MTW ' ' ALvü. WWW ML ' . . KAU 'WWW S.-VD>' ^U 86Ü615 M - ^ AHW MkL'M MD MWZ Segen -es vierte« Geßstes. Erzählungen der katholischen Jugend gewidmet von Ig. Lankosser- k. Rath, Schulrath rc- Der Reinertrag ist den Knaben-Seminarien der Wiener hochw. fürsterzbischöfl. und der St. Pöltner hochw. bischöfl. Diözese als Beitrag für Lehrmittel und Büchersammlung gewidmet. Ladenpreis im Marnien-Linöand 80 kr. Z)e. W. Men. 1865. Verlag -es Verfassers. In Commission bei Mayer L Comp.. Buchhandlung, Singerstraße, deutsches Haus, im Eckgewölbe. >: ^ 1474 . ^ämLIILlur aä jinxriirieiiäiint. Lx Oonsist. ^rediexxli. Wien, den 15. Februar 1865. Johann Berger ni. x., Kanzlei-Direktor. Einleitung. Unser Herr Jesus Christus hat am Vorabende seines Leidens zu uns Allen gesprochen: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr thuet, wie ich gethan." Er ist nicht blos unser Herr und Heiland, sondern auck als Mensch unser vollkommenes Vorbild. Unter allen Tugenden aber, die er uns durch sein Beispiel empfohlen, ist eine, die er während seines ganzen Lebens geübt und die daher alle Christen nachzuahmen verpflichtet sind; d. i. seine Ehrerbietung und seinen Gehorsam gegen seine Mutter und gegen seinen Pflegevater. In seiner Kindheit, in seinem Jünglingsalter, ja selbst in seinen Mannesjahren war er Maria und Josef in Demuth unterthänig. In dieser Weise hat unser Herr das Gebot seines Vaters erfüllt, das Gebot: „Du sollst Vater und Mutter ehren." Gleich ihm müssen auch wir unsere Eltern ehren, ihnen gehorchen, ihnen in ihren Nöthen beistehen, ihnen alle Liebe und Sorgfalt bezeugen. Ehren wir unsere Eltern, ehren wir sie immer, und verlieren wir unter keinem Vorwände die Wahrheit aus dem Auge, daß sie die Urheber unseres Lebens, die Oberhäupter der Familie, die Stellvertreter Gottes sind. 4 Ein Vater und eine Mutter sind geheiligte Personen, die ihren Kindern gegenüber eine unverletzliche und wahrhaft religiöse Würde bekleiden, sie sind die Repräsentanten der Vaterschaft und Vorsehung des Herrn. Im alten Bunde wurde, wer seinen Vater oder seine Mutter schlug oder ihnen fluchte, als ein Gottesräuber angesehen und mit dem Tode bestraft. Selbst wenn unsere Eltern nicht sind, wie sie sein sollen, müssen wir sie achten, und zwar aus dem ganzen Grunde, weil ein Vater, mag er tugendhaft sein oder ein Sünder, liebreich oder unmenschlich sein, immer ein Vater bleibt, und weil er wegen seiner Vaterschaft und nicht wegen seiner Güte ein Recht auf die Achtung seiner Kinder hat. Wie selten ist diese Ehrfurcht in unserer Zeit! In Folge einer wenig christlichen und wenig ernsten Erziehung benehmen sich jetzt die Kinder ihren Eltern gegenüber fast überall mit einer beklagenswerthen Vertraulichkeit, die keineswegs die Vertraulichkeit der Liebe, sondern Mangel an Ehrerbietung ist. Sie achten ihre Ermahnungen, Befehle und Verbote nicht, machen sich nichts aus ihren Strafen; sie begegnen ihnen sehr oft grob und trotzig, erlauben sich höchst ungebührliche Ausdrücke und Geberden gegen sie, widersetzen sich ihnen, in Wort und That, ja schämen sich nicht mit ihren Freunden auf Rechnung ihres Vaters und ihrer Mutter Scherz und Spässe zu machen. Seine Eltern achten ist eine strenge Pflicht; das vierte Gebot Gottes verpflichtet uns aber außerdem 5 zum Gehorsam gegen dieselben. Dieß Ansehen unseres Vaters und unserer Mutter ist ein Ansehen, das auf göttlichem Rechte fußt, von Gott selbst, dem Urheber ^ der Familie, festgesetzt ist. In Allem, was nicht Sünde ' ist, muß ein Kind seinen Eltern hinsichtlich alles dessen, was das Familienleben, die Erziehung, die Standeswahl angeht, gehorchen. Dieser Gehorsam muß um so unbedingter sein, je jünger das Kind ist; je älter I Sohn und Tochter werden, desto mehr nimmt zwar ihre Selbstständigkeit zu, stets aber sollen sie unter allen ! Umständen und in allen Verhältnissen eine gewisse i ehrfurchtsvolle Willfährigkeit gegen ihre Eltern an den Tag legen, auf deren Wünsche und Ansichten jede billige Rücksicht nehmen. Es versteht sich von selbst, daß unsere Eltern, wofern sie uns eine Sünde, eine Beleidigung Gottes befehlen sollten, kein Recht mehr auf unfern Gehorsam hätten, weil sie in diesem Falle nicht mehr Organe des göttlichen Willens für uns wären. Ehrfurcht und Gehorsam sind also die beiden ersten Obliegenheiten, die alle Kinder gegen Vater und > Mutter zu erfüllen haben. ^ Weiter nichts? O ja! Wir müssen unsere Eltern auch lieben d. h. herzliche Zuneigung, kindliche Ergebenheit gegen sie an den Tag legen; müssen ihnen bei den Prüfungen, womit sie heimgesucht werden, zu erkennen geben, daß wir ihre Leiden, ihren Kummer heilen; müssen ihnen zeigen, daß Alles, was sie berührt, auch unser Herz berührt. Wenn Vater und Mutter gleichsam die sichtbare Vorsehung ihrer Kinder sind, so müssen letztere ihrerseits der Trost ihrer Eltern sein und ihnen Sorge mit Sorge, Liebe mit Liebe vergelten. Welch einen wohlthuenden Anblick gewährt ein Sohn, der seinem alten Vater in zärtlicher und ehrfurchtsvoller Liebe zugethan, auf den leisesten Wunsch seiner Mutter aufmerksam ist, das Zusammensein mit seinen Eltern der Gesellschaft gleichartiger junger Leute vorzieht, das Wohlergehen der Familie über die Labungen des Vergnügens setzt! Der schönste Lobspruch, den man einem jungen Menschen und einem Mädchen ertheilen kann, ist: „Er ist ein braver Sohn, sie ist eine gute Tochter!" Die Kinder sind auch verpflichtet, ihren Eltern in der Noth beizustehen, und sie so viel als immer möglich vor Entbehrungen zu bewahren. Während einer Reihe von Jahren haben jene Nahrung, Kleidung, alles Nöthige, ja oft auch Ueberflüßiges von den Eltern empfangen. Oft hat ein armer Vater, eine opferwillige Mutter nur durch schwere Arbeit die zur Auferstehung und Erhaltung ihrer Familie uöthigeu Mittel herbei- zuschafsen vermocht. Fordert nicht die Gerechtigkeit, daß nun auch die Kinder ihrerseits diese ernähren? Wehe den schlechten Kindern, wehe den Uudänkbaren, die ihre alten Eltern von sich stoßen und vergessen, den heiligsten Gefühlen der Natur wie der Religion ihre Herzen verschließen! Vergessen wir auch nicht, täglich für unsere Eltern zu beten, daß Gott sie dereinstens in seinem glückseligen 7 Himmel mit uns vereinigen möge. Gott hat sich unseres Vaters und unserer Mutter bedient, um uns zu erschaffen und auf die Welt zu setzen. Er hat uns erschaffen und auf die Welt gesetzt, um uns die ewige Seligkeit des Himmels zu schenken. Hier in seinem Schooße will Er alle Mitglieder jeder Familie von den Mühseligkeiten des Lebens ausruhen sehen; hier will Er uns mit unseren Voreltern vereinigen! Hier namentlich will Er uns jenes Leben geben, das ewig ist und das Er uns verheißen hat in seinem vierten Gebot: „Du sollst Vater und Mutter ehren, daß es dir wohlergehe und du lange lebest." ! 8 I. Kinder, die der Eltern Pflegen, Wenn sie alt und schwächlich sind, Ernten Gottes Segen. Das Gemüth des gefühlvollen, edeldenkenden Menschen wird durch den auffallenden Abstand des größten Reichthums, Ueberflusses, ja genußreicher Verschwendung, der drückendsten Noth und der bittersten Armuth, die man in großen, volkreichen Städten neben einander so häufig findet, mit tiefer Wehmuth erfüllt. Je mehr eine solche Stadt durch Lebensgenuß der mannigfaltigsten Art und durch Ueberfluß die Aufmerksamkeit und Bewunderung auf sich zieht, desto schmerzlicher berührt der Anblick der bittern Noth das gefühlvolle Herz. Wien hat unter allen großen und volkreichen Städten der Welt mit vollem Rechte den schönen Beinamen „die wohlthätige, gemüthliche, lebensfrohe Stadt" sich erworben; sie bietet Lebensgenüsse jeglicher Art in Fülle, sie vergißt dabei der Armuth nicht und sucht sie bei jeder Gelegenheit durch die opferwilligste Großmuth zu lindern und doch entgeht diese wohlthätige Stadt dem Schicksale aller großen und volkreichen - Städte nicht; auch sie birgt in ihrem Schooße viel bittere Armuth, Noth, Kummer und Sorge. Wie viele Thränen werden da im Verborgenen vergossen, die nur Gott zum Zeugen haben, während dem Blick desjenigen 9 Beobachters, dessen Aufmerksamkeit nur die Lichtseite der menschlichen Gesellschaft fesselt, die lebenslustige und lebensfrohe Stadt in einem herrlichen Bilde erscheint, er sieht die Armuth neben dem Ueberflusse nicht, oder will sie nicht sehen. Es war eine kalte, stürmische Februarnacht im Jahre 18.., der Himmel war mit schwarzen Wolken überzogen, ein heftiges Schneegestöber, das in dichten Flocken herabfiel, verwehte alle Straßen. Man hörte kein Geräusch, keine Stimme in den Gassen, die bei günstigem Wetter selbst zu später Nachtstunde belebt sind. In dieser Stunde der Ruhe und Stille, die ein stürmisches Wetter gebracht, lag in einer entfernten Vorstadt Wiens, in einem kleinen, feuchten, durch ein schmales Hoffenster erleuchteten Zimmer eine arme, kranke Frau. Das Fenster war statt des Vorhanges mit einem abgetragenen, durchlöcherten Umhängtuche verdeckt; in der Ecke des Zimmers stand ein Tischlein, auf diesem eine matt brennende Lampe. An diesem Tischlcin saß ein Jüngling von etwa 20 Jahren, der mit Schreiben sehr eifrig beschäftigt war. Dann und wann legte er die Feder nieder, rieb sich die Hände, wenn diese vor Kälte starr, ihm den Dienst versagten, und richtete wehmüthige Blicke gegen die Schlafende, die nicht den sanften, erquickenden Schlaf schlief, da ihre Seufzer, die abgebrochenen Klageworte nur zu deutlich verriethen, daß der Kummer auch im Schlafe schwer auf ihrem Herzen lastete. 10 Den Jüngling unterbrachen in seiner eifrigen Arbeit die wehmüthig gesprochenen Worte: „Leopold, lieber Leopold!" Bei diesen Worten legte der Jüngling die Feder nieder und fragte mit liebevoller Theilnahme: „Was willst Du, geliebte Mutter?" „Nichts, mein Kind, nichts; ich hatte zuerst einen bösen Traum, ich wachte darüber auf und schlief wieder ein, und da hatte ich einen guten Traum, und wenn dieser in Erfüllung geht, so hat unsere Noth ein Ende." „Wenn dieser Traum gut war, wie Du sagst, so lasse ihn der Himmel in Erfüllung gehen. Ich glaube an Träume nicht, diese bringen uns in unserer bittern Lage keine Hilfe." „Es mag eine Schwachheit sein, doch für mich haben Träume auch einige Bedeutung. Ich glaube, daß der Herr in seiner unendlichen Vatcrgüte manchmal auch durch Träume über unsere Zukunft einen Fingerzeig uns gibt. Höre, Leopold, meinen Traum an und dann hilf mir ihn zu deuten." „Liebe Mutter, sei nicht böse, die Lampe geht zu Ende, ich habe noch viel zu schreiben, die Arbeit muß bis morgen fertig sein, ich habe das meinem Dienstherrn, versprochen; ich will einem edlen Manne, der uns Beiden so viel Güte und Theilnahme beweist, das Wort halten. Erzähle den Traum, ich will zuhören, die Erklärung desselben mußt Du mir erlassen; ich glaube nicht an Träume." 11 „Du bist immer gut gegen deine unglückliche Mutter; der Himmel mag Deine kindliche Liebe reichlich segnen, der in dem vierten Gebote guten Kindern seine Gnaden verheißen. Nun denn, höre meinen Traum an. Mir träumte, daß wir uns beide Abends in einem großen, dichten Walde vom Wege ab verirrt hatten. Wir gingen beide im eifrigen Gespräche und merkten nicht, daß wir uns von dem geraden Wege immer tiefer in den dichten Wald entfernten. Der Himmel verdunkelte sich immer mehr, es erhob sich ein kühler, scharfer Wind. Da merkten wir erst, daß wir uns im dichten Walde verirrt und suchten vergebens einen Ausweg. Die Nacht brach herein, alle meine Glieder befiel eine solche Mattigkeit, daß ich besinnungslos zu Boden fiel. Die Scene änderte sich, wie dieß gewöhnlich im Traume geschieht, ich sah mich dann wieder in meinem Zimmer und in meinem Bette. Unser Zimmer war von einer matten, dem nahen Erlöschen brennenden Lampe beleuchtet. Unsere Blicke begegneten sich. Ich sah Dich mit schweren Eisen belastet im Kerker, wir streckten verzweiflungsvoll ringend die Hände gegen einander, ein gewaltiges Eisengitter trennte Dich von mir, ich strengte alle meine Kräfte an, um Dir zu Hilfe zu kommen, doch ich konnte nicht von der Stelle; es kam mir vor, als wenn ein gewaltiger Berg auf meiner Brust lastete. Da änderte sich wieder die Scene. Unser Zimmer war hell und freundlich beleuchtet, ein Knabe von wunderbar schönem und holden Antlitz, den ich nie früher gesehen, nähert sich dem Eisengitter, das Dich von mir getrennt, berührt es leise mit einem Finger, das Eisengitter fällt und der wunderbare Knabe verschwindet. Ich bin wieder hergestellt, unsere Noth hat ein Ende, wir sind glücklich und da erwachte ich, ergriffen von der Gewalt der Freude über eine so plötzliche und günstige Aenderung unserer Lage. Erscheint Dir dieser Traum nicht auch als ein, wenn auch nur schwacher, Hoffnungsstrahl für unsere Zukunft?" „Fürwahr der Traum ist schön, aber doch nur ein Traum," erwiderte Leopold. „Wenn ich Träume nicht für eitle Bilder halten möchte, die gewöhnlich eine Folge des krankhaften Zustandes des Körpers sind, so wäre die Erklärung dieses Traumes nicht schwer. Der dichte und finstere Wald, in dem wir uns verirrten, könnte unsere gegenwärtige trostlose Lage und der Kerker ein noch größeres uns bevorstehendes Unglück bedeuten. Ueber die Bedeutung des holden, ge- heimnißvollen Knaben bist Du, liebe Mutter, gewiß nicht im Zweifel; er kann nur einen Engel des Herrn bedeuten, der den Armen Trost und Hilfe bringt. Doch bedenke Mutter, wäre es nicht Vermessenheit, wenn wir glauben wollten, daß Gott uns durch ein Wunder aus unserer Noth rettet? Immerhin sind angenehme Träume besser als unangenehme; wenigstens täuschen wir uns auf Augenblicke und im Unglück gibt selbst eine angenehme Täuschung einigen Trost. „Ich weiß es recht wohl, wie Männer über unsere Schwachheiten urtheilen," entgegnete im sanften Tone die Kranke; „Ihr wollt Alles mit den eigenen Augen 13 sehen, mit den eigenen Händen greifen; doch ich glaube, das Herz hat auch Ahnungen über die Zukunft, wir Frauen finden in diesen Trost, wenn wir auch an sie ^ nicht unzweifelhaft glauben." ' „Ueberlassen wir vertrauensvoll unsere Zukunft Gott, Er vergißt Keines, seiner Kinder, die auf Ihn vertrauen." „Dir ist kalt, liebes Kind, Du leidest, und Du leidest nur wegen Deiner kranken Mutter. Wenn ich daran denke, daß Du in Deinem Alter, in dem Alter der Freude und Lebenslust Dich ganz für Deine kranke Mutter opferst, die für Dich nichts zu thun vermag, als Deine treue Kindesliebe segnen, so möchte mir vor Kummer und Schmerz mein Herz brechen. Mein Kind, Du bist fast von der Wiege auf so unglücklich!" „Liebe Mutter, ich bitte Dich um des Himmels willen, quäle Dich nicht mit solchen Gedanken, denn Du brichst mir mein Herz. Glaube mir, die kleinen Opfer, die ich Dir bringe, sind nur ein unbedeutender Ersatz für jene, die Deine sorgsame Mutterliebe mir gebracht. Ich erfülle ja nur die heiligste Kindespflicht. ^ Könnte ich für Dich, der ich mein Leben, meine Erziehung und so viel Liebe zu verdanken habe, weniger thun? Wenn Du nur, so wie früher, wieder gesund bist, dann beneide ich Niemanden um alle seine Glücksgüter." „Nein, so bleibt es nicht, der Himmel ist liebevoll geneigt, er wird Deine Tugend, Deine so opferwillige f Kindesliebe gewiß lohnen. Wann und wie, das weiß 14 ich nicht, aber der Herr ist in seinen Verheißungen wahrhaft und getreu, er hat Kindern, die das vierte Gebot befolgen, seinen Segen versprochen. Ich fühle mich seit gestern besser und ich hoffe, daß ich bald das Bett ^ werde verlassen können." ' „Der Himmel wolle es geben. Doch jetzt verzeihe, liebe Mutter, die Thurmuhr schlägt zwölf; ich habe noch einige Seiten abzuschreiben. Ich habe meinem Dienstherrn versprochen, daß ich diese Schriften, auf die er großes Gewicht legt, bis morgen Früh ganz bestimmt rein abschreibe. Du weißt, wie gütig er gegen uns ist, und wie oft er uns schon in der Noth unterstützt; er wird gewiß sein Versprechen halten, das er mir gegeben und für meine Zukunft sorgen. Leider gehört er nicht zu den reichen Advokaten, denn er widmet einen großen Theil seiner Zeit armen Leuten, die ihm oft nicht einmal seine baren Auslagen ersetzen können." „Armes Kind," seufzte die Mutter, wischte die Thräncn ab und verdeckte das Gesicht mit der ärmlichen Bettdecke, daß der Sohn sie nicht weinen sehe. ^ Leopold setzte seine Arbeit eifrig fort und rieb sich von Zeit zu Zeit die Hände, wenn diese vor Kälte ihm den Dienst versagten. Die Thurmuhr schlug die zweite Stunde nach Mitternacht. Die Mutter schlief nicht und als sie sich in der Stille ausgeweint hatte, richtete sie wehmüthige und liebevolle Blicke auf ihr geliebtes Kind. ^ 15 „Gott sei Dank," sprach Leopold leise zu sich, „nun bin ich fertig." Er ordnete seine Schriften, band sie mit Spagat zusammen und legte sie in die Schublade des Tisches. Dann knieete er vor dem Bildnisse des gekreuzigten Wcltheilandes nieder, verrichtete ein kurzes, aber inbrünstiges Gebet, schlich sich leise zu der Mutter hin, die, um ihrem Sohne die paar Stunden, die ihm zur nächtlichen Ruhe noch übrig blieben, nicht zu verkürzen, die Augen schloß, als wenn sie sanft schlummern möchte, drückte ihr einen zärtlichen Kuß auf die bleichen Wangen, entkleidete sich und schlief bald fest ein auf seinem harten Strohlager. Gegen sieben Uhr Morgens verließ Leopold, noch ermattet, die Augen voll Schlafes, sein Lager, kleidete sich schell an, verrichtete sein Morgengebet, machte in dem kleinen eisernen Ofen Feuer und kochte für seine Mutter und für sich das Frühstück, das in einer Milchsuppe, verdünnt mit Wasser bestand, und als er seine gewöhnlichen Hausgeschäfte besorgt, fragte er die Mutter, ob sie noch etwas wünsche. „Nichts, mein Kind," erwiderte zärtlich die Mutter, „heute erwarte ich den Arzt und ich hoffe, er wird meinen Zustand besser finden. Wenn ich nur meine Gesundheit wieder erlange, da will ich Dir dann die Sorge um unfern Haushalt, die jetzt so schwer auf Dir allein lastet, erleichtern." „Aengstige Dich nicht, liebe Mutter, mit diesen Gedanken, denke an Deine Gesundheit. Gott läßt in 16 dieser Welt Niemanden vor Hunger sterben, Gott sieht unsere Noth, er wird uns nicht verlassen." Als er dieß gesagt, küßte er seine Mutter herzlich, hing einen abgetragenen Mantelkragen um, nahm seine Schriften unter den Arm, empfahl seine Mutter der Sorge einer guten Nachbarin, die für die Beiden zum Frühstück ein Seite! Milch und Brod gebracht und die in seiner Abwesenheit die Kranke, so gut es ihre Geschäfte erlaubten, pflegte und ging fort. So lebten Mutter und Sohn; beide waren trotz ihrer Noth glücklich; die Mutter fand in ihrem Unglücke Trost in der aufopfernden Liebe ihres Sohnes, und dieser ertrug die Widerwärtigkeiten des Lebens mit froher Ergebung in den Willen des Herrn; denn er trug sie für seine Mutter und konnte so einen Theil der Schuld gegen diese abtragen und ihr den Dank durch die That beweisen. Der Sohn war bei dem Advokaten Ehrenreich als Schreiber von acht Uhr Morgens bis drei Uhr Nachmittags beschäftigt. Um diese Zeit kam er nach Hause zum Mittagsmahle, das gewöhnlich in einer mit Brod dick eingekochten Fleischsuppe und in Erdäpfeln, oder in einem andern Zugemüse bestand, welches Mahl während der Krankheit der Mutter die gute Nachbarin bereitete. Die Mutter theilte diese Kost mit dem Sohne, so lang sie gesund war; in der Krankheit nun mußte für sie eine gute Rindssuppe, dann und wann auch eine leichte Fleischspeise und ein Trunk Wein geholt werden. Die guten Nachbarsleute, 17 obwohl selbst arm, brachten der Kranken manchmal für ihren Zustand zuträgliche Speisen und einen Trunk Wein. Der Arzt, ein hochbetagter, edler Greis, der seine Wissenschaft und seine Zeit zum großen Theil der Armuth gewidmet, daher selbst häufig mit Nahrungssorgen zu kämpfen hatte, behandelte die Kranke unentgeltlich und zahlte oft für sie ^die Arzneien. Die Nachmittagsund Abendstunden widmete Leopold der Pflege der kranken Mutter. Oft kam auch Nachmittag und am Abend die gute Nachbarin Elisabeth, die die kranke Mutter in der Abwesenheit des Sohnes pflegte, leistete den Betrübten Gesellschaft und suchte sie durch Trostgründe der Religion aufzuheitern und zum Vertrauen auf den himmlischen Vater, der Keines seiner Kinder vergißt, aufzuheitern. In den freien Nachmittagsstunden fand Leopold einigen Verdienst; sein Dienstherr, der dem guten Sohne sehr viel Theilnahme bewies, empfahl ihn einigen Gewerbsleuten, denen er über ihr Geschäft das Buch führte und aus diesem die Conto und Rechnungsauszügeverfaßte; eine Arbeit, diezwar mit barem Gelde nur karg belohnt ward, aber doch entweder für ihn oder für die Mutter manches Kleidungsstück oder ein Paar Schuhe einbrachte. So lebte Leopold in der Blüthe seiner Jugend nur für seine Mutter, sie war seine einzige Sorge, sie nach Gott sein einziger Gedanke, sie das einzige Ziel aller seiner Wünsche und Unternehmungen; für sie arbeitete er unverdrossen und unermüdet, für sie sparte er sich manchen Bissen vom Munde ab, für sie leistete Kankoffer: Segen rc. 2 er auf alle Lebensfreuden Verzicht und alle Opfer, die er für die Mutter mit freudigem Herzen darbrachte, erschienen ihm leicht. Gegen zehn Uhr Morgens kam der Arzt, er fand die Kranke zwar etwas besser, doch nicht außer Gefahr und meinte, daß sie noch längere Zeit einer besonderen Pflege werde bedürfen, bis sie ganz her- gestellt wird. So verging für die Unglücklichen eine Woche um die andere in Kummers doch sie waren bei all' ihrer Noth glücklicher, als Mancher, der in Ueberfluß schwelgt und dem der Ueberfluß Langeweile und Lebensüberdruß bringt. Die Mutter fand in der aufopfernden Liebe ihres Kindes den schönsten Trost in ihren Leiden, der Sohn Muth und Kraft in dem Bewußtsein, dyß er durch die der Mutter dargebrachten Opfer einen Theil der Schuld für die sorgsame und zärtliche Mutterliebe abtragen kann. Doch die Unglücklichen mußten eine noch härtere Prüfung bestehen, bevor ihre Leiden ein Ende genommen und Freude in ihre Herzen einkehrte. Eines Tages kam Leopold zeitlicher als gewöhnlich yach Hause und erzählte unter einem Strome von Thrakien, daß sein guter Dienstherr plötzlich am SchlagfluH gestorben sei. „Wir sind verloren, liebe Mutter," sagte er schluchzend, „wer wird sich jetzt meiner annehmen, wo finde ich wieder einen so edlen und guten Dienstherrn!" Diese Trauerbotschaft erfüllte das Herz der Mutter mit bitterm Kummer und trüben Ahnungen, nicht so sehr über ihre eigene Lage, als über die Zukunft ihres Sohnes, 19 dem der Tod seinen einzigen Gönner und Wohlthäter entrissen, der ihm so viel Gutes erwies und für seine Zukunft zu sorgen versprach. Sie suchte den tiefen Schmerz zu verbergen und ermahnte den Sohn zum Vertrauen auf Gott. Nach einigen Tagen mußte sich Leopold um einen neuen Dienst umsehen. Er ging zu allen Advokaten, mit denen sein verstorbener Dienstgeber in Verbindung stand, und trug seine Dienste an. Der bescheidene, ja schüchterne Jüngling, in seinen abgetragenen Kleidern, ward überall trocken mit der Entschuldigung abgewiesen, daß man für ihn keine Beschäftigung habe. Er fand keinen Ehrenreich, der den edlen Kern, den guten Sohn Leopold achtete. Sein Anzug war in den Augen der Mitmenschen nicht empfehlend, sie wiesen seine Bitte ab. Er meldete sich in einigen bekannten Handlungshäusern, doch auch hier ward sein Antrag abgelehnt; es blieb ihm nur noch ein sehr karger Verdienst bei einigen kleineren Gewerbsleuten, denen er die Vormerkungen über das Geschäft führte und Conto-Auszüge schrieb. Die kranke Mutter brauchte Arzneien, Pflege, eine kräftigere, bessere Kost; dem guten Sohne brach der Kummer das Herz, daß er keinen Verdienst fand und seiner Mutter keine Hilfe bringen konnte. Von Kleidern und Hausgeräthen konnte er nichts verkaufen, denn mit diesen werthlosen Gegenständen waren die Armen selbst kaum für die dringendsten Bedürfnisse versehen. Der gute Arzt half, so gut und so viel er konnte, doch, wie gesagt, er mußte oft selbst darben, denn er hatte seine 2 » Zeit meist der Armuth gewidmet und theilte mit dieser seinen kargen Verdienst. Greisler, Bäcker und Fleischhauer, die den guten Sohn und seine aufopfernde Liebe für die kranke Mutter kannten, borgten und schenkten Manches den Armen, doch alles dieses reichte nicht hin, um sie vor dem Hungertode zu schützen. Leopold brach oft unter Weinen und Schluchzen in bittere Klagen aus, daß Menschen ihm keine Arbeit, keinen Verdienst geben wollen, den er nicht für sich, sondern für seine Mutter gesucht» Die Mutter verwies dem Sohne diesen Kleinmuth, ermahnte ihn zum Gottvertrauen, suchte sein tiefbetrübtes und gebeugtes Herz durch die Tröstungen der Religion, zu erheitern und aufzurichten. Es waren etwa sechs Wochen nach dem traurigen Tage verstrichen, den wir bei den beiden Unglücklichen zugebbacht, da fuhr an einem Frühlingsmorgen bei der Mariahilfer Linie ein Postwagen herein, in dem zwei Männer im Alter von etwa fünfzig Jahren saßen. Beide waren rüstig, die Mienen Beider zeigten Gutmüthigkeit, das gegenseitige Benehmen deutete auf das Verhältniß des Dieners zum Herrn, doch das eines gütigen Herrn, der in dem Diener mehr den Freund, als den Diener sieht. In der Kleidung war kaum ein Unterschied bemerkbar. Der Herr hieß Heinrich Frank, der Diener Michel Gras. Wenn der Herr sprach, so hörte der Diener oem Gespräche mit zutraulicher Aufmerksamkeit zu; denn Michel war ein Diener vom alten Schlag, von denen wir oft in Büchern lesen, die aber jetzt nur äußerst selten in der wirklichen Welt getroffen werden. Für Michel war 21 der Dienstherr kein ganz gewöhnlicher Mensch; er war ihm Beschützer, Freund, Wohlthäter, der über ihm stand, er war ihm eine Autorität, der zu gehorchen es Ehre, aber keine Pflicht ist. Er dachte nur an seinen Herrn, er lebte so zu sagen nur für ihn; sein Leben war an jenes seines Dienstherrn so gekettet, daß er ohne diesen so wenig wie der Fisch ohne Wasser hätte leben können. Der Herr wußte sich diese Liebe und Achtung zu verdienen. Er war kein stolzer, launenhafter und harter Herr, der in dem Diener kaum die Würde des Menschen achtet. Er ließ wohl dann und wann ein Wort gegen den Diener fallen, das Unwillen und Mißmuth verrieth. Bei solchen Anlässen schwieg der Diener, er wußte, daß diese Ausbrüche nicht im bösen Herzen, sondern in manchem Kummer, der auf diesem lastete, ihre Quelle hatten; er wußte, daß sich diese plötzlichen Aufwallungen wie ein schnell aufloderndes Strohfeuer bald wieder legen, wenn er sie schweigend hinnahm. Michel kannte seinen Herrn, er schwieg bei solchen Anlässen und dachte bei sich: auf den Sturm kommt bald schönes, heiteres Wetter, und er hatte Recht; denn wenn sich der Mißmuth bei dem Herrn gelegt, dann war er wieder freundlich gegen den Diener und entschuldigte sich oft über sein Benehmen, mit der Versicherung, daß er es nie übel meine, aber leider den Unmuth, der sich seiner bemächtigt, nicht anders, als wenn er ihn zum Ausbruch kommen lasse, bewältigen könne. Als der Postwagen bei dem Thvre der Mariahilferlinie einfuhr, rief Michel voll Freude 22 aus: „Herr! wir sind in Wien, in unserer geliebten Vaterstadt." Frank sah mit Freude und Wemuth aus dem Wagen, der langsam fuhr, nach beiden Seiten der Straße, in der, da es Sonnrag und der erste schöne , Frühlingsmorgen war, eine dichte Masse Menschen zur Linie hinauswogte, um sich nach dem langen^ strengen Winter in der freien Luft zu erholen. Nach einer Weile tiefen Nachdenkens sprach Frank, wie aus einem schweren Traume erwachend: „Michel, Du wirst Dich noch an den Tag erinnern, an dem wir unsere geliebte Vaterstadt verließen; es sind seit dieser Zeit fünfzehn Jahre verflossen und Mir kömmt es jetzt so vor, als wenn es nur einige Tage wären. Wie stürmisch war an diesem Tage das Wetter, wie niedergebeugt unsere Herzen. Ich mußte mein Vaterland, meine Verwandten, meine Freunde und eine Stadt, in der mein Name geachtet war, als ein entehrter, zu Grunde gerichteter Geschäftsmann verlassen, in die weite Welt hinziehen, unbewußt, wohin mich der Himmel führen wird und ohne Hoffnung, je wieder mein Vaterland, meine Verwandten und Freunde zu sehen. Mein einziger Trost in dieser bittern Noch war, daß ich dieses Unglück nicht selbst verschuldet habe." „Herr! ich erinnere mich noch recht gut, es wan ein schrecklicher Tag. Der Regen ergoß sich in Strömen vom Himmel, die Straßen waren unsahrbar; wir fuhren mit unserer geringen Habe in einem offenen Lastwagen, der nach Wien Waare brachte und leer hcimkehrte. Wir 23 waren im ersten Nachtlager mit dem Trocknen der ganz durchnäßten Kleider bis in die späte Nacht so beschäftigt..." „Damals dachten wir an nichts anderes," sagte Frank, „als an das harte Mißgeschick, das uns zwang, unserer lebensfrohen Vaterstadt den Rücken zu kehren und uns auf gut Glück in der weiten Welt eine neue Heimat zu suchen. Wir hatten viel Kummer und Mißgeschick zu erdulden gehabt, der Herr hat unsere Leiden in Glück verwandelt; ich habe nur noch einen Wunsch und wenn der Himmel diesen erfüllt, dann bin ich der Glücklichste auf Gottes Erdboden." „Ich kenne diesen Wunsch," entgegnete treuherzig Michel; „er betrifft Ihre gute Schwester und Ihren Neffen." „So ist's, mein treuer Michel; finde ich diese guten Seelen noch am Leben, daß ich Ihnen den reichen Segen, den mir Gott verliehen, für ihre Liebe zuwenden kann, so bin ich für alle ausgestandenen Leiden reichlich belohnt; finde ich sie nicht, dann nehmen wir wieder unfern Wanderstab, um den Rest unserer Lebenstage fern von der geliebten Vaterstadt zu beschließen, die dann in meinem Herzen nur wehmüthige Erinnerungen wecken würde. Wir werden vorläufig in einem Gasthofe einkehren und dort den Erfolg meiner Bemühungen abwarten." Kehren wir nun zu dem tief betrübten und hart geprüften Leopold und zu seiner kranken Mutter zurück. 24 Eines Morgens saß Leopold, den Kopf in die Arme gestützt, am Tischchen, Leichenblässe deckte seine Wangen, über die Thränen hinabrollten. Bei diesem Anblicke erschrack die Mutter und fragte ängstlich: „Guter Leopold, was fehlt Dir? Entdecke mir den tiefen Kummer, der seit einigen Tagen so bitter an Dir nagt, und Dich fast zur Verzweiflung bringt; ich bin auf Alles gefaßt." „Ach, Mutter, die Welt ist doch gar zu lieblos, zu hartherzig. Ich kann mich nicht mehr fassen, die Verzweiflung nagt an mir, ich sehe keine Hilfe, uns beiden droht der Hungertod." „Mein Sohn," sprach die Mutter mit bebender Stimme, „füge unfern Leiden und unserm Unglück nicht noch das härteste hinzu, nämlich die Verzweiflung." „Mutter! Du erträgst Deine Leiden mit der Geduld einer Heiligen, Du bist bei allem Unglücke doch noch glücklich, weil Du hoffen kannst. Ich gestehe offen, ich habe alle Hoffnung verloren, und wenn es mir nicht um Dich zu thun wäre, so würde ich Gott bitten, daß er meinen Leiden ein Ende mache und mich..." „Gutes Kind, werde nicht ein Opfer der Verzweiflung," sprach die Mutter mit ängstlicher Stimme; „wenn Du nicht willst, daß ich am gebrochenen Herzen sterbe. Du warst immer mein Trost, Du wirst auch jetzt, wo der Herr Leiden über uns schickt, mein Herz nicht betrüben wollen; Du bist auf Deinem dornenvollen Pfade stets in der Furcht des Herrn gewandelt, 25 er wird Dich in dem Augenblicke, wo wir seiner am meisten bedürfen, nicht verlassen." „Liebe Mutter, Alles muß in dieser Welt ein Ende haben, also auch die Geduld; so lange ich Arbeit und Verdienst hatte, war ich glücklich, ich entsagte mit Freude jedem Lebensgenuß, ich arbeitete den ganzen Tag, ich durchwachte manche Nacht, kein Opfer fiel mir zu schwer, so lange ich im Stande war, Deine und meine höchst bescheidenen Bedürfnisse mit meiner Arbeit zu decken. Doch jetzt droht uns der Hungertod, weil mir die Welt keine Arbeit, keinen Verdienst geben will. Ich bitte nicht um Almosen, ich bitte um Arbeit, und die lieblose Welt ist taub gegen meine Bitten. Wir haben schon die nothwendigsten Geräthe unseres armseligen Haushaltes theils versetzt, theils verkauft; ich habe nichts mehr, als diesen Ring, das Andenken meines Vaters. Soll ich auch diesen verkaufen? Nein, lieber will ich Hungers sterben, als mich von diesem theuern Andenken trennen." „Gott ist gerecht und barmherzig," sprach die Mutter im bittenden Tone; „wenn er über uns Leiden schickt, so wird er uns auch Kraft geben, diese zu ertragen." „Wie wollen wir unsere Schulden zahlen? wer wird uns noch etwas borgen? Unser ganzes Habe besteht in Einem Gulden, dem Rest der großmüthigen Unterstützung, die uns der Arzt, der selbst oft Mangel leidet und der uns so viel Gutes erweiset, zukommen ließ. Morgen ist der letzte Tag zum Zahlen des Mieth- 26 zinses, wir sind noch von der vorigen Miethe fünf Gulden schuldig; der gegenwärtige Hausherr ist nicht so großmüthig, wie der frühere, der mir nur deßhalb Verdienst gab, damit ich mit diesem die Miethe zahle, und der uns so viel Gutes erwies. Der gegenwärtige ist genau; er hat alle Parteien beinahe um das Doppelte gesteigert und fordert mit unerbittlicher Strenge den Miethzins bis auf den letzten Heller, und der den Zins nicht pünktlich zahlen kann, wird gepfändet und ihm die Wohnung gekündigt. Nur meinen inständigsten Bitten gelang es, daß er sich herbeiließ aus den Rest des Miethzinses zu warten." Während Leopold so sprach, hörte man am Gange schwere Tritte, die Thüre zum Kämmerlein ward hastig geöffnet und es trat herein eine kleine, untersetzte Männergestalt, mit aufgedunsenen Wangen, tief in den Höhlen liegenden, unstätt und schlaftrunken rollenden Augen, struppigem Haar, und in einem verwahrlosten Anzug; es war der Hausmeister Martin. Leopold fuhr bei diesem Anblicke zusammen, er ahnte, was dieser Morgenbesuch zu bedeuten habe. Martin war als ein roher, dem Trünke ergebener Mann bekannt, von allen Wohn- parteien gemieden, und weil er durch sein rücksichtsloses Benehmen gegen diese, das sein Herr als Eifer und Treue lobte, das Vertrauen des Hauseigentümers im hohen Grade besaß, von diesen gefürchtet. Leopold stand auf, ging dem Martin entgegen, grüßte ihn freundlich und fragte, was ihn schon in so früher Morgenstunde hieher geführt. Martin trat vor 27 Leopold und sprach in seiner gewohnten rohen Manier: „Da fragen Sie noch, wissen Sie nicht, daß Sie den Miethziens nicht gezahlt haben? Mein Herr schickt mich, um diesen für dieß Vierteljahr und den Rest vom vorigen Vierteljahr abzufordern. Es ist doch wahrlich eine Schande, wenn man sich wegen eines so billig gestellten Miethzinses noch mahnen läßt. Wir haben lange genug Geduld mit Ihnen gehabt, jetzt ist es aus: Zahlen oder Pfändung und Aufkündigung." Leopold verlor bei diesen Worten alle Fassung; Kummer, Scham, daß er unverschuldet in diese Lage gerathen, Entrüstung über ein so rohes Benehmen, lähmten seine Zunge; er stand sprachlos vor Martin und sah diesen mit Blicken an, die bald Wehmuth, bald Verachtung verriethen. „Nun, was ist's, haben Sie mich nicht verstanden? ich habe doch deutlich und klar gesprochen," schrie Martin und nahm gegen Leopold eine drohende Stellung an. „Ich bitte Euch," stammelte endlich Leopold, „wenn Ihr mit mir kein Erbarmen haben wollt, so habt es mit meiner armen, kranken Mutter." „Was geht mich Ihre Mutter an, was gehen mich Leute an, die im Müßiggang von der Arbeit und vom Schweiße Anderer leben wollen." „Mäßiget Euch, schonet meine kranke Mutter," sprach Leopold mit heftig bewegter Stimme. Mit höllischem Lächeln erwiderte Martin: „Mit diesem albernen Geschwätz zahlt man den Miethzins nicht; Geld oder...." 28 „Unmensch!" rief Leopold entrüstet aus und die Augen rollten wie Flammen in den Augenhöhlen; „hast Du nie eine Mutter gehabt, weißt Du nicht, was man der eigenen Mutter schuldig ist? Fort aus meinen Augen! Ich habe bis jetzt schwere Leiden, tiefen Kummer mit Geduld ertragen, aber die Kränkung, daß man meine arme Mutter beleidigt, werde ich nicht ertragen, ich werde sie gegen jede Beleidigung zu vertheidigen wissen, und wenn es mich auch mein Leben kosten sollte." „So? also nicht zahlen und noch drohen? Seht das stolze Bettelvolk; mit Dir, mein gnädiger Herr, werde ich bald fertig sein, Du sollst an mir Deinen Mann finden. Den Zins her, sonst werde ich Dir zeigen, wer hier Herr ist, wer zu befehlen und wer zu gehorchen hat." „Unmensch! ich wiederhole, fort aus meinen Augen, sonst stehe ich für nichts gut." „Nun wohlan," sprach Martin grinsend, „wir wollen sehen, wer stärker ist." Mit Mühe richtete sich bei dieser Scene die Kranke im Bette aus und sprach im bittenden Tone: „Leopold, lieber Leopold! wenn Du Deine Mutter liebst, so folge der Stimme der Vernunft, lasse Dich nicht von der Leidenschaft Hinreißen. Wie soll der Herr uns in unseren Leiden Trost und Hilfe gewähren, wenn wir gegen sein Gebot handeln? Willst Du Dir selbst Recht verschaffen,, der Gewalt mit Gewalt entgegentreten?" 29 „Dieser Mensch hat Dich tief gekränkt," ent- gegnete Leopold. „Wenn er mich beleidigt hat, so verzeihe ich ihm vom ganzen Herzen. Bedenke, daß Du mich durch dieses Betragen tief betrübst." Und gegen Martin gewendet, sprach die Kranke bittend: „Verzeihet meinem Sohne, wenn er Euch beleidigt hat; der Schmerz über unsere bittere Lage hat ihn so weit hingerissen. Bittet in meinem Namen Euern Herrn, er möge mit uns noch Geduld haben und Gott wird ihm diese gute Handlung lohnen. Wäre ich nicht krank, ich würde selbst zu ihm gehen, mich zu seinen Füßen werfen und ihn so lange bitten, bis er sich unser erbarmt." „Mein Herr will den Miethzins haben und sehnt sich nicht nach Bitten und Weiberthränen. Entweder Geld oder Pfändung, und wenn der Plunder den Miethzins nicht deckt, Schuldenarrest, das ist mein letztes Wort, so lautet der bestimmte Auftrag meines Herrn." „Heilige Mutter Gottes!" seufzte die Kranke, den thränenvollen Blick und die gefalteten Hände bittend gegen den Himmel gerichtet. „Seid Ihr und Euer Herr Christen? Wißt Ihr, was der Schuldenarrest für Leopold zu bedeuten hat? Das wäre mein Tod, der Tod am gebrochenen Herzen." „Man stirbt nicht so leicht, wie man glaubt oder sich wünscht," erwiderte Martin mit Hohn. „Der junge Herr wandert in den Schuldenarrest und seine gnädige Frau Mutter wird im Spital eine bessere 30 Pflege als zu Hause finden. Machen wir die Sache turz, der Herr wartet aufs Geld; ich habe keine Zeit, dieses leere Gewinsel eines arbeitsscheuen Bettelvolkes anzuhören." Bei dieser Scene rollten Leopold's Augen wie Flammen, das durch diese Aufregung wallende Blut färbte seine bleichen Wangen hochroth, die Lippen zitterten, er wollte reden, aber der Schmerz lähmte seine Zunge ; er stürzte auf Martin zu und sein gepreßtes Herz, machte sich in dem Schmerzensschrei Luft: „Wen nennst Du arbeitsscheues Bettelvolk, Elender?" „Dich und Deine Mutter." „Meine Mutter?" „Ja," entgegnete Martin, „glaubst Du, ich werde mich vor Bettelleuten, die den Miethzins nicht zahlen können, fürchten oder mit ihnen viele Umstände machen?" „Martin," sprach Leopold bittend, „mäßiget Euch, bringt mich nicht zur Verzweiflung, die uns vielleicht Beiden und meiner kranken Mutter Unglück bringen könnte. Verlasset jetzt dieses Zimmer." „Da sieht man die verkehrte Welt, der Schuldner will befehlen. Sehet, wie weit Ihr mit euern Drohungen gekommen seid; das ist das Ende vom Liede, wenn man auf Kosten Anderer leben, aber nicht arbeiten will. Einen gnädigen Herrn in der Kanzlei spielen, das ist zwar nicht so schwer, aber wenn es nicht geht, so sollte man mit jungen, kräftigen Armen zur Krampe und Schaufel greifen und sich sein Stücklein Brod > 31 ehrlich verdienen und nicht auf Kosten Anderer im Müßiggang leben. Unser Einer ist auch nicht als Hausmeister geboren und ich füge mich in mein hartes Loos." „Verzeihet Martin," bat die Kranke, „Schmerz und Kummer hat meinem Leopold die Besinnung und die Gemüthsruhe geraubt, er weiß nicht, was er spricht, was er thut. Habt Mitleid!" „Verschonet meine Ohren mit Eurem albernen Gewinsel, sonst.... " erwiderte Martin und drohte der Kranken mit geballter Faust. Zornentbrannt stürzt Leopold bei diesem Auftritte aus den Hausmeister los und stößt ihn bei der Thüre hinaus. Am Gange ermannt sich der viel stärkere Martin, entwindet sich den Händen Leopold's und drückt ihn mit Gewalt an die Mauer. Auf den Lärm kamen die Nachbarn herbei, aber Niemand getraute sich dem armen Leopold Hilfe zu leisten, oder für ihn das Wort zu reden, so sehr fürchteten die Wohnparteien die Rohheit des Hausmeisters und seinen Einfluß auf den Hauseigenthümer. Da kam auf den Lärm auch ein Maurergeselle, Franz Hellmuth, herbei, der gerade im Hause beschäftigt war. Dieser, ein rüstiger, starker Mann, sprach mit ruhigem Ernst: „Martin, laßt den jungen Mann gleich aus, sonst habt Ihr es mit mir zu thun, und wir werden, hoffe ich, bald fertig. Ich kenne den jungen Mann seit etwa zwölf Jahren; so behandelt man einen edlen, dankbaren Sohn nicht, der sich für seine Mutter opfert. Laßt die Ursache Eures 32 rohen Betragens hören." Martin ltzß den Leopold los und erzählte nun zornentbrannt, daß das faule Bettelvolk an ihm sich vergriffen, weil er im Aufträge seines Herrn den Miethzins verlangt hatte. „Müßiget Eure Zunge Martin, und seid nicht freigebig mit Titeln, die eher Ihr, als dieser edle junge Mann und seine unglückliche Mutter verdienen. Lassen wir Leopold reden." Und nun erzählte Leopold, vor Scham und Schmerz fast vernichtet und unter bittern Thränen, den ganzen Vorgang wahrheitsgetreu. Hellmuth verwies mit freundlichen Worten dem Hausmeister das an der unglücklichen Familie begangene Unrecht und erinnerte ihn an das Gebot der christlichen Nächstenliebe. Martin erwiderte barsch: „Ich brauche keine Belehrung, mein Auftrag lautet bündig und bestimmt: Miethzins, Aufkündigung, Pfändung und Schuldenarrest; mein Herr ist ein Freund der Ordnung und Pünktlichkeit, und ich muß als treuer Diener seine Befehle genau befolgen." Es entstand zwischen Martin und Hellmuth ein ziemlich heftiger Wortwechsel; Martin ließ gegen die unglückliche Familie viele harte Worte fallen; Hellmuth gerieth darüber in Eifer und war in seinen Ausdrücken nicht besonders schonend. Von den Anwesenden wagte Mancher bittend für die unglückliche Mutter und ihren Sohn ein Wort einzulegen, das von Martin mit rohen Drohworten erwidert wurde. Leopold stand wie vernichtet, sprachlos da und trocknete sich die Thränen, die über seine Wangen herabrollten. 33 Störefried, der Hauseigenthümer, kam gerade in den Hof, um den Flickarbeiten, die an seinem Hause vorgenommen wurden, nachzusehen, und als er von einem der Arbeiter die Ursache des Wortwechsels erfahren, entfernte er sich eilig, kam aber bald wieder mit gerichtlicher Assistenz und ließ Leopold mit den Worten vor's Gericht führen: „Das Gericht wird den trotzigen Schuldner, der gegen den Gläubiger, der sein Recht sucht, Gewalt braucht, schon weich und mürbe machen." Keiner der Anwesenden wagte bei dem Manne, den Alle als höchst hartherzig kannten und fürchteten, ein Wort einznlegen; selbst Hellmuth schien die Fassung zu verlieren, doch sammelte er sich bald, warf dem harten Manne einen Blick der Verachtung zu und sprach dann tröstend zu Leopold: „Beruhigen Sie sich, erzählen Sie bei Gericht wahrheitsgetreu Ihr Unglück und das rohe Benehmen des Hausmeisters gegen Sie, ich kenne die Milde und Menschenfreundlichkeit unserer Gerichte, Sie werden dort gewiß Schutz finden gegen eine so unerhörte Unmenschlichkeit; einstweilen werde ich bei Ihrer Mutter Ihre Stelle vertreten." Als Störefried mit Leopold und der Wache sich entfernten, denen Martin mit trinmphirender Miene nach- solgte, sprach Hellmuth zu den Anwesenden: „Herr und Diener sind ein ganz liebenswürdiges Paar. Der Herr hat vergessen, wie es ihm einst gegangen und denkt nicht daran, daß er einst Rechenschaft ablegen muß über die Art, wie er seinen Reichthum erworben ; man darf's zwar nicht öffentlich sagen, weil es heißen könnte: beweisen, und Kankoffer: Segen rc. Z 34 man kann Vieles bei Gericht nicht beweisen, was doch die Spatzen auf dem Dache pfeifen. Ich glaube, der schönste Beweis für die Handlungsweise des Menschen ist die öffentliche Meinung der Rechtschaffenen; sie folgt der Tugend und dem Laster getreu, wie der Schatten dem Körper. Man erzählt sich ja allgemein, daß dieser liebenswürdige Störefried vor etwa zwanzig Jahren, man weiß nicht aus welchem fremden Lande, nach Wien kam; denn Gott sei Dank, er und sein Hausmeister sind keine Wiener. Die als gemüthlich, wohlthätig und lebensfroh weit und breit bekannte Kaiserstadt müßte vor Scham bis über die Ohren roth werden, wenn sie so edle Seelen ihre Kinder nennen müßte. Sein ganzes Habe, das er nach Wien brachte, erzählen die Leute, war in einem schleusigen Schnupftuch eingewickelt. Er unternahm verschiedene Geschäfte, doch es ging nirgends vorwärts. Da trat er endlich bei einem reichen, aber leichtsinnigen jungen Mann in Dienst und besorgte ihm alle Geschäfte; der Dienstherr kam bald an den Bettelstab, der Diener aber hatte sich in diesem Dienste so viel erworben, daß er auf eigene Rechnung Geschäfte machen konnte. Er lieh Geld aus gegen Wucherzinsen auf Pfänder; wer das Pfand mit der Minute nicht ernlöste, für den war es verfallen, und so erwarb er ein bedeutendes Vermögen." „Als der frühere Hauseigenthümer starb, mußten seine Erben wegen der Theilung dieses Hauses dasselbe verkaufen, der gegenwärtige Eigentümer kaufte es nach dem Zinserträgnisse um einen Spottpreis." 35 „Bei dem früheren Eigenthümcr war der Zins auf dem Papiere fehr billig gestellt, in der Wirklichkeit zahlte der Hauseigenthümer oft noch auf diesen; denn er schenkte gewöhnlich den Zins armen Parteien und unterstützte sie noch. Der gegenwärtige Hauseigenthümer ließ alle Holzlagen, Schupfen, Kammern in Wohnungen umgestalten, flickt fortwährend am Hause, steigert die Wvhnparteien und prahlt, wie es seinem Unternehmungsgeist und seiner Ordnungsliebe gelungen sei, bei diesem Hause das Kapital mit fünfundzwanzig Procenten zu verwerthen." „Bei dem früheren Hauseigenthümer bewohnte Leopold mit seiner Mutter im ersten Stock ein lichtes, geräumiges Zimmer. Das dunkle, feuchte Zimmer, das die Unglücklichen jetzt bewohnen, war früher eine Hvlzlage." Bei dieser Erzählung kam die gute Nachbarin, welche die Kranke während der Abwesenheit des Sohnes pflegte, aus dem Kämmerlein der Kranken, wohin sie gegangen war, um der Unglücklichen die Trauerbotschaft zu hinierbringen, daß ihr Sohn auf Anordnung des Hauseigenthümers zu Gericht geführt und um sie zu trösten. Dann sprach sie zu Hellmuth: „Was Ihr da erzählet, guter Franz, das wissen wir Alle, das nützt aber den Unglücklichen wenig, hier ist schnelle Hilfe nothwendig, der Hausherr hat mit Pfändung und Schuldenarrest gedroht und seiner Hartherzigkeit wird es nicht schwer fallen, diese Drohung in Erfüllung zu bringen." „Schnelle Hilfe ist hier nothwendigsprach Hellmuth nachdenkend, dann sammelte er sich und sprach zu den Anwesenden: „Ihr guten Leute, die Ihr da versammelt seid, Ihr kennt Alle den braven Sohn und das Unglück dieser Familie, Ihr seid alle Wienerkinder und habt daher das Herz am rechten Fleck. Armuth findet so häufig den besten Freund bei ihres Gleichen. Wir Alle haben zwar keinen Ueberfluß, aber unsere Lage ist doch noch glänzend zu nennen gegen die bittere Noth dieser Unglücklichen. Veranstalten wir für die Hartbedrängten unter uns eine Sammlung; ich mache den Anfang." Bei diesen Worten nahm er seine Haube herunter und leerte in diese ungezählt seine Barschaft aus dem Geldbeutel. Mit Freude begrüßten die Anwesenden diesen Vorschlag und Alle, selbst Dienstboten und Kinder trugen ihr Scherflein in Kupfergeld und kleiner Silbermünze bei. Hellmuth überzählte dann das Geld und sagte: „Es sind sechs Gulden und sechsunddreißig Kreuzer beisammen. Wenn aber das Geld nicht hinreicht zur Deckung der Forderung des harten Mannes, was dann.." Da drängte sich aus der Gruppe eine alte Taglöhnerin und sprach: „.. . Dann wollen wir von unserm Taglohn und Verdienst alle Samstag nach Möglichkeit beisteuern, bis wir den Hausherrn befriedigen; ihm und uns wird der Segen Gottes gewiß nicht ausbleiben." Gegen die Anwesenden gewendet, sprach das alte Mütterchen: „Nicht wahr, Ihr seid Alle mit meinem Vorschlag einverstanden; wir bürgen Einer für Alle und Alle für Einen; wir werden auch die unglückliche Familie nach Kräften unterstützen, bis ihr Gott hilft." Die Anwesenden riefen alle einstimmig: „Wir nehmen den Vorschlag an und wollen uns selbst vom Munde die kargen Bissen absparen und unser Wort getreu halten." Hellmuth übersah die Gruppe mit freudigem Blicke, wischte sich die Thräneu ab und sprach: „So handeln Wiener-Kinder. Sorgt für die Kranke, ich gehe mit dem Gelde zu Gericht; dort werde ich gewiß Menschenfreunde finden und die Sache wird gut ablaufen." Hellmuth trat in das Gerichtszimmer und hörte, wie Störefried Genugthuung für seinen beleidigten Hausmeister, den Miethzins und — falls dieser nicht gleich bezahlt wird — die Pfändung oder Schuldenarrest verlangte. Der Gerichtsbeamte verwies dieses heftige Benehmen mit Ernst und Würde und sagte: „Ueber die angeblich dem Hausmeister zugefügte Beleidigung, der übrigens wegen seines rohen Benehmens bei Gericht bekannt ist, müssen alle Amstände früher genau erhoben und untersucht werden. Jetzt wird nur über den Miethzins verhandelt." Der Gerichtsbeamte fragte Leopold, ob er den Miethzins zahlen könne. Leopold senkte den Blick zu Boden und verneinte diese Frage. 38 Da trat Hellmuth vor und sprach in ehrerbietigem Tone zu dem Gerichtsbeamten: „Edle Menschen haben sich gefunden, die für die unglückliche Familie den Miethzins zahlen werden." — Und zu Störefried: „Wie viel beträgt ihre Forderung?" „Mit dem Rückstände für das verflossene und für das laufende Vierteljahr zwanzig Gulden." „Hier sind einstweilen sechs Gulden und sechsunddreißig Kreuzer; den Rest werde ich alle Samstag in Teilbeträgen abtragen, bis die ganze Schuld getilgt ist; ich leiste Bürgschaft." „Gute Bürgschaft, eines Gesellen," erwiderte Störefried spöttisch, „der heute Arbeit hat und morgen selbst brodlos sein kann. Ich fordere den Schutz des Gesetzes; ich muß Steuern und Abgaben zahlen, folglich habe ich auf diesen Schutz gerechten Anspruch." „Ich glaube, die Bürgschaft, die Hellmuth leistet, dürfte annehmbar sein," sagte der Gerichtsbeamte zu Störesried; „er ist als ein fleißiger Arbeiter und rechtschaffener Mann bekannt, er ist bei demselben Meister, bei dem er das Handwerk erlernte, seit einer Reihe von Jahren in Arbeit; gegen ihn ist noch nicht die geringste Klage erhoben; ich könnte Ihnen manchen schönen Zug aus seinem Leben erzählen, wo seine Bescheidenheit gewiß nicht daran gedacht, daß er zur Kenntniß des Gerichtes gelangte." Auf diese Vorstellung antwortete Störefried trocken: „Ich will mein Recht haben, finde ich es hier nicht, so werde ich es höhern Orts suchen." 39 „Nun denn, wenn Ihnen das Wort eines Gesellen, dem das löbliche Gericht ein gutes Zeugniß gibt und auf das ich stolz bin, für ihre Forderung nicht hinreichende Bürgschaft gibt, hier ist meine Uhr und mein Ring." Bei diesen Worten zog er eine große silberne Uhr aus der Westentasche und vom Finger einen massiven Siegelring von gleichem Metall und sprach: „Es sind theuere Andenken von meinem verstorbenen Vater, diese dürften den Rest Ihrer Forderung decken; wenn ich dieses Pfand von morgen an über vierzehn Tage nicht auslöse, so verfällt es und geht in ihr Eigenthnm über." „Ich brauche kein Pfand; ich will mein Geld und mein Recht haben." „So? Sie wollen kein Pfand annehmen und doch erzählen sich die guten, bösen Leute, daß Sie in dieser Richtung bedeutende Geschäfte gemacht und vielleicht noch machen," erwiderte Hellmuth. „Keine Beleidigung," schrie Störefried heftig, „sonst werde ich mir Genugthnung zu verschaffen wissen." ' „Der Richter gebot beiden Theilen mit Ernst Ruhe und suchte Störefried mit Hinweisung auf die drückende Noth-dcr unglücklichen Familie und auf die hinreichende Bürgschaft, die ein rechtschaffener, fleißiger Geselle für die Forderung geboten, zur Nachgiebigkeit zu stimmen, doch Alles war vergebens; Störefried bestand auf seinem Rechte, und als der Richter, dessen Auge bei dieser Scene nicht trocken blieb, mit 40 edlem Unwillen sich anschickte das Urtheil zu fällen^ da trat ein Mann, der an der Schwelle der offenen Thüre des Commissionszimmers stand und Zeuge der ganzen Verhandlung war, vor den Richter und nannte seinen Namen. Der Richter reichte ihm freundlich die Hand und sprach: „Ich kenne den Maurermeister Berghold sehr wohl, Sie gehören zu den achtbarsten Bürgern unseres Vorstadtgrundes." Und Berghold sprach: „Vor Allem danke ich Ihnen, mein Herr, recht herzlich für die gute Meinung, die Sie über meinen braven Hellmuth geäußert, er verdient diese in jeder Hinsicht." Und gegen Störefried gewendet: „Hier ist der vollständige Miethzins, die unglückliche Familie bleibt in der ungesunden Wohnung nur noch so lange, bis der Arzt erlaubt, die kranke Frau ohne Gefahr für ihre Gesundheit in meine Wohnung zu bringen." „Hellmuth!" sprach Bcrghold weiter, „Du bist nahe an zwanzig Jahre in meinem Hause; Du hast bei mir das Handwerk erlernt und als Geselle freigesprochen, bist Du bei mir in Arbeit geblieben; Du bist mein bravster Arbeiter, Du hast mir nie Veranlassung zur Unzufriedenheit gegeben; ich glaube auch Du wirst keine Ursache haben, über mich zu klagen. Unser gegenseitiges Verhältniß war zwar nicht wie gewöhnlich jenes des Gesellen zum Meister, doch warst Du Diener und ich Brod- und Arbeitgeber. Ich bin mit Deinem Vater von Kindheit aufgewachsen, wir haben beide bei demselben Meister unser Handwerk erlernt, viele Jahre als Gesellen neben einander auf demselben Gerüste gearbeitet; 41 er war ein rechtschaffener Mann, ein tüchtiger und fleißiger Arbeiter; es kamen aber viele unverschuldete Unglücksfälle über ihn, er konnte sich nicht als selbstständiger Meister etabliren, er hat Dir nichts als einen ehrlichen Namen zurückgelassen und das ist gewiß das schönste Erbtheil. Ich bin zwar nicht reich, aber Gott hat mir so viel Segen verliehen, daß ich mit meiner guten Gattin anständig und sorgenlos leben kann. Unsere beiden Söhne hak Gott zu sich genommen, wir sind allein. Einen reichern Ersatz für die eigenen Kinder hätte mir die göttliche Vorsehung nicht geben können, als sie mir in Dir gab. Du bist von diesem Augenblicke an mein Sohn; ich übergebe Dir mein Geschäft, pflege mich und meine gute Gattin in unfern alten Tagen mit kindlicher Liebe." Störefried und der Hausmeister standen ganz verblüfft da und glotzten ihre Umgebung mit stierem Blicke an. Da sprach der Richter im ernsten Tone zu Störefried: „Ihre Forderung ist befriedigt, Sie haben keine Ansprüche mehr auf diese unglückliche Familie. Die Klage wegen des Excesses wird genau erhoben und der Schuldige nach der vollen Strenge des Gesetzes bestraft, jedoch dabei die im Gesetze begründeten Rücksichten der Billigkeit genau erwogen. Beide Parteien haben am Montag um zehn Uhr Vormittags mit ihren Zeugen in diesem Commissionszimmer zu erscheinen; bis dahin empfehle ich beiden Theilen sich ruhig zu verhalten." — Leopold stand bei diesem so unerwarteten Wechsel 42 seiner Lage wie versteinert da; er suchte vergebens nach Worten, um seinen großmüthigen Wohlthätern den Dank abzustatten. Hellmuth nahm ihn unter den Arm und führte ihn fort; Berghold folgte nach. Auf der Gasse gab Berghold dem Hellmuth eine Summe Geldes, um die Schulden, die die unglückliche Familie allenfalls hätte, zu zahlen und die dringendsten Bedürfnisse zu decken, empfahl ihm dafür Sorge zu tragen, daß die kranke Frau so bald als möglich aus ihrer bisherigen Wohnung fortgebracht werde und ging seinen Geschäften nach. Berghold gieng seinen Arbeitern nachzusehen, die in Störefrieds Haus beschäftigt waren; dort erfuhr er, von diesen und - von den Wohnparteien den Vorfall, und eilte sogleich zu Gericht, wo er Zeuge der Verhandlung war. Hellmuth begleitete Leopold zur kranken Mutter, bei der einige Nachbarinen versammelt waren und die Kranke mit der liebevollsten Theilnahme trösteten. Leopold war über den glücklichen Wechsel seiner Lage vor Freude so sehr ergriffen, daß er der Mutter den Vorfall nur in unzusammenhängenden Worten erzählen konnte. Diese faltete die Hände und sprach: „Siehst Du, mein Kind, wie sich Gott unser in der bittersten Noth erbarmt und uns großmüthige Wohl- thäter gesendet; darum soll der Mensch nie im Unglück verzagen und auf Gott sein ganzes Vertrauen setzen, denn wer auf Gott vertraut, der hat wohl gebaut. — Gott ist die Liebe. 43 Es lebt ein Gott, der Menschen liebt, Ich seh's, wohin ich blicke; Am Nebel, der den Himmel trübt, So wie am Sonnenblicke. An jeder dunklen Erdennacht, Wenn auch kein Stern mir leuchtet; Am Monde, wenn er freundlich lacht, Und meinen Pfad erleuchtet. Ich seh's, wenn Donnerwolken glüh'n, Und Berg und Wald bewegen, Ich seh's, wenn sie vorüberzieh'n Am sanften Sommerregen. Nicht nur, wenn Frühlingslüfte weh'n, Wenn Laub und junge Blüthe, Nicht nur, wenn reife Saaten steh'n, Seh' ich des Schöpfers Güte. Ich seh' sie auch, wenn tiefer Schnee Die starre Flur bedecket, Und brausend von des Himmels Höh' Der Sturm den Mond verschrecket. Ich seh' sie heiter oft im Glück, In tausend, tausend Freuden, Es sieht sie mein bethränter Blick Auch in den längsten Leiden. Es lebt ein Gott, der Menschen liebt, Ich seh's, wohin ich blicke; Und wenn sich auch der Himmel trübt, So dients zu meinem Glücke. " Als Mutter und Sohn sich gefaßt, sprach die Mutter: 44 „Lieber Leopold, gehe hin und zahle mit dem Gelde, das unser großmüthiger Wohlthäter für uns bestimmt, die Schulden, die Du für Deine kranke Mutter gemacht; die guten Leute haben lange genug mit uns Geduld gehabt." Leopold entfernte sich, um den Auftrag der Mutter zu erfüllen; Hellmuth blieb bei der Kranken, um sich mit dem Arzt zu berathen, der gewöhnlich gegen die Mittagsstunde kam, ob die kranke Frau in eine andere Wohnung gebracht werden dürfte. Nach Verlauf von etwa einer halben Stunde kam Leopold zurück und erzählte voll Verwunderung, Bäcker, Fleischhauer und Greisler wollen von ihm kein Geld annehmen und haben ihn aufgefordert, sobald er wieder für die kranke Mutter etwas braucht, nur zu kommen; sie seien bereit ihm zu helfen. Tief gerührt sprach Hellmuth: „Daran erkenne ich meine guten Landsleute, sie sind echte Wienerkinder." Der Vorfall verbreitete sich wie ein Lauffeuer, in dem Munde Aller ertönte Lob für den dankbaren Sohn, für den braven Hellmuth und für die guten Leute, die selbst arm, ihren letzten Heller hergegeben hatten, um eine noch ärmere Familie in der drückenden Noth zu unterstützen. Man hörte den bittersten Tadel gegen den hartherzigen Störefried; es wurden haarsträubende Geschichten über seine Habsucht und seine Wuchergeschäfte erzählt. Einige wohlhabende Familien erboten sich den Unglücklichen Hilfe zu leisten. 45 Hellmuth dankte verbindlich für diese Theilnahme und sagte, sein Herr habe die Sorge für Mutter und Sohn übernommen. Gegen zwölf Uhr Mittags kam der Arzt und erklärte, daß die Kranke ohne Gefahr an dem schönen, warmen Frühlingstage in einer Sänfte in die für sie bestimmte Wohnung gebracht werden kann und nach Verlauf von zwei Stunden befand sich die Kranke mit ihrem Sohne in einem geräumigen, gut eingerichteten Zimmer. Hellmuth empfahl sich von den Glücklichen und versprach nach dem Feierabend wieder zu kommen. Als Hellmuth am Abende kam, fand er Leopold sehr verstimmt, nachdenkend und trübsinnig. Um die Ursache befragt, äußerte Leopold seine Besorgniß über die Folgen seines Auftritts mit dem Hausmeister und meinte, so viel Theilnahme ihm auch der Beamte gezeigt, so hat er doch die Worte scharf betont: daß die Sache genau erhoben und der Schuldige nach aller Strenge des Gesetzes bestraft wird. „Vergessen Sie aber auch nicht des Nachsatzes, den der edle Mann noch mehr als den Vordersatz betonte," erwiderte Hellmuth, „daß hiebei die im Gesetze begründeten Rücksichten der Billigkeit nicht außer Acht gelassen werden und ein Richter, dem bei Ihrer Noth das Auge nicht trocken blieb, und der gegen Ihren harten Gläubiger den Unwillen nicht unterdrücken konnte, wird Rücksichten der Billigkeit für einen Sohn finden, der die kranke Mutter gegen Roheit vertheidigte und dabei vielleicht weiter ging, als es menschliche Gesetze straflos erlauben. 46 Hellmuth blieb einige Stunden bei der nun glücklichen Familie und versprach den folgenden Tag, der ein Sommertag und er von der Arbeit frei war, bei seinen lieben Freunden, wie er Mutter und Sohn nannte, zuzubringen. Am folgenden Tage nach dieser Scene, stand Frank zeitlicher wie gewöhnlich auf, kleidete sich schnell an und sagte zu seinem Diener: „Michel, heute sind es acht Tage, daß wir in unserer geliebten Vaterstadt angekommen sind; diese acht Tage sind mir so schnell vergangen, daß ich kaum Zeit fand, nach meiner guten Schwester Therese und ihrem Sohn Leopold genaue Nachforschungen anzustellen. Der heutige Tag ist als der letzte meinen Geschäften gewidmet, von morgen an ist meine ganze Zeit nur der heiligen Pflicht gegen meine Schwester und ihren Sohn geweiht; finde ich diese edlen, meinem Herzen so theuern Wesen, dann will ich mit ihnen mich des reichen Segens, den mir Gott verliehen, erfreuen, dann bin ich wahrhaft glücklich; hat Gott Mutter und Sohn zu sich berufen, dann werden wir, lieber Michel, nach unserm Wanderstab greifen und uns in der Fremde für unsere letzten Lebenstage eine Heimat suchen; denn dann würde selbst meine geliebte Vaterstadt für mich freudenleer sein. Ich habe mich für den heutigen Tag mit mehreren Jugendfreunden zu einem Ausflug über Land verabredet und werde wahrscheinlich erst in später Abendstunde heimkehren, siehe Du auch zu, wie Du den heutigen Tag ohne Langeweile zubringst." 47 Die Landpartie ward zu Fuß über den Kahlenberg nach Klosterneuburg unternommen. An diesem Ausflug nahm auch der Gerickitsbeamte Theil, der am gestrigen Tage mit Leopold, Störefried und dessen Hausmeister die Verhandlung gepflogen. Als die fröhliche Gesellschaft zu Mittag im Gasthause an einem besonderen Tische saß und sich über verschiedene Gegenstände im lebhaften Gespräch unterhielt, erzählte der Beamte die Verhandlung mit Leopold und wie den Unglücklichen durch den braven Gesellen Hellmuth geholfen wurde. Er spendete dem guten Sohne und dem Wohlthäter der Unglücklichen viel Lob und ließ im gerechten Unwillen manches Wort des Tadels gegen den hartherzigen Hauseigenthümer und den rohen Hausmeister fallen. Frank horchte der Erzählung mit Aufmerksamkeit zu und fragte dann hastig: „Um Vergebung, wie heißt der gute Sohn und dessen unglückliche Mutter?" „Die Mutter heißt Theresia Müller und ihr Sohn Leopold," erwiderte der Beamte. „Theresia Müller? Leopold?" wiederholte Frank oft, dann versank er in tiefes Nachdenken und nahm an der Unterhaltung der fröhlichen Gesellschaft nur geringen Antheil, Nach Tisch schloß sich Frank an den Beamten an, erzählte ihm in allgemeinen Umrissen seine Erlebnisse und sagte, daß seine Schwester, die er vor fünfzehn Jahren in Wien verlassen, Theresia Müller und ihr Sohn Leopold heiße. Er bat, ob er über diese Familie 48 in unauffälligem Wege näheren Aufschluß erhalten könnte und meinte, er wolle nicht gleich mit direkten Nachfragen auftreten, denn der Name Müller sei zu allgemein und er möchte nicht gern eine hart geprüfte Familie mit leeren Hoffnungen täuschen, wenn sie nicht jene wäre, die er sucht." Der Beamte erwiderte: „Da es sich hier um einen edlen Zweck und nicht um Neugierde handelt, so bin ich bereit, Ihnen auf eine ganz unauffällige Weise die gewünschten Daten über alle Verhältnisse dieser Familie zu geben. Kommen Sie morgen in mein Commiffionszimmer um zehn Uhr Vormittags, ich werde Ihnen an einem Schreibtische Platz anweisen und Ihnen einige Schriften geben, in denen Sie blättern und lesen können, als wenn Sie eine Amtsperson wären, indeß werde ich den jungen Mann, der um zehn Uhr Vormittags zur Verhandlung bestellt ist, in das Commiffionszimmer allein vorrusen und ihn über alle seine Fami- lienverhältniffe umständlich ausfragen."—Frank nahm diesen Antrag mit Dank an. Um zehn Uhr erschien im Commiffionszimmer ein junger Mensch, dessen bleiche eingefallene Wangen, schüchterner Blick und stark abgenützte Kleider die Dürftigkeit seiner Lage beredter als Worte schilderten. Der Beamte empfing ihn freundlich, sprach einige Worte des Trostes zu ihm, hieß ihn Platz nehmen und bedeutete ihm, daß er vor Beginn der eigentlichen Verhandlung, wegen der er vor Gericht vorgeladen sei, ein wahrheitsgetreues Bild über alle seine Lebensver- 49 hältnisse entwerfen müsse nnd dabei keinen wesentlichen Umstand verschweigen dürfe. Frank warf auf den Jüngling einen Seitenblick und sprach sichtlich aufgeregt mit leiser Stimme: „Er ist's, ich erkenne ihn an den Gesichtszügen, an dem Blick; doch ich kann mich täuschen," und blätterte mit Aufmerksamkeit in den vor ihm liegenden Schriften. Leopold nahm Platz und sprach tief aufseufzend: „Ein getreues Bild über meine Lebens- und Familienverhältnisse wird die nicht vernarbten Wunden meines Herzens aufreißen, doch ich muß gehorchen." „Ich kann über meine und meiner Mutter Verhältnisse nur das erzählen, was ich theils aus ihrem Munde gehört, theils mit ihr erlebt habe." „Mein Vater war ein landesfürstlicher minder besoldeter Beamte in einer Kreisstadt. Als die waffenfähigen Söhne Oesterreichs für das theure Vaterland und den Thron in ihrer für Beide angestammten Treue zu den Waffen griffen gegen die französische Blutherrschaft, die sich wie ein Würgengel über Europa auszubreiten begann, konnten meinen Vater weder die Bitten, noch die Thränen meiner Mutter abhalten; er scharte sich unter die Fahne der muthigen Kämpfer für die gerechte, heilige Sache, und fand in der mörderischen Schlacht bei Ebersberg den Heldentod. Sterbend reichte er einem seiner Freunde und Waffengefährten diesen Ring, den ich an meinem Finger trage, und den ich mit mir in's Grab nehmen werde, und bat ihn, er möchte diesen meiner Mutter für mich als Andenken übergeben. Kankoffer: Segen rc. 4 50 Ich war damals zwei Jahre alt. Die letzten Worte meines Vaters waren, so erzählte sein Freund: Bitte meine gute Therese, sie möchte meinen geliebten Leopold in Tugend, Frömmigkeit, Rechtschaffenheit und in unerschütterlicher Treue für den Thron und das Vaterland erziehen, und meiner gedenken, bis wir uns jenseits wieder vereinigen. Meine Mutter bekam keine Pension, denn mein Vater hatte erst vier Jahre gedient. Meine Mutter, eine Vater- und mutterlose Waise, hatte einige tausend Gulden nach ihren Aeltern geerbt. Ihr Bruder betrieb in der Residenz den Getreidehandel. Nach dem Tode meines Vaters machte der Bruder meiner Mutter den Antrag, zu ihm zu kommen; er meinte, ein gemeinschaftlicher Haushalt, da er ledigen Standes war, wäre für beide Theile vortheilhaft. Meine Mutter nahm den Antrag an und gab ihr Erbe dem Bruder in's Geschäft, das dieser mit dem besten Erfolg betrieb. Mißlungene Unternehmungen, Unredlichkeit seiner Geschäftsfreunde brachten meinen Oheim um das eigene Habe und um jenes meiner Mutter; er war zahlungsunfähig, gepfändet, er konnte die Schande, seinen Namen, der geachtet war, nun obwohl unverschuldet, gebrandmarkt zu sehen, nicht ertragen, und verließ mit seinem treuen Diener Michel Wien und wir haben seit fünfzehn Jahren von ihm nichts gehört. Ich war damals fünf Jahre alt. Meine Mutter, plötzlich aus behaglichen und sorgenfreien Verhältnissen in arge Noth gebracht, verschaffte für sich und mich durch Händearbeit kümmerlichen Lebensunterhalt. Ich besuchte 51 Lie Pfarrschule, mein Religionslehrer, Jugendfreund meines Vaters, nahm sich unserer mit warmer Theil- nahme an und unterstützte uns, so viel es ihm seine höchst bescheidenen Vermögensverhältnisse gestatteten. Ich hätte sehr gerne studirt, allein meine Mutter war nicht im Stande mich zu unterstützen, und ich mußte daran denken, sobald als möglich etwas zu verdienen. Ich mußte der heiligen Kindespslicht meine Neigungen und Wünsche unterordnen. Als ich die in der Pfarrschule vorgeschriebenen Lehrgegenstände erlernt, setzte mein Religionslehrer den Unterricht zu Haus mit mir fort und versprach durch seine Freunde mich mit der Zeit in einer Kanzlei als Schreiber unterzubringen. In meinem vierzehnten Lebensjahre brachte er mich in die Kanzlei des Advokaten Ehrenreich, der für mich nicht Dienstgeber, sondern Lehrer und Wohlthäter war. Er empfahl mich edlen Menschen, die mir in meinen, von den bei ihm übernommenen Verpflichtungen freien Stunden, manchen Verdienst verschafften; durch seine Verwendung bekam auch meine Mutter Arbeit. So lebten wir gegen Nahrungssorgen gedeckt, vergnügt und waren zufrieden. Seit sechs Monaten liegt nun meine Mutter krank an der Gicht, die sie sich in der feuchten Wohnung zugezogen; die Krankheit verursachte für unsere Verhältnisse bedeutende Auslagen. Vor zwei Jahren starb mein Religionslehrer und vor einigen Monaten mein großmüthiger Dienstgeber. Ich stand nun mit meiner kranken Mutter ganz allein und hilflos da; alle meine Bemühungen 53 wieder einen Dienst zu finden, blieben erfolglos. Mein ganzer sehr geringer Verdienst beschränkte sich darauf, daß ich einigen Gewerbsleuten Kontos schrieb und die Vormerkung über ihr Geschäft führte. Ich konnte die dringendsten Auslagen unsers Haushalts nicht decken, für die Pflege der kranken Mutter nicht .gehörig sorgen. Der Arzt, ein edler Menschenfreund behandelt meine Mutter unentgeltlich, besorgt die Arzneien und läßt uns noch manchen Gulden zukommen; viel kann er nicht thun, denn er widmet seine Zeit und Wissenschaft meist der Armnth. Ich konnte für das verflossene Vierteljahr nicht den ganzen Mieth- zins zahlen. Ich hoffte einen Verdienst zu finden, doch meine Hoffnung hat mich bitter getäuscht. Der Hausmeister kam am Samstag und forderte den Rest des Miethzinses für das verflossene und für das kommende Vierteljahr. Ich hatte nur einen Gulden, der Rest des großmüthigen Geschenkes des Arztes. Schmerz und Kummer nagten bitter an meinem Herzen, meine Sinne waren betäubt; ich und meine Mutter baten um Nachsicht, unsere Bitte wurde mit beleidigenden Worten und Drohungen erwidert, unsere Noth gehöhnt. Ich ertrug Alles mit Geduld, als aber der Hausmeister meine kranke Mutter mit rohen Ausdrücken beleidigte, und ihr mit geballter Faust drohte, da gerieth mein Blut in gewaltige Aufwallung, ich konnte diese einer so tief gebeugten Mutter zugefügte Beleidigung nicht ertragen; ich schaffte den Beleidiger meiner Mutter mit Gewalt aus dem Zimmer. Den Lärm auf 53 -cm Gange habe ich nicht verursacht. Ich kam zur Besinnung und ließ mich wehrlos vom Hausmeister an die Wand drücken, bis mich Hellmuth aus den Händen dieses rohen Menschen befreite. Ich habe Alles wahrheitsgetreu erzählt, ich erkenne, daß mein Betragen gegen den Hausmeister nicht ganz gerechtfertigt werden kann, ich bereue es und bitte um Nachsicht, doch muß ich hinzufügen, daß ich bereit bin, meine Mutter gegen jeden Angriff auch mit meinem Leben zu vertheidigen." Frank saß am Tisch vor den Schriften, blätterte in diesen hastig, und als Leopold seine Erzählung geendet, stand er auf, trat vor ihn hin und sprach mit betonter Stimme: „Die eigentliche Quelle Ihres und Ihrer Mutter Unglück ist Ihr Oheim; er hat das Geld der Schwester leichtsinnig verputzt — und dann das Weite gesucht." „Urtheilen Sie, mein Herr, über einen Mann nicht so hart, den Sie nicht kennen," erwiderte Leopold ernst; „ich weiß mich an meinen Oheim ziemlich genau zu erinnern; ich war damals fünf Jahre alt, als ihn das Unglück traf. Er liebte mich wie sein eigenes Kind. Meine Mutter spricht mit Achtung und zärtlicher Liebe von ihrem Bruder; sie erzählt oft, wie unredliche Menschen, die er nach seinem biedern Charakter be- urtheilt und denen er Vertrauen geschenkt, ihn und mich mit der Mutter in's Unglück gebracht haben. Meine Mutter ist mit Lob nicht allzu freigebig; sie lobt nur das wahrhaft Gute; was sie nicht loben kann, das 54 entschuldigt sie und kann sie auch dieß nicht, so schweigt sie. Meine Mutter hat mich gelehrt, das Andenken meines Oheims zu ehren; ich bleibe ihrer Lehre, so wie in allen Stücken, auch hierin treu. „Du getreues Bild eines für eine gerechte und heilige Sache im ehrenvollen Kampf gefallenen Vaters und einer edlen Mutter," erwiderte Frank und wischte sich dabei die Thränen ab, die wie Perlen über seine Wangen hinabrollten. „Dein Oheim, Deiner guten Mutter Bruder steht vor Dir, Eure Noth hat ein Ende, Gott hat mir reichen, sehr reichen Segen verliehen, dieser ganze Segen gehört Deiner Mutter und Dir; Eure Liebe ist mein einziges Glück hiernieden." Und gegen den Gerichtsbeamten gewendet: „Herr, üben Sie an diesem edlen Menschen Gnade; er hat sich vielleicht gegen die menschlichen Satzungen vergangen, sein Fehler findet vor Gott und jedem edlen Herzen Entschuldigung und erscheint in den Augen Redlicher vielleicht als Tugend; der Sohn hat seine Mutter gegen rohe Beleidigung vertheidigt und so nur die heilige Kindespslicht geübt." Tief gerührt erwiderte der Richter: „Beruhigen Sie sich, nehmen Sie wieder Ihren Platz ein, die Sache wird bald abgethan." Dann wurde der Hausmeister, Hellmuth und einige Nachbarsleute vorgerufen, die über den Auftritt auf dem Gange Aufschluß geben konnten. Sie bestätigten Leopolds Aussage. Dem Leopold wurde bedeutet, daß er zwar gefehlt habe, indem er gegen die 55 seiner Mutter zugefügte Beleidigung selbst sich Genug- thuung zu verschaffen suchte, doch die Umstände, unter denen dieß geschah, verdienen billige Entschuldigung; es wurde seiner treuen Kindesliebe Lob gespendet und ihm bedeutet, in Hinkunft in ähnlichen Fällen den Schutz des Gesetzes zu suchen. Der Hausmeister, der wegen seines rohen und excessiven Benehmens gegen Wohnparteien und gegen Andere im trunkenen Zustande sehr oft abgestraft wurde, entging der gerechten Strafe nicht, und er wurde nach überstandener Strafe als unverbesserlicher Trunkenbold von Wien in seine Heimat abgeschafft. Frank dankte in den herzlichsten und rührendsten Worten dem Richter für die ihm erwiesene Gefälligkeit und für das Wohlwollen gegen seinen Neffen. Leopold stellte seinem Oheim Hellmuth als seinen Wohlthäter vor und nun eilten alle drei hoch beglückt, um der Mutter und Schwester die frohe Botschaft zu hinterbringen. — Die Freude des glücklichen Wiedersehens nach fünfzehnjähriger Trennung, den innigsten und rührendsten Dank zu Gott über die so wunderbare Fügung seiner unendlichen Vatergüte mag man wohl empfinden, beschreiben lassen sich solche Gefühle nicht. Als sich Bruder und Schwester von der ersten Freude erholt, bezeichnte Frank dem Hellmuth, der Zeuge dieser Freudenscene war, den Gasthof, in dem er abgestiegen war und bat ihn, seinen treuen Diener Michel zu holen, um mit ihm diese Freude zu theilen, da er mit ihm bis jetzt Leid und Freud redlich getheilt. 56 - Nachdem sich die drei Glücklichen erholt und gesammelt, erzählte Frank seine Lebensschicksale; daß er nämlich, als er vor Schmerz und Verzweiflung über das schwere Unglück, das über ihn hereinbrach und das seine Schwester und ihren Sohn in's Mitleid gezogen, seiner Vaterstadt mit seinem Diener Michel ohne Plan und ohne Bestimmung den Rücken gekehrt und durch Zufall bis nach Hamburg gekommen sei. Dort habe er bei einem Getreidehündler Dienst gefunden. Da er dieses Geschäft in Wien einige Jahre geführt, daher Gelegenheit harte, über Bezugs- und Absatzquellen sich Erfahrungen zu sammeln, so verschaffte er dem Geschäfte bald eine große Ausdehnung und bedeutenden Gewinn. Sein Dienstgeber lohnte den Erfolg seiner Thätigkeit reichlich, und als er bald darauf ein zweites gleiches Geschäft in London errichtet hatte, nahm er ihn als Gesellschafter an und in London habe er sich in dem Zeitraum von zehn Jahren ein bedeutendes Vermögen erworben. Er sagte, daß er in den ersten Jahren an Freunde und Bekannte nach Wien geschrieben und sie um Auskunft über seine Schwester und ihren Sohn gebeten, aber auf keinen Brief eine Antwort erhalten habe. Da erwachte in ihm die Sehnsucht nach seinen theuern Angehörigen und seiner geliebten Vaterstadt, er habe sein Geschäft aufgegeben, und sich mit dem reichen Segen Gottes und mit seinem treuen Diener, den er nicht als solchen, sondern als seinen Freund betrachtet, nach Wien auf den Weg gemacht. Gottes wunderbare 57 Fügung und unendliche Vatergüte habe ihn zu den Seinigen geführt. Der Arzt, der Leopolds Mutter in der Krankheit behandelt und nach Kräften unterstützt, ward durch Franks Großmuth gegen Nahrungssorgen geschützt und er konnte seine Wissenschaft und seine Zeit ganz der Armuth widmen. Frank kaufte in der Nähe von Wien ein Haus mit einer Landwirthschaft. Beides übergab er als freies Eigenthum seiner Schwester und seinem Neffen. Hellmuth übernahm das Geschäft von seinem Dienstherrn. — Leopold und Hellmuth gründeten ein glückliches Familienleben, erfreuten sich eines reichen Segens Gottes und vergaßen im Glück der Armuth nicht. Das Sprichwort sagt: „Die Katze läßt das Mausen nicht, wenn sie noch so gut gefüttert wird." Störefried war mit dem bedeutenden, größtentheils auf unredlichem Wege erworbenen Vermögen nicht zufrieden. Habsucht verleitete ihn zu betrügerischen Wuchergeschäften. Er fiel der Strafjustiz in die Hände. Louise, seine einzige Tochter, ein Muster weiblicher Schönheit und Tugend, die noch im zarten Kindesalter ihre Mutter durch den Tod verlor, starb in der Blüthe ihres Alters — im achtzehnten Lebensjahre — aus Kummer über die Schmach ihres Vaters am gebrochenen Herzen. Störefried lebte noch einige Jahre nach überstandener Strafe, von aller Welt als moralische Pest gemieden, kränklich und siech. Ihm folgte in's Grab keine Thräne des Dankes und der Liebe, wohl aber manche bittere und wehmüthige Erinnerung der Armuth, für die er nicht nur keine Theilnahme hatte, sondern sich auch kein Gewissen daraus machte, aus ihrem blutigen Schweiß seine Schätze zu prägen. Lachende Erben theilten sich in seinen Mammon, dem er Seelenheil, Gemüths- ruhe und Ehre geopfert, dessen Besitz ihm keine Lebensfreuden, wohl aber Kummer, Sorge und schlaflose Nächte wegen Vermehrung und Bewachung bereitet hatte. II. Wie schön ist's, wenn ein Kind Der Eltern nie vergißt, Und stets für ihre Lieb' Durch Gegenliebe dankbar ist. Amalia, die zehnjährige Tochter eines reichen Gutsbesitzers in Amerika las eines Tages in einem Buche, welches über die Sitten, Gewohnheiten, Lebensart und Bildung der Völker unseres Erdballes handelte, und als sie auf die sehr ungünstige Schilderung des Charakters der Neger kam, von denen ihr Vater auf seinen ausgedehnten Besitzungen viele als Sklaven beschäftigte, fragte sie den Vater, ob denn die Neger wirklich so schlecht und zum Sklavendienst für die weiße Race der Menschen geboren wären, wie sie in diesem Buche geschildert werden. 59 „In dem wilden Zustande, in dem sie leben," erwiderte der Vater, „stehen sie uns Weißen weit nach ; wir behaupten durch die Lehre des Christenthums, durch Gesittung, Bildung und gegenseitigen Verkehr in der bürgerlichen Gesellschaft eine hervorragende Stellung gegen diese armen Geschöpfe, die aber nichts desto weniger unsere Brüder und Schwestern sind, und es ist wahrlich eine Schmach für uns Europäer, daß wir unsere moralische und geistige Ueberlegenheit nicht dazu gebrauchen, um diese unsere Mitbrüder, die der Allgütige mit denselben Vorzügen und Geistesanlagen, wie uns Europäer begabt und ihnen die nämliche Bestimmung gegeben, für diese heranzubilden, sondern sie aus schnöder Habsucht ihrer Menschenrechte berauben, und ihnen ein so hartes, die Menschheit entehrendes Sklavcnjoch aufbürden. Gottes Vatergüte hat uns Europäer so wie die Neger mit denselben geistigen Eigenschaften ausgestattet. Der Neger, der auf unfern Pflanzungen als Sklave arbeitet, ist so gut wie der Europäer bildungsfähig; er kann dankbar, treu, fleißig, arbeitsam sein; er wagt für den, der ihm Wohlthaten erweiset, selbst sein Leben. — Ich habe auf unfern Pflanzungen viele solche Beispiele erlebt. — Darum laß Dich, geliebte Amalia, durch das nicht irre leiten, was Habsucht und Lieblosigkeit über die unglücklichen Neger spricht und schreibt; begegne ihnen liebreich, wie Deinen Brüdern und Schwestern, und vergiß ja nicht, daß sie auf unsere Theilnahme und unser Wohlwollen schon darum einen um so größeren Anspruch haben. 60 weil wir unsere geistige Ueberlegenheit über sie aus schnöder Habsucht zu ihrem Unglück mißbrauchen." * * * Einige Wochen nach dieser Unterredung landete ein Schiff mit unglücklichen Negern, die an die Plantagenbesitzer als Sklaven verkauft wurden. Unter diesen Unglücklichen bemerkte der reiche Plantagenbesitzer Kor- bison, einen starken, von Gesundheit und frischer Jugendkraft strotzenden Jüngling. Neben diesem saß eine in Jahren vorgerückte, schwächliche Negerin, die ihr Auge, in dem Thränen des Schmerzes und der Wehmuth rollten, fest auf den Jüngling heftete. Makao, so hieß der Neger, richtete auf die schwächliche Negerin, die seine Mutter war, einen wehmuthsvollen Blick. Die Unglücklichen wurden an die Meistbietenden öffentlich versteigert. Um den starken Jüngling Makao stritten mehrere Käufer; endlich erstand ihn Korbison um einen hohen Preis. Die Mutter, die vor dem Käufer auf den Knieen lag und ihn inständig bat, sie vom Sohne nicht zu trennen, wollte der Käufer nicht einmal als unentgeltliche Zugabe auf die erkauften Sklaven vom Sklavenhändler annehmen. Makao warf sich ebenfalls dem Plantagenbesitzer zu den Füßen und bat ihn, er möchte seine Mutter nehmen und sie nicht vom Sohne trennen. Er versprach, die Arbeiten für sich und für die Mutter pünktlich und getreu zu verrichten. „Du wirst für Dich allein Arbeit genug haben; dieses alte, gebrechliche Weib würde mir nur zur Last fallen," erwiderte Korbison barsch. 61 „Makaia ist meine Mutter," sprach der Neger schluchzend; „die Trennung von ihrem Sohne wird sie das Leben kosten. Herr! nimm meine Mutter; Du sollst nie Ursache haben mit mir unzufrieden zu sein, wenn Du diese Bitte erfüllst." Der hartherzige Korbison ließ dem Unglücklichen Fesseln anlegen, und ihn fortführen. Zwei starke Männer konnten nur mit großer Anstrengung den Unglücklichen von seiner Mutter wegführen und er ertrug die vielen Peitschenhiebe, mit denen Korbison — wie er sagte — seine Widerspenstigkeit strafte, ohne Klage, ohne Murren. Die alte Negerin wurde einem andern Plantagenbesitzer, der ebenfalls Neger als Sklaven kaufte, unentgeltlich überlassen. Der trostlose Makao ward an einen andern, ebenfalls sehr starken Sklaven gefesselt und diesem unter Androhung schwerer Strafe die strengste Wachsamkeit auf seinen Unglücksgefährten zur Pflicht gemacht. Der junge Neger verfiel in Liefe Schwermuth, in seinen Mienen prägte sich der herbe Schmerz aus, der über die Trennung von seiner Mutter auf seinem Herzen lastete. Eines Tages, als Makao in brennender Sonnenhitze an dem Ufer eines großen Flusses, in dem viele Krokodille waren, arbeitete, hörte er vom jenseitigen Ufer einen melancholischen Gesang. Das letzte Wort des Gesanges „Makao" drang deutlich in sein Herz und Ohr; der Unglückliche erkannte an der Stimme seine Mutter; er rief so laut er konnte: „Makaia, geliebte 62 Mutter!" Sein forschender Blick erspäht am jenseitigen' Ufer eine weibliche Gestalt, die händeringend auf den Knieen lag und mit herzzerreißender Stimme rief: „Makao, Makao, mein geliebter Sohn!" Makao hatte in seiner Freude vergessen, daß er an seinen Unglücksgefährten mit schweren Ketten angeschmiedet war, den der Gesang und die Mutter Ma- kao's ganz gleichgiltig ließen. „Laß' mich zu meiner Mutter," bat Makao seinen Unglücksgefährten; „ich komme bald zurück und will dann meine und deine Arbeit verrichten." „Das laß ich bleiben," entgegnete der Andere, „unser Herr wird bald hieher kommen, und dann müßte ich mit Dir auch die Peitschenhiebe theilen, wenn ich deinen Wunsch erfüllen würde." Der Unglückliche, durch die abschlägige Antwort zur Verzweiflung gebracht, stürzt ans seinen Gefährten und versucht mit Gewalt die Fesseln zu sprengen. In diesem Augenblick erscheint der Sklavenaufseher, und versetzt dem armen Makao mit der Peitsche einige starke Hiebe über den Rücken. Makao ertrug den Schmelz ohne Klage, er gibt seiner Mutter durch Zeichen zu erkennen, daß er sie gesehen und geht an seine Arbeit. Die Nacht kam. Die Sklaven wurden in ihre Schlafstellen abgeführt; Alle begaben sich zur Ruhe, es herrschte die größte Stille auf der ganzen Pflanzung, nur Makao schloß kein Auge. Der Gedanke, seine Mutter noch einmal zu sehen, sie noch einmal zu umarmen, ließ 63 ihn nicht schlafen. Als sein Gefährte von der schweren Tageslast ermüdet, in festen Schlaf verfiel, zerbrach er die Fesseln, und schlich sich leise und geräuschlos fort. Als er an das Ufer des Flusses kam, wo er am Morgen seine Mutter sah , rief er halblaut: „Makaia!" und auf diesen Ruf erfolgte die Antwort: „Makao!" In demselben Augenblick ertönt in dem Flusse daß gräßliche Geschrei eines auf Beute lauernden Krokodills. Makao wußte es, daß in diesem Flusse viele Krokodille sich aufhielten; der Tod erschien unvermeidlich für den, der an diese gefährliche Stelle sich wagt; doch Makao hatte die Stimme seiner Mutter gehört, sie wartete auf ihn am jenseitigen Ufer, er fürchtet keine Gefahr, steigt geräuschlos in den Fluß, erreicht als gewandter Schwimmer glücklich das jenseitige Ufer, und stürzt seiner Mutter in die Arme, die vor Angst und Freude fast das Bewußtsein verloren hatte. Beide setzten sich auf einen Rasen und besprachen die Mittel und Wege zur Flucht, doch in diesem Augenblick stürzten zwei Männer über sie her, erfaßten sie und schleppten sie fort. Makao ward an seinen Herrn ausgeliefert, zur Strafe an den Händen und Füßen an einen dicken Pfahl angebunden und zu fünfzig Peitschenhieben auf dem entblößten Rücken verurtheilt. Die Strafe wurde zum abschreckenden Beispiel in Gegenwart der übrigen Sklaven vollzogen. Die gewaltige Peitsche zerfleischte den Rücken des Unglücklichen; da befahl Korbison mit dem Vollzug der Strafe einzuhalten und sprach: 64 „Makao! hast Du nicht gewußt, daß der Fluß von Krokodillen wimmelt, daß Du Dich der augenscheinlichsten Lebensgefahr ausgesetzet hast? Ich habe Dich um einen hohen Preis gekauft und muß daher sorgfältig über Dich wachen." „Herr!" erwiderte Makao, „am jenseitigen Ufer war meine Mutter, und um diese zu sehen und zu umarmen, will ich es mit allen Krokodillen aufnehmen. Herr! gib Deinem Sklaven die Mutter, er wird Dir treu dienen und Dich nie verlassen." Mit Hohn sprach Korbison: „Ich will von einem alten, gebrechlichen Weibe, das mir zur Last fallen würde, nichts wissen. Ueberlege es Dir wohl und versprich mir, daß Du Dich nicht mehr dieser Gefahr aussetzen willst, so erlasse ich Dir die übrigen Peitschenhiebe." Rasch und entschlossen erwiderte der Neger: „Makao hat nicht nöthig zu überlegen; er will lieber sterben, als getrennt von der Mutter leben." „Also willst Du Deinen Vorsatz nicht aufgeben?" fragte Korbison. „Nein, Herr! ich liebe meine Mutter vom ganzen Herzen, die mich so zärtlich und liebevoll von der frühesten Kindheit gepflegt, und ich kann sie in ihrem gebrechlichen und schwachen Alter nicht hilflos lassen. Ich fürchte Deine Peitschenhiebe und die Krokodille nicht, wenn ich nur meine Mutter sehen und sie trösten kann." . „Du eigensinniger Thor! Ich habe Dich um so schweres Geld erkauft — Du bist mein Eigenthum — 65 wie kannst Du Dich tollkühn einer augenscheinlichen Gefahr aussetzen, die mir Schaden bringen würde?" „Gib mir meine Mutter und Du sollst an mir den dankbarsten und treuesten Diener haben." „Nun wohlan, da Du so eigensinnig bist, so sollst Du Deine Strafe vollzählig erhalten; wagst Du Dich noch einmal in den Fluß, so wird die Strafe verdoppelt." Die Strafe ward vollzogen: Makao ertrug sie mit Standhaftigkeit und ohne Klage, und dann wurde er wieder an seinen Gefährten gefesselt, der auch gestraft wurde, weil er seinen Leidensgenossen nicht gut bewachte. Makao versuchte oft die Fesseln zu sprengen und die Wachsamkeit seines Aufsehers zu täuschen. Doch alle Versuche mißglückten und zogen ihm harte Züchtigungen zu. Endlich gelang es ihm in einer Nacht die Fesseln zu sprengen und zu entkommen. Er bewaffnete sich dießmal mit einem tüchtigen Knüttel gegen die Krokodille. Am Ufer des Flusses angelangt, rief er seine Mutter; doch die Mutter antwortete nicht — und in dem Augenblick, als er in den Fluß steigen will, schwimmt auf ihn zu ein Krokodill mit geöffnetem Rachen. Makao stürzt sich entschlossen mit seiner Keule auf das gefräßige Thier, vertreibt es nach einem hartnäckigen Kampfe, aus dem er eine tüchtige Bißwunde am rechten Schenkel davon trug, springt in's Wasser und erreicht glücklich das jenseitige Ufer. Er verbindet die Wunde mit Baumblättern, stillt das Blut und Kankoffer: Segen rc. S 66 schlägt den Weg gegen die Plantagenbesitzung ein, wo er seine Mutter zu finden hofft. In der Nähe der Häuser ward er von den Wächtern der Plantagenbesitzung angehalten und am Morgen vor den Plantagen« besitzer geführt. Aus die Frage, wer er sei und was er hier zur Nachtszeit suche, gab der Neger zur Antwort: „Ich heiße Makao, meine Mutter Makaia ist Eure Sklavin. Um sie zu sehen habe ich schwere und grausame Strafe von meinem Herrn erduldet und den Kampf mit dem Krokodill ausgenommen, das mich so übel zugerichtet hat;" — er zeigte seinen verwundeten Schenkel. „Wenn Ihr den unglücklichen Makao seinem Herrn abkaufen und ihn mit seiner Mutter vereinigen wollt, so wird er Euch noch einmal so viel arbeiten, als ein sonst sehr fleißiger Sklave zu leisten vermag." Der Plantagenbesitzer, Amaliens Vater, ein Mann von hochherziger Denkungsart und edlem Gemüth, durch die kindliche Liebe des Sklaven, die selbst der augenscheinlichen Lebensgefahr Trotz bot, tief ergriffen, sprach freundlich zu dem Unglücklichen: „Du sollst bei mir bleiben, ich will Dich Deinem Herrn abkaufen." Korbison gerieth in heftigen Zorn, als er die Flucht seines Sklaven und dessen schwere Verwundung erfuhr. Er beschloß ihn zum abschreckenden Beispiel der andern Sklaven auch strenger als zuvor zu strafen. Als aber der Plantagenbesitzer, der den Makao bei sich behielt, den vollen Preis, den er für den Sklaven gezahlt, ihm zu ersetzen sich bereit erklärte, nahm er 67 diesen Vorschlag an, weil er zweifelte, daß Makao von der schweren Wunde vollständig geheilt und wieder arbeitsfähig werden würde. Der Plantagenbesitzer ließ Makao sorgfältig pflegen, und er war nach einigen Wochen so weit hergestellt, daß er leichtere Arbeiten verrichten konnte. Makao war ein Muster für seine Unglücksgefährten; fleißig und unermödet bei der Arbeit, leistete er mehr als zwei gewöhnliche Sklaven. Die Abende brachte er bei seiner Mutter zu, die wieder heiter und vergnügt wurde, weil sie ihren Sohn bei sich wußte, und sie verrichtete mit Eifer die ihren Kräften angemessenen Arbeiten. Makao sprach oft zu der Mutter: „Unsere Arbeit ist schwer, unser Loos ist hart, doch ich bin meinem gegenwärtigen Herrn großen Dank schuldig, der gegen uns so gütig und wohlwollend ist, und ich kann ihm nur durch Fleiß und Treue den Dank abstatten. „Nach einigen Monaten besuchte Korbison mit seiner Familie den Herrn Makao's. Die Tochter Kor- bison's, ein Mädchen von zehn Jahren, spielte mit andern Kindern am Ufer des Flusses. Aus Unvorsichtigkeit geht sie bis an den äußersten Rand des Ufers, der Fuß glischt ihr aus und sie stürzt in den reißenden, von Krokodillen bewohnten Fluß. Makao, der in der Nähe arbeitete, hört das Angstgeschrei der Kinder und der Wärterin, er eilt hin, stürzt sich in den Fluß und bringt das Kind glücklich 68 an das Ufer, auf das ein gefräßiges Krokodill schon Jagd machte. Korbison, durch diesen Edelmuth zu Thranen gerührt, konnte kaum Worte finden, dem Retter seines Kindes den Dank abzustatten. Dann faßte er den Sklaven bei der Hand und sprach: „Makao, verzeihe mir meine Härte gegen dich; ich will, so viel es in meinen Kräften steht, mein Unrecht gut zu machen trachten, und dir meine Dankbarkeit beweisen." Gegenden Freund gewendet sagte er: „Ich zahle für Makao jeden Preis, den Sie verlangen; geben Sie mir ihn zurück." „Thut mir sehr leid, daß ich Ihren Wünschen nicht entsprechen kann," entgegnete der edle Menschenfreund ; „ich schenkte dem Makao und seiner Mutter in dem Augenblick die Freiheit, als er mit augenscheinlicher Lebensgefahr in den Fluß sich stürzte, um das Kind zu retten." Und zu Makoa: „Du bist frei, du kannst mit deiner Mutter gehen, wohin Du willst; als meinen Diener kann ich Dich nicht behalten, denn ich würde mich dadurch entehren; als meinen Hausfreund empfange ich Dich mit offenen Armen." Beide Freunde stritten nun um Makao, Jeder wollte ihn als seinen Hausfreund und nicht als Sklaven und Diener haben, Makao ward aufgefordert diesen Streit zu entscheiden und er sprach: „Der mich mit meiner geliebten Mutter vereinigt hat, ist mein größter Wohlthäter; diesem will ich bis in den Tod treu dienen, und so viel es in meinen Kräften steht, ihm meine Dankbarkeit beweisen." 69 m Lohn kindlicher Liebe. Vor Zeiten lebte in einem kleinen Städtchen ein Drechsler, der trotz seines angestrengten Fleißes nur wenig verdiente und sich und die Seinigen kümmerlich fortbrachte; er hatte aber, was besser ist als Reichthum; eine fromme, gottesfürchtige, verständige Frau, die die Wirtschaft in guter Ordnung hielt und noch manchen Gulden mit Nähen und Stricken verdiente. Sie hielt auch ihre Tochter Agnes zur Gottesfurcht, zum Fleiße und zur Ordnung an. Sie sagte oft zur Tochter: „Bist Du in Noth, so bete nur mit rechtem Glauben und Vertrauen — und Gott wird schon helfen!" Oft, wenn es an Arbeit fehlte, und der arme Familienvater darüber niedergeschlagen war, und nicht wußte, wo das Brod für den nächsten Tag herzunehmen, fangen Mutter und Tochter bei ihrer Arbeit das Lied: Das Erdenkind an den Himmelvater. Himmelvater! ich bin Dein! O, wie ruhig kann ich sein! Zärtlich liebst Dein Erdenkind, Nährst und liebst und schirmst es lind. In des Himmels blauen Höhen Du gedenkst, o Vater mein, Hörst des Kindes frommes Flehen: Himmelvater, ich bin Dein! 70 Himmelvater, ich bin Dein! Nie verlassen werd' ich sein; Quälen Sorgen mich und Noth, Gibst Du mir mein täglich Brod k Gute Menschen schickst Du mir! Trost und Hilfe mich erfreu'n, Dankend sagt das Herz es Dir: Himmelvater, ich bin Dein! Himmelvater, ich bin Dein! Stets wirst Du mein Helfer sein» Trübet sich des Lebens Lauf, Schau ich zu dem Vater auf! Sinken läßt das Herz Er nicht, Nein, Er wird das Herz befrei'n^ Das voll Kindertreue spricht: Himmelvater, ich bin Dein! Himmelvater, ich bin Dein! Stets getröstet kann ich sein. Naht der Krankheit herber Schmerz^ Zuckt im matten Puls das Herz, Schickst des Heiles Kelch Du mir, Süße Labung schlürf rch ein, Ruf genesen auf zu Dir: Himmelvater, ich bin Dein! Himmelvater, ich bin Dein, Und Du bist als Vater mein, Wenn in Deinem Tempel ich Dich anrufe flehentlich. Auf mich Deine Gnade thaut, Meine Zunge stimmet ein — In den Sang der Christen laut: Himmelvater, ich bin Dein! 71 Himmelvater, ich bin Dein! Trifft hier selbst der Letzte ein, Kommt heran die Todesstund' Küßt dann Deine Hand mein Mund; Deine Hand hebt mich empor, Führt mich in den Himmel ein; Dort ruf' ich im Engelchor: Himmelvater, ich bin Dein! Kam Jemand und brachte Geld für gelieferte Arbeit, oder bestellte neue, da sagte die Frau: „Nun sehet, wo die Noth am größten, da ist Gottes Hilfe am nächsten!" Alles dieses prägte sich in das Gemüth der Agnes tief ein, und da sie von den Eltern das Beispiel der Frömmigkeit, Rechtschaffenheit und Thätigkeit sah und man sie nur mit wohlgesitteten Kindern Zusammenkommen ließ, so war sie eben so wie ihre Eltern: fromm, fleißig und ordnungsliebend, und da sie gutmüthig, bescheiden und wohlerzogen war, so hatte man sie in einigen wohlhabenden Familien, die Kinder in ihrem Alter hatten, als Muster für diese gern und freundlich ausgenommen. Sie lernte dort Manches, wozu sie zu Haus keine Gelegenheit hatte, und bekam oft auch kleine Geschenke. Sie half der Mutter im Haushalt und verdiente mit Stricken und Nähen manchen Gulden. So lebte diese Familie in ihren bescheidenen Verhältnissen froh und vergnügt. Da schickte der Herr harte Prüfungen über sie. Die Mutter verfiel in eine schwere, langwierige Krankheit, von der sie zwar genas, 72 sich aber nie ganz erholte, und dieß machte ihr viel Kummer, weil sie zur Bestreitung des Haushaltes nur wenig beitragen konnte. Agnes tröstete sie, daß Gottes Fürsorge darin sich recht sichtlich zeigte, daß er über sie die Krankheit nicht eher geschickt, als bis ihre Tochter sich die Fähigkeiten erwarb für die Eltern zu arbeiten und im Haushalt die Stelle der Mutter einigermaßen zu vertreten. Dieser Trost that dem Mutterherzen wohl und sie dankte Gott, daß er ihr eine so gute Tochter gegeben. Doch das gute Kind hatte eine noch viel härtere Prüfung zu bestehen. Ihr Vater verfiel in eine schwere, langwierige Krankheit; Agnes pflegte ihren Vater Tag und Nacht mit der zärtlichsten Sorgfalt, und wenn sie die kränkliche, vom bittern Kummer und Nahrungssorgen noch mehr geschwächte Mutter in dem Liebesdienst ablösen wollte, so versicherte sie diese, „sie sei nicht müde und Gott werde ihr die Kraft zur Erfüllung der Kindespflicht verleihen." Der Vater konnte nicht arbeiten, die Tochter mit der Pflege des kranken Vaters und der kränklichen Mutter beschäftigt, konnte wenig verdienen. Der menschenfreundliche Arzt ließ sich zwar seine Mühe nicht bezahlen, aber die Arzneien kosteten viel Geld; der Vater sollte eine kräftigere Nahrung bekommen, um sich zu stärken. Wie sollten diese Ausgaben bestritten werden? Agnes verlor in dieser bittern Lage den Muth nicht. Die Mutter fand in der ausdauernden, opferwilligen Liebe ihrer Tochter Trost, sie sagte oft: 73 „Gott hat Leiden über uns geschickt, er wird uns helfen; wir sind seine Kinder und er ist ein guterVater, der seine Kinder in^der Noth nicht verläßt." Der Gesundheitszustand des Vaters besserte sich, seine Pflege nahm nicht mehr so viel Zeit in Anspruch, Agnes arbeite mit dem größten Eifer, und es fanden sich viele mildthätige Menschen, die ihr Arbeit verschafften, und diese auch besser als gewöhnlich zahlten, als sie die Noth der Familie und die aufopfernde Kindesliebe der guten Tochter erfuhren. Die Mutter hals der Tochter so viel sie konnte und sie freuten sich, daß ihre Leiden bald überstanden sein würden, als die Mutter in Folge der Sorge und des Kummers in ein gefährliches Nervenfieber verfiel. Der guten Tochter war jetzt nicht mehr möglich einen Verdienst zu suchen. Sie mußte, um die Auslagen des Haushalts und der Krankheit zu decken, alles nur halbwegs Entbehrliche veräußern, und als sie nichts mehr zu verkaufen hatte, mußte sie bei einigen Bekannten, die selbst keinen Ueberfluß hatten, Schulden machen. Agnes suchte so gut sie konnte diese bittere Noth vor ihren kranken Aeltern zu verbergen, endlich kam es so weit, daß sie keinen Heller mehr zu Hause hatte. Der Vater verlangte das Frühstück; statt zu antworten, fing Agnes bitter zu weinen an und gestand, daß sie gestern Abends das letzte Geld für die Arzneien der Mutter ausgegeben, doch wolle sie zum Nachbarn gehen, der ihr schon oft ausgeholsen und ihr auch vielleicht jetzt 74 helfen wird. Der Nachbar, obwohl selbst in kümmerlichen Verhältnissen, hatte schon oft ausgeholfen, dieß- mal konnte er nicht. Agnes ging hinaus, sie konnte ihren kranken Vater nicht hungern lassen, und mußte sich endlich zu dem schweren Schritte entschließen, auf offener Straße Fremde um eine milde Gabe zu bitten. Mit ängstlicher Schüchternheit, die deutlich bewies, daß sie nur aus bitterer Noth fremde Mildthätigkeit in Anspruch nahm, sprach sie einen Vorübergehenden um eine milde Gabe an; ihre Bitte ward mit harten Worten abgewiesen. Beschämt und niedergeschlagen stand sie da und wußte nicht, was sie anfangen sollte, doch faßte sie sich bald und sprach zu sich: „Ich werde Gott um das bitten, was mir Menschen versagen, er weiß ja, daß ich nicht ans Trägheit fremde Mildthätigkeit in Anspruch nehme, daß ich gern arbeiten möchte, um meine armen Aeltern, wenn auch nur kümmerlich zu ernähren." Sie ging in die Kirche und trat in eine Seitenkapelle ein, wo sie Niemand bemerkte, um dort ungestört ihr gepreßtes Herz vor Gott auszuschütten. Sie kniete vor dem Altäre nieder und betete mit Andacht und Gottvertrauen. Sie schloß das Gebet mit den halblaut gesprochenen Worten: „O mein Gott! erhöre mein Flehen, gib meinen guten Aeltern Brod und Gesundheit. Gern will ich auf alle Freuden des Lebens Verzicht leisten, auch Noth leiden, wenn ich nur meinen Aeltern helfen kann." 75 Da sprach hinter ihr eine Stimme: „Gutes Kind, Dein vertrauensvolles Gebet ist erhört, Gottes Natergüte hat beschlossen deinen Leiden ein Ziel zu setzen, darum hat Gott mich gerade jetzt hieher geführt." Agnes sah sich erstaunt um; vor ihr stand ein ehrwürdiger Diener des Herrn, der beim Anfang ihres Gebetes unbemerkt aus der Sakristei gekommen war. „Reich bin ich zwar nicht," fuhr er fort, „aber ich habe wohlhabende Freunde, die gern wahrer und würdiger Armuth helfen. Hier hast Du einstweilen so viel, um für den Augenbick die dringendsten Bedürfnisse zu decken. Ich erwarte Dich morgen um dieselbe Stunde in der Sakristei und Gott wird Dir durch mich Helsen." Agnes dankte mit der innigsten Rührung Gott und dem guten Diener des Herrn für diese unerwartete Hilfe, eilte so schnell sie konnte nach Hause und besorgte für die Aeltern, was nöthig war. Den andern Morgen ging Agnes in die Sakristei, der Priester war schon da. „Komm, liebes Kind," sprach er freundlich „ich will dich zu einer guten, wohl- thätigen Frau führen, die wird helfen." Der Priester führte das Mädchen in ein großes Haus, sie gingen durch einige reich eingerichtete Zimmer, und hier wurde sie einer in Jahren vorgerückten Frau vorgestellt, die das Mädchen freundlich begrüßte und zu diesem sprach: „Mein geistlicher Freund und Rathgeber hat mir von Dir so viel Gutes erzählt, daß ich beschlossen habe, mich Deiner anzunehmen. Deine 76 Aeltern sollen Alles, was sie brauchen, auf meine Rechnung bekommen, und wenn sie hergestellt sind, werde ich für ihr weiteres Fortkommen sorgen. Hier hast Du Geld zur Bestreitung der dringendsten Bedürfnisse." Agnes fand vor Freude und Ueberraschung keine Worte des Dankes; sie weinte, sie schluzte und wollte ihrer großmüthigen Wohlthäterin zu Füßen fallen, woran sie diese hinderte: „Dieß Alles geschieht jedoch nur unter einer Bedingung," sprach die Frau, „Du wirst durch die Hilfe, die ich deinen Aeltern zukommen lasse, zugleich der Sorge für sie enthoben. Ich brauche ein Dienstmädchen, auf dessen Treue ich, wie auf die meines eigenen Kindes bauen kann, und da eine so gute Tochter gewiß auch gegen ihre Dienstherrschaft treu sein wird, so will ich Dich in meine Dienste nehmen. Ich will dir einen guten Lohn geben und Dich als mein Kind behandeln; morgen sollst Du den Dienst antreten. Ich reise in einigen Tagen von hier auf längere Zeit fort, mache Dich zur Abreise bereit." „Zur Abreise?" fragte Agnes ängstlich. „Du wirst viele schöne Städte und Länder und viele Merkwürdigkeiten sehen, für alle deine Bedürfnisse werde ich reichlich sorgen." „Was soll aber meine kranke Mutter anfangen, wenn ich fortreise?" „Wie gesagt, ich werde die Sorge für Deine Aeltern übernehmen." „Ach, gnädige Frau, Sie bieten mir großmüthig 77 ein glänzendes Loos an, wenn nur meine Aeltern mich jetzt entbehren könnten!" „Dein Vater ist außer Gefahr, er bedarf nur kräftiger Nahrung zu seiner völligen Erholung, für diese wird während Deiner Abwesenheit gesorgt." „Aber meine arme Mutter!" „Die kann Dein Vater pflegen; ich werde auch meiner Haushälterin den Auftrag dazu geben." „Gestern empfahl mir der Arzt die genaueste Pflege der Mutter," sagte Agnes, „weil ihr Zustand sehr bedenklich wäre. Wenn die Reise verschoben werden könnte, bis sie ganz hergestellt, oder doch außer Gefahr ist." „Ich kann diese dringende Reise nicht verschieben, weil sie Dir ungelegen scheint." „Ach, gnädige Frau, eine solche Unbescheidenheit könnte mir nicht in den Sinn kommen. Wenn aber Euer Gnaden die Reise nicht aufschieben können, so lassen Sie das Vergnügen der Reise einer Andern zukommen und lassen Sie mich bei meinerkranken Mutter. Ist diese außer Gefahr, so will ich Ihnen auch zu Fuße Nachkommen, oder hier Ihre Rückkunft erwarten. Für diese große Wohlthat will ich mich dann ganz Ihrem Dienste widmen." „Ich habe mir Deinen Dienst zur Bedingung für das gestellt, was ich für Deine Aeltern thun will. Ueberlege es wohl: entweder machst Du die Reise mit mir, oder ich reise mit einer Andern und kümmere mich um Dich und Deine Aeltern nicht." 78 Wie vernichtet stand die arme Agnes da. Verschwunden waren auf einmal die schönen Hoffnungen, die ihr kummervolles Herz mit so großer Freude erfüllten, und der Gedanke, daß die Frau, die sich ihrer so großmüthig anzunehmcn versprach, ihr eine Bedingung setzte, die ihr Herz brach, erfüllte sie mit tiefem Kummer. Trostlos blickte sie die Frau an, die im freundlichen Tone zu ihr sprach: „Ich glaube, Du solltest über Deinen Entschluß nicht im Zweifel sein. Was wird Deiner Mutter Deine Pflege allein nützen, wenn Du keine Mittel hast, ihre dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen? Wer wird dann Hilfe anbieten, wenn es bekannt wird, daß Du die unter so günstigen Bedingungen Dir angebotene Hilfe nicht angenommen hast?" Tief betrübt und niedergeschlagen sah Agnes vor sich hin; dann erhob sie entschlossen den Blick und sprach: „Es ist nicht möglich — ich kann meine Mutter nicht verlassen; wenn sie in dieser Krankheit stürbe, müßte ich mir, so lange ich lebe, die bittersten Vorwürfe machen, daß ich, die natürliche Pflegerin meiner Mutter, der Gott diese Stelle angewiesen hat, sie in der Noth verlassen habe. Wäre meine Mutter nicht lebensgefährlich krank, dann könnte ich sie vielleicht eher, wenn auch mit schwerem Herzen verlassen, um meinen armen Eltern zu Helsen und meiner großmüthigen Wohlthäterin meinen Dank abzustatten. Gott, der mir die schwere Prüfung auferlegt, wird mir auch 79 Kraft und Muth verleihen, das Kreuz, das mir seine Vatergüte auferlegt, zu ertragen." „Gutes Kind," sprach nun die Frau mächtig ergriffen ; „ich will Deine zweite Mutter sein, ohne Dich von der zu trennen, die das erste Recht auf Dich hat. Ich habe Dich auf die Probe gestellt, ob Du ein sorgenfreies Leben der Kindespflicht, die mit Noth und Entbehrung zu kämpfen hat, vorziehest. Die Prüfung war hart, sie hat mir aber das treue Bild Deines guten Herzens gezeigt." Agnes brach bei dieser so unerwartet günstigen Wendung ihrer Lage in lautes Weinen aus. „Sei ruhig, gutes Kind," sprach die Frau; „Du sollst bei Deinen Eltern bleiben, so lang sie Deiner Pflege bedürfen, und wenn sie ganz hergestellt sind, so kommst Du zu mir; ich will Dich für die aufopfernde Liebe zu Deinen Eltern, für Deine Leiden und Entbehrung, so viel ich kann, entschädigen. Gottes Segen wird Dir nicht ausbleiben, denn Du hast sein Gebot getreu erfüllt." Agnes eilte mit freudigem Herzen zu ihren Eltern und erzählte ihnen, wie wunderbar Gott geholfen. Sie fand den Arzt bei der kranken Mutter; dieser erkannte eine günstige Wendung in der Krankheit. Die Mutter erholte sich bald und Agnes hatte die unaussprechliche Freude, ihre Eltern durch die Großmuth der edlen Wohlthäterin Ln behaglicher Ruhe ein sorgenfreies, hohes Alter erreichen zu sehen und die glücklichen Eltern freuten sich des reichen Segens, den Gott ihrer guten 80 Tochter durch die großmüthige Wohlthäterin verliehen. Sie erlebten das hohe Glück und die Freude, ihre Tochter als glückliche Gattin und Mutter zu sehen. IV. Hab' Gott vor Augen und im Herzen, und Deiner Mutter Segen bringt Dir Gottes Segen. Vor etwa dreihundert Jahren standen am Strande des Themsestusses, wo jetzt die großartigsten Paläste der Weltstadt London prangen, viele kleine Hütten, in denen arme Fischer und Matrosen zu Miethe wohnten. In solch einer Hütte, in einem kleinen Stübchen, in das durch die von Steinkohlenrauch geschwärzten kleinen Fensterscheiben nur spärliches Licht drang, dessen ganze Einrichtung aus einem alten Tisch, zwei Stühlen, und einem Strohbett bestand, lag eine kranke Witwe, Namens Wittington, deren gebrochenes Auge zeigte, daß ihre Augenblicke gezählt waren. Neben dem Bette kniete ein zehnjähriger Knabe, der die Hände gefaltet, das thränenvolle Auge auf das Bildniß des göttlichen Heilandes, das ober dem Bette an der Wand hing, stehend gerichtet hatte. Die Kranke strengte ihre letzten Kräfte an, richtete sich ein wenig im Bette auf, legte die fast schon kalte 81 Hand auf das Haupt des weinenden Knaben, betet, segnet ihr geliebtes Kind und spricht dann leise mit gebrochener Stimme: „Richard, mein geliebtes Kind! Hab' stets Gott vor Augen und im Herzen, und Deiner Mutter Segen bringt Dir Gottes Segen!" Bei diesen Worten sank die Kranke zurück und sie hatte ihre leidensvolle stürmische Laufbahn vollendet. — Der Knabe ahnte es nicht, er kniete zu ihren Füßen, und sein inbrünstiges Gebet hoffte noch immer Hilfe zu erflehen für die kranke Mutter. Dann greift er nach der Hand der Mutter, um sie an sein Herz zu drücken und da fühlt er, daß sie eiskalt ist. Er brach händeringend in lautes Weinen und Schluchzen aus. Sein Wehklagen hatte eine alte Frau gehört, die in derselben Hütte wohnte; sie eilt herbei, drückt ihrer Nachbarin, mit der sie seil Jahren in Freundschaft gelebt, Kummer, Noth und Sorgen getheilt, die Augen zu, und nimmt den verzweiflungsvoll jammernden Knaben in ihr Stübchen, wo ihn sechs Kinder mit liebevoller Theilnahme empfingen und ihn trösteten. Die Armuth hat treuere Freunde als Reichthum und Ueberfluß. Die gute Nachbarin hatte Richards Mutter wahrend der Krankheit gepflegt, und nun nahm sie, die für ihre Kinder nur nothdürstig die dringendsten Lebensbedürfnisse decken konnte, die elternlose Waise theilnahmsvoll in ihren Familienkreis auf. Kankoffer: Segen rc. § 82 Eine Waise ist ein armes Kind, selbst wenn es gesegnet ist mit irdischen Gütern; denn die Elternliebe, das sorgsam wachende Auge der Mutter, die treue Lehre und den warnenden Rath des Vaters kann man um alle Schätze der Welt nicht erkaufen. Doppelt hart ist das Loos jener Waisen, die in ihrer Armuth Niemanden haben, der sich ihrer annimmt, besonders in einer großen, volkreichen Stadt, wo sich Keiner um den Andern kümmert, wo sich oft die Bewohner desselben Hauses nicht einmal kennen, und wo so viele Wege offen stehen, die die unerfahrene, sich selbst überlassene Jugend in's Verderben führen. Die wenigen Habseligkeiten der verstorbenen Witwe reichten kaum zur Bestreitung der Leichenkosten hin, und als Richard vom Friedhofe mit blutendem Herzen in das Stübchen der Nachbarin heimkchrte, war er wie ein Vögelein unter Gottes freiem Himmel; er hatte kein Obdach und wußte nicht, was er morgen essen werde. Für heute hatten die Kinder der Nachbarin, die ihn so liebevoll ausnahmen, freudig ihr Brod, den Trunk frischen Wassers und das Strohlager mit ihm getheilt. Am andern Morgen fragte ihn die Nachbarin mit schwerem Herzen: „Was gedenkst Du, lieber Richard, anzufangen? Du kennst meine Lage; mein Mann ist auf der See, und ich bin kaum im Stande nur nothdürftig meine eigenen Kinder zu ernähren. Nahrung und Kleidung kann ich Dir nicht geben, aber eine Schlafstelle, Trost und Rath sollst Du bei mir haben." 83 Der Knabe schlug die Augen nieder und sprach seufzend: „Ich kenne eure Lage recht gut, ich danke Euch vom ganzen Herzen für die Theilnahme und für die angebotene Schlafstelle, die ich dankbar benützen werde; doch was ich anfangen soll, weiß ich selbst nicht." Die gute Frau sah den tiefbetrübten Knaben teilnahmsvoll an, dann sprach sie tröstend: „Du bist für Dein Alter ein starker Knabe, Du könntest leicht in einer Fabrik Arbeit finden, da bekommst Du einen guten Lohn, wenn Du fleißig bist." Richard dankte der guten Frau für diesen Rath, und faßte den Entschluß, sich den nöthigen, wenn auch noch so kargen Lebensunterhalt redlich zu verdienen, denn er hatte einen tiefen Abscheu vor dem Betteln. Er machte sich sogleich auf den Weg, Fabriken aufzusuchen. — Es war ein schöner, warmer Sommertag. Keiner von den vielen Menschen, die sich in den Straßen bewegten, betrachtete den stillen, betrübten Knaben in seinem ärmlichen Anzug, und er traute sich Niemanden anzureden und nach einer Fabrik zu fragen. Endlich stellte er schüchtern die Frage an einen alten Mann, der die Vorübergehenden um ein Almosen ansprach und dieser zeigte ihm eine Fabrik in der Nähe. Richard ging hin und trug dem Fabriksaufseher seine Bitte vor. Dieser sah den Knaben an und sprach barsch: „Du bist zu klein und zu schwach; wir können Dich nicht brauchen." Richard stand eine Weile trostlos vor dem Hause, 6 * 84 dessen Thor der Fabriksaufseher zugemacht hatte, daun ging er zu dem Armen, der ihm so freundlich und so theiluehmend die gestellte Frage beantwortete, und erzählte ihm, was ihm begegnet. Der Greis tröstete den Knaben und sagte: „Verzage nicht, in London gibt es viele Fabriken,. Du wirft schon Arbeit finden." Hierauf bezeichnte er ihm mehrere Fabriken, in denen auch Kinder beschäftigt werden, und Richard trat getröstet den Weg an, um Verdienst zu suchen. Wo er anklopfte, ward er abgewiesen; man sagte ihm, er sei noch zu jung Und zu schwach; an manchen Orten ward er als verdächtiger Landstreicher mit rauhen Worten ungefähren. Traurig und niedergeschlagen trat er den Rückweg zu dem armen Manne, der ihm die Fabriken bezeichnte, an, und erzählte ihm sein Mißgeschick, Der' Arme theilte sein Almosen mit dem Knaben, ermahnte ihn, nicht zu verzagen, und auf Gott, den Vater der Waisen zu vertrauen. Richard kaufte für tuen Theik des Geldes Brod, um seinen Hunger zu stillen, für den Rest kaufte er Brod für die Kinder der guten Nachbarin und ging dann mit betrübtem Herzen dem Häuschen zu, in dem seine Mutter gestorben war und in dem die gute Nachbarin wohnte. Am andern Morgen trat Richard wieder die Wanderung an, um Verdienst zu suchen. DießmaL kam er in die Nähe des großen Parks, eines sehr beliebten und stark besuchten Belustigungsortes der Londoner. Es war noch früh und der Park nur von 85 sehr wenigen Menschen besucht. Richard suchte eine dunkle Laube, um sein Morgengebet zu verrichten, zu dem er in dem engen Stübchen unter den muntern Kindern nicht die nöthige Ruhe fand, «und dann etwas zu schlafen; denn er hatte vor Kummer über seine traurige Zukunft in der vorhergehenden Nacht kein Auge zugemacht. An einer Stelle im dunklen Gebüsch, wo er keinen Ton entdecken konnte, der die Nähe irgend eines lebenden Wesens hätte verrathen können, fiel er auf die Kniee nieder, faltete die Hände zusammen, und erhob im inbrünstigen Gebete sein Herz zum Vater der Waisen. Er betete zuerst leise, dann machte sich sein gepreßtes Herz in lauten Worten Luft. Er flehte um Hilfe und bat den Himmelvater, er möge ihm Arbeit finden lassen, daß er sich redlich sein Brod verdienen könnte und nicht betteln müßte. Seine müden Augen schlossen sich bald und der Traum führte das betrübte Kindesherz zu der sorgsamen Mutter; er ahnte nicht, daß die Hilfe des Herrn, die Frucht des Muttersegens, so nahe war, daß Gottes Vatergüte ihm in schwerer Stunde einen Helfer gesendet. Zu dieser Zeit lebte in London ein sehr reicher Fabriksherr, Namens Wood. Nach seinem schlichten Anzuge hätte man ihn für einen armen Handwerker und nach seinem unfreundlichen Blick, seinen kurz angebundenen, oft rauhen Worten, für einen teilnahmslosen, ja harten Mann gehalten; doch die scheinbar rauhe Hülle barg ein edles, frommes und liebevolles Herz, das für wahre Armuth immer offen stand, der 86 aber streng und unnachsichtig gegen Müßiggänger war^ die aus Arbeitsscheu bettelten. In seiner Fabrik und in seinem Geschäft, wo es von Menschen wimmelte, herrschte die größte Ordnung und Ruhe. Morgens betete der Fabriksherr mit allen seinen Arbeitern das Morgengebet und Abends den Abendsegen. An Sonn- und Feiertagen durste Niemand arbeiten; aber er zahlte an seine Arbeiter den Lohn und sagte: „Ihr wollt auch an Sonn- und Feiertagen mit Euren Angehörigen essen." Allen seinen Unternehmungen verlieh der Himmel einen überaus großen Segen. Die Gattin war ihm gestorben und er vertraute sein einziges Kind der Aufsicht und Pflege seiner Schwester. Wood pflegte gewöhnlich, wenn er in seinem Geschäfte die nöthigen Anordnungen für den ganzen Tag getroffen, in den Morgenstunden einen Spaziergang nach dem Park zu machen, der in geringer Entfernung von seinem Fabriksgebäude lag. Diesen Mann hatte an dem Morgen der Herr, der die Haare unseres Hauptes gezählt, dorthin geführt, wo ein verlassener Waisenknabe um Schutz und Hilfe gefleht. Er saß auf einer Bank im Schatten der dichten Gebüsche, in stille Betrachtungen versunken, als der kleine Richard in seiner unmittelbaren Nähe betete, und dann im Grase in tiefen Schlaf versank. Als er des Kindes inbrünstiges Gebet hörte, dankte er Gott, daß er ihm Gelegenheit geboten, Gutes zu thun. Er blickte nach dem Knaben, und als er ihn so fest 87 und so sanft schlafen sah, konnte er es nicht über's Herz bringen, den kleinen Schläfer zu wecken. Er setzte sich wieder ruhig auf die Bank und dachte nach, was er mit dem Knaben anfangen, und wie er ihm helfen sollte. Wood wartete eine gute Stunde, dann stand er auf, näherte sich dem Knaben und weckte ihn auf. Der Knabe fuhr erschrocken auf, rieb sich die Augen und sah den Mann an, der vor ihm stand und ihn mit den unfreundlichen Worten anredete: „Schämst du dich nicht jetzt zu schlafen, wo die braven Kinder in deinem Alter für ihr tägliches Brod arbeiten oder in der Schule sind und fleißig lernen." Dem armen Richard traten bei diesen Worten Thränen in die Augen; als er sich wieder faßte, blickte er den unfreundlichen Mann mit offener, treuherziger Miene an und sprach: „Ach, lieber Herr, ich bin eine elternlose Waise; ich habe gestern in vielen Fabriken Arbeit gesucht, bin aber überall abgewiesen worden. Vor Kummer über meine traurige Lage, konnte ich die ganze Nacht kein Auge schließen, und als ich hierher kam, übermannte mich der Schlaf." „Du willst arbeiten?" fragte Wood weiter. „Was hast du gelernt?' Mit stotternder Stimme antwortete Richard: „Ich verstehe eigentlich noch nichts, aber ich wollte es schon lernen; ich verlange keinen Lohn, nur Brod und eine Schlafstelle. Hunger Lhut wehe, noch mehr aber das erbettelte Brod." Die offene treuherzige Antwort gefiel dem reichen Fabriksherrn, und er fragte freundlich den Knaben: „Lesen, Rechnen und Schreiben wirft Du wohl können?" Richard schwieg und senkte den Blick zu Boden, dann sprach er wehmüthig: „Leider muß ich diese Frage mit Nein beantworten." „Das ist für dein Alter eine Schande." „Ach, lieber Herr, was mich meine gute Mutter lehren konnte, das weiß ich. Mein Vater starb, als ich drei Jahre alt war, meine Mutter, die vor fünf Tagen gestorben ist, ernährte sich und mich kümmerlich vom Taglohne; sie konnte mich nicht in die Schule schicken, denn sie war nicht im Stande, das Schulgeld zu zahlen." Bei diesen Worten brach der Knabe in lautes Weinen aus. Der edle Wood faßte ihn bei der Hand und sprach tröstend: „Sei ruhig, mein Kind; Gott, zu dem dein kindlich frommes Herz zuvor um Hilfe gefleht, hat dir durch mich Hilfe gesandt. Wenn du fromm, treu, fleißig und ehrlich bist, so soll es dir an Brod, Arbeit und guter Lehre nicht fehlen. Komm' mit mir." Richard wischte sich die Thränen ab und sah den Mann verwundert an, der zuvor so unfreundlich, und jetzt so liebevoll und gütig gegen ihn war, und dann sprach er mit bewegter Stimme: „Ich werde alles thun, was ich kann, um mich durch Fleiß, Treue und Ehrlichkeit für die Wohlthat, die Sie dem verlassenen Waisenkinde erweisen, dankbar zu zeigen." Darauf gingen Beide fort. Unterwegs setzte Herr Wood das Gespräch mit Richard fort, und freute sich sehr über das treue, offene Gemüth, den klaren Verstand und die Urteilskraft des Knaben. — Als sie zu Hause ankamen, befahl Herr Wood feinem alten treuen Diener Paul, den Knaben reinigen und neu kleiden zu lassen. Als der Knabe hierauf nett gekleidet in Wood's Zimmer geführt wurde, sprach dieser ganz freundlich: „So ist's recht, mein Junge." Dann gab er ihm gute Lehren und Ermahnungen, führte ihn zu seiner sechsjährigen Tochter Johanna und sprach: „Vorläufig wirst du meiner Tochter Gesellschaft leisten und auf sie Acht geben." Die kleine Johanna blickte den Knaben freundlich an; sie faßte schnell Zutrauen zu ihm, nahm ihn bei der Hand und zeigte ihm alle ihre Spielsachen. Wood ließ dann einen geschickten Lehrer zu sich bescheiden, der dem Richard Unterricht geben sollte. Richard's Fleiß und die Erfolge übertrafen des Lehrers und Herrn Wood's Erwartungen. Seine freien Stunden brachte er in der Gesellschaft der kleinen Johanna zu, und er benützte jede Gelegenheit, Allen im Hause zu dienen und sich gefällig zu zeigen. So geschah es, daß nicht nur Herr Wood und dessen Tochter, sondern auch die zahlreiche Dienerschaft den Knaben liebgewannen. Besonders war ihm die kleine Johanna zugethan; Niemand war im Stande sie so zufrieden zu stellen, wie er. 90 Richard hielt in diesem behaglichen Leben, das so leicht zu Uebermuth und Müßiggang führt, getreu sein im Park gegebenes Versprechen; er war bescheiden, fleißig und seinem Wohlthäter mit ganzer Seele ergeben. Er ward unbemerkt der Lehrer der kleinen Johanna, die ihm sehr zugethan war; denn was er gelernt hatte, brachte er ihr spielend bei. Er hatte ihren Eigensinn und ihre vielen Unarten besiegt, und Herr Wood pflegte oft zu sagen: „Mit dem Knaben ist der Segen in mein Haus gekommen." Die kleine Johanna war durch die allzugroße Nachsicht ihrer Tante verzogen; es mußte Alles nach ihrem Willen gehen. Seit Richard um das Kind war, wußte er ihm die üblen Gewohnheiten abzugewöhnen, und die Schwester Herrn Wood's war so verständig, daß sie des Knaben wohlthätigen Einfluß auf ihre Nichte bei jeder Gelegenheit unterstützte. Richard wurde allmählig den gewöhnlichen Geschäften im Hause entzogen und theils in der Fabrik, theils in der Schreibstube beschäftigt. Seine Anstelligkeit, sein Fleiß, seine Pünktlichkeit und Ordnungsliebe erwarb ihm Wood's Zufriedenheit im hohen Grade; seine Bescheidenheit und Dienstfertigkeit die Zuneigung und Liebe aller Hausgenossen. In Iohanna's Gesellschaft war er jetzt seltener, und zwar nur bei Tische und an Sonn- und Feiertagen, an denen Wood gewöhnlich mit seinen theuren Angehörigen auf sein kleines Landgut fuhr, das er in der Nähe von London hatte. Dieß waren Stunden der ungetrübtesten Jugend- 91 freude, auf die sich Beide die ganze Woche freuten, und wenn Johanna dem Spielgenossen ihrer Kindheit wie ihrem Bruder entgegen kam, so vergaß dieser nie die Achtung und Aufmerksamkeit, die er der Tochter seines Wohlthäters und Dienstherrn schuldig war. So vergingen zehn glückliche Jahre; Johanna erblühte wie eine junge Rose, und Richard war zu einem tüchtigen Geschäftskundigen heraugebildet, der seinem Wohlthäter die treuesten und ersprießlichsten Dienste im Handelsgeschäfte leistete. Er las jeden, selbst den leisesten Wunsch in dem Auge seines Wohlthäters, und ehe dieser ihn aussprach, eilte Richard ihn zu erfüllen. — Eines Tages ließ Herr Wood seinen Buchhalter und die übrigen im Handelsgeschäfte Bediensteten zu sich bescheiden und sprach zu ihnen r „Mein Schwager wird in Handelsangelegenheiten eine Seereise nach Indien antreten, von der ich mir reichen Segen Gottes verspreche. Ihr könnt Euch Alle an den Vortheilen dieser Unternehmung mit euern Ersparnissen betheiligen." Da nannte der Buchhalter und die Uebrigen die Summen, die sie bei diesem Unternehmen einlegen wollten. Richard stand in einer Ecke und sah dieser Scene mit freudigem Blicke zu. Als Alle ihre Summen eingelegt und sich entfernt hatten, wandte sich Herr Wood an Richard und sprach mit ernster Miene: „Alle haben gespart, nur du nicht, und doch hättest auch du etwas ersparen können. Was hast du mit deinem Gelde gemacht?" 92 Stotternd erwiderte Richard: „Ich habe es nicht zu unerlaubten Zwecken verwendet." „Das kann ich glauben und bleiben lassen," ent- gegnete Wood. „Glauben Sie, theuerster Wohlthäter, meinen Worten." Herr Wood verlangte strenge Rechenschaft und da sprach Richard: „Zürnen Sie mir nicht, edler Herr; Nahrung und Kleidung hatte ich durch Ihre Gute in Ueber- fluß, ich hatte kein Bedürfniß. Sollte ich Geld sammeln und jene Armen darben lassen, die mit dem verlassenen Waisenknaben ihre letzte Brodrinde und ihr Strohlager so liebevoll theilten? Wäre ich Ihrer Wohlthaten würdig gewesen, wenn ich nicht freudig diese heilige Pflicht der Dankbarkeit erfüllt hätte? Ich habe meine Ersparnisse dieser armen Familie gegeben." „Ich wußte, es, mein guter Richard, denn mein alter ehrlicher Paul hat mir Alles gesagt; ich wollte es nur von dir selbst hören; Gott segne dich mein Sohn. Du hast deine Ersparnisse in einen Handel gelegt über den der Herr im Himmel das Buch führt, und der hier und jenseits tausendfache Zinsen trägt." Der Schiffskapitän, Zeuge dieser rührenden Scene, sah freudig und mit Bewunderung auf den Jüngling, der so edel dachte und handelte, und fragte ihn: „Hast denn Du, guter Richard, gar nichts, womit du dich an dieser Unternehmung betheiligen könntest? 93 Lächelnd antwortete Richard: „Eins nenne ich Eigenthum, aber das können Sie nicht brauchen, Herr Kapitän." „Was ist es lieber Richard?" „Es ist meine Katze, die mir mit einer diesen Thieren so seltenen Anhänglichkeit ganz besonders zugethan ist." „Dieser Katze hat der Junge das Leben gerettet," fiel Herr Wood in's Wort. „Er traf aus der Gasse mehrere böse Buben, die ein kleines Kätzchen grausam marterten, diesen kaufte er das arme Thier ab und pflegte es sorgfältig. Das arme Thier erholte sich bald und ist jetzt seinem Wohlthäter mit seltener Anhänglichkeit zugethan." Multon, so hieß der Kapitän, besann sich nicht lange und sprach: „Ich nehme deine Katze mit, mit den Maaren kommen oft Mäuse und Ratten in die Schiffe und richten bedeutenden Schaden an. Damit Du aber von deinem Kapital Zinsen ziehen kannst, so mußt du den Werth der Katze angeben." « „Zinsen wird wohl mein Kapital tragen, denn es wird Euch auf der Reise mit Jungen beschenken," sagte Richard; „haltet das Thier gut, dann wird es Euch ebenso wie mir zugethan." Hierauf ging er auf sein Zimmer, holte die Katze und der Kapitän befahl seinem Diener diese in seine Kajüte zu tragen. Nach einigen Tagen trat der Kapitän die Reise mit günstigem Würde nach Indien an. Die Handelsgeschäfte des Herrn Wood gingen ihren ruhigen, geordneten Gang fort. Richard bewies dabei die regste Thätigkeit und große Umsicht. 94 Das zweite Jahr war schon zur Hüfte um, und vom Kapitän Multon war noch keine Nachricht eingc- trosfen. Da begann es Herrn Wood bang zu werden, denn in jenem Schiffe war der größte Theil seines Vermögens, und wenn es zu Grunde gegangen wäre, so hätte ihn ein sehr empfindlicher Verlust getroffen. Wood war darüber sehr beunruhigt, und er saß oft lange in tiefe und trübe Gedanken versunken, und fand nur in den Abendstunden, in denen Richard meistens etwas vorlas, in dem Kreise seiner Tochter und Schwester einige Erholung. Er forschte bei allen aus Indien ankommenden Schiffen und erfuhr weiter nichts, als daß Kapitän Multon vor etwa fünfzehn Monaten in Indien sehr gute Geschäfte gemacht und von dort mit reicher Ladung abgesegelt sei; seit dieser Zeit hatte Niemand etwas von ihm gehört. Das zweite Jahr neigte sich bereits dem Ende zu, und alle Nachforschungen, die Wood bis nach Indien anstellte, blieben erfolglos. Wood konnte nun nicht mehr zweifeln, daß das Schiff mit der Mannschaft und mit der Ladung zu Grunde gegangen sei. Er trauerte um den Verlust seines Vermögens, noch mehr aber um die Menschen, die dabei ihr Leben verloren haben. Er zahlte seinen Leuten die gemachten Einlagen mit redlichen Zinsen zurück; er wollte nicht, daß seine treuen Diener zu Schaden kommen, obwohl er an dem Unglück keine Schuld hatte. Wood dachte nun daran durch neue Unternehmungen die schweren Verluste zu ersetzen; allein er machte die traurige Erfahrung, daß sie ihm alle miß- 95 glückten und neue schmerzliche Opfer forderten. Richard sah mit tiefer Betrübniß, daß an dem Herzen seines Wohlthäters schwerer Kummer nage. Alle im Hause waren betrübt, weil sie den geliebten Hausvater betrübt und niedergeschlagen sahen. Richard konnte diesen Zustand nicht mehr länger ertragen. Er entdeckte der Schwester seines Wohlthäters und seiner Tochter den Kummer, der am Herzen Woods nage, ob der namhaften Verluste, die er bei der Schiffsladung und in jüngster Zeit bei allen seinen Unternehmungen erlitten. Alle drei beschlossen nächsten Sonntag auf dem Landgute ihn auf die schonendste Weise über diesen Punkt zu trösten. Wood kam ihrer liebevollen Theilnahme zuvor, und als sie in der Laube im traulichen Gespräche beisammen saßen, theilte er ihnen den Kummer mit, der sein Herz drückte, dann faßte er Richards Hand und sagte zu seiner Schwester: „Siehe, liebe Malvina! Gott hat mir einen großen Theil meines Vermögens durch seinen allweisen Rathschluß genommen, aber hier habe ich einen großen Schatz. Und wenn ich auch Alles verlieren sollte, so wird mich Richard doch nicht darben lassen." „Ach," sprach Richard, „möge Gott vor solchem Geschick Sie bewahren; doch sollte dieß sein allweiser Rathschluß sein, so würde ich mit Freude meine ganze Kraft anwenden, um nur einen kleinen Theil der großen Schuld an meinem edlen Wohlthäter abzutragen. Keine Arbeit, kein Opfer sollte mir schwer fallen, und wenn ich Tag und Nacht arbeiten müßte. Wood, 96 seine Schwester und Johanna waren bis zu Thränerr gerührt, als Richard mit so innigem Gefühle, mit so kräftigem Willen sprach, daß Niemand zweifeln konnte: er werde sein Versprechen heilig halten, wenn Zeit und Umstände es fordern. Gegen Abend fuhren sie nach der Stadt, und da Wood und seine Schwester ermüdet waren, so begaben sie sich früher als gewöhnlich zur Ruhe. Gegen Mitternacht, als Alle im tiefsten Frieden schliefen, erwachte Richard, als sein Zimmer von der Gasse taghell erleuchtet wurde. Er eilte voll Entsetzen zum Fenster, das der Fabrik gegenüber lag, und welch ein Anblick stellte sich ihm dar! Fast das ganze Fabriksgebäude stand in Hellen Flammen, und am heftigsten jener Theil, welcher an das Wohngebäude anstieß. Richard kleidete sich schnell an und eilte, um Wood's Familie zu wecken. Das Feuer gewann durch die vielen brennbaren Stoffe, die in der Fabrik aufgehäuft waren, eine Gewalt und Ausdehnung, daß nach wenigen Minuten auch das Wohngebäude ergriffen war. Der Hof füllte sich bald mit Menschen; Feuerspritzen und andere Löschrequisiten wurden schnell herbeigeschafft, aber es war, als ob das in's Feuer gegossene Wasser Oel wäre, immer gewaltiger griff die Flamme um sich. Händeringend sah Wood das Feuer sich rasch nun auch schon-im Innern des Wohngebäudes verbreiten; da rief er verzweiflungsvoll aus: „Wo ist Johanna, wo ist meine Schwester?" Und erst jetzt erblickt er Beide am Fenster händeringend um Hilfe 97 flehen. Man stellte Leitern an das Fenster, doch keine reichte hin. Als Richard, der bemüht war die Kasse seines Herrn zu retten, was ihm auch gelang, diesen Hilferuf hörte, sprang er schnell herbei, und als er die Gefahr Johanna's und ihrer Tante sah, schlug er einen nassen Kotzen um sich, nahm einen zweiten solchen unter den Arm, und stürzte durch Rauch und Qualm die Treppe hinauf. Er kam glücklich bis zur Thüre von Johanna's Zimmer und in diesem Augenblick wurde diese aufgerisstn, und eine weibliche Gestalt stürzte ihm entgegen. Er schlug den nassen Kotzen um sie, nahm sie auf seine Schulter und brachte sie glücklich in den Hof hinab. In demselben Augenblick hört er den herzzerreißenden Ruf Wood's: „Wo ist Johanua, mein theures Kind? Wer rettet sie?" Jetzt sieht Richard, daß er Woo d's gute Schwester gerettet hatte, Johanna aber dem Flammentode preisgegeben war; denn das Feuer hatte sich im Innern weiter verbreitet, und die hölzerne Treppe war an manchen Stellen schon von der Flamme ergriffen. Johanna schwebte in augenscheinlicher Lebensgefahr, und jeder Versuch zu ihrer Rettung war ebenfalls mit Lebensgefahr verbunden. Richard besann sich nicht und achtete die Gefahr nicht. Er tauchte seine Kotzen in's Wasser, schlug den einen um sich und eilt muthig die Treppe hinauf. Um ihn herum wüthete gewaltig die Flamme; umsonst richtete man nach diesem Theile aus allen Spritzen die Wasserstrahlen. Wenn auf Augenblicke dem verzehren- Kankoffer: Segen rc. 7 98 den Feuer Einhalt gethan wurde, so brach es bald mit desto größerer Gewalt los. Mit inbrünstigem Gebet um Gottes Schutz im Herzen, war Richard bis zum Zimmer gedrungen, in dem sich Johanna befand. Er rieß die Thüre auf und rief ihren Namen, und als ihre Stimme ihm nicht antwortete, stürzte er hinein. Johanna sank vor Angst über den immer näherrückenden Flammentod besinnungslos zu Boden. Richard, der die Größe der Gefahr für Beide erkannte, faßte sie, schlug sie in den nassen Kotzen ein, und trug sie der Treppe zu, wo die Flamme von unten schon entgegenschlug. Doch sein Vertrauen auf Gottes Schutz und Hilfe in der Nvth stand fest in seinem Herzen. Getrost wagte er diesen lebensgefährlichen Gang mit seiner theuern Bürde, und kam von Gottes schützender Hand geleitet, glücklich in den Hof, als hinter im die Treppe in Flammen zusammenstürzte. Ein tausendstimmiger Jubelruf begrüßte den edlen Retter; aber er hörte ihn nicht, denn er sank mit seiner theuern Bürde bewußtlos zu Boden. Ein herbeigeholter Arzt ließ Beide in ein nahes Krankenhaus bringen, wohin Wood mit seiner Schwester ihnen folgten. Durch des Arztes Bemühungen kam Johanna bald zu sich, sie trug nur einige unbedeutende Brandwunden davon; allein Richard ward erst nach vielen Bemühungen in's Leben gerufen und litt große Schmerzen von den erlittenen Brandwunden. Auf die ängstlichen Fragen Wo ob's, Johanna's und Malvina's, des geliebten und hochverpflichteten Jünglings wegen, 99 zuckte der Arzt mit den Achseln und meinte, man könne nur von Gott Rettung hoffen, und als der Arzt so wenig Hoffnung für Richard gab, da sahen die Seinen Wood seit dem Tode seiner thenren Gattin zum ersten Male bittere Thränen vergießen. Daß Feuer tobte indessen mit immer größerer Gewalt. Das Wohnhaus, das Fabriksgebäude, alle Vorräthe, Stoffe und Maschinen, die in der Fabrik und in den Magazinen aufgehäuft lagen, die reiche Zimmereinrichtung, waren ein Raub der Flamme, und als der Tag anbrach, beschienen die Strahlen der ausgehenden Sonne einen rauchenden Trümmerhaufen, von dem man nur mit blutendem Herzen das Auge wegwenden konnte, wenn man bedachte, daß der Mann, der so Vielen Brod, Hilfe und Trost gab, jetzt selbst an den Bettelstab gebracht war. Als Wood von dem Trümmerhaufen wieder zurückkehrte, drückte er die Tochter an sein Herz und sprach mit Wehmuth: „Johanna, ich bin ein Bettler, die Kasse, die Richard gerettet, wird kaum knnreichen, meine Verbindlichkeiten zu decken." Da sagte Richard in seinem Schmerze: Wenn mir Gottes Gnade Gesundheit und Leben schenkt, so werde ich für meinen edlen Wohlthäter und seine theuern Angehörigen arbeiten und Brot verdienen." „Und ich," rief Johanna freudig aus, „ich will Tag und Nacht arbeiten, um deine alten Tage, mein bester Vater, vor Noth zu schützen." „Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen," sagte Wood, „sein heiligster Name sei gepriesen! Solche Liebe macht mich bei dem Verluste aller meiner irdischen Güter reich, sehr reich und glücklich!" Er faltete seine Hände zum innigsten Dankgebet. Wood deckte mit der Kasse, die Richard gerettet,, mit dem Erlöse seines Landgutes, das er verkaufte,, und mit den ausständigen Forderungen, die er einkassieren konnte, seine Verbindlichkeiten, und miethete mit den Trümmern seines Vermögens ein kleines Häuschen, das er mit seinen theuern Angehörigen bezog. Er und Johanna wichen nicht von Richard's Krankenlager; eine besonders sorgfältige Pflege bewies Johanna ihrem Lebensretter. Mit Richard's Besserung ging es sehr langsam, allein er wurde doch besser, der Arzt erlaubte, daß er aus dem Krankenhaus in Wood's Wohnung gebracht werde. Diese war freilich nicht so wie die frühere, die einem fürstlichen Palaste glich; da sah man nicht die Pracht der Geräthe und Einrichtung, es waren nicht Zimmer, groß wie Säle, es war ein kleines , niederes Häuschen eingerichtet, wie die bescheidene Wohnung eines armen Handwerkers, doch überall rein und nett. Der Wohnung entsprach auch Weod's und Johanna's Kleidung und Lebensweise. Richard sah sich mit trübem Blick in dem Stübchen um; er dachte, wie schwer es Beiden fallen müßte, die an allen Ueberfluß gewöhnt waren, sich jetzt in diese Lage zu fügen; als er aber in ihren Augen Ergebung in den Willen des Herrn und Zufriedenheit las, da wurde ihm das Herz leicht;. er fand diese Wohnung viel schöner, als jene prachtvolle, und es war ihm, als stünden jetzt Herr Wood und 101 Johanna seinem Herzen um Vieles näher als damals, wo der Reichthum zwischen ihnen und dem armen Waisenknaben eine mächtige Scheidewand bildete. Welche Liebe fand er am Krankenlager! Ein Vater konnte nicht herzlicher gegen seinen einzigen Sohn, eine Schwester nicht liebevoller gegen ihren eigenen Bruder sein. Wood mußte eine bittere Erfahrung machen, die fast Jeder macht, der den Wechsel des unbeständigen Glückes in dieser Welt erfährt. In den Tagen seines Glückes hatte er Freunde in Fülle, man bewarb sich um seine Freundschaft, um sein Wohlwollen; jetzt, wo das Glück ihm den Rücken gekehrt, hatte man sogar seinen Namen vergessen. Keiner von denen, die sich an seiner reichbesetzten Tafel erquickt, und durch seine großmüthige Unterstützung und Verwendung eine anständige Existenz gegründet, ja zu Wohlstand gelangten, kam jetzt, nach iym theilnehmend zu fragen, oder ihm Hilfe anzubieten. Wood nahm sich diesen Wechsel des Glückes nicht zu Herzen, er sagte oft zu seinen theuren Angehörigen: „Dieß ist der Gang der Welt, und der Menschen Weise; soll ich der Einzige in der Welt sein, der diese Erfahrung nicht macht?" Als Richard ganz hergestellt war und das Krankenlager verließ, sah er Wood's Mienen immer trüber, sein Auge sorgenvoller; er schwieg. Als er aber dann und wann des vielgeprüften Mannes Seufzer hörte, konnte er sich nicht mehr halten und fragte um die Ursache des Kummers. 102 Wood gestand, daß die Noth schon an seine Thüre anklopfe, nun dachte Richard an die Erfüllung seines feierlichen Versprechens. Er ging zu Kaufleuten, mit denen Wood in den Tagen des Glücks in Verbindung stand, und trug diesen seine Dienste an. Nach vielen Bemühungen war es ihm endlich gelungen, eine Anstellung mit einem kleinen Gehalte zu bekommen, und er dankte auch dafür Gott; denn dieser Erwerb reichte hin, um seine Theuren wenigstens vor Mangel zu schützen. In den Abendstunden fand er einigen Verdienst im Abschreiben der Akten für einen Advokaten. Mit Freude erzählte Richard, daß er Verdienst gefunden und Helsen könne. Weinend siel ihm der schwer geprüfte Mann um den Hals, küßte ihn herzlich und sagte: „Mein Kind, du warst in den Tagen des Glückes ein Segen für mein Haus, seit des Herrn Hand mich heimgesucht, bist Du für uns eine Stütze geworden." Gott segne dich und vergelte Dir reichlich, was ich Dir nicht mehr vergelten kann." Johanna fand mit Stickerei und Weißnähen Verdienst, und so wetteiferten Beide für die Bestreitung der Auslagen eines bescheidenen Haushalts zu sorgen. Doch weder Wood noch Johanna wußten, daß Richard oft bis gegen Morgen in seinem Kämmerlein saß und für den Advokaten schrieb, und dann bei Tag einen angestrengten Dienst zu versehen hatte. Nach einiger Zeit war Nichard's Wange bleich, fein Auge eingefallen, die Frische seiner blühenden 103 Jugend verschwunden. „Du bist krank," sagte Wood, „und gestehst es nicht." Richard versicherte, daß er sich recht wohl befinde und vollkommen gesund sei. Wood schwieg, aber er beschloß nachzusorschen, denn er ahnte die wahre Ursache des kränklichen Zustands Richard's. Eines Abends saß Richard wie gewöhnlich am Tische und schrieb; es war Mitternacht vorüber. Die Ermattung und völlige Erschöpfung übermannte ihn, er stemmte, um etwas auszuruhen, das Haupt auf den Arm und schlief fest ein. Da trat Wood in's Kämmerlein und fand ihn am Schreibtische in tiefem Schlaf. Er besah die auf dem Tische liegenden Papiere und das Räthsel war gelöset. Wood weckte ihn auf und obwohl tief gerührt von solch' aufopfernder Liebe, machte er ihm doch Vorwürfe, und Richard mußte versprechen, daß er in Zukunft seine Gesundheit schonen werde. Leider konnte er dieses Versprechen nicht mehr halten! Gerade in dieser Nacht hatte er sich verkühlt, und bei der krankhaften Anlage verfiel er in ein hitziges Fieber. Wochenlang schwankte Richard zwischen Leben und Tod. Wood und Johanna theilten ihre sorgfältige und liebevolle Pflege zwischen ihm und Malvina, die ebenfalls krank darnieder lag. Gott erhörte Wood's und Johanna's Gebet; die theuern Kranken genasen, aber durch die Kosten dieser Krankheit, durch das Ausbleiben des Verdienstes geriethen die Armen in Schulden. Der Miethzins war nicht bezahlt, der hartherzige Haus- eigenthümer, der einst in Woo d's Fabrik Arbeiter war; 104 und nur durch die großmüthige Unterstützung seines Fabriksherrn ein selbstständiges Geschäft einrichtete und hauptsächlich durch Wo od's Credit zu Wohlstand gelangte, erwirkte bei Gericht für seine Forderung das Pfandrecht, und Wood's letztes Eigenthum sollte öffentlich versteigert werden. Mit Thränen sahen die Unglücklichen dem Augenblick entgegen, wo schnöder Undank ein so liebloses Werk ausüben sollte. Der Gerichtsbeamte und die Ausrufer kamen, auch Leute, die theils kaufen, theils dem edlen Manne, der in den Tagen des Glückes Vater der Armen war, ihre Theilnahme an seinem Mißgeschicke zu zeigen, versammelten sich. Zuerst wurde Wood's Lehnstuhl in's Freie getragen, den er aus seinem frühern Wohlstand gerettet. Manche Stunde stillen Nachdenkens einst — manche Stunde schwerer Sorge jetzt — hatte er in diesem Sessel zugebracht. Mit Wehmuth sah er ihn wegtragen. Er war ausgeboten, da rief eine starke Stimme: „Fünfhundert Pfund*) gebe ich für diesen Lehnsessel!" Die Anwesenden stutzten und sahen den Fremdling mit dem langen, schneeweißen Barte und eben solchen Haupthaaren, in orientalischer Kleidung verwundert an, daß er für einen Lehnsessel, der kaum ein Pfund werlh war, fünfhundert Pfund geboten. Der Fremde ging zu dem Tische, bei dem der Gerichtsbeamte saß und sagte: „Hier ist das Geld, und der Sessel ist mein *) Ein Pfund (lüvre) eine englische Münze, gleich zehn Gulden und fünfzig Kreuzer öfter. Währ. 105 Eigenthum;" und zu einer ärmlich gekleideten, neben ihm stehenden Frau: „Hier ist ein Pfund, tragt den Sessel zu Wood und saget ihm, er ist wieder sein Eigenthum und der rückständige Miethzins gezahlt." — Die Frau griff hastig nach dem Lehnsessel und trug ihn in Wood's Wohnung. Hierauf sprach der Fremde zu dem Gerichts- beamten, der sich über diese Scene kaum fassen konnte: „Mein Herr, Sie werden wohl so gütig sein und meine Bitte erfüllen. Zahlen Sie von dem Gelde, das ich für den Sessel gegeben, den rückständigen Miethzins und die Gerichtskosten, den Rest vertheilen Sie unter die Armen dieses Stadtviertels; dann gehen Sie und sagen Sic Wood: die Zeit der Roth und Prüfung ist vorüber, Multon ist mit einer sehr reichen Ladung da." Der Gerichtsbeamte, der den unglücklichen Wood hochachtete, erfüllte die Bitte bereitwillig, und als Wood Multon's Namen hörte, rief er aus: „Gerechter Himmel! wo ist Multon!?" Und in demselben Augenblick stand vor ihm ein fremdartig gekleideter Mann mit langem über die Schulter herabwallendem Silberhaar, auf den der Gerichtsbeamte wies. „Herr!" sagte Wood zu dem Fremden; „wer seid Ihr, daß Ihr cs wagen könnet, mit einem alten, schwergeprüften Manne ein Spiel zu treiben? Das soll Euch Gott verzeihen." „Wood!" rief in diesem Augenblick der Fremde, und Helle Thränen rollten über seine Wangen; „Wood, kennst Du Deinen Schwager Multon nicht mehr?" 106 „Ach," sprach Wood, „die Stimme scheint Multon's Stimme zu sein — aber . . „Ja, ich bin's," sprach der Fremde; „die Zeit, die Sonnenhitze, die Witterung, mancher Kummer, manche schwere Sorgen haben Dir meine Gesichtszüge entfremdet." Die Langgetrennten stürzten sich in die Arme und der als todt Beweinte war nun im Kreise seiner Theuern. „O mein armer Schwager," sagte Multon, „wie schwer lag auf Dir des Herrn Hand. Sei guten Muthes ; der Herr, der schwere Leiden schickt, gibt auch Hilfe. Deine Noth ist vorüber — eine so reiche Ladung ist niemals in London vor Anker gegangen, als die ist, welche ich bringe." — „Und Du," gegen Richard gewendet, der mit Johanna und Malvina Zeuge dieser Freudensceue war, „Du bist der reichste Mann in London." „Das bin ich auch," erwiderte Richard, „in der Liebe meines edlen Wohlthäters und seiner theuern Angehörigen." „Kommt her, setzet Euch nieder um mich," sprach Multon; „ich will Euch meine Geschicke erzählen, auf daß Ihr sehet, wie wunderbar mich Gottes allweise Vatergüte beschützt, und dann folget mir in den Hafen, damit Ihr Euch selbst überzeugt, wie der Herr Eure Noth in den reichsten Segen umgewandelt." Voll der gespanntesten Erwartung setzten sich die freudig Ueberraschten zu dem guten Multon und er begann: 107 „Meine Reise war bis nach Indien recht glücklich; wir hatten kein Ungemach zu bestehen. Ich setzte meine Ladung in der Stadt Calcutta mit großem Vortheil ab. Es dauert gewöhnlich lange, bis man wieder eine volle Ladung der Landeserzeugnisse zur Rückfahrt in die Heimat bekömmt; und so konnte ich erst nach Verlauf von vier Monaten die Segel zur Rückreise heben und die Anker lichten. Meine Ladung bestand aus reichen indischen Stoffen, Seidengeweben und unverarbeiteten Landeserzeugnissen, die mir den reichsten Gewinn versprachen. Der Anfang der Heimreise war glücklich. Wir kamen wohlbehalten durch die Gefahren, welche am Cap der guten Hoffnung, d. i. an der Südspitzs von Afrika, den Schiffen drohen. Doch bald sollte es anders werden. Weit hinter der bezeichnten, so gefährlichen Gegend trat eine mehrtägige gänzliche Wind- > stille ein, so daß unser Schiff nicht von der Stelle rückte. Bald kündigten uns helleuchtende Blitze und rollender Donner eine bevorstehende Gefahr an. Ich hatte kaum so viel Zeit gewonnen, um die nöthigen Anordnungen zu treffen, als sich plötzlich ein furchtbarer Sturm erhob, dessen Gewalt unfern kleinen Vordermast zusammenbrach. Ich ließ die Trümmer schnell abhauen und über Bord werfen. Ans dieses Vorspiel, das für uns schon sehr gefährlich war, folgte Windstoß auf Windstoß, immer heftiger und stärker. Trotz aller angewandten Mühe zur Rettung unseres Schiffes brach auch der Hauptmast>'und um das Unglück zu vollenden, schlug eine gewaltige Welle das Steuer- 108 rüder weg. Jetzt war unsere Hoffnung vernichtet. Das Schiff war ein Spiel der Wellen, und immer gewaltiger brauste der Sturm, immer höher und wilder thürmten sich die Meereswogen. Wir hatten unfern Untergang vor Augen, eine pechschwarze Nacht umgab uns, die kein Sternlein am Himmel erleuchtete. So durchwachten wir in beständiger Angst die ganze Nacht. Wir wußten nicht, wo wir uns befanden, denn man konnte auf dem Verdeck nicht die geringste Beobachtung machen, die uns über unsere Lage einige Anhaltspunkte hätte geben können. — Endlich brach der Tag an, doch der Sturmwind wüthete noch stärker. Als sich der Himmel dann aufheiterte, sahen wir vor uns in geringer Entfernung ein uns unbekanntes, mit dichten Wäldern bewachsenes Land. Eine Strömung des Meeres trieb unser ent- mastetes Schiff diesem Lande unaufhaltsam zu, und eine mächtige Welle hatte es auf eine Sandbank am Strande geschleudert. Wir bedurften Alle der Ruhe nach diesen anstrengenden Arbeiten. Wir untersuchten das Schiff und fanden den größten Theil der Ladung und der Lebensmittel vom Seewasser verdorben, doch tröstete uns der Umstand, daß unser Schiff zur Reise hergestellt werden könnte, wenn wir wohlwollende Menschenhilfe fänden. In solcher Noth ruft die Seele zu dem Herrn, dem einzigen Helfer und Retter, und sie ruft nicht umsonst. Wir knieten Alle nieder und beteten mit inniger, vertrauensvoller Andacht zum Herrn, und wir waren getröstet mit der Hoffnung, der Herr werde mehr Gnade an uns üben, als wir verdienen! Hierauf 109 legten wir uns, da das Schiff — seitdem der Sturm nachgelassen — im Trockenen lag, ruhig zum erquickenden Schlaf nieder, den wir durch einige Tage und Nächte entbehren mußten. Wir schliefen ruhig und als wir nach mehrstündigem Schlaf erwachten, sahen wir am Strande eine Menge schwarzer Menschen, die, als sie uns erblickten, durch Mienen und Geberden uns zu sich einluden. Wir beratschlagten unter uns, was zu thun sei, und da drängte sich durch die Gruppe der Schwarzen ein hochbetagter Europäer, der uns in holländischer Sprache zurief, daß wir nichts zu befürchten hätten, und ganz getrost an's Land steigen können. Ich stieg mit einem Theil der Mannschaft aus dem Schiffe, und der Holländer erzählte, daß vor etwa fünfzig Jahren an dieser Küste ein holländisches Schiff gestrandet sei, daß von der ganzen Bemannung nur zehn Menschen sich durch Schwimmen auf diese Insel gerettet, und von den gutmüthigen Eingeborenen gastfreundlich ausgenommen worden sind, daß sie sehnsuchtsvoll aber vergebens auf ein europäisches Schiff warteten, das sie in ihre Heimat zurückführen sollte, und daß von den aus dem Schiffbruch Geretteten er der Einzige noch am Leben übrig geblieben sei. Ich erzählte ihm unser Unglück, und er tröstete uns, daß wir zur Ausbesserung unseres Schiffes die nöthige Hilfe erhalten werden. „Was uns besonders auffiel, waren die dicken Ringe von Gold, die die Schwarzen um die Arme, Füße und um den Leib hatten. Der Holländer erzählte, daß hier alle Flüsse und Bäche Gold in großer 110 Menge führten, und daß man es reichlich gediegen in ganzen Klumpen in den nahen Bergen findet." „Die Schwarzen besahen das Schiff und seine Einrichtung mit der Neugierde der Kinder, sie brachten uns Erfrischungen und waren hochbeglückt, als wir ihnen Glasperlen und andere Spielwaaren, die wir zum Tauschhandel nach Indien mitgenommen, zum Geschenke machten, sie gaben uns gern dafür ihre goldenen Ringe und versprachen noch mehr Gold zu bringen." „Da die Sonne bereits sich dem Untergange neigte, hieß uns der Holländer guten Muthes sein, versprach unser Unglück dem Kaziken (Beherrscher der Insel) zu melden und tröstete uns, daß wir bei ihm gastfreundliche Aufnahme und Hilfe finden werden. Hieraus entfernten sich die Schwarzen mit dem Holländer, auf ein Zeichen, das dieser ihnen gab." „Am andern Morgen kam der Holländer in Begleitung mehrerer Eingebornen und brachte uns die Einladung zum Kaziken. Ich kleidete mich und die zehn Mann, die ich mitnahm glänzend; wir bewaffneten uns mit Säbeln, Pistolen und Flinten, und ich empfahl den bei dem Schiffe Zurückgebliebenen die größte Vorsicht. Nun traten wir mit Vertrauen aus Gott guten Muthes unfern Weg an. Meinen Leuten, die beim Schiffe zurückblieben, versprach ich längstens am andern Morgen zurückzukommen." „Unser Marsch, der fast vier Stunden dauerte, führte uns.durch einen dichten Wald, bis wir am Ufer eines Flusses einen Haufen unregelmäßig angelegter 111 Hütten erblickten. Da sagte uns unser Führer, daß dieß die Stadt und Residenz des Kaziken sei. Auf dem Platze vor des Kaziken Residenz war eine Menge Volkes versammelt, das uns zwar mit Ehrfurcht, aber mit ängstlicher Scheu betrachtete. Als der Kazike erfuhr, daß wir uns naheten, ging er uns, geschmückt mit Papageienfedern und mit einem dicken goldenen Stock in der Hand, entgegen." Des Kaziken Residenz bestand aus vielen Hütten, die eben so gebaut waren wie die seiner Unterthanen, sie standen unter den Kronen hoher, schattiger Palmbäume. Wir wurden in eine Hütte geführt und dort der Gemalin und der ganzen Familie des Kaziken vorgestellt. Wir konnten uns vor Erstaunen, als wir dort ganze Klumpen Goldes sahen, kaum fassen. Nach vielen Ceremonien, die uns das Wohlwollen und die Ehrfurcht des Kaziken zu erkennen gaben, setzten wir uns zu einem Male; allein wer mag unseren Ekel beschreiben, als auf einmal eine Menge Ratten, die kleiner waren als die europäischen, von allen Seiten herbeikamen und mit unbeschreiblicher Dreistigkeit die Speisen mit uns theilten. Es waren mehrere Diener aufgestellt, welche die lästigen Gäste mit Stöcken wegjagten, und todtschlugen; allein das half nichts, denn es kamen immer neue Scharen aus allen Winkeln hervor. Der Kazike ließ uns durch den Holländer sein Bedauern ausdrücken, daß er sein Land von dieser Plage nicht Lesreien könne." „Da dachte ich an deine Katze, mein lieber Richard, 112 sie hatte auf dem Schiffe Junge geworfen und wir hatten bereits zehn Katzen, die uns auf dem Schiffe vortreffliche Dienste leisteten. Ich ließ dem Kaziken durch den Holländer sagen, daß ich solche Thiere auf dem Schiffe habe, die die Ratten ausrotten. Er äußerte über diese Mittheilung eine große Freude, bat mich inständig ihm solche Thiere zu geben, und versprach dafür eine Menge Goldes. Ich schickte einen von meinen Leuten mit zwei Eingebornen und befahl die alte Katze Richard's mit den fünf bereits erwachsenen, die sie gleich nach unserer Abreise auf dem Schiffe geworfen, zu holen. „Am Abend begleitete uns der Kazike selbst in die Hütte, in der für uns ein Nachtlager bereitet war, und prüfte Alles selbst, ob Alles zu unserer Bequemlichkeit wohl eingerichtet wäre. Unser Lager war aus duftenden Kräutern bereitet, und mit den Fellen der auf der Insel einheimischen Thiere bedeckt- vor uns standen köstliche Früchte in großen plump geformten goldenen Gesäßen. Auch hier war eine Menge Goldes aufgehäuft; Eisen kannten sie nicht, sie verfertigten ihre scharfen Instrumente aus spitzen Steinen, Muscheln und Fischgräten." „Bei aller Versicherung des Holländers, daß wir gar nichts zu fürchten hätten, ermahnte ich zur Vorsicht, ließ die geladenen Gewehre zurechtstellen, und ordnete an, daß Einer unserer Leute um den Andern eine Runde machen mußte. Doch diese Vorsicht war nicht nothwendig, die harmlosen Menschen dachten nicht 113 daran, uns ein Leid zuzufügen. Mit dem frühesten Morgen begann schon das Wetteifern uns gefällig zu sein und uns Freude zu machen. Durch die Geschenke, die ich dem Ka- ziken und seiner Familie gemacht, hatte ich sein Wohlwollen und seine Gunst gewonnen. Ganze Schnüre farbiger Glasperlen, kleiner Messer, Gabel, Löffel, Spiegel und andere Geräthschaften wurden nicht gespart. Die meiste Freude hatte die Gemalin das Kaziken über die Glasperlen und die kleinen Spiegel. Der Kazike ließ mich durch den Holländer fragen, womit er mir ein angenehmes Geschenk machen könnte, und war sehr erstaunt, als ich mir Gold ausbot, da das Gold dort fast gar keinen Werth hatte." „Gegen Mittag kamen die Abgeordneten und brachten fünf Katzen, und obwohl so viele Fremde anwesend waren, so erkannten sie gleich in mir und in meinen Gefährten ihre Herren. Als sich die Ratten zeigten, sprangen sie wie rasend auf sie los und bissen sie todt. Bald lag das ganze Gemach voll todter Ratten, und es schien, als ob die alte Katze mit jeder getödteten Feindin neue Mordlust gewonnen hätte; denn immer hastiger warf sie sich auf die Ratten, und erst als das ganze Gemach gereiniget war, setzte sich die alte Katze auf meinen Schoß und die übrigen aus jene meiner Gefährten, um auszuruhen und schnürten behaglich mit geschloffenen Augen." „Man kann sich von dem freudigen Erstaunen des Kaziken und seiner Umgebung über diese Erscheinung keinen Begriff machen. Sie naheten sich den Thieren Kanloffer: Segen rc. 8 114 mit Ehrfurcht, deren Eigenschaft ihnen außerordentlich nützlich und wohlthätig erschien. Ich sah, daß die Katzen ein sicheres Pfand guten Einvernehmens mit dem Kaziken und den Einwohnern wurden, und ich gründete darauf meine Hoffnung, mein Schiff ausbessern und mit einer reichen Ladung Goldes in mein theures Vaterland und zu Euch, meine Geliebten, heimkehren zu können." „Der Kazike ließ mich durch den Holländer fragen, ob ich ihm nicht diese so nützlichen Thiere überlassen möchte, er sei bereit mir dafür zu geben, was ich verlange. Ich hatte mir seine Hilfe bei der Ausbesserung des Schiffes ausbedungen, und als mich der Holländer versicherte, daß ich getrost auf die versprochene Hilfe mich verlassen könne, gab ich meine Einwilligung und verlangte für die Katzen so viel Gold, als zwei Männer tragen können." „Der Kazike und seine Umgebung brachen in ein lautes Lachen über meine geringe Forderung aus, und es wurde gleich so viel Gold zusammengelegt, daß vier Männer daran zu tragen hatten. Meine Leute wurden auch reichlich mit Gold beschenkt." „Am andern Tage besuchte uns der Kazike mit einem zahlreichen Gefolge auf dem Schiffe, um uns seine Dankbarkeit für die Katzen zu bezeugen. Erwünschte die jungen Katzen zu sehen, und zeigte große Freude über die possierlichen Sprünge der muntern Thiere. Ich mußte ihm auch diese Katzen überlassen, für die er mir auf jede mögliche Weise seine Erkenntlichkeit darzubringen sich bemühte." — „Wir mußten nun an die Herstellung unseres Schiffes denken, wobei uns die Landeseingebornen, so viel sie konnten, Hilfe leisteten. Doch die Arbeit ging nur langsam vorwärts, theils waren zu wenig Kunstverständige, theils mußten wir das uöthige Materiale mühsam herbeischaffen und zurichten." „Ein Jahr täglicher angestrengter Arbeiten war um, und wir waren noch ziemlich weit vom Ziele. Das waren Prüfungen der Geduld, die wir im Vertrauen auf Gottes Hilfe nicht verloren. Unser Schiffbau rückte, wenn auch langsam, vorwärts. Vor etwa vier Monaten war unser Schiff soweit hergestellt, daß wir wagen konnten, die Reife anzutreten. Der Kazike beorderte viel Volkes, um uns zu helfen, das Schiff flott zu machen, was uns nach großen Anstrengungen unter dem Jubel unserer Helfer gelang. Die Herstellung unseres Schiffes war zwar nur nothdürftig, doch hatten wir Hoffnung, bei günstigem Winde in unser theueres Vaterland heimzukehren. Unser Abschied von den gutmüthigen Landeseingebornen und dem Kaziken war recht herzlich, und man sah, daß es ihnen leid that, daß wir schieden. Wir priesen den Herrn, der uns in der Noth Hilfe gesendet, dankten ihm für seinen Beistand und seinen reichen Segen und empfahlen uns in Demuth und Vertrauen seiner allweisen Vatergüte. Unser Gebet wurde erhört. Günstiger Wind füllte unsere Segel, kein Sturm brachte uns Gefahr für unser nothdürftig hergestelltes Schifflein. Nach Liner glücklichen Fahrt landeten wir heute früh, und 116 ich war so glücklich, einen Arbeiter aus deiner Fabrik im Hafen zu treffen, von dem ich dein Schicksal erfuhr, daß du gepfändet worden seist, und daß heute deine Mobilien öffentlich versteigert werden. Ich bin, von dem Arbeiter begleitet, hieher geeilt und kam noch zu guter Stunde, dir diesen Stuhl der bittern Sorge zu retten, der nun ein Stuhl der Ruhe für deine alten Tage werden soll; denn wenn ich auch als redlicher Mann bekennen muß, daß der bei weitem größere Theil meiner Ladung Richard's Eigenthum ist, so habe ich doch auch so viel aus dem gelöst, was du mir anvertraut hast, daß Du wieder ein so reicher Mann bist, wie zuvor, ehe dich das harte Geschick traf, das dich vom Gipfel des Glückes in die tiefe Armuth herabstieß, deren Bitterkeit Du andern Menschen so oft erleichtert hast." „Der alte Holländer wollte mit uns die Rückreise nach Europa nicht antreten. Er sagte, er sei als ein verlassener Waisenknabe in die Dienste eines Schiffskapitäns getreten, habe bereits fünfzig ruhige Jahre unter den gutmüthigen Landeseinwohnern verlebt, in Europa schlage ihm kein liebendes Herz entgegen; denn er habe dort keine Verwandte, er wolle die wenigen Tage, die ihm Gottes Vatergüte noch schenkt, hier in Ruhe und Frieden verleben." Multon endete seine Erzählung, der mit lautlosem und thränenfeuchtem Auge Wood, Malvina, Johanna und Richard zugehört hatten. Dann faltete Wood seine Hände und sprach mit gegen Himmel 117 gerichtetem Blicke: „Herr! wie unbegreiflich sind Deine Gerichte und wie unerforschlich Deine Wege; Du schlägst Wunden und heilest sie, wohl dem, der Dir in frommer Ergebung und Demuth vertraut. Gelobt sei dein heiligster Name in alle Ewigkeit!" Alle stimmten tiefgerührt in diesen Dank mit ein, Aller Herzen waren tief ergriffen und Alle priesen Gottes Vatergüte, die an ihnen so wunderbar sich bewiesen. Richard wollte nichts davon hören, daß der große Reichthum sein Eigenthum sein sollte. Da sprach Wood mit ernster und feierlicher Stimme: „Alle Schätze, die mein guter Schwager unter Gottes Schutz gebracht, sind dein Eigenthum, und ich will Dir dazu noch einen Schatz geben, der in deinem Herzen alle diese Reichthümer weit überwiegt. Ich bin lange Zeuge, daß Du Richard und Johanna in treuer Liebe einander zugethan seid. Er hat dich gewonnen, Johanna, als er dich mit eigener Lebensgefahr aus den Flammen gerettet; Du hast ihn gewonnen, als Du ihn mit aller Aufopferung in der schweren Krankheit gepflegt. Euch hat Gott für einander bestimmt, ihr seid durch die Schule der Trübsale geprüft und erprobt befunden worden. Du warst, mein lieber Richard, mein Kind durch die Bande der Liebe, werde es auch durch jene der Natur; ich gebe Euch meinen Segen, denn eure Ehe ist im Himmel geschlossen." Johanna und Richard dankten für den väterlichen Segen unter Thränen der lautersten Freude; Multon und Malvina stimmten vom ganzen Herzen bei. 118 Nach einigen Wochen vereinte die beiden Glücklichen der Segen der Kirche. Jetzt begann Richard zu wirken. In kurzer Zeit stand Wood's Fabrik wieder da, aber größer und zweckmäßiger eingerichtet. Viele Arbeiter fanden guten Verdienst, Arme, Witwen und Waisen Trost und Hilfe. Für die Kinder seiner Arbeiter gründete er eine Schule, für die Kranken ein Spital und für jene, die durch Alter und Krankheit in seinem Dienst arbeitsunfähig wurden, ein Versorgungshaus, in dem sie gegen Mangel und Noth geschützt, ihre alten Tage verleben konnten. Wenn Wood seinem Schwiegersöhne die Freude über dieses segensreiche Wirken zu erkennen gab, antwortete Richard: „Ich zahle jetzt an die Armuth die Zinsen von dem Kapitale, das Du, mein guter Vater, auf mich verwendet hast." Richard unterstützte alle wohlthätigen und gemeinnützigen Anstalten in London sehr großmüthig. Die Stadt, die ihn unter ihre reichsten Mitbürger zählte, achtete ihn als ihren edelsten. Er wurde in den Rath der Stadt gewählt, und hierauf drei Mal nach einander zum Bürgermeister von London. In seinem Familienleben wohnte wahres Glück, Liebe und Frieden. Gott segnete ihn und Johanna mit guten Kindern. Wood, Multon und Malvina verlebten den Rest ihres vielgeprüften Lebens in ungetrübter Freude im Kreise der guten Kinder, Enkeln und Enkelinen, denen der Herr den Segen des vierten Gebotes im reichen Maße verlieh. 119 V. Sieg treuer Kindesliebe. Barbara Lopuloff, die Tochter eines Edelmannes aus der Ukraina (Rußland), hat zu Anfang dieses Jahrhunderts — gegen Ende der Regierung des Kaisers von Rußland Paul, und zu Anfang jener des edlen Kaisers Alexander — durch ihren muthvollen Entschluß und durch die Ausdauer, mit welcher sie diesen, trotz so vieler Gefahren, auf Gott vertrauend, der ihr, wie es ihr kindlich frommes Gemüth glaubte, diesen Entschluß eingegeben, ausführte, ein seltenes Beispiel kindlicher Liebe gegeben. Der Vater der edlen Tochter nahm in seinem Vaterlande Kriegsdienste und hatte sich in dem Kriege gegen die Türken durch Muth und Tapferkeit so ausgezeichnet, daß er von Grad zu Grad schnell zum Hauptmann befördert wurde. Sein Muth und sein leutseliges Wesen erwarben ihm die Liebe und Achtung seiner Waffengefährten und die Anhänglichkeit der Untergebenen. Plötzlich wurde er aus seinem häuslichen Glück und seiner schönen Laufbahn gerissen und in namenloses Elend gestürzt. — Er wurde ohne Untersuchung, ohne Urtheil von seinem Posten entsetzt, sein Rang ihm genommen und er als Verbrecher in die Verbannung nach Sibirien geschickt. Alle Betheuerungen über seine Unschuld, alle Bitten um strenge, aber gerechte und unparteiische Untersuchung blieben erfolglos; er mußte sich in das harte Loos fügen. 120 Gattin und Tochter — damals ein Kind von fünf Jahren — wollten sich von dem theuern Gatten und dem geliebten Vater nicht trennen; sie folgten ihm in die Verbannung. — Dem Verwiesenen wurde zu Jschim, einem kleinen Dorfe im Gouvernement Tobolsk, der Aufenthalt bestimmt, und ihm dort, da er zu öffentlichen Arbeiten nicht verurtheilt war, eine kleine Hütte als Wohnung und zehn Kreuzer täglich zum Lebensunterhalt angewiesen. Die kleine Barbara half der Mutter, so viel sie mit ihren schwachen Kräften konnte, im Hauswesen, und als sie größer wurde, bekam sie für ihre Dienste, die sie den Dorfbewohnern theils bei der Feldarbeit, theils im Haushalt leistete, Lebensmittel. Sie hatte die schweren Arbeiten mit Freude verrichtet, um den tiefbetrübten Eltern das harte Loos, so viel sie konnte, zu erleichtern. Die Mutter, vollauf beschäftigt mit der Sorge des kummervollen Haushalts, schien sich in ihre traurige Lage zu fügen; doch dem Vater, von Jugend an ein thätiges, bewegtes und gemächliches Leben gewohnt, war das harte Loos unerträglich und er ergab sich oft einer Verzweiflung, die selbst das Unglück nicht rechtfertigen kann. Obwohl der unglückliche Vater sorgfältig vermied in Gegenwart der Tochter sich dem Schmerz zu überlassen oder über sein hartes Loos zu klagen, so hatte doch das gute Kind bemerkt, daß oft der Vater die Thränen trocknete, wenn sie unvermuthet von ihrer Arbeit im Hofe oder im Dorfe in die Stube trat; 121 und es ging ihr das harte Loos des Vaters sehr zu Herzen. Lopulofs hatte sich oft schriftlich an den Gouverneur von Tobolsk gewendet und um Untersuchung, Gerechtigkeit oder Gnade gebeten; alle Bittgesuche blieben unbeantwortet. Als die Tochter einst von der Feldarbeit nach Hause kam, fand sie ihre Mutter bitter weinend und war heftig erschreckt über die blasse Gesichtsfarbe und den stieren Blick des Vaters, der in der Ecke der Stube sprachlos saß. Bei dem Anblick der Tochter, die dem Vater entgegen eilte, sprang er plötzlich von seinem Sitze aus und rief von Schmerz und Verzweiflung übermannt aus: „Du, gutes Kind, bist mein härtestes Unglück! Gott hat Dich mir geschenkt, um meine Leiden zu verdoppeln ; ich muß Dich unter meinen Augen freudenlos verwelken und in der Blüthe des Alters unter schwerer Arbeit und Entbehrung zu Grunde gehen sehen. Der Name Vater, der jeden Menschen glücklich macht, ist für mich eine Strafe des Himmels!" Erschrocken über diese Sprache und über den Zustand des Vaters, stürzte sich Barbara sprachlos in seine Arme, weinte und schluchzte. Mutter und Tochter weinten mit dem Vater und trösteten sich gegenseitig, als sie sich etwas gefaßt, so gut sie konnten. Dieser Auftritt machte auf das edle Gemüth der guten Tochter einen tiefen, bleibenden Eindruck. Jetzt hatten die Eltern zum ersten Male offen vor der Tochter 122 über ihre unglückliche und hoffnungslose Lage gesprochen; das gute Kind erfuhr erst jetzt das Unglück der Eltern in seiner ganzen Größe. Barbara zählte damals fünfzehn Jahre und bei dieser Gelegenheit faßte sie den Entschluß, nach Petersburg zu gehen und dort für ihren Vater Gnade zu erflehen. Sie erzählte in der Folge oft, daß dieser glückliche Entschluß an jenem Tage, als sie ihr gewöhnliches Gebet verrichtet, wie ein Blitz ihr Gemüth erleuchtet und ihr eine unaussprechliche Freude, aber auch große Angst verursacht hatte. Sie war bis an ihr Lebensende fest überzeugt, daß ihr Gottes Vorsehung diesen Entschluß eingegeben und dieser Himmelsglaube verlieh ihr Muth und Kraft in den gefahrvollsten Lagen, in die sie gerieth, bis sie das sehnlichst erwartete und mit der Zuversicht einer frommgläubigen Seele gehoffte Ziel glücklich erreichte. Der Himmelsglaube. Es mag der Trennung Arm, im Vollgenuß der Freuden, Erhabner Sympathie, den Freund vom Freunde scheiden, Der sanft, und fest, und treu, am Rande der Gefahr Wie auf der Bahn des Glücks, ihm Alles, Alles war: Wo Himmelsglaube wohnt, Verlassener! da erhellt Der Zukunft Mitternacht ein Stern der höhern Welt, Und aus der Ferne winkt voll Glanz Die Hoffnung mit dem Siegeskranz. Es mag, wenn ringsumher die Rosen sich entfärben, Des Jünglings Scherze fliehn, des Mannes Freuden sterben. Der letzte Zauberklang der Liebe selbst verwehn, Und jedes goldne Bild der Täuschung untergehn: 123 Wo Himmelsglaube wohnt, beut' ihren Labetrunk Dem Allvergess'nen mild noch die Erinnerung, Wenn ihm des Todes Odem, kalt Und schwer, die Wange schon umwallt. Kein Stundenschlag ertönt, kein Tropfen Zeit entfluthet. Daß nicht ein Herz um edle Herzen blutet; Kein Abendstern erscheint, kein Morgenroth erglänzt, Das fromme Liebe nicht ein frühes Grab umkränzt: Wo Himmelsglaube wohnt, schwingt'über Gruft und Zeit Und Trennung, im Gefühl der Unvergänglichkeit, Sich zu verwandter Engel Chor Des Ueberwinders Geist empor. Ueber die Art und Weise, wie sie den gefaßten Entschluß ausführen sollte, sowie über die Möglichkeit, wußte sie sich keine Aufklärung zu geben, keinen Rath zu schaffen; ihre Pläne durchkreuzten sich, ihre Gedanken waren verwirrt, sie betete inständig zu Gott, er möchte ihr die Freude, die sie jetzt empfand, und das Glück, das sie genoß, wenn sie an die Rettung des Vaters dachte, nicht entziehen. Nach und nach faßte in ihrer Seele der Entschluß feste Wurzel, nach Petersburg zu gehen und sich zu den Füßen des Kaisers zu werfen, um Gnade für ihren Vater zu erbitten. Sie hatte schon früher in dem nahe an der Hütte gelegenen Wäldchen einen Platz sich ausgesucht, wo sie gewöhnlich ihr Gebet verrichtete; jetzt brachte sie dort jeden von der Arbeit freien Augenblick im inbrünstigen Gebete zu. Dort, von dem gefaßten Entschluß begeistert, bat sie Gott mit der ganzen Kraft eines frommgläubigen Gemüths, ihr Unternehmen zu segnen, ihr 124 die Kraft dazu zu verleihen und die Mittel und Wege zur Ausführung vorzuzeichnen. In diese Gedanken vertieft, vergaß sie oft an ihre gewöhnliche Arbeit und zog sich manchen Verweis ^ von den Eltern zu. Lange Zeit hatte sie nicht den Muth, ihren Eltern den gefaßten Entschluß zu entdecken. So oft sie sich dem Vater näherte, um vor ihm das Herz zu öffnen, verließ sie der Muth. Endlich setzte sie auf Gottes Schutz vertrauend, einen Tag fest, an dem sie mit dem Vater über ihren Entschluß sprechen wollte. Sie ging an diesem Tage in früher Morgenstunde in das Wäldchen, betete dort mit Inbrunst zu Gott um Muth und überzeugende Beredsamkeit, auf daß sie die Eltern für ihren Entschluß gewinne. Durch das Gebet gestärkt, ging sie voll froher Zuversicht nach Hause, mit dem festen Vorsatz, dem Ersten der Eltern, dem sie begegnet, ihren Plan zu entdecken. Sie hätte gewünscht, zuerst der Mutter zu begegnen, weil sie diese leichter für ihren Plan zu gewinnen hoffte. Als sie sich der Hütte nähert, erblickt sie ihren Vater vor der Hausthüre auf der Bank sitzen und in Gedanken vertieft, sein Pfeifchen rauchen. Sie tritt entschlossen vor ihn hin, entdeckt ihm ihren Plan und bittet mit Begeisterung um die Erlaubniß und um den Segen für dieses Unternehmen, aus dessen günstigen Erfolg sie aus den Schutz Gottes vertrauend, mit fester Zuversicht hofft. Der Vater hörte ruhig zu, und als Barbara geendet, war seine Miene ernst, er nahm sie bei der Hand, führte sie in die Stube und sprach: 125 „Gattin, da höre mich an, ich habe Dir eine recht erfreuliche Nachricht mitzutheilen; wir haben in unserer bittern Lage einen mächtigen Schutz gefunden. ^ Unsere Tochter will nach Petersburg gehen und sich dort persönlich beim Kaiser für uns verwenden." — Und nun wiederholte der Vater lachend die Worte der Tochter — und die Mutter setzte spöttisch hinzu: „Denk' Du lieber an Deine Arbeit und setze Dir alberne Gedanken nicht in den Kopf." Die gute Tochter — die wohl auf strafende Verweise für ihr Unternehmen gefaßt war — dachte jedoch nicht daran, daß man ihren Plan lächerlich finden wird. Dieß hatte ihrem edlen Herzen großen Schmerz bereitet; sie fing bitterlich zu weinen an. — Der Vater verwies der Tochter mit strengen Worten ihr thörichtes Beginnen, wie er es nannte, die Mutter, durch die Thränen der Tochter gerührt, schloß sie in ihre Arme und sprach lachend: „Komm, mein Kind, jetzt werden wir frühstücken, nach dem Frühstück magst Du in Gottes Namen die Reise nach Petersburg antreten." P. Die Demüthigung, daß die Aeltern sie wie ein unmündiges Kind behandelten, schmerzte die gute Tochter sehr, aber es entmuthigte sie nicht. Der Schritt war gethan, sie verdoppelte ihr Gebet und brachte von nun an ihre Bitte oft den Aeltern vor. Der Vater ward endlich überdrüßig, zankte die Tochter mit derben Worten aus, und verbot ihr strenge, je noch ein Wort darüber zu reden. Die Mutter tröstete sie mit liebe- 126 voller Zärtlichkeit, daß sie viel zu jung und zu schwach sei, um ein so beschwerliches und gefahrvolles Unternehmen zu wagen, bei dem nicht die geringste Hoffnung auf günstigen Erfolg wäre. Es verflossen drei Jahre und Barbara hatte nicht gewagt mit dem Vater über ihren Entschluß zu reden. Eine langwierige Krankheit der Mutter zwang sie die Ausführung ihres Entschlusses auf günstigere Zeiten zu verschieben; sie unterließ keinen Tag in ihr Gebet auch die Bitte einzuschließen, daß ihr der Vater zur Reise nach Petersburg die Einwilligung und den Segen geben möchte; denn sie hoffte mit Zuversicht, daß Gott ihr Unternehmen segnen werde. Ein im Gemüth so tief gewurzeltes religiöses Gefühl, ein so lebendiger Glaube muß bei einem jungen Mädchen um so bewunderungswürdiger erscheinen, weil dieß nicht die Frucht der Erziehung war. Der Vater sprach selten mit der Tochter über religiöse Gegenstände, die Mutter verrichtete ihr Gebet regelmäßig, beoachtete die dem Christen von der Kirche auferlegten Pflichten genau, legte aber kein besonderes Gewicht auf die religiöse und moralische Erziehung ihres Kindes und so verdankte Barbara nur der all" waltenden Vorsehung und sich selbst ihren frommen, Hvttesfürchtigen Sinn und den lebendigen Glauben. Ihr Verstand reifte, ihre Meinung und ihre Ansichten hatten in Familienangelegenheiten und im Haushalt schon einiges Gewicht; der Vater behandelte sie nicht mehr wie ein unmündiges Kind, sie konnte 127 rimi freier und offener ihre Meinung aussprechen und ihre Ansicht über ihren Entschluß Vorbringen, ohne befürchten zu müssen, daß sie wie ein schwärmerisches, oder unbesonnenes Kind behandelt werde. Die Eltern stellten ihr mit Ruhe die vielen Hindernisse vor, die einem so gewagten Unternehmen entgegenständen, so wie die Hoffnungslosigkeit desselben. Der Vater suchte sie nicht mehr durch Drohungen und Hohn von ihrem Vorsatz abzubringen, sondern durch liebevolle Vorstellungen, Bitten und Thränen. „Wir sind alt," sprach er, „wir haben in Rußland weder einflußreiche Freunde noch Vermögen. Könntest Du deine Aeltern in der Verbannung verlassen und uns in unserm Unglücke um unfern einzigen und letzten Trost bringen, und eine so gefahrvolle Reise unternehmen, die Dich und deine Aeltern das Leben kosten kann, statt uns Freiheit zu bringen?" Auf diese Vorstellungen konnte Barbara nur mit Thränen antworten; doch wankte sie in ihrem Entschluß und in dem Glauben nicht. Der Ausführung ihres Vorhabens stellte sich ein noch größeres Hinderniß entgegen; sie konnte diese Reise ohne Reisepaß nicht wagen, und wie sollte sie diesen von der Regierung bekommen, da der Gouverneur von Tobolsk ihrem Vater auf die vielen Bittschriften, die er an ihn geschickt, nie eine Antwort gab. Barbara sann nun beständig auf Mittel und Wege, wie sie den für dieses Unternehmen unumgänglich notwendigen Reisepaß von der Regierung bekommen könnte. 128 Eines Tages war sie am Bache mit Reinigung der Wäsche beschäftigt, und als sie mit der Arbeit fertig war und den schweren Korb mit der Wäsche kaum von der Erde heben konnte, kam eben des Weges ein hochbetagter Verwiesener, der mit Barbaras Aeltern in Freundschaft lebte und sür die gute Tochter besondere Achtung hatte. Er bot dem Mädchen seinen Dienst an und Barbara, die zu dem würdigen Greis viel Vertrauen hatte, erzählte ihm den gefaßten Entschluß und ihren Kummer wegen Erlangung des unumgänglich nothwendigen Reisepasses. Der Greis tröstete sie und versprach am andern Morgen mit einem ebenfalls verwiesenen jungen Polen zu ihren Aeltern zu kommen, der ihr das Gesuch um den Reisepaß schreiben würde. Barbara nahm diesen Antrag hoch erfreut mit dem herzlichsten Danke an. Am andern Morgen erschien der Greis mit dem jungen Mann, der das Gesuch nach allen vorgeschriebenen Formen verfaßte und zugleich erklärte, daß es von der Bittstellerin eigenhändig unterfertigt werden müsse. Lopulcff gab nach einigem Widerstreben die Zustimmung zur Absendung dieser Bittschrift, und schloß derselben auch über seine Angelegenheit ein Bittgesuch bei. Von diesem Augenblick verschwand Barbara's Unruhe, ihre Gesundheit erstarkte und die Aeltern freuten sich, ihr geliebtes Kind wieder so fröhlich und vergnügt wie ehedem zu sehen. Diese glückliche Umwandlung ihrer Gemüthsstimmung hatte die Quelle 129 ln der Gewißheit, mit der sie den Reisepaß erwartete, und in dem festen Vertrauen auf Gottes Schutz für ihr Unternehmen. Sie ging oft auf der Straße, die nach Tobolsk führt, eine ziemlich weite Strecke, in der Hoffnung einem Kourier zu begegnen, der ihr auf ihr Bittgesuch eine erfreuliche Nachricht bringen würde. Sie ging bis zur nächsten Poststation, wo ein alter Invalide den Dienst des Postmeisters versah, und fragte nach, ob nicht ein Brief an ihren Vater eingelangt sei. Dann traute sie sich nicht diese Frage zu stellen, weil sie der Invalide barsch zurückwies, und ihr Vorhaben als albernes Hirngespinst eines müßigen Kopfes, in dem es nicht ganz richtig wäre, erklärte. Sechs Monate waren schon verflossen, seit das Bittgesuch ab geschickt war, da erfuhr die Familie, daß ein Kourier in Jschim angekommen sei. Barbara eilte mit ihren Aeltern schnell hin, und als Lopuloff seinen Namen nannte, übergab ihm der Kourier ein gesiegeltes Paket unter seiner Adresse, und verlangte darüber die Empfangsbestätigung. Die Freude der Familie war unbeschreiblich, weil sie nach vieljährigen bittern Leiden endlich eine Antwort auf ihr Bittgesuch erhielt. Lopuloff öffnete das Paket. In diesem war der Reisepaß für seine Tochter, mit dem Beisatze, daß sie gegen ihren Willen Niemand in Sibirien aufhalten dürfe. Lopuloff s Gesuch blieb unbeantwortet, und da verwandelte sich die erste freudige Ueberraschung der Unglücklichen in tiefe Trauer; Lopuloff sah nun jede Kankoffer.- Segen rc. 9 130 Hoffnung aus Begnadigung verschwunden. Er nahm den Reisepaß und erklärte in der ersten Aufwallung, daß er in die Bitte der Tochter nur in der festen Ueberzeugung eingewilligt habe, daß der Gouverneur diese ebenso wie seine vielen Gesuche unberücksichtigt lassen werde, und nur um sich gegen die zudringlichen Bitten der Tochter Ruhe zu verschaffen. Barbara begleitete ihre Aeltern nach Hause, ohne nur mit einem Wörtchen ihre Bitte vorzubringem Voll freudiger Hoffnung dankte sie Gott, daß er eine ihrer Bitten erhört. Zu Hause angelangt, wickelte der Vater den Reisepaß sorgfältig in ein Tuch ein, und verschloß ihn in einen Schrank. Barbara sah diese Vorsicht als eine gute Vorbedeutung an, denn sie fürchtete, daß der Vater im Unmuth den Reisepaß vernichten werde. Sie suchte im Wäldchen ihr einsames Plätzchen auf, dankte dort Gott im inbrünstigen Gebete für die erwiesene Gnade, und kehrte nach einem fast zweistündigen Gebete gestärkt, und voll freudiger Gefühle nach Hause zurück. Wenn man bedenkt, mit welch großen und augenscheinlichen Gefahren die edle Tochter zu kämpfen hatte, bis sie endlich ihr Ziel glücklich erreichte, so wird man überzeugt sein, daß nur ein lebendiger, fester und unerschütterlicher Glaube auf Gottes Schutz sie durch alle diese Gefahren glücklich geführt, in denen jede menschliche Hilfe ohnmächtig erscheinen mußte. 131 Gläubige Zuversicht. Du gabst, o Herr! mir dein Gebot, Ein Leitstern, wenn mir Unheil droht, Fromm blick ich auf zu dir, O, laß dein Licht mir leuchten In meines Lebens Nacht; Denn dankbar schau ich auf zu Dir, Ich weiß, Du wandelst, Herr, mit mir! Ich will nicht sorgen, wie Du heilst, Nicht fragen, was Du mir ertheilst, Ich weiß, es kommt von Dir! O, wolle Du mich leiten Aus meinem dunklen Pfad; Vertrauend blick ich auf zu Dir, O, wandle fürder, Herr, mit mir! Barbara sah von nun an in allen ihren Erlebnissen den Fingerzeig der allwaltenden Vorsehung Gottes. Sie pflegte in der Folge, wenn sie auf die glücklich überstandenen Gefahren zu sprechen kam, stets beizufügen: „Ich war oft auf harte, sehr harte Proben gestellt, doch ich wankte in meinem Glauben nie, und ward in diesem nie getäuscht." Barbara war schweigsam, sie suchte in Gedanken vertieft die Einsamkeit und fand nur im Wäldchen im Gebete Trost und Erholung. Wenn die Aeltern sie oft mit Ernst über ihr Betragen zur Rede stellten, äußerte M, daß sie auch ohne Reisepaß ihr Vorhaben, das ihr Gott eingegeben, ausführen werde. Die betrübten Aeltern waren nun um ihre Tochter, deren festen Charakter sie kannten, ernstlich besorgt, da sie oft mehrere Stunden vom Hause wegblieb. s* 132 Eines Tages, als Barbara ungewöhnlich lang vom Hause ausblieb, glaubten die Aeltern, daß sie ihren Vorsatz ansgeführt und die Reise nach Petersburg angetreten habe. Barbara war in der Kirche, von da begleitete sie einige Bauernmädchen in ihre Wohnung und hielt sich dort, in Gesprächen vertieft, längere Zeit auf. Als sie nach Hause kam, umarmte sie die zärtlich besorgte Mutter recht herzlich und sprach weinend und schluchzend: „Du bist heut lang ausgeblieben, wir haben befürchtet, daß Du uns für immer verlassen hast." „In dieser Furcht und Angst werdet Ihr stets leben, so lange Ihr mir nicht die Erlaubniß und den Segen zu dem Unternehmen ertheilen werdet, das mir Gott vorgezeichnet!" Barbara sprach diese Worte mit feierlichem, ernsten Tone, in dem sich ein tiefer Seelenschmerz und ein fester Entschluß kund gab. Die gute Mutter war sehr ergriffen, und um die Tochter zu beruhigen, versprach sie gegen dieses Unternehmen keine Einwendung mehr zu machen, und sich für sie auch beim Vater zu verwenden. Von nun an sprach Barbara nicht ein Wart mehr über ihr Vorhaben, doch ihre tiefe Trauer, ihr offen ausgeprägter Schmerz sprachen für sie beredter, als die inständigsten und heißesten Bitten. Der Vater war jetzt selbst unschlüssig, was er mit der Tochter anfangen sollte. Eines Tages saß er in trübe Gedanken versunken auf der Bank vor der Hausthüre. Da stand er auf und sprach zu der Gattin, die eben aus der Hütte herausging: „Komm' mit mir in unser Gärtchen und hilf mir 133 für unser Mittagsmal Erdäpfel ausgraben;" und um sich selbst Muth einzuflüßen, fügte er hinzu: „Hilf Dir selbst, so wird Dir auch Gott helfen." Als er dieß gesagt, nahm er die neben ihm stehende Haue und ging in den Garten. Barbara, die des Vaters Worte gehört, folgte ihm in den Garten nach und sprach: „Fürwahr Vater, man darf im Unglück nicht-verzagen, sondern in sich Hilfe suchen, so findet man sie dann auch bei Gott. Gib mir guter, unglücklicher Vater den Reisepaß, die Erlaubniß zur Reise nach Petersburg und Deinen Segen; es ist Gottes Wille, und diesem darf der Mensch nicht widerstehen. Willst Du deine Tochter zum Ungehorsam zwingen und ihr so ein noch schrecklicheres Unglück bereiten als das ist, daß sie Dich leiden und kummervoll vergehen sieht?" Bei diesen Worten stürzte Barbara zu den Füßen des Vaters, umklammerte krampfhaft dessen Kniee und suchte ihm durch Bitten und Thränen Vertrauen auf Gottes Schutz einzustößen. Da kam die Mutter herbei. Die Tochter wendete sich an die Mutter und bat flehentlich um ihre Fürsprache; die gute Mutter konnte sich dazu nicht entschließen, sie stand sprachlos da, ihrem Schmerze gab ein Thränenstrom Ausdruck. Lopuloff war über diese rührende Scene tief ergriffen; er kannte den Muth und die Entschlossenheit seiner Tochter, und hatte somit alle Ursache, zu besorgen, daß sie auch ohne Reisepaß die Reise antreten und von den Aufsichtsorganen als paßlose und gefährliche Person zu schweren Arbeiten in Sibirien verurtheilt würde. Nach einer kurzen Pause sprach er zu Barbara: „Nun so reise mit Gott, geliebtes Kind, ich will dir dazu meine Einwilligung und meinen Segen geben!" Barbara fiel dem Vater um den Hals und rief voll Freude aus: „Geliebter Vater! Du sollst es nie bereuen, daß Du meine Bitte erhört hast. Ich werde nach Petersburg gehen, mich zu den Füßen des Kaisers werfen und Gott, der mir diesen Entschluß eingegeben, der dein Herz für meine Bitte gestimmt, wird auch das Herz des großen Kaisers für meine Bitte stimmen." „Ach, mein gutes Kind," antwortete der Vater unter einem Strome von Thränen, „glaubst Du, daß man mit dem Kaiser so sprechen kann, wie Du mit Deinem unglücklichen Vater in Sibirien sprichst? Alle Eingänge zu seinem Palast sind von Schildwachen besetzt, Du wirst dich diesen nicht einmal nähern dürfen. Arm und eine Bettlerin, ohne Schutz, ohne Empfehlung, wie kannst Du es hoffen, vor dem Kaiser erscheinen zu können?" Barbara erkannte das Gewicht dieser Bemerkungen, doch verlor sie den Muth nicht. „Ich weiß," sprach sie, „daß Deine Liebe zu mir Dir diese Besorgnisse einflößt, doch mein Vertrauen ist Gott. Bedenke, welche unverhoffte Gnade mir Gott schon erwiesen. Ich wußte nicht, wie man einen Reisepaß bekommt, ein schwacher Greis, auf dessen Hilfe ich am wenigsten gerechnet, hat mir hiezu den Weg gezeigt. Gott hat das Herz des unerbittlichen Gouverneurs zu TobolSk für mich gestimmt. Hat nicht Gott auch Dein Herz gelenkt, daß Du mir Deine Einwilligung zu meinem 135 Unternehmen gegeben? Die Vorsehung Gottes, die mir bis jetzt über so viele Hindernisse den Sieg verlieh, die mich bis jetzt so sichtbar begünstigte, wird mich auch zu den Füßen des Kaisers führen. Sie wird mir die Worte in den Mund legen, die sein Herz erweichen werden, und Deine Freiheit wird der Lohn Deiner Einwilligung und Deines Segens sein. Von diesem Augenblick war die Abreise der Tochter beschlossen. Lopuloff hoffte für seine Tochter auf die Reise von seinen Freunden einige Unterstützung zu erhalten. Einige unter den Verbannten besaßen Mittel, sie hatten ihn oft bei verschiedenen Gelegenheiten groß- müthig unterstützt, doch versagten sie für ein tollkühnes Unternehmen, wie sie es nannten, welches das schwache Mädchen dem sicheren Verderben preis gab, jede Hilfe. Der tiefbekümmcrte Vater sah sich auch um einen Reisenden um, der wenigstens die ersten Tage der Tochter hätte Gesellschaft leisten können. Diese Hoffnung ward jedoch vereitelt und Barbara wollte die Reise nicht mehr verschieben. Das ganze Geld, das die Aeltern ihrer Tochter für diese lange Reise geben konnten, betrug beiläufig fünf Gulden. — Nach dem Wunsche der Tochter war der 8. September — ein Fest der gnadenreichen Mutter des göttlichen Heilandes — unter deren besondern Schutz sich Barbara begeben, zur Abreise festgesetzt. Als die Nachricht darüber im Dorfe sich verbreitete, kamen viele Leute zusammen -— die Meisten aus Neugierde. — Statt der edlen 136 Tochter Hilfe anzubieten, oder ihr für ein so gewagtes Unternehmen Muth einzuflößen, überhäuften sie fast Alle die tiefbetrübten Eltern mit Vorwürfen, daß sie zum sichern Verderben des Kindes die Zustimmung gegeben. Nur zwei arme Verbannte, unter ihnen der Greis, durch dessen Vermittlung das Gesuch um den Reisepaß geschrieben worden war, billigten Barbaras Unternehmen, sprachen ihr Muth zu und trösteten sie, daß Gott dem Opfer der reinsten Kindesliebe gegen die Eltern seinen Schutz und Segen nicht entziehen werde. Sie sprachen: „Weit schwierigere Dinge hatten oft einen günstigen Erfolg. Wenn Barbara auch bis zum Kaiser selbst nicht wird kommen können, so wird sie Gönner finden, die für sie reden werden, nenn man sie kennen lernt und sie so lieb gewinnt, wie wir sie lieben." Mit Tagesanbruch des 8. September erschienen die beiden Verbannten, um von Barbara Abschied zu nehmen und ihre Eltern zu trösten. Sie fanden sie schon reisefertig. Der Vater gab ihr das wenige Geld das erhalte; sie wollte es nicht ann-ehmen und meinte, daß sie mit diesem Gelds die Bedürfnisse der weiten Reise bis Petersburg nicht werde decken können, während dieses Opfer den Eltern schwer fällt. „Gott," sprach sie, „wird mich nicht verlassen." Nur auf ausdrückliches Verlangen des Vaters nahm sie das Geld an. Auch die beiden Verbannten wollten ihr Schärflein zu dem Reisegeld, so viel sie konnten, beisteuern; der Eine gab ihr dreißig, der andere vierzig Kreuzer — ihr ganzes Vermögen. Barbara nahm mit rührendem Dank dieses 137 edle Opfer an und sprach: „Wenn die-Vorsehung an meinen Eltern Gnade übt, so hoffe ich, daß auch Ihr an unserm Glücke theilnehmen werdet?' Als alle Vorbereitungen zur Abreise getroffen waren, sprach Barbara: „Die Stunde hat geschlagen, wir müssen scheiden." Bei diesen Worten fiel sie vor ihren Eltern auf die Kniee nieder, bat um ihren Segen, riß sich dann aus ihren Armen und verließ für immer die Hütte, die seit Kindheit ihr Gefängniß war. Die beiden Verbannten begleiteten sie eine Stunde Gehwegs. Mutter und Vater standen sprach- und regungslos auf der Thürschwelle der Hütte und folgten der Tochter mit ihren Blicken, um ihr noch von der Ferne das letzte Lebewohl zu geben. Die Tochter sah sich nicht mehr um; sie wollte sich und den Eltern den Schmerz einer so gefahrvollen Trennung ersparen und beschleunigte ihre Schritte. Vater und Mutter traten dann in ihre Hütte ein, die ihnen jetzt wie eine Einöde erschien; die Unglücklichen waren ganz verlassen. Die meisten Bewohner des Dorfes machten dem tiefbetrübten Vater bittere Vorwürfe, daß er der Tochter zu einem tollkühnen Wagestück, das sie unvermeidlich in's Verderben stürzt, die Einwilligung gegeben und mieden jeden Umgang mit ihm. Man machte sich besonders über die beiden Verbannten lustig, die auf Barbara's versprochene Verwendung so viel Hoffnung setzten und wünschte ihnen höhnisch Glück. -r- -r- 138 Und NUN wollen wir zu der muthigen Reisenden zurückkehren. Als die beiden Verbannten Barbara verließen, begegnete sie mehreren Bauernmädchen, die in das nächste, zwei Meilen entfernte Dorf gingen. Barbara schloß sich an diese an und die Mädchen setzten unter fröhlichen Gesprächen ihre Reise fort. In nicht großer Entfernung von dem Dorfe, dem Ziele ihrer Reise, verstellten ihnen mehrere Bauernburschen, von denen mehrere berauscht waren, den Weg, und boten den Mädchen ihre Gesellschaft an. Die Mädchen lehnten diesen Antrag entschieden ab, setzten sich am Saume des Waldes — nicht weit von der Straße — nieder, und forderten die Burschen auf, sie in Ruhe zu lassen und ihre Wege weiter zu gehen, Die Burschen setzten sich neben den Mädchen nieder, lärmten und tobten, und wollten die Mädchen in das nächste Dorf begleiten. Die armen Mädchen wußten sich in ihrer Angst gegen die rohen und zudringlichen Burschen nicht zu rathen und zu helfen, da half Barbara durch eine List. — Sie sagte zu den Bauernjungen: „Wir würden gern in Eurer Gesellschaft unsere Reise weiter fortsetzen, aber wir müssen hier auf meinen Bruder warten, der eine Abtheilung Soldaten in das nächste Dorf führt und bald hier eintreffen wird — und der würde Eure Gesellschaft nicht dulden." Die Bauernburschen erschracken, als sie von Soldaten hörten und suchten das Weite. Barbara kam glücklich in das nächste Dorf mit ihren Gefährtinnen und fand dort 139 gute Aufnahme bei einem bekannten Landmann für die Nacht. — Als sie am andern Morgen erwachte, fühlte sie sich ermüdet von der gestrigen angestrengten und ungewohnten Reise, und als sie die Hütte verließ, befiel sie ein Schauer, weil sie sich wieder ganz allein sah. Sie ermannte sich bald, machte das Zeichen der Welterlösung, erhob im kurzen Gebet ihren Geist zu ihrem Schutzengel und setzte ihre Reise getrost und ruhig fort. Barbara hatte gar keinen Begriff von der Geographie und von den Ländern, durch die sie ihr Weg führte, sie kannte nur die beiden Städte Petersburg und Kiew dem Namen nach. Von Kiew hatte ihr die Mutter oft erzählt, daß dort viele schöne Kirchen, Klöster und Reliquien der Heiligen sind, und daß diese Stadt den Frommgläubigen deßhalb sehr ehrwürdig sei. — Sie machte das Gelübde, wenn Gott ihr Unternehmen segnet, in Kiew den Schleier zu nehmen und im Kloster sich dem Dienste des Herrn zu weihen. — Sie glaubte, Kiew liege an der Straße, die nach Petersburg führt und sie fragte die Vorübergehenden, wenn sie oft unschlüßig über den einzuschlagenden Weg war, bald um den nach Kiew, bald um jenen nach Petersburg. Statt der Antwort lachte man ihr in's Gesicht und meinte, es müsse in ihrem Kopse nicht ganz richtig sein, wenn sie eine solche Frage stellt. — Einst kam sie an eine Stelle, wo sich drei Straßen kreuzten; unschlüssig, welche sie Zuschlägen sollte, beschloß sie dort Reisende abzuwarten, um sie zu fragen. 140 welcher Weg nach Kiew oder Petersburg führt. Bald kam dorthin ein leichter, russischer Wagen (Kibitka) im vollen Trabe dahin gerollt. Sie fragte die Reisenden, welcher von diesen Wegen nach Kiew oder nach Petersburg führt. Lachend antwortete ihr Einer: „Gehe, welchen Du willst, jeder führt nach Kiew, Petersburg, Paris und Rom." — Ohne sich lange zu besinnen, schlug sie den Weg in der Mitte ein. Sie konnte in der Folge über ihre Reise, über die Dörfer und Gegenden, durch die sie den Weg gemacht, keine näheren Aufschlüsse geben. Wenn sie in ein kleines, unansehnliches Dorf kam, fand sie gewöhnlich gastfreundliche Ausnahme — schon in der ersten Hütte, wo sie einsprach; in größeren Dörfern, deren schöne, geräumige Häuser ans Wohlstand der Bewohner schließen ließen, fiel es ihr oft schwer, Unterstand und Nachtlager zu finden. Man hielt sie gewöhnlich für eine liederliche Landstreicherin und dieser Verdacht brachte ihr auf der Reise viel Kummer und kostete sie bittere Thränen. Einmal überraschte sie ein heftiger Sturm im Walde; sie beschleunigte ihre Schritte, denn sie hoffte bald ein Dorf zu erreichen. Der heftige Sturmwind hatte mehrere Bäume an der Straße entwurzelt, sie getraute sich nicht weiter zu gehen und suchte unter einem weitastigen Baume, der von dichtem Gebüsch umgeben war, Schutz. Der Sturm brachte einen heftigen Regenguß, das arme Mädchen mußte die ganze Nacht unter dem Baume bleiben, und trat am andern Morgen 141 als Sturm und Regen sich gelegt, ganz durchnäßt, von Mattigkeit und Hunger erschöpft, ihre Reise mühsam an. Unterwegs begegnete sie einen Landmann, der sie aus Mitleid in seinen Wagen aufnahm. Gegen die Mittagsstunde erreichten sie ein großes Dorf, der Landmann hieß sie dort vom Wagen absteigen. Barbara fürchtete, daß sie hier keine besonders gute Aufnahme zu hoffen hätte, denn die großen Wirthschaftshöfe ließen auf Wohlstand ihrer Bewohner schließen. Erschöpft von Müdigkeit und Hunger näherte sie sich einem Hause und bat eine Bäuerin, die im Hofe beschäftigt war, um gastfreundliche Aufnahme. Diese warf der Bittenden einen Blick der Verachtung zu und hieß sie weiter gehen. Sie ward überall, wo sie einsprach, mit harten Worten abgewiescn. Sie konnte nicht mehr weiter gehen und setzte sich in einem Bauernhof auf einen Holzblock nieder, um auszuruhen. Ein böses Weib trieb sie von diesem Plätzchen weg und rief ihr barsch zu, daß bei ihr Diebe und Landstreicher keine Unterkunft finden. Barbara stand auf, wankte mühsam der Kirche zu und sprach zu sich: „Aus dem Hause Gottes wird man mich doch nicht fortjagen!" Die Kirchenpforte war verschlossen, sie setzte sich auf die steinerne Treppe nieder. Eine Schaar Buben, die zugegen waren, als das böse Weib sie mit harten Worten aus dem Hofe abgeschafft, umgaben sie und trieben mit ihr muthwilligen Spott, den sie ganz geduldig ertrug. Sie brachte in dieser peinlichen Lage beinahe zwei Stunden zu, am ganzen Körper zitternd vor Kälte und Hunger, und flehte zu Gott, er möge ihr Kraft und Muth verleihen, diese harte Prüfung in frommer Ergebung nach dem Willen des Herrn zu ertragen. Eine Bäuerin kam zu ihr und fragte, was sie hier mache und was sie wolle. Barbara erzählte ihr, wie sie im Walde die schreckliche Nacht zugebracht und jetzt in ihrer traurigen Lage kein Obdach finden könne. Einige Landleute kamen herbei, und als sie die Noth der Armen sahen, holten sie den Ortsvorstand. Dieser fragte vor Allem nach dem Reisepaß, und als er diesen in Ordnung fand, bot ihr eine Bäuerin, von Mitleid gerührt, gastfreundliche Aufnahme. Als Barbara von ihrem Sitz sich erhob, waren ihre Gliedmassen vor Kälte und Mattigkeit so steif, daß sie nicht stehen und gehen konnte. Sie hatte im Koth einen Schuh verloren, der Fuß war ganz steif und entzünden. Ihre traurige Lage fand allgemeine Theilnahme. Ein Landmann holte schnell einen zweiräderigen Karren herbei, man setzte sie in diesen, und dieselben Buben, die sie früher verhöhnt und verspottet hatten, zogen nun den Karren und brachten sie zu der Bäuerin, wo sie gastfreundlich ausgenommen war. Man sah an der Theilnahme, die die Knaben der Unglücklichen bewiesen, daß sie ihren Muthwillen bereuten und durch diesen Liebesdienst ihn wieder gut zu machen suchten. Ein wohlthätiger Landmann schenkte ihr ein Paar Stiefeln, und als sie sich erholt, nahm sie von der guten Bäuerin herzlichen 143 Abschied, dankte für die gastfreundliche Aufnahme und machte sich wieder auf die Reise, die sie bis zum Einbruch des Winters fortsetzte. Fand sie irgendwo freundliche Aufnahme, so rastete sie einige Tage aus und suchte durch Dienste, die sie den Gastfreunden im Haushalt verrichtete, ihre Dankbarkeit zu beweisen. Auf dieser langen und mühevollen Wanderschaft yatte Barbara vielfache Gelegenheit der Menschen Herzen kennen zu lernen. Von vielen Thüren, wo sie um ein Stückchen Brod und um ein Plätzchen, um auszuruhen, bat, ward sie mit harten Worten abgewiesen und eine liederliche Landstreicherin gescholten. Viele, denen sie ihre Geschichte erzählte, um ihr Herz zur Theil- nahme und Mitleid zu stimmen, lachten ihr in's Gesicht, nannten sie eine freche Lügnerin, die die Menschen durch diese erlogene Liebe zu den Aeltern täuschen will. Durch diese Demüthigungeu entmuthigt, erzählte sie dann ihre Geschichte nur dort, wo sie gastfreundliche Aufnahme fand, und wo man den Zweck ihrer Reise zu wissen verlangte. Von mancher Thür ward sie mit harten Worten abgewiesen, und als sie sich mit tränenfeuchten Augen entfernte, wieder zurückgerufen und gut ausgenommen. Gewöhnlichen Bettlern thut diese harte Behandlung nicht so wehe, sie sind daran gewöhnt; doch Barbara, wenn sie auch ihr Leben in drückenden Verhältnissen zugebracht, war im Aelternhaus nicht gewohnt, fremdes Mitleid in Anspruch zu nehmen. Bei aller Seelenstärke und opferwilligen Liebe gegen ihre 144 Aeltern thaten abschlägige. Antworten sehr wehe, besonders, wenn sie von argen Anschuldigungen über ihren moralischen Charakter begleitet waren. Sie sah, daß die Vorweisung ihres Reisepasses in dem Dorfe, in das sie nach einer qualvoll im Walde zugebrachten Nacht kam, die Herzen zur Theilnahme gegen sie gestimmt und ihr eine gute Aufnahme verschaffte. Sie wies von dieser Zeit an überall ihren Reisepaß vor, wo sie um gastfreundliche Aufnahme bat, und weil sie in dem Reisepaß als die Tochter eines Hauptmanns angegeben war, so war 'dieser Umstand in der Regel für sie günstig. Sie kam einmal gegen Abend in ein großes Dorf, sie schritt langsamen Schrittes einher, unschlüßig, wo sie um gastfreundliche Aufnahme für die Nacht einsprechen sollte. Da kam ein hochbetagter Landmann aus sie zu und fragte sie mit unfreundlichen Worten was sie da so verdächtig umherschleiche. Barbara trug ihm ihre Bitte vor und er hieß sie ihm folgen. Sie nahm diesen unfreundlich angebotenen Antrag an, weil sie vor Mattigkeit kaum mehr auf den Füßen sich erhalten konnte. Sie fand in der Stube, wohin sie der Landmann führte, nur ein altes Weib, das noch unfreundlicher war, als ihr Begleiter. Das Weib schloß hinter den Eintretenden die Thüre ab und machte die Fensterläden zu. Dem armen Mädchen war in dieser Gesellschaft sehr unheimlich und bange zu Muthe, sie bereute, daß sie den Antrag angenommen, doch sie konnte sich nicht mehr entfernen. Das alte 145 Weib beleuchtete die Stube spärlich mit einem brennenden Kienspann. Barbara warf bei dem matten Schein des Lichtes einen Blick auf ihre Gastfreunde und sah sie mitsammen sehr leise sprechen. Nach einer Pause fragte die Alte im barschen Tone: „Woher kömmst Du und wohin gehst Du?" „Ich komme von Jschim und gehe nach Petersburg," entgegnete Barbara. „Da mußt Du sehr viel Geld haben, wenn Du eine so weite Reise unternimmst." Barbara antwortete: „Mein ganzes Geld besteht in dreißig Kupferkreuzern, die in diesem Beutel enthalten sind." „Du lügst," erwiderte die Alte, „mit so wenig Geld kann man eine so weite Reise nicht unternehmen. Das arme Mädchen zitterte vor Angst am ganzen Körper, wischte sich die Thränen ak> und bat Gott um Schutz, denn alle ihre Betheuerungen, daß sie nur so viel Geld besitze, als sie gesagt, fanden keinen Glauben. Barbara sah, daß sie unter böse Menschen gerathen sei, sie hätte recht gern ihr ganzes Geld hergegeben, wenn man sie nur hätte weiter gehen lassen. Man gab ihr einige gebratene Erdäpfel und hieß sie auf der Bank neben dem Ofen Platz nehmen. Barbara legte ihren kleinen Reisesack, in dem ihre Barschaft und die wenige Habe enthalten waren, auf den Tisch, um ihren Gastfreunden Gelegenheit zu geben, über ihre Habe sich die Ueberzeugung zu verschaffen und sich die Schande zu ersparen, durchsucht zu werden. Kankoffer: Segen rc. 10 146 Barbara konnte trotz der Müdigkeit vor Angst kein Auge zumachen, sie stellte sich aber, als wenn sie fest eingeschlafen wäre, und horchte mit gespannter Aufmerksamkeit dem Gespräch der Alten zu. Sie durchsuchten ihren Reisesack und fanden darin nur das angegebene Geld. „Sie muß Geld, sehr viel Geld haben," grinzte die Alte; „an ihrem Halse hängt an einer Schnur ein Beutel, dort sind gewiß Assignaten (russisches Papiergeld)." In diesem Beutel war der Reisepaß. Barbara hörte deutlich die Worte, die die Alte zu dem Manne sprach: „Es hat sie Niemand in unsere Hütte eintrcten gesehen; es weiß Niemand, daß sie im Dorfe ist." Nach einer Pause fühlte das arme Mädchen am Halse eine Hand, die das Band, an dem der Sack befestigt war, auflösen wollte. Das Blut stockte in ihren Adern vor Angst, sie erhob sich und betheuerte, daß sie nicht mehr Geld besitze, als sie angegeben habe. Der Alte durchsuchte — ohne ein Wort zu reden — sehr sorgfältig die Stiefeln, Kleider und den Beutel, und als er sich überzeugte, daß die Reisende kein Geld hatte, sagte er ihr, sie könne nun ruhig schlafen, und entfernte sich. Barbara war vor Angst mehr todt als lebendig, sie konnte lange Zeit nicht einschlafen; endlich siegte die Erschöpfung ihrer physischen Kräfte über die Angst, sie schlief fest ein und erwachte erst spät am andern Morgen. 147 Die Bewohner der Hütte waren jetzt mit ihr freundlich, sie gaben ihr zum Frühstück eine kräftige Fleischsuppe und ein Stück Brod. Durch diese freundliche Behandlung ermuntert, erzählte sie ihnen auf ihr Befragen ihre Geschichte. Die Alten horchten mit Aufmerksamkeit zu und bezeugten für die Reisende Teilnahme; sie sagten ihr, daß sie bei ihr nicht nach Geld gesucht, sondern sie hätten bloß deßhalb ihre Effekten durchsucht, weil sie sie für eine Diebin hielten; sie möge nun ihr Geld überzählen und sie wird sehen, daß ihr nichts abgeht. Barbara dankte für das Nachtlager, noch'inbrünstiger aber Gott, daß er sie aus der Gefahr gerettet und trat ihre Reise an. Als sie eine Strecke Weges hinter dem Dorfe zurückgelegt und ihr Geld überzählt hatte, fand sie statt dreißig — siebzig Kreuzer. Ihre Gastfreunde hatten vierzig hinzugelegt. Barbara erzählte in der Folge diese Begebenheit oft und erkannte darin einen wunderbaren Schutz Gottes, der die Herzen unredlicher Menschen so schnell für sie umgewandelt hatte. Der Winter nahte heran, Barbara mußte acht Tage in einem Dorfe verweilen, weil ein hochgefallener Schnee die Reise zu Fuß unmöglich gemacht. Als die Straße durch die Schlitten fahrbar und gangbar gemacht wurde, wollte sie ihren Weg weiter fortsetzen; doch die Landleute, bei denen sie gastfreundliche Aufnahme fand, widerriethen ihr dieß und machten sie auf die große Gefahr aufmerksam, der sie sich in dieser Jahreszeit aussetzen würde, in der selbst die stärksten Männer eine , 10 * 148 weite Fußreise nicht unternehmen, weil der Wind die Straßen mit Schnee verweht. Um diese Zeit kam ein Transport — bestehend- aus mehreren Schlitten — mit Lebensmitteln für die Weihnachtsfeiertage nach Katharinenburg bestimmt. Der Aufseher über diesen Transport wies dem Mädchen auf einem Schlitten einen Platz'an. Ihr Anzug schützte sie nicht gegen die rauhe Witterung. Man wickelte sie in ein Strohgeflecht ein, das zum Bedecken der Fracht bestimmt war. Am vierten Tag der Reise nahm die Kälte so heftig zu, daß Barbara fast ganz erstarrt, nicht mehr im Stande war, vom Schlitten abzusteigen. Auf der nächsten Station bemerkten die Reisenden, im Wirthshause, daß ihre große Zehe am rechten Fuß erfroren war, sie rieben diese mit Schnee ein und pflegten das Mädchen mit vieler Theilnahme. Sie wollten sie auf die weitere Reise nicht mitnehmen, weil sie sich der Gefahr aussetzen würde, bei der strengen Kälte zu erfrieren. Barbara war darüber sehr niedergeschlagen, sie setzte sich in eine Ecke der Wirthsstube und weinte bitter; sie sah wohl ein, daß sie so gute Menschen nicht mehr finden würde, mit denen sie ihre Reise sortsetzen könnte. Der Eigenthümer des Wirths- hauses erklärte, daß er sie bei sich nicht behalten werde und meinte, sie soll ihre Reise nur weiter fortsetzen. Die Fuhrleute hatten mit ihrer traurigen Lage Mitleid; sie schossen Geld zusammen und wollten ihr einen Pelz kaufen, doch Niemand wollte diesen in dem, wie in einer Einöde einsam stehenden Dorfe verkaufen. 149 weil dieses Kleidungsstück in der strengen Jahreszeit Niemand entbehren konnte und keine Gelegenheit hatte, sich gleich einen andern Pelz zu kaufen. In dieser Verlegenheit machte der Jüngste der Fuhrleute den Vorschlag: „Wir wollen Einer nach dem Andern der Armen unsere Pelze leihen oder sie soll meinen nehmen und wir werden von Werst zu Werst unter uns die Pelze wechseln." Dieser Vorschlag ward von den Fuhrleuten mit Freude angenommen. Barbara wurde in einen Pelz gewickelt, in den Schlitten gesetzt und zur Vorsorge noch mit Strohgcflecht zugedeckt. Der junge Fuhrmann, der diesen Vorschlag gemacht, wickelte sich in ein Strohgeflechte ein, setzte sich zu den Füßen Barbara's, eröffnte den Zug und stimmte ein lustiges Lied an. Die Pelze wurden nach der Verabredung von Werst zu Werst gewechselt, die Reise lustig fortgesetzt, und man kam glücklich in Katharinenburg an. Auf der ganzen Reise flehte Barbara inbrünstig Gott, daß die Gesundheit der guten Fuhrleute durch das Opfer, das sie ihr gebracht, keinen Schaden leide. Zu Katharinenburg blieb Barbara mit den Fuhrleuten, mit denen sie hingekommen in demselben Gasthause und als die Wirthin einen Theil ihrer Geschichte erfuhr, bewies sie ihr wohlwollende Theilnahme, und nannte ihr mehrere wohlthätige Frauen in der Stadt, an die sie sich wenden könnte, und die ihr gewiß für ihr großherziges, aber gefahrvolles Unternehmen Schutz 150 und Hilfe angedeihen lassen werden. Besonders lobte sie die in der Stadt allgemein bekannte Herzensgüte und Mildthätigkeit gegen Arme, der Frau von Milin. Am andern Morgen — es war gerade Sonntag — beschloß Barbara zu der Frau Milin zu gehen und sie um Hilfe zu bitten; sie ging in die Kirche und betete dort mit Inbrunst. Ihr Anzug zeigte, daß sie eine Fremde war. Als sie aus der Kirche trat, fragte sie eine Frau, wer sie sei. Barbara beantwortete diese Frage mit wenigen Worten und sagte, sie wolle sich mit ihrer Bitte an Frau von Milin wenden, deren Herzensgüte im Gasthofe, wo sie Unterkunft fand, allgemein gerühmt wird. Sie sprach mit der Frau von Milin selbst, die nun ihr Lob auf eine Weise hörte, der jeder Verdacht einer Schmeichelei fremd war. Die gute Frau gab sich nicht zu erkennen und sprach zu der Reisenden: „Die Frau, deren Herzensgüte man Dir so lobt, ist nicht so wohlthätig, wie Du vielleicht glaubst. Folge mir, ich will Dir eine gute Aufnahme verschaffen, die Du bei der Frau von Milin nicht finden würdest." Barbara traute dieser neuen Bekanntschaft nicht recht, weil sie sich über eine Frau, deren Herzensgüte allgemein gerühmt wurde, tadelnd geäußert; sie folgte, unschlüssig, ob sie den Antrag annehmen, oder ablehnen solle und als Frau von Milin die Verlegenheit des Mädchens merkte, sprach sie: „Wenn Du aber durchaus zu dieser Frau gehen willst, so folge mir, ich gehe auch hin, hier steht ihr Haus vor uns, du wirst sehen, wie man Dich dort aufnimmt, doch versprich. 151 daß Du meinen Antrag annehmen wirst, wenn man Dich dort abweiset." Barbara folgte schweigend der Frau, trat mit ihr in das Haus ein und fragte dort die Dienstleute: „ob Frau von Milin zu Hause sei!" Diese über die in Gegenwart der Frau gestellte Frage verwundert, gaben keine Antwort, und als Barbara ihre Frage wiederholte, antwortete ihr ein Dienstmädchen: „Hier ist die Frau von Milin." Barbara küßte der Frau die Hand und sprach: „Ich wußte es recht gut, daß Frau von Milin eine edle, gute Frau ist." Barbara fand in dem Hause der Frau von Milin eine sehr gute Aufnahme. Die gute Frau besprach sich mit einer Freundin, die eben so wohlthätig gegen Arme war, wie sie über die dem Mädchen zu leistende Hilfe. Barbara, die zu ihren edlen Wohlthäterinnen unumschränktes Vertrauen gefaßt, erzählte ihnen umständlich die Geschichte des harten Schicksals und des Unglücks ihrer Aeltern und sagte, daß sie auf Eingebung Gottes den Entschluß gefaßt, nach Petersburg zu reisen, sich zu den Füßen des Kaisers zu werfen, um für ihren Vater Gnade zu erflehen. Frau von Milin zweifelte zwar an einem günstigen Erfolg, doch machte sie dagegen keine Einwendung, als sie die frommgläubige Zuversicht des Mädchens erkannte. Beide Frauen beschlossen das Mädchen bis zum Frühjahr bei sich zu behalten, da es bei der strengen Kälte die Reise ohne Lebensgefahr nicht hätte fortsetzen können. Barbara nahm diesen großmüthigen 152 Antrag mit dem herzlichsten Danke an, da sie selbst die Unmöglichkeit eingesehen hatte, ihre Reise in der rauhen Jahreszeit fortsetzen zu können. Barbara fühlte sich in ihrer gegenwärtigen Lage sehr glücklich; die zärtliche Sorgfalt, mit der sie die beiden edlen Frauen behandelten, öffnete ihr eine bis jetzt unbekannte Welt, und wenn sie in der Folge auf ihren Aufenthalt bei diesen beiden Frauen zu sprechen kam, so traten ihr stets Thränen der Dankbarkeit in die Augen. Barbara's Gesundheit war durch die angestrengte Reise, durch Kälte und Hunger sehr angegriffen, die beiden Frauen pflegten sie sehr sorgfältig und sie benützte diese Zeit, um sich im Lesen und Schreiben zu üben, was sie in Sibirien, den ganzen Tag mit schweren Arbeiten beschäftigt, fast ganz vernachlässigt hatte. Ihre Wohlthäterinnen gingen ihr dabei mit Rath und That an die Hand und verschafften ihr Bücher. Sie verlegte sich mit solchem Eifer auf Lectüre und Uebung im Schreiben, daß man sie häufig von dieser Beschäftigung abhalten mußte. Wie oft sagte sie zu ihren Wohlthäterinnen: „Wie glücklich sind jene Menschen, die über Religion, ihre Bestimmung und ihre Pflichten wohl unterrichtet sind, wie sollen sie Gott aus ganzem Herzen danken, daß er ihnen so viele und so segenreiche Gnaden erwiesen." Die beiden Frauen meinten nun, als sie Barbara genau kennen gelernt hatten, daß diesem lebendigen Glauben, diesem unerschütterlichen Vertrauen auf Gott und dem heißen Gebet, das aus dem reinsten Herzen zu Gott empor- 153 steigt, nichts unmöglich sein könne, und sie beschlossen, sie in ihrem Unternehmen zu unterstützen. Sie stellten sie mit ihrem Vorsatz absichtlich auf die Probe; sie machten ihr die glänzendsten Anträge, wenn sie ihr Vorhaben, das mit so vielen Gefahren verbunden war und so wenig Hoffnung auf einen günstigen Erfolg bietet, aufgibt und bei ihnen bleibt. Sie dankte in den rührendsten Ausdrücken für so viele Gnade, setzte jedoch mit Begeisterung hinzu, daß sie von dem Entschlüsse, den ihr Gott eingegeben, keine Gefahr abschrecken werde und sie hoffe mit Gottes Hilfe die zwar schöne, aber schwere Aufgabe, die ihr die Vorsehung auferlegt, glücklich zu lösen. Oft machte sie sich bittere Vorwürfe darüber, daß sie jetzt in glücklichen und behaglichen Verhältnissen lebt, während ihre guten Aeltern allein und verlassen in Noth und Elend schmachten. Als der Frühling kam, dachten die beiden Frauen daran, ihr zur Fortsetzung der Reise hilfreiche Hand zu bieten. Es bereitete sich in Katharinenburg eine zahlreiche Handels-Caravane zur Reise nach Nowgorod vor; die beiden Frauen zahlten für Barbara bis dahin einen Platz im Wagen, versahen sie mit Wäsche, Kleidern, gaben ihr Reisegeld und vertrauten sie der Obhut eines Mitreisenden Kaufmannes, der sie in Nowgorod einigen bekannten Familien der beiden .Frauen mündlich empfehlen sollte. Die Reise war über das Uralgebirge mit vielen Beschwerden verbunden, doch Barbara brauchte sich um nichts zu kümmern, der Kaufmann, dessen Obhut sie anvertraut war, sorgte 154 für sie mit aller Aufmerksamkeit. Zwei Tagreisen von Nowgorod erkrankte der Kaufmann schwer und mußte Zurückbleiben. Barbara verlor dadurch nicht nur auf der Reise ihre Stütze, sondern auch die Hoffnung in Nowgorod durch die Empfehlung ihrer beiden Wohl- thäterinnen Schutz und Hilfe zu finden. Keiner der Mitreisenden kümmerte sich um das verlassene Mädchen. Als die Reisegesellschaft gegen Abend in Nowgorod ankam, blieb Barbara in tiefe Gedanken versunken vor dem Gasthofe stehen, unschlüssig, was sie nun anfangen sollte. Da erblickt sie in geringer Entfernung eine Kirche und dachte bei sich: „Ich habe bis jetzt in allen meinen Anliegen und Gefahren bei Gott Schutz, Hilfe und Trost gefunden, dorthin will ich mich auch jetzt in meiner Noth wenden." Sie ging in die Kirche. Diese war menschenleer, sie hörte vom Chor die lieblichen Töne des Abendgebets, das die Klosterfrauen anstimmten; sie kniete nieder vor dem Altäre und betete mit Inbrunst. Das Abendgebet war beendet, die lieblichen Töne verstummten, Barbara betete noch immer mit der ganzen Gluth ihrer gläubigen und Gott vertrauenden Seele. Ein leiser Schlag, der sie auf die Achsel berührte, unterbrach sie in ihrem Gebet, sie sieht sich um und erblickt vor sich eine Nonne stehen, die ihr mit freundlichen Worten bedeutete, sie möchte die Kirche verlassen, weil diese nun geschlossen wird. Barbara stand auf und folgte der Nonne. An der Kirchenthür klagte sie dieser mit wenigen, aber zu Herzen gehenden Worten ihre Verlegenheit und ihre 155 Noth und bat um Nachtlager im Kloster. Die Klosterfrau erwiderte, daß man Fremde im Kloster nicht beherbergt, tröstete sie aber, daß die gute Oberin sie gewiß nicht ohne Hilfe lassen wird, sie möge sich nur am andern Morgen in früher Stunde zu ihr begeben. „Ich bitte nur für diese Nacht um Unterkunft," sprach Barbara bittend, „morgen will ich in frühester Morgenstunde meine Reise fortsetzen. Edle Wohlthäterinnen haben mich mit Geld für meine weite Reise versehen." Die Klosterfrau willigte in die Bitte ein und führte sie zur Aebtissin. Als Beide in das Zimmer der Aebtissin eintraten, siel Barbara vor dieser auf die Kniee nieder. Die Aebtissin hob sie auf und fragte sie mit freundlichen Worten um ihr Anliegen. Barbara nannte ihren Namen, erzählte mit wenigen Worten den Zweck ihrer Reise, zeigte ihren Reisepaß und bat für diese Nacht um Unterkunft. Bald versammelten sich mehrere Klosterfrauen in dem Zimmer der Oberin und bestürmten Barbara mit Fragen. Barbara beantwortete mit der ihrer Seele eigenen Freimüthigkeit und Bescheidenheit alle an sie gestellten Fragen, erzählte die Gefahren, die sie bis jetzt bestanden und setzte hinzu, daß sie ihr ganzes Vertrauen auf Gott setzt, der ihr den Entschluß eingegeben. Den Anwesenden traten bei dieser Erzählung und bei dem festen Vertrauen auf Gott Thränen in die Augen; sie bewiesen Alle die zärtlichste, die liebevollste Theilnahmc gegen die Reisende und baten die Oberin für sie, und diese wies ihr bereitwillig Unterkunft in ihrem eigenen Zimmer an. 156 Barbara gelobte ihr Leben dem Dienste Gottes in einem Kloster zu weihen, sobald sie die unternommene Aufgabe glücklich gelöst haben wird, doch sie wollte dieses Gelübde in Kiew, einem den Russen wegen der vielen Grabmäler der Heiligen, Märtyrer und Reliquien, dann wegen der vielen prachtvollen Kirchen, die diese Stadt in ihrem Weichbild hat, heiligen Orte lösen. Der fromme Sinn, die wahrhaft christliche Nächstenliebe der Nonnen, die liebevolle Theilnahme, die sie der Fremden in so reichem Maße erwiesen, machte auf Barbara's Gemüth einen höchst freudigen Eindruck und sie beschloß ihr Gelübde in diesem Kloster zu erfüllen. Sie theilte diesen Entschluß der Oberin mit, und als diese sie zur Ablegung des Gelübdes aufforderte, erklärte sie, daß es zwar ihr fester Entschluß ist, im Dienste des Herrn ihre Tage in diesem Kloster zu beschließen, das Gelübde könne sie erst dann ab- legen, wenn sie ihre Aufgabe glücklich gelost, weil sie nicht weiß, was Gottes allweiser Rathschluß noch über sie verfügt, und welche Opfer er ihr auf- erlegen wird. Sie nahm den Antrag, im Kloster einige Tage zu verbleiben um auszuruhen und auf Mittel zur Reise nach Moskau zu denken, dankbar an. Die vielen Gefahren, Mühen und Entbehrungen griffen ihre ohnehin etwas schwächliche Gesundheit sehr an, sie verfiel nach einigen Tagen in ein gefährliches hitziges Fieber. Die Aerzte und die Klosterfrauen gaben ihr 157 wenig Hoffnung, sie aber sprach zu ihren liebevollen Trösterinnen, wenn dieselben sie auf schonende Weise auf die Todesstunde aufmerksam machten, die nach der Natur der Krankheit ihr nahe bevorstehen könnte, mit ihrer frommgläubigen, auf Gott vertrauenden Gemüthsruhe: „Ich glaube nicht, daß meine Stunde jetzt kommen wird, ich hoffe, Gott wird mir seine Gnade zur Lösung meiner Aufgabe nicht entziehen." Sie erholte sich sehr langsam und brachte den Sommer und Herbst im Kloster zu, bis ihre Gesundheit völlig hergestellt und gestärkt war. Während ihres Aufenthaltes im Kloster beobachtete sie wie eine Nonne streng die Regeln des Hauses und beschäftigte sich sehr fleißig mit Lectüre. Ihr frommer Sinn, ihre Bescheidenheit, ihre heroische Liebe zu den Eltern, die selbst vor augenscheinlicher Todesgefahr nicht erschrack, erwarben ihr die Liebe der Oberin und der übrigen Klosterfrauen und sie freuten sich, sie einst als Schwester in ihrer Mitte zu begrüßen. Beim Eintritt des Winters trat sie die Reise nach Moskau an, die Oberin versah sie mit warmen Kleidern, zahlte für sie einen Platz im Schlitten, empfahl sie der Obsorge eines Mitreisenden, gab ihr ein Empfehlungsschreiben an eine hochgestellte, einflußreiche Dame in Moskau und tröstete sie, daß sie eine gute Aufnahme finden werde. Barbara kam glücklich in Moskau an, fand in dem Hause der Freundin der Oberin eine sehr gute Aufnahme und blieb bei ihr, bis für sie eine günstige 158 Gelegenheit zur Reise nach Petersburg ausgemittelt wurde. Sie fuhr mit einem Kaufmann, versehen mit einem Empfehlungsschreiben an eine allgemein geachtete hochbetagte Fürstin nach Petersburg und kam dort gegen Mitte Februar — im achtzehnten Monate nach der Abreise vom Elternhause — an. Das Empfehlungsschreiben und einige Silberrubel Geld waren ihre einzigen Hilfsmittel in der Residenz für ihr Unternehmen, doch mehr als alle menschliche Hilfe erfüllte ihr Gemüth mit der Hoffnung auf günstigen Erfolg das Vertrauen auf Gott. Sie stieg mit dem Kaufmann in demselben Gasthof ab. Anfangs war sie wie verloren in dem zahllosen Gewühle der Menschen und wußte nicht, was sie ansangen und wie sie ihr Empfehlungsschreiben übergeben sollte. Der Kaufmann, mit seinen eigenen Geschäften zu sehr in Anspruch genommen, kümmerte sich um sie die ersten Tage gar nicht. Nach einigen Tagen machte er sich mit ihr auf den Weg, um sie zu jener Dame zu führen, an die sie das Empfehlungsschreiben hatte. Diese Dame wohnte am jenseitigen Ufer des Newa- Flusses; der Eisstoß hatte die Brücke beschädigt, die Passage war gesperrt und aufgestellte Wachen ließen Niemanden die Brücke passiren. Dieser Umstand machte auf Barbara's Gemüth einen wehmüthigen Eindruck, erschütterte aber ihr Vertrauen auf Gott nicht. Der Kaufmann mußte in Geschäften nach Riga reisen, Barbara blieb mit dessen Frau, die das arme Mädchen sehr freundlich behandelte und ihrer außer- ordentlichen Liebe zu den Eltern die herzlichste Theil- -nähme bewies. Ein Geschäftsfreund, dem die Frau die Geschichte Barbara's erzählte, rieth ihr ein Gesuch mit der Bitte um Wideraufnahme der Untersuchung über die ihrem Vater zur Last gelegten Anschuldigungen an den Senat verfassen zu lassen, welches Gesuch sie dann einem der Senatoren überreichen sollte. Barbara, durch den günstigen Erfolg des Gesuches, das sie an den Gouverneur von Tobolsk gerichtet, ermuthigt, willigte fkeudig in diesen Vorschlag ein. Der Kaufmann brachte einen jungen Mann, der das Mädchen über alle ihre Verhältnisse genau aussragte, ihr dann ein sehr umständliches Gesuch verfaßte, sie zu dem Senatspalast begleitete und ihr den Rath gab, das Gesuch einem der Senatoren zu überreichen. Am andern Morgen begab sich Barbara voll freudiger Hoffnung mit ihrem Gesuch in den Senatspalast. Sie ging über die breite Treppe hinauf und kam in einen großen Saal; sie verlor dort die Fassung, als sie so viele Menschen erblickte und nicht wußte, an wen sie sich mit ihrer Bitte wenden sollte. Jeder der am Schreibtisch Beschäftigten gab ihr ein ernstes Zeichen mit der Hand und mit dem Blick, daß sie sich entfernen soll, wenn sie die Bittschrift entgegen hielt. Jene, die im Saale auf und ab gingen, kehrten ihr den Rücken, wenn sie ihnen die Bittschrift gereicht. Ein alter Invalid, Kanzleidiener, dem sie in den Weg trat, fragte sie mit rauhen Worten, was sie hier suche, und als sie ihm ihr Anliegen vorgebracht, nahm er sie bei 169 der Hand, führte sie zur Thüre hinaus und sagte: „Bettlern wird hier kein Gehör gegeben." Sie traute sich nicht mehr in ein Zimmer einzutreten und brachte mehrere Stunden auf der Treppe mit dem Vorsatz zu, einem der Senatoren ihr Bittgesuch zu überreichen. Sie sah Personen aus dem Wagen steigen und die Treppe hinaus gehen, sie waren in Uniform, die Brust mit Orden bedeckt; Barbara hielt sie für Officiere und Generäle, sie wartete immer auf einen Senator, der nach ihren Begriffen als solcher besondere Kennzeichen haben müßte, an denen man ihn erkennen kann. Sie blieb auf der Treppe bis drei Uhr Nachmittags, bis sich Alle entfernten. Bei ihrer Ankunft im Gasthofe erzählte sie der Kaufmannsfrau, was ihr begegnet und diese hatte Mühe ihr begreiflich zu machen, daß ein Senator ebenso wie ein anderer Mensch aussieht und daß unter der Menge Menschen, die sie im Senatspalaste gesehen, gewiß, mehrere Senatoren waren. Am andern Morgen wartete Barbara schon in früher Stunde auf der Eingangstreppe des Senatspalastes und hielt jedem der Vorübergehenden ihr Bittgesuch entgegen, um ja nicht die Senatoren zu übersehen, doch Niemand wollte die Schrift annehmen. Barbara brachte fünf nach einander folgende Tage auf der Stiege mehrere Stunden erfolglos zu. Mancher der Vorübergehenden warf ihr ernste Blicke zu und hieß sie mit barschen Worten weiter gehen, in den Blicken Anderer las sie zwar Freundlichkeit und Theilnahme, 161 doch Niemand wollte ihre Bittschrift annehmen, Niemand sprach nur ein Wort auf sie. So ist die Stellung der menschlichen Gesellschaft in großen Städten; Noth und Reichthum, Glück und Jammer begegnen sich gegenseitig, ohne einander zu sehen; es sind zwei getheilte Welten, zwischen denen keine Aehnlichkeit waltet; eine geringe Zahl edler Seelen, von der Vorsehung erkoren, bildet zwischen diesen beiden Welten eine Verbindung. Das Osterfest nahte heran, Barbara benützte diese Zeit, um sich zur würdigen Feier des hochheiligen Festes vorzubereiten. Bei diesen frommen Uebungen erneuerte sie ihr inbrünstiges Gebet für den glücklichen Erfolg ihres Unternehmens und ihr Glaube und Vertrauen war so fest, daß sie nach der heiligen Commuuion zu der Kaufmannsfrau sagte, daß ihr Unternehmen jetzt gewiß einen günstigen Erfolg haben werde. Eines Tages, als Beide in der Nähe der Brücke, die über die Newa führt, spazieren gingen und die Kaufmannsfrau bemerkte, daß die Brücke dem öffentlichen Verkehr frei gegeben war, fragte sie Barbara, ob sie das Empfehlungsschreiben bei sich habe und trug sich an, sie zu der Dame zu begleiten, an die der Brief gerichtet war. Barbara bejahte diese Frage hoch erfreut, folgte ihrer Begleiterin und sprach tief ergriffen zu ihr: „Gott wird mich nicht verlassen, ich verspreche mir von diesem Besuch den günstigsten Erfolg!" Kankoff^r.- Segen rc. 11 Die Fürstin war durch einen Brief auf Barbara's Ankunft und ihr Anliegen schon vorbereitet. Sie empfing das Mädchen mit zarten Vorwürfen, daß sie schon seit mehreren Tagen in Petersburg sei und sie erst jetzt besuche. Die freundliche und herzliche Aufnahme erinnerte sie an die glücklichen Stunden, die sie im Hause der Frau von Milin verlebt. Barbara faßte zu der edlen Dame volles Vertrauen und erzählte ihr in der ihr eigenen, offenen und schlichten Weise das Unglück ihres Vaters und den Entschluß, den sie zu seiner Rettung gefaßt. Sie zeigte ihr die an den Senat gerichtete Bittschrift. Tröstend sprach die edle Dame: „Ich kann, ich will Dir helfen, Deine seltene Liebe zu den Aeltern hat-den gerechtesten Anspruch auf Theilnahme; setze wie bis jetzt auf Gott Dein ganzes Vertrauen, Er wird gewiß dein Gebet erhören. Einer meiner nächsten Verwandten und besten Freunde ist Senator, ich werde mich über dein Anliegen mit ihm berathen. Einstweilen bleibst Du bei mir, es soll einer so guten Tochter in meinem Hause an nichts fehlen." Eine Kammerdienerin erhielt den Auftrag Barbara ein Zimmer anzuweisen und sie mit Allem, was sie braucht, zu versehen. Die ersten Tage war dem Mädchen unheimlich zu Muthe, sie fand sich unter der Menge Menschen, die sie umgaben, unbehaglich und erst als sie mit einigen der vielen Bewohner in dem Hause der Fürstin Bekanntschaft gemacht, fühlte sie sich behaglicher. Ihre 163 Wohlthäterin begegnete ihr recht herzlich, die Dienerschaft war freundlich und zuvorkommend. Sie speiste täglich mit der Fürstin an derselben Tafel. Bei einigen der vielen Gäste, die das Haus der Fürstin besuchten, fand das gute Mädchen herzliche Theilnahme und sie hörten gern die Erzählung ihrer Erlebnisse; Andere beachteten sie gar nicht, ja es gab auch solche, die sich tadelnd über die Fürstin äußerten, daß sie einer armen Unbekannten so viel Aufmerksamkeit erweise und ihr sogar iyre Verwendung für die Begnadigung eines Verbrechers zugesagt habe. Der Verwandte der Fürstin erklärte, daß der Weg, den Barbara einschlagen wolle, nämlich in einer Bittschrift den Senat um Wiederaufnahme der Untersuchung gegen ihren Vater zu bitten, keinen günstigen Erfolg verspricht, weil derlei Gesuche in der Regel nicht bewilligt werden, und wenn es doch ausnahmsweise geschieht, so ziehen sich die dießfalls erngeleiteten Verhandlungen sehr in die Länge und der Erfolg ist gewöhnlich ungünstig. Er rieth den Weg der Gnade einzuschlagen und versprach der Kaiserin Mutter das Anliegen vorzutragen und für sie Fürsprache einzulegen. Nach einigen Tagen theilte der Senator der Fürstin mit, daß er Gelegenheit gefunden, die Bitte der Kaiserin Mutter vorzutragen, und daß Ihre Majestät erlaubt haben, sich die Bittstellerin vorzustellen. Als Barbara diese erfreuliche Kunde vernahm, gerieth sie vor Freude außer Fassung, dann sammelte sie sich und 11* 164 sprach tief bewegt: „O Gott! Du hast mein Gebet erhört und meinem Vertrauen auf deine Vatergüte Segen verliehen." Fast verwirrt wußte sie nicht, wie sie ihren Wohlthätern und Beschützern den Dank abstatten sollte. Gegen Abend desselben Tages, ohne an ihrem, einfachen Anzug etwas zu ändern, begleitete sie der Senator nach Hof. Als sie sich der kailerlichen Burg näherte, erinnerte sie sich an den Vater, der ihr erzählte, wie schwer es sei in die kaiserliche von Schildwachen besetzte Burg zu kommen: „Mein Gott," dachte sie bei sich, „wenn mein Vater wüßte, wer mich in die kaiserliche Burg begleitet, welche Freude hätte er!" Ohne zu fragen, wie sie sich vorstellen, und was und wie sie reden sollte, trat sie ganz gefaßt in das Kabinet der Kaiserin ein. Die Kaiserin empfing sie freundlich und fragte sie um alle Umstände ihres Anliegens und ihrer Erlebnisse. Barbara antwortete gefaßt und bescheiden, wie sie es vor allen Personen zu thun gewohnt war. Sie gab den Zweck ihrer Reise an und betheuerte hoch die Unschuld ihres Vaters, sie bitte um Wiederaufnahme der Untersuchung gegen ihren Vater durch unparteiische und gerechte Richter. Die Kaiserin lobte mit freundlichen Worten ihre kindliche Liebe, ihr Vertrauen aus Gott, ihren Muth, lieft ihr sogleich zweihundert Silbcrrubel zur Bestreitung ihrer Bedürfnisse auszahlen und versprach sich ihrer anzunehmen. Barbara war über die Herzensgüte der Kaiserin so sehr ergriffen, daß sie, als die Fürstin sie bei ihrer Rückkehr nach Hause fragte, ob sie mit dem Empfang zufrieden wäre, nur mit einem Strom von Thränen und mit einem Blick gegen Himmel antworten konnte. Au diesem Abend stellte sie die Fürstin zum ersten Male ihren zahlreich versammelten Gästen vor. Der Erfolg ihrer Bitte setzte die ganze Versammlung in lebhafte Bewegung; ihr Glück machte ihren Freunden große Freude und selbst Jene, die sich um sie bis jetzt gar nicht gekümmert, und denen sie ganz gleichgiltig war, ja selbst diejenigen, die es der Fürstin verargten, Laß sie eine fremde Person in ihr Haus ausgenommen, Zeigten Theilnahme. Man fand jetzt die beispiellose Liebe und Opferwilligkeit für den Vater über alles Lob erhaben, man staunte über den Muth, mit dem sie viele Gefahren bestanden, über die Ausdauer, die sie trotz der vielen mißlungenen Versuche, trotz so bitteren Erfahrungen nicht abschrecken, und in dem Vertrauen aus Gott nicht wanken machen ließ. Einige Personen aus der Gesellschaft boten sich an, für sie beim Minister Fürsprache einzulegen. Sie zog sich bald in ihr Zimmer zurück, um im inbrünstigen Gebet Gott für Liese große Gnade zu danken. Vor Freude konnte sie jetzt fast die ganze Nacht nicht schlafen, während sie auf ihrer Reise vor Kummer und Gram so oft kein Auge schließen konnte. Als sie am andern Morgen erwachte, sprach sie in freudiger Bewegung zu sich: „Es ist doch kein eitles 166 Traumgebilde, das ich gestern erlebt? Ich habe wirklich die Kaiserin gesehen, die so gütig mit mir sprach." Ihre Freude steigerte sich um so mehr, je mehr sie Hoffnung aus dem so guten Empfang bei der Kaiserin schöpfte. Nach einigen Tagen bekam sie von der Kaiserin Mutter eine Anweisung auf einen Iahresgehalt von zweihundert Silberrnbel und die Kaiserin Mutter stellte sie der regierenden Kaiserin vor, wo sie ebenfalls eine sehr gute Aufnahme fand und ein ansehnliches Geschenk erhielt. Der Minister des Innern erhielt vom Kaiser den Auftrag, über alle Verhandlungen, die auf Lopuloff's Verbannung Bezug haben, genauen Bericht zu erstatten und nun war die Bittstellerin über das Schicksal ihres Vaters vollkommen beruhigt. Der vom kaiserlichen Hof, vom Minister und von Personen ersten Ranges Begünstigten bewies die öffentliche Meinung die lebhafteste Theilnahme. Die auswärtigen Minister, die angesehensten Personen der Stadt wetteiferten in der Theilnahme für die gute Tochter. Diese so günstige Wendung der Lage erweckte in Barbara's Gemüth keinen Stolz; sie hatte in den achtzehn mühevollen Monaten einen reichen Schatz von Erfahrung und Menschenkeuntniß sich erworben; sie lebte, sie dachte, sie betete nicht für sich sondern nur für ihre Aeltern, ihr wahres Glück hoffte sie, sobald sie ihre Aufgabe glücklich gelöst, in klösterlicher Zurückgezogenheit zu finden. Sie war als Gegenstand der Bewunderung in Gesellschaften der 167 höchsten Kreise geladen, sie benahm sich frei, nicht befangen, bescheiden, freimüthig, nicht vorlaut. Ihr gesundes Urtheil, ihr edles schuldloses Herz ersetzten reichlich den Mangel an wissenschaftlicher Bildung, sie brachte manchen Unbescheidenen mit ihrer Antwort in Verlegenheit. Eines Tages, als sie aufgefordert vor einer zahlreichen Gesellschaft ihre Erlebnisse erzählte, stellte ein junger Mann die Frage an sie, welches Verbrechen ihr Vater begangen habe, das ihm die Verbannung nach Sibirien zuzog? Das Mädchen warf auf den Fragenden einen Blick voll gerechten Unwillens und antwortete: „Mein Herr, der Vater ist in den Augen der Tochter immer schuldlos und mein Vater ist unschuldig." Sie erzählte mit einfachen, schlichten Worten ihre Erlebnisse und Schicksale und dachte nie daran, daß ihre heroische Tugend die Bewunderung der Zuhörer erregte. Sie kam auf ihre Erlebnisse nur zu sprechen, wenn sie dazu von Personen aufgefordert war, gegen die sie für bewiesene Theilnahme zu Dank sich verpflichtet suhlte. Sie staunte über die Lobsprüche, die ihr in so reichem Maße zu Theil wurden und meinte, sie hätte ja nur ihre Pflicht erfüllt. Die Zeit, die sie in der Residenz zubrachte, um die Begnadigung ihres Vaters abzuwarten, verschaffte ihr viele Freuden und einen reichen Schatz von Erfahrung und Kenntnissen. Damen vom höchsten Range nahmen sie in ihren Gesellschaften freundlich aus, be- 168 wunderten ihr richtiges Urtheil über Gegenstände, die sie in ihrer jetzigen Lage beobachtet, über Erfahrungen, die sie gemacht und zeigten ihr alle Sehenswürdigkeiten der Residenz. Besonders behaglich fühlte sie sich in Gesellschaft gebildeter Personen, wo man sich um sie weniger kümmerte. Da horchte sie aufmerksam auf jedes Wort, das gesprochen wurde und vergaß keines, aus dem sie Belehrung schöpfen konnte. Ueber den Empfang bei der Kaiserin Mutter und der regierenden Kaiserin sprach sie stets mit Thränen des innigsten Dankes; sie hatte jedes Wort gemerkt, das die gütigen Kaiserinnen zu ihr sprachen. Barbara vergaß in ihrem Glück der beiden Verbannten zu Jschim nicht, die ihr zu ihrem Unternehmen Muth zusprachen und ihr auf die Reise die letzten Kreuzer, die sie hatten, als Reisegeld gaben. Sie sprach oft von ihnen in Gegenwart einflußreicher Personen, die helfen konnten; doch ihre Wohlthäter und Gönner gaben ihr einstimmig den Rath, diesen Gegenstand fallen zu lassen, da eine Verwendung für Andere der Sache ihres Vaters leicht schaden könnte. Zum Glück für die Unglücklichen bot ihr die Herzensgüte des edlen Kaisers Alexander Gelegenheit dar, ihnen nützlich zu sein. Als der Auftrag ausgefertigt und nach Tobolsk abgeschickt wurde, durch den Barbara's Vater die Freiheit erhielt, ließ sie der Kaiser durch den Minister fragen, ob sie nicht für ihre eigene Person eine Bitte hätte. Sie antwortete: „Wenn Se. Majestät ihr noch 169 eine Gnade erweisen wollen, nachdem sie durch die Begnadigung ihres Vaters überglücklich gemacht wurde, so bitte sie auch für die beiden Gefangenen um Gnade." Der Minister berichtete dem Kaiser über diese edle Dankbarkeit. Der gütige Monarch erfüllte diese Bitte und so hatten die beiden Unglücklichen der liebevollen Theilnahme, die sie der guten Tochter bei ihrer Abreise bewiesen, ihre Freiheit zu verdanken. Als Barbara alle ihre Wünsche erfüllt sah, dachte sie an das Gott gemachte Gelübde, ihr Leben dem Dienste des Herrn in einem Kloster zu weihen. Sie reiste nach Kiew und nahm dort den Schleier. — Vor etwa zwanzig Monaten verließ Barbara das Elternhaus und seit dieser Zeit hatten die tiefbetrübten Eltern gar keine Nachricht über ihr geliebtes Kind erhalten. Während dieser Zeit bestieg der edle Kaiser Alexander den Thron von Rußland; viele Gefangene in Sibirien wurden begnadigt — Lopuloff war nicht unter den Glücklichen — und so verlor er jede Hoffnung, Gram und Kummer der schwergeprüften Eltern war nun noch mebr erhöhet, weil sie auch des letzten Trostes, den sie in ihrem Kinde fanden, beraubt waren. Es erfaßte sie die Verzweiflung und sie waren in Gefahr dem Schmerz zu erliegen, da brachte ein Courier von Tobolsk die erfreuliche Nachricht, die ihren Leiden ein Ende machte. Sie erhielten durch kaiserlichen Ukas (Verordnung) die Freiheit, einen Reisepaß zur Reise nach Rußland und eine ansehnliche Summe als Reisegeld. Dieses Ereigniß erregte großes Aufsehen; die 170 l ^ M Bekannten und Verbannten zu Jschim kamen zu Lopuloff, als sie von seiner Begnadigung Kunde erhielten, und wünschten ihm Glück. Seine alten Leidensgefährten, die Barbaras Unternehmen belächelten, die ihr jede Hilfe auf die Reise entzogen, waren nun beschämt und bereuten ihr Betragen. Lopulosf nahm die Glückwünsche mit Rührung und Dank an, und sein so unverhofftes Glück war nur durch den Gedanken getrübt, daß er seine beiden Freunde in der Gefangenschaft zurücklassen müsse, deren Begnadigung ihm und den Unglücklichen noch nicht bekanntwar. Die beiden Freunde wurden als junge, kräftige Männer nach Sibirien verwiesen und jetzt waren sie hochbetagte, gebrechliche Greise. Lopuloff hatte sich nach der Abreise der Tochter enger denn je an sie allgeschloffen; denn sie warm die Einzigen, die Barbara S Unternehmen billigten, der guten Tochter Segen wünschten und um diesen täglich zu Gon flehten. So oft sie beisammen waren, sprachen sie nur von Barbara und ihrem Unternehmen, trösteten sich gegenseitig, wenn sie die vielen Hindernisse bedachten, die einem so gefahrvollen Unternehmen sich entgegen stellen; Hindernisse, die selbst den Muth des kühnsten Mannes brechen müßten — und dann schwand ihnen jede Hoffnung. Lopuloff bot ihnen von dem erhaltenen Reisegeld Unterstützung an; sie lehnten den Antrag ab und sprachen: „Wir brauchen nichts mehr, wir stehen schon am Rande des Grabes; Ihr seid glücklich und werdet daS Geld in Eurem Vaterlande besser brauchen." 171 Sie beneideten ihn nicht um sein Glück, aber tiefe Wehmuth erfüllte die beiden Unglücklichen bei dem Gedanken, daß sie sich nun von ihrem einzigen treuen Freunde trennen müssen. Sie erinnerten sich des Versprechens, das ihnen Barbara bei ihrer Abreise gemacht, sie meinten, sie habe auf sie vergessen, sie klagten vor dem Vater nicht darüber und verschlossen den bittern Schmerz in ihrem Herzen. Am Vorabende des Tages, an dem Lopuloff sie verlassen sollte, kamen sie zu ihm um Abschied zu nehmen, und sich den Schmerz zu ersparen, bei seiner Abreise zugegen zu sein. Gegen neun Uhr Abends kehrten sie mit tief betrübtem Herzen in ihre Hütte, setzten sich, ohne ein Licht anzuzünden, auf die Bank und überließen sich in ihrem hoffnungslosen Zustande dem Schmerz. Als die Beiden sich entfernten, sprach Lopuloff zu seiner Gattin: .Unsere Tochter har gewiß aus unsere beiden Freunde nicht vergessen; vielleicht wird sie noch etwas für sie thun können. Wir wollen sie bei unserem Widersehen auffordern, für die Unglücklichen nach Möglichkeit sich zu verwenden." Mit diesen Trostgedanken begaben sich Beide zur Ruhe, um am andern Morgen in früher Stunde zur Abreise bereit zu sein. Kaum als sie einschliefen, da pochte es gewaltig an ihrer Thüre. Derselbe Ispravnik (Bezirksamtmann), der dem Lopuloff die erfreuliche Nachricht seiner Begnadigung brachte, forderte Einlaß. Lopuloff war über diesen späten und ungewöhnlichen 172 Besuch ganz erstaunt; er stand auf, öffnete die Thür, der Jspravnik stürzt mit Hast in die Stube und spricht: „Hier ist ein Brief an Euch von Eurer Tochter, und hier" — indem er eine offene Depesche zeigte — ,die Begnadigung für Eure beiden Freunde." Lopuloff zündete die Laterne an und alle Drei machten sich auf den Weg, um den Unglücklichen die frohe Botschaft zu hinterbringen. Seit zwei Stunden saßen diese m tiefem Schmerz, obne ein Wort zu sprechen; da hören sie auf einmal ein gewaltiges Pochen an der Thüre und eine bekannte Stimme rief freudenvoll: „Freunde! öffnet, Gnade, Gnade, auch für Euch!" Keine Feder ist im Stande, die Scene, die nun folgte, zu beschreiben. Man hörte nur die gebrochenen Worte: „Gnade! Kaiser! Gott segne ihn! Gott sei gepriesen! Reichen Segen der guten Barbara — sie hat uns nicht vergessen!" Nie hat eine menschliche Wohnung glücklichere Menschen beherbergt, die im tieften Abgrund des Unglückes ein so unverhofftes Glück traf. Für die beiden Begnadigten waren der Depesche auch die nöthigen Reisepässe beigeschlossen. Barbara schrieb ihrem Vater, Gott habe ihr beigestanden, nachdem sie Gnade für den Vater gefunden, auch ihren Freunden nützlich sein zu können. Aus Dankbarkeit für die Unterstützung die sie ihr bei der Abreise von Sibirien so großmüthig angedeihen ließen, schickte sie ihnen zweihundert Rubel. Sie schrieb dem Vater, daß sie zu Nowgorod, mit Sehnsucht die Ankunft der geliebten Eltern erwarten wird. 173 Barbara nahm, wie sie gelobte, zu Kiew den Schleier, doch war es nicht ihr Wille dort zu bleiben; sie wollte in das Kloster zu Nowgorod eintreten, wie sie es der Aebtissin versprochen, bei der sie eine so wohlwollende und liebevolle Aufnahme fand und durch deren Verwendung sie das Ziel ihrer sehnlichsten Wünsche glücklich erreicht hatte. Sie schrieb, als sie das Gelübde abgelegt hatte, an die Aebtissin und bat um Aufnahme, die ihr zur Freude sämmtlicher Klosterfrauen gewährt wurde. Barbara machte sich sogleich auf die Reise nach Nowgorod, wohin ihre Eltern schon vor einigen Tagen angekommen waren. Barbara warf sich zu den Füßen der Aebtissin, die mit allen Klosterfrauen an der Pforte des Klosters ihre Mitschwester erwartete. Ihre erste Frage war nach ihren Eltern; denn sie bat die Aebtissin ihre Eltern im Kloster bis zu ihrer Ankunft zu beherbergen. Die Aebtissin und die übrigen Klosterfrauen empfingen ihre Mitschwester mit der herzlichsten Freude und begleiteten sie in das Zimmer der Oberin, wo sie Vater und Mutter fand. Als die Eltern die geliebte Tochter in dem Kleide der Nonne erblickten, fielen sie von Schmerz und Dankbarkeit überwältigt, auf die Kmee nieder. Barbara stieß einen Schmerzensschrei aus: „Geliebter Vater, gute Mutter, was thut Ihr? Gott allein hat Alles gethan; danken wir seiner wunderbaren Vatergüte, die unser Glück begründet." 174 Bei den herzlichsten Umarmungen entquoll dem Auge der zärtlichen Mutter ein Thränenstrom, als sie auf den Schleier der Tochter blickte. Das Glück, dessen sich die Familie seit ihrer Vereinigung erfreute, konnte nicht von langer Dauer sein. Der religiöse Stand, den Barbara gewählt, zwang die alten Eltern getrennt von der Tochter zu leben, und diese Trennung erschien ihnen viel schmerzlicher als die erste; denn sie war hoffnungslos. Ihre Vermögensverhältnisse gestatteten ihnen nicht, sich in Nowgorod wohnlich niederzulassen. Die Großeltern Barbara's lebten in Wladimir und sie luden ihre Tochter und den Gatten, dem durch die Gnade des Kaisers eine kleine Pension bewilligt war, zu sich; die Noth zwang sie diesen Antrag anzunehmen. Acht Tage der Freude brachten sie bei der geliebten Tochter zu und nun kam die Zeit der schmerzvollen Trennung. Die gute Mutter war untröstlich und sprach unter Weinen und Wehklagen: „Was nützt uns nun die so sehnlichst erwünschte Freiheit? Alle Mühen, alle Gefahren unserer geliebten Tochter hatten also keinen andern Zweck, als sie für immer aus unseren Armen zu entreißen? Wären wir noch in Sibirien — aber mit ihr!" So klagte die trostlose Mutter. Als Barbara in dem Zimmer der Oberin von ihren Eltern den Segen empfing und von ihnen Abschied nahm, versprach sie dieselben noch im Lause dieses Jahres in Wladimir zu besuchen, und dann begab sie sich mit ihnen — von der Oberin und einigen Kloster- 175 frauen begleitet — in die Kirche. Die Tochter, ebenso wie die Mutter über die bevorstehende Trennung schmerzlich ergriffen, faßte Muth um auch jenen der Mutter für die bittere Stunde zu beleben. Sie kniete mit ihren Eltern an den Stufen des Altars nieder und alle Drei beteten mit Inbrunst und um den Eltern im entscheidenden Augenblicke den Schmerz zu ersparen, entfernte sich Barbara leise, ging aus das Chor, wo die andern Nonnen versammelt waren, sah durch das Gitter auf die geliebten Eltern und dann rief sie ihnen mit lauter, bewegter Stimme zu: ' „Lebt wohl, geliebte Eltern! Eure Tochter gehört jetzt Gott, doch wird sie Euch nie vergessen. Geliebter Vater, zärtliche Mutter, bringet Gott das Opfer, das er von Euch verlangt, er möge Euch seinen Segen im reichsten Maße verleihen und eure Tochter bis an ihr Lebensende mit seiner Gnade beschützen!" Von Schmerz ergriffen lehnte sich Barbara an das Gitter, Thränen, die sie lang zurückgehalten, bedeckten ihre Wangen. Die trostlose Mutter streckte laut weinend und schluchzend ihre Arme gegen die Tochter, die Oberin gab ein Zeichen mit der Hand, ein Vorhang fiel herab, deckte das Gitter und die Nonnen stimmten den Psalm an: „Selig, die treu dem Glauben die Wege des Herrn wandeln!" Die Oberin begleitete Vater und Mutter zur Kirchenpforte, wo auf sie ein Wagen wartete; sie sahen ihre Tochter zum letzten Male. 176 Barbara beobachtete sehr gewissenhaft die strengm Regeln des Klosterlebens und erwarb sich durch ihren musterhaften Lebenswandel, durch ihr bescheidenes liebenswürdiges Benehmen die Liebe und die Achtung ihrer Mitschwestern und der übrigen Bewohner des Klosters. Die vielen physischen und moralischen Leiden und Gefahren, die Barbara in ihrem noch zarten Alter zu bestehen hatte, griffen ihre Gesundheit an und ihr kränklicher Zustand nöthigte sie oft, sich den Pflichten ihres Standes zu entziehen. Die Aerzte riethen Luftveränderung. Die Oberin mußte in Geschäften des Klosters eine Reise nach Petersburg unternehmen, sie nahm nach dem Rathe der Aerzte Barbara um so freudiger mit sich, weil die würdige Oberin hoffte, daß die so liebevolle Theilnahme, die Barbara in der Residenz gefunden, durch ihre Verwendung der Angelegenheit des Klosters nützlich sein könnte. Barbara war für das Kloster die eifrigste Fürsprecherin, doch besuchte sie, durch die Regeln ihres Standes gebunden, nie wie einst öffentliche Gesellschaften und nur jene Personen^ denen sie Dank schuldig war. Um diese Zeit zeigten sich schon Symptome einer gefährlichen Brustkrankheit. Die einst von Gesundheit und Iugendfrische strotzenden Gesichtszüge verblühten, nur der liebenswürdige und einnehmende Blick ihrer schwarzen Augen und die scharf ausgeprägte Gemüthsruhe blieben unverändert. Sie erkannte ihren Zustand und nun waren alle ihre Gedanken auf die 177 Ewigkeit gerichtet, der sie ohne Furcht, ohne Klage entgegen sah, wie ein wackerer Arbeiter, der sein Tagewerk vollendet und dafür den verdienten Lohn erwartet. Die Oberin beendigte bald ihre Geschäfte und richtete sich zur Abreise. Am Vorabende vor der Abreise besuchte Barbara noch einige Personen, denen sie Dank schuldig war, um sich bei ihnen zu beurlauben. Bei einem dieser Besuche traf sie in einem Hause auf der Stiege ein junges Mädchen in abgerissenen Kleidern sitzen. Als das Mädchen die Nonne von einem Bedienten begleitet erblickte, stand es mühsam aus und bat um Almosen, zog aus der Brusttasche eine Schrift und sprach, diese der Nonne reichend: „Mein Vater ist von der Gicht gelähmt und hat keine andere Hilfe als das Almosen, das mir mildthätige Menschen spenden; ich bin jetzt auch krank und werde für meinen Vater nicht mehr sorgen können." Barbara nahm die Schrift mit Hast; es war ein Armuths- und Sittlichkeitszeugniß vom Pfarrer ausgestellt. Sie erinnerte sich an ihre bittern Tage, als sie auf der Treppe einst im Senatspalast saß und vergebens die Menschen um Hilfe anflehte. Sie gab der Bittenden alles Geld, das sie bei sich hatte und versprach ihr Hilfe zu schassen. Sie empfahl das Mädchen jenen Personen, bei denen sie Abschied nahm; diese nahmen Vater und Tochter in Schutz und sorgten für Beide. Kankoffer.- Segen rc. 12 178 Zu Nowgorod angekommen, ward Barbara von ihren Mitschwestern mit der zärtlichsten Liebe und herzlichsten Freude empfangen und in ihrem kränklichen Zustand auf das sorgfältigste gepflegt. Die Aerzte gaben alle Hoffnung auf, sie selbst sah ihrer Auflösung mit frommer Ergebung in den Willen des Herrn entgegen, doch glaubte sie ihr Ende noch nicht so nahe. Sie ging am Vorabende vor ihrem Namenstag mit einigen Nonnen in den Gängen des Klosters auf und ab, in einen warmen Pelz eingehüllt und setzte sich dann mit einer Freundin vor der Klosterpforte nieder. Die Wintersonne schien sie zu stärken, der Anblick des glänzenden Schnees erinnerte sie an die Zeit in Sibirien. Ein Strahl der Hoffnung erfüllte ihre Seele und sie sprach freudig bewegt zu ihrer Freundin: „Ich hoffe mich bis zum Frühling zu erholen, dann will ich meine geliebten Aeltern in Wladimir besuchen und Du theuere Freundin und geliebte Schwester wirst mir Gesellschaft leisten." Bei diesen Worten leuchtete ihr Freude aus dem schon gebrochenen Auge, doch der Tod war schon auf den blassen Lippen. Ihre Freundin gab sich Mühe ihr eine fröhliche Miene zu zeigen und die Thränen zu verbergen. Am Feste der heiligen Barbara hatte sie noch so viel Kraft, um in die Kirche zur heiligen Kommunion gehen zu können. Gegen drei Uhr Nachmittags fühlte sie sich schwach und begab sich zur Ruhe. Die Kloster- 179 frauen besuchten sie in ihrer Zelle, und weil sie ihre geliebte Mitschwester nicht in Gefahr glaubten, so suchten sie sie durch fröhliche Gespräche aufzuheitern. Als das Zeichen mit der Glocke zum Abendgebet gegeben war und die Nonnen sich anschickten in die Kirche zu gehen, empfahl sie sich ihrem Gebet und sprach: „Heute werdet ihr, geliebte Schwestern, noch um Gesundheit für mich beten und vielleicht schon nach einigen Wochen für die Ruhe meiner Seele." Ihre Freundin blieb allein bei ihr. Barbara bat sie mit ihr das Abendgebet zu beten. Die Nonne knieete neben ihrem Bette, und als sie die erste Strophe gesungen, winkte ihr die Kranke freundlich mit der Hand und sprach leise: „Geliebte Schwester, singe nicht, es stört mich im Gebete, bete mit mir!" Die Nonne betete und die Kranke bezeichnte sich von Zeit zu Zeit mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes. In später Abendstunde entfernte sich die Nonne und wünschte der Freundin eine ruhige Nacht. Als die Nonnen in früher Morgenstunde in ihre Zelle kamen, lebte Barbara nicht mehr. Ihre rechte Hand lag auf der Brust und nach der Lage der Finger sah man, daß sie mit dem Tode ringend, sich mit dem Zeichen der Welterlösung bezeichnte. Wer so wie Barbara gelebt, kann auch so wie sie in frommer Ergebung in den Willen des Herrn der Todesstunde entgegensetzen und einem so Dahingeschiedenen mag aus voller Brust das Grablied erklingen: 12 * 180 Wohlauf, wohlauf zum letzten Gang! Kurz ist der Weg, die Ruh' ist lang. Gott führet ein, Gott führet aus, Wohlan hinaus, Zum Bleiben war nicht dieses Haus! Herberg' in der Wanderzeit, Du gabst oft Freuden, gabst oft Leid; Jetzt schließe Welt — das Haus bist du — Die Thüre zu! Dein Geist geht in die ew'ge Ruh! So tragt ihn in sein Schlafgemach; Die Freunde folgen segnend nach, Hab' gute Nacht! der Tag war schwül Zum Erdgewühl! Hab' gute Nacht, die Nacht ist kühl! Ein Festschmuck ist der Särge Tuch, Ein Siegeszug der Leichenzug. Triumph! der Herr macht gute Bahn — Sein Kreuz voran — Das winkt und deutet himmelan! Ihr Glocken, tönet festlich drein, Und läutet hell den Sabbath ein, Der nach des Werktags kurzer Frist Durch Jesum Christ Für Gottes Volk bereitet ist! O selig, wer das Heil erwirbt, Daß er im Herrn, in Christo stirbt! O selig, wer vom Laufe matt, Die Gottesstadt, Die droben ist, gefunden hat! Was suchst Du, Mensch, bis in den Tod? Du suchst so viel, und Eins ist Noth! Die Welt beut ihre Güter feil — 181 Denk' an Dein Heil, Und wähl' in Galt den besten Theil! Was sorgst Du bis zum letzten Tritt? Nichts brachtest Du, nichts nimmst Du mit! Die Welt vergeht mit Lust und Schmerz; Schau himmelwärts, Da, wo Dein Schatz ist, ist Dein Herz! Mit Gott bestell' Dein Haus bei Zeit, Eh' Dich der Tod an Todte reiht! Sie rufen: „Gestern war's an mir, Heut' ist's an Dir!" Hier ist kein Stand, kein Bleiben hier! Vom Freudenmahl zum Wanderstab, Aus Wieg' und Bett in Sarg und Grab; Wann, wie und wo, ist Gott bewußt! Schlag' an die Brust; Du mußt von dannen, Mensch, Du mußt! Da ist kein Haus zu reich, zu arm, Kein Haus zu hoch, kein Herz zu warm, Ta blüht zu schön kein Morgenroth; Im Finstern droht Der Tod und überall der Tod! Ach banges Herz im Leichenthal, Wo ist Dein Licht, Dein Lebensstrahl? Du bist es Jesu, der mit Macht Aus Gräbernacht Das Leben hat an's Licht gebracht! Dein Trostwort klingt so hoch und heh'r: „Wer an mich glaubt, stirbt nimmermehr!" Dein Kreuz, Dein Grab, Dein Aufersteh'n, Dein Himmelgeh'n Läßt uns den Himmel offen seh'n! 182 Wohl dem, der sich -— mit ihm vertraut - Schon hier die ew'gen Hütten baut! Er sieht das Kleinod in der Fern' Uüd kämpfet gern, Und harrt der Zukunft seines Herrn. Nun, Thor des Friedens, öffne Dich!. Hinein! hier schließt die Wallfahrt sich! Ihr Schlummernden im Friedensreich, Gönnt allzugleich Auch ihm ein Plätzchen neben Euch! Viel Gräber sind an diesem Ort, Viel Wohnungen im Himmel dort; Bereitet ist die Stätte schon. Am Gnadenthron, Bereitet ihm durch Gottes Sohn! Sein ist das Reich mit Allgewalt; Er zeugt und spricht: „Ich komme bald!" Ja, komm' Herr Jesu, führ' uns ein! Wir harren Dein! Amen! Dein laß uns ewig sein! L Unter der Redaction des Verfassers dieser Jugendschrist erscheint vom 1. Oktober 1864 die periodische Druckschrift „WerMmeinnicht." Glätter zur angenehmen und lehrreichen Erholung in katholischen Familienkreisen. Erscheint am Ersten, Zehnten und Zwanzigsten eines jeden Monats, jedes Mal dritthalb Bogen kl. Quart und kostet in Wien: Ganzjährig ... .4 fl. — kr. Halbjährig .2 „ — „ Vierteljährig .. - 1 „ — „ Zustellung in Wien per Vierteljahr— „ 10 „ Postversendung vierteljährig . . — „ 20 „ Für Wien übernimmt Pränumeration die Buchhandlung Mayrr H Comp. (Singerstraße, deutsches Haus Nr. 7). Die auswärtigen P. T. Herren Pränumeranten wollen die Bestellung unter der Adresse der Redaction in der genannten Buchhandlung in frankirten Zuschriften einleiten. „Vergißmeinnicht" tritt im einfachen, anständigen Gewände — ohne Polemik — auf und rechnet auf die Theilnahme des Publikums, das Herz, Gemüth, echt katholischen und Patriotischen Sinn besitzt, oder in diesen Eigenschaften gestärkt sein will, und dieses Publikum ist in allen Schichten auzutreffen; es rechnet auch auf die Theilnahme der katholischen Vereine. Gewichtigeres läßt sich wohl über die zeitgemäße Tendenz des Blattes und über dessen bisherige Leistungen kaum sagen, als daß Ihre k. k. Majestät, Kaiserin Carolina August«, auf fünfundzwanzig Exemplare dieses Blattes ganzjährig allergnädigst zu pränumeriren geruhten; daß mit Genehmigung Seiner Eminenz des Hochwürdigsten Herrn Lardinals und Fürsterzbischofs von Wien die Ankündigung dieser Zeitschrift dem Diözesanblatte für die Wiener hochw. fürsterzbischöfl. Diözese beigelegt wurde, und daß die General-Conferenz der katholischen Vereine Wien's mit Zuschrift der Redaction das ehrenvolle Zeugniß gegeben, daß dieses Blattt die edelsten Zwecke verfolgt und demselben auch die eigene Theilnahme und Einladung zu dieser bei den katholischen Vereinen zugesichert hat. Allgemein wird Klage gegen die verderbliche Richtung der ^ Presse geführt, allgemein wird die Nothwendigkeit des Strebens ^ gegen dieses unchristliche Wirken anerkannt; doch Klage und H Streben bleiben erfolglos, wenn ihnen die That fehlt, und diese ' besteht in dem vorliegenden Falle einzig und allein darin, daß man diesem Wirken mit einem Wirken in wahrhaft christlicher pariotischer Richtung entgegen tritt und für die Verbreitung einer solchen Lectüre in katholischen Familienkreisen Sorge trägt. Die Redaction erlaubt sich an den hochw. Clerus und An Lehrerstand die Bitte zu stellen, katholische Familien und ; katholische Vereine, denen Religion, Tugend, Treue für Thron und Vaterland heilig sind, zu beliebigen, selbst noch so kleinen Beiträgen einzuladen zur Anschaffung dieser Periodischen Druckschrift, die dann als Eigenthum der Pfarrgemeinde, oder der katholischen Vereine, mit ganz geringen Opfern der Einzelnen, auch für die Zukunft für katholische Familien eine lehrreiche Lectüre bieten würde. Ig. Kankoffer. k. Rath, Schulrath, Redacteur des „Vergißmeinnicht." Druck Von L. Mayer in Wien. ' ' ' HUM