Wisnss Lisclt- uncl ^ l_sncj68d>bIioM6l< '—^ 197936 W - 80 25 -13,5 - S25 -117048 - 22 WMMMÜS Älpuo li^münr-. MMIunüktt uu^r Älchkllpn. rru« !>pm Äulm'-u. Nölnor^m ttlä ZUS ilkr ^MliM M ^ ^ttNON-SMtt tt.s.iu. wis W „Arochaska's Monatsbände" erscheinen unter Mitwirkung der beliebtesten Schriftsteller zu Beginn jeden Monats. Jeder Band ist ebenso elegant wie dieser in Leinwand gebunden, ebenso stark, illustrirt und kostet HO kr. oder 70 Zwölf solcher Bände bilden einen Jahrgang. Zeder Band enthält außer einem Roman in Fortsetzungen, eine vollständige größere Novelle und eine Anzahl anderer interessanter Aufsätze und Humoresken. „Arochaska's Monatsbände" sind die billigsten aus Original-Beiträgen bestehenden illustrirten deutschen Unterhaltungsbücher. Abonnements in jeder Buchhandlung. VW s^'4 'Mä-' -idd. d^5 X7» !: bloßes Hirngespinnst. Noch glanbe ich, daß der Herr Auf falscher Bahn. Roman von L. G. Klopfer. 5 Graf den vollen Gebrauch seines unleugbar hervorragend gebildeten Geistes besitzt, aber — aber — verzeihen Sie mir — es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu mache:!! — ich bin überzeugt, daß es nicht viel bedarf, um diesen Geist endgiltig aus den normalen Bahnen zu rücken. Die fortgesetzte Einsamkeit, das hartnäckige Versenken in eine, MMM Ml'- gelinde gesagt: phantastische Wissenschaft — das Alles muß auf die Dauer fürchterliche Folgen nach sich ziehen." „Sehr richtig, sehr richtig," erwiderte der Graf; „ich habe schon seit Langem meine Bedenken über die seltsame Lebensweise meines Bruders geäußert — aber was nützt das? Er ist nicht zu bekehren." „Lassen Sie ihn durch Aerzte zu eurer gründlichen 'Veränderung seiner Gewohnheiten bewegen! Vor Allem 6 Prochaska's illustrirte Moncitsbände. bieteil Sie Alles auf, ihn dem zu entreißen, was er seine Studien nennt. Bedenken Sie doch nur — er empfing mich anfangs in der Meinung, ich fei ein Adept feiner Wissenschaft, der seiner Einladung zu einer spiritistischen Controverse Folge leistet — wenn er sich solche Leute nicht schore wirklich von irgendwo verschrieben hat, wer gibt Ihnen Sicherheit, daß er es nicht über kurz oder lang thut? Und dann — mein Gott! wenn der Graf einem Schwärmer in die Hände fällt — oder noch ärger — vielleicht gar einem gewissenlosen Speculanten, einem Betrüger — der Schade, den er an Hab und Gut erleiden könnte, wäre noch ein geringer....!" Wildenstein hatte sich starr in den Polster seines Sitzes zurückgelegt und schien entsetzt über die Perspective. „Ja, es muß etwas geschehen!" sagte er dann hastig, Sommer die Hand reichend. „Ich will meine Maßregeln einleiten. Einstweilen danke ich Ihnen vom ganzen Herzen, Herr Doetor! — Um Ihre freundschaftliche Discretion in dieser ganzen delicaten Affaire brauche ich Sie wohl nicht erst zu ersuchen!" Den Gedanken all dieses Gespräch galt jetzt noch die überaus düstere Miene Wildenstein's und — vielleicht auch das hie und da aufzuckende elektrische Feuer in seinen Allgen. Seine Idee, sich auf billige Weise das Wohlwollen der Leute voll Ulmenhorst und Umkreis zu verschaffeil, kam ihm jetzt immer trefflicher vor. Du lieber Himmel, so hatten die biedereil Ein- und Anwohner doch eine prächtige Gelegenheit, ihre Sympathien auf den Rechtsnachfolger des „Einsiedlers voil Ulmenhorst" zu übertragen, wenn Letzterem vielleicht in 7 Auf falscher Bahn. Roman von L. L. Klopfer. absehbarer Zeit das Unglück passiren sollte, von einer löblichen Landesbehörde — unter Curatel gesetzt zu werden! ... Victor spähte im ganzen Saale vergebens nach einem gewissen Jemand aus, den er suchte. Die Frage nach dem fehlenden „Professor" Dellinger wäre eine ganz natürliche gewesen, aber er wagte sie nicht an Frost zu richten. Schon bestieg der Ulmenhorster Gutsverwalter die Tribüne und eröffnete die Versammlung. Sommer mußte sich als der neue Candidat vorstellen lassen und endlich das Wort ergreifen. Unter lautloser Stille begann er sein Programm zu entwickeln. Aber die Worte wollten ihn: nicht so fließend von den Lippen wie sonst. Da plötzlich hielt er inne — an dem Tisch der Freunde tauchte der graue Comödiantenkopf Dellinger's auf — und daneben schimmerte ein Helles Kleid. Victor konnte den Blick nicht abwenden. Die Kunstpause drohte bedenklich lang zu werden, Frost schüttelte bereits verdutzt das Haupt — da wandte sich Marthclls liebreizendes Angesicht in vollem Glanze dem Redner zu. Victor fing den ermunternden Blick auf, ein warmer Blutstrom ging ihm zum Herzen — und der Bann, der ihn gefesselt, war gebrochen. Jetzt war er wieder der Alte — oder mehr noch, denn er übertraf alle Erwartungen der Freunde, vielleicht seine eigenen Erwartungen mit inbegriffen. Wie Stnrmgebraus ging es durch den Saal, als er geendet. Alles jubelte ihn: zu. Es war da kein Einziger, Freund oder Gegner, der die Wahl Dr. Sommer's nicht als gesichert betrachtet hätte. Aber Victor sah von all den auf ihn gerichteten Augenpaaren nur ein einziges. Von der Rednerbühne weg schritt er direct auf dasselbe zu. 8 prochaska's illustrirte lNonatsbände Willenlos überließ ihm Martha diesmal ihre Hände, die er wieder an die Lippen zog. „Ich danke Ihnen!" flüsterteer ihr zu. „Nun werden Sie mir doch glauben, Martha — Fräulein Dellinger, wenn ich Sie — meinen Schutzgeist nenne?!" Sie wurde blaß und sank in den nächsten Stuhl. Die Dazwischenknnst ihres Vaters, der Victor mit gewohnter geräuschvoller Ueberschwenglichkeit begrüßte, überhob sie einer Antwort, die sie ihm überdies kaum geben zu können im Stande schien. Es war schon ziemlich spät in der Nacht, als Victor, von einem begeisterten Troß begleitet, auf dem Bahnhof erschien, den letzten Zug nach Wien zu benützen. Er hatte Frost gebeten, ihm den bereits stark benebelten Zeichenlehrer vom Leibe zu halten, und war mit Martha am Arme vorausgegangen. Aus dein Perron angelangt, zog er rasch einen Condnctenr bei Seite, reichte ihn: einen ausgiebigen Bakh- schisch und flüsterte ihm etwas zu. Dann geleitete er Martha zu einem Conpä erster Elaste, ließ sie einsteigen und entschuldigte sich für einen Moment, um, wie er sagte, nach dem Verbleib des Herrn Papa zu sehen. Wäre es nicht so dunkel gewesen, so hätte er ein eigen- thümliches, spöttisch triumphirendes Lächeln auf ihren Lippen bemerken müssen, das ihn vielleicht ein wenig — stutzig gemacht haben würde ... Die wenigen Waggons waren von den heute ungewöhnlich zahlreichen Passagieren bald gefüllt. Victor eilte von Coupä zu Coupä, plauderte mit Dem und Jenen:, — bis das Zeichen zum Abfahren ertönte und er keinen Platz mehr fand. Auf falscher Bahn. Roman von L. L. Alopfer. 9 „Hier — Herr Doctor!" — „Da herein, Sommer, wir rücken zusammen!" schrie man ihm von allen Seiten zu. Er blickte unentschieden um, da öffnete ein Conducteur rasch den Schlag eines Coupes erster Elaste — und Victor sprang hinein; es war ja höchste Zeit. Er — „sprang hinein" — vielleicht noch in anderem Sinne, als er glaubte ... „Sie verzeihen, Fräulein!" sagte er zu seiner einzigen Coupegenossin, während der Zug durch die Nacht brauste. „Ich kam schon zu spät — die Herren haben weiter rückwärts ihren Platz genommen!" Sie erwiderte nichts und wollte ihm ihre Hände entziehen, aber er hielt sie fest und neigte sich dicht zu ihr hinüber. „Nein, jetzt müssen Sie mir sagen, Martha, was Sie eigentlich gegen mich haben! Hassen Sie mich denn?" Mit einem Rucke riß sie sich los und floh in die andere Fensterecke. Erschreckt blickte er ihr nach. Da sah er sie die Hände vor's Gesichtchen legen und bitterlich weinen. Als sie am Wiener Bahnhofe ausstiegen, kam ihnen schon Frost entgegen. „Höre, Sommer, wo seid Ihr denn gesteckt? Der Herr Professor fragte wiederholt nach seiner Tochter. Es kostete mir Mühe, ihn zu beruhigen." Jetzt kamen die übrigen Freunde heran, in ihrer Mitte der stark consternirte Professor der Zeichenkunst. Während Martha dem heftig gesticnlirenden Vater entgegenlief, zog Victor den Freund zur Seite. 10 prochaska's illustrirte Monatsbände. „Du, wünsche mir Glück!" sagte er sehr erhitzt, ihm lächelnd in's Gesicht blickend. „Ich habe mir da von Ulmenhorst eine neue Braut mitgebracht!" Frost war weniger überrascht, als Victor erwartet hatte. „Also doch!" sagte er, ihm lachend die Hand schüttelnd. „Na, ich gratnlire! Diese Martha ist ein so reizendes Geschöpf, daß man ihrethalben selbst einen Gesellen wie den alten Dellinger als Schwiegerpapa mit in den Kauf nehmen kann!" Zu gleicher Zeit hängte sich Martha mit zärtlicher Hingebung an den Arm ihres Vaters, neigte sich graziös an sein Ohr und flüsterte ihm zu: „Ich bin seine Braut! — Aber höre, jetzt beherrsche Dich! Deine verdammte Manier könnte noch Alles verderben! Er ist kein dummer Junge, und Dein unmäßiges Trinken hat ihm schon mißfallen!". Sechstes Capitel. erkennen. Schiller („Liesco"). Edel hatte ihren Vater schon seit zwei Tagen nicht mehr gesehen. Er hatte sich in letzter Zeit das Frühstück immer auf sein Schlafzimmer bringen lassen, war unbemerkt vom Hause fort in sein Bureau gegangen und, statt wie gewöhnlich zum Diner heimznkommen, erst spät in der Nacht nach Hause zurückgekehrt. Auf falscher Bahn. Roman von L. E- Klopfer. r1 Das Mädchen litt unsäglich, einen doppelten Schmerz. Sie hatte den Mann ihrer Liebe dem Vater aufgeopfert und nun sah sie dieses Opfer nutzlos gebracht, denn sie ahnte instinctiv, daß Hoheneck ein geheimnißvolles Etwas quälte, das ihr umso furchtbarer schien, je weniger sie es zu ergründen vermochte. In der letzter: Nacht hatte ihre Seelenangst sich bis in's Unerträgliche gesteigert. Nein, das konnte nicht so fort- gehen! Sie mußte den Vater zu Eröffnungen veranlassen, und wenn sie das Aergste erfahren sollte. Sie wollte ihn beschwören, sich ihr rückhaltslos mitzutheilen, wenigstens einen Theil seiner verzehrenden Sorgen sie mit ertragen zu lassen. Was konnte es sein? Sie vermuthete finanzielle Calanri- täten —nun, wenn es wirklich nur das war, so war sie schon zur Hälfte beruhigt. Sie hätte sich mit Freuden in die äußersten Einschränkungerr gefunden, keinen Moment gezaudert, die Früchte ihrer Erziehung in einem Berufe zu ver- werthen, wenn sie den theuren Vater nur von dem fürchterlichen Druck entlasten konnte, der ihn zu Vernichter: drohte. Sie war wach geblieben, ihn zu erwarten. Aber Stunde um Stunde verrann und der Baron erschien nicht. Von wahnsinniger Arrgst gefoltert, irr der nächtlichen Stille und Einsamkeit den entsetzlichsten Muthmaßungen Raum gebend, schritt sie in ihren: Zimmer auf und nieder, trat zurr: hundertsten Male an's Fenster, ging in den Salon hinaus und lauschte auf den: Cörridor nach der: sehnsüchtig erwarteten Dritter: des Heimkehrenden. Umsonst! Es schlug zwei Uhr, drei Uhr — irr: Oster: graute schon der junge Tag — und Hoheneck war noch immer nicht zurück. 12 prochaska's illustrirte lNonatsbände. Endlich, es war nicht mehr weit von Vier, hörte sie das Gitterthor vor dem Parke zuschlagen. Mit einem Seufzer der Erleichterung eilte sie an die Thür und horchte. Schweren Schrittes kam er durch den Corridor, begleitet von dem ihm leuchtenden Diener und begab sich in sein Schlafzimmer. „Lassen Sie morgen Niemand zu mir vor, auch nicht meine Tochter!" hörte sie ihn mit heiserer, gebrochener Stimme zu dem Diener sagen. „Nur wenn ein Herr Wolfgang Bröse vorsprechen sollte, führen Sie ihn sofort zu mir!" Edel blieb an den Thürpfosten gelehnt, bis seine Schritte verhallt waren. Dann wartete sie noch, bis der Diener zurückkehrte, um nach dem Schlafzimmer des Vaters hinüberzugehen. Vor der Thüre zu demselben angelangt, lauschte sie noch. Aber da drinnen war Alles todtenstill, nur ein schwacher Lichtschein drang durch das Schlüsselloch heraus. Sie preßte die Hand an das angstvoll pochende Herz. Mein Gott, wenn — ein Unglück geschehen wäre? !. Zweimal schon streckte sie die Hand nach der Klinke aus und fand nicht den Muth, sie niederzudrücken. Aber was zauderte sie? Sie wollte ja Gewißheit haben! Endlich drückte sie die Thüre auf und trat auf die Schwelle. Hoheneck saß auf seinem Bette, die Hände auf die Kniee gestützt, den Kopf auf die Brust herabgesenkt. Er hatte das leise Geräusch der sich öffnenden Thüre in seinem unheimlichen Hinbrüten ganz überhört. 13 Auf falscher Bahn. Roman von L. L. Klopfer. E8 AJA NM Edel betrachtete ihn einige Sekunden mit stummer Trauer, dann ging sie ein Paar Schritte in's Zimmer hinein. „Vater!" sagte sie leise, aber es lag ein hcrzzereißen- des Weh in diesem einzigen Worte, ein zärtlicher Vorwurf und eine schmerzliche Bitte. Wie von der Tarantel gestochen, fuhr der Baron empor und sah mit weitanfgerissenen Augen wild um sich. Edel erbebte bis in die Fußspitzen vor seinem Aussehen. Seine Wangen waren eingefallen und aschfahl; nur auf den Backen-- 14 prochaskci's illustrirte Monatsbände. knochen glühte eine hektische Röthe. Sein Schnurrbart hing struppig über die blutleeren, leise vibrirenden Lippen, das spärliche, eisgraue Haupthaar war eniporgestrüubt, als hätten zuckende Finger darin gewühlt. Vor ihm ans dem Nacht- kästchen stand der Armleuchter und ein kleines Glas, das Opiat enthaltend, mittels welches der Nervenkranke den ihn fliehenden Schlaf herbeizurufen pflegte. Er setzte mehrmals an, um zu sprechen, aber die Stimme versagte ihm. „Was — was thust Du hier?" brachte er endlich rauh und hohl hervor. „Was soll Dein Ausbleiben bedeuten?" Edel eilte auf ihn zu und erfaßte seine kalte, feuchte Hand. Und jetzt ließ sie ihr Herz ausströmen. Sie bat ihn, sich ihr mitzutheilen, beschwor ihn, den Kummer, der ihn augenscheinlich schon seit längerer Zeit bedrückte, auszuschütten. Sie sprach so eindringlich, daß Hoheneck sie nicht abzuweisen vermochte. „Ach, laß' mich, Kind!" sagte er weich. „Meine Sorgen würden sich nicht verringern, wenn ich sie Dir offenbaren wollte. Wir würden nur Beide leiden." „Und glaubst Du, ich leide jetzt weniger, wo mich der Gram in Deinen Mienen ein unbekanntes Furchtbares ahnen läßt? Die schreckliche Wirklichkeit kann nicht grausamer sein, als die Qual des Ungewissen, die mich unablässig verfolgt. — Sprich, Vater, ich bin stärker als Du meinst! Sind es pecnniäre Misslichkeiten, mit denen Du kämpfst?" Der Baron seufzte und machte einen Gang durch das Zimmer. 15 Auf falscher Bahn. Roman von L. E. Klopfer. „Allerdings," sagte er dann gepreßt, „es dreht sich um Derartiges. Aber es ist weit schlimmer, als Du denken kannst. Kurz und gut — wir stehen vielleicht vor einer Katastrophe!" Edel schmiegte sich an seine Brust und legte ihm die Arme um den Hals. „Also doch! Laß' Dich das nicht anfechten, Vater, wir wollen dem Unglück muthvoll entgegensehen! Wir können nichts verlieren, das ich nicht leichten Herzens entbehren würde. Die äußerste Einschränkung will ich mit Freuden auf mich nehmen, wenn wir damit nur unsere Ruhe erkaufen. Was kann man uns nehmen? Das Haus, das bischen Luxus, das wir genießen — gut, es bleibt uns immer genug; Du bist Staatsbeamter — und ich habe genügend gelernt, um mehr zu erwerben, als ich für meine bescheidenen Bedürfnisse nöthig hätte. So mache Ordnung, wirf Alles hin — an mich brauchst Du dabei nicht zu denken!" Hoheneck ergriff mit zitternden Händen ihr Köpfchen und drückte ihr gerührt einen Kuß auf die milchweiße Stirne. „Gutes Kind, gutes Kind! Wer eine solche Tochter sein Eigen nennt, der ist nicht arm. Was hast Du mir schon Alles geopfert! Ja, ja, der Verzicht auf ein äußeres Wohlleben ist gering gegenüber jenem. Sieh, Du hast mich vielleicht zuweilen ungerecht gescholten, weil ich den Ansprüchen Deines Herzens entgegentrat — aber — Du würdest mir beistimmen, wenn ich Dir sagen dürfte, welche Gründe mich so zu handeln zwangen. Es genüge Dir, wenn ich Dir sage, daß es ein Gebot der Ehre war, was mich leitete. 16 prochaska's illustrirte Monatsbände. Nun aber sei ruhig — vielleicht ist noch eine Wendung zum Bessereil möglich! Jetzt ist es ja all mir — ein Opser Zu bringen. Nun liegt mein Weg klar vor mir." Edel wußte nicht, was in dem Ton dieser Worte lag, das ihr Herz wieder mit einem ahnungsvollen Baligen erfüllte. „Was willst Du thml, Barer?" „Was meine Pflicht ist," erwiderte er, sich sanft von ihr losmachend. „Jetzt frage nicht weiter, ich könnte Dir nicht mehr antworten. Geh' zu Bett — entschlage Dich Deiner Sorge — gute Nacht!" Er wandte sich ab und ging nach dem Feilster. Edel schüttelte traurig das Haupt. „Gut, ich gehe, Vater! Willst Du mich aber morgen erfahren lassen, was Dil als nothwendig beschlossen hast?" „Morgen — ja, ja!" sagte er hastig, ohne sich umzuwenden. „Nun gehe — gehe, Kind!" Edel, schritt zögernd der Thüre zu. Als sie auf die Schwelle trat, drehte sich Hoheneck mit einer plötzlichen Bewegung nach ihr um. „Edel, mein Kind!" brach es mit gedämpftem Schluchzen aus seiner Brust. Sie flog zurück — ihm an den Hals. Er drückte sie mit leidenschaftlicher Innigkeit all sich und bedeckte ihre Lippen, Wangen und Augen mit stürmischen Küssen. Dann löste er ihre Hände voll seinem Nacken und bedeutete ihr mit hastiger Geberde,-sich zu entfernen. „Gute Nacht — gute Nacht! Schlaf' wohl!". Als die Thür hinter ihr zugefallen war, ging der 17 Auf falscher Bahn. Roman von L. rochaska's illnstrirte Monatsbände. „Ei, seht, wie sie es verbergen möchte! Prüft es doch und seht zu, ob Blut fließt, wenn es mit der Nadel durchbohrt wird! Büttel thue Deines Amtes!" Der Knecht trat aus dem Hintergründe heran und ergriff eine lange Nadel, welche auf dem Tische lag und näherte sich dem Mädchen, das leise zusammenschauerte und dem eine tiefe Röthe Gesicht und Nacken überflutete bei dem Gedanken, daß eine rohe, schamlose Hand sie antasten würde. Es kam nicht dazu, denn gedankenschnell stand der Kron- anwalt zwischen ihr und dem rohen Manne und rief laut und kräftig: „Ich protestire als Vertheidiger gegen dies Verfahren! Was wollt Ihr hier die thörichte und zwecklose Form anwenden? Blutet das Mal nicht, weil der Büttel nicht tief genug zugestoßen, so ist Euch das ein Beweis der Hexerei. Blutet es, dann sagl Ihr: Seht, der Teufel hat es bluten lassen, um sie zu retten! Ja selbst wenn kein Mal an diesem reinen Leibe wäre, so würdet Ihr sprechen, der Teufel hat es eben ausgelöscht. Was soll dann die ganze schamlose Procedur? Das ist kein sachliches Gerichtsverfahren, das ist ein Verderbenwollen nnr jeden Preis, das der Menschheit unwürdig nnd verwerflich ist. Wer heißt Euch überhaupt zu richten nach dem fürchterlichen Buche des deutschen Dominikaners? Haben wir nicht unser eigenes Recht, das milder und gesitteter, menschenwürdiger und vernünftiger ist? — Noch gilt in Ungarn, so viel ich weiß, das Gesetz des hl. Stephan, gemäß welchem selbst eine offenkundige Hexe bei ihrer erstell Schuld nur in die Kirche gebracht und von dem Priester durch Milde und Sanftmuth auf den rechteil Weg zurückgeführt werden soll. Wo habt Ihr Milde und Sanftmuth geübt gegen meinen Vater, wie gegen diese Jungfrau hier? — Oder sagt Ihr, das Gesetz des hl. Stephall sei veraltet, so verweise ich auf jenes des Königs Koloman, der überhaupt von dem Vorhandensein von Hexen nichts wissen will oder auf Ungarns bedeutendste Stadtrechte, wie' Die Hexe von Szegedin. von Anton Ghorn. 111 das Ofener, das eine üb erführte Hexe mit einem Judenhut auf dem Kopfe an den Pranger stellt, sie abschwören läßt und dann freigibt. Warum Rohheit uud Härte, wo die Milde ausreicht? Warum blinder Fanatismus anstatt klarer Vernunft? — Seht in dies Frauenauge und wenn Ihr darin nicht die Unschuld geschrieben findet, dann müßt Ihr selbst verblendet sein und ich sage Euch, wenn Ihr hier verurtheilt, wird dies Angesicht Euch einst an den Pforten des Himmels entgegentreten als Engel und Euch zurückweisen von dem Anschauen des Allerhöchsten!" Der Vicestuhlrichter senkte das Haupt, der Dechant aber rief: „Da seht Ihr, daß sie eine Hexe ist! Sie hat's ihm angethan mit ihren Augen. Und wie wollt Ihr das Zeugniß Eures eigenen Vaters entkräften. Herr Kronanwalt?" „Weil ich jedes Zeugniß verwerfe, das durch die Folterqual erpreßt wird. Legt die Hand auf's Herz und gesteht Euch ehrlich, daß Keiner unter Euch die Qualen jener dunklen Kammer ertrüge und daß Ihr selbst, wenn Euch die Glieder zerrissen und verbrannt würden, die ärgsten Frevel gestehen würdet, an die nur zu denken Ihr sonst schaudert. Mein Vater aber lag — weh, daß ich als sein Sohn es sagen muß, — im Banne eines unglückseligen Hasses und sein Richter war zugleich sein Todfeind. Was wollt Ihr auf ein solches Zeugniß geben, wenn Ihr ehrlich richten wollt? Ich, der Sohn, der seinen Vater geliebt hat, entkräfte sein Wort, und bin zum Reinigungseid bereit für diese!" Der Dechant schwieg einen Augenblick, dann sprach er: „Herr Vicestuhlrichter, was dünket Euch? — Ich vermeine, die Satzungen der heiligen Kirche stehen über allen alten und neuen Gesetzen, welche der Herr Kronanwalt angeführt hat und sie hat gesprochen durch den erleuchteten Mund des Verfassers des „inLllsuZ inalktieku-uni". Laßt uns darnach weiterfahren!" 112 Prochaska's illustrirte Monatsbände. Der zweite geistliche Beisitzer nickte zustimmend, der Schreiber zuckte leicht mit den Achseln und der Vicestuhl- richter seufzte leise. Dann nahm die Verhandlung ihren Fortgang, immer wieder erhob Sandor Raday seine Stimme, herzenswarm und rechtskundig, aber die finstere Härte hatte jene Gewalt, die in den Tagen der Vorzeit vor Recht ging, und da ein Geständniß der Angeklagten nicht zu erreichen war, ward zuletzt auch über sie „die peinliche Frage" verhängt. Ein kalter Schauer durchrieselte Jlka bei dem Gedanken — sie, die kein Thierchen quälen konnte, welcher die Marter des bunten Falters Schmerz verursachte, sollte selbst dem Entsetzlichen preisgegeben werden. Hilfcflehend flog ihr Auge nach ihrem Vertheidiger. Der stand hochaufgerichtet, das schöne, stolze, edle Antlitz den Richtern zugekehrt: „Gebt eine Gnadenfrist von nur zwei Tagen, ihr Herren — der Himmel ist vielleicht barmherziger als Ihr und thut ein Wunder, sie zu retten — um ihres Vaters willen gebt die Frist!" Der Vicestuhlrichter sprach sich für Gewährung aus, die andern widersetzten sich nicht, vielleicht um nicht ganz hart gescholten zu werden, vielleicht auch bewogen durch die Erinnerung an ihren kranken Collegen. So ward Jlka wieder zurückgesührt nach ihrem Gesängniß, aber sie hatte noch einmal vorher ihr Auge dankbar auf ihrem Vertheidiger ruhen lassen und einen Strahl seines Blickes gleich einem Hoffnungsschimmer mitfortgenommen. IV. Etwa drei Stunden unterhalb Szegedin stand hart an der Theiß ein kleines, in sich zusammengesunkenes Haus mit braunem Strohdach und winzigen Fenstern, die nach dem spiegelnden Flusse hinaussahen. So ärmlich es war, es barg ein junges Glück, ein Menschenpaar, das kaum zwei Die Lfixe von Szegedm. von Anton Vhorn. 113 Jahre einander angehörte und hier weltverloren und einsam von der Arbeit seiner Hände lebte und sich des kleinen Knaben freute, der eben anfing, seine ersten Gehversuche zu machen. Das war der Fischer Gergely und sein dunkeläugiges Weib. In jenen Julitagen, da in Szegedin die Herzen aufgeregt waren über die vermeintliche Teufelssaat, die über WML ML Nacht gleichsam hier aufgegangen war, lebten sie ruhig im gleichmäßigen Glücke, einen Tag wie den andern, und wußten nichts von dem Blutdunst und dem Qualm des Scheiterhaufens, der in der Nachbarschaft die Gemüther ängstigte und aufregte. So saßen sie auch an einem Morgen vor der Thür des Häuschens: Gergely flickte seine Netze und das hübsche dunkeläugige Weib, zu dessen Füßen der Kleine im Sand III. 8 14 Orochaska's illuftrirte Monatsbände. und Gras sich vergnüglich wälzte, reinigte Gefäße; beide aber sangen fröhlich und hell in die sonnige Welt hinein. Hinter dem Hause dehnte sich weithin die braune Ebene, vor ihm zog blinkend wie ein breites Silberband der majestätische Fluß und drüber lag wie eine tiefblaue Glocke der herrliche Morgenhimmel. Auf der gelben Straße, welche hier die Theiß entlang lief, kam ein Reiter; wo der Weg aber abbog hinüber gegen die Pußta, verließ er ihn und sprengte gerade fort, heran gegen das kleine Fischerhaus. Als man ihn mit scharfem Auge erkennen konnte, sprang der Fischer auf und ließ die Netze fallen; freudig aufjauchzend rief er seinem Weibe zu: „Herr Sandor Raday kommt!" und gleichzeitig lief er auch schon dem Reiter entgegen, der rasch sich aus dem Sattel schwang und dem schlichten Manne herzlich die Hand reichte. Der Fischer nahm das Pferd am Zügel und neben einander kamen beide näher an das Häuschen, wo ihnen das Weib mit dem Knaben auf dem Arme erröthend entgegentrat. Da sprach der Mann: „Hier seht Ihr mein ganzes Glück, Herr Sandor, und das verdank ich Eurem Vater. — Gott segne ihn, den guten Herrn — wie geht es ihm?" Ein Schatten lief über das Gesicht des Kronanwalts: „So habt Ihr nichts gehört in Eurer Einsamkeit? Mein Vater ist todt!" Der Fischer erschrak so, daß er sich entfärbte. „Todt? — ja, seht, wir kommen Monate lang nicht von unserem Häuschen und sehen hier keine Leute, als die auf den Schiffen vorbeifahren. O, daß ich das nicht weiß, wann es geschehen ist, und nicht hinter seinem Sarge gehen konnte! Wie oft habe ich's nicht meiner Suzy erzählt, wie er mich als armen Jungen in sein Haus genommen und mich gehalten hat — weiß Gott — nicht wie seinen Diener und wie el: mir dann hier das Häuschen kaufte, damit ich mein Schätzchen hier aus Debreczin heimholen Die Hexe von Szegedin. von Anton Vhorn, 115 konnte — o du lieber Gott! — Aber geh' hinein, Suzy, schmore einen Fisch für den gnädigen Herrn — ganz frisch gefangen — geh, geh!" Das Weib mit ihrem Kinde entfernte sich, Sandor Raday aber sagte: „Komm, Gergely, laß uns dort unten am Flusse niedersitzen, ich habe mit dir zu reden und Dich um einen Dienst zu bitten!" Der Fischer band das Pferd, das er noch am Zügel hielt, an einen Pflock nahe am Hause, dann schritt er hinter dem Kronanwalt her, bis dieser anhielt, sich auf einem kleinen Erdhügel niederließ und Gergely aufforderte, sich neben ihn zu setzen. „Gergely, glaubst Du, daß mein Vater ein Hexenmeister gewesen ist?" fragte er. Der Fischer fuhr blaß und entsetzt auf und starrte mit großen Augen den Fragenden an. „Alle Heiligen des Himmels mögen mich bewahren! Für Eueren Vater lege ich heute noch meine Hand ins Feuer — er war so brav und rechtschaffen wie nur Einer!" „Und doch ist er angeklagt worden und ist gestorben — weil sie ihn zu Tode gemartert haben." Gergely schrie wild auf vor Entsetzen. „Bleibe ruhig — das ist vorbei — und ich freue mich, daß du, der einfache Mensch aus dem Volke, nicht an seine Schuld glaubst. Dann weißt Du aber auch, daß selbst das sogenannte heilige Gericht sich irren kann und daß es mitunter ein Verdienst ist, ihm ein Opfer zu entreißen." „O für Euren Vater war' ich selber in den Tod gegangen!" „Das ist zu spät, aber um der Ruhe seiner Seele willen ist es nöthig, daß eine Jungfrau, welche gleichfalls der Hexerei beschuldigt wird, befreit werde, ehe die Qual der Folter ihr ein falsches Geständniß entreißt. Glaubst Du mir, daß ich nur für die Unschuld eintrete?" 116 Prochaska's illustrirte Moriatsbände. „Ja, Herr!" sagte treuherzig der schlichte Mann und legte die braune Hand auf sein Herz. „Und willst Du mir um meines Vaters willen helfen, sie zu retten?" „So wahr mir Gott einst gnädig sein soll!" „Dann merke auf! Morgen in der Nacht um die erste Stunde sollst Du mit Deinem Kahn hart unter dem großen Stadtthurm sein und achte darauf, daß du mit größter Vorsicht anlegst. . . Wir haben Neumond und die Nacht ist dnnkel und günstig für ein solches Vorhaben. Ich selbst führe Dir die Jungfrau zu, so Gott will, und wir eilen stromabwärts, so daß wir beim Morgengrauen weit weg sind, gegen Zenta, dann sorge ich für das Weitere. Lege in dein Fahrzeug einige Decken, denn die Nacht ist vielleicht kühl und sprich nicht davon zu Deinem Weibe! Die Sache bleibe zwischen uns Beiden! Kann ich auf Dich rechnen?" „Ja, Herr — so lang ich lebe, immer!" sprach der Fischer und legte seine Hand in die dargereichte des Kron- anwalts, dann erhoben sich beide und gingen langsam der Hütte zu, wo Frau Suzy mit rothen Wangen am Herde stand und der Fisch lustig über dem Feuer schmorte. Am Abend desselben Tages saß Jonas der Schließer allein in seiner Stube im alten Gerichtsbau. Er hatte einen Krug mit Wein vor sich stehen auf dem rohgezimmerten Tische und starrte hinaus durch sein vergittertes Fenster auf die enge, stille Gasse, in welcher es allmälig finster wurde. Er hatte noch einmal die Runde gemacht bei seinen Gefangenen, die Thore verschlossen und so war sein Tagewerk ge- than, er konnte seinen Gedanken nachhängen. Dabei kam ihm sein Dasein so recht elend und jammervoll vor, denn er hatte keine Freude vom Leben, war selbst wie ein Gefangener und sah nichts als jeden Tag Trübsal, Elend und Verbrechen. Das Schlimmste aber für ihn war, daß er kein hartes Gemüth besaß und daß ihm mitunter fast selber das Herz wehthun wollte — zumal in diesen Tagen, da sich sein 117 Die Hexe von Azegedin. Don Anton Ohorn. Haus unheimlich bevölkerte mit Hexen und Zauberern, da doch mitunter ein verlorenes Stöhnen von den düstern unterirdischen Kammern an sein Ohr drang und da man von hier aus die armseligen, zusammengebrochenen Opfer hinausschleppte zum Feuertode. Bei Manchem wollte es dem schlichten Manne nicht in den Sinn, daß er im Bunde mit dem Bösen sein sollte, so bei dem alten weißhaarigen 82jährigen Stadtrichter, den man vor einigen Tagen auf dem schauerlichen Karren zum Scheiterhaufen geschleift hatte und neuerdings auch bei dem schönen, bleichen Mädchen, der Tochter des Stuhlrichters. Und wie er so sann und dazwischen wieder den Krug als Tröster handhabte, senkte sich allgemach die Sommernacht nieder über die Stadt und in die Gasse und webte den grauen, lichtlosen Schleier um die Thürme und Dächer und draußen war es tiefstille geworden — Szegedin schlief mit seinen fleißigen Bewohnern, die zeitig am Morgen an die Arbeit gingen und darum schon früh am Abend die Ruhe suchten. Da klang am Thore des Gerichtshaufes der Klopfer, nicht dröhnend und hart, wie wenn jemand das Recht hat, Einlaß zu begehren, sondern schüchtern wie bei einer Bitte. Jonas horchte auf, als aber das Klopfen sich wiederholte, entzündete er eine Laterne, nahm den Schlüsselbund und schlürfte durch den Flur. An dem Eichenthor war ein kleiner Schieber, den zog er zurück und lugte hinaus; draußen stand eine gebeugte Gestalt, wie die eines alten Mannes, den Kopf zwischen die Schultern gezogen und eingehüllt in einen leichten dunklen Mantel. Als der Schieber klang, sagte eine halblaute Stimme: „Laß mich ein, Jonas, ich habe Wichtiges mit Dir zu reden!" Dem Schließer kam die Stimme nicht unbekannt vor, doch wußte er im Augenblick nicht, wem sie angehöre, darum frug er: 118 Prochaska's illustrirte Monatsbände. „Wer seid Ihr denn?" „Sandor Raday!" klang es von draußen und eine Secunde lang richtete sich die gebeugte Gestalt empor, Jonas aber öffnete nun sogleich das Thor und ließ den Anderen ein, indem er sich vor ihm tief verneigte. „Herr Kronanwalt!" „Still, Jonas! Komm in deine Stube — du bist doch allein?" Der Schließer nickte und nachdem er das Thor wieder geschlossen, schritt er mit der Laterne voraus; Sandor Raday folgte und unheimlich schwankten die großer: schwarzen Schatten der Beiden irr dem düsterer: Flur. Ir: den: Gemache angekommen, stellte Jonas seine Leuchte auf der: Tisch neben der: geleerter: Mostkrug, welcher: er beiseite schob und wischte mit der flachen Hand einen Stuhl ab, den er für seinen Gast zurechtrückte. Der Kronanwalt aber griff in die Tasche seines Mantels, zog ein ledernes Säckchen hervor und stellte es klingend vor sich hin. Dann öffnete er es und hielt es geger: der: Ander:: hin, indem er der: Schein der Laterne drüber spielen ließ. „Was ist das, Jonas?" Die Augen des Schließers leuchteten gierig: „Blanke Kremnitzer Dukaten!" „Sind zweihundert — wohlgezählt — und sie sind Dein, wenn Du willst!" „Warum sollt' ich nicht wollen, Herr," sagte der Mann mit vor Erregung zitternder Stimme, „ein Verbrecher: begehrt Ihr doch nicht von mir!" „Nein, Jonas, in: Gegentheil — Du sollst eir: Verbrechen hindern Helfer:, urrd wenn's gelingt, erhältst Du noch hundert Dukaten!" Der Schließer rückte ungeduldig auf seinem Sitze, ihm flimmerte es vor den Angen wie lauter Gold. „Redet, Herr!" Die k^exe von Szegedin. von Anton Vhorn. 119 WM „Es wird nicht viel verlangt von Dir und ich will kurz sein. Du sollst morgen Nachts die Thüre von Jlka Föröß's Kerker öffnen und mich sie hinansführen lassen, hinab gegen die Teiß, wo für das Weitere gesorgt ist. Eine Verantwortung trifft Dich nicht, denn die Thüren sind am Morgen wie gewöhnlich verschlossen und von dem Gitter ihres Gefängnißfensters kannst Du einen Strohwisch flattern lassen, dann glaubt alle Welt, daß der Böse selbst die Hexe befreit hat. — Bedenke, 300 Dukaten — und die Tochter des Stuhlrichters ist unschuldig!" Jonas kraute mit beiden Händen in seinem wirren Haupthaar, dann langte er nach dem Kruge, als müsse er ISO p^roä'aska's illustrirte Monatsbände. daraus sich seinen Entschluß holen — aber der war leer und unmuthig schob er ihn wieder weg. „Dreihundert Dukaten — 's ist viel Geld für einen armen Teufel und könnt' Einen glücklich, vielleicht auch unglücklich machen! Und ich bin ein ehrlicher Kerl gewesen mein Leben lang und möchte meine Seele nicht verkaufen, auch nicht für 300 goldene Kremnitzer — aber, ich glaub's selber, das Weibsbild ist unschuldig, wie die Mutter Gottes — und das ist's, Herr, warum ich's thun will. Aber es hat einen bösen Haken." „Wie so?" fragte erregt der Andere. „Das Fräulein ist krank. Das letzte Verhör — Ihr seid ja dabei gewesen — hat sie mächtig angegriffen, seitdem liegt sie still bei Tag und Nacht und schläft nicht und ißt nicht, verlangt nur immer Wasser und wieder Wasser, und wenn ich vorbeischleiche an ihrer Zelle, höre ich sie stöhnen: Mein Kopf, mein armer Kopf. Dabei kann sie nicht auf den Beinen stehen, so schwach ist sie — aber so lieb und freundlich!" „Dann trage ich sie aus den Armen, aber um so noth- wendiger ist's, daß sie der drohenden Qual entzogen wird! Also ich darf auf Dich zählen, Jonas!" „Ja, Herr, ich will Euch einlassen um Mitternacht und will Euch die kleine Thüre öffnen nach den: Strande hinaus, zum Weitern helfe Gott! — Aber vergeht mir die Dukaten nicht!" setzte er etwas verlegen bei. Sandor Raday griff in den Beutel und holte eine Anzahl blinkender Goldstücke hervor, die er dem Schließer reichte: „Auf Abschlag!" Gierig griff dieser danach, der Kronanwalt aber schob den Beutel in die Tasche, schlug den Mantel zusammen und verließ, gefolgt von Jonas den Raum. Die nächste Nacht kam, trübe und sternenlos, als ob der Himmel selbst der Unschuld beistehen wollte. Die Zexe von Szegedin. Don Anton Ghorn. 12t Ungesehen betrat der Kronanwalt nach Mitternacht das düstere Gebäude, in dessen festem Thurme Jlka's Ge- sängniß lag und ohne Zögern nahm Jonas den Schlüsselbund und die Laterne. Nun schritten sie durch die düsteren Gänge, leise und schweigend und Sandor glaubte den eigenen Herzschlag zu hören. Das Mädchen war von dem Schließer vorbereitet und als der Schlüssel sich im Thürschloß drehte, erhob sie sich von ihrem Lager und starrte nach dem Eingang, wo jetzt die hohe stattliche Gestalt des Kronanwalts erschien, während der matte Lichtschimmer aus der Laterne durch den düstern Raum zuckte und das milde, weiße Antlitz hell aus dem Dunkel hervortreten ließ. Da sie ihrem Befreier eutgegen- eilen wollte, schwankte sie und wäre umgesunken, wenn er sie nicht in seinen Armen aufgefangen hätte. „Sprecht jetzt nicht, seid ruhig, es wird Alles gut!" flüsterte er und gleich einem Kinde hob er sie empor, schlug seinen Mantel um den wonnigen Leib, der sich warm, regungslos und still an ihn schmiegte und so trug er sie durch den Corridor und Jonas eilte ihm voraus. Es ging eine dunkle Treppe hinab und wiederum durch einen schmalen Gang, wo er behutsam gehen mußte, um nicht mit der lieblichen Last anzustoßen und dann standen sie vor der kleinen eisernen Pforte, welche gegen die Theiß hinaus führte. Man hörte das leise Rauschen des Wassers. Jonas hob die Eisenstange, welche zuerst vor der Thür lag, aus den Fugen, dann sperrte er vorsichtig das Schloß auf, indem er flüsterte: „Ich hab's am Tage mit Oel bestrichen, damit es nicht kreische!" Leise öffnete er die Pforte und lugte hinaus. — Alles war still, nichts zu erblicken, als unten auf der Theiß im Schatten des Thurmes ein schaukelnder Kahn. Nun öffnete der Schließer, die Luft kam kühl und kräftigend vom Wässerter und ein Nachtvogel schrie heiser. Sandor Raday ließ einen Beutel in die Hand des Mannes 122 Hrochaska's illustrirte Monatsbände. gleiten, dann trat er hinaus und hinter ihm schloß sich geräuschlos die eiserne Thüre. Er athmete tief auf und unwillkürlich drückte er seine süße Last fester gegen das pochende Herz. Schweigend und ohne sich zu rühren, ruhte sie in seinem Arm und es war ihr wie ein seltsamer, aber wunderbarer Traum, den sie hätte fortträumen mögen, um nie mehr daraus zu erwachen. Aus dem Kahn im Thurmschatten erhob sich der Fährmann. Er sah einen Augenblick das feine, weiße Gesicht der Jungfrau und fast erschrocken raunte er: „Das ist des Stuhlrichters Tochter!" „Still," gebot ihm der Kronanwalt, der schon in dem Fahrzeug stand und Jlka leise niederlegte auf die weichen Decken, welche Gergely in großer Zahl mitgebracht hatte; mit seinem Mantel deckte er sie zu und hüllte sie ein wie ein krankes Kind. Da ging ein Lächeln über ihr Gesicht, das er trotz der Dämmerung sah, weil er sich tief zu ihr niedergebeugt hatte und sie flüsterte: „O, habt Dank, habt tausend Dank!" „Ruht jetzt, versucht zu schlummern, die Luft wird Euch wohl thun!" sprach er milde, dann setzte er sich neben den Fährmann, leicht griff das Ruder in die Wellen und mit der Strömung glitt der Kahn schnell an Szegedin hinab und hinaus ins freie Feld. Leise redete der Kronanwalt zu dem Fischer: „Höre, Gergely, die Sache liegt anders, als ich nieinte und rechnete. Die Jungfrau ist recht krank und verträgt keine weitere Fahrt und Flucht,' sie bedarf dringend der Ruhe — Du mußt sie bei Dir aufnehmen, bis sie kräftiger ist und weiter gebracht werden kann." „Aber, Herr — sie ist die Tochter des Stuhlrichters !" „Um so besser. Weil Du den Stuhlrichter hassest als treuer Diener meines Vaters, wird man sein Kind am wenigsten bei Dir suchen, wenn es überhaupt Jemandem Die Hexe von Tzegedin. Don Anton Ghorn. 123 einfällt, nach der Entflohenen zu forschen. Und sie hat ja keinen Theil an dem, was ihr Vater gethan hat!" „Wohl, Herr — ich will sie aufnehmen und mit Suzy getreulich hüten und pflegen — aber was sagen wir meinem Weibe, wenn wir nächtlich ankommen." „Sage, es handle sich um eine von mächtigen Feinden Verfolgte, welche Schutz braucht. Weiber sind mitleidig und Suzy wird stolz darauf sein, Schutz gewähren zu können; hüte Dich aber davon zu reden,^daß man das^MädcheiUals Hexe angeklagt — Weiber sind abergläubisch und Suzy würde ängstlich und darum unfreundlich werden!" „Ich wills so halten, Herr — Ihr könnt Euch darauf verlassen!" „Ich weiß es und es soll Dein Schaden nicht sein!" Die Sache war abgemacht zwischen den beiden Männern und Sandor sah sich nach Jlka um. Sie lag ruhig, wie es schier:, mit geschlosseneil Augen und schlafend. Aus den Wolken brach da und dort jetzt ein glitzernder Stern, die 124 prochaska's illustrirte Monatsbände. Wellen sangen leise um den Kahn und rasch glitt die Gegend an den Ufern fort, bis man bei dem kleinen Hause anlangte, aus dessen niedrigem Fenster ein matter Schein herausdämmerte. Als das Boot landete, erhob sich Jlka langsam. Der Kronanwalt wollte sie auf's Neue tragen, aber verschämt bat sie: „Laßt mich gehen, ich fühle mich etwas kräftiger!" Er hob sie auf den Strand, und auf seinen Arm gestützt, schritt sie langsam, wankend dahin, indeß er leise ihr mittheilte, daß sie hier vorläufig ein Asyl finden solle zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit; sie sei bei treuen, guten Leuten, wohlgeborgen — doch möge sie aus Gründen der Vorsicht dem Weibe gegenüber schweigen über ihre Zukunft und ihre Schicksale. Sie flüsterte nur immer auf's Nene wieder: „O, wie gut Ihr seid!" Gergely war vorausgeeilt, mit wenig Worten wußte Suzy, um was es sich handle und bald darauf lag Jlka so gut gebettet, als es die armen Fischersleute vermochten. Der Kronanwalt war von ihr gegangen mit der Versicherung, daß er am nächsten Tage wiederkehre und Gergely ruderte ihn noch einmal hinauf gegen Szegedin. „Armer Bursche," sagte Sandor Raday, „Du mußt diese Nacht tüchtig zugreifen, aber es nützt nichts, ich muß morgen früh in der Stadt sein und mich den Leuten zeigen, damit sie keinen Verdacht schöpfen!" „Ei, Herr, meine Arme halten's aus und stromab läuft ja der Kahn von selbst!" erwiderte der brave Mann und kräftig zwang er sein Fahrzeug den Wellen entgegen unterstützt von dem Kronanwalt, der gleichfalls die Ruder führte. V. Das ging wie ein Lauffeuer durch Szegedin! Am Morgen, als der Schließer in ihr Gefängniß trat, war es leer. Das Schloß war fest zu gewesen, aber am Fenster- Die Hexe von Zzegedin. Von Anton Ghorn. 125 kreuz hing spöttisch flatternd ein Strohwisch und in dem Gemache roch es nach Schwefel und Pech — es war kein Zweifel, der Teufel hatte seine Buhle geholt, um sie vor der Marter zu bewahren. Noch mehr wurde erzählt: Man wollte unheimliche Gestalten in der Luft gesehen haben, auch einen Schrei wie von einem Raubvogel, aber gellender, höhnisch. . . Die Leute schlugen das Kreuz, wenn davon gesprochen ward. An Naheliegendes dachte Niemand. Der Vicestuhlrichter war nach dem Gefängnißthurm gegangen, hatte die Zelle ausgesucht, den flatternden Strohwisch selbst gesehen und schnupperte in der Luft, um auch noch etwas von dem Teufelsstank zu riechen. Dann entfernte er sich. Unter dem Thor traf er mit dem Kron- anwalt zusammen, der eben Einlaß begehrt hatte, um als Vertheidiger der Jnculpatin sich über den Thatbestand zu vergewissern. „Da seht Ihr, da habt Jhr's augenscheinlich, Herr Sandor Raday — sie war doch eine Hexe!" Der Angeredete zuckte die Achseln, was bedeuten konnte „möglich!" aber was man auch anders verstehen konnte. Er erwiderte: „Eins ist gewiß — meine Thätigkeit ist hierzu Ende, wie die Eure, und da mir der Boden hier unter den Füßen brennt, reise ich noch heute ab. Gehabt Euch wohl, Herr Vicestuhlrichter!" Der Andere dankte und hinter ihm klang die Eichenpforte, die Jonas versperrte. Nicht lange darauf verließ auch der Kronanwalt das Haus, der Schließer aber stellte ein zweites ledernes Säckchen neben das erste in die verborgene Mauernische hinter seinem Herd und grinste vergnügt in den Bart. Am Abend dieses Tages traf Sandor Raday bereits wieder in der Hütte Gergelys ein und berichtete, wie der Aberglaube und die Dummheit des Volkes selbst für Jlka's Sicherheit wirke. Ein lebhafter Hauch der Freude ging über die blassen 126 prochaska's illustrirte tNonatsbände. Wangen des Mädchens, als er zu ihr trat und sie streckte ihm die feine weiße Hand entgegen, die er zwischen seine beiden Hände nahm, indem er fragte: „Wie geht es Euch?" „Ich fühle mich besser, nur schwach!" „Dann sollt Ihr hier rasten, bis Ihr kräftiger seid und ich will indeß für Euch wirken." Er zog einen der niedern Holzstühle heran an das einfache Lager, auf welchem Jlka völlig angekleidet ruhte und fuhr fort: „Ich reise nun nach Wien, um mich persönlich an den obersten Gerichtshof, ja wenn es nöthig ist, selbst an den Kaiser zu wenden, damit der grausame Proceß gegen Euch niedergeschlagen werde und Ihr zu Eurem Vater zurückkehren könnt!" „O, was macht mein Vater? Besinnungslos lag er, als man mich von ihm fortschleppte und durch Jonas erfuhr ich, er sei sehr krank." „Beruhigt Euch um seinetwillen, es geht ihm besser!" „Aber wenn Ihr nicht erreicht, was Ihr in Wien erreichen wollt — was dann?" fragte sie und ängstlich hing das große, schöne Auge an den Zügen des jungen Mannes. Der holte einen Athemzug aus tiefster Brust und seine Stimme bebte leise, als er sprach: „Was dann geschehen soll, Jlka? — Dann bringe ich Euch, wenn Ihr völlig genesen seid, heimlich in einen weltfernen, stillen Winkel, wo Euch Niemand kennt und Niemand suchen kann und führe Euch Euren Vater zu und Ihr findet wohl noch immer das Glück, das Ihr in so reichem Maße verdient und vergeht dabei nicht ganz auf Sandor Raday!" Da schlug eine heißere Röthe über das süße Angesicht, sie hob sich mit Anstrengung auf von dem Lager, legte still und fest ihre Arme-um den Hals des Mannes, barg ihre Wange an seiner Brust und sprach leise, aber bestimmt: Die lsexe von Szegedin. Von Anton Vhorn. 127 „Nur, wo Du bist, will auch ich seiu, denn meine Seele lebt nur in Dir!" Da erfaßte ihn eine namenlose Seligkeit, innig zog er das zarte, liebliche Wesen an sich, hob ihm das rosig überglühte Antlitz empor und küßte herzinnig den bebenden, frommen Mund. „So helf' uns Gott, meine Jlka!" stammelte er — „das ist zuviel des Glückes nach so viel Jammer! Ja, ich gehe mit Dir und sei es an das Ende der Welt und ich lasse Dich nicht, so lang ein Athem in meiner Brust geht! Und hüte und pflege Dich, damit ich Dich frisch und kräftig finde, wenn ich wiederkomme, um Dich nie mehr zu verlassen!" Und wieder fanden sich die Lippen und sie ruhte selig, lächelnd, mit sonnigem Antlitz in seinem Arme, an seinem Herzen, bis er selbst sich besann, daß sie der Ruhe bedürfe. Noch an demselben Abend fuhr Gergely den Kron- anwalt hinüber nach dem andern Ufer des Flusses und geleitete ihn zu einem bekannten Bauer, der ein Fuhrwerk besaß, das Sandor nach Theresiopel bringen sollte, von wo ans er mit Eilpferden gegen Wien zu fahren gedachte. Beim Abschied drückte er dem treuen Fischer die Hand, übergab dem Widerstrebenden ein kleines Sümmchen und band ihn: nochmals auf die Seele, daß er ja Jlka hüten möge vor jeder Gefahr und vor jedem Menschenauge. Nahezu drei Wochen waren in's Land gegangen. Das Mädchen hatte sich im kleinen Fischerhause erholt, auf den Wangen blühte eine zarte Röthe und in den dunklen, weichen Augen glänzte es wie von verhaltenen: Glück und von Sehnsucht. Nun konnte, ja mußte der Geliebte bald wiederkommen und nichts sollte sie mehr trennen, so hatte er selbst ja gesprochen. Auch der Fischer und Suzy hatten ihre Freude an ihr, zumal Jlka sich ihres Kleinen annahm, ihn auf den Armei: schaukelte, seine Gehversuche unterstützte und mit ihm spielte, 128 Hrochaska's illustrirte Monatsbände. so daß der Kleine mitten im Schreien anfhörte, sobald er nur ihr Gesicht sah oder ihre Stimme vernahm und ihr die Aermchen verlangend entgegenstreckte, so daß Suzy mitunter fast eisersüchtig werden konnte. Das Häuschen verließ sie selten, nur wenn die Abeud- schatten sanken, hüllte sie sich in ein Tuch des jungen Fischerweibes und setzte sich an ein stilles Plätzchen hinunter an den Fluß, der so traulich rauschte und plätscherte, und hing ihren Gedanken nach und ihrer Sehnsucht. Die Einsamkeit der Gegend ward beinahe nie unterbrochen von einem Menschen; wer hätte hier in der unschönen, vielfach sumpfigen Flußniederungauch etwas suchen sollen? Nur ab und zu ward ein Bettler herverschlagen; der erhielt sein Stück Maisbrot, auch vielleicht ein geröstetes Fischlein und suchte dann wieder den Weg nach der breiten Heerstraße. Darum war Jlka zuletzt minder ängstlich, zumal im Hause selbst, und half Wohl auch am Herde, wenn Suzy gerade anders beschäftigt war. So war's auch an einem der Tage in der dritten Woche ihres Aufenthalts bei Gergely. Das Weib des Fischers spülte ein Geschirr in der Küche und Jlka, welche den kleinen Knaben auf dem linken Arme trug, stand an dem Fenerraume und der flackernde Schein loderte hell über ihr Gesicht. Beide Frauen waren im Gespräch und hatten es überhört, daß sich die Thüre auf- that und ein altes bettelndes Weib das braune Gesicht hereinsteckte mit den üblichen Worten. Erschrocken fuhr Jlka herum nach der Alten, diese aber hatte kaum ihr Antlitz gesehen, als sie auch schon aufschrie: „Jesus Maria — da ist die Hexe! Weib, nehmt Euer Kind, sonst ist es des Teufels!" Weiß wie ein Marmorbild taumelte das Mädchen gegen die berußte Wand, mit dem Jnstinct der Mutterliebe aber sprang Suzy heran und entriß ihr den aufschreienden Kleinen, den sie fest an ihre Brust drückte, wie um ihn zu bewahren vor unheimlichen Gewalten. In diesem Augen- Die Hexe von Szegedin, Von Anton Mhorn. 129 blicke erschien Gergely; wie er die Gruppe überschaute, ahnte er auch schon den Zusammenhang und sein ehrliches braunes Gesicht wurde fahl. Mit zitternder Hand schob er rauh die Alte hinaus, welche jetzt nur noch lauter kreischte: „Das ist die Hexe — die Hexe von Szegedin!" und auch vor dem Hause noch entsetzt den Stock hob, auf welchen sie sich gestützt hatte, dann kam er in die Küche zurück, wo Jlka halbohnmächtig auf einem Schemel lehnte und sein Weib mit furchtsamen scheueil Augen, den Knaben fest umschlingend, in eine Ecke gedrückt stand, als fürchte sie jeden Augenblick das Entsetzlichste. Der brave Gergely begann nun zu beruhigen. Zuerst wandte er sich an Suzy: sie möge doch nicht den Worten eines alten, hergelaufenen Weibes Glauben schenken, sie sehe doch selbst, wie lieb und gut Jlka sei und wie der Kleine an ihr hänge, das Kind aber würde sich nicht zu ihr hingezogen fühlen, wenn sie eine Unholdin wäre. Dann tröstete er iic seiner schlichten Weise das Mädchen: sie brauche nicht zu erschrecken, die Alte sei ein blödes, dummes Weib, das in den Tag hinein schwatze und selber sich hüten möge vor dem Scheiterhaufeil — — und allmälig schien es, als ob die beideil Frauen sich wirklich beruhigteil. Gergely ging wieder an den Strand zu seiner Arbeit, um, ehe der Abend vollends hereinbrach, sie noch einigermaßen zu fördern: Es handelte sich um eine Ausbesserung an seinem Boote, das er auf den Strand gezogen hatte. Ihm selbst war gar nicht wohl zu Muthe bei der ganzen Sache, er fürchtete für seinen schönen Gast und Jlka mußte darum sein Haus verlassen — das stand fest. Auch um seines Weibes willen, das nicht frei voil Aberglauben war und nicht mehr mit jener naiveil Herzlichkeit mit der Fremden Hütte verkehren köirnen, wie bisher. Sobald er darum, schon am nächsten Morgen vielleicht, sein Boot in Ordnung haben würde, wollte er sie hinüberschaffeil an das andere Ufer zu seinem Bekannten, dem Bauer — außerdem hoffte er, daß Sandor Raday III. 9 130 Prochaska's illustrirtc Monaisbändc. jeden Tag wiederkommen könne. Bei diesen Erwägungen wurde er ruhiger und ließ sich sein Abendbrot trefflich schmecken, die beiden Frauen aber waren still. Suzy konnte in der That die Scheu nicht verwinden vor der schönen und für sie noch immer geheimnißvollen Fremden und Jlka empfand das und fühlte sich dabei unruhig, gedrückt und ängstlich. Das Empfinden wich auch nicht von ihr, als sie allein in ihrem Kämmerlein war, es überkam sie nur noch stärker und aufgeregt saß sie an dem Fenster und starrte hinaus in den trüben Abend, in die sinkende Nacht. Tief stille war es weitumher, die Fischerleute schliefen schon, sie aber fand den Schlummer nicht. Wie, wenn jenes alte Weib die Sache schon weiter verbreitet hätte? Wenn während der Nacht vielleicht schon die Häscher kämen, um sie neuerdings in den entsetzlichen Stadtthurm oder in die Blutkammer zu bringen. — Ihr war, als ob die Sinne sich ihr verdüsterten, schattenhafte Gestalten schienen sich draußen in der dämmerigen Ebene zu bewegen, ihre Angst wuchs und es litt sie nicht mehr in der heißen, engen Stube. Sie eilte hinaus, leise und vorsichtig, sie sah sich um nach allen Seiten und dann lief sie geradewegs hinein in die weite graue Ebene, sie wußte selbst nicht wohin, Der Himmel war wolkenverhangen, die Luft gewitterschwül, am Horizonte zuckte fernab dann und wann ein verlorenes Leuchten und die Gräser der Steppe bewegten sich kaum. Sie aber schritt unaufhaltsam fort, aufgeregt, sinnlos und scheute vor jedem Strauch, der dunkel, groß und unheimlich sich von der Dämmerung abhob. Ab und zu sah wohl auch minutenlang die Mondsichel durch den grauen Flor und dann erschrak sie vor dem eigenen zitternden und sich dehnenden Schatten und suchte auch diesem zu entfliehen. Wie lange sie lief, wußte sie nicht, sie fühlte nur, wie die Füße sie schmerzten und wie sie todmüde ward. Und Die Lsixe von Szegedin. von Anton Mhorn. 131 «*- als jetzt ein dichter Nebel langsam sich über die weite Fläche hindehnte, der sich ihr schwer auf Brust und Hirn legte, da sank sie nieder und Ohnmacht oder Schlaf umfing sie. Als sie nach längerer Zeit erwachte und die Augen erhob, sah sie verwundert und erschreckt um sich her — der Nebel war zum guten Theil verflogen und seine grauen zerrissenen Fetzen dehnten sich unheimlich an den Dächern und Thürmen von Szegedin aus, das unmittelbar vor ihr lag. Da faßte sie das Entsetzen, sie sprang empor, um aufs Neue zu fliehen, aber eine rauhe Hand legte sich schwer auf ihren Arm und eine heisere höhnische Stimme sagte: „Ei, da ist ja das Hexlein wieder — hat dich der Teufel nicht behalten mögen? — Nun komm nur mit mir, die Szegediner werden ihre Freude haben, wenn sie dich wiederkriegen!" 9* 132 prochaska's illnstririe Monatsbände. Jlka sah in das aufgedunsene, rohe Gesicht des zum Landstreicher herab gesunkenen Schusters Barany, der wohl auch irgendwo auf freiem Felde genächtigt hatte, und in ihrer Seelenangst fiel sie vor dem Manne auf die Kniee und flehte mit gerungenen Händen zu ihm empor, daß er sie fliehen lasse. Der aber grinste lüstern: „Schön bist du, Hexlein — das muß man dir lassen und kannst es dem Teufel selber anthnn. Aber mein Weib war auch schön und sie haben sie doch gequält und verbrannt, und dein Vater war's, der's gethan hat. Warum soll ich Erbarmen haben, wenn dein Vater keins gehabt hat!" Wild riß er sie empor, preßte mit grimmiger Hand ihren Arm und schleifte sie mit sich fort, hinein in die Stadt, durch ihre Gassen aber brüllte er laut, daß man aus den Thüren trat und an jedem Fenster neugierige, er- schrockene Gesichter sich zeigten: „Hier bringe ich Euch Eure Hexe wieder!" Ein Haufe von Leuten lief bald hinterdrein unter Johlen und Schreien und verhöhnte das todbleiche junge Weib, bis es hinter dem Thore des Gerichtshauses verschwand. Und Jonas der Schließer wurde erdfarbig im Gesicht, als er sie wiedersah — er fürchtete für seine 300 Dukaten und — für seinen Hals. VI. Am nächsten Morgen war Jonas verschwunden und j Niemand hat je erfahren, wohin er gekommen, oder rich- ^ tiger, wo er mit seinen blanken Kremnitzern sich den eigenen bescheidenen Herd gebaut hat, an seine Stelle aber kam der Schuster Barany, dem man einen Dank schuldig zu sein glaubte für die Wiedereinbringung der Hexe und der sich in dem finstern Bau mit seinem Jungen, so behaglich als es gehen mochte, einrichtete. 133 Die Hexe von Szegedin. Don Anton Vhorn. Gegen Jlka aber wurde der Proceß von Neuem ausgenommen und da diesmal kein Vertheidiger ihr zur Seite stand, auch der flatternde Strohwisch und der Teufelsstank in ihrem Gefängniß als neue belastende Jndicien galten, ungemein schnell zu Ende geführt. Da sie auch jetzt ein Geständniß verweigerte, weil sie ja nichts zu gestehen hatte, ward ihr die peinliche Frage angekündigt und sie hinabgeschleppt in den fürchterlichen Raum der Qual. Ihr Leib und ihre Seele erschauderten, als sie eintrat, aber da der Büttel an sie herankam, um ihr Gewand herabzureißen, da empörte sich ihr Schamgefühl und das bewirkte mehr als der körperliche Schmerz, mit welchem man sie bedrohte. Mit aller Kraft, die ihr geblieben, stieß sie den Knecht zurück: „Rühre mich nicht an mit deinen blutigen, schamlosen Händen!" rief sie wild und herzzerreißend, dann wandte sie sich gegen die Richter und flehte: „Tödtet mich, aber martert mich nicht!" „Willst du gestehen?" fragte der Vicestuhlrichter und es war, als ob selbst den harten Fanatiker eine mildere Regung erfaßte, denn seine Stimme zitterte leise. „Alles, was Ihr wollt!" hauchte das unglückselige Opfer, dann war es ihr, als kreisten um sie her die Wände mit den entsetzlichen Werkzeugen und die ernsten Gesichter der Richter und ohnmächtig von der furchtbaren Erregung sank sie dem Büttel in die Arme, der sie, weniger rauh als es sonst seine Art war, auf den feuchten, schlüpfrigen Boden legte. „Laßt es genug sein, ihr Herren!" sagte der Vicestuhlrichter. „Wir brauchen nicht mehr" — erklärte der Dechant — „wir haben die klaren Jndicien. Das stl^ma cki-Golieum und ihr eigenes Geständniß, laßt uns das Urtheil sprechen!" Und sie sprachen es mit kaltem, unbeweglichem Sinne, während das bleiche wundersam schöne, bewußtlose Antlitz 134 prochaska's illustrirte Monatsbände. vor ihnen lag — es lautete auf Einäscherung mit gehendem Athem. Sandor Raday hatte indeß Alles in Bewegung gesetzt, um in Wien seine Absicht durchzusetzen, aber Schwierigkeiten aller Art traten ihm entgegen und darum verzögerte sich sein Aufenthalt in der Kaiserstadt länger als er gehofft hatte, und als es seine Ungeduld, Besorgniß und Sehnsucht glaubte ertragen zu können. Dabei wurde ihm immer klarer, daß auf diesem Wege nichts zu erreichen sei. So sehr man auch Antheil nahm an dem Schicksale des Mädchens, so gern man auch geholfen hätte, das Recht — und das war hart in jenen Tagen — konnte und mochte man auch hier nicht beugen, denn Eines war nicht zu beseitigen, das Zeugniß des Todten, das Wort des Niklas Raday und das war das Fürchterlichste für den Kronanwalt, daß sein eigener Vater das unabwendbare Verderben über dies unschuldige Haupt gebracht habe. Endlich gelang es ihm, selbst bis zum Kaiser vorzudringen; auch er vermochte nichts anderes zu sagen als seine Räthe und das Einzige, was Sandor erreichte, war, daß der Herrscher, falls die Strafe auf Einäscherung „mit gehendem Athem" lauten würde, dieselbe mildern wolle zum Tode im Gefängniß. So blieb dem Kronanwalt nichts übrig, als die Geliebte nach irgend einem fernen Flecken Erde zu bringen, seine Stellung preiszugeben und still und verborgen mit ihr zu leben. Und dazu war er entschlossen, wenn es für den strebenden Mann auch ein schweres Opfer bedeutete, aber ihrem und seinem Glücke wollte er es bringen. Er hoffte, unter irgend einer Verkleidung Jlka, die er in: Hause Gergelys wohlgeborgen glaubte, nach dem Westen zu bringen und seinen Schatz in einem stillen Alpenthal zu bergen. So reiste er mit Eilpserden von Wien ab und raste durch das Ungarland gegen Szegedin, wo er, wenn es anging, noch mit Jlka's Vater Rücksprache nehmen wollte. Er Die ksexe von Azegedin. von Anton Ghorn. 185 gönnte sich Tag und Nacht nicht Rast und endlich sah er eines Morgens die Thürme, Dächer und Häuser Szegedins und das rollende Silberband der Theiß. Der Kutscher trieb die Pferde lebhafter an, der Staub flog unter ihren Husen, näher kamen die braunen Häuser, und als man an den eriten vorüberfuhr, war eine seltsame Bewegung unter den MS ML Leuten und ein Glöckchen wimmerte wie klagend durch die Luft, so daß der Kronanwalt von plötzlicher Angst und Unruhe erfaßt ward: Es war die Armensünderglocke und läutete einem Verurtheilten zum letzten Gange! Am Abende vorher hatte Barany der Schließer einsam in seiner. Klause gesessen und war in einer merkwürdigen Aufregung. Die mochte wohl damit Zusammenhängen, daß er am Nachmittage, weil er es für seine Pflicht hielt, die 136 Piochaska's illustrirte Monatsbände. Räume genauer zu kennen, die seiner Obhut anvertrant waren, eine Besichtigung der Gefängnißlöcher vorgenommen. Er hatte in der Zelle gestanden, in welcher, wie er vom Büttel erfahren, sein Weib geschmachtet hatte und der rohe Mann war ergriffen gewesen von der Erinnerung, denn das Loch war finster, eng und unheimlich wie das Grab; er hatte den Raum betreten, aus welchem man den zweiund- achtzigjährigen weißhaarigen Stadtrichter zum Tode geschleift hatte und jenen, der einst Niklas Raday beherbergt hatte, und er schnüffelte allenthalben herum, als ob er verborgene Schätze finden wollte. Etwas mußte er wohl auch gefunden haben, denn er betrat keine Zelle mehr, sondern ging eilig hinab nach seiner Stube und ließ sich von seinem Jungen, der eben heimkam, den Abendtrnnk vorsetzen. Es war aber noch eines, was ihn aufregte. Er konnte weder im Schlafen noch im Wachen das Gesicht des jungen Weibes vergessen, das er selbst als Hexe durch die Gassen geschleift hatte. Das milde, Weiße Heiligenantlitz mit den wunderbar schönen, großen Augen verfolgte ihn geradezu, aber es war kein Mitgefühl mit dem herrlichen Kinde des Stuhlrichters, sondern eine wilde Begierde, die seine Seele erfüllte. Für den Besitz eines solchen Weibes konnte er, wie er meinte, seiner Seele Seligkeit geben — — doch das war ein thörichter, dummer Gedanke und morgen wurde das Weib an der Theiß draußen verbrannt und ihre Asche in das Wasser gestreut. Er wollte darauf vergessen und nahm ein altes Buch zur Hand, geschrieben und in braunes Leder gebunden, das er irgendwo in einem Winkel des Hauses gefunden hatte. Er klappte es auf und las mühselig, wohin ihm just die Augen fielen. Aber immer größer wurden diese, je länger er las und dann sprang er mit einem Male auf und tanzte wild in den: Raume herum, so daß der erschrockene Junge am Herde vermeinte, sein Vater sei besessen oder wahnwitzig geworden. Die Hexe von Szegedin. Don Anton Ghorn. 137 Der nächste Tag brach an und der Himmel war so klar und schön, als ob er keine Ahnung hätte von dem Frevel, der sich heute vollziehen sollte. Zur bestimmten Stunde that sich das Thor des finstern Gerichtshauses, das bereits von einer neugierigen und mitleidlosen Schaar umlagert wurde, auf und begleitet von dem Büttel trat die Verurtheilte heraus, hinter ihr der Vice- stuhlrichter und der Dechant und eine Anzahl bewaffneter Stadtknechte. Jlka trug das lange weiße Büßergewand, über welches das schöne dunkle Haar frei hinabwallte und ihr Antlitz war so licht, wie das Kleid an ihrem Leibe. Als sie den elenden Karren sah mit dem Sitz auf. faulem Stroh, der ihrer harrte, schauderte sie zusammen und indem sie zu dem Stuhlrichter sich wandte, bat sie leise: „O nicht dahinauf! Das riecht so entsetzlich nach armen Sündern! Laßt mich gehen, ich will stark sein! Es ist meine letzte Bitte!" Das klang so unendlich rührend, daß der Richter, welcher die Execution leitete, die Gewährung gab und langsam setzte sich - der Zug in Bewegung und die Sünderglocke begann zu läuten. Still, mit gesenktem Haupte, wie eine Heilige schritt sie einher und ans ihrem frommen, leidgequälten Angesicht lag ein ergreifender Zug der Resignation, der selbst seinen Eindruck auf die rohe Menge nicht verfehlte. Der Spott und Hohn, der sonst bei solchen Anlässen den Todesweg des Opfers noch verbitterte, verstummte hier, schweigend standen die Leute in den Gassen und in mehr als einem Herzen wollte es sich regen wie von Mitleid und Theilnahme und mancher Mund sprach vernehmlich zu dem Nachbar: „Sie sieht nicht wie eine Hexe aus!" Der Zug mußte vorüber an dem Hause des Stuhlrichters, es führte kein anderer Weg hinaus, und das war das Härteste für Jlka. Zögernd wurde ihr Schritt, je näher sie herankam an die Stätte ihrer Jugendfreuden, ihres versunkenen Paradieses, und flüchtige Bilder von Sonnenschein 138 prochaska's illustrirte lNonatsbände. und Glück zogen an ihrer Seele vorüber und füllten sie mit schmerzlicher Wehmuth: Ihr Vater, ihr Bruder — wie mochten sie klagen um die Unselige, die als Unholdin durch die Gassen geführt ward und die doch das Bewußtsein der Unschuld hatte. Und in diesem Bewußtsein durfte sie frei und rein das Auge emporheben zu den Fenstern zum letzten Abschied, zum stillen Segen für die Lieben dort oben. Mit unaussprechlicher Innigkeit sah sie hinauf nach den, wie sie meinte, verhüllten Scheiben und ein Zittern lief durch ihren Körper, denn ihr war's, als ob der eine Vorhang sich leise bewegt habe, dann preßte sie fest die Hand gegen das zuckende, blutende Herz, seuste tief und der Leidenszug ging weiter durch die lautlose Menge, die wohl ein Ahnen hatte von der furchtbaren Qual dieser Sekunde. Da erscholl ein lauter, herzzerreißender Schrei: „Haltet ein — mein Kind!" Und aus dem Hause des Stuhlrichters eilte im ungeordneten Anzuge ein alter Mann mit wehenden Haareil und hinter ihm ein zweiter in Dienertracht und sie brachen durch die erregte, selbst aufschreiende Menge und durch die überraschten Stadtknechte bis hin zu der Ver- urtheilten. „Mein Killd, mein liebstes Kind!" schrie der Erste noch einmal, und heiße Röthe rann durch die todblassen Wallgen des Mädchens, das sich hastig hernmwandte und mit dem wildeil, glücklicheil und doch zugleich jammervollen Ausruf „Vater!" ihm entgegenstürzte. Ja, es war der Stuhlrichter, aber er war hager und schlotternd und sein Haar schneeweiß — ihn hatten wenige Wochen zum Greise gemacht, so daß er alt anssah wie der schluchzende Diener, der hinter ihm stand und doch beinahe ein Viertelhundert der Jahre mehr ans dein Nacken trug. Fest, als wären sie in einander verwachsen, standen die Beiden umschlungen und keilles konnte ein Wort sprechen, aber es war ein Anblick, der selbst dem rohen Büttel eine Die 6exe von ^zegedin. von Anton Dhorn. 139 VE M ZW MW Rührung abzwang Mld der mit einetn Male das Mitleid der Menge entfesselte. Die Weiber, die es sahen, schluchzten auf und klammerten sich an die Männer und eine Stimme rief ans dem Volke: „Gebt sie los!" Der Stuhlrichter aber loste die Arme von dem Nacken seines Kindes, er warf sich nieder auf die Straße, hart vor den Füßen der Richter und flehte in herzbewegenden Tönen: 140 prochaska's illustrirte lNonatsbände. „O, tödtet mir mein Kind nicht! Habt Erbarmen, sie ist unschuldig!" Der Vicestuhlrichter selbst war tief erschüttert, aber ernst und mit erzwungener Festigkeit sprach er: „Das Gesetz hat gesprochen, dem Gesetze werde sein Recht, die Gnade ist bei Gott!" Ilnd wieder schrie der alte Mann: „Ich weiche nicht von der Stelle! Ueber meinen Leib sollt ihr erst wegschreiten müssen und immer will ich mich in Enern Weg Wersen und vor dem Scheiterhaufen ringe ich mit Euch noch um mein Kind, und wenn ich es nicht retten kann, stürze ich mit ihm in die Flammen und mein Blut kommt über Euch!" Er hatte es laut durch die Stille der Gassen gerufen, daß es mächtig in den Herzen des Volkes widerhallte, ein Murren erhob sich in der Menge, die näher herandrängte, so daß die Stadtknechte den Kreis fester schlossen und drohend ihre Waffen erhoben, da schrie wieder eine Stimme: „Laßt mich hindurch — ich habe ein Mittel, sie zu retten! Laßt mich durch!" Und aus dem dichter sich schaarenden Volke arbeitete sich der Schuster und Schließer Barany hervor, keuchend vor Aufregung und in seiner Linken hielt er ein altes Buch, in braunem Ledereinband hoch empor, auf das er mit der geballten Rechten dröhnend schlug. „Hier steht's geschrieben, hört, hört!" rief er überlaut, nachdem er sich bis ganz in die Nähe Jlka's herangedrängt hatte mit seinem aufgedunsenen Gesicht, und das Buch aufschlagend las er schwerfällig, langsam und in der Weise eines Marktschreiers: „Es ist ein altes Recht: ,So ein unverheiratet Weib um einer Blutschuld oder Hexerei willen zum Hochgericht geführt wird und findet sich ein unbeweibter Mann, der sie von dem letzten Gang hinweg allsogleich als sein ehelich Weib nehmen und ehrlich machen will, so soll ihr die 141 Die Hexe von Szegedin. Von Anton Ghorn. Todesstrafe erlassen sein, dafern sie, so sie eine Unholdin ist, dem Teufel abschwört und sollen sie beide auf der Stelle ehelich verbunden, aber gehalten sein, die Stadt und ihr Weichbild für alle Zeit zu meiden, widrigenfalls sie beide dem peinlichen Gericht verfallen/ — So steht's hier geschrieben in einem alten Rechtsbuche, hier nehmt und lest selbst — ich aber bin bereit, dies junge Weib als mein ehelich Gespons zu nehmen und mit ihr die Stadt zu meiden!" Lautlos hatte das Volk die Worte angehört, nun überkam es Alle wie ein Gefühl der Erlösung und hundert Stimmen riefen: „Gebt sie ihm! Laßt sie frei!" Der alte Stuhlrichter hatte kein Auge gewendet von dem rohen, braunen Gesellen, Widerwillen uud Ingrimm stritten offenbar in seiner Seele mit der Liebe zu seinem Kinde und mit der Furcht um ihr Leben und wie wahnwitzig kreischte er jetzt mit dem Volke: „Gebt sie ihm, gebt sie ihm!" Jlka nur stand wie gelähmt von neuem Entsetzen, ihr graute vor dem frechen Blick des Mannes, der ihrer begehrte und mit gerungenen Händen flehte sie zu ihrem Vater und zu den Richtern: „O nein, um aller Heiligen willen, nein — laßt mich sterben — ich kann nicht sein Weib werden — lieber den qualvollsten Tod!" Das Volk aber war erfüllt von dem Gedanken, sie zu retten, es rief stets aufs Neue: „Gebt sie los! Gebt sie los!" Der Vicestuhlrichter übersah rasch die Situation, er mußte einen gewaltsamen Eingriff der Menge fürchten, auch hätte er selbst um des alten Mannes willen, der einst in Ehren neben ihm gesessen, wie um der Jungfrau selbst willen die fürchterliche Execution gern unnöthig gemacht, darum wandte er sich rasch entschlossen dem schweigenden, finster dreinschauenden Dechant zu, der das alte Buch zwischen den Händen hielt und noch einmal die Stelle las. 142 Prochaska's illustrirte Monalsbände. „Der Brauch bestand und ist geübt worden in alten Tagen, wer soll uns hindern, ihn auch heute gelten zu lassen?" fragte der Richter. Der Dechant ließ sein Auge über den weißhaarigen gebrochenen Stuhlrichter schweifen, der flehend nach ihm hin sah und in einer weichen Anwandlung sagte er: „Es sei, wenn das Weib abschwört vor allem Volke!" Laut verkündete der Stuhlrichter das Wort; hell klang es über die bewegte Menge hin, wie eine Friedensglocke und das leichterregte Volk jauchzte auf, als wäre ein Segen gekommen über Stadt und Land. Der Büttel trat zurück von der Jnculpatin, Barany aber näherte sich lüstern mit dem glühenden, grinsenden Gesicht und breitete die Arme aus nach ihr, und dem gequälten, angsterfüllten Mädchen entrang sich ein lauter Ruf wie nach einer unsichtbaren, fernen Hilfe, dann aber schlug sie die Hände über das Gesicht und warf sich an die Brust ihres Vaters. In diesen Augenblicken rollte ein Wagen heran durch die Gassen und die Leute wichen zurück vor den Hufen der Pferde. In dem Wagen erhob sich die Gestalt eines jungen stattlichen Mannes, der einen einzigen Blick über die Menge schweifen ließ, eine Sekunde lang das weiße, schöne Angesicht der Verurtheilten schimmern sah und dann mit jähem Sprunge das Gefährte verließ und mit aller Kraft sich Bahn brach durch das Volk und durch die Knechte. „Jlka!" rief er mit einer Stimme, die aus der innigsten Tiefe einer liebe- und angsterfüllten Seele kam, das Mädchen aber zuckte auf bei dem Klange, öffnete weit die großen, entzückenden Augen und mit dem Aufschrei: „San- dor!" lag sie in seinen Armen, an seinem Herzen und lachte und weinte zugleich und wie er sie umschlang und immer enger an sich zog, da fühlte sie sich geborgen wie unter dem Flügel ihres Engels. „Was geht hier vor, was bedeutet das Alles?" fragte der Kronanwalt und ließ den Blick im Kreise gehen über Die tsexe von Szegedin. Don Anton Ghorn. 14 ^ die Richter, den schneeweißen Stuhlrichter und den frech sich vordrängenden Schuster. Mit wenigen Worten erhielt er Aufklärung und entrüstet rief er: „An den rohen Gesellen wollt Ihr sie schmieden — fühlt Ihr nicht, daß Ihr grausamer seid, als wenn Ihr sie tödtet? — Ist sie aus solchem Wege zu retten, wohlan, so nehme ich sie zum Weibe, auf daß auch ihre Seele lebe!" „Barany war der Erste, ihm muß das Recht bleiben, wofern er nicht freiwillig zurücktritt!" erklärte der Vice- stuhlrichter, der Schuster aber brüllte: „Mein ist sie und bleibt sie!" Und wieder drang er vor und legte die Fäuste an die Arme der unter der rauhen Berührung Aufzuckenden; Sandor Raday aber schleuderte ihn mit der Kraft des Zornes zurück, daß er taumelte und wankte, und ehe er noch wieder festen Boden unter den Füßen hatte, fiel aus seinem Gewände ein kleiner weißer Zettel und flatterte zu Boden. Der greise Stuhlrichter stand zunächst, er bückte sich, aber kaum hatte er einen Blick auf das Blättchen geworfen, als er aufjauchzte und mit dem ganzen Aufgebot seinerStimme rief: „Die Todten reden und geben Zeugniß, hört, hört!" Dann wankte er selbst und der alte Diener mußte ihn stützen, die Thränen rannen ihm aus den Augen und seine Hände falteten sich, nachdem er den Zettel dem Vicestuhl- richter hingereicht hatte. Der erbleichte, aber laut über alles Volk hin klang sein Wort: „Ich'sterbe ohne Lüge. Jlka ist unschuldig. Niklas Raday! — So steht's hier geschrieben mit zitternder, schwacher Hand, mit Blut von einem Nagel eingeritzt und es ist des Niklas Raday Schrift — das will ich selbst bezeugen!" Tiefe Stille herrschte über der ganzen Menge; die Ereignisse hatten sich gedrängt in dieser Stunde, aber das überbot Alles, was bisher geschehen war: die Todten gaben Zeugniß für die Unschuld, welche so viel gelitten. Vernehmlich zitterte es über die Lippen des Kronanwalts: „Ich danke 144 prochaska's illustrirte Nonaisbände. Dir, mein guter Vater!" Leise weinend vor Erregung und Glück lag Jlka an seiner Brust und der Stuhlrichter reichte ihm mit einem bittenden Blicke die Hand hin, welche er warm und lebhaft ergriff und nicht mehr losließ. Durch die Stille aber vernahm man auch das strenge Wort des Dechanten, der sich zu Barany wendete, welcher wie erstarrt vor dem Geschehenen, keiner Bewegung fähig dastand: „Woher stammt dieser Zettel?" „Gnade, Erbarmen! — Gestern habe ich ihn gefunden in des Niklas Raday Gefängniß, hinter dem Bette, an der Wand!" „Und hast ihn verheimlicht und das Zeugniß des Todten für eine Unschuldige unterschlagen wollen?" donnerte die Stimme des Vicestnhlrichters und die Menge brüllte auf vor Wuth und Ingrimm und drang mit geballten Fäusten nach dem Unseligen vor, den die Stadtknechte vergebens schützen wollten. Ein wüstes, wildes Ringen — ein tobender Knäuel, aber ehe man an Barany herankam, dessen Gesicht in furchtbarer Erregung blauroth geworden und dessen Augen stier aus den Höhlen traten, brach er mit einem Male, wie vom Blitz getroffen zusammen. Gott selbst hatte gerichtet. Aber der Fanatismus wollte sein Opfer haben. „Werft das Scheusal auf den Scheiterhaufen!" schrie Einer und die empörte Menge jauchzte wilden Beifall und durch alle Schranken brach die zügellose Erregung. Während Jlka von ihrem Vater und dem Kronanwalt langsam durch das Volk geführt wurde, das ehrfurchtsvoll Platz machte und zum Theil fogar das Armensündergewand der Jungfrau wie zur Sühne mit den Lippen berührte, schleiften rohe Fäuste den Leib des Schusters durch den Staub der Gasse hinaus an die Theiß, warfen ihn auf den Scheiterhaufen und bald leckte und loderte die gefräßige Flamme höhnisch zischend an ihm empor. Und als alles niedergebrannt und verkohlt war und als die Menge sich verlaufen hatte, stand nur noch 145 Rörperschöicheit und Gesittung, von L. Pani ein heulender Junge an der Stelle — derselbe, dessen übereilte Zunge Vater und Mutter auf den Scheiterhaufen und unsägliches Elend über die ganze Stadt gebracht hatte. Der Kronanwalt aber zog mit seinem schönen jungen Weibe, begleitet von deren Anverwandten, nach Wien, und der Fischer Gergely besaß von jener Zeit ab ein schönes Haus und Rebland in Szegedin. ÄökMWüjcil mk> KWmlg. Von Crvatd Paul. mrperschönheit und Gesittung sind nach der Auffassung vieler Leute Dinge, die immer und überall znsammengehören. Zu allen Zeiten haben große Weltweise in beredten Worten vom Einklang jener beiden vortrefflichen Eigenschaften gesprochen und diese Lehren fanden allgemach mehr und mehr Boden in der breiten Masse. Manchem Menschen, der obenein vielleicht hier und da einmal ein paar zur Schau gestellte, abstoßend häßliche Wilde vor die Augen bekommen, ging das gewaltig in die Krone nnd er legte sich stracks die Einbildung zurecht, daß die wilden Bewohner unseres Erdballs durchwegs häßlich sein müßten, die gebildeten Menschen aber jenen gegenüber stets durch Schönheit triumphirten. Aber die Sache liegt denn doch nicht so schroff, als man sie gemeiniglich aufsaßt. Auch will Bildung und Gesittung unterschieden sein. Gebildet ist Mancher, ohne darum gesittet zu sein. Wahre Gesittung — das muß man wohl sagen — bringt immer Schönheit mit sich. Wahre Gesittung bezeichnet einen Einklang im Fortschritt, eine vollkommene Ausgestaltung, aber wo finden Nur denn einen Einklang im Fortschritt, eine allseitige, eine harmonische Ausbildung? In dem langen Laufe jener Gern. Io 146 prochaska's illustrirte Mc>natsbän!)e. schichte, welche die Entwicklung des Menschenthums angeht, macht sich immer eine gewisse Einseitigkeit und zuweilen sogar eine recht arge Disharmonie bemerkbar und nur einmal, nämlich im Zeitalter der Römer und Griechen, läßt sich ein kräftiger Anlauf zu vollkommener, den körperlichen wie geistigen Bedürfnissen Rechnung tragender Ausgestaltung erkennen. Jedoch auch diese begabten Völker vermochten nicht auf ihren großartigen Fortschrittspfaden zu beharren und gingen am Ende gleich den anderen im Strudel der Alltäglichkeit, in einen: Dasein, welches des edlen Strebens, der Harmonie, ermangelte, unter. Das Naturgesetz will eine harmonische Entwicklung. Wer sich mit der Schöpfung des Näheren beschäftigt, erkennt solches Drängen in vielen Richtungen. Hunderte von Völkern, Millionen voi: Menschen sind im Weltall bereits untergegangen und werden fernerhin untergehen, weil sie den Winken der Schöpfung nicht zu folgen vermochten, jenen Winkeil, welche uns auffordern, alle unsere Kräfte und Vorzüge zur Entwicklung zu bringen. Die Natur trifft eine Allslese, sie läßt die Schwachen und Unvollkommenen zurückweichen und erliegen vor den Begabteren und Stärkeren, weil sie die höchste Vollkommenheit anstrebt. Solch' ein „Kampf um's Dasein" herrscht seit den: Anbeginn der Welt und er hat keinen anderen Endzweck als den, daß die Lebewesen und allen vorm: die Menschen sich mehr und mehr — entsprechend ihren Daseinsbedingungen wenigstens — verbessern. Unsere Zeit hat riesenhafte Fortschritte gemacht, niemand wird das leugnen, aber dem Gipfelpunkte der Vollkommenheit stehen wir noch immer sehr fern. Auch unsere Lebensperiode ist des Vorwurfes der Einseitigkeit theilhaftig. Die Maschinen und Erfindungen, deren wir uns rühmen, habeil uns mehr Muße und mehr Reichthum gebracht, und sie haben offenbar den Zweck, uns voll harter körperlicher Arbeit, welche durchaus nicht geeignet ist, die Type der 147 Körperschöicheit imd Gesittung. Von L. Pont. Menschheit zu veredeln, zu entlasten. Sie sollen uns die Zeit und die Mittel zu wahrer Körper- und Geistespflege geben. Das ist aber mißverstanden worden. Die Menschen von heute haben im Vollgenusse all' der Freiheiten, Annehmlichkeiten und Erleichterungen des modernen Daseins die Pflichten gegen ihre, dank der Maschinencultur wenig beschäftigte, Körperlichkeit vergessen. Man ist im Rausch der die Nerven so vielfältig beanspruchenden Civilisatiou der Anforderungen des körperlichen Organismus uneingedenk geworden. Niemals hat man mehr Krankheiten und Gebrechen gekannt als in unseren Tagen! Und woher kommen diese Krankheiten und Gebrechen? Aus dem Mangel an Körperthätigkeit einerseits (die vielen Erfindungen der letzten Jahre haben das Dasein ungemein bequem gemacht, man legt die Hände in den Schooß und läßt die Maschinen für sich arbeiten), und ans der einseitigen Nervenanspannung, dem Hasten und Jagen nach Gewinn andererseits. Mail hat durch die Maschinen die Menschen nicht, wie das Schicksal wollte, freier gemacht, sondern Hunderttausende zu Sclaven herabgedrückt, die sich im Schweiße ihres Angesichts mit der Erzeugung von Nichtigkeiten abmühen, die ihre Gesundheit, ihr körperliches Gedeihen daransetzen, uni Bedürfnisse zu befriedigen, welche in ihrer Mehrzahl der Wohlfahrt ihrer Verbraucher durchaus nicht dienlich, sondern sogar schädlich sind. Unsere Gesittung steht Alles in Allem ans einem hohen Stande, wir haben ausgezeichnete Schulen, ein treffliches Bildungsmateriale, gewiß; in keiner Zeit war wohl ein größeres Gelehrtenpnblicum, ein regeres Interesse an wissenschaftlichen Dingen, ein eifrigeres Bemühen um die Aufklärung und Belehrung der breiter: Masse vorhanden als dermaler:. Nirgendswo, auch in: elastischen Griechenland nicht, ward mehr Nervenkraft verbraucht, mehr über die höchster: Probleme der Menschheit gegrübelt, mehr für der: Fortschritt gekämpft als in unseren Tagen. Wir rühmen 148 Hrochaska's illustrirte tllonatsbände. uns mit Recht unserer hohen Cultur, wir preisen unsere Gesittung als eine solche, welche die ganze Welt in Erstaunen setzt, von unserer Schönheit hingegen wissen wir sehr wenig zu reden. Wenn bei den modernen Cnltnrmenschen die Gesittung mit der Körperschönheit gleichermaßen fortgeschritten wäre, mußten wir auch hinsichtlich unserer Außenseite über die unserer Cultur fernstehenden Völker triumphiren. Daß das nicht der Fall ist, daran sind nur wir selbst schuld, denn wir mißverstehen und mißbrauchen jene Erleichterungen, die die Gegenwart gewährt. Anstatt das, was die Hochcultur unsrer Zeit an Guten: bietet, dankbar aufzunehmen und sich dabei zu bescheiden, sehnen sich die Menschen in einer krankhaften Habgier nach immer größerem Besitz. Der Main:, der einige Zehntausende in seinem Vermögen hat, will einige Hunderttausende sein Eigen neunen und der, welcher diese sein Eigen nennt, begehrt nach Millionen. Man klagt über schlechte Zeiten und doch könnte die Menschheit eii: behagliches Dasein führen, wenn sie die Geschenke, die ihr durch unsere wohl zweifelsohne glänzende Civilisation geworden, in der rechten Weise verwendete. Aber da erstehen immer neue Genüsse und Wünsche und was der Eine hat, möchte der Andere haben, das mehrt dann die Sorgen, macht den Neid wachsen, rninirt die Nerven, fördert die Häßlichkeit. Um Bedürfnisse, die wahrlich nicht zu des Lebens Nothwendigkeiten gehören, hat sich schon mancher Mensch, manche Familie, mancher Staat, manche Race ihrer besten Kräfte beraubt. Wenn man einen grellen Widerspruch zwischen Gesittung und Körperschönheit beobachten will, muß man nach den Aankee-Staaten gehen. Kein Land ist schneller in seiner Cultur vorwärts geschritten als Nordamerika, kein einziger gesitteter Staat aber ist ärmer an schönen Erscheinungen als gerade jene Wege:: ihrer Reichthümer, Fortschritte und Productionskraft bewunderte „neue Welt." Die Sucht vorwärts zu kommen, 149 Aöiperschcnhlit mW Gesitlimg. L. j?cnis. das heißt seinen Geldsack nach Möglichkeit zu füllen, überwiegt drüben alle anderen Strebungen und prägte sich naturgemäß auch in den Physiognomien, an den ganzen Erscheinungen der Menschen aus. Der hagere, kühle, sich mit Gewalt zur Ruhe zwingende und doch inwendig vor Berechnungen und Plänen fiebernde, von Grund aus nervöse Dankee ist das Charakteristikum unsrer auf falscher Fährte vorwärts eilenden Maschinencultur. Dieses fortwährende Grübeln überreizt den Geist, das amerikanische Speculanten- und Calculantendasein ist etwas Einförmiges, welches das Nervensystem erschlafft und dadurch jene Kräfte beeinträchtigt, deren man zur vollkommenen Entfaltung seines Ich benöthigt. Selbst auf die Weiber wirkt das schon zurück, die doch im Allgemeinen gerade in Nordamerika sehr viele Freiheiten genießen, mehr Vergünstigungen sogar als bei uns in Mitteleuropa, und die dennoch nicht mehr allzuviel von jenen körperlichen Eigenschaften der Frische, Behendigkeit und Schönheit besitzen, mit denen die Natur das zarte Geschlecht von allem Anfang an so reichlich bedacht hat und die in unseren Tagen so unüberlegt und meist ohne jeden Zwang zu Falle gebracht werden. Die Nordamerikanerin, noch deutlicher gesagt, die Frau und Tochter des Mnkee ist eben schon zu viel vom Geist und Gedankengange des männlichen Theiles ihrer Race gefangen genommen, trägt äußerlich Kühle zur Schau, während sie innerlich nervös und berechnend ist wie der echte Speculant, spielt die Selbständige und reist in der Welt herum, ohne Vortheile davon mit nach Hans zu bringen, Zeigt den Hochmuth, der jenem so schnell und — das darf nicht vergessen werden — auf anderer Leute Kosten groß gewordenen Volke eigenthümlich ist, und verliert über allen Aenßerlichkeiten mehr und mehr Natursinn, Schönheit und wahres Glück. Das ist überhaupt ein Kennzeichen der sonst durch ihre Regsamkeit, Energie und Findigkeit vielfach imponirenden Nordamerikaner, daß sie des Verständnisses für Naturschönheit entbehren. Man mag sie 150 Prochaska's illustrirte Monatsbände. in die schönsten Gefilde unsres Planeten entsenden, sie werden doch wenig Sinn für unsres Herrgotts Wunderwelt an den Tag legen und am Ende nur berechnen, was sich aus diesem und jenem Paradiese Alles in baarer Münze heransschlagen lasse. In den Mnkeestaaten dominirt die einseitige Ma- schinencultur und wenn sie auch Reichthum und viele Erleichterungen in's Land bringt, so raubt sie doch das Beste: den Sinn für das Schöne und füglich das Schöne selbst. Musik und Kunst werden drüben nie eine große Rolle spielen können, weil auch die Körperschönheit dort keinen guten Boden hat und nur der immer rührige Geldgeist wühlt. Jene Cultur, wie sie in Amerika geschaffen worden und wie sie theilweise auch bei uns sich breitzumachen strebt, eignet sich nicht zur schönen Leibesgestaltnng, dient nicht der wahren Gesundheitspflege. Der Geist wird dabei übernommen, die Nerven müssen in solcher Entwicklung zu viel arbeiten, das beeinträchtigt also die Gesundheit und was auf diese hinderlich wirkt, hemmt auch den Wuchs und die Ausbildung der Körperformen. Darum das Klagelied der Hygieiniker, daß in manchen Jndustriegegenden, so z. B. im Sachsenlande, das einst der Sitz großer Menschen war, die Gestalten immer kleiner und dürftiger werden. Die Militärbehörden aller jener Länder, in denen Industrie die meisten Menschen in ihren Bann zwingt, wissen genug zu berichten von dem Rückgänge des Körpermaßes, von der Zunahme der Gebrechen bei deren Bewohnerschaft. Die Menschen werden also vielfach kleiner und häßlicher bei .der modernen Gesittung. Das ist doch füglich kein harmonisches Vorwärtskommen! Auf der einen Seite Zeigt sich uns, daß die Menschen unter dem Drucke der gegenwärtigen Lebensanschauungen zu viel arbeiten müssen. Das ist aber einseitige Arbeit: die moderne Jndustriethätigkeit, welche Dutzende von Millionen Menschen zu entsagungsvollem Schaffen zwingt, zu einer Thätigkeit, die viel Schweiß und Fleiß fordert und den Meisten schlechten Lohn trägt, mithin Ueberarbeitung, ein- Aörperschönheit und Gesittung. ^>on L. Paul. 151 seitige Kräfteausbildung und — mangelhafte Ernährung oft vereint. Die Industrieländer haben weit weniger gesunde und hübsche Menschen als jene Gegenden, in denen das Großgewerbe und die Speculation nicht dominiren. Ueberäll ist ein Beweis für diese Behauptung zu finden. England ist gewiß ein Land des äußersten Handels- und Gewerbe- fleißes, aber wie wenig hübsch ist seine Bevölkerung! Wie selten begegnet man einem hübschen Engländer, wie selten einer nicht blos mit niedlichem Gesichtchen ausgestatteten, sondern auch in allen Körperformen schönen Engländerin! Unter Tausenden und Zehntausenden muß man da schon suchen. Die heutige Cultur hat über die niederen Volks- classen viel Mühsal, Elend und Dürftigkeit gebracht und das muß häßlich machen. Andauernde Beschäftigung in Fabriken bei schlechter Ernährung und geringer Körperpflege, bei o Mangel an Luft, Licht und Wasser behindert unter allen Umständen die freie Entwicklung der Leibesformen. I. Sr. Coronel hat durch Messungen festgestellt, daß die Fabriksarbeiter der Niederlande kleiner sind als die Bauern und Landarbeiter. Ja, selbst die Kinder der Ersten haben ein geringeres Körpermaß als diejenigen der Anderen. In den Spinnereien und Webereien erblickte der genannte Forscher ältere Arbeiter, deren Statur Verhältnisse bekundete, welche von jenen normaler Menschen sehr unvortheilhaft abweichen. Die Culturschäden übertragen sich von den Eltern auf die Kinder und Kindeskinder und entarten solchergestalt eine ganze Raee oder Nation. Auch der Mittelstand und die besseren Elasten haben in unseren Tagen erhebliche Körperschädigungen erfahren. Die Maschinen haben ihnen zu viel Arbeit abgenommen und man hat keine andere Körperbeschäftigung gesucht, sondern sich in den breiten Strom der modernen Genüsse und Vergnügungen gestürzt. Der Körper kann aber nicht ohne eine gewisse regel- l52 prochaska's illustrirtc Monatsbände. mäßige Muskelarbeit sich formen und schön gestalten. Die Krankheiteil der Jetztzeit sind ein Heer von Verdauungsstörungen und Brustübeln, die alle nur auf mangelhaften, resp. unrichtigen Gebrauch der einzelnen Organe Hinweisen. Des Weiteren legen sich die mittleren und höheren Volksschichten zu viel Geistesarbeit auf, der Drang nach Wissen ist ein großer, aber die Eitelkeit ist noch größer, der Wunsch, dem Anderen auch hinsichtlich der Intelligenz und nicht blos in Bezug auf den Geldbeutel vorauszusein, treibt krankhafte Blüten. Das wahre Bildungsstreben wird in den Hintergrund gedrängt, man denkt nicht mehr viel all ernstliche Ausbildung, sondern mall pflegt nur die Einbildung. Mall ist eben geistig gleichermaßen oberflächlich wie in Ansehung seiner Körperlichkeit. Und stammt nicht aus dieser Eitelkeit, sich mit Kenntnissen zu brüsten, für die man nicht reif ist und die mail nicht braucht, die Fluth voll Nervenplagen, welche in unserer Culturepoche anferstand und auch nur in dieser anferstehen konnte und die uns wiederum die bestell Kräfte verzehrt! Wir beobachten in allen Staaten, die geistig all- znhohe Anforderungen an den Menschen stellen, dabei aber demselben nicht jene Verhältnisse gewähren, welche ihm einen Ausgleich dieser Ueberanstrengung der Nervenkraft durch all- gemessene Leibespflege gestatten, daß dort die Gestalten, deren kennzeichnende Eigenthümlichkeit Entartung, Abweichung voll der Natur ist, immer häufiger anftreten. Die maßvoll fortschreitende Gesittung ist der Leibes- sornl keineswegs schädlich. Im Gegelltheil kann sie sehr wohl den Menschen auch körperlich außerordentlich vorwärts brillgeil, wenn sie nur in den richtigen Schranken gehalten wird. Eill Forscher Namens Wiesemann erzählt u. A., daß bei den Sclaven Nordamerikas die Verhältnisse der Körperformen durch den Einfluß feinerer Beschäftigung sich entschieden besserten. Die Schwarzen nämlich, welche seit etwa hundert Jahren, als drei Geschlechtsfolgen, häusliche Dienste verrichten, besaßeil weniger aufgeworfene Lippen und längeres 153 Körperschönheit und Gesittung. Ocm L. Paul. Haar, als die Sclaven, welche mit Feldarbeit sich zu beschäftigen hatten. Die Letzteren bewahrten sich alle ihre ursprünglichen Eigenthümlichkeiten. Unsere, der Hochcultur im Allgemeinen sehr fernstehenden Landleute und Bauern sind dank der schweren Arbeit, welche auf ihnen lastet, auch meist keine gar zu schönen Menschen, indessen haben sie sich Naturgefühl und Frische bewahrt. Ist es ihnen nun möglich, sich ihrer schweren Körperpflichten zu entledigen, ihrem Leibe ein Theil Arbeit abzunehmen und ihrem Geiste etwas mehr Arbeit aufzuerlegen, so gibt das in Summa mehr Harmonie in der äußeren Erscheinung. Daher kommt es denn, daß die Landlente, welche in die Stadt übersiedeln, dort für ihre äußere Gestaltung ungemein gewinnen. Das städtische Dasein hat also seine großen Vortheile, das soll und kann nicht bestritten werden. Wie die Gesittung die Körperschönheit vortheilhaft zu beeinflussen vermag, das zeigt uns manche Großstadt. Ich erinnere an Wien und München, zwei Städte, die sehr reich an hübschen Figuren, namentlich an hübschen und sogar schönen Weibern sind. Ich will ferner auf Paris verweisen, das ich in gewisser Hinsicht, nämlich in Bezug auf das schöne Geschlecht noch vor diese Orte stellen möchte. Woher kommt die große Schaar schöner Gestalten in derartigen Orten? Erstens aus den bequemen Daseinsbedingnngen, die eine solche Großstadt verschiedenen tausend Menschen bietet. Man weiß es ja: die Schaaren der um's tägliche Brot von Früh bis spät tüchtig Schwitzenden und die Menge derer, die eigentlich nur sehr wenig Arbeit, hingegen erstaunlich viel Freiheiten und Bequemlichkeiten haben, zeigen sich in einer Großstadt dicht nebeneinander. Zweitens ans den gewählten Nahrnngs- und Genußmitteln, die an solchen Orten zusammenfließen und gewöhnlich ohne Aufwendung größerer Mittel dort zugüngig sind; ferner verdankt man die schönen Figuren der Großstadt den vielen Gelegenheiten zur Körper- und Geistesbildung, die die 154 prochaska's illustrirte lNonatsbände. letztere bietet. Die schönen Gestalten der Großstadt sind zum gewichtigen Theil Knustschöpfungen, sie sind durch oft große Pflege zur Entwicklung gekommen. Die Pariserin verdankt ihre schöne Figur zweifelsohne sehr wesentlich ihrer Tanz- leidenschast. In Paris wird noch mehr getanzt als in Wien und — der Tanz ist ästhetische Gymnastik. Außerdem steht die Pariserin in dem Gerüche der Feinschmeckerei, wie Paris der Hort der Gourmands ist. Sie weiß gut zu leben und ihre Nahrung zu wählen. Brillant-Savarin, der einer der größten Gourmands war, bemerkt dazu noch: „Der Hang des schönen Geschlechtes zur Feinschmeckerei ist eine Art Jnstinct, dein: die Feinschmeckerei ist der Schönheit zuträglich. Eine Reihe genauer und unwiderleglicher Beobachtungen hat den Beweis geliefert, daß eine kräftige, auserlesene und sorgfältig zubereitete Nahrung die äußern Zeichen des Alters sehr lange hinausschiebt und fernhält. Sie verleiht den Augen mehr Glanz, der Haut mehr Frische und den Muskeln größere Spannkraft, und da es nach den Lehren der Physiologie feststeht, daß nur die Erschlaffung der Muskeln die Runzeln, diese furchtbaren Feinde der Schönheit, erzeugt, so darf man kühn behaupten, daß unter sonst gleichen Umständen diejenigen, welche zu speisen verstehen, immer zehn Jahre jünger erscheinen als die, denen diese Wissenschaft fremd ist." Findet man nun in Paris viele schöne Erscheinungen, so zeigt sich in Lyon und Marseille schon weit weniger Harmonie in der Äußerlichkeit. Lyon ist Fabriksstadt in erster Linie, Marseille triumphirt als Handelsort. Das Schönheitsgefühl und also die Schönheit selbst ist in diesen beiden Siedelungen in weit geringerem Maße herrschend als in der Metropole des Franzosenthums. Der Fortschritt ist in den Handels- und Industriestädten gemeiniglich ein gar zu einseitiger. Die Cultur wird da sozusagen gemißbraucht. Wien hat zwar hübsch viel Industrie und Commerz, aber man Aörperschönheit und Gesittung, von L. Paul. 155 treibt die Sache hier viel weniger in's Extrem als anderswo und versteht dabei zu leben. Ueberall, wo die Cultur gemißbraucht wurde und des Menschen Freiheiten unter einem Joch von Sorgen allzusehr beeinträchtigt werden, mindert sich die Harmonie in der Aeußerlichkeit. Die böhmischen Jndustrieorte z. B. weisen viel weniger Schönheiten auf als jene Orte, in denen weniger mit Dampf gearbeitet und gelebt wird. Gesittung, welche Noth im Gefolge hat, kann nie veredeln. Je weniger Noth und Sorgen die Menschen haben, desto besser können sie sich entfalten. Die Irländer waren vor zweihundert Jahren, vorwiegend von Landwirthschast lebend, znm großen Theil hübsche und glückliche Menschen, jetzt sind sie trotz aller Aufklärung meist sehr verkommene Wesen. Prichard nennt die Bewohner von Sligo und dem nördlichen Mayo Gespenster von einem Volke, das einst gut gewachsen, starken Körpers und hübsch war: In den wenigen anderen Theilen Irlands, wo die Bevölkerung niemals so gedrückt ward und ans gutem, fruchtbarem Boden verblieb, liefert dieselbe Race die vollkommensten Beispiele menschlicher Schönheit und Kraft, sowohl in geistiger als in leiblicher Beziehung. Die Schönheit braucht zu itrer vollen Entfaltung eine gewisse Sorglosigkeit und Freiheit. Wo diese Dinge fehlen, gibt es auch keine volle Entfaltung des äußeren Menschen. Beim weiblichen Geschlechts entwickelt sich die Körperlichkeit viel eher im günstigen Sinne als bei dem männlichen, weil dem ersteren im Allgemeinen ein weniger mühevolles, ab- spannendes Dasein Vorbehalten bleibt. Der Mann ist es vor Allem, dem die Sorge um die Erhaltung der Familie, um die Befriedigung der vielen, tagtäglich wachsenden Bedürfnisse derselben obliegt und dabei ergibt sich mur zu oft Nervenüberbürduug und mangelhafte Körperpflege. Hat die Frauenwelt unter großen Sorgen zu leiden, so ist das häufig ihre eigene Schuld. Die Gesittung unserer 156 prochaska's illustrirte Monatsbände. Tage bringt wechselnde Moden und andere Lnxusansprüche, denen man Nachkommen will ans Eitelkeit und denen man nachkommt auf Kosten der Gesundheit und Schönheit. Wo das Geld in die Modewaarenläden geht und die Nahrung in entsprechendem Maße eingeschränkt wird, da werden auch die Körperformen schwache, da bleibt auch die volle Rundung der Gestalt aus. Sorgen machen schlaffe Muskeln. Mangelhafte Ernährung bewirkt das Gleiche. Man erfand die Schnürlciber, um eine schönere Taille herauszubringen, viele aber haben jetzt diese Dinge nöthig, um ein schlaffes Muskelsystem zu stützen. Ja, mail erfindet sogar schon Apparate, um auch das beim modernen Leben wenig kräftige Knochengerüst, zumal die Wirbelsäule zu stützen und so der bereits sehr häufigen krummen, auf Schwäche deutenden Körperhaltung ein Ende zu machen. Bei einem natürlicheren Leben, einer besseren Leibespflege, eurer arideren Costümirung wäre eine Schnürbrust gar nicht nöthig. In den classischen Zeiten, wo man noch keine Einschnürung des Leibes kannte, hatte man wunderbare Figuren, herrliche Schönheiten, die unseren Künstlern heute noch als ideale Gestalten erscheinen. Die Museulatnr war dazumal prächtig abgerundet und die garrze Erscheinung des Weibes ergab dabei — obzwar die Taille nicht zusammen- gezwärrgt wurde, sondern irr ihrem natürlichen Umfange sich zeigte — eirr durchaus harmonisches Bild. Wir aber suchen nach Künsteleien und irr dem Wunsche, die Natur zu unterstützen, mißbrauchen gar viele ihre Leibesformen. Wir gehen zu weit irr der Einengung der Taille und daraus entsprießt kein dauernder Segen für die Schönheit. Krankheiten und Verkrüppelungen erwachsen daraus und — Krankheiten und Verkrüppelungen sind niemals schön. Die Krankheiten des heutigen weiblichen Geschlechts sind zu einem großen Theil der Schnürbrust auf's Corrto zu setzen. Dr. Decaisne erzählt im Figaro: Aörperschönheit und Gesittung, von L. Paul. 157 „Ich habe in Rom die Venus des Capitols, in Florenz die medicäische Venus gesehen und in Paris die Venus von Milo, dieses reine Juwel unseres Alterthums-Museums bewundert. Was doch bei diesen unverwüstlichen, das Ideal der weiblichen Schönheit darstellenden Meisterwerken in Erstaunen setze:: muß, ist der Umstand, daß bei keiner dieser säst göttlichen Statuen eine schmale Taille zu finden ist." Von den Frauen auf Cuba erzählt von Sievers: „Trotzdem, daß nie ein Corset die Gestalt der Frauen auf Cuba verschönte, oder — weil nie eine Schuürbrust ihren Körper verunstaltete, gewahrt er den doppelten Reiz natürlicher Form und freier Bewegung." Als beweisbringend dafür, daß unsere Gesittung eine einseitige, nicht immer dem Körper dienliche ist, mag der Umstand gelten, daß jene Länder, die weit weniger Cultnr haben als wir, viel mehr schöne Gestalten aufweisen. Ich erinnere gleich wieder an Cuba, an die spanische Kreolin dort, von der der oben genannte Schriftsteller sagt: „Sie ist von mittlerem Wuchs, von fülliger Gestalt und weicher Gesichtsfarbe, die in ihrem sammetigen Anfluge zu der: schwarzen Augen, dein leuchtend bläulichen Haar wunderbar stimmt. Die Stirne mehr breit als hoch, die Nase fein und gerade, die Lippen knapp geschnitten, der Busen voll und frei, die Taille schlank, doch unbeengt von künstlichen Mitteln." Je weiter man nach dem Süden geht, desto mehr- schönen Erscheinungen begegnet man. Und doch ist die Cultur im Norden viel höher als in den Ländern, wo die Sonne herrscht. Ungarn, Italien, Rumänien, Spanien, der ganze Orient — sind diese Gegenden nicht überreich an schönen Frauen? Das Weib kann sich dort freier entfalten, genießt mehr Ruhe, sorgt sich weniger als die Frau des Nordens um Kleinigkeiten. Ueberall da, wo die nüchterne Maschinen- cnltnr ihren Einzug hält und der Geldsack über die Liebe, die Schönheit, das warm empfindende Leben triumphirt, 1ü8 prochaska's illustrirte Monatsbände. überall da, wo sich enge Fesseln um das lebhaft pulsirende Menschenherz legen, geht auch die harmonische Entwicklung zurück. Wir ermangeln bei aller Großartigkeit unseres Zeitalters doch des Ebenmaßes im Vorwärtsschreiten. Der Geist eilt voran und der Körper bleibt zurück. Wir drängen aus der freier: Natur in die engen Städte, die immer riesenhafter in die Breite und — in die Höhe wachsen. Ir: Amerika hat man bereits zwölfstöckige Häuser errichtet. Die Cultur schafft Großstädte und in der: Großstädte:: müssen Millionen von Menschen die längste Zeit ihres Lebens hinter den Mauern, im Bureau, in der Werkstatt, im Fabriksraun: verbringen. Aus den Arbeitsräumen eilt man in die Kneipen und Vergnügungslocale, die halbe Nacht und oft die ganze wird wiederum fern der frischen Luft zugebracht. Dergleichen untergräbt selbstverständlich die Gesundheit und Schönheit. Beobachten wir nicht in den Millionenstädten selbst in jenen Kreisen, die sich des äußersten Luxus erfreuen, häufig eine graue, der Tünche bedürftige Gesichtsfarbe ! Sind nicht selbst die mit den schönsten Körperformen bedachten, von Grund ans gesunden Frauen oft gezwungen, ihren Teint zu verbessern? Woher kommt das? Aus den: Mangel an Licht, an Sonnenschein, an frischer Luft. Das moderne Leben ist oft ein Fledermansleben: der Tag wird zur Nacht und die Nacht zum Tag. Und sind nicht auch die Thiere und Pflanzen, welche in der Nacht leben und an: Tag schlafen, grau, hingegen diejenigen, die das Tageslicht, die Sonne, die Luft in vollen Zügen kosten, farbenprächtig ! Wir leben in engen Häusern, in engen Gassen und genießen die Freiheit und Schönheit der Natur, die Sonnenstrahlen und die reine Atmosphäre nur viertelstundenweise. Das ist unser Schaden! Es ward noch zu wenig über den Einfluß des Lichtes und der Luft auf Körperschönheit und Gesundheit nachgedacht. Dort, wo die Sonne ihren Einfluß ans die Lebewesen 159 i Aörperschönheit und Gesittung. Von L. Paul. voll und ganz zu entfalten vermag, erblickt man weit üppigere Formen und frischere Farben. Wir sollten mehr Sonne genießen und wir würden gesünder und schöner sein. Wir sollten auch mehr frische Luft kosten, um unsere harmonische Entwicklung zu fördern. London ist ein Ort, an dem die Nebel ihre Macht entfalten, die Sonne und eine reine, durchsichtige Atmosphäre aber seltene Erscheinungen sind. Und wie wenige schöne Gestalten findet man dort! Die Hygieine der Zukunft wird auf die freie Luft und das natürliche Licht einen erhöhten Werth legen müssen. Auch die Tracht spricht bei der Ausgestaltung des Körpers ein Wort mit. Die Engländerinnen und andere nordische Vertreterinnen des schönen Geschlechtes tragen sich bis oben hin zugeknöpft, lieben die enganliegenden, hoch- hinaufgreifenden Kleider,, benöthigen derselben zum Theil auch wegen des Klimas, übertreiben aber doch und halten ^ damit zugleich die Entwicklung ihrer Formen zurück. Im Norden begegnet man weit mehr schmächtigen Fraueugestalten als im Süden, wo die freie, leichte Kleidung auch die Ueppig- keit im Wüchse znläßt. Die Fülle von Krankheiten und Gebrechen, welche die Culturländer, die Staaten mit höchst gebildeter Bevölkerung heimsucht, lehrt zur Genüge, daß wir in den Fortschritten kein Ebenmaß kannten und sie mag eine Warnung > sein, von der falschen Bahn herabzuschreiten und den Weg I eines harmonischen Vorwärtsstreberls anzntreten. Eine aus ! den Kreisen der Gebildetsten heraus sich bemerkbar machende Bewegung unserer Tage, welche auf eine verständige Körperpflege in allen Volksschichten abzielt, deutet all, daß man ^ eine Hauptwurzel der modernen Uebel bereits erkannt habe, ' und diese Bereitschaft, gegen, eine weitere Kraft-und Schön- heitseiubuße energisch anzukämpfeu und das Verlorene nach Möglichkeit zurückzngewinnen, läßt Gutes erhoffen. Es ist aber auch hohe Zeit dazu. ' Wollen wir schöner werden, so müssen wir welliger 160 Prochaska's illnstrirte Monatsbände. aufgeregt nach dem Gelde hascheil, weniger uns um nichtige Dinge sorgen, mehr Zeit aber auf die Pflege unserer Gesundheit und des Guten in uns überhaupt legen. Nicht blos der Geist soll entwickelt werden, sondern auch das Ge- müth, nicht blos für Wissenschaft sollen wir uns interessiren, sondern auch für Kunst, nicht blos unsere Nerven sollen wir anspannen, sondern auch unsere Mnskeln. Das Ebenmaß in alledem bringt uns die höchste Schönheit. Dic DcuMm im Banat. Von Ä.dam MüUer-Guttenbrunn. ine Art colonialer Bethätigungs- und Besitzfrende hat die Deutscher: im Reich ergriffen. Sie streben nach Landerwerb in fremden Welttheileu, sie wollen künftig ihren auswandernden Volksgenossen ein bestimmtes Ziel weisen und sie nicht mehr an andere Völker abgeben, die sich ihres Fleißes, ihrer Tüchtigkeit bedienen, die sich von ihnen zu Culturvölkern erziehen lassen, nur sich dann gegen ihre Lehrmeister aufzulehnen und ihre Entnationalisirung anzustreben. Künftig soll der Deutsche, sofern er will, auch in der Fremde ein Deutscher, ja ein Angehöriger des deutschen Reiches bleiben können. Dies ist für das Siebzigmillionen- Volk der Deutschen ein großer Gewinn und das „Reich" wird in ein oder zwei Jahrhunderten an seinen Colonien gewiß eine große Stütze haben. Wie ganz anders mag es den heutigen Colonisten zu Muthe sein, die unter dem Schutze der deutschen Flagge in die Ferne ziehen, als es jenen Tausenden und Abertausenden gewesen, die durch viele Jahrhunderte die Donau hinab nach dem Osten wanderten, oder über's. weite Meer nach dem unbekannten Westen schifften. Diese Tapfer:: sind den: Die Deutschen im Banat. Von Müller-Guttenbrunn. i«il Reiche verloren gegangen; aber sie habeir eine große Sendung erfüllt und sie sind dem Deutschthum fast sämmtlich erhalten geblieben. Dies gilt namentlich von denen, die nach dem Osten zogen. Seit siebeil Jahrhunderten trotzen die Niederdeutschen iil Siebenbürgen dem Ansturm der sie umwohnenden Völkerschaften und im Banat ist aus kleinen Anfängen allmälig eilte der mächtigsten Colonien der Deutschen entstanden. Aber diese Colonie ist im Allgemeinen nur wenig bekannt. Mall spricht und schreibt nur von den „Deutschen ill Ungarn"; eine Sonderstellung genießen blos die Siebenbürger Sachsen. Mit Recht, denn sie führten bis vor Kurzem eilt nach Außen durch Nationalität, Sitte und Gesetz abgeschlossenes Leben, und erst dem magyarischen Nationalstaat blieb es Vorbehalten, die feste Gliederung des Sachsen- landes zu zerreißen. Aber es gibt noch eine deutsche Colonie in Ungarn, die eine Sonderstellung einzunehmen berufen wäre, die thatsächlich eine solche einnimmt, denn sie ist durch ihre ganz ungewöhnlich große Volkszahl der Sachsencolonie ill Siebenbürgen überlegen und sie weist wie jene ein eigen geartetes Volksleben auf. Und diese Colonie ist das Teure sch er Banat. Das Banat ist eine von den drei mächtigsten Flüssen Ungarns, der Donau, der Theiß und der Marosch begrenzte Halbinsel, die im Osten durch die eherne Kette der trans- silvanischen Alpen mit Siebenbürgen znsammenhängt und zugleich dnrch sie von letzterem Lande so sehr geschieden wird, daß die Deutschen diesseits und jenseits der Berge fast nie irr die Lage kommen, sich die Hände zu reichen, daß sie beinahe gar nichts von einander wissen. Das Banat ist ein in vielen Hinsichten selbständiges Kronland, das dnrch eine mehr als hundertjährige, nur voll Wien beeinflußte Selbstverwaltung eine kleine staatliche Individualität geworden. Und iil diesem Lande wohnen heilte weit über 400.000 „Schwaben". Der Name „Schwabe" ist hier so wenig als vollgiltig hinzunehmen, wie derjenige eines „Sachseil", wenn iil. 11 162 j)rochaska's illustrirle Monatsbände. derselbe einen: Siebenbürger Deutschen gegeben wird. Die Banater Schwaben sind ein Mischvolk, das ans allen Stämmen Deutschlands und Deutschösterreichs seine Säfte gesogen; das süddeutsche Element hat sich als das stärkere erwiesen und die schwäbische Mundart gelangte, wenn auch nicht überall in gleicher Reinheit, zur Oberherrschaft. Das Gepräge des Landes, wie es sich in Sprache und Tracht ausdrückt, ist im Allgemeinen schwäbisch und man hat also nicht ganz Unrecht, wenn man die Banater Deutschen kurzweg Schwaben nennt. Als die Ureinwohner des Banats geberden sich die Walachen, die Abkömmlinge jener großen lateinischen Colonie, welche unter Trajan hier gegründet wurde. Das Banat ist nämlich genau derjenige Theil vom Dacien der Römer, welcher nach der Eroberung Trajans Oneia rchnria, hieß und zwischen Daeia mockitarrnuen (den: heutigen Siebenbürgen) und Dnoia Ii-Äll8nlpina. (Moldau und Walachei) lag. Den Walachen zunächst folgten die Zigeuner, die Raizen (Serbo-Kroaten), die Bulgaren und die Magyaren. Jahrhunderte später sehen wir die Türken Besitz ergreifen von den: Lande, aus den: sie erst nach hnndertfünfzigjähriger Herrschaft durch den Prinzen Eugen (1716) wieder vertrieben wurden. Und nun wird von den Habsburgern die Besiedelung des beinahe menschenleeren, verödeten Landes, das nur Sümpfe, Wälder und einige Zigeunerniederlassungen aufwies, in Angriff genominen. Die Arbeit eines Menschenalters reichte nicht hin, das Land bewohnbar zu machen und die traurigste:: Erfahrungen, die Colonisten beschieden sind, wurden den Ansiedlern in: Banat nicht erspart. Die Wölfe fraßen ihre Herden, die Snmpfluft erwürgte ihre Lieben und durch feindliche Einfälle verloren sie Hab und Gut. Es gibt wohl kein Land der Erde, — Amerika nicht ausgenommen — in welchen: auf einer gleich kleinen Fläche so viele und so verschiedenartige Volksstämme unter- und nebeneinander leben, als wie dies vor einem Jahrhundert Die Deutschen im Banat. Don Miiller-Gnttenbrunn. 163 noch im Banat der Fall gewesen ist. Wir sehen Deutsche aus allen Gauen des „heiligen Römischen Reiches," Griechen aus Macedonien und von den Inseln des Aegeischen Meeres, Franzosen und französirte Deutsche aus dem Elsaß, Italiener, spanische Juden und Vollblutspanier aus Biscaya einwandern, welch' letztere ihre Niederlassung Neu-Barcelona nennen. Doch kaum ist das Werk einer ersten nothdürftigen Besiedelung durch den hochbegabten österreichischen Feldherrn General Mercy zur Hälfte vollendet, fallen abermals die ungezügelten Horden der Janitscharen ins Land, und ihnen auf dem Fuße folgt ein Feind, der auch sie besiegt, der Alles hinmäht — es ist der schwarze Tod, die Pest. Was nicht stirbt, ergreift voll Grausen die Flucht und General Mercy selbst findet in Italien den Heldentod, während sein schönes Friedeuswerk im Banat vernichtet wird. In Wien verlor man aber nicht den Muth. Als die Seuche vorbei war, ließ Maria Theresia die Erfolge der einzelnen Ansiedlungen studiren, und man fand diejenigen der Deutschen am größten. Bewunderungswürdig war die Widerstandskraft, war die Ausdauer, die Zähigkeit, mit welcher sie die furchtbaren Ereignisse über sich hatten ergehen lassen. Und so beschloß man denn, künftig nur uoch Deutsche anzusiedeln. Die Spanier waren fast ganz verschwunden, ebenso die Italiener. Die Colonie der ersteren erhielt in der Folge den Namen Groß-Becskerek, die der letzteren trug den Namen Mercy's, der ein Italiener von Geburt war, und sie durfte ihn auch ferner behalten. Mercydorf aber ist seit 1766 ein rein deutscher Ort; daran ändert auch die Thatsache nichts, daß derselbe jetzt in Merczyfalva magyarisirt worden ist. Der neuerliche Zuzug der Deutschen dauerte von 1764—1773, und unter den letzten Colonien, die damals begründet wurden, finden wir den elsässischen Ort Csatüd (1767), der einige Jahrzehnte später der Geburtsort Nikolaus Lenau's werden sollte, und Steierdorf (1773), das ausschließlich mit Deutschen aus der Steiermark 164 j)rochaska's illuslrirlo Ntonatsönnde. besiedelt wurde. In solcher Ausschließlichkeit sind nur wenige Dörfer von einzelnen Stämmen bewohnt. Fast überall war die Mischung eine bunte. Lehrreich ist es, ans der ältesten Karte des besiedelten Banat (Griselini, Geschichte des Banats, Wien 1780) das System zu erforschen, nach welchem die Ansiedlung vorgenommen wurde. Dasselbe zeugt mehr für die Klugheit als die Weisheit seiner Schöpfer. Der Charakter des vielsprachigen Staates Oesterreich, dem alle nationalen Bestrebungen unwillkommen sein mußten, wurde dieser kleinen Provinz grundsätzlich aufgedrückt. Man räumte den Deutschen Wohl Ländereien ein, aber kein Land, wie sechs Jahrhunderte früher den Sachsen in Siebenbürgen. Wie oft hatte nicht der ungarische Staat der Kraft der Sachsen bedurft und sie erprobt, die Kraft, die sie aus ihrer Einheit schöpften, aus ihrer nationalen und wirthschaftlichen Zusammengehörigkeit. Und doch scheute man am Hofe Maria Theresias davor zurück, auch ans dem Banat eine Provinz mit einer geschlossenen deutschen Gemeinschaft und einem deutschen Stüdte- eentrnm zu machen. Es ist nicht ganz aufgeklärt, warum man dies unterlasseil hat. Vielleicht ist es ans eine Ueber- schützung der Deutschen, oder vielmehr auf eine Verkennung derselben zurückzuführen. Zwei deutsche Dörfer trennte mail fast überall durch ein oder zwei anderssprachige. Diese letzteren zu germanisiren war die Aufgabe der Deutschen. Die gewaltige Ausdehnung, welche die Volkszahl und der materielle Besitz der Deutschen nach und nach gewann, löste diese Aufgabe nur zum Theil, dem: sie war zu groß. Durch die Erweiterung des deutschen Besitzes wurden zwar im friedlichen Wettkampf der Arbeit fünfzig anderssprachige Colonien verschlungen. Im Jahre 1780 gab es im Banat nämlich blos dreißig Ortschaften mit ausschließlich deutscher Bevölkerung, heute gibt es deren schon hundert, und davon sind blos zwanzig Dörfer neu. Die überwiegende Mehrheit besitzen die Deutschen in dreißig Orten und in mehr als Die Deutsckica im Banat. Bon Müller-GuNeiilnun!. 165 siebzig bilden sie eine sehr starke Minderheit, die unablässig an der Germanisirung ihrer Umgebung arbeitet. Trotzdem sind die Deutschen auch heute noch zu sehr mit rumänischen und serbischen Elementen durchsetzt, und sie bilden noch immer keine nationale Einheit. Sie haben einen ungeheuren Schatz von Volkskraft in dem ihnen aufgedrungenen Kampf um ihr Deutschthum verausgabt, den sie führen müssen, seitdem sie in diesem Lande in einer Gemeinschaft mit den verschiedensten Völkern wohnen. Die Einräumung eines geschlossenen Sprachgebietes hätte ihnen viele Kämpfe erspart, und das Schwabenland im Banat wäre heute zweifellos eine rein deutsche Provinz mit einem blühenden Kranz von Städten, wie das Siebeubürger Sachsenland. Aber es ist eben anders gekommen. Eine selbständige Entwicklung ward den Banaler Schwaben versagt und sie sind in ihrer Gesammthcit heute noch nichts anderes als ein Volk von Ackerbauern. Die bevorzugten Stände zählen sich nicht zu ihm. Die deutschen Bauern verlieren ihre höherstrebenden Söhne stets an die magyarischen Städte, denn die Regierung ließ diesen 400.000 Schwaben keine einzige rein deutsche Mittelschule. Was über den Ackerbauer emporstrebt, wird planmäßig cntnationalisirt, und so gehen die begabtesten Söhne der Deutschen, sobald sie Beamte, Aerzte, Juristen werden, ihrem Volke verloren. Man hat das Banat im vorigen Jahrhundert das Grab der Colonisten genannt. Das ist dieses Land längst nicht mehr. Durch die unermeßliche Arbeitsleistung der Deutschen ist die versumpft und verseucht gewesene Halbinsel zwischen den drei größten Flüssen Ungarns die Kornkammer des Landes geworden. Der Nutzen dabei ist bis jetzt für die Schwaben nur ein materieller gewesen, denn sie sind vor lauter Arbeit noch gar nicht zum Bewußtsein ihrer selbst gekommen. Nicht hundert Bauern im Banat kennen die Größe der deutschen Colonie in diesem Lande und sie winden freudig erstaunen, wenn Ihnen Jemand sagen würde: Ihr seid fast eine Halbe 166 pwochaska's illustrirle Monatsbände. Million Deutsche! Aus Oesterreich kommt ihnen selten, aus dem „Reiche" fast nie eine Kunde zu und das Zeitunglesen ist noch eine ganz junge Wissenschaft für die Banater Schwaben. Als ihre Urgroßväter aus den Gauen des Reiches auswan- derten, war dieses zerrissen und zerklüftet, es war ohnmächtig geworden in hundert Kriegen und die Auswanderer nahmen keinen nationalen Stolz, keinen großen Gedanken mit von ihrem zerrütteten Vaterlande, das sie als kein gemeinsames anzusehen gewohnt waren. Das hat sich auch auf ihre Nachkommen vererbt und da ein Zusammenhang zwischen ihnen und dem Culturleben des deutschen Reiches nicht besteht, da sie keine gemeinsame Liebe, keine gemeinsame Freude und kein gemeinsamer Schmerz mit dem großeil Vaterland verbindet, so muß man manche betrübende Erscheinung in ihrem nationalen Leben entschuldigen. Die Banater Schwaben tragen trotz aller Vorkommnisse, welche vielleicht das Gegen- theil beweisen könnten, das Vollbewußtsein ihres Deutschthums in sich, und sie berufen sich in feierlichen Augenblicken nicht ohne Stolz darauf. Das arbeitsscheue städtische Proletariat im Banat nennt den deutschen Bauern wegwerfend „Schwab." Das Wort wird zum gesellschaftlichen Schimpf, wenn es einen trifft, der in der Stadt etwas geworden, weil er seine Abstammung verläugnet hat; der Bauer selbst aber'lacht darüber, wickelt seine Geschäfte ab, denkt sich sein Theil und fährt wieder heim. Doch wenn ihm Jemand zu nahe tritt, ihn wie einen Wallachen behandeln will, wenn ihn Jemand reizt, dann richtet er sich zu seiner höchsten Betheuerung auf und sagt wohl zornig: „M'r san deutsche Leut!" oder: „M'r san ka Walacha nit!" Wer mit einem Banater Schwabeir je verkehrt hat, der weiß, daß es mit dem Spaß vorüber ist, wenn solche Worte fallen. Diese 400.000 Bauern, die für den magyarischen Nationalstaat bisher nichts anderes waren, als die gewaltige Pflugschar Ungarns, sie haben sich als Deutsche behauptet allen Gewalten zum Trutz. Sie sind in diesem Lande Alles Die Deutschen im Banat. Don Müller-Guttenbrunn. 167 und sie werden es auch bleiben. Die Deutschen sind im Banat die Begründer des Ackerbaues, die Begründer des Bergbaues, aller Gewerbe und Industrieen, der Schulen und Knnstan- stalten; Alles, was da ist, stammt von ihnen her, denn sie sind zugleich mit einem tüchtigen Handwerkerstand aus Deutschland gekommen, sie brachten sich ihre eigenen Lehrer und Priester mit und vom ersten Tage an waren die anderssprachigen Nachbarn ihre Schüler. Ein deutsches Dorf im Banat gleicht einer walachischen oder magyarischen Niederlassung so wenig, wie die Wiener Ringstraße den meist unsaubern ungarischen Landstädten gleicht. Während die anderen Völker hier noch mit Lehmziegeln bauen und selbst aus Weiden geflochtene und nur mit Lehm überkleidete Wände aufführen, baut der Deutsche fast ausschließlich mit gebrannten Ziegeln und deckt selbst die Dächer seiner Scheunen mit solchen. Die Strohdächer sind aus den deutschen Niederlassungen fast ganz verschwunden. Daß es in einem deutschen Dorfe kein nngeweißtes Haus gibt, kann als selbstverständlich gelten. An einem Frühsommertag durch einen solchen Ort zu schreiten, ist herzerquickend. In langen Reihen stehen die blendend weiß getünchten Wohnhäuser, die schmale Giebelseite nach vorn gekehrt, während die Langseite dem Hofraum zugewendet ist. Die spiegelblanken Fensterscheiben, hinter denen weiße Vorhänge hervorlugen, lachen uns aus dem Schatten der duftenden Akazien- und Maulbeerbäume an, die vor jedem Hause stehen. Der langgestreckte Hof wird hinten durch einen Wirthschafts-Bau überquert, welcher die Scheuer und die Stallungen enthält. In der Mitte dieses Baues, der das Bild abschließt, ist eine Durchfahrt, und sie gestattet uns den Ausblick in einen wohlbestellten Obst- und Gemüsegarten. Millionen Bienen schwirren dem Wanderer ums Haupt, wenn er zur Blüthezeit durch eine" GassOdes^Dorfes schreitet, und ihre Emsigkeit ist ein getreues Sinnbild der menschlichen, die sich allerorten regt. An einem Sonntag sieht die Gasse besonders feierlich aus. 166 prochaska's illustrirte Monatsbändc. Die erhöhten Gehsteige, die an den beiden Häuserzeilen entlang laufen, sind blank gescheuert wie die Höfe und selbst die Fahrstraße ist von überraschender Sauberkeit; die geputzten Schwäbinnen sitzen am Nachmittag auf Staffeln und Bänken schwatzend und kichernd beieinander unter den schattigen Bäumen und Niemand kommt ungeneckt an ihnen vorüber. Ein einfacher Gruß genügt nicht, wenn man an einer solchen Gruppe ohne üble Nachrede vorbei will; man muß etwas Passendes zu sagen wissen, womöglich etwas Heiteres. Das „Schnadahüpfl" der Alpenvölker, von den eingewanderten Steirern, Tirolern und Oberösterreichern hierher verpflanzt, lebt im Banat in einer prosaischen Form als knappe Rede und Gegenrede. Oft hört man diese Gruppen vor den Häusern (welche man die „Reih" nennt, weil sie sich jeden Sonntag vor einem anderen Hause zusammenfinden) auch singen, aber auf ein Lied in schwäbischer Mundart wird man vergeblich warten. Was man hört, erquickt Einem jedoch nicht minder. „In einem kühlen Grunde," „Straßburg ist eine wunderschöne Stadt", „Zu Straßburg auf der Schanz", „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", diese und hundert andere deutsche Volkslieder werden auf der Straße und in der Spinnstube, in Wald und Feld von unfern Schwaben gesungen. Viele ihrer Lieder finden sich in des „Knaben Wunderhorn," aber die Einwanderer haben sie im vorigen Jahrhundert aus ihrer deutschen Heimat mitgebracht, ehe Brentano's Sammelwerk erschien. Die neueren Lieder brachten die Handwerksburschen aus der Fremde mit nach Haus, oder die „ausgedienten" Soldaten. Daß es den Banater Schwaben noch immer an einer einheitlichen Mundart gebricht, hat seinen Grund wohl in der verschiedenen Abstammung des Volkes und in seiner Zersplitterung. In jedem Dorfe, das von der nächsten deutschen Gemeinde durch dazwischen liegende walachische Ortschaften geschieden ist, hat sich eine eigene Mundart herausgebildet. Die Farbe des Schwäbischen ist zwar überall erhalten, aber Oie Deutschen im Bannt. Bon tNnller-Gnttenlnnn». 169 es berühren sich hier doch auf engem Raum oft Sprachgebiete, die im deutschen Reich fünfzig Meilen auseinanderliegen. Und so wie die Mundarten, so haben sich auch die Verschiedenheiten in Tracht, Sitten und Gebräuchen erhalten. Von der Verschiedenheit der Mundarten, welche unter den Banater Schwaben gesprochen werden, kann man sich aus folgenden Beispielen einen Begriff machen. Ein befreundeter Dorfschullehrer in der Nähe oon Temesvar sandte mir von dort eine Dialectprobe, die also lautet: „I Han a Mädle, schoauer geit's Net oins auf tausend Stunde, ' Im ganze weite Schwobeland Hast Du no koins so g'funde." Dieses schwäbische Verslein, von dem ich nicht weiß, ob der Sender es gedichtet oder ob er es einem Volkslied entlehnte, würde in der Mundart meines eigenen Banater Heimatsdorfes lauten: „Ich heb a Mädscha, scheiner git's Nit ans uf tausert Stunna, Im ganz« weita Schwowaland Hoscht Du noch kaus sa (u) g'funna." Das klingt halb pfälzisch und halb niederdeutsch. Gedichte, die aus dem deutschen Volk im Banat hervorgegangen und sich mit dem Volke beschäftigen, kenne ich nur wenige. Ein deutscher Bauer in Mercydorf, jenem Orte, das ursprünglich mit Italienern besiedelt war und nach dem Colo- nisator benannt wurde, ist kürzlich als Dichter aufgetreten. Der Mann heißt Josef Gabriel und führt den Pflug wie jeder andere Bauer im Dorfe. Er sendet mir einige recht gelungene Gedichte in der Mundart, die in Mercydorf gesprochen wird. Man lese zum Beispiel das folgende Scherzgedicht, das jedoch nicht als ein Sittenbild gelten möge: püochaska's ill»strirlc Monatsbände. 170 Dr B u'*) führt sei Großvater hem. Großväterche, was is met Dir? Du kannscht jo nemi gehn! Du taamelscht hin um taamelscht her Un kannscht bal net mol stehn. Ei so, du hascht z'viel g'trunk. Ich gsieh dr s jo schon an. Dei Gsicht des is ganz feuerroth, Beseht wieder newe^*) dran. Wellscht hem villeicht? geb her die Hand; Horch, was ich rohthe tat: Geb owacht, geh vor kerzegrad Un fall uf mich nor net. Un daß die Großi ***) dich net gsieht, Du wescht jo, wie sie is. Geh glei en s Bett un saa: bescht krank, Sonscht dunnert se dich gwiß. Auch dieser Dialect ist verschieden von dem der ersten Strophe. Vom Typus der Schwaben und von der Verschiedenheit ihrer Trachten mache man sich ans der beigegebenen Illustration ein Bild. Die Aufnahmen zu dieser Abbildung sind an Ort und Stelle im Aufträge des Verfassers dieser Zeilen vollzogen worden, und es ist das erstemal, daß deutsche Volksgestalten aus dem Banat in einer deutschen Zeitschrift erscheinen. Gemeinsam ist den nach ihrer Abstammung so verschiedenen Deutschen im Banat Eines: Die Liebe für ihre neue Heimat. Sie hängen mit einer Zähigkeit an der Scholle, auf der sie geboren sind, daß nichts sie hier entwurzeln könnte. Sie haben sich ihre Heimat durch unendliche Mühsal erobert, und sie sind an sie gekettet mit allen Banden des Gemüthes und der Sitte. Es kommt nur selten vor, daß eine Familie in ein anderes Dorf übersiedelt, und die Vermeh- Der Bub. **) Daneben, aus dem Geleise. Großmutter. Die Deutschen im Banat. Dan Mnller-Gnttenbrunn. 17 t ? rnng der Einwohner in einzelnen Ortschaften hat die ursprüng- ; liche Ansiedlerzahl hier und dort um das zwanzigfache erhöht. Wir haben Dörfer im Banat mit 4—5000 Einwohnern; Dörfer, die einige taufend Fuhrwerke beistellen können. In solchen Orten blüht eilt frisches, farbenreiches Volksleben, und der Zauber, der die Leute aneinander kettet, ist mächtig; es kommt fast nie vor, daß einzelne Bursche oder Mädchen sich aus der Gemeinschaft eines Dorfes lösen und „fortheiraten", und nur wenige Handwerker, die als Gesellen in die Welt ziehen, halten es in der Fremde aus. Es treibt sie alle wieder zurück. Und wenn sie sich auch noch so fest vorgenommen hätten, nur zu Besuch in die Heimat zu kommen — sie bleiben; und wenn sie bei ihrer Heimkunft auch noch so fein und herrisch aussehen, sie verbauern wieder. So mächtig ist der Bauernstand und so geachtet, daß jeder Handwerker es für eine Ehre ansieht, ihm zu gleichen, daß ein Anderskleiden oder Andersgehaben für jeden einer Selbstverbannung aus den geselligen Kreisen des Dorfes gleichkommt. Durch die große Vermehrung der Bevölkerung in den einzelnen Orten wurden die Bauerngüter in immer kleinere Brnchtheile zerlegt und die „ganzen Gründe" sind bereits eine Seltenheit geworden in einzelnen großen Dörfern des Benats. Das ist aber auf andere Weise ausgeglichen worden. Die meisten, reichbevölkerten deutschen Dörfer sind — wie ich wiederholt bemerkte — von walachischen Ansiedlungen umgeben. Die Gründe, welche diesen Dörfern zugehören, gingen aber zum größten Theil in den Besitz der deutschen Nachbardörfer über. Was nicht dauernd erworben wurde, ist doch sicherlich von den Deutschen gepachtet. Die meisten walachischen Dörfer sind auf solche Art zu Taglöhuer- Niederlassungen geworden; doch kann man sie selbst als solche nicht bezeichnen, denn die Bedürfnißlosigkeit dieses Volkes und seine Arbeitsscheu sind so groß, daß es sich nur iu außerordentlichen Fällen zur Lohnarbeit hergibt. Mit 172 p>rochasbN's illnstrn'ie llloilatsöönd»-. Bestimmtheit ist auf diese Arbeitskräfte nie zu zählen. Mauchen Tag harren Hunderte vor den Dörfern, um sich den Schwaben zur Arbeit anzubieten, die an ihnen vorbei nach den gepachteten Feldern fahren, und manchmal ist kein Einziger zu sehen. Dieses arbeitsscheue Proletariat wäre sicherlich zu erziehen und zu germanisiren gewesen, wenn sich die Deutschen hätten entschließen können, in walachische Dörfer zu übersiedeln. Aber das thun sie nicht, oder doch nur in den seltensten Fällen; sie fahren lieber meilenweit, um aus ihre Felder und in ihre Weingärten zu gelangen, als daß sie sich in eine Gemeinschaft mit denen begeben würden, die sie tief unter sich sehen, die sie gar nicht mit sich vergleichen können. Zn den schönsten Zügen des Volkscharakters der Banaler Schwaben gehören seine außerordentliche Gastfreundlichkeit und der stark ausgeprägte Gemeinsiun Aller. Der letztere bethätigt sich gegen Nachbarn und Mitbewohner eines Dorfes in hohen: Maße. Will sich Einer, nnd wäre er auch ein Handwerker und Kleinhäusler, der nie vergelten kann, was man ihm thut, zum Beispiel ein Haus bauen, so braucht er blos für den Kaufpreis des Materials und die Maurer zu sorgen. Das Material selbst wird ihm von Freunden, Bekannten und Nachbarn herbeigeschafft, selbst wenn es meilenweit zu holen wäre. Wer Pferde und Wagen hat, spannt einige male des Jahres für solche Zwecke ein und das jung verheiratete Paar, welches die Dienste der Ge- snmmtheit braucht, kann getrost von Haus zu Hans gehen und sie fordern. Zun: Bau selbst sendet Jedermann einen Knecht, eine Magd oder andere hilfreiche Hände und es werden in: Banat keine Häuser gebaut, für welche Taglöhner nöthig wären. Das ist noch gute alte Colonisteu-Sitte: Jeder hilft, weil Jeder Hilfe braucht. Über die Sitten und Gebräuche, über die vielen eigenartigen Erscheinungen in: Volksleben nnd über die Zukunft dieser mächtigen deutsche:: Ansiedlung ließe sich Vieles sagen, Die Deulschen im Banat, Von lNiillen-Guttenbrunn 173 -.MW KM Hrochaska's illustnrte Nonatsbände. 174 doch kann es an dieser Stelle nicht geschehen. Es hat sich hier blos darum gehandelt, im Allgemeinen aus die Schwaben im Banat hinzuweisen, die der Theilnahrne aller Deutschen würdig sind. Wirklich gefährdet in ihrem nationalen Besitzstand sind sie heute noch nicht, aber brüchig wird gar vieles im Leben der Schwaben durch die fortgesetzte Bedrängung, der sie von Amt und Schule ausgesetzt sind. Schöne Sitten und Gebräuche schwinden, die Trachten ändern sich und die Tünche des Fremden wird überall sichtbar. In dem, diesem Aufsatze beigefügten Gruppenbild findet der Leser noch zum Theil die echt schwäbische Tracht. Rechts in der Ecke stehen Bauer und Bäuerin im Sonntagsstaat, die Mitte des Bildes beherrscht ein Brautpaar, in der linken Ecke hat ein Vortänzer vom „Kirchweihfest" den Arm über die Schulter seines Mädchens gelegt. Die erstgenannten zwei Paare sind aus Guttenbrunn, das letzte aus Mercydorf, welches näher bei Temesvar liegt. Air diesen: letzteren Paar ist dem: auch der Einfluß der Stadt bemerkbar: die Stiefel der Bursche nähern sich im Schnitt den „Tschismen" der Magyaren, die Hose zeigt Verschnürungen, der Hut ist weich und klein. Die Schürze des Mädchens und manches Andere ver- räth dem Kenner ebenfalls den städtischer: Einfluß. So unscheinbar diese Wandlungei: in der Tracht erscheinen mögen, so bezeichnend sind sie. Doch gibt es leider Erscheinungen, die weit schlimmer sind als diese, de:::: sie sind ganz willkürlich entstanden und nicht als eii: Ergebniß städtischen Einflusses. Jedes große Dorf hat sei:: Schützeneorps, seine Musikkapelle, seinen Gesangverein, seine Feuerwehr. Solch ein Schützencorps war bis vor weniger: Jahren noch eii: herzerquickender Anblick, wein: es ausrückte. Die kernigen Gestalter: Ware:: gleichmäßig irr dunkelblaues Tuch gekleidet, trugen hohe Glanzstiefel und mächtige breite Hüte. Da hatte vor etwa zehr: Jahren eii: jüdischer Krämer der: specülativen Gedanken, eine der Honveduniforrn ähnliche Tracht für Schützer: anfertigen zu lasser:. Der: Weibern Mas der Oberst erzählte. Oan G. v. Amynlar 1?5 gefiel die bunte Tracht, die gegen ganz kleine „Raten" zu erwerben war, und es dauerte nicht lauge, so rückte das Schützencorps meines Heimatsdorfes in rothen Hosen, ^ grünem Rock mit weißen Schnüren, mit einem rothen Csako ans dem Kopse aus! Das Herz that mir weh, als ich dies Schauspiel sah. Dieses Schützencorps brachte, als es zum ersten male an einem Kirchweihfeste ausrückte, einen geradezu widerwärtigen Mißton in das Trachtenbild des ^ Dorfes, aber heute ist man gewöhnt an dasselbe und zahlreiche deutsche Dörfer haben sein schlechtes Beispiel uachge- ahmt. Dieselben Wandlungen machen die Trachten der deutschen Feuerwehrleute und „Musikbanden" langsam durch. Die letzteren spielen zwar zumeist jene wunderbaren altdeutschen Liedertänze, welche die Schwaben aus ihrer Heimat mitgebracht haben, aber schon gibt es „Banden", die gekleidet sind wie magyarische Zigeunerkapellen auf Reisen. ^ Das sind betrübende Erscheinungen, es sind Zeichen des Verfalles; aber ganz darf man die Hoffnung nicht sinken lassen, denn der nationale Gedanke, der alle Völker ergriffen hat, die mit den Bauater Schwaben in Berührung kommen, er kann diesen selbst auf die Dauer nicht fremd bleiben. Was lick Acht crzähltc Von Gerhard non Amyntor. 4 » M^seber öde Felsentrümmer hatte mein Weg hinab- DD geführt; — so erzählte der Oberst — jetzt war ich in die tiefen Schatten des Tannenwaldes eingedrungen. Die Sonne stand noch hoch genug, um hier und da ein zitterndes Goldfüdennetz über den bräunlichen elastischen Nadelteppich zu spinnen. Kräftiger Würzduft schmeichelte 176 Prochaska's ittilstlirte Monatsbände meinem Sinne; ab und zu tönte das gellende Zwitschern eines fangeifrigen Buchfinken. Schier endlos schien der einsame Waldpfad, ans dem mein Fuß geräuschlos zum Thale strebte. Endlich lichtete sich das Tannicht; der Weg machte eine Biegung zur Rechten; ich schritt durch die offene Pforte eines Wildgatters und vor mir lag, im Glanze des flutenden Sonnenlichtes, ein paradiesisches Gebirgsthal, dessen sanft geschwungene Wiesen mit unzähligen bunten Feldblumen bestickt waren. Ein Büchlein hüpfte geschwätzig über Steingeröll und flimmernde Kieskörner. Im Vordergründe zur Rechten, an eine vorspringende Ecke des das Wiesenland in weitem Bogen einfassenden Waldes angelehnt, lag malerisch ein Försterhäuschen mit grauem Schieferdache, und tief unten, da, wo das Thal durch zwei dicht gegen einander geschobene Berghänge für den Blick geschlossen wurde, ragten über die grünen Böschungen dieses Hintergrundes noch die Giebel und der wetterfahnengekrönte Kirchthurm eines friedlichen Dörfleins herüber. Und über Allem das goldig zitternde Sonnenlicht und der aromatische Duft des frisch gemähten Heues, das auf einzelnen Wiesen schon zum Trocknen ausgebreitet lag! Dazu die Feierabendstille, die dieses Stücklein Gebirgslandschaft zu einem Tempel der Andacht und des Gebetes machte! O, du wundervolle, wunderherrliche Gotteswelt ! Ich war doch ein wenig müde geworden bei meinen Vermessungs-Arbeiten da oben auf dem Oedlande der Felsen und beschloß, wenn es mir gestattet würde, auf der einladenden Bank vor dem Försterhause zu rasten. Ich überschritt das Brücklein, das über den Wiesenbach gelegt war, und näherte mich dem Hause. Ein paar Hunde sprangen mir kläffend entgegen, und „Pluto! Diana! hierher!" klang es gebieterisch aus dem kleinen Vorgarten der Försterei. Dort stand, über den Zaun gelehnt, eine hohe, männliche Gestalt, mit mächtigem, schon grau gesprenkeltem Vollbarte, Was der Oberst erzählte. Oon G. v. Amyutor. 177 der wie ein Urwald ein scharf geschnittenes, durch zwei große, ehrlich blickende Augen sympathisch belebtes Gesicht einrahmte. Die Kleidung verrieth den Förster. Ich griff an meine Mütze und fragte, ob es mir erlaubt wäre, ein paar Minuten vor dem Hause ausznrnhen. „In Gottes Namen. Treten Sie nur näher, Herr Lieutenant." Der Förster geleitete mich durch das ansteigende Gärtchen hinauf zu der Bank, die sich neben der Hausthür befand, und forderte mich freundlich auf, Platz zu nehmen. Ich streckte meine ermüdeten Glieder auf das harte Holz, das mir behaglicher dünkte, als der üppigste Sofapolster, und schaute angeheimelt bald in die ernsten, ehrlichen Züge des schon betagten Forstmannes, bald hinaus in das von hier ans doppelt lieblich erscheinende Gelände. „Sie werden gewiß eine kleine Erfrischung annehmen," hob der Alte vorsorglich an und, ohne meine Antwort abzuwarten, rief er mit tiefer und doch zärtlich klingender Stimme: „Anna! Anna! komm doch mal heraus!" Ein schwarz gekleidetes, bleiches Mädchen erschien in der Hansthür, grüßte mich mit kaum merklicher Neigung des auffallend hübsch geformten, blonden Kopfes und harrte wortlos der väterlichen Wünsche. „Bringe diesem Herrn ein Glas Milch, Anna, und mache ihm eine Butterschnitte zurecht!" Sie nickte und verschwand ebenso wortlos wieder im Hause. „Ist Ihre Tochter leidend, Herr Förster?" fragte ich theilnehmend, denn das schweigsame, traurig blickende Mädchen schien einen Schmerz mit sich herumzutragen. Der Gefragte seufzte. Dann schaute er vorsichtig nach der Thür, ob die Verschwundene nicht etwa schon wieder zurückkehrte, und raunte mir leise zu: „Sie hat im vorigen Jahre den Bräutigam verloren ... er ist bei Gravelotte gefallen." in. 12 178 prochaska's illustrirte Monatsbände. „Das arme Kind!" versetzte ich bedauernd, „da ist es schwer, zu trösten." „Sie hat noch keine Thräne vergossen," fuhr der Förster mit gedämpfter Stimme fort. „Finster und stumm geht sie durch das Haus und thut ihre Hausfrauenpflicht — ich bin nämlich Witwer, — aber noch mit keiner Silbe hat sie von ihrem Verlust gesprochen. Wenn sie doch nur ein einziges Mal weinen möchte ... ich glaube, dann wäre ihr und mir geholfen. „Warmes Wetter heut!" setzte er in plötzlich verändertem Tone hinzu, denn die, von der er sprach, kehrte eben mit einem Glase Milch zurück, „aber geben Sie Acht, sobald die Sonne unten ist, wird es bitter kalt werden." Das bleiche Försterkind bot mir das Glas dar wie ein Automat, der seine vorgeschriebene Bewegung vollzieht. „Ich danke vielmals, mein liebes Fränlein; das wird mir ausgezeichnet schmecken." Ich nahm das Glas und blickte zu ihr empor. Ihr Antlitz war regelmäßig geschnitten und von einem zarten Elsenbeintone überhaucht; aber kein Muskel zuckte in demselben; es schien erstarrt, wie das Antlitz einer Niobe. „Hast Du das Brot vergessen?" fragte der Vater. Sie deutete, ohne den Mund zu öffnen, nach der Thür, durch welche gerade eine Magd trat, die das Verlangte brachte und mir mit bäurisch-schämiger Unsicherheit überreichte. Während ich aß und trank, stand der Förster vor mir und erzählte mir dies und das vom Wildstande in seinem Revier und von der Unbill der Witterung, unter der zur Winterszeit der Forst zu leiden hätte. Seine Tochter lehnte an der Thürpfoste und starrte mit theilnahmslosen Augen in das Thal hinaus; sie schien weit abwesend mit ihren Gedanken und hörte von dem, was der Vater sprach, offenbar kein einziges Wort. Als ich mich erquickt hatte, erhob ich mich und sagte Dank für die freundliche Aufnahme. Mas der Oberst erzählte, von G. v. Amyntor. MM, MMiI MM 180 Hrockaska's ilwstrirle Monatsbände. „Wollen Sie denn schon wieder weiter?" fragte der Förster kopfschüttelnd. „Sie sollten sich erst einmal mein Haus ansehen . . . habe manche Merkwürdigkeit drinnen, die Ihnen vielleicht gefallen würde." Und als ich zögernd überlegte: „Kommen Sie, verehrter Herr, treten Sie näher! Anna, du zeigst dem Herrn wohl die Stuben." Ich ging auf seinen Wunsch ein, denn er schien mit diesem Aufträge an seine Tochter eine bestimmte Absichr zu verfolgen; wahrscheinlich wollte er sie durch das Beisammensein mit einem Fremden ihrem dumpfen Brüten entreißen. Gehorsam schritt das Mädchen neben mir, aber sie sagte kein Wort, als sie die Thür zum ersten Zimmer geöffnet hatte, und deutete nur mit einer stummen Geberde nach der Wand, an der verschiedene monströse Geweihe befestigt waren. Der Förster, der uns gefolgt war, mochte nun doch wohl die Verpflichtung einer näheren Erklärung fühlen, denn er trat vor und bemerkte: „Alle in meinem Revier geschossen. Dort den ungeraden Achtender erlegte ich voriges Jahr oben aus dem Teufelsgrat." Ein leises Zucken schien durch die Gestalt des Mädchens zu gehen; sie wandte sich ab und trat ans Fenster. Der Förster zog mich in das Nebenzimmer und flüsterte: „Da habe ich eine Unvorsichtigkeit begangen. Den Teufelsgrat hätte ich nicht erwähnen sollen; dort habe ich zuletzt mit Baumann — so hieß der Bräutigam meiner Tochter — gejagt, ehe er in den Krieg zog." Und lauter fuhr er fort: „Hier sehen Sie eine Menge Rehgehörne, die fast alle aus meinem Revier stammen, in dem ich früher angestellt war. Anna, komme doch herein und erkläre dem Herrn deine Naturalien-Sammlung!" Die Zurückgebliebene gehorchte dem Rufe und kam langsam wieder zu uns. Sie deutete auf einen Holzkasten, hinter dessen Glasfenster heimische Tag- und Nachtfalter aufgespießt waren, und dann auf verschiedene Wandconsolen, 18 l Mas der (Oberst erzählte, von G. v. Amyntor. auf denen kleinere Thierskelete unter Glasglocken standen. Da sie aber noch immer kein Wort der Erklärung fand, hob der Förster schonend und hilfreich an: „Dies ist das Skelet eines Wiesels. Meine Tochter selbst hat das Thier geschossen und ich habe es ihr zum Andenken so skeletirt. .. „Diese Arbeit würde einem Anatomen alle Ehre machen," bemerkte ich anerkennend; „wer hat Ihnen diese Kunst beigebracht?" „Du lieber Gott!" erwiderte der Alte geschmeichelt, „das lernt sich so von selbst; ein Forstmann muß Geschick und Geduld in den Fingern haben." Als wir das dritte Zimmer — es war eine Art Salon — durchschritten und ich ein Pianino, über welchem ein Waldhorn an der Wand hing, entdeckte, fragte ich direct meine schweigsame Begleiterin: „Sie sind musikalisch, mein Fräulein?" Sie schüttelte langsam den Kopf, indem sie die Lippen fest auf einander preßte. „Oh, doch!" fiel der Förster ein, „meine Tochter spielt Clavier und singt; sie hat es nur lange nicht mehr geübt." Dabei hatte er sich ihr genähert und tätschelte ihr nun mit seiner derben behaarten Hand liebkosend die Schulter. „Nicht wahr, mein Kind, die Zeit wird schon wieder kommen, wo wir zwei beide wieder Musik machen?" Er hatte es sehr sanft, fast schüchtern und ängstlich gefragt. Sie sah ihn vorwurfsvoll an und machte eine heftig abwehrende Bewegung mit den: Haupte, dessen lichtblonde Haarfülle im Abendschein wie Gold funkelte; dabei zuckte es wiederum verrätherisch um ihre Mundwinkel. Schmerzlich blickte der Alte zur Balkendecke; ein schwerer Seufzer hob seine breite Brust. „Kommen Sie, mein Herr," beendete er die peinliche Scene, „und sehen Sie sich auch noch das Dachgeschoß an. 182 Prochaska's illustrirte Nonatsbände. Meine fleißige Tochter hält Alles so rein und blank wie ein Schmuckkästchen." Wir stiegen eine knarrende Holztreppe hinan. Die Belobte war etwas zurückgeblieben. „Das Waldhorn habe ich seit Baumanns Tode nicht mehr berühren dürfen," klagte er leise im Hinaufsteigcn, „einmal habe ich es versucht, aber da ist sie mir aus dem Hause gelaufen und erst spät am Abende, wie verstört, zn- rückgekehrt. Ach! wenn ich erst wieder mein Waldhorn blasen dürfte, dann wäre der Alp von uns genommen, dann hätten wir wieder Trost gefunden!" Seine tiefe Stimme zitterte. Ich drückte ihm verstohlen die Hand und flüsterte: „Hoffen Sie auf Gott! er wird es wohl machen und auch Ihrem Hause wieder Frieden schenken!" Wir standen im großen Flure des Dachgeschosses; er öffnete die Thür zu einem Zimmer mit schräger Wand und erklärte: „Unser Fremdenzimmer." Leise fügte er hinzu: „Hier hat Baumann zuletzt gewohnt... ich will es lieber schließen; meine Tochter steigt herauf." Schnell drückte er die Thür ins Schloß und wandte sich Anna zu, die eben den Fuß auf den Estrich des Bodenstockwerks setzte. „Das ist recht, Kind, daß du kommst; da kannst du mit eigenen Ohren dein Lob vernehmen; unser Gast ist ganz entzückt über die Sauberkeit, die auch hier herrscht." Er flunkerte. Wenn auch nirgends ein Stäubchen zu entdecken war, so hatte ich doch noch keine Silbe darüber geäußert; aber er wollte ihr unverkennbar etwas Angenehmes sagen. Gleichgiltig nahm sie das Lob entgegen. Hätte er sie getadelt, es würde denselben Eindruck auf sie gemacht haben. Ich war an eines der blank geputzten Bodenfenster getreten und wollte hinausschauen in die abendlich verklärte was der Oberst erzählte, von G. v. Amyntor. 183 Landschaft, als ich einen Todtenkopf bemerkte, der, ebenfalls staubfrei, mit seinen wohlerhaltenen, weißen Zähnen auf dem Fensterbrette stand. Ich nahm ihn in die Hand und blickte fragend nach dem Förster. „Sie Wundern sich über den seltsamen Fensterschmuck," erläuterte dieser, „wir fanden ihn, als wir unten im Garten die Erde aushoben, um einen Baum zu pflanzen. Gott weiß, wie alt der Schädel schon sein mag; er muß einst einer jugendlichen Person angehört haben, vielleicht einem jungen Mädchen; ich schließe das aus seiner Form und aus der Kleinheit der Vorderzähne." Ich betrachtete den Todtenkopf genauer. „Sie mögen Recht haben," begann ich nach einer Weile, „so niedliche, allerliebste Fähnchen pflegen nur hinter weiblichen Lippen zu gedeihen. Auch dieses Wesen hat einst gelacht und geklagt, geliebt und gehofft, und nun sind ihm alle Schmerzen gestillt und alle Hoffnungen erfüllt. Es ist ein wunderbarer Gott, der uns durch dieses Erdenleben führt." „Gibt es denn einen Gott?" Grell und schneidend, fast höhnisch, klang diese Zwischenfrage. Betroffen wandte ich mich nach meiner Nachbarin. Sie war es, die endlich die Lippen geöffnet hatte und mich jetzt finster und gewissermaßen herausfordernd ansah. Ein tiefes Weh durchzuckte mich. Diese wilde trotzige Frage verrieth mir die ganze Trostlosigkeit einer gequälten und zermarterten Seele. „Mein liebes Fräulein," versetzte ich sanft, „das fragen Sie nicht im Ernste; das ist nur eine Verirrung Ihres ja leider nur zu gerechten Schmerzes." „Neue, nein," unterbrach sie mich ungestüm, „mit voller Ueberlegung frage ich Sie: gibt es einen Gott? kann es einen Gott geben:? einen Gott der Liebe und Barmherzigkeit? da doch der Mensch nichts erfährt, als PNochaskci's illusirirte Monatsbände. 184 Enttäuschung und Herzeleid, und kein Flehen und Gebet das Unheil von seinem Haupte wendet?" Stoßweise hatte sie es hervorgezwängt. Die Schleusen der Mittheilung waren bei ihr so lange gesperrt gewesen, daß jetzt, wo sie dieselben geöffnet, die Worte sich nur in stockendem, widerwilligem Flusse ergossen. Aber ein feines Roth war in ihre elfenbeinfarbenen Wangen aufgestiegen und die starrsuchtähnliche Unbeweglichkeit ihrer Gesichtsmuskeln hatte sich gelöst. „Fräulein Anna," sagte ich tief ergriffen, „— so darf ich Si.' ja wohl nennen, denn dieser Augenblick bringt uns einander näher, als ob wir uns schon seit Jahren kennten — ich kann Ihnen nur aus meiner innersten Ueberzeugung heraus erwidern: ja, es gibt einen Gott, einen freilich unerklärbaren, unnahbaren, unbegreiflichen. Ich bin kein Prediger, der Ihnen dies vielleicht mehr salbungsvoll, aber sicher nicht logisch-zwingender auseinander setzt, noch ein Professor der Philosophie, der seine Orakel in meist schwer verständliche Phrasen kleidet; ich bin ein einfacher Soldat, der hoch oben auf dem Gebirge, zwischen Himmel und Einsamkeit, mit der Kippregel an seinem Meßtische arbeitet und dort oft der Gottheit näher ist, als die gelehrten Herren ans Kanzel und Katheder. Glauben Sie mir: die Frage „gibt cs einen Gott?" kann der Mensch nur in Gedankenlosigkeit oder in kindisch-wildem Trotze aufwerfen; sie ist eben so thöricht, wie die Aufzählung der im Kiuderkate- chismns festgestellten Eigenschaften Gottes. So sicher es einen Gott gibt, so sicher ist und bleibt er uns ein ewiges Räthsel. Wer da aber frägt: „gibt es einen Gott? ' der könnte mit gleichem Rechte fragen: „gibt es eine Welt?" und einen solchen Frager würden Sie sicher verlachen." Aus großen Augensternen sah sie mich an; gequältes Erkenntnisringen stand auf ihrer schönen Stirn geschrieben; ich merkte ihr au, daß ihre durstige und verschmachtete Seele, der der alte schlichte Vater beim besten Willen keinen 185 Mas der Mbcrst erzählte. Von G. n. Am^ntor. Traitk der Erquickung hatte bieten können, nach mehr verlangte. So fuhr ich denn bereitwillig fort: „Sie haben Ihren Bräutigam verloren und wähnen sich nun berechtigt, Gott eines Mangels an Güte und Liebe zeihen zu dürfen. Ich begreife diese Verirrung, aber sie wird sicher einer schöneren und beseligenden Erkenntniß Platz machen. Ich will nicht davon reden, daß der brave Herr Banmann den Heldentod fürs Vaterland, für unser herrliches deutsches Kaiserreich, sterben durfte, daß er fortan zu jeiren heiligen Blutzeugen gehört, denen die dankbaren Kinder und Enkel Tempel und Ehrenmale errichten werden; ich will Sie nicht darauf Hinweisen, daß der von Ihnen geliebte Held Ihnen in seiner männlichen Vollkraft genommen worden ist und nun immer jung und schön und herrlich bleiben wird, daß Sie ihn nie werden altern, noch seine feurige Liebe auch nur um einen einzigeil Grad werden abnehmen sehen — wenn auch dies alles Momente sind, die einem verwundeten Herzen doch wohl einige Balsamtropfen zn spenden vermögen. Ich will auch nicht voll jenem Wiedersehen sprechen, das uns der Glaube lehrt und das sich der Mensch in seiner Schwäche und Kurzsichtigkeit wohl oft ein wenig gar zn stofflich vorstellen mag. Nein, nein, Fräulein Anna, Sie schütteln ungläubig den Kopf und ich will Sie nicht quälen mit Behauptungen, die ich selbst ja nicht zu beweisen vermag! Ich will mich im Gegen- theil einmal ganz aus den Standpunkt jener modernen Stosfschwärmer und Jdeenlengner stellen und nichts anderes gelten lassen, als die rohe Materie, über deren thatsächliches Dasein noch nie ein Meinungsstreit geführt worden ist, und doch kann und werde ich Ihnen den Beweis erbringen, daß auch auf diesem Standpunkte der Glaube an die lebendige Wiedervereinigung durch den Tod Geschiedener keine Vernunftwidrigkeit ist. Ich sehe, Sie haben sich viel mit der Natur beschäftigt, haben allerlei Sammlungen angelegt; 186 Prochaska's illustrirte INonatsbände. so werden Sie mich auch ohne Weiteres verstehen, wenn ich die Thatsache erwähne, daß der Mensch, nach seiner rein körperlichen Erscheinung, eine Zusammensetzung ganz bestimmter Urstosfe, sogenannter Atome, ist." Da sie auf meinen fragenden Blick zustimmend nickte und ich also ihres Verständnisses versichert war, fuhr ich beherzt fort: „Nun wohl. Wenn die starke Faust des Todes auch eine solche Zusammensetzung, ein solches Individuum, zerbrochen und scheinbar vernichtet hat, so ist doch thatsächlich nichts Anderes erfolgt, als eine Trennung jener unzerstörbaren Atome, denen der allmächtige und unausrottbare Trieb innewohnt, immer wieder neue Verbindungen einzugehen. Nun merken Sie wohl: die Ewigkeit ist unermeßlich und unbegreiflich lang; im Laufe dieses endlosen Weltprocesses kommt nicht nur einmal, sondern oft, unendlich oft, der Moment wieder, wo jene Atome ganz genau die alte Verbindung eingehen und der Ihnen genommene Geliebte in derselben Körperlichkeit und mit allen durch dieselbe bedingten geistigen Eigenschaften wieder ins Leben tritt. Auch Sie, Fräulein, werden einst den Weg des Geliebteil gehen, aber die unerschöpfliche und ewig zeugende Natur wird immer wieder genau solche Annas erstehell lasseil, und die unzähligen Combinationen der Schöpferkraft werden es wiederum nicht nur einmal, sondern oft, unendlich oft, so fügen, daß diese Annas gleichzeitig mit jenen Banmanns das Licht der Sonne sehen werden, und so wird der kurze Traum Ihres Liebesglückes, aus dem Sie so jäh aufgeweckt sind, doch immer wieder voll Neuem geträumt und auch dnrchgetrüumt und ansgelebt werden." „Das werden dann aber andere Menschen sein;" wandte sie ein, „wie kann mich das Glück Anderer entschädigen?" „Nicht andere! Sie selbst werden es sein, die wieder leben und lieben wird — genau Sie selber; ich sagte Ihnen lvas der Dberst erzählte, von G. v. Amyntor. t87 ja, daß die Natur, trotz der scheinbar unendlichen Verschiedenheit der Lebewesen, in einem endlosen Schöpfuugsprocesse doch immer wieder die früheren, schon einmal dagewesenen Wesen neu erschaffen muß." Sie nickte, halb überzeugt; aber der Seufzer, der sich ihr gleichzeitig emporrang, bewies mir, daß es mir zwar gelungen war, sie aus ihrer dumpfen Versunkenheit aufzustören, nicht aber, sie zu trösten. So griff ich denn nach ihrer Hand, die sie mir willig ließ, und sagte sanften Tones: „Sie sollten sich einmal recht ausweinen, Fräulein Anna: Thränen aus den Augen eitler Braut sind ein kostbarer Tribut, auf den ein fürs Vaterland gefallener Held vollgiltigen Anspruch hat. Nicht nur Ihnen selber, auch dem Geliebten würden Sie eine Wohlthat erweisen, wenn Sie Ihren Thränen freien Lauf ließen. Vergossene Thränen entlasten Herz und Kopf. Sie würden dann klarer erkennen, daß Sie Ihren Bräutigam eigentlich gar nicht verloren haben. Um das Lebendige, das wir besitzen, müssen wir immer bangen; das, was uns der Tod nahm, ist aber unverlierbar unser, und um einen gefallenen Helden zittern wir nicht mehr. Wahre Liebe trotzt auch dem Tode; in Ihrer Schmerzverirrung haben Sie bisher nur überfühlt, daß der Geliebte Ihnen jetzt herrlicher und unwandelbarer im Herzeit wohnt, als je vorher in seinen: Leben. Die Treue macht noch immer die Todten lebendig, und der Kuß, den Sie im Geiste Ihrem vorangegangenen liebelt Recken geben, zaubert ihn auch körperlich in Ihre Arme." Eilt krampfartiges Schluchzet! erschütterte ihren Wuchs. Sie warf sich an des Vaters Brust, barg dort ihr Angesicht und begann so heftig zu weinen, daß ihre stürzenden Thränen auf der Weste des Alten feuchte Spuren zogen. Der überraschte Förster legte zärtlich seilte Rechte auf ihren blonden Scheitel und murmelte nur: „Mein armes Kind! mein liebes, gutes Aennchen!" Wie sie noch immer fortschluchzte, die convulsivischen i 188 prochaska's illiistrirte tdlonatsbände. Zuckungen ihres Körpers aber schon an Heftigkeit nachließen, blickte er verstohlen nach mir hinüber und nickte mir zu, als wollte er sagen: „Es ist gut so; das wird ihr endlich Erleichterung schassen." Meine fernere Anwesenheit, das fühlte ich, konnte hier nur stören. Ich schlich mich sachte die Treppe hinunter und trat vor die Thür in den Garten. Die Sonne stand schon hinter dem Walde zur Rechten; in bläulichem Schatten lagen die Wiesen; nur die Tannen hoch oben an den linken Berghängen waren von röthlichem Golde überflammt; ein fast betäubender Würzduft strich durch das Thal zu mir heraus. Ich nahm meine Feldmütze ab und athmete tief die ganze Wonne dieser Verglicht ein. Wie wundervoll war doch die liebe Gotteswelt! Wie lange ich so gestanden haben mag, weiß ich nicht. Als ich mich der unaufhaltsam enteilenden Zeit und des Ortes, wo ich weilte, wieder entsann, spannte ich das Ohr und lauschte nach dem Hanse hinter mir. Ich hörte den tiefen Baß des Försters; dazwischen klang ab und zu die silbertönige Stimme seiner Tochter, die plötzlich das Reden gelernt hatte. Noch wartete ich eine Weile, ob man vielleicht zu mir herauskommen würde; da dies aber nicht geschah, beschloß ich, ohne Gruß davonznschleichen. Ich schritt durch den Garten abwärts, öffnete das Psörtchen im Holzzaune und betrat den Wicsenpsad, der zum nahen Brücklein führte. Die Hunde, die mich vorhin angekläfft hatten, gaben mir jetzt stumm und schweifwedelnd ein freundliches Geleit. Als ich sinnend über die Brücke schritt, gewahrte ich unter mir im Wasser eine Forelle, die, durch meinen Anblick erschreckt, pfeilgeschwind unter einen überhängenden Stein schoß. Langsam wandelte ich durchs Thal hin, das in der lichten Dämmerung des Sommerabends immer lieblicher, immer traumhaft-schöner warte. Da zitterte der laug gezogene Ton eines Waldhorns feierlich durch die Stille; noch ein Ton und noch einer, ii n ^7 r rvcis der Mberst erzählte, von G. v. Amynlor. 189 gleichsam ein Vorspiel, um die Reinheit der Stimmung zu prüfen; und nun setzte die alte, volksthümliche Weise ein: „Es ist bestimmt in Gottes Rath." Sofort begriff ich, was das zu bedeuten hatte. Barhaupt — noch trug ich meine Mütze in der Hand — blieb ich stehen und blickte zurück. Fünf-, sechshundert Schritte mochten mich schon von der Försterei trennen, aber mein scharfes Auge erkannte den Alteil, der mit seinem Waldhorn in die Thür getreten war und mir diesen musikalischen Gruß und Dank mit auf den Weg gab. Ein unbeschreibliches Gefühl quoll in meiner Brust aus. Er durfte wieder sein Horn blasen! Das war ein hoher, ein unschätzbar hoher Gewinn für den Alten und auch für die Tochter. Ergreifend klang die schöne Weise und weckte ein geisterhaftes Echo in den Schluchten. Andächtig lauschte ich dem herzinnig vorgetragenen Liede; es war, als ob plötzlich eine Seele in die Natur gekommen wäre, als ob erst durch diese melodischen Töne der ganze Zauber dieses Gebirgsthales offenbart würde. Ein Antrieb, der keine Ueberlegung gestattete, zwang mich, als das Lied beendet war, zur Umkehr. Ich eilte zur Försterei zurück, und drückte dem Alten, der noch in der Thür stand, tief bewegt die Hand. Neben der Thür auf der Bank saß des Alten Tochter und tupfte mit ihrem Weißen Tüchlein über die Allgen. „Ich wußte es, daß Sie umkehren würden," sagte der Förster, und seine Stimme war merklich unsicher, „heute trennen wir uns nicht mehr; Sie nächtigen bei uns. — Ihre Sachen lasse ich aus dem Dorfe holeil." Eill Stündchen später saß ich zwischen Vater und Tochter beim Abendessen. Ich kam mir wie ausgetanscht vor. Ich, ein noch junger und zeitweise noch recht übermüthiger Premier-Lieutenant, hatte hier wahrhaftig eine Rolle gespielt, zu der ich mir in meinem ganzen bisherigen Leben kein Talent zngetrant haben würde: ich hatte so zu sagen pasto- rirt und den Herren mit schwarzem Talar ins Handwerk 190 Prochaska's illustrirte Monatsbände. gepfuscht. Ich mußte ein paar herzhafte Züge aus meinem mit schwerem Johannisbeerenwein gefüllten Glase thun, um mir selber über eine gewisse Befangenheit hinwegznhelfen, und kramte dann allerlei lustige Anekdoten aus, um den Ernst, der über unserm Mahle brüten wollte, zu verscheuchen. Als Anna einmal hinansgegangen war, nur der Magd in der Küche irgend einen Auftrag zu ertheilen, erhob der Förster sein Glas und sagte feierlich: „Ich bin immer, Herr Lieutenant, ein Freund von zweierlei Tuch gewesen; trägt doch auch der Forstmann zwei Farben an seiner Uniform. Heute aber habe ich erfahren, daß der deutsche Officier nicht bloß zum tapferen Dreinschlagen taugt; er ist, hol' mich der Teufel! zu allen Dingen zu gebraucheil, und mit Worten kann ich Ihnen gar nicht ausdrücken, wie tief ich mich Ihnen verpflichtet fühle. . ." „Mein lieber Herr Förster," unterbrach ich ihn munter, „nur keine Leichenrede! wenn ich länger an Ihrem Tische verbleiben soll, dann, bitte, lassen Sie mich armes Menschenkind gänzlich aus dem Spiele. Mein Verdienst an dem Wiederaufthauen Ihres erstarrten Töchterleins ist wahrlich gleich Null; in das randvoll gefüllte Thränengefäß derselben durfte nur ein einziges Wörtlein fallen und siehe da! es floß über. Das hätte jeder Andere wahrscheinlich viel besser fertig bekommen. Aber anstoßen will ich trotzdem mit Ihnen: von ganzem Herzen wünsche ich Segen und Sonnenschein Ihrem Hause." Und da die Tochter jetzt wieder ins Zimmer trat, sagte ich zu ihr: „Fräulein Anna, auch wir wollen anstoßen! Daß in jedem Herzen, durch das die Pflugschar des Schmerzes ging, eine reiche Ernte an Trost und Frieden reife!" Drei Gläser klangen an einander und gleich darauf hob der Alte die Tafel auf. Noch eine Woche wohnte ich in der Försterei; erst als ich meine Meßtischplatte voll hatte, schnürte ich mein Bündel. Annas Herz war zwar immer noch voll Trauer beschwert, Was der Oberst erzählte. von (8. v. Ainyntor. 191 aber zu Zeiten konnte sie doch schon wieder plaudern und der Elfenbeinton ihrer Wangen hatte dem blassen Roth der IR-niee-Rose Platz gemacht. Ich nahm die frohe Ueber- zeugung mit mir fort, daß das zwanzigjährige Mädchenherz auf dem Wege der Genesung war. Der volle Mond schwamm am wolkenreinen Himmel, als ich eines Juli-Abends den beiden ehrlichen Menschen Lebewohl sagte. Ich drückte Annas kleine Hand und schaute in ihre blauen Angen, die mich wohlwollend anlächelten. „Auf frohes, gesegnetes Wiedersehen!" „Ja, Herr Lieutenant, kommen Sie bald, recht bald wieder!" gab sie mir warm zurück, „dann werde ich mit meinem Vater sehr froh und dankbar sein." Der Alte bot mir nur die feste Rechte, mit der er mir beinahe die Finger zerquetschte; die Linke hielt er aus dem Rücken verborgen. Ich wußte, was er mich nicht wollte sehen lassen. Als ich ein paar hundert Schritt vom Hause entfernt war und noch einmal mit der Mütze durch den mondhellen Abend znrückwinkte, setzt er sein Waldhorn an den Mund und schickte mir seinen Abschiedsgruß nach. „Es ist bestimmt in Gottes Rath!" so klang es wieder durch die Stille und schwebte vervielfältigt an den Höhen entlang; aber diesmal klang es wie eine Jubel- und Dankeshymne, und ein weißes Taschentüchlein flatterte, lebhaft bewegt, neben dem Bläser in der Hausthür. Mir stieg es feucht in die Augen auf. Als die letzten Horntöne sanft verklungen waren, schritt ich langsam weiter durch die mondbeglänzte Pracht und Einsamkeit. O Gott, wie wunderschön ist Deine Welt! ProchaskciL illnstrirte Monatsbände. 192 Neistek Stoch. von Raoul Ritter non Vomdroinsin- iner der Ersten in der Reihe der Wandervögel, die uns, aus dem fernen Süden kommend, den nahenden Frühling verkünden, ist jener allbekannte hagere Geselle mit dem langen rothen Schnabel und den noch weit längeren dürren Beinen: Meister Storch. Er ist ein sonderbarer und räthselhafter Geselle, welcher nicht nur vermittelst seiner überlangen Stelzbeine über die Menge ragt, er thut es auch mit seiner Eigenart. Die Legende und die Fabel feiern ihn, und schon in grauer Vorzeit war der Storch ein geheiligter Vogel. In vielen Gegenden, namentlich in solchen, die er als ständiger Sommergast in regelmäßiger Wiederkehr alljährlich aufsucht, hat sich bis in die Gegenwart ein eigener Cultus im Wege der Ueberlieferung gebildet und der Volksaberglaube hat dem räthselhaften Wanderer Eigenschaften und Einwirkungen angedichtet, welche sich vor dem Naturgesetz wohl nicht stichhältig erweisen. In den elenden Dörfern Beßarabiens und Rumäniens fand ich jedes der bemoosten Schilsdächer von einem Stor- chen-Paar bewohnt, und wehe dem Frevler, welcher es in jenen noch weit abseit von der fortschreitenden Cultur gelegenen Gegenden wagen wollte, dem „heiligen" Vogel ein Leid zuzusügen. Ihm zu Ehren befestigt der Hausvater am windschiefen Dachfirst ein altes morsches Wagenrad als Einladung ohne Worte, — welche von Madame Storch sofort verstanden wird. , Unter obligatem Geklapper — Madame kann ihren Schnabel eben auch nicht halten — beäugt sie vorerst eine Meister 5torch. Von R. Ritter von Dombrowski. 193 Weile die sinnige Vorrichtung und beginnt dann bald darauf, dieselbe in einer, ihren intimen Absichten entsprechenden Weise zu vervollständigen, wobei sie ihr Gemahl mit Eifer und Geschick unterstützt. In wenigen Tagen ist das alte Wagenrad mit derbem Geäste belegt, .in welches das emsig schaffende Paar Schilf und Halme in kunstloser aber haltbarer, Weise einsügt, die flache Nestmulde überdies noch mit Moos und Blütenwolle der Pappeln weich aussütternd und — die luftige Kinderstube ist fertig und harrt der Dinge, die da kommen sollen. Auch in den Niederungen im Nordosten und Westen des europäischen Continentes ist der Meister Storch ein gern gesehener, alljährlich wiederkehrender Sommergast, und auch hier bietet man ihm bereitwillig eine entsprechende Unterlage für seine häusliche Niederlassung. Findet das Storchenpaar diesfalls kein Entgegenkommen, dann hilft es sich eben selbst und wählt entweder den Wipfel eines hohen Baumes oder altes Gemäuer als Nistplatz. Einen höchst originellen, leider verunglückten Bauversuch eiues Nestes, hatte ich Gelegenheit während einiger Tage, die ich als Gast eines befreundeten Gutsbesitzers in Böhmen zubrachte, zu beobachten. Unweit des Schlosses und mit einem großen herrschaftlichen Meierhofe einen geschlossenen Gebäude-Complex bildend, lag die Bierbrauerei, und den zu derselben gehörigen hohen Dampfschlot hatte sich ein Storchenpaar als Nistplatz ausersehen. Die Brauerei war eines Umbaues der inneren Einrichtungen wegen, eine kurze Zeit außer Betrieb gesetzt, und dieser Umstand verleitete das Storchen-Paar, den hohen Dampfschlot als Kinderstube herzurichten. Emsig schleppten die Beiden derbe Prügel herbei und begannen sofort mit der Fundamentirung. Als man dies im Meierhofe bemerkte, bemühten sich einige Arbeiter das Paar zu verscheuchen, doch ließ sich das- III. 13 194 j)rochaska's illustrirte Nonatsbände. selbe weder durch Lärm uoch Steinwürfe stören. Endlich bestieg einer der Werkleute den Schlot und warf das begonnene Nest-Fundament herab — und als man am nächsten Morgen die Störche wieder und unverdrossen weiter bauend fand, blieb kein anderes Mittel, sie von der Ungehörigkeit ihres Beginnens zu überzeugen, als in der Heizvorrichtung ein Feuer anzuschüren. Dieses drastische Mittel half. Klappernd umkreisten die durch den dichten Rauchquälm verscheuchten Störche den übelgewählten Nistplatz eine geraume Zeit, und zogen endlich ab. Befremdlich ist es, daß über die Lebensgewohnheiten dieses so allbekannten Vogels bis in die jüngste Vergangenheit vielfach unrichtige, zum Theil auch unvollständige Datei: Vorlagen. Die herrschende Lehre, „der Storch sei ein durchaus harmloser, ja höchst nützlicher Geselle, welcher sich lediglich von schädlichem Gellster aller Art nähre," galt unangefochten und was da geschrieben stand, wurde gläubig nachgebetet und — nachgeschrieben. Der gewissenhafte Naturforscher und Beobachter — und in der Reihe der Letzteren insbesondere die Jägerei — ist indeß nicht immer geneigt, nur mittelbar und durch fremde Brillengläser zu schauen, und bemüht sich, von Fall zu Fall die herrschende Meinung auf ihre Stichhältigkeit zu prüfen. Auf diese Weise wurde schon so manche Irrlehre berichtigt und dies ist auch neuerer Zeit in Bezug auf die Lebensweise des Storches geschehen. Zunächst waren es eben die Jäger, welche mit ihrem scharfen, in kritisch-prüfendem Schauen geübten Blicke, den heimlichen Schlichen des langbeinigen Wanderers nachgeforscht und sich auch thatsächlich überzeugt haben, daß Meister- Storch eigentlich doch ein — „sehr curioser Heiliger" sei, daß er wohl nicht mit der Tollkühnheit des Edelfalken und Sperbers, nicht mit offenem Visier wie der königliche Adler, Meister Storch. Von R Ritter von Dombrowski. 105 dafür aber unter dem Deckmantel der Scheinheiligkeit nicht minder erbarmungslos mordet und raubt. Es ist wahr und durch exacte Untersuchungen unumstößlich festgestellt, daß sich der Storch durch Vertilgung von Fröschen, Mäusen, Regenwürmern, von schädlichen Jnsecten aller Art, insbesondere durch massenhafte Vertilgung der oft überaus zahlreichen Grasraupe (Ovxrsxin Arnmmien) wesentliche Verdienste um die Cultur erwirbt. Anderseits aber ist es nicht minder unläugbar sichergestellt, daß er sich mit der vorangeführten Nahrung keineswegs begnügt. Entdeckt er gelegentlich seiner täglichen, mit großer Regelmäßigkeit unternommenen Wanderungen irgendwo am Wiesenrande, die nieist ebenso schlecht verwahrte, als sorglos gehütete Kinderstube einer Häsin, dann stelzt er, scheinbar harmlos umheräugend, heran, recognoscirt scharf die Umgebung, wendet sich dann Plötzlich und — ein scharfer Schnabelhieb spießt sofort eines der kleinen hilflosen Häschen. Mag dann auch immerhin Fran Lampe opfermüthig herbeieilen, ihre energische Verteidigung ist dem scharfbewehrten Angreifer und Mörder ihrer Nachkommenschaft nicht gewachsen. Der Storch ist auch ein arger Nestplünderer, und wehe dem Gelege, welches er gelegentlich seiner Wanderungen im Wiesenland, in Sumpf und Ried entdeckt; er vertilgt die Eier wie die unflüggen Jungen sofort. Solche und ähnliche zahllose Missethaten haben ihm die gute Meinung des Jägers, welcher sein Wild mit treuem Eifer schirmt, längst verscherzt, und er hat ein unläugbares Recht, den sanften Betheuerungen des Stubengelehrten eine mit gravirenden Thatsachen gewappnete Negation in Bezug auf die Harmlosigkeit und Unschädlichkeit des — sonderbaren Heiligen entgegen zu stellen. Das geflügelte Römerwort „gnot enxitn, tot ssnsn^ trifft bezüglich der sehr getheilten Meinungen über Meister Langbein vollständig zu. Im fernen Osten feiert ihn der Halb-Asiate als Götzen 1L* 196 Prochaska's illustrirte INonatsbände. seines heimischen Herdes; der Stubengelehrte preiset seine Tugend und seinen makellosen Lebenswandel, während der Jäger durchaus entgegengesetzte Überzeugungen hegt. Die Kinderwelt endlich hat ja auch eine ganz besondere Meinung vom Meister Storch, und der pausbackige kleine Junge sistirt sofort seinen Ritt auf dem Steckenpferde, wenn er den räthsel- haften großen Vogel am Horizont entdeckt. Nachdenklich folgt er dem schwerfälligen Fluge desselben und seine Hellen Augen lugen nach dem rothen Schnabel, ob er nicht etwa schon das ersehnte Schwesterchen. Wie jedes Geschöpf im Haushalt der Natur hat auch der Storch nach unseren menschlichen Begriffen seine Licht- nnd Schattenseiten, und es ist nur befremdlich, daß es dem Scheinheiligen bis in die jüngste Zeit gelungen ist, sich den Ruf eines höchst tugendsamen Lebenswandels zu wahren. Er ragt doch mittelst seiner überlangen Beine über Andere empor und solche Pflegt mau zumeist am schärfsten zu beobachten. „Verhältnisse bestimmen den Menschen und wandeln sein Urtheil," so lautet ein altes Sprichwort im Volksmunde, und wie sehr es wahr und thatsächlich ist, mag die einfache Schilderung beweisen, mit welcher ich meine flüchtige Skizze über den Meister Storch — den sonderbaren Heiligen — abschließe. Es war einmal irgendwo am Waldrand ein stattliches Jägerhaus nmrankt von Weinreben und beschattet von altehrwürdigen Linden. Mitten im Kreise der hochragenden Stämme war eine Ruhebank, ans knorrigem Föhrengeäste zierlich gefügt, und auf derselben, dicht beisammen, saßen zwei glückliche Menschen. Das Abendlicht vergoldete, das Laubgedränge, welches die breiten Aeste der alten Bäume über sie wölbten; sie lauschten dem Geflüster im Gezweige und dem Liede ohne Worte — aber nicht ohne Sinn — welches der Staar — ihr zu Ehreil und zu Liebe so melodisch sang. ?- Meister Storch. Von R. Ritter von Dombrowski. 197 Dafür war sie — die Staarin — auch erkenntlich und hüpfte behende von Zweig zu Zweig näher heran, bis sie endlich ebenso dicht an seiner Seite saß, wie unten auf der Ruhebank das holde junge Weiblein neben dein wettergebräunten Waidmann — ihrem Gatten. Der Abendfrieden senkte sich auf den weitgedehnten ^ Hochwald und das trauliche, von mächtigen Hirschgeweihen gekrönte Dach. Die Liederstimmen rings und vom Thal das Geläute der Glocken verklangen leise. — Da kam von Ferne über die Wipfel der knorrigen Föhren ein später Wanderer gezogen; näher, der Berglehne entlang, hoch über die Linden und dann über das trauliche heimische Dach flog — — Gevatter Storch. . . . Hilde, das Jägerweiblein, folgte mit ihren braunen, großen Rehaugen dem Zuge des einsamen Seglers und ein beseeligtes Lächeln verklärte ihr kindliches, madonnenhaft 4t» holdes Angesicht. Ein tiefer Athemzug hob ihren Busen und halb unbewußt faltete sie die im Schooß ruhenden Hände. — -— Wie nun ihr Gatte dem Blicke folgend, ahnend und tieffreudig bewegt, nur ein einzig Wort flüsterte, jubelnd und fragend zugleich, da schmiegte das liebliche Weib ihr Haupt an seine Brust wie ein müdes Kind. Die keusche Gluth auf der reinen Stirne, die schalkhaften Grübchen in den Wangen — sie gaben stumm die Antwort! Es war so friedlich still geworden, so feierlich und der Abendstern funkelte über dem schlummernden Wald. Meister Storch ist in der That ein merkwürdiges Vogelthier! z - L 198 Prochaska's illustrirte Monatsbände. Die Karlen des Neeres. s ist eine wunderbare, bunt bewegte Welt, die das Meer und seine Tiefen belebt. Thiere von den abenteuerlichsten Formen und Gestalten, bald viel- strahligen Sternen, bald seltsamen Blumen gleichend, von dem Spiel der Wellen statt vom Windhauch bewegt, geben dem Ufer- und Meeresgründe das Ansehen eines blühenden Gartens. Einer der merkwürdigsten dieser Organismen ist die See-Anemone. Auf dem Sande des Strandes sieht sie fast wie ein plattgedrückter Geldbeutel, wie eine regungslose Masse, wie ein fleischiges, verwelktes Ding aus. In den Fluthen aber gleicht sie einer Blume, einer blendend schönen, belebten -Blume. Unter den animalischen Pflanzen, die in der See blumengleich aufgehen und erblühen, gibt es rosenrotste und weiße, blaue, gelbe, violette und ponceaufarbige. Alle diese animalischen Pflanzen lösen sich willkürlich los, gleiten, schreiten fort, rollend oder schwebend und wiegen sich in den Wellen, um in anderen Wurzeln zu fassen und zu erblühen. Wenn man diese phantastischen Wesen mit ihren beweglichen Blüthen, belebten Blumenblättern, flatternden Zacken in ihrer lebhaften Farbenpracht sieht, so möchte man meinen, daß eine wunderbare Fee all dieses glänzende Gethier in unsere Gartenblumen verwandelt habe; da ist eine Anemone, die sich wie eine Rose im Windhauch regt, dort eine andere, die wie eine Nelke in den Fluthen schimmert; jene wieder gleicht einem verpflanzten Chrysanthen: (einer^Goldblume), diese da einem wandelnden Maßlieb ... Die Anemone ist die Sensitive der Meere; sowie man sie berührt, schließt sie sich und verliert ihre Blumengestalt; sie ist dann nurmehr ein beutel- und sackförmiges Ding. In Wirk- Die Garten des Meeres. 199 lichkeit aber ist die schöngefärbte Anemone nichts anderes, als ein Polyp, dessen Körper thatsächlich einen Sack bildet, der einen anderen Sack, den Magen, in sich schließt; ein Gefäß mit doppelter Scheidewand. Der lebende Beutel mündet in einen Säugrüssel, mit dem er sich an den Felsen und Klippen sestsangt. Der obere Theil dieses Sackes wird von Fühl- säden oder Fühlspitzen gekrönt, die sich ausstrecken und zurückziehen, krümmen und dehnen und sich beugen, wie Arme. Inmitten dieser Fühlspitzen, die von den buntesten Farben die Blume der Anemone bilden, öffnet sich ein scheußlicher, gefräßiger Mund, der sich weit nach der Beute hin austhut, welche die Fangarme ergriffen haben. Aus diesem Munde — einem mit Blumen umgebenen Abgrunde — fällt das Opfer in den Magen, der die besondere Eigenschaft besitzt, sich zu bewegen, sich umzuwenden und nach der Beute hin auszudehnen, die der Mund verschlingt. Die Gefräßigkeit der so poetischen Anemone hat kaum ihresgleichen. Lebende und todte Fische sind ihr gleich willkommen. Ihr Leben ist ein stetes Festmahl, ein unablässiges Schmausen. Scheinbar, nnbewehrt, überwindet sie die bestbewehrten Krabben. Unbeweglich wie eine Pflanze, blühend wie ein Blumenstrauß, lauert sie aus ihrem Felsen, harrt und überwacht ihr Opfer, das in einer Blume kein Arg ahnt. Doch plötzlich bewegt sich diese und der gierige Polyp erfaßt die Beute mit seinen glänzenden, unwiderstehlichen, giftigen 'Fangarmen. Getroffen von dem Gifte, welches sich aus den zarten Fühlspitzen absondert, ersticken die Fische und kommen um — in einer Blumenkette. Diese biegsamen, schrecklichen Fangarme führen das Opfer zn dem offenen Munde, woraus es der Magen verschlingt. In wenigen Augenblicken vollzieht sich in letzterem eine Rückbewegung und werden die Muschel- und kleinen Schildkrötenschalen, die ein scharfer, ätzender Saft zu einer teigartigen Masse verwandelt hat, wieder herausbefördert. Gleich dem Seestern besitzt die Anemone die Fähigkeit, zerrissene oder abgetrennte Körpertheile, wie 200 Prockaska's illustrirte Nonaisbände. durch Wunderkraft wieder zu ersetzen. In zwei, vier, ja zwanzig Theile geschnitten, bringt die Anemone eben so viele vollkommene Thiere zum Dasein, als kleine Stücke und unförmliche Fragmente vorhanden waren. Jedes Stück vervollständigt und entwickelt sich, jedes Fragment wird wieder zu einer regelmäßigen Anemone, wie sich aus der Knospe Blätter bilden und aus dem Aste ein Baum. Will sie ihren Platz verändern, so kriecht oder gleitet die Anemone vermittelst ihres Fußes mit der Langsamkeit und Regelmäßigkeit eines Uhrzeigers vorwärts. Auch an ihren Fangarmen kann sie sich weiterziehen; dann ist der Fuß aufwärts gerichtet, als ob sie auf dem Kopfe ginge. Endlich geschieht es auch, daß sich die Anemonen von dem Felsen, an dem sie angewurzelt scheinen, loslösen und sich ganz dem Wellenspiel überlassen. Dann bilden sie schwimmende Blumenparterres, die von der Strömung fortgetragen werden; wie bunte Blumensträuße wiegen sie sich auf dem Schaume der Fluthen; Rosen und Nelken gleich tauchen sie aus der Tiefe empor; mancher Woge geben sie das Ansehen, als wäre sie mit Gänseblümchen bestreut. Wie Goldblumen, die im Winde treiben, wie herumirrende Astern, wie ein Blüthenflor, der mit den sonnenbeglänzten Wogen kämpft, erscheinen sie dann dem Auge. So bilden die See-Anemonen die lebenden Gärten des Meeres. Verantwortlicher Redacteur Karl Prochaska. K. l. Hosbuchdrnckerei Karl Prochaska in Teschen. i! z > ! «.^ t . j ^ s ' EL M TM ME «ME dT- E-- EL dd Es TE E Ed ML KMA «M ET TdB'E MT E: MT EM MT MT EN Ed «T MT MEL EL TMT ET EL TEL ELM EM xd- EMT !M^-- ME WMW