^/isusi' 8ts6i- uncl l.siicjssbid< öesAbenö Nvl WL kommeattHk von AlexanderWeisz Sauptschriftleiter des„Abend. .. .. Rlisnsi' 81 sä 1 - 8 iblio 1 k 6 lc. 6KVV3X - - - - -- * Flugschriften des „Abend". Me kommen wir Mm Friede«? Vo» Alexander Weisr Hauptschriftletter des „Abend". 9. bis IS. Lausend. Wien, im Oktober 1917. Sie Flugschriften des „Abend" Die Flugschriften, deren erste wir hiermit der Aufmerksamkeit freigesinnter Leser empfehlen, dienen denselben Gedanken, die die Berechtigung des „Abend" bilden und seinen Erfolg bewirkt haben: sie sollen die sozialistischen Neuordnungen des Lebens auf der Grundlage der Volksherrschaft vorbereiten helfen. In zwangsloser Folge erscheinend, so oft einer von uns oder aus dem Kreise gleichgesinnter etwas zu sagen hat, sollen sie die Fragen, die uns beschäftigen, ausführlicher als auf dem beschränkten Raum des „Abend" gemeinverständlich und anregend behandeln. Die erste Voraussetzung, um wieder am wirtschaftlichen und geistigen Fortschritt arbeiten zu können, ist die Wiederherstellung des Friedens: wie recht und billig ist deshalb die erste unserer Flugschriften ihm gewidmet. In den weiteren Veröffentlichungen wird die Aufklärung über die Gemeingefährlichkeit des Finanzkapitals, die Demokratisierung des Geldwesens und der Schwerindustrie auf sozialistischer Grundlage, der Kampf gegen die Ausbeutung der wirtschaftlich Schwachen durch die Nutznießer des Bodens und seiner Schätze, die Enteignung der Bank-, Versicherungs- und Jndustriemonopole, sowie die Werbearbeit- für eine zielbewußte Vereinigung der arbeitenden Mittelstände einen breiten Raum einnehmen: da hoffentlich bald die Zeit kommen wird, wo geordnete glücklichere Zustände gestatten werden, den Kulturfragen die höchste Aufmerksamkeit zuzuwenden, werden Flugschriften dem Unterricht und der Erziehung, der geistigen Freiheit, der sozialen Fürsorge für die Jugend und die Frauen sowie ihren Rechten, der Volksbildung und dem Volksvergnügen, kurz allem gewidmet sein, das es der Mühe wert macht, den Kampf ums Dasein, der uns in so fürchterlich gesteigertem Maße bevorsteht, mutig zu Ende zu kämpfen. Gestützt auf das Bewußtsein, daß uns Vertrauen entgegengebracht wird, wollen wir den Lesern der Flugschriften des „Abend" nur versprechen, daß sie mit derselben volkstümlich rücksichtslosen nnd überzeugungs- treuen Offenheit wie der „Abend" dem Wohle aller ehrlich Arbeitenden dienen werden. Unerbittlich gegen die Ausbeuter der geltenden Ordnung, die alten und die neuen Millionäre, stets auf der Seite der Schwächeren, sollen die Flugschriften des „Abend" eine scharfe und gefürchtete Waffe im wirtschaftlichen und geistigen Befreiungskämpfe sein, der auf den Bruderkrieg der Völker Europas folgen wird. Der Herausgeber. I. Die Friedensfreunde aller kriegführenden Staaten nennen unter ihren wichtigsten Forderungen die Abschaffung der geheimen Diplomatie. Vielleicht nirgends ist dieser Wunsch so leidenschaftlich vertreten worden wie in England. Die besten Denker in diesem Lande der entwickeltsten Demokratie Europas erkannten, daß ihr Selbstbestimmungsrecht jedesmal aufhörte, wenn von der auswärtigen Politik die Rede war und daß die Verhandlungen über die Stellung der freien Engländer zu den Völkern der Welt hinter Türen geführt wurden, die sich nur einem ganz kleinen auserlesenen Kreis öffneten. Der Engländer Morel hat es ausgesprochen, daß hunderteinundsechzig Kavaliere die Diplomatie Englands bilden und daß etwa ein Dutzend davon entscheidenden Einfluß hat, so daß die auswärtige Politik des Weltreiches von zwölf eleganten Herren beherrscht wird. Dieses Dutzend gut gekleideter Herren in vorgeschrittenem Alter hat nach Morel den Eintritt Englands in den Krieg beschlossen und damit den Tod von Hunderttausenden ihrer Mitbürger und die Vergeudung von mehr als hundert Milliarden des Volksvermögens. Wir begreifen, daß diese Tatsachen bei Völkern, denen die Selbstregierung kein bloßer Begriff ist, am aufreizendsten wirken müssen. Die englischen und französischen Friedensfreunde rufen deshalb lauter als ihre Gesinnungsgenossen in den übrigen Staaten nach Behandlung der auswärtigen ' Fragen statt durch die geheime Diplomatie durch offene Verhandlungen von Volk zu Volk, von Parlament zu Parlament. Was bedeutet diese Forderung im gegenwärtigen Augenblick? Sich darüber Klarheit zu geben, ist wichtiger als auf den ersten Blick scheinen mag. Um die Antwort vorweg zu nehmen: Das Verlangen nach Abschaffung der geheimen Diplomatie, heute gestellt und in der allernächsten Zeit verwirklicht, tpäre geeignet, die Herbeiführung von Friedensverhandlungen zu beschleunigen und den Abschluß eines Friedens zu erwirken, der Europa vielleicht für immer vor einem neuen Krieg bewahrt. Diese Behauptung ist nicht übertrieben und sie zu beweisen, machen die Ereignisse der ersten neun Monate des Jahres 1917 nicht schwer. Wir waren in diesem Jahr dem Frieden zum Greifen nahe. Nicht wie die landläufige Meinung lautet, nur deshalb, weil mehr als zwei Jahre zerstörenden Kampfes die Dinge reifen und die Geister für den Friedensgedanken empfänglich werden ließen. Dazu hätte das erste 3 2 Kriegsjahr vollauf gereicht. In diesem ersten Jahr schon hatten alle Kriegführenden, Osterreich-Ungarn und Rußland, Deutschland, Frankreich und England, alles durchgekostet, was der Krieg bringen kann. Sieg und Niederlage, das bittere Heldentum in den Schützengräben und die moralische Verwahrlosung, die Bedrückung und das Unrecht im Hinterland. In welchen, Lande hätte der gemeine Mann nicht schon nach den Leiden des ersten Jahres freudig die Hand zum Frieden gereicht? Vom Frieden wurde aber kaum irgendwo gesprochen. Woher nun die große Wandlung im dritten Kriegsjahr, wenn das Maß der Leiden allein den Umschwung nicht gebracht haben kann? Sicherlich gab der offene Bruch mit den Überlieferungen der geheimen Diplomatie dazu den Anstoß, den die Mittelmächte durch das Friedensanbot vom 12. Dezember 1916 vollzogen. Tie beiden Negierungen hatten ihre Verteidigungskriegsziele mit den Waffen verwirklicht, ihre Diplomatie war aber außerstande, mit ihren gewohnten Mitteln das durch Blut und Gut Errungene zu sichern. Die uns so oft aufgezählten und von uns so teuer bezahlten Vorzüge der diplomatischen Auslese versagten, als sie die Probe bestehen sollten. Reichtum, Glanz des Auftretens, internationale Beziehungen und Verwandtschaften, was galten sie damals? Sie reichten nicht einmal hin, um auch nur zwei feindliche diplomatische Gentlemen zu einer einzigen Besprechung hinter einer geschlossenen Tür zusammenzubringen. Ja, die folgenden Monate zeigten sogar, daß man allen Grund gehabt hätte, ein geheimes Friedensanbot zu vermeiden, selbst wenn es möglich ge- wesen wäre, weil es die Gefahr einer Mißdeutung seiner Gründe vergrößert hätte. Es blieb nichts anderes übrig, als offen zu sprechen, sich an die feindlichen Negierungen, zugleich aber — und das war das Wichtigste — an die Völker der feindlichen Staaten zu wenden. Die feindlichen Regierungen wiesen das Anbot zurück: wie die Völker antworteten, erfuhren wir so richtig erst nach Ausbruch der russischen Revolution. Es darf gesagt werden, daß der starke Friedenswille in allen Wendungen der russischen Ilmsturzbewegung ohne das Anbot vom 12. Dezember 1916 nicht möglich gewesen wäre. Wir würden einen schweren Irrtum begehen, wollten wir verkennen, daß die der Revolution innewohnenden Gedanken das Gesicht des Krieges mit einem Schlage geändert haben, weil sie seine wahre Natur enthüllten. Selbst diejenigen russischen Schichten, die wir noch heute als Träger des Kriegsgedankens sehen, mußten, als sie zur Macht gelangten, allem voran den Verständigungsgedanken auf ihre Fahne schreiben, weil er in erster Linie dem leidenden Volk gegenüber die Rechtfertigung für den Machrwechsel war. Den Massen, die ausgcrufen wurden, eine neue Herrschaft zu begründen, konnte — das erkannten die Führer der russischen Märzrevolution als eine Selbstverständlichkeit — kein anderer Preis die Opfer eines Umsturzes wert sein, als das einzige Gut, das in diesem Kriege zu erobern lohnt: der Friede. Den Frieden kann aber nur die Verständigung bringen, nicht Macht und Krieg. Deshalb sehen wir den Verständigungs- 4 gedanken, das geistige Eigentum der Vertreter der Bauern- und Arbeitermassen an der Spitze der Revolution. Er wäre aber ohne die laut ausgerufene Friedensbereitschaft der Mittelmächte über eine nur akademische Bedeutung nicht hinausgekommen, denn eine revolutionäre Ne- gierung, die im Kriege steht, mag noch so friedliebend sein, der Friede „ohne Annexionen und Kontributionen" — so lautete die Formel der ersten vorläufigen Regierung — mag ihrer wirklichen Überzeugung entsprechen, sie wird ihn nicht mit Opfern erkaufen dürfen, um nicht ihr Ansehen und den Bestand der innerpolitischen Errungenschaften des Umsturzes in Frage zu stellen. Der 12. Dezember 1916 war deshalb der größte, vielleicht der einzige politische Glückstag in der Kriegsgeschichte Deutschlands und Österreich-Ungarns. Diejenigen Führer der Revolution, die zum Frieden drängten und mit ihnen die breiten Schichten des russischen Volkes, das in der Revolution vornehmlich die Friedensbringerin sah, konnten sich auf eine Erklärung des Feindes stützen, die als Grundlage für Verhandlungen tauglich war. Sie konnten verlangen, den Verständigungsgedanken durch Verhandlungen in die Tat umzusetzen. Alles schien zum besten bestellt, der Friede schien vor der Tür. In dieser Schicksalsstunde wollte es das Verhängnis, daß in Berlin und Petersburg Fehler über Fehler begangen wurden. Beide hatten zwei wichtige öffentliche, das heißt, nicht diplomatische Willensäußerungen hinter sich. Die eine war die Bekundung der Friedensbereitschaft, die andere das Bekenntnis zum Frieden „ohne Annexionen und Kontributionen". Berlin und Petersburg hatten bis dahin die Wege gemieden, die nach den Überlieferungen der geheimen Diplomatie zu Verhandlungen führen, und der neue Weg hatte sich bewährt. Er hatte auf beiden Seiten über das Schwierigste, die grundsätzliche Stellungnahme hinweggeholfen. Was dem gesunden Menschenverstand als das Leichtere erscheint, das Durcharbeiten der Einzelheiten, davor blieb man hüben und drüben zum Unglück der Menschheit rettungslos stecken. Die Machthaber in Petersburg sahen sich vor einem Gespinst von geheimen Verträgen, die noch die zarische Regierung abgeschlossen hatte, und sie, die Volksmänner, die dem demokratischen Gedanken die Befreiung von der Schande des russischen Selbstherrschertums und die eigene große Machtfülle verdanklen, sie, die den Mut gehabt hatten, den Kampf mit den Spitzeln und Kosaken des Zaren aufzunehmen, sie brachten nicht genug innere Stärke auf, diese Verträge zu veröffentlichen, sie dem Urteil Rußlands und der Welt zu unterbreiten und sie als ein Werk zu behandeln, an dem das russische Volk keinen Teil hatte. Ter Arbeiter- und Soldatenrat sah - ganz genau, worauf es ankam. Er verlangte immer wieder die Ver- öfientlichnng der Geheimverträge und die Erklärung, daß diese vom Zaren geschlossenen Abmachungen das neue Rußland nicht binden könnten. Die Negierung des Fürsten Lwow ging zaudernd vor. Sie machte in London und Paris schwache Versuche in der Richtung der Forderungen b 2 * des Arbeiter- und Soldatenrates, verlangte eine Überprüfung der Kriegsziele im Sinne des Verständigungsfriedens: sonst hielt sie sich an Grundsätze einer eigenartigen Revolutionsehre, die sie sich selbst zurechtgelegt hatte. Sie wollte den Bundesgenossen nicht unverläßlich erscheinen. Vielleicht dachte sie auch daran, trotz Verständigungsfrieden und Friedensbereitschaft vom Feinde durch Bekundung militärischer Kraft Vorteile zu erlangen. Sie erkannte aber nicht, was die Geschichte aller Revolutionen lehrt, daß erst der Friede der Vater der Neuordnung der Dinge ist, und übersah, daß er es auch in Rußland wie in allen kriegführenden Staaten sein werde und daß es daher darauf ankomme, zuerst Frieden zu schließen. Aus diesen Unzulänglichkeiten und Halbheiten entstand eine Politik des Zauderns und Schwankens. Leider haben wohl die Führer der Kriegspolitik in Frankreich und England diese Zeit für ihre Zwecke zu nutzen verstanden, nicht aber Deutschland. Die deutsche Staatskunst versagte, wie leider so oft in diesem Kriege. In dieser Zeit, da alles auf dem Spiele stand, unterließ es Deutschland, durch ein rückhaltloses Hervortreten im Sinne des Verständigungsgedankens die öffentliche Meinung Rußlands auf seine Seite zu ziehen. Man hörte damals von Bethmann Hollweg eine Rede, die für die Russen als günstiges Sonderfriedensanbot gedeutet werden konnte, sonst aber nichts enthielt, was den Verständigungsgedanken im Hinblick auf die Westmächte gefördert hätte. In dieser entscheidenden Stunde konnte sich Berlin nicht von dem Machtgedanken losreißen, konnte sich nicht von dem als leerem Wahn in drei Kriegsjahren entlarvten Gedanken lossagen, durch eine Wendung auf der einen Seite, Vorteile auf der anderen zu gewinnen. Hätte die deutsche Regierung, was die deutsche Demokratie schon damals von ihr verlangte, Kriegsziele bekanntgegeben, die sich ohne Rückhalt und Zweideutigkeit nach Osten und Westen zum Verständigungsgedanken bekannten, so hätte der Sommer 1917 andere Ereignisse gebracht, als wir sie erlebt haben. Nach Bethmanns Rede war aber der Rückschlag nicht aufzuhalten. Statt in einen Sommer der Verhandlungen, kamen wir in einen Sommer der Angriffe. Der Machtgedanke, der Wahn, diesen Krieg durch Verhandlungen hinter zugezogenen Vorgänge beenden zu können, haben Europa um eine Friedensmöglichkeit gebracht. Wir können heute die furchtbaren Folgen der Jrrtümer, die in Petersburg und Berlin begangen wurden, schon übersehen. Die Toten von Flandern und Verdun, vom Jsonzo, in Rumänien und Galizien können sie nicht einmal beklagen. Und wie im Dreißigjährigen Krieg hinter den Heeren die ekelerregenden Schwärme der Marodeure marschierten, so zeigen sich im Gefolge der großen Sommerschlachten die politischen und Zeitungsmarodeure. Die Kriegsparteien aller Länder sind an Zahl stark zusammengeschmolzen, aber sie sind lauter als je und ihr Einfluß auf die entscheidenden Stellen scheint im Steigen zu sein. Österreich-Ungarn bildet hier vielleicht die einzige Ausnahme. Der Gedanke an eine über- 6 staatliche Organisation des Friedens, von dem sich die Presse der ganzen Welt im Frühjahr beeinflußt zeigte, ist verblaßt, die Spekulation auf die Ausnützung der Schwäche des anderen ist wieder im Schwange, dieselbe Spekulation, die sich schon so oft als falsch erwiesen hat. Die Zeitungen sind jetzt voll von Schilderungen der Erschöpfung des Gegners. Um nur ein Beispiel anzuführen: Der „Temps" vom 22. August d. I. enthielt anläßlich der Überreichung der Note des Vatikans folgenden Bericht über die Lage in Österreich-Ungarn: „Die offiziösen österreichischen Blätter sagen mit Bezug auf Trient und Triest: Wir werden an Italien nicht einen Zollbreit Landes abtreten. Sind das nur große Worte, ein diplomatisches Manöver oder ein unwiderruflicher Entschluß? Man wird es bald wissen. Unbedingt sicher ist, daß keiner der kriegführenden Staaten den Frieden so dringend braucht wie Österreich-Ungarn. Jeder Tag bringt neue Zeichen der Erschöpfung dieses Landes. In der Zeit vor der Einbringung der neuen Ernte steigen die Entbehrungen, die der Bevölkerung auferlegt werden. In den Städten sind die Märkte leer und die Bevölkerung kann, um die fehlenden Kartoffeln und das unzulängliche Brot zu ersetzen, nicht einmal Gemüse oder Obst kaufen. Sind die Zustände bei den Eisenbahnen oder ist die unzureichende Ernte daran schuld? Sicher ist, daß Obst und Gemüse auf den Märkten sehr selten, oft verfault und sehr teuer ist. Zugleich zeigen sich Anzeichen einer Kohlenkrise. Deutschland kann nicht soviel Kohle liefern, wie Österreich- Ungarn braucht, und die Behörden geben zu, daß der kommende Winter vielleicht noch schwerere Prüfungen bringen wird als der vergangene." Weiter heißt es: „Die Armee Österreich-Ungarns befindet sich in keinem besseren Zustande. Die Abnutzung der Mannschaftsbestände hat einen beunruhigenderen Grad erreicht als anderswo. Man hat — es ist richtig — die 50jährigen beurlaubt, aber die Sichtungskommissionen arbeiten fast ohne Pause, um die Zurückgestellten wieder einzureihen. Deutschland hält diesen großen Körper noch aufrecht. Man weiß dies in Wien sehr gut und deshalb kann man nicht daran denken, das Schicksal der Monarchie von dem Deutschlands zu trennen, obwohl man dazu gute Lust hätte." Wem die Ereignisse noch nicht jene Klarheit geraubt haben, der wird hier mehr sehen, als nur den Versuch, den Lesern des eigenen Landes einen angenehmen Stoff zu angenehmen Vergleichen zu bieten. Es wird ihm bewußt werden, in der entsprechenden Umkehrung der Dinge in irgend einem Weltblatt der Mittelmächte Ähnliches über Frankreich, über Italien, über England, über Rußland gelesen zu haben. Es bestünde kein Grund, sich mit diesem journalistischen Zeitvertreib zu beschäftigen, wenn es nicht Tatsache wäre, daß Männer, die an entscheidender Stelle sitzen und ernst genommen werden wollen, ihn nicht als müssige Schreiberei, sondern als wichtige Angelegenheit betrachten. Wir müssen damit rechnen, daß wirklich und wahrhaftig noch heute, nach mehr als drei Kriegsjahren bei den Gegnern und bei uns die Auffassung vertreten wird, es sei denkbar, ein großer Staat könne durch Mangel irgendwelcher Art in einen solchen Erschöpfungszustand verfallen, der ihn als kriegführende Macht ausschaltet. Wir aber, wir haben in drei Jahren gelernt, daß es für ganze Völker zwar verschiedene Grade des Hungers, aber kein Verhungern gibt, ebenso wie die Schlachten dreier Jahre uns gelehrt haben, daß es keinen entscheidenden Sieg — und damit keine entscheidende Niederlage — gibt. Siege und Niederlagen, größerer oder geringerer Mangel gelten uns daher vom Standpunkt einer Rückwirkung auf die Friedensfrage nicht viel. Wir glauben, daß der Friede für die, die ihn wirklich wünschen, mit Eroberungs- und Siegesplänen nichts zu tun haben darf. Der Friede wird nur dann kommen, wenn bei allen Völkern die Überzeugung durchbricht, daß sie auf dem falschen Wege sind, daß der Krieg nichts anderes als Selbstzerfleischung ist, und daß sein Ende durch eine Aussprache gesucht werden muß. Wer soll aber diese Aus» spräche herbeiführen? 11 . Wer denn sonst, wenn nicht die österreichische Volksvertretung sollte berufen sein, in der Friedensfrage jetzt den entscheidenden Schritt zu tun? Gerade beim österreichischen Parlament scheinen die Vorbedingungen dazu günstiger als bei der Volksvertretung irgend einer anderen kriegführenden Macht, schon deshalb, weil es bei uns keine eigentliche Kriegspartei gibt. Wenigstens ist während des ganzen Krieges keine offen in Erscheinung getreten und seit dein Regierungsantritt des Kaisers Karl gibt es auch nichts Ähnliches, im Verborgenen Wirkendes, was diesen Namen verdienen würde. Der eifrigste Vertreter des Friedens- und Verständigungsgedankens ist nach allein, was man hört, Kaiser Karl selbst und sein Wille ist es, der als Zusammenfassung der Volkswllnsche in dem großen Umschwung der Behandlung der auswärtigen Angelegenheiten seit seinem Regierungsantritt und seit der Betrauung des Grafen Czernin mit der Führung der Geschäfte eines Ministers des Äußern zürn Ausdruck kommt. Österreich-Ungarn hat auch die unzweideutigsten und weitestgehenden Erklärungen für einen Verständigungsfrieden abgegeben. Vom Grafen Czernin stammt die Fassung, daß das Ziel des Verständigungsfriedens und der überstaatlichen Organisation zur Verhütung eines neuen Krieges unverrückbar in allen Wechselfällen des Krieges bestehen bleibt und daß es für uns auch kein „übermütigwerden" gibt, das heißt, daß wir nicht geneigt sind, aus kriegerischen Erfolgen Forderungen abzuleiten, die mit dem Verteidigungsziel unvereinbar sind. Nor einigen Monaten hat man allerdings in einigen österreichischen und auch reichsdeutschen Zeitungen Aufsätze offiziösen Anstriches über nicht näher bezeichnet« Berichtigungen an den Balkangrenzen Österreich-Ungarns gelesen. Niemand aber hatte hievon den Eindruck, daß diese Forderungen den Frieden aufhalten könnten. Für unsere amtliche auswärtige Politik scheint der Krieg mit der Behauptung der Grenzen tatsächlich abgeschlossen. Trotzdem sind 8 unsere Diplomaten nicht imstande, den Frieden herbeizuführen. Was ist unter diesen Umständen natürlicher, als daß gerade das österreichische Parlament sich der Friedensfrage bemächtigt und mit seinen Mitteln das Möglichste zu erreichen sucht? Es liegen auch schon Vorschläge vor. Der ungarische Bischof Fraknoi hat im Anschluß an die Anregung des Papstes beantragt, es mögen sich unter dem Vorsitze des Papstes Vertreter aller Parlamente versammeln und über die Bedingungen der Waffenruhe verhandeln. Ein anderer Vorschlag geht dahin, die inter- parlamentarische Union möge wieder ins Leben treten und sie, die im Frieden gegründet wurde, um die Völker einander näher zu bringen und die Gefahren eines Krieges einzudämmen, möge jetzt darüber beraten, wie der Krieg beendet werden könne. Der Vorschlag geht von einem neutralen Mitglied der interparlamentarischen Union aus, das in dieser Hinsicht auch bereits mit mehreren Parlamenten Fühlung genommen hat. Allein diese beiden und noch ähnliche Vorschläge kranken an einem grundlegenden Fehler. Sie übersehen, daß es unter den gegebenen Ver- hältnissen gleichgültig ist, ob als Vertreter der feindlichen Staaten Par- lamentarier oder sonst irgendwer verhandelt, wofern nicht hinter den parlamentarischen Unterhändlern ein Parlament steht, das den unabänderlichen Willen kundgetan hat, die Macht in die Hand zu nehmen und auszuüben und insbesondere in der Friedensfrage zu führen und zu entscheiden. Erinnern wir uns doch bei diesen! Anlaß an den Haupteinwand der Ententeregierungen uud der Ententepresse gegen die Bekundungen der Friedens- und Verhandlungsbereitschaft durch die deutsche Regierung! Da hieß es immer, daß ein Friede nur mit dem deutschen Volke und nicht mit der deutschen Negierung geschlossen werden könne, weil nur das Volk die Gewähr für die Einhaltung eines wirklichen Dauerfriedens biete. Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, inwieweit den Urhebern dieser Erklärung innere Wahrhaftigkeit zuzuschreiben ist. Aber diese Erklärungen liegen im Zuge der Zeit, entsprechen den Wünschen aller Parlamentsmehrheiten bei den Mittelmächten, sind ein Mittel, die geheime Diplomatie und ihre Gefahren zu beseitigen und — sind der beste Anknüpfungspunkt für Friedensverhandlungen! Das österreichischeParlament würde sich daher heute geradezu am Vaterlande versündigen, wenn es diese Zeichen der Zeit mißverstehen oder ihrer nicht achten wollte. Man wird hier vielleicht den Einwand erheben, daß das österreichische Abgeordnetenhaus innerlich zu zerrissen sei, um einen so ge- schlossenen Willen betätigen zu können. Man wird auf die staatsrechtlichen Verwahrungen der Tschechen und Südslawen, auf das zweideutige Verhalten der Polen, auf die Unfähigkeit der Deutschen usw. Hinweisen. Es ist darauf zu entgegnen, daß, wenn nichts anderes, so der Anspruch, den Frieden zu schließen und sich dann ihr Haus selbst einzu- richten, geeignet ist, die uneinigen Völker zu geschlossenem, machtvollem Vorgehen zu einigen. Wer genauer hinsieht, wird erkennen, daß diese 9 zwei Ziele eigentlich das Wesen der sogenannten nationalen Schwierigkeiten ausmachen, die sich während der ersten Parlamentstagung des Abgeordnetenhauses zeigten. Das Erkennen der unlösbaren Zusammenhänge zwischen der Friedensfrage und dem österreichischen Nationalitätenkampfe war ja auch der Ausgangspunkt einer österreichischen Friedensbewegung, als deren zwei geistige Leiter der jetzige Ackerbauminister Graf Sylva-Tarouca und Herrenhausmitglied Prof. Lammasch zu nennen sind. Die Bewegung hat deshalb nicht die wünschenswerten Fortschritte gemacht, weil sie statt des Friedens die nationalen Fragen in den Vordergrund rückte. Auf dem Boden des Parlaments wird das umgekehrte Verfahren durchschlagenden Erfolg haben. Findet sich nur eine große Partei oder finden sich in mehreren Parteien Männer, die diesen Gedanken mit überzeugender Kraft zu vertreten wissen, so werden sie das Parlament zu einer einigen großen Handlung Hinreißen. Die Abgeordneten müßten sich sagen, daß sie dem Volke außer dem Frieden heute eigentlich nur wenig geben können. Was sie auch tun, sie geben Steine statt Brot, solange der Friede fehlt. Manche Arbeit, zum Besten des Volkes zu tun, wartet noch auf sie. Aber wenn sie noch zehnfach so Gutes schaffen wie die Ausmerzung der Kriegsjustiz oder das Unterhaltsgesetz, was bedeutet das gegen den Frieden? Und sie müssen sich auch fragen, ob sie nicht alle in weiterem Sinne moralische Mitschuld am Kriege tragen, jede Partei nach ihrer besonderen Beschaffenheit. Einen wie großen Anteil an der Schuld am Kriege ihre chauvinistische Behandlung der Nationalitätenfrage hat, ob sie im Zusammenhang damit der Politik des Ballhausplatzes nicht zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet, ob sie nicht selbst dazu beigetragen haben, die internationale Stimmung zu vergiften, die Deutschen gegenüber den Slawen, die Slawen durch Übertriebenheiten sonder Zahl und Maß, die Christlichsozialen und Klerikalen durch die Wühlarbeit gegen Italien! Und alle zusammen müssen sich fragen, ob sie recht daran getan haben, unser Schicksal ganz der Hand einer geheimen Diplomatie zu überlassen, die sich nachträglich durch die verschiedenen Buntbücher mit sehr wenigen Ausnahmen das Zeugnis einer gemeingefährlichen Unzulänglichkeit ausgestellt hat. Wenn sie so ibre Herzen prüfen, dann werden sie finden, daß jedem ein gerütteltes Maß von Schuld zufällt. Sie werden finden, daß sie den Völkern Österre'chs eine große Tat schuldig sind und daß jeder Wähler, gleichgültig, ob im Schützengraben oder Hinterlande, heute das Recht hat, an seinen Abgeordneten herauzutreten und von ihm zu verlangen, daß er der nutzlosen Menschenschlächterei, dem zwecklosen Morden (Worte des Papstes und des Grafen Czernin) nicht ruhig zusehe, daß er die Pflicht habe, das Seine zu ihrer Beendigung beizutragen. Von unseren Abgeordneten, die nie gewohnt waren, zu führen, werden vielleicht die meisten auf diese dringende Aufforderung antworten, daß das Abgeordnetenhaus keine Handhabe hätte, die Friedensfrage im Bereiche seiner Zuständigkeit zu behandeln. Die Friedensfrage sei eine 10 Angelegenheit der äußeren Politik und gehöre daher vor die Delegationen. Auch lasse, so werden die Vorsichtigen, die auch hier nur Vorsicht kennen, sagen, das staatsrechtlichte Verhältnis zu Ungarn ein eigenmächtiges Vorgehen des österreichischen Abgeordnetenhauses in dieser Frage nicht zu. Diese staatsrechtlichen Bedenken sind durchaus nichtig. Die Frage der Delegationen läßt sich durch einen Parlamentsbeschluß in Wien und Budapest lösen und damit erledigt sich auch die Frage, ob Budapest bei einem Friedensunternehmen Wiens mitgehen wird. Es wird selbstverständlich mitgehen! Von einem Parlament, wie dem ungarischen, in dem Männer wie Batthyani, Karolyi und Vazsonyi heute eine einflußreiche Stimme haben, drei Männer, die ganz klar gesagt haben, was von diesem Kriege zu halten ist, von diesem Parlament sind in einer solchen Angelegenheit keine Schwierigkeiten zu erwarten. Sonach bleiben nur die wirklich großen Schwierigkeiten, die zu überwinden sind, um mit den Parlamenten der feindlichen Staaten in Verbindung zu kommen. Die Hindernisse sind hier groß. Wer wird aber glattweg behaupten wollen, daß sie unüberwindlich seien? Wie lange zog sich der noch immer nicht vollendete Weg nach Stockholm? Wie groß war aber schon die Wirkung, als nur die ersten Schritte auf ihm getan wurden! Diese Frucht fiel den Sozialisten nicht von selbst in den Schoß. Zimmerwald und Kienthal, die ersten Anfänge erschienen dem ausnahmslos an Kriegspsychose leidenden Bürgertum als anarchistisch-utopische Unternehmungen und Dr. Liebknecht, dessen Anschauungen wir einmal als höchste Weisheit der Staatskanzleien wiederfinden werden, galt als halber Narr und als halber Verbrecher. Seine leidenschaftlichen Verständigungsreden Hallen aber heute in der Friedensentschließung des deutschen Reichstages wider. Ist anzunehmen, daß das italienische, das französische und selbst das englische Parlament von derselben Erkenntnis gar so weit entfernt seien? Im übrigen: Hat schon jemand versucht, sie darauf hin von außen her ernstlich zu prüfen? Es scheint wirklich, daß es nur auf den Versuch ankommt. Vermittlungsstellen gibt es genug. Da sind die internationalen Organisationen, die heute alle ihre Vertreter in der Schweiz haben, da ist der Papst, von den: behauptet wird, daß er auf die Klerikalen aller Länder — und heute vielleicht nicht nur auf sie — Einfluß habe. Man sieht, es gibt Wege genug. Es ist Zeit, daß man versuche, sie zu betreten. Es taucht noch die Frage auf, ob der jetzige Augenblick geeignet sei, einen solchen Schritt zu tun. III. Wer diese Frage untersucht, wird sich vor allem an den Vorgängen in Frankreich und England anläßlich der Paßverweigerung für Stockholm stoßen. Französische und englische Sozialisten hatten die Absicht, mit Vertretern feind- 11 licher Staaten zu einer Beratung über die Friedensmöglichkeiten zusammen- zukommen, ihre Regierungen hatten ihnen aber die Pässe für diese Reise verweigert und hiefür die Genehmigung ihrer Parlamente erhalten. Daraus könnte man schließen, daß wir zwei kriegsentschlossenen, einigen Volksvertretungen gegenüberstehen, die zn einem Verhandeln über den Frieden zu veranlassen, aussichtslos ist. Wir müssen uns aber die schweren Krisen gegenwärtig halten, unter denen die Beschlüsse gegen die Stockholmpässe in Frankreich und England zustande gekommen sind. Wir wissen auch, daß solche Beschlüsse nicht unwiderruflich sind, besonders da die Stockholmfrage auch in den Westländern der Entente das politische Denken zu beherrschen beginnt. Ist doch sogar die neue fran- zösische Regierung unter dem Vorsitz Painleves ausschließlich unter dem Gesichtspunkt „Stockholm oder nicht" gebildet worden. Painlevö gelang es, eine gegen die Sozialisten, d. h. gegen die Stockholmidee, gerichtete Verteidigungsstellung zu beziehen. Die Mühseligkeiten aber, unter denen seine Regierung zustande kam, waren zu groß, als daß man annehmen sollte, die französischen Stockholmer seien geschlagen. Ganz im Gegenteil ist die Zuversicht berechtigt, daß ihr Aufstieg jetzt erst beginnt. An die Parlamente der Mittelmächte muß aber in diesen: Augenblick die Frage gestellt werden, ob sie es verantworten können, dem sich entspinnenden Kampf müßig zuzusehen und die Wahl, ob einzugreifen sei oder nicht, ihren Negierungen zu überlassen. Ist die Annahme von der Hand zn weisen, daß ein Versuch der Parlamente der Mittelmächte, mit dem Feind in Berührung zu treten, nicht nur die Lage der Stockholmer verbessern, sondern auch die Reihen der Stockholmgegner lockern könnte? Die politischen Kniffe, die angewendet werden mußten, um das Kabinett Painleve zustande zu bringen, lassen eine Verneinung dieser Frage nicht von vornherein zu. Es könnte nun noch der Einwand erhoben werden, daß der Schlüssel zur Lage sich in Englands Hand befindet. Frankreich, das um ein Ziel kämpft, das nach Meinung vieler seiner Bürger einen Krieg nicht wert ist, biete Angriffspunkte für eine Annäherung, während England, das den Krieg zielbewußt vorbereitet habe, um seine Welt- und Handelsherrschaft für Jahrhunderte gegen das aufstrebende Deutschland zu sichern, im vierten Kriegsjahr, nach unerhörten Opfern und angesichts der Hoffnung, die das Eingreifen Amerikas biete, die Waffen nicht niederlegen werde, ohne sein Ziel erreicht zu haben. Nach dem Sturz des panslawistischen Zarismus ist dies der Hauptgrund, mit dem insbesondere die deutsche Kriegspartei arbeitet. Ihr kommen die offenen Geständnisse entgegen, die die Hetzer auf der englischen Seite abgelegt haben. Anfang August 1917 noch erklärte Churchill in einer Rede in Dundee, erst wenn der deutsche Welthandel keine Aussicht mehr habe zu neuer Entwicklung, dann sei es an der Zeit, Frieden zu machen. Diese Forderung sei der Hauptbeschluß der ersten Pariser Konferenz gewesen und sei gleichzeitig bindend für alle Verbündeten. 12 Churchills Rede hat vor den üblichen Kricgskundgebnngen der führenden Männer den Vorzug der Aufrichtigkeit. Es sollen daher im Anschluß die Beschlüsse der Pariser Wirtschaftskonferenz vom Jahre 1916 wiedergegeben werden, auf die es sich bezieht und von denen so oft die Rede ist, ohne daß sie hinlänglich bekannt wären. Sie lauten: „Da durch den Krieg alle Handelsverträge zwischen den Verbandsmächten und feindlichen Mächten aufgehoben sind und es von hoher Bedeutung ist, daß während der Zeit des wirtschaftlichen Wiederaufbaues, der der Beendigung der Feindseligkeiten folgen wird, die Freiheit keiner der Verbandsmächte durch irgend welche Anrspllche der feindlichen Mächte auf Meistbegünstigung behindert wird, sind die Verbandsmächte dahin einig, daß die Vorteile dieser Begünstigung jenen Mächten für eine ge- meinschaftlich festzusetzende Anzahl von Jahren nicht zustehen soll. Während dieses Zeitraumes werden die Verbandsmächte sich bemühen, einander die weitestgehenden Absatzentschädigungen zu sichern, falls sich irgend welche für ihren Handel schädliche Folgen aus der Anwendung der im vorigen Absatz erwähnten Maßnahmen ergeben sollten. Zwecks Verteidigung ihrer Handels-, Industrie-, Landwirtschaftsund Schiffahrtsinteressen gegen wirtschaftliche Angriffe durch Über- schwemmung mit Waren oder irgend sonstige unfaire Konkurrenz werden die Verbandsmächte gemeinschaftlich einen Zeitraum festsetzen, während dessen der Handel der feindlichen Mächte besonderer Behandlung unterliegen und die dorther stammenden Waren entweder einem Verbot oder besonderen Methoden wirksamer Natur unterworfen sein sollen. Die Verbandsmächte werden auf diplomatischem Wege über die , besonderen Bedingungen entscheiden, die während der erwähnten Zeit auf Schiffe der Feindesmächte Anwendung finden sollen." Das ist ebenfalls sehr deutlich und nicht mißzuverstehen. Zwar wird hier keine ewige Todfeindschaft verkündet, aber für die entscheidenden Jahre nach Friedensschluß soll das durch den Krieg ohnedies geschwächte Deutschland im Rohstoffbezng und Weltmacktabsatz so lange gedrosselt werden, bis sich die anderen fest ins Geschäft gesetzt haben. Angesichts dieser durch Wort und Tat festgelegten Absichten gibt es kein Verhandeln und keinen Ausgleich — so lautete und lautet noch die Meinung, die in Deutschland von sehr einflußreichen Kreisen mit Hilfe von viel Geld vertreten wird. Allein es haben sich gerade in der letzten Zeit Anzeichen ergeben, daß man in Westeuropa auch schon Wasser in den Kriegswein gegossen hat. So enthielt der „Temps" vom 10. September einen Aufsatz, in dem dem Sinne nach geschrieben stand: „Überall trete zutage, daß die russische Krise auf allen Fronten ihre Rückwirkung habe. Neue Sorgen tauchen für die Verbündeten auf. Die innere Katastrophe Rußlands ändere auch das politische Antlitz des ganzen Welt- konfliktes. Je länger der Krieg dauere, desto weniger könnten alle 13 Fragen, von denen der Sieg abhänge, durch die militärische Strategie allein gelöst werden. Der Einfluß der Politik wachse, je mehr die Völker sich verbrauchen. Der Friede müsse beschleunigt werden. Die Deutschen, die hinsichtlich der Gebietsfrage die Besitzenden seien, müßten verpflichtet werden, sich als Verlangende auf wirtschaftlichem Gebiet vorzustellen." Soweit der „Temps". Besonders der letzte Satz geht uns hier nahe. Wir sehen, wie ein wirtschaftliches Kriegsziel, das hoch genug bewertet wurde, um seinetwegen einen Krieg zu beginnen, ohne weiters preisgegeben werden kann, wenn einmal die Erkenntnis sich Bahn gebrochen hat, daß die Not der Stunde es erfordere und die Fortsetzung des Krieges mehr kosten könne als das Ziel wert ist. Auch den wirtschaftlichen Berechnungen im Bereich der Kriegsziele fehlt eben die durch kein Ereignis, keine Tatsachen widerlegliche mathematische Festigkeit. Auch ihnen haftet das romanhaft Schwankende der politischen Träume der Kriegssanatiker an. Das gilt für die wirtschaftlichen ^Kriegshetzer beider Lager. Wenn wir an diesem einen Beispiel sehen, wie die wirtschaftliche Rechnung umschlagen kann, so finden wir bei einer Untersuchung der imperialistischen Weltherrschafts- und Sicherungspläne eine verblüffende Haltlosigkeit. Dinge, die fast schon als ewige Wahrheiten von der Kraft des Evangeliums verkündet wurden, sehen wir selbst in verantwortlich, keitsbewußten Köpfen wie Kartenhäuser zusammenfallen. Man kennt aus den Veröffentlichungen der Ententemächte, wenn auch in nicht genauen Umrissen ihre Landerwerbsziele. Sie decken sich so ziemlich mit den Forderungen und „Notwendigkeiten", die die Verfasser der vielen Bücher und Schriften imperialistischen Inhalts schon während des Friedens aufgestellt haben. Ihr Grundton wird von Weltherrschaftsträumen bestimmt, ihre Mittel sind die gewaltsame Eroberung. , der Krieg. Das gilt insbesondere von den imperialistischen Schriftstellern Rußlands und Deutschlands. Zeigten sich die Russen vom Rausch der Zahl besessen, so pochten die anderen auf ihre siegreichen Überlieferungen, die Schlagkraft der Organisation und den überlegenen Geist der Führung. Und in beiden Ländern folgte die zünftige Diplomatie, ohne eigene, neue Ideen hervorzubringen, den Wegen, die ihr diese politischen Romanciers zeigten. Sie übersah, daß diese Träume die Entwicklungen von Jahrhunderten vorwegnahmen, aber der unmittelbaren Gegenwart nicht Rechnung trugen. Was will zum Beispiel, im Lichte der Wirklichkeit gesehen', das in politischer und wirtschaftlicher Verbrämung auftretende Schlagwort vom russischen Kriegszrel eines Hafens am „warmen Meer" bedeuten? Der landwirtschaftlich und industriell reichste Teil des euro- päischen Rußlands ist den Küsten des Schwarzen Meeres vorgelagert. Hier wird der für seine Getreideausfuhr wesentlichste Teil geerntet, hier liegen seine wichtigsten Kohlen- und Erzlager. Der russische Chauvinismus der zarischen Zeit sagte nun, daß ein Riesenreich von 130 Millionen Einwohnern nicht einen Zustand ertragen könne, der einer benachbarten 14 Mittelmacht, der Türkei, jederzeit gestatte, die für Rußlands Zahlungsbilanz unerläßliche Getreideausfuhr durch Schließung der Dardanellen zu sperrein Er vergißt, daß iin Laufe der Geschichte der letzten Jahre die Meerengen nur einmal — und zwar während des Tripolis- und Balkankrieges— von der Türkei durch Minen verlegt wurden. Das geschah aber in bitterster Notwehr gegenüber militärischen und diplomatischen Zettelungen, an denen Rußland hervorragend beteiligt war, und zwar im Interesse einer religiös-nationalistischen Machtpolitik mit dem Ziel der Vorherrschaft auf deni Balkan und der Auspflanzung des Doppelhalbkreuzes auf der Hagia Sophia. Der Macht- und Eroberungsgedanke hat sich hier, dem Geiste der Zeit entsprechend, im Handumdrehen in eine Forderung wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit verwandelt, die russischen Kaufleute, Großgrundbesitzer und Industriellen, dem französischen Gelde tributpflichtig, hatten sich die Gedanken ihrer Militärs und Popen zu eigen gemacht und ihrem Gedankenkreise entsprechend gemodelt. Nicht anders bestellt war es 'mit den zwei anderen russischen Vorstößen dieses Jahrhunderts zum „warmen Meer". Der erste in Ostasien, der ein einziger Geld- und Vestechungsskandal war, scheiterte durch den Krieg mit Japan, der zweite, der den Hafen Bender Abbas in der Persischen Bucht zum Ziele hatte, wurde von England vereitelt und endete mit dem russisch-englischen Persienübereinkommen, das für Rußland, vom Standpunkte des Marsches zum Meer betrachtet, eine Niederlage erster Ordnung bedeutete. Trotzdem verbündete sich Rußland mit dem Reiche, das ihm zwei schwere Niederlagen auf seinem angeblich naturwendigen Drang nach einem „warmen Hafen" bereitete, und es steht heute im Kriegszustand mit der Türkei, die, wie man annehmen darf, jeden Augenblick bereit ist, die Dardanellenküsten zu neutralisieren. Das ist ein Rußland, das auf Konstantinopel allem Anscheine nach gar keinen Wert mehr legt und dem Wladiwostok und Armenien nicht soviel gelten wie ein Butterbrot, während die zarische Autokratie für sie Millionen Menschenleben einsetzte. Das russisch-englische Persienabkommen vom Jahre 1907, an das in Rußland heute sicherlich nur wenige Menschen denken, darf aber als der Ausgangspunkt des großen Krieges betrachtet werden. Es schaffte den Engländern freie Hand in Südpersien, das Lord Curzon als „Glacis" Indiens bezeichnet hatte. Der Plan, zwischen Indien und Ägypten eine Landverbindung herzustellen, war so zum Teil verwirklicht, in seiner Fortsetzung stieß er aber in Mesopotamien und Arabien auf die Türkei und das Deutsche Reich. Im Jahre 1911, also schon vier Jahre nach dem Abkommen mit Rußland, schloß England mit der Türkei und Deutschland das Bagdadbahnübereinkommen, durch welches das Endstück der Bagdadbahn insofern unter internationale Aufsicht kommen sollte, als es zu vier Zehnteln von türkischem und zu je zwei Zehnteln von deutschem, französischem und englischem Gelde finanziert werden sollte. England hat aber nach diesem gelungenen Streich noch nicht den Strich unter seine 15 mesopot aniische Rechnung gezogen. Wenn die Landbrücke zwischen Indien und Ägypten sein Ziel war. so konnte es mit dem an einer Bahn- fiuanzierung gesicherten Einfluß nicht zufrieden sein. Seine Blicke blieben auf Mesopotamien und Arabien gerichtet und tatsächlich sehen wir, wie es gleich nach dem Eintritte der Türkei in den Krieg hier eine energische militärische Tätigkeit entfaltet, die ihm nicht weniger wichtig zu sein schien, als die Trnppenscndungen nach Nordfrankreich. Wir erinnern uns der Zähigkeit, mit der England nach der Gefangennahme des Generals Tonwlend sein mesopotamisches Ziel weiter verfolgte. Heute sehen wir es nördlich von Bagdad und an der Cüdgrenze Palästinas. Dazu kommt eine Ausdehnung des Einflusses an den Rändern Arabiens. Die indisch- ägyptische Landbrücke scheint durch kriegerische Eroberung hergcstellt. Die übliche Betrachtung der Wcltpolitik ist geneigt, anzunehmen, daß Gegensätze. wie die hier geschilderten, nur durch die Waffen ausgetragcn werden könnten. Wir sehen das Bestreben Deutschlands, eine politisch und wirtschaftlich zusammenhängende Landmasse von Berlin bis Bagdad zu organisieren und sehen, wie dieser Plan an zwei empfindlichen Stellen von Rußland und England bedroht wird — von Rußland nicht nur durch sein Streben nach den Dardanellen, sondern noch mehr durch seine Balkanpläne, die letzten Endes eine Absplitterung der Nandländer der Ägäis und der Adria vom mitteleuropäisch-vorderasiatischen Länderblock bedeuten, von England am Endpunkte, der dem Block den Ausgang in das asiatischamerikanische Weltmeer eröffnet. Diese Gegensätze haben wirklich Titanengröße. Aber wir haben es erlebt, daß dieser große Streit seinem Ausgleich durch friedliche Vereinbarung knapp vor Kriegsausbruch sehr nabe war. Am 1h. Juni (oder 14. Juli) 1914 soll nach glaubwürdigem Zeugnis zwischen England und Deutschland ein Afrikaübereinkommen zustande gebracht worden sein, das Deutschland eine Abrundung seines afrikanischen Kolonialbesitzes auf einen Flächeninhalt von der halben Größe Europas zumeist. Im Anschluß daran war die Anerkennung des deutschen Einflusses in Vorderasien bis nahe der Mündung des Schatt-el-Arab vorgesehen. Dieses Übel cinkommen hat der englische Kolonialpoli'iker Sir Harry Johnston, wie es scheint, mit Genehmigung des britischen Auswärtigen Amtes in einem Vortrage behandelt, dem er den Namen „Die polstische Geographie Afrikas vor und nach dem Kriege" gab. In diesem Vortrage wird den Deutschen der belgische und der französische Konaostaat und das portugiesische Süd- Angola zugesprochen. An der syrischen Küste erhält Frankreich eine Eiuslußzone, sonst ist wieder Vorderasien bis zum Zusammenschluß des Euphrat mit dem Tigris deutsches Einslußgcbiet. Dieser Vortrag wurde an, 24. Februar 1915 gehalten und der Redner fügte hinzu, er denke sich als Gegenleistung Deutschlands eine Abtretung des französischen Teiles Deutsch-Lothringens. Frankreich, Belgien und Portugal würden über Englands Vermittlung in die Abtretung der angeführten afrikanischen Besitzungen willigen. Und merkwürdig! In der ersten Septemberhälste 1917 16 enthielten reichsdeutsche Zeitungen Meldungen über ein von England über Österreich-Ungarn an Deutschland gestelltes Friedensangebot. Sein angeblicher Inhalt deckt sich vollständig mit dem Vortrage des übrigens in England ziemlich einflußreichen Sir Harry Johnston, bis auf die Abweichung, daß das inzwischen von den Buren eroberte deutsche Süd- Westafrika den Eroberern zugesprochen, d. h. zur Abrundung des südafrikanischen Reiches der Engländer verlangt wird. Wenn auch dieses Friedensangebot in Berlin amtlich ebenso bestimmt in Abrede gestellt wird wie in London, so wird man seine Erfahrungen mit amtlichen Dementis zu Rate ziehen und sich im übrigen an die auffallende Übereinstimmung des Planes des einflußreichen Johnston mit der dementierten Meldung halten und traurig darüber Nachdenken, warum der Johnston'sche Pion erst zweieinhalb Jahre nach dem Vortrag in der königlichen Geographischen Gesellschaft zu London wieder aufgetaucht ist, nachdem die Kriegführenden 7 Millionen Tote, 14 Millionen Invalide und ein halbes Tausend Milliarden an Kriegskosten und Kriegsbeschädigicklgcn aufweisen! Die Lage ist daher heute folgende: In Frankreich taucht der Gedanke auf, die wirtschaftlichen Kriegspläne als Entschädigung für ein noch nicht bezeichntes deutsches Entgegenkommen fallen zu lassen („Temps" vom 10. Cept.) und betreffs der Landstreitigkeiten treten, wie man Grund hat. anzunehmen, von englischer Seite, Austauschpläne hervor. Fordert diese ^ Lage das Parlament des an diesem Streite ganz unbeteiligten, durch - den Krieg aber furchtbar leidenden Österreich nicht zu einer^Tat heraus? IV. Die Stunde ist günstig, aber drängend. Es wurde gezeigt, daß im Laufe dieses Jahres jedesmal eine Friedensmöglichkeit aufschunmerte, wenn eine Partei sich entschloß, das Schweigen zu brechen und offen über den Frieden zu reden und daß wir einen Rückfall erlebten, weil man die Scheu — oder ist es etwas anderes? — nicht überwinden konnte, dem Feinde gute Bedingungen öffentlich vorzulegen. Es wurde ferner gezeigt, daß in Paris der Gedanke, durch einen Wirtschaftskrieg nach dem Kriege dem Gegner den Genickfang geben zu können, fallen gelassen wurde, um durch einen Wirtschafts-(Handels-)vertrag eine Entschädigung für Landausgleiche zu bieten. Es wurde schließlich dargelegt, daß die Weltherrschaftsfragen, soweit sie sich auf Eroberungen und Sicherungen in der Übersee beziehen, ebenfalls verhandlungsreif geworden sind. Endlich ist ausgeführt worden, daß Österreich die Stelle des geringsten Widerstandes gegen eine Bewegung zugunsten des reinen Verständigungsfriedens ist. Man kann die Bemerkung nicht unterdrücken, daß das österreichische Parlament einen jämmerlichen Beweis von Schwäche und politischer Unzulänglichkeit geben würde, wollte es diese Gelegenheit nicht ergreifen und die Führung nicht übernehmen. Von Rudolf Goldscheid stammt das Wort, daß jeder äußeren Politik eine bestimmte innere zwangsläufig entspreche: ausgehend davon 1 ? darf gesagt werden, daß die österreichische Volksvertretung noch viele Jahre nach Friedensschluß nicht fähig sein wird, die Macht auszuüben, wenn sie sich jetzt nicht der äußeren Politik bemächtigt. Wir haben zwar in Österreich keine Kriegspartei, gegen die ein Verständigungsfriede zu erkämpfen wäre, aber unsere ganze innere Politik, vor allem die schwere Arbeit, den Völkern Österreichs eine neue nationale Verfassung zu geben, ist mit Fragen der äußeren Politik so durchsetzt, daß die Der- sassungsänderung vom Parlament aus eigener Kraft gar nicht durch- geführt werden kann, wenn es nicht aus eigener Kraft die grundsätzlichen Bedingungen des Friedens zu bestimmen imstande ist. Aber selbst davon abgesehen, die Formulierung, daß die äußere Politik die innere bestimmt, ist nirgends so am Platze, wie im Falle Österreichs. Unsere innere Politik nach dem Kriege wird zu vier Fünfteln ans Wirtschaftsfragen bestehen. Diese aber werden von zweierlei bestimmt werden, von der Verteilung der Milliardenlast des Krieges auf die einzelnen Schichten der Bevölkerung, zweitens aber von den wirtschaftlichen Bedingungen, die wir bei Friedensschluß durchsetzen können. Da muß man fragen: Kann das österreichische Parlament wirklich gesonnen sein, die wirtschaftlichen Friedensbedingungen aus bureaukratisch-diplomatischer Hand als etwas Fertiges hinzunehmen? Und weiter: Haben wir Diplomaten oder Bureaukraten, die die Verantwortung für solche Vereinbarungen übernehmen wollen? Der Ministerpräsident Dr. v. Seidler hat dei der Einleitung der Er- nährungsenquete einen sehr hübschen Satz geprägt. Er meinte, nur der Dilettant glaube, alles selbst machen zu können, der Fachmann wisse, wie sehr er des Rates bedürfe. Gibt es im Bereiche der auswärtigen Politik noch solche Dilettanten, sdie glauben, hier allein arbeiten und entscheiden zu können? Wir wollen annehmen, daß man an dieser Stelle erleichtert .aufatmen wird, wenn das Parlament die Absicht zeigen sollte, nicht nur mitzuarbeiten, sondern die Führung zu übernehmen. Schließlich hat das Parlament im Zusammenhang mit der Friedens- und Wirtschaftsfrage auch an unser Verhältnis zu Deutschland zu denken. Überlegen wir einmal: Wir wissen, daß in Deutschland die Kriegspartei zwar an Zahl nicht groß, durch Einfluß aber mächtig ist. Die Namen Johann Albrecht von Mecklenburg und Tirpitz, die sich an die Spitze des neuesten deutschen Kriegsverbandes gestellt haben, geben darüber Aufschluß. Daß der Einfluß dieser Richtung heute ein gefährliches Friedenshindernis darstellt, darüber sind die Meinungen nicht mehr geteilt. Nun hat die Mehrheit des deutschen Reichstages eine ganz eindeutige, annehmbare Friedensentschließung gefaßt. Die deutsche Regierung — die Vorgänge bei der Ernennung des Reichskanzlers haben es gezeigt — steht wohl unter der Einwirkung der Mehrheit. Wer von uns Außenstehenden weiß aber, umwie vieles geringer die Einwirkung der Minderheit ist? Kein Zweifel, den beamteten österreichischen Staatsmännern, die mit der deutschen Regierung infolge des Bundesverhältnisses Hand in Hand gehen, wird das Arbeiten sehr erleichtert werden. 18 wenn sie ein entschlossenes Parlament hinter sich haben, ebenso wie die Stellung der deutschen Reichstagsmehrheit im Innern und dem Auslande gegenüber durch Hilfe von Österreich her mit einem Schlag viel stärker würde. Das feindliche Ausland will noch immer nicht glauben, daß der deutsche Reichstag in auswärtigen Angelegenheiten entscheidet. Die Augusterörterung über die Friedensentschließung und das Verhalten des Reichskanzlers bei dieser Auseinandersetzung haben im feindlichen Auslande Mißtrauen erregt. Amerika erklärt, daß es in der Unterseebootfrage von der deutschen Regierung getäuscht worden sei, und will mit ihr nicht mehr verhandeln, sondern nur mit dem deutschen Volke, d. h. dem deutschen Reichstag. Aber wie kann man, so fragt die feindliche Presse, mit dem deutschen Reichstag verhandeln, wenn er nicht Herr seiner Entschlüsse ist? Sicherlich würde dieses Mißtrauen kleiner werden, wenn ein von Kriegsparteien und Gottesgnadenideen weniger beeinflußtes Parlament neben den Deutschen als starker Bundesgenosse aufträte. Alle Erwägungen der Friedensstrategie sprechen dafür, daß das österreichische Abgeordnetenhaus jetzt in der Friedensfrage hervortreten muß. Der stärkste Grund hat mit taktischen Erwägungen nichts zu tun, er ist aber ausschlaggebend. Das österreichische Parlament möge sich ach den Erfahrungen dreier Kriegsjahre sagen, daß nur ein Friede dcr Verständigung auf demokratischer Grundlage, d. h. unter der Aufsicht aller, den Krieg rasch beenden und weiterhin jeden Krieg unmöglich machen kann. Einen solchen Frieden kann aber nur die Demokratie selbst durch ihre Vertreter schließen, nie die Diplomatie, deren Wesen und Ursprung dem der Volksherrschast fremd ist, weil die Bedingungen ihres Daseins das Geheimnis und in dessen Gefolge List und das Streben nach Übervorteilung sind. Das ist aber das Gegenteil dessen, was die überstaatliche Organisation des Dauerfriedens will. Deshalb gilt es, der Diplomatie das Heft zu entwinden. 19 -«.'«»-rber «^«tworllicher SchrisNelter «dolf Brill. - Druck von Johann R Kernah. Ao««isflon»»er1ag für den Buchhandel Brüder Suschitzky, Wien, X/l. KWW WM Demnächst erscheint: Flugschriften de» „Abend" »r. r Karl kalbert: ks gibt keine Kriegsgewinner Mhr.