Mener ZiM-kibliMs!« 8040^ ' »X W L --A- ^ R..^:S '--.X ',. X» X ' MW 7^ x^'4 ^ 4j ' M ä»G-^ '- X M- K M ^7'/ 4< W^.-K ^<7-K 4-^ /W Der Weise in den wichtigsten Verhältnissen des Lebens.' Aufgestellt von Gottfried Zmmanuel Wenzel, der freyen Künste und Weltweirheit Magister, uuh Professor der Philosophie in Linj. M Wien, bey Franz Joseph Rötzel, »8 c>». ^ Mein Traum. Es ist nichts Ungewöhnliches, dem geneigten oder nicht geneigten Leser in der Vorrede zu sagen, was eigentlich die Veranlassung zu dem Buche gab; daß er entweder zum Zeitvertreibe, oder aus Unmuth, oder in der Absicht sich zu ennuiren, oder,— was doch äußerst selten geschieht, und kein Autor, der die Welt kennt, ohne sich lächerlich zu machen, verlangen darf^—- um sich zu belehren, gerade in die Hand zu nehmen beliebte.— Nun denn, da ich eine so alte, ehrwürdige Sitte vor mir sehe; so )(« rv will ich auch bey gegenwärtigem Buche vorläufig meinen Lesern das Entstehen desselben erzählen.— Die erste Veranlassung dazu war nichts mehr und nichts weniger als— ein Traum. Mir träumte nähmlich, es stünde eine Geistesgestalt, gleichsam ein Zephir/ in dem Contur des Menschen, vor mir, der mich von meinen Büchern und Motten wegblies, und in die weite Welt hinaus setzte, mit dem Zuruf:„Auf, Sterblicher! hier suchest du vergebens die Weisheit! Nimm deine Grundsätze, und eile unter die Menschen; dort, mitten unter ihnen, wirft du sie finden." Ich ging, und suchte mein Fdo? un-, ter den Menschen.— F ßbachS Schlangeln verfolgt;— dann bethet er auch zu Gott; denn er freuet sich seiner Werke; und der Werke Gottes sich freuen, sie genießen und froh seyn im Genusse, ist ihm großes, heiliges Gebeth- Der Wets'e vergißt Gottes nie; denn wo er hin blickt, da stehet sein Da»eyn geschrieben, da athmet ihm entgegen seine Li.be. Alles erinnert ihn an den Schöpfer und alles ruft ihm zu„Danke. danke dem Ewiggulen, der allgewaltigen Liebe!" Der frische Quell, der den dürstenden Wanderer labt; der Schalten des Baumes, der 8 dem Müden zum kühlenden Obdache dient; der Strahl der Sonne, der das Jnftct aus seinem Schlafe ruft; der Donner, der die Erde erschüttert, und der Nordwind, der die Luft reiniget, sind dem Weifen Herolde des sorgenden Gottheit. Tausende wird er ihrer um sich her gewahr, und verstehet ihre Spra^ che. Sein Herz erhebet sich zu Gott, er bethet seinen Schöpfer au! Er, der in weite graue Ferne Gottes Thron errichtet sieht; Dem aus des Himmels jedem Sterne Des Schöpfers Liebe wieder glüht. Dem tausend Sonnen rufen laut, Im Glanz und Fcuersirahl: „Sieh, uns hat ein Gott, wie dich, gebaut; Und diese Lichter sonder Zahl!" Dem selbst sein Ich den Schöpfer zeigt, Anaerhan mit Herrlichkeit, Wie gut ist er, und wie geneigt, Zu gebe» Seligkeit. Dem's am Blatt' die Raupe spinnt, De«' Schmetterling bewahrt, Der Voqel in den Lutten singt, Im Ocean dir Muschel lehrt» Der kann nicht Gott verkennen! Ihn, der Liebe Inbegriff, Ihn, den tausend Welten nennen, Der dieß All zum Daseyn riel> ro II. Der Weise als Weltbürger. ist krankend und niederschlagend für den Menschenfreund, so viele um sich her zu sehen, deren Herz ganz lieblos gegen diejenigen ist, die nicht zu der Gesellschaft, zu dem Slaate gehören, dessen Glieder sie selbst sind; die entweder einen andern Himmelsstrich bewohnen, oder sich zu einer andern Religion bekennen, oder andere Sitten und Gebrauche beobachten. Nein, solche Denkart, solche Gesinnungen nähret der Weise nicht! Alle Menschen find seine Bruder, allen schlägt sein Herz mit wahrer, aufrichtiger Liebe entgegen; er wünschet allen wohl zu thun.— Er ehret die Menschheit im Menschen; ihm ist es genug, Mensch zu seyn um ihm hülfreich b yzu pringen. Nur die Bösen meidet er, ohne deßwegen an ihnen 11 den Menschen zu hassen. Sein Haß gilt nur der Boßheit. Wer gut ist, wer edel denkt- den schließet er brüderlich in seine Arme, drücket ihn mit Wärme an seine Brust; er sey nun ein Bewohner von Senegal, Hottentolt oder Karaibc; er lebe auf Kamtschatka oder auf der Huthsons-Bay, in London oder in den Wüsten Siberiens. Der redliche Jude ist so gut sein Freurd, wie der wackere Türke. Er liebet den rechischaffenen Lutheraner, Calvincr und Katholiken. Der Biedermann ist ihm schätzbar, er mag sich zu diesem oder jenem Ritus bekennen; mag Arianer, Socinianer oder Quacker seyn, europäische Sitten oder asiatische Gebräuche, afrikanische Ellikett oder Amerikas Lebensart beobachten, diesen oder anderen Gesetzen Unterthan seyn, ihm nahe. oder entfernt von ihm seinen Wohnsitz haben, sich mit Verfertigung einer Mausfalle, oder mit Ergründung verborgener Wahrheiten beschäfri- gen. Hierin, in der allgemeinen Menschenliebe, in dem Hange seines Herzens, allem, waS das Gepräge der Menschheit an sich trägt, einen unsterblichen Geist beherberget, Gerechtigkeit und Billigkeit widerfahre» zu lassen, Liebes- 12 dienste im nöthigen Falle zu erweisen, hierin bestehet des Weisen WeitbürgerschafL. Alle Menschen zusammen genommen, sind in seiner Erkenntniß eine große Kelle, aus deren Gliedern auch er eines ist; und wie in einer Kelte ein Glied in dos andere greift, so, denket der Weise, muß auch ein Mensch dem andern die Hand biethen, damit jenes erhabene Ganze enistehe, welches der Ewige, bey der Schöpfung des' Menschengeschlechts bcab« sichtet, und damit erfüllet werde das große Gesetz der menschlichen Natur:„Was du willst, das dir geschehe, das thue auch einem andern." Des Weisen brennender Wunsch ist, daß der Geist des Friedens und der Eintracht un, ter den Menschen herrsche, und die Liebe des einenden andern beselige; daß sie sich alle als Kinder eines und desselben Vate,s betrachten, und jeder Einzelne erwäge, daß die Natur in Austheilung ihrer Güter und Gaben von keinen Neb nabsichten geleitet werde; daß die Blume d-s Feldes für jeden blühe, für jeden die Erde F.-üchte trage, eines jeden Scheitel die Sonne bescheine und erwärme. Sein Wuusch ist, haß der Mensch in allen Verhält-- rZ Nissen Mensch gegen den Menschen sey; daß einer den andern dulde und trage, keiner den andern wegen Fehlern und Schwachheiten verachte. Haffe oder verfolge; daß der Mächtigere nicht den Schwächer» unterdrücke; aus den Herze» der Fürsten der Erde Eroberungssucht weiche, und nicht Verwirrung unter den Völkern wohne, welche Notes schone Werke verwüstet.»nd P rradiese in Einöden verwandelt. Sein Wunsch ist, daß Religioushaß den M tischen fremd werde; daß die Schuppen von dem Auge der Reichen hinweg fallen, und sie einsehen lernen, daß sie nichts mehr, denn andere Menschen sind; daß sich ihre Herzen erweichen und herab stimmen zur göttlichen Harmonie des M n chengefühls. Sein Wunsch ist, daß oer Unterthan der Obrigkeit in jeder Zone gehorche, und kein Wink.l der Erde sey, wo ein Mensch jammerte und seufzte nach Nahrung; daß Wahrheit allgemein leuchte und erkannt werde; daß das Gut-geübt, und das Laster gemieden werde. Sein Wunsch ist, daß der Ueberfluß deS einen auch dem dürftigen Bruder zufließe, und keine Thräne des Kummers und Schmerzens irgend einem Menschen- 14 aug' entfalle; daß Witwen und Waisen aller Regionen geschähet, der Leidende am Krankenlager getröstet werde, und der Schmach, teude im Kerker gefühlvolle Herzen finde; daß menschliche Richter nicht bloß in daS Buch der Gesetze. sondern auch zugleich in das Herz des. zu Richtenden sehe»; daß Aeltera ihre Kinder zur Weisheit anführen, und Gatten einander mit treuer, reiner Liebe begegnen. So denket der Weise als Weltbürger für die Menschen; so handelt er auch, so benimmt er fich gegen dieselben. Daraus folgt aber noch keineswegs, daß nicht jene ihm naher seyn, die mit ihm in einem Staate, und unter ei. nerlcy Gesetzen leben, mit den n er sein bur. gerliches Wohl gemeinschaftlich hat. Diese sind allerdings seinem Herzen näher, weil seine Verbindung mit ihnen enger und fester ist» Mit den Menschen überhaupt verbindet den Weisen das Band der Menschlichkeit, das Band des Gleichftyns au Ursprung und Cha- rakter; mit den Bürgern des Staates hinge, gen, zu dem auch er sich rechnet, verknüpfet ihn noch inS besondere das Band der civilen Verfassung, und das besondere gesellschaftliche B-'ste. also wird er immer, vor allen and Beweise sein.r L-ebe geben, und ihr Wohl zuerst zu befördern suchen. Zwar ist des Weise» Vaterland Der Ecde jeder Drt, Wo Gottes Sonne scheint Und Menschen, Bruder, leben; Wo'S gut des Schöpfers Weisheit fand, Daß aus sein schaffend Wort, Die Natur sich vereint, Ihrem Liebling Wonn' zu geben. Zwar klopft des Weifen redlich Herz Negern, Irokesen, Dem Menschen unterm Pol, Sie sind ihm alle Bruder. Er leis't bey ihrem Weh und Schmerz, Und sein qanzes Wesen Nimmt Theil an ihrem Wohl, Sein Aug« lächelt wieder. Er liebt den Juden, Muselmann, Hasset den Heiden nicht, Der krank am Irrwahn liegt- Sie sind ihm Gottes Kinder. Er hilkt, wo sr nur helfen kann. Auch selbst dem Böseivicht, Wen» ihn das Uagli'ick drückt, Und Inhlet für den Sünder. i6 Doch, dieses Herz, das all' umfaßt. Schlägt zuerst den Seinen, Den Gliedern seiner Kett', Die d'ran sich näher fügen. Der Sonne gleicht's, die keinen laßt. Ohne auch ihm zu scheinen, Nur dem früher, jenem spät. Je näher sie ihr liegen. Wenn dort aus der öden Wüste Klage tönte in das Ohr Des Weisen, und sein Gespan Zerrüttet-läge sonder Ruh, Er zu helfen beyden wüßte. Zog' er diesen jenem vor; Und wäre hier das Werk gethan, Dann flog' er jener Wüste zu. '7 m. Der Weise als Staatsbürger und Patriot. ^^erjenigen bürgerlichen Gesellschaft wäre allerdings Glück zu wünschen, deren Mitglie- der olle Schüler der Weisheit wären. Da würde j^der die Gesetze verehren, die zur Erhaltung deS allgemeiaen Wohls eingeführt wurden. Da würde jeder gern die Lasten tragen, die ihm die bürgeriiche Verfassung auferlegt; jeder seine Kräfte aufbiethen, durch die Beförderung seines eigenen Besten, zugleich das ge- gemeine Beste zu erhöhen. Da gäbe es keine Unterdrücker, keine UsurpakörS, keine Caba- leoschmiede. Da wäre kein Murren, kein Klagen, keine Unzufriedenheit. Friede, Eintracht, wechselseitige Bruderliebe wurden Hand in Hand einher gehen, und Bürgerglück auf ihrer Fährte blühen. Da würde nicht die kecke Wuth B -es einen, noch die Schwachheit des andern Unh.il wirken, der Ehrgeitz nicht der belchei- denen Vernunft in die Dnere komnun, und kein Kunstgriff die Redlichk.it besiegen.— AI» le-n so ,o»re es nicht seyn!— Thorheit und Weisheit sollten auf Erden neben einander gehen! Der Thoren sollten viele, aber nur ne- ruge der Weisen seyn!— Ihr werdet also vergebens auf der Weltkurte das LuNd der L ei- sen slict-cn. Ei- PsüMls wir seinen Kinder» der Narur hat sein Daseyn bloß in dem«ros ßen Schattenreiche der dichterischen Jmagina- lion, und eben di.selbe Realität, wie daS Es« dvrado des Lüstlings. Seyd also iwnur zufrieden, wenn ihr nur hier und dort einen Wellen erblicket, indeß euch der Thoren Unzahl ge begegnen, und labet euch an dem Andicke desselben; tröstet euch, wenn ihr lha mitten in der Finstern ß so handeln sehet, alS stünde er im Mitt.lpuncte der Sonne, und bemühet euch ihm ähnlich zn werden an Denkart, Willen,und Lyot. Als Weltbürger siehet der Weise alle Menschen lür leine Brüter an; verehret ihre Rechte, die ihnen als Menjchen zukomme», ,9 rmd versaget k-nem ftkn? Unterstützung. Aber als Bürger, als M'tgnrS-!aes besondern Sla^t s. als Glied einer b.ftndera M nschen- keile, als Th il einer b.sondern Tes:lsvaft, conccntrir-t er kiese seile allg meine L-- e auf diese G.ftil^chaft, gleich dem B enn^piegel, der di. Strahlen der Sonne, die allgemein leuchtet und alletUhalhen nnrm t, in einen bcson- dern Focus sammelt, und au^' einen bestimm- tea Gegenstand hinwirft, ohne doch oab'y den wohlthäligea Einfluß d-r Sonne irgend ei:e« Geschöpft zu entziehen. Den St rat, in welchem der Weise lebet, hält er für seine Hei. Math, für sein vä etliches Haus, und die 8! e- der desselben für seine nächsten Blutsverwandten, deren Wohlfahrt ihm nahe am H rzen liegt, die er immer zuerst zu befördern sucht; und erst alsdann, wann er hier seine Pflicht erfüllt, alsdann erst komme« andere Mmschen, als entferntere Bruder von ihm, an die Reihe. Die Gesetze, welche die Gesellschrst auf. recht erhalten, deren Glied er ist- betrachtet er als ein H-iligthum, das nicht ungestrakt verletzt werden darf, und befolget sie auf das genaueste, nicht etwa, weil er, wie kleine nie- B s dn'ae Seelen, bey Uebertretung derselben Ahndung befürchtet, sondern bloß aus dem Grunde, weil er überzeugt ist, daß sie zur Erreich»-,a des bürgerlichen Wohls, zur Gründung der bürgerlichen Glückseligkeit wesentlich nothwendig sind; weil er überzeugt ist, daß keine Gesellschaft in der Welt ohne Gesetze bestehen kann. Darum hat der Weift auch Achtung für diese Gesetze, und unterwirft sich ihnen ohne die geringste Widersetzlichkeit, selbst dann, wann sie seinem Privat-Jnteresse einige Gewalt anthun; denn er ist mit der großen, wichtigen Wahrheit zu sehr vertraut, daß das Pri- vat-Jnttresse dem Interesse des Ganzen nachgesetzt werden müsse, als daß auch nur der schwächste Laut einer Klage über seine Zunge kommen sollte.— Er sinnet unausgesetzt darauf, wie er seinen Mitbürgern nützlich werden kann, und halt den Tag für verloren, an dem er für Gemeinnützigkeit nichts gethan; denn er weiß und fühlet es, daß ihm ein Pfund gegeben worden, mit dem er wuchern soll, und daß er mit Gütern gesegnet sey, auf welche leine Mitbürger die gerechtesten Ansprüche haben. Er fühlet es, daß er an seiner eigenen Glückseligkeit arbeite, wenn er jene feiner Staatsbürger mit dem Beylage feiner Kräfte vermehret. Es ist ihm dieses ein Geichaft, dessen er sich mit dem größten Vergnügen e, t- f digct, weil ihm einleuchtet, daß er dadurch seiner Pflicht Genüge leiste, und daS Gute wieder erstatte, was ihm durch eine ähnliche Vcr. Wendung anderer aus der Gesellschaft zufließt, und das er für eine Schuld anfleht, die er zu bezahlen verbunden ist. Er ist nicht blind für dieses Gute; er weiß es ganz nach seinem Werthe zu schätzen und richtig zu beurtheilen; er weiß, daß er dem Staate seine Erhaltung, Erziehung und Bildung zu danken habe; daß ihm derselbe Sicherheit seiner Person und seines Eigenthumes gewähre, seine Ehre, seineu guten Ruf schütze, und ihm Mittel darbiethe, sich nicht bloß das Noihwcndige und Nützl che zu erwerben, sondern auch Mittel, die ihn tu den Stand setzen, die Bedürfnisse des Angench- men zu befriedigen. Er weiß, daß>ha dieser gesellschaftliche Zustand unzählige Vergnüguu- gen bringe; daß er durch diele Verfassung, und aus der Mitte seiner Mitbürger, das Weib feines Herzens, die unendlich Geliebte«hak» sr t n; daß er daber drn Freund; dir Freude seines Lebens, genommen, da ein Vermögen erworben, und Kinder g-zeugthabe, die ihm Ll onne und Himmel find.— Die Vorstellungen oller dieser Vortheile, die ihm der Staat, in welchem er als Bürger lebet, verschaffet, xrbmen ihn ganz für denselben ein, und keine Beschwerde ist ihm zu groß, der er sich nicht willig des Staates wegen unterzöge— Fordert das cllgemeincWohl von ihm, daß er ei- ven Theil seiner Habe ihm opfere, o-— so eilet er mir freudigem Herzen hin, und zollet seine» Tribut. Heischt dieses Wohl seinen Sohn, d-ß er hinziehe ins Schlachigetümmel, o— so laßt er ihn ohne Murren von seiner Seite- wenn gleich des Vatcraug' dem Liebling eine Thräne weint. Wird er aufgefordert, sich bey allgemeiner Drangsal einzuschränken, seinem Lebensgenuß einigen Abbruch zu thun;— o—- so weigert er sich nicht; denn in diesem und in allen andern Fällen, wo er dem Staate dienet, ist ihm der erhabene, schöne Gedanke ge enwärlig: Ich thue es ja für weine Mitbürger, deren Wohlfahrt auch weine Wohlfahrt ist. 34 thue ja weiter nichts, als was die 2Z W!Lt von mir fordert, so l^nqe ich Bürger die-es Staates bin. nichts, als wozu mich bis Dankbarkeit verbindet." Ader auch in dem Falle ist der Weise ei» treuer Bürger, w nn der Staat ungerecht gegen ihn ist; wenn>r ihm zu schw re Lasten aufoür. der, und Kalte und Gleichgültigkeit sime» Verdiensten entgegensetzt; wenn er in der Ver. fassung, in welch r er sich befindet, nicht der erforderlichen Sicherheit, nicht des hinlänglichen Schutzes sich erfreuet, und ihm sein F rk- kommen erschweret wird; wenn ihm wirklich menschenfeindliche Gesetze drücken, und er n,- 1er dem Zwange der Uebermachk seufzt A<>ch in diesem Falle, der,— dem Himmel sey Da k!— doch so selten eintritt, bleibt der Weise sich gleich, immer ein treuer Bürger dieses Staates, d u nichts in der Will vermögen kann, den Grundsatz zn verlangn n: daß unS die Ungerechtigkeit eines a dem nie ein Recht gebe. selbst ungerecht zu syn. Mit der der Db-igken gebührenden Achtung, n tt der Ehrfurcht, welche das Gesetz schon als Gesetz e'beischt. suchet der Weise seine Rechte geltend zu Machen, und deu Druck von sich abzulehnen, unter dem er stuftet, ohne übrigens auch nur die geringste seiner Wichten unerfüllt zu lassen. Dringet er nicht durch, o— so trägt er geduldig sein Joch, und höhlet sich Trost und Stärke aus dem Gedanken, deß er unverschuldet leide; wirft sich in die Rüstung der Tugend und Rechkschaffenheit, verdoppelt seine Kräfte, und bemühet sich, den Antheil -es Glücks, der ihm von außen entgeht, durch sich selbst und von innen zu ersetzen; hüthet sich, durch unvernünftige Klagen die Gemüther um sich her zu reißen, und aus dem Gleichgewichte zu bringen; hülhet fich, die allgemeine Ruhe zu stören, und gegen den Strom zu schwimmen; verläßt sich ganz auf eine höhere Hand, die gewiß zu seiner Zeit da Hülfe schaffen wird, wo menschliche Macht ihre Grenzen überschreitet, und in Despotismus ausartet. Nie wird der Weise Gährung unter dem Volke- nie Unruhen veranlassen, nie seine Mitbürger dahin bringen wollen, sich selbst Recht zu verschaffen, und Richter in eigener Sache zu wer. den, denn er siehet vollkommen ein, daß Mittel dieser Art nie ein wahres Gut bewirken« niemahls gute Folgen nach sich ziehen; daß sie alle Mahl selbst für diejenigen Geißel wer« den, die sich ihrer bedienen. Der Weise stehet vollkommen ein: Daß Ruhe, Fried' und Einigkeit Des Bürgers Glück vermehren; Daß Aufruhr, Groll und Zwistjgkeit Es in jedem Fall zerstören. s6 IV. Der Weise gegen Thoren, Narren, Gecken, Stolze und Uevermmhige. >^o lange wir unter Menschen wohnen, darf es uns nicht befremden, wenn unS Tborrn be- gegnen, und wir mit Gecken zu kämpfen haben; wenn der Stolze mit Verachtung auf uns herab blickt, unddcrUebermüthigeunsdenWeg verschränkt. Die Zahl derer ist nur sehr gering, die wahrer Meoschensinn beseelt; nur wenige fühlen, was es heiffe, Ginn'sähe der Vernunft zur Richtschnur des Lebens machen; nur wenige können sich rühm n, daß sie^twas mehr, als empfindende Geschöpfe seyn. Tausende sto- ßen dem Beobachter aus, di- nur nach der jedesmahl gen Mischung, nach der schn llern oder langsamern Bewegung ihrer Säfte handeln, nur bloß von dem Temperamente d S Körpers, von der größer« oder geringern Reihbarkeit>h- 27 res Nervengeflechtes zur Thätigkeit bestimmt werden. Tausende gauk ln um uns herum, die nur bey bloßen nackten Empfindung,!, stehen bleiben; nur das begehren, was ihre Ein- ne ktz!k, nur das verabscheuen, was sie un- anqenchm rührt. Und übermahl Lauser,de erblicken wir, die in Dingen Seligkeit suchen, die keine gewähren können; in Dingen, i ie Geburten der Eitelkeit, Kinder der Utppigkeü sind. Selten, äußerst selten kommen wir mir dem M nsch^n zusammen, wie er seyn soll; mldem Manne, der richtig urtheilt, dess a Herz ge- bildet, dessen Geist über das Dorunheil erhoben ist. Es kann also den Weisen nicht aus seinem Gleichgewichte heben, wenn hier Kris-- PM auf den Trümmern des gesunden Menschenverstandes sich blähet, AlevN dorr an den rauschenden Karren der Sinnlichkeit die stille Vernunft anspannt, und darauf los- pcilscht wie der rode Bauer auf seine magere Mähre; da NigNN die Tugend höhnt, und dick darauf thut, daß er sich im Schlamme deS Lasters wälzt; jetzt OrgVN, iy seines Sie chlhnms Gefühle, Herr der Schöpfung zu seyn wähnt, und mit kaltem Blute die Ohn- 28 macht nieder drückt, der Dürftigkeit spottet. All' dem muß der Weise mit unver^vgener Miene zusehen können; darf sicb höchstens ein bemitleidendes Lächeln erlauben; denn im Dunkel zu irren, ist der Menae Lvos; nur wenigen Erwählten ist Weisheit be'chicdcn. Es wäre thöricht, zu fordern, daß keine Gecken die Erde bewohnten; sie sind der Schatten, der Mcnschenvernunft in ihrem Glanz erhebt. Das, was dem Ringsteiue die Folie ist, ist die Thorheit der Weisheit. Ihr duld t das Unkraut unter dem Weihen; sehet deutlich, daß, wo Vollkommenheit hier nieder, ist, auch ihr Gegentheil, die Unvollkommenheit seyn müsse, und ihr hallet euch auf, wenn Narrheit an der Seite des Verstandes einher schreitet und sich brüstet? O, lasset sie immer ihres lächerlichen Daseyns genießen! und belustiget euch an dem Anblicke der Bvckssprünge, die sie euch zum Beste« gibt. Wenn der Weise nach erfüllter Pflicht sei. nes Berufes, nach ernstlichem Denken und Forschen, Ruhe verlangt, und neue Kräfte abwartet; dann lässet er der Thoren Schar hin vor sich treten, und siehet ein Weilchen der Harla-, Made zu, die das Dölklein vor seinen Augen spielt. So ergehet sich der tiefste Denker oft an der Posse des niedrig-komischen Dichters, und sckäwct sich nicht zu lachen, wenn auch ein Bruoer Hanswurst, ein Skaramntz und Skapm zum Vorschein kommen, und ihre burlesken Scherze au Mann bringen wollen. Nur wann das Zeug zu toll wird, wann sein Au» ge dabey leidet, und ihm die Ohren gellen; dann verläßt er den Schauplatz des Unfuges gelassen, und räumet seinen Platz dem gern ein, dessen Auge und Ohr schon stumpf für bessere Eindrücke find.— So macht es der Freund der Weisheit auch. Er sieht Degilleu zu, wenn ihn des Schneiders Hand ins Reich der Schöpfung schiebt im rauschenden Gewände, und ergehet sich, wen» nun das Männlein bläst, zu eng' die breitste Gaffe findet, und in dem Wahne schwebt, daß es ein Göttersohn, der Schönheit Schooßkind sey.— Er wirft jetzt seinen Blick dort auf Pedrillen hin, und muß recht herzlich lachen, wenn das ererbte Gut für einen Adels- brsef aus seinen Händen schwindet, und in den Ueberrest sich Speichellecker theilen, die Zo Gnaden ohne Zahl in ihrem Munde fühlen, und Gnad' und Kratzfuß sich mil Pedriüs Gelde zahlen, indeß er. wirbelich wi' ein Sckaf, die Mummerry für bare Mün-e nimmt.— Es ist ihm Lustgefühl, wann er KritoNM steht, wie er nach Ruhme zeiht, und ein Schma- rotzrrheer in seine n Solde hakt, die berufen find ihm vorzulügen, welche Thaten er nicht gethan. und zu posaunen in d^e Ferne, welche große Verdienste der kleine stch er- warb.— Vergnügen macht es ihm, wann ein Harpax dort nach blanken Thalern schielt, uns eine Tl räae weint, wenn einer ihm ent« geht, indeß er, bey knurrendem Magen, am Hungeituche nagt, und mit hohlen leeren Kno. chen die eiserne Lade drückt, die Klumpen Goldes enthält, worauf sich Erben freuen. Es ist ihm Z itv rtreib, wann jetzt KlitüN- öer hier, dem Wurme gleich. im Glaube kriecht, und von s ines Mäceus Schuh den Staub begierig leckt, um nur einen Blick zu haschen, der ihm sagt, daß— man ihm gewogen sey in Gnaden.— Es amustret ihn, wann die halbe Männerwelt aus ihrer Fassung fällt, da eiaeS Weibleins Fuß sich lanzeud se. Zr b->n läßt; wann dor» ben P"ich- soporn ,'pr-l:, u-ch eine Phri,Ne hler die Keuschheit anemvsirhlt.— So w.i sieh der Werst lachend zu, unü bereuet die S u be nidl, die er der Zhorhrtt schenkte; aber rk w oder sein Äuge ab, wan der St'lze zum Ualerdrücker, zum Verfolger d, r Un chuld^er U b.ra üiyige wird. Da verlieret sich He'tcr- ke l V0:> der St! ne des Weisen, da verfinstert sich fein froher Blick, und er eilet, sich der Scene zu entziehen, die sein Menschenge- fübl so sehr beleidigt; er eilt, sich in der Einsamkeit zu verbergen, und das Schicksal derer zu betrauern, die unter dem Drucke boßhafter Gecken seufzen. Er denket den Mittels nach, sie zu retten, die Armen, ihr Leiden ihnen wenigstens erträglicher zu machen, und frohlocket, wenn sein Denken nicht ganz vergebens ist; büthek sich aber sorgfältig, mil den Nar. ren der bösen Gattung in Kollision zu kommen; er meidet sie, er fliehet in der Ferne vor ihnen; sie sind ihm zu elende Kreaturen, als daß er sie eines Blick s würdig n sollte. Er hält sich dadurch schadlos, daß er d<-n Umgang, die Freundschaft edier, guter Mensche» Z2 aufsucht, in deren Gesellschaft er des Geschmeißes gänzlich vergißt; und ist er nicht jo glücklich, auch nur einen Ebela zu finden; so schließt er fich in sich selbst ein, und schöpfet Trost aus der reichhaltigen Quelle seiner eigenen Weisheit: Sieht ruhig von seiner Höh' hernieder Aus Thoren, Narren, Gecken, Die, wie schmutzig Ungeziefer, Umher kriechen, stechen, necken. Er murret nicht; ste dienen ihm zur Lehrer Daß, wär' dieß Gezücht« nicht, Der Prüfung weniger für seine Tugend wäre, ES lzu dulden, sey ihm Pflicht. » SS V. Der Weife gegen Böse, Schwache und Unwissende. ^Venn maa die Menschengesellschaft mit philosophischem Auge betrachtet, so erscheinet sie in der That als ein sehr sonderbares Gemeng- sel von Verstand und Unsinn, Wahrheit und Irrthum, Weisheit und Thorheit, Tugend und Laster, Starke und Schwäche.— Der kalte Beobachter staunet darüber, wie alle diese Widersprüche doch neben einander bestehen, und gewisser Maßen ein Ganzes ausmachen können-— Er entdecket Absichten und Zwecke, die doch alle am Ende dadurch erreicht werden, und bewundert das unersorschliche Wesen, das alles so weislich zu ordnen und einzurichten wußte. Hier siehet er das Laster wü. »heo, und bemerkt, daß dort schon die Tugend. L Z4 g?akn dasselbe anrücke, es stürze, und auf der. Trümmern seines schwarzen Thrones ihren glorreichen Sieg verkündige. Da erblick! er Werke der Unvernunft, Wc.kc-des VorurtheilS; aber bald steiler sich ihm der helle Verstand dar, b.ichäsitget wieder dos in Harmonie zu bnn. xn. was diele Kinder der Finsterniß zcrrüt- teten; beschäftiget den Nebel zu zerstreuen, den Dummheit und Unwissenheit von stch schütte!- Icn: und wird endlich eine Ansstcht iiis Freye gewahr, die ihm die Absichten crr.icht und vollendet die Pläne zeigt, die in einer Welt wie diese,— Magister PüNglos fällt mir hier freylich ein,— nur durch ein dem Men- schcnaüge scheinbares Gewirre zur Wirklichkeit kommen konnten, findet da Ordnung und den umvideesprechlichen Beweis, daß eine allweise Vorsehung über die Weit und ihre Begebenheiten wache, und alles auf ein nach ewigen, unwandelbaren Gesetzen üherein stimmendes Ganze zurück führe. Aus dieser Belrach.üng ergibt sich, daß wir mit jedein unserer Bruder verträglich leben, gegen jeden Dutt aug und Schonung beweisen sollen; weil jeder ein Werkzeug ist, durch welches die unergründliche Allmacht GotteS wirket.— Es ist billig, daß wir das Laster von uns zu entfernen suchen; billig, daß wir dem Unverstände, der Thorheit, der Boßheit Schranken setzen; aber unbillig, ungerecht ist es, den Menschen zugleich zu mißhandeln. Was auch immer der Böse thut, thut er doch allezeit mit dem Vermissen Gottes, und bleibt Mensch, den nicht umsonst die Hand des Schöpfers schuf und erhält. Das Uebel, wel. cheS er stiftet, stiftet er sicher nicht ungestraft; und eben die Hand, weich- ihn zum Daseyn brachte, ist immerdar ausgestreckt, jenes Uebel in die Reihe der Dinge und Begebenheiten so sinzuflechren, daß daraus für das Ganze, und auch für das Einzelne ein neues Gut erwachst. Hasser also das Laster, ziehet gegen die Boß. h,ik zu Felde, nehmet beyden ihre Kraft, aber vergreifet euch an dem Menschen nicht, ar. beitct an seiner Besserung; sehet ihn für euer» irrenden Bruder an, den ihr auS dem Grunde der Bruderliebe wieder auf den rechten Weg, von welchem er abwich, zurück fähren muffet Wenn nun die Vernunft selbst gegen Laster. Haste und Böse em so mildes Betragen an» C» räth, wie ks'-rd jenes beschaffen seyn, düs fis gegen Schwache und Unwissende bcob- achtet wiffen will! Menschen, die ihren Gemüthsbewegungen und Leidenschaften nicht gebiethen können, deren Begierden sie dahin reisten, deren Wille von dem Umlaufe ihrer Säfte bestimmet wird, solche Menschen gehören unstreitig in die Classe der Schwachen.— Wie verhält sich der Weife gegen sie? Er schenket ihnen sein ganzes Mille,»; ihr armseliger Zustand gehet ihm zu Herzen; er bestrebet sich, ihnen mit Rath behülstich zu werden, und da, wo sie sich in rin Labyrinth des Ungemaches verwiL.lt ha- 'den, sie wieder auf die rechte Bahn zu führen. Er ist ihr Tröster und Helfer; aber gehet mit ihnen nicht besondere Freundschaften ein, er ünlernimmt mit ihnen kein Geschäft von Bedeutung, voa Wichtigkeit. Meirichen, deren Verstand eitre falsche Richtung genommen, deren Denkkraft nie in Uebung geseyer worden, deren Begriffe mehr Empfindungen, mehr Gefühle, als Begriffe zu nennen lind, die an Vorurtheilen kleben, »ad im Finstern kappen, solche Menschen ver>° Z7 diene» wohl den Nahmen der Schwachen auch.— Wie beträgt sich der Weise gegen diese? Er rickket seinen Umgang mit ihnen ganz nach dem Zustande ihrer Seele ein; das ist, er fordert von ihnen nickt mehr, als was sie leisten können; er gibt sich aste Mühe, ihnen alles, was er spricht, zu versinnlichea, vnd auf eine Art verständlich zu maten, die keine besondere Anstrengung der höher» Geisteskräfte erheischt. Er brauchet sie gerade zu solchen Geschäften, zu deren Ausführung die so genannten untern Erkenntnißoermögendciten der Seele hinreichen, und bedinget sich damit; weil er weiß, daß, da Geschäfte dieser Art daS menschliche Leben nothwendig macht, auch Menschen da seyn müssen, deren Wirkungskreis sich nicht weiter erstrecket. Menschen, die keinen festen, beharrlichen Entschluß fassen können, die keinen Charakter haben, sondern mit jedem LageSw-chsel auch ihre Sinnesart verändern, sich von Umständen iind Verhältnissen regieren lassen, auch d-eie kann man mit Recht schwache Menschen nennen. Wie begegnet ihnen der Weise?— Zr hält sich stets entfernet von ihnen; er ver«- Z8 meidet jede Gelegenheit, gemeinschaftlich mir ihnen zu wirken; er bedienet sich ihrer nur in geringsügigen Angelegenhiifen, nur für eine kurze Zeit; er verhält sich gegen sie so, daß er immer bereit ist, ohne die geringste Rua- ficht, jeden Umgang mit ihnen abzubrechen- Er verlanget keine Selbstthatigkeit von ihnen; er selbst wirket durch sie, ohne daß sie es wissen. Diese Skizzen mögen einstweilen hinreichen. Las Betragen des Weisen gegen feine schwa- chen Bruder einiger Maßen darzustellen. Die Grenzen dieses Buches verbiethen mir, mich tiefer ins Detail einzulassen. Nur noch einige Wc>rte über diesen Gegenstand. Wahrheiten vom Belange, wissenschaftliche, politische und religiöse Sahe— wird der Weise niemahls dem Schwachen vorlegen. Der Mißbrauch, den dieser davon höchstwahrscheinlich machen könnte, ist mehr zu fürchten, als irgend ein Nutzen von daher zu erwarten. Er wird sich enthalten, die Meinungen deS Schwachen umzuschaffen; er würde ihn nur um seine Ruhe bringen. Er läßt ihm seine VvriMheike, seine falschen Begriffe, denn Z9 ^ weiß, daß, nahm' er ihm solche, der Schwache nicht im Stande wäre, sich richtigere beyzulegen. Nicht jedermann verträgt hesies Lift» es gibt Augen, denen die Dunkelheit rnffft-H behagt, chnd Geister, für die zur 3-.it die Wahrheit noch nicht verdaulich lst. Doch ist der Weise fern davon, dru SOwüchM in seiiiec verworrenen Erkenntniß vvrs-tzlich zu erhallen; er bereitet ihm eine Seelennahrung, die der Shwäche seiner Kräfte angemessen,,st, und freuet sich, wenn sie ihm gedeihet; feindet ihn nicht an, wenn er sie von sich stößt, und hin zum Troge lauft, sich mit Traber voll zu füllen. Gegen Dumme und Unwiff nde bezöget der Weise dieselbe Schonung und Duldung. Auch sie sind Mensche», die Ansprüche darauf haben; auch sie besitzen in ihrer Art ein Pfund, mit dem sie wuchern können; und dieses Pfund suchet der Weift auf. Er läßt sie nie ihre Dummheit und Unwiffe-chnt fühlen; er will ihnen keine unangenchmcn Empfindungen»er- Ursachen. Er benutzet das, was an ihneu be» Nutzbar ist; ihre Hände, ihre Füße.— Den angesehenen, mächtigen Dümmling, die Un- 4° rvissenheit am Ruder, diese läßt er ungestört ihren Unfug treiben, und lächelt darüber, wenn sie sich blähen; stehet ihnen aus der Ferne zu, und bittet Gott, ihn ja nicht in Verhältnisse mit ihnen zu scheu. Er denket überhaupt: Wo Menschen sind, nicht Engel schweben, Da müssen Wichte, Schwache seyn; Unwissenheit mit Dummheit weben, Die Wahrheit oft die Lüg' entweih'»- VI. Der Weise im Unglücke. -^eS Unglücks und Ungemachs wäre sicher unter den Menschen weniger, wenn sie, im Durchschnitte, mehr Rücksicht auf den Anbau ihres Verstandes nähmen, und der Einbildungskraft die gehörigen Schranken anwiese«. Aber, leider, so geschieht dieses am allerwenigsten! Der Verstand ist inSgemein sehr arm an Begriffen, und die wenigen, die er besitzt, sind noch über dieß verwirrt, einseitig und unzulänglich. Gewöhnlich ist-er Gesichtspunkt, aus dem man die Dinge und ihre Veränderungen betrachtet, der wahre nicht, und falsch der Maßstab, nach welchem sie beurtheilet werden. Was Wunder dann, wen« es so viele, so gar viele gibt, die bey dem geringsten Widerstände allen Muth verlieren- 4» bey einer nur einlg-r Mußen ungünstiger, Verwickelung der Umstände sich nicht zu berathen wissen, bey dem ersten besten sie treffendes Mißgeschicke zittern und beben— und am Ende wohl gar verzweifeln. Was Wunder, wenn sie unter dem Drucke des Unglücks erliegen, das ihre ausschweifende, gewöhnlich mehr auf das Unangenehme gewöhnte Imagination zur Riesengröße erhob, sich nicht damit b f-iedi- Aend, daß eS in Knavcngestalt erschien, sondern geschäftig eilend, es zum Herkules mir der zentnerschweren Keule ln der Hand nmzu. schaffen. Dann ist es freylich ganz natürlich, der so wenige, so schwache Stütze» hat, bey einer dem Weisen erträglichen Last zu Bo» den sinkt, und nichts als Jammer, Weh und Ach um sich ertönen hört, nichts als Furien mir blutigen Geißeln, und Harpten mit giftigem Geifer im Rachen erblickt. Dann ist es freylich natürlich, und eine nothwendige Folge, daß froher Muth aus seiner Seele verichwin- d l, sie ein meianchoii cheS Schwarz umhüllt, und bange Seufzer dem beengte« Herzen entfliehen. Gottes schöne Welt ihm als ein An- 4Z ger erscheint, der nichts als Distel und Dor- neu trägt. Nein! So soll es nicht seyn, weil eS so nicht recht ist; weil es mit dem Plane der Schöpfung, in welchem Measchengli'ick eingewebt ist, streitet, und daS Geschöpf, das nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen, und zum Wonnegenuß berufen ward auf Erden, um frohe Lage brmgt, ihm den Faden seines Le- bens kürzt; denn nur froh seyn nenne ich leben. Und froh seyn kann der Mensch auch im Unglücke; kann es seyn, wenn auch die schwer, sten Leiden ihn drücken; dir Feste des Him» melS über ihm nieder zu stürzen, und unter scinea Füßen sich ein Abgrund zu öffnen scheint Die Weisheit gidt uns hier folgende Rath- schläge: Erlernet die Kunst, richtig zu schließen; erlernet die Wissenschaft, nichts mehr und nichts weniger aus den Begriffen zu folgern, als was darin liegt; erlernet die Kunst- zu denken. Bemühet euch, dem Verstände einen so großen Umfang zu gebeo, als nur immer in euer» 44 Kräften steht. Lernet dke D'nqe um euch hek von so vielen Seiten kennen als sich nue thun läßt. Bleibet nie bey ber Oberfläche, dringet immer tiefer und lieber in die Erkenntniß der Sachen. Es genüg- euch nicht an dunkeln Begriffen; wo ihr nicht, deutlich s.het, sehet wenigstens klar, und mit eigenen Äug n. Prüfet alles, oder euer Wiff-n ist nur Vorurtcheil. Beruhiget euch nicht mit bloßer Empfindung; Empfindungen sind dunkel, einseitig« führen irre: Erhebet sie zu deutlichen Begriffen, vergleichet, verbindet sie mit andern, zweifelt, untersuchet, urtheilet. Sehet die Dinge für das an, was sie sind, für endlich, und also veränderlich. Es ist Thorheit, da Beständigkeit zu suchen, wo die Na- « tur ewigen Wechsel angeordnet hat. Beh.rzi« get die große Wahrheit, daß ein Ding in diesem Augenblicke schon nicht mehr das sey, was es im vorgehenden war. Dieses wohl zu Gemüthe gefaßt, wohl überdacht, was kann da den Menschen aus seinev Fassung bringen unter dem Monde? Verändert sich meine Lage, verfinstert sich mein Glücksstern, warum soll deßhalb Gram mein Herz einnehmen? Zch 45 wusste j'a, daß Veränderung dos LooS meiner Laaewar, früher oder später fühlbar für mich. Ich wußte ja, daß eine Zeit kommen muffe? in der das lichte Feuer meines Sterns erlischt. Ntrr der Unverständige kann den Wunsch nähren, daß doch die Dinge und Ereignisse hier norden unveränderlich seyn mochten! Er bedenke doch, daß er mit einem solchen Wunsche etwas fordere, rvaS die Natur der irdische« Schöpfung zu leisten nicht vermag; daß dann selbst das Unglück, dessen Ende er so sehnlich erwartet, ihn ewig drücken müßte. Berichtiget eure Begriffe, die ihr vom Unglücke habt; überzeuget euch, daß es immer nur eine Ereignis sey, die bloß beziehungs. weile diesen Nahmen verdient; daß eS kein absolutes Uebel in der Natur gebe, und unter der Regierung eines weisen und guten Gottes euch nicht geben könne; daß jedes Unglück zugleich auch ei» Gut mit sich führe, welches sich früher oder später vcroffenbaret; daß es alle Mahl zum Besten des Ganzen gereiche, und nie so groß sey, daß es der einzelne Leidende nicht ertragen könnte; daß es nur in unserm Bestaube, nicht aber i« der Wirklichkeit s» 46 fürchterlich und schrecklich sey, als es uns, miL den Farben der Imagination erhellet, zu er- scheinen pflegt. Hanget nicht zu sehr an den Dingen au. ßer euch. Lasset euer Herz nicht von einem schein» baren, vergängliche» Gute fesseln. Seyd nicht Sclaven von etwas, das au sich keinen Werth hat, sondern erst einen durch den rechten Ge. brauch erhält. B-deoket, daß ihr keinen Augenblick sicher seyd, wo euch nicht eure Schätze geraubt, eure Besitzungen verwüstet wer. den könnten; daß ihr, wenn sie euch ja bis an das Ende eures ErdewallenS blieben, onvet. sehet, daß ihr sie dennoch bey dieser großen Katastrophe eures Sepns verlassen, von eu. rem Mammon Abschied nehmen, und den Herr-' lichkeiten all' aus Koch und Staub ein ewiges Vület zurufen müsset. Untersuchet, wann Unglück euch verfolgt, wann ihr einen empfindlichen Verlust leidet, untersuchet doch, ob ihr nicht gelebt, froh ge. lebt haben würdet, wenn ihr das, waS rhr nun verloren habt, nicht im wirklichen Besitze gehabt hättet. Untersuchet, ob nicht ander-, die nie Herren eines solchen Gutes waren, dkriuoch 47 V-r. migt und zufriedek! seyn. Untersuchet, ob s- der weilen Natur nichts mehr zu finden sey, das euch Freude bringen kann, und ob gerade iml diesem Verluste, gerade bey diesem Unglücke auch eure ganze Glückseligkeit zu Grabe getragen wurde;— und ergibt es sich, daß ihr auch ohne dieß Gut srohe Tage hättet genießen können, wird es offenbar, daß andere, dessen beraubt, im Vergnügen dahinleben; ruft euch die Natur zu, daß sie noch der Mittel unzählige habe, die euer Glück zu befördern im Stau«- de sind; sagt euch euer Selbstgefühl, daß in eucrm Innern noch eine unerschöpfliche Quelle der Freuden und wahrer Freuden dazu verborgen sey; o!— dann seyd ihr Thoren, seyd dann Feinde eurer selbst, wenn ihr jammert und wehklaget, die Hände ringet und in Thränen zerfließet, frohe Empfindungen von euch scheuchet, Und, übermannt von Trauergefühlen, dahin welket wie die Blume, die die murrende Hand des Gärtners beym sengenden Sonnenstrahl verläßt. Dem TitlUs ist sein mi! saurem Schweiße erbautes Haus abgebrannt- Dem EeMpro-» Mllö rissen die Fluchen die Hoffnung vieler 48 Jahre, seine Saaten mit stch fort. Der Hagel verwüstete dem CajUs s-inen Weinberg, sein alles, was er besaß. SixtiliUs verlor bey einem bösen Schuldner ansehnliche Sum. men und darbet. TheophkDN lieget am Kran. kenlager, und schreckliche Schmerzen foltern ihn. Allerdings, meine Freunde, des Un- gemachs viel, und mein ganzes Mitleed! Aber wachcldenn keine Vorsehung über nnscrmHaup. le2 Thront denn kein Gott mehr über den Wol. ken. der noch Ewigkeiten hat, euch zu beglücken? Leidet ihr ohne sein Vorwissen? Kamen alle Liese Uebel über euch so ganz von ungefähr!- O Menschen, wachet euch doch mitdiesen Wahr- h-it-n vertrauter Vergesset Gottes. eures Scköpf-rs, und Erhalters nicht, von dem es gewiß, unwidersprechlich gewiß ist, daß er un, unterbrochen über die Schicksale der M.nsche« wache, und nichts, gar nichts uns, ftmen Lieblingen, widerfahren lasse, waS nicht zu unserm wahren Besten gereichte; von dem eS unumstößlich wahr ist. daß, wenn uns ft.ne Linke eine Wunde schlägt, sogleich auch ftme Recht- mit heilendem Balsam herzu e.te und daß uns nur uuftres Wohls wegen bteft W un 49 degeschlagen wurde, und schmerze, damit wir dadurch aus eiaem trägen Schlummer geweckt, und auf genauere Erfüllung unserer Bestim- mung aufmerksam gemacht werden.— Bey solcher Denkart, bey solchen Grundsätzen, wie können uns da Unglücksfälle um unsere Ruhe, um Fröhlichkeit bringen? Erschüttern könne« sie uns wohl; denn wir sind Geschöpfe von Fleisch und Blut; aber nieder drücken, besiegen— das können sie uns nicht! Das Vertrauen auf Gottes Güte, die Zuversicht in feine Liebe— muß mächtigen Trost in die trauernde Seele gießen, und ein holdes Lächeln auf unserm Gesichte verbreiten; denn der Gedanke sieht aufrecht und rege in unS:„Laßt Welke» untergehen, die Natur aus ihren Angeln treten, ich verzage nicht: Gott ist mein Schöpfer und Erhalter; ich wohne unter dem Schirme der Liebe. Ha l Welch' ein Mut- erwacht hier in meiner sonst bebenden Brust! Heiter blicke ich um mich her, und allenthalben, wo mein Blick hinfällt, entdecke ich neue Freuden- quellen für mich, geschaffen von Gottes Hand, geschaffen znm Ersatz der Leiden, die der Allweisheit««erforschbarer Rathschkuß über mich D Lo zu verhängen für gut fand. Nein'. Ich murre nicht; ich freue mich meines Da'cpns, freue mich wie ein Held, der über Gefahren obsiegte, die ihm mit Zermaimung drohten, vor denen er aber nicht muthlos floh, denen er stand und entgegen ging, wie ein aufgescheuter Eber der Lanze des Jägers entgegen tritt. Seyd aufeurer Huth, daß euch nicht Verzagtheit und Aleinmuth ergreifen; waffnet euch mit der Vorstellung der Wahrheit: daß ihr als vernünftige Wesen unmöglich vou einer unvollkommenen Welt Vollkommenheit erwarten könnet; daß der DiugeVollkommenstes unter den Sternen in den Augen der Weisheit noch unendlich viele Uavollkommenheiten habe, und permöge der Endlichkeit seiner Natur habe« muffe; daß ihr also, wenn ihr es verlieret, nur etwas Mangelhaftes verlieren könnet, welches me verdient, daß mit dem Verluste desselben zugleich auch euer Frohsinn ersterbe, und das höchste Gut, welches der Mensch besitzet, seine unsterbliche Seele durch Dinge leide, über die sie zu gebiethen hat. Wachet über eure Einbildungskraft, daß sie das Uebel, welches euch drückt, nicht fürch- Ll terlicher darstelle, als eS in der That ist. Gestat- tet nicht, daß sie ihren Pinsel ins neidische Geld, oder ins trauernde Schwarz tauche, und grelle Züge Gemälden des Entsetzens abborge, und solche in die Schilderung des vorhandenen Ungemachs übertrage. Gebiethet ihr, dieser mäche- eigen Seelenkraft, daß sie euch die Ausstcht i« ihre lachenden Gefilde öffne, und mit den Farben der Hoffnung, der Freude, deS Vergnügens, die innere Wand eurer Seele ausschmücke. Sie kann eS, sie vermag eS; dringet nur darauf/ wollet nur ernstlich, und daS größte Unglück, das gräßlichste Uebel, daS noch vor Augenblicken in Athletengcstsltda stand, schrumpfet bald in Pygmäen-Kleioheik zusammen, und verlieret sich unter der Fülle von Bilder« des Angenehmen und Gefallenden, die von alle» Seilen um euch her gaukeln, und sich anbiethen, euch zu vergnügen, und lüstern nach ihrem Genuffe zu machen. Seyd im Unglücke nicht unthätig. Gleich beym ersten Schlage machet euch auf, der erlittenen Schaden auf irgend eine Art zn vergüten. Wehklagen und Jammern nützet nichts; D s Z2 es erhöhet nur das Gefühl deS Schmerzes; wirken muß der Weise! Er denke, daß eine Veränderung mit seiner Lage vorgegangen, die ihn zur Thätigkeit auffordert. O eS liegender Kräfte Im Menschen viele! Jeder lerne sich selbst kennen, und benutze die mancherley Gaben, die er von des Schöpfers Güte erhielt. Vergesset darauf, was euch daS Unglück nahm. Was vergangen ist, ist für den Menschen auf ewig dahin. Nur die Gegenwart stehet in seiner Gewalt. Was frommeres, wenn wir Stunden lang aufgul durchgelebte Tage zurück denken, und das genossene Angenehme in der Vorstellung uns erneuern, darüber aber vergessen, daß wir auch den heutigen Lag froh durchleben sollten? Diese Rathschläge denke ich, dürften wohl in der Anwendung nützlich befunden werden; aber, wie gesagt, geübt müssen wir uns dar. in haben, wenn Zufriedenheit ihr Erfolg seyn soll. Gewohnheit muß die Weisheit werden. Muß Saft und Blut im Menschen seyn! Dann wohnen Glück und Heil auf Erden, Dann weihet sie die Menschen ein. SS Kann treten sie in ihren Tempel, Und laben sich an ihrem Licht; Werden Schwächer« zum Exempel, Gch'n festen TriitS und straucheln nicht. Zwar schmerzt das Unglück, beugt sie nieder, Des Schicksals Geißel fühlen sie; Doch froher Muth, der kömmt bald wieder, Und der Gedrückte sinket nie- Wenn Blitze um ihn nieder stürzen. Der Donner in den Wolken rasselt» Die Pfade, die er geh t sich kürzen, Unter ihm die Erde prasselt: Wenn die Elemente beben. Und Kraft von Kraft vertilget wird, Vernichtung selbst sich nah't dem Lebe», Verwüstung aus dem Klüften brüllt- Wenn gesammelte Schätze schwinden, Die Geliebten raubt der Tod, Selbst die Unschuld Fessel binden, Einher^stürmen Angst und Noth- Wenn ihn Krankheit niederdrücket. Heimlich Gift in Säften schleicht, Den Dolch die Eabale zücket, Nicht von ihm Chikane weicht; So ist Weisheit sein Erretter, Freude guikt ihm aus ihr zu; Gelassen bort er Braus und Weites Sie, die Seele fühlet Ruh': Blickt hin zu Gott, aus feine Werke Siehet alles wohl gethan. Fühlet Kraft und neue Stärke, Bethet Gottes Vorsicht an. Sanft lächelt er bey den Stößen, Sanft sind seine Mien' und Blick', Erkenntniß muß ihm Trost einstoßen. Zu dulden jedes Mißgeschick, Hier, wo Staub dir Dinge sind und Land. Vergänglichkeit ihr LooS, Wo der Mensch reift für'S Vaterland Der Weisheit,— für Gottes Gchooß. 5S VII. Der Weise in Her-Bergung. 3!och hat d«s Weib den Menschen nicht geboren, der keine Feinde gehabt hätte. Sey du die Lugend selbst, rein und lauter wie der Erwählten Gottes einer, so wird dennoch der Feind im Hinterhalt auf dich lauern, und seine giftigen Pfeile gegen dich abdrücken. Dort wird die schwarze Verleumdung ihren Zahn wetzen, um dir die Ehre zu raube«, die deinem Verdienste folgt. Hier wir- der blasse Neid seinen schäumenden Geifer sammeln, um dir ins Angesicht zu spritzen, wen» du dich ihm nahest. Da schmiedet die blinzende Cabalk Pläne des Verderbens auf dem Amboße der Hölle gegen dich, wenn du gerade gehest, und mit Biedersinn handelst. Jetzt trifft dich das schielende Auge der ChiktMe, die im Gewände der Gerechtigkeit, einher schleicht, und des Z6 Rechtschaffen zu Grunde richtet. Bald borgt die Arglist die Maske der Freundschaft, und untergräbt den Pfad, den du sorglos in ver» meintlicher Sicherheit wandelst. Ruhigen Gei. stes umarmest du heute den erquickenden Schlaf, und ahndest nicht, daß in der Stunde des Er. wachenS die Stützen deines Wohls nieder ge» rissen seyn, und Schurken auf den Ruinen deines Glücks empor steigen werden zur Größe. Jetzt athmest du Seligkeit an dem wallenden Busen deines dich liebenden Weibes, unbe» kannt mit den Nachstellungen der schnöde« Wollust, die dich fchländern will aus den Armen der Liebe. Der Erwerb deines Fleißes, deiner Arbeiten Loh», des Himmels reicher Segen, deine Reichthümer und Schätze, schnürn dich in diesem Augendlicke zu beglücken; »ud machen dich vergessen der Beschwerden» die du mit mühe überwandst; allein der fol» gende bringet dir die Hiobspost, daß du Slau. den an Menschen haltest, die deine Feinde waren, die lange im Derborgenru schon deinen Sturz beschlossen, und nun mit hämischem Ge- lächter in dein Gold sich theilen.— Dich liebt der Kürst und zeichnet dich heute vor andern 57 aus, indem ein holder Blick son seinem Auge auf dich fällt; aber erstickt haben bereits Hof- schranzen am Morgen die gute Gesinnung des Fürsten für dich.--—— Wie nöthig, o Mensch, find dir, bep allen diesen Stößen, denen du unmöglich ausweichen kannst aufdrr Lebensbahne, der Weisheit Rath und Lehr«! Sie müssen dich halten, wann Kleiomuth deine Kräfte sinken macht, dir zur Seite stehen, wann dein Blut in den Adern kocht, und Menschengroll sich in deinem Herzen ergießt; müssen dich waffnen, damit du ausharrest in Gefahr, dir zum Schilde dienen, damit daran abprallen die Bolzen, die gegen dich die Verfolgung feindselig abschießt; aus dem Munde der Weisheit mußt du die erhebende Wahr. heit hören, daß eS keine stärkere Waffen gegen den Verfolger gebe, als die Tugend; daß nur diese allein ihm entgegen gesetzt werden müsse, weil sie, die Tugend, nur allein die Kraft hat, die Bosheit zu beschämen, und das Laster zit. kern zu machen. Ist daS Herz rein von Misse, that, rückt dir dein Gefühl kerne Handlung vor, vor der du Ursache hättest, sch amroth zu «erden; findest du b ey strenger Selbstprüfung» F« daß du ei« guter Mensch bist, daß kern Arges und Falsch in deinem Innern wohne, o daim lache des Verfolgers, blicke ihn kühn an! er erträgt diesen Blick nicht; er weicht zurück vor dem Strahl der Biederkeit, der auS deinem Auge ausgeht, und im hellen Glänze leuchtet. Dann f-y versichert, daß du nicht unterdrückt, nicht das Opfer der Boßheir werden wirst.— Die Vorsicht, deren Liebling du bist, wird edle Menschen wecken, die dich auS den Klauen deiner Feinde reisten werden. Sie wird dir Gelegenheit verschaffen, wo deine Tugend«der daS Laster trivmphiren, und in ihrer entzücken» den Schönheit erscheinen wird. Nie sey wieder Feind dem, der dich anfeindet; nichts entkräftet unfern Widersacher mehr, als wenn man ihm wohl thut. Er wird beschämt, aufmerksam gemacht auf seine Verworftnheii; fühlet den großen Abstand der zwischen dir und ihm obwaltet, und kehret nicht selten von feinem Irr» «ege zurück. Welch ein Triumph dann für dich l Du hast einem Verirrten die Haod gebothen, hastderTugend einen neuen Freund gewon. nrn, der wahrscheinlich für sie auf immer ver» lyrea gewesen wäre, hättest du Böses mit Bö» 5S stm, Gleiches mit Gleichem vergolten. Nein', nicht Wiedervergeltung, nicht rachsüchtige Selbstvertheidigung räth die Weisheit; sie prediget Duldsamkeit, Verlävgnung seiner selbst, Nichtachtung deS Verfolgers, thätige Sie. be gegen ihn als Menschen, als irregehenden Bruder. Sie empfiehlt dir, dich nicht ängst- lich um diejenigen zn kümmern, die neidig deinem Glücke find, wenn du sie nicht kennest; Sie will, daß du ungestört deine Wege gehest, die du bisher gegangen bist, dir selbst gleich bleibest, mit Gelassenheit und kaltem Blute den Donner anhörest, der über deiner Scheitel raffelt. Durch ein solches Betragen wird der mächtigste-Feiad irregemacht; hierin bestehet die Lunst des Festmachens. Er siehet «us am Ende für unverletzbar an, ermüdet in seinem boßhaften Werke, weil er nicht gereiht, nicht gekitzelt, nicht bemerkt wird.— Tritt er aber öffentlich auf, der Verfolger, kannst du mit dem Finger auf ihn zeigen und fassen r„Der ist es!" Sind die Leiden, die er dir zufüget, vom Belange, leidet deine Menschheit darunter; dann trete auch dn in Gesellschaft von Wahrheit, Billigkeit und Bruder- 6o liebe auf, und beschäme ihn, indem du feine Bosheit, seine Herzenshärtigkeit beleuchtest und offenbar machst. Laß dann deine Tugend kund werden und glänzen, die du bisher verborge« hieltest, damit die Welt sehe, wer du seyst, und an weu sich ein Bube rieb; aber hier sey auch der Ruhepuucl deiner Gcgenwehre; hier ziehe dich zurück, mache Verzicht auf jeder? Schaden, den du deinem böse« Bruder berei» lea könntest, und rechne aufdeu Schutz dessen, der der Quell alles Guten ist. Verliere deine Zufriedenheit, deine Heiterheit unter Verfolgungen nicht; denke; du leidest unschuldig, du werdest geprüft wie Gold im Kapellenfeuer, daß du gut seyn mußt, weil sich die Bösen an dich wagen.— Ueberlegc, forsche nach, ob du vielleicht nicht durch Stolz, Uebermuth, durch Thorheiten und Schwachheiten dir selbst Feinde zugezogen hast, und arbeite ernstlich an -einer Besserung, an der Abstreifung der Schlacken, die noch eiaen Schatten auf deinen Charakter werfen.— Hast du je edel gehandelt, -er Wahrheit gehuldigt, gerade und ohne Nebenabsicht gewirkt, o! so verdoppele alle deine Kräfte im Zeitpuncte der Verfolgung, um noch 6i edler, noch wahrer, noch reiner vor dir und jedermann zu erscheinen. Jetzt sind der Augen mehrere aufdich gerichtet, und leicht machtdas Urtheil der Menschen den Splitter zum Bo!» ken, sehr leicht aus der Mücke einen Elephom ren. So handelt der Weise, so beschaffen sind die Lehren der Weisheit: Die Lehren, die so sehr beglücken. Der Menschenwürde Glanz erhöh'«. Die ihren Freund in Wonn' entzücken. Den Gottes Engel gerne seh'n. Die Lehren, nur reiner Lieb' entflossen, Von Gottes Hand geschrieben, Von ihm der Vernunft eingegoffen, Diese können niemahls trüge». Heilige Wahrheit ist ihr Stämpel, Deren Uebung Menschen lohnt; Ewig prangen sie in dem Tempel, Dort, wo de^Weisheit Urquell wohnt. VII s. Der Weise gegen Vornehme und Geringe. wenig sich der Weise irgend jemanden in der Welt aufdringt, eben so wenig geitzek er nach dem Umgänge mit Vornehmeru, als er selbst in der bürgerlichen Verfassung ist. Er weilet gern bey seines Gleichen; weil ihm in dieser Gesellschaft nichts zusetzet, seine Grund, sähe zu verläugnen; well er hier ohne Zwang, ohne lästiges Ceremonie!, ohne Verstellung; weil er hier als ein freyer Mann handeln kann. Doch wirft er sich aber auch nicht un. ter seinen Stand; mischet sich nicht unter Niedrigere; denn so wie im erstern Falle keine Uebereinstimmung vorhanden ist, eben so wenig findet sie in diesem letzter« Statt; und wo diese nicht herrschet, dort kann auch der Weist/ dessen Leben, wie Svkrates lehrte, uur Musik ist, unmöglich etwas finden, waS ihn hielte, was ihn an sich zöge. Wollen eS die Verhältnisse der Gesellschaft, baß er sich mit Vornehmer» einlasse; so sträubet er sich nicht dagegen. Er ist der Mann, der da nicht verlangt, daß sich die Umstände nach ihm bequemen, er bequemet sich nach denselben. Er zollt dem würdigen Großen die ihm gebührende Achtung, und beobachtet genau die Grenzen, welche Politik und Conve» «ienz zwischen ihm und jenem gezogen haben. Er verehret ihn als einen Mann, der um so verehrungswürdiger ist, weil er eine Ausnahme unter so unendlich vielen seines Standes macht; weil er an ihm nicht daS Gehässige der Hoffark, nicht das Beleidigende des Stolzes, nicht daS Abschreckende deS Uebermulhes, nicht prioilegirte Seelenroheit, nicht Härte des Herzens, nicht Mißbrauch seiner Macht, seines Ansehens und Vermögens,— Dinge, die sonst bey Vornehmen nichts weniger als seltene Erscheinungen sind,— gewahr wird; weil er an dem würdigen Großen Feinheit der Sitten,Liebenswürdigkeit des Charakters, Herzensgute, zuvorkommendes Wohlwollen, thä- 64 «ige Menschenliebe, weise Anwendung seiner Gewalt, vernünftigen, edeln Gebrauch feiner Reichthümer entdeckt, und sich überzeugt, daß so ein Mann von Wichtigkeit ist, und die ge. rechtesten Ansprüche auf Verehrung hat, und doppelt geschätzt zu werden verdiene; indem sein Wirkungskreis ausgedehnt ist, und von großem Einflüsse seine Handlungen sind. Vor. nehmen dieser Gattung bringet der Weift gern den Tribut der größten Hochachtung; hüthet sich aber sorgfältig, ihr den Anstrich der Schmeicheley zu geben. Er ehret das Der. dienst, ohne Niedrigkeit und kriechendes We. sen. Er vergibt seine Würde nie, wann er der Würde eines andern huldigt. Ihr werdet ihn daher niemahls zu den Füßen eines Mächtigen liegen sehen, ihn nie in hauchlerische, übertriebene Demuth gehüllt, tief zur Erde gr- beugt vor den Großen antreffen, dem er seine Hochachtung beweiset. Seine Höflichkeit ist fern son Niederträchtigkeit, und seine Ehrfurcht kein sclavisches Iaßchziehen. Er tritt als ein Mann auf, der den Werth der Tugend und des Verdienstes kennt, weil er beydes selbst besitzet. In die Gesellschaft der Vornehmen dränget er sich nicht ein; er weiß, daß er dann der Letzte unter ihnen seyn würde, so wie er jetzt der Erste unter den Seinen ist. Bey ihren Freundschaften, die er nie suchet, auf deren Festigkeit er auch gar nicht rechnet, beobachtet er immer eine gewisse Zurückgezo- genheit, eine Art Kälte, Und siehet die wärmsten Versicherungen ihrer Zuneigung für weiter Nichts an, als für Ausbrüche einer so eben wohl gestimmten Laune, die jedoch von keiner langen Dauer ist, und selten ein Merkmahl ihres irlichtähnlichen Daseyns nach sich läßt. In die Geheimnisse der Vornehmen zubringen, ist des weisen Mannes Sache nicht. Er arbeitet aus allen Kräften dagegen, daß nur er nicht der Bewahre» derselben werde; er kennet das Schlüpfrige, das Gefährliche dabey; kennet den Undank, der seiner wart-k, und die Leichtigkeit, auf diesem Wege den mächtigsten Gönner nicht bloß zu verlieren, ja zu seinem Feinde und Verfolger ausarten zn sehen. Auf ihre Versprechungen bauet er wenig 66 Festen, aber er gibt ihnen auch keinen Anlaß von seiner Seite, wortbrüchig zu werden. Vertraulichkeit der Großen lehnet er. soviel als möglich, von sich ab. DaS Buch der Er. fahrung belehret ihn auf jedem Blatte, daß diese Vertraulichkeit gewöhnlich am Ende dem Vertrauten sehr theuer zu stehen komme. Ueberhaupt ist das Betragen des Weisen gegen den Vornehme» nichts anders, als eine Kette praktischer Klugheitsregeln, die aus der Natur des Verhältnisses zwischen ihm und dem Großen gehoben sind.- In gleichem Grade ist der Weise auf sei. ner Huth, sich mit Geringeren einzulassen. Nicht etwa darum, als ob er sie verachtete, nicht aus Stolz; sondern aus dem Grunde, weil er dadurch zu erkennen geben wurde, daß er kein Gefühl von seinem eigenen Werthe habe; weil er dadurch der Welt Anlaß geben würde, ihn von der Stufe herab zu setzen, die er durch die Veredlung seiner selbst zu behaup. ten beflissen seyn muß. Der Weift>st gegen den Geringern freund- lich, gefällig, herablassend, liebreich, bereit, 6? ihn mir Rath und That, im Erforderungsfalle, zu unterstützen. So wie er sich in Hinsicht der Vornehmer» immer in einer gewissen Entfernung von ihnen halt, und durch die Achtung, welche er ihnen erweiset, für sich selbst Schätzung erwirkt; eben so beabfichtet er bey Geringern eine eigene Hochachtung für sich zu erwecken. Sein Um« gang mit diesen ist nie vertraut, und eigentlich kein Umgang zu nennen. Er ist ihr Wohlthäter, Rathgebcr, aber nicht ihr Spieß- geselle. Man findet ihn in ihrer Gesellschaft niemahls, außer die Nothwendigk.it ziehet ihn in dieselbe; und auch da machet er nie gemeine Sache mit ihnen, sondern behauptet immer daS Ansehen, welches er sich einmahl zu erwerben wußre, und hält sie dadurch von sich zurück. Man begegnet ihm mit Ehrfurcht und ist aufmerksam auf sich, ihn nicht zu beleidigen. Ja Gesellschaft böser Menschen, in Gesellschaft von Stolzen, Gecken, Phanpharore», und wären sie auch noch to vornehm und angesehen, findet ihr den Weisen nie. Er fliehet diese Menscheugattuug von weitem, und E s 68 bemitleidet diejenigen, die dadurch sich einen Werth beylegen wollen, wenn sie nur unter der Zahl ihrer Bekanntschaft Kroße und Vornehme nennen können, ihr nwrali-cher Charakter mag übrigens beschaffen seyn, wie er wolle. Der Weise will nicht mit dem Dög l- chea verglichen werden, das sich unter die Flügel des Adlers verbarg, von ihm zur Sonne hinauf getragen wurde, dann hervor flog, und schrie:„Seht, wie hoch ich mich zu schwingen vermag!" Der Weise hasset jeden fremden Schmuck, um sich damit zu zieren. Er hat dafür gesorgt, daß er selbst eigene Vorzüge besitze, uud das Bewußtseyn dieser Vorzüge ist es, was ihm seinen Werth gibt, den er nie aus den Bugen verliert, den er zu vergrößern unablässig bedacht ist; der ihn nicht stolz, nicht aufgeblas n macht; der sich mit seiner Bescheidenheit sehr wohl verträgt, und ihm das Air des liebenswürdigen, redlichen, edeln Mannes verschafft, der er auch wirklich ist, wenn er gleich nur zu oft von Tdoreu verkannt, und vor, stichle» Köpfen irrig beurtheilt wird. Dom, da beruhiget er sich und spricht zu sich selbst; Was von wir der Thorheit Zunge spricht, Es seye Lob, auch Tadel, Dieß, Freunde, ach,' ich wahrlich nicht, Ich habe meinen Adel. Den Siegel nicht, nicht Pergamen Nicht Ahnenprobe geben, Den zu tilgen, zu erhöhe», D»e Menschen nicht vermögen- IX. Der Weise als Untergebener, und im Verhältnisse des Befehlshabers. ^)ie Ordnung der Dinge hier nieden heischt nothwendig Obrigkeiten und Unterthanen, Be. ftblshaber und Gehorchende, Herren und Diener. Ueberzeugt von dieser Wahrheit, betrachtet der Weise die Obrigkeiten von einer Seile, von der fie ihm nicht anders, als höchst wichtig und verehrungswürdig erscheinen müssen. S e sind ihm die Mittelspersonen zwischen dem Gesetze und dem Unterthan des Gesetzes; daS Vehikel, wodurch ersteres zum letztem gebracht wird. Ohne die Obrigkeit wäre das Gesetz ohne Wirkung, so wie Zerrüttung da unser- weidlich wäre, wo sich niemand den Befehlen eiars andern sägen, jeder Herr, und keiner Diener seyn wollte. Vorgesetzte muffen also des allgemeinen und besondern Wohls wegen in der Menschengesellschaft Statt finden, und der Untergebene fie aus eben den Gründen verehren, aus denen er sein Bestes aufrecht zu erhalten Bedacht nimmt. Gehet hin, und spiegelt euch an dem Be- tragen des Weisen, das dieser gegen denjenigen beobachtet, unter dessen Befehlen er stehet; unter dessen Befehlen er vermöge seines Berufes als Bürger des Staats, als Mit. glied dieser oder jener besonderen bürgerlichen Verfassung stehen muß. Den billigen, gerechten Anordnungen deS Vorgesetzten unterwirft sich der Weise ohne die geringste Weigerung; denn ihm leuchtet vollkommen ein, daß ein solcher Widerstand, wenn er allgemein würde, das gemeine und Privat-Beste nothwendig untergraben müßte, daß er dadurch die Pflichten desjenigen Vertrages verletzen würde, den er feyerlich einging, und denen er fich eben so feierlich unterzog, als er fich seinem Vorgesetzten untergeordnet hat, und in das Verhältniß des Untergebenen getreten ist. Selbst bey unbilligen. 72 bey ungerechten Anordnungen seiner Obrigkeit, sehet der Weise die ihr zukommende Achtung nicht aus den Augen; er beschweret sich mit Bescheidenheit, und suchet als ein rechtschaffener Mann Linderung des Druckes da, wo ihn solche zu suchen die Gesetze berechtigen, suchet sie auf eine Art, aus der man niemahls Slützigkeit uod strafbare Widersetzlichkeit gegen ihn folgern kann. Aber nur in wichtigen, seine Rechte zu sehr kräukenden Fällen erlaubet er sich di.se Wege. Ohne die höchste Noth zerstöret er den Frieden nicht, den er über alles schätzt; er leidet lieberem kleines Unrecht, und verschmerzet es, als daß er Mißheüigkeit und Zwiespalt veranlassen sollte. Der Weise halt sich darüber keineswegs aus, wenn es ihm wirklich zu schwer fallt, dem Willen seines Vorgesetzten nachzuleben; er denket, daß es ein Opfer sey, welches er der Gesellschaft bringt, in die er getreten, und von der er Vortheile hat. Der Gedanke gibt ihm Kraft und Stärke: Daß das Verdienst um so größer fty, mit je mehr Mühe und An? strengung es errungen wird. 73 Er klügelt nicht über die Verfügungen der Obrigkeit; seine Pflicht sagt ihm, daß er gehorche. und die ihm übrig bleibende Zeit auf die Vervollkommnung seiner selbst verwende. Es sähe allerdings traurig um diejenige Gesell chaft aus, wo sich jedes einzelne Glied erlaubte, die Anordnungen der Befehlshaber eher kritisch durch zu gehen; jeder würde uur das thun wollen, was gerade seinen Wünschen gemäß wäre. Nein, so handelt der Weise nicht. Er eilet bey jeder Gelegenheit, Beweise seines Gehorsams, feiner Unterwürfigkeit gegen den Obern an den Tag zu legen, und findet hin, längliche Beruhigung und Belohnn»« in dem Bewußtseyn, seiner Bürgerpflicht nachgekommen zq seyn, der Pflicht, die ihm als Untergebenen heilig und theuer ist. Der Weise vertheidiget die Ehre seiner Obern da, wo er kann; denn er betrachtet sie als Werkzeuge des großen Regierers der Wellen, und findet sie in diesem Betrachte der Ehrfurcht allerdings würdig; selbst da würdig, wo sie Blößen geben und Schwachheiten verrathen. Da denket er, daß auch sie Menschen sind, und schon darum, dann als 74 Vorgesetzte ins besondere die strengste Bedeckung dieser Blößen und Schwachheilen verdienen. Der Mensch, an dem es ist, zu gehorchen, und der den Herrn nicht ehrt, dem er gehorchen soll, ist ein böser Mensch, und in jedem Augenblicke fähig, sich ein Bubenstück zu Schulden kommen zu lassen. Ja dem Verhältnisse des Befehlshaber-, nach welchem jedoch der IVktsk nie trachtet, in das iha nur Umstände versetzen, denen er nachzugeben für seine Pflicht hält, gehet sein Hauptaugenmerk dahin, die Macht, die er besitzet, die Obergewalt, die ihm zukömmt, seinen bedeutenden Einfluß auf das Wohl und Weh der Menschen, nicht nur nicht zu mißbrauchen, sondern auch so anzuwenden, daß er so viel Glück um sich her verbreite, so viele Zufriedene um sich herum sehe, als nur immer seine Kräfte und der Umfang seines Wirkungs- kreise- gestatten. Ihm ist es Wonne, denen Freund, Wohlthäter, Vater zu seyn, die ihm untergeordnet sind, die seine Herrschaft erkennen. Sein ganzes Bestreben ist dahin gerichtet, die Zahl der ihm Untergebenen so wohl von außen als innen durch seine Anordnungen, Be. 75 fehle und Verfügungen, durch sein beyspiel, reiches Lebm zu beglücken und zu beseligen. Er herrschet nur durch Güte; er gebiethet uur mit Liebe; Nachsicht, Gerechtigkeit und Der. zeihung stehen immer an seiner Seile. Er has. set nich's mehr. als Tyranney und Grausam» keir, Härte und Unmenfchlichkeit. Selbst seine Strafen, seine Verweise— sind die Strafen und Verweise eines seine Kinder liebenden Da- ters, der nicht von Leidenschaft angetrieben, sondern darum züchtigt, um Besserung, und Mittelst dieser das wahre Wohl seiner Lieben zu erzielen. Zur Strafe und Zwang nimmt er nur äußerst selten, nur da, wo es unser» weibliche Nothwendigkeit heischt, wo gelindere Mittel nichts fruchten, seine Zuflucht, und sein Herz blutet dabey. Er verlanget nie von dem Untergebenen mehr, als was das Maß der ihm zugetheilten Kräfte zulaßt; hat Nach. ficht mit seiner Schwäche, und ist stets geneigt, die vorfallenden F hler vielmehr dieser, als ei. ner Bösartigkeit deS Herzens zuzuschreiben. Mit Sanftmuth dringet er in die Herzen der Seinen. Ihr werdet an ihm den Mann bewundern und verehren, der die menschliche 76 Natur in ihren geheimsten Fakten studiert hat, vnd dem genau die mannigfaltigen W ge bekannt sind, die in daS Innere deS Menschen führen. Er kennet das Temperament, die Ge- MÜthsneignngen, die herrschenden Leidenschaften, den Grad der Aufklärung und den Zustand der Herzensbildung seiner Untergebenen, und richtet darnach sein ganzes Verhalten, alle seine Befehle ein. Daher auch jeder derselben das mit Freuden thut, was ihn der Weile thun yeisset; i>er,n es ist seiner physischen und moraliichen Natur vollkommen angemessen. Er ist weil entfernt, den Untergebenen zum Werkzeuge der Habsucht, des S.olzcs, des Ueber« Muths zu gebrauchen; dem Wchl, dem Beste, desselben opfert er einen Theil des Seini- gen auf; nur ihn glücklich und zufrieden zu sehen— ,,i sein Wunsch. Er entziehet sich nie den Seinen; er mag nicht von ihnen als eine GotrheilÄogesehen werden, die beleidiget wird, wenn man sich ihr nahet; der Erste und der Letzte aus ihnen hat freyen gleichen Zutritt zu ihm. Sein Ohr ist jedem offen, und sein Herz schlägt für jeden. Nur eine Classe gibt es, die fein Auge nicht sehen mag, die sich seiner Thü- 77 re nicht nahen dürfen; und diese Classe ist jene der Verleumder, der Zuträger, der Häuchler, der Schmeichler, der boshaften Ankläger, der Cabalenschmiede und Chikanörs. Dieses Gelichter ist von seinem Anblicke verbannt; er erkennet es beym ersten Anschauen, und verscheuchet es auf immer von sich. Da er der Schöpfer eines wahren GlückcS unter seinen Untergebenen seyn will; so wa» chek er auch darüber, daß die Tugend mit ih. rer ganzen liebenswürdigen Familie unter ih. neu wohne. Den Lasterhaften merzet er aus, wie der Hirt ein räudig Schaf; bessert ihn, wenn Besserung möglich ist, und gönnet ihm dann wied r günstige Aufnahme, strecket wie. der seine Arme licbvoll gegen ihn aus; nie aber im widrigen Falle; da bleibet er unerbittlich, hart, unbeweglich. Zur Liebe setzet Wahrheit, Tugend, Geb» Menschei.hülle kiesen Drey'». Hineile bann das Alter und die Jugend, Sich ihres Herrschers zu erfreu'». 78 X Der Weise als Aufklärer. ?^antenell sagt:„Es gibt Fälle, wo der Weise, wenn er wirklich die Hand voll Wahr. Heiken hätte, Anstand nehmen wüßte, sie zu öffnen." Allerdings ist es so- Die größere Zahl der Menschen verdauet die Wahrheit ohne Ausnahme nicht; die meisten befinden stch übel darauf. Nur wenige können ihr Stimme ohne Schmerz vertragen; die meisten erheben ein Geschrey, gleich dem Kinde, das zum ersten Mahle den Schornsteinfeger im Kamine kratzen hört.— Man muß also in Brrbrei. tung der Wahrheit sehr klug und behutbsam zu Werke gehen, und da nicht Licht unterhal- ten wollen, wo die Luftart nicht darnach'st; da nicht aufklären wollen, wo das Auge die Fähigkeit noch nicht entwickelt hat, ins Helle 79 zu sehen, wo Erkenntniß mehr schade» als nützen würde. Diese Regel befolget der Weise mit der strengsten Gewissenhaftigkeit. Er ist freylich überzeugt und fühlet es innig, daß Vorur- theile Feinde des Menschenglücks seyn, und die Finsterniß, die den menschlichen Verstand drückt, dem Menschen i? seiner Vervollkomm- vung überall hinderlich fallen müsse. Er ist versichert, daß der Irrthum unmöglich vertheidiget, und für die Unwissenheit schlechterdings keine Apologie Statt finden könne; allein er ist auch in eben dem Grade gewiß, daß nicht alle berufen seyn, schon jetzt dieser großen Geschenke der Gottheit theilhaft zu werden; daß es ein Gesetz der Natur sey, nur stufenweise, nur nach und nach zur größeren Vollkommenheit zu steigen; daß es ein Gesetz der Natur sey, nur einige in das Innere des Heiligthums der Erkenntniß, einige nur an die Pforte ihres Tempels, und einige nur an die Schwelle der Halle derselben zuzulassen, ja einige sogar für ihr ganzes irdisches Daseyn davon ,u entfernen. Auch stehet hierin -er Weise keine Ungerechtigkeit; er entdecket 8o vielmehr in dieser Anordnung der Sachen den weiseste» Plan, und bewundert in tiefer An- bethung das Wesen, welches ihn entwarf. Setzen wir den Fall: es fass te jemand den Entschloß, alle Menschen, ohne Unterschied, die ihm aufstießen, aufklären zu wollen; was würde daraus entstehen? Diejenigen darunter, deren Bestimmung noch nicht wäre, bell zu sehen, würden erschrecken über das Licht, das ihnen leuchtete. Sie würden ihre Augen zudrücken, und davon laufen; würden den Mann mit Undank lohnen,-er ihnen zur Unzeit Gutes thun wollte, welches Gute sie noch nicht erkenne». Der gute Wille des Mannes hätte umsonst gewirkt, und den Leuten gescha. det, statt ihnen nützlich geworden zu seyn. Andere wieder dürften sich vielleicht Gewalt anthun, ihre Augen mächtig aufzureiffen, und, Ungeachtet aller unangenehmen Empfindungen, gerade und gierig in den Lichtstrahl hin in sehen; und diese Bedauernswürdigen, welche Vortheile trügen sie davon? Angespornt von der Begierde, alles, alles zn sehen, sähen sie entweder gar nichts, oder nur hier und da etwas; so wie derjenige nichts siehet, der mit M 8» einem Mah!e aus der Finsterniß ins Helle tritt, oder mit zwey ganz offenen Augen es wagt, in die Mittagssonne zu blicken. Im erster» Falle wäre aberwuhls das Bemühen des Aufklärers fruchtlos, und gefährlich für die tollkühnen Seher; im letzter» aber noch ungleich größere Gefahr für ihr und ihrer Bruder Wohl vorhanden; denn die Armen würde» wähnen, aufgeklärt zu seyn, würden dafür halten, mehr als andere zu wissen, würden glauben, das Borunheil besiegt, und alle Schuppen vom Gesicht abgestreift zu haben; würden mit abgerissene» Kenntnißstücken, mit halb erkannten Wahiheiten, mit einem Gemische von Licht und Dunkel hin eilen unter ihre Brüoer, sie dumm und unwissend schelte», sich selbst aufblähen, zu Reformatoren auswerfen, die bisherige Ordnung der Dinge umstürzen, Verwirrung anrichten, und in diesem Chaos ihr Glück, ihre Zufriedenheit, ihre Ruhe, ihr inneres und äußeres Wohl unwiederbringlich verlieren. Und wenn sie auch all' dieses nicht thäten; wenn sie für sich allein daS Bißchen Licht, was ihr schwaches Auge auffaßte, anwende» und brnützeo wollten; so K 82 «- wäre es dennoch um ihre individuelle Glückselig» keil geschehen; halbe, verworrene Kenntniß, etwas guter Same in unvorbereiteten Boden gesäet, eine flimmernde Lampe, wo dichte Finsterniß im weiten Umkreise herrscht, ein paar Quentchen Wahrheit, wo Vorurtheil und Irr. thum zentnerweise anzutreffen sind,— all dieß frommt nie, kann nicht frommen. Der Mensch, der nur halbe Aufklärung besitzt, ist viel ärger daran, als er je war. Da ging er noch ruhig auf seinem finstern Wege fort, glaubte an alles, zweifelte nicht, untersuchte und prüfte nichts, war genügsam im Geiste, leicht zu befriedigen; sein Gemüth kannte kci» nen Stolz, sein Herz kein Falsch; war u. ter« würfig, dem Obern folgsam, fand Lust an Arbeit und Anstrengung; seine Bedmfniffe waren Bedü fn ffe der Natur, und er ihr unverdorbener Sohn.— Aber wie ändert sich die ganze physische und moralische Lage deS Menschen mit halber Erkenntniß, mit verworrenen, unrichtigen Begriffen, mißverstandenen Wahrheiten! Bald dünket er sich besser zu seyn, als andere; feine bisherige Lebeusweise ekelt ihn an; er vernünftelt, statt zu rasonni- 8z ren, verstrickt sich in Irrthümer, verirret sich, ohne daß er es bemerkt; zweifelt, wo er glauben, und glaubt, wo er untersuchen sollte; tadelt Obrigkeit und Gesetz, schweifet aus, wird unglücklich und elend. Klug und bebutbsam also, ich wiederhohle es, ist der Weise in Verbreitung der Auf. klärung, in Fortpflanzung der Wahrheit. Da, wo er urbares Land findet, da pflan- zet er gern ein Pflänzchen hin, daS Segen trägt; da säet er gern den Samen der Weis. hcit aus; denn er ist des Gedeihens gewiß. Da, wo er schon Vorerkenntnisse gelegt sieht, wo bereits Vorschütte gethan sind, da arbeitet er mit frohem Muthe fort. Da, wo er wahre, edle Wißbegierde, wah. ren Hunger nach Seeleonahrung ausspähet, da bleibet er nicht mit seiner Lehre zurück. Da, wo das Auge schon geübt ist, und Festigkeit genug hat, stärkere Eindrücke auf. zunehmen, da erscheint er mit der Fackel der Wahrheit aus der Ferne, und nähert sich all» mählig dem harrenden Seher. Da, wo er gewahr wird, am Subjecte, daß es berufen ist, auf der Bahn zu wandeln, F- 84 die sich mit reiner Vernunft verträgt, da biethet er sich zum Führer an. In allen diesen Fällen verläßt ihn die Vor. ficht nicht. Kluge Sparsamkeit ist auch hier des Welsen Gesetz. Er theilet aus, aber jedem in dem Maße, in welchem er empfänglich ist; diesem mehr, jenem weniger. Diesem zeiget er die Wahrheit von einer Seite, welche er einem andern»och vor der Hand verbirgt, jedem nur aus dem G-fichtspuncte, von wo. her sie ihm nützlich werden kann. Denen, die viel zu fasten unfähig find, deren Seelen, und Leibesorganisatioo nur für sinnliche Eindrucke gebaut ist, deren Lovs es ist, auf den untern Stufen der Menschenleiter zu stehen, die für Verhältnisse des Menschenlebens da find, die keinen Schwung nöthig haben, denen Aufklä. rnng schaden würde, die nicht gewählt find, der Welt als Lichter zu leuchten, sondern de. reu Bestimmung ist, die Materie zu den Leuch- lern zu schaffen, auf welche jene Lichter ge- stellt werden;— denen gibt der Weise von seinen Schätzen gerade so viel, als jeder der- selben unumgänglich haben muß, um die Ab. ficht zu erreichen, welcher wegen er da ist;— sL gibt sie ihnen, die Aufklärung, die Wahrheit, noch zur Vorsorge, nicht ohne Hülle, nicht ohne Umschlag, damit er ja auf jeden Fall ge- sichert sey, daß sie sich davor nicht schaudern, und die geringe Dosis nicht von sich stoßen. Er macht es hier wie der kluge Arzt, der dem Kinde die Purganz in Gestalt einer Leckerey vorsetzt. Nur so vertheilt, kann Wahrheit nützen; Anders gereicht, da schadet fier Nur so vertheilt, find ihre Lehren Stützen; Lohnen des Lehrers große Müh'. 86 XI. Der Weise bey Dienstbewerbungen. „vlllnckfelig derjenige, der fern von Geschäften ist!^»sagt zwar Horaz; und als Sänger der Liebe und des Weins mag er es sagen! Mit seiner Erlaubniß aber ist der Weise einer andern Meinung, der zu Folge er sich nur erst dann glückselig preist, wann er volle Hände zu thun hat, und dadurch seinen Mitmenschen nützlich werden kann. Aus diesem Grunde weigert sich auch der Weise ganz und gar nicht, Aemter anzunehmen, und Stellen im Staate zu begleiten; denn gerade hier hat er die schicklichste Gelegenheit, seine Talente und Tugenden zum Wohl de, Gesellschaft anzuwenden, und damit auf eine reelle Art zu nützen. Die Grundsätze. die er von dieser Seite befolgt, sind ganz seiner werth. Gebt ihm die größten, die reich- 87 sten Schätze zum Lohne, er wird euch nicht um ein Haar von seiner Denkart abweichen. Wir wollen sie doch näher kennen lernen, diese Denkart: Der Weise strebet nicht>us Ehkgeitz, nicht aus Eigennutz, nicht aus Herrschsucht und Stolz nach Aemter»; sein Beruf dazu grün. det sich auf den Trieb seines Herzens, so ge- meinnützig zu werden, als er nur immer vermag; auf den Trieb, jede seiner Kräfte für das Wohl der Menschheit hin zu geben, und das Brot, welches er genießt, mit dem Bewußtseyn eines seine Pflichten kennenden Man- nes zu verdienen. Der Weise ringet nicht nach einem Amte, wo er nicht gewiß ist, daß er dazu die erforderliche Geschicklichkeit, die nöthige moralische und physische Beschaffenheit vollkommen be- sitze.— Nicht das Amt soll ihm, sondern er will dem Amte Ehre machen. Der Weise verlanget eine Stelle nicht, um welche sich Würdigere, Fähigere als er, bewerben. In seinen Augen hieße das Eingriffe in die Rechte Anderer machen, und eine wirkliche Ungerechtigkeit begehen; hieße den Staat, 88 die Menschengesellschaft bekriegen, der mit einem dem Amte gewachsenem Ranne allerdings besser gedienet gewesen wäre. Der Weise wirbt um ein Amt nicht, daS mit feinen Neigungen, mit seiner Denkart, m>t seinem Charakter nicht auf das genaueste überein stimmet. Er will in seinen Dienstge» schaftea zwar der Gesellschaft nützlich seyn, aber durch s lbe nicht selbst unglücklich werden. Er will mit Eifer und Lust seine Amtspflicht erfüllen, un*> vermögte daS nicht, wenn diese Erfüllung m t seinem Charakter stritte. Der Weise entzieht sich jeder Stelle, die unter seiner Würde ist, die ihm Geschäfte aufbürdet, die er als Mann von wahrer Ehre nicht über sich nehmen kann; die ihn zwänge, sein Herz und seinen Kopf zu verlaugnen. Der Weise suche» Beförderung auf keine schmutzige, niedrige, zweydeutige Art; erlaubt fich keine Nebenwege, keine listige Verstellung; er gehet geradezu, und handelt so, daß jedcrmanu Z uge die er Handlungen und ihrer Triebft. Lern seyn kann. Er hasset olle Bestechung, alle boshafte Beseitigung seiner Mitwerber; schmei. chelt nicht, kriecht nicht, gestattet sich keine § l 89 Winkelzüge. Findet er nun nuf diesem Wege sein so genanntes Glück nicht'; o! so macht er gern Verzicht darauf, und schließet sich in sich selbst ei». Der Wahrheit treu, ihr ganz ergeben. Weich« er von ihrem Wege nie; Nur sie allein kann ihn bewegen, Nur sie allein lohnt seine Müh'. Er hasset Stell' und jeglich Amt, Dahin aeheime Gange leiten; Sein Gemüth, von Tuaend nur entflammt. Wir- nicht straucheln, nicht ausgleiten. Er mag nicht Amt und keine Stelle, Wo er nicht Weisheit üben könnt'; Ohne sie, wird ihm die Welt zur Hölle, Zur Pein, was Glück der Pöbel nennt. XII. Die Vergnügungen des Weisen. ^)on einer Seite betrachtet, ist das Leben des Weisen nichts anders, als unablässiges Streben nach Vergnügen; weil Glückseligkeit das Z-cl ist, das er sich ausgcsteckt har, und welches er für die Absicht des Schöpfers ansieht, weßwegen er sein Daseyn erhalten. So wie er aber nur einer wahren, seines hohen Berufes würdigen, seiner großen Bestimmung entsprechenden Glückseligkeit nachstrebt; so gei- tzet er auch nur nach solchen Vergnügungen; nach Vergnügungen nähmlich, welche die Vernunft billiget, und die mit den Gesetzen der Weisheit übereinstimmen. Er verwirft daher alle diejenigen Vergnü- gungen, die nur bloß sinnlich sind; d. h., die nur allein in einem Kitzel der Nerven bestehen, und sich. bloß auf dunkle Wahrnehmungen und S1 Gefühle in der Seele einschränken; denn die Natur solcher Vergnügungen ist ihm bekannt; er weiß, daß ste vorübergehend sind, und mit der Würde eines vernünftig genießenden Wesens in keinem gleichen Verhältnisse stehen. Auch dos Thi^r genießet so; eines höhern, feinern, ediern Genusses ist es unfähig, und der Weise'st wirklich viel zu stolz, als daß er mit seinem Hunde, der zu feinen Füßen liegt, einen und denselben Genuß der Welt haben soll. Er, d-r schon als Mensch auf der Stufenleiter empfindender Wesen sich oben an befindet, und als durch Weisheit veredelter Mensch sich noch höher schwang, er kann un- möglich bloß thierisch sich verhalten; sein unbedeutendster Genuß muß den Charakter der Vernunft an sich tragen, und sein inneres Gefühl ihm dabey sagen, daß Menschenglückftligs keil nicht jene des Affen sey. Der Weise entfernet alle jene Vergnügungen von sich, die nur das Organ, durch welches sie genossen werden, reihen, ohne es zugleich zu starken; hie es abstumpfen, ohne ihm von der ander« Seite einen Ersatz für den Verlust zugeben; dran er will lange, und uie yr mit Ueberdruß und Reue, er will lange, und immer in gleichem Krade genießen. Er kennet die großen, mannigfaltigen Schätze der Natur, die für ihn bereitet find. Er kennet seine Rechte und das Maß seiner Kraft; daher ist er auch ohne Unterlaß beflissen, sich in den Besitz die- ftr Schätze zu setzen, unermüdet wirksam, sei. «c Kräfte anzuwenden, um die Rechte zu behaupten und geltend zu machen, die ihm zu» kommen. Er gehet alle Vergnügungen vorüber, die täuschend find, die das nicht im Genusse ge. währen, was sie zu versprechen scheinen; die unfähig sind, Bestandtheile wahrer Glückselig, keit abzugeben; denn er will nicht der Bctro, gene, der Getäuschte seyn; wo es an ihm liegt, nicht betrogen, nicht getäuscht zu werden- Der- nunst und Weisheit sind die Göttinnen, deren Altaren er dienet, und diesen heiligen Altären dürfte er sich nicht nahen mit dem Bewußtseyn, aus eigener Schuld der Wahrheit ausgewichen zu seyn, und der Lüge gehuldigt zu haben- Er versaget sich alle Vergnügungen, die ihu in der Erfüllung seiner Menschen» und Bur. grrpflichken hindern könnten, oder denen erden Genuß edlerer, höherer Freuden aufopfern müßte; denn des Weisen erhabenes Lovs soll Zufriedenheit der Seele, soll ein vorwurfs- freyes Gewissen seyn; er muß vor sich selbst so rein und ohne Makel erscheinen, als er wünscht vor seinem Schöpfer. vor jenem»n. fehlbaren Richter menschlicher Gesinnungen und Handlungen befunden zu werden. Fehlet dieses Merkmahl seiner Glückseligkeit; o, so war er ein Thor! so ist er wirklich unglücklich, denn er war und ist nicht weise. Nach dem Geiste dieser allgemeinen Re- geln, die ihm der Probierstein der Weisheit würdiger Vergnügungen sind, prüfet er alle die Freuden der Well genau, ehe er sich ihnen überläßt, und findet er welche darunter, die diese Kritik nicht aushalten; so fliehet er sie wie ein Ungeheuer, das mit Verwüstung und Verderben droht. So z. B-, verabscheuet er das Vergnügen deS Trunkenboldes, der bey schäumenden Pokalen Freude zu finden glaubt. Er rufet dem Irrenden zu r ,.Freund, das Vergnügen, dem du nachjagst, ist Täuschung, gefährliche Täuschung! So wie die geistige Feuchtigkeit verdampft, die du in dich gießest, so 94 verschwindet auch die Lust, die du von daher zu hohlen glaubtest, und fürchterliche Uebel blei- den dir zum Lohne: Dein Verstand verfinstert sich, deine Seele wird abgestumpft, jedes lerne Gefühl unterdrückt, jede edle Empfindung weicht von dir. Ekel, Uabehaglichkeit, Reue, Krankheiten und Armutb, üüd zugleich die Verachtung jedes Vernünftigen verfolgen dich. Du vergessest deines Berufes, deiner Pflicht 1c„."___ Gleiche Beschaffenheit hat eS mit»er sinnlichen Wollust, unglücklich ist der Mensch, der in dem Genusse der bloßen tbie- rischen Liebe Glück, Vergnügungen und Freu- den suchet. Der ganz Tdicr ist, der schöpfe uns dieser Quelle: der aber noch etwas wehr als Thier ist, in dem noch ein höberer Sinn, ein edleres Organ liegt, der sich als ein We. sen fühlt, das mit der Sinnlichkeit des Thieres zugleich einen Strahl der Gottheit, die Bcrnnnst verbindet, dem ist es ein Gesetz, ein unverbrüchliches Gesetz, diesen Strahl aus allen seinen Handlungen hervorleuchten, seiner Genußartcn ffde umgeben zu lassen; ein Ge- setz, da, wo er einen Sinn des Körpers befriedigt, auch jenen Sinn des Geiste» zugleich Ä5 mit zu befriedigen, und die Stimme der Weisheit durch treue Befolgung zn ehren, welche ihm in dieser Angelegenheit die Lehre ertheilt r Daß physische Liebe für sich allein den Menschen erniedrige in Staub; daß sie nur ein schnell vorübergehender Nervenkitzel sey, der trügerisch ist, der Süßigkeit verspricht, aber mit Bitterkeit lohnt; der nur für Augenblicke Vergnügen gewährt, aber für Tage eine quälende Leer? im Gemüthe erzeugt; der mit sich fortreißt, wie ein verwüstender Strom, Herzens- güke und Geisteestärke schwächt, Tugendgefühl und Seelenhoheit erstickt, die Gesundheit untergräbt, mit peinvvllem Schmerz züchtigt, und seine Lieblinge zu Gegenständen des Abscheues macht. Wollte ich alle die so genannten Vergnügungen der Sinne einzeln durchgehen, ich würde in jedem ein Bild aufstellen können, das deutlich wiese, daß es keins darunter gebe, von dem mit Bestand der Wahrheit behauptet werden könnte, es sey an sich und im Grunde betrachtet ein wahres, mit der Weisheit vereiubariiches Vergnügen: So wie an den geschilderten ihre Niedrigkeit, ihre Unzulänglich- 96 kett, ihr Tauschendes und Bettlerisches in die Augen fällt, so würde es bey jedem andern dieser Gattung auch geschehen- Ich über, lasse also-in- speziellere Unt-rsuchung dem denkenden Leser, und eile, nachdem ick schon gewiesen habe. welche Vergnügungen der Weift nicht genießet, diejen'gen anzugeben, die er sich erlaubt, in denen er seine Glückseligkeit finden, und die Art und Weise aus einander zu fitzen, wie er sich in ihrem Genusse verhält. Jedes Verg.ügen ist dem Weift» willkommen, das sich ohne Schamröthe vor die Vernunft hinstellt, sich in seiner ganzen Gepalt sehen läßt, die strengste Prüfung auszuhalten bereit ist.— Vergnügungen, die das Licht d r Vernunft scheuen, sich n.cht zergliedern und beleuchten lassen wollen, solche Vergnügungen sind verdächtig, und verdächtige wählet die Weisheit zu ihren Freunden nrcht. Jeden Vergnügungen gestattet der Wkift den Zugang zu sich, d.>s den Genießer n- ch dem Genusse mit einem Gefühle von Stärke, von körperlicher und Scclenfiarke lohnt; daß ihn empfinden macht, er befinde sich besser, auf- geweckter, thätiger, munterer, als er sich vor 97 dem Genusse befand.— Vergnügungen, die eine Leere, Mißbehaglichkftt, ein Gefühl der Schwäche, der E'schlapvung, der mangelnde» Kraft zu begleiten haben, diese gehören nicht in die Classe derjenigen, die unter dem Schutze der Weisheit stehen. Jedes Vergnügen rufet der Weise zu sich, -a- er unbeschadet seiner Tugend, ohne Verletzung seiner Rechlfchaffcnheit, ohne Hintansetzung irgend einer seiner Pflichten verkostet» darf.— Vergnügungen, die diese Gesellschaft nicht lieben, diese dürfen nicht an seine Woh. nung stoßen; er verjaget sie, da sie sich noch von der Ferne nahen. Jedes Vergnügen ist der Weise bereit aufzunehmen, wenn es nur von der Art ist, daß es den Verstand während des Genusse- nicht ausschließet.— Vergnügungen, wobey bloß die Sinne beschäftiget sind, bey denen die Ber» standskräfte schlummern, diese überläßt er sei- «em kleinen Fidel, für den und seines Glei, chen ste eigentlich gemacht sind. Jedes Vergnügen billiget er, das nicht des Umlauf seiner Säfte störet, den Ton seiner Nerven nicht uachtheilig verändert, feine S 98 Seele nicht aus ihrem Gleichgewichte hebt; den» er hoffet Vergnügungen, die ihn in einen fieberhaften Zustand versetzen, weil er weiß, daß Körper-und Seelenfieber widernatürliche Zustände find, und nichts Widernatürliches gut heissea kann. Hat nun der Weise solche Vergnügungen gefunden, so segnet er die Stunde ihres Genusses. Lasset uns untersuchen, wie er sie genießet. Die erste Regel, die ihm hier als Gesetz gilt, ist; Genieße mit Mäßigung. Das erlaubteste Vergnügen, die edelste Freude, habco bey ihm ihre bestimmten Grenzen, die er nicht überschreiten mag. Er kennet seine physische und moralische Natur genau, als daß er es wagen sollte, ihr mehr aufzubür- den, als sie zu tragen im Stande ist. Er weiß, daß jede Sünde gegen die Mäßigkeit ein lci- denfchaftlicher Zustand ist, und es keine Lei. denschaft gebe, die das Licht der Seele ver- dunkelte. Der Weise genießet also immer auf eine Art, daß er da aufhört, wo das Vergnügen bereits auf eine gewisse Höhe gestiegen, wo cS schon einen gewissen Grad von Heftigkeit z» 99 behaupten anfangt. Hier tritt er schnell zurück; hier ruft er sich zu:„Bis hierher und dicht wei- 1er!" denn hier ist der kritische Augenblick, wo seine Weisheit scheitern, wo er seine Herrschaft über sich selbst verlieren könnte. Er will es nicht darauf ankommen lassen, sich einer Thorheit schuldig machen. Er pvchct nicht auf seine Starke; er denkt: Iramo sum, bumuni Niki! s me AÜsnum puln. Die zweyte Regel, die der Weise'M Genusse des Vergnügens treu beobachtet, ist: Genieße kein Vergnügen bloß sinnlich, lasse zugleich die Vernunft mit wirken. Ich weiß wohl. daß Meudelsvhn in seinen vortrefflichen Briefen über die Empfindungen sagt: Wen» die Vernunft das Vergnügen zugeführt hat, so müsse sie bescheiden zurück weichen, um uns nicht durch unbesonnenen Vorwitz im Genusse zu stören. Dieser Satz, der unlaugbar ist, scheint den meinigea aufzuheben; aber eS ist auch nur Schein. Ich behaupte: der Weise soll r icht bloß sinnlich, er soll auch zugleich geistig genießen; das beißt: er soll während dem, da irgend ein Organ an ihm gekitzelt wird, zugleich ein wahres, leb- G s rvo Haftes Bild von dem Ganzen der angenehmen Empfindung in seiner Seele haben, und nicht unterlassen, in den Pausen deS Genusses immer einige Seitenblicke auf die einzelnen Theile derselben zu werfen, um auch da den Honig zu saugen, der darin verborgen liegt. Er soll bald die Einbildungskraft, bald die Fantasie, jetzt den Witz, jetzt wieder den Scharfsinn, jetzt daS Vergleichungsvermögen, und bald die AbstraclionSkraft aufbiethen, und der Bear- Leitung dieser Kräfte den Gegenstand feines Vergnügens unterwerfen. Er soll immer wach seyn, daß der Genuß innerhalb seiner Schranken bleibe, und sich nach innen, nach dem Innern der Seele eben so ziehe, als er von außen imOrgane sich niederließ. Es ist bey dieser vernünftig-sinnlichen Genußweise nicht zu befürchten, daß das Vergnügen ermatten werde; eS gewinnet vielmehr o» Jn- tension und Extensiv«; es wird erhöhet, verstärkt, veredelt; denn nicht bloß die Sinnenkraft des Menschen wird dabey beschäftigt; es trete« zugleich seine höher« Kräfte mit auf, und aus ihrer vereinigten Wirksamkeit muß nothwendig eine Art Empfindniß in der Seele er- IOI zeugt werde», die schon für sich ein eigene- Vergnügen ist. Es ist allerdings wahr, die Anwendung der Vernunft würde das Vergnügen stören, wenn sie die Rolle einer finstern Sittenrichterinn, eines immer ermahnenden Mentors, die Rolle des Kritikers spielen wollte; aber in diesen Verhältnissen erscheinet hier die Vernunft nicht. Der Gegenstand des Genusses ist bereits bewährt gefunden, er Hat, wenn ich so sagen soll, die Quarankaine ausgehalten; es ist von ihm so leicht nichts zu befürchten. Die Vernunft machet also gemeinschaftliche Sache mit demselben; sie erkläret sich als Freundinn des Vergnügens, von der es jeden Vorschub zu erwarten bat; biethet ihm ihre leitende Hand, ihre Kräfte an; gesellet sich zur Sinnlichkeit und leuchtet ihr; und bey diesem Leuchten geschieht es, daß diese oft die Gefahren erblickt, in die sie, bey dem Dunkel, das über ihr schwebet, leicht gerathen könnte. Da warnet die Vernunft freundschaftlich, und indem ihr Glanz Helle um sich bewirkt, so siehet auch die Sinnlichkeit klar, strauchelt nicht, und danket ihrer Freundinn für die Warnung, die sie nicht als Lehrerinn gab. 102 die nur eine Folge des Lichtes war, das sie um sich verbreitete. Als eine dritte Regel im Genusse befolget der Weise den Satz:„Genieße mit Ab- Ivcchjelung." Thoren glauben, sie müssen den Becher des Vergnügens, der sich einmahl in ihren Händen befindet, bis auf den letzten Tropfen leeren: Der Weise hingegen befriediget sich mit einem mäßigen Antheil; denn er erblickt noch mehrere Becher vor sich, die nicht weniger mit köstlichem Getränke grfüllet find, aus denen er ebenfalls seine Portion haben will, damit sein Zustand der Zustand deS Glückseligen, d. i., eine Kette mannigfaltiger Vergnügungen werde. Er hält sich bey einem und dcm'elben Genusse nicht zu lange auf, weil er durch anhaltende Reitzungen eines und desselben Organs, solches nicht schwächen, wohl aber durch ein mäßiges Verkosten stärken will. Der Anblick der strahleuden Sonne gewährt unstreitig Vergnügen; aber dieses Vergnügen geht verloren. wenn zu lange euer Auge auf ihrer Gluth weilt. Ein köstlicher Wein verschafft euch viel Vergnügen; doch trinket ihr ihn anhaltend fort, ihr verlieret den Geschmack daran, und roZ Mit diesem auch das Vergnügen. Die Vergnügungen wollen nur gekostet, nicht ausgekostet werden, Die Seele der Lust ist Abwechslung, das Einerley ihr Grab. Der Weift Heißet mit der Zeit; sie lange einem Genusse widmen, h ißt in seiner Erkenntniß— sie dem andern entziehen. Als vierte Regel erscheinet hier die Wahrheit:„Genieße mit genauer Beobachtung des natürlichen Verhältnisses unter den Vergnügungen." Nicht jedes erlaubte Vergnügen ohne Unterschied ist zugleich auch ein Vergnügen für den Weisen. Sein gegenwärtiger Genuß muß immer in einem gewiss.» Zusammenhange mit dem nächst folgenden stehen, und dazu Körper und Seele vorbereiten. Harmonie herrschet überall in der Schöpfung; die Weisheit sorget dafür, daß sie nicht zerstöret werde. En Ich siehet der Weift im Genusse auch darauf, daß, wenn mehrere Vergnügungen sich ihm darbiethen-, immer das Edlere dem minder Edlern vorgezogen werde; so wie er auch ganz nach dem ro4 Grundsätze seinen Genuß einrichtet: Jedes sinnliche Vergnügen soll nur bloß als Aufweckungs- als Stärkungsmittel zum Genusse der intellektuellen und moralischen Freuden angesehen/und da, wo es seyn kann, als Würze derselben gebraucht werden. Vergnügungen gufdiesem Wege gesammelt, und sy g-noffm. nachen die wahre Gluckse» liiert auf Erd.n cuS, und find die Gegenstände, nie der Weise aileiilhalben aufzusuchen beschäftiget ist. Die ganze Natur in ihrer Schönheit und Größe ist ihm eine unerschöpfliche Fundgrube der eoelsten Freuden; für ihn qn ileo fie allenthalben; er hak die Sinne dafür. Mann nichts an seinem Herzen nagt, Ke-n Vorwarf sein Gewissen plagt, Er heiree ist, frey von Sorgen, Da ui e>li er am stillen Morgen, Zue Malier Sonne bin, Sie erfreuet seinen Sinn. Wann in Lüften Böge' fingen, U.n die Müller Zunge springen, io.5 Ein Küchleinheer der Henne fslqt. Ein naß Krystall vom Felsen rollt- So eilt der Weise hin, Es freuet seinen Sinn. Wo ihm des Baumes Schatten winkt, Der Schmerlenbach ihm Kühlung bringt, Ihn dort rufet e'ne Beere, Gleich sie für ihn geschaffen wäre r Da eilt der Weise hin, Dieß erfreuet seinen Sinn. Wann aus Wolken Blitze schießen, Rauschend Ströme dahin fließen, Der Donner kracht, das Eccho hallt, AuS liefen Klüften wieder schallt- So eilt der Weise hin, Dieß erfreuet seine» Sinn. Wann der Iris Farben spielen. Sanfte Weste lieblich kühlen, Wälder dampfen, Blumen riechen, Wie neu belebt tue Würmer kriechen. So eilt der Weise hin, Es erfreuet seinen Sinn. Wann Abendroth im Purpur prangt, Die Hecrde satt nach Haus' verlangt, Der Schorstein raucht der nahen Hütte, Der Hofhund bellt nach alter Sitte- So eilt der Weise hin, Es erfreuet seinen Sinn, Wann Eis und Schnee die Auen deckt, Und Dorf und Wald dem Aus' versteckt, Der Nordwind tobt und pfeifend l-eau, Geborgen Thier und Mensch verweilt: So bückt der Weise hin, ES erfreuet seinen Sinn. Hin an der Freundschaft treue Brust, Hin zur Geliebten, seiner Lust, Zum Kinde, das ihn Vater nennt. Für ihn von süßer Lieb' entbrennt, Da eilt der Weise hin, Sie erfreuen se-nen Sinn. Wo Bruder leiden, Wichte schleichen, Menschenmangel: Thränen bleiche», D>e Unschuld unterm Drucke weint, Sich böses Herz mit Macht vereint: So eilt der Weise hin. Hüls' erfreuet seinen Sinn. Z« erfüllen seine Pflichten, Ist sein Trachten, ist sein Dichten, Sich zu bilden, aufzuklaren, Seine Kenntniß zu vermehren: D, da eilt er freudig hin, Weisheit freuet seinen Sinn. Der Weise bey der Wahl einer Gattinn. ^/ie Person, mit der ich, Hand in Hand, die Reise durchs Leben fortsetzen will, ist mir wichtig. An ihrem holden Blicke will ich mich laben; das Feuer ihres Auges soll das Feuer strahlender Liebe seyn. Ihre Miene soll mich entzücken; jeder ihrer kleinsten Gesichtszüge soll mir sagen, daß ich ihr theuer bin. Von ihren Lippen will ich Wonne saugen. An ihrer Brust will ich, von Liebe eingewiegt, ruhen, und horchen, wie stark für mich ihr Herz schlägt, wie heiß für mich das Blut in ihren Adern rollt. Ihre Umarmung muß mich beseligen; ein Kuß von ihr mich wähnen machen, daß ich Edens, nicht der Erde Bewohner bin. Sie muß nur für mich athmen, nur in mir webe« I ro8 mir Empfindung und Begriff. Ohne mich muß ihr die Welt mit allen ihren Reihen eine arabische Sandwüste, und das Leben Qual zu seyn scheinen. Im Wachen muß sie mein Bild begleiten, im Traume muß ich vor ihr stehen. Im Genusse des Vergnügens muß ihr mein Besitz zur Würze dienen, und in der Fülle des Leidens ihr mein Anblick Erquickung ge- wahren. Dieß, und noch mehr fordere ich von dem Weibe, das ich Mein, mit dem ganzen Nachdrucke des Wortes MklN nenne; oder mein Seyn hat der Dämon des Unglücks mit sei- nen schwarzen Fittigen überschattet, und dicke Finsterniß über meinen Wirkungskreis ausge» gössen. Nur an der Seite eines Weibes, das hieß geben kann, die mit diesem, gerade mit diesem Lohne meine männliche Liebe lohnt, kann ich das Glück haschen, und ihm befehlen, Laß es wohne bey mir.— Aber wo ist das Geschöpf weiblicher Natur, in dem der Seligkeiten so viele verborgen lägen! Ist es wohl Ladbar auf diesem Kloß von Erd' und Staub? Es ist findbar, findbar mit allen An- Ingen,die die Beglückung des denkenden Man- 10Y nes heischt, auf diesem Planeten; doch nur mit Anlagen, sage ich, die erst der weise Gatte ausbilden, entwickeln muß, so wie die Hand des Künstlers erst dem Diamant die Schlacke abstreifen muß, wenn er Feuer, Gluth, Farbenspiel und Glanz von sich werfen soll. Allein nur das Buge suchender Weisheit ist organisirt, diesen weiblichen Diamant zu finden. Das Auge des Thoren fällt auf Katzengold und Glasscherben, und der arme Tropfe» faselt, Herr einer Gemme zu seyn, bis die Schuppe abfällt, und er zu seiner Beschämung gewahr wird, daß er ohne Vorkenntniß ausging, Edelsteine zu suchen, wo Backsteine, Schiefer und farbiger Thon das Ungefähr zer» streucte.— Das Weib, von dem Eheglück zu erwarten ist, gleiche folgendem Bilde: Sie sey Wohlgestalt und schön, zwar nicht wie die Rose, deren reitzcnd Roth ei» Sonnenstrahl verzehrt und bleicht, ein schwacher Wind entblättert, und der kleinste Stoß zer. knickt; sondern dauerhaft schön, richtig von Ebenmaß und Verhältniß, ausdauernd, wenn's auch v»a Norden bläst, dem Sturme trotzend, wie die schlanke Zeder; denn als Gattinn, 1 io als Weib gehet sie mancherley Leiden entgegen: der eheliche Himmel ist nicht immer heiter. Sie sey Wohlgestalt und schön, damit sie an sich ziehe, binde, ftßle, und wieder gebe Wohigcsiallheit und Sch önheit in ihrem Kinde- Ihr Herz sey gut, rührbar, liebevoll; ihr Verstand ohne Vorurlheil, hell und richttg. Sie denke edel, handle nach Grundsätzen. L-ie sey sanft und bescheiden, duldsam sich hingebend, voll Glauben an die Menschheit. Sie sey GottcS- Verehrerinn ohne Nndächtelep und Grimasse, ssnde Freude am Wohlthun. Sie liebe die Na- tur; sie sey ihr Kind, nicht das Kind der Mo- Le, des Luxus und der Thorheit. Sie kenne ihre Bestimmung; sie blicke hin mit freudiger Empfindung in den Mutlerstand, und würdige sich. Sie sey sparsam und wirtschaftlich, gast« frey und hold im Geben. Sie habe keine Leidenschaft außer der Begierde, das Her, ihreS Gewählten auszufüllen. Sie sey reinlich und habe Geschmack für einfache Schönheit- Sie sey munter, aufgeweckt wie ein Reh, schuldlos wie das Tauschen, das ihrem Gatten entgegen girrt. Sie li-be Gcsclllchaften nicht, und gehe nicht Freundschaften ein» der Man» rh- r I r res Herzens muß ihr Gesellschafter und Freund in Fülle seyn. Die Kunst der Haushaltung sey ihre Wissenschaft, Kiuderzucht ihr Studium, und in dem Wort rbuche ihres Wissens stehen die Wörter Roman und große Welt nicht. Sie habe nicht Reichthümer; selten wohnet Tugend beym reichen Weibe; selten paaren sich Sanftmurh und Gut, mir Gold. Sie rechne auf die Stärke des Mannes und seinen Fleiß; Kraft und Fleiß schützen vor Darbcn. Solcher Seelen eine trifft die Wahl des Weisen. Geck n bleiben Puppen überlassen; Thoren mögen sich am Vornehmseyn und Schätzen erquicken! Das Mädchen, das diesem Bilde gleicht, und davon es, zur Ehre der Menschheit sey es gesagt, noch wirklich Originale gibt, ist des Weisen Wunsch und seines Suchens Ziel. Er findet es gewiß, findet die Seele, die für die Sinne geschaffen ist; findet, oft ohne Mühe, oft beym ersten Schritte das Wesen, mit dem er eins werden soll; denu Eins-- tverdung ist daF große Gesetz der Natur; Harmonie, Einklang ist der große Zweck der Schöpfung, Ukd Zweck und Gesetz müffev l»2 „.eicht werden. werden erreicht durch die Söhne der Weisheit, durch die berufenen Werkzeuge des ewigen Werkmeisters, der nur das Mannigfaltige schuf, um dadurch Einhcrt, das ist. Vollkommenheit zu erzielen in seinem Werke. Zweck und Gesetz müssen erreicht wer. den; denn Assimilation herrschet in der Na. tur: Gute, sanfte Seelen müssen zu einander kommen, wie die Tropfen des Regens zukam- men stoßen und zum Ocean werden; muffen erreicht werden, damit das hohe Lied harmo- nirender Geister erschalle durch alle Sonuen hin:„H-rr! Erhabener, wir fanden uns, wir sind eins in dir, Güte und Liebe! Wohlan! Lasset mich die Seele suchen, die mein in der Schöpfung ist! Lasset mich das weibliche Geschöpf suchen mit dem Lichte der Weisheit, und hab' ich es gefunden, mein Herz also zu ihr sprechen: Nicht Cherub, nicht Seraph, nicht Engel, Bist Menschenkind und Weib; Doch hell, wie's Morgenroih, schlank wre der Tulpe Dränget, An Seele rein, und schön am Leib'. Win nicht Fortunens K>nd, nicht Krösus Sohn; Doch hab' ich Kopf und Hand. H HZ Luch bist du Crösus Tochter nicht: dem sey Hohn, Der tadelt so ein Band! Ja, du bist sie, die meine Seele liebt, Bist sanft, bist zärtlich und gut; Bist mir ein Weib, das nie mein Herz betrübt. Mir Trost im Leiden gibt und Muth; Das Wonne zolle dem liebenden Galten, Lächelt ihm Kräfte zu. Komm', holdes Mädchen, komm', ein heil'ger Schatten Billiget meine Wahl, und du— Und du herrschest im Herzen voll Liebe, Im Herzen, das für dich lodert. Das für dich schlagt aus reinstem Triebe, Nichts von dir als Gegenliebe fodert. Sey mir gegrüßt! Dich wählte meine Seele, Zur Gattinn wählt sie dich; Komm', holdes Mädchen, komm' und wähle, Zum Gatten wähle mich! XIV. Der Welse als Gatte. Die eheliche Gesellschaft ist gewiß rineS der. jimgen Verhältnisse des bürgerliche» LebenS, die der Weisheit am meisten benötbigen. Hier, wo zwey Personen, und zwar Personen von verschiedenem Geschlechte, verschiedenem Lem. peramente, verschiedenen Gemüthsneiguug-n und Grundsätzen, sich in der Absicht vereml. gen, um unauflöslich mit einander zu leben, und einander wechselseitig zu unterstützen; hier bedarf es allerdings des weisesten Rathes viel, um die Gesellschaft dieser Vereinigung, nähmlich beyderseitige Glückseligkeit, in wie fern solche unier Menschen möglich ist, zu erreichen, wenn nicht der Stand, aus dem das lauterste, anhaltendste Vergnüge« erwartet wird, ein Stand der Verwünschung und des Fluches werden soll- Dem weisen Gatten wird es nicht; denn er wohnet in der Seele des Weibes, und lauschet io ihrem Herzen. Er kennet den Grad ihrer Empfindlichkeit, den Ton ihrer Nerven, und die Stärke und Schwäche ihre- Geistes; «ißt den Vorralh ihrer Ideen, und wiegt den innern Gehalt derselben. Da ihm ihre schwa» che Seite bekannt ist, so bessert er, ohne daß sie fühlt, daß eine bessernde Hand an ihr ar» beite; und läßt er sie es wirklich fühlen, so wird sie auch zugleich gewahr, daß ei« saofler, liebevoller Lehrer und Führer, der nur um ihr Wohl besorgt ist, für sie wache. Er bemühet sich, seine edle Denkart, feine Art zu er», pfindcn, seine Maximen, ihr, der lieben Schülerinn, unvermerkt einzuflößen, und eine treue Copie seines Eharakters in dem ihrigen aufzustellen. Doch fvtdert er nicht von der Schwäche weiblicher Natur strenge Vollkommenheit; er ist nachsichtig, nachgebend und genügsam da, wo er weiß, daß das nur zur Liebe geschaffene Weib das leistet, was sie zu leisten vermag. Ja Fällen, wo Ernst und Ansehen eintreten müssen, erscheint er nicht in der Gestalt deS mürrischen Befehlshabers, nicht in H 2 1i6 der Gestatt eines despotisch- gebiethenden Satrapen. Sein Blick. jede seiner Miene ver- rath sorgende Zärtlichkeit mit Würde beglei- tet, die in dem Herzen der Gattinn Ehrfurcht für ihn erwecket. Seine Worte haben Gewicht und Nachdruck, und gelten für Sprache eines Orakels. Sein Lade!, und er tadelt äußerst selten, ist freundschaftlicher Rath, herzliche Mittheilung, liebreiche Zurechtweisung. Ihr Widerspruch, ihre Aufwallungen, ihre Launen, machen den weisen Gemahl nicht irre; er bleibt sich immer gleich, immer der gc.affene, "der überlegende Mann, der da weiß, daß ein zarter Körperbau leicht gerührt und erschüttert, und daß ein in feinen Gefäßen rollendes Vmt leicht in Sud gebracht, aber auch eben so geschwind w-cder b-sauftiget wird. Der Gattinn Liebe erwirbt er sich durch zuvorkommende. eines gestandenen Mannes würdige Liebkosungen. durch ununterbrochenes, thätiges Wohlwollen, durch offenbare Merk- mahle innerer Zufriedenheit; so wie ihm ihre Achtung nicht entgehen kann, wenn sie auf daS Große und Erhabene in seinem Charakter hmblickt, und den Reichthum seines Verstau- "7 des, das Lichte seiner Begriffe, die Richtigkeit feines Urtheils, das Treffende seines Witzes kennen lernt. Er besitzt die Kunst, täglich in neuer, reißender Gestalt zu erscheinen, und täglich huldiget ihm ihr Herz aufs neue. ES ist ihm ein wichtiges Studium, dem Weibe, das sich ihm hingegeben, mit jeder neuen Sonne auch neue Freuden zu schaffen. Jetzt wandelt er mit ihr in den lachenden Gefilden der Natur, und zaubert in ihre Seele eine Art Behaglichkeit, die diejenigen nur fühlen können, die es versucht haben, was es heiße, mit gebildeter Seele die Werke Gottes an der Seite eines empfindsamen, freundlichen Erkläret zu betrachten. Jetzt stehen fie vor dem schauerlich Sublimen, und ihre Geister fühlen eine Art Salbung, Heiligung, Erhöhung, oder wie das Gefühl heißen mag, dos wieder nur Wenige kennen, und ich weder dem Kenner, noch Nichtkenncr zu beschreiben vermag. Jetzt ziehen fie sich in die Einsamkeit zurück, laben fich an dem Zauberfchal! der melodischen Phi» lomele, und ergetzen sich an dem Anblicke des sorgsam geschäftigen Dögelchens für seine brütende Sie, Jetzt erheben sich ihre harmonischen r»Z Herzen zu Gott, zum Weltenschöpfer, und im frohen gemeinschaftlichen Liede fließen ihre schö» nen Empfindungen dahin. Jetzt fitzen sie in der Mitte ihrer Hausgenossen, von denen sie geehrt und in gleichem Maße geliebet werden; nicht etwa als Menschen höherer Art, nein, als Freunde, die sich mittheilen, die dem Unter, gebenen sein Schicksal erträglich machen wol» lco, dessen Vortrag sie anhören, den sie auffordern, ohne Verstellung und Häucheley, ohne kriechende Unterwürfigkeit und sklavische Furcht, seine Meinung zu sagen. Jetzt unterhalten sie sich mit dem Zustande ihres HausweseuS, spre- chcn über das Wohl ihrer Kinder, freuen sich über ihre Vollkommenheiten, und denken aus Mittel, daS, ivaS noch unvollkommen an ih. nen ist, auf die schicklichste Weise zu verbessern; unterreden sich von ihren vielleicht minder glück» lichen Verwandten und Freunden, von ihren leidenden Nebenmenschen, und man sieht es ihnen an, wie stark ihr Verlangen sey, mit That und Rath dahin zu eilen, wo män Rath und That bedarf. Jetzt muntert der Weise die Gesellschaft auf; sein Vortrag ist belebend r Fröhlichkeit erscheint auf jedem Gesichte, Fei.- rille Scherze wechseln mit Einfällen des Scharfsinns und des Witzes, mit lehrreichen, angenehmen Erzählungen und hinreiffcnden Schilderungen ab. Aller Augen hangen an ihm und jedes Ohr ist gespannt, damit feine Worte aufgenommen werden, und keines zur Erde falle.— Der weise Gatte ist haushälterisch ohne Filzigkeit, lohnend mit Gerechtigkeit, und freygebig zur Zeit. Ihn beherrschet keine Leidenschaft: er weiß allen zu gebiethen. Wie er heute ist, so sehet ihr ihn auch nach Jahren. Stets auf sich aufmerksam, gibt er keine Blößen, und wenn er fühlt, daß er bisweilen zu sehr Mensch ist, o— so kehret er eilig in sich selbst zurück, schließet sich in seine vier Wände ein, bis wieder froher Muth in seinem Inner, sten erwacht, und die Vernunft in ihrer Klarheit leuchtet. Seinem Weibe, das er innigst liebt, hängt er mit unwandelbarer Treue an, und betrachtet es als eine Gabe deS Himmels, die nicht herab gewürdiget werden darf. Sie gilt ihm als ein Gut, dafür er einst strenge Rechenschaft geben muß- Er schätzet sie wie seinen Augapfel, bewahret sie wie eine Blume, die balsamisch dufter, wenn sie vor Wind und' 120 Sturm gesichert ist. Er siehet sie für eine Rose an, die nicht immer blühen kann, die aber auch nach dem Frühlinge ihres Lebens Dank verdienet für die Erquickung, die sie in ihrem Wonnemonde von sich gab. Sie ist ihm eine Lilie, der er als Stütze dienen muß, wenn ihr schlanker Stängel nicht frühzeitig von der Hand irgend eines Frevlers gebrochen werden soll.— Der weise Gatte ist nie stolz, maßet sich nie das wilde Recht des Stärkeren über seine schwächere Hälfte an. Mit Sanftmuth und Güte führet er sie zurück, wenn sie abweicht vorn rechten Wege; denn sein Selbstgefühl sagt ihm, daß auch er Fehler habe.— Die Beschwernisse des Weibes kennet er genau, kennet den hinfälligen Bau ihres Leibes, die Gefahren der Geburt; daher er auch immer bereit ist, da zu verzeihen, und vortreffliches Herz zu hören, wo die Rohheit mit fürchterli. chnn Gekreische und polterndem Ungestüm auftreten würde. Für Eifersucht und Mißvertrauen ist des weisen Gatten Innerstes mächtig verrammelt; er kennet sie, diese unseligen Störerinnen menschlicher Glückseligkeit, diese giftigen Schlangen des Ehestandes, und hat dreyfach doppelten Fluch auf sie geworfen, als er das erste Mahl an die Pforte des Tempels klopfte, der der Weisheit Heiligthum einschließt. Auch fürchtet er dieses Gezüchtc nicht. Das Weib, das er mit prüfender Vernunft gewählt, das er mit feinem Augenliede deckt, dem er alles, alles ist, dieses Weib wird ihm nie zu bösem Argwohn Anlaß geben. Lugend, Religion und Liebe machen die Wehre aus, die er an die Seite seiner Gattinn gegen den schleichenden Verführer setzte. Darauf vertrauend, schläft er ruhig, wenn ihn auch Meere von ihr trennen. Mit jedem Tage danket er dem Allvater, daß er ihm Kräfte verlieh, sich so eine Freundinn zu wählen. Mit jedem Abende bethet er zum Allgewaltigen hinauf, daß er sie schütze vor Gefahren, daß mit jedem neuen Morgen in Heiterkeit die Sonne für sie aufgehe, und Zufriedenheit auf ihrer Stirne prange bey Morgenroth und Mondes- schimmer. Wann sie schlaft, wünschet ihr sein Herz, daß sie Freuden träume, und seine Liebe sorgt dafür, daß Vergnügen ihrer warte in der Siuode des Erwachens. Aber es sey! Der weise Gatte werde ge^ lauscht; er habe sich betrogen in dem Geschö. pfe, das unter der Gestalt der Unschuld, unter der äußern Hülle des Engels den Teufel verbarg. Es sey, sie werde ihm eidbrüchig, und vergelte mit schnöder Buhlerey seine treue Liebe! so wird er selbst bey diesem blutigen Stoße das Geleise nicht verlassen, wird nie aufhören weift ZU seyn. Er wird zwar die Niederträchtige verachten,— aber nicht verfolgen, nicht mißhandeln. Er wird ihr seine tugendhafte Liebe entziehen,— aber seine Un. terstühung ihr nicht versagen. Er wird ihr den Weg des Lasters verschränken— aber ihre That nicht verkünden. Sie wird ein Verirrtet in seinen Augen seyn, der Rath benölhigt,' aber nie mehr das Weib eines weisen Man. nes. Sein Schicksal wird ihm schwer, aber nicht unerträglich seyn: Er wird Linderung in Genusse der Weisheit suchen— und finden. Er wird nie ungerecht gegen diejenige seyn, die ungerecht gegen ihn war. Er wird sich zu dem Richter der Welten empor schwmgen, und um Stärke flehen für sein verwundetes Herz. daß. er dulde das Unrecht, vergesse- die Bel»i^ -2,Z- digung, uud nicht ahnde das Verbrechen, das an ihm der Meineid beging. Aus seiner Macht wird er nie ein Wesen unglücklich machen, das er einst lieble, in dessen Umgang er Freude» genoß; wird nicht einen Stein in den Brun» uen werfen, aus dem er seinen Durst löschte, und Vergnügen trank. Dem Weibe wohl, das an der Hand Des weisen Galten geht! Schön ist ihr Weg und süß ihr Stand, Des Glückes Fahne weht. Wo stch Lieb' und Weisheit paaren. Duften Blumen, Rosen blüh'n; Und in langen, langen Scharen Ziehen Freuden jauchzend hin. Mcnschenvater lächelt Beyfall Auf weise Lieb' hernieder. Und im Triumphe, vollen Schall Singen Engel Jubellieder. Dem Manne Heil, der Eden schuf Als weiser Gatte ihr! Sein Werk ist groß, sein schöner Ruf, Der bleibet für und für, Und tönt noch dort, wo Menschenvater thront,. Und Menschemhaten wiegt; Wo seine Hand Verdienste lohnt, Wo geknebelt Thorheit liegt- XV. Der Weise als Vater. 2^ohl dein Kinde, das einen weisen Vater hat! Es gehet die Wege des Heils, und ist von innen und außen glücklich, indem es unter dem Auge der Weisheit wandelt, und Mensch in der eigentlichen Bedeutung deS Wortes wird. Es ist nicht Paradorie, wen» ich behaupte, daß die Menschengesellschalt wirklich arm an Menschen ist. Um aufdieser erhabenen Stufe empfindender Wesen zu stehen, dazu gehört in der That mehr, als was der Erfahrung zu Folge gethan wird. Das Sprichwort sagt: die Kutte macht nicht den Mönch, die Monkur nicht den Soldaten, und das Sprichwort liegt nicht. Ich wende es an, und sage: Zwey Beine, aufrechter Gang, und übcrhauvt dasAeu- ßcre des Mensche» macht eben so wenig den 12L Menschen; es gibt ihm den Schein, daß er es ist, aber nicht das Wesen. Willst du Mensch, Mensch im echtsten Verstände des Wortes hctssen, so muß dir noth» wendig die große Bestimmung bekannt seyn, die mir deiner Menschheit vcrbund-n ist. Wisse, daß du zur vernünftigen Erkenntniß und zum Veniunfkgenuß, und dadurch zu einem Werkzeuge b rufen bist, dessen stch der Schöpfer be. dienet, große, wichtige Absichten zu erreichen, große, wichtige Endzwecke in der Schöpfung zu erzielen. Fühle deine Würde, und sey von ihr so durchdrungen, daß eS dir unmöglich fällt, ihr entgegen zu handeln, unmöglich dich so zu betragen, daß dein hoher Beruf und bei- ne Handlungsweise nicht überstimmten. Dein Herz muß rührbar für das wahre Schöne und Gute in der Natur seyn, muß leicht diese Eindrücke aufnehmen, festhalten, und keiner Empfindung den Zugang verstatten, die diese Merkmahle nicht an der Stirne tragt, die Merkmahle natürlicher Schönheit und Güte. Wann es fühlt, muß es warm, innig fühlen, und Wärme und Innigkeit in seinem Ergüsse, in seiner Mittheilung fühlbar werden lassen. Es muß ,26 wohlwollend seyn, und im Wohlthun selbst Belohnung finde«. ES muß für Wahrheit glü. he», und sich«her allen Seligkeitsgenuß versagen, als diese seine Gottheit, die eS durch und durch beseelt, in irgend einem Falle ver» läugnen. Es muß mitleidig bey den Plagen deiner Bruder, duldend, wann ihm die Boß. heit zusetzt, schonend, wann es sich rächen soll, Muß sich gegen den Freund ausgießen, für den Feind schlagen, mit Wärme allen Menschen entgegen pochen; muß Nachsicht haben mit den Schwächen und Gebrechen Anderer, bat Laster zwar hassen, aber den Bruder, der unglücklich genug ist, an sein Joch gespannt zu seyn, nicht von sich stoßen, nicht verfolgen, sondern von der Begierde entbrennen, ihn zu bessern, ihn wieder auf die Bahn der Tugend zurückzuführen, sich ihm zu öffnen, wann ee kömmt, und deinen Beystand, deine Unterstützung, deine Hülfe, deinen Rath fordert. ES muß einen Grad von Festigkeit und Stabilität besitzen, um nicht von jedem Winde, wie das Schilfdes Deiches, bewegt zu werden. Mit ei> nein Worte: Es muß ein sanftes, zartes, gu- les, starkes und heldenmüthiges Herz seyn, 1 2/ Das nur edle Gefühle nährt, und richtige Empfindungen beherbergt, keiner Falschheit fähig ist, für jeden sich ausschließet, doch nicht je.ea mit seiner geheimen Chiffer bekannt macht, wenn er es nicht verdient. So ein Herz muß der im Busen tragen, den ich eigentlich, in eilige- schränkterer Bedeutung, Menschen nenne. Und seine Seelen- seine Erkenntnißkräfle?— O welche Bildung setzen diese nicht voranü! Der Verstand muß reich an deutlichen Begriffen seyn, und die Fähigkeit haben, ohne Mühe Licht ,'ib«r das Dunkel zu verbreiten. Die Vernunft muß mit Geläufigkeit diese Begriffe vcr. binden, und mit Richtigkeit und schnell urtheilen können. Dem Witze muffen die verstecktesten Verhältnisse der Dinge leicht offenbar werden, und dem Scharfsinne die verborgendste« Ähnlichkeiten derselben ohne Anstrengung sich entdecken. DaS Gedächtniß mußGeschwindfas. sen, leicht behalten, und eben so leicht die Erinnerung das Behaltene wieder geben. Die Einbildungskraft mit ihrer Schwester Fantasie müssen einem Mahler gleichen, der Meisterstücke liefert, und mit der Schönheit seine- Pinsels zugleich Urteilskraft uod tiefe Einsicht, und ,r>8 Reichthum an Kenntnissen verbindet. Der Ge. schmück muk verseinerl und richtig, männlich, nicht kindisch, tändelnd seyn. Das Vorurtheil muß in jeder Gestatt gefesselt zu den Fußen des wahren Menschen liegen. Selbst der Körper, selbst dieser muß seine zulässige Cultur erhallen haben. Seine Krasse müssen geübt und stark seyn; Gesundheit muß ihn umstrahlen, und widrige Stöße von au- ßen und innen dürfen ihn nicht so leicht erschüttern. Er muß vieles ertragen können, robust, dabey aber doch gewand und geschmeidig seyn. Ucberhaupt muß der lLsstttssG ein Wesen darstellen, das gleich beym ersten Anschauen Hochachtung und Liebe für sich er- weckt. Man muß in ihm den Menschenfreund, den tren n Bürger und Unterthan, den Freund der Wahrheit und Pflicht, den aufgeklärten Got- teSverebrer, den Schüler der Weisheit, den soli. den Denker. den liebenswürdige» Gesellschafter, den»»ermüdeten Geschäftsmann, kurz, den voll- endeten Liebling Gottes erkennen und verehren. Aus dieser Skizze, die vielleicht«scheinst ein Gemählde werden dürfte, siehet man vor der Hand hinlänglich, was ich für Beding»«. l.-A gen voraus setze, wenn. ich mir einen Menschen, wie er seyn soll, venke. Solche Menschen nun ziehe» weift Vater- Sie ge. den in ihren Kindern dem Staate ein Geschenk, daß dieser ihnen nie vergelte» kann; der Mco- schengescllschafl eine Zierde, die sie herrlicher schmücket, als die kostbarste Gemme eine Königskrone schmücken kann. Sie vollenden das, was die schassende Hand des Schöpfers nur mit Anlagen ausgerüstet inS Daseyn versetzte, und zur Ausbildung und Vollendung der Weis» heit des Menschen überließ. Sie vermehren die Zahl der wahrhaft Glücklichen hier nieden, und bauen sich unvergängliche Monumente, die bis über die Wolken ragen, und würdig vor dem Angcsichte GotleS prangen. Wohl also dem Kinde, daS einen wktftn Vater hat! An seiner Hand verfolgt es sicher des Lebens erste Pfade, und machet sich fähig, einst mit gleicher Sicherheit deu ernste» Schritt auf die schlüpfrige Bahn der Selbstwirksamkeit zuthun; fähig, das Glücksgebäude mit dem besten Erfolge fortzubauen, zu dem schon die thätige Hand des weisen Vaters den Grund legte. Dieß ist das große Ziel, das sich dieser 3 r !ZV ausgesteckt, und dem er nachgejagt mit Se. sammtkraft und unablässigem Streben. Der weise Vater liebet sein Kind; aber diese seine Liebe verzärteltes nicht, rädlet keine Kraft in ihm; sie wcckel alle auf, und bringet sie auf den Grad von Spannung, dea die Na. tur billigt. Der weise Vater sorget für sM Kind; aber diese seine Sorgfalt bestehet nicht darin, es zum Erben von Reichthümer« und Schätzen zu machen...Werde gut und bieder, verständig. dehüiflich und ringe nach Selbstständigknt, so hast du des Reichthums die Fülle! spricht er zu dem werdenden Bürger. Er leg! cS a^o ganz darauf an, auS dem Knaben einen guten gerade und lichtdenkenden, warmfühlenden, red- lichhandelnden, richtig urtheilenden, thätigen, genügsamen, im Amte und Beruf unermüdeten, stets frohen und heitern Mann, eine» liebevollen Gat-en. zärtlichen Vater, einen vernünftigen Haushalte», ein für mehrere Fälle brauchba. res Mitglied der Gesellschaft, einen freundli- chen Vorgesetzten, einen strengen Bcvbachter -es Gesetzes, einen eifrigen Gvtlesfreund zu bilden. Er legt es darauf au, daß das Mäd. lZl chen mit einem empfindsamen Herzen und Ge» schmück für das ungekünstelte Schöne znm Tem- pel der Tugend walle, froh ihres Daseyns sey, und froh Andere mache, Glück im Ehestände, Seligkeit im Mullesoerhältnisse, und Wonne in Besorgung des Hauswesens sicher finde, und freuet fich seines Werkes. Kann es seyn, daß er auch nebst diesen unvcr'ilybarell Schätzen, ooch Vermögen seinen Lieblingen zurück lasse; so danket er der Vorsehung für diese Wohlthat, und vergißt nicht an das Gold die Lehren zu hängen:„daß eS nur in den Handen der Weisheit Segen des Himmels, Fluch aber der Hölle in den Händen der Thorheit und des Unverstandes sey." Er läßt es daher auch nie seine Haupkabsicht seyn, scharret es nie so zusammen, damit Klumpen nach feinem Tode zum Vorschein kommen. Er opfert alles auf, um nur edle Menschen aus seinen Kinder» zu machen, überzeugt, daß, wenn sie auf dieser Höhe stehen, sie gewiß, so viel erwerben werden, als sie brauchen, in weislicher Ver- gnügenheil zu leben. Ihm macht es keine unangenehme Stunde; wenn seine Tochter im einfach niedlichen Gewände einher geht, und I 2 '.z- ohne Brautfchatz in die Schlafkammer des Bräutigams tritt. Ihm wird nicht bange, wenn der Sohn bey seinem Hinscheiden keiner ErbS- erklärung bedarf. Tochter und Sohn sind ge. bildet, find edle, biedere, thätige Menschen. Lugend, Kenntnisse, Geschicklichkeit sind ihre Capitale, die bey ihrer Denkart, bey ihrer Liebe zur Arbeitsamkeit, bey ihrer Genügsamkeit sie reichlich nähren werden- Doch wird auch der weift Vater erlaubten Geld- erwerb nicht hintan setzen, nicht vergessen, wenn ihm, bey Beobachtung seiner übrigen Pflichten, Ueberfluß zuströmt, einen Theil davon für seine Kinder zur Seile zu legen, um ihnen wenigstens bey ihrem Eintritte in die größere Welt eine Akt Zehrpfennig, eipe Art Reisegeld mit zu geben. Er verschwendet seinen Kindern nichts; er sammelt für sie, wo er es unbeschadet seiner Weisheit thun kann; er bricht sich selbst vom Munde ab, aber nie von der Absicht bewogen, sie einst mit Golde glücklich zu machen; denn über dieses wankende Glück lacht er, sondern um im Stande zu seyn, ihnen eine Erzie- hung geben zu können, die eines wkiftN Vaters würdig ist. Verschlingt diese Erziehung al-> -Zr leS, langt der grSßefle Fleiß des Vaters nicht zu, ein Theilchen zu erübrigen, so beruhiget er sich mit dem Bewußtseyn, unter zwey Pflich. ten, die beyde nicht befolgt werden konnten, der wichtigern genug gethan zu haben; mit dem Bewußtseyn: daß er gute Menschen, vollendete Menschen der Welt gegeben, die ihr nützen werden, die sie lohnen, die der Himmel segoeo wird. Hast du nicht Erkenntniß und Tugend, O» s» beweine deine Jugend, Ein Weiser war dein Lehrer nicht.' 1Z4 XVI. Der Weise als Hausvater. Würde eines Hausvaters, von einem rveiseuMarme begleitet, gewahret dem Beob- achter der Menschen, ein entzückendes Schauspiel. Ich behaupte kühn, daß der größesie Men. schenftind seinen Groll ablegen, und mit der Menschheit ausgesöhnt werden müßte, wenn er nur oft Gelegenheit hätte, Zuschauer dieses Schauspiels zu seyn. Freylich ist es etwas selten geworden, oder richtiger, es ist von jeher selten, die Weisheit als Familienhaupt auftreten zu sehen, aber zuweilen geschieht eS doch. Mit wahrer Seelcnlust erinnere ich mich auf die seligen Augenblicke zurück, in denen es mir vergönnet war, die Weisheit in Regierung des Hauswesens zu belauschen. Ich glaubte wirk- lich in eine Welt versetzt worden zu seyn, wo nur Wahrheit und Lugend, nur Ordnung und Liebe wohnten, und einander zu übertreffen suchten. Es sey mir erlaubt, das. was ich sah, meinen Lesern in einem Gemählde aufzustellen, vb es gleich noch lange nicht dem Originale gleich kömmt. Nikanvr ist Vater vsn sechs Kindern, Gatte einer liebenswürdigen Frau, Wohlthäter von vier verarmten Verwandten, und Befehlshaber einer zahlreichen dienenden Haus- genossenschaft.— DaS Wohl dieser aller zu gründen und zu erweitern, ist der große Zweck, auf den alle seine Handlungen abzielen. Die Seinen in jeder Rücksicht glücklich zu machen, ist sein Wunsch am Morgen, seine Begierde des Abends an jeglichem Tage. Der Hausvater hat seine Pflicht nur halb gethan, denket NiküNor, wenn er bloß für das äußerliche Beste seines Hauses sorgt, auch der innere Mensch, Seele und Mensch haben ihre Bedürfnisse, die befriediget werden wollen, und befriediget werden müssen, wenn wahre Glückseligkeit sein Antheil werden soll.<— SeinLe» ben ist daher nichts anders, als Beyspiel, nichts als Lehre, die um so leichter eindringt und Früchte trägt, je angelegentlicher er srchs seyn laßt, die Liebe aller, die um ihn find, zuge- »rinnen. Auch besitzet er sie io so großem Maße, daß man es an der Miene jedes, selbst an der Miene deS Geringsten in Nlkarwrs Hause lesen kann, wie sehr sein Herz an dem Hausvater hängt. Er begegnet jedem nach Beschaffenheit seines individuellen Temperaments, nach dem Grade seiner Gcistes-Cultur, und nach dem Zustande seines Herzens. Er beschäf. tiget jeden, und jedem ists Freude, ihm zu dienen; denn an jeden überträgt er gerade das Geschäft, wofür er Fähigkeit und Neigung au ihm entdeckt. Er fordert von keinem mehr, als was er zu leisten vermag; aber er siehet genau darauf, daß keine Hand müßig sey, und kein Kopf gedankenlos bleibe. Seine Befehle find in der Sprache des Freundes abgefaßt/ und seine Strafen verrathen Herzensgute, die nichts anders will, als Beglückung bey jedem einzelnen Gliede der häuslichen Gesellschaft. Zu seinem Hause ist der Tugend ein Altar erbaut, an welchem jeder opfern muß, der darin wohnen will. Gottesfurcht und Frömmigkeit, Gerechtigkeit und Billigkeit, Liebe und Nachsicht, beobachtet und liebet der weise HaUsvattk rZ- mit solcher Treue, dass kcioer der Seinen es wogen kann, sich anders zu b,tragen. Punct» lichkeit und Ordnung in Geschäften, Gewissen» hafligkeil in Ausübung der Pflichten, find unverletzbare Gesetze in der Haushaltung Nlkü- Nvrö, so wie er mit gleicher Wachsamkeit dafür sorgt, daß der fleißige Arbeiter Ruhe, Er- hobluag, und zur Zeit aufmunternde Belohnung erhalte. Da er selbst heiter und munter ist, so verbreitet er auch Heiterkeit in dem Zir. kel der Seinen, aus dem er sich nie ausschließt, in dessen Mitte er am liebsten weilt. Nlka- Iwr«st wirthschaftlich, aber ein Feind deS Gcitzes. AtiküNor siehet weit in die Zukunft^ und sammelt Vorralh. Nlkanor ist wohlthätig, aber seine Wohlthätigkeit äußert sich nur da, wo Verdienste sind. Er ist freygebig, aber er hasset die Verschwendung. NlkaNvr darbet nie, denn Arbeitsamkeit umschwebet seine Woh» nung, und Mäßigkeit ist sein Tischgenosse. Er hat ein großes Haus, aber eine kleine Küche. In seiner Casse liegen immer drey Pfennige; von einem zehret er, einer dienet dazu, sich im Ansiande zu erhalten, und einer ist für Nothfälle bestimmt. Nlkülwr zählet nur we» IZ8 nige Freunde im engern Dersiandc, aber diese' wenigen ruhen an seinem Bustn: Ihnen gehöret ein Theil seiner Habe, auf sie erstrecket sich seine Sorgfalt. Zu Gastgrbolhr« und Sännen» ßfreyen darf man sieb bey ihm nicht laden. Wie er heute ißt und trinkt, so ißt und trinkt er auch morgen, und der ist fein Mann für ihn, der sich beleidigt findet, daß er dieZahl seiner Schüsseln für ihn nicht vermehrt habe. Noch ist dir Sonne über NifchNSrö Haupt nicht aufgegangen, daß er unterlassen hatte, sich um das Wohlseyn seiner Angehörigen, vom Ersten bis zum Letzten herab, zu erkundigen. Ihre Gesundheit, ihr froher Muth, ihre Zufriedenheit, dieß sind ihm theure, wichtige Gegenstände. Sogar auf die Tdiere, die unter seinem Dache leben, dehnet er diese Aufmerksamkeit aus; es darf ihnen an oichtS fehlen, und des Menschen entlediget er sich bald, der muthwil- lig und roh genug ist, irgend ein HauSkhierzu mißhandeln. Astes, was um ihn athmet, muß froh seines Lebens seyn oder NikaNOL ist unzufrieden mit sich- selbst, macht sich Vorwürfe, klagt sich selbst an, und wünscht einen solchen Tag aus dem Lause der Zeit vrr- '39 tilgt zu wissen, einen solchen Tag n'chf erli-bt zu haben. Noch hat kein Ohr ghöt, daßM- kanors Worte des Fluchs, Worte ungestümer Leidenschaften hätte fallen lassen. Ein ernster Bück ist sein Tadel, und seine Ermahnungen, Verweise, find Ermahnungen und Verweise eines Mannes, der bessern, aber nicht kränken, der zurechl führen will. Frieden und Eintracht bemühet er stch, so viel an ihm ist, unter den Seinen aufrecht zu erhalten. Mit Sanft- mulh bringt er es dahin, daß stch Zankende vergleichen, Feinde einander umarmen- Vor ihn kommt jede Klage, und als Richter urtheilet er nach der strengsten Gerechtigkeit, indem er zugleich auf daS Herz des Menschen stehet. Nie vergißt er, daß jeder Genosse seines Hau- seS ein ihm anverkraiücs Gut«st, worüber er wachen muß, daß der Geringste gleich ihm Menschenwürde behaupte. Nie vergißt er, daß das Leos der Dienenden ein hartes Loos ist, und es an ihm liege, ihnen ihr schweres Joch z» erleichtern. Wenn sie erkranken, wenn sie seiner Hülfe bedürfen, o, so ist er der Mann, bey dem ste ihre Zuflucht suchen und finden.— Jedem reichet er mir Liebe im Bücke sein Tage- lohn, ist nicht karg gegen den, der mit Mühe sein Brod gewinnen muß. Wenn seine Umstände Häuslichkeit heischen, so fangt er damit bey sich selbst an, und nicht bey dem, der in sei- nein Dienste Schweiß vergießt. Und wenn such sein guter Wille verkannt, er mit Undank belohnt wird, so ändert er dennoch diese Denkart nicht; er schreibet eS dem Mangel an Er- ziehuvg, dem Mangel an Menschengefühl und dem Sclavcnzustande zu, in welchem der dienende Theil der Menschen meistens lebt, und der sie abstumpft. So fand ich den Weisen als Hausvater: Ich sah ihn von Kindern umrnnge». Hangend an seinem Blick, Vom Arm der Gattinn umschlungen, Ihr Wohl denkend und ihr Glück. Sah ibn dort im Zirkel der Seinen, Nicht Herr, denen er Vater ist, Die nur in ihm zu leben scheinen. Für dir er wirkt zu jeder Frist. '4> XVII. Der Weise als Freund. Oreundschaft und Liebe!— Welch'ein Him» mel liegt nicht in dem Genusse dieser Empfindungen! Das Menschenleben hätte keinen Werth ohne sie, die Welk wäre ein Gefängniß. An der Hand des Freundes, an dem Busen der Geliebten fühlen wir unser Daseyn doppelt, und preisen uns selig. Die ganze Natur ist anritt Garten voll anmuthiger Blumen; Freude« blühen für unS allenthalben auf; mit starken Schlägen schlägt unser Herz der empfindenden Wesen jedem entgegen, wir find zum Wohlthun gestimmt, wann unS ein Freund umarmt, wann wir uns in dem Auge der Geliebten spiegeln. Wohlan, lasset uns nach diesen beseligenden Empfindungen ringen! Lasset uns Freunde gc- 2 42 »innen, und am Altare der Liebs ein reines Lps e anzünden! Der Weise würde nicht zu leben glauben, «ran er nicht ein Wesen seiner Art hätte, wvr» an er sich fest hält in der Schöpfung. Sein Herz muß nothwendig sympathisieret', oder er irret traurig und verlassen umher; es muß wieder ein Herz haben, mir dessen Schlagen er die ftinigen vereinigt. Aber vorsichtig, klug, behuthsam ist es in der Wahl eines solchen Her- zens. Die Freundschaft ist in den 2U,gen des Weisen ein zu großes, ein zu theures Zu!, als daß er es jemanden anvertrauen sollte, von dem er nicht gewiß, nicht vollkommen überzeugt ist, daß er es nach dem wählen Werthe des. selben schätzen dürfte. Der irret sich gewaltig, der da glaubt, daß der weise MüNN schon sein Freund sey, wann seine Miene ihn anlä- chelk, wann er ihm mit Gefälligkeiten, unt Dienstbefiissenheit zuvor kömmt, ihm Beystand und Unterstützung anbiethet. Dieß alles liegt in dem Charakter des Weisen; so verhält er sich gegen alle Menschen; in dieser Hinsicht ist er der Freund der ganzen Welt, Freund jedes Menschen. Doch im eigentlichen Sinne deS ,4Z Wortes^l°cultd, ist er es nur gegen jene, die rr durch lange Zeit, ued auf mancherley Weife geprüft, uns am Ende bewährt gefunden hak. Diese schließt er mit Jnünrnst in seine Arme, brächet jie mir Wärme an ferne Brust, tragt sie im Kern seiucs Herzens. Sie sind ein Theil seines Ichs; wie er für sich empfindet und denket; ss empfindet und denket er auch für die Liebl nge, für dir Gewählte:, feiner Seele. Ihre Zahl ist nicht groß; der Wkise hat an einem einzigen Freunde genug; ein einziger reicht ihm zu, sich in der Freundschaft glücklich zu preisen. Mit diesem theilet er feine Vergnügen, in dessen Her; schüttet er seinen Kummer, auf dessen Busen ruhet er, mann er von der Bürde des Lebens gedrückt, Ruhe nöthig hak. Der Freund des WciskU befürchte nicht, daß dieses süße Verhältniß je wanken, je dahin schwinden werde; es währet ewig, seine Dauer erstreckt sich bis über dir Grenzen des GrabeS; denn die Weisheit hat es gestiftet, sie unterhält es, und sie ist ewig. Der Weise macht nur Freundschaft mit geprüfter Tugend, mit dem Manne von Wahrheit, Ehre, Einsicht nnd solidem Verstände- Sein Freund und er verhalten sich gegen einander wie zwey gleich- >44 gestimmte Saiten, die einerley Ton geben, Ihre Temperamente, ihre Lieblingsneigungen, ihre Berufsart, ihre Jahre, ihie Geisteskräfte und Cultur machen ein Concert aus, worin die vollkommenste Harmonie herrscht. Sosehr aber auch beyde esus sind, so seyr auch ihre ha» metrischen Seelen in einander fließen, so we- «ig sie fremd von einander find; so beobachte» ße dennoch in ihrem liebevollen Verhält- Nisse die Gesetze des Lnstandes, der Höflichkeit und Urbanität, der Klugheit anfdaS genaueste. Nie wird der Welse von seinem Freunde eine gänzliche Aufopferung, eine vollkommene Ver- läugnung seiner selbst fordern; nie verlangen, daß er auf Kosten eigener Glückseligkeit, cige- »er Vortheile ihm Dienste erweise. Solche Freundschaften suchet die Weisheit in Roma- rrcn zum Zeitvertreibe, aber nicht in der wirk- lichen Welk. Hier will sie durchaus strenge Wahrheit, und ist sehr damit zufrieden, wenn Helvetius behauptet, daß jedes freundschaft- liche Verhältniß sich auf Eigennutz gründe un- »er den Menschen; nur gibt sie darauf Acht, daß ihr Eigennutz von der feinern, ediern Gat- tung ftp- Der Weise ist gegen seinen Freund offenherzig, aber er vertrauet ihm immer nur so ot«l, als er glaubt, daß er eS nicht miß. -rauchen könnte, weua er aufhören sollte sei« Freund zu ftp». Schön ist der Freundschaft Band, Süß an des Freunde- Hand, Mir kluger Vorsicht wandeln. 4« xvm. Der Weise als Geschäftsmann. Beruf zur Arbeit fühlet der Weise in seiner ganzen Stärke, und in eben dem Maße empfindet er das Wohlthätige derselben. Die ganze Natur überzeugt ihn, daß Thätigkeit, daß Krastanwendung die Bestimmung jedes Wesens sey. Nirgend ist Ruhe, nirgend Tod, allenthalben Leben, allenthalben Wirksamkeit. Der Stein, der in Trägheit da zu leben scheint, ist nicht minder thätig, denn der Finstern, der sich unaufhörlich um seine Age dreht. Die Pflanze: die dem Scheine nach ruhig im einsamen stillen Thale stehet, wirket nicht weniger, denn die Elemente, wenn sie in Gährung gerathen. Das Faulthier ist nicht im geringeren Grade wirksam, denn der Mensch, der mit Vorsatz feine Kräfte anstrengt. Selbst der Tod, dieses »47 Bild ewiger Ruhe, selbst dieser ist Thätigkeit, ist Uebergang zum neue» L.ben, ist Entwiche- luag eines neuen SeynS. Nein, gegen eine so mächtige Stimme der Natur ist der Weise nicht taub; ihr Ruf dringet lief in sein Inneres; er ist unausgesetzt darauf bedacht, ja keine Kraft in seinem Wesen schlummern zu lassen. So wie alles um ihn her nach gewissen bestimmten Endzwecken hinwirkt; so wirket auch er. Sein großer Zweck, die Absicht seines Wollens,— ist Gemeinnützigkeit. Dieses Merkmahl muß jede seiner Handlungen veroffenbaren; oder er ist mit sich selbst unzufrieden; er erscheint vor sich selbst als Müßiggänger, als Feind der Natur, die in ihren Bewegungen nichts als das allgemeine Interesse beabsichket, und dadurch dem Menschen, mit Bernunftfähigkeit begabt, dieß große Gesetz gibt, daß auch er so und nicht anders wirken soll. Treu diesem Gesetze, wählet der Weise »ur Geschäfte solcher Art, die, da sie ihm Früchte tragen, schon auch dadurch dem Gau- zen ersprießlich sind. Sie auszuführen, diese Geschäfte, gerade so auszuführen, wie eS ihre 148 N.mr Heis4t, ist ih« S-lenlust, unbeschr-i^ bare Wonne. Er fi.hek nicht auf Belohnung, nicht auf den Befall der Menschen; sein Augenmerk ist auf die Sache selbst gerichtet. Er hat den Grundsatz, daß er nichlS gethan habe, wenn ihm in dem vorgenommenen Geschäfte noch was zu thun übrig bleibt. Ihn bindet kein Eid, keine Amtspflicht; er wäre derselbe fi-issige, treue,»»ermüdete Arbeiter, wenn er auch Eid und Amt nicht hätte. Vergebens würdet ihr auf den Augenblick warten, wo sich der Weise über Geschäftsmenge, über Ermüdung beklagen sollte. Ermüdet er wirk, lich, o, so strömt ihm aus diesem G-fühle ein Derqnügensgenuß zu, der ihn aufheitert, er- qmck t, und neu- Kraft in ihm erwecket. Die Menge der Geschäfte ist ihm willkommen; er ordnet sie so, daß, wenn er eines vollbringt, auch schon das folgende zur Hälfte gethan ist.— Ordnung herrschet in der ganzen Schöpfung, und Ordnung herrschet auch in dem Wirkungskreise des Weisen; daher er auch vieles in kurzer Zeit und mit Leichtigkeit verrichtet Er klaget nie über Kürze der Zeit; er überläßt diese Klage den Thoren; er bemühet sich, sie -49 mit Pflichtleistung auszufüllen, und wendet fie so an, daß er vollkommen dem Beruf entspricht, der in der Gesellschaft der seine ist. Darum ist er auch bep jedem Geschäfte mit ganzer Seele, nitt ganzem Sinn. Er ruhet nie eher, als dies vollendet, und zwar nach dem möglichst'« Grade der Vollkommenheit vollendet ist. Er schiebet keines auf; was er jetzt thun kann, das v»richtet er nichr in dem folgenden Au« genblicke; denn er weiß. daß nur der gegen« wärtige in seiner Gewalt stehe, der nächst folgende aber in der Ungewißheit der Zukunft verborgen liege. Er ist nie zufriedener, nie heiterer, als wenn er mitten unter Geschäfte« sich befindet, nie munterer, als wenn fie nach seinem Wunsche vollbracht find. Wie selig lebt der Mann, der seine Pflichten kennt, Und seine Pflicht zu thun, aus Pflichterkenntniß brennt. XIX. Der Weise im Reichthum und Ueber- fluß. Weise bewirbt sich um Reichthum nickt, unl> der Ueberfluß machet ihm keine Sorgen. Reichthum und Ueberfluß sind ihm sehr entbehrliche D'nge, ohne die er recht glücklich seyn kann. Seiner Genügsamkeit, seiner K-mst, bey Wenigem vergnügt zu seyn, hat er.S zu danken, daß er mit kaltem Blute über Tonnen. Goldes hinweg sehen, und bey einem diätetisches Mahle so zufrieden und froh ftyn kann,-als es ein Crösus kaum ist, der über Millionen he,richt, und vor lauter Ueber- floß nich- weiß, wohin er zuerst greifen soll. We< wenig bedarf, der ist'im wahren Der- stände reich, und um so reicher, je geringer sein Bedürfniß ist- Dieß ist der Wahlspruch '5» des Weisen, dem er streng nachlebet. Wer viel bedarf, ist Sclave seines ausgedehnten Bedürfnisses, kein freyer Mann. Der Weise allein ist Herr; denn er weiß sich selbst zu gebiethen. Wo er immer hin blickt, so findet er überall Schätze, deren er sich mit dem Beyfalle seines Gewissens bedienen kann. Es sind Schätze, die von den Thoren nicht geachtet, nicht des Ansehens gewürdiget werden, aber die der Weisheit zum Lohne bestimmt sind, in einfacher Nahrung, in einfacher Kleidung, in unschuldigen Vergnügungen der Natur, in Erfüllung der Pflichten des Menschen und des Bürgers, in Arbeitsamkeit und Genüglichkeit, im hellen, angebauten Verstände, in Seelenruhe bestehen. Diese Schätze sind unerschöpflich, sie beglücken wahrhaft, und unvergänglich ist ihr Werth. Nichts kaum sie vertilgen, keine böse Hand sie rauben, kein Unglück sie zerstreuen. Siebegleiten ihre Besitzer allenthalben hin. Sie ruhen an seiner Seite; sie sind seine Gefährten auf jedem Pfade, seine Beschützer in Gefahren, seine Tröster in Leiden. Er nimmt immer davon, und sie häufen sich wieder, und rL, je mehr sie fich anhäufen, desto Verschwender!« scher ist er mit denselben. Dieß ist der eigentliche Reichthum des Weisen, und darin Ueberfiuß zu habeu, ist sein Wunsch, sein warmer, Heister Wunsch. Doch stößt er das, was die Weit Reichthum und Ueberfiuß nennet, nicht von sich. Kömmt es, Ohne sein besonderes Zuthun, so nimmt er des Segens Fülle mit beyden Händen auf, alS ein Gut, das ihm zu treuer Verwaltung an. vertrauet wird, und von dessen Anwendung er verbunden ist, strenge Rechenschaft zu geben. Er freuet sich in dem Besitze von Mitteln zu seyn, die dazu beytragen, Menschen, sei. nen Brudern, frohe Tage zu schaffen. Er ist nicht stolz auf diesen Besitz; denn der Reich, thum gehöret nicht ihm; er betrachtet sich bloß als den berufenen Ausspender desselben, der verantwortlich dafür ist, daß er im rechten Maße dem wahren Verdienste zu gehöriger Zeit zufließe. Er prasset nicht davon, er»er. schwendet nichts von der Masse; denn er kann Lurch Trillionen nicht glücklicher werden, als er zuvor war, und am Nöthigen leidet er nie« Wahl- Mangel. Er gehet am Morgen aus, r§Z das Verdienst zu suchen, und lohnet es am Mittage. Er eilet an das Siechbelte des dürftigen Bruders, und sorget für die Genesung desselben. Er spüret die unterdrückte Unschuld aus, und rettet ste aus den Klauen ihrer Verfolger. Er befriediget harte Gläubiger, und bcfreyet seufzende Schuldner auS dem Thurme. Er trocknet die Thränen der Waisen und Witwen, die ihre Ernährer verloren. Er setzet arbeitsame leere Hände in Thätigkeit und Erwerb» Er hilft dem darbenden Künstler, besten Kunst «ach Brote geht, und spornt den Denker an, für Kenntniß und Wissenschaft zu wirken. Er nimmt sich der leidenden Tugend an, und vertheidiget sie gegen die Angriffe des Lasters. Er opfert der Eitelkeit und dem Luxus nicht. Er bezahlet nicht die Lüge, damit sie die Maske der Wahrheit anlege, und biedere Menschen täusche. Der Schmeichler schmeichelt ihm vergeben-, er belohnt seinen Thürhükher, daß er den Elender» entferne. Er plündert Welttheile nicht, um seinen Gaumen zu kitzeln, und Schmarotzer zu speisen. Der Taugenichts gehet ungehört von ihm, und die Faulheit bittet ihn vergebens um einen Zehrpfenrng. Er wirst '54 nicht Tausende hm, um einen Engländer zu reiten, und stolzirt nicht in rauschenden Gold- caroffen. Er kauft keine Schminke für Mal. treffen, und keinen Flitter für Koketten. Alles, was er nicht bedarf, ist ihm zu theuer, wenn rs auch nur einNahelbüchSchen auS Bnchsbaum wäre. Er gibt keinen Heller für Avisbrief und Wapen; er trägt den Adel im Herzen, «nd das Wapcn eines Biedermannes aufseiner Stirne. Er legt nicht Stiftungen an, um Täucke zu mästen, und bezahlt keine Mona- mente, um sein Andenken auf die Nachwelt zu bringen. Umsonst hat der hungerige Dichter ihn besungen. Schweißtropfen vergossen, und sein stinkendes 0ehl verbrannt; der begüterte Weise lächelt über seine Verse, und heißt den Thoren gehe», der nichts Besseres zu thun wußte,— als ihn zu lobe». Er läßt sich nicht von Dienern umringen, die vor Lang- weile-gähnen. Er hat gesunde Hände, die so viel selbst verrichten, als thunlich und ziemlich. Er wohnet nicht im goldenen Pallaste. und kein. vierschrötiger Herkules»°n Thürsteher schnarrt Kommende an, daß Fhr» Gnaden nicht Leute sehen. Mit einem Worte: der Weise brauchet seinen Reichthum nur dazu, um Menschenelend zu verringern, Menschenglück zu befördern. Könnte er das nicht thun, er würde eilen, sich des Reichthums, dieser in dem Falle zu lästigen Bürde zu entledigen; würde eilen, sich einen Gast bey Zeiten vom Halse zu schaffen, der der genauesten Aufsicht, der feinsten Klugheit bedarf, um nicht als ei« gefährlicher Feind aufzutreten, und für die Herberge mit dem schwärzesten Undank zu lohnen. Der Weise sorget dafür, daß sein Se. gen sich vermehre, und der Gebrauch, den er davon machte, auch auf seine Kinder übertra- gen werde. In dieser Hinsicht hat der Reichthum seinen entschiedenen Werth in den Augen des Weisen; von dieser Seite betrachtet, schätzet er ihn nach Gebühr, und denkt- Gebt mir des CrösuS Schätze all', MogolS Gold und Edelstein; Doch Weisheit auch auf jeden Fall, Und die Gabe soll mich freu'n. Gebt ihr mir Weisheit nicht dazu. Die Schätze nehmt euch wieder; Laßt mich mit eitlem Gold in Ruh', Laßt mich gut und bieder. De< Armen ist der Uebrrfluß! Hier bin ich dem Reichthum hold. Der Armuth froher Blick und Kuß Gibt Glanz erst euerm Gold. iA7 XX. Der Weise in Dürftigkeit und Armuth. ^nglücksfälle, die die menschliche Vernunft nicht vorher sehen, nicht abwenden kann, Fein» de und Verfolger können den Weisen in Dürftigkeit und Armuth bringen. Ein Verhältniß, dessen schweren Druck er allerdings empfindet, dem er jedoch nicht unterlieget; wobey sein Herz und Geist nieder geb-ugt, aber nicht zu Boden gedrückt werden. Je stä-ker solche Schläge des Schicksals auf seinen Rücken fallen, je unvermögender er wird, auch die wenigen Bedürfnisse, die er als Weiser h t, zu befriedigen, je mehr er sich mit jedem Lage versagen muß, desto thätiger, desto ar. Seltsamer ist er, desto strenger ist er in der Prüfung seiner Kräfte. Hat er jemahls auf sti» 1Z8 ne moralische Natur Rücksicht genommen, um so sorgsamer ist er in diesem Stücke in den Tagen der Noth. Seine Fassung, sein Gleichgewicht, seine Zufriedenheit zu behalten, und noch Möglichkeit zu verstärken; seine Tugend, seine Rechlschaffeuheit zu erhöhen und zu erweitern, ist nun sein fortwährendes Geschäft. Den Mangel, die Dürftigkeit, die Armuth halt er für Prüfungen seiner innern Vollkommenheit, wassnet sich mit Muth. und erwartet getrost das Unglück, das sich ihm nahet, wenn er anders nicht Kraft genug in sich findet, sol- ches zu entfernen. Er klaget nicht, er murret nicht; klagen und murren mögen die Schwachen, die nicht Festigkeit der Seele genug be- sitzen, um ein Ungewitter auszuhalten, da§ über ihrem Haupte stehet. Er weiß gar zu wohl, daß Klagen und Jammern, Murren und Verzweifeln kein Uebel geringer, wohl aber dasselbe viel drückender, viel empfindlicher machen; daß andere Menschen dadurch ganz ungerechter Weise beunruhiget, in ihrem Le- bensgenussc gestörct, und die Klagenden selbst weniger geschickt werden, sich zu helfen, und die Bürde, die sie drückt, sich zu erleichtern. iZ9 Er weiß gar^u wohl, daß dadurch die stets wachende allwcise Vorsicht gewisser Maßen be- leidiget wird, die aus weisem Raihschlusse es geschehen ließ, daß wir mit Kummer und Lei. den heimgesucht werden. Er weiß gar wohl, daß dadurch die Vernunft verläugnet, und die Weisheit hintan gesetzt wird, indem Vernunft und Weisheit von uns ausdrücklich verlangen, daß wir uns in jedem Kampfe nur zweckmäßiger, nur solcher Waffen bedienen sollen, die sie in ihrem Zeughause verwahren. Schwache, Weiber, Thoren und Kinder mögen im Unglücke zu Klagen, Thränen und Händeringen ihre Zuflucht nehmen; der Weise thut es nicht. Er bleibet auch im Sturme der große Mann, der zwischen Ver. stand und Thätigkeit mitten inne steht, und, wie eine feste Mauer die Volzea aufnimmt, die gegen ihn abgeschossen werden. Er arbeitet, und Arbeit bringet ihm Brot, Heiterkeit in feine Seele. Das Tugendgefühl seines Herzens ist ihm ein herrliches Gewürz für seine frugale Schüssel, die um so besser schmeckt und gedeihet, je mühsamer er sie erwarb, und je lebhafter das Bewußtseyn in ihm ist, daß r6o e, fich nicht hinweg geworfen, s-me Mnschen. würde nick. mit Füßen getreten habe. So waS- ist dem Weisen durchaus unmöglich. Er er. «iedriget sich n-cht, der Schmeichler eines Mächtigen zu werden. damit er s-a n> ihm empfange. Er verlieret sich nie l Dienste zu thun, die mit dem Gefuh e seine ionern Werthes streiten, sich zu brauchen zu lasten, die den Beyfall der nunft nickt für sich haben. Er wird. erleucht. von, Strahle der Weisheit, auch in der größ' wu Armath sich nicht MetüNe suck-n. d.e sein Herz verachtet; sich nicht vor nmm« dienern und Livreen beugen, reinen Tischn. »en und Lnstigmacker spielen; eben so w-n.g. als der höchste Grad des Mangels im Standist, ihn zur Niederträchtigkeit und Jmmoral,. lät zubewege». Seine Rechtschaffenhe't gleicht dem Felsen mitten im Meere. an den zwar die Wogen schrecklich schlagen, aber wieder -d°- S.ückchm .«lösen. Doch denke man nicht, daß der Wer se di- Hälfte gut«, edle, Menschen von si» scheuche- Dieß wäre stolz« Eigensinn, straft harer Hochmuth- Er entdecket sich dem b.edew r r6» Freunde, und siehet seinen Beystand als eine Schuld an, die er zu tilgen eilt, so bald ers vermag.— So verhält sich der Weise in der Noth- Er duldet wie Hiob, und arbeitet wie Herkules. Die Dürftigkeit wird gewahr diese männliche Stärke, und entfernet sich in kurzem. Der Weise stehet als Sieger da, gleich der hundertjährigen Eiche, die dem Nordwinde trotzt, und nach dem Toben aller Elemente ia den Tagen deS Frühlings wieder im frischen Grün erscheint, und jedem zuruft: Seht, ich habe überwunden, Den Feind best/t mit Ehren, Nicht mehr bluten meine Wunden, Er komm', ich will mich wehre»! Der Weise bey dem Tode naher und geliebter Personen. sich gekehrt und tief gebeugt siehet dort ClitUs unter der melancholischen Cypreffe nur zur Erde gehaftetem Blicke und in cinan- der geschlungenen Armen. Das Bild der Geliebten beschäftiget seine Seele, die ihm alles war, in der er nur allein lebte, aus der ihm nur allein Seligkeit quoll. Den kleinsten ihrer Züge Hebel der Zauber seiner Einbildungskraft aus dem Dunkel heraus, und stellet ihn im blendenden Lichte dar als vollständiges Gemählde. Jede Scene wechselseitigen Liebeser- gusies, jedes Her- und Hinüberströmen sympathetischer Empfindungen, jeden Ausbruch des reinsten, edelsten Wohlwollens siehet er erneuert vor sich im entzückenden Colom. Jetzt schmilzt er an dem wallenden Busen der Einzigen. Jetzt zittert ein Kuß der Liebe von ihr an seinen heissen Lippen. I tzt sauat er die Thräne der Zärtlichkeit von ihrer Rosenwange in sich, die ihr ein überschwängliches Getühl herzlicher Lie- beswonne entpreßie. Aber auch jetz? mischet sich in diese süßen Bilder der Phantasie der schauerliche Gedanke, AlNülie, sie, dieser unerschdpf. liche Freuder.quell, diese Zierde weiblicher Schöpfung, der Tugend Busenfrcundinn, heiliger, keuscher Liebe Freundinn— ist nicht mehr! O, wie zerreißt dieser Gedanke die weiche Seele des liebenden KlitUs! Die Natur verödet um ihn her; eine fürchterliche Leere ist ea' los um ihn ergossen;— AtNakie ist nicht in der Schöpfung. Sein Herz schlägt nicht; das Blut in seinen Adern scheint zu stocken, jede Empfindung zu ersterben. Dort am feyerlich stillen Kirchhofe wandelt OrM0Nd unter den Gräbern. Sein mchktcs Auge irret furchtsam auf den Hügeln der V^r. wesung. Ein banger Seufzer entfährt^ deS Wandlers Brust, und der tiefe Purpur seines männlichen Gesichts verlieret sich in d-e Blässe des TodeS, indem seine zitternde Rechte auf L« i64 das noch mit schwarzer feuchter Erde bedeckte Grab hinweiset. und die bebende Link eine bittere Zähre vom nassen Auge wischt. Starr und fest stehet Ormond am Hügel. Eine« schweren Kampf kämpfet seine Seele.„Da l.egl sie,- sP-ichk er zu sich selbst im unwill- karlichen Ausbruche der Empfindung, da liegt sie, das theure, edle Weib, die Schi- Pferinn meines Glücks, der Mütter schönstes Muster, der Gattinn Vorbild, hinweg gerefft aus dem Ziektt sie liebender Seelen, hingegeben der Vermoderung, die. in der des Lebens Fülle z» prangen und dem Tode Hohn zu sprechen schien.— Weib. warum wardst mir auf eine Hand voll Tage? Ewigkeiten wäien zu wenig, so beseligend war der Genuß deines Umgangs! Treue, innige Liebe schwellte bei- ueu Busender Tugend Hochgefühl durchglühte dein Herz, Pflichterkeantuiß füllte deine Seele. Sanftmuth lächelte aus deinem Auge, Bescheidenheit wohnte in jedem deiner Blicke; Duldung verrieth jegliche deiner Mienen, und nun, ha! wie schaudert es mich bey dem Ge- danken! nun durchwühlen Würmer diese schöne Hülle deiner EngelSseele. Dein Ohr höret nicht mehr dir Stimme deines Gatten; dein Auge siehet nicht mehr dem unschuldigen Spiele deines Kindes zu; nicht mehr fließet Lehre von deinen L-pven; kein Kuß von dir erquicket mehr die Deinen. Und ich lebe? ich athme noch?— Kein S-chlaf fallt auf mein Augenlied; inne. rer Kram naget an meiner Seele; Gefühle des heftigsten Scelenschmerzes treiben mich umher. Unruhig strecke ich meine Arme nach dir aus; und— vergebens. Vergebens suche ich Trost in der weiten Natur. Für mich verfinstert sich der helle Strahl der Sonn,; für mich ver. schleyert sich der Mond und das Sternenheer erlischt für mich am Gewölbe des Himmels. Für mich blühet keine Blume mehr; die Schö- pfunq ekelt mich an; ich fliehe die Menschen. Gehüllt in Traurigkeit und W-hmuth irre ich »erlassen umher, kämpfend mit Gestalten deS Grabes, und jammernd im schauerlichen Kampfe." Du. Mädchen! dort in düsterer Fellengrot- te mit zerstreutem Haar und roth gemeintem Auge, warum wehklagest du? Warum stöhnet der Jüngling an deiner Seite?..Wir verloren «uferen Vater, Lehrer, Ernährer, unseren l66 Freund; sind hingeworfen in die Welt, ohne Führer, ohne Rathqeber. Er, der uns liebte und schätzte, verl'cß die Seinen auf ewig. Der Tod raubte ihn unS, und mit ihm alles— alles." Vielleicht ist auch er der Quell deiner Lei. den, Mann, der du im dumpfen Sinne einher schreitest, dem Genusse deS Lebens alliräh- llg abstirbt?—„Wohl sterbe ich ab dem Gc. misse des Lehens; denn es hat der Reitze kei- nen mehr für mich. Ich hatte einen Freund.— voch l-bte keiner hier nieder,, der ihm gliche,— und dieser Freund starb an meinem Busen. Weisheit und Tugend, Edelmuth und Liebe weuiea um ihn,— und er— war mein Freund!— Ich hatte Kinder, Tochter und Sohn, jene gleich der Lilie und gut und sanft; dieser wacker und bieder, voll Edelsinn und nützlicher Kenntniß, beyde mir Ersatz eines angebeteten WsibeS, beyde die Hoffnung mei. ner künftigen Tage, und nun beyde, o, mein armes Her;!— Nun beyde Staub und E.de!" Diese Schilderungen menschlicher Betrüb, niß, die ihren Grund in dem Verluste naher 167. und geliebter Personen haben, zeigen deutlich, wie geschäftig insgemein Empfindung und Ein. bildungskraft in solchen Angelegenheiten zu seyn pflegen. Nothwendig muß dann der Mensch auch den Schmerz über den Todesfall eines Freundes, einer Geliebten, eines hoffnungs. vollen Kindes, eines rechtschaffenen Verwandten, cin^Wohlthäters, doppelt stark fühlen; den er erträglich finden würde, wenn hier genannte Seclenkrasle weniger; die kalte Vernunft hingegen wirksamer wäre. In ihr liegt in der That bey jedem Unglücke, besonders wenn uns der ToS unsere Lieblinge raubt, des.Tro? stes viel, und die Weisheit befiehlt, ihn her- vorzurufen, diesen Trost.— Wir wollen sehen, welche Ausbeute uns die Vernunft liefert. Wenn wir das, was an der Vorstellung deS Todes sinnlich ist, abstreifen; so heiffet Sterben nichts anders, als die-große, noth. wendige Veränderung erleiden, durch welche jedes empfindende Wesen zu einer gewissen, bestimmten Zeit, in eine neue Reihe von Dingen, in eine neue Welt, und wie wir es vom Menschen mit Gewißheit wissen, in eine besse- »6§ »e Welt versetzt wird. Don dieser Seite betrachtet, soll uns das Absterben geliebter Personen vielmehr eine Art Freude, als Schmerz verursachen; denn ihr Tod versichert uns, daß sie ihrem Schöpfer näher gerückt find, daß sie Hingerufen wurden nach dem Orte ihrer Bestimmung, daß sie nun eine Welt bewohnen, wo nicht Leidenschaften ihren Geist verfinstern, wo ihnen die Wahrheit leuchtet, und kein Hinderniß ihrer Erkenntniß gesetzt wird. Daß sie von uns gerissen, unserem Umgänge entzogen werden, daß wir uns nicht mehr in ihrer Mitte erfreuen, nicht mehr ihren Rath, ihre Unterstützung, ihre Liebe genießen; dieß soll und darf uns nicht betrüben; denn wir wußten ja, daß dieses Glück nicht für die Ewigkeit gemacht war; wir sahen ja vorher, daß ei«, Augenblick kommen wird, der alle dem, nach dem weisen Plane des Schöpfers, mit einem Mahle ein Ende machen muß. Wie rechtfertigen wir alle unser Jammern und Wehklagen? und Jammern und wehklagen wir nicht vielmehr unsertwegen, als wegen der Verblichenen? Der Tod übersetzte sie in die Wohnungen der Seligkeit; sie find hingegangen in den Schooß des Friedens, hin. r6y wo der große Lohn bereitet ist dem Rechtschaffenen. Nein! Hier findet Traurigkeit nicht Statt, oder wir legen dadurch offenbar»ufern Eigen- nutz an den Tag; wir sagen der Welt deutlich, daß wir undankbar find, daß wir lieber wollten, unsere Geliebten, die uns so viel Gutes erwiesen, denen wir hinwieder alles Gute gönnen, und wenn fie es erlangen, und darüber freuen sollten, wandelten noch unter uns, damit wir Nutzen von ihnen zögen, da sie doch jetzt im Besitze des größten Gutes sind. „Aber wir verlieren doch unendlich viel an ihnen. Das Herz des zärtlichen Mädchens blutet, dem ihr Jüngling entrissen wird, in dessen Umarmung sie sich glücklich pries. Der Jüngling siehet der Leiden kein Ende, den die Freundinn seiner Seele auf ewig verläßt. Das Glück der Ehe wird Unding, wenn der geliebte Theil in die kalten Arme des Todes sinkt. Aeltera härmen sich ab beydem Verluste gutartiger Kinder, und diese wieder bey dem Hinscheiden ihrer theuernErzeuger. Welch' ein Schmerz! wenn Freunde und Wohlthäter uns erstarren." Allerdings! Es ist hart und bitter, die zu verlieren, die wir lieben, die Gutls an uns thaten; aber dessen ungeachtet ist es ungerecht gegen uns selbst, ungerecht gegen Gott. ungerecht gegen, andere noch Lebende, uns deßhalb -er Wehmuch ganz zu überlassen, und in das Gewand des Trübsinns uns zu Hüllen; ungerecht gegen UNs: weil uns der größte Grad von Traurigkeit in keinem Falle was frommet, ja vielmehr offenbar' schadet; indem er uns an derVervollkommuung unsers Daseyn» hindert, in der Erfüllung unserer Pflichten zurück setzt, und unS Stunden verbittert, die wir im Vergnügen, nach des Schöpfers Befehl, durchleben sollen. Wir sind als Klagende ungerecht gegen Andere; denn wir stören das Frohsepn derselben, wir mischen Wermuth in den Becher ihrer Freuden; wir werden zu den Geschäften unbrauchbar, die sie von uns zu fordern berechtiget find. Wir sind Ungerecht gegen Estt- denn wir äußern Unzufriedenheit mit seinen Anordnungen; wir unterwerfen uns nicht mit Geduld seinem Willen, in- dem wir uns darüber beklage«, daß seine Liebe unsere Bruder und Schwestern, seine Geschö. pfe zu sich rief, um sich unmittelbar zu ergie- ßen über sie, um sie theilhaft zu machen des Erb.s, das ihnen bereitet ist von Ewigkeit. Zudem! Was nützet unsere Betrübniß den Ver- florbenen? Ohne allen Nutzen ist sie für den, der die Schuld der Natur bezahlte, und mit Schaden drohet sie den Lebenden. Der Weise wird sich also in Fällen dieser Art zu mäßigen wissen; er wird zevar dem An, denken seines Freundes eine Thräne weihen, aber in eben dem Augenblicke sich wieder ermannen und damit trösten, daß das, was geschah, nothwendig geschehen mußte, daß es auch ihm selbst einst wiedeefahren werde, daß der Abgeschiedene den Weg schon gegangen, der ihm noch zu gehen»chrig jst; daß sein Geliebter aus dem Lande der Prüfung in sein wahres Vaterland hinüber schlummerte; daß er sich nun besser befinde in einer Welt, wo kein Irrthum die Wahrheit verdunkelt, kein Dorurtheil möglich ist; wo kein physischer Schmerz wohnet, kein Seelenleiden hin darf; wo Cabale und Chicane fremd sind, kein Laster wüthet, keine Thorheit.weilt, keine Leidenschaft tobt; wo nichts als echte Tugend glänzt, Treue und Liebe, Friede und Eintracht harmonisch wan-> dein; wo kein Unterdrücker athmet, und kein >72 Geschöpf im Kummer verschmachtet. Der Weise wird sich hülhen. dos, was er an sei- ncm Freunde verlor, mit der Farbe der Sinn. lichke.t zu erhöhen; er wird nie vergessen, daß es ein hinfällig Gut war, und also noch im- wer erseht, auf mannigfaltige Weise ersetzt werden könne. Er wird deu Gegenstand, der nicht wehr für ihn da ist, aus dem Reiche sei. ner Ideen auszu chließeu suchen, wird ihn ver. dunkeln, Begriffe von Realität über ihn wäl. zcn, und so das Bild des besessenen Gutes in seiner Seele schwächen, damit aufgelöset werde das Band, das ihn mit den übrigen knüpfte; damit er nicht rege werde und erscheine, wenn nur etwas gedacht wird. Er wird dieses Bild, diese alte Idee, die nun keine Wirklichkeit mehr zum Grunde hat, als einen unnützen Hausrath seiner Seele ausstoßen, un^der Imagination unverweilt einen andern neuen Begriffd für zur Spiclpnppe gcb n; wird mit den Todten nicht sympathstren wollen; weile? überzeugt ist, daß er sich nur täuschen würde; wird sich ihrer mit kaltem Blute ermncrn und freuen, daß er Freunde zähle, die schon überwanden haben, die Feinde des.Erdelebens alle, >7Z und sie glücklich preisen dafür; wird s?e als Verklärte de cken, deren Weisheit voll ndet ist; wird Trost auS dem Gedanken schöpfen: Sie waren reif für jene Welten, Wo Körper nicht, wo Geister wohnen; Wo Lüge, Trug, nicht Boßheit gelten. Wo Einkracht, Fried und Tugend wohnen r Wo die Wahrheit nichts verdunkelt Nicht Kummer an der Seele nagt; Wo Brüderlich' aus jedem Auge funkelt» Sich Arglist nicht zu regen wagt. Dort wohnen sie, die meine Seele liebte, Deren Bild in diesem Herzen liegt. Nein! wenn mich ihr Tod betrübte. War' ich ihr Feind, ihr Bruder nicht! Doch dieses Bild sey nun verhüllt. Aus der Ideen Reih' gehoben, Es sey geirennt, an was sichs hielt. Ganz isolirt, hinweg geschoben! Es ist ein Nichts, ein leerer Schatten, Des Licht nicht mehr hier nieden glänzt. Begriffe müssen sich mit Wahrheit galten, Wo an Vernunft die Weisheit grenzt. Sie sind dahin, die Gutes an mir übte», Aus deren Blick mir Freude quvll, 174 Für mich sorgten, mich zärtlich liebten, Nie empfanden Haß, noch Groll. Dank ihr Guten! ich jammre nicht; ES wäre Eigennutz, nicht Liebe; Zu wirken ist jetzt meine Pflicht, Pflicht zu folgen neuem Triebe; Denn noch bin ich an Staub gebunden; Noch brauch' ich Lust und Freude hier: Hab' ich einmahl überwunden, Dann Heil, wie euch, ihr Edlen, mir! XXII. Der Weise sorget für Gesundheit und langes Leben. ist eine unlaugbare Wahrheit, daß es in des Menschen Macht liege, sich gesund zu erhalten und sein Leben zu verlängern, oder sich Krankheiten zuzuziehen, und seinen Tod zu be- schleunigen. Der Weise- der den Werth des Lebens, den großen Werth der Gesundheit zu schätzen weist, mit den mannigfaltigen und zahlreichen Vergnügungen bekannt ist, die daher ihren Ursprung nehmen; der die Wahrheit fühlt, daß unser Erdewailen eine Vorbereitung für die Zukunft, und derjenige Zeitraum sey, in dem sich der Mensch Verdienste für die Ewigkeit sammeln, sich für eine neue für ihn bestimmte Welt gleichsam erziehen, bilden soll, wird sich ,76 ein augelegentlick-sGeschLft daraus machen, sich, so viel er nur immer vermag, kn dem vollkommensten Zustande der Gesundheit, in l-n-m unschätzbaren Zustande zu erhalten, wo der Mensch seine natürlichen, thiMsch-n undgcist'gen Verrichtungen mit Beständigkeit, Behaglichkeit und Leichtigkeit ausübet, und dadurch d.e Zahl seiner Tage zu vermehren such n- Er hak sich zu dem Ende mit allen den Mitteln schon längst versehen, deren Anwendung diese wichtige Ab- kchl zur WirkUchkeit bringet. Er hat sich von der Maschine seines Körpers und deren Ein- die Ding-kennen gelernt, die ihren Wohlstand entweder erhalten und erhöhen, oder verrin- gern und zerstören- Er kennet die Beschaffen- heil seiner Seele und den Einfluß ihrer Kräfte auf die Gesundheit des L-ibeS, und ist»nun- rerbrocheu beschäftigt, alle diese Kenntnisse>n Ausübung zu bringen. Sein erster Grundsatz, von dem er ausgehet, und auf den er wieder in allen Fällen zurück kömmt, ist: Bleibe der Naturgetreu; folge nur ihrem Rufe; gehe die Wege, H-- sie dir zeigt; und gehorche chren Befeh !?7 len unbedingt; denn die Natur ist das Organ, durch welches der große Erhalter des Lebens zu den Geschöpfen spricht; daher auch nichts als Wahrheit von ihr kommen kann. Diesem Gruadsaye zu Folge, tragen alle Handlungen dcS Weisen das Gepräge der Einfachheit, und den Slämpel der Vernunft. Was er genießet, genießet er mit Mäßigkeit, immer so, daß ihm auch noch nach dem Genusse darnach gelüstet, der Ge-.uß bestehe nun in Nahrung, in sinnlicher Freude oder in geistiger Wonne. Er überfüllet, er übersättiget sich nie; denn er weiß, daß Uebersülluag und Übersättigung Ekel uud Ü berdruß zu unausbleiblichen Folgen haben, Körper» und Geisteskräfte im Menschen abstumpfen. Die Beobachtung hak ihn gelehrt, daß freygebige Mahlzeiten, wiederhvhlt gefüllte Pokale und Bacchanalien die Seele eben so dickleibig machen, als sie die Peripherie des Unterleibes ausdehnen, und die so genannten ehrwürdigen Bäuche ins respectable Daseyn versetzen; daß der Verstand da nicht wohne, und dort da- Denken nicht zu Haus« sey, wo eine volle Speise- M 178 kammer und ein gut versorgter Keller angelegt werden. Er hat es mehr als ein Mahl gesehen, wie bedauernswürdig der Zustand derjenigen sey, die bey einem bis zürn Zerplatzen vollgepfropften Magen irgendeine Kraft ihrer Seele anstrengen sollen; er sah es, wie sie schnaubten, sich schwerfällig hin und her ängstlich bewegten; mühsam nach Luft schnappten, große Tropfen Schweißes vergossen, und doch nicht im Stande waren,- auch nur den geringsten vernunftahnlichcn Gedanken aus der niedergedrückten und von zehncrley Ausdünstungen über- räucherten, gleichsam incrustirten Seele zu hohlen. Ersatzes, wie armselig sie da saßen, und über nahmenlose Beschwerden klagten, die Fresser und Schlämmcr: wie funkelnd ihr Auge, wie aufgetrieben und roth ihr Gesichte, wie geengl ihre Brust, wie schwer und unangenehm ihr Athem war. Er sah eS, wie frühzeitig diese Dacchussöhne ältcrten, wie schnell ihre Kräfte sich aufzehrten, und Krankheitssame in ihre Säfte drang, wie vorschnell sie aufs Siechen- bctte, aufs Krankenlager hingeworfen, und, unfähig der Arzeney Wirkung aufzunehmen, das Opfer eines elenden Todes wurden, nachdem '79 sie ein kurzes noch elenderes Leben im Zusich. nehmen- schlecht Verdauen und Wiedervonsich- geben durchgcschlampampt hatten. Er sah den Lüstling sein Daseyn durch erkünstelte Nahrung verkürzen, und Gift aus aromatischen Schüsseln langen, durch feurige Getränke sein Blut in Sud bring n, und die Seele überschwemmen. Er seh den Sinnenkitzlrr verwelken im Frühlinge seines Lebens, und die unmäßige Fr.ude sich selbst aufreiben» Alle diese Beobachtungen machen den Welsen aufmerksam, und bestätigen ihm noch mehr die Lehren und Warnungen der Vernunft. Als Verehrer dieser ihrer Gesetze, ißt er nur nach dem Bedürfnisse des Hungers, und trinket nach Bedarf des Durstes. Er ißt nur einfache, in der Zone, in weicherer lebt, erzeugte, durch die unselige Kunst des Kochs nicht verdorbene Gerichte; beobachtet im Trinken daS gehörige Verhältniß des Festen zum Flüss'geu, und enthält sich sorgfältig jedes Getränkes, daS seine Säfte in Waüung seyen könnte; so wie er überhaupt alles Gewürze nur in äußerst geringer Menge, und manches darunter gar rrichk genießet, weil er im Buche der Natur M-r ,86 gelegn, daß ein zu häufiges Phlogiston der Maschine des Körpers miigetdeilt, solche-er» rütte, und der Zerstörung vor der Zeit überliefere. Er hat im Buche der Natur gelesen, daß der Schlaf Balsam d.s Lebens, und der Thau -er Gesundheit sey, daß er erquicke und erhalte, wenn seine Dauer der siärkern oder gr. ringern Ac strengung der physischen und mora- lischen Kräfte angemessen ist; daß er aber zum Zerstörer dieser Kräfte weide, daß er die Säfte verdicke und zur Fäulniß geneigt mache, die Se. le verfinstere, und den Verstand verschlinge, wenn er entweder in zu großem oder in zu geringem Maße genossen wird. Der Weise ruhet in den Armen des SchlaleS nur so lange, biS er fühlt, daß ihm wieder neue Kräfte zugewachsen, und sein Geist im Stande sey. wie- der, wenn ich so sagen soll, mit Elasticität zu wirken. Er bestimmet die Nacht zu dieser Ver- richiung, und hulhet sich, am Tage sie zu vcll- ziehen; denn die Natur zeiget eS ihm an dem Thiere und an der Pflanze, daß die stille Nacht zur Ruhe, der Tag hingegen zur Arbeit bestimmt sey. >8r Der Weise hat in dem Buche der Natur gelesen, daß in der Schöpfung kein Wesen todt lag., daß alles lebe, alles sich b-weg-, daß Trägh it der Charakter der Abnahme, der hinsinkenden Kraft sey. Er ist also auch immer in Wirksamkeit; selbst seine Ruhe ist Wirksamkeit. Er wechselr mit seinen Kräften ab. Indeß der erschlapptr Muskel neue Schnellkraft sammelt, wirket ein anderer. Wählend daß hier ein Nervcnpaar nicht lebet und schwingt, leben und schwingen and re. Doch übertreibet er auch nie seine Thätigkeit, überschreitet nie die Grenze, die ihr gesetzt ist. Er arbeitet, um sich zu stärken, nicht— um sich zu schwächen- Der Weise hat in dem Buche der Natur gelesen, daß Abhärtung des Körpers den Gefahren des Lebens trotze, so wie dasselbe die Weichlichkeit untergräbt. Aus diesem Grunde sehet ihr ihn im Regen so wohl, als im Sonnenschein. im Sturme wie beym friedlichen Himmel. in Frost und in Hitze in einerley Kleidung gehüllt, allen diesen Abwechslungen sich auSse- tzen; sehet ihn das Land bearbeiten, im Gar- ten pflanzen, und nützliche Wahrheiten am -82 Pulte nieder schreiben; sehet ihn Berge ersteigen, ander Morgenröthe sich laben, im Purpur des Abcndrolhs sich erfreuen, und bey Mon. desschein und Stern nflimmer umher wandeln. Der Weise hat in d^m Bücke der Natur gelesen, daß Reinlichkeik des Körpers die Schutz- wehre der Gesundheit sey, und er folget dieser Lehre. Er badet sich im fließenden Wasser, und duldet nicht, daß Ausdünstung sich in den Po>- ren feines Leibes häufe und stocke. Er ist nett, leicht und bequem gekleidet; denn in eben diesem Buche fand er, daß es Thorheit sey, i» dicken Röcken zu stecken, die den Körper er- matten und seine Kräfte erschlappen. Seine Wohnung ist hell, trocken, geräumig, den Wechsel der Luft ausgesetzt, zu jeder Jahrszeit mehr kalt als warm- Der Essig ist seine Pa- nacee,und Valeriaoa uod Verbenna seine Arzeney, wenn er ja einer bedarf. Mäßigkeit, Rein- lichkeit, Bewegung, froher Muth, gutes Gewissen, im erforderlichen Falle Hunger p sind dir Ingredienzen seiner Lebeos-Tinctur, und sie wirket Wunder. Der Weise hat in dem Buche-er Natur gelesen, daß Leidenschaften die geschwornen >8Z Feinde des Menschengeschlechts sind, und als Helfershelfer dem Tode dienen. Er ist daher immer gegen diese Feinde gerüstet, immer gegen die Sinnlichkeit gewaffnck. Kalke Ueber, legung setzet er dem Zorne entgegen; mit Ar« beitsamkeit entkräftet er die Wollust. In dem Harnische der Hoffnung greift er die Traurigkeit an, und mit männlicher Stärke siehet er der Furcht ins Auge. Die FclffUNg seiner selbst verbannet dea Schreck, und ei» ue richtige Erkenntniß der Dinge gibt der exorbitanten Freude keine Herberge in seinem Herzen. Menschenliebe jaget Haß und Groll zurück, und kein Schmerz ist im Stande sei» neu Muth zu besiegen; der Weise hat dlll-- öM gelcrnet. In seinem Gemüthe wohnen Stille und Friedfertigkeit, Liebe in feinem Herzen, Fröhlichkeit lacht auf seiner Stirne, und auf Blumen wieget sich seine Seele, die von Zephiren bewegt werden. Sein Geist nähret sich mit Wahrheit, und die Weisheit strahlet über seinem Haupte. Er trinket Gesundheit mit starken Zügen, und der Tod grämet sich, daß er ihn nicht vor der Zeit anlasten darf; daß er, verachte! von ihm, von dem Wege weichen '84 wuß, auf dem des Weisen Fuß wandelt; daß er; wenn ja die Stunde schlägt, wie eiu Freund kommen muß, der das Verdienst nach dem Orte der Belohnung befördert. Des Weisen Leben ist Musik, Ist Harmonie der Sphären. Des Kenners Ohren nennt es ein Gluck, Dieß schön' Concert zu hören. Sein Leben gleicht dem stillen Meer, Bey Titans Untergehen, Bey Lunens Blick, beym Sternenheer, Bey Westwinds mildem Wehen. Sein Gesäß führt den reinsten Saft, Froh und ruhig ist sein Sinn. Schön ist sein Tag, sanft seine Nacht, Gesundheit küsset ihn; Und des Lebens Schutzaeist mehret Die Summe seiner Tage, Srreu't Silber auf sein Haupt, und wehret Bom Greise jede Plage. !8Z XXLII. Der Weise fürchtet und wünschet den Tod nicht. Oreund! waS soll dieser düstere, melancholi- fche Zug in deinem Gesichte? Hak die Natur nichts Gefallendes mehr für dich? Ist dein Daseyn so freudenleer?— Auf, Mann! und sammle deine sinkenden Kräfte! Genieße die Schöpfung, die dich und jedes andere empfindende Wesen zum Genusse ladet! Sey nicht Feind deiner selbst! Laß nicht den Becher des Vergnügens, den dir des Schöpfers väterliche Hand reicht,«»verkostet bey dir vorüber tragen! Der Tag, der dich zum Froh- seyn ruft, kömmt nicht mehr wieder. Die Stunde, die du in Trübsinn versenkt durch- jammerst, ist ein Raub an dir selbst, den keine Ewigkeit ersetzen kann. Und war i86 ist ,s denn, das dich so tief beugen kann? das das Feuer deines Auges erstickt, die Rö- the deiner Wangen bleicht, in das Gewand der Schwernmlh dich hüllt, und bange Seufzer deiner Brust entlockt? Das Glück ist ja dein Gefährte. DaS Füllhorn des U-berfiusses ist für dich geöffnet. Du ruhest an dem Bu. se» einer zärtlichen, liebenswürdigen Gattinn, schlürfest mit starken Zügen die Seligkeit der Liebe. Gute Kinder hängen sich an dich, und rufen dir den süßen Nahmen Vater z»- Freunde wetteifern, dir Beweise ihrer Anhänglichkeit zu geben- Die Welt ehret in dir deu Bi-dermsnn, und das Ansehen folget deinem Tritte, indem der Ruf glorreich deine Ankunft verkündet. Die Gesundheit umarmet dich, und dein Gewissen ermüdet nicht, dein Lobrcdner zu seyn. Mensch, warum trauerst du? Ich rathe auf die Ursache, und irre nicht. Der Gedanke an den Lod ist eS, der Wehmuth in den Freudenkeich träufelt, der für dich g-füllet ward. Du siehst stt dahin schmm- den, die Seligkeiten alle, wie die Gestalten des Schattenspiels, die weder eine Spur ih- ses kurzen Daseyns zurück lassen. Das Wno 18? deines Herzens, die treue TSeilnehmerinu deiner Schicksale, der Brennpunkt deiner Empfindungen, die zärtliche Begleiterinn auf bei. neu Wegen, der schönen Formen Meisterstück, diese erblickst du gerissen von deiner Seite, entzogen deiner feurigen Umarmung, starr hingestreckt von der Hand des Todes, beraubt des Lilienweiß, d rs ihre Haut erhob, beraubt der Rosen, die ihren Mund umkränzten, ohne Liebreitz, sprachlos, ohne Bewegung, kalt und frostig. Dort stellen sich dir deiner Seele Lieblinge, deine Kinder dar in Moder und Verwesung. Kühle Erde decket ihr Gebein, nnd über das Gras des Grabhügels wehen traurige Winde dahin. Deine Freunde, deren Anblick dir Lust und Wonne war, suchest du vergebens in der Reihe der Lebenden. Sie find nicht mehr für dich, die Lieben. Nicht mehr kannst du eilen, deinen Kummer in ihren treuen Busen zu schütten, nicht mehr den Kuß -er Freundschaft auf ihre Lippen drucken, nicht wehr in Gesellschaft mit ihnen die Lebensfteu- den theilen. Ihre Tugend, die du lieblest, ihre Weisheit, die du bewundertest, ihre Liebe, in der du Seligkeit fandst, ihre ganze Größe per- 188 schwand mit ihnen. Kaum eine Hand voll Staub ist dir von ihnen noch ühriq; Staub, den das schwächste Lüftchen zerstreuet.— Ja dem glänzend Gold, in deine fetten Trisfrm, lachenden Garten, fruchtbaren Felder sieh. st du im prophetischen Traume zänkische Erben sich theilen.— Verkörpert stehet der Augenblick vor dir, in dem es abläuft das Stundenglas deines Seyns, in dem es schüttelt des Todes eisigte Knochenhaut», und den Faden deines Lebens unbarmherzige Parzen zerschneiden; den Augenblick, wo du auf ewig abgerufen wirst aus deinen anmuthigen Gefilden; wo dein Herz sich jeder theilnehmenden Empfindung verschließt, dein Ohr stumpf wird für der Töne Harmonie, dein Auge der Natur Schätze nicht mehr schaut, deine Zunge erstommt, dein Ge- fühl erstirbt, und jede Kraft in dir dahin siukt ins unbegreifliche Nichts.- Dieser Gedanke, Freund, bey dem dich kalter Schauer packt, ist es; sie, die öde Vorstellung des TodeS, die so oft Galle in den Honigseim des Vergnügens hier nieden mischt, ist eS. die dich angreift wie Ficbstfrost, und deinen Geist mit Uumuch nährt. r8-> Aber beliebet sie auch, diese Vorstellung, vor der unbefangenen D rnunft? Haben nicht Sinnlichkeit und falche Begriffe von dem Werthe der Dinge großen, großen Antheil daran? O, Freund! mir ahndet, sie halte eine philo- sopnische Prüfung nicht aus, diese fürchte'liche Idee des Todes. Mir ahndet, daß das Auge der Weisheit aus einem ganz anderen Gesichtspunkte das knöcherne Gespenst mit der Hippe betrachten wird. Lasset unS den Weisen hören l Tod! Was, soll ich dich nennen? Dich, der du allenthalben und nirgend bist? Allenthalben;— denn was höret nicht auf zu seyn das, waS eS scheint unter den Sternen! Nirgend; was vergehet unter deo Sternen! Wo ist Vernichtung in der Natur? Nein, Feind des Daseyns bist du nicht; uur des Daseyenden Form änderst du, bist Vehik.l zum neuen Leben.— Also Leben jenseits des Grabes? Geburt zum veränderten Seyn am Rande des Grabes?— Nicht anders! Seyn ist Vollkommenheit, Gott die Urquelle des Seyns r Tod! wo ist dein Stachel? ich fürchte dich Nicht. Mein Ich, gleich ewig, unvergänglich I»c> wie der Unendlich-, ist dein- Beute nicht; nutzte Hülle, die es einschloß für der Tsge wenige, ist dein Erbe.- Sterben! Äas heißl also das Wort» Mich Überkleider,, um stattlicher zu erscheinet, am Orte der Herrlich. k.il: und ich soll zittern bey diesem Gedanken» Dieß wäre Thorheit'. Der zum bessern Seyn gerufen wird, der abgewartet hat den Ruf, wie kann der erbeben, wenn er ertönt ja seinem Ohre, dieser Ruf, sich die Pf°r-e feinem Auge öffn-t. die zum reinern Genusse, zum Heller» Lichte fuhrt?— Z" dusem Zeit- yuncte willkommen, tranker, kalter schaudern- tzer Freund!— willkommen! Wir machen gemeine Sache; Hand in Hand betreten wir den neuen Pfad, gnnzcnd du,— lächelnd ich Aber dein Besuch, sagt man, ist nicht der Besuch des Freundes. Du schläuderst uns aus den Armen-er Liebe, reistest uns aus der Mitte unserer Kinder, stiehlst uns aus dem Besitze mit MÜH- errungener Schätze. Knochenmann! wie soll ich dich da rechlfeni. gen? Wie da die unfreundliche Maske von dir ziehen»— Wahr ists, dem Scheine nach handelst du ha«, gefühllos, grausam au uns; IY1 aber auch nur dem Scheine nach. Du nimmst uns aus dem Besitze eines Gutes, um uns iu den Besitz eines unendlich bessern zu versetzen.— Du raubst mir das liebende Weib, und ich trauere; sie aber freuet sich, näher ihrem Schöpfer zugeführt worden zu seyn.— Du würgest mein Kind, meine Hoffnung, mein Alles, aber bringst du es nicht in Gefilde, wo kein Leiden seiner harret? Du nahest dich dem Reichen, und winkest ihm, seinen Götzen, sein blankes Gold zu verlassen; dem Ehrgeitzigen, um ihn von der Höhe zu stoßen, die er so mühsam erkletterte,— wie da, unsanfter Gast?— Wohl, du thust es, aber was laßt Ersterer an seinem Golde zurück? Was verlieret Letzterer durch dich? Jsts nicht Tand uvd Gaukelspiel? Und ists Wahrheit nicht, was du ihm dafür gibst, dort jenseits der Nacht des Grabes? Knochenmann, du hast eine gute Sache! Wir find Freunde, mir bist du willkommen, wann meine Stunde schlagt, mir, der ich die Dinge der Unterwelt für das nehme, was sie find, der ich «icht gef-ffelt bin am endlichen Gute, der ich Schätze von ungleich höherem Werthe kenne,— ry2 Tugend und Erkenntniß; Schätze, von de, ven mir bekannt ist, daß ich sie nichl hier »jeden. daß ich sie nur in jener bessern Welt in ihrem eigentlichen Glänze sehen, und mich ihres wahren, vollen Genusses erfreuen kann. Aber, wie gesagt, bloß dann heisst ich dich willkommen, klapperndes Gerippe, wann meine Stunde schlägt; wann ich sie erfüllt habe, die Pflichten alle meines Erdewallens; wann die Kräfte meiner irdischen Natur sich erschöpft haben, und die Zeit herbey gerückt ist, daß ich den Posten verlasse, auf dem ich nichts mehr nütze bin; dann, Tod! nenne ich dich Freund! Dann eile ich getrost dir auf dem Fuße nach, singend das erhabene Lied des Triumphs:„Ich habe überwunden!" Erscheinst du aber früher, winkest du mir vor der Zeit, o. dann zittere ich vor dir; denn dann sendet dich der Herr der Natur nicht; dann haben dich meine Uebertretunge« ewiger, heiliger Gesetze, meine Ausschweifungen, Thorheiten und Laster herbey gerufen; dann kömmst du als ein fürchterlicher Führer zu dem ernsten Gerichte des Ewiggercchten; Lassest mich unvorbereitet hinweg, stellest mich '9Z wie einen bö'en Schuldner hin vor meinen Gläubiger, hin vor das Angesicht des allwissenden Richters, und ich erstaune zitternd und bebend bey der großen Frage r„Wer rief dich hierher?" Doch nein! so kies laßt die Weisheit ihr- Söhne nicht sinken, und wohl mir! Dann klopfest auch du nicht früher an meine Hütte; dann erscheinst du zu rechter Zeit. Darum, o Tod! fürchte ich dich nicht, darum wünsche ich aber auch deine Ankunft nicht eher. Hat sich dt< Maschine meines Körpers abgenützt, ist es abgelaufen das Triebwerk, das die Natur für eine b stimmte Ta-- gezahl in Bewegung setzte, ist ihr großes Gesetz erfüllt, hat mein Geist gereift für die neuen Eindrücke, die meiner warten; sind sie abge. thau die Forderungen Ze hier»jeden; dann ist sie da, die Zeit, wo ich mit heiterer, lachender Miene der Ewigkeit entgegen sehen kann; wo ich nicht Ursache habe, das zu bedauern, was ich zurück lasse; wo ich gewiß bin, daß ich m't Wucher werde schadlos gehalten werden; wo ich selbst auf die rückbleibendcn Geliebten meines Herzens freudig Hinblicken kann; denn ich bezahle ihnen, was ich schuldig war, und GvlkeS sr allmächtige Vaterhand nimmt sie auf.— Hier, o Tod, sind wir unzertrennliche Freunde! Dann verfolgen mich böse Menschen nicht mehr. Die Welk hört auf ungerecht gegen mich zu seyn. Wann dieses Herz aufhört zu schlagen, sagt ein großer Philosoph, dann drücket uns kein Kummer mehr, und keine Thräne dränget sich mehr in das Aug, das sich für die Welt auf ewig schließt. „Ja, sagt man mir, Gott wird als Richter erscheinen, der Rechenschaft über meine Le» bcnshandluogen fordert." Wohl, als Richter erscheint er, das ist gewiß; aber nicht als Richter, wie die Men» schenrichler sind, die, voll unedler Leidenschaften, Verbrechen aufsuchen, um Verbrechen strafen zu können; die, oft voll niedriger Schadenfreude, sich an den Schmerzen des Leiden- den weiden, und sich besser glauben, wenn sie über andere urtheilen.— Wahrlich, so eis Richter ist Gott nicht l Da er die Menschen richtet, höret er nicht auf, ihr Vater zu seyn, und mich, das Kind, bringest du, o Tod, in dieses guten Vaters Schooß, und ich soll zittern vor dir?— r-Z Die Thoren, die Bösen. die Schwachen mögen erbebe.-, bey deinem Anblicke, erblassen diejenigen, die Sclaven des Lasters, Sclaven des VorurtheilS sind, und sich die Zukunft in romantischem Unsinn, nach CvcheMs und Abrahams Weise, vorstellen. Die Weisheit erzittert, erblasset nicht. Nur Thoren, die am Staube klebe». Im Sinngenuß hier niede» weben. Aus deren Blick die Wollust lacht, Die Goldes Schimmer schwmdlich macht, Die an der Ruhmsucht Karren ziehen, Der„ackien Wahrheit Antlitz fliehen. Die, o Tod, die fürchten dich. Nur Wichte, die dem Laster frohnen, I» deren Busen Schlangen wohnen, Die Unschuld höhne», Dolche zücken, Rauben, stehlen, unterdrücke», Verführer, Tyrannen, falsche Lehrer, Der Tugend Verfolger, der Wahrheit Entehret', Die, o Tod, die fürchten dich! Nur Schwache, die im Dunkel irren, Begriff mit Begriff verwirren, Nicht Grundsatz, nicht Bestimmung kennen. Jetzt dieses wahr, bald wieder unwahr nennen. Die Tage ihres SeynS nicht zu benützen wissen' Daher auch früher sterben müssen, Die, o Tod, hie fürchten dich! N-r 196 Erster» bist du Angst und Schrecken, Unsanft kommst du sie zu wecken In erträumter Seligkeit Aus dem Schlaf der Sinnlichkeit; Zu reisten sie von ihren Schätzen, Aus den Hallen ihrer Götzen, Hin ins öde, kalte Grab- Die Bösen müssen sich entsetzen, Hören sie d>e Hippe wetzen. Die sie fordert vor Gericht, Wo ein Gott das Urtheil spricht; Sehe» dich am Sandglas lauschen, Es erschüttern, damit rauschen Hin zum öden kalten Grab. Die Schwachen schaudern und erbebe«. Weil sie müssen Antwort geben: Wer sie rief von ihren Posten? Licht zu schauen, es zu kosten War für sie noch viel zu früh. Zu früh, 0 Tod, noch deine Müh', Fürs öde kalte Grab. XXIV. Das Tagewerk des Weisen. -^'ie Größe, die Majestät, die unendliche Güte, die alles umfassende Liebe Gottes zu bewundern, und im Bewundern anzubethen; Menschenbestimmung und Menschenpflicht zu erwägen, ste zu fühlen mit l-bendiger Kraft, sich zu laben an dem Anblicke der erwachenden Natur, Erquickung und S.-ärke zu saugen un- ter Gottes freyem, schönen Himm l, sich mit Muth und Entschlossenheit fühlen für die Arbeiten des Tag s; dieß— dieß sind die ersten Geschäfte des Mannes, der auf Weisheit Ansprüche macht. Nicht im weichen Pflaum, nicht in dem Schooße entnervender Wollust, nicht bey Arabiens dampfenden Bohnen, nicht bey«schlappendem Thee oder erhitzendem Lt» queur löstet der Weise die Stunden des ry8 Morgens. Gestärkt von, balsamischen Schlafe, eilet er, gemeinnützig thätig zu seyn. Er über» denket die ganze Reihe von Verbindlichkeiten seines Berufes, ordnet ste nach ihrem natür. lichen Zusammenhange, damit eine die andere fördere; prüfet sich selbst, und entwirft Plane, wie er sich zu bessern, zu vervollkommnen, zu peredeln habe; sinnet darauf, wer an dem heutigen Tage der nächste seinem Hange wohlzuthun sey, und überleget, mit was für Vergnügungen er den Zustand seiner Hausgenossen, seiner Freunde glücklicher machen könne. Er sperret sich nicht in den Stunden, die ihm sein Beruf übrig läßt, zwischen vier Mauern sin; er ist mitten unter Menschen, seinen Brü- dern. Sir aufzuheitern, zu vergnügen, zu be» rathen und zu belehren, zu trösten. ihnen zu helfen, wo er kann; von ihnen Kenntnisse zu sammeln, in ihrer Gesellschaft den Kreis feiner Beobachtungen und Erfahrungen zu erweitern, das Schwankende seiner Begriffe zu berichtigen, seinen Verstand aufzuhellen, seinen Witz, seinen Scharfsinn zu schärfen, seine Denkkrafr zu üben, dieß find die Absichten, die er tu Gesellschaften erreichen will. Aber nur unter guten, edel», rechtschaffenen Menschen hält er sich auf. Thoren, Gecken, Stolze, Uebermüthige, Böse,richte, Schurken, Menschen ohne Charakter, Doppelzüngler, Der. leumder, Achsetlräger, Lügner, Schmeichler, Lockerer und Gauner gehören nicht zu seiner Gesellschaft. Der gerade denkende, fühlende, biedere Mann, dieser isi für den Welsen gemacht; jeden andern meidet er und gehet ihm aus dem Wege. Er vcrsLmauser nicht die Halste des Tages, und suchet keinen Ruhm darin, seinen Nachbar unter den Tisch zu trinken, oder bey un- mäßigem Kartenspiele die Würde des Menschen zu schänden. Seine gesunde Tafel ist nach Beschaffenheit des Bedürfnisses eingerichtet, und die Würze derselben sind Fröhlichkeit und gesitteter Scherz. WaS der Weife genießet, gedeihet ihm; denn er iffei nicht aus Wollust, und trinket nicht im Uebermaße, und verdauet bey gutem Gewissen, bey dem Bewußtseyn, daß er seine Pflicht gethan, und fremdes Gut nicht aufzehre. Die Freuden, die er sich erlaubt, find überdacht und gewählt, tragen den 300 Schild der Unschuld, und beglücken im wahren Verstände. Unter Arbeiten dieser Art nahet der Abend heran, der wichtige Zeitpunct in weichem der Weift als strenger Bcurtheiler und Richter seiner selbst auftritt. Hier macht er die großen Fragen an sich: Mensch, wie stehet es um die Erfüllung der Pflichten deines Sryns? Hast du als Bürger, als Unterthan, aiS Gatte, als Vater, als Freund, als Menschengeschöpf gehandelt? Warst du rückt Selaoe irgend ei. ner Leidenschaft? Begingst du etwa nicht eine Thorheit? Ü btest du nicht Härte? Derläug. rietest du nicht Menschensiau und Gefühl? Welches Gute hast du heute vollbracht? Hast du Heiterkeit in den Blick des Trauernden, Hülfe dem Leidenden in die seufzende Brust gegossen? Worin bist du besser geworden? Wel, cheu Sieg hast du über dich errungen? Hast du deiner herrschenden Begierde nicht den Zaum schießen lassen? Um wie viel ist der Verrath deiner Kenntnisse vermehrt, dein Verstand hel. ler, dein Her; edler geworden? Gehest du ru» higer, vergnügter, zufriedener mit dir selbst heute zur Rahe, denn gestern? Betrübtest du Lor, etwa w'ssentlich irgend ein Geschöpf? S» frägt sich der Welse am Abende seines Tages, und antwortet sich frey und uvbefan. gen; fühlet Himmelswonne, wann ihm sein Gewissen Beyfall gibt, und bereuet mir heissem Vorsätze der Besserung, wo er etwa abwich vom Wege der Weisheit; und so überläßt er sich dem Gefühle der H.rzenserhebung zu Gott; dem Gefühle des innigsten Dankes für die Wohlthaten des Tages. Sanfter Schlummer breitet sich über ihn aus, und in süße Träume verlieret sich allmählig seine Seele, Dem Zephir gleich, der im Gebüsche säuselt. 292 XXV. Das Orakel des Weisen. suchest du auf Erden Glückseligkeit; so eile in den Schooß der Tugend, und du hast sie gefunden. Der Thor gehet die Tugend vorüber, und wähnt, daß es keine Glückseligkeit unter dem Moade gebe. Die Tugend ist eine Schwester der Weisheit, und wohnet mit ihr unter einem Dache, weichet nie von ihrer Seite. Der Thor ist nie glückselig. Z- Unter den Sternen wandelt nicht reine Weis. heil, also auch nicht reine Tugend, nicht voll. kommene Seligkeit. Doch verzage deßhalb nicht, Erdensohn! thue. was du kannst, und befriedige dich mit dem, was du dafür er- 20Z hältst. Dir Thorheit fordert vom Silber, daß es Gold sey. 4- Das Laster ist der Feind der Tugend hier nieder,, und irdische Tugend freuet sich, mit so einem Feinde zu kämpfen; denn ihr irdi- scher Werth bekömmt himmlischen Glanz, wenn sie obsieget. Edle Metalle werden auf der Ca-- pelle geprüft, ob sie edel sind. Z. Liege in der Morgenröthe deines Lebens auf den Skufen des Tempels der WeiShcil; begebe dich am Miklage in die Halle desselben, und du wirst am Abende ins Innere des Hei- ligthums eingeführt werden» 6. Der Weise bestrebet sich immer weiser zu zverden, also stehet die Tugend nie stille: ihr Stillstehen wäre Abnahme. 7- Kümmere dich um Ruhm nicht; handle recht, und er ist unausbleiblich. 8. Die Zeit gleicht einem bunten Schwell«. !ing, der»on Blume auf Blume stiegt, nnd auf keiner lange bleibt. Hasche ihn mit Eile, aufdeine Flur kömmt er vielleicht nicht wieder; hasche ihn mit Vorsicht, damit du seinen schö. neu Puder nicht abstreifest, und Vergnüge» an deiner Beute habest. 9- Das Leben des Weisen bestehet in Aus- Übung der Tugend, im Kampfe mit der Sinn- lichkeit, im Bestreben bester zu werden. Der Thor, der alles dieses nicht thut, lebet nicht. 10. D-e Eigenliebe hat viele Macht über den Menschen, aber an den Weisen waget sie sich nicht. 11. Der Weise erinnert sich mit Freuden jedes genossenen Vergnügens; der Thor denket mit Verdruß und Reue daran. 12. Wer über seine Begierden und Leidenschaften nicht Herr ist, der wage eS nicht, sich ei- nen Schüler der Weisheit zu nennen. iZ- Wehe dem Menschen, der nicht weiß, womit er sich beschäftigen soll! Wehe dem, der 20L nicht in sein Inneres sehen darf, ohne zu er- röthen- 14. Der Weise schämet sich nicht, zu bekennen, er habe Fehler und Mängel; nur der Thor will ohne Fehler und Mängel gehalten werden. 'L. Traue dem Menschen nicht, der Mugheit ohne Lugend besitzt. 16. Verstellung führt den Nebenmenschen in seiner Gesinnung, sie mag in That oder Worte bestehen, immer irre, und ist nicht erlaubt. 17- Herrschen ist gut, aber gehorchen ist besser. »8. Die Weisheit redet nie von sich selbst; die Thorheit führet ihr Ich immer im Munde. >9 Meide zwey Klippen, an denen deine Weisheit scheitern könnte; die eine ist: die B gier- de, dich zu zeigen; die andere:— da- Bestreben, dich verborgen zu halten. 20. Ze mehr Talente, je mehr große Tigeuschsf» 2v6 ter» des Geistes und HerzenS, je mehr Ansehen und Einfluß du besitzest, desto mehr bcfleiffigr dich der Bescheidenheit. 2 I. Mit großem Verstände und bösem Herzen bist du ein Engel der Finsterniß; mit großem Verstände und gutem Herzen ein Engel des Lichtes- 22. Sammle dir Verdienste, das ist billig, aber suche nicht mit ihnen zu glänzen; stelle sie nicht zur Schau au?. 2Z. Wirbst du um etwas, so bestrebe dich. bei« ue Milwcrber an Verdiensten zu übertreffen; aber sie nicht zu unterdrücken. 24. Höre die Urtheile anderer über dich mit Ge« laffenheik an; prüfe alles, und behalte das Gute. 25. Fasse dich im Unglücke, und freue dich, «aun es den höchsten Grad erreicht; denn fei- ne Sterbestunde hak geschlagen. -07 -6. Erlerne die Kunst zu leiden, werde Meister darin, und du entwaffnest alle Uebel der Welt. 27. Das Glück des Bösen hier nieden beunruhige dich nicht; beneide ihn nicht darum: Der Böse verdienet nicht mit Unglück heimgesucht zu werden. -L. Das Unglück ist die Schule der Weisheit.— Das Unglück nahet sich nur dem Starken, der ihm siehet.— Das Unglück, welches du leidest, beweiset, daß du-iner Prüfung werth bist. 2Y. Der viele glücklich macht, der ist der Glücklichste. Zv. Bestrebe dich, so viele Wohlthaten auSzu- üben, als du immer kannst, und so wenige anzunehmen, als nur möglich ist. 2». Das Urtheil der Bösen über dich, ist eine Lobrede auf deine Tugend. 208 Z2. Unwahr darf der Weise Nie reden; aber die Wahrheit kann er wohl verbergen. Eine erhabene Seele Met sich zu groß für die Beleidigungen der Schwächer»^nd ve.. zeihet ihnen.- Die größeste Rache bestehet in Vergebung. 34- S,--d- aa« d'»-° B-znii-°°n dl- i» »!. Stasi»,»-»»» d-i-». d°» richtig zu beurtheilen- ZI, s,< W-is-"»> dt,«,'s°n. s°a»-» da« i-si.,,mch- t-a s°°d»» Böse an ihm.^ So wenig ihm alle Menschen gefallen, so wenig verlangt auch er allen ge'äll.g zu seyn. 37- ab-,-.-»« „a,«„w< W«,»-i-d"«d»l--<-- 2«9 ?e Ungemach, als daß er sich entschließt, auf eine unouclchämle und fußfällige Art jemanden um etwas zu bitten. 38. Der Weise schätzet nichts mehr als die Freyheit, bey dem Ruhme ein ehrlicher Mann zu seyn. Zy. Die Tugenden des Weisen leihen einander wechselseitig ihren Glanz, und der Glanz einer jeden ins besondere mäßigt, so zu sagen, den Schein der übrigen. 40. Die Weisheit heischet drey Stücke von ih» rem Anhänger: Sey ein guter Mcnfch, ein wahrer Freund, ein treuer Unterthan. ' r - ' ' 5^-s^7*- 7. 7- 7'''^<4-.. , 44Ä" Ä-'^^>4'- 7-7^ ' -''- d^'d'^^ 4>-"^'^'7 7 B7'--4-^' 7^'-^^----'M.^4'^^ ',...'.-*- . ---7-'-7/.<-'-'^ d:---77 ,7- ,4,.,'-*„-- >-.7-,'Ä-',«-. 7^-77-.4--^-7.7-.-,-.77-.^-^ 7-**--'-O V 7'^>..7 7.''^-»-77- K^,-.-,^....->...». --s. 7- 7 77 77-' S 7 .-.»-4.7« ».* 4* 7^7-.7---.- 7-7-7^.- 7-- 7...- 77-. ,.-,-. ' 77 ..^.-.i',-»,.,>>'7"."...- ' '»----.4.7.--..-, 7-. ,-".-'-7.-. ,--7-^---77-7^ 7 H.' 7' ....-»-- 7., ^ 4o.^)'>-k.^ ^1 7-- v7-. 7-7..' 4^'-' 7- 7" 7. 7 /' 7 7 4e-: .,^>----? <4* yMM ^^^7-4^7-^ 7'«z,/.'-4°-.'^.'- 7^-iK- 4^ 74,^'7-.--''7---^^''^--A'M^H'' «»*7^ *»- 4-WM' .:.^.-'447 7-j 4*7,. -. ^- 77