WIENBIBLIOTHEK Wiener Stadtbibliothek d .„.MM... p Wiener Stadtbibliothek KREUZ UND HALBMOND. GEDENKBLÄTTER AN DIE BELAGERUNG WIENS DURCH DIE TÜRKEN IM JAHRE 1683. Entworfen unö gezeichnet von W. O. NOLTSCH. — Mit der Feder gezeichnet von L. E. PETROVITS. ERSTE LIEFERUNG. I. DIE RENNER UND BRENNER. — II. SCHUTZSUCHENDE AUS DEN VORORTEN. - III. AUF DEN BASTIONEN. — IV. KAMPF UND SIEG V. FLUCHT UND VERFOLGUNG. WIEN 1883. DRUCK UND VERLAG DER KAISERLICH-KOENIGLICHEN HOF- UND STAATSDRUCKEREI. JLA1SI - \ > v Elfe: ©■" mm Sä?Ä^fiS«.?36 äisS^ial •'-• s ^' ; i'i4“fe' Üä£*£ S-’£jlj'~> ’sS-a&'i^f^ j'-.a-*’* Kiw». , ■• älfr* < «t* 1 j& "»* ■■ *•_ sr^äJ "***&?■, £+& iP^ll fe- *4 iPÄjl! lÄMf ö3t?S5w£C ?* -J3S DIE RENNER UND BRENNER. LS Sultan Mohamed IV. in Belgrad am 13. Mai 1683 den Grofsvezier Kara Muftapha durch Uebergabe der grünen Fahne des Propheten zum oberften Befehlshaber des gegen die öfterreichifchen Erblande gerüfteten türkifchen Heeres ernannte und ihn aufforderte, tapfer gegen die Feinde des Koran’s zu fechten, damit er in diefer Welt Ruhm und Ehre, in jener das Paradies erlangen möchte — da wufste Niemand, wie weit fich die heggewohnten türkifchen Völker wagen werden, welche Provinzen, welche Länder Kara Muftapha der Herr- fchaft des Padifchah unterwerfen wolle. Der Schrecken war ein allgemeiner; denn wenn es Kaifer Leopold nicht gelang, Wien zu behaupten, wer hätte das deutfche Reich, wer Polen vor der hereinbrechenden Fluth der Osmanen gefchützt? Mehr als der Wohlftand Europa’s, die ganze Civilifation des Welttheiles ftand auf dem Spiele. Leopold I., der bedrängtefte aller Monarchen, war zum Glück ebenfo befonnen als unerfchütterlich; er erkannte fogleich, dafs er lediglich mit feiner Hausmacht dem übermächtigen Feinde nicht widerftehen könnte, er fuchte und fand entfchloffene Verbündete; allein während hch die Verhandlungen mit ihnen in die Länge zogen, näherte hch das türkifche Heer immer rafcher der niederöfterreichifchen Grenze. Ungarn bot den Türken den ungefährlichften Weg; befafsen he doch dafelbft feit mehr als zwanzig Jahren fünf Pafchaliks (Ofen, Temesvär, Kanizfa, Erlau und Gran), während im kleineren Theile des Königreiches der verrätherifche Emerich Tököly das kaiferliche Anfehen unermüdlich gefährdete. So zogen fie denn daher wie das unabwendbare Schickfal. Welches Heer follte ftark und verwegen genug fein, fich mit einer Armee zu meffen, von der das taufendzüngige Gerücht behauptete, dafs he aus 700.000 Mann, 100.000 Pferden und 20.000 Kameelen beftehe ? Dafs he die einzige Macht waren, die dem damals fo glückftolzen Venedig kühn und fall immer hegreich entgegen zu treten wagte, ift bekannt. Und nun vollends die Bewohner unferer Monarchie! Von Gefchlecht zu Gefchlecht hatten he unter den Einfällen, Erpreffungen und Verheerungen der Türken gelitten und jetzt follten he neuem Jammer entgegengehen. Von Tag zu Tag wuchs die Angft befonders vor den „Rennern und Brennern“. Mit diefem charakteriftifchenNamen bezeichnete der Volksmund jene Abtheilung des türkifchen Heeres, welche zumeift aus ahatifch-tatarifchen Horden gebildet, durch ihr blut- und beutegieriges Wefen noch feit dem Jahre 1529 in Aller Gedächtnis fortlebte. Liftig, tollkühn im Ueberfall, gewandt und graufam im Kampfe, noch graufamer im Rückzug, waren he die gefürchtete Vorhut der Hauptarmee. Das Entfetzen, welches fchon ihr plötzliches Erfcheinen überall verbreitete, erklärt auch den folgenfchweren Unfall der hch nach Wien zurückziehenden 10.000 Mann ftarken kaiferlichen Reiterei bei Petronell, die von 3000 Tataren überfallen und in Unordnung gebracht wurde. Als die Nachricht von diefem unglücklichen Gefecht noch am felben Tage nach Wien gelangte, nahm alle Welt an, die grofse türkifche Armee behnde hch fchon in der nächften Nähe. Taufende von Wienern flüchteten aus der Stadt, die auf einmüthige Bitten und Vorftellungen aller Minifter der Kaifer ebenfalls verliefs, um frei und unbehindert arbeiten zu können an dem einzig möglichen Rettungswerke, dem erfolgreichen Abfchlufs der diplomatifchen Verhandlungen. Es währte aber noch fechs Tage, ehe die erften regulären türkifchen Truppen vor den Mauern der nur erft unvollftändig gerüfteten Hauptftadt erfchienen. Nur die hch um Wien ausbreitenden Rauchwolken bei Tag und Feuerbrände bei Nacht verriethen das Herannahen der weit voraus ftreifenden Tataren, die fchon in der Nacht auf den 8. Juli das Kamaldulenferklofter auf dem Kahlenberg in Afche legten. — Dann mliffen he wieder eine andere Richtung eingefchlagen haben, denn am 13. erfchienen he plötzlich in grofser Zahl bei der Spinnerin am Kreuze, jenem fagenhaften Denkmal, das damals fchon 231 Jahre an derfelben längft ausgerodeten Stelle des Wienerwaldes ftand. — Von den dortigen Hügeln gedeckt, waren he unbemerkt herangekommen und jauchzten laut auf, als he „Vegij“ in „Oftrikion“ plötzlich zu ihren Füfsen liegen fahen, zum Theile verhüllt von den Rauchwolken der brennenden Vorftädte. Auf ausdauernden Pferden und Kameelen, Etliche zu Fufs, Alle wohl bewehrt und begleitet von Bluthunden, deren he hch zum Auffpüren verfprengter Flüchtlinge bedienten, fehen he, bereits Beute und Gefangene mit hch fchleppend, auf die noch reichere Beute verheifsende Stadt, von der he in längftens einigen Wochen Behtz ergreifen wollen durch Gewalt oder Lift und dann — „Wehe den Behegten“ — EM33 ■, j??- T**S3K rai3$ :v-3* 5*44?, £&??>■ *^-V sar* » ^t^s'k .i '*-f^^i .• r.vs vT- « 89 »^ mm i&jäi SSJFS TMm 'mm mm mmm mm*®* mm SCHUTZSUCHENDE AUS DEN VORORTEN. «KM 8. Juli gab der Hofkriegsrath-Präfident Markgraf Hermann von Baden ^ en Stadtvertretern bekannt, dafs der Kaifer dem Grafen Ernft Rüdiger ~~—zu Starhemberg „das höchfhe Commando“ in Wien übertragen habe. Noch am Abend desfelben Tages traf der Feldzeugmeifter vom ungarifchen Kriegsfchauplatz ein und übernahm die Vertheidigung der Feftung. Wie fehr er das in ihn gefetzte Vertrauen des Kaifers gerechtfertigt, bewies der Erfolg. Feldzeugmeifter Graf Capliers, in feiner Eigenfchaft als Vorfitzender des Hofkriegsrathes, erwähnt fchon in feinem Berichte ddo. 15. Juli „den Fleifs und die Vorfichtigkeit a des „Stadtobriften“. Als folcher mufste Starhemberg vor Allem den Befehl der Räumung und des Niederbrennens fämmtlicher Vorftädte erlaffen. Das war ein Gefetz der Nothwendigkeit, allein, als es fich darum handelte, dasfelbe ausnahmslos und unverzüglich durchzuführen, wurde dennoch Arm und Reich gleich fchmerzlich davon betroffen. An Unterkunft für die Flüchtlinge gebrach es wohl kaum, denn die wiederholte Angabe lautet, dafs vor und mit dem Kaifer an 60.000 Menfchen (meift Frauen und Kinder) Wien verliefsen. Niemand aber belehrt uns darüber, wie Viele fich nach Wien gerettet. Ueberhaupt dürfte Niemand im Stande fein, die verfchiedenen Elemente, aus welchen fich die Bevölkerung der Hauptfladt in dem kritifcheften aller Momente feit ihrem Beftande zufammenfetzte, getreu zu beftimmen. Der Stadtguarde-Oberftlieutenant Graf Daun hatte, in Abwefenheit des Oberften, zwar fchon am 5. Juni die Weifung erlaffen, es fei Vorforge zu treffen, „damit die unter den Stadtthoren zu Wien ankommenden Leuthe, beffer als bishero gefchehen, ausgefragt, wer he feyn und woher fie kommen und was fie allhier zu fchaffen, wohl examinirt werden“, wie wenig aber damit erreicht wurde, erkennt man immer deutlicher, je länger die Belagerung dauert; da werden die Klagen über „viel müfsiges, herrenlofes, vagirendes Gefindel“, das fich felbft den ungefährlichften Sicherheitsdienften, fo lang es nur angeht, zu entziehen fucht, immer lauter. | Und nun vollends am 13. Juli, am Morgen der anbefohlenen Feuersbrunft! Wer j hätte genug Befonnenheit, hinreichende Gewalt befeffen, um den Andrang der Unglücklichen in irgend einer Weife zu regeln oder auch nur zu beauffichtigen r Hunderte von Verzweifelten ftürzen mit dem Wenigen, was fie gerettet, in die Stadt. Auf unferem Bilde fehen wir eine folche Menge fich durch das Kärntnerthor in die Kärntnerftrafse drängen. Vertreter aller Stände, aller Altersftufen ftrömen in die mauerumfchirmte, fchutzverheifsende Kaiferftadt. Alle Bande der herkömmlichen gefellfchaftlichen Ordnung find gelöft. „Rette fich, wer kann“ ift das Lofungswort. Selbft die unter gewöhnlichen Umftänden gewifs refpedfeinflöfsenden Befehle und I Zurufe des Hauptmannes, welcher mit feinen Musketieren den Ausgangder Wallhfch- I gaffe befetzt hält, finden Widerfpruch oder wenigftens keine befondere Beachtung. — Niemand denkt daran, dem fich zu Pferd mit einem Diener hereinflüchtenden Cavalier ehrfurchtsvoll Platz zu machen wie fonft; Schrecken, Verwirrung, Angft und Sorge haben alle übrigen Gefühle, alle angezogenen Gewohnheiten verdrängt und aufgehoben! Nur zwei von allen in diefem bewegten Bilde Gefchilderten fcheinen dem ftürmifchen Vorgang theilnahmslos beizuwohnen; es find die beiden Gehalten im Vordergründe. — Der Soldat auf der einen Seite fetzt kaltblütig feine Waffe in Bereitfchaft — er hat wohl folche und noch fchrecklichere Scenen fchon oft erlebt, und der unglückliche Bürger, der ihm gegenüber ermattet und verzweiflungsvoll das Antlitz in die Hände gelegt, ausruht auf den fchon für Vertheidigungszwecke auf- gefchichteten Paliffaden — was wird er durchlebt haben diefe Nacht oder diefen Morgen? — Die wenige Habe und das wie fein Herr abgehetzte Thier zu feinen Füfsen ift wohl alles, was er von feiner Familie, feinem Befitz gerettet hat aus den Händen der furchtbaren „Renner und Brenner“. — v'rj? ., *-iB£-.ä 4 r ■v’V 3 f?- fc.. -ft»*» 'l'. OTMi ÜÜg jüN* • j * : " null UM« «y&g# ’j£2k: 3 1 *?* ;,'A'_ Kl'ÜPPi - S 5 SK ■ . f * US y&i'a Hg 3 £ ?•. -ä$pj r v££ i'iawS »üiSSiii :j^**r ‘■■»»'*r , ^ 5 c l^jSS&i MBM &V*f.Vy >"V 5 -. '.>■. AUF DEN BASTIONEN. N einem Schreiben, welches Ernft Rüdiger Graf von Starhemberg am i 18. Auguft 1683 aus dem fchon fchwer bedrängten Wien an den Oberbefehlshaber der kaiferlichen Armee Herzog Carl V. von Lothringen richtete, — und welches der wackere Diener Kolfchitzky’s Georg Michaelovitz dem Herzog überbrachte, nachdem er in der Nacht von dem 19. auf den 20. Auguft das türkifche Lager glücklich durchfchritten hatte, — befinden {ich folgende, für den ritterlichen und zugleich befcheidenen Charadter Starhemberg’s bezeichnende Worte: „Um mich des Vertrauens würdig zu erweifen, das Eure Durchlaucht und vor Allem Seine kaiferliche Majeftät auf meine geringen Dienfte fetzen, verfichere ich, dafs ich niemals den Platz übergeben werde, als mit meinem letzten Blutstropfen.“ Und in der That, von der Stunde feines Eintreffens in Wien am 8. Juli bis zum Tage der befreienden Entfatzfchlacht war er die Seele der Vertheidigung. Mit weifer Umficht, mit raftlofem Eifer leitete er die Vervollftändigung und Inftandfetzung der Vertheidigungswerke, unterftützt von der opferwilligen Hingebung der Bürger und Soldaten; durch begeifternde und anerkennende Worte, fowie durch das Beifpiel der eigenen Tapferkeit und Todesverachtung entflammte er den Muth der unermüdlichen Vertheidiger zu immer neuen Heldenthaten; ebenfo überwachte er aber auch mit un- nachflchtlicher Genauigkeit und wenn es Noth that, mit eiferner Strenge die pünktliche Durchführung feiner Befehle und Anordnungen. Bei Tag und bei Nacht befuchte und befichtigte er perfönlich die gefährdetften Poften und Werke, und als er fleh nach zweimaliger Verwundung und einem bedrohlichen Ruhranfalle durch einige Zeit diefen befchwerlichen Rundgängen nicht unterziehen konnte, liefs er fleh von feinen Soldaten auf einem Tragfeffel nach den Baftionen und Batterien bringen. — Solch’ einen denkwürdigen Moment fchildert uns beiliegende Zeichnung. Wir fehen den noch an feiner Kopfwunde leidenden Starhemberg, wie er, von Grenadieren getragen, einen gleichfalls fchon verwundeten Batteriecommandanten und die bereits durch das feindliche Feuer gelichtete Bedienungsmannfchaft eines fchwer- fälligen Gefchützes jener Zeit mit lebhafter Geberde zu ftandhaftem Ausharren auffordert. Aufgewühlt ift der Wallboden von feindlichen Gefchoffen aller Art, der Gefchütz- ftand fchon zumTheil zertrümmert und dicht hinter der Gruppe zerftiebt die Pallifaden- wand, getroffen von einer foeben einfchlagenden Türkenkugel. — Aber mitten unter Tod und Verderben erfcheint der heldenmüthige Commandant, und mit begeiftertem Jubel begrüfsen ihn die tapferen Krieger, entfchloffen, mit ihm auszuharren im ruhmvollen Kampfe für Kaifer und Reich bis „zum letzten Blutstropfen“. ife£& SJö?r , .£V*> A'. f*H »y.'ax -ÄK._"5>. c*-l-/. \ä*L jJT- 4 --; - 5 ,Mr^ .***•• ■/‘■ma.: *j*m■.. • .4 ;IÄj '*£S*+ JJhTl' Saar ...MWzmfi mm "f -4 •) ,'jp *v «>‘«*~,iÄ ~. ilssil *► * ■? * 'r. ■HH §«,-\: j SsMK mmm mmm •3 e>V : "-’' «&&*&£&$£& V >( '- v>‘ KAMPF UND SIEG. ER 12. September 1683, jener für das chridliche Europa ewig denkwürdige Tag war herangekommen. Es war ein Sonntag und die Kirche feierte an demfelben das Fed der göttlichen Vorfehung! Nach einer von dem frommen Kapuzinermönch Marco d’Aviano in der Leopoldskapelle gelefenen heiligen Meffe, welcher König Sobieski, der Herzog von Lothringen und die meiden übrigen Fürden mit ihrem Gefolge beiwohnten, ward mit fünf Kanonenfchüffen vom Leopoldsberg das Zeichen zum Vorrücken gegeben. — Bald begrüfste ein allgemeiner Donner der Gefchütze längs des Kahlengebirges, fo wie in den türkifchen Laufgräben und von den Wällen der fich bis zum letzten Augenblick mannhaft wehrenden Stadt die aufgehende Sonne, welche vor ihrem Untergang fo manchem tapferen Chriden und Moslim zu frühem Tode leuchten follte. Schon am Tag und in der Nacht vorher hatte der Herzog von Lothringen Alles in’s Werk fetzen laden, um feinen und den Soldaten feiner Verbündeten den bevordehenden Abdieg vom Kahlengebirge zu erleichtern. Die vorhandenen Wege und Stege wurden möglichd erweitert und geebnet, über Gräben Brücken, durch das Dickicht Lichtungen gefchlagen und an den Waldrändern Batterien errichtet. — Anderfeits liefs Kara Mudapha am Fufse der Berge alle Planken, Hecken, Hohlwege und einzeln dehenden Häufer befetzen, breite Gräben, dichte Verhaue anbringen, ja felbd regelmäfsige Verfchanzungen erbauen. Auch waren die fieggewohnten Türken keineswegs kleinmüthig, denn kaum war der aus kaiferlichen Regimentern bedehende linke Flügel und das hauptfächlich aus fächfifchen, bayerifchen und fränkifchen Hilfstruppen zufammengefetzte Centrum des Entfatzheeres in den Einfattelungen des Kahlen- und Leopoldsberges erfchienen, fo gingen die türkifchen Vortruppen zum Angriff über, und zwar mit folcher Entfchloffenheit, dafs de die Unferen zurückwarfen. — Um das weitere Vorrücken zu ermöglichen, mufste die zweite und endlich die dritte Linie der chridlichen Schlachtordnung ihre beden Kräfte einfetzen. Erd nach wiederholtem Stürmen überwanden die kaiferlichen Truppen den hartnäckigen Widerdand der feindlichen Maden, während dasdetig, wenngleich wegen desdärkeren Waldbedandes und des durchfurchten Bodens langfamer niederdeigende Centrum fad gleichzeitig am Fufse der Höhen eintraf. Doch hier erwartete die Chriden das von Nufsdorf bis Dornbach in Schlachtordnung aufgedellte Hauptheer der Türken, deffen Centrum Kara Mudapha, der dch in einem rothen Palankin tragen liefs, perfönlich befehligte, während feinen linken Flügel Ibrahim Pafcha von Ofen und feinen rechten Mehemed Pafcha von Mefopo- tamien anführte. Zweifelnd, ob man das fo gündig begonnene Werk noch am felben Tage werde vollenden können, w r andten fich die Blicke der chridlichen Heerführer und Soldaten ungeduldig und erwartungsvoll nach dem rechten Flügel der Entfatz- armee, wo die von ihrem König geführten Polen noch immer nicht erfchienen, aufgehalten durch die Schwierigkeiten ihres Marfches vom Hermannskogel herab, durch die unwegfamen Wälder und Schluchten bei Neudift und Dornbach. — Als aber nach fad zwcidündigem Harren endlich die Fähnlein an den Lanzen der polnifchen Huszaren in den Weingärten und auf den Feldern von Gerdhof und Pötzleinsdorf fich zeigten, um bald darauf in den Staubwolken der beginnenden wilden Reiterfchlacht zu verfchwinden, da ging auch das Centrum und der linke Flügel des chridlichen Heeres jubelnd zum letzten und entfcheidenden Sturmangriff vor. Die türkifchen Stellungen vor Nufsdorf, Heiligendadt und die „Türkenfchanze“ bei Döbling wurden mit blanker Waffe genommen und behauptet. — Als die feindlichen Verfchanzungen von den „Toptfchies“, den türkifchen Artilleriden, fchon verlaffen wurden, vertheidigten die fanatifchen Janitfcharen noch mit wilder Wuth ihre verdummten Gefchütze, und es kam zu einem furchtbaren Gemetzel. Zuletzt aber hegte doch die Manneszucht und Vaterlandsliebe über die Wuth und den Fanatismus der Feinde. Damit war hier der Kampf zum Sieg geworden und eine allgemeine Schwenkung nach rechts zur Unterdützung der noch mitten im Schlachtgewühl befind- lichen Polen verwandelte bald auch dort den Widerdand der Türken in eine wilde, regellofe Flucht. vO' - 1 vy *y? '^>; - v’T^f.j' 1 ; y: -i-> -r>-'-' Li •;'. •;•■' ■$ • ^ *ü*g 1 /’* '— 1 ■&&VPS! -wTv b!«ß »W > :ii;.s. Ääaä IÜ SsiliSSli' üi '«WM ■• .T.--.v> •ja. -, ;’* mm*: » . > j w Miwfr fts-«Mif | *4.’' j^aawfe^.>- SBHHüSff! "ar** 1. • v;"ä* v f *'r :|Sg?- *' i- -■ ! *tr, *&4: ■ ■V5<'iV3*V - - I 4 f 4 $ V ■:*-,WjJ TT,' W&>hI £***■£* •JLK-Ti *ssß&£*3»/.. ÄrVtiSStSS.'? V FLUCHT UND VERFOLGUNG. I ifr-su |^^lER taufend ftimmige Jubelruf, mit welchem das Centrum und der linke Flügel der Entfatzarmee die aus den Wäldern hervorbrechenden polnifchen Reiter begrüfste, ward bald überdröhnt von den Gefchützfalven, mit denen fie von türkifcher Seite empfangen wurden, und von dem wilden Allahgefchrei der fich gegen fie in Bewegung fetzenden Spahis. — Aber ohne langes Befinnen, ohne das weitere Herankommen der Ihrigen abzuwarten, ftürzen fich die wenigen polnifchen Hufzarenfchwadronen mit eingelegten Lanzen auf die verhafsten Feinde. — Doch umfonft! Sie werden von der Uebermacht niedergefäbelt, oder in wilder Flucht zurückgejagt. — So werden noch einige ungeftüm, aber vereinzelt unternommene Angriffe der Polen zurückgewiefen, bis König Sobieski, von feinem kaum fünfzehnjährigen Sohne begleitet, an der Spitze der endlich entwickelten und geordneten Reiterfchaaren gegen den linken Flügel der türkifchen Aufftellung vorbricht, während derfelbe gleichzeitig durch die Rechtsfchwenkung des übrigen chriftlichen Heeres in der Flanke gefafst wird. — Vergeblich läfst da Kara Muftapha vor dem türkifchen Lager auf den Feldern zwifchen Hernals und Breitenfee die grüne Fahne des Propheten, das heilige Panier der Moslims, entfalten, um feine bereits zur Flucht fich wendenden Krieger zu einem letzten heroifchen Widerftande anzufeuern — bereits war fein und ihr Gefchick entfchieden! Wenige Augenblicke fpäter, und die heilige Fahne finkt in den Staub, niedergetreten von den Roffeshufen der geflügelten polnifchen Lanzenreiter, die bereits Alles vor fleh niederwerfend, die türkifchen Zeltreihen durchjagen, Diefen Moment fchildert das beiliegende Blatt. Freund und Feind, Fufsgänger, Reiter, Roffe und Kameele, durcheinandergemengt mit dem aufgefcheuchten Schlachtvieh des Lagers ftürzen in Staubwolken gehüllt heran und vorbei, während in der Mitte des Bildes der Pafcha von Varasdin, von einem Lanzenftofs durchbohrt, von dem fcheu fich aufbäumenden Pferde finkt. Der mit vereinter Kraft heldenmüthig angeftrebte, für die Weltgefchichte fo bedeutungsvolle Sieg des Kreuzes über den Halbmond war errungen! x &$mk-*&sJ. Jb-S - . i > 3wr*fe ■ ■ j^A»?.; l »*iiajg.^ . i‘v;i >*&% •*■****& \u. : «ü mMM wmm iHH gl EÜ2 ä «^ yjyy nr- ^ M ' >*<'/ L ;• y.*f^! t ry?f *& 1 "*^i ,v 3' •HaaBr KREUZ UND HALBMOND GEDENKBLÄTTER AN DIE BELAGERUNG WIEN S DURCH DIE TÜRKEN IM JAHRE 1683 Entworfen und gezeichnet von W. O. NOLTSCH. — Mit der Feder gezeichnet von L. E. PETROVITS. ZWEITE LIEFERUNG. I. IM ZELTE KARA MUSTAPHAS. — II. AUF DEM ZAUBERHAUFEN. — III. DAS BEFREITE WIEN. — IV. DIE BEUTE DES BISCHOFS. V. ZUSAMMENKUNFT KAISER LEOPOLD I. MIT KÖNIG SOBIESKI. WIEN 1883. DRUCK UND VERLAG DER KAISERLICH-KOENIGLICHEN HOF- UND STAATSDRUCKEREI. ■i -V;. '-'•WH' ;■ 4. C ' * 'A J- m § A,< •> > % Aa mfväv-; 0*k fftaSSgS%*€ MkU IM ZELTE KARA MUSTAPHA'S. M 14. Juli 1683 war der Aufmarfch der türkifchen Truppen vor Wien beendet und umgaben ihre Zeltreihen und Lagerftätten die Stadt in einem mächtigen Halbkreise von achtzehn Kilometer. Am Ufer des Donauarmes bei Erdberg beginnend, erreichte derfelbe über St. Marx, Simmering, den Wienerberg, Hundsthurm, Gumpendorf, die Schmelz, Hernals, Währing, bei Döbling wieder die Donau und breitete fich bis in die Gegend von Schönbrunn, Hütteldorf und Heiligenftadt aus. Aber fchon am 16. Juli fchlugen türkifche Abtheilungen auch in der Leopoldftadt, im Prater und in der Brigittenau ihr Lager auf, nachdem fich von dort Herzog Karl von Lothringen mit der kaiferlichen Reiterei über die Donau ins Marchfeld zurückgezogen hatte. Hiermit war Wien vollftändig eingefchloffen und durch lange, bange Wochen nur auf die eigene Kraft, auf den Muth und die Ausdauer feiner Vertheidiger angewiefen. Der Grofsvezier Kara Muftapha liefs fich in der Nähe der Kirche von St. Ulrich einen vor den Kugeln der Belagerten gekicherten und mit orientalifchem Prunk aus- geftatteten Aufenthaltsort bereiten, um durch die dort beginnenden Laufgräben nach den Trancheen und Batterien gelangen und die Belagerungsarbeiten in der Nähe überwachen und leiten zu können. Sein Hauptzelt aber befand fich weiter rückwärts gegen die Schmelz zu und war in noch grofsartigerer Weife mit allen Bequemlichkeiten und Ueppigkeiten orientalifcher Lebensweife verfehen. Im ftolzen Vertrauen auf feine Uebermacht und von Geringfehätzung feiner Gegner erfüllt, betrieb er anfangs die Belagerung fo nachläffig, dafs er, wie Berichte aus der Zeit erwähnen, wiederholt mit grofsem Gefolge das Lager verliefs, um die fchon damals berühmten Heilquellen von Baden bei Wien zu befuchen. Erft als ein Abgefandter des Padifchah fich von den geringen Fortfehritten der Belagerungsarbeiten überzeugt hatte und mit diefem Bericht zu feinem Herrn zurückkehren mufste, fuchte der Grofsvezier mit gröfserem Eifer das Ziel feines Ehrgeizes zu erreichen. Von da an liefs er fich faft täglich in einer mit Eifenplatten befchlagenen Sänfte nach den Batterien und Angriffswerken bringen, um feine Truppen perfönlich anzufpornen. Durch Verbreitung falfcher Gerüchte zu Ungunften der Belagerten und den Hinweis auf die reiche Beute, welche eine Plünderung der eroberten Stadt verhiefs, fuchte er fich ihrer Kampfluft und Ausdauer zu verfichern. Auch hielt er öfter Kriegsrath und liefs hervorragende Gefangene vor fich bringen, um fie perfönlich zu verhören und auszufragen über den Zuftand der kaiferlichen Armee oder über die Verhältniffe in der Stadt. In diefem Fall befand fich unter Anderen auch der Capitän Claudius Angelo de Martelli, welcher in dem Rückzugsgefecht der kaiferlichen Reiterei bei Altenburg verwundet und gefangen worden war. Mit mehreren Schickfalsgefährten an eine Kette gefeffelt, ward er unter Entbehrungen und Leiden aller Art ins Lager vor Wien gefchleppt, wiederholten Verhören unterzogen und da er ftandhaft nichts verrieth, auf das Graufamfte behandelt. Längere Zeit nach der Belagerung erft gelang es ihm fich frei zu machen und in fein Vaterland zurückzukehren, wo er feine Erlebniffe niederfchrieb. In fchlichten Worten geben diefe Aufzeichnungen Kunde von dem entfetzlichen Gefchick der Unglücklichen, welche in die Knechtfchaft der erbarmungslofen Barbaren geriethen. y v / , a- ~ ** •*ä&L*z 'Ci . ' 8«*. ^%.$• »^JXä^-sf mm ■ '■■•■'•••-.■" •■ p.w : ■v,* m fc a . : I ff 1 1/•£.-*$J ' f '. V^ -5 "‘ Y r. SkST" ■dp $ AUF DEM „ZAUBERHAUFEN“. ER Hauptangriff der Türken bei der zweiten Belagerung Wiens war gegen die Löbel- und Burgbaflion und das dazwifchen liegende Ravelin gerichtet. Letzteres befand fleh faft genau an der Stelle des heutigen „Volksgartens" und führte den Namen „ Burgravelin". Im Verlaufe der Belagerung aber erhielt dasfelbe von Seite der Osmanen den bezeichnenden Namen „Zauberhaufen ", denn, wie die Sage im tiirkifchen Lager ging, liefs fich Kara Muftapha durch die beifpiellos ausdauernde und heldenmüthige Vertheidigung diefer Ver- fchanzung zu dem ergrimmten Ausruf hinreifsen: „Unter aiefem Haufen müffen die Chriftenhunde ihre ftärkften Zaubermittel vergraben haben!" Dreiundzwanzig Tage ward diefes verhältnifsmäfsig kleine Bollwerk vertheidigt gegen die wüthendflen, Tag und Nacht erneuten Angriffe der Türken. Von zahllofen Kugeln und Bomben überfchüttet und durchwühlt, von Minen untergraben und zer- flört, glich es zuletzt nur mehr einem formlofen Hügel aus Schutt und Mauertrümmern. Zerfplitterte oder halbverbrannte Paliffaden und Schanzkörbe, verflümmelte, vom Pulverdampf gefchwärzte Leichen bedeckten in graufem Gemenge feinen vom Blute fo vieler tapferen Chriflen und Moslims getränkten Boden. So oft mit dumpfem Donnerfchlag eine glücklich gelegte Mine aufflog, flürmten die in den Laufgräben bereit flehenden Janitfcharen mit wildem Gefchrei, den Säbel in der Lauft, die entftandene Brefche hinan. Unter einem Hagel von Handgranaten, Flinten- und Kartätfchenkugeln, über die Leiber der getroffenen Kameraden fteigend, pflanzten die kühnften der Angreifer die Rofsfchweifflandarten auf die erflürmte Höhe. Doch nur kurze Zeit wehten fie fo triumphirend neben den kaifer- lichen Fahnen. Von ihren Officieren geführt, warfen fich die Soldaten, von Bürgern und Studenten unterftützt, mit Degen, Partifanen und Senfen den vermeintlichen Siegern entgegen und im blutigen Handgemenge, Mann gegen Mann, wurden die fleh hartnäckig wehrenden Janitfcharen niedergemacht oder die Brefche wieder hinabgeftürzt und gejagt von den unerfchtitterlichen Vertheidigern der alten Kaiferftadt. Nach neun derartig abgefchlagenen Hauptftürmen, in welchen die Türken über dreitaufend, die Kaiferlichen über dreihundert Mann und eilf ihrer bellen Officiere verloren hatten, befahl endlich am 3. September Graf Starhemberg feinen Getreuen, das von flebzehn aufgeflogenen Minen gänzlich zerftörte Ravelin zu verlaffen. Diefer ruhmvollen, fo lange allen Anftrengungen Kara Muftapha’s trotzenden Vertheidigung des „Zauberhaufens" verdankte die Stadt auch grofsentheils die Möglichkeit auszuharren bis zum 12. September, dem Tag ihrer Befreiung. ■iM&fcy /V;J. ^ V -v' * sp'*£v '** '*, !'■». *'«* ifPÄ sss ösls« riäH^üf 3 ■qy.-.j^' -.-aJ»- '--»l-*^,-'-r 'ätü o*y% n '■VS'™*’ mm**. mm- C‘> : , ■ •^-r'.^/l{ : r »;.•;*'? X'*^-,v> i r '\ \ - a *;■ DAS BEFREITE WIEN. N den erften Tagen des Septembers 1683 war das belagerte Wien, „die Vormauer der Chriftenheit“, bereits auf das Aeufserfte gebracht. „Es lag in den letzten Zügen“, wie Graf Starhemberg fpäter felbft fich aus drückte. Der „Zauberhaufen“, das nur mehr einem „durchwühlten Maulwurfshügel“ gleichende Burgravelin, war in den Händen der Feinde, dieLöbel- und Burgbaftionen lagen gröfstentheils zertrümmert und die fie verbindende Hauptmauer, bereits an mehreren Stellen unterminirt, konnte jeden Augenblick zu einer weitklaffenden Brefche werden. Auf den Wällen, wie in den Strafsen und Häufern der Stadt hielt der Tod von Tag zu Tag reichere Ernte und die noch Lebenden waren erfchöpft vom raftlofen Ringen mit dem übermächtigen Gegner, von Krankheit, Noth und Entbehrung. Als daher am Morgen des 12. September auf dem Kahlenberg die rothe Fahne mit dem weifsen Kreuze fichtbar wurde und am Rande der dortigen Wälder das Blitzen und dumpfe Dröhnen der Gefchütze, der Schimmer unzähliger Waffen das Heranrücken des fo heifs erfehnten Entfatzheeres verkündete, da drängten fich Jung und Alt, Männer, Frauen und Kinder auf die gegen Wellen und Norden gelegenen Feftungswerke, Von dort aus verfolgten fie, trotz dem unausgefetzten Feuer der gegen die Stadt gerichteten türkifchen Batterien, mit bangen Blicken, mit von Furcht und Hoffnung bewegten Herzen den durch viele Stunden unentfchiedenen Gang der Befreiungsfchlacht. Auch Held Starhemberg und der edle Bifchof Kollonits, von zahlreichem mili- tärifchen und geiftlichen Gefolge umgeben, beobachteten von den Ruinen derLöbel- baftion ernft und gefafst das aufregende Schaufpiel des für Wien und die ganze Chriftenheit fo bedeutungsvollen Kampfes. Schon neigte fich die Sonne des wolkenlofen Herbfttages dem Untergange zu und noch immer tönte Kanonengebrüll und Musketengeknatter nah und fern und fchwankte die Wagfchale des Sieges auf und nieder. Plötzlich aber verdunkelten mächtige, gegen Olten fich fortwälzende Staubwolken den Horizont, der bisher ununterbrochene Donner der türkifchen Belage- rungsgefchütze verdummte wie mit einem Schlage, und alle fichtbaren Höhen gegen Süden überfluthete ein wilder Strom von fliehenden Menfchen und Thieren. Da braufte ein vieltaufendftimmiger Freudenfchrei von den zertrümmerten Wällen der Stadt gegen Himmel. Im glühendften Dankgefühl für die endliche Errettung aus unfäglichem Jammer und Elend fanken die Einen unter heifsen Freudenthränen auf die Kniee, Andere ftürzten fich jubelnd in die Arme, und: „Grofser Gott, wir loben Dich! Herr, wir preifen Deine Stärke! “tönte es von unzähligen Lippen wie aus einem Munde! Vor dem Schottenthore aber begrüfste der fröhliche Trompetenfchall und „Paukenfchlag“ kaiferlicher Reiterfchaaren, mit dem Prinzen Ludwig von Baden an der Spitze, das befreite Wien! ♦ DIE BEUTE DES BISCHOFS. [NTER den hervorragenden Perfönlichkeiten, welche durch ihre Begeifterung und Hingebung, durch Rath und That die glücklichen Erfolge der chriftlichen Waffen gegen den Islam im Jahre 1683 vorbereitet und ermöglicht hatten, nennt die Gefchichte auch mehrere hohe Würdenträger der katholifchen Kirche, vor Allen den damaligen Papft Innocenz XI. aus dem Haufe Odescalchi. Seinem mächtigen Einflufs, feinen unermüdlichen Bitten und Vorftel- lungen gelang es, fowohl König Ludwig XIV. von Frankreich in jenem Jahre von dem geplanten Kriege gegen Deutfchland und Kaifer Leopold abzuhalten, als auch König Johann Sobieski von Polen zur Theilnahme an dem Entfatz von Wien zu bewegen. Aufserdem unterftützte er diefen, fowie die übrigen Verbündeten, zu demfelben Zwecke mit überaus reichlichen Geldmitteln. Für die belagerte Stadt aber forgten in derfelben Weife der Erzbifchof von Gran, Georg Szeleptfeny, und Graf Szecheny, Erzbifchof von Kalocza, fowie der Erzbifchof Gandolf von Salzburg, welcher bedeutende Munitionsvorräthe noch rechtzeitig nach Wien fandte. Einer Aufforderung des Erzbifchofes von Wien, Sinelli, entfprechend, unter- flützten die Welt- und Kloftergeiftlichen der Stadt die Soldaten und Bürger beim Schanzen- und Paliffadenfetzen und widmeten fich der geiftlichen und körperlichen Pflege der Verwundeten und Kranken nicht nur in den zu Spitälern umgewandelten Klöftern, fondern auch auf den Wällen der Stadt mitten im feindlichen Kugelregen. Das glänzendfte Beifpiel werkthätiger Liebe und Aufopferung gab aber der Bifchof Graf Kollonits. Nachdem er als Malteferritter bei der Verteidigung der Infel Candia gegen die Türken tapfer mitgefochten hatte, wandte er fich dem geiftlichen Stande zu und war im Jahre 1683 Bifchof von Wiener-Neuftadt. Sobald er von der Bedrohung der Hauptftadt durch die Türken Nachricht erhielt, eilte er dahin, um, wie er fagte, fein Leben einzufetzen für feine Brüder. Mit unermüdlichem Eifer griff er überall, wo es die Noth erforderte, perfönlich ein, leitete die Pflege der Verwundeten und Kranken, beforgte die Herbeifchaffung des Soldes für die Truppen und unterftützte im Vereine mit dem Grafen Kapliers und Bürger- meifter Liebenberg in allfeitig wirkfamfter Weife die Thätigkeit des Stadtcomman- danten Grafen Starhemberg. Als dann unter unermefslichem Jubel die fo lang verbollwerkten und tapfer verteidigten Thore der Stadt wieder geöffnet wurden und Taufende hinauseilten, um fich nach fo fchweren Verluften und Entbehrungen an den im Lager der verjagten Feinde zurückgebliebenen Reichthümern und Vorräten fchadlos zu halten, da erblickte wohl Mancher mit Verwunderung- mitten im fröhlichen Getümmel der nach Beute fpähenden Menge auch die wohlbekannte hohe Geftalt des fo fehr verehrten Bifchofs. Ja! auch er fuchte und fammelte Schätze, aber Schätze, die nicht verrohen noch von den Motten verzehrt werden, denn als er zurückkehrte, führte er eine Beute mit fich, würdig eines getreuen Knechtes desjenigen, welcher gefagt hatte: „Kommt Alle zu mir, die ihr mühfelig und beladen feid, ich will Euch erquicken". Es war ein langer feltfamer Zug, an deffen Spitze der edle Mann einherfchritt, „Ein Triumphzug, wie fein Biograph fagt, den nicht blofs die Menfchen, fondern alle Chöre des Himmels freudig begrüfsten." Begleitet von einer Anzahl gleichgefmnter Männer und Frauen und von mitgenommenen Fuhrwerken, brachte er die im türkifchen Lager aufgefundenen ver- waiften oder verlaffenen Kinder und verwundeten oder erkrankten chriftlichen Gefangenen, im Ganzen über Fünfhundert, in die Stadt, wo er in der väterlichften Weife noch weiter für diefelben forgte. Mit diefer grofsherzigen That befchlofs Kollonits fein unermüdliches Wirken während der Belagerung, welchem Wirken Graf Starhemberg den Hauptantheil an der Erhaltung der Stadt beimafs. Auch Kara Muftapha fcheint diefe Anficht getheilt zu haben, denn er hatte gefchworen, nach Eroberung der Stadt dem verhafsten chriftlichen Priefter den Kopf eigenhändig herabzufchlagen. Diefer barbarifche Schwur blieb unerfüllt, dagegen ward nur wenige Monate fpäter, am 15. Decembe.r 1683 in Belgrad auf Befehl des Sultans, Kara Muftapha’s eigenes Haupt herabgefchlagen von Henkershand. Nach der Einnahme von Belgrad durch die kaiferlichen Truppen, 1688, überfendete man, eingedenk jener Drohung, dem nunmehrigen Cardinal Kollonits den Schädel des einft fo gefürchteten Grofs-Veziers. Im bürgerlichen Zeughaufe der Stadt Wien, dem Kollonits das fo vielfagende Erinnerungszeichen an die zweite Türkenbelagerung übergab, wird dasfelbe noch gegenwärtig aufbewahrt. ■^T*j*r-r- r *7?>rr *.**'•< ~wr~ .jr*7r> SKJ«; j&'%- gmMm «i“,WZ ■• < 9s^$ft^0% 'VPm^ Si>l fM W A:\fP t irgöy ■■» .->*»^«' 7*1 r - ary> r%S£ * 4 .'* ^ # ’4jß>. f- ffi Ji !£■■•< - J Hz ••$%$£ -' if y£fctSV -’'iSfe'- &£**** wrnmm mmm •SfcSffe * -ftsyh* r-*" a ;sh 'O ? & 3 jr*tj g»ä$ ÄtfTi >ycvi ~f*«&■»<> ■’JjgS&ä- ihM. "ar*w "Vä.} v.* yr ZUSAMMENKUNFT KAISER LEOPOLD I. MIT KÖNIG SOBIESKI. der Reichsftrafse, die von Wien nach Prefsburg führt, öftlich von Schwechat und ganz nahe diefemOrte, fteht im Felde ein Steinobelisk mit lateinifcher Infchrift. Diefes Denkmal wurde errichtet zur Erinnerung an die Zufammenkunft Kaifer Leopold I. mit König Sobieski, welche am 15. September 1683 an diefer Stelle ftattfand. Nach der glorreichen Entfatzfchlacht, an welcher König Johann Sobieski mit dem polnifchen Heere einen fo rühmlichen und entfcheidenden Antheil genommen hatte, lohnte reiche Beute die deutfchen, vor allen aber die polnifchen Kriegsvölker im eroberten Türkenlager. Der König übernachtete in dem mit Schätzen und Koftbarkeiten angefüllten Prachtzelte Kara Mufiapha’s, als deffen Erben er fich erklärte. Da jedoch die zahlreichen Leichen der gefallenen Feinde und jener chriftlichen Gefangenen, welche von den abziehenden Barbarenhorden ermordet worden waren, weithin die Luft verpefteten und einen längeren Aufenthalt im Lager unmöglich machten, rückten die Truppen der Verbündeten fchon des anderen Tags den 13. September in die Gegend der heutigen Vorftadt Landftrafse und noch weiter öftlich, wo die baierifchen bei Simmering, die polnifchen bei Schwechat Lager bezogen. König Sobieski aber begab fich nach Befichtigung der türkifchen Belagerungsarbeiten und der zerftörten Feftungswerke, von feinem Sohne begleitet, in die Stadt. Feierlich empfangen und von den dankbaren Wienern umjubelt, befuchte er zuerft zwei Kirchen, um Gott für den erfochtenen Sieg zu danken, war dann zu Gafte bei dem Stadtcommandanten Grafen Starhemberg und verliefs am Morgen des nächften Tages, 14. September, Wien, um fich in das Lager feiner Truppen zu begeben. Um diefelbe Zeit traf Kaifer Leopold zu Schiff die Donau herabkommend oberhalb der Stadt ein. Als derfelbe zwei Monate vorher, am 7. Juli, durch feine Räthe gedrängt, den Entfchlufs gefafst hatte, Wien zu verlaffen, war er nach Linz und fpäter nach Paffau gegangen um von dort aus unabläffig die Anhalten für den baldigen Entfatz feiner Hauptftadt zu betreiben. Am 7. September war die Vereinigung der kaiferlichen Truppen unter dem Herzog von Lothringen mit denen der Reichsftirften und des Königs von Polen am rechten Ufer der Donau bei Tuln vollzogen und fetzten fich diefelben gegen den Wienerwald in Bewegung. Auch der Kaifer begab fich wieder donauabwärts gegen Krems, 11m, wenn er nicht felbft den Oberbefehl über die Verbündeten übernahm, was vornehmlich aus Rückficht gegen den König gefchah, doch der Entwicklung der Ereigniffe näher zu fein. Am 13. September erhielt er bei Dürrenftein die Nachricht von dem am Vorabende erfochtenen herrlichen Sieg und am 14. Früh traf er bei Wien ein. Von den Churfürften von Baiern und Sachfen, dem Grafen Starhemberg und vielen Generalen empfangen und begleitet, hielt er, nach Befichtigung der Angriffs- und Vertheidigungs- werke, unter dem Geläute der Glocken und den freudigen Zurufen des Volkes feinen Einzug in die Stadt. Dort brachte er vor Allem im St. Stefansdome feine Dankfagung für die Befreiung Wiens dar, und begab fich dann in die Burg, die aber bei der Belagerung fo fehr gelitten hatte, dafs er in jenem Theil derfelben Wohnung nehmen mufste, welcher gegenwärtig die Stallburg genannt wird. Da es Kaifer Leopold drängte, dem Könige von Polen, welcher fich bei feinem Heere aufhielt, den wohlverdienten Dank perfönlich auszudrücken, fo ward eine Begegnung im freien Felde vereinbart. Der Kaifer ritt daher am Morgen des 15. September mit zahlreichem Gefolge über die Landftrafse gegen Schwechat, begleitet vom Churfürften von Baiern, welcher ihn bei St. Marx an der Spitze feiner Truppen empfangen hatte. Aufserhalb des Ortes kam König Sobieski mit feinem Sohne und feinen Heerführern dem Kaifer entgegen geritten und die beiden Monarchen begrüfsten fich ihre Häupter entblöfsend in feierlicher Weife. Die Unterredung fand in lateinifcher Sprache ftatt Der Kaifer dankte dem Könige in warmen Worten für die Mithilfe, die er gegen den gemeinfamen Feind der Chrifhenheit habe leiften wollen; nächft Gott verdanke das befreite Wien dem Könige zumeift feine Rettung. Der König erwiderte, Gott allein gebühre der Dank, er habe nur die Pflicht eines chriftlichen Fürften . — P erfüllt. Sobieski ritt hierauf wieder in fein Lager, der Kaifer aber liefs fich die polnifchen Kriegerfchaaren vom Kronfeldherrn Jablonowski vorführen und kehrte dann nach Wien zurück. Einige Tage darauf folgten der König, der Churfürft von Baiern und der Herzog von Lothringen mit ihren Truppen den Türken nach Ungarn, wohin fich diefelben über Raab zurückgezogen hatten; bei Pärkäny verfuchten fie den nachrückenden Verbündeten Widerftand zu leiften, allein im ungeftümen Angriff geworfen und in die Flucht gejagt, fammelte fich der Reff des türkifchen Heeres erft bei Peft. Kara Muftapha führte denfelben fofort gegen Belgrad, von wo er im F'rühjahre den Feldzug begonnen. Am Morgen des 12. September hatte auf den Höhen des Kahlenbergs Marco d’Aviano, in der hocherhobenen Rechten das Kreuz haltend, denSegen des Himmels über die chriftlichen Heervölker angefleht! Diefer Segen, er hatte feine Früchte gebracht, der Halbmond, der zum zweitenmale feine Feldzeichen bis an Wiens Mauern getragen, fah auch 1683 — wie 1529 feine Kraft zerfchellen an den Bollwerken und Waffen der Chriften. Der Wahn, von Wien aus die Herrfchaft des Islam über das Chriftenthum im Weften Europas aufzurichten, war für immer zerflört! fr* . ■ jJO. ... mmmm\ ’SSBXJt» ;.va-L aaa.ViT *• ■** '.y W »».■!* 3 & , J '• * -£*n ' V * \ •• V J. ^ J ' > . ^ * < ... ✓" / y^* ’r*- v. - *. , -v* 1 sP - p ürW vW V* * fr. p“ Nrv v' 5 ^ s # r _ *> ? ,x- » . , V ' ^ H ■ Y-f i v ^ ' JIL -W'V* * '' * •*/ •; '. H? w V ••’ ?% - J t , - .-^*<< *#£ . \ • id * -*£* ' • • \