger- madchen die Mühe, den erborgten Dockenstaat zu sammeln, zu ordnen und zu bewachen? — Das ist der Federhnt von Dieser, das find die Stahlperlen - Epauletts von Zener, das ist das Neitkollet von mir: — alle diese Schmähdevisen ihres Prunks verdunkeln nicht das stolze Selbstgefühl der Gauklerin: das steht auch mir recht hübsch. — Dieser kaudekwellsche Krimskrams von Flittern, unächten Steinhyroglyphen, zerbrechlichen Glasperlen, Franzen - Band- und Florverschlingungen, wirft er der Eigenthümerin den Reiz auf das verlarvte Angesicht, der ihm unter der Larve mangelt? Oder giebt er ihrem 185 verräterischen Ztnstand die Zierlichkeit und Würde, die ihm selbst entgeht? — Zahlt der Kontrast die Sorge der Erfindung, den Mißmuth der Vernichtung? — Mißmuth auf Sorge vergilt der kurze Wahn der Hoheit, das tauschende Bewußtseyn der witzigsten Verzierung. — Ersetzt auch jenem ungalanten Schornsteinfeger - Kontrefai die seltsame Verkehrung den Abscheu der eitlen Damen gegen seine Tanzbewerbung ? — Vielleicht die Ueberzeugung glücklicher Kopie! Recht gut, daß es so viele Thoren, als Thorheiten giebt: was hätte sonst der Kluge zu belächeln? Ewig müßte er die schmerzliche Verfügung der Natur beweinen: aus Freuden Qual zu zeugen, aus Wirksamkeit Verwesung, aus der Blüthe des Lebens Vergänglichkeit und Tod. Recht gut, daß auch der Weiseste für eine Thor- heit brennt, sonst müßte er die Vernunft bejammern, die ihn zum Thoren der Thoren macht. Glücklich ist der, der in blinder Empfänglichkeit den bunten Reihentanz des Lebens mit hinunter- taumelt, gleichgültig, ob in den Armen einer ausstaffirten Küchendirne, einer schlau maskirten Bettlerlarve, oder einer verrufenen Unschuldskrämerin. Glücklich, wer die falsche Frucht genießt , und nicht der Flecken, nicht der Warzen achtet, nicht mühsam die Schaale von dem Fleisch lößr, den Wurmstich und die Faulniß mustert, bis ihm zuleht der dürre Kern in Händen bleibt. — Der Stoff der reinen Freude, wie die reine Form der Kunst, sind Ideale einer andern Welt. Was uns auf diesen Maskenball umnebelt, wo der Tod den Vortanz halt, ist Blendwerk, Grimasse und Karrikatur. — Der Geist der Ideale klingt aber stets in unserer Seele, und stört den Accord dieses Schattenspiels.— Gut! So muß doch irgendwo ein harmonischer Planet regieren, vielleicht derselbe, der den zauberischen Spharenklang ergießt, wo Stoff und Form in fugenloser Eintracht schmilzt, der Geist vollendet aus dem Herzen steigt, das Herz unendliches Entzücken aus dem Geiste schöpft! Bis dahin will ich mich sorglos unter diesen tändelhaften Schaaren drehn, die wurm- stichichen Freuden dieser Welt in ihren glänzenden Schaaken unversäumt genießen, ohne durch mühsame Zergliederung den Genuß zu verbittern. Glücklich, wenn ich selbst in der täuschenden Maske gefalle; glücklicher, wenn die täuschenden Freuden mir in ihren Masken gefallen. So dacht ich ohngefahr, von einem Schauer der Wehmuth umflogen, als ich, in dem schwarzen Domino gehüllt, den ich zuweilen aufgeschwellt hinter mir herflattern ließ, während ich mich in meinem senatorischen Karnevals - Pomp wohlgefällig betrachtete, durch die reibenden Kolonnen lustwandelte, um die Disposition der bunten Geschwader zu rekognosciren. Die eine Kolonne war schon etwas räumiger geworden. Im Umdrehen bemerkte ich eine strotzende Brünette, die voll Ungeduld das Final des Figurirens zu erwarten schien; Sie schwenkte den krausen Kopf nach allen Seiten hin, als ob sie Jemand suchte. Auf den Tanz hatte sie wenig Acht. Der Tan- 133 zer mußte sie fast jedes Mal zur Anfangschane zupfen, und in der Ltiaino en sixes war der Haupttänzer gezwungen, vor ihr zu pausiren, oder den Nhytmus zu verwirren. Spornte der Erste sie an, so fuhr sie auf, wie ein gescheuchter Taubenschwarm, faselte durchs Quarre, reichte die Hände blos wie zum Klapsen hin, indem sie Lei jedem Schritt das glühende Nackenhaar lüftete und sich mit dem Schnupftuch kühlte. Im Doppelwalzer der Schlußtour raste sie so zügellos umher, daß sie ein halb Dutzend Schwingungen mehr erhaschte, als der Tacktschritt eigentlich versteckten konnte. Bald raffte sie die Tänzerin rechts, bald links am Arm, und schleuderte mit ihr im Zirkel, bald neckte sie sich abwärts, bald aufwärts in die Parallellinie über, um Dieser und Jener was in's Ohr zu flüstern. Die Augen funkelten, wie die prismatischen Kristallknöpfe der Kronleuchter im Saal. Ich faßte sie ins Gesicht, merkte mir genau den Anzug. i89 Ein gestreiftes Goldband durchschnitt das Haar, zierte die linke Schlafe mit einer gefüllten Rose. Eine stürmende weiße Feder schwankte vom Wirbel nach der Schulter zu, als wollte sie auch hinter ihren Augen dem männlichen Geschlecht die Gefahr des Herzens verkündigen. Ein feuerfarbnes Leibchen mit dichten Falten, rückwärts von einem Puderguß überschwemmt, der vielleicht blos das dunkle Haar heben sollte, preßte den wallenden Leib , daß Busen und Hüften vollere Bogenstrahlen warfen. Goldne Fran- zen zierten die griechischen Halbärmel auf den Achseln. Eine schwarze Florkrause umgitterte die Brust, wie der schmale Nand eines dunklen Marmorbeckens den gleichfließenden Strom. An einer« zwiefachen Feuerband flatterte ein großes Medaillon auf dem Oberkreis des Leibchens. Ein luftiger Milchflorrock umwölbte das Piede- stal, mit dreischichtiger Garnirung »1» 8ou-,gnns verschanzt. Ein grünseidner Schleier stürzte in kühnen Schlingungcn auf den Boden hinab. Immer zog sie einen dänischen Halbhandschuh 19 « nach dem andern aus, die weiße, knospige Hand zu zeigen, die ein schwarzes Perlenband umgürtete. Nach den Schuhen Hab ich nicht einmal gesehen. Die Füße sind meine geringste Sorge. Ihre Bekanntschaft ist ohnehin die letzte, deren man bedarf, wenn man eine Su- plikean die Sympathie des Herzens hat. — Warum ich grade der dänischen Handschuh erwähne? Ich mag sie leiden, die neckschen Dinger: sie streuen so frischen, balsamischen Duft von der warmen Hand. Ich küsse eine Hand so gern, die unter einem solchen Handschuh war. Den Handschuhmacher möcht ich nicht küssen. Aber das Frauenzimmee hatte ich wohl küssen mögen! Wer weiß, was noch geschieht. Indem ich mich nach einiger Zeit wieder herumdrehte, und ihr etwas näher kam (vorher hatte ich mich durch einige Masken absichtlich von ihr niegge- wandt, um keiner zweideutigen Auslegung irgend eines ihrer Interessenten ausgesetzt zu werden) schien ihr Auge mich, wie einen Lauggesuchten, plötzlich zu erhaschen. Pfeilgerade schoß sie auf mich zu, schlug mit feuriger Entzückung die Hände vor der Brust zusammen, in eine bittende Gebehrde, die hier Erstaunen bezeichnen sollte, mich so lange vermißt zu haben; da ich aber in einer gewissen unbestimmten Verlegenheit stehen blieb, faßte sie meine Rechte, blickte mir verwundert ins Gesicht, und schrieb den Anfangsbuchstaben eines Namens auf die Fläche. Den Buchstaben verstand ich zwar, konnte ihn aber auf keinen Gegenstand beziehen; darauf merkte ich zugleich, daß die Dame sich im Letternfach vergriffen hatte, oder daß es leicht sein würde, ihr das Manuskript zu verfälschen. Mir flog die Ahndung von einem Abentheuer durchs Herz, und eben so bald auch die Lüsternheit darnach. Das Schlimmste war, ich hätte den Anfangsbuchstaben ihres Namens wieder bezeichnen müssen, zum Merkmal, daß ich der rechte Mann sey; das konnte ich nicht. Reden durfte ich nicht, sonst war die Glaubwürdigkeit 192 der Handschrift vernichtet. Ich faßte mich kurz, nahm die Miene an, als hätte ich sie durch Verstellung einige Augenblicke in Ungewißheit setzen wollen, griff mit der bezeichneten Hand ihren Deutungsfinger, und deutete durch einen beredten Druck das Gegenversiandniß an. Eben zupfte ihre Nachbarin sie wieder zur Hülfstour. Sie förderte das letzte Paar hinunter. Wie ein Stoßvogel fuhr sie in die Reihen, Lappte im Fliegen mit der Hand nach der weinigen, drückte statt dieser den Florkragen, ließ mir aber einen langgeschweiften Blick zurück, der in transparenter Schrift mir zuzurufen schien: bleiben sie in der Nahe, oder bleib in der Nahe; das konnte ich so eilig nicht erkennen: Frauenzimmer schreiben krihlich, wie bekannt; bei Lichte liest es sich nicht gut. Den Hauptsinn mußte jeder selbst lesen können, wäre er noch so mysteriös geschrieben: denn selbst die Chiffersprache der Liebe ist nicht räthselhafter, als ihr Druck. Die Floskel: mein Bester, mein Süßer, oder etwas etwas Aehnliches, erklügelt man eben so bald, wie aus der Raritäten-Notifikation eines Schulknaben die Ueberschrift: - bester Freund, oder wie dieser ans Cicero's Briefen den Einleitungssah: wenn du dich wohl befindest ; zum Uebrigen ist der Schlüssel leicht gefunden. Versteht sich, in der Chiffersprache der Liebe ; damit hat Freund Cicero nicht viel zu schaffen. Gefunden wenigstens für den, der nur einigermaßen das güldene A. B. C. der Zärtlichkeit durchblättert hat. Wer freilich nur den kalten Abend - und Morgensegen blindlings plappern lernte, entziffert nicht einmal die Frakturschrift des freundlichsten Grußes, wäre sie auch so kraus geschnirkelt, wie der neue Leipziger ^iteldruck. In einiger Entfernung von meiner holden Schriftstellerin rief ich mir etliche Paragraphen wieder ins Gedächtniß; kaum hatte ich angefangen, so schlug sie ihr Tourenkompendium zu, warf ihren Zuhörern eine fliegende Verneigung hin, und himmelfahrtete auf meinen Standpunkt I. Bändchen. N 194 los. Sie faßte abwärts meine Hand, klemmte sie fest zwischen uns Beiden, indem sie mir, fortgehend, ins Ohr flüsterte: „ist der Wagen da? Was ist die Uhr? Mein Gott, wo bleibt er denn?" — Mein Gott, was sott ich sagen, dachte ich. — „Die blaue Pelzsaloppe habe ich der Punschwirthin in Verwahrung gegeben, das Schmuckkästchen bei mir. Hat er seinen Mantel? Zst alles besorgt?" — Holla! nun wußte ich, was zu besorgen war: die Flucht der Lalage nach Lampedous. Meine Verlegenheit war aber nichts desto weniger auf der Flucht. — „Mach er, daß wir fortkommen.. Er ist ja, wie im Schlaf. Hat gewiß wieder Champagner genascht!" — So jagte sie mich unausgesetzt mit Fragen, und verhinderte durch jede folgende, meiner Unwissenheit in Beantwortung der erstem Blöße zu geben. Ein drolligtes Abentheuer! Zch müßte nicht wirklich Champagner, und obendrein Königs- punsch genascht haben, um der Lüsternheit wi- IY5 Verstehen zu können, einen Streich zu vollenden, der sich mir so gutwillig in die Arme warf. Nur konnte ich keinen Entschluß fassen. Zch stand, wie im Dunkeln, ohne Führer, ohne Richtschnur. Verrathen durfte ich mich nicht. Antworten konnte ich nicht. Selbst den Personalgrad, der zwischen der verirrten Eidgenossenschaft üblich war, wußte ich nicht einmal. Mir fehlte die erste Losung. Die schöne Nadelsführ rerin gebrauchte zum Unglück den vaterländischen Gemeinschaftsgrab. Ungewohnte Konstruktionen gelingen der Verlegenheit am wenigsten. — Gewagt mußte es werden. Die flüchtende Verlegenheit nahm ihre Zuflucht zum ausländischen Verwandfchaftston: sttenäes, lispelte ich mit gedämpfter Stimme; drückte zwei Finger auf ihre Hand, und schwenkte mich im Sprechen eiligst nach der Thür. Ein halb Dutzend schwarzer Larven stieß ich sicher krumm und streifig. Wagen vor! rief ich in den Trupp der Miethkutschen hinein. Aufge- Nr iy6 paßt', grunzte ein Kutscher, und fuhr herbei. Befehlen Sie Laternen? zwitscherte ein kleiner Redoutensatrap. Weg -damit! schnauzte ich ihn an, und dachte: ich bin froh, wenn keine mehr auf den Straßen brennt. — Ist alles richtig, lispelte die Unbekannte mir entgegen. Aufs beste, nickte ich ihr zu. — Sie hüpfte nach dem Mangel; ich ebenfalls. Zhren warf sie um; meinen hing ich über den Arm. Bei der Hand wollte ich sie durch den Saal hinausführen. Pst! wisperte sie, und zeigte mit dem Finger auf die rechte Seitenthür. Durch die linke schlüpfte sie. Aus entgegengesetzten Bogengängen stießen wir auf der Terrasse wieder zusammen. Aber wohin? stieß eine Frage mich heimlich an. Statt der Antwort wickelte ich mich zögernd in den Mantel. Weiß er was, lispelte sie schon im Schlage, wir wollen nicht über Zehdnick fahren, um Gottes Willen nicht ! Mir fallt ein: der Sekretair im Posthause war Kammerdiener 197 beim Onkel. Ueber Spandau, die Meile um nach Pohdam thut nichts. Fröhlich hob ich sie hinein, stemmte den Arm gegen den angelehnten Schlag, wandte mich seitwärts nach dem Bocke, und rief dem Kutscher dreist ins Ohr: nach Spandau; hurtig! „Muß all auf Eins gehen; meine Uhr ist im Tanzen stehen geblieben," sagte sie, indem wir fuhren. „Wo war er denn so lange? Ich habe getanzt, daß mir der Athem verging. Wenn man es Einem zugesagt, pochen sie Alle darauf. Dem Letzten bin ichs schuldig. Mag er sehen, wie er zu Recht kommt." Der Wagen rasselte laut auf den Steinweg hin; leise hätte ich mit ihr reden können; aber was? Das Herz zitterte mir vor Lust, Schelmerei und Verlegenheit. Zuweilen schauerte meine ganze Empfindung in ein heimliches Lächeln zusammen, wie einem , dem eine glückliche Ue- berlistung gelang. Meine Nerven brannten auf, die Adern quollen über im glühenden Hauch der 193 erhitzten Nachbarin. Dem Konversationskapitel ein Ende zu machen, umspannte ich sie mit beiden Mantelfiügeln. Sie schlug die Arme unter der warmen Zeltdecke mit den Vorderblättern der Pelzsaloppe um meinen Leib, und wiegte sich hin und her an mir. Die Larven hatten wir beide Vorbehalten. Die ihrige war schwarz, wie es einem hübschen weißen Gesichte gebührt. Um die Besitzerin nicht allgemein kenntlich zu machen, zog sie sich in einer kleinen Spitze auf die Oberlippe herab. Die meinige war weiß, wie es einem überall flatternden Gaffer geziemt. Um unbekannt zu bleiben, ohne Beschwerlichkeit zu spüren, wählte ich mir eine mit einem langen Pantalonsbart. Ich saß, wie ein Tantalus am Apfelbaum. Nur ich im Feuer, er im Wasser. Meine Aepfel hatte ich in der Hand, konnte sie nicht genießen; seine konnte er verschlingen, und war unvermögend, sie zu fassen. Ich weiß nicht, geschah es aus Gemachlichkeitsliebe zur lieblichen Lage, oder aus Furcht vor dem aberwitzigen Lichtschein, der 199 hin und wieder aus den Wohnungen in den Wagen prallte, ohnerachtet wir schon das Thor zurückgelegt hatten: ich konnte nicht einig mit mir werden, mich zu demaskiren. Zhr machte die Auflösung des Bandes unter dem Kopfschleier zu viel Mühe. Also saßen wir neben einander, wie die vermummten Näthe des Vehmgerichts. Wenn die süße magnetische Flamme der Vereinigung aus den reibenden Körpern blitzte, stießen die scheuslichen Larven die gierigen Geister wieder zurück; der schöne Kuß zerschmolz in einen warmen Dunst. Das eingeklemmte Feuer aber brachte, wie in einem Lavaschwangern Berg, gewisse fibrilische Erschütterungen hervor, die uns mit Gefahr der Zersprengung ängstigten. — „Er ist ja so still, was fehlt ihm denn? Sei er munter, wie ich, hört er?" So murmelte meine Schöne hinter der Larve. Zch wühlte das Haupt in ihren Busen, machte Bewegungen des Schlummerns. Sie prägte zwischen dem Gedränge von Hut und Federn das Kinn in meinen Nacken, und drückte mich an sich mit gepreßtem Athem. Da lag ich, wie im Traum, wenn Wachen und Schlaf mit einander ringen, in dem abentheuerlichsten Gewand, dem abentheuerlichsten Verhältniß, an dem schönsten Busen, mit dem sich jemals eine abentheuerliche Prinzessin gebrüstet hat. Ich schlummerte wirklich: meine Besinnungskraft schlummerte an dem warmen Busen, so süß, so süß! — Zn meinem Leben habe ich an keinem Busen süßer geschlummert! Schlummernd an diesem schönen Busen kam ich, früher, als ich wünschte, und spater, als ich wollte, vor dem stattlichen Posthause an. Mit der Stockung des Wagens gerieth meine Vesinnungskraft in Kreislauf. Hell leuchtete die ganze Mysierie aus meiner Seele, fachte alle Entschlossenheit zu einem Vorsatz an, der meiner Eitelkeit reichere Aernten versprach, als ein fliegender Genuß der Uebereilung und der Hinterlist gewahren konnte. Der Einfall begeisterte mich, 2O1 Im Kvmtoir schlummerte ein träges Nachtlicht. Man erwartete die durchfahrende Post. Ich hatte schon den Griff des Schlages in der Hand, als mir einfiel, die Maske abzunehmen, den Hut mit der weißen Feder unter dem Mantel zu verbergen. Meine Gesellschafterin war ebenfalls so vorsichtig, ihre Maske los zu binden. Wahrend dessen sprang ich heraus, reichte dem Fuhrmann zwei Thalerstücke aus der Westentasche, und rief dem entgegen kommenden Hausknecht zu: geschwind Licht und Zimmer ! Die Dame flüsterte: geschwind Extrapost nach Potsdam : Ich fügte zu dem ersten Auftrag blos: hernach Extrapost, So viel wußte ich wenigstens, daß wir Extrapost brauchten; wohin, das war noch nicht entschieden. Unser Fuhrmann durfte nicht warten, das Aufsehen zu vermeiden ; eben so wenig die Rückreise nach dem Ort des Abentheuers jetzt schon bestimmt werden. Der Bursche nahm dummklug das Licht wieder mit, um den Zim- 2O2 merschlüssel zu holen; ich faßte klüglich das Schnupftuch zwischen die Zahne, das Gesicht zu verbergen, half der Dame aus dem Wagen, und eilte geschäftig voran in den obern Stock, so bald ich den Schlüssel auf dem Leuchter klingen hörte. Fest drückte ich das Tuch ins Gesicht ; die Dame that aus anderer Absicht das Nämliche. Befehlen Sie was zu trinken? ftug das per- sonifizirte Amt der Schlüssel. Zch nickte: ja. — Kaffee, oder Chokolade? Zch nickte. >— Choko- lade? — Hm! — So kamen wir durch Fragen und Nicken zur Entscheidung, wie ein verliebtes Pärchen durch Aeugeln und Zwinkern zum Verständlich. Unterdessen schritten wir in die Stube. Zch nahm dem Lichtknappen den Leuchter ab, fetzte ihn nieder, und stellte mich, als ob ich das Licht putzte , während er sich mir schleppender Neugier aus dem Zimmer drehte. Die ungeduldigen Augen der Dame schoben ihn zur Thüre hinaus. Eben legte ich Hut und Maske auf den Tisch. Der erste Schritt ist mm gethan, rief, sie mit einer heranhüpfenden Umarmung. Für den zweiten lassen Sie mich sorgen, Madam, sagte ich lächelnd, und wandte mich. Wer sah je eine mimische Heldin mit dritte- halb Aktionen in einem Aktionsschlingenden Monodram sich gebehrden ? Die Radikal - und Kubikaktion besteht darin, daß man mit beiden Armen nach der beliebten Henkelform die Luft- fiäche durchrudert. Auf ähnliche Weise volti- girte die neue Hippodamia rückwärts bei dem Klang meiner Stimme, dem Signal meiner Gesichtszüge. Wie ein SalromortalsprinM, wenn er im Begriff ist, sich drei Mann zu Pferde weit zu überschlagen. Sie überschlug sich nicht. Sie balancirte noch. Eine schmachtende Blondine hatte weniger Umstande gemacht. Setzen Sie sich gelassen auf dies zwölfsitzige Sopha, Madam, fuhr ich scherzhaft fort. Hier ist Platz genug zum Retiriren und Avanciren. 224 Mit diesen Worten reichte ich ihr höflingsmaßig die Hand, und zeigte mit der andern auf ein gelbbeschlagenes Kanapee neben dem Himmelbett, das uns seinen flachen Schoos und Rücken entgegenreckte. Es schien für die Heiligen zwölf Apostel bereit zu stehn. Der scherzhafte Ton machte sie ermuntern. Sie wankte mir zweifelhaft nach. Aber mein Gott — fing sie an; im nämlichen Augenblick fiel ihr ein, daß sie aus ihrem Karakter gegangen war: sie machte Miene, wieder aufzustehen, um sich in die vorige Positur zu stellen. Zch hielt sie fest. „ Echoffiren Sie sich nicht, nach einer so echoffanten Nacht. Zch bin strafbar; aber zum Glück für mich, sind Sie in meiner Gewalt, schöne Hippodamia; und zürn Glück für Sie, bin ich der barmherzigste Zentaur, der jemals eine reihende Nymphe entführet hat. Hier schmieg ich mich zu Ihren Füßen, wie der verliebte Schwan sich in den Schoos der holden Griechin schmiegte. Wenn 2OZ indessen die Geschichtschreiber unsers Lebens nicht etwa von Lebens Ei ihre Kronick skandalös beginnen, so sollen Sie Mühe haben, eins zu finden. Sehen Sie sich getrost ans meinen Rücken, laden Sie das ganze Päckchen Zhrer liebenswürdigen Geheimnisse mit auf, kein Stück soll in der gefährlichen Glut untergehen. Lieber will ich Zeitlebens im Ehestand, die satirische Dogenmütze meines göttlichen Verwandten schleppen, der die hübschen Mädchen so hübsch ins Wasser gehen lehrte, will jeden Kuß von einem hübschen Mädchen mit einem goldenen Regen erkaufen." Meiner christlichen Europa war diese empfindsame Parentation Sanskritta. Aber es giebt Stimmungen, wo man Alles versteht, oder zu verstehen glaubt, was der Empfindung schmeichelt. Nichts überwindet leichter die reitzbare Seele eines Weibes, als gewisse bonmotistische Seiten- sprünge, ein schäkerhafter Purzelbaum, wenn man das Gleichgewicht gegen sie verlohren hat: stracks wollen sie nach, und liegen unter. Sie lachte so laut, als sie vorhin aufschrie, und hatte schreien mögen, daß sie so laut auflachte. Wissen Sie wohl, daß es mir gar nicht lächerlich ist? fuhr sie fort. — Ich hoffe, es soll ihnen erst noch lächerlich werden, reizende Frau — oder — doch nach dem Wappen auf Ihrer Brust, die das schönste Wappen ihres Geschlechts ist, lnuß ich das erste glauben, bis Sie mich des Gegentheils versichern. Das Portrait des Liebhabers, der uns bei Nacht und Nebel ins gelobte Land bringen soll, pflegt man nicht in Medaillen aufzustellen. . Sie haben recht, sagte sie mit einem schleichenden Seufzer, und lächelte wieder über den Seufzer, wie es schien. — „Zch wollte tausend solche Seufzer zu Ihren Füßen verschütten, erwiedene ich, daß Blumen und Kräuter, Geisblatt und Vergißmeinnicht hervorsprießen sollten, wenn ich lieber Unrecht hatte, da ich auf Kosten dieses einzigen Recht habe." 207 Sie wollte seitwärts die Augen Niederschlagen, ihr Blick stieß sich an den Tisch, worauf ich meinen Hut gelegt hatte. Heftig sprang sie in die Höh, faßte ihn an und besah ihn. Zrn parodirendenTon sagte sie: „wären Sie doch lie- ber Zeit Lebens zum barfüßigen Strauß geworden, eh' Sie mich durch'die fatale Feder vollends lauschten. Nun erst seh ich es ein, daß ich es hatte besser einsehen sollen. Zn dieser einzigen weißen Feder habe ich mich verrechnet. Das Kennzeichen meines Gegenstandes war ein schwarzer Manteau, weißer Florkragen, weiße Larve, gleiche Kokarde, und zwei weiße Federn. Sie Unglücksvogel stimmen in Allen mit ihm überein, bis auf die einzelne Feder, die ich für zwei angesehen habe.-So leicht betrügt man sich, wenn man betrogen sein will! — Aber wie konnten Sie — " Sie machte Miene zu Vorwürfen. Ich hob mich unerschrocken auf, langte nach ihren: Arm, und zog sie mit beiden Händen zu mir nieder. 2O8 „ Wie konnten Sie so artig sein, mich dieser Unartigkeit auszusehen?" fiel ich ihr ins Wort. „Wer weiß, wer mehr dadurch verliert: Fühlen Sie her." Zch hielt ihre Hand noch fest, legte sie ans Herz, und fuhr fort: „ zur Entführung haben Sie morgen, und so lange die schwarzen Dominos, weiße Federbüsche und Larven auf Erden paradiren, noch Zeit genug. Vielleicht tanze ich bis dahin schon mit den Larven des Unterreichs. Sehen Sie daraus, welchem weichherzigen Schäfer Sie in die Hände gefallen sind. Was wollten Sie machen, schöne Galatee, wenn Sie einem kleinen Waldteufel zur Beute geworden waren? — Weibchen, Weibchen! wenn ich einen Kobold zum Freunde hatte/ er sollte dies Medaillon unwandelbar auf Zhre Brust bannen, und ihm die Kraft geben, so oft Sie eine ähnliche Uebereilung im Schilde führten, vor Ihren Augen lebendig zu werden." Das wäre ein hübsches Hokuspokus. Es würde bald aus der Mode kommen, das Portrait 2OY trait der Männer zum Stempel falscher Münzgepräge zu gebrauchen. Sogar die Verrätherin des heiligen Feuers trägt einen solchen Stempel jetzt auf ihrer Brust. Was soll er anders sagen, als: ich falle nicht, ich geh am Gängelband. Wer fällt mehr, als sie, unter deren Fall das keusche Feuer selbst verlöschte? So dachte ich, indem meine keusche Susanne, gleichsam zur Wehre gegen meine satyrischen Seitenstiche, in abgebrochnsn Sätzen, mir die Geschichte ihres Zrrthums erklärte, die ich ohnehin errathen konnte, bis auf den Namen des falschen Pharisäers, dem ich sie entrissen hatte. Also der? frug ich, da sie nach einiger Weigerung , sich auch über diesen Punkt zu äußern, meiner neckenden Zudringlichkeit Gehör gab. Sie hätten lange warten können, wenn ich nicht den abentheuerlichen Einfall aufgefangen hätte, sein Amt zu verwalten. Werden Sie mir glauben, wenn ich Sie versichere, daß ich ihn mit ganz andern Signalattributen bei einer mir sehr be- I. Bändchen. O 2IQ kannten Dame sitzen sah? die ihm, wenn ich nicht irre, eine Preisabhandlung über die ewige Harmonie, und das materielle Wesen der Seele ausarbeiten half. Im Eifer der Demonstration zog er einen Augenblick die Larve ab, um das Gesicht zu lüften, als ich eben durch das Zimmer strich: daher erkannte ich ihn sogleich. Außerdem wäre mirs schwerlich gelungen, weil die Larve, die allein mit der Farbe der meinigen noey' übereinstimmte, auch durch den langen Spitzbart dispa- rodirte. Wahrscheinlich kam er etwas früher, als die gesetzte Zeit erforderte. Er fand Sie im Tanz beschäftigt, und verstrickte sich zur Unterhaltung in eine Bekanntschaft, die endlich sein Interesse so sehr beschäftigte, daß er dem hergebrachten Vorsatz untreu wurde. Die Karnevals- Insignien verrauschte er an einen Freund, bis auf die weiße Larve : damit weder er, noch dieser ins Gedränge fallen möchte, und strebte, seine erhitzte Uebereilung in einem Loncert «pl- rituel wieder abzukühlen — um sie vielleicht von neuem zu erhitzen. Auch erinnere ich mich, Je- 211 mand im Punschzimmer bemerkt zu haben, dessen Maskirung, die Kleinigkeit ausgenommen, Zhren .Jrrthum rechtfertigen könnte, so wie die Zukunft meine Aussage bestätigen wird. Nun behaupte einer, die philosophischen Lauscher und psychologischen Wandhorcher sind nicht so gut von Nutzen, wie jedes andere widrige Znsekt in der Natur. Aber; sagen Sie mir auch, wie Sie durch einen solchen Mann zu einem solchen Schritt verleitet werden konnten, der Sie in einem weit gefährlichem Standpunkt, als dies Familienso- pha giebt, den männlichen Gefahren unterworfen hätte? Wenn Sie auch unentdeckt geblieben wären, für Ihre Sicherheit werden Sie allenfalls gesorgt haben? „Wir.wollten nach Elsaß gehen," fiel sie mit naiver Offenherzigkeit ins Wort. „Mein-e Garderobe, nebst allen Lieblingseffekten, habe ich während der kurzen Abwesenheit meines Mannes zu einer Koufine geschafft, die aufs Frühjahr nach Pyrmont und Aachen reist. Am lehtern Ort wären sie abgeholt, oder durch Einen von uns in O 2 212 Empfang genommen worden. Mein Gesellschafter hat ein Gut in Elsaß, wo wir uns niederlassen wollten. Einstweilen hätten einige Stücke aus meinem Schmuckkästchen mich mit dem Noth- wendigsten versehen müssen, im ersten Erholungsort , den wir erreichten." Und in dem letzten würden Sie vielleicht eines Zweiten Kästchens bedurft haben, sich eine neue Erholung zu verschaffenversetzte ich mit Feuer. Lieben Sie ihn? »Ich liebe — — das Romantische." — Sie spielte mit ihrem Medaillon. So hassen Sie auch Ihren Mann nicht? — ,»Ich harmonire nicht mit ihm." — So könnten Sie ihn wenigstens ertragen lernen. Das ist fast Eins. — Ich ließ mich überreden, daß ich ihn hasse." Und würden den Ueberreder wirklich gehaßt haben. Wehe Ihnen, wenn Sie denjenigen 213 dann bedauert hätten, den Sie jetzt zu hassen glauben! Wer Schwachheiten benutzt, unsre Thorheiten unterstützt, ist unser Feind, in demselben Moment, da er den Bund der Freundschaft unterschreibt. Die Unbesonnenheit, die uns ihm überlieferte, kehrt sich Ln einen Fluch, der uns aus seinen Armen scheucht. Jede Dauer ermüdet, wäre es auch die Dauer einer Liebe, die uns der Ewigkeit des Ehestandes entfesseln soll. ^ Zudem sie uns von diesen Ketten erlöst, wirft sie uns ihre eigenen um. — Sie konnten mit so vieler Leidenschaft dem Tanze sich ergeben, süßes Weibchen, zur nämlichen Stunde, wo Sie einer der wichtigsten Entscheidungen Ihres Lebens harrten! Ein Beweis, wie leicht Sie sich darüber trösten werden, daß die Entscheidung Ihr Erwarten tauschte. Der erste Anblick interessirte mich für Sie. Ein kühner Florwurf, ein feiner Augenzug kann mich gewinnen: aber nicht so leicht zum Sklaven machen. Die Glut des Bechers lockte meine Frivolität, ein Abentheuer zu bestehen, daß meiner Reizbarkeit so willkom- men war. Beides: Feuer und Interesse, begeistern mich zu einem Heroismus, der mich der Kanonisation würdig machte, wenn mein Eigennutz in vollem Harnisch überwunden würde. Doch, ich gestehe es, den Mittelpunkt des Herzens ziert ein gewisses Medaillon, das, ohne so zierlich eingefaßt zu seyn, wie Ihres, den Hel- denmuth mit wahrem Medusenzauber unterstützt. Das Schwert des Egoismus ist erstarrt, das Schild erschlafft: was schützt ihn das Symbol der astgemöinen menschlichen Verbrüderung, die klaffende Hyäne auf dem Helm? Der Helden- muth hat seine stärksten Kämpfer auf der Seite: Liebe und Eitelkeit. Sollte Einer, oder Beide ihn verlassen, so nehmen Sie die Ueberlaufer unter Ihre Fahnen auf. Bis dahin wählen Sie die Freundschaft zur Spionin, Sie werden nie den Sieg verlieren. Leise drückte ich ihre leichtgssaßt Hand an meinen Mund, mit der ich wahrend der Unterredung gespielt hatte. Nachdenken!) schwamm ihr Blick auf meinen Augen. Ein Hauch von Lächeln wiegte sich auf ihren Lippenwinkeln. Halb zurückgeführt vom Munde, streichelte ich die Hand feierlich mit der meinen, vertiefte mich in das blendende Licht der weißen Oberfläche, und strebte mit trunkenem Augen, ihren Micken wider zu begegnen. Hier begegnete uns die Chofolade. Die Post ist angespannt, meldete der wachsame Diener. Ich zog die Uhr. Es ging auf Vier. Wir müssen erst nach Berlin zurück, es ist was vergessen worden, sagte ich mit hingeworfenem Ton. Hastig schlürfte Jeder eine Tasse. Dem Burschen quittirte ich, nahm die Dame bei der Hand und bestieg die Halbchaise. Mit Anbruch der Dämmerung mußten wir in die Stadt. Die Luft war rauh, der Wagen offen. Wir gruben uns in die Mäntel und sprachen wenig. Unter den Linden stiegen wir aus, um die Nachbarschaft in unsrer Straße nicht zu stören, wie ich dem Postillion zum Vorwand gab. An der Ecke der Friedrichsstraße standen wir still. Sie zeigte mir von fern ihre Wohnung, einem Schilderhause 2l6 gegenüber. Der Morgen graute schon. Wir mußten kurz seyn. Die Maskerade war längst demaskirt. Traulich reichte ich ihr die Hand; vertrauend legte sie die ihrige hinein. Auf der Reise hatte ich mir eine ordentliche Schlußtirade für das unterbrochene Gespräch ersonnen. Statt der Abschiedskomplimente fügte ich folgenden Monolog erst hinzu: „ Die reinste Liebe entspringt aus Freundschaft. Der wärmste Freund wird auch der treueste Liebhaber. Ein Liebling, der nicht des Weibes Ehre schützt, der Nichtsein Glück aus ihrer Zufriedenheit schöpft, ist nur sein eigener Freund, seine Liebe Wucher roher Sinnlichkeit. Ein vernünftiger Liebhaber hat mehr Gewalt über ein Weib, als der strengste Gatte. Zemehr sie jenen liebt; jemehr sie dieser schätzt: desto warmer werden Beide sich bestreben, auf das Vertrauen des Mannes ihr geheimes Glück zu gründen, seine Behaglichkeit zu stützen. Wer durch den Feuerbrand der Zwiespalt den Frieden der. Geliebten sprengt, 217 wird kein Gewissen hegen, ihre Liebe zu vergiften. Dem traue doch kein Weib! den Mißmuth, den sein Eigensinn unterhält, wird seine Bosheit zur Verzweiflung treiben. Sie selbst gab ihm die Waffen in die Hand: wer schützt sie, wenn ihr eigner Dolch Vergeltung übt! Nur Liebe, die zur Freundschaft warnt, ist selbst der Freundschaft Kind!" Mit einem weilenden Druck wandten wir uns von einander; die letzte wechselseitige Los- schnellung versicherte sie des Wiedersehens, mich der Ueberzeugung des gerührten Herzens. VIII. Die unvermuthete Zusammenkunft. „NnS bleibt die Freiheit, ihnen öffentlich die Wahrheit zn sagen, den kleinen Großen mit Stern und Band." W u r m b r a n d. Ein gewisser Minister H— in Schlesien hatte die Gewohnheit, wenn irgend ein Supplikant bei ihm Etwas zu suchen hatte, immer sehr viel ;p versprechen, um nichts zu halten, und schloß gemeiniglich mit den Worten; „ich werde auf Sie Rücksicht nehmen. Sie können sich darauf verlassen." Ein junger Mann meiner Bekanntschaft, der bei diesem besagten Minister um eine erledigte A'mtsstelle zu bitten hatte, kam mit vielen Empfehlungen begleitet in dessen Haus, und hörte mit Entzücken die freudige Nachricht aus dem Munde des Ministers: er habe in seinem Gesuch reussirt, und der Minister würde ihm nächstens die Ausfertigung darüber einhändigen lassen. Wer war vergnügter, als mein junger Freund, der so leichten Kaufes das Ziel seiner Wünsche zu erreichen wähnte. Es verging eine Woche nach der andern und keine Ausfertigung erschien. Da er die Unbeständigkeit und den Wankelmuth des Ministers kannte, und noch einige Nebenbuhler, die mit ihm zugleich um eine und eben dieselbe Stelle sich bewarben, zu fürchten hatte; so bangte ihm für den guten Ausgang seines Gesuchs. Ueber-- dem wußte er aus der Erfahrung, daß, da der Minister ein großer Freund von schönen und nicht spröden Weibern war, er sicher würde abgewiesen werden, wenn irgend einer seiner Mitbewerber auf den Gedanken verfiel, statt eines männlichen Supplikanten, ein weibliches Zudi- 220 viduum zu schicken: denn wer kann einer schönen Bitterin etwas abschlagen! — Wie gedacht, so geschehen. Ein blondes, rundes, blauäugichtes, kokettes Weibchen hatte dem armen Solicitanten durch einige kleine Gunstbezeugungen bei dem Minister den Rang, abgelaufen, und der arme Wicht mußte mit der langen Nase abziehen, und hatte noch obendrein den Verdruß, so oft er kam und um Audienz bat, von des Ministers Domestiken abgewiesen zu werden. Diese Beschämung, und das unmännliche Benehmen des wortbrüchigen Ministers, kränkten den jungen Mann, und er sann auf Mittel, ihn ebenfalls zu beschämen und sich zu rächen. Zn der Nachbarschaft des jungen Mannes wohnte eine Matrone, die sich unter dem Schutze des wollüstigen Ministers mit dem edlen Metier des Kuppelns ernährte, und in deren Haus er in der Abenddämmerung öfters den Minister schleichen gesehen. Die Gattin des Ministers war im höchsten Grade eifersüchtig, ehrsüchtig, stolz und von einem feurigen wilden Temperamente, das 221 das öfters bis zu Thatsachen ausbrach. Auf dieses feurige Temperament rechnete mein junger Freund, und schrieb daher folgenden anonymen Brief an die Ministerin : „Ew. Exzellenz vortrefflicher Karakter und „ihre persönlichen guten Eigenschaften verdienen „wahrlich nicht, daß ein übersatter Gatte, der „ sich durch Ausschweifungen langst Ihres Besitzes unwerth gemacht, ferner noch Sie zum Spiel- „werk seiner Leidenschaften und Launen macht. „Ihr Gemahl, dieses Namens wahrlich nicht „würdig, vertauscht eheliche Liebe und tugend- „ hafte Umarmungen mit verbrecherischer Wollust „und unerlaubten Trieben, schändet so die schö- „nen Eigenschaften und Vorzüge, die einen „Mann, der dem Wohl eines ganzen Landes „vorsteht, so vorzüglich kleiden, wälzt sich in ei- „nem Schlamm von buhlerischen Freuden, und „macht sich dadurch der Achtung eines jeden tu- „ gendhaften Weibes unwerth. Ihnen ist dieser „unerlaubte Umgang mit Töchtern der Freude „noch bis jetzt unbekannt; aber Menschenpsiicht r. Bändchen. P 222 „fordert einen Unbekannten auf, nicht länger zu „schweigen, und Ihnen die Augen zu öffnen, „wenn Ihnen anders an Ihrer Gesundheit, an „dem guten Rufe Ihres Hauses, und an der Ehre „Ihrer edlen und würdigen Familie etwas gete- „ gen ist. Lassen Sie den Minister beobachten, „er pflegt gewöhnlich seine Besuche im Dunkeln „vorzunehmen. Das Haus, wo diese nächtlichen „Zusammenkünfte sind, ist auf dem Salzring, „bei der Wittwe S— 12g. Ich stehe mit „meinemKopfe für die Wahrheit meiner Aussage, „ und Ew. Excellenz können den Verräther nicht „besser beschämen, als wenn Sie ihn selbst an „ dem bewußten Orte überraschen." Der Brief that seine Wirkung, er war ein - Funke in eine Pulvertonne; nicht ein einziges Korn fiel auf einen unfruchtbaren Boden. Die höchst beleidigte Gattin fühlte beim Empfang einer solchen Zeitung ganz die Größe des Schimpfes, der ihre häusliche Zufriedenheit trübte; doch wollte sie erst Ueberzeugung, eh sie handelte, und so ließ sie den Minister pünktlich nach der Vorschrift des anonymen Briefes beobachten. Die eingeholten Erkundigungen stimmten leider ganz mit dem Bericht des Briefstellers überein, und nun sann das an Liebe und Ehre gekränkte » 22Z Weib auf eine seltene Rache, den treulosen Gatten zu beschämen, und diese Rache war ihrer ganz würdig. Durch eine vertraute Zofe wurde der Wittwe, bei welcher der Minister seine heimlichen Liebschaften abzuthun pflegte, gesagt: es befände sich eine Dame in der Stadt, die sterblich in den Minister verliebt wäre und nichts sehnlicher Wünsche, als Se. Exzellenz einmal zu sprechen. Die Dame erböte sich, ihm ein Rendezvous zu geben, wenn der Minister folgende Bedingungen zu erfüllen verspräche: erstlich, sich ohne irgend eine Begleitung einzustnden; zweitens, die wirkliche Zusammenkunft ganz im Dunkeln ohne Licht vor sich gehen zu lassen, um der Dame das Erröthen zu ersparen; drittens, nicht eher die Dame zum Sprechen zu nöthigen, bis es ihr selbst gefällig wäre, eine mündliche Unterhaltung zu eröffnen. Der gutherzigen Matrone wurden 50 Dukaten eingehändiget, damit sie alles pünktlich und nach der Vorschrift anordnete, und die heiligste Verschwiegenheit beobachtete. Ueberrascht durch ein so reichliches Geschenke, säumte sie daher keinen Augenblick, diese neue Eroberung dem Minister anzukündigen, ihm eine ganz übertriebene P 2 224 Beschreibung von der Schönheit der Dame zu machen und dem Wollüstling dahin zu beschwatzen, daß er unbedingt alle Punkte genehmigte und vor Verlangen brannte, das seltene Abentheuer zu bestehen. Der bestimmte Tag kam, und die Ministerin ließ sich in der Abenddämmerung in einer Sänfte nach dem Haufe der Wittwe S. bringen. Der Verabredung gemäß führte man sie ohne Licht in ein dunkles Zimmer, wo sie glühend vor Wuth nnd Rache des ungetreuen Gatten harrte. Endlich kam auch er, und tappte im Finstern nach dem geliebten Gegenstand, der ihn so brünstig zu lieben vorgegeben. Man traf sich, man fand sich, Küsse und Umarmungen eröffneten das Schauspiel, welches bald zu feurigern Szenen einlud. Der Minister fand keinen Widerstand, und so seines Sieges gewiß, bestürmte er die Festung und ward Überwinder. Keines von beiden sprach, nur leises Händedrücken und feurige Küsse von Seiten des Ministers waren der Doll- metscher seiner Empfindungen, und machten ihn beredter, als es kaum Cicero in seiner Lage gewesen sein würde. — „Ach! fing er in einer Exstase an; ach! göttliches Weib! was für Wonne giebt mir nicht eine Umarmung, ein Kuß von ihren göttlichen Lippen; O daß ich mein Leben in Zhren Armen aushauchen könnte! So zu sterben, in Zhren Armen zu sterben — welche Wollust müßte das nicht sein!" Die Ministerin, (mit verstellter Stimme.) Fühlen Sie diese Wonne denn nicht auch in den Armen Ihrer Gattin? Der Minister. Nein, göttliches Weib! die ist für mich zu kalt, zu zurückhaltend, zu stolz, besitzt nicht den hundertsten Theil der Reize, womit Ihr Körper und Ihre Seele so himmlisch geschmückt sind. Die Minist. Das ist wohl nur Vorurtheil. Ihre Gemahlin soll, wie man sagt, nicht häßlich seyn. Der Minist. Possen! im Gegentheil erz- häßlich, und noch obendrein ein kleiner Zankteufel ist sie. Ihre Zänkereien und ihr Stolz sind es, die mich von ihr entfernen. Ich kann sie nicht lieben. Die Minist. Lieben Sie denn jemand anders an ihrer Stelle? Der Minist. Ich amusire mich mit Allen, und Abwechselung ist die Würze des Lebens. Wenn ich mich mit den Angelegenheiten der Regierung zu Tode annuprt habe, und glaube, die Liebe meines Weibes werde mir das vergelten; was habe ich da gefunden? Frostiges Ceremoniel, stolze Anverwandte und eine ehrsüchtige Gattin, die mir ihre Liebe gleich einen Frohndienst aufbürdet. Bin ich da zu verdammen, wenn ich Vergnügen anderswo suche, da ich es zu Haus nicht finde? Die Minist. Wenn nun Ihre Frau eben so philosophiere? Der Minist. Mir recht; wenn sie mich nur nicht mit ihrer Liebe und Eifersucht plagte. Aber weg mit diesem frostigen Gegenstand! Lassen Sie mich lieber wissen, wie der reizende Engel heißt, dem ich so viele Wonne, solches Entzücken zu danken habe. Die Minist. Wünschen Sie ihn zu kenneil? Der Minist. Welche Frage! Es wird meine Freuden erhöhen, wenn ich die liebliche Blume mit meinen Augen verschlingen kann, die mir ungesehen und unbekannt durch ihre himmlische Düfte so viele Wonne gegeben. Die Mini st. Sachte, sachte, mein Herr! Wie, wenn die Blume lieblicher duftete als sie aus- -sähe; würden Sie nicht Zhre hohe Meinung plötzlich herabstimmen, und sie, statt sie mit den Augen zu verschlingen, von sich werfen? Der Minist. Nein, nein, nein! ich schwöre es bei allem, was mir heilig und theuer ist! Nie, 227 reizend«! Schöne, Hab ich das empfunden, was ich Ln Ihren Armen empfunden; und nie lechze ich wieder nach dem schwellenden Busen eines andern Weibes. Nur lassen Sie mich Ihre Reize anstaunen ! Die Minist. Sie wollen es also? Gut, lassen Sie Licht bringen! Aber behalten Sie Ihre Fassung. Auf ein gegebenes Zeichen des Ministers wurden Lichter gebracht. Man stelle sich das Erstaunen und die Verwunderung vor, die bei dieser unver- mritheten Zusammenkunft den armen Ccrydon ergriff. Verwirrt, gsdemüthigct, beschämt starrte der ertappte Ehemann die erzürnte Gattin an, aus deren Augen Wuth und Eifersucht funkelten, und halte nicht den Muth, den Mund zu öffnen. „ Eine herrliche Figur! die Sie da spielen, Herr Minister! " sing endlich die Ministerin an. „ Ein Mann, auf dessen Handlungen die Augen eines ganzen Landes gerichtet sind, sollte seine Zeit zu edlem Beschäftigungen anwenden, nicht auf Wegen gehen, die ihn zum Abscheu jedes tugendhaften Weibes machen. Bessern Sie Ihr Herz und Ihre Sitten, wenn Sie können. Aber leider sind Sie nach den schönen Grundsätzen, die Sie erst eben gegen mich behaupteten, über alle Des- 228 serung hinaus. Leben Sie wohl! Mich sehen Sie nie wieder. " , Schäumend vor Wuth verließ sie das Haus und die Stadt, zog auf ihre Güter, und lebte dort bis zu ihrem Tode getrennt von ihrem Gatten. Der Minister hatte die Beschämung, daß man lange noch von dem niedlichen Tete a Tete in der Stadt plauderte. Unfern jungen Mann befriedigte der Gedanke, einen Heuchler entlarvt zu haben, weit mehr, als die Gewährung seines Gesuchs ihm Freude gemacht haben würde, denn in dieser Beschämung bestand seine Rache gegen den wortbrüchigen Minister. Verbesserungen. S. 6g. Z. 3. statt Reizenden gebühren den Zoll lies Reizen den gebührenden Zoll. — 8i.— 8. st. schauterte l. schauerte. — loo.— 4. st. rorum vst l. rsrun» vor. — uz. — n. st. Portraitmaler l. Portraitmalen. — uz.— 3-v.u. st. Puktum l. Punktum. — 125.— Z.v.u. st.stände l. stunde. — 167.— 3. st. Mydos l. Mydas. — 167.— 8. st. Nonisens l. Nonsens. Wl^SISl-IOI'lb