j! «liskwr Zlsät-kidliotkkk. ^. 49844 ' ' 4 . -i XX'i ^ 4 'v'-^ ^ L--. -»^ ^ X. .», . ^-L. >,->< ^ '.r DZ M '.-irr MOH WW / 4 -v- -«Mv G EMG SÄ SWMrW ZMUB AUS den Hindsrjuhrrn !tks Ak^irkkS Favoriten von Hm an 1tet Jeltinek. Aas Rei»ertriiz«iß wird jum Lekr« de» Lindergartr»» »m ;eh«tea Lemke gewidmet. M.ikn 1677. Selbstverlag des Verfassers. s Dem horhurrshrten °Volirsmnnne Herrn Auliaim Heinrich Reichsraths- und Landtags-Abgeordneter, Mitglied des niederösterreichlschen Laudes-Auöschusses, Gemeinderath der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, Gemeindevorstand des X. Bezirkes Favoriten, Obmann des I. Kindergartens im X. Bezirke rc. rc. rc. als Zeichen der Hochachtung und Verehrung gewidmet Vom Verfasser. 'Dr-s^t^^-u-!'^',-^. ' ..--^^'r^ ,p^' ' -;.' j'nr»^kW'E <«« N-i vißrn? .^»«k E Mvrx V ^ 5 ... - -- Z > Ein . ' ' ' Anrmrt. Wenn man ein Familien-Album aufschlägt, so begegnet das Auge aus den ersten Seiten den lieben Eltern, den Stammhaltern der Familie — es ist dies ein Ehrenplatz, der nur ihnen gebührt. Ebenso will ich die Reihenfolge meiner kleinen Arbeit bestimmen. Während ich beim eigentlichen Beginne meiner „Erinnerungen" einen kühnen Griff in das dolle Leben unseres jungen, schon so schwer geprüften, aber doch dielverheißenden Bezirkes that, hielt ich mir bevor, bei Drucklegung ein kleines Stück älterer Geschichte Fadoritens in Form eines Vorwortes einzuschieben, welches meiner leicht gezeichneten Skizze eine festere Basis ^ zu geben bestimmt ist. j Ich greife zurück auf das älteste Volk, die - Bojer, ein Zweig des großen Stammes der Kelten, ! welches die Ländereien zwischen Inn und Leitha ^ bewohnte. Es ist erwiesen, daß gerade der Boden, auf dem unser Bezirk steht, von jenem Volke zu Ansiedelungen benützt wurde. Durch das Waag- — - KN,»-- 6 -G, thal nämlich zog in der Richtung nach Steiermark die uralte Bereustein strafe, die in der Nähe des heutigen Wien die Donau übersetzte. An der Kreuzung des gewaltigen Stromes und der wichtigsten Straße zwischen der Ostsee und dem s Adriameere lag der geeignetste Punkt für Handel und Wandel. Daß die Wohnsitze aber auf der ; Höhe des Belvedere liegen mußten, war durch die großen Ueberschwemmungen der Donau bedingt. Nach den Einsüllen der Cimbern und Daker in das Gebiet der mittleren Donau wurden die ! Römer auf diese fruchtbaren Gegenden aufmerk- ! sam und suchten sich in deren Besitz zu setzen. Daß gerade Favoriten ein von den Römern > früh besetzter Platz war, bezeugt ein Inschrift- I stein, der sich auf einen Soldaten der X. Legion ^ bezieht und im nahen Inzersdorf gefunden wurde, wo eine Grüberstätte gelegen sein mag. In die ! spätere Zeit gewendet, finden wir die Belvedere- > höhe als einen wichtigen Punkt des alten Vindobona. Kastell, Kastrnm und Mnnicipium waren die Haupttheile jener alten Stadt. Das Hastrum lag an Stelle des heutigen prächtigen Belvedere. Es war das Standlager für die Besatzung des ! Kastells und breitete sich gegen den heutigen Südbahnhof aus. Die Reichshauptstraße zog längs der Donau gegen Billagia (Simmering). Von Aquae, heute Baden, und Scarabantia, dem jetzigen Oedenbnrg, führten zwei Straßen nach Vindo- r 7 ^ <7 L 7 KKW bona, die sich unmittelbar auf dem heutigen Bahnhofplatz des zehnten Bezirkes vereinten. Nach neuerlicher Spaltung zog die eine über die jetzige Mleegasse, die andere durch die Richtung der Fasangasse. Von der großen Wichtigkeit dieser Straßen geben die zahlreichen Funde ans dem Wienerberge deutlichste Kunde, und überhaupt ist die genannte Höhe der ergiebigste Ort zur Vermehrung der Kenntniß über römisches Leben in unseren Gegenden. Merkwürdig ist es, daß schon zur Römerzeit zwei Quellenwasserleitungen nach Wien zogen, von denen die eine über Liesing zum Kastrnm führte. Aus all' dem ist klar, welche Bedeutung der Boden unseres Bezirkes für die Römer besaß. Mit dein Verschwinden der Römer verstummt auch die Geschichte Wiens. Urkundlich jedoch begegnen wir 1028 n. Chr. bei Simmering dem ersten Gehöfte; auch hören wir die heutige Triester-Straße viel genannt. Diese war es zunächst, auf welcher die Pilger nach dem Morgenlande zogen. Selbst die gewaltigen Kriegsheere bewegten sich von da nach dem Süden, um das gelobte Land von den Ungläubigen zu befreien. In dieser Zeit mochte das Holzkreuz errichtet worden sein, aus dem später jene Denksäule entstanden, die wir noch heute mit dem Namen: Spinnerin am Kreuz bezeichnen. Sie hieß um das Jahr 1720 „Spinnekreuz" und soll mit der — Spinne insoweit Zusammenhängen, als die gothi- schen Formen die spinnenühnliche Gestalt geben, oder aber die achteckige Gestaltung des Grundrisses der Säule. Im Volksmunde haben sich liebliche, anmuthige Sagen und Erzählungen an dieses Denkmal gelehnt. Die geschichtliche Thatsache um die Säule am Wienerberge ist jedoch diese: Crispinus- oder Spinnerkreuz, später „Spinnerin am Kreuz", auch „Spinnekreuz" kommt daher, daß die Säule dort stand, wohin der Burgfriede der Stadt sich erstreckte, weshalb sie auch ein Bildniß des heil. Crispinus (Schutzpatron der Grenzen) getragen hat. Das Kreuz wurde 1446 durch Hunyady's Schaaren zerstört und 1451 durch den berühmten Dombaumeister Hanns Puchsbaum von Stein neu ausgerichtet. Nach den Kreuzzügen tritt auch bei uns das Sagenhafte zurück. Unser Bezirk mag im Mittel- alter nur wenige Wohnstätten besessen haben. Als im Jahre 1377 Laxenburg in seinem ältesten Theile entstanden war, wurde auch die heutige Straße gleichen Namens dahingeführt. Nachdem 1660 der neue Schloßtheil gebaut wurde, mochte der Verkehr vom genannten Schloße nach der alten Favorita ein bedeutenderer geworden sein. An diesem Punkte trete ich in die Neuzeit über und bitte den geschützten Leser mir auch hier zu folgen. Am 12. Juli 1683 verkündeten die ---—- - ---— -.— --—M brennenden Orte Laa, Jnzersdorf und die wenigen Hütten am Wienerberge mit gleichem Schicksal das Erscheinen Kara Mustapha's vor Wien an. Das Lager der Feinde dehnte sich später vom „Laaer Holzel" rund um die ganze Stadt hin. Dieses Mal lag nicht in der Belvederehöhe der bedeutendste Punkt, sondern ans der heutigen Schmelz. Und nur während der baldigen Flucht berührten die Türken neuerdings Laa, dieses und alle umliegenden Ortschaften in grausamster Weise versengend und deren Einwohner mordend. Erst bei der zweiten Invasion durch die Franzosen gewinnt unser Boden neue Bedeutung, indem Napoleon I. am 10. Mai 1809 den Umkreis von Wien besetzte, n. zw. von Nußdorf bis Simmering hin. Der heutige Südbahnhof steht am Platze, wo Marschall Lannes ein bedeutendes Corps postirte. Am 11. Mai gegen Mitternacht durchzog Napoleon selbst das Gebiet unseres Bezirkes, wandte sich mit dem Feldherrn Massena zum Donaucanal in Simmering und ließ daselbst die Truppen nach dem Prater übersetzen, wonach Wiens fernere Vertheidigung unmöglich wurde. Schon um 2 Uhr Morgens flatterten die weißen Fahnen von den Wüllen und am 12. Mai erfolgte die Uebergabe der Stadt an die Franzosen. Die rein geschichtliche Bedeutung des Bodens von Favoriten hätte ich somit beendet und will ich nun eine Generalübersicht der baulichen Ent- 10 H Wicklung versuchen. Das erste, was mir anfstöß^, sind die zwei Bahnen, Sud- und Staatsbahn, die unserem Bezirke, wie ich dies in meiner Skizze ausführlicher berühre, gleich in der ersten Zeit eine freie Entwicklung benahmen, so daß er zu einer sch langen förmigen Ausdehnung gezwungen ist. Die Bahnhöfe waren ursprünglich nicht in ihrer jetzigen Gestalt errichtet. Man hatte eben keine Ahnung von dem künftigen Verkehre und erbaute beide in den engsten und zwecklosesten Formen. Schon Carl R. v. Ghega, der berühmte Erbauer der Semmeringbahn, hatte den Plan für unseren heutigen Bahnhofplatz entworfen. Die Mitte der Gruppe bildet nun das Administrations- Gebäude, den linken Flügel der neue Staatsbahnhof, auf Stelle des 1854 erbauten Raaberbahnhofes und endlich als rechter Flügel erscheint der neue Südbahnhof, eines der schönsten Gebäude dieser Art in Europa. Gebaut wurde er von den Architekten Ftattich und Wilhelm, vollendet im Jahre 1873. Die dreijährige Arbeit hatte ein schönes Werk errichtet. In einer geläuterten Renaissance, jener nun so häufigen Bauart, wirkt der Südbahnhof trotz seiner Größe nicht schwerfällig. Der gewaltigste Bau im ganzen Staate dürfte jedoch das Arsenal sein, welches von den Baukünstlern Ban der Nüll und Siccardsburg, denen zn Ehren zwei Gassen unseres Bezirkes ihre Namen tragen, geschaffen wurde. Unter den Monumentalbauten des modernen Wien nimmt dieses von 1849—1855 erbaute Kriegsgebände sowohl durch seinen Umfang als auch die großartige Einrichtung einen bedeutenden Rang ein. Das Arsenal bildet ein riesiges, ringsum abgeschlossenes Rechteck von 1120 Schritten Länge und 640 Schritten Breite. Jede der in den vier Ecken eingebauten Kasernen kann 800 Mann anf- nehmen, so daß das Arsenal stets 3200 Mann Besatzung enthält und sammt den darin beschäftigten Arbeitern circa 6000 Personen aufnimmt. Indem wir einen flüchtigen Blick auf die Bahn- und Arsenalbauten gethan hüben, sind wir auch schon in die bedeutendste Baubewegung unseres Bezirkes getreten. Mit der Aufführung jenes collossalen Complexes war ein großer Verkehr durch die Himbergerstraße entstanden. Mit den außen liegenden Ziegelwerken, die an Großartigkeit immer mehr gewannen, häufte sich deren Arbeiterzahl, die Bahnen erweiterten ihre Fabriksstätten und eine Classe zog die andere hierher, so daß die Zahl der Einwohner des Bezirkes enorm rasch stieg. Nach und nach dehnten sich die gewaltigen Häuserzeilen der Laxenbnrger- und Himbergerstraße derart aus, bis letztere gegenwärtig weit über hundert Nummern erreichte. Zwischen den genannten beiden Hauptstraßen- 12 zügen aber verbreitete sich ein vielfaches Netz von Straßen und Gassen, tadellos hingestreckt, immer von gleicher Breite, ohne jede störende Krümmung. Gegenwärtig bestehen in Favoriten 525 Häuser mit 62 Straßen und Gassen. Die Einwohnerzahl ist gegen 40.000 anzunehmen. Mit Ende des Jahres 1875 wurde unser Stadttheil unter dem Namen „Favoriten" als selbstständiger zehnter Bezirk creirt und veranstalteten deßhalb die Bewohner am 7. December 1875 zur Feier dieses frohen Ereignisses in den Favoritensülen ein glänzendes Gründungsfest. '^ Aus die Privatbauten übergehend, finde ich mich zu wenigen Worten genöthigt. Es bestehen eben in unserem Bezirke keine sogenannten Lnxus- bauten und ist somit der Styl meist gleichförmig und einfach. Die Wagenmann'schen Häuser erfreuen gewiß jeden Bewohner des zehnten Bezirkes, wenn er sich jener Wüstenei, die hier noch vor vier Jahren herrschte, entsinnt. Hat auch die Stirnseite des Bezirkes keinen künstlerischen Schmuck, so nehmen sich die genannten Gebäude mit den zierlichen Vorgürtchen doch ganz nett aus. Ebenso freundlich wirkt auch der neu entstandene „Reisinger Hof", dessen Hauptfront leider in eine Seitengasse sieht. Erwähnenswert!) sind jedenfalls noch das Mayer'sche Haus in der Landgutgasse und das Schulgebäude am Keplerplatze. Wenn ich noch zum Schlüsse sage, daß der Name unseres Bezirkes von der alten Favorita, dem einstigen Lustschloße mehrerer Habsburger Fürsten, dem heutigen Theresianum, hergeleitet wird, so mag damit diese geschichtliche Vorrede beendet sein. Und nun will ich zum Schlüsse noch einige Worte an meine geehrten Leser richten. Ich sage es frank und frei heraus: meine „Erinnerungen", die ich in Nachstehendem znsammensaßte, sind mein Erstlingswerk, mit welchem ich die Öffentlichkeit betrete. Wenn ich hie und da nicht jenen Anforderungen entspreche, welche der Leser in unserer modernen Zeitströmung an ein Büchlein stellt, wenn sich ferner hie und da Anachronismen ein- geschlichen haben sollten, so wolle mir dies vergeben sein — will ich ja doch nichts mehr mit dieser Skizze erringen, als einerseits durch ein etwaiges Reinerträgniß dem Kindergarten Favo- ritens, einer so schönen Schöpfung unseres allverehrten Vorstandes und ersten Bürgers unseres Bezirkes, des echten Volksmannes, Herrn Johann Heinrich Stendel, dem ich dieses Schriftchen ehrfurchtsvollst widme, eine kleine Spende znzu- führen und anderestheils den folgenden Generationen einige wenige Aufzeichnungen über die Entwicklung Favoritens zu bewahren. Nicht gekünstelt, nicht in schöne Formen habe ich meine Erinnerungen zu zwängen versucht, sondern ich warf sie lose, wie sie dem Gehirnschachte entstiegen, zu Papier, und wenn ich hie und da Kritik an Personen, deren Handlungen oder an Einrichtungen und Institutionen übte, so that ich dies unbeeinflußt, und nur nach meiner innersten Ueberzeugung — ehrlich und bieder ist meine Devise, und sie leitete mich, als ich diese Zeilen der Presse überlieferte. Und so zieht ein ihr „Erinnerungen" in die Gesellschaft und werbt euch warme Freunde, und wenn ihr auch hie und da in eine Gegnerhand kommt, so seid gewiß, daß der euch Vorgesetzte Name des von Freund und Feind gleich geachteten Volksmannes, Johann Heinrich Stendel, ein günstiges, ein mildes Urtheil sichern wird . . . * Kmanuek JeMnek. Erinnerungen. — -K^> — 17 „Aus Buben werden Männer!" Es war in der zweiten Hälfte der Fünfziger Jahre, als wir im ehemaligen „Dürfet" unseren Wohnsitz nahmen; aber wer wäre im Stande das seinerzeitige „Vor der Favoriten-Linie", wie das ehrwürdige Schild des Commissariates heute noch den Bezirk betitelt, aus dem gegenwärtigen Favoriten herauszufinden? Der Situations-Plan ans jener Zeit mit einem solchen von heute verglichen, würde am besten illnstriren, was der Geist der Menschheit zu schassen vermag und bei solchen Betrachtungen ist es wohl der Mühe werth, über die Sache zu sprechen und sich Fragen verschiedenster Art zur Beantwortung vorzulegen; gewiß eine angenehme Aufgabe für Jemanden, der einen so prächtigen Stadttheil — eine ganze Stadt! — unter seinen Augen entstehen sah. Jedenfalls ist unser Bezirk in manchen Beziehungen ein Wunderkind zu nennen, merkwürdig schon deßhalb, weil es als die jüngste „Stadt" (mit Rücksicht auf seine Abgeschlossenheit von allen anderen Theilcn der Residenz) Europa's gelten kann und ich gehe in meinem 18 Stolze als Bewohner Favoriten's, welcher mich in Kinderschuhen gesehen, noch weiter, wenn ich sage: Oesterreich darf stolz auf Favoriten sein; ! es hat im engen Vaterlande den Amerikanern ! den Rang abgelaufen. Hier wie dort, entstand ^ sozusagen über Nacht, eine Stadt und gewiß ist ! es nicht jedem Menschenkinde beschieden, eine Stadt entstehen zu sehen und dieses Bewußtsein allein genügt, um einen Favoritner stolz zu machen .... Werden ja doch Jene, welche die Entfaltung dieser Ansiedlung miterlebt, als Eltern dieses heute freilich etwas gebeugten Wunderkindes betrachtet . . . In Amerika entstanden Städte dort, wo der scharfblickende Mensch Aussicht fand, seine Existenz und sein leibliches Wohl zu finden, ins- besonders in der Nahe von Goldfeldern und Eisenbahnen der neuen Welt und so stieg dort ^ der Wohlstand mit der erhöhten Population. Auch wir haben unsere Stadt den Goldfeldern und Eisenbahnen zu verdanken, nur mit dem Unterschiede, daß unsere Goldfelder die im Entstehen begriffene Industrie war und als erster Pfadfinder auf diesem Felde mag als ! leuchtender Stern an dieser Stelle ein Mann ! genannt werden, der als Herold des Fortschrittes seine Mühe durch Erfolge gekrönt sieht, wie so wenige Sterbliche: es ist Gustav Wagen- m a n n. W (K-- 19 (*-- Er war einer der Ersten, die es wagten, mit der Zukunft zu rechnen, er war der Bahnbrecher für manche Industrielle, die seither geholfen haben, unser Favoriten groß und schön zu machen. Durch sein Beispiel verlockt, kamen Unternehmer aus allen Windrichtungen und such-' len auf den Goldfeldern nach gehaltigem Erz und fanden statt dessen gediegene Klumpen des edlen Metalles; lag es doch damals auf der Straße und bedurfte es blos eines richtigen Blickes in die Zukunft, um sich diese edlen Geschenke anzueignen — es war zur Zeit, als noch Favoriten (man höre und staune) teiru iuooAuitu war! Vor zwanzig Jahren noch hat die Kultur ihren großen Weltweg nicht über Favoriten genommen; es schien ihr ganz aus dem Wege gelegen zu sein und der erste Besuch, den sie uns urplötzlich machte, war für die Tochter Kultur ein so nachhaltig günstiger, daß sie beschloß, unter uns ihr Lager auszuschlagen. Sie wurde mit großer Aufmerksamkeit gepflegt und hat als Lohn hiefür, uns alle jene Beneficien zugestanden, die sie sonst nur den auserwählten ! Kindern ihrer beglückenden Herrschaft zu Theit werden läßt — sie hat uns mit Dingen beschenkt, ! aus bereu gute Eigenschaften wir im Lause unseres j Feuilletons zurückkommen wollen. ! Die Kultur allein hat ihr despotisch Wort ! gesprochen und wir Favoritncr, die wir bekanntst * 3 * sa § ^ lich im Gerüche stehen, jeden Despotismus zu hassen, beugen uns vor dieser Sorte Despotismus — ist auch der einzige Ableger dieser Art, der erträglich ist. Wenn wir mit unseren ersten Auseinandersetzungen aus Opposition gestoßen sein sollten, und etwa die Meinung platzgegriffen, der Zweck dieser Zeilen sei, einzelne Personen zu glorifiziren, so müssen wir entgegnen, daß unser Standpunkt ein vollständig objectiver sein wird und niemals die Sache um der Person willen vergessen werden, denn Geschichte läßt sich eben nicht machen, sondern es ist Aufgabe eines gewissenhaften Darstellers blos mit Thatsachen zu rechnen. Wir wollen eine wahrheitsgetreue Chronik scizziren und da können wir blos der Wahrheit, und nichts als der Wahrheit, zu Ehren verhelfen. Dies vorausgeschickt, wollen wir nun den Lauf der Kultur im Auge behalten und jener Periode gedenken, wo die ersten Fabriken entstanden; daß diese allein den Grundstein zur weiteren Entwicklung unseres Stadttheiles legten und alle nachfolgenden Institutionen als Conseqnenzen der unbedingten Nothwendigkeiten zu beachten sind, darüber wird wohl jeder Kultnrhistoriker im Reinen sein. Mit der Errichtung der Ferdinand Do- lainsky'schen Maschinenfabrik, ferner mit der Topham'schen Maschinenfabrik und Collmann'- 21 schen Eisengießerei (nunmehrigen Köpf'schen und Tüscher'schen Fabriken) begann ein neues Studium der Entwicklung. Die vielen dort beschäftigt gewesenen Arbeiter, haben die Idee wachgernfen, in der Mhe der Fabriken Wohnhäuser zu bauen und die Conraetz und Cora'schen (später Dittler'sche Alpaccawaaren-Fabrik (heutiges Militär-Einquar- tirangs-Etablissement) haben es mit den Borstehenden zu Wege gebracht, daß in unmittelbarer Nähe die heutige Hasen-, Dampf-, Jagd- und Götzgasse entstand, und diese kleine Colonie wurde gleich mit allen jenen Gewerben bevölkert, die unzertrennlich mit Arbeiter-Ansiedelungen sind. Der Bater unseres allverehrten Vorstandes des Herrn Reichsrath- und Landtags-Abgeordneten Johann Heinrich Stendel, ein durch seinen enormen Fleiß und Biederkeit von allen Schichten der Bevölkerung hochgeschätzter und verehrter erster Bürger des einstmaligen „Croatendörfels" hatte den größten Grundbesitz und ergriff in scharfsinniger Weise insoferne die Initiative, als er die enormen Grundflächen parcelliren ließ. Hiedurch schenkte er dem künftigen Stadttheile viele Straßenzüge und Plätze und verkaufte viele Bauparzellen an Hunderte Ansiedler, gab ihnen durch leicht gestellte Bedingungen die Möglichkeit an die Hand, sich sozusagen guldenweise ein Heim zu gründen, und hat folgerichtig sich in einer Weise Verdienste erworben, die unseres Erachtens in einer diel würdigeren Weise hätten documentirt werden sollen, als dadurch, daß man den Namen Stendel durch Verleihung einer unansehnlichen, nächst dem Wasserreservoir am Fuße des Laaer- berges befindlichen Seitengasse ehrte! Unsere schönste Straße Hütte es verdient, seinen Namen zu führen, und wenn auch diese bureaukratische Desavouirung nicht mehr gut zu machen ist, so kann man sich mit der Thatsache trösten, daß sein Name, wenn auch auf keinem Straßenschilde prangend, in den Herzen der Bevölkerung dadurch fortleben wird, daß er uns einen Sohn hinterließ, der es sich zur Aufgabe stellte, der Dollmetsch der Gefühle des Volkes zu werden, welcher sein Interesse dem Interesse der Mitbürger unterordnete, der ein Volksvertreter in des Wortes edelster Bedeutung wurde; die Geschichte hat die Aufgabe übernommen, seinen Namen den nachfolgenden Geschlechtern zu bewahren, denn Straßen und Städte verschwinden, nichts dauert ewig, was Menschenkraft geschaffen, doch die Geschichte allein bleibt das ewige Vermächtniß für alle Zeiten und wir sagen: wo die besten Namen genannt werden, wird der Name Stendel gewiß nie fehlen! — Wenn das Rad der Zeit dahingerollt, wird das Haus Himbergerstraße 2 als historische Stätte bezeichnet, und gewiß prangt eine Gedenktafel an dessen Mauern mit der Aufschrift: „Wohnhaus 23 4 § des Verfechters der Volksinteressen: „Johann Heinrich Stendel"" — solche Männer zu besitzen, ist nicht jeder Stadt beschieden. . . Dem Beispiele Stendel sen. folgend, begannen die anderen Grundbesitzer unseres Stadt- theiles, als der Johanniter-Orden, das erzbischöfliche Ordinariat, Baron Dittrich rc. re. ihre ausgedehnten Flächen zu parzelliren, doch nicht mehr in derselben edelmnthigen Absicht als Stendel, denn sie haben durch die Parzellirnng einer neuen Aera Thür und Thor geöffnet, sie inaugurirten das unlautere Geschäft der Banplätze-Speculation, oder wie es ein beliebtes Schlagwort nennt: „die Zeit des volkswirthschaftlichen Aufschwunges!" Und als leuchtendes Beispiel für den einznschla- genden Weg mag ihnen die Südbahn gegolten haben, denn sie war es allein, die sich nicht schämte, zu einer Zeit, als noch die Himbergerstraße in Windeln lag, für ihre Plätze an der Straße (den heutigen Standplatz der Wagenmann'schen Häuser- grnppe) Preise zu begehren, die sie nicht einmal in der Zeit der höchsten Blüthe des Realitäten- Schwindels erzielt hätte. Störende Elemente gab es zu allen Zeiten und bei jeder Gelegenheit, und wir hätten das Wunder erleben können, daß Favoriten in relativ viel kürzerer Zeit groß geworden wäre, wenn eben dieser Stadttheil nicht in unserer Gemeinde-Raths- stnbe das entnnt terridle gewesen wäre. Wenn - für uns hätte etwas gethcm werden sollen, so hat man gewiß immer so viel Ungünstiges vorzubringen gehabt, was den Antrag in ein besseres Jenseits (in der Bureausprache: „Papierkorb") beförderte. Der ursprüngliche Mutterbezirk, die stolz-aristokratische Wieden selbst, behandelte uns stiefmütterlich und wir bekamen nur dann einen „commnnalen Brocken", wenn ihr eigener Mund voll war; was konnte hievon die Folge sein? Das Kindlein „Favoriten" wurde auf die Mutter böse, boshaft und schließlich raffte es sich auf; das Lallen wurde zur ernsten Sprache, der Drang zur Selbsterhaltung und Unabhängigkeit gewann die Oberhand und aus dem Kinde wurde ein kräftiger Jüngling, welcher kühn in die tosenden Wogen des Aufschwunges sprang. Von der kleinen Abschweifung zurückgekehrt, wollen wir wieder in die Bahn der Chronik einlenken und jene Gebäude der Himbergerstraße, welche den Beginn derselben bildeten, vor das geistige Auge des Lesers führen. Wenn wir uns bei einzelnen Baulichkeiten irren sollten, so bitten wir unsere geehrten Leser um freundliche Aufklärung. Der heutige „RotheHo f", im Besitze des Herrn Karl Michel, dürfte das älteste Haus überhaupt in unserem Bezirke sein und geht die Meinung, daß es als Iagdschlößchen zu Zeiten der großen Kaiserin Maria Theresia gedient haben soll, was um so glaubwürdiger erscheint, 25 § als das jetzt noch in seiner ursprünglichen Form bestehende Jägerhaus, am östlichen Abhange des Laaer-Berges, auf ein größeres Jagdrevier schließen läßt. In zweiter Linie steht das „Alte Landgut" und wurde seinerzeit als Ausflugsort der Wiener, seiner schönen Lage wegen, viel besucht. Dasselbe stand zu jener Zeit unter der Leitung von Leander Prasch, der daraus einen großartigen Unterhaltungsort schuf, wo Volksfeste mit obligaten Feuerwerken, Illuminationen u. s. w., die Hauptrolle spielten. Später kam es in den Besitz des Herrn Eduard Wagner, eines, in unserem Stadttheile hochgeehrten Mannes *), der als Koch bei dem damaligen österreichischen Gesandten am kaiserlichen Hofe in Rio de Janeiro, Baron Sonnleitner, fungirte, von dort jedoch zurückkam und am „Alten Landgut" eine Spodinm- fabrik gründete, die bis zum Jahre 1871 unter seiner Leitung stand. Im Jahre 1872 wurde die Realität an die Union-Baugesellschaft verkauft. Diese Besitzung allein zeigt sich noch in unverfälscht antiker (?) Form und darf schon deßhalb auch als Merkwürdigkeit unseres Stadttheiles hervorgehoben werden, weil es sozusagen die einzige Ruine größeren Maßstabes im Burgfrieden Wien's ist, und die Union-Baugesellschaft docu- *') Er starb im Jahre 1876 in Nizza. 26 mentirt dadurch, daß sie eine außerordentlich große Freundin von Ruinen ist. Wir wurden gerne unseren Einfluß geltend machen und derselben ein Ehren- Diplom der Gesellschaft der „Alterthums-Freunde" verschaffen! . . . Diese Gesellschaft documentirt ihre „Sympathien" für unseren Bezirk gewiß in hervorragender Weise dadurch, daß sie uns diese Baracke stehen laßt, gleichsam als Wahrzeichen ans der Periode des „volkswirtschaftlichen Aufschwunges" — als Fluch der bösen That. — Ware das Landgut von Privaten angetanst worden, so würden daselbst heute gewiß neue, elegante Baulichkeiten prangen und es wäre uns erspart geblieben, uns mit Eckel von einem Objecte abwenden zu müssen, das durch die „Association des Capitals" vielleicht noch eine Reihe von Jahren erhalten bleibt. ^ Das dritte im Bezirke entstandene Object war das Stendel-Haus, das in seiner Ursprünglichkeit sich bis auf den heutigen Tag unverfälscht erhielt, abgesehen jenes Theiles, welcher die Lannergasse bildet. Dasselbe war verbunden mit dem Parterre-Haus der Ebenfurter Mühle und der Sammelplatz beinahe sämmtlicher, die Landstraße benützender Fuhrleute und Spediteure der Oedenburger Gegend, zu welcher Zeit dieses Haus im Volksmunde der „Million-Fliegenspitz" genannt wurde. Doch mit der Eröffnung vieler KM.. B — 27 Zweigbahnen entfiel der Landverkehr beinahe gänzlich. Bei dieser Gelegenheit wolle erwähnt werden, daß daselbst das erste Kaffeehaus entstand, ferner sich der erste Fleischhauer (heute Schischitz) und der erste Bäcker (Herr Dörr sen.) etablirten. In dieselbe Zeitperiode fällt noch das Entstehen des Krautstoffel-Hauses in der Himberger- straße und der Schaumberger'schen Leimsiederei, zwei Baulichkeiten, welche sich bis nun in ihrer alten, ehrwürdigen Fa^on erhalten haben. Wenn wir uns des Steudel'schen Hauses erinnern, so drängt sich unwillkürlich der Gedanke an den famosen Eisenbahn-Damm der Südbahn in den Vordergrund und erlauben wir uns, darüber einige Reflexionen anzustellen, bei welcher Gelegenheit wir ein Wenig zurückgreifen müssen in jene Zeit, als in Oesterreich noch Metternich das große Wort von Volksbeglücknng sprach. Er könnte zufrieden sein, wenn er es heute mit an- sehen würde, wie seine Regierung einen Blick in die Zukunft that und wie es ihr gelungen ist, den Lebensnerv eines zukünftigen Stadttheiles dadurch zu unterbinden, daß sie vor den Thoren Wien's einen Wall aufführen ließ, der, nach fachmännischer Meinung, vollständig hätte dadurch vermieden werden können, daß einer Brücke der' Dienst zugewiesen worden wäre, den heute die Festungsmauer, „S üdbahn - Dam m" genannt, -xd '» * y! 28 leistet. Hätten wir dadurch nicht die Möglichkeit gewonnen, unseren Bezirk nach der Stadt hin ausdehnen zu können? Es hätte ferner gewiß keinen Bewohner Wien's gegeben, der es heute kaum glauben kann, daß vor der Favoriten-Linie, hinter der Festung, 35—40.000 Menschen leben! Uebrigens hat sich der Wall als strategisch wichtiger Punkt im Jahre 1848 gezeigt, als die Croaten die Ausgabe erhielten, die tobende Revolution bekämpfen zu helfen, wovon Spuren heute noch an jenem Theile des Biadnctes zu sehen sind, der der Himbergerstraße zugewendet steht, und zwar durch die eingesügten Kanonenkugeln, Ob dieselben zum warnenden Beispiel hingesteckt, oder wirklich stecken geblieben sind, das wissen wir nicht, aber jedenfalls haben wir an das ereignißreiche Jahr viel würdigere Erinnerungen, als die dort befindlichen „Eisenpillen." Run der Fehler einmal gemacht und unser Lebensnerv unterbunden war, so wäre doch einmal und vielleicht Wiemaks wieder Gelegenheit gewesen, den gemachten Cardinal-Fehler zu repa- riren, u. zw. zu einer Zeit, als eine Reconstruction des ganzen Bahnkörpers und des Südbahnhofes stattfand, also vor wenigen Jahren erst. Wenn das Interesse der Wähler des Bezirkes »den damaligen Mandatträgern näher gelegen wäre, so hätten diese mit allen zu Gebote stehenden ehrlichen Mitteln kämpfen müssen und nicht « 29 ruhig zugeseheu, wie der Strick nur den Leib des aufblühendeu Bezirkes noch enger zusammengezogen wurde, doch die Interesselosigkeit für diese Lebensfrage war eine so große, daß man Alles geschehen ließ, wie es die hochherrliche Südbahn verlangte. Vielleicht war man der Südbahn gegenüber mehr verpflichtet, als seinen Wählern und Mitbürgern? — Die Conseguenzen werden wir nächstens ansführen. Es wäre Unrecht von uns, wollten wir blos die damaligen Bezirksvertreter dafür verantwortlich machen, daß sie es ruhig mitgeschehen ließen, den Südbahn-Damm in seiner heutigen Situation schaffen zu lassen, doch jedenfalls unverantwortlich für ewige Zeiten wird es bleiben, daß auch nicht der geringste Versuch gewagt wurde, eine Opposition im Style: „Ranchsang-Affaire" derselben liebenswürdigen Bahn zu machen und hätten die damaligen Mandatträgcr, mit alleiniger Ausnahme eines Herrn, es geahnt, daß sic ihre im Bezirke befindlichen Realitäten noch viel höher im Werthe hätten emporschranben können, sie würden gewiß alle Hebel in Bewegung gesetzt haben und gewiß ihre Mandatpslicht geübt, doch ihr Feldherrnblick war zu kurz, — sie wurden bei Commissionen (die gemeinschaftlich mit Vertretern der Südbahn gehalten wurden) von der Gegenwart dieser hohen Herren so zahm, daß sie es nicht wagten, Opposition zu machen; es wäre dadurch wahrscheinlich 30 ? Jemandem, nicht möglich geworden, bei ehrlicher Meinungs-Aeußerung Bangründe von der Süd- bahn zu aquiriren, die in einem folgenden Jahre um den dreifachen Kaufpreis von demselben Herrn verkauft wurden. So kommt es, wenn Sonder-Interessen den allgemeinen vorgesetzt werden, es hat sich ungerechter Art auf einer ganz entgegengesetzten Seite gerächt, denn anstatt daß solche Vertreter seinerzeit vor das Forum der Oeffentlichkeit hätten gezogen werden sollen, wurden sie noch mit dem Weihrauch der Verehrung umgeben, bis zu einer späteren Zeit, wo ihr Renegatenthum von reif gewordenen Denkern blosgestellt und dadurch unmöglich gemacht worden ist. Doch durch diese Bloßstellung wurde nichts gewonnen, wir haben unfern famosen Eisen- bahndamm trotzdem in vermehrter und verstärkter Auflage erhalten und die es geschehen ließen, lassen sich kein graues Haar darüber wachsen, sie schauen aus ihren diversen Zins- palästen mit vornehmem Lächeln herab und denken sich „Ihr brummt uns lange gut." Eine solche flagrante Verletzung des Mandates konnte nur zu einer Zeit Vorkommen, wo wir noch lahmgelegt waren durch Vorenthaltung der Autonomie, und danken der Vorsehung, daß der continuirliche Druck, den der Mutterbezirk Wieden auf uns ! ausübte, die Schmerzensschreie dorthin dringen j ÄH- 31 M ijr' ließ, wo sie es einsehen mußten , daß wir der Zuchtruthe schon entwachsen sind! .... Ebenso wie jene Herren sich durch ihre Aufopferungs-Fähigkeit der Bevölkerung gegenüber (Pardon! der Südbahn gegenüber) unsterblich gemacht haben, ebenso werden sich in Favoriten die conservativen Elemente niemals allzu breit machen können. In uns wurde zur Zeit politischer Reife der Keim fortschrittlicher Idee gelegt und daß dieselbe Früchte getragen, beweist der heutige Stand des Bezirkes. Wären wir in der bei uns erzeugten künstlichen Lethargie verblieben, wir wären heute noch ein Anhängsel der Wieden, müßten heute noch so tanzen, wie in der Schäfergasse gespielt wird. Auch das bessere Gefühl, das im Menschen wohnt, kam bei uns zum Durchbruch, das Gefühl der in enger Umgürtnng gehüllten Freiheit — der Conservatismns lag in demselben Augenblicke in Zügen als der Radikalismus die Bühne betrat und daß wir für conser- vative Ideen nicht gut incliniren, beweist das schnelle Emporblühen der herrschenden Meinung unseres Bezirkes. — Wir kehren nun zu unserem ursprünglichen Thema zurück. Das vierte bemerkenswerthe Haus ist das heutige Gasthaus „zur Linde". Diese , ursprünglich ebenerdige Baulichkeit gehörte einem Bürger Namens Eder. Im Besitze ebendesselben war auch das gegenüberstehcnde Haus (heute 32 Nr. 17), das zu ziemlich gleicher Zeit mit dem Ersteren entstand und später von Jacob Schrat- tenhvlzer mit dem anstoßenden geräumigen Garten zu einem beliebten Unterhaltungsorte der unteren Volksschichten umgestaltet wurde, bis es durch einen Besitzwechsel (an Ludwig Schneider) zu einem Gasthaus anständiger Sorte hergerichtet wurde und lange Jahre hindurch von der besten Gesellschaft der Ansiedlnng als Sammelpunkt galt; es hatte die Firma „zum Anker" und wurde von dem seither verstorbenen Michael Kummer geleitet. Wir wollen bei diesem Objecte etwas verweilen, es gilt eine Reminiscenz wachzurufen, die übrigens noch in Erinnerung aller Jener leben wird, die dem politischen Vereine zu Pathen gestanden sind und es dürfte nicht uninteressant sein zu erfahren, wie der Verein entstand; wir müssen zu diesem Behufe ein Histörchen erzählen, welches eine gelungene Illustration zum Sprichwörter „Kleine Ursachen — große Wirkungen" liefert. Im Garten obbenannten Gasthauses war eine kleine Tischgesellschaft, die sich da täglich znsammenfand, um ihr gewohntes Mahl ein- znnehmen, als einmal von den Gesellschafts-Mitgliedern Herren Dr. Herz, Ortlieb, Chemiker Jüngst und meiner Wenigkeit die Idee besprochen wurde, ein Local ausfindig zu machen, das -- 33 — den Zweck haben sollte, den die Geselligkeit liebenden Bewohnern als Sammelpunkt zu dienen, wir wollten nämlich eine Art Casino gründen und vorläufig darauf beschränken, ein Local in Miethe zu nehmen und für den Fall, als unsere Absicht Anklang finden sollte, ein Gesellschafts - Eigenthum aus eigenen Mitteln erwerben. Dies waren so ungefähr unsere momentanen Ideen und wir gingen nun daran, in den nächsten Tagen einen Statuten - Entwurf fertig zu bringen, was Herrn Dr. Herz im Vereine mit den Herren Carl Ortlieb und Iüngst auch glänzend gelang. Wir hatten zu einem Werke den Grundstein gelegt, der, wäre der Bau dem entsprechend gelungen, ebenfalls einige Anerkennung der Nachwelt errungen hätte. Wir machten nun in unseren Kreisen Propaganda für diese Idee und fanden überall freundliches Entgegenkommen. Es wurde schließlich eine Versammlung einberufen, die aus den hervorragendsten Elementen bestand und der 19. August 1870 fand im Salon „zum Anker" eine distinguirte Gesellschaft und wir gingen nun daran, unsere Meinung über die Idee auseinanderzusetzen, die auf keinen Widerspruch stieß. Als jedoch der Antrag gestellt wurde, den Statuten - Entwurf eu bloo anzunehmen, ergriff Herr Casimir Reifing er das Wort und sagte ungefähr Folgendes: i*" - s — 34 — „Meine Herren! Befassen wir nns mit ernsteren Dingen, schreiben wir nicht blos Vergnügen auf die zn entrollende Fahne, sagen wir auch, daß wir als freie Bürger eines freien Staates uns dazu berufen fühlen, durch unsere Meinungs-Aeußerung Farbe zn bekennen, nennen wir nns politischer Geselligkeits-Verein und modi- ficiren wir darnach die Statuten!" Reifing er hatte kaum gesprochen, als schon Alle diese Ansicht theilten und die nächste Viertelstunde brachte es zn Stande, daß das Bnreanx gewählt wurde, an dessen Spitze selbstverständlich Herr C. Neising er gestellt wurde. Unsere Eitelkeit bekam hiedurch einen Stoß, wir ließen jedoch nichts merken, weil wir den schönen Zweck des Beantragten einsahen — daß wir jedoch das Mittel znm Zwecke sein mußten, war unwürdig, es war beinahe jesuitisch gehandelt! Wir holten die Kastanien ans dem Feuer und Herr Reifing er ging mit dem Glorienschein der vollbrachten Gründung eines Vereines aus der Affaire und hätten sich nicht denkungs- fühige Männer zusammengefnnden, Herr Reifing er würde niemals Ursache bekommen haben, sich Pathe des „Politischen Geselligkeits-Vereines" zu nennen und wenn er uns noch tausendmal versichert Hütte, daß er im Jahre 1848 schon gelebt hat! 35 - -—-—-.—. - .—-w-PMÄ 8 ^ ! ! Wir erzählen dies nur deßhalb, um etwa platzgegriffener Meinung entgegenzutreten, daß Herr Reisinger das Kind ans der Taufe, hob — er wurde denselben Zweck erreicht haben, wenn er uns seinerzeit in seine Meinung miteingeweiht hätte, wir würden die Sache mit ebenso vieler Liebe und Neigung behandelt haben, doch er hat den' ^ Knalleffect für den letzten Act aufgespart und den j Applaus allein ernten wollen. ^ Wir glauben, daß diese kleine Reminiscenz ^ zur Aufklärung dienen wird — und weil es sich gerade in diesem Hanse abspielte, so geschah die ^ Erwähnung; es ist das Geburtshaus des politi- ' scheu Geselligkeitsvereins „Favoriten", und dort wo einst über den Namen des Kindes berathen ? wurde, befindet sich heute die Spezereiwaaren- ! Handlung des Herrn Ehrenfest, welcher nach ! Auflösung des Gasthauses dasselbe von Ludwig ^ Schneider erwarb und dieses Jahr an Herrn ^ Fleischselcher Johann Weninger verkaufte. ^ Zn den ältesten Bauten gehört auch das heutige Gasthaus „zur Rose", von jeher bis jetzt noch im Besitze der Familie Durstmüller und entstand in ungefähr derselben Periode das Haus, jetzt Nr. 23, Eigcnthum des Stadtgürtners ! F r ü h a u f. l Alle, zwischen den bis nun citirten Bauten ! gelegenen Räume waren der Landwirthschast gewidmet, und wenn wir die kurze Spanne Zeit 3 * 36 bedenken, die dazu erforderlich war, diese isolirt stehenden Häuser in der heutigen Form zu einem, nach den neuesten Erfahrungen gegründeten Par- cellirungsweise, Stadttheile zu vereinige«, so haben wir die regen Geister zu bewundern, die sich zusammenfanden, um unseren Bezirk zu seiner heutigen Größe zu gestalten. Es ist Pflicht, hier jener Männer zu gedenken, die durch ihren regen Eifer das Emporblühen des Bezirkes thütig förderten und haben wir, wenn wir der Wahrheit die Ehre geben wollen, vor Allem des Herrn Georg Baicr, Stadt- banmeisters, zu erwähnen, der mit dem heutigen Zacharias - Hause in der Himbergerstraße und Columbusplatz das erste dreistöckige Zinshaus schuf. Es war sozusagen, des Mannes „erstes Stück" und wurde im Jahre 1863/64 erbaut. Dieser Mann hat unserem Bezirke manches schöne Object geschaffen und ist von den neueren Bauten insbesonders das dem Herrn Gottlieb Mayer gehörige Gebäude in der Landgutgasse hervor- hebenswerth. Dasselbe verräth recht viel künstlerischen Geschmack. Ober dem mäßig vorsprin- genden Erker, zwischen den Fenstern des zweiten Stockwerkes nämlich, ist ein schönes „Mädchen aus der Fremde", nach jenem lieblichen Gedichte von Schiller, sichtbar. Die Figur ist in Sgraffito ausgeführt, jener Art Wandmalerei, die wir von den alten Römern und Griechen gelernt haben. 37 ohne diese schöne Decorationsart häufig zu würdigen — darum haben wir uns erlaubt, das hübsche Wandgemälde am obbezeichneten Hause besonders hervorzuheben. Der innere ornamentale, besonders der Deckenschmuck dieses freundlichen Baues ist vom Herrn Bildhauer Völkel. Dieses elegante Gebäude sollte auf der schönsten Stelle der Himbergerstraße stehen. Herr Baier ist Mandattrüger des Bezirkes und ist zu wünschen, daß er unseren engeren Bezirks-Interessen erhalten bleiben möge. Herr Ignaz P irr in g er hat in unserem Bezirke 38 Häuser erbaut und besitzt den achtens- werthen Muth, bei den heutigen schweren Verhältnissen soeben eine Gruppe von 24 Häusern in der Nothenhofgasse in Angriff zu nehmen. Wir können ntrr dem Manne Glück zu seinem Unternehmen wünschen und ihn als Beispiel aufstellen, daß andere es ihm nachthun mögen, denn dadurch wird die Roth, die in beinahe allen Schichten Quartier genommen hat, gelindert, und wenn unsere Capitalisten ans diese Weise eingreifen würden, sie wären des Dankes vieler mit dem Elende kämpfender Menschen gewiß, und was die Regierung mit ihren Rothstandsbauten nicht zu Wege bringt, könnte durch vereintes Vorgehen unserer nicht wenigen reichen Männer, wenigstens für unseren Bezirk, zn Stande gebracht werden. ->« 38 Pirringer allein ist heute der Arbeitgeber von nieten hundert Menschen geworden, die sich ihr Brod Niel lieber im Schweiße ihres Angesichtes erarbeiten, als bei der Thiire der Armen- räthe erbetteln! Um jene Zeit, als die Herren Baier und Pirringer ihre ersten Häuser bauten, begann auch die Periode des zu jener Zeit bei uns mächtige Wurzeln schlagenden, socialen Aufschwunges. Damals war es, als wir unsere Stimme das erste Mal für unsere Interessen laut werden ließen und wenn der Schall eben nicht so mächtig war, als er es wurde, wie sich bei uns das Bedürfnis; nach einem Vereine fühlbar machte, so war es eben nur das verschwindend kleine Häuflein wahlberechtigter Männer und mancher, der schon damals seine Stimme erhob, um gegen Unrecht und Bevormundung zu kämpfen, steht noch heute mit unerschütterlicher Festigkeit in unseren Reihen, während wieder Andere sich heute als beschämte Renegaten reprüsentiren! . . . Wir begehen eine pietätvolle Pflicht, wenn wir auch jetzt jener Männer gedenken, die als Vorkämpfer für unsere Ideen fochten und die, wenn sie auch der schonungslose Tod aus unserer Mitte riß, im Gedächtnisse fortleben werden. Sie ragten durch edle Münnertugenden und treue Beharrlichkeit für die gute Sache über Manche hinaus und wenn einer von ihnen besonders MdL- 39 hervorgehoben zu werden verdient, so ist es Mailand Philipp Schmohl, ein Charakter der besten Sorte, ein treuer und eifriger Anhänger der demokratischen Sache, und Männer, die ihm nahe gestanden, werden es wissen, mit welchem Feuereifer er unserem Interesse diente, und wenn auch niemals seine Stimme in größeren Kreisen hörbar wurde, so war er ein desto eifrigerer Kämpfer für Fortschritt und gutes Recht — er war eben ein Charakter, der nichts mit Ostentation that. — Für die ehrliche Gesinnung dieses Mannes können wir die Zengenschaft unseres allverehrten Vorstandes, Herrn I. H. Stendel, anrufcn. Bewahren wir für Schmohl das Andenken, das ihm gebührt, er war ein wackerer — er war ein ganzer Mann. Eine eigenthümlich hervorragende Tugend von jeher war es, daß die Bewohner unseres Stadttheiles bei allen wichtigen Gelegenheiten eine Zusammengehörigkeit und Opferwilligkeit documentirten, was nur auf einen gesunden, fortschrittlichen Keim zurückznführen ist, und wenn jemals Lehrer aus ihre Schüler stolz sein können, so dürfen es diejenigen sein, die uns auf den schönen Weg einheitlicher Gesinnung leiteten, und daß wir diesen Weg nicht zerfahren haben, mag als Beweis dienen, daß wir der freiheitlichen Farbe treu geblieben sind. KL- 40 Als eine der schönsten Früchte des Fortschrittes, der modernen Zeit in unserem Stadt- theile, darf man das innige Zusammenleben der Bewohner, ohne Rücksicht auf Consession, bezeichnen und man muß nur mit Befriedigung an dieser Stelle constatiren, daß unser Bezirk in dieser Richtung als Muster hingestellt werden darf. Nie gab es Zwistigkeiten, nie Mißhelligkeiten, und wenn es gilt, eine humanitäre Idee zu fördern, da greifen sie Alle in die Taschen und legen ihr Scherflein ans den Altar der Nächstenliebe, der Humanität. Gilt es, die Bethei- ilung armer Schulkinder am Ende des Jahres, so geschieht es unter der Devise: „ohne Rücksicht auf Consession", und der Kindergarten, der Armenball, als auch die Wohlthütigkeitsfeste werden von allen Glaubensclassen mit glänzendster Toleranz besucht und unterstützt. Der Katholik lebt mit Israeliten und Anders-Gläu- bigen in einem solch' innigen Einvernehmen, daß Favoriten niemals ein Herd für confessionelle , Hetzereien werden kann, und wenn man der Sache l auf den Grund blickt, so wird man das innige Verhältniß nur naturgemäß finden. Die Bewohner der einstigen Ansiedlung vor der Favoritenlinie bestanden aus Christen, Israeliten, Protestanten, kurz aus einem Conglomerat ^ von Confessionen und da ihre Anzahl eine geringe ^ war und sie nur vermittelst Selbsthilfe existiren j - 43 —V" PK Diese Thaisache mag nur deshalb erwähnt worden sein, um der uns gestellten Aufgabe, getreue Chronik zu liefern, zu genügen und es gehört nicht zu den untergeordnetsten Aufgaben einer Entwicklnngs-Scizze, solcher Momente zu gedenken. Sowie es in Favoriten keine confessionellen Schattirungen gab, ebenso epistirte im Großen und Ganzen genommen nur Eine politische Partei, die es bei Anlaß von Wahlen und sonstigen politischen Kundgebungen immer wieder zeigte, daß dem Groß der Bevölkerung stets ein gesunder, kerniger Sinn innewohnt. Und den größten Theil der bisherigen Errungenschaften muß man doch der Thätigkeit des Politischen Geselligkeitsvereines „Favoriten" verdanken — aber hervorragend nur jene Thätigkeit, die vor den Wahlen in unserem Bezirke zu Tage trat. Es dürfte hier am Platze sein, der bemerkten Thätigkeit einige Worte zu widmen. Wie bereits erwähnt, vollzog sich die politische Entwicklung des Bezirkes nur auf dem Boden des-Politischen Vereines. Als es noch keine Vertretung gab, da gab es nur einfache Mitglieder desselben und alle jubelten den Beschlüssen zu. Der Verein galt als der Herd aller Liberalen, die Loge des Fortschrittes. Fassen wir vorerst die Thätigkeit des Vereines auf humanitärem Felde in's Auge. Die Kinderbetheilungen sind dem 44 K Vereine entsprungen, ebenso die Errichtung eines Kindergartens. Auf communalem Gebiete waren es vorerst die Selbstständigwerdnng unseres Bezirkes, die Canalisirnng, Beleuchtung, Wasserleitung, die Approvisionirnng und die Schulfrage, welche in das Bereich der Discussion gezogen wurden. Und auf politischem Gebiete zeichnete sich der Verein durch Unterstützung liberaler Candidaten in den Reichsrath, wie Held und Umlauf, wie auch durch Ausstellung von Gemeinderaths - Candidaten und Bekämpfung des Dreiwahlkörper-Systems aus. Alle Mitglieder gingen mit dem Verein durch Dick und Dünn und aus dessen Körper gingen auch die Candidaten für die Vertretung hervor. Es waren dies die seligsten Momente des Vereines, denn die liberale, fortschrittliche Strömung, welche sich bei den Wahlversammlungen über die Tribüne ergoß, ließ erwarten, daß der zehnte Bezirk die Perle aller Vertretungen Wien's werde, daß man sich bei der geringsten, nach Conservatismns riechenden Aeußerung, sofort für alle Zukunft unmöglich machen würde. Seit damals ist es ein klein wenig anders geworden. Die Thätigkeit des Vereines erlahmte und der Liberalismus desselben ging so zu sagen auf Ferien; da geschah es, daß über die grüne Fläche der Tafel im Gemeindehause, mit dem i Taufsteine des Conservatismns ein dicker Strich ^ gezogen wurde, welcher in Zukunft die Grenze t-» - --- - — 45 — . ! bilden sollte zwischen der liberalen Minorität und conservativen Majorität. Und als der Verein » nach den Wahlen wieder seine Getreuen zusammenberief, da zählte man die Häupter der Lieben und es schien irgend Jemand zu fehlen; man zählte besser und machte schließlich die unangenehme Entdeckung, daß der auf Ferien gezogene Liberalismus vielleicht auf irgend einer Alm, wo nach Uhland die Freiheit wohnen soll, verloren gegangen sei, oder es ihm dort d'roben so gut gefällt, daß er sich daselbst einwinterte . . . Es drängt sich hiebei die Frage auf, wieso es gekommen, daß der politische Verein nicht nur unmittelbar nach den Wahlen in Lethargie verfiel, sondern auch heute noch an dieser Krankheit laborirt, ja sogar angefeindet wurde. Wir sagen angefeindet, denn man kann es doch als keine freundschaftliche Gesinnung annehmen, wenn gewisse Elemente über Jene losziehen, welche liberale Institutionen zu schaffen versuchten. Ja, wenn wir nicht irren, wurden sogar die Liberalen unseres Bezirkes mit dem Titel Krakehler beehrt. Haben sich dieselben etwa gegen die Interessen der Allgemeinheit vergangen; sind nicht gerade sie es gewesen, die mit riesigem Aufwande agitatorische Kräfte für das Fortschrittliche sammelten; sind nicht sie es endlich gewesen, welchen so Mancher seine Vertrauensstellung verdankt, der den wahren Liberalismus mit ———-— - -7—-—- - 46 Scheinliberalismus bekämpft und zu discreditiren sucht? . . . Schon dies klärt einestheils die Erscheinung, daß der politische Bereiu Vielen als ein wichtiger Hemmschuh erscheint, denn sie Alle wissen, daß er noch immer die Kraft besitzt, auf dem Wege der Interpellation, das conservative Blockhaus zu zertrümmern. Der politische Verein muß ans seiner Lethargie erwachen, denn wir stehen vor den Neuwahlen, auch dürfte über kurz oder lang an den Bezirk die Ausgabe herantreten, einen Vertreter in's Parlament zu entsenden und wird gewiß kein Vernünftiger wünschen, daß in dieser Richtung dem Ehrgeize die Bescheidenheit, dem Unverstände das Wissen, dem Besitze die Intelligenz, dem Chamäleon die Consegnenz und dein Conservatismns der Radikalismus weichen sollen. Doch schon in Folge der wirthschaftlichen Mißlage, der herrschenden Unzufriedenheit in allen Bevölkerungsschichten, ist es zu hoffen, daß die Zukunft des Vereines der — Pnrification angehört, daß man wieder in jene Bahnen einlenken wird und muß, die zur Auffindung des auf Ferien befindlichen Liberalismus führen, daß man endlich den politischen Verein wieder zu dem macht, was er früher war, znm Sammelpunkt der Wühler, die sich ihrer Rechte und Pflichten bewußt sind! . . . Denn man täusche sich ja nicht, daß schließlich doch die Zeit Hereinbrechen - - - 47 dürfte, wo man des in gewissen Kreisen modern gewordenen Clique-Veitstanzes satt wird und jene Elemente zurückruft, die vor dieser Epoche all' ihre Kräfte für Fortschritt, Liberalismus, für die Entwicklung des zarten Kindleins Favoriten einsetzten — man vergesse schließlich ja nicht, daß schon die Natnr dafür sorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen! .... Kehren wir den Spieß um und fragen: Was wäre mit unserem Bezirke geschehen, wenn wir die Führung unserer wichtigsten localen Angelegenheiten den Gegnern unserer majorenen Meinung überlassen Hütten? Wir wären mit allen gemachten Vorschlägen nicht mn einen Schritt vorwärts gekommen, nicht etwa ans Animosität gegen unseren Stadttheil Seitens der Majorität unserer Stadtvüter, sondern blos ans prinzipieller Gegnerschaft einer jeden Idee, die von demokratischer Seite ausging — kurz, wir wären das Stiefkind der Vindobona geblieben und endlich verkümmert. Doch die Vorsehung wollte es anders; in uns schlummerte der Keim gesunder Vernunfts-Politik und durch die treue Pflege von Männern mit reichem demokratischem Sinn, gelang es, den Samen in so kurzer Zeit zur mächtigen Pflanze zu ziehen. Die durch Massenpetitionen und Kundgebungen aller Art erzielten Errungenschaften sind Resultate der herrschenden politischen Meinung und alle noch fehlenden Einrichtungen können nur K - 48 -- - -.- dann erreicht werden, wenn wir den einmal betretenen Weg fortschreiten und wach bleiben, denn es gilt unsere Freiheit zu erhalten und aller Aufmerksamkeit bedarf es, die gegnerische Partei nicht flügge werden zu lassen. Wir rathen wiederholt die Lethargie abzuschütteln und durch thatkräftiges Eingreifen des politischen Vereins den im sorgenlosen Schlummer ergebensten Bürgern Gelegenheit zu bieten, an Tagesereignissen Ihätigen Antheil nehmen zu können, denn das conservative Element entwickelt im Stillen eine fieberhafte Hast. Wir denken ehrlich und offen genug gesprochen zu haben und an den ehrlich denkenden Mitgliedern des politischen Vereines werden diese Worte gewiß nicht spurlos vorübergehen. Es dürfte vielleicht so manchen unserer Leser überrascht haben, daß wir im Vorstehenden den Schauplatz der Thätigkeit des „Politischen Gesel- ligkeitsvereines" betreten haben, statt, uns strenge im Geleise der „Erinnerungen" haltend, nur mit den Jahren zu gehen. Diese Abirrung war eine unwillkürliche und kehren wir mit diesem wieder auf das bereits betretene Feld zurück. Es war im Jahre 1866. Im Süden und Norden unseres Vaterlandes wüthete die Kriegsfurie und mit ihr alle Schrecken einer vom Kriegsglücke verlassenen Nation. Die Wunden, die dem Herzen Oesterreichs ^ ^. r > 49 B durch die verunglückte Operation im Norden geschlagen, wurden von jedem echten Oesterreicher mitgefühlt und es war eine schwere Zeit für uns gekommen. Der Feind drang im Sturmschritt gegen unsere Metropole vor und es mußte ans Aufstellung einer Reserve-Armee gedacht werden. Unter dein Commando des seither verstorbenen Erzherzog Carl Ferdinand, eines Sohnes des ruhmreichen Erzherzog Carl, wurde in den Mauern Wien's ein Reservecorps errichtet, wozu die ältest gediente Mannschaft und die von ihren minder schweren Berwundungen wieder genesenen Soldaten verwendet wurden. Favoriten bekam damals eine enorme Ein- quartirnng nnd gar mancher unserer heutigen Patrizier hat durch das Unglück Oesterreichs sein Glück begründet, worüber wir übrigens durchaus Niemandem einen Vorwurf machen wollen. Die Einguartirungsmengen in unserem Bezirke spotteten jedem Begriff und wenn wir z. B. hier bemerken, daß Herr Reifing er, Herr Balz er rc. rc. nnnnterbrochen 1500—2000 Alaun verpflegten und beqnartirten, so kann man sich einen Begriff davon machen, welches Leben daselbst herrschte. Daß Favoriten so große Objecte zu Ein- quartirungs-Zwecken besaß, war für die Folge die Veranlassung der betheiligten Behörden, daselbst MW» 50 B ! - —.. . .— - >-> - - --—.—. - . - . - - - die Creirung eines Einquartirungs-Etablissements zu veranlassen. Herr Balz er, Besitzer einer der geräumigsten Realitäten, sah sich dadurch veranlaßt, das bis zum Jahre 1866 bestandene Gasthaus aufzulassen und aus den überaus geräumigen Saal- Localitäten eine Kaserne zu machen. Dieses Etablissement diente dem Zwecke so lange, bis die Armee um das Jahr 1867 wieder auf den normalen Stand gebracht wurde. Durch die außerordentliche Prosperität der Balzer'schen Idee sah sich Herr Ioh. Capistran Schreiber (bis damals Besitzer eines derartigen Einquartirungs-Etablissements am Phorus, Wieden) veranlaßt, mit Herrn Alex. Ritt. v. Schöll er, Besitzer der außer Betrieb gesetzten, ehemaligen Conraetz'schen Alpaccawaaren - Fabrik in der Laxenburgerstraße in Unterhandlung zu treten und miethete von demselben auf eine Reihe von Jahren das jetzige Etablissement „Schreiber." Seit jener Zeit hat Herr Schreiber die Erbschaft im Einquartirungswesen angetreten und verwaltet dieselbe bis nun, vom besten Erfolge gekrönt. Wir wünschen es dem Manne vom Herzen, denn er ist ein Bürger in des Wortes bester Bedeutung, ein Mann, der das Herz am rechten Fleck hat, und wenn unserem Bezirke etwas zu wünschen wäre, so wäre es höchstens, daß er mehrere Schreiber besitzen möchte. 51 ... --- -. .. B ^ Wir enthalten uns einer weiteren Ausführlichkeit, denn es hieße, Eulen nach Athen tragen, wollten wir Alles wiederholen, was ohnehin fast jedem Bewohner zur Genüge bekannt ist, aber ^ Eines können wir dennoch nicht unterlassen; es ist dies die Thätigkeit dieses Herrn ans humanitärem Gebiete hervorznheben, denn er ist der ! Beschützer der Armen und Bedrängten und Niemand geht von ihm unbefriedigt; der Dank tausender Menschen begleitet ihn, und wenn er auch ! manche gesellschaftlichen Schwächen hat, unter welche die politische Farblosigkeit, besser gesagt: i Bielsürbigkeit gerechnet werden kann, so sind j diese tausendmal durch sein wohlthätiges Wirken ^ überwogen. j Er setzte seine besondere Ambition darein, i jedes Jahr eine würdige Christbanm-Betheiligung ! zu ermöglichen; es war eine seiner schönsten Ans- I gaben, den I. Kindergarten in hervorragender ! Weise mitgründen zu helfen und gewiß hat noch ! kein humanitäres Unternehmen unter Leitung Schreibers, oder dessen Mithilfe, jemals mit Unter Bilanz geschlossen. Die hervorragende Her- ! zensgüte hat Herrn Schreiber die Anerkennung ! seiner Mitbürger erworben und wenn jemals > Gelegenheit geboten ist, Freigiebigkeit und Men- > schenpflicht zu üben, so fehlt Schreiber gewiß nicht! ! Das emsige Schassen dieses Mannes, wo es gilt. Bedrängten beiznspringen, ist wahrlich 4 * 52 Ä lohnenswerth zu beobachten und daß übrigens dieser Mann oft unverschämt ausgebeutet wird, ist eine Thatsache, die hier verzeichnet zu werden verdient. Diese Sorte Kletten wissen zu genau, daß Schreiber nichts abschlagen kann und mißbrauchen seine Gute in unverschämter Weise. Einer Gewohnheit dieses Herrn sei hier noch erwähnt und dürfte vielleicht einmal dazu beitragen, zwischen streitigen Etymologen als Schiedsspruch zu gelten. Herr Schreiber, als Musikfreund, hatte das erste Mal die Wildfeuer-Polka execntiren gehört und gefunden, daß sich das Wort „Tirirtata" als Text der ganzen Melodie verwenden läßt und seit jener Zeit wurde dieses Wörtchen des Mannes Gewohnheit, damit kann er jede Empfindung wiedergeben, und es dürfte wohl sehr wenige Bezirksbewohner geben, welche es nicht wüßten, was das Wörtchen „Tirirtata" bedeutet — wir jedoch gehen weiter und sagen: „Tirir- tata" ist das geistige Porträt des Papa Schreiber! Wir treten nun in die Periode der in höchster Blüthe gestandenen Baulust und sehen Häuser und Straßen wie Pilze aus der Erde wachsen. Einen hervorragenden Platz unter den daselbst gewirkt habenden Bauunternehmern, nehmen die Herren Baumeister Brüder Marek ein. Dieselben schufen viele bedeutende Objecte und wollen wir besonders hervorheben, daß das Haus, in welchem sich ge- ^ ch -- ' 53 88 ---- - -- -«4 E ^ genwärtig die Gemeindekanzleien und der Kindergarten befinden, sowie das große Schulgebäude in der Quellengasse, ebenso die ganze Hänser- gruppe, die von der Quellen- und Wielandgasse, ferner Bürgerplatz und Himbergerstraße eingeschlossen ist, und schließlich in neuester Zeit das wirklich elegante Häuschen des Herrn A.Grond am Humboldtplatze von diesen Herren erbaut wurden. Einen zweiten bedeutenden Rang nahm die bereits aufgelöste Bauunternehmnng Grünber- ger-Kornheusl ein, die den größten Theil - der Häuserzeilen in der Buchengasse, Pnchsbanm- ^ gasse, am Bürgerplatz rc. rc. schuf. Es wäre noch an dieser Stelle zu bemerken, daß zu gleicher Zeit die Bebauung der zwischen der Himberger- und Laxenbnrgerstraße liegenden Bauflächen begann und zwar durchgehends von ; Privaten, die zum größten Theile bis heute noch ^ im Besitze der Häuser sind. ! In diese Zeit fällt auch der Beginn des ! Kirchenbaucs und hat sich besonders um das ! Zustandekommen dieses Monumental-Baues der ! seither verstorbene Erzbischof von Wien, Cardinal Othmar Ritter von Rauscher durch thatkräftige und ausgiebige Unterstützung verdient gemacht; er war ein Seelenhirt, dem es darum zu thun ! war, seiner gläubigen Gemeinde bald ein eigenes ^ Gotteshaus zu gründen. > KWK/i/v- "O 54 - Bei dieser Gelegenheit müssen wir ans das Wirken eines Mannes anfmerksam machen, welcher sich nm die Bermehrung der inneren Ausstattung der Kirche, in hervorragender Weise verdient gemacht hat, es ist dies der Vorstand-Stellvertreter Herr Heinrich Knüll. Obwohl Protestant, sammelte er eine kleine Schaar Männer um sich, rief alsdann ein „Kirchen-Coinite" in's Leben, welches eisrigst Sammlungen einleitete und ein Neinerträgniß von 3571 fl. erzielte, welches, wie bemerkt, zur Vermehrung der inneren Ausstattung, als Kirchenstiihle, Glasmalereien, Glocken, Lnstres, wie auch Aufzahlungen für Orgelkasten, Thurmuhr u. s. w. verwendet wurde. Uud weil wir gerade bei den Bemerkungen sind, so wollen wir uns auch mit dem reich beordeteu und begüterten Herrn Baron W erth c im befassen, welcher ebenfalls zu jener Zeit einmal eine schwache, aber schon sehr schwache Stunde hatte und dem zehnten Bezirke einen Kindergarten ans eigenen Mitteln zu gründen — versprach! War das eine Freude; der großmüthigc Versprecher ließ sich huldigen, Dankesadressen überreichen, doch der Mensch ist nicht immer disponirt, Wort zu hüten und ein solcher „nichtdisponirter" Versprecher entpuppte sich schließlich aus dem Herrn k. k. Truchseß, Palais-, Realitäten- und Fabriksbesitzer, Inhaber aller möglicher! und unmöglichen Orden, Auszeichnungen, Diplomen, Lobgedichten, Widmnn- h»- —vwMkA I 55 gen, Dankschreiben, Gönner aller Thee-Aus- wüsserungsanstalten, ewigen Landtags- und Reichs- raths-Candidaten, mehrfachen Präsenzmarken-Ver- waltungsrathes, Herrll Baron Franz v. Wertheim. Wir können es unmöglich glauben, daß die Gründung der Ersten Oesterr. Cassen-Fabriks- Actien-Gesellschaft so wenig abgeworfen hat, daß ein durch Zufälle und Glück Aristokrat gewordener Werkzeugmacher sein Wort, das er öffentlich gegeben, nicht halten kann? Vielleicht hat der Herr Baron bei der neuen Transaction durch Wiedererwerbung seiner ursprünglichen Fabrik so viel zu gewinnen Aussicht, daß er doch sein Wort, wenn auch post testum, einlösen kann, obwohl wir bereits einen Kindergarten haben, dessen Schöpfer jedoch unser allverehrter Vorstand Herr Stendel ist, so würden wir gewiß eine der gemachten Zusage entsprechende Summe mit Dank quittiren. Wir verwahren uns entschieden gegen die Annahme, als wollten wir durch das Vorstehende eine Pression untergeordneter Natur üben, doch wenn diese Zeilen nach vielen Jahren in die Hand von Lesern kommen sollten, die ein Interesse an der Heranbildung unseres Bezirkes haben werden, dann sollen sie es hier verzeichnet finden, daß es einst Männer gab, die blos renomirten, für den Moment glorifizirt werden wollten und schließlich ihr Wort — nicht hielten! 56 '— Wenn übrigens die Geschichte die minder lohnende Aufgabe übernehmen wird, Männer den nachfolgenden Geschlechtern zu überliefern, die sehr viele Orden besitzen, dann wird Herr von Wertheim auch darunter genannt werden — aber gewiß nicht unter Jenen, die Bersprochenes auch zu halten gewohnt sind.... Er mag sich vielleicht damit entschuldigen, daß er ein geborener Kremser ist, womit übrigens nicht gesagt sein soll, daß jeder Kremser solch' hervorragende Tugenden besitzt, als ihr baronisirter Landsmann und Werkzeugmacher. — Der freisinnige Geist in unserer Bevölkerung docnmentirt sich in hervorragender Weise immer bei den jeweiligen Wahlen. Die lebhaften und mit Leidenschaft gepflogenen Agitationen der Männer des entschiedenen Fortschrittes waren merkwürdige Momente in den Jngendjahren unseres Bezirkes, merkwürdig schon deßhalb, weil Alles einer Meinung und eines politischen Glaubensbekenntnisses war. Wenn unser Mntterbezirk einen Mann des entschiedenen Fortschrittes mit einem Mandate betrauen wollte, da war cs der Theil vor der Favoritcn-Linie, der das Gewicht in die Waagschale warf und ohne die „Dörfler" wäre wohl kein einziger freisinniger Vertreter durchgebracht worden. -- -- - - - - - . — — 57 - Wie imposant waren da die Massen-Auf- ziige der Wähler zur Urne und wir können mit Stolz behaupten, daß in keinem anderen Theile Wiens die Partei-Disciplin gewissenhafter geübt wurde, als in dem emporstrebenden Favoriten, und wenn man den konservativen Wählern der Wieden in solchen Momenten der Massenkundgebung in's Gesicht blickte, da konnte man ein Vibriren der Nerven bemerken, denn da gab es doch hie und da verlorenes Spiel für ihre Partei. Ein damals modernes, geflügeltes Wort zur Kennzeichnung der Demokraten wurde auf uns oft gebraucht, man erlasse uns die Nennung des Wortes, wurde es doch oft genug in einem Athen: mit der Pariser Commune genannt — doch wir haben unsere Besonnenheit und Fassung auf dem streng rechtlichen Gesetzesboden bewahrt und den muckerischen Conservativen unsere Ungefährlichkeit für die bürgerliche Gesellschaft dadurch gezeigt. Unsere Massen-Anfzüge zur Urne hatten blos den Zweck, den Gegnern unsere Stärke zu zeigen nnd ihnen ferner zu beweisen, daß wir mindestens ebenso politisch reif als diese sind; wir übten unsere Bürgerpflicht und bedurfte es bei uns keiner besonderen Aneiferung durch äußere Mittel, wir kannten unsere Pflichten und übten diese gewissenhaft aus. Wenn vielleicht dagegen die Einwendung von Seiten unserer politischen KWK ^— 58 Antipoden gemacht werden sollte, daß unsere Gesinnung keine angeborene, sondern etwa über Nacht entstandene ist, so wollen wir dies gerne ertragen, wir zeigten eben dadurch, daß wir für gute Eigenschaften schnell incliniren. War das beispielsweise ein Zug zur Wahl- Urne, als es galt, einen Landtags-Abgeordneten zu wählen, an dessen Spitze die Besten und Enragirtesten des „Dorsels" schritten, unter welchen der vor zwei Jahren verstorbene Fruchthändler Czermak auf agitatorischem Gebiete hervorragte. Mit Fahne und Musik zogen wir in die Schäffergasse ein, um statt Willner — Dr. Held zum Mandatar zu machen. Daß uns dies nicht gelang, ist nur unserer Minderzahl zuzuschreiben. Die Wiedener conservative Clique, welche. Dank den traurigen socialen, mithin auch politischen Verhältnissen, heute kühn das Haupt erhebt, mit Gewalt dominiren will und sogar den Muth hat, durch ihre Don Quixotes unabhängige Journale zu bekämpfen, mußte wieder ein anderes Mal zurücktreten — und zwar als die Wahlen für den dritten Wahlkörper auf's Tapet kamen. Die ungemein „zart" organisirten Herren der erbgesessenen Clique der Wieden schreckten auch vor den Favoritner Wühlern zurück, und zwar derart, daß sie die hinter der Fahne Einherziehenden mit dem Titel: „Hemdärmel-Demo traten" bezeichneten. Die Favo- — 59 — ritner waren damals als Himmelsstürmer verschrien und doch sind sie heute so zahm und fromm, und wenn kritisirt wird, so geschieht dies nur am Gasthaustische, wo lauter gute Bekannte sind, vor denen man sicher ist, daß nichts weitergetragen wird . . . Bemerkenswerth ist, daß bei den damaligen Wahlen eine große Opferwilligkeit für die gute Sache geherrscht hat und unserer Unparteilichkeit gemäß, müssen wir erwähnen, daß beispielsweise Herr Anton Schmohl finanzielle Opfer genug brachte und die Mittel zur raschen Agitation bestellte; ferner war es Herr Krause, welcher uuermüdlich für die liberale Sache focht. Au alle» Eckeu und Enden wurde agitirt, wurden Stimmzettel fabricirt — von Höller's Gasthause „zur Linde" bis iu's Extrazimmer zum Sitte hinaus, und wir könnten uns nur gratulireu, wenn auch in Zukunft derselbe gesunde Geist rege werden würde. Doch was wir heute als frommen Wunsch aussprechen, kann vielleicht doch bei den kommenden Wahlen zum Durchbruche gelangen — also nicht verzagen! . . . Es kam die Zeit, wo unsere Regierung über Andrängen von Massenpetitionen sich nothgedrun- gen sah, der Bevölkerung Oesterreichs ein Recht zu verleihen, das ihnen längst schon gebührt hätte, nämlich das Recht der direkten Reichsraths- wähl, und von diesem Rechte wurde in einer würdigen Weise Gebrauch gemacht. Es durfte der Bürger Oesterreichs an die Urne treten und einen Mann nennen, dem er sein Schicksal auf sozialem Gebiete in die Hand legen konnte, er durfte seinen Gesetzgeber direct wählen und es nicht erst einer oft den allgemeinen Bedürfnissen nicht entsprechenden Majorität eines Landtages überlassen, diesen in den Reichsrath zu senden. Der Reichsrath bestand vordem zumeist nur aus Trägern und Verfechtern der jeweiligen Regierungspolitik und hatte man wohl nur selten Gelegenheit, einer gesunden Opposition in unserem 6orp8 äe legislative zu begegnen, und wenn man derselben begegnete, so war sie so zahm, daß es einer besonderen Anstrengung bedurfte, um überhaupt eine Opposition daraus zu ersehen. Die Regierungs-Maschinerie damaliger Zeit war eine so trefflich.gegliederte, daß die besten Lolksmänner nicht im Stande waren, auch nur auf einen Augenblick das Räderwerk zum Stillstände zu bringen. Den vitalsten Volksinteressen wurde Rechnung getragen, und zwar erst dann, wenn an dem Bestand der jeweiligen Regierung gerüttelt wurde. So wie es langsam gelang, der Regierung das Recht der directen Neichsrathswahl abzuringen, ebenso kann man sich der Hoffnung hin- — 61 geben, daß das Dreiwahlkörper-System endlich auch ein überwundener Standpunkt sein wird. Welche Begeisterung herrschte damals, als es galt, das erste Mal das lange vorenthaltene Recht der directen Reichsrathswahl zu üben. Wir hatten seinerzeit Gelegenheit, zwischen zwei Can- didaten der heterogensten politischen Ansicht, u. zw. den Herren Winkler von Forazest und Umlauft zu wählen. Beide Herren kannten unser politisches Glau- bensbekenntniß recht genau; sie wußten, daß das Gros der Bevölkerung vor der Favoritenlinie (damals noch ein Theil der Wieden) ans radikalen Elementen bestand, die sich nie den herrschenden conservativen Elementen des Mutter-Bezirkes accomodiren wollten, so prallten bei den Wahlkampagnen Radikalismus und Conservatismns schrill aneinander, und es ist somit leicht begreiflich, daß Herr v. Winkler nicht den Muth besaß, um ein Reichsrathsmandat persönlich in unserer Mitte zu werben; er unterschätzte uns und lullte sich in den falschen Glauben ein, daß er auch ohne Hinzuthun der Dörfler" gewühlt werden würde — daß man die Rechnung nie ohne Wirth machen soll, zeigte eben dieser Fall. . . Wie ganz anders reprüsentirte sich Umlauft. Er, ein Mann, der die liberale Schule genossen, unterschätzte nicht unseren maßgebenden Einfluß an der Urne; er trat in unsere Mitte und warb ich) --'E.P.N 62 persönlich um das Mandat, sowie er es auch nicht unterließ verschiedenenorts anstandshalber um das Mandat zu ersuchen und wir sind überzeugt, daß durch sein aufgestelltes Programm Mancher aus dem gegnerischen Lager Beranlassung fand, zu unserer Fahne zu schwören. Der Erfolg seines Borgehens wurde durch seine Wahl gekrönt. Welch' rührige agitatorische Thätigkeit wurde zu jener Zeit entwickelt. Am Wahltage war eine fieberhafte Erregung in unserem Stadtthelle bemerkbar wie nie früher und später. Jedermann war Agitator. Jung und Alt drängte sich in's Wahllocal, um der edelsten Bürgerpflicht nachzukommen. Den ganzen Tag über standen circa zwanzig Wagen in Bereitschaft, die mit großen Let ern die Aufschrift trugen: „Umlauft Das Wort electrisirte! Der Handwerker verließ auf eine Stunde seinen Werktisch, um seine Bür gerpflicht zu üben, der Kaufmann verließ sein Geschäft, um den ganzen Tag der guten Sache durch Agitation zu weihen. Zwei Hanp'guartiere wurden etablirt, nnd zwar im Gasthause „zur Linde" und in einem Gasthanse in der Nähe des Gemeindehauses; permanente Comitä's hatten hier und dort ihren Sitz und das gut orgnnisirte Arrangement hatte den Erfolg für sich. In besonders hervorragender Weise haben sich um das Zustandekommen dieser lebhaften Thätigkeit die Herren Johann Krause und Hugo - - - —-- 63 von Heißl Verdienste erworben, zwei Männer, die immer und ewig den persönlichen Muth besaßen, Jedermann ihre politischen Meinungen in's Gesicht zu sagen, zwei ehrenvolle Charaktere, die ihrer ursprünglichen und radikalen Meinung stets treu blieben. Mit solchen Männern kann man Manches durchsetzen, denen ist Rettegatenthum etwas unbekanntes; Hut ab vor solchen Männern! Einer Episode wollen wir hier gedenken, die sich am Wahltage abspielte und deutlich die brillante Stimmung in radicalen Kreisen unserer Residenz illnstrirte. — Es war am Wahltage und das Scrutinium im besten Zuge. Der Gemeinde-Saal in der Schüffergasse war mit Wühlern vollgepfropft, welche mit pochenden Herzen die Namen Winkler, Umlauft abwechselnd nennen hörten. 2956 Wähler waren zur Urne getreten und 1479 Stimmen waren die absolut nothwendigen, mn die Majorität für den einen oder den andern Candidaten zu erlangen. Wer Zeuge der aufregenden Scenen im Saale war, wird gewiß auch heute noch mit gehobener Stimmung derselben gedenken. Bis zu 1000 Stimmen waren die Chancen ziemlich gleich, von da ab jedoch hörte man immer und immer Umlauft ausrufeu und mit einem Schlag war das Plus 200 Stimmen; mit jeder z 64 S Stimme stieg der Jubel der Umlauftianer, und als wir 1479 Stimmen zählten, mußte das Scrutinium unterbrochen werden; ein Jubel herrschte im Saale, wie wir ihn noch nie erlebt haben. Umlauft wurde auf die Schultern gehoben und von allen Seiten mit einer fabelhaften Begeisterung acclamirt. Herrn Math es und dem Schreiber dieser Zeilen wurde die angenehme Mission zn Theil, unseren Gesinnungsgenossen am Neubau von dem Wahlsiege Mittheilung zu machen, wie auch Herr Krause mit mehreren Parteifreunden zu gleichen Zwecken in andere Clublolale abgesandt wurde. Ein Wagen brachte uns rasch in's dortige . Hauptquartier (Cafo Eckt) und wir betraten in demselben Augenblicke das Locale, als der im selben Momente gewählte Partei-Genosse Herr Dr. Schrank vor den Wühlern sein Versprechen feierlichst ablegte, die Fahne der Freiheit hoch zu halten und redlich hielt er Wort. Bei unserem Erscheinen im Locale mußte Schreiber dieses einen Tisch besteigen und es war gewiß der schönste Moment seines Lebens, einer begeisterten Schaar ehrenvoller Männer, eine für die Partei so hocherfreuliche Mittheilung machen zu können, wie die war, daß Umlauft gewählt wurde. Ein Sturm freudigster Begeisterung brach los und Herr Dr. Schrank verlangte unser Hi s sofortiges Erscheinen im Clublocale der demokratischen Gesellschaft (Mariahils Hotel engl. Hof). Schrank in unserer Mitte, betraten wir den Saal und wurden vom Abgeordneten Dr. Kopp mit Aufmerksamkeit empfangen. Unsere Mitteilung von der Wahl Umlauft's wurde freudig ausgenommen und nach kurzem Aufenthalte ging's „zum grünen Jäger" in der Hundsthurmerstraße, wo die Parteigenossen bei einem improvisirten Banket bereits versammelt waren. Da gab's Toaste und Wunsche in Hülle und Fülle und wenn all' die Hoffnungen, die begeisternd zum Ausdrucke gelangten, Erfüllung gefunden hätten, wir könnten zufrieden sein, doch der Wühler denkt und der Gewühlte — lenkt!- Die politischen Verhältnisse in Wien erfuhren kurze Zeit daraus einen eigentümlichen Umschwung. Es war eine geradezu merkwürdige Erscheinung, daß die Metropole des Reiches in ihren Bezirken meistens Abgeordnete in die Neichsstube sandten, die entschieden radikalen Demokratismus ans ihre Fahne geschrieben hatten! Wir wollen es versuchen, diese Erscheinung von unserem Standpunkte ans zu beleuchten und hoffen damit der Meinung vieler rechtdenkender Männer Ausdruck zu leihen. Zur Zeit des sogenannten volkswirthschaft- lichen Aufschwunges wurde jeder Träger eines wohlklingenden Namens oder Titels von einer Schaar Syrenen belagert, die ihn mit ihrem münzenklingenden Gesang und dem Refrain — „Gründer" in ihre Netze lockten. Einmal von dieser goldenen Hand umfaßt, gab es kein Widerstreben; die in diesen Kreisen eingeathmete Luft wirkte magnetisch; da wurde der Umgarnte von den lockenden Tönen des Goldes betäubt und er vergaß dabei, daß durch den Zauber der Ruf seines Namens in den meisten Füllen verloren ging. Der Goldstaub blieb an seinen Fingern haften und keine Seife konnte seine Hände mehr rein machen. . . Und das hat die Loreley mit ihrem Gesänge gethan! — Welch' hervorragende Bttrgertugenden müssen jedoch jene Männer besitzen, die trotz Titel und Einfluß dem verlockenden Rufe energisch widerstanden? Diebesten und glänzendsten Versprechen konnten keinen Einfluß ans ihre ehrliche Den- knngsweise üben, denn es waren Männer, die Energie und Selbstbeherrschung genug besaßen, um jedem Lockrufe zu widerstehen; ihre Hände wurden durch keine schmutzige Gründungswüsche verunreinigt — sie blieben blank und rein! Nach dem Krache sah man sich nach unbeschmutzten Händen um, und reine Charakteure standen hoch im Conrse. So kam es, daß Männer 67 -- -K ??- wie: Stendel, Umlauft, Dittes, Schrank, Kronawetter rc. rc. an Bedeutung und Ansehen gewannen. Das konservative Element, das mit dem Geldprotzenthum identisch ist, konnte freilich keinen Geschmack an radikalen Männern finden, weil das unlautere Gebühren ihrer Parteigenossen, der di- ! Versen kleinen und großen „Gründer" dadurch ! um so eher blosgelegt werden würde; denn die ! Affaire Laster oontrn Fürst P u tbns im deutschen Parlamente könnte vielleicht auch bei uns, in vielfach vermehrter und verbesserter Auflage Wiederholung finden — und so wie i Laster dort der persönliche Muth nicht mangelt, j unverfrohren seine Meinung nuszudrücken, ebenso ^ mangclt's unseren radikalen Abgeordneten nicht, das Tadelnswerthe rücksichtslos zu geißeln. ! Diese Geschmacksrichtung kann einer conser- ^ vativen Partei freilich nicht conveniren, einer Partei, wo Genossen derselben den Ausspruch thun, daß die Moral nicht ans der Tagesordnung stehe; bei uns steht sie obenan, wir haben nichts gethan, eine Corrnption zu schaffen, die es zu Wege brachte, daß die Demoralisation, die man Gründungen nannte, eine tief einschneidende für das volkswirthschaftliche Wohl wurde. Die Wunden, welche der Börsenschwindcl dem Volkswohle geschlagen, hat die konservative Partei mit auf ihrem Gewissen, die Radikalen hin- rD'» -—-- — 68 gegen können mit Stolz zurückblicken und sich keinen Vorwurf machen, daß Sie aus die Börse Anderer scheel blickten. Diese Thatsachen wirkten ans die Bevölkerung Wiens so frappirend, daß sie aus dem Unglück Lehre ziehen mußte! Unsere Stimme müssen wir Männern geben, die ihre Zeit dazu sofort verwenden können, um in das Getriebe der Staatsmaschine eingreifen zu können und nicht erst eine lange Zeit dazu verwenden müssen, um sich zu pnrificiren. So ungefähr war die Den- knngsweise der gesund calculirenden Wähler und in niegeahnter Massenhaftigkeit übten die Bürger eine ihrer edelsten Pflichten und zeigten durch die Wahlen, daß der Sinn des Gros' der Wähler Wiens noch gesund und von der herrschenden Epidemie der habsüchtigen Corruption noch nicht angekränkelt war. Die vorausgegangcnen Petitionen Seitens der Bevölkerung an die Stadtrepräsentanz hatten den Erfolg für sich, daß der Gemeinderath in seiner Sitzung vom 30. October 1874 den Beschluß faßte, die Creirnng eines zehnten Wiener Bezirkes zu veranlassen und die Wahl der für den neuen Bezirk nöthigcn Gemeinderäthe ans- zusch reiben.*) *) Die Wahlen fanden im Jahre 1874 statt nnd wurden in den Gemeinde-Wählerlisten 3600 Veränderungen vorgenommen. Nach Abschluß der Neclamationdfrist für ! Den Candidaten des politischen Geselligkeits- Vereines wurden keine Gegner gegenübergestellt, und zwar aus naheliegenden Gründen. Die handvoll conservativer Parteigänger, die sich als die Schöpfer Favoritens so gerne geriren, hatten die Lust verloren, in der Öffentlichkeit dadurch eine Rolle spielen zu wollen, daß sie Gegen- Candidaten aufstellten; so kam es, daß der junge Bezirk Männer entschiedenen Glaubensbekenntnisses in den Gemcinderath sandte. Die „äußerste Linke" des Gemeinderatheö erhielt durch die Wahl der Herren Ferdinand Tüsch e r, Maschinenfabrikant, Michael Trost, die Gemeinderathswahlen belief sich die Gesammtzahl der Wähler Wiens auf 24.927. In Folge der Constitnirung deö Bezirkes „Favoriten*' vertheilten sich in dieser Periode znm ersten Male die Gemeinderaths-Wahlen ans zehn Gemeindebezirke. Der Wahlact fand vom 20. bis 30. April statt. Für die Bezirksausschüsse wurden in der Zeit vom 1. bis 8. Juni 1875 in Favoriten 18 Neuwahlen vor- genominen. (Beschl. vom 14. Mai 1875.) — Die Grenzen unseres Bezirkes wurden nachstehend festgesetzt: Von dem Punkte, wo der Siidbahndamm die Grenze des Wiener JuriSdietionsgebietes berührt, an der linken Seite dieses Dammes fortlaufend, bis zu dem, dem ersten rechts von der MatzleinSdorfer-Linie gelegenen vorspringenden Winkel des Linienwallls gegenüber liegenden Punkte und von da, in senkrechter Linie auf die äußere Kante der Gürtelstraßen- Trace, weiters die äußere Kante der Gürtelstraßen-Trace gegen die St. Marxer Linie, soweit dieselbe festgesetzt ist; von da weiter die Grenze des Banverbot-Nayons für das k. k. Arsenal bis zu dem Punkte, wo selbe die Einsric- dnngsmaner bis zum Berührungspunkte der Jnrisdictions- grenze, welch' letztere bis zn dem zuerst erwähnten Punkte des Südbahndammes die Abgrenzung des zehnten Bezirkes nach Außen bildet. 70 Hausbesitzer, und A. Balzer einen Zuwachs und sind die Gewählten als zuverlässige Parteigenossen zu betrachten, wenn auch einer oder der andere der Herren nicht zu den „debatti- renden Himmelsstnrmern" gezählt werden kann, so ist doch ihre Thätigkeit in den betreffenden Sectionen eine umso emsigere, wie sie auch con- statirtermaßen bei Abstimmungen strenge Partei- disciplin halten. Der Parteizweck ist dadurch wenigstens nicht gefährdet. Als vollgiltiger Beweis, daß die Thätigkeit unserer Gemeinderüthe in den Sectionen eine eifrige ist, mag die in den letzten zwei Jahren vorschreitende Entwicklung unseres Bezirkes ans kommunalem Gebiete gelten. Mit bienenartiger Rastlosigkeit werden Straßen gepflastert, Kanäle hergestellt, neue Gassen fahrbar gemacht, oder beleuchtet, eine neue Schule und ein Waisenhaus gebaut, Gartenanlagen geschaffen, für Trinkwasser gesorgt u. s. w., kurz, wo man hinblickt, sieht man Neues schaffen und wer die Berhältnisse im Gemeindcrathe kennt, wird beipflichten, daß es nichts Leichtes ist, den gegen Favoriten eingenommenen Stadtvätern all' die Summen abzuringen, die für vorstehende Zwecke verausgabt wurden und noch — werden. Mit weit mehr Schwierigkeiten ging das spätere Jnslebenrufen des Bezirksausschusses vor sich. Zwar ereignete sich während der Wahl der — 71 - 18 Vertreter nichts Bemerkenswerthes, ja man könnte sogar sagen, die Agitationen waren viel zu lau und von der Nüchternheit der w irthschaft- lichen Krise angekränkelt, aber als im Sitzungssaale des Gemeindehauses die Wahl des Herrn Johann Heinrich Stendel vor dem versammelten Bezirksausschüsse und mehreren Gästen der Statthalterei, des Magistrates und des Bezirkes Wieden proclamirt wurde und der Ausschuß in die öffentliche Function trat, da ereignete sich ein Vorfall, welcher schon deßhalb verdient, nicht in Vergessenheit zu fallen, weil er so recht deutlich zeigte, wie die conscrvative Clique der Wieden es verstand, uns ein prächtiges Souvenir zn diesem bedeutungsvollen Tage zu widmen. Als Vorstand Stendel in einer Anrede all' der Pflichten und Arbeiten gedachte, die dem neuen Vertretungskörpcr harren, da berührte er auch die Armenrathsfrage. Kaum, daß Stendel einige Worte hierüber gesprochen, wurde er in seiner Rede von dem Vorstand - Stellvertreter der Wieden, Herrn Kantner, welchen man füglich den Feldgendarmeristen des conservativen Lagers der Wieden und den Staatssekretär Antonelli des Winkler nennen kann, unterbrochen und erklärte im triumphirenden Tone, daß sich die Vertretung um die Armenräthe nicht zn kümmern brauche, denn diese wurden von ihm und seinen Partnern bereits gewählt und dem ! _ _K 72 ----vv-PM Magistrate behufs Signatur vorgelegt. . . Die Lersammelten sahen sich überrascht und verlegen an, denn auf eine solche Eröffnung war doch Niemand gefaßt. Daß jedoch Herr Kantner mit der Constellation des Armenrathes einKabinct- stückchen lieferte, dürfte ebenso bekannt sein, als, daß der Obmann desselben, Herr Radinger, ein viel zu mangelhaftes Empfindungsvermögen besitzt, um einzusehen, daß man mit dem guten Willen noch lange nicht die zu einem derartigen Posten nöthige Fähigkeit und Routine ersetzen kann. Eine weitere bemerkenswerthe Erscheinung trat bei der Wahl des Vorstandes zu Tage. Es ist nicht zu leugnen, daß nach Ereirnng der Vezirksvertretung, dieser Körper eine Spaltung erlitt. Während der eine Theil Stendel als Vorstand wünschte, versuchte der Andere für Herrn H. Knöll Propaganda zu machen, sah jedoch gar bald ein, daß eine derartige Agitation resultatlos wäre und nur eine Stimmenzersplit- ternng ohne jeden Zweck herbeiführen würde. Schließlich alliirtcn sich beide Theile und so ging Stendel einstimmig als Vorstand unseres Bezirkes aus der kirne. Und so begann der Bezirksausschuß, bestehend aus den Herren: Ioh. Heinrich Stendel (Vorstand), Heinrich Knöll (Vorstand-Stellvertreter), Josef Bauer, Georg Baier, Gottfried Dobler, Josef Dobrowolny, Josef Hollnp, Josef - k-O Holler, Johann Kielmaycr, Johann Kornhensl, Johann Lengrüßer, Friedrich Leopold Mayer, Mathias Papaczek, Heinrich Pawliczek, Franz Prokopp, Johann Peter, Johann Trost und Franz Schauinlierger, seine ossicielle Thätigkeit. Der Gemeindekanzlei stand Herr Director Johann Mayer vor. Und so wären wir am Schluffe unserer kleinen Arbeit angelangt, die, wenn auch nicht im Detail gehalten, so doch mit großen Strichen eine Skizze der Entwicklung unseres Stadttheiles lieferte. Bon dem Momente der Constitnirnng unserer Bczirtsvertretung an, nahm sowohl die bauliche, als auch wirthschaftliche Entwicklung Favoritens, soweit es die drückenden Finanz- und Geschäfts- Verhältnisse gestatteten, langsam, aber stetig zu. Während man eine genügende Anzahl Privatbanken aufzählen konnte, darf man auch nicht unerwähnt lassen, daß in communaler Richtung Vieles geschaffen wurde, was wir bisher nie und niemals unter der Wiedener Vormundschaft errungen Hütten. Insbesondere machte der Bezirk in Pflasterung und Canalisirung sehr große Fortschritte und man möge die Sache wenden, wie man wolle, so steht das Eine fest, daß sowohl unsere Herren Gemeinderäthe, als auch die Bezirksvertretung jederzeit, wenn es galt, in der 74 Wipplingerstraße etwas zu erringen in geschlossener Phalanx operirte. Soweit in communaler und wirthschaftzicher Richtung; werfen wir nun einen Blick auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Sagen wir es trocken und unumwunden heraus: Den Bewohnern Favoritens, welche ehemals eine radikale Rolle in allen politischen Fragen spielten, bei den Wählern demonstrirten und durch ihren Verein agitirten, fehlt heute jede Kraft zur Initiative, sie haben sich von der wirtschaftlichen Misere gefangen nehmen lassen und selbst ihre Wortführer sind kampsesmüde! Es soll dies kein Vorwurf gegen Jene sein, die früher mit Aufopferung von Zeit und Geld für den Liberalismus agitirten, denn sie haben für den Bezirk mehr geleistet, als dies heute alle Bezirksberger zusammen, je zu leisten im Stande sind, und wenn selbe sich passiv verhalten, so ist cs keineswegs ihre Schuld. Was würde aber auch ein liberales Agitiren heute im Bezirke nützen, wo doch das Capital die Hauptrolle spielt, wo im politischen Vereine lange nicht mehr jene radicalc Strömung herrscht, die einst denselben so auszeichnete, wo endlich selbst auf der Bühne die Glorificirnng einzelner Personen platzgreift, die jeden politisch reifen Mitbürger mit Unmuth erfüllen muß? Der Hauptgrund, welcher den Conservatismus im Bezirke erstarken machte, liegt jedoch im allgemeinen wirtschaftlichen Niedergange. Würden die guten Zeiten bestehen, woselbst der Gewerbetreibende verdiente, der Arbeiter anständig leben konnte, so würde Favoriten ein liberaler Bezirk geblieben sein, doch wie der Rückschlag vom Schottenring in allen Branchen sich geltend machte, und Jeder mit dem Fortfristen seiner eigenen Existenz vollauf zu thun hatte, da hob allmnlig der Conservatismus wieder sein Haupt empor, und wo früher die Begeisterung zum Fortschritte, zur Thatkraft dominirte, schlich sich der Drang zum Festhalten an dem Bestehenden allmälig ein, — erbgesessene Hohlköpfe gelangten zur Geltung und der liberalen Agitation entschwand die Kraft, wie einer Maschine, die der Dampfkraft bar, über die Schiene dem Stillstände entgegengleitet. Aber nicht allein die äußeren Einwirkungen tragen an dem heutigen Vegetiren Schuld, sondern die höchst sonderbare Zusammensetzung unserer Bevölkerung', der wuchernde Egoismus und die traditionelle Erbgesessenheit. In anderen Bezirken Wiens gehört das Gros der Bevölkerung doch mehr oder minder einer politischen Richtung an, und manifestirt dies auch durch die diversen Wahlen und etwaige politische oder communale Demonstrationen. In Favoriten ist dies ganz anders. 76 's Im eigentlichen Sinne des Wortes existirt keine dominircnde Partei daselbst, und ist es nnr der Zufall, welcher eine Nolle spielt. Das Armenräthe-Institut ist zum größten Theile ans hochconservativen Elementen zusammengesetzt; unsere Bezirksvertretung erfüllt ihre — offizielle Pflicht und läßt sich nie herbei, auch nicht einen Moment lang, die dominirende Partei- ^ färbnjg zu verrathen, weil sie, wie cs scheint, keine hat! — Unsere Herren Gemeinderäthe sind zwar keine Conservatioen, aber sie huldigen derOpportunitäts- ^ Politik — und oielleicht zum Schaden des Be- ^ zirkes . . . wie soll nun unter solchen Lerhült- ! nissen irgend welche Partei stark genug werden, ^ um dirigiren zu können? — Nicht denkbar! Ein weiterer Umstand; daß unser Bezirk in politischer Richtung weder Fleisch noch Fisch ist, liegt auch in den sozialen Gegensätzen, die nirgends schärfer und kantiger zum Vorschein treten, als daselbst. Im Bezirke domicilirt eine nicht geringe Anzahl mehr oder weniger mit materiellem Besitz gesegneter Personen, die ihre Errungenschaften der rapiden Entwicklung dieses Stadt- theiles verdanken, — denen gegenüber steht die tausendköpfige Zahl der notorischen Armuth, ja der Subsistenzlosigkeit, — und der Mittelstand, Z "MG welcher die Gegensätze nivelliren sollte, fehlt nahezu ganz! Der Kleingewerbetreibende ist entweder schon verarmt, oder er fristet ein Dasein, welches man weder „Leben noch Sterben" nennen kann, und des;halb sowohl in geistiger, als mich materieller Richtung einflußlos, sonnt ohnmächtig. Die notorische Armuth hingegen, welche den größten Bevöl- kernngsthcil unseres Bezirkes repräsentirt, ist ans politischem Gebiete vermöge des Dreiwahlkörper- Systemö — unmaßgeblich. Der Geist und die Intelligenz eines kleinen Bruchtheiles unserer Bevölkerung wird dcsavonirt und leichtsinnig bei Seite geschoben, und somit erübrigt sonst nichts als der — Geld sack! — Nun ist aber in der Regel Derjenige, welcher reich und unabhängig ist, der nicht mit der Schwere der Zeiten zu kämpfen hat, meist gedankenfanl, träge, oder aber, und in den meisten Füllen, vermag dessen geistige Befähigung keine Rolle zu spielen; er tritt somit nicht ans dem Zauberkreis des Geldes hervor, um im Interesse der Allgemeinheit, im Interesse des Fortschrittes zu wirken, sondern glaubt schon damit genug gcthan zu haben, wenn er sich an Sammlungen bethciligt, wenn er ein Mandat annimmt, oder gar nach dem Kaffeehausc zur Bersammlung des sehr sporadisch tagenden Gcselligkeitsvereinö geht, um daselbst nicht etwa über Parlament und Regierung O - 78 - - - H zu sprechen, gegen altersschwache Wahlgesetze, gegen Steuerdruck und Bach'sche Polizeiverordnungen, oder gar gegen conservative Schmutzereien zu Felde zu ziehen, sondern um gemüthlich sein Bier zu i trinken und bei Abstimmungen seine Hand zu erheben. Freilich gibt es noch immerhin Männer in unserem Stadttheile, die, obzwar vermögend, dennoch im Interesse der Allgemeinheit wirken, die liberal sind, — aber sie sind stets in der Minorität und bleibt ihr Kämpfen ein problematisches, — all'diese Umstände zusammengefaßt, lassen es begreiflich erscheinen, daß in Favoriten noch keine Partei zu dominiren vermochte. — Die conservative hat nicht den — Muth, ihr Evangelium offen zu predigen, weil sie noch immer Gegner fürchtet, die ihre Sammtpfötchen empfindlich klopfen könnten; die liberale sucht keinen Kampf, weil die Zeitverhältnisse trist und ! drückend sind! ... Ein günstiges Symptom für die Zukunft Favoritens ist jedoch der humanitäre Geist, welcher durch alle Bevölkerungsschichten weht. Dieser schöne Zug ist noch nicht angekränkelt vom Personen- und Parteihaß, obwohl ein gewisser Personencultus zu Tage tritt, doch ist dieser leicht in Kauf zu nehmen, — weil « er mit Mitteln dem Zwecke dient! — § , «stk — 79 — Die erste bedeutendere Schöpfung auf diesem Felde war die „Spar- und Vorschußcassa Favoriten," ein Institut, dem schon bei der Geburt der Todcskeim (Protection und Mangel an Vorsicht) innewohnte. Die sonderbare Mosaik unserer Bevölkerung, in welcher sich die Ehrenhaftigkeit mit dem Schwindel, das redliche Wollen mit dem schmtzigcn Ausbeuten kreuzt, trug zum Falle dieser schöngedachten Institution bei. Wir wollen uns nicht weiter über diese Schöpfung und deren famoses Ende auslassen, weil diese Blamage mit Pfändungen und Exeguirungen ihren Abschluß fand. Mit Besprechung sogearteter Dinge wollen wir unsere Arbeit nicht beschließen . . . Eine weitere Schöpfung der neueren Zeit war die Suppen- und Theeanstatt in der Simmeringerstraße — eine Eintagsfliege, geschaffen von Eisler und Breden, geheiligt durch eine „große" Rede des ewigen Reichsrathskandidaten Wertheim und gestorben an Blutleere! — Als diese Anstalt in Zügen lag, wurde eine zweite im Balzer-Hause errichtet, die heute noch ihre gastlichen Pforten geöffnet halt. Die Idee der Errichtung einer Volksküche scheiterte und das gesammelte Geld, wie auch jenes, welches zur Errichtung einer Kind er bewahr an statt bereits gesammelt war, ist dazu verwendet worden, um eine der schönsten Anstalten der modernen Zeit, einen Kinder- -- -- - — - 80 — garten, zu errichten und Stendel war es, der uns denselben schuf! Heute blüht und gedeiht der Kindergarten und ist der Stolz unseres Bezirkes, genau so wie die alljährlichen Weihnachtsbetheiligungen armer Schulkinder. Und wenn die Kerzlein auf den Weihnachtsbäumen in den Favoritensälen und im Kindergarten hell erleuchtet sind, wenn die Kleiner: mit gefalteten Händchen für all' die Gaben danken, die ihnen der Wohlthätigkeitssinn der Bevölkerung spendet, dann prangt die jugendliche Favorita im schönsten Lichte, — jede Kritik verstummt — und wir schließen gerne mit einem donnernden Hoch! auf die Nächstenliebe und Humanität! -M v''- 77-7 >- . '- i 'V, '-»>?.' >Ä'^-.D-^ iM-- W^N-'. 77 B.'^77^'7''- 7 L.-^ .. ^ > .'. ^ > ><- 7^- r 7. >M- .7'^ -- K. .ML' -- 4' .. ' c I-' , ^'.-4: .->),'-'tzL'L - 7 pM7ö. '-Er > - s- < L -^. />?>'' .^E-4 -'- W MM» Lp''. MMWtz M^M MA-MU E Mp UM kÄ» d'/?, F->M « KU --«W MW >' -! ' ^»8 .. / ^ . ?-> »H V' V <' ^ ./ L .- ' >^E -r^ ^ ch?- ", . <-' .. '? / ^ ? 4 . ^ ^ 4 >^' ^ i? -. >^'-> WM^»>^Wi^M>I>M>i