Wienei- 8iaclt kiblioiiikk 68 UM -7^ r-> .''^.,r^?H-L^ :-A>->^-->. -r^ Ä>./"2- >,. ,, --.-.»-E/''-.»'' ..?> o. v. 1)1-. /VlKll'SHK 8trr.I1^!«» V68. ' > . 5 Die neue Zeit von einem alten Constitutionellen. Zehnter Band.,^ d>. ^^ »)7 — Aluttgsrl, Verlag von Friedrich Henne. 1632. - 'u-;d^ b^K'?1Ä7Z d,!-tt^N-G"Äj; r U»M«^S kL m» ^..«,»«W;zMb^;S"Azö tzm-4mmv1 E »>:-s-!»-«>;7^' r!« G 7S«-»»1»« " LL^SÄiT-Ä>^yü^qmB iLLWM- nMWKrWi.. !;.'»»§I DM Ms^rn'jkdn^ ,tz1prMnS^> UW»D :7--.-rkcv^k.!?:>qsi«,« lim-1S lEE ,«»rtzt,!rs -.?--^^- I?- 7-.Z-? uM-' ' Lg?!t- a!-Ä H,.'M 8»;° ÄichG.M-ZräiM^rä urW I. ,'LN^.N->.'7- -7'5-rd Ä Är.-''--n s^-ckiv,2 -!L 7^^7!:7>!:,h 1-^NnL?:ser tS3o. Schreiben, Schriftstellern, Gedanken bauen-wie wäre mir das möglich hier? Der Boden wankt unter meinen Füßen, es schwindelt um mich her, mein Herz ist seekrank. Manchmal kömmt es mir selbst spaßhaft vor, daß ich die Sorgen eines Königs habe, und so angstvoll warte aufdie Entscheidung der Schlacht, als hätte ich dabei eine Krone zu gewinnen oder zu verlieren. Ach, wäre ich doch König nur einen kur- 13 zen Monat! Wahrlich, ich wollte keine Sorgen habe«, aber geben wollte ich sie. Die tägliche, ja allstündige Bemühung der stärkten Dcnkreize macht die Menschen hier endlich stumpf und gedankenlos. Wenn es nicht so wäre, man ertrüge nicht Paris sein ganzes Leben durch. Die Erfahrung, die anfänglich bedächtig macht, macht spater leichtsinnig, und so erkläre und entschuldige ich den Leichtsinn dieses Volkes. Wir Deutschen, die wir am längsten unter einem sanften wolkenfreien u.raum- himmel leben, sind rheumatisch, sobald wir wachen; wir spüren jede Erfahrung und jeder Wechsel der Empfindung macht uns krank.^ Diesen Mittag stand ich eine halbe Stunde lang vor dem Eingänge des Museum, und ergötzte mich an der unvergleichlichen Bcredtsamkeit, Geistesgegenwart und Keckheit eines Marktschreiers, der ein Mittel gegen Taubheit feil bot, und Mehrere aus der umstehenden Menge, in Zeit von wenigen Minuten von dieser Krankheit heilte. Als ich unter dem herzlichsten Lachen fortging, dachte ich: mit diesem Spasse ernähre ich mich den ganzen Tag. Und er dauerte keine drei Minuten lang, reichte keine dreißig Schritte weit! Im Hofe des Louvre's begegnete ich einem feierlichen Trauerzuge, dessen Spitze dort still hielt, um sich zu ordnen. Voraus ein Trupp Nationalgardcn, welche dumpfe Trommeln schlugen, und dann ein unabsehbares Gefolge von stillen, ernsten, bescheidenen, - 14 meistens jungen Bürgern, die paarweise gingen und in ihren Reihen viele Fahnen und Standarten trugen, welche mit schwarzen Flören behängt und deren Inschrift von Immortellen und Lorbeeren bekränzt waren. Ich sah, fragte und als ich die Bedeutung erfuhr, fing mein Blut, das kurz vorher noch so friedlich durch die Adern floß, heftig zu stürmen an, und ich verwünschte mein Geschick, das mich verurtheilte, jeden Schmerz verdampfen zu lassen wie eine heiße Suppe und ihn dann löffelweise hinunter zu schlucken. Wie glücklich ist der Kampfer in der Schlacht, der seine» Schmerz, seinen Zorn kann ausbluten lassen und der keine andere Schwäche fühlt, als die dem Gebrauche der Kraft nachfolgt! Es war eine Tvdesfcicr für jene vier Unterofficiere, welche in der Verschwörung von Verton der Gewalt in die Hände gefallen und als wehrlose Gefangene ermordet wurden. Heute vor acht Jahren wurden sie auf dem Greve-Platz niedergemetzelt, und weil es ein Mord mit Floskeln war, nannte man es eine Hinrichtung. Abends war Concert bei Hofe. Es ist zum rasend werden! Acht Jahre sind es erst und schon hat sich in Tugend umgewandelt, was damals für Verbrechen galt. Wenn man, wie es die Menschlichkeit und das Kriegsrecht will, auch die im Freiheitskampfe Besiegten in Gcfangenschaft behielte, statt siezn töd- ten, dann lebten jene unglücklichen Jünglinge noch. Mit welchem Siegesjubel wäre ihr Kerker geöffnet worden, mir welchem Entzücke» hätten- sie das Licht, 15 die Lust der Freiheit begrüßt! Könige sind schnell, Veit sie wissen, deß es teine Ewigkeit gibt sür sie, und Völker sind langsam, weil sie wissen, daß sie ewig dauern. Hier ist der Jammer. Wie damals, als ich die fluchwürdige Hinrichtung mit angesehen, so war auch heute mein Zorn, weniger gegen den Ueber, much der Gewalt, als gegen die niederträchtige Feigheit des Volkes gerichtet. Einige tausend Man, waren zum Schutze der Henkern versammelt. Diel waren eingeschlossen, eingeengt von Hundert tauscm Bürgern, welchen allen Haß und Wuth im Herzn kochte. Es war kein Leben, kaum eine Wunde dabei zu wagen. Hätten sie sich nur so viel bemüht, als sie es jeden Abend mit Fröhlichkeit thun, sich in die Schauspielhäuser zu drängen; hätten sie nur rechts und links mit den Ellenbogen gestoßen: die Tyrannei wäre erdrückt und ihr Schlachtopfer gerettet worden. Aber die abergläubische Furcht vor der Soldatenmacht! Warum thaten sie nicht damals schon, was sie acht Jahre später gethan? Es ist zum Verzweifeln, daß ein Volk sich erst berauschen muß in Haß, ehe es den Muth bekömmt, ihn zn befriedigen; daß es nicht eher sein Herz findet, bis es deu Kopf verloren. Mit solchen Gedanken ging ich neben dem Auge her und begleitete ihn bis auf den Greve-Platz. Dort schloßen sie einen Kreis, und Einer stellte sich aus eine Erhöhung und schickte sich zu reden an. Ich aber ging fort. Was an diesem Orte und über solche jammervolle Geschirren zu sagen ist, war mir- bekannt genug. Ich ging die neue Kettenbrücke hinan, die jetzt vorn Greveplatze hinüberführt, und setzte mich auf eine der Bänke dort, um auszuruhen. Ich sah den Strom hinab, maß die kurze Entfernung zwischen dem Louore, wo Frankreichs Könige herrschten, und dem Revolutivns-Platze, wo sie gerichtet wurden von ihrem Volke, und ich erstaunte, daß die Gerechtigkeit, wenn auch eine Schnecke, so lange Zeit gebrauchte, diesen kurzen Weg zurückzulegen. Zwischen der Bar- tholomäus-Nacht und der Eroberung der Bastille sind mehr als zwei Jahrhunderte verflossen. Heillos wuchert die Rache der Könige; aber die edle Rache der Volker hat niemals Zinse» begehrt! Man kann ungestört träumen auf dieser Brücke. Sie ist nur für Fußgänger, und so oft einer darüber ging, zitterte die Brücke"unter mir und mir zitterte das Herz in der Brust. Hier, hier an dieser Stelle, wo ich saß, fiel in den Julitagen ein edler Jüngling für die Freiheit. Noch ist kein Winter über sein Grab gegangen, noch hat kein Sturm die Asche seines Herzens abgekühlt. Die Königlichen hatten den Greveplatz besetzt und schoßen über den Fluß, die von jenseits andrängenden Studenten abzuhalten. Da trat ein Zögling der polytechnischen Schule hervor und sprach:„Freunde, wir müssen die Brücke erstürmen. Folgt mir! Wenn ich falle, gedenket meiner. Ich heiße d'Arcole;es ist ein Name guter Vorbedeutung. Hinauf!" Er spracht und fiel von zehn Kugeln durchbohrt. Jetzt liest man in goldnen Buchstaben auf der Pforte, die 17 sich über die Mitte der Brücke wölbt: kont ä'Xr- coie, und auf der andern Seite: le 28. lloulllet 1830. Für Ossians Aberglauben hätte ich in dieser Stunde meine ganze Philosophie hingegeben. Wie hätte es mich getröstet, wie hätte ich mich versöhnt mit dem zürnenden Himmel, hätte ich glauben können: um stille Mitternacht schreitet der Geist des gefallenen Helden über die Kettenbrücke, setzt sich auf die eiserne Bank und schaut hinauf nach seinem gvldnen Namen, der im Glänze des Mondes blinkt. Dann vernehmen, die am Ufer wohnen, ein leises seliges Jauchzen, süß wie sterbender Flötenton, und sagen: das ist d'Arcole's Freude. Tugend, Entsagung, Aufopferung— ich habe dort viel darüber nachgedacht. Soll man, oder soll man nicht? Der Ruhm, er ist ein schöner Wahnsinn, aber doch ein Wahnsinn. Run, wenn auch! Was heißt Vernunft? Der Wahnsinn Aller. Was heißt Wahnsinn? Die Vernunft des Einzelnen. Was nennt Ihr Wahrheit? Die Täuschung, die Jahrhunderte alt geworden. Was Täuschung? Die Wahrheit, die nur eine Minute gelebt. Ist es aber die letzte Minute unsers Lebens, folgt ihr keine andere nach, die uns enttäuscht, dann wird die Täuschung der Minute zur ewige» Wahrheit. Ja, das ist's. O schöner Tod des Helden, der für einen Glauben stirbt! Alles für Nichts gewonnen. Die Ankunft zur Gegenwart machen, die kein Gott uns rauben kann; sich sicher zu stellen vor allen Täuschungen; unverfälschtes, unge- X. 2 «äffsrtes Glück genießen; die Freuden und Hoffnungen eines ganzen Lebens in einen, einen Feuertrvpfen bringen, ihn kosten und dann sterben— ich habe es ausgerechnet bis auf den kleinsten Bruch— es ist Verstand darin! Ich ging auf der andern Seite zurück. Dort fragte wich ein Bürger, der das Gedränge auf dem Greve- platz bemerkte: Lst-ce<^ue l'on guMotine? Ich a,rt- wortete: sn contrsire, on ckeAuillotine-„Wird guillottnirt?" Ist das nicht köstlich gefragt? Ich glaube, daß ich darüber gelacht. PariS, den 23, September. Es ist gräßlich, es ist zu gräßlich, was in Brüssel geschieht! Was Paris im Juli gesehen, war Tändelei dagegen. Man konnte rasend werden über die Niederträchtigkeit der Fürsten. Und der König von Holland ist noch einer der bessern. Männer erwürgen, weil sie sich nicht länger wie Schulbuben wollen bee handeln lassen, über den Köpfen ihrer wehrlosen Weiber und Kinder die Dächer mit vergiftetem Feuer, mit Cvngrevischen Raketen anzünden— das ist die väterliche Liebe der Vater des Volkes, so thun sie sie kund! Ein Brüsseler Zeitungsschreiber fragt:„Wie viele Leichen braucht denn eigentlich ein König, damit er mit Behaglichkeit in seine Hauptstadt einziehe?" Unglückseliger Spötter! Wie viele Leichen braucht Ihr denn, bis es euch unbehaglich wird und ihr die 19 Geduld verliert miteuren Unterdrückern? Sie machen es noch lange nicht arg genug. Ich habe kein Mitleid mit den Belgiern, mit keinem Volte, lu l'ss vvnlu, t!D!'ss voulu, Oeorge Vanillin! Der Prophet Samuel hat sie schon vor dreitausend Jahren gewarnt. Sie haben nicht hören wollen, sie mögen fühlene Gestern habe ich zum ersten Male unsern König gesehen— unsern König, den wir gemacht haben. Es wird sich zeigen, ob wir geschickter sind als Gott, der die frühern Könige gemacht hat, wie Kunstkenner behaupten. Er zeigte sich auf einer offenen Gallcrie im Pälais-Rotzal und wurde vom Volke mit wahrer Herzlichkeit begrüßt. Sie lachten ihn an, ließen ihn hoch leben und es schien mir alles aus der innersten Seele zu kommen. Ich stimmte mit ein. Man liebt gern, wen» es einem nicht gar zu sauer gemacht wird. So eben erfahre ich, in Gera wäre cine-Ncpolntion ausgebrochen. Dem D., der mir diese freudige Nachricht brachte, habe ich zum Lohne ein Beefsteak holen lassen. Habe ich sie endlich einmal, die Fürsten R e n ß, Greiz, Schlei; und wie sie sonst heißen! Ist der Tag der Rache endlich erschienen-! Schon dreißig Jahre gedenke ich es ihnen. Wie haben sie mich in meiner Jugend gequält mit der verworrenen Geographie ihrer Länderlein und den Verzweigungen ihrer Familie! Das war ein Linienwerk wie in der-flachen Hand; man mußre eine Aigeunerin seyn, um daraus klug M-werden. Die Familicnhäupter heißen alle Heinrich, 20 und sich von einander zu unterscheiden, sind sie numerier. Der Eine beißt Heinrich XVIII., der Andere Heinrich TX., der Dritte Heinrich I.XIII., der Vierte Heinrich I>XX. Das Ein-Mal-Eins geht nicht weiter, und das sollten wir armen Kinder alle auswendig lernen für die nächste Ostern-Prüfung. Ich lernte damals lieber die Geographie von Aegypren, wo gerade Bu onaparte durchzog. Wenn mein sanfter Lehrer, Doctor Schapper, mich in den Pyramiden ertappte, sagte er mit seiner Kindbettcrin-Stimme: das ist auch nützlich; aber mit der vaterländischen Geographie muß man den Grund legen. Nun schwöre ich es Ihnen bei der heiligen Ignoranz, daß wenn ich jetzt auf der Stelle nach Cairo reisen müßte, ich ganz genau den Weg wüßte, den ich zu nehmen; wenn aber nach dem Lande Reuß, müßte ich erst hinüber und herüber im Postbucke nachschlagen. In welchem Theile von Deutschland Gcra liegt, oben, unten, rechts, links— ich weiß es wahrhaftig nicht. Aber so viel weiß ich, daß man Gera mit allen seinen Einwohnern in die Richelieu-Straße stellen könnte. Vctzt stellen Sie sich vor, daß diese kleine Stadt zwei oder gar drei Fürsten hat, die sie gemeinschaftlich beherrschen. 2st es da ein Wunder, wenn es zur Revolution gekommen? Es ist schon mit einem Fürsten nicht auszuhalten. Der Doctor Schapper hat aber einen guten vaterländischen Grund in mir gelegt! Er wird sich freuen, wenn er es erfährt. 21 Freitag den t. Sctober. — Cotta will hier in Paris eine Zeitung herausgeben, wie mir eben D. erzählte, an den er sich vorläufig deswegen gewendet. Wenn es nur zur Ausführung kömmt— es wäre himmlisch. Hundert deutsche Minister würden darüber verrückt werden. Was konnte dieser Mann mit seinem Reichthume, seiner Thätigkeit, seinem Geschäftskreise und seinen Verbindungen nicht alles wirken, wenn er wollte! Er allein versteht es, wie man die furchtsamen Federn beherzt macht und die verborgensten Schubladen der Geheim- nißkrämer öffnet. Wenn ich an die Censur denke, möchte ich mit dem Kopfe an die Wand rennen. Es ist zum Verzweifeln. Die Preßfreiheit ist noch nicht der Sieg, noch nicht einmal der Kampf, sie ist erst die Bewaffnung; wie kann man aber siegen ohne Kampf, wie kämpfen ohne Waffen? Das ist der Zirkel, der einen toll macht. Wir müssen uns mit nackten Fäusten, wie wilde Thiere mit den Zähnen, wehren. Freiwillig gibt man uns nie die Preßfreiheit. Ich möchte unsern Fürsten und ihren Rathgebern nicht Unrecht thun, ich möchte nicht behaupten, daß bei allen und überall der böse Wille, alle Mißbräuche, welche durch die Presse offenkundig würden, fortzusetzen, Schuld an der hartnäckigen Verweigerung der Preßfreiheit sey; das nicht. Wenn sie regierten wi^ die Engel im Himmel, und auch der anspruchsvollste Büpger nichts zu klagen fände: sie würden doch Preßfreiheit versagen. Ich weiß nicht— sie haben eine — 22— Eulcnnatur, sie können das Tageslicht nicht ertragen; sie sind wie Gespenster, die zerfließen, sobald der Hahn kräht. —- Die Frankfurter Bürgerschaft wäre ja rein toll, wenn sie dem Senate die Stzwerbung von Schweizer- truppen bewilligte. Das gäbe nur eine Leibwache für die Bundesversammlung, und die steckt gewiß hinter dem Plane. — Merkwürdig sind die Hananer Geschichtenl Wer hätte das erwartet? Kann sich die Freiheit in der Nähe von Frankfurt bewegen? Es gibt irgendwo einen See von so giftiger Ausdünstung, daß alle Vogel, die darüber fliegen, gleich todt herabfallen. So erzählt man, aber ich glaube es nicht. — Es hat sich hier seit einiger Zeit eine religiöse Gesellschaft gebildet, welche die Lehren des St. Simon zn verbreiten sucht. Ich habe früher nie etwas von diesem Simon gehört. Es werden Sonntags Predigten gehalten. Wie mau mir erzählt, soll gleich« Vertheilung der Güter eine der Grundlehren seyn. Die Gesellschaft zählt schon viele Anhänger und der Sohn meines Banquiers gehört zu den eifrigsten Mitgliedern. Wenn ich Geld bei ihm hole und ihm einen Wechsel anbiete, wird er mir gewiß sagen: das ist ja gar nicht nöthig, sein Geld sey auch das„reinige. Ich freue mich sehr darauf. Gestern habe ich die Giraffe gesehen, die in einem Gehege frei u«rl>ergeht. Ein erhabenes Thier, das aber doch viel Lächerliches hat; eine'tölpelhafte Ma- 23--- jestät. Man muß oft lange warten, bis es ihr gefällig^,die Beine aufzuheben und sich in Bewegung zu setzen. Gewöhnlich steht sie still, an Bäumen oder an der Mauer eines dort befindlichen Gebäudes, und benagt die obersten Zweige oder das Dach. Das Thier sieht sehr metaphysisch aus, lebt mit dem größ- ten Theile seines Wesens in der Lust, und scheint die Erde nur zu berühren, um sie verächtlich mit Füßen zu treten. In dem nämlichen Gehege befanden sich auch noch andere Thiere, melancholische Büffel und sonstige. Zuweilen gingen diese unter dem Bauche der Giraffe weg, und dann sah es aus wie Schiffe, die unter einem Brückenbogen hinfuhren. PariS, Mittwoch den 6. Oktober i8Zo. Ob ich zwar vorher wußte, daß die deutschen Regierungen den Forderungen des Volkes nicht nachgeben, sondern Maaßregeln der Strenge ergreifen würden; ob ich zwar vvm Schauplatze entfernt bin, so hat mir Ihr heuriger Bericht von den Truppenbewegungen, von dem Mainzer Kriegsgerichte, doch die größte Gemüthsbewegung gemacht. Ich hielte das nicht aus und ich bin froh, daß ich mich entfernt habe. Gott hat die Fürsten mit Blindheit geschlagen und sie werden in ihr Verderben rennen. Sie haben die ruhigsten und gutmeinendsten Schriftsteller mit Haß und Verachtung behandelt, sie haben nicht geduldet, daß die Beschwerde» und Wünsche des Volkes in 24 friedlicher Rede verhandelt würden, und jetzt kommen die Bauern und schreiben mit ihren Heugabeln, und wir wollen sehen, ob sich ein Censor findet, der das wegstreicht. Die alten Künste, in jedes aufrührerische Land fremdes Militär zu legen, Nassauer nach Darmstadt, Darmstädter nach Nassau, werden nicht lange ausreichen. Wenn einmal der Soldat zur Einsicht gekommen, daß er Bürger ist eher als Soldat, und wenn er einmal den großen Schritt gethan, blinden Gehorsam zu verweigern, dann wird er auch bald zur Einsicht kommen, daß alle Deutsche seine Landsleute sind, und wird nicht länger um Tagelvhn ein Vierund Brudermörder seyn. Alle alten Dummheiten kommen wieder zum Vorschein, nicht eine ist seit fünfzehn Jahren gestorben. So habe ich in deutschen Blättern gelesen, man habe entdeckt, daß eine geheime Gesellschaft die revolutionären Bewegungen überall geleitet, und man sey den Rädelsführern auf der Spur. Die schlauen Füchse! — Gestern Abend war ich bei Lafayette, der jeden Dienstag eine SoirLe gibt. Wie es da zuging, davon kann ich Ihnen schwer eine Vorstellung geben, man muß das selbst gesehen haben. In drei Salons waren wohl dreihundert Menschen versammelt, so gedrängt, daß man sich nicht rühren konnte, aber im wörtlichsten Sinne nicht rühren. Lafayette, der Jahre alt ist, sieht noch ziemlich rüstig aus. Er hat eine sehr gute Physiognomie, ist immer freundlich und drückt ledern die Hand. Wie es aber der alte - 25 Mann den ganzen Abend in dem Gedränge und in der Hitze aushält, ist mir unbegreiflich. Dazu muß man ein Franzose seyn. Als man ihm die Nachrichten aus... mittheilte, schien er sehr vergnügt und lachte. Ich habe den Abend viele Leute gesprochen, die ich natürlich nicht alle kenne. Auch viele Deutsche waren da, junge Leute, die sehr revvlutionirten. Die ganze Gesellschaft würde im Oesterreichischen gehenkt werden, wenn man sie hätte. Es geht da sehr un- genirt her, ja ungenirter als im Kaffeehause. Und dabei hat man die Erfrischungen umsonst. Ich ging schon um zehn Uhr weg. Da waren noch die Treppen bedeckt von Leuten, die kamen. Wie die aber Platz finden mochten, weiß ich nicht. Es waren auch zwei Sopyas mit Frauenzimmern da, meistens Nordamerikanerinnen. Talleyrand war neulich, ehe er nach London abreiste, in Lafayette's Salon; es hat aber kein Mensch mit ihm gesprochen. Ich sprach unter andern zwei Advokaten, welche die Vertheidigung der angeklagten Minister übernommen. Sie sagten, die Sache stände schlimm mit ihren Clienten und sie ständen in Lebensgefahr. Sie wären aberauch so dumm, daß sie nicht einmal so viel Verstand gehabt hätten, zu entwischen, was die Regierung sehr gern gesehen hätte. Jetzt sey es zur Flucht zu spät. Der Commandant in Vincennes, wo die Minister eingesperrt sind, sey streng und lasse nicht mit sich reden. Man erzählte auch von einem Bauernaufstand in Hanau. Wissen Sie etwas davon? — 26— — Ihre Briefe machen mir eigentlich nur'Freude ehe ich sie aufmache, und in der Erwartung, daß sie recht groß find. Aber einmal geöffnet ist auch alle/ vorüber. In einer Minute habe ich sie gelesen, brist das kürzeste Vergnügen von der Welt. Ich werde durch Ihre langen Buchstaben und gestreckten Zeilen sehr übervortheilt. Ihre ganzen Briefe brächte ich in zwanzig Zeilen. Was können Sie aber dafür? Ihre Freundschaft reicht nicht weiter. — Was mag jetzt nicht in Deutschland alles vorgehen, was man gar wicht erfahrt, weil es nicht gedruckt werden darf! Ich haderen Abend oft das ganze Zimmer voll deutscher Jünglinge, die alle revvlutiv- uiren möchten. Es ist aber mit den jungen Leuten gar nichts anzufangen. Sie wissen weder was sie wollen, noch was sie können. Gestern traf ich bei Lafayette einen blonden Jüngling mit einem Schnurr- barte und einer sehr kecken und geistreichen Physiog» nomie. Dieser war von wo er wohnt, als dort die Unruhen ausgebrochcn, hieher gekommen, hatte Lafayette, Benjamin Constant, Quiroga und andere Mevvlutionshäupter besucht und um Rath gefragt, gerade als hätten diese Männer ein Revolutivuspulver, das man den Deutschen eingeben könnte. — Was sagen Sie dazu, daß die Todesstrafe abgeschafft werden soll, vor jetzt wenigstens bei politischen Vergehen? Ist das nicht schön? Und das geschieht nur in der Absicht, die angeklagten Minister zu retten. Und nicht etwa die Regierung allein will dgs, sondern 27 t>er bessere Theil des Volkes selbst. Diese Woche kam eine Bittschrift von hundert blessirten Bürgern, die alle die Abschaffung der Todesstrafe fordern, an die Kammer. Mich rührte das sehr, daß Menschen, welche von den Ministern unglücklich gemacht worden, um das Leben ihrer Feinde bitten. Wenn man bei unserer lieben deutschen'Bundesvcrsammlung um die Abschaffung der Todesstrafe in politischen Vergehen einkäme, würde mau freundlichen Bescheid bekommen! Und doch, wenn sie klug wären, sollte» sie schon aus Egoismus die alten blutigen Gesetze mildern. Heut« noch haben sie die Macht, wer weiß wie es morgen aussieht! PariS, den tS- Oktober iSZo. Seit gestern bin ich in meiner neuen Wohnung. Ich wollte sie schon Freitag beziehen, aber meine Wirthin, eine junge hübsche Frau, machte eine ganz allerliebste fromme Miene, sagte: c'e8t vonäre-K und bat mich, meine» Einzug zu verschieben. Ich bot ihr an, alles Unglück, was daraus entstehn könnte, auf mich allein zu nehmen, doch sie gab nicht nach. Man sagte mir, dieser Aberglaube sey hier in allen Ständen sehr verbreitet. Es gibt zum Transporte der Möbel beim Ein- und Ausziehen eine eigene Anstalt, ein besonderes Fuhrwesen. Bei den häufigen Wvhnungsveränderungcn, die hier statt finden, sind jene Wagen nicht täglich zu habe», man muß oft 28 Wochen lang vorher seine Bestellung machen. Anden Freitagen aber sind sie unbeschäftigt, weil da Niemand sein HauS wechseln will. Sollte man das von Parisern erwarten? Gestern am achtzehnten Oktober, am Jahrestage der Leipziger Schlacht und der Befreiung Deutschlands, sing es mich zu frieren an, und da ließ ich zum erstenmale Feuer machen. Jetzt brennt es so schön hell im Kamine, daß mir die Augen übergehen. Der Preis des Holzes ist ungeheuer. Man kann berechnen, wie viel einem jedes Scheit kostet; die Asche ist wie geschmolzenes Silber. Dabei gedachte ich wieder mit Rührung meines nicht theuern, sondern im Gegentheile wohlfeilen Vaterlandes. Als meine Wirthin mich seufzen hörte und sah, wie ich aus Oekonomie die Hände über den Kopf zusammenschlug, tröstete sie mich mit den Worten: m-u8 c'esr tont esng- Isis qui est cllsriu-int. Die reichen Engländer setzen viel Gewicht darauf, und der arme Deutsche muß das mit bezahlen. Ich habe mit einigen deutschen Aeitungs-Redacteu- ren Verbindungen angeknüpft, um eine Cvrrespondenz 29 zu übernehmen, die mir das allerschönste Holz und den anmuthigsten aller englischen Orte bezahlen helfe; es ist aber nichts zu Stande gekommen. Die Einen und die Andern wollten nicht Geld genug hergeben, oder können auch nicht mehr, bet den armseligen Verhältnissen, in welchen sicb die meisten deutschen Blatter befinden. Die Hamburg er Zeitung, welche, da sie einen bedeutenden Absatz hat, mir meine Forderungen vielleicht bewilligt hätte, machte mir die Bedingung, ich müßte mich auf Thatsachen beschränken und dürfe nicht raisonniren. Da ich aber nicht nach Frankreich gereist bin, um ein Stockfisch zu werden, sondern gerade wegen des Gegentheils, brach ich die Unterhandlung ab. Eine ganze Stunde habe ich das Schreiben unterbrochen und darüber von dem langen Briefe, den ich im Kopfe hatte, den größten Theil vergessen. Mich beschäftigte eine Kritik meiner gesammelten Schriften, welche in den neuesten Blättern der Berliner Jahrbücher steht und die mir ein Freund zugeschickt. Es darf Sie nicht wundern, daß ich mich dadurch zerstreuen ließ; mit einer Recension könnte man einen Schriftsteller selbst vorn Sterben abhalten. Ich bin mit meinem Kritiker sehr zufrieden, und alles was er sagt, hat mir Freude gemacht. Er lobt mich von Herzen und tadelt mich mit Verstand. So oft von meinen politischen Ansichten und Gesinnungen die Rede ist, stellt er sich freilich an, als verstände er mich nicht und widerspricht m'r; doch wird es keinem — 30 Leser entgehen, wie das gemeint ist. Im Grunde denkt Herr Neumaun(so heißt der Mrliner Recensent) ganz wie ich; aber ein königlich preußischer> Gelehrter muß sprechen wie der Herr von Schuckmann. Das ist das Preußenthum, das ist die protee stantirte österreichische Politik. Das ist, was ich in meiner Brochüre über die Berliner Zeitung alles vvrhergesagt. — Vor einigen Tagen war ich zum ersten Male im Theater, und zwar in meinen geliebten Varietes. Ich wurde den Abend um einige Pfunde leichter,'was bei einem deutschen Bleimänncheu, wie ich eins bin, schon einen großen Unterschied macht. Es wird einem dabei ganz tanzerlich zu Muthe, dre Füße erheben sich von> selbst und man könnte sich nicht enthalten, selbst Hegel zu einem WMr aufzufordern, wenn er gerade in der Nähe stände. Ich habe meine Freude daran, wie sich das leichtstnnige Volk alles so leicht macht. Sie schreiben schneller ein Stück, als man Zeit braucht/ es aufführen zu sehen. Kaum waren acht Tage nach der Revolution verflossen, als schon zwanzig Cvmvdien fertig waren, die alle auf das Ercigniß Bezug hatten. Gewöhn, lich ist kein gesunder Menschenverstand darin, aber wozu auch? Ist"M jedes Volk ein ewiges Kind und brauchen daher Mlks-Schauspiele Verstand zu haben? Alle diese Gelegenheitsstücke sind nun letzt wieder von der Bühne verschwunden,—„die Todten reiten schnell"- und ich eilte mich daher, erns 31 der wenigen übrig gebliebenen noch auf seiner Flucht zu erhäschen. Ich sah lVlr. äs ls ckokoräiöro. Das ist einer von den altadeligen geräucherten Namen, die schon Jahrhunderte im Schornsteine hängen, und jetzt von der jungen Welt herabgeholt und gegessen werden. Der alte Edelmann ist ein guter Royalist, lang und hager und sehr pepudert. Seine Frau ist eine gute Royalistin, dick und rund und geschminkt. Der junge Hausarzt— versteht sich ein Bürgerlicher— ist in die Tochter verliebt. Jetzt kommt der Vorabend der Revolution. Der Arzt^ ein Patriot, gibt den Eltern seiner Geliebten, theils um ihnen die Unruhe zu ersparen, theils um ihnen eine Uebcrraschung zu bereiten, Opium ein, so daß sie während der drei gievolutionstage schlafen und erst am dreißigsten Juli aufwachen, da Carl X. schon auf dem Wege nach Rambouillet war» Der Royalist, im Schlafrocke, nimmt, wie gewöhnlich beim Frühstücke, seine Zeitungen vor. Da findet er ein Blatt , I» Involution, ein anderes lo kotigste genannt, , Blätter die während seinem Schlafe erst entstanden , waren. Er reibt sich die Augen und klingelt seinem , Bedienten. Dieser tritt wie ein- Bandit mit Säbel e und Pistolen bewaffnet herein und trägt einen Gen- > darme-Hut auf dem Kopfe. Der Royalist fragt, ob r er verrückt geworden, und als er von ihm die Erzäh- t luug der vorgefallenen Ereignisse vernimmt, fängt er , an, an seinem eignen Kopf zu zweifeln und schickt s- stach dem Arzte. Bald erscheint dieser in der Uni, 32 form eines Nationalgarden-Officiers und bestätigt alles. Der Royalist wankt, aber seine festere Frau will noch nichts glauben, sagt: Der König verjagt" das könne nur ein Mißvcrständniß seyn, und sie wolle in die Faurbourg St. Germatn gehen und Erkundigungen einziehen. Sie geht fort, kehrt nach einer Weile zurück und zwar mit einer dreifarbigen Kokarde, groß wie ein Wagenrad auf derBrust, und sagt, leider sey alles wahr. Das royalistische Ehepaar tröstet sich aber sehr bald, und ist der sehr vernünftigen Meinung, ein König sey wie der andere, der Herzog von Orleans sey König und darum das Unglück nicht so groß. Ts kloi est rnort, VLVS le lloi! schreien sie und der Arzt bekommt die Tochter. Ist das nicht eine prächtige Erfindung? Der dreißigste Juli war auch der Himmelfahrtstag Napoleons. Seitdem wird er als Gott angebetet. Ich sah ls rsäiilgote Zrioe. Es ist die bekannte Geschichte von der sogenannten kaiserlichen Grvßmuth gegen die Prinzessin Hatzfeld in Berlin. Der Theaterlieferant hatte den Verstand, Napoleon nichts sprechen zu lassen. Er erscheint ÄS Grau- männchen auf einige Minuten, und verschwindet dann wieder. Es ist recht schauerlich. Die unheilige Dreieinigkeit vollständig zu machen, erschien nach der Wolkssouveränität und Buonaparte, am nämlichen Abende der leibhaftige Teufel selb st auf der Bühne, unter Vvltaire's Gestalt. DasVau- deville heißt Voltaire clier las Lapucins. Das Stück spielt in einem Capuciner-Klvster, worin Voltaire als»»gekannter Gast eingekehrt war. Es sind heuchlerische Pfaffen, die dort ihr Wesen treiben. Voltaire entdeckt ihre Schelmereien, ihre geheimen Liebschaften, ihre Ränke und Missethaten; er schürt das Feuer, und schwelgt ganz selig in Schadenfreude und Bosheit. Es war eine Lust, wie gut ihn der Schauspieler dargestellt— aber gottlos, sehr gottlos. — Sie fragen mich, was ich erwarte, was ich denke? Ich erwarte, daß die Welt untergehen wird, und daß wir den Verstand darüber verlieren werden. Ich zweifle nicht daran, daß bis zum nächsten Frühlinge ganz Europa in Flammen stehen wird, und daß nicht blos die Staaten über den Haufen fallen werden, sondern auch der Wohlstand unzähliger Familien zu Grunde gehen wird. Au ihren Lustbarkeiten laden die Fürsten nur Edelleute ein; aber wenn das Unglück über sie kommt, bitten sie auch ihre Bürger zu Gaste. Dafür sorgen sie voraus, zu diesem edlen Zwecke machen sie Staatsschulden. Wir können stolz darauf seyn; es ist eine große Ehre, in so vornehmer Gesellschaft zu jammern. Paris, den Zo. October 18Z0. Ich Unglücklichster muß meine Wohnung von neuem wechseln. Der Kamin raucht, und der Fußboden, ob zwar parquctirt, ist von einer beleidigenden Kalte. X. 3 Nicht ohne Grobheit machte ich meiner schönen Wirthin Vorwürfe, daß sie mir die geheimen Fehler der Zimmer verschwiegen. Sie stellte sich ganz überrascht und enmederte: das wäre ihr unbegreiflich; ein junger Spanier habe doch zwei Winter bei ihr gewohnt und sich nie über das Geringste beschwert. Das will ich wohl glauben! Ich ließ mich durch die schönsten französischen Versprechungen von Teppichen und Ka- minverbesierungen nicht täuschen, kündigte sogleich auf und ging fort, mich nach einer andern Wohnung umzusehen. Als ich unten von der Straße nach meinem geöffneten Fenster hinaufsah, bemerkte ich, daß mein Wohnzimmer über dem Thorweg liegt, und die Kälte des Fußbodens gar nicht zu heilen ist. Das war mir entgangen, sowohl beim Miethen als während der vierzehn Tage, daß ich im Hause wohne. Und doch bin ich Doctor der Philosophie! Wie dumm mögen erst gewöhnliche Menschen seyn, die von Fichte und Schelling nie ein Wort gelesen! Ich schämte mich im Stillen und nahm mir fest vor, mich nie mehr mit Staatsresormen zu beschäftigen. — Eine Flinte möchte ich haben und schießen. Mit gute» Worten, das sehe ich täglich mehr ein, richtet man nichts aus. Ich wünsche, daß es Krieg gäbe, und der kränkelnde Zustand der ,Welt in eine kräftige Krankheit übergehe, die Tod oder Leben entscheidet. Wenn es Friede bleibt, wird die Zuchtmeisterei in Deutschland immer unerträglicher werden, und glauben Sie ja keinem Menschen das Gegentheil, ich 35 werde Recht behalten. Dem deutschen Bürgcrstande wird Angst gemacht vor dem Pöbel und er bewaffnet sich, stellt sich in seiner viehischen Dummheit unter das Commando der Militärmacht und vermehrt dadurch nur die Gewalt der Regierungen. Hier und tn den Niederlanden wird der Pöbel auch aufgehetzt. Die Nationalgarde hält ihn im Zaum, läßt sich aber nicht zum Besten haben, sondern vertheidigt und beschützt nur seine eignen Rechte und seinen eignen Vortheil. Heute las ich in einer hiesigen Zeitung, daß ein Koch in Dresden zu sechzehnjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt worden, weil man bei einem Wvlksauflause ein Messer bei ihm gefunden. Als wenn es nicht ganz was natürliches und gewöhnliches wäre, daß ein Koch ein Messer bei sich führe! Auch hat man einen Grafen Schulenburg, der das Volk aufgewiegelt haben soll, arretirt und nach Berlin geführt. Es versteht sich, daß die deutschen Zeitungen nicht Graf Schulenburg schreiben dursten, sondern nur Graf S. Nur in den französischen Blätter» war der Name ausgeschrieben. Ich zweiflezwar nicht daran, daß es in Deutschland Menschen gibt, die aus Patriotismus oder Muthwillen das Volk aufwiegeln; aber gewiß haben sie die verschiedenen Insurrektionen nicht herbeigeführt, sondern höchstens benutzt. Die Regierungen aber, in ihrer alten bekannten Verstocktheit, werden glauben oder sich anstellen zu glauben, einzelne Aufwiegler wären an allen Unruhen Schuld, und wenn sie nun diese in ihre —— Gewalt bekommen, werden sie denken, alles scy^ geendigt, auf die Klagen des Volkes ferner keine Rücksicht nehmen, und in die alte Lage zurückfallen, stur Krieg kann helfen. Vor einigen Lagen stand in einem hie,igen Blatte ein sehr merkwürdiger Brief aus Dcutichlauc, der über die dortigen Unruhen ein großes und lieues Licht verbreitet. Es wird darin erzählt, wie Mct- ternich diese Unruhen angesucht habe und wozu er sie habe benutzen wollen. Er gedachte nämlich, die bairischen Truppen und die der andern süddeutschen Staaten, unter dem Vorwande, sie zur Dampfnng der ausgebrvchenen Jnsurrectioncu zu verwenden, in die Ferne zu locken und dadurch jene Lander wehrlos zu machen. Der König von Barern habe aber den Plan durchschaut und ihn vereitelt. Der Bericht ist sehr interessant und ist, wie mich Einer versicherte, von Herrn von Hormayr in München eingesandt. Dieser war früher in Wien angestellt und ist ein großer Feind von Metternich. Es ist sehr traurig, daß in deutschen Blättern der genannte Artikel nicht erscheinen darf, und er daher gar nicht bekannt werden wird. Ich Körte auch: die Liberalen m Baiern suchten den König zu revolutiomren, daß er st» an die Spitze der Bewegung stelle und sich zum Herrn von Deutschland mache. Die Sache ist gar nicht unmöglich. Ueberhaupt sollen geheime Gesellschaften besonde.-cralte Tugendbund, gegenwärtig wieder sehr thätig seyn. Mit geheimen Gesellschaften mochte 37 ich nichts zu schaffen haben, am wenigsten mit dem Tugcndl'unde, der es auf eine heillose Prellerei angelegt hat. Er wird von Aristokraten geleitet und hat aristokratische Zwecke, die man vor den dummen ehrlichen Bürgersleuten, die daran Theil nehmen, freilich geheim hält. Das heißt, mit der heiligen Schrift zu reden, den Teufel durch Beelzebub aus- treibe». Der heutige Constitutionel meldet, ein Corps deutscher Bundestruppen von einem Nassauer Generale cvmmandirt, würde zusammengezogen, und das Hauptquartier solle nach Frankfurt kommen. Haben Sie davon gehört? Das arme Frankfurt sieht doch einer traurigen Zukunft entgegen. Seit fünfzehn, Jahren ist dort das Hauptquartier der Dummheit, und wenn diese einmal ihre Früchte trägt, wird es Frankfurt am ersten schmecken. Ich fange an einzusehen, daß ich die deutschen Verhältnisse falsch beurtheilt. Ich habe den entgegengesetzten Fehler der Minister, ich bekümmere mich zu viel um Sachen und zu wenig um Personen. Mehrere unterrichtete Deutsche, die ich hier kennen gelernt, haben mir die Ueberzeugung beigebracht, daß in Deutschland alles zu einer Revolution reif sey. Wann und auf welche Art es losbrechen werde, könne man nicht wissen; aber es werde losbrechen, und das bald. — Victor Hugv's Hernani habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Es ist wahr, daß ich Werke solcher Art bet einem französischen Dichter»ach ganz 38 andern Grundsätzen beurtheile, als ich es bei einem deutschen Dichter thue. Das Ding an sich kümmert mich da gar nicht; sondern ich betrachte es blos in seiner Verbindung, das heißt bei romantischen poetischen Werken, in seinem Gegensatze mit der französischen Nationalität. Also je toller, je besser; denn die romantische Poesie ist den Franzosen nicht wegen ihres schaffenden, sondern wegen ihres zerstörenden Princips heilsam. Es ist eine Freude, zu sehen, wie die emsigen Romantiker alles anzünden und niederreißen, und große Karren voll Regeln und klassischem Schütte von, Brandplatze wegführen. Die Stockfische von Liberalen, deren Vortheil es wäre, die Zerstörung zu befördern, widersetzen sich ihr, und dieses Betragen ist ein Räthsel, das ich mir seit zehcn Jahren vergebens zu lösen suche. Die armen Romantiker werden von ihren Gegnern verspottet und verfolgt, daß es zum Erbarmen ist, und man kann ihre herzbrechenden Klagen nicht ohne Thränen lesen. Aber warum klagen sie? Warum gehen sie nicht ihren Weg fort, unbekümmert, ob man sie lobe oder tadle? Ja, das ist's eben. Sie sind noch nicht romantisch genug; die Romantik ist nur erst in ihrem Kopfe, noch nicht in ihrem Herzen; sie glauben, ein Kunstwerk müsse einen unbestrittenen Werth haben, wie eine Münze, und darum seufzen sie nach allgemeinem Beifall. Victor Hugo wiederholt in der Vorrede zu feinem Drama folgende Stelle aus einem Artikel, den er vor Kurzem, als ein ro- 39 niantischer Dichter in der Blüthe seiner Jahre starb, in einem öffentlichen Blatte geschrieben hatte. Dieses Händermgen, dieses Wehklagen, dieser Lebensüberdruß— es ist gar zu wunderlich! „vsiis ce meinend äs melee et äe tourments Ilttersine, e;ul tant-i! plainärs, ceux cinl msurent on ceux c^un combattent? 8sns äoute 7 c'«8t pitie äe voin un poete äe vinßt aus c^ul 8'en va, uns I)'l'o ciui 86 trri86, U,1 avenir<^ui 8'evanuoit; mais n'e8t-ce pa8^nel^us cli086 au88i^ue 1« rep«8? bi'est-nl pas permis a ceux autour äe8(^uel8 s'ama8- sont ince8samment calemnies, injuns8, liaines, jalou8ie8, souräes mences, 1>L88e8 traliisen8; bom- mv8 lovaux auxc^uel8 on tait une Auerrv äelo)ialsz liomme8 äevene8^uI ne voi!iIi'!Üen! enlin c^ue ästen le pa)s ä'une liberte äe plu8, cetle äs l'srt, celle äe l'intelligencez liommes lalxorleux<^ui pour8uivent pai8il>lement leur osuvre äe con8- clence, en Pirole ä'un cote s äe vlles macliinstu- res äe cen8ure et äe polics, en lutte äs lautre, trop aeunent, s I'lnAratituäe äe8 S8prlts meines penn lesc^uela ils travalllentz ne leur est-il Pas permis äe retournen^uelc^uekeia la täte avec en- vie ver8 ceux ,pil 8ont tombea äerriete eux, et ^nl äorment äsn« le tombesu?—— t)u'importe tontekois? äeunea gens a^ons den eoura^e! 8i rnäs c^u'on nous veullle taire lepre- sent, l'svenlr sera beau. li,e romsntisme, tant äs 1ol8 mal äcilni, n'e8t, a tont prcnäre, et e'est 1a sa cielliritlon reelle, ig der Niederlan e, der nicht der schlimmste Fürst ist; das ist die Fürstennatur, die sich hier gezeigt, die wahnsinnige Ruchlosigkeit, die meint, ihrem persönlichen Vortheile dürfe man das Wohl eines ganzen Volkes aufopfern. Es ist nicht mehr zu ertragen und ich fange an uttd werde ein Republikaner, wovon ich bis jetzt so weit entfernt war. Sie sollten heute nur(im Meffager) de Potter's Glaubensbekcnntniß lesen und wie er sagt, der beste Fürst tauge nichts, und er wäre für eine Republik. Nie hat Einer so klar und wahr gesprochen. — Was sagt man denn in Frankfurt von der Pest (Edolers moi'dus), die jetzt in Moskau herrscht? Die Krankheit hat sich von Asien dort hin gezogen. Es ist eine Geschichte gar nicht zum Lachen. In der gestrigen Zeitung steht, der englische Gesandte in Petersburg habe seiner Regierung berichtet, diese fürchterliche Krankheit werde sich wallrschetnlich auch über Deutschland und weiter verbreiten. Das ist wieder Gottes nackte Hand! Die Fürsten werden gehindert seyn, große Heere zusammenzuziehen und 43 thun sie es doch.... Es ahndet mir— nein, ich weiß es, die Pest wird vermögen, was nichts bis jetzt vermochte: sie wird das trägste und furchtsamste Volk der Erde antreiben und ermuthigen. Pest und Freiheit! Nie hat eine häßlichere Mutter eine schönere Tochter gehabt. Was kann der kommende Frühling nicht noch für Jammer über die Welt bringen! Thränen werden nicht ausreichen, man wird vor lauter Noth lachen müssen. Und das Alles um des monarchischen Princips, und das Alles um eines Dutzends armseliger Menschen willen! Es ist gar zu komisch. — Die Revüe, welche verflossenen Sonntag auf dem Marsfelde über die Nationalgarde gehalten wurde, gewährte einen unbeschreiblich schönen Anblick. Hunderttausend Mann Soldaten, und wenigstens eben so viel Zuschauer» alle aus einem Platze, den man auf den angrenzenden Höhen so bequem übersieht. Was mich besonders freute, war, daß hinter manchem Bataillon, auch ein kleiner Trupp uniformirter Kinder zum Spaße mit zog. Die Officiere hatten, wie ich bemerkte., oft ihre Noth zu commandiren, die Buben kamen ihnen immer zwischen die Beine. Dann zogen auch die Blesstrten vom Juli an dem König vorüber, und darunter auch zwei Weiber mit Flinten, die damals mitgefochten. Der König wurde mit großem Jubel empfangen. Der Kronprinz(Herzog von Orleans) dient als gemetner Kanonier bei der Nationalgarde und stand den ganzen Tag bet 44 seiner Kanone und legte die Hände an wie die Ueb- rigen. Den fremden Gesandten, die alle bei der Revue waren, mußte die ganze königliche Pvbelwirth- schaft doch wunderlich vorkommen. An den deurschen Höfen wird jeder Prinz, sobald er auf die Welt kommt, gleich in ein Regiment eingeschrieben, um von unten auf zu dienen, und so während er ins Bett pißt, avancirt er immerfort, ist im siebenten Jahre Lieutenant, im zehnten Obrist, und im achtzehnten General. Die Revue dauerte von Morgens bis Abends; ich hatte natürlich nicht so lange Geduld. Wie es nur die Leute aushalten, so lange auf den Beinen zu sevn. Um acht Uhr Morgens zogen sie aus, und es war acht Ubr Abends, als die letzten Legionen noch über die Boulevards zogen. Viele Nativnalgarden, um sich nicht zu ermüden, sind zur Revüe hingefahren, und die vielen Cabriolets und Omnibus, aus welchen aus beiden Seiten Flinten hervvrsahen, gewährten einen seltsamen Anblick. Heute ist das Ministerium geändert, wie Sie aus den Zeitungen erfahren werden. Thiers, der Verfasser einer Geschichte der französischen Revolution, wird Unterstaatssecretair der Finanzen, also ungefähr soviel als Minister. Ich kannte ihn früher. Er ist kaum dreißig Jahre alt, kam zur Zeit, als wir in Paris waren, mit seinem Landsmann Mignct hierher, ganz fremd und unbeholfen. Ein Deutscher meiner Bekannten nahm sich der jungen Leute an und wies sie zurecht, und jetzt ist der Eine Staats- 45 rath, der Andere Minister! Was man hier sein Glück macht! Möchte man nicht vor Acrger ein geheimer Hofrath werden! Es ist gerade so, als wäre der Heine Minister geworden, oder der Menzel, oder ich. Und was sind wir? Freitag, den 5. November. Mittwoch Abend war ich bei Gerald, dem berühmten Maler, dessen Salon schon seit dreißig Jahren bestehet, und wo sich die ausgezeichnetsten Personen versammeln. Es ist eine eigentliche Nachtgesellschaft; denn sie sängt erst um zehn Uhr an, und man darf noch nach Mitternacht dahin kommen. Ge- rard ist ein sehr artiger und seiner Mann; aber e» hat viel Aristokratisches.(Ich wußte darüber lachen, daß ich unwillkührlich aber schrieb.) Er steht mir nicht aus, als hätte er je das Mindeste von unserm deutschen Kunst-Katzenjammer gefühlt. Ich möchte ihm einmal die Phanta sieen ein es kunst liebenden Klosterbruders oder so ein anderes schluchzendes Buch zum Lesen geben— was er wohl dazu sagte! Ich fand dort die Dichterin Delphins Gay; den dramatischen Dichter Ancelvt; Humboldt; Mayer-Beer; den Bildhauer David, der im vorigen Sommer in Weimar war, um Goethes Büste aufzunehmen; unsern Landsmann, den jungen Hiller, der hier als Compvnist und Clavierspicler in großer Achtung steht; Vitct, den Schriftsteller, der unter 46 dem Mmen Stendthal schreibt, und noch viele andere Gelehrte und Künstler. Ei» armer deutscher Gelehrter wird gelb vor Aerger und Neid, wenn er siehet, wie es den französischen Schriftstellern so gut gehet. Außer dem vteien Gelde, das sie durch ihre Werke verdienen, werden sie noch obendrein von der Regierung angestellt. Stendthal ist eben im Begriff, uach Trieft abzureisen, wo er eine Stelle als Consul erhalten. Vitet schreibt sogenannte historische Romane, die sehr schön sind: Uonrt III, les k-srrics- cle«, lsr et-irs lle Lloi». Der hat setzt eine Anstellung bekommen, um die ich ihn beneide. Er ist eonser- vateur äes inonnnrenis st'uniicznite äe la brgnce. Diese Stelle bestand früher gar nicht, und der Minister Guizot, der Vitet protegirte, hat sie erst für ihn geschaffen. Sein Geschäft bestehet darin, daß er jährlich ein paarmal durch Frankreich reist, und die alten Bauwerke aus der römischen Zeit und aus dem Mit- tclalter, Tempel, Wasserleitungen, Amphitheater, Kirchen besichtiget, und darauf siehet, daß sie nicht verfallen. Dafür hat er einen jährlichen Gehalt von fünfzehntausend Franken und die Reisekosten iverden besonders bezahlt- Gäbe es eine angenehmere Stelle, «ls diese, für einen Menschen wie ich bin, der faul ist und gern reist? Mochte man sich nicht den Kopf an die Wand stoßen, daß man ein Deutscher ist, der aus seiner Armuth und Niedrigkeit gar nicht herauskommen kann? In Deutschland geschieht wohl manches für Kunst und Wissenschaft, aber fürKünst- 47 r r it w :r f, nl o- s- "g r- e. ki- ür er en it- cr, cht >on >en lle, aul °pf ist, icht ohl nft- ler und Schriftsteller gar nichts. Hier vertheilt die Regierung jährliche Preise für die besten Werke der Malerei, der Bildhauerkunst, Lithographie, Musik und so für Alle. Der erste Preis besteht darin, daß der Gewinnende auf fünf Jahre lang jährlich 3000 Franken erhält, und dafür muß er diese Zeit in Rom zu seiner Ausbildung zubringen. Einem Deutschen würde dieses Müssen in Rom leben komisch klingen, denn er ist lieber in Rom als in Berlin, Carlsruhe. Aber Franzosen erscheint dieses oft als Zwang, denn sie verlassen Paris nicht gern. So hat die vorige Woche ein junger Mensch, Namens Berlioz, den ersten Preis der musikalischen Composition erhalten. Ich kenne ihn, er gefällt mir, er siehet aus wie ein Genie. Geschiehet je so etwas bei uns? Denken Sie an Beethoven. O! ich habe eine Wuth! Schicken Sie mir doch einmal eine Schachtel voll deutscher Erde, daß ich sie hinunterschlucke. Das ist ohnedies gut gegen Magensäure, und so kann ich das verfluchte Land doch wenigstens symbolisch vernichten und verschlingen. Ncukamp, ein deutscher Compvnist sich glaube, er macht Kirchenmusik), lebt in Talleyrands Hause; aber nicht als Musiker, sondern als Attache! Er begleitet Talleyrand überall hin und ist ihm auch fetzt flach England gefolgt. Es mag recht angenehm seyn, in Talleyrands Nähe zu wohnen. Bei uns gelangt man gar nicht zu so etwas. Gerard sagt« mir, daß er die Deutschen sehr liebe, und hielt ihnen eine große Lobrede. Es war Mitternacht, als man 48 erst den Thee auftrug. Welche Lebensart! 24 muß Ihnen doch die statistische Merkwürdigkeit mittheilen/ daß man hier zum Thee keine Serviette auflegt/ sondern die Tassen und was dazu gehört auf den netten Tisch stellt. Gefällt Ihnen das? Aber dem Liberalismus ist nichts heilig. PariS, den L- November Svontini ist gegenwärtig mit seiner Frau hier. Sie waren vorgestern bei***. Er kehrt wieder nach Berlin zurück. Ehe er von Berlin abreiste, erließ er an die Kapelle eine Art Tagesbefehl, worin er seine Zufriedenheit mit ihr zu erkennen gibt, und die Kapelle antwortete darauf. Beide Briefe sind gedruckt, und Spontini vertheilt sie hier. Als ich sie bei las, hätte ich vor Wuth bald eine Tasse zerbrochen. Von Seite Spvntini's die größte französische Unverschämtheit; er spricht mit der Kapelle, wie ein Fürst mit seinen Unterthanen. Und von Seite'der Kapelle die größte deutsche Niederträchtigkeit und Kriecherei. Es gibt nichts Bezeichnenderes als das. Spontini erzählte: in Berlin wird gegenwärtig Rvssini's Wilhelm Teil aufgeführt, aber mit ganz verändertem Terte wegen des revolutionäre» Geistes darin, und Schillers Wilhelm Teil dürfe gar nicht mehr gegeben werden. So weit ist 49 es jetzt in Preußen gekommen, die zweimal in Paris waren! ES flog ein Gänschen über den Rhein, Und kam alS Gans wieder heim. — Die Theater werden jetzt frei gegeben, das heißt: es darf jeder, der Lust hat, ein Theater errichten, und man braucht kein Privilegium mehr dazu, keine allcrgnädigste, keine hohe, keine hoch- obrigkeitliche Erlaubniß mehr. Seit der Revolution hat auch die Theatercensur aufgehört und es herrscht vollkommene Lachfreiheit..Das alte Zeug wandert aus, und Deutschland ist das große Coblenz, wo alle emigrirten Mißbrauche zusammentreffen. In Zeit von zehn Jahren werden die Freunde der politischen Alterthümer aus allen Ländern der Erde nach Deutschland reisen, um da ihre Kunstliebhaberei zu befriedigen. Ich sehe fle schon mit ihren änkiciuires cks 1'ä.iioingAiio in der Hand, Brille auf der Nase und Notizbuch in der Tasche durch unsere Städte wandern, und unsere Gerichtsordnung, unsere Stockschläge, unsere Censur, unsere Mauthen, unsern Adelstolz, unsere Bürgerdemuth, unsere allerhöchsten und allerniedrigsten Personen, unsere Zünfte, unsern Zudenzwang, unsere Bauernuoth, begucken, betasten, ausmessen, beschwatzen, uns armen Teufeln ein Trinkgeld in die Hand stecken, und dann fortgehen und hon unserm Elend Beschreibungen mit Kupferstichen herausgeben. Unglückliches Volk!.. wird ein Beduine mit stolzem Mitleide ausrufen, x. 4 — so- Es gehet jetzt in der Kammer ganz erbärmlich her. Man hört da von den ehemaligen Liberalen Reden gegen die Preßfreiheit halten, wie sie der Metternich nicht besser wünschen kann. Es ist ein Ekel, und ich mag gar nicht davon sprechen. Benjamin Cvnstant, Lasapette und noch einige Wenige sind die Einzigen, die der alten Freiheit treu geblieben. Das Ministerium und die Kammer haben Furcht und handeln darnach, und haben freilich die Masse der Nation auf ihrer Seite, nämlich den Taig, aber ohne die Hefen, nämlich die Industriellen, das heißt auf Deutsch: die miserablen Kaufleute und Krämer, die nichts haben als Furcht und Geld. Da nun die letzte Revolution ihren Zweck nicht erreicht hat(denn die jetzigen Machthaber wollen darin nur eine Veränderung der Dynastie sehen), und man den Franzosen nicht freiwillig gibt, um das sie gekämpft haben, wird eine neue Revolution nöthig werden, und die bleibt gewiß nicht aus. Mittwoch den 10. November. Neulich bin ich bei Ferusac eingeführt worden, der jede Woche Reunion hat. Er gibt ein Journal heraus, das in Deutschland bekannt ist. Er ist jetzt Deputirter geworden. Man findet in seinem Salon alle fremden und einheimischen Blätter und Journale, alle interessanten Bücher und Kupferwcrke und Gelehrte von allen Fonnaten. Man vertreibt sich L1 > die Jett mit Lesen und Kupferstiche betrachten. Er > fragte mich, was mein litterarisches Fach wäre? k Antworten konnte ich darauf nicht, weil ich es selbst > nicht wußte. Wenn Sie etwas Näheres davon - wissen, theilen Sie mir es mit.— Ich habe in ? diesen Tagen gelesen: Lautes ä'Lsx->Kus«t ä'ltaiis - xsr LIfrsä äs Müsset. Ein junger Dichter, r Es ist merkwürdig, was der Aehnlichkeit mit Heine e hat. Sollte man das von einem Franzosen für mög- * lich halten?— Die Memoiren von St. Simon machen - mir erstaunlich viel Freude. Vom Hofe Ludwigs XIV. a bekommt man die klarste Vorstellung. Es ist mir, t als hätte ich dort gelebt. Aber auch nur vom Hofe. k Vom Volke, von ver Welt ist gar keine Rede. r Welche Zeit war das! Ich glaube, das Buch hat e zwölf Bände. — Manchmal, wenn ich um Mitternacht noch auf - der Straße bin, traue ich meinen Sinnen nicht, und !. ich frage mich, ob es ein Traum ist? Ich hätte nicht gedacht, daß ich noch je eine solche Lebensart vertragen könnte. Aber nicht allein, daß mir das nichts schadet, ich fühle mich noch wvhler dabei. Ich i, war seit Jahre» nicht so heiter, so nervenfroh, als ,l feit ich hier bin. Die Einsamkeit scheint nichts für st mich zu taugen, Zerstreuung mir zuträglich zu seyn. n Die langen Krankheiten der letzten Jahre haben mich t- noch mehr entmuthigt als geschwächt, und hier erst d bekam ich wieder Herz zu leben. Die geistige At- ch mofphäre, die freie Luft, in der man auch hier im Zimmer lebt, die Lebhaftigkeit der Unterhaltung und der ewig wechselnde Stoff wirken vortheilhaft auf mich. Ich esse zweimal so viel wie in Deutschland, und kann es vertragen. Es kommt aber daher, daß ich mich beim Lisch unterhalte, selbst wenn ich allein beim Restaurateur esse; die ewig wechselnden Umgebungen, die Kaumanieren aller europäischen Mäuler, das würzt die Speisen und macht sie verdaulicher. Und die Ferien, die schönen Ferien! Das Ausruhen von der Logik— das ist's vor allem, was meine Nerven liebkost. Aber dem Sauerkraute bleibe ich treu, das eine Band zerreiße ich nie, nie. - Dienstag den 16. November. Mit Belgien, denke ich, wird sich alles friedlich beilegen. Die großen Mächte haben seine Unabhän. gigkeit bereits anerkannt und dem Gedanken entsagt, ihm den Prinzen von Oranien aufzudringen. Nur das Eine wird verlangt, daß es sich zu keiner Re- publik mache. Die meisten, wenigstens die einflußreichsten Belgier sollen freilich für die republikanische Regierungsform gestimmt seyn; sie werden aber nachgeben müssen. Ich wollte, sie gäben nicht nach. Zwar halte ich eine Republik weder Belgien noch einem anderen Lande unsers entnervten Weltthells zuträglich; doch wäre das an deutscher Gränze von großem Vortheile; es würde unsern Absolutismus etwas geschmeidiger machen. Die Furcht ist die beste Gen- 53 vernante der Fürsten, die einzige, der sie gehorchen. Die Furcht muß Deutschlands Grenze bilden, oder alle Hoffnung ist aufzugeben. AufTalleyrand in London setze ich großes Zutrauen, und ich lasse mich hierin von den Pariser Maniertsten nicht irre machen. Er setzt bestimmt alles durch, denn er ist der einzige Staatsmann, der keine Leidenschaften und kein System hat und darum die Verhältnisse klar erkennt, wie sie sind. Er wußte die Fehler der Andern immer sehr gut zu benutzen, und am Fehlern wird es auch diesmal nicht fehlen. Ich muß lachen, so oft ich den Jammer in den liberalen Zeitungen lese, Tal- leyrand werde als ein Mitarbeiter an dem Wiener Frieden die Beschlüsse und Verträge der heiligen Allianz vertheidigen. Das ist der rechte Mann, dem etwas heilig ist! Ich will es wohl gern glauben, wie es auch hier von Vielen behauptet wird, daß die Katastrophe von Antwerpen von den Insurgenten rbermüthig herbeigezogen worden, daß C ass« zum Bvmbardtren gezwungen worden ist; aber was ändert das? Man muß sich nur immer fragen: wem gehört Belgien oder jedes andere Land? Gehört es dem Volke, oder gehört es dem Fürsten? Die Belgier mögen vielleicht Unrecht haben mit ihrem Könige— ich habe selbst»le deutlich eingesehen, worüber sie zu klagen hatten— aber es ist jeder Herr in seinem Hause, und ein König, den man nicht leiden kann, und wäre es auch blos wegen der Form seiner Nase, den wirst man mit 54- Grund zur Thüre hinaus. Ich finde das ganz einfach. Der französische Gesandte in Holland, der nach dem Bombardement dem Könige Vorstellungen machte, wegen des Schadens, den die französischen und andern Kaufleute in Antwerpen erlitten, erhielt vom Könige zur Antwort!!>-Ir. l'g.MbLsssäeur, je ne ssoriüer»! jrimais les ckioits äo»i» couronns sux ioteret« xarticuUers. Das soll erhaben seyn! Ich finde es sehr lächerlich. Man macht noch viel zu viel Umstände mit den Königen, man heuchelt zu viel. Man sollte ihnen allen einen Termin von vier Wochen setzen, binnen welchen sie eine bessere Regierung einzuführen hätten, oder— fort mit ihnen. — Das Buch der Lady Morgan habe ich noch nicht gelesen; ich will es mir aber heute noch holen lassen. Die Straße Riv oli verdient ganz die Begeisterung, mit der sie von ihr spricht. Es ist eine Straße einzig in der Welt, die schönste Symphonie von Kunst, Natur, Geist und Leben. Es ist ein Anblick, das kurzsichtigste Auge, die engste Brust zu erweitern. Ich wollte, unsere Philister wohnten alle Jahre vier Wochen lang in der Straße, statt nach Wiesbaden zu gehen; das würde nicht allein sie, sondern auch uns heilen, die wir krank von ihnen werden. Mich ärgert es, so oft ich hierher komme, daß ich nicht reich genug bin, mich da eiuzumiethen. Den ganzen Tag stände ich am Fenster und blätterte in dem großen Buche mit den schönen Zeichnungen. Ich hätte gar nicht nöthig, aus dem Hause zu gehen, die Welt 55 käme zu mir in das Zimmer. Aber Geld, Geld! nervus rerum AorenciseuM— das heißt auf Deutscht ich habe schwache Nerven.— Schicken Sie mir durch Gelegenheit meine Audachtstunden. PariS, Mittwoch den 17. November tS3o>. Gestern bin ich in mein neues Logis gezogen. Ich Mohne— oder Schande!— wie eine Operntänzerin, die einen reichen Liebhaber hat. Alle Möbel von Mahagoni, Mariner und Bronze; prächtige Pendnle; fünf große Vasen, voll der schönsten Blumen; stolze allerhöchste Flambeaus, die sich der bürgerlichen Talglichter schämen, die ich ihnen aufgesteckt; Stühle und Svpha mit braunem gelbgeblümten Sammt überzogen; die zärtlichsten Bergeres, in die man eine halbe Minute einsinkt, ehe man den Grund erreicht; schar- lachrvthc Fußdccken und die Wände mit Spiegeln bedeckt. Es ist alles so voll von Möbeln, daß ich kaum Platz zu wohnen habe. Unter den vielen Kostbarkeiten wage Ich mich nicht zu bewegen, wage ich nicht, was sonst meine Lust ist, gedankenlos oder gedankenvoll im Zimmer auf- und abzugehen; denn da steht überall umher so viel herabzuwerfen, so viel Zerbrechliches, daß die kleinste Zerstreuung mich zu Grunde richten könnte. Einige Schlingels von Deutschen, welche mich besuchen, machen mir die größten Sorgen. Sie rauchen Cigarren und die heiße Asche, welche herabfällt, brennt Löcher in die Fußdecke. Dann schaukeln sie sich mit vaterländischer Ungezogenheit und ausländischer Lebhaftigkeit auf den Stühlen und halten mich in beständiger Angst, daß sie einmal das Gleichgewicht verlieren und aus eine theure Nase oder einen selbst vereinigtem Patriotismus unbezahlbaren Spiegel fallen möchten. Mein Schlafzimmer- das ist über alle Beschreibung. Die darin befindlichen Möbels und Toiletten-Geräthschaften sind nach den schönsten Herkulanischen Mustern, theils im hetruri- schen, theils imgriechischen Style geformt. Ich wasche mich aus einem Delphischen Weihkessel und knüpfe mein Halstuch vor einem Altare der Venus. Mein Bett ist das Lager der Aurora. Morgenröthe Wolken, von weiße» und grünen Svnneustreifen durchzogen. schmücken seinen Himmel. Die Wand, au welcher es steht, ist ein großer Spiegel; darin muß ich mich beschauen— da ist keine Rettung. Das Kopfkissen ist mit Spitzen garnirt, die mir wie Spinnen im Gesicht herumkrabbeln und mich schon einige Male auf eine schauerliche Weise aus dem Schläfe geweckt haben. Kurz, es gibt nichts Schöneres, An- muthigcres, Adligeres, als meine neue Wohnung; sie ist ein kostbares Etui, das nur viel zu zierlich ist für den»»zierlichen Schmuck, den es einschließt. — Sie werden gelesen haben, daß die französische Regierung die Juden auf gleichen Fuß mit den christlichen Staatsbürgern setzen und die Besoldung ihres Cultus übernehmen will. Es ist doch wieder ein Schritt vorwärts. Wie lange wird es noch dauern, — 57 bis man bei uns an so etwas nur denkt— von der Ausführung gar nicht zu sprechen. Die gefvppttn Theologen des adligen Lugcndbnndes haben in ihrer Weisheit und Menschenliebe die Lehre zu verbreiten gesucht: die bürgerliche Gesellschaft sey eine Taufgrr- stalt, und es könne daher ein Jude kein Staatsbürger seyn. Diese frommen Herren haben schwere Kopfe und noch schwerere Füße. Erst dauert es Jahrhunderte, bis sie fortschreiten wollen, und dann andere Jahrhunderte, bis sie fortschreiten können. Es ist zum Erbarmen! Aber die französische Regierung, wie jede andere, sieht ihre Entwicklung zur Freiheit als eine auferlegte Buße an, und gleich jenen Wallfahrern nach Rom, macht sie einen Schritt zurück, so oft sie zwei Schritte vorwärts gethan. Den Juden hat sie etwas gegeben und dafür hat sie der Preßfreiheit viel genommen. Die Cautionen für die Journale, eine Tyrannei der vorigen Regierung, sollen beibehalten werden. Es ist dieses so sehr gegen den Geist der Freiheit, daß man die letzte Revolution als ganz fruchtlos ansehen kann. Wie merkwürdig! Diese Juli-Regierung, die kaum aus dem Ei gekrochen und noch ganz dottrig iA, kräht schon wie ein alter Hahn, und thut stolz und fest wie ein unbestrittener Hof-König! Die Majorität der Kammer unterstützt sie nicht blos in ihren unbedachten Schritten, sondern sie verleitet sie noch dazu. Das sind die Gutsbesitzer, die reichen Bankiers, die Krämer, die sich mit einem vornehme» Worte die 58 Industriellen nennen. Diese Menschen, die fünfzehn Jahre lang gegen alle Aristokratie gekämpft — kaum haben sie gesiegt, noch haben sie ihren Schweiß nicht abgetrocknet, und schon wollen sie für sich selbst eine neue Aristokratie bilden: eine Geldaristokratie, einen Glücks-Ritterstand. Wehe den verblendeten Thoren, wenn ihr Bestreben gelingt, wehe ihnen, wenn der Himmel nicht gnädig ist und sie aufhält, ehe sie ihr Ziel erreichen. Die Aristokratie des Adels und der Geistlichkeit war doch nur ein Princip, ein Glaube; man konnte sie bekämpfen und besiegen, ohne den Edelleuten und den Geistlichen in ihrer sinnlichen Lebenssphäre wehe zu thun. War dieses in der fron« zösischen Revolution doch geschehen, so war dieses nur Mittel, nicht Zweck, war eine zwar schwer zu vermeidende, doch keineswegs nothwendige Folge des Kampfes. Werden aber Vorrechte an den Besitz gebunden, wird das französische Volk, dessen höchste Leidenschaft die Gleichheit ist, früher oder später das zu erschüttern suchen, worauf die neue Aristokratie gegründet worden— den Besitz, und dieses wird zur Gütervettheilung, zur Plünderung und zu Gräucln führen, gegen welche die der frühern Revolution nur Scherz und Spiel werden gewesen seyn. Was mich aber an diesen Jvurnal-Cautivnen am meisten betrübt, sind die üblen Folgen, welche sie, wie ich sicher erwarte, für Deutschland haben werden. Unsere Regierungen werden gewiß, wenn sie den Forderungen der Preßfreiheit nicht länger ausweiche« können, jene 59--- französische Erfindung der Cautionen benutzen, und dann istPreßfreiheit nur ein trügerisches Wort. Wir haben keine reichen Schriftsteller, wie es deren ss viele in Frankreich gibt; sie sind alle arm oder dem Staate dienstbar. Keiner wird daher im Stande seyn, die Cautivn aus seinem eigenen Vermögen zu leisten, und man wird, um ein Journal zu gründen, sich in den Sold eines Buchhändlers geben müssen, der nur auf seinen merkantilischen Vortheil sieht und daher leicht durch Hoffnung des Gewinns bestochen, oder durch Furcht vor Verlust eingeschüchtert werden kann. Das Gebet umPreßsclaverei in der Münchner Flora hat mich erquickt wiebairischBier. Ich danke Ihnen dafür. Geräth diese holde Flora einmal in meine Gewalt, v, wie will ich sie zerblätteru und zerknittern! Sie können mir keine größere Freude machen, als wenn sie mir deutsche Dummheiten mittheilen. Gestern las ich wieder etwas sehr Schönes von dem Berliner Correspondenten in der allgemeinen Zeitung, meinem Schätzchen. Er sagt unter andern: der Volksauflauf neulich in Berlin hätte gar nichts zu bedeuten gehabt, das wären blos„N eu gier igle its-Auflaufe" gewesen. So wird doch immer auf das Beste dafür gesorgt, daß ich in Frankreich mein Deutsch nicht verlerne! Samstag den 20. November. Ein Wiener Gelehrter hat mir in diesen Tagen geschrieben, und ich will Ihnen Einiges aus seinem Drlefe mittheilen. Eine Art Äerkerluft weht durch alle seine Worte, eine gewisse Trauer ist über seine Sieden verbreitet und so wahr und liebevoll ist alles, was er spricht, daß es mir in das Herz gedrungen. Wie sehr sind^die armen Wiener Gelehrten zu bemitleiden! Sie leben im schnödesten Geistesdrucke, und darum und weil sie sich gar nicht aussprechen dürfen, müssen sie die freisinnigen Ideen in Philosophie und Politik weit lebhafter fühlen und müssen viel schmerzlicher von ihnen gequält werden, als wir Andern, die wenigstens klagen dürfen. Nachdem Herr"* von dem Eindrucke gesprochen, den meine Schriften auf ihn und einen andern gleichgesinnten Freund gemacht, und mir seine Uebereinstimmung mit meinen Ansichten lebhaft zu erkennen gegeben, fährt er fort:„Es thut Noth in so zerspaltener, einheits-liebloser Zeit, da- ihre Bessere» und Edleren sich finden, erkennen, lis» ben und vereinigen für ihr gleiches Ziel— das allein Rechte— die Freude des Menschen und das Wohl der Einzelnen wie des ganzen Geschlechts, das ja nur die Summe aller Einzelnen ist. Darum ist eben ss schon und tief der Satz, den Sie im siebenten Bande Ihrer Schriften«ussprechen und gegen den nicht nur die Theologen, sondern alle, die selbstsüchtig und Feinde der Freiheit sind, aufstehen— der Satz: die Menschheit istum derMenschen willen da." „Es ist wohl an der Zeit, daß der eingerissene Zdeen-Götzendienst einmal aufhöre und daß der lebendige Mensch nicht mehr einem luftigen Ideal ge- — 61 opfert und mit ihm nicht mehr Elperimente angestellt «erden. Ihr ausgesprochener Satz, folgerecht durchgeführt, wirst alle Systeme über den Haufen, und statt des todten Begriffs Menschheit steht verlebe n d i g e M e n sch schaffend imMittelpunkt der Welt." „Diesen Satz kann aber eben nur wahrnehmen und aussprechen der Mensch, der in sich Kern, Werth nnd Würde trägt; wer selbst nichts ist, muß sich natürlich entweder unter den Schutz, ich weiß nicht welcher Idee, als einer eingebildeten Macht begeben, oder er muß geradezu, wenn er scheinbar etwas stärker ist, das Thierrecht des Stärkeren, d. h. die Selbstsucht schlechtweg für sich ansprechen." „Wir sehen auch die Zeit nach dieser Spaltung in zwei Theile getheilt. Der eine, die Gelehrten, brütet über Ideen und sucht im Trüben zu fischen; der andere, die Materiellen, als die Stärker», spricht geradezu durch Wort und That die Selbstsucht aus nnd tritt den Begriff wie den lebendigen Menschen in allen Verhältnissen mit Füßen, wogegen die andern blos die Hände ringen und die Vorsehung zum Zeugen der Frevel ausrufen.— Was uns am meisten Noth thut, ist— Vereinigung...." Ich erstaune gar nicht, einen Wiener so sprechen z» hören; denn eigentlich ist Oesterreich die hohe Schul« des Liberalismus. Wohin uns Andere oft nur philosophische Speculation führt, dahin bringt jene dir Noth, und Noth ist eine bessere Lehrerin als Philosophie. Hören Sie ferner, was er von Göthe sagt. wobei ich nur nicht begreife, was ihn auf den Gedanken gebracht haben mag, daß ich hierin anderer Meinung sey, als er selbst. Ich erinnere mich zwar nicht, je meine Abneigung gegen Göthe deutlich ausgesprochen zu haben; aber sie ist so alt und s» stark, daß sie in meinen Schriften doch wohl einmal hervor- geschienen haben muß. „Was mich aber wundert, ist dies, daß Sie den wilden Goethe öfters anführen. Dieser Mensch ist ein Muster von Schlechtigkeit; man kann in der Weltgeschichte lange suchen, bis man einen seines Gleichen findet. Thöricht ist es, daß man immer sagt: Schiller und Goethe, wie Voltaire und Rousseau. Um so viel Rousseau mehr ist als Schiller, um so viel ist Goethe schlechter als Voltaire. Goethe war immer nur ein Despotendiener; seine Sa- tyre trifft weislich nur die Kleinen; den Großen macht er den Hof. Dieser Goethe ist ein Krebsschaden am deutschen Körper, und das Aergste ist noch. Laß Alles die Krankheit für die üppigste Gesundheit hält und den Mephistvpheles auf den Altar setzt und Dichterfürsten nennt. Ja Fürsten-, d. i., Despo- teudichter sollte er eigentlich heißen." Wie wahr, wie wahr das Alles, und wie heilsam wäre es, solche Gesinnung— nicht zu verbreiten, sie ist verbreitet genug— sondern den Muth zu verbreiten, sie auszusprechen. Goethe ist der König seines Volkes; ihn gestürzt, und wie leicht dann mit dem Volke fertig zu werden! Dieser Man» ei- 63 nes Jahrhunderts hat eine ungeheuer hindernde Kraft; er ist ein grauer Staar im deutschen Auge, wenig, nichts, ein bischen Horn— aber beseitigt das und eine ganze Welt wird offenbar. Seit ich fühle, habe ich Goethe gehaßt, seit ich denke, weiß ick warum. Wir haben oft davon gesprochen und Sie begreifen meine Freude, in einer Geisteswüste, wie Oesterreich ist, einem menschlichen Wesen begegnet zu seyn, das fühlt und denkt wie ich. — Saphir wurde von allerhöchsten Handen aus Baiern gejagt, weil er gegen einen Comödianten ge- schrieben! 6'est perrucine— würde ein Pariser sagen; aber ich kann nicht lachen darüber. Was helfen Barrikaden gegen solche Charlesdi sch en, gegen solche Ordonnänzchen? Das kriecht einem zwischen die Beine durch, das macht sich, wie Wasser, durch die kleinste Lücke Bahn. Es ist zum Verzweifeln, daß deutsche Tyrannei zugleich so viel Lächerliches hat: das lahmt den Widerstand. Warum aber unsere Fürsten sich so große Mühe geben, die französische Revolution, die viel Metaphysisches hat, den Bürgern und Landlcuten durch Zeichnungen, Modelle und Erperimente faßlich zu machen— das begreife ich freilich nicht. Es muß wohl Schickung seyn. — Wenn sich unsere Kaufleute, die viel dabei verlieren, über Belgien ärgern, so lasse ich das hingehen. Aber die Andern— sie betrachten das Alle aus einem falschen Gesichtspunkte. Es ist wahr, es fanden viel Pfaffenintriguen Statt; aber was thut das? Die Belgier haben ihren König nicht länger behalten wollen, sie haben ihn fortgejagt und seine Leute geprügelt— ist das nicht schön und ein gutes Keispiel nachzuahmen? Ein König für Saphir, das ist billig. Herr Wellington ist auch abgesetzt. Wahrhaftig, mich dauern die armen Diplomaten; es kömmt diesen Schmachköpfen gar zu viel^auf einmal über den Hals; wie eine Sündfluth gießen die Verlegenheiten auf sie herab. Die Aenderung des englischen Ministeriums ist für uns auch gut. Lesen Sie im heutigen Constltutionel, wie der belgische Gesandte in London, Herr,». Weyer, nach seiner Rückkehr öffentlich im Congresse von seiner Sendung Rechenschaft abgelegt,,und wie er vor allem.Bolke erzählte, was Wellington, Aberdeen, der Prinz von.Oranien und Andere mit ihm verhandelt. Das hat mich sehr amüsirt. Diplomatische Geheimnisse öffentlich in einer Ständeversammlung-auszuplaudern und das wahrend die Verhandlungen noch im Gange sind, das ist unerhört, das ist himmelschreiend— werden sie in Berlin, Wien und Frankfurt sagen. — Der neue Minister des Innern, Mvntakivet, ist erst acht und zwanzig Jahre alt. Er war nie Referendar, nie Hofrath, nie Regierungsrath, ni« Geheimer-Rcgierungsrath, nie Kammerdireckor, nie Präsident— plötzlich ist er Minister geworden. Es gibt keinen Gott mehr. 65 ^ Aus den Memoiren und Erinnerungen des - Grafen Lavaletre. t Moralische Wirkung Der Revolution«om lS. Brumaire.— Der eriie Consul schickt mich-nach DteSden.— Meine Reise nach 1 Berlin im Jahre rhol.— Der erste Consul beruft mich nach t Paris zurück.— Die Höllenmaschine.— Die Verschwörung 2 George'S und Pichegkles.—.Deruriheilung-des Herzogs von ^ Enghien. - Der Sturz der alten Regierung an sich erregte , kein Bedauern, nur die Art desselben schien beunru- a lügend, denn das französische Volk hatte sich trotz r aller Gewaltthätigkeit der vorhergehenden Regierun- -- sen noch nicht an ssolche Formen gewöhnt. Es ließ - das Ziel nicht aus den Augen, auf das seit zwölf ^ Zähren alle seine Anstrengungen gerichtet waren, und n das in nichts Anderem als in der Begründung einer auf sicheren Gesetzen ruhenden Freiheit bestand. In >, der neuen^Verfassung fand es keine jener Gewähr- e leistungen, hie es suchte, und obgleich es vom Ruhm § des ersten Consuls wiederstrahlte, und dessen hoher e Geist ihm die Versicherung seiner" Unabhängigkeit § gab, so wünschte es doch von dem Siege ebenso sehn- lich auch jene bescheideneren Früchte— das neue Aufblühen der Gewerbe und hes Handels. Als es sich daher um eine kürzere oder um die lebenslang- 66- llche Dauer des Consulats handelte, gab die überwiegende Mehrheit der Bürger der letzter» ihre Zustimmung, weil eine lebenslängliche Staatsperson eine längere Sicherheit versprach. Eines der ersten Geschäfte des ersten Confuls war, neue diplomatische Agenten ins Ausland zu schicken. Mir vertraute er den Posten zu Dresden an, mit dem Befehle, sogleich nach meiner Ankunft nach Wien zu schreiben, daß ich die Vollmacht habe, wegen eines Waffenstillstandes zu unterhandeln, wenn es dem Wiener Cabinette genehmer sey, sich an mich zu wenden. Die Bedingungen dieses Waffenstillstandes hatten die Form von Friedensprälimina- ren. Daß dieser nach der Schlacht von Hohenlinden, die- Moreau gewann, wirklich zu Stande kam, ist bekannt. Meine Sendung nach Sachsen hatte zunächst keinen andern Zweck, als zwischen diesem Lande und Frankreich ein gutes Verständniß zu unterhalten. Ich trat an. die Stelle eines verdienstvollen Mannes, der aber Agent des Directoriums gewesen, und schon durch diese Eigenschaft in unangenehme zwangvvlle Verhältnisse gekommen wäre Aber auch meine Stellung war von der seinigcn nicht sehr verschieden: der Churfürst, lag als Reichsglied mit Frankreich eigentlich noch im Krieg, obgleich er seine Truppen schon längst zurückberufen hatte. Man hätte in der That mit der Thüre ins Haus fallen müssen. Dazu hatte ich zwar die Vollmacht, aber eine solche Verfahrungs- — 67— weise sagte mir nicht zu; ich hatte eine so große Ehrfurcht vor dem Fürsten, der seinen Thron durch seine Tugenden so achtungswerth gemacht hatte, daß ich mich nie hätte dazu entschließen können, ihn in die geringste Verlegenheit zu bringen; ich sah ihn nicht einmal. Ich lebte sehr zurückgezogen; dasCli- ma war für die Gesundheit meiner Frau nicht zuträglich, und mir fiel meine Unthätigkeit sehr zur Last; als ich die Nachricht von der Schlacht beiMa- rengo erhielt, verband sich mit meiner Frcnde darüber eine tiefe Traurigkeit, als ich daran dachte, wie sich nun die militärische Laufbahn für mich verschließe, und es mir nicht so bald mehr erlaubt seyn würde, an Ruhm oder Beförderung zu denken. Eine Art Entschädigung fand ich jedoch in der Erlaubniß, den Carnaval des Jahres 1801 in Berlin zubringen, zu dürfen. In Leipzig und Dresden lebten viele Emigrirte, denen die Großmuth des Churfürsten eine durch. Wohlthaten versüßte Alifluchtsstätte gewährt hatte; meine Ankunft setzte zuerst diese kleinen Ansiedelungen in Schrecken. Mein Vorgänger hatte sie zwar nicht sehr in Schutz nehmen könne», sie aber doch wenigstens nicht verfolgt. Von einem Adjutanten Bonaparte's erwarteten sie nun aber, er werde sie aus dem einzigen Asyle vertreiben, das ihnen noch übrig blieb. Ich bemühte mich, sie zu beruhigen, ein Act der Menschlichkeit, bei dessen Ausführung ich freilich wenig Verdienst hatte. Als Mensch und 68 Franzose sah ich in ihnen nnr unglückliche Landslente, die, seit sie hie Waffen-gegen ihr.Vaterland niedergelegt hatten, nicht mehr gefährlich, seyn konnten, aber ich hatte von dem ersten Consul die förmliche Weisung erhalten, die Rückkehr aller Derjenigen zu befördern, von denen zu erwarten stände, daß sie friedliche Gesinnungen nach Frankreich zurückbrächten. Ich machte keinen Unterschied, und habe es in den nächsten zwölf Jahren nicht zu bereuen-gehabt. Freilich vcrläugneten im Jahre 1814 einige die Bekanntschaft mit mir als eine Schande, aber die kaiserliche Regierung hgt ihnen doch, wenigstens während dieser zwölf Jahre, nicht mißfallen;; die„meisten von thuen haben auf ihr Ansuchen Anstellungen erhalten. Wir stiegen.in Berlin bei dem französischen Gesandten General Beurnonville ab. Seine Freundschaft und Zuvorkommenheit machten uns für die Genüsse doppelt empfänglich, deren glänzender,Schau- platz Berlin dieses Jahr war. Während meines Aufenthalts daselbst wurde der Friede mit Rußland unterzeichnet, und es war merkwürdig, den hastigen Eifer der Russen zu sehen, mit dem sie sich uns zu nähern suchten, nachdem wenige Tage vorher kein Mitglied des diplomatischen Eorps es gewagt hätte, an einem Cvntrctanze Theil zu nehmen, bei dem eine Französin mittanzte. Ich hatte die Ehre, mit der Königin in Berührung zu kommen, die mir durch ihre Tugenden noch achtungswerkher erschien, als ihre Schönheit sie zu einem Gegenstände der Be- 69 wunderung machte. Nirgends wird man eine anziehendere Schönheit mit einer majestätischeren Würde vereinigt finden. Die Einfachheit ihres Lebens verstärkte noch die Gefühle der Ehrfurcht, die man ihr so gerne zollte. Ihre Erscheinung war nicht von dem gewöhnlichen Glanz und Gepränge umgeben: mansah sie täglich in einem ganz einfachen Wagen, und wenn das Wetter es gestattete, oft auch zu Fuß. Die Berliner, wenigstens Viele vom Hofe, sprachen damals mit einer nicht selten allzugroßcn Freiheit von ihrem Fürsten und seiner Familie; abdr nie wagte der kleinste Tadel die Lobsprüche zu verringern, deren Gegenstand die Königin war. Ihre gütige Aufnahme der Franzosen wurde ihr damals durch die Politik geboten, aber sie zeigte bei diesen Gunstbczeu- gungen so viel Anmuth und Natur, daß einige Selbstbeherrschung dazu gehörte, um sich zu vergegenwärtigen, daß man dieselbe nur dem Namen Franzose, und nicht seinem persönlichen Verdienst verdanke. Bet der Königin befand sich damals die Prinzessin von Mecklenburg, die Schwester des Kaisers Alexander, eine Dame von blendender Schönheit, deren edle Züge aber bereits die Vorzeichen der Krankheit an sich trugen, an der sie kurz darauf starb; ihr Blick und der tzanze- Ausdruck ihres Gesichtes verriethen eine so tiefe Melancholie, daß, wer mit ihr sprach, glauben konnte, sie sage ihm auf ewig Lebewohl. Der sonderbarste Mann war an diesem Hofe der Prinz Heinrich von Preußen. Die Nachwelt, welche — 70 für ihn bereits begonnen hat, und die alle Lobfprü- che, die ihm das Gerücht ertheilte, bestätigt, hat sich ohne Zweifel nicht getäuscht, und ich muß ihr Urtheil achten, aber Berlin wenigstens lieferte damals keinen Beitrag dazu. Er war der Gegenstand der beißendsten Spöttereien, und die Verachtung, in die er gefallen war, überschritt alle Grenzen; viel hat dazu ohne Zweifel seine Lebensweise, die Seltsamkeit seines Geschmacks, das Auffallende seiner Kleidung beigetragen, aber gewiß mehr als alles dies sein Haß gegen den großen Friedrich, dem er durch den schärfsten Spott Luft machte. Ludwig Bvnaparte war zu gleicher Zeit mit mir in Berlin; er begab sich nach Reinsberg, dem gewöhnlichen Aufenthaltsorte des Prinzen, um einige Tage daselbst zuzubringen. Als er wieder nach Berlin kam, theilte er mir folgende Aeußerung des Prinzen mit, welche dieser an der Tafel gegen ihn gethan hatte:„Sie haben in Frankreich eine sehr hohe Vorstellung von meinem Bruder Friedrich; aber in welchem Irrthum sind Sie befangen! Sie kennen das Geheimniß seiner Siege nicht. Er hätte sein Leben mit Schreiben zubringen sollen, dazu hatte ihn die Natur bestimmt." So kamen mir in Berlin noch hunderterlei eben so starke Aeußerungen aus guten Quellen zu Ohren. Gewiß können mit dem größten Verdienst die seltsamsten Eigenheiten verbunden seyn, aber einen so blinde» Haß, eine solche Sucht, einen in so vielen Beziehungen großen Mann.anzuschwärzen und ihm besonders 71 stillen weltkundigen Kricgsruhm streitig zu machen, sollte man doch weder von einem Bruder, noch von einem Preußen, noch überhaupt von einem Manne von gesundem Verstände erwarten. Am vierundzwanzigstcn December wurde der Waffenstillstand mit Oesterreich unterzeichnet, und sogleich wurde ich, dem Versprechen des ersten Cvnsuls gemäß, nach Paris zurückberufen. Als ich hier ankam, war noch Alles in Schrecken über das furchtbare Er- eigniß mit der Höllenmaschine. Dieser abscheuliche Versuch gab einen Maaßstab für den Haß, den das Haus Bourbon gegen Bona- parte hegte. Er gehört durchaus den Prinzen an, denn im Jahre 1814 prahlten die Emigrirtcn laut genug damit, und gaben ohne Umstände die Einzeln- hciten über die angewandten Mittel Preis. Limoelan, Carbon und Saint-Nejant, lauter VendLer, waren zur Ausführung des schonen Planes von England herübergekommen. Limvelan entfloh, und man hat nicht weiter von ihm sprechen gehört, auch Saint- Rcjant entwischte, wurde aber nachher mit George wieder ergriffen. Woran man ihn wieder erkannte, werde ich später noch berichten. Ich zählte darauf, ich werde nun meine Dienste als Flügcladjntant wieder antreten dürfen, aber dem war nicht so: nach einigen Tagen ließ mir der erste Consul durch Durvs sagender habe im Sinne, mich bei der Verwaltung anzustellen, und am folgenden Tage las ich im Moniteur meine Ernennung zum 72 Verwalter der Schuldentilgungscasse. Diese Ernennung, die geschehen war,, ohne daß man mich gefragt hatte, und die ich zuerst durch die. Zeitung erfuhr, war mir höchst unangenehm; ich hatte gegen die Verwaltungsgeschäfte und das bleibende Leben in Paris einen Widerwillen, den die Catastrophe von 1815 nur zu sehr gerechtfertigt hat. Ich erklärte daher HcrrnStaatssecretär Maret, daß ich diese Anstellung nicht gewüüscht babe, und daß ich lieber in der§u- rückgezvgenheit leben, als-eine Stelle übernehmen wolle, die meiner Neigung ganz zuwider sey. Um fünf Uhr begab ich mich in die Tuillerien, um, wie gewöhnlich, daselbst Zuspeisen. Der General Lannes, der den Dienst hatte, hatte von meiner Weigerung gehört und kam zu mir, um mich darin zu befestigen. „Er will, sagte er zu mir, seine treuesten Freunde entfernen, wir werden sehen, was er damit gewinnen wird." Mein Entschluß stand zu fest, als daß der Zuspruch des Generals mich in demselben noch hätte bestärken-können. Der erste Cousul ging an mir vorbei, und als er mich bemerkte, nahm er mich in eine Feust-rvertiefung.„Sie wollen, sagte er zu mir, keine Anstellung bei der Verwaltung annehmen?" „Nein!" antwortete ich trocken.—„Gut! thun Sie, was Ihnen beliebt, ich will nicht mehr von Ihnen sprechen hören!" Hlemib verließ er mich. Dies ist das einzige harte Wort, das er mir gegeben hat, aber es durchschnitt mir das Herz. Ich entfernte Mich wüthend und unter rasenden Verwünschungen. 73 Drei Tage nachher, als er mich nicht mehr sah, schickte er Clarke und Eugen zu mir, um mir einen Verweis zu geben, und befahl mir, zu ihm zu kommen. Ich erschien, und der Zauberer wußte sich auf eine so einnehmende Weise gegen mich zu betragen, daß ich auf seinen Wunsch einging. Hierauf sagte er mir, er habe mich wollen an die Stelle einer Crcatur Talleyrands zum Generalpostdirector ernennen; aber als seine Absicht bekannt geworden sey; habe er einen Widerstand erfahren, dem er habe ausweichen wol« len. Damals war er noch nicht.Alleinherr. Wirklich erhielt ich nach wenigen Monaten die Weisung, den Dosten anzutreten. Ich that es mit Widerwillen, ^dreizehn Jahre lang habe ich denselben mit Treue und Eifer verwaltet, aber ich war dennoch nicht glücklich dabei, und im Jahre 1815 wurde ich grausam dafür bestraft. Als ich die Zügel dieser Verwaltung ergriff, fand ich die traurige Gewohnheit vor, der Polizei aus allen Ecken Frankreichs die Schriften auszuliefern, die sie als verdächtig ansprach. Diese» Mißbrauch zerstörte ich- gewaltsam, indem ich diejenigen Direkteren von dcr Vcrwaltung entfernte, welche, sich desselben schuldig gemacht hatten, so daß wenigstens Privatgeheimnisse jener schlimmen Men- schenclaffe nicht mehr in die Hände sielen. Mein Entschluß war schnell gefaßt, alle Verbindung mit Fouchü abzubrechen; er hat es mir nie verziehen. Indessen gewann die Regierung den Beifall ganz Frankreichs. Ihr neues Verwaltungssystem war dem Nationalgeiste angemessener. Man hatte die Behörden aus den gebildeten Classen gewählt, und der Wunsch, z» gefallen und beliebt zu werden, leitete alle ihre Handlungen. Bereits waren an die Stelle der rohen republikanischen Formen die conventionellen Rücksichten eines gebildeten Staates getreten. Ueber- all begann es wieder Ordnung zu werden. Der erste Consul hatte den Frieden versprochen, und er wurde dem Lande mit allem Anscheine einer langen Dauer geschenkt. Frankreich war stolz auf seine erste Magistratsperson, sein Ruhm war auf den höchsten Gipfel gestiegen. Au den Eroberungen der Revolution war noch das ganze nördliche Italien gekommen, eine glänzende Bereicherung, die das französische Volk entzückte, die es aber so theuer bezahlen mußte. Der Friede mit England machte die öffentliche Freude vollkommen. In dem Feldznge nach St. Domingo, dessen Leitung allzu schwachen Menschen anvertraut worden war, und der vielleicht gar nicht hätte unternommen werden sollen, hatte Frankreich einen Unfall, und in der Erneuerung des Kriegs mit Eirgland ein Unglück zu bedauern; aber es war voll Thatkraft und theilte die Kühuhsit und das Glück seines Oberhaupts; nur vor seinem Verluste fürchtete es sich. Was die Gefahren des Kriegs nicht vermocht hatten, versuchten die Prinzen des Hauses Bourbon noch einmal, und diesmal, meinten sie, müßte es ihnen gelingen. Scharfsinnige Casuisten bringen es vielleicht noch so 7S— weit, die Grundsätze des Christenthums und die Ge- r fühle des Mitleids mit dem schändlichsten Verdrechen, e dem Meuchelmorde, zu vereinigen. Aber wie dem e auch seyn möge, die Prinzen haben diesen Meuchel- n mvrd befohlen, sie sind in alle Einzelnheiten des ver- Nichten Planes eingegangen, und einer von ihnen e hat zur Ausführung desselben seine Neuesten Diener e und ergebensten Freunde abgeschickt, r Dieser Vorfall fand im Jahre 1804 Statt. Der erste Consul, der sich die englischen Zeitungen genau ins Französische übersetzen ließ, wunderte sich sehr, seil einiger Zeit keine Ausfälle und Drohungen mehr H gegen ihn zu finden. Dieses Stillschweigen schien e ihm verdächtig, und als er in einer Nacht nicht schlage fen konnte, stand er auf, durchblätterte die pvlizei- e lichen Berichte, die er mehrere Monate vorher er- >. halten hatte, und fand darin, daß ein Man» Namens !- Querclle mit noch zwei andern Individuen an den n Küsten der Normandie festgenommen worden sey und n seitdem mit seinen Gefährten im Gefängniß sitze, weil u sie sehr im Verdacht stehen, sie seyen Chouans und L zur Ausführung eines schlimmen Anschlags von Eng- e land herübergekommen. Sogleich gab er den Befehl, r die Sache dieser jungen Leute zur Entscheidung zu - bringen. Wahrscheinlich wurden sie überwiesen, denn n sie wurden zum Tode vcrurtheilt Der Commandant d dieser Division sandte das Urtheil zur Vollziehung >. desselben an den Chef des Generalstabs. Dieser öff- o nete das Schreiben erst Nachts, als er von einem 76 Balle kam, und begab sich darauf zu Bette. Wäre die Hinrichtung sieben Uhr Morgens festgesetzt und vollzogen worden, so wäre das Geheimniß wahrscheinlich verborgen geblieben. Aber am Morgen bemächtigten sich alle Schauer ber Todesangst Querel- le's. Bei der Annäherung der verhängnißvvllen Stunde verfiel er in so schreckliche Convulsionen, daß man glaubte, er sey vergiftet. Der herbeigerufene Arzt suchte ihm Muth einzusprechen, und einige dem Unglücklichen entfahrene halblaute Worte bewogen denselben, einen gewandten Mann zu ihm zu schicken, der ihm vielleicht wichtige Geständnisse entlocken könnte, wenn man ihm Begnadigung versprechen dürfte. Man versprach ihm diese. In dem Augenblicke, als seine Gefährten zur Hinrichtung abgeführt wurden, ermähnten sie ihn zur Beharrlichkeit.„Du wirst mehr sagen, als d» nur weißt, sagte einer derselben, der Tod ist so nahe und so schnell, nur noch ein wenig Muth!" Aber er ließ sich nicht dazu bewegen, und seine beiden Genossen verließen ihn ach- sclzuckcnd und ließen sich ruhig erschießen. Querells gestand indessen- daß mehrere Emigrirte von England haben abreisen müssen, um den ersten Cvnsul zu ermorden, uud daß George und einige seiner Camera- den an dem Complott haben Theil nehmen müssen. Jedoch nannte er den General Pichegrn nicht. Dieser schwache Wink brachte die Polizei den-Verschwörern auf die Spu-r. Fouche war damals nicht mehr Polizeiminister. Dieser Geschäftskreis war mit dem 77 der Gerechtigkeitspflege verbunden worden, eine seltsame und allgemein getadelte Vereinigung, welcheber Regierung den Charakter eines verhaßten Despotismus gab; die Gerechtigkeit nahm ihre Binde ab, um.zu arretiren, und legte sie wieder an,, um zu richten. Aber der ganze künstliche Bau Fouche's.blieb stehen, und obgleich der Oberrichter Register ihn nicht zu benutzen wußte, vielleicht weil er mit Widerstreben davon Gebrauch machte, so setzten die Polizeichefs doch alle ihre Künste in Bewegung. Bald erfuhr man, daß Herr.von Aiviöre und der Sohn des Fürsten von Polignac in Paris angekommen seyen; sie wurden festgenommen, und mit ihnen ein Dutzend elender Meuchelmörder Und Banditen, die sich schon durch die-abscheulichste» Verbrechen geschändet hatten. Aus den Geständnissen einiger dieser Elenden ging hervor, daß George das Haupt der Verschwörung sey. Einer der schuldigen sagte, er habe bei George einen Mann gesehen, gegen den dieser ein sehr ehrfurchtsvolles Benehmen beobachtet und der ihn mit entschiedener Ueberlegrnheit behandelt habe. Man vermuthete, dies sey der Herzog von Enghien, und Bonaparte schickte einen Flügeladjutanten nach Ctten- heim, um sich zu erkundigen, was der Herzog mache, und ob er von der Residenz oft abwesend sey. Der Adjutant brachte die Nachricht zurück, daß der Herzog oft zehn bis zwölf Lage abwesend sey und daß man nicht wisse, wohin ergehe. Hieraus schloß man, daß-er inkognito nach Paris komme und daß er M gewesen sey, gegen den sich George damals so ehrfurchtsvoll betrug. Es wurde beschlossen, ihn zu verhaften. Wenige Tage nach seinem Tode wurde Pi- chegru festgenommen, und als der Urheber jener Aussage, Namens Picot, mitPichcgru confrontirt, diesen als den Mann erkannt hakte, den er hatte bezeichnen wollen, rief der erste Consnl, als er es erfuhr, vcr- zweistungsvvll aus: ,,Der verfluchte Rapport! Der verdammte Adjutant!" Nachdem Picyegru festgenommen war, beschloß Bonaparte, sich des Generals Mvreau zu versichern. Der Erstere war von dem Letzteren vor dem vierten September verrathen worden. Bonaparte hatte einen handgreiflichen Beweis in den Händen, daß diese beide» Männer sich vermittelst der Dazwischenkunft eines gewissen AbbL David wieder mit einander versöhnt hatten; aber er brachte denselben nicht bei, und that wohl daran. Der Gang des Prozesses lieferte den schlagenden Beweis, daß George und- seine Genossen sich nach Parts begeben hatten, um den Chef der Regierung zu ermorden, daß Herr von Niviere, erster Flügel- adjutant des Grafen von Artvis, Mitglied des Com- plottes war, und daß er den Bcfxhl hatte, daran Theil zu nehmen und es zu leiten, daß ferner die Herren Pvlignac, durch die Bande der Natur und der Zuneigung mit dem Hause Bvurbvn im engsten Verhältnisse stehend, in der nämlichen Absicht nach PariS gekommen waren, und daß endlich Pichegru »nd Mvreau den Mord hatten vereint dazu benutzen 79 sollen, um die Vourbonen auf den Verlornen Thron zurückzurufen. Ich sage benutzen, weil aus einer Aeußerung Pichegru's hervorzugehen scheint, daß er nicht unter den Mördern eines Kriegers seyn wollte, den er wenigstens achten mußte. Als er nach Paris kam, ging er zu George, und wie er horte, daß der Mord noch nicht vollbracht sey, sagte er in gebieterischem Tone zu ihm:„Was soll dieser Aufschub und diese Behutsamkeit? In London berechneten Sie freilich nichts. Aber halte» Sie schnell Ihr Wort! ich will Sie nicht eher sehen, als bis Alles vollbracht ist!" Der unerschrockene George hatte wirklich bei seiner Ankunft nicht Alles berechnet gehabt. S.echst- halb Monate lebte er in Paris in der Verborgenheit, und während dieser langen Zeit hatte ihm das Glück nur zweimal eine Gelegenheit dargeboten, fein Verbrechen zu vollbringen, wenn er außer dem Gelingen der That selbst seine eigene Rettung mit in Rechnung »ahm. 2» den Tuilerien war der erste Cvnsul unangreifbar, auch konnte man ihn auf seinen unregelmäßigen Spaziergängen nicht überfallen. Ihn im Theater zu ermorden, war seit dem Versuche mit der Höllenmaschine unmöglich geworden; George konnte daher seinen Anschlag nur während einer seiner Meisen ausführen, auch im Augenblicke seiner Abreise war es nicht möglich. Das Heer war damals bei Bologna-versammelt, und der erste Consul machte zwei Reisen dahin. Das erstemal geschah dies von Parts aus; ich horte es erst zwei Stunden vorher 80 auf einem Ball, den der zweite Sonsul gab. Bvna- parte kam auf denselben. Es war zehnklhr: In den Sälen auf und nieder gehend bemerkte er-mich und gab mir ein Zeichen. Ich erwartete ihn in einem Zimmer, wo-wenig Leute waren; hier sagte er zu mir im Vorübergehen:„Ich reise in zwei-Stunden nach Bologna ab: zwei Wagen, zehn Pferde, acht Klepper und den General Dnroc." Die gewöhnliche Stafette ging eine Stunde vor ihm ab, und er war schon angekommen, ehe man nur in Paris wissen konnte, weiche Michtung er genommen. Die Rückreise aber war leichter zu errathen. Mau konnte sich denken, daß er nicht lange zu Bologna bleiben würde. Der-Plan George's war nun, wie er thu selbst angegeben hat, ihn bei seiner Rückkehr zu.erwarten, sich anit einigen Vertrauten iu der Kleidung der.Pvstkncchte, welche die von den Stafetten ermüdeten Klepper besteigen, auf der Straße aufzustellen,-den Wagen des ersten Consuls anzuhalten, ihn in ein von ihnen escortirtes Cabriolet zu schaffen, schnell an die Küsten der.Nvrmandiezu bringen und dann nach England-einzuschiffen. Dieser letzte Theil des Plans ist offenbar zu abgeschmackt, als daß ein Mann wie George nur einen Augenblick hätte an die Ausführungdcsselben denken können. Diese Fabeldachte er aus, wcil-er^sich schämte,seinen Mordanschlag einzugestehen. Vielmehr,-während er als Postknecht verkleidet»eben dem ersten Cvnsul hingerieten wäre, wäre es ihm ein Leichtes gewesen, mit einer 81 Donnerbüchse in den Wagen zu schießen, wasBona- parte einen sichern Tod gebracht hätte. Bei der Rückkehr desselben von seiner ersten Reise hatte George nicht alle seine Leute beisammen; überdies wollte er das Verbrechen in Paris verüben. Bei der zweiten Reise wurden dieselben Vorsichtsmaßregeln angewendet, und Bonaparte reiste diesmal unter dem Namen des Generals Bessidre. Was damals George an der Ausführung seines Planes hinderte, weiß ich nicht zu sagen. Ueber die Ursachen des Lobs de§ Herzogs von Engbien— Pi- chegru'S SelbNmvrd.— Eeorge'S Hinrichtung mit nenn Mitschuldigen.— Ermordung Kaiser Pauls.— Die Krönung.— Erueuruug des Co»ti»entalkriegs.— Die Schlacht von Aulier- titz.— Wichtige Veränderung des Psgwcsens.— Innere Landesverwaltung.— Das ungeheure Gedächtniß dsö Kaisers. Der Tod des Herzogs von Enghien wurde zum Theil durch den Irrthum veranlaßt, in den der Bericht des Flügeladjutanten den ersten Consul versetzt hatte; aber ich darf wohl sagen, daß dieser Irrthum nicht die einzige Ursache war. Man wußte bestimmt, daß der Herzog von Zeit zu Zeit an das linke Rheinufer komme, daß er hier mit dem Maire von*" Confcrenzcn halte und im Dorfe^.bei ihm absteige, woraus man wohl schließen konnte, daß ihm das Complvtt Pichegru'ö nicht fremd sey. Ein anderer Grund, und zwar. der entscheideuste, liegt im Charakter Bonapartc's, in seiner Heftigkeit und Rachsucht, X. 6 welche sehr an die vouäetts corsic» erinnerte. Frei» lich war diese Leidenschaft damals durch seine Feinde auf den höchsten Gipfel gesteigert. ,/Mögen sie ganz Europa gegen mich aufwiegeln/ hörte ich ihn einige Tage nachher sagen, ich werde mich zu vertheidigen wissen, der Angriff ist legitim; aber daß sie ein ganzes Quartier zu Grunde richten, daß sie, um mich zu erreichen, sich nicht scheuen, über hundert Personen ums Leben zu bringen oder zu Krüppeln zu machen, und" daß sie jetzt vierzig Banditen abschicken, um mich zu ermorden, das ist zu stark. Sie sollen mir blutige Thränen weinen und auf ihre Kosten lernen, was das heißt, den Meuchelmord zu legiti- miren." Die Nachsucht ist eine gemeine Leidenschaft, und doch ist sie bei Königen sehr gewöhnlich. Der erste Cousul hatte sich über dieselbe erheben sollen. Allerdings mußte er den Herzog von Cnghien verhaften und verurtheilen lassen, aber nach diesem wäre es klug und schön gewesen, ihn zu sich kommen zu lassen, ihm seine Theilnahme an der Verschwörung zu beweisen(und das konnte Bonaparte) und ihn dann sogleich nach England zurückzuschicken. Jchtraue dem Herzoge zu viel'Cdelmuth zu, als daß er von dieser Großmut!) nicht hätte gerührt werden sollen; und wenn seine Familie auf den Thron gekommen wäre, so hätte Bonaparte an ihm keinen Feind und in der Brust einen Stachel weniger gehabt. Auch hat man jenen Befehl Vonaxarte's zur Grundlage all des Schreckens gemacht, den man Frankreich und 82 Europa gegen ihn einflößen wollte. Dennoch wird man diese Handlung des großen Mannes keineswegs schlechtweg verdammen können. Wenige Lage nach dem Urtheilsspruch begab ich mich nach Saint-Cloud. Hier hatte ich die Gewohnheit, bis ich den Befehl erhielt, in das Cabinet des ersten Consuls einzutreten, mich in der Bibliothek bei dem Bibliothekar Ripaule auszuhalten. Dieser erzählte mir, daß Bonaparte den Tag zuvor, als er eine Büste des großen Conde bemerkte, die auf dem Wege zu seinem Cabinette stand, in rauhem Tone und mit bewegter Stimme zu ihm gesagt habe:„Die Büste muß anderswo hin." Man erfuhr im Palaste die Ankunft des Herzogs uud seinen Tod zu gleicher Zeit. Madame Bonaparte zerfloß in Thränen uud warf sich ihrem Gemahle zu Füßen, um ihn um Gnade zu bitten, aber es war schon zu spät. Seine Stiefschwester, Madame Elisa,, schrieb ihm einen Brief, den Fontancs verfaßt hatte, erhielt aber Vorwürfe dafür, jedoch ohne Bitterkeit. Caulincourt kam von Straßburg uud erfuhr die Sache von Madame Bonaparte. Sei» Schmerz war so groß, daß er krank wurde. Ich zweifle nicht daran, daß er an der Verhaftung des Herzogs von Enghieu ganz unschuldig war, und als Beweis dafür gilt mir seine Annahme der Oberstallmeisterstelle. Caulincourt hätte keinen Blutsvld angenommen; ep verdankte seine Erhebung einzig seinem Verdienste und seiner Ergebenheit gegen den ersten Consul. 84- Plötzlich setzte ein neuer schrecklicher Vorfall das Publikum in Erstaunen und Schrecken. Pichegru ward im Gefängniß todt gefunden. Man hatte ihn verhaftet, verhört und consrontirt. Das unwürdige Betragen der Subalternen gegen ihn und der völlige Verlust aller seiner Hoffnungen brachten ihn zu dem Entschlüsse, durch den Tod allen Qualen einesLebens zu entfliehen, das er ohnehin nicht mehr verlängern konnte; vielleicht ergriff ihn auch die Scham über die Theilnahme an einem solchen Verbrechen und über solche Mitschuldige. Man würde Bonaparte und Pichegni Unrecht thun, wenn man glauben wollte, jener habe diesen ermorden lassen. Man darf dem kräftigen Pichegru den Ruhm nicht rauben, sich seinen Feinden auf eine ehrenhafte Weise entzogen zu haben. Er hat einen muthigen Rückzug gewagt, und wenn auch alle Einzelnheitsn, welche Bonaparte hin- terbracht wurden, nicht hingereicht hätten, um ihm den Verdacht gegen ihn zu benehmen, als ob er selbst unter den Mördern gewesen wäre, so bürgte doch schon der Charakter Pichegru's denen, die ihn näh» kannten, sür seine Unschuld in dieser Beziehung. Das Todesurthcil, das über die klebrigen gesprochen wurde^ erregte allgemeines Mitleiden, besonders bei der ganzen Familie des ersten Consuls, und denen, die ihm treu ergeben waren. Schon war viel zu viel Blut vergossen worden, und es kam nun darauf an, für diese neuen Opfer Gnade zu erbitten. Madame Bonaparte übernahm Herrn von Nivftre 8Z— und die Pvlignac's. Ich begleitete die Gemahlin Ludwig Bonaparte's, welche die Tochter vvnLajolais bet sich hatte, nach Saint-Cloud;, die Mutter des ersten Cvnsuls und Madame Joseph, die Gemahlin des Generals Murat, wollten für die Andern um Gnade flehen. Als ich nach Saint-Cloud kam, fragte mich der erste Consul:„Wie steht es bei meiner Frau?"—„Man weint bei ihr, erwiederte ich, und sie selbst am meisten. Es ist ein herzzerreißender Anblick." Ich hatte ihn bereits in aufgeregter Stimmung angetroffen, aber nun ward seine Bewegung sichtbar. Er ging zwei- oder dreimal in seinem Ca- binette auf und ab und sagte dann:„Die Elenden haben mich ermorden wollen, welche Feigheit!" Hie- mit verließ er das Zimmer. Bald darauf kamen mit Madame Bonaparte die Schwestern. Herrn von Ni- viöre's und die Verwandten der Pvlignac's, und fielen ihm zu Füßen; er' zögerte keinen Augenblick und begnadigte die Pokignac'S und Riviöre: George hatte dem General Murat einen sehr edlen Brief geschrieben, im welchem er nicht für sich, sondern für seine Gefährten um Gnade flehte; der General las mir denselben gerührt vor. Würde man ihm aber das Leben schenken, so wünschte er zuerst an die Küste von England gebracht zu werden. Dies wäre, schrieb er, nur eine andere Tvdesart für ihn, aber sie wäre wenigstens seinem Vaterlande nützlich. Selbst Bonaparte zeigte sich geneigt, ihn zu begnadigen. Abc« man stellte ihm vor, daß diese Menschen öffentliche - 86- Beamte auf der Straße ermordet hatten, und daß diese doppelte Schuld jede Begnadigung abschneide, daß sie begnadigen soviel heiße, als den Meuchelmord begünstigen und die Vertheidiger des Staatsoberhaupts entmuthigen, daß George ja im Ganzen nichts als ein blos durch Schandthaten bekannter Banditenhauptmann sey, und endlich, daß man Niemanden mehr strafen könne, wenn dieser verschont bliebe. So wurde er mit neu» Mitschuldigen hingerichtet, und das Volk strömte nach seiner Gewohnheit herbei, um dem schrecklichen Schauspiele beizuwohnen, dessen Opfer Leute waren, welche ihm die Vourbvneu hatten wieder schenken wollen. Diese Verschwörung hatte den ersten Consul dk Nothwendigkeit fühlen lassen, seinen Weg zum Throne zu beschleunigen. Es war dies der Wunsch aller Derjenigen, deren Ehrgeiz Gunstbezeugungen erwartete, welche die Republik nicht verleihen konnte. Vonaparte hatte davon nicht blos eine Sicherstellung, sondern auch eine Ausdehnung seiner Macht zu hoffen, die er zur Ausführung seiner großen Plane nöthig hatte, auch war es das einzige Mittel, die Herrscher Europa's für sich zu gewinnen, welche die Republik zittern machte. Außer England, das man, besonders in seinen äußern Verhältnissen, nicht wohl als Monarchie betrachten konnte, sahen alle ander» Mächte ein, daß es im Interesse eines französische» Monarchen stiegen würde, den Strom republikanischer Ideen zu hemmen, der sich von Frankreich aus durch 87 alle Länder zu ergießen begann. Kaiser Paul fand mit seinem Haß gegen die Engländer in dem ersten Eonsul einen Genossen, und dieser gemeinsame Haß harre die,beiden Monarchen, welche ihre Regierung durch große Thaten auszuzeichnen suchten, einander sehr nahe gebracht. Schon war von einer gemeinschaftlichen Expedition nach Indien die Rede. Aber Paul stürzte sein Mangel an Vorsicht. Vielleicht trug die Entdeckung dieses geheimen Plans eben so viel zu seinem Tode bei, als der Despotismus, mit dem e,r seine Familie und seinen Hof behandelte. Die so gut vorbereitete Rückkehr von der Republik zur Monarchie wurde mit außerordentlicher Feierlichkeit begangen. Die ganze Christenheit wünschte sehnlich, daß das Königreich Frankreich, nachdem es der traurige Schauplatz aller ausglichen Schandthaten gewesen, der Welt nun den erhabenen-Anblick der Rückkehr zum Christenthum gewahren möchte. Alle Leidenschaften unterdrückend, über alle Vornrtheile sich hinwegsetzend, und nur von dem hohen Gedanken durchdrungen, daß das Oberhaupt von Frankreich unter der Leitung der Vorsehung stehe, schloß der Pabst mit diesem einen Vertrag, den ihm sowohl Politik als der Charakter seiner Würde in die Feder gaben. Auch durfte er die Bitte nicht abschlagen, durch seine erhabene Gegenwart And den wollen Glanz des Cultus, dessen oberster Lenker er war, die Vereinigung der Kirche und des Thrones einzuweihen. Er verließ Rom und kam nach Frankreich. Der erste 88 Cvnsul empfing ihn zu Fontainebleau; während seines ganzen Aufenthalts in Frankreich trug das Benehmen der beiden Fürsten gegen einander das Gepräge majestätischer Würde. Die Feierlichkeit der Krönung bestand in der größten und erhabensten Ceremonie, welche je einer Macht den heiligen Charakter der Legitimität aufgedrückt hat. Der Pabst, ein ehrwürdiger Greis, umgeben von allen seinen Prälaten, die Repräsentationen der verschiedenen Stände des Staats, das ganze diplomatische Corps von Europa und die allgemeine Zustimmung Frankreichs und des Heers haben diesem Acte eine Bedeutung gegeben, welche das Haus Bourbon nie wird schwächen können. Diese Acchtheit seiner Legitimität hat vielleicht der Kaiser nicht tief genug gefühlt, als er zu Fontainebleau abdankte. Hätte er die Abdankung verweigert, so wäre er ohne Zweifel ins Gefängniß geworfen worden; aber was konnte ihn die Zukunft kümmern? er hätte als Monarch gelitten. Ebensowenig konnte sein Sohn seine Rechte verlieren; doch ich werde später wieder auf diesen Gegenstand zurückkommen. England sah wohl ein, wie gefährlich ihm der Friede Frankreichs mit dem ganzen Festlande und mit ihm selbst werden würde. Die Expedition nach St. Dv- mingo hatte anfangs guten Fortgang gehabt. Dennoch war es ein schlimmer Gedanke, der dem Kaiser nie hätte in den Sinn kommen sollen; aber die Erinnerung an den blühenden Wohlstand St. Domingv's und die viele» nach Frankreich geflüchteten Colvnisten 69 mahnten ihn dringend, die Eroberung dieser Insel zu versuchen, und der Kaiser gab der allgemeinen Verblendung und dem Wunsche, seine Seemacht zu gebrauchen, nach*). Das Direktorium hatte dk Anführer der Expedition schlecht gewählt und halbe Maaßregeln genommen; kein Wunder daher, daß die Unternehmung nicht gelang. Der General, dem man den Oberbefehl anvertraut hatte, war zwar ein sehr rechtlicher Mann, besaß aber geringe Fähigkeiten, Er hatte kein Glück und wurde ein Opfer der Gewandtheit der-Neger, die ihn am Narrenseile umhe»- führten. Der General, dem der Kaiser die Leitung der zweiten Unternehmung übergab, hatte mehr Geist und Talente als sein Vorgänger, aber er hatte, wie dieser, ein zehrendes Clima und eine durch den glücklichen Anfang verstärkte Macht zu bekämpfen, und mehr als Alles dies hatte die Freiheit mit ihrer ganzen belebenden Kraft und allen ihren Hoffnungen den bereits organisirten Negern eine Stärke gegeben, die sehr schwer zu überwinden war. Der Obergeneral starb als ein Opfer des Clima's, und obgleich er Touffaint-Louverture, das Landesoberhaupt, nach Frankreich geschickt hatte, so unterlag er Loch der ') Der Verfasser erlaubt sich hier eine kleine Jett- versetzung.— Diese Expedition nach St. Domingo fällt nämlich in die Zeit vor der Erhebung des ersten Consuls auf den Kaiserthron. Sie fand im Jahre 1802 Statt, und Toussaint-Louverture starb in der Festung Jour am 14. April 1803. 96 Volkskraft und der vortheilhaften Stellung der Feinde. Den Zeitpunkt der Ungewißheit über den Erfolg der Erpedition benützte England, um den Frieden zu brechen. Pitt, gewohnt, die heiligsten Rechte und Gebräuche mit Füßen zu treten, erneute den Krieg ohne Erklärung, bemächtigte sich der Handelsschiffe, richtete die Kaufleute zu Grunde und setzte das Festland von Neuem in Flammen. Rußland und Oesterreich griffen vereint zu den Waffen. Der Kaiser zog von den Küsten des Oceans gegen Oesterreich, und machte jenen bewundernswürdigen Feldzug, der mit der Schlacht von Austerlitz endigte. Um diese Zeit machte ich von dem Staffcttensysrcm, das mir der Kaiser zu organisireu befahl, und dessen Grundzüge ihm angehören, im Großen Gebrauch. Er hatte die Schwierigkeiten und Nachtheile der Einrichtung empfunden, daß ein einziger Reitender einen ungeheuren Raum durcheilen mußte. Es kammehro- remal vor, daß die Couriere aus Müdigkeit, oder weil sie nicht gehörig gefördert worden waren, seiner Ungeduld nicht bald genug ankamen. Auch schien es ihm gefährlich, einer einzigen Person Nachrichten in die Hände zu geben, deren richtige Ablieferung einen großen und manchmal entscheidende» Einfluß auf dir wichtigsten Ereignisse haben konnte. Ich organisirte daher auf seinen Befehl das Staffettensystem, das darin bestand, daß man die Cabinetsdepeschen in einer Brieftasche, zu welcher er und ich einen Schlüssel hatten, durch die Postillons jeder Station weiter 91 befördern ließ. Jeder Postillon mußte der nächsten Station ein Büchlein überbringen, in welches die Manien aller Posten eingeschrieben und die Stunde der Ankunft und des Abgangs bemerkt war. Auf den Verlust des Büchleins und die Nachlässigkeit des Postmeisters im Einschreiben der Stunde war eine Geldstrafe gesetzt, auf die im Wiederholungsfälle härtere Strafen folgten. Es kostete mich vicleMühe, die Sache in Gang zu bringen, aber eine unausgesetzte Wachsamkeit führte mich zum Ziele, und diese neue Einrichtung übte innerhalb zwölf Jahren eine bedeutende Wirksamkeit aus. Ich konnte mir bei einer Entfernung von 400 Meilen wegen einer Verspätung von einem Tage Rechenschaft ablegen lassen, und alle Tage ging eine Stassette von Paris nach den entlegensten Punkten ab und kam von denselben an. Zudem war das Staffettcnsystem wohlfeiler, als das frühere. Am achten Tage erhielt der Kaiser Antwort auf Briefe nach Mailand, und am fünfzehnten auf Briefe nach Neapel. Diese Einrichtung wurde ihm sehr nützlich; sie war, ich kann es ohne Eitelkeit sagen, eines der Elemente des Gelingens seiner vielseitigen Unternehmungen. Der Feldzug begann mit einem Dvnncrschlag t« Ulm: Preußen erschrak darüber und suchte feine ersten feindlichen Schritte sorgfältig zu verbergen; Au- sterlitz lernte Oesterreich die Kniee beugen, und zeigte den betroffenen Russen den Heimweg. Im folgenden Jahre fiel Preußen in der Schlacht bei Jena, und 92 fügte dadurch einen neuen Beweis zu den tausend andern hinzu, daß man eine reine Monarchie gleich Nichts zu achten hat, wenn nicht ihr Oberhaupt der Trefflichste der Nation ist. Jene Thatsache beweist auch, daß Preußen keineswegs ein mächtiges Volk ist: erschrocken über die verlerne Schlacht beeilte sich der König, sich tief im Norden einen Bundesgenossen zu suchen, und das Heer, unter welchem sich noch Aöglinge des großen Friedrich befanden, hatte seine alte Kraft und sogar die Begeisterung, für seinen alten Ruhm verloren; den einen Tag schlug es sich, und den andern war es nur noch eine Menschenmasse ohne Disciplin und Energie. Ein Einziger rettete die Ehre der Monarchie, aber es war kein Prinz des Hauses Preußen, sondern Blücher war es; sein Marsch nach Lübeck und seine muthvvlle Vertheidigung haben den Preußen in ihrem Unglück ein erhabenes Vorbild des Muthes gegeben.. Jene zwei siegreichen Jahre brachten den Kaiser nicht erst auf den Gedanken, Europa zu besiegen, um es zu beherrschen oder den Vorsitz in demselben zu führen, sondern dieser Gedanke lag tief in seinem Geiste und Charakter; denn die Eroberer haben alle denselben Deukspruch: lieber nicht leben zu wollen, als nicht überall die Ersten zu seyn. Vier Jahre seines Cousülats hatte er mit dbr Untersuchung des Civilcoder zugebracht; in der Zeit zwischen diesem zweiten und dem letzten Kriege beschäftigte er sich' mit größerer Sorgfalt mit der. innern Verwaltung. 93 Während seiner Abwesenheit waren, mehr aus Uncr- fahrenheit, als aus bösem Willen, einige Unordnungen vorgefallen; er nahm daher bei seiner Rückkehr mehrere Versetzungen vor und gab der allgemeinen Verwaltung einen belebenden und fortwirkenden Anstoß. Sein erstaunliches Gedächtniß machte ihn nicht nur zum Herrn des Ganzen, sondern auch des Einzelnen im strengsten Sinne des Worts; auch waren seine Unterhaltungen für Leute, welche ihrer amtlichen Verrichtungen nicht ganz Meister waren, sehr gefährlich. Diese beständige Aufmerksamkeit auf alle Zweige der Staatsverwaltung und seine Kunst, sie aufs Trefflichste im Kopfe zu ordnen, war ein mächtiger Hebel seiner weitaussehenden Unternehmungen. ES begegnete mir oft, daß ich mir der Entfernungen und vieler andern Einzelnheitcn meines Amtes nicht so sicher bewußt war, wie er, und daß er mich darin zurechtwies. Herr von Talleyrand erzählte mir, daß, als er mit ihm von Bologna nach Paris zurückreiste, ihnen wenige Tage nach dem Abmarsch des Heeres von den Küsten ein Peloton Soldaten begegnete, welche zurückgeblieben waren und nicht wußte«, wo sie ihr Corps wieder finden sollten. Der Kaiser brauchte nur die Nummer ihres Regiments zu wissen, um ihnen die Richtung anzugeben, welche sie zu nehmen hatten; er berechnete schnell den Tag ihres Abmarsches, den Weg, den sie genommen, und die Straße, auf der sie marschirt waren, und sagte dann zu ihnen:„Ihr werdet euer Bataillon an dem 94 u«d dem Etappenplatze finden." Das Heer war damals 2vv,ooo Mann stark. Man wußte, daß erden Namen einech Tapfern nie vergaß, und man durste ihm nur eine Gelegenheit ins Gedächtniß rufen, bei der man sich muthkg gehalten hatte, wenn man be» ivhnt seyn wollte; versprach er etwas, so konnte man sicher auf die Erfüllung seines Versprechens zahlen. HetrathS- und ScheidungAnäne.— Merkwürdige Eröffnung des MarschollS— Verzweiflung der Kaiserin.— Das Hei- rakhSconvent.— Josexhineus Muth.— Wahrhafter Schmer, des Kaisers.— Marie Louist,— Die ungsückliche Seiln«.— Die Gehurt des Königs von Rom. Me Schlacht bei Wagram hatte einen großen Einfluß auf das Schicksal Frankreichs, aber weniger, weil sie dem Festlands noch einmal den Frieden schenkte, als we.il sie zwei Kronen vereinigte. Die ersten Einleitungen zn der Heirath des Kaisers mit der Erzherzogin Marie Louise fünden trotz dem Widerstands einer bedeutenden Partei zu Wien bei dem Fürsten von Metternich Statt. Ich bekam die erste Andeutung davon auf eine ganz eigenthümliche Weise. Dem Kaiser mußte die Scheidung von einer Frau, die seine ganze Zuneigung verdiente, und deren edle Eigenschaften sie zum Gegenstände der Verehrung ganz Frankreichs machte, viele Schwierigkeiten verursachen. Der Marschall*** besuchte mich am Tage «ach seiner Ankunft. Wir waren alte Freunde, und SS sein Antrauen zu mir war grenzenlos. Er klagte bet mir sehr über seine Frau. Ich habe ihn von jeher für eifersüchtig gehalten, und glaube noch jetzt, daß er seiner Frau nie hat Gerechtigkeit widerfahren lassen. Nachdem er sehr mißvergnügt und in dem Tone eines Mannes, der sein eheliches Verhältniß zerreißen will, von derselben gesprochen hatte, erzählte er mir eine Unterredung, die er zu Wien mit dem Kaiser gehabt hatte. Dieser schlug ihm vor, seine unangenehmen häuslichen Verhältnisse durch Scheidung aufzuheben.„Sie werden kein Kind von ihr bekommen," sagte er zu ihm,„und doch müssen Sie wünschen, daß ein Name wie der Ihrige nicht erlösche. Scheiden Sie sich, und Sie können dann unter den vornehmsten Familien Frankreichs eine Gemahlin wählen, welche Ihnen Nachfolger in Ihrem Range und Ihren Würden geben wird." Als der Marschall mir diese Eröffnung machte und mich um meinen Rath fragte, war er eben so sehr als ich- entfernt, den geheime» Beweggrund zu argwohnen, der den Kaiser zu einer solchen Sprache veranlaßt hatte. Ich zweifle nicht an der Einsamkeit seiner Frau; sie besaß sehr achtungswerthe Eigenschaften und hatte ihrem Gemahle ein großes Vermögen zugebracht; ich rieth ihm daher, von einem Schritte abzustehen, der ihm lange Reue bringen könne. Er folgte meinem Rathe, und ich glaube, er that wohl daran. Wenige Tage darauf kam der Kaiser vorn Heere? und zwei Monate nachher begab er sich nach 96 Fontainebleau. Ich reiste beinahe zu gleicher Zeit dahin. Kaum war ich angekommen, als ich von der Kaiserin den Befehl erhielt, auf einer Geheimtreppe in ihr Gemach zu kommen. Ich fand sie in der tiefsten Niedergeschlagenheit. ,-Hören Sie," sagte sie zu mir,„was FonchL mir gesagt hat: Es ist nothwendig, daß Ew. Majestät Frankreich und dem Kaiser einen großen Beweis.Ihrer Liebe gebe. Der Kaiser muß Kinder hinterlassen, die seine Nachfolger werden können, und Frankreich eine Familie schen» kcn, welche den Bourbouen alle Hoffnung der Rückkehr benehme. Zehn Ehejahre rauben der Nation und dem Kaiser alle Hoffnung, je Kinder von Ew. Majestät zu erhalten. Sie sind in dieser Beziehung das einzige Hinderniß für die Sicherstellung des Glückes Frankreichs; lassen Sie sich herab, dem Rathe eines Mannes zu folgen, der Ihnen treu ergeben ist. Die besondere Lage, in der Sie sich befiir- den, legt Ihnen ein großes Opfer auf, das Sie Ihrem Ruhme und dem allgemeinen Wohle bringen müssen; wohl weiß ich, wie hart es ist, aber Ihr hoher Sinn wird es zu ertragen wissen. Der Kaiser selbst wird es nicht bringen, ich kenne seine Liebe zu Ihnen; aber seyen Sie größer als er, und liefern Sie Liesen letzten und größten Beweis Ihrer Liebe gegen das Vaterland und den Kaisers die Geschichte wird Ihnen dafür lohnen, und Sie über die ausg»- zeichnctsten Frauen stellen, welche je auf dem Throne von Frankreich gesessen sind."— Ich war über diese - S7— Rede so bestürzt," setzte sie hinzu,„daß ich ihm nichts antworten konnte, als, ich werde den seltsamen Antrag überlegen, und ihm in einigen Lagen Antwort geben. Rathen Sie mir nun, was ich thun soll, Sie sind ja mein Verwandter und treuer freund. Ist es nicht klar, daß Fvuchü von dem Kaiser geschickt war, rmd daß mein Leos schon entschieden ist? Ach! vvm Throne hcrabzusteigen, ist etwas Geringes für mich, ich weiß am besten, wie viel Thränen er mich schon gekostet hat, aber zugleich den Mann zu verlieren, an den ich meine theuersten Gefühle ge- kirüpst habe! Das Opfer geht über meine Kräfte!" Auch ich dachte, wie die Kaiserin, Fauche werde vvm Kaiser geschickt worden seyn, aber ich war über diese überraschende Eröffnung eben so bestürzt, rotste, und bat sie daher um einige Stunden Zeit zur Antwort. Es bedurfte bei mir keines langen Nachdenkens, um auf die Ueberzeugung zu kommen, daß der Vorschlag, mochte er nun auf Befehl des Kaisers gemacht worden seyn, oder hatte Fouchü sich selbst den Ruhm erwerben wollen, eine solche Veränderung eingeleitet zu haben, zu große Vortheile darbiete, als daß er wieder aufgegeben werden konnte, und daß das Opfer gebracht werden mußte. Aber auf der andern Seite kannte ich auch die Liebe der Kaiserin zu ihrem Gemahle zu gut, um nicht überzeugt zu seyn, daß sie dem Opfer nie entgegengehen würde. Ich war ihr schon lange treu ergeben, war der Freund ihres Sohnes und der Gatte r. 7 — 98 Wer Nichte: es war daher sehr natürlich, daß ich sie nicht zum Eingehen in einen Plan crmuthigte, der vielleicht nur in dem Kopfe eines Ehrgeizen gewachsen war, und nicht alle Bände zerreißen wollte, die mich an diese Familie-knüpften, worunter nicht solche Bande gemeint sind, die mir von Nutzen, seyn konnten, sondern die der Freundschaft. Zudem habe ich von jeher ein großes Mißtrauen in jene menschliche Klugheit gesetzt, welcke, indem sie die Zukunft vorauszusehen meint, sie beherrschen will. Nur den großen Geistern ist diese Voraussetzung vergönnt, und auch sie täuschen sich oft. Ich rieth der Kaiserin, über die Sache zu schweigen, die Schritte des Kaisers abzuwarten, und Fouch« zu erklären, daß seine erste Pflicht Treue gegen den Kaiser, seine zweite aber Gehorsam sey, und daß sie daher von Niemand mehr etwas über diese Sache hören wolle, als von dem Manne, der über ihr Schicksal zu entscheiden habe. Dieser Rath sagte ihr zu, und sie befolgte ihn. Aber schon nahte die Entscheidung. Ohne Zweifel war schon Alles mit Oesterreich abgemacht, als der Kaiser den Prinz Eugen von Italien kommen ließ, um seine Mutter in dem verhängnißvollen Augenblicke zu trösten- worauf er wenige Tage nachher - eine Privatberathung hielt, zu der, außer den hohen Staatsbeamten und den Ministern, die Mitglieder der Familie zugelassen wurden. Hier legte er die Gründe auseinander, welche ihn bestimmten, zum Wohl des Staats in einer andern Verbindung die SS.— schon lange verlorene Hoffnung auf Nachkommenschaft wieder zu suchen. Hierauf erklärte er, er könne sich seine neue Gemahlin aus dem Hause Oesterreich, oder aus dem Hause Rußland, oder aus den Herrscherhäusern D, tschlauds wählen. Die hohen Staatsbeamten und die Minister, wahrscheinlich von seinem Entschlüsse schon vorher unterrichtet, stimmten für eiye österreichische rinzesfln, ebenso der Prinz Eugen, der als Hauptgrund, die katholische Religion anführte, in der die Erzherzogin erzogen sey. Der König von Neapel dagegen erklärte sich für eine russische Prinz nn, und begründete seinen Vorschlag durch die politischen Vortheile, welche eine solche Verbindung mit dem mächtigsten und von Frankreich entferntesten Herrscherhause Europa» gewähren würde, gegen die Heirath mit einer österreichischen. Prinzessin aber führte er alle Nachtheile und Unannehmlichkeiten an, von denen uns die Geschichte eine so traurige Erfahrung, gegeben hatte.„Familienverbin- dungen," setzte er hinzu,„haben Frankreich immer nur widrige Rechte aufgebürdet. Frankreich wird alle. Fehler jener Regierung, diese drückende und gefährliche Last, mittragen müssen. Die Lage dieses Hauses allein kann es dazu bestimmen, eine Verbindung zu schließen, die es nach seinen stolzen Ideen insgeheim verabscheuen muß. Es ist es besonders, das dem Gedanken, daß die Fürsten keine Verwandten haben, die volle Kraft einer Massme gegeben hat. Frankreich wird genöthigt seyn, es mit großen Ko- sten in seiner oft so verkehrten Politik«ud seinen schlecht geführten Kriegen zu unterstützen, wenn aber wir seine Hülse nöthig haben werden, so werden wir bei ihm weder Kraft noch Treue finde». Bei einer^ Verbindung mit Rußland wäre von Allem diesem nichts zu befürchten." Diese Bemerkungen waren sehr vernünftig, aber sie vermochten nichts, weil der Entschluß schon gefaßt war. Ich hatte vorher gehört, daß man ihm zu einer Heirath mit einer Großher- zvgin zugeredet hatte, und die Person, die mir dieß anvertraute, hatte einen so rechtlichen Charakter und befand sich in einer Lage, die ihr so gute Gelegenheit gewährte, die wichtigsten Dinge zu ersah, ren, daß ich an der Wahrheit ihrer Mittheilung nicht zweifeln kann. Indessen stand der Entschluß ins Kaisers damals schon so fest, daß der Grund, auS dem er noch jene Frage aufstellte, nur eine Art von Eitelkeit, die ihm vielleicht nicht ganz fremd war, oder ein politischer Zweck seyn konnte, den ich übrigens bis jetzt nicht zu entwirren vermochte. Wenige Tage vorher hatte er mich zu sich kommen lassen. Er wollte der Kaiserin den bittern Trank Lurch einen Freund reichen lassen; seine Wahl fiel aas mich.„Die Nation hat so viel für mich ge- thau," sagte er zu mir,„daß ich ihr die Aufopferung meiner innigsten Neigung schuldig bin» Eugen ist nicht jung genug, als daß ich ihn als meinen Nachfolger betrachten könnte, und ich bin nicht alt M nug, um keine Kinder mehr hoffen zu können, 1S1 doch darf ich von ihr keine hoffen; die Ruhe Frank, rcichs erfordert es, daß ich mir eine neue Gemahlin wähle. Seit mehreren Monaten lebt die Kaiserin in den-Qualen der Ungewißheit. Alles ist zu einer neuen Verbindung, vorbereitet. Sie sind der Gemahl ihrer Nichte, und sie beehrt Sie mit ihrer Achtung: wollen Sie es übernehmen, ihr diese traurige Nachricht mitzutheilen, und sie auf ihr neues Schicksal vorzubereiten?" Ich antwortete ihm, daß mein Verhältniß zu der Kaiserin mir nicht erlaube, einen solchen Auftrag anzunehmen, und daß es mir paffender schiene, wenn S. Majestät denselben einem andern geben würde, der in weniger zarten Verhältnissen stünde. Er schien durch meine Weigerung nicht be- leidigt und beauftragte nun Herr» N*** damit, der sich seines Geschäftes mit Aartheil und dem gewünschten Erfolge entledigte. Die Ankunft des Prinzen Eugen war ein großer Trost für die Kaiserin. Als sie im Staatsrathe, vor dem Kaiser, In Gegenwart der hohen Reichsbcamten ihre Zustimmung zu der Scheidung erklären mußte, zeigte sie einen so hohen Muth und eine solche Entschlossenheit, daß Jedermann tief gerührt wurde. Am folgenden Tage verließ sie die Tuilerien, um nicht mehr dahin zurückzukehren. Der Kaiser hatte den Abend vorher einige Stunden bei ihr zugebracht: sein Schmerz war tief, und dieser Mann, den die bedeutendsten Ereignisse nie hatten hemmen und bewegen können, beugte das Knie vor der trefflichen Frau und vergoß reichliche Thränen. Ich besuchte sie am Morgen ihrer Abreise. Einige Hofleute kamen, um ihr ein kaltes Lebewohl zu sagen, und ihr ihre erzwungenen Wünsche darzubringen, und als i sie mnr ihrer Hofdame, der Gräsin von Alberg, und ihrem Ehrencavalier in den Wagen stieg, war Niemand mehr da, um ihr ein dankbares Gesicht zu zeigen. Schon waren alle Wünsche, alle Hoffnungen auf den neuen Hof ge icvtet. Der Kaiser lebte vierzehn Tage lang zu Trianon in der Aarückgezogen- heit; sein Schmerz war wahrhaft und tief, aber die Erzherzogin kam an, und von diesem Augenblicke gab er sich ganz dem Vergnügen hin, das ihm diese neue Verbindung versprach. Das Glück, das bisher seinem Geiste gehuldigt hatte, gewährte ihm auch diese neue Gunst ohne s Vorbehalt. Die neue Kaiserin hatte einen hohen schönen Wuchs und eine kräftige Gesundheit, und war überhaupt mit den Reizen und der Schönheit geschmückt, welche gewöhnlich die Jugend begleiten. Auf ihrem Gesichte fand man alles wieder, was die Physiognomie der kaiserlich-österreichischen Familie Eigenthümliches, hat, aber es hatte offenbar den Ausdruck der Gutmüthigkeit, und ihr Lächeln» ar, was sonst bet dieser Familie nicht gewöhnlich ist, sanft und liebenswürdig. Die Pracht, die sie umgab, der Glanz des ersten Throns der Welt, die um ihre Gunst wetteifernden Künste, ein junger, glänzender und kriegerischer Hof zu ihren Füßen, und die Liebe — 103 des Kaisers, dessen Herz sie schon seit mehreren Jahren gewonnen hatte, machten ihr Paris zu einem wahren Aaubcrgartc». Auch äußerte sie dieses-oft mit einer liebcnswürdigcnUr.befangcuheitundWärme. Die Heirathscercmonien wurden mit großer Pracht begangen. Viele Lente erinnerten sich jedoch dabei an die Ankunft der Erzherzogin Marie Antoinctte und an den traurigen Abend, an dem das Feuerwerk auf dem Platze Ludwigs XV. gegeben wurde, und wo so viele Menschen umkamen. Das Publikum gefiel sich darin, diese beiden Erscheinungen zu vergleichen, und besonders geschah dies aus Gelegenheit des von der kaiserlichen Garde auf dem Marsfelde gegebenen Festes; ein herrliches Fest, wo unter 6000 Personen die bewundernswürdigste Ordimng herrschte, die in einem eilig aus Holz gebauten Saale versammelt waren, den noch von außen über 80,000 Menschen umgaben, welche herbeigekommen waren, um das Feuerwerk zu sehen. Alle diese Festlichkeiten waren zu Ende, als der Kaiser die Einladung des österreichischen Gesandten, des Fürsten von Schwarzenberg, zu einem Feste in feinem Hotel in der Straße Mont-Blanc annahm. Die Gesellschaft war wenigstens 600 Personen stark, und um so viele Gäste aufnehmen zu können, hatte der Fürst in dem Garten einen Rundsal von Holz bauen lassen, der aber mit den Gemachern des Hotels zusammenhing. Der Baumeister hatte denselben innerhalb vier Tagen vollendet. Unglücklicherweise 164 befestigte er den Boden des SaakS ron der einen Seite an den gegen den Garten liegenden Theil des Hotels, und von der andern auf den Felsen einer Grotte, die, glaube ich, nie einen Tropfen Wasser gesehen hatte. Die Gallerte, ebenfalls von Holz, war dazu erbaut worden, nm einen Alisgang auf die Straße Provence zu gewähren. Es war im Anfang des Sommers und sehr heiß; Gaze- und Mousselim tlicher und mannigfaltige Blumengewinde bedeckten den Umkreis des Saals und alle seine Zugänge. Eine ungeheure Menge Wachslichter erhitzte die Luft noch mehr und theilte allen jenen Verzierungen eine ent» zündbare Trockenheit mit. Eine Wachskerze neigte sich zu einem Vorhang an der Gallerie hin und setzte ihn in Feuer; ein sehr großer Kammerherr bemerkte es und rieß denselben herab, aber die Flamme machte so schnelle Fortschritte, daß sie in wenig Sekunden im Saale war und sich rings verbreitete. Alles stürzte in den Garten. Aber da nur Eine Thüre da war, so drängte sich die Menge auf Einen Punkt zusanv men, zerbrach die Bretter des Fußbodens und viele Personen stürzten über fünf Fuß tief hinab. NUN erreichte die Verwirrung den höchsten Gipfel: das angstvolle Rufen, das verzweiflungsvolle Geschrei und das Bemühen, der Gefahr zu entgehen, das weder Geschlecht noch Rang mehr achtete, machten diese Scene zu einem schrecklichen Schauspiel. Bald hatte das Feuer den Giebel des Saales erreicht und verzehrt, der Plafond senkte sich und das Ganze ge- 105 währte den Anblick eines ungeheuern Fcucrofens. In drei Minuten hatte die Flamme Alles ergriffen. Das Feuer verzehrte seine Opfer noch in den Gärten und'selbst auf den Straßen, wohin sie sich halbnackt mit den Ucbckblcibseln, ihrer entzündeten Kleider ge- flüchtet hartem Der Kaiser hatte sich in dem Augenblicks entfernt, als daS Feuer in den Saal kam, aber nachdem er die Kaiserin in Sicherheit gebracht hatte, kehrte er schleunig in Civilklcidcrn mit dem Prinzen Eugen zurück, der die Prinzessin August« durch gkoße Geistesgegenwart gerettet hatte. Der Anblick war entsetzlich: unglückliche Fransn, die nn- ter den Fußboden gefallen waren, hatten durch dke Pfähle, auf denen er ruhte, den Ansgang zu gewinnen gesucht, aber schon halb verbrannt streckten str vergeblich ihre mit furchtbaren Wunden bedeckten Arme durch die Gitterstangen» nud erhielten erst Hülfe, als-s schon zu spät war. Dieienigen von ihnen, welche noch gerettet wurden, starben kurz darauf unter schrecklichen Schmerzen. Die Prinzessin Lepen, eben so ausgezeichnet, durch Schönheit, ats durch ihre Tügcnden achtungswcrth, flüchtete sich mit halbvcrbranntem Leib und Gewände zn einer armen Pförtnerin eines nahen Hotels; sie konnte nicht mehr sprechen. Die alte Frau bedeckte sie mit ihren Kleidern und ei» schwedischer Ofsicier, der sie gerettet hatte, ohne sie zn kennen, konnte nur das Wort Passy aus ihr hervorbringen, was er für den Namen ihres Wohnorts hielt. Er brachte sie in ei- 166 neu FiskE, führte sie auf das Dorf, und zeigte sie von Thüre zu Thüre, bis sie endlich ihre Leute an ihrem Geschrei erkannten. Die Unglückliche starb vier Tage nachher in der Blüthe ihrer Jahre, nachdem sie noch vorher ihre Tochter weinend gesegnet hatte, die am Fuße ihres Bettes getraut wurde. Das Schicksal der Fürstin von Schwarzcnbcrg, der Schwägerin des Gesandten, war eben so traurig. Sie war mit ihren Kindern auf dem Balle, durch ihre Schönheit ein Gegenstand der Bewunderung, strahlend von Diamanten und im glänzendsten Schmucke prangend. Sie floh in den Garten, da sie aber ihre älteste Tochter nicht bei sich sah und nicht finden konnte, so stürzte sich die kühne Mutter wieder ia den Saal zurück, aber der Boden sank unter ihren Füßen zusammen, sie wurde von dem Fcuervfcn verschlungen, und als man nach einigen Stunden die Flamme bcmeisterte, fand man blos noch ein formloses schwarzgebranutes Sceleit. Nur an den Ringen, welche sie an den Fingern trug, erkannte man sie noch. Mich hatten Geschäfte in meiner Wohnung zurückgehalten; das strahlende Licht der Feuersbrunst und der Lärm auf den Straßen leiteten mich auf den Schauplatz jener schrecklichen Vorfälle. Man konnte sich nicht mehr nähern, das Volk versperrte alle Am gänge. Sein unversöhnliches Gedächtniß hatte es an das Blutbad Ludwig XV. bei der Heirath der unglücklichen Marie Mtoinette erinnert: die traurigsten 107 Ausammcnstelluugen und die schlimmsten Weissagungen verknüpften sich mit dem Namen Marie Loui- sens, un> ich entfernte mich mit zerrissenem Herzen, und für diese Menge mich schämend, die so wenig Theilnahme an jenen Opfern zeigte, und durch ihre boshaften Bemerkungen bewies, daß sie kein Mitleid mit den Unglücklichen empfand, deren Vergnügungen und hoher Rang ihre» Neid erregt zu haken schienen. Indessen gingen die düstern Ahnungen des Volks damals noch nicht in Erfüllung. Die Kaiserin kam am 2». März mit einem Sohne nieder. Ihre Schwangerschaft hatte die Hoffnung gesteigert, und das Volk, dem ihr Anblick oft zu Theil wurde, bezeugte ihr alle Theilnahme, welche sie verLicnte. Die Regierung hatte bekannt Machen lassen, daß, wenn sie eines Prinzen genäse, ivt Kanonenschüsse gethan werden würde», brächte sie aber eine Prinzessin zur Welt, nur 25. Bcidem 26 Kanonenschuß stieg die Freude bis zum Wahnsinn, und das nicht allein in Paris, sondern in ganz Frankreich. Alle Wünsche waren erfüllt, das Glück des Staates schien fest gegründet und Frankreich vor allen Revolutionen gesichert. Damals, habe ich seitdem mit so vielen Andern oft gesagt, damals hätte der Kaiser seinen Er- oberungsdegen aufhängen und sich mit der Verwaltung seines großen Reichs zur Ruhe setzen sollen. Frankreich wäre glücklich gewesen, und der Nam« der Vourbvnen wäre in ewige Vergessenheit versunken. — 168 Die Entbindung war schwer gewesen; die Kokserin litt mehrere Stunden große Schmerzen. Ich kam kurz vor der Niederkunft in den Palast, obgleich mich mein Amt nicht dabin rief, aber ich hatte zu jede, Stunde freien Antritt. Der Kaiser war in großer Bewegung und kam alle Augenblicke in das Schlaf- gemach der Kaiserin. A!S endlich die Aerzte über die Art, sie zu entbinden, schwankten, sagte der Kaiser mit fester aber bewegter Stimme zu ihnen: „Thun Sie, wie wenn eS eine bloße Bürgerin wäre, retten Sie vor allem die Mutter." Das Kind kam indessen gesund zur Welt, und der Kaiser zeigte es uns sogleich. Die Freude, die man auf allen Ge- sichtern las, war rein und lauter. Könnte dieses Kind eines Tags alle die Wünsche verwirkliche»/ welche seine Geburt hervorrief, und wenn dies für Frankreich nicht gut seyn sollte, möchte dieses doch wenigstens einst stolz darauf seyn dürfen, es unter seine Kinder gezahlt zu haben! Bruib zwischen Frankreich und Rußland.— Der Frldzng von i8>2.— unglückliche Verblendung deS ÄSnigS von Nessel.- Die B-rswwcrung Mallrt'S. Trotz dem ruhmvollen Widerstände der Spanier und dem wechselnden Waffenglück unserer Heere In ihrem Lande, hatte der. Kaiser doch immep einen Theil Preußens besetzt gehalten, und den Mittelpunkt seiner militärischen Macht nach.Hamburg ver« 109 legt und!n die Hände des Marschalls Davoust gegeben. Der Marschall war des Vertrauens des-Kaisers durch ferne treffliche» Dienste bei Jena und seine treue Ergebenheit würdig geworden. Die Bedingungen ,dcs Vertrags von Tilsit hinsichtlich Englands sollten nur auf drei Jahre gültig seyn. Der Kaiser Alexander war wegen dcS Zustandes, in weichem sich der Handel seines Reichs befand, sehr rn Verlegenheit: die Laudeserzcugniffe fanden keinen Absatz, seit England dieselben nicht mehr zulassen wollte, und die Eigenthümer großer Besitzungen, welche dem hohen Adel angehörten, murrten. In er» nem Lande, wo es bei Verschwörungen zuerst auf das Leben des Fürsten losgcht, ist es vielleicht gefährlicher als irgendwo, den Leidenschaften und Irr» keressen der Großen lange zn widerstreben, weil dieß nicht nöthig haben, das'Volk ankzuwiegeln, sondern drei kühne Aufrührer und einige Soldaten das Schicksal des Fürsten und des Reiches entscheiden. Diese Betrachtung mußte auf den neuen Entschluß dos Kaisers Alexander Einfluß haben. Außerdem war er 814.— Intriguen der Noyallsten unter der Leitung bet- Herrn von Talieyrond.— Verlegenheit des Regent- fchaftrg HS.— Energischer Rath, den Herr Voulay de l« Meurthe der Kaiserin gibt.— Kampf unter den Mauern von PariS.— Kapitulation— Hinkunft des Kaisers im französischen Hof.— Seme Niedergeschlagenheit.— Einzug der Verbündeten.— Anblick der Hauptstadt.— Napoleon in Fontai- nebleatl.— Läßigkeit und Abfall der Anführer.— Abdankung. Während der Kaiser von allen europäischen Heeren beunruhigt, sich wie ein Löwe herumschlug und, sie eines nach dem andern angreifend, durch die Schnelligkeit seiner Bewegungen ermüdete und ihre Plane und Manövers vereitelte, standen in Paris selbst noch gefährlichere Feinde wider ihn auf und verbanden sich mit den auswärtigen zu seinem Fall. Herr von Talleyrand, den sie zu ihrem Anführer gewählt, ging jedoch nicht so hastig zu Werke, als die Ungeduldigen verlangten. Der große Name Napoleons, eine Reihe glänzender Siege, die unerschöpflichen HülsSquellcn seines Geistes, sein unbändiger Charakter, die Möglichkeit einer friedlichen Vermittlung, endlich die Lage Frankreichs, das immer noch für den Kaiser eingenommen war, dies alles geboten ihm, behutsam zu Werke zu gehen. Ucberdies, was hatte er von den Bourbonen zu erwarten? Er, seit 2S Jahren ihr beständiger Feind, der Ueberläufer zur cvnstituircnden Versammlung, der Minister des Direktoriums und Napoleons, der verheirathete Priester? Aber wenn auf der andern Seite endlich Frankreich über so viele Feinde triumphirte, was hatte 132 er nicht zu fürchten von einem gereizten Sieger, der allen seinen treulosen Umtrieben auf die Spur kommen mußte? Sollte er geachtet, fern vom Vater- lande die letzten Tage eines schwachen, entehrten Alters verbringen? Er dachte also darauf, sich seine Freunde zu erhalten, und um nicht den Gewaltstreichen des ungestümen Polizeiministers zu erliegen, ersann er den schlauen Plan, den Herzog von Rovigo in Angst zu jagen. Dieser hatte, wie man sagt, bei dem Processe des Herzogs von Enghien den Vorsitz geführt, er hatte die einzelnen Umstände dabei nicht verhehlt, die man»och vergrößert hatte, weshalb die Rovalisten einen wüthenden Haß auf ihn geworfen hatten. Vater einer zahlreichen Familie, bei einem nicht sehr beträchtlichen Vermögen, konnte er des Gehalts der Regierung nicht entbehren. Herr von Talleyrand sehte ihm seine neue Lage im Fall eines Sturzes des Kaisers, der unvermeidlich schien, auseinander, und lobte seine Treue und Ergebenheit; aber er gab ihm den Rath, sich nicht jeden Ausweg auf die Milde und selbst auf die Gnade Ludwigs XVIII. abzuschneiden durch strenge und gewaltsame Maaßregeln gegen die Rovalisten, was selbst für den Kaiser schlimme Folgen haben könnte, indem leicht dadurch Unruhen in der Hauptstadt entstünden, welche die Polizei niederzuschlagen außer Stande wäre. Der Minister wankte. Die Herrn von Poliguac, die seit Georges Verschwörung verhaftet waren, waren um diese Zeit aus ihrer Haft 133 entflohen. Die Herzogin von Rvvigv war ihre Verwandte, nnd wenige Tage nach der Ankunft des Grafen von-Artvis, sagte mir der Herzog, daß di< Herren von Polignac bei ihm gewesen nnd ihm den Vorschlag gemacht hätten, drucken zu lassen, daß sie ihm für ihr Entkommen verpflichtet seyen. Er hatte zwar diese Bekanntmachung abgeschlagen, aber man konnte leicht abnehmen, daß es ihm nicht unlieb war, daß der Hof die Anecdote glaubte. Nach dem Gefecht bei Montercau hatte der Kaiser ihm einen schriftlichen Befehl zukommen lassen, Herrn von Tallevrand aus Paris zu entfernen, nnd ihm dabei ausdrücklich eingeschärft, ihm jede Verbindung mit seinen Freunden in der Hauptstadt abzuschneiden. Ich befand mich gerade im Cabinct des HerzvgS, als dieser die Depesche laS; er war iu Verzweiflung.„Was denkt der Kaiser?" rief er aus.„Habe ich nicht genug Noyalistcn in ganz Frankreich im Zaum zu halten? Will er mir auch noch die Vorstadt Saint-Germain aufladen? Talley- rand allein kann sie im Zaume halten. Ich werde diesen Befehl nicht vollziehen und später wird es mir der Kaiser danken." Indeß war diese Maaßregel sehr klug ausgcdacht. Die Royaliflen wären ohn« Oberhaupt gewesen, der Feind ohne Leitung und Aufmunterung. Vielleicht hätte er die Unternehmung aufPariS, die für den Kaiser so verderblich war, nicht gewagt. Marmont hätte den Waffenstillstand r, 30. April nicht unterzeichnet uud die zwölf Stunden 134 die Napoleon brauchte, um in die Hauptstadt zu kommen, würden ihm nicht gefehlt haben. Diese unselige Befangenheit des Herzogs von Ro- vlgo, der gleichwohl dem Kaiser treu geblieben war' war nicht die einzige Ursache unserer Unglückssälle. Alle Staatsbeamten theilten diese Gesinnung, Schrecken und Muthlos,gkeit hatte sich aller bemächtigt, und mit Ausnahme eines Voulay de la Meurthe, Lhibaudeau und einigen andern Veteranen der Revolution, die mit den politischen Unruhen vertraut waren und von den Bvurboncn nichts zu erwarten, wohl aber alles zu fürchten hatten, waren die Uebri- gen nur darauf bedacht, sich aus dem Schiffbruch zu retten. Der Kaiser hatte seinen Bruder Joseph zu seinem Stellvertreter in Paris ernannt. Dieser Fürst, der Alles leiten sollte, hatte einen sehr liebenswürdigen Charakter und ausgebreitete Kenntnisse, aber es fehlte ihm an Energie, er wußte weder im Rathe zu überreden, noch die Massen, die nur eines Oberhaupts bedurften, zu begeistern. Der Erzkanzler Cambacercs, ein unterrichteter Rechts- gclchrter, aber energischen Entschlüssen fremd, konnte sich nur dem allgemeinen Schicksal unterwerfen. Der Herzog von Fcltre, Kriegsminister, ein geschickter Arbeiter, aber ein eitler, eingeschränkter Kopf, träumte bereits von der ausgezeichneten Ehre, Minister der Bourbvnen zu werde». Es wurde unter dem Vorsitze der Kaiserin ein Rath gehalten, in dem Augenblick, wo der Feind, 135 die Marschälle von Ragusa und Treviso vor sich her- treibend, in Meanr eingezogen war. Die Kaiserin verlangte, man solle einen Entschluß über sie und ihren Sohn fassen, denn sie hoffte nichts mehr von seinem Vater, auch war man seit einigen Tage» ohne Nachrichten vom Kaiser. Man durfte ihr nur edle Rathschläge ertheilen. Bvulay de la Meurthe nahm dies über sich und sie an Maria Theresia, ihre Großmutter, und den ungrischen Reichstag erinnernd, sprach er:„Madame, schlagen Sie ihre Wohnung im Stadrhause auf, eilen Sie mit ihrem Sohn auf den Armen durch die Straßen, ganz Paris wird auf die Wälle eilen. Lassen Sie die verbündeten Sou- veraine wissen, daß Sie in der Hauptstadt in der Mitte Ihrer getreuen Unterthanen bleiben, daß Sie ihre Gefahren theilen werde», daß Sie nur gezwungen von dem Throne Herabsteigen werden, den Sie unter dem Beifallrufc der Völker und Könige bestiegen haben, die Sie jetzt belagern." Dieser kräftige Rath erschien der Schwäche nur als eine revolutionäre Prahlerei. Cambaci-res verlas ein früheres Schreiben des Kaisers, das den Befehl enthielt, die Kaiserin und ihre» Sohn nicht der Gefahr einer feindlichen Gefangenschaft auszusetzen. Die Berathung harte jetzt ein Ende und man beschloß, die Kaiserin und der Regcntschaftsrath solle sich nach Blois begeben. Unter den Gründen gegen das Bleiben der Kaise« rln in Paris war einer der wichtigsten das Loos des Kaisers. In der That, was wäre aus ihm geworden, wenn nun die Verbündeten den König von Rom und die Regentschaft anerkannt hätten? Paris verschloß ihm die Thore; die ermatteten Volker hätte» sich der neuen Regierung unterworfen; das Heer wäre gewiß vor einem Bürgerkrieg zurückgetreten, oder hätte es jedenfalls der Feind schnell zerstreut. Zudem, wie konnte die Kaiserin das Verderben ihres Gemahls unterzeichnen? Denn frei hätte er nicht bleiben dürfen, und so wäre dem Weltervbcrer in ganz Europa kein Winkel geblieben, wo er sicher hätte sein Haupt hinlegen können, ja seine Gemahlin und seine Freunde hättet selbst seine ewige Gefangenschaft verlange» müssen. Während nun die Kaiserin mit ihren Ministern Paris verließ, langten die beiden Heerhaufen der Marschälle Nagusa und Mvrtier, von den Russen und Preußen verfolgt, auf den Höhen von Paris an, wo sie sich aufstellten. Ihre Anzahl betrug nicht über. 14,6Ü9 Mann. Man ließ noch einige tausend Mann aus den Depots von Marseille und Rambouillet zu ihnen stoßen. Auch die tapfern jungen Leute der polytechnischen Schule schloffen sich an sie an, und einige Bataillone Nationalgarden rückten ebenfalls auS der Stadt. Alle diese Truppen schlugen sich sehr tapfer, allein die feindlichen Streitkräfte, die sich noch stündlich vermehrten, waren»«verhält- 137 s nißmäßig stärker. Der Fürst Joseph, der für den unvorhergesehenen Fall keine bestimmten Jnstructio, >, uen hatte, wagte eS nicht, eine längere Vcrtheidi- e gnng der Hauptstadt, die so gar keinen Erfolg ver- n sprach, auf sich zu nehmen. Das Volk, und besvn- r ders die Bewohner der Vorstädte, verlangten sich ^' zu schlagen, und bereits sprach man davon, das Pfla- g ster aufzureißen, überhaupt sich ganz aus einen scind- e lichen Angriff zu rüsten. DaS Volk war also gut z disponirt; aber am Abend des 29. März blieben nur , noch der Marschall Moncep, Kommandant der a Nationalgardc, und die beiden Präfectcn, der De- t xartementS- und der Polieei-Präfect. Bei ihrer Ab- ^ reise von Paris hatten ihnen die Minister aufgetra- i gen, Alles zu thun, daß die Hauplstadt ruhig bleibe und sie stets mit den nöthigen Lebensmitteln ver- , sorgt werde.>, x Seit S Tagen war man ohne bestimmte Nachrich- , vom Kaiser; alle Communication war abgeschnitten. Vergebens hatte ich unerschrockene Kuriere nach ihm ausgeschickt und in den beiden letzten Tagen schnelle , und gewandte Boten. Sie hatten chiffriere Briefe bei sich, in denen ich den Kaiser beschwor, um jeden , Preis zurückzukommen; ich meldete ihm, daß die Policei nicht im Staude sey, die Nopabisten im Zaume zu halten, daß seine Gegenwart allein bas Unglück abwenden könne und er ohne Rettung verloren sey, wenn sich der Feind der Hauptstadt bemächtige. Es ist uur zu wahr, daß die Agenten der Regierung, 138 seit so langer Zeit an das System unumschränkter Gewalt gefesselt und nicht gewöhnt, etwas auf sich zu nehmen, ohne ausdrücklichen Befehl des Kaisers nichts unternehmen zu können glaubten; die Einen, weil er das allmächtige Oberhaupt war, die Andern, weil die Ereignisse jede menschliche Kraft zu überbieten schienen. Der Fürst Joseph war Einer der Ersten, der sich von der allgemeinen Muthlosigkeik fortreißen ließ. Nachdem er einen furchtsamen Blick auf die Ebene Saint-Denis geworfen, die von Feinden und brennenden Dörfern bedeckt war, ertheilte er den beiden Marschällen die Vollmacht, eine Capi- tulation zu unterzeichnen, welche die Hauptstadt retten könnte, und schlug ebenfalls den Weg nach Blois ein. Der Fürst von Schwarzenberg hatte an den Herzog von Ragusa Parlamentäre abgesandt, die ihm erklärten: wenn nicht noch heute die Thore von Paris ihnen geöffnet würde«, so würde morgen die Stadt mir der ganzen Strenge einer militärischen Erecutioa behandelt werden. Der Herzog hatte keine Nachrichten vvm Kaiser, uud obgleich man ihm vorstellte, daß man, trotz der Drohungen des Feindes, wohl bis morgen warten könne; daß Napoleon noch in der Nacht ankommen könne; daß Alerandcr sicherlich nicht so blindlings sein Heer in eine so bevölkerte Hauptstadt, deren Einwohner aufgereizt waren, einmarschiren lassen würde, so entschloß sich doch Marmont in dcrBestür- zung, und weil er vielleicht den Ruhm, Parks gerettet ju haben, keinem Andern überlassen wollte, die Ca- pitulation zu unterzeichnen, ohne directcn Befehl von seinem General und Herrn erhalten zu haben. Ich eilte am 30. März Abends zu ihm. Er saß «och an der Tafel und an seiner Seite der Graf Lrloff und mehrere andere russische Officiere. Er kam auf mich zu und bat mich, mit ihm in ein Nebenzimmer zu gehen, wo er mir zu beweisen suchte, daß er nicht anders handeln könne; daß bet einem Heere, das nicht einmal mehr 28,000 Mann stark sey, das Blut vergebens vergossen würde. Ich gab ihm das zu; aber konnte er nicht warten bis morgen? Zwölf Stunden konnten dem Kaiser von«». geheurem Vortheile seyn. Es schien mir unglaublich, daß ihn nicht einer von den zahlreichen Kurieren, die ich nach ihm ausgeschickt hatte, sollte getroffen haben. Ich war überzeugt, daß seine Gegenwart Alles wieder in Gaug bringen würde. Der Marschall war unbeugsam; er hatte sich zu weit eingelassen, als daß er jetzt wieder zurück konnte. Ein großer Theil der Höhen von Paris war bereits von dem Feinde besetzt. Es ist wahr, es war eine schrecklich« Lage, aber die Gegenwart des Kaisers war eine Armee werth: das Volk halte unter den Augen seines Kaisers Wunder gethan. Ich hatte keinen Befehl erhalten, nach Vlvis z» gehen. Ich bekam Lnst, mit dem Herzog von Ragusa abzureisen, der mir seinen Plan, die Armee nach Fvntainebleau zu führen, mitgetheilt, uud verließ ihn, 140 in der Absicht, wieder zu kommen, als ich Im Herausgehen Herrn Talleyraud und seinen Emissär Bvur« ricnne in den obern Stock schleichen sah. Jetzt war mir Alles.klar. Diese beiden offenen Verräther hatten ohne Zweifel die Absicht, auch den Marschall mir in ihren Verrath zn ziehen. Herr Pasguier harre sich zu mir in den Wagen gesetzt; Ich theilte ihm meinen Verdacht mit.„WaS wolle» Sie?" gab er mir zur Antwort:„Alles ist verloren; nirgends ist Wertung mehr." Ich begleitete ihn auf die Policeipräfcktur und zog mich in meine Wohnung in der Vorstadt Saint-Gcrmain zurück, fest entschlossen, nicht mehr auf die Post zurückzukehren. Kurz vor Tagesanbruch erhielt ich einen Kurier vom Kaiser mit Briefen an die Kaiserin. Von ihm erfuhr ich, daß Napoleon in der Nacht im Posthause des französischen Hofes angekommen sey, und hier hatte er die traurige Nachricht von der Capitulation erfahren. Der unglückliche Fürst hatte sich aufs Pferd geworfen, um seine Hauptstadt noch zu retten. Der Schlag war schrecklich. Er hatte sich auf die Brunncnmauer von Juvis» gesetzt, den Kopf in beide Hände gestützt; so blieb er über eine Viertelstunde, von den traurigsten Gedanken verzehrt, und brach dann endlich nach Fontaineblcau auf. Am andern Tage besuchte ich Herrn Pasanicr noch einmal; er kam aus dem Lager, wohin er von dem Kaiser von Rußland berufen worden war.„Sie haben gestern Abend Ihren Entschluß gefaßt," sagte 141 er;„ich den meinigcn diesen Morgen, Ich habe Befehl erhalten, mein Amt fortzusetzen. Das Reich Napoleons ist zu Ende und ich habe nach Fontaine- blear. geschrieben, daß er»ich- mehr auf mich zahlen könne. Meine Familie war stets den Bourbonen ergeben; ich habe dem Kaiser treu gedient; an den Ereignissen, die ihn vom Throne gestürzt, trage ich keine Schuld und kehre zur alten Dynastie zurück." „Ich bcstrcitc Ihre Gründe nicht," gab ich ihm zur Antwort;„aber ich, der ich dem Kaiser alles verdanke, muß mich von seinem Nachfolger zurückziehen. Ich kehre in die Dunkelheit zurück, meine öffentliche Laufbahn ist zu Ende. Ich bitte Sie nur um EiiEs, schützen Sie mich in meiner Einsamkeit, in die Ich mich mit meiner Familie zurückziehen werde, und gestatten Sie nicht, daß Uebelwollcnde sie stören." So schieden wir. Ich hatte bereits die Ueberzeugung, daß bei den Männern, welche Ludwig XV1I1. an die Spitze der Geschäfte stellen werde, die Schwierigkeiten und Gefahren sich mit fedcm Schritt vermehren mühten, und ohne noch die Ereignisse vorauszusehen, die cilf Monate später ausbrache», blieb ick gerne Pflichten fremd, gegen welche ich eine so starke Abneigung fühlte. Am nämlichen Tage hielt der Kaiser Alerandei! seinen Einzug. Seine Begleitung vergrößerte sich bald durch eine Menge Franzosen, die unsere Armeen nie in ihren Reihen gesehen hatten. Die Montmo- rency, die Dvudauvtlle, die Noailles, die den Feind hier zum erstenmal sahen, beeilten sich, ihm die Honneurs der Hauptstadt zu machen und zu seinen Füßen die Huldigungen und Freudenbezeugungen des französischen Volks niederzulegen. Wenn man sie hörte, seufzte ganz Frankreich seit zwanzig Jahren nach ihm. Festlich geschmückte Frauen ließen freudetrunken und halb rasend ihre Tücher in der Luft flattern und riefen:„Es lebe Kaiser Alerander!" Die Fenster und offenen Kaleschen waren angefüllt von Damen, unter denen ich welche erkannte, deren Männer lange die höchsten Stellen unter Napoleon verwaltet hatte» und welche im Dienste der beiden Kaiserinncn selbst mit Ehren und Reichthümern überhäuft worden waren. Der Kaiser Alerander hatte nirgends unterwegs die so gerühmte Begeisterung der Franzosen für den König und seine Familie gefunden. Er äußerte sich in dem bei Herrn von Tallcprand gehaltenen Rathe frei darüber. So waren es also politische Gründe und die Nothwendigkeit der Umstände, weshalb er Ihm die Aufstellung der Regentschaft abrieth. Die Entfernung des Kaisers von Oesterreich, der Haß seines Ministers Metteruich, der zugegen war, und alte Erinnerungen, sowie auch der Abfall des Herzogs von Ragusa, bestimmten ihn hiezu. Wahrend dieser Unterhandlungen in Paris hatte sich Napoleon in Fontainebleau bereits von seinem Schlage erholt. Er untersuchte die Gefahren seiner Lage und berechnete zugleich die ihm noch offen stehenden Hülfsquellen. Täglich musterte er seine Trup- 143 pen, begeisterte sie durch seine Gegenwart und schien sie mit dem Gedanken vertraut machen zu wollen, den Feind wieder aus Paris zu vertreiben. Dieser verzweifelte Streich eines solchen Mannes konnte schreckliche Folgen haben. Trotz der strengen Kriegs- zucht waren die Soldaten, welche die Caserncn nicht fassen konnten, weit auseinander gelagert. Viele Officicre hatten ihre Wohnung weit von ihrem Ne- gimente weg, in Gasthöfcn; die Schauspielhäuser, die Caffüe's, die Schenken und Bordelle waren mit ihnen angefüllt, bis tief in die Nacht. Von allen Seiten angegriffen und bei jedem Schritt gehindert, Feinde in jeder Straße, waren diese Truppen leicht in Verwirrung zu bringen, und wenn nun plötzlich der schreckliche Ruf ertönt wäre:„es lebe der Kaiser!" so würde dies ihre Unordnung vermehrt und das Volk aufgeregt haben. Wurden sie, aus der Stadt vertrieben, nun noch vollends in offener Feldschlacht geschlagen, welches Schicksal erwartete alle diese siegreichen Truppen? Die Möglichkeit eines solchen Plans gewann binnen 48 Stunden sehr an Wahrscheinlichkeit, und das Volk sprach heimlich davon. Die Soldaten und drei Vicrtheile der Ossicicre erschraken keineswegs vor der Unternehmung. Aber der Kaiser wurde von den Marschällcn verrathen und sah, daß die meisten es für klüger hielten, ihn zu verlassen. Jeden Augenblick ka uen neue Briefe aus Paris an und bestimmen immer mehr zum Abfall. Alle waren reich, ihre Familien in der Gewalt des 144 Feindes; mit ihrer Unruhe verband sich die Hoffnung, unter den Bourbvncu groß zu bleiben. Die Ver- schwörucn machten ungeheure Versprechungen; die Verbündeten, der König öffnete ihnen die Arme^ Sie sahen schon Marschallsstabe, Ludwigskreuze, Orden, Statthalterschaften und solche lockende Aussichten, und niedriger Eigennutz ließen sie die Nationalehre midie Treue vergessen, hie sie ihrem Kaiser geschworen hatten. In wenig Tagen waren die meisten abgefallen. Der Eifer der Truppen erlosch, als sie erfuhren, daß der Kaiser sich vor dem Geschicke beuge und sich für besiegt erkenne. Jetzt erst fühlte die Armee, daß sie sich unterwerfen müsse. Die verbündeten Souveräne hatten diese Unterwerfung nicht erwartet, und ihre Freude zeigte sich bei dem Vertrag vom 11. April. Napoleon behielt den Titel eines Kaisers und erhielt die Insel Elba mit völliger Sberherrlichkeit; nicht allein ihm, sondern auch seiner ganzen Familie wurde ein hinreichendes Einkommen angewiesen, und beinahe alle Personen seines militärischen Haushalts erhielten Gratificatio- ncn. Alle diese Verfügungen wurden von der bour- bonische» Familie beschworen. Der König wollte sie nicht unterzeichnen, unter dem Vorwand, daß er Napoleon nicht als Kaiser anerkennen k^uie; aber er gab sein Wort, den Vertrag in allen seinen Theilen zu erfüllen. Abreise des Kaisers nach der Insel Elba.— Mordversuche— Einzug Ludwigs XVIII. in PariS.— Stimmung des Volks. — Sencrsgtzung.—.Betrachtungen über den Zustand der Nation. Indessen reiste der Kaiser nach der Insel Elba ab, aber der Jörn seiner Feinde war noch nicht besänftigt. Weder sein Sturz noch seine Entfernung konnte sie befriedigen, sondern nur sein To.d; und weil der Krieg ihn verschont, wollte man sich seiner durch Meuchelmord entledigen. Es war die letzte Huldigung, die man dem Genie des Kaisers bringen konnte. Es herrschte eine Art abergläubischer Furcht vor diesem Manne. Schon in Fontainebleau machte man den Versuch, ihn zu vergiften, und ich schweige von den schrecklichen Auftritten, die die-keife des Kaisers nach Elba begleiteten, und den Mordversuchen der vom Gouverneur von Corsica, Voulard, gegen ihn ausgesandten Mörder. Ludwig XVlii. zog am 3. Mai in Paris ein. Gendarmen eröffneten den Jug, hinter diesen kam eine Menge Officiere zu Pferd: die einen, noch gestern Feinde auf dem Schlachtfeld, bettelten heute um königliche Gunstbezeugungen; die andern, alte Diener der Monarchie, hatten lange vergeblich ihre Hand nach kaiserlichen Gnadengeschenken ausgestreckt. War es Auszeichnung oder war es Hohn, zwei Compagnien der kaiserlichen Garde marschirten vor dem^ver- gvldcten Haufen. Der Anblick dieser alten mit Narben bedeckten Krieger, mir niedergeschlagenem Blick nnd X. 10 Miene, deren innerer Grimm sich auf den verbrannten Gesichtern malte, flößte ein edles Mitleiden ein. Endlich erschien der König, in einer offenen Calesche, begleitet von der Herzogin von AngvulMne und den beiden Fürsten von Cvndö. Die ungeheure Dicke des Monarchen, fein harter Blick und sein strenges Gesicht stimmten die Begeisterung sehr herab und schon nach einigen Stunden herrschte unter der Masse des Volks nur noch kalte Gleichgültigkeit für den glücklichen Bruder Ludwigs XVI. Unter den vier Personen erregte nur eine einzige ein tieferes Interesse. Das Gesicht des Königs rief keine Erinnerungen zurück; die beiden alten Krieger, Anführer einer Legion, die sich so wenig Ruhm erworben, waren nur die Vertreter eines großen Namens und eines grausamen Verlusts; aber Ludwigs XVI.-und Marien-Antvinettens Tochter, die so lange und in so zartem Alter allen Barbareien der revolutionären Tyrannei preisgegeben war, die ihre Eltern auf dem Schaffotte verloren, und verlassen in den Kerkern eines alten Thurms geschmachtet hatte, diese Unglückliche- als sie nun langsam am dem Justizpalast vorbeifuhr, den ihre Mutter auf einem Karren verlassen hatte, gehöhnt von Furien, um ihr Leben im Angesichts dieses Palastes zu verlieren, den ihre Tochter bewohnen sollte,— welche grausamen Erinnerungen, welche Gefühle des Mitleids und der Zuneigung mußte sie in denHerzen der Menge erwecken! And Loch wurden alle Freudeubezeugungen, alle Be- 147 i- geistcrnng nur an den alten Monarchen verschwendet. Siegte die Politik über die zarten Gefühle der Mensch- ?, lichkeit, oder sind die Frauen dazu verdammt, selbst wenn sie von den edelsten Gefühlen bewegt sind, s immer den Personen ihres Geschlechts den schwächsten Antheil zu zeigen? n Die feierliche Einsetzung der königlichen Familie >s war von Herrn von Lalleyrand sehr geschickt vvrbe- i- reitet worden. Man muhte ihr nothwendig einen gesetzlichen Charakter geben, und da der gesetzgebende ^ Körper nicht versammelt war, nahm man seine Zu- xf flucht zum Senat, der seine politische Laufbahn mit ^ einer der schimpflichsten Handlungen schloß, deren die Geschichte Erwähnung thut. Allen Gesetzen Hohn ,, sprechend stieß er seinen wahren Souverän vom Thron, ihn, den Frankreich ernannt, dem es seine Rettung ^ verdankte; ja er war so niederträchtig, den Fürsten, den er verstieß, noch zu höhnen. Ich bin weit ent- >„ fernt, die edcln Eigenschaften, die ausgezeichneten „ Dienste und die hohen Tugenden zu verkennen, die ^ viele Mitglieder des Senats in der öffentlichen Siehst kung sehr hoch stellten, aber dieser Schimpf wird immer auf der Versammlung liegen bleiben, da kein einziges Mitglied gegen diese Sitzung des Herrn von Lalleyrand protestirte oder seine Entlassung eingab. Die erste Sorge der neuen Regierung war, die Administration einzurichten und den Unordnungen vorzubeugen, die in den Provinzen bet der Nachricht von der-Thronveräuderung. entstehen konnten. 148 Doch zuvor scheint es nothwendig, einen Blick auf die Nation zu werfen, mit der es die neue Regierung zu thun hatte. Auf die Republik war in Frankreich die kaiserliche Herrschaft gefolgt. Im Jahr 1814 lebten von den einflußreichen Häuptern der Republik nur noch wenige. Carnot und Barras ausgenommen, die sich Napoleon nicht unterworfen, waren die übrigen entweder von der Zeit dahingerafft, oder von dem Kaiser gewonnen worden. Merlin, Treilhard, Sieyes, Fouchst uud so viele andere hatten den Minister- oder Senatoren- Mantel umgehängt; diese Brutuffe von 93 hießen jetzt Grafen, Herzoge, selbst Monseigneur..In der Armee finde ich blos den Namen Iourdan's von der Liste der Generale, die große Herren wurden, zu streichen. Zwar waren Kleber, Hoche, Deffair und Marccau nicht mehr; aber istes Verwegenheit zu vermuthen, daß sich diese berühmten Generale, die in der Vertheidigung des Vaterlandes gefallen waren, dem Kaiser unterworfen hätten? Die ganze Nation war bei der Veränderung, die der 18. Brumaire brachte, dem Heere mit seinem Beispiel vorangegangen."Der erste Consul fand überall bet den Massen einen gleichen Widerwillen gegen die republikanische Negierungsfvrm. Er benutzte ihn zur Gründung des ConsulatS, und mißbrauchte ihn, um sich die Krone aufs Haupt zu setze». Die Eitelkeit, die bei den Franzosen so mächtig ist, und ihr Haß gegen ein Joch, das unter ihren Füßen sich erhoben harte, machte ihnen die durch ihre Formen und eine 14S verletzende Gleichheit so rohe Gewalt unerträglich. Die Verfolgungen und Hinrichtungen, die seit mehr als zwei Jahren überall Trauer und Stecken verbreiteter, hatten so tiefe Eindrücke zurückgelassen, daß man um jeden Preis davon loskommen wollte. Die Niederlagen der französischen Heere im Jahre 1799, das gewaltsame und ungeschickte Verfahren des Dircctorinms, seine Staatsstreiche,-besonders der vom 18. Fructidvr, vermehrten noch die Ungeduld und den Abscheu; und als der General Bonaparte im Jahr 1800 aus Aegvpten zurückkehrte, streckten die Bürger aller Classen und Parteien, die Arme nach ihm aus und beschworen ihn, Frankreich zu retten; so kam der 18. Drumaire. Aber der Sieger Italiens war an Gehorsam gewöhnt, er vrganisirte daher das Land und gebot ihm wie seiner Armee. Der wundervolle Sieg von Marengo, die Ordnung, die wie durch einen Zauber in die Finanzen gebracht wurde, erregten allgemeine Begeisterung. Die Mordversuche der Chouans unter George und Wchegru steigerten die Erbitterung gegen die Engländer und die Bourbonen aufs Höchste. Jetzt erhob Napoleon, überzeugt, daß er alles wagen dürfe, den französischen Thron wieder, um Europa unter sein Joch zu-bringen. Fünfzehn Jahre des Ruhms und der Willkübrherrschaft hatten endlich die Franzosen geschmeidig gemacht, und die Bourbonen zweifelten ni tt, daß ihre Regierung, die sie eine väterliche nannten, nicht sollte mit Entzücken begrüßt werden,, da sie sich zugleich als die sichere 150 Bürgschaft eines aufrichtigen Friedens mit ganz Europa ankündigte. Ader Ludwig XVH1. sah, verblendet von dem leichten Gehorsam der Völker gegen seinen Vorgänger, nicht alles, was unter dem kaiserlichen Purpur ver- borgen war. Er sah die Sorgen und Mühen, die immer neu sich erhebenden Hindernisse nicht, auf die seine Regierung stoßen mußte. Er ahnte nicht, daß die Leidenschaft für die Freiheit noch unter der Asche sortglimmte, daß der Haß-gegen die letzten Könige von seinem Geschlecht sich noch bis auf ihn erstreckte. Der Haß gegen den alten Hof, gegen den Adel, die Gleichgültigkeit gegen die Religion, der Hohn gegen die Geistlichkeit war unter der Kaiserregierung noch starker geworden. Der König wußte nicht, daß der Kaiser unter allen Classen viele Anhänger verloren hatte, endlich, daß seit 01 sich ein neues Geschlecht erhoben und seine Stellung im Staate eingenommen hatte: ein ernstes Volk, voll Thatkraft, unterrichtet und frei von Aberglauben, das aus den Collegien aufs Schlachtfeld eilte und dem alle Bahnen der Wissenschaft und des Ehrgeizes offen standen. Niemand hatte dem König gesagt, daß jener Nimbus der Majestät, der früher den Thron umgeben hatte, völlig verschwunden sey. In der That wurde auch der Kaiser nicht als eigcntlcher Monarch be- trachtet, oder wenigstens hegten die Völker gegen ihn nie jene Art von abergläubischer Verehrung, wie gegen Ludwig XIV. mnh XV. 154— Er war der große, bewunderte Mann. Das Volk sah in ihm den Sieger in so vielen Schlachten, den Eroberer so vieler Königreiche, den Unbesiegbaren, den Mann des Schicksals. Aber er blieb immer Bv- naparte, der Held, dessen ruhmvollen Namen seine Feinde nicht zu beflecken, er selbst nicht zuverwnchen vermochte. Ludwig XVIII. fand also bei seiner Rückkehr den Nimbus seines Hauses verschwunden. Für den verständigen und kaltblütigen Beobachter war er nichts weiter, als ein alter Edelmann von Versailles, den die Macht der Umstände auf einen neuen Thron erhob. Seine Familie und er brachten noch das alte fünsundzwanzigjährige Vorurtheil zurück, die Revolution sey blos das Werk von Menschen und nicht dcr Umstände! ein verderblicher Irrthum, dcr Ludwig XVI. gestürzt. Sie fragten also zuerst alle, die sich ihnen anboten, was sie bisher gewesen seyen, was sie gethan hätten; sie machten kein Hehl daraus, wie sie gegen die dem Lande seit 25 Jahren geleisteten Dienste gestimmt seyen: ein alter Groll gegen die Constituirenden, affeetirte Verachtung gegen die Edelleute, die sich für die Revolution erklärt, Gleichgültigkeit und Stolz gegen die Mitglieder der vorhergegangenen Administration und Höflichkeit, aber eine stelze und erniedrigende Höflichkeit gegen die Anführer der Armee, weil sie noch die Waffen in dcr Hand hatten.. Die fremden Souveräne waren in ihrem Sieges- 152— rausche doch noch so klug/ ihren Sieg nicht zu mißbrauchen, und weit entfernt, Frankreich mit der Gewaltthätigkeit eines Siegers zu behandeln, der sich zu allem berechtigt glaubt, unterstützten sie die Partei der Patrioten in ihren Bemühungen, Frankreich vor der Gesetzlosigkeit zu bewahren. Die Bürgschaften, welche die Civilisation Frankreichs verlangte, wurden sonach in einer Charte niedergelegt, die der König unter dem erbärmlichen Titel eincr Reforma. tions-Ordonnanz bewilligte. Die Formen der Verwaltung wurden beibehalten und die-Agenten der vorigen RegiernngzumTheilprovisorisch wiederangestellt. Aus- serordentliche Cömmissäre wurden in alle Departements geschickt, um die Gemüther zu belehren und zu beruhigen. Diese politischen Cömmissäre, die man meistens aus den Unzufriedenen und den Feinden des Kaisers nahm, richteten wenig aus, dafür aber der Eigennutz, die Trägheit und die Noth desto mehr. Ueberall zeigte sich das Volk mißtrauisch; aber hätte die Regierung fest und treu nach den Grundsätzen der Charte gehandelt, gewiß sie hätte sich in kurzer Zeit, wenn nicht beliebt gemacht, doch Zutrauen erworben und die Vorurtheile gegen sie zerstört. Aber die Freude über einen Sieg, der so leicht erworben wurde, verdrehte den Royalisten die Kopfe. Die Prahlerei der Emigrirten kannte keine Gränzen mehr. Als sie die Bourbonen auf dem Throne sitzen sahen, hielten sie sich für die Herren ihres Souverains und des ganzen Frankreichs. Sie 153 baten oder vielmehr sie forderten Aemter, Ehrcnstel- len und Reichthümer; man gab ihnen alles. Der größere Theil waren alte Osficiere, die bei ihrer Auswanderung nur niedere Chargen bekleidet hatten. Man rechnete ihnen ihre 2LDienstjahre an, und die Unterlieutenants wurden Oberste,' die Oberste» Fcld- marschälle, oder Generallieutenants und die Ansprüche dieser alten Leute auf Waffenruhm, ihre unzeitige kriegerische Laune, machten sie zum allgemeinen Spotte asier müßigen jungen Militärs, die der Friede in der Hauptstadt versammelt hatte. Wie aufgereizt die Stimmung des Volkes schon damals war- konnte die Regierung aus dem Vorfall bei der Leiche jener Schauspielerin sehen, der daS Volk gewaltsam die ihr verschlossene Kirche öffnete. Die Verachtung der Regierung und der' Hang zu Widersetzlichkeiten verbreiteten sich von Paris schnell tu die Departements. Die Stellung der kaiserlichen Obrigkeiten und Administratoren, die man beibehalten hatte, und die nun mit einem Male andere Pflichten, andere Neigungen, entgegengesetzte Ansichten predigten, brachte sie in Mißachtung, und die Nothwendigkeit, ihre alte Ergebenheit gegen den Feind der Bourbonen in Vergessenheit zu bringen, gab der Ausübung ihrer-Amtspflicht einen Zwang, der verwundete und ratzte. Bald wurden dir Käufer von Natiönalgütern, deren Zahl sehr beträchtlich war, da über zehn Millionen Menschen dabei betheiligt waren, von den alten Eigenthümern beunruhigt. Welt entfernt, die Anetbietungen anzunehmen, zu denen jene die Furcht trieb, verwarfen diese jede Art von Vergleich und sagten trotzig, ihre Güter würden ihnen durch die Gewalt des- Königs zurückgegeben werden, sie müßten ihr Eigenthum mit demselben Rechte wieder bekommen, wie die Krone das ihrige; der.Vertust der Unterthanen und des Monarchen sey gemeinschaftlich gewesen, also müsse auch die Restitution zu gleicher Zeit stattfinden; die Charte müsse, wenn sie nicht gar abgeschafft würde, hinsichtlich dieses Punktes mo- dificirt werden,, da-sie ja blos ein transitorischer Vergleich, eine einfache Reformations-Ordonnanz sey. Die Anzahl der Edelleute, die der Person des Königs treu geblieben waren und mit ihm zurückkehrten, war sehr gering. Dagegen überschwemmte eine Anzahl Ausgewanderter, die bereits im Jahre 1801 zufolge der Amnestie des ersten Consuls zurückgekehrt waren, die Luilerien, wo sie mit ihren Freudcnbezeugungen über die Rückkehr der Vourbo- neu ihre Klagen über ihre alten Leiden während der Auswanderung verbanden. In großer Menge sah man sie täglich die Messe in den Tuilerien besuchen, größtcnthcils in bürgerlicher Kleidung, geschmückt mit Epaulettes und bewaffnet mit den alten Degen ihre» alten Regimenter. Die Erzählung von ihren alten Heldenthaten in Coblenz und der Legion von Cond« erregte das Mitleid derer, die so leichtes Spiel mit ihnen gehabt. Diese Prahlerei und die Gunstbezeu- 1 155 gen des Hofes erregten den lebhaften Unwillen der alten Krieger, die mit so viel Ruhm unterlegen waren. Roch lebhaftere Besorgnisse mußte die Armee erregen. Sie war zwar durch die letzten Feldzüge sehr zusammengeschmolzen, aber das Gefühl des Ruhms und der Name der Kaisers waren in aller Herzen lebendig geblieben. Zwar hatten sich die Marschälle und viele Generale der Nothwendigkeit gebeugt; aber der größte Theil der Ossicicre war diesen wdeln Gesinnungen treu geblieben. Weder die Kriegszucht noch sonst eine militärische Tugend war verschwunden, vielmehr strahlten sie in neuem Glänze. Der König konnte wegen Kränklichkeit die Truppen nichtmustern und die Prinzen affcctirten bei ihrem Anblick ein Mißtrauen und eine Verachtung, die der Widerwille gegen ememso glänzenden Ruhm noch steigerte. Folgender Aug wurde mir vom Grafen von Erlou mitgetheilt. Bei einer Musterung, die der Herzog von Berry hielt, trat ein Ofsicier vor und bat den Prinzen um das Ludwigskrcuz.„Was haben Sie gethan, das Sie dessen werth macht?"—„Ich habe dreißig Jahre in der französischen Armee gedient." —„Ja, dreißig Jahre Räuberei getrieben!" antwortete ihm der Prinz und kehrte ihm in den Rücken. Zwar erhielt der Ofsicier den andern Tag das Kreuz, aber das Wort circulirte im Heere und man kann sich denken, welchen Eindruck es auf dasselbe machte. Die im Königreiche zerstreuten Truppen sahen sich bald vieler Kfsicjere belWbt, welche theils Abnei- 156 gung, theils gezwungene Abdankungen von der Armee entfernten. Die Stabsofsiciere und die ganze Menge der Kriegsbeamten, die nun unnütz geworden waren, kehrten in ihre Heimath zurück und verbreiteten dort ihre Unzufriedenheit und den Haß, der sie beseelte. Die beiden letzten Feldzüge hatte» sie fast ganz zu Grunde gerichtet. Erbittert durch die Gegenwart eines Feindes, der Herr vom Lande rvm, aber seit zwanzig Jahren immer geschlagen worden, wurde ihnen das Joch der Bourboncn, die er mitgebracht, unerträglich. Ohne Vermögen, ohne Beschäftigung, zurückgewiesen von der Gewalt, an das Kriegsleben gewöhnt, bot ihnen die Zukunft nur Elend und Schande, wenn die Bourboncn auf dem Throne blieben. Es mußte mit ihnen um jeden Preis anders werden und unwillkührlich richteten sich ihre Blicke nach Elba. So viel Keime von Unruhen schienen den Vour- bonen die Augen nickt zu öffnen: Die drei ersten Monate verflossen scheinbar ruhig. Die Gewaltglanbte mit all den zerstreuten Mißvergnügten leicht fertig werden zu können, und die verbündeten-Souveräne, die zu fürchten begannen, die Berührung ihrer Truppen mit unsern leichtfertigen Sitten und besonders unsern Ansichten möchte für diese gefährlich werden, beschlossen, diese zurückzuziehen, nachdem sie ihre Rechnungen ins Reine gebracht. Sie kosteten Frankreich ungeheure Summen, und die Termine sowie die Art der Zahlung wurden nicht ohne große 157 Schwierigkeiten geregelt. Wahrscheinlich nahmen sie bei ihrem Abzug selbst den Glauben mit, daß eine Regierung, die so schlecht anfing, nicht lange dauern werde; aber sie waren zufrieden, Frankreich aus lange Zeit geschwächt und von der ersten Stufe hcr- abzusinken zu sehen, auf die der Ruhm und dhc(Zivilisation es erhoben.hatten- Die Charte hatte die zwei Kammern eingerichtet. Die Pairskammer, der alte Senat, hatte alle Beden- tung verloren; dle-ehrwürdigen Männer, deren sie sich rühmen konnte, verliehen ihr keinen Glanz. Sie hatten sich übrigens alle durch die Revolution erhoben. Der König setzte die Kammer anders zusammen, indem er alle alten Pairs der Monarchie und einigt nur, die ihr ruhmvoll gedient, in diese Kammer eintreten ließ. Die neuen Mitglieder theilten dieser Körperschaft servile Neigungen und Gewohnheiten mit, sowie diese zu gleicher Zeit wieder auf sie zurückwirkte; und wenn die Nation wenig Theilnahme an der Erhebung von Männern bezeigte, die den Grasen von Bonrmont und den Maire von Bvrdeaur unter ihre Mitglieder zählten, so konnte wenigstens der König versichert seyn, daß diese Versammlung noch lange den Gehorsam des alten Senats erhalten und fortpflanzen würde. Nicht ganz so war es jedoch mit den Mitgliedern des gesetzgebenden Körpers. Sie waren zu einer Zeit gewählt werden, wo der Krieg für Frankreich eine unerträgliche Geißel geworden war. Viele un- 158 ter ihnen hatten sich kräftig gegen Forderungen der Regierung von 1813 erklärt. Aber die Zahl der Moyalisten war noch zu unbeträchtlich; und wenn sie auch gerne sich von der kaiserlichen Regierung losgesagt hätten, so wollten sie doch die Willkührherrschaft nicht bei der königlichen Gewalt wieder finden. Die Regierung fand daher, wenn nicht Hindernisse, doch wenigstens ernste Abmahnungen, als die Räthe der Krone ihr Entwürfe vorlegten, die sich schlecht mit den durch das Grundgesetz geheiligten Principien vertrugen und die Gefühle und Vvrurtheile der wahren Freunde der Freiheit verletzten. Besonders empörte die Versammlung der Entwurf des Grafen Ferrand, dem er ihr,im Namen des Königs vorlegte, das Benehmen der Franzosen in den verschiedenen Zeiten der Revolution aus Licht zu ziehen und demnach Lob oder Tadel-auszuspenden. Sein Gleichniß von der geraden und krummen Linie, das er-selbst aus diejenigen anwandte, die sich wieder zu der neuen Regierung geschlagen, erregte Furcht und Unwillen in vielen Gemüthern, und der Kaiser hat wohl begriffen, wie höchst unklug dieser Schritt war, wenn er sagt:„Ich bin mit der Rede des Grafen Ferrand in der Hand gekommen, überzeugt, daß das. Volt sich mir wieder zuwenden würdet 159 l: Meine gefährliche Lage.- Die Kaiserin Zoserhine in Maimai. r son.— Kaiser Alexander.— E-in UrrheU über die Nourbo,- uen.— Tod der Kaiserin Jostphuie.— Fehler der Regie, b rung.— Unzufriedenheit der Armee.— Erbitterung des Mar- ^ fchallS Ney. e Ich sah alle diese Keime der Unordnung und ahnte, h Saß der Sturm nahe sey. Ich zog mich deshalb täg- r lich mehr von den Personen zurück, die dabetbcthei- ligt seyn konnten; aber ich muß hier meine Lage - näher auseinander setzen. i Den Abend vor seiner Abreise nach Rußland hatte r mich der Kaiser zu sich beschicden und nachdem er , mir alle Befehle hinsichtlich seiner Reise mitgetheilt, - sagte er noch zu mir:„Geben Sie zum Großmar- > schall; er wird Ihnen Anweisungen auf den Schatz ' für die Summe von 1,600,000 Franken geben. Diese : wechseln sie ins Geheim in Gold aus; derSchatzmini- ' ster wird Ihnen dazu die Mittel verschaffen. Sie > erwarten meine Bcsehie, um sie mir zuzuschicken." i Diese Masse von Gold war schwer zu verbergen; ich wandte mich deshalb an Herrn Ncgnicr, der mir Büchsen verfertigen ließ, die vollkommen Quartan- ten glichen. Jede hielt 30,000 Franken, und so stellte ich sie nun in meine Bibliothek. Als der Kaiser von Rußland zurückkam, schien er nickt nrelsr an dieses Geld zu denken, und er ging nach Deutschland, ohne mir in dieser Hinsicht bestimmte Befehle geben zu wollen. Er sagte blos:„Wir werden seyen, wenn ich zurückkomme." Als er endlich wenige Monate darauf Parks wieder verließ, bat ich ihn dringend, mir doch diesen.Schatz abzunehmen, da ich nicht wüßte, ob ich bei wichtigen Ereignissen, die Paris bedrohen könnten, länger für seine Sicherheit stehen könne..„Nun," sagte er,„so verbergen Sie ihn aus-ibrem Landhaus." Vergeblich stellte ich ihm vor, daß mein Schloß La Verribre, das an der Landstraße von Versailles nach Rambouillet lag, von feindlichen Partien geplündert, werden könne, daß meine Geschäfte in Paris mir nicht erlaubten, mich lange daselbst aufzuhalten, und daß der Zufall oder die geringste Unvorsichtigkeit mich desselben berauben könne. Er wollte Nichts hören und ich mußte gehorchen. Mein Verwalter war ein ehrlicher und ge- scheider Mann; ihn ließ ich nun unter meinen Augen bei Nacht ein Loch unter den Fußboden eines Cabinets im Erdgeschoß graben und hier versteckten wir die vierundfünfzig Bände, die die Ausschrift hatten: Alteund neue Geschicht e. Nie wäre ein Werk gieriger verschlungen und besser gewürdigt worden, als dieses. Der Fußboden wurde wieder sorgfältig eingelegt und man schöpfte nicht den geringsten Verdacht. Die Einnahme von Paris warf den Kaiser nach Fontainebleau; ich wünschte sehnlich, sein Schicksal zu theilen, wenigstens wollte ich seine letzten Befehle vernehmen. Allein er ließ mir durch den Herzog von Vicenza sagen, es sey gefährlich, ihn zu besuchen; ich solle in Paris bleiben, später werde er mir seineiuEntschluß hinsichtlich seines Geldes L61 zukommen lassen. Dies war einer der Hauptgründe, die mich sorgfältig von der Regierung entfernt hielten. Anhänglichkeit an die Person des Kaisers, der Eid der Treue, den ich ihm geschworen, Dankbarkeit für die von ihm erhaltene« Wohlthaten machten mir selbst den Gedanken verhaßt. Ihm nicht den Rest meines Lebens zu widmen; abgr auch die Ehre verbot mir, den Bourbvneu meine Dienste zu widmen, da ich nothwendig fortwährend mit dem Kaiser in Cvrrespondcnz bleiben mußte. Welche Züchtigung hätte ich mir nicht zugezogen und auch verdient, wenn die Regierung des Königs, dem ich Treue geschworen, nachher entdeckt hätte, daß ich einen Theil von Napoleons Vermögen aufbewahre und darüber nach seinem Befehl verfüge? Um die Zeit, als ich mich diesen trqurigeu Betrachtungen hingab, besetzten 300 Preußen das Schloß von La Verriete. Fünfzehn Mann bewohnten das Zimmer, das den Schatz verbarg. Sie blieben beinahe Met Monate. Ich saß während dieser ganzen Zeit wie auf der Folter, täglich erwartete ich die Nachricht, daß alles entdeckt sey. Zum Glück zogen sie ab und ich war wenigstens über diesen Punkt beruhigt. Die Erkaiserin Josephine war indessen nach Mal- lyaison zurückgekommen. Hier besuchte sie der Kaiser Alcrander und der König von Preußen häufig. Besonders kam der Kaiser von Rußland häufig und blieb lange. Das Gespräch drehte sich meistens um Napoleon. Josephiue hatte einen nicht sehr aus^e- X. 11 162 Weiteten Geist und wenig Kenntnisse, aber sie besaß ein gesundes Unheil, Feinheit, eine unnachahmliche Grazie und ihre etwas creolische Aussprache verlieh ihrer Unterhaltung einen eigenen Reiz. Alexander schien davon bezaubert. Eines Tages, als er Jose- phinen seinen Bruder Constantin vorstellte, sagte er zu diesem:„Finden Sie nicht, daß die ganze Person Ihrer Majestät, bis auf den Ton der Stimme, an die Kaiserin Catharina erinnert?" Josephine verläugnete nie ihre Zärtlichkeit für Napoleon. Die Revolution war vollendet und der Thron unwiederbringlich verloren, aber sie wandte sich beständig an die Edelmut!, des Kaisers, um das Leos ihres vormaligen Gatten zu mildern. Die Vetheurungen, die er ihr deshalb gab, waren in Wien schnell wieder vergessen, wenn es wahr ist, daß Alexander damals für die Versetzung Napoleons von Elba nach St. Helena stimmte. Um diese Zeit kam der Fürst Eugen nach Päris. Der Kaiser Alexander fand Geschmack an ihm, er überhäufte ihn mit FrcundschastS- bezeugungen und versprach ihm einen Staat in Deutschland von wenigstens 6«,«vo Einwohnern. Dies wurde nachher etwas abgeändert;, das Fürstenthum Eich- stadt, das Eugen erhielt, hat kaum 7.00«. Den Abend vor seiner Abreise sagte der Kaiser Alexander in einem vertraulichen Augenblicke zu Eugen:.„Ich weiß nicht, ob es mich nicht einst reuen wird, den Bourbonen wieder auf den französischen Thron ver- holfen zu haben. Glauben Sie mir, lieber Eugen,. — 16Z es sind keine guten Leute. Wir haben sie in Rußland gehabt und ich weiß, was ich von ihnen zu halten habe." Mitten unter diesen glänzenden Huldigungen der mächtigsten Svuveralne des, Continents wurde Jvse- phine von, Tode dahingerafft. Sie starb in einem Alter von 82 Jahren, eine in jeder Hinsicht vortreffliche Frau, die den Thron durch die liebenswürdigsten Eigenschaften zierte und deren Wohlthätigkeit und Herzensgute ein Muster für alle seyn müssen, welche Geburt oder Glück dazu verdammen, eine Krone zu tragen. Der Kaiser Alerander wollte auch das Schicksal der Königin von Holland bestimmen. Ihr Gemahl hatte sich von ihr entfernt. Alerander gab ihr den Namen Herzogin von St. Leu. Ludwig XVtll. wagte sich nicht offen dagegen zu erklären, aber sein Minister Vlacas machte so viel Schwierigkeiten, daß Alexander seinem Adjutanten, der ihm das Patent der Herzogin überbringen sollte, den Befehl ertheilte, die Tuilcrien nicht zu verlassen und sogar dort zu schlafen, bis er es in Händen härte. Die Kaiserin Jvscphine wurde in der Kirche von Ruel beigesetzt. Der Kaiser von Rußland gab durch die Art, wie er diesen Act seiern ließ, das letzte Zeugniß, wie sehr er das Andenken Jvsexhinenü ehrte. Der Fürst Eugen kehrte nach Deutschland zurück. Da ich keine Nachrichten von Elba hatte, so entschloß 164 ich mich, ihm meine Verlegenheit zu entdecken. Er war demLaiser ergeben und mein Freund. Ich macbtc ihm den Vorschlag, 80v,oov Franken zu nehmen und sie nach Elba zu schaffen. Ein wenig ruhiger, da die Halste der Summe gerettet war, verdoppelte ich meine Vorsicht, die Wachsamkeit der Polizei von mir zu entfernen. Herr Pasquier war nicht mehr dabei; und sein Nachfolger, mit andern Dingen beschäftigt, mußtch natürlich einen Mann vergessen, der ihm nie in den Weg trat und dessen Namen noch nie vor ihm genannt worden war. Was ich vorausgesehen, traf endlich ein. Die Charte war nach und nach heimlich untergraben worden; die Schriftsteller beklagten sich laut darüber; die Beschimpfungen, mit denen der Name des Kaisers von den royrlistischeu Journalen überschüttet wurde, erbitterten alle Anhänger, alle Freunde des Helden. Die Gegenbeschuldigungcn nahmen einen heftigen Charakter an, und man ging so weit, daß man in den alten Moniteuc's die gehässigen Beschuldigungen gegen den König über sein Benehmen in dem Proceß des MarguiS von Favrcs hervvrsuchte und öffentlich machte. Der Advokat Rey von Grenvble fetzte in einem Werke, das reißenden Abgang fand, alle Verletzungen der Charte seit dem ersten Tage der Königsherrschaft auseinander. Zwei junge Männer, Namens dornte und Dünoper, ließen unter dem Titel„der 165 Censor" eine Zeitschrift erscheinen, wo die Prin- cipien der Freiheit mit einer Kraft und einem Geiste entwickelt wurden, der ihnen alle Stimmen gewann. Die realistischen Schriften enthielten Ausfalle gegen die Revolution und alle ohne Unterschied, die daran Theil genommen, sie ließen so drohende Ausforde- rnngen ergehen, daß man unmöglich ihre Absicht verkennen kennte, alles umzustürzen und an allen Rache zu nehmen. Diese feindselige Stimmung der-Gemüther hatte sich über ganz Frankreich verbreitet, und daran war die Regierung selbst schuld, durch die Maaßregeln, die sie ergriff, um sie zu zerstreuen oder zu schwä- chen. Da sie nicht ohne Grund die Truppen sürck^ tete, wenn sie unter den Fahnen blieben, so entschloß sie sich, über die Hälfte ahzndanken. Aber so glücklich sich diese alten Soldaten anfangs fühlten, als sie sich friedlich an ihrem Heerde sahen, so machte dies Gefühl doch bald dem Mißbehagen Platz. Schnell waren die Gefahren und Strapatzen selbst der letzten Feldzüge vergessen und nur die Begeisterung für den Kaiser blieb zurück, und die Trauer über seinen Sturz und die unwürdige Behandlung seiner Feinde. Die ruhmvolle Zukunft, die ihnen versprechen worden war, die Auszeichnungen, die ihnen so gewiß gewesen waren, der ruhmvolle Name, Soldaten der großen Armee und die allgemeine Achtung, die den Rest ihrer Tage verschönern sollte,— das alles war für sie dahin. An ihre Heerde zurückkehrend, hatten 166 sie noch das Mißtrauen der Arenten der neuen Gewalt und die Verachtung jenes Haufens Adeliger zu ertrage», die es sich zur Pflicht und zum Genusse machten, den Kriegsruhm zu lasiern und die hclden- müthigen Anstrengungen der Franzosen, ihr Vaterland von fremdem Joch zu retten, mit dem Namen Empörung befleckten. Die meisten Generale, die man beibehalten hatte, merkten bald an dem Empfang, der ihnen bei Hofe zu Theil wurde, daß der Tag nicht.fern sey, wo man sie bei Seite schieben werde, um den Ropali- sten Platz zu machen, denen man ihren langen Müs- siggang mit Ehrensicllen und allen möglichen Glladen- bezeugungcn bezahlte. Ich sah keinen von meinen alten Kriegsgefährten, aber ein Vorfall öffnete mir die Augen und machte mich aufmerksam auf das, was um mich vorging. Ich begegnete dem Marschall Ney im Garten der Tuilerien. Als er mich sah, kam er auf mich zu und' redete mich an:„Wie glücklich sind Sie, daß Sie aus diesem Schlamm heraus sind; daß Sie keine Beleidigungen und Ungerechtigkeiten zu erdulden haben. Diese Leute haben gar keine Einsicht, sie wissen nicht, was ein Marschall Ne» ist. Soll ich es sie lehren?" So fuhr er über eine Viertelstunde fort, seinem Zorne Luft machend. Endlich stürzte er fort. Dies mag ohne Zweifel von Bedeutung erscheinen, allein man würde sich tauschen, wollte man sein Benehmen im März daraus erklären. Der 167 Marschall ließ sich vom ersten Eindruck hinreißen; er liebte die damalige Regierung nicht, aber(soll ich es sagen?) er liebte den Kaiser noch weniger. Einige Tage nach dieser Unterredung reiste er auf sein Landgut nach Eoudreaur ab und nalim nicht den mindesten Antheil an den nachfolgenden Ereignissen. Die Verschwörung.- Behandlung des Generals Ercelmaus.- Der General Lallemaud, der Marschal, Davon,t, die Herzoge von Stranro und Bassanv, die Häupter der Verschwörung.- Klugdelt des Marschalls Davonst.- Nachricht von der Landung deS Kaisers.— Verschiedener Eindruck dieser Nachricht. — Ich eu° zu der H-rzogm von St. Leu.— Abreise des Kö, „igs.-- M-in Besuch auf der Oberpvstdireclion. Die Mißvergnügtesten unter den Generalen waren natürlich die jüngsten und ehrgeizigsten. Plötzlich mitten in ihrer Laufbahn aufgehalten und genöthigt, sich zurückzuziehen, entschlüpften ihnen die Ehrenstellen und Würden, als sie eben den letzten Schritt dazu thun wollten. Gewöhnt an ein glanzvolles Leben, war ihnen ihr großer Gehalt jetzt verkürzt; mit Acrger sahen sie sich gezwungen, die glänzende Lage aufzugeben, die sie in dem Heere nnd in der Welt behauptet, und die sie vielleicht ein wenig getröstet hatte. Ich will nicht sagen, daß dabei ihre Vaterlandsliebe und ihre Ergebenheit gegen den Kaiser für nichts gezählt werden dürfen; aber alle diese Ursachen zusammengenommen machten ihnen ihre Lage unerträglich, und der allgemeine Widerwille gegen 16S die neue Regierung, die Stimmen der Mißvergnügten, die sich von allen Seiten erhoben, sagten ihnen, daß der Augenblick des Aufstandes gekommen sey, und einige unter ihnen gebrauchten, um ihn zum AuSbruch zu bringen, die Truppen, die ihnen die Regierung zu ihrer Sicherheit anvertraut hatte und deren Eide für sie zu bürgen schien. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung von dem Complott. Herr von P***** machte mich zuerst damit bekannt, und mit dem Antrauen und dem Leichtsinn der Jugend entdeckte er mir selbst die Namen, derer, die au der Spitze standen. Bei der Menge der Vertrauten sah ich bald, daß alle Welt darum wisse, nur nicht die Regierung. Der Marschall Soult, damaliger Kriegsminister, eingenommen von der Sorge, durch seinen neuen Eiser seine alte Liebe zur Republik und später zu dem Kaiser vergessen zu machen, verwandte alle seine Zeit auf die Vcndüer' und ihre Geschichte, indem er den König einen Befehl zu dem Denkmal von Quiberon unterzeichnen ließ und sie im Heere anstellte. Statt den König über die Stimmung der Truppen und des Volks aufzuklären, kannte er sie so wenig, daß er ohne weiteres die Ueberrcste der alten Vendäer-Jnsurgentclk in Nantes versammelte, um ihnen feierlich Pensionen und Decvrationcn auszutheilen. Beinahe hätte sich das Volk von Nantes bei dem Anblick ihrer alten Feinde, die oft so grausam gewüthet hatten, empört. Der Agent des Ministers mußte aus der Stadt entweichen, deren Einwohners, höchst aufgebracht übcx 169 diesen Act der Gegenrevolution, sehr geneigt waren, wieder zu den Waffen zu greifen. Ebenso mußte das ungerechte und empörende Ver» fahren gegen den General Crcelmans, einen der ausgezeichnetsten Armcechefs und Adjutanten des Königs von Neapel, die Soldaten erbitten Der Marschall Soult ließ ihm wegen eines Briefs, den er au den König von Neapel geschrieben und der aufgefangen worden war, sagen, er habe Päris zu verlassen und bis auf weitern Befehl sich in das Departement zu begeben, wo er geboren sey. Der General weigerte sich. Endlich wollte der Minister Gewalt gebrauchen, aber der General Flahaut, ein Waffengefährte Crcel» mans, war ihm zur Flucht behülflich. Ein Kriegs» gericht wurde nun zu Liste über ihn gehalten, dem er sich unterwarf und das ihn freisprach. Dieses Urtheil war ein. neues Triumph für die Freunde des Kaisers und eine starke Aufmunterung für die Häupter der Jnsurrectivn. Eines dieser Häupter war der General Lallemaud, den ich in Italien und Egypten hatte kennen lernen, wo er Osficier der Wache und sstäter Adjutant des General Junot war. Er verlangte von mir, ich solle thätigen Antheil an der Verschwörung nehmen und dem Kaiser davon Nachricht geben, da ich gewiß Mittel in Händen hätte, mit ihm zu cvrrcspvndircn. Er setzte mir seinen Plan auseinander, der auf nichts Geringeres hinauslief, als sich der Vvurbonen zu bemächtigen, den Kaiser auszurufen und ihn wieder 170 auf den Thron zn sehen. Der Marschall Davoust, dSc Herzoge von Otranto und Bassanv und mehrere Andere,, deren Namen ich vergessen, waren die Haupt- anführer der Unternehmung. Je weiter er mir den Plan darlegte, desto unruhiger und besorgter wurde ich, nicht um das Loos des Königs, sondern um den Kaiser. Ich antwortete ihm:„Die Personen, die Sie mir da nennen, sind gewandt und ihre Mitwirkung verspricht einen glücklichen Erfolg; aber ich glaube, Sie verfügen sehr frei über den Kaiser. Ihm blos Nachricht geben über eine Unternehmung, über die er vorher nicht befragt worden ist, ohne seine Zustimmung über sein Geschick verfügen, scheint mir sehr kühn. Ferner muß ich Ihnen zum Voraus erkläre», daß ich ihm keinen Brief zustellen kann. Ich bitte sogar feine Freunde dringend, dies zu unterlassen, da ich überzeugt bin, daß sie durch die französischen oder italienischen Posten ausgehalten und nach Wien geschickt würden, wo Herr von Talleyrand schon lange um eine weitere Entfernung des Kaisers nachsucht. Seine Gründe mochten bisher nicht hinreichend scheinen, aber bedenken Sie, welche Folgen es hätte, wenn ein Brief von solchem Inhalt aufgefangen würde. Sicherlich würde man den Kaiser auf die äußerste Insel der Welt verbannen, oder gar todten. Wer sagt Ihnen, daß er nickt Plane hat, die den Ihrigen gerade entgegen seyn können? Hat er nicht Freunde in Italien? Kann er nicht sehr gut von dem unter- 171 richtet seyn, was hier vorgeht?"—„Da Sie es für gefährlich kalten, dem Kaiser zn schreiben," antwortete der General,„so wollen wir versuchen, ihm auf anderem Wege Nachricht zu geben. Aber unser Plan ist schon zu weit gediehen, als daß mau mit der Ausführung zögern könnte. Verschieben wir ihn, so kann der Kaiser eines Morgens, trotz seiner tapfern Wächter, von der Insel Elba entführt werden und dann ist alles verloren. Besuchen Sie übrigens den Herzog von Bassauo und theilen Sie ihm ihre Besorgnisse mit, aber seyen Sie überzeugt, daß wir uns durch nichts aufhalten lassen; dieses Regiment ist unerträglich und wir sind fest entschlossen, es mit dem Schwerte zu stürzen." Den andern Tag besuchte ich den Herzog von Bas- sano, den ich seit der Restauration nicht gesehen hatte. Zch erzählte ihm meine Unterredung mit Lallemand und entdeckte ihm nicht allein meine Besorgnisse wegen einer Correspondcnz mit der Insel Elba, sondern äußerte auch mein Befremden über das Vertrauen, das man in den Herzog von Otranto setzte. Der Herzog verbarg mir nichts.„Es ist eine durchaus militärische Operation," sagte er,„wir können nichts dabei thun. Uns liegt Alles an der Rückkehr des Kaisers. Wie soll man ihm Nachricht zukommen lassen? Ich weiß kein Mittel, da Sie überall Gefahr befürchten. Ich bin übrigens mit Ihnen der Meinung, daß es das Verderben des Kaisers wäre, wenn man auch nur die leiseste Andeu- 172 tung darüber dem Papiere anvertrauen würde; deßwegen habe ich auch dem Herrn Fleur» von Chabou- lon, der, wie Sie wissen, vor vierzehn Tagen ab- i gereist ist, nichts mitgegeben. Was den Herzog von Otranto betrisst, so theile ich Ihr Mißtrauen nicht; er hat sich der Sache mit einem solchen Eifer angenommen und steht so schlecht mit den Dourbo- nen, daß er uns gewiß nicht verrathen wird."- „Aber vorausgesetzt, daß man ihm trauen darf, wer sagt Ihnen, daß er nicht heimlich für einen andern arbeitet?"—„Ich wüßte nicht für wen? ich glaube nicht, daß er an den Herzog von Orlcans denkt, ich habe hierüber zuverlässige Angaben; weder er noch andere können daran denke». Besuchen Sie mich oft und Sie sollen Alles erfahren." Diese Unterredung mit dem Herzog von Baffano halte meine Besorgnisse für den Kaiser noch vermehrt. Der Name des Herzogs von Otranto schien mir von übler Vorbedeutung, und zwanzig.Tage nachher besuchte ich den Herzog wieder, um auf diesen Punkt zurückzukommen. Er war mit dem Fürsten von Eckmühl eür- geschlossen, aber ich fand den Grafen Thibnudcan, der von allem unterrichtet war. Ihm theilte ich meine Besorgnisse wegen Fonchs mit.„Ich wliß noch nicht recht," sagte er,„ob er die Rückkehr des Kaisers wünscht, aber das weiß ich, daß. er uns bei dieser Gelegenheit nicht verrathen wird." Während wir mit einander sprachen, trat der Fürst von Cck- mühl aus dem Eabiuet des Herzogs, und dieser nahm 173 uns jetzt bei Seite und sagte uns, daß der Fürst ihm erklärt habe, daß er sich von der Unternehmung zurückziehe! als Grund gab er an, den Leichtsinn der Häupter und daß es gewiß sey, daß der Hof Verdacht hege; dies hieß sich ein wenig spät besinnen; fein Name hatte alle übrigen ermuthigt, die Mittel zur Ausführung waren ihm vorgelegt worden und er hatte sie gebilligt; er trat also aus Feigheit zurück- denn'Reue konnte man in dem Gemüth eines solchen Mannes nicht voraussetzen. Endlich war es auch schon zu spät, denn die Bewegung hatte schon begonnen, der Damm war zerrissen und der Strom fluthete von allen Seiten herein. Die Eingeweihten erwarteten- mit lebhafter Ungeduld die Nachricht von dem Aufstande.' Es waren nur noch drei Tage übrig, als wir erfuhren, daß Lallemand und Lefebvre-Des- nouettcs zu La Ferc an der Festigkeit des Generals Dabovillc und des Obersten Lijon gescheitert seyen, daß Lallemand nebst seinem Bruder verhaftet und bereits ein Kriegsgericht über sie niedergesetzt sey. Jetzt war Alles verloren. Angst und Verzweiflung bemächtigte sich aller Freunde des Kaisers. Ich war für mich selbst unbesorgt, aber ich beklagte das Schicksal so vieler Tapfern, die ihre Treue gegen den Mann, den sie noch als ihren Scuverain betrachteten, auf dem Schaffvte büßen sollten, als plötzlich eine-andere Nachricht, zuerst in der Stille, dann laut sich verbreitete. Es war Montag, den 7. März, als ich um 9 Uhr Morgens durch die Luilerien ging 174 und hier von weitem Paul Laaarde erblickte, der in Italien General-Polizei-Commiffär gewesen war. Ich grüßte ihn mit der Hand und setzte meinen Weg weiter fort, als ich Schritte hinter mir vernahm, und als ich mich umwandte, leise die Worte flüstern horte:„Machen Sie kein Zeichen, verrathen Sie kein Erstaunen, bleiben Sie nicht stehen; der Kaiser ist am 1. März zu Cannes gelandet; der Graf von Ar- tois ist heute NachN abgereist, ihn zu bekämpfen." Ich kann beschreiben, welchen Eindruck diese Worte auf mich machten: ich konnte kaum noch athmen, wie ein Trunkener setzte ich meinen Weg fort, und indem ich immer die Worte vor mich hinmurmelte:„2st cs möglich? Ist's ein Traum oder ein grausamer Scherz?" Ich begegnete dem Herzoge von Viccnza, ddm ich die Nachricht Wort für Wort und mit dem nämlichen Tone mittheilte. Aber dieser, gewohnt, die Sachen immer nur von der schlimmen Seite anzusehen, ent- gegnete mir:„Welche Thorheit! Wie! ohne Truppen landen!... Eu wird gefangen, ehe er zwei Meilen macht; er ist verloren. Es ist unmöglich! Indeß ist es nur zu wahr, daß der Graf von Artois heute Nacht eilends abgereist ist." Die schlimme Laune des Herzogs von Vicenza berührte mich unangenehm. Ich eilte deßhalb fort, um mich ungestört meinen trunkenen Gefühlen zu überlassen. Aber meine Gemahlin war von der Nachricht erschrocken und ahnte nichts Gutes. Ich eilte zur Herzogin von St. Leu: sie vergoß Thränen vor Freude und Rührung. Wir 175 maßen die Entfernung von Cannes nach Paris.„Waö werden die Generale thun, die auf dieser Straße commandiern? die Obrigkeiten, die Truppen? Welche Wirkung wird die Ankunft des Grafen von Artvis haben?" Wir waren der Meinung, daß nichts den Kaiser aufhalten könne, und wenn er einmal in Lyon sey, jedes Hinderniß zum Voraus überwunden sey. Von dem Augenblicke an schloß die Herzogin ihr Haus. Aller Verdacht der Noyalisten, alle Klicke der Polizei waren aus sie gerichtet. Während der verflossenen cilf Monate war ihr Haus nie sehr besucht gewesen; einige Generale, einige Damen und junget, Leute von, neuen Hof besuchten sie vsr, aber nie richtete sich das Gespräch auf den Kaiser; nur einige Getreuen theilten sich ihre Besorgnisse und Hoffnungen über sein Leben und seine Zukunft mit. Ein unbestimmtes Gefühl sägte uns, er würde wieder kommen, ein so wundervolles Leben könne nicht auf einem einsammcn Felsen zwischen Italien und Frankreich erlöschen; aber wie und durch welche Mittel? Unsere ganze Einbildungskraft konnte sie nicht auffinden. Täglich zählten wir dicc Fehler, welche die Regierung beging, alle die man ihr andichtete, und jene Masse von Vorurthcrlen, Klagen, Spottschriften, in denen die Lächerlichkeiten der Royalisten und ihre unsinnigen Plane mir der bittersten Ironie aufgedeckt wurden; aber das Volk begnügte sich zu lachen und die Achseln zu ziEm; der Soldat gehorchte und die Massen schienen ruhig blct 176 ben zu wollen. Wie konnte also der Kaiser einer Regierung/ die stark schien, einem Volke, daö ihn vergessen zu haben schien, entgegentreten? Und nun landet er plötzlich in Frankreich, er bewegt alle Köpfe und sein furchtbarer Name erfüllt seine Feinde mit Schrecken und Muthlosigkeit. Man zählt die Tage, die Stunden, die Minuten. Jeden Morgen machen die Zeitungen die ungünstigsten Gerüchte bekannt; bald war er gefangen worden oder hatte sich in die Berge geflüchtet. Nicht eine bestimmte Nachricht. Unsere Angst wuchs mit jedem Augenblicke. Ich belichte die Vorstädte, aber überall herrschte völlige Gleichgültigkeit; Jeder ging seinen Geschäften nach. Aber die Polizei, die sorgfältig in den Schenken und den Vcrsammlungsplätzeu des Volks die Bewegungen aufspürte, war erschrocken von den kräftigen Neben und den scpreckftchen Entwürfen, die insgeheim sich vernehmen ließen. Man wagte selbst aus den untersten Classen des Volks Niemanden zu verhaften, aus Furcht, Aufstände zu veranlassen, deren Folgen furchtbar seyn konnten. Aber man muß gestehen, daß es bei der Bürger- schaft nicht so war. Die Lage des Hofs flößte kein Interesse ein; selbst die Scherze gegen denselben fanden reißenden Beifall; aber die-noch zu neue Erinnerung an den Aufenthalt der Feinde flößte lebhafte Besorgnisse und selbst Schrecken über die Ankunft des Kaisers ein. Jedoch zeigte sich, einigt junge Leute ausgenommen, die sich zu Vincennes als 177 Royalistcn einschreiben ließen, Niemand, der gegen den Kaiser zu Feld ziehen wollte. Der Graf von Artois kam verzweifelt zurück, er wagte es nicht, sich auf das Heer zu verlassen;,alle Regimenter, die er getroffen, alle Truppen, die er zu Lyon versammelt, hatte» ihm den Gehorsam-verweigert. Der beim Heere so geachtete, so beliebte Marschall Macdvnald, wurde nicht gehört. Der große Name Napoleons hatte alle Köpfe verrückt. Das zahlreiche Landvolk hatte sich den Truppen angeschlossen; ein Wink— und die Edelleute und Priester waren ermordet. Zum Glücke bemächtigten sich vernünftige Männer der Bewegung und wußten sie einzig auf den Kaiser zu lenken.„Verderbt die Sache des Kaisers nicht," rief man von allen Seiten,„er will nicht, daß ein Tropfen Blut fließe!" Täglich wurde die Gefahr drohender. HerrD"*, bisheriger Polizeipräfekt, wurde durch Herrn Dour- rienne abgelöst. Die Freunde des Kaisers rvußten, was sie von diesem Manne zu fürchten hatten. Ein alter Schulkamerade Napoleons in der Militärschule und dann sein Sekretär, war er wegen eines schändlichen Privatlebens'fortgeschickt worden und hatte sich den Royalisten blindlings in die Arme geworfen. Man sah deutlich,' daß die Wahl auf ihn gefallen war, weil er alle Freunde des Kaisers sehr genau kannte. Ich wußte, ,daß der Mann zu allem fähig sey, besonders zitterte ich für die Herzogin von St. Leu und ihre beiden Kinder, die man als Geißeln X. 1, 178 mit sich führen wollte, auf den Fall, daß man genöthigt würde, ins Ausland zu fliehen. Sie suchte deshalb bei Jetten sich bei einer ergebenen Person ein Asyl zu verschaffen, und flüchtete sich zu einer alten Creolin von Martinique. Da ich keinen von meinen Freunden in Gefahr bringen wollte, verbarg ich mich in demPallaste der Herzogin, aber in dem Theil, der für die Bedienten bestimmt war. Es war der 14. März; Ich hatte keine Nachrichten aus den Provinzen, aber trotz der Lügen der Ieitungsblätter sah ich wohl, daß der Kaiser reißende Fortschritte machte und alle Hindernisse überwand. Der Herzog von Bcrry hatte ein Lager unterhalb Paris errichtet. Die Officiere, die anfänglich sich in Versicherungen der Treue erschöpft hatten, wurden zuletzt frostiger und zurückhaltender^^ Die Soldaten hielt kaum noch die Kriegszucht, Ermahnungen und. selbst Bitten, zurück, dem Kaiser entgegen zu eilen. Endlich am 2v. März, 6 Uhr Morgens erfuhr ich, daß der König und der ganze Hof Paris während der Nacht verlassen und daß die Stadt ohne Obrigkeiten und Militärchess sey. Ich verließ meinen Zufluchtsort, in der Absicht, nach Hause zurückzukehren, denn ich war um meine Frau besorgt, die ich leidend verlassen und seit acht Tagen nicht gesehen hatte. Unterwegs begegnete ich dem General Sebastian!. Er gab mir Nachricht von der Abreise dcS Königs, «ber vom Kaiser wußte er nichts. Ich setzte mich — 179— zn- ihm in scin Cabriolet und fuhr auf die Post. Hier fragte ich nach dem Grafen Ferrand. Dieser erschien, aber ohne mich anzuhören öffnete er sein Cabinet; ich folgte ihm nicht, sondern ging in ein anderes Zimmer, wo ich alle Chefs versammelt fand, die sehr erfreut waren, mich zu sehen, und mich gerne verpflichtet hätten. Ferrand nahm seine Papiere zur Hand, zog sich zurück und überließ nun das Cabinet meiner Verfügung- Ich wäre gerne nach Fontaine- bleau geeilt, den Kaiser zu-umarmen; aber ich wollte vorher meine Frau besuchen und beschloß deshalb, »ach Fontainebleau zu schreiben- Man gab mir einen Courier, der sogleich abging. Ich meldete dem Kaiser die Abreise des Königs und bat ihn um seine Befehle wegen der Post, dä Ferrand die Verwaltung niedergelegt hatte. Sogleich nach dem Abgang des Couriers ging ich in meine Wohnung und blieb hier bis 1 Uhr. Ich dachte damals nicht daran, daß mir dieser kurze, einfache Schritt zum Verbrechen angerechnet würde. Ich war so wenig geneigt, mich der Direction der Posten zu bemächtigen, daß ich auf den Gedanken kam, den Fürsten Cambacöres zu besuchen, um ihn um Rath zu fragen. Ich unterrichtete ihn über meinen Besuch auf der Post und schilderte ihm die Lage von Paris, ohne Obrigkeit, wo alle Augenblick die gefährlichsten Unordnungen losbrechen konnten. Ich habe vergessen, zu sagen, daß mich, nach dem Abgang Ferrands, dio Besorgniß, die Kassen möchten geplündert werde», bestimmt hatte, den General Sebastian! dringend anzugehen, vom Commandanten der Nationalgarde ein Piket Soldaten zur Bedeckung der Kassen zu verlangen. Der Officier,-der sie befehligte, fragte mich nicht einmal, wo er die Schildwachen hinzustellen habe. Dies übernahm ein Beamter. Der Fürst machte mir Vorstellungen wegen meiner Voreiligkeit, und sagte, er habe nicht im Sinne, irgend etwas zu thun, ohne vorher ausdrücklichen Befehl vom Kaiser erhalten zu haben. Ich kehrte hierauf wieder auf die Post zurück, wo ich mit Erstaunen erfuhr, daß Ferrand noch nicht abgereist sey. Die Postpferde standen seit 6 Uhr Morgens angespannt; der Greis hatte den Kopf verloren und alle Bemühungen seiner Familie, ihn fortzubringen, waren vergebens. Er wollte nach Gent und ließ mich um einen Postschein bitten. Ich erklärte ihm, er könne sich durch seine eigene Unterschrift beschützen, allein er wollte durchaus eine Schrift von meiner Hand, indem er fest überzeugt war, nur sie könne ihn auf seiner Reise und in Paris schützen. Auf die Bitte seiner Gemahlin zögerte ich-nicht länger und gab ibm einen Schein, er brauchte ihn jedoch bis Orlcans nicht vorzuweisen, wo er über sechs Wochen verweilte. Das Betragen des Ministeriums in dieser letzte» Zeit und besonders Ferrauds war unbegreiflich. Vor seiner Abreise, hatte der König eine Proclamatkon erlassen, die den Parisern und folglich ganz Frankreich Anteriperfung predigte. Diese Proclamativa 181— war im Monitcur vvm 20. eingerückt. Man rechnete es mir nun zum Verbrechen, daß ich den Moniteur und die Journale nicht hatte abgehen lassen. Wenn man aber so viel Werth auf die Bekanntmachung dieses letzten Befehls des Königs legte, warum hatte Ferrand ihn nicht den Abend vorher durch Estaffettcn abgehen lassen? Ich habe immer vermuthet, Ferrand habe sich nicht damit beeilt, weil er ihm nicht gefiel. Die Ansichten dieses Mannes sind zu bekannt, als daß es Verleumdung genannt werden könnt«, wenn ich ihn beschuldige, daß er einen Bürgerkrieg gewollt habe. Da nun die Proclamation dies verhindern wollte, so beeilte er sich nicht mit deren Verbreitung. Uebrigens war es ein Fehler von mir, daß ich die Zeitungen zurückhielt; sie hätten nichts geschadet. Zudem war die Proclamation an allen Häusern angeklebt, wo sie Jedermann lesen konnte. Empfang des Kaisers.— Dertyeiiung der Aemter.— NapvteonS erste und zweite Besitznahme Frankreichs.— Ich trete mein poriges AMt wieder an— Veränderte Lage deS Kaisers.— General Donrmont.— Ueberraschend? und»ngNickliche Entdeckung.— Fouchc. Ich fand mich nach und nach und auf eine ganz natürliche Weise genöthigt, wieder die, Dienste eines Generalpvstdirectvrs zu verrichten; auch war ich fess entschlossen, mich nur bei der Post anstellen zu lassen. Von Beamten, aller Grade aufgemuntert, 182 die alle entzückt waren, die Bonrbonen auf der Flucht zu sehen, und mit mir die feste Ueberzeugung theilten, daß wir sie nie mehr'sehcn würden(ihre eilf- monatliche Regierung schien uns nur ein böser Traum von einigen Stunden zu seyn), traf ich in meinem Amte die nach meiner Einsicht für den Kaiser vvr- theilhaftesten Maaßregeln und begab mich dann auf die Tuilerien. S bis 600 auf halbem Solde stehende Officiere ergingen sich in dem ungeheuren Hofe, umarmten sich vor Freude und wünschten sich zu Napoleons Rückkehr Glück. In den Gemächern erwarteten ihn seine beiden Stiefschwestern, die Königinnen von Spanien und Holland, in tiefer Anregung. Bald erschienen auch ihre Hofdame» und die der Kaiserin bei ihnen. Ueberall hatten die Lilien die Bienen verdrängt; als jedoch eine der Damen den Teppich, der den Thronsaal bedeckte, in dem sie sich befanden, genauer betrachtete, bemerkte sie eine losgemachte Lilie. Sie nahm dieselbe hinweg und sogleich erschien hinter ihr die Biene. Nun machten sich alle anwesenden Damen ans Werk und in weniger als einer halben Stunde wurde unter Scherz und Lachen der kaiserliche Teppich wieder ans Tageslicht gefördert. Indessen verging die Zeit: es war still in Paris, die fern von den Tuilerien Wohnenden kamen nicht in ihre Nähe, jedes blieb zu Hause. Die Abreise des Königs und die Ankunft des Kaisers war ein ungeheures und so außerordentliches Ereigniss, wie 183 die vierzehn Jahrhunderte der Monarchie kein anderes ausweisen konnten. Und doch schien man gleichgültig dagegen zu seyn. Uederstieg vielleicht das Ergebniß die Fassungskraft gemeiner Seelen, oder sah nicht vielmehr der gesunde Menschenverstand des Volkes ein, daß dieser Kampf der beiden Monarchen nicht zu seinem Heile diene, sondern ihm nur Leiden und Opfer auflegen werde? Doch auf dem Lande war es nicht so. Officiere, die von Fontainebleau herkamen und dem Kaiser vvrausreiste», sagten uns, daß es sehr schwer sey, auf der Landstraße vorwärts zu kommen. Dichte Massen von Landleuten bedeckten sie auf beiden Seiten, oder hallen sich vielmehr derselben bemächtigt. Die Begeisterung war aufs Höchste gestiegen. Man konnte nicht sagen, um welche Stunde er ankommen würde. Es war zu wünschen, daß er ungekannt bliebe, da in dieser Verwirrung und diesem Jubel ihn leicht die Hand eines Meuchelmörders erreichen konnte. Auch hatte er sich wirklich mit dem Herzog von Vicenza in ein armseliges Cabriolet geworfen; um neun Uhr Abends hielt dieses Gefährt vor dem ersten, nahe an dem Gatter des Lvuvrequai's befindlichen Thore. Kaum hatte er den Fuß auf die Erde gesetzt, als mit furchtbarem Wiederhat! der Mus ertönte: Es lebe der Kaiser! er kam von den auf halbem Solde stehenden Offerieren her, die sich auf dem Vorplatz bis zum Ersticken drängten und die Treppe 184. von unten bis oben bedeckten.. Der Kaiser trug seinen berühmten grauen Reiserock. Als ich gegen ihn vortrat, rief mir der Herzog von Vicenza zu:„Um des Himmels willen, stellen, Sie sich vor ihn, damit er vorwärts kann!" Der Kaiser begann die Treppe hinaufzusteigen.. Ich ging eine Stufe voraus rücklings vor ihm her, indem ich ihn mit tiefer Rührung, die Augen in Thränen gebadet, betrachtete, und in meinem Jubel wiederholt rief:„Wie? Sie sind es: Sie sind es! Endlich sind Sie es.!" Indessen stieg er langsam, mit geschlossenen Augen, die Hände vorgestreckt, wie ein Blinder-, und nur durch sein Lächeln sein Glück ausdrückend, die Treppe hinaus. Als er auf dem Absätze des ersten Stockes angekommen war, wollten die Damen vortreten, um sich ihm zu nähern, aber von dem obern Stacke überströmte eine Fluth von Officieren ihren Weg, und wären sie weniger gewandt gewesen, sie wären zerquetscht worden. Endlich konnte der Kaiser in seine Gemächer eintreten; die Thürflügel schloffen sich und die Menge ging auseinander, vergnügt, daß sie ihn gesehen hatte. Gegen eilf Uhr Nachts erhielt ich den Befehl, mich auf die Tuilerien zu verfügen. Ich fand die alten Minister in dem Saale und mitten unter ihnen den Kaiser, der mit ihnen ruhig von der Landesverwal- tung ssprach, wie wenn wir um zehn Jahre in der Zeit zurück gewesen wären. Er war gerade aus dem Bade gestiegen. Der Gegenstand und Ton der Un- 185 'ei- terhaltung und die Gegenwart aller Derjenigen, ihn welche so lange unter ihm gedient hatten, verwischten Im die Familie Bourbon und ihr eilsmonatliches Regiment da- völlig aus meinem Gedächtniß. Aber auf einem Mö- die bel des Gemachs waren ohne Befehl die Marmorbü- ms sten Ludwigs XVI., des Dauphins, des Vaters der fer dermaligen Prinzen und einiger Prinzessinnen, aufge- lch- stellt. Diese Büsten riefen uns die Erinnerungen ie? an den vorigen Tag zurück. Am folgenden Tage wall" ren sie alle verschwunden. en, Als mich der Kaiser erblickte, kam er mir einige mr Schritte entgegen, schob mich sanft in ein anderes ppe Zimmer und sagte, indem er mich am Ohre zupfte, kes zu mir:„Ah! da ist ja der Herr Verschwörer."— um„Nein, gewiß nicht, Skre; wenn man Ihnen die er- Wahrheit gesagt hat, so müssen Sie wissen, daß ich ind mich nicht in eine Sache mischen wollte, in der Herr er-***....."—„Gut, schon gut." Fouch« war bereits ine Pvltzeiminister. Die Unterhaltung wandte sich auf md diesen Gegenstand, oder es begannen vielmehr die ihn alten immer wiederkehrenden Fragen. Endlich bot er mir das Ministerium des Innern an.„Nein, sich Sire; Ew. Majestät muß einen Mann haben, dem ten die Direktion der allgemeinen Verwaltung geläufig ren ist, und der von der Revolution her einen glänzen- igl- den Namen hat. Ich bitte Sie, mir wieder die der Postvirection zu geben, wo ich Ihnen noch nützlich em seyn kann."—„Nun gut, es sey, ich will Carnot In- ernennen." 186 Der Kaiser hatte gut gewählt. Freilich erregten die etwas trockenen Formen dieses Ministers und seine Unerfahrenheit einiges Murren, aber es war ein tugendhafter Mann, der ernstlich für das Wohl Frankreichs besorgt war. Noch zwei Monate nachher, wünschte sich der Kaiser Glück zu seiner Wahl und^ sagte zu mir:„Carnot ist ein sehr edler Mann." Vor mir hatte der Kaiser Herrn Mol« Audienz ertheilt, der das Ministerium der Justiz und der auswärtigen Angelegenheiten ausgeschlagen hatte, um die Aufsicht über die Brücken und Chausseen wieder zu übernehmen, die er vor der letzten Regierung^ gehabt hatte. Diese Audienzen dauerten tief in die Nacht hinein. Um drei Uhr kehrte endlich der Kaiser in den Saal zurück und sagtet ,>Zertigen Sie nun, allertidsesen Herren ihre Patente aus. Was Laval-^ leite betrifft, so hat dieser keines nöthig: er hat die Post bekommen." In demLone, den er in diese wenigen Worte legte, war etwas Boshaftes uud Beißendes, das mir bewies, daß er ärgerlich über mich war. Wirklich verwaltete ich die Post während der drei Monate ohne Patent. So hätte man meiner Anklageacte die seltsame Beschwerde beifügen können:„Auch ist er angeklagt, während der Regierung des Usurpators das Amt eines Generalpostdirec« tors ohne schriftliche Bevollmächtigung verwaltet zu haben." Dies war seine zweite Besitznahme von Frankreich. Die erste geschah am 18-Brumaire Des Jahres isoo 187 bei seiner Rückkehr von Egypten. DamM war Frankreich eine Repnblik und wurde von dem Directorium regiert, einer sowohl durch die gewaltigen Angriffe von außen, als durch ihre schlechte Verwaltung abgenutzten Maschine. Der Bürgerkrieg gestaltete sich unter den Augen dieser verachteten und verwünschten Regierung. Empörung siegte über ihre Macht, und das Volk schien nur auf ein Oberhaupt zu warten, um das verhaßte Joch abzuschütteln; und dvch wir viele Mühe kostete es, und welcher Umstände bedurfte man, um zu der Revolution vom 18. Brumaire zu gelangen! Wahrend seiner Steife von Frejus bis Paris, und besonders zu Lyon, flüsterte ihm Alles, Aristokraten jeder Art, Emigrirte, Bürger und Laud- leute, ins Ohr:„Stürzen Sie das Directorium und bemächtigen Sie sich der Gewalt!" Aber überall mnßte er auch die entschiedene Sprache der Republikaner vernehmen, die Ihm zurieten:„Bemächtigen Sie sich der Gewalt, seyen Sie Sieger, aber lassen Sie uns frei seyn!" Zur glücklichen Ausführung seines Unternehmens bedurfte er der Zustimmung des ernsten Wepublikengründcrs Sieyes und seines Collegcn Ro» ger Ducos. Hätte das Directorium Kraft und Ansehen gehabt, so hätte es ihn in seinem Laufe aufhalten können, und wenn das Schwert der Gerechtigkeit es nicht gewagt hätte, ihn zu treffen, so hätte er seine» Ruhm und seine Kühnheit mit Verbannung und vielleicht mit Deportation büßen müssen. Wie ganz anders stand es im März 1815! Vom 188 Throne gestoßen, abgestrichen aus der Reihe der Monarchen, aus Frankreich verbannt und auf den Jnselfelsen Elba verwiesen, kehrt er beinahe allein zurück, und kaum hat er den Fuß auf französischen Boden gesetzt, so jauchzt und jubelt das Volk überall; in ganz Frankreich ertönt der begeisterte Ruf:„Napoleon! kein Königthum, keine Bourbonen mehr!" Napoleon will Frankreich, seines Ruhmes, seines Geistes bedarf es. Wehe dem, der es wagen würde, den Finger gegen ihn zu erheben, oder vielmehr, wehe dem, der nicht für ihn ist! Landleute, Soldaten, Bürger, Alles eilt ihm entgegen, Alle bringen ihm wie einem Schicksal, einer Gottheit ihre Wünsche und ihre Dankbarkeit dar. Das Königthum der Bourbonen ist nur noch ein Traum, es scheint, als ob es nie Royalisten, Adelige und Emigrirte gegeben hätte. Das war nicht die Wirkung einer Verschwörung, es war eine große Nationalbewegung, wie die im Jahre 1789 für die Freiheit, am 9. Thermidor gegen die Tyrannei und am 18. Vrumaire gegen die Uncrfahrenheit. Vaterlands- und Ruhmliebe, sowie die feste Ueberzeugung, daß die wieder angenommene Dynastie das Glück und die Unabhängigkeit, des Landes nicht sichern könne, beherrschte damals alle Gemüther; aber wie war auch dieser Traum schon.nach drei Monaten entflohen! Indessen hatte ich mein Amt wieder übernommen, indem ich am 21. Morgens zu demselben zurückkehrte. Mein Vorgänger hinterließ mir eine klägliche Ver- 139 Wirkung unter dem Postpersonale. Cr hatte nicht blos die abgeschmacktesten Anzeigen veranlaßt und angenommen, sondern sie auch belohnt, so daß den größten Theil der Angestellten Haß und Mißtraue» einander feindlich gegenüber gestellt hatte. Sie waren alle entweder Jacvbiner oder Leute von Rang. Ich wurde zu meinem Erstaunen gewahr, daß sich unter dem Personale, dem ich dreizehn Jahre lang vorgestanden war, Priester, Köuigsmörder, Ritter vom St. Ludwigskreuze und Emigrirte befanden. Besonders diese Letzten hatten ihre Vorgesetzten mit einer wüthenden Erbitterung verfolgt, um an ihre Stellen zu kommen. Ich half diesen Mißbrauchen und Schändlichkeiten ab, und die meisten jener Herren waren die Ersten bei der Unterzeichnung der Beiacte zu der Constitntion und des Schwurs der Treue gegen den Kaiser. Ich hakte keine acht Tage nöthig, um den Abgrund zu messen, der vor unsern Füßen gähnte. Die bekannte Proclamation des Congreffes war vor der des Kaisers in Frankreich angelangt. Man konnte an ihrer Autbentie nicht mehr zweifeln, und der Kaiser wußte, obgleich er es nicht gestand, so gut als ein Anderer, daß der Sturm nicht abgewendet werden könne. Ich hätte gewünscht, daß er, auf das Vergangene verzichtend, blos als Geuerallieutenant des Reichs und nur für seinen Sohn handelnd aufträte, aber durch eine genauere Ueberlegnng kam ich auf die Ueberzeugung, daß dies unmöglich wäre. Cr mußte, 190 die Kaiserkrou-e aus denr Haupt, dtn geraden Weg gohen. Sollte er die Coustitution zurückrufen? Ich weiß, daß diese Frage mit großer Hitze besprochen wurde und gewandte Gegner fand. Stieß man sie zurück, konnte man sagen, so blieb nichts mehr übrig. Man büßte dann den großen Fehler der napoleonischen Regierung, den Mangel an Zusammenwirken des Ganzen, die Abwesenheit aller Gesetze, die von den alten Freunden der Freiheit so schmerzlich gefühlt wurde, Dennoch ist es beklagenswerth, daß man die Constitution beibehalten wollte. Da eine neue Con- stitution gegeben werden mußte, wozu sollten den» alle jene Edicte dienen, die hundertmal-gefährlicher waren, als die Ordonnanzen des Kaisers? Dieser mußte im Namen der Unabhängigkeit sprechen, ja im- Namen seines Sohnes sogar befehlen; wäre der Feind geschlagen gewesen, so hätte mau die inneren Fragen- erledigt. Aber, ich muß es sagen, der Kaiser erschrak über die Thatkraft aller seiner Umgebungen. Die eilf Monate der königlichem Regierung hatten uns in das Jahr 1792 zurückgeworfen, und der Kaiser fühlte dies sogleich, denn er fand nicht mehr die frühere Unterwürfigkeit, nicht mehr die tiefe Ehrfurcht, nicht mehr die kaiserliche Etikette. Er ließ mich des Tags zwei- bis dreimal holen, nm ganze Stunden mit mir zu plaudern. Ost geschah es, daß die Unterhaltung stockte. Eines Tages, nachdem stillschweigend zwei bis drei Gänge durch das Zimmer gemacht waren, wollte ich mich, durch diesen einförmige!! Sxaziergang gelangweilt und von Geschäften gedrängt, von dem Kaiser verabschieden. Da rief er erstaunt, obgleich lächelnd:„Wie?. verläßt man mick so?" Ein Jahr vorher hätte ich es nicht gethan, aber ich war aus dem alten Gange gekommen, und fühlte, daß ich nicht mehr hinein könne. In einer jener Unterhaltungen, welche den Geist der Freiheit betraf, der sich überall mit so großer Kraft ausdrücke, sagte er im Tone einer FAge zu mir:„Alles das wird zwei oderdrei Jahre dauern?" —„Ew. Majestät darf käsenichHKlauben: Alles das wird immer fort dauern." Es stand nicht lange an, so überzeugte er sich selbst, undedaS Gestaiidniß davon entfuhr ihm mehr als einmal. Ich zweifle auch nicht daran, daß, wenn er den Feind besiegt und den Frieden hergestellt gehabt hätte, innere Unruhen seiner Gewalt sehr gefährlich geworden wären, und von den Verbündeten war es unklug, daß sie ihn nicht in Ruhe ließen. Ich weist nicht, was er alles, aber gewiß weiß ich, daß er alles das bewilligt hätte, was die Nation von ihm verlangt hätte, und ich zweifle, ob ihm das Negieren nicht entleidet wäre, wenn er nur noch ein konstitutioneller König gewesen iväre, nach dem Sinne der Patrioten. Indessen fügte er sich, wenigstens dem Anscheine nach, vortrefflich in seine Lage; nie in seinem ganzen Leben habe ich eine unerschütterlichere Ruhe an ihm gesehen, mit wem er es auch zu thun hatte, kein bitteres Wort entfuhr ihm, geduldig hölHe er Alles an und prüfte- 192 es mit jenem seltenen Scharfsinn und hohen Verstände, die so bewunderungswürdig an ihm waren; auch bekannte er seine Fehler mir rührender Offenheit, und hatte ein schärferes Urtheil-über seine Lage, als seine Feinde. Die Begeisterung der Nation kühlte sich schnell ab. Man hat oft gesagt, diese Abkühlung sey von seinen Beiactcn hergekommen, und ohne Zweifel haben diese viel dazu beigetragen; aber man muß noch einen andern Grund anführen, nämlich den bedeutenden, daß man weniger den Kaiser haben wollte, als man die Vourbonen nicht mehr wollte.- Die Vertreibung dieser hatte die Nation zufrieden gestellt, und als die Franzosen den Kaiser mit so großer Begeisterung empfingen, dachten sie ihrer Gewohnheit gemäß nicht an den andern Tag. Mit der Demüthigung und Ueberwindung der Rvyalisten, die sich aller Welt verhaßt gemacht hatten, zufrieden, war die.Nation darüber betroffen, daß dieser Sidg^hr den Frieden, die Vortheile des Handels und alle jene Opfer koste« sollte, die ein heftiger Krieg mit sich bringt, und doch konnte ja eine solche Revolution nicht ohne ei» gefährliches Spiel vor sich gehen, da die fremden Herrscher einen Ehrenpunkt darein setzten, das Haus Bourbon auf dem Throne zu erhalten. Indessen gaben alle diejenigen, welche den Krieg veranlaßt hatten, der Stimme der Ehre und Nothwendigkeit auf eine ehrenvolle Weise Gehör; aber da die Conscriptivn nicht mehr In Anwendung ge- -- - 193— tracht werden konnte, so fanden sich statt der4oo,ooo Mann, welche nach der Erklärung der Regierung unter den Waffen seyn sollten, nicht einmal 250,000, und doch mußte man den Krieg beginnen. Die Bour- bonen waren in der öffentlichen Meinung sehr wankend gemacht worden, der Kaiser wurde es noch mehr. Die Royalisten, die sich nicht gezeigt hatten, weil sie unerwartet überfallen worden waren, kamen unter dem Schutze der Freiheit, welche sie bald vernichten sollten, wieder zur Ruhe, und alle Patrioten, die man von den Vaterlandsfreunden wohl unterscheiden muß, erschienen jetzt mit den Farben, unter welchen sie gekämpft hatten; die alten Leidenschaften erwachten wieder und bald bot der neue Kampfplatz das Bild der Anarchie dar. Man sah dies an den Wahlen der Wähler und bald sogar auch in der Repräsentantenkammer. Der Kaiser hatte das Maifeld ausgedacht, um die Einbildungskraft rege zu machen, aber die, Wähler, welche dahin geschickt wurden, stießen sich an dem Thron, dem Glanz des Hofs und sogar an der Messe; denn ihr befangener Sinn sah nur den Kaiser und Herrscher und dachte nicht mehr an die sich versammelnden Feinde. Viele »vn ihnen erinnerten sich an die Wunder des JahreS 1792, ohne an die Verschiedenheit der Zelten zu denken. Im Jahre 1792 besaß Frankreich im Papiergeld einen ungeheuern Schatz. Es war durch keine Regierung gehemmt, da es dieselbe erst gestürzt hatte, noch durch seine inneren Feinde, da diese X. 13 - 194— von dem Volke niedergeworfen nnd zur Flucht genöthigt worden waren, noch durch Ansprüche, da Alles einander gleich war. Dagegen hatte die Begeisterung ihren höchsten Gipfel erreicht, man wollte um jeden Preis unabhängig seyn. Das Volk war wüthend, barbarisch, aber nicht verdorben, und daS Heer muthvoll und ruhmsüchtig, aber gleichgültig gegen Reichthum und Gnadenbezeugungen. Jetzt war Alles anders geworden. Diejenigen, welche Anstellungen hatten, wollten dieselben behalten und waren daher schwankend und unentschieden;'die Mar- schälle schämten sich der elenden Rolle, welche sie bei der Restauration gespielt hatten, auch verwünschten sie-vor ihrem alten Herrn die Bourboucn und fürchteten ihre Rückkehr, aber vor Allem hatten sie eine Abneigung gegen den Wiederbeginn des Krieges, da sie wohl einsahen, daß sie denselben nicht mehr mit den alten Vortheilen führen konnten, welche ihnen so viel Ruhm und Ehre verschafft hatten. Der Kaiser hatte alle seine vorigen Titel wieder angenommen; der Staatsrath dagegen dachte darauf, die Souveränität des Volks zu proclamiren. Diese Erklärung war ihm nicht angenehm, aber er ließ der Sache ihren Gang; er konnte nicht mehr Gesetze geben. Ich erinnere mich, daß ich an dem Tage, wo dieselbe von dem Staatsrathe unterzeichnet wurde, nicht in der Sitzung war. Der Secretär forderte mich zur Unterzeichnung auf und ich leistete sie, ohne vorher die Sache zu lesen. Erst als ich Regnaud de 195 Saint-Jean-d'Angely begegnete, fragte ich ihn, was es sey.„Es ist," antwortete er lachend,„eine Acte, die dich bedeutend blosstcllt." Ich beunruhigte mich nicht darüber. Aber Herr den ich am folgenden Tage sprach, sagte zu mir, er habe unterzeichnen zu müssen geglaubt und als ick mich darüber wunderte, sagte er im Tone des Vertrauens: „Aber dem Kaiser hat es nicht mißfallen." Ich las hierauf die Schrift aufmerksam und fand, daß sie dem Kaiser nicht wirklich hätte gefallen können und daß Herr Handlungsweise nicht aus einem wüthigen Entschlüsse, sondern aus höflicher Berechnung hervorgegangen war. Diese unheilbringende Verschiedenheit der Meinungen, welche den Aufschwung des NationalgeisteS hemmte, äußerte ihren Einfluß in allen Zweigen der Verwaltung. Es war unumgänglich nothwendig, viele Prafectcnstcllcn anders zu besetzen, aber neben einigen vorzüglichen Wahlen kamen allzuviele schlechte vor. Mau ernannte viele junge Leute, die zwar voll Eifer waren, aber nicht viel Zutrauen einflößen konnten. Ueberall verkündigte man die Herrschaft der Gesetze und doch setzten die meisten der außerordentlichen kaiserlichen Commissäre, welche in die Departements geschickt wurden, die Beamten überall ab, um entweder die alten Inhaber der Aemter oder überhaupt Leute an ihre Stelle zu setzen, welche früher Proben ihrer Vaterlandliebe abgelegt hatten. Außerdem daß dieses Verfahren den Gang der Ge- — 19?- schäfte hemmte, welche so sehr einer schnellen Förderung bedurften, vermehrte es noch die Johl der Mißvergnügten. Solche Veränderungen waren unstreitig bei den hohen Stellen nothwendig, welche unmittelbar mit den Ministern corrcspvndirten, aber die Subalternen hatte man doch leicht im Auge behalten können und ihre Vcrräthercien wären in den ersten Zeiten gewiß nicht sehr gefährlich gewesen. Ich widersetzte mich diesem traurigen System aus allen Kräften, aber ohne Erfolg. Man hielt mir immer wieder den Stand der Dinge und die früher dadurch, daß man die Anhänger der Bourbonen von den Aemtern entfernt hatte, bewirkten Erfolge entgegen, bedachte aber nicht, daß die meisten der Beamten keine Verräther, sondern schwache Leute waren, die ihre Stellen behalten wollten, mit ihren Wünschen zum Theil dem Kaiser angehörten und ihn gerne siegen gesehen hätten, aber sich sehr vor einer Niederlage fürchteten. Ich sprach mit dem Kaiser von dem Uebel, das seine Emissäre verursachten. Er antwortete mir: „Ich bedarf eines Siegs, vorher kann ich nichts thun; ich bin vielleicht der einzige in diesem Reiche, der seine Kaltblütigkeit bewahrt und dennoch kann ich nicht alle diese Bewegungen leiten." Er konnte selbst seine Feinde nicht zurückstoßen, so sehr war seine Lage verändert. Einige Tage nach seiner Ankunft fand sich der General Bourmont bei seinem Lever ein; aber obgleich er sich in die erste Reihe 197 gestellt hatte, so ging doch der Kaiser an ihm vorbei, ohne ihn anzureden oder nur anzusehen. Er ließ sich jedoch nicht zurückweisen und kam drei Tage nachher wieder. Indessen hörte ich, daß er eine Division in der großen Armee erhalten habe; ich äußerte mein volles Erstaunen darüber und fragte unwillig-, wer der Urheber dieses Meisterstücks seyn könne. „Ich bin es," sagte Labedoyöre sich umwendend zu mir,„ich habe für ihn gebürgt. Er ist ein guter Officker, der von nichts, als von Frankreich weiß und der sich gut schlagen und als ein Ehrenmann dienen wird."—„Ich wünsche es!" war meine ganze Antwort. Als ich Labedoyl-re nach seiner Rückkehr aus dem Feldzuge wieder sah, sprach ich von seinem Schützling mit ihm.„Man hatte ja," erwiederte er mir,„seinen Vater in der Vendäe festgenommen." Eine treffliche Entschuldigung! Konnte er nicht den Kaiser um seine Freiheit bitten, der ihm diese Bitte gewiß nicht abgeschlagen hatte? Und noch mehr, konnte dies ein Grund seyn, um sein Vaterland und den von ihm anerkannten Herrscher zu verrathen? Der Kaiser hatte wahrscheinlich gehofft, die Kaiserin und ihr Sohn werden ihm zurückgegeben werden, aber diese Hoffnung wurde bald zerstört. Etwa einen Monat nach seiner Ankunft kam der Herzog von Vicenza zn mir und überreichte mir einen Brief ohne Adresse, den ihm ein von Wien kommender Courier mit mehreren andern überbracht hatte. Die- 1S8 ser Brief, sagte der Courier, sey ihm von Herrn von*** zugeschickt worden, der es nickt gewagt habe, denselben zu adressiren. Ich stand mit Herrn von*" in zu geringer Verbindung, als daß ich denken konnte, er sey an mich geschrieben und wies ihn daher zurück. Zwar sagte Canlincourt zu mir: „Bedenken Sie es wohl; ich glaube bestimmt, daß^ der Brief an Sie ist. Vielleicht wäre es gut, wenn Sie ihn öffneten, denn, wenn wen» Sie sich weigern, so muß ich ihn dem Kaiser schicken." Aber ich antwortete ihm;„Thun Sie es, ich habe nichts mit Wien zu schaffen und wünsche, daß ihn der Kaiser lese," Am Abende würd ich ins Schloß gerufen. Ich fand den Kaiser in einem matt erhellten Cabi- nette; er hatte sich in eine Ecke des Kamins gedrückt und schien bereits an der Beschwerde zu leiden, die ihn seitdem nicht mehr verlassen hat.„Da ist ein Brief," sagte er zu mir,„der nach der Aussage des Wiener Couriers für Sie geschrieben ist. Lesen Sie ihn." Beim ersten Blick, den ich in den Brief warf, glaubte ich*** Handschrift zu erkennen, aber er war lang und ich durchlas ihn langsam; endlich kam ich an den Hauptpunkt. *** schrieb mir, daß man auf die Kaiserin nicht zählen dürfe, da sie ihren Haß gegen den Kaiser nicht verberge und zur Billigung aller Maßregeln, die man gegen ihn nehmen würde, bereit sey, daß an keine Wiedervereinigung zu denken sey und daß sie dabei die groß» ten Hindernisse in den Weg legen würde, und daß er es endlich nicht über sich gewinnen könne, die Aeußerung 199 seines Unwillens darüber zu unterdrücken, daß die n Kaiserin, die sich dem*** hingegeben habe, sich !t nicht einmal mehr die Mühe nehme, ihren seltsamen n Geschmack an diesem Manne zu verbergen und daß >b er ebensosehr Herr ihres Willens, als ihrer Person 's sey. Die Handschrift war verstellt, jedoch nicht so, - daß es ein kaltblütiger Leser verkennen konnte. 2e- iß doch sprach aus dieser Mittheilung eine Heftigkeit IN und Bewegung, die dem Verfasser des Briefs nicht n, eigen war. Während des Durchlesens kam mir der t- Verdacht, daß es ein nachgemachter Brief und eine it drin Kaiser gestellte Falle sey. Ich theilte diesem er meinen Gedanken mit und wie gefährlich der Betrug n. wirden könnte. Auch fand in, scheinbare Gründe gest- uug, um ihn selbst ungewiß zu machen.„Wie wäre ctt es möglich, sagte ich zu ihm, daß*** die Unklugste heil begangen hätte, solche Dinge mir zu schreiben, in der ich nicht fein Freund bin und so wenig in Be- es rührung mit ihm stehe? Wie sollte man glauben, daß ste die Kaiserin in ihren Verhältnissen sich so weit ver» rf, gäße, einen solchen Haß öffentlich zu machen oder er sich gar einem Manne hinzugeben., der ohne Zweifel ,m noch einige Gaben, zugefallen, besitzt, aber doch nicht mehr jung ist, ein entstelltes Gesicht und über- cht Haupt in seiner ganzen Person so wenig Anziehendes cht hat?"—„Aber," entgegnete der Kaiser,„*** ist mir ergeben und obgleich er nicht Ihr Freund ist, je- so erklärt ja die Nachschrift hinreichend den Grund jp, einer Mittheilung an Sie." Unten am Briefe starres mS 200 den nämlich noch dke Worte:„Ich glaube nicht, daß Sie dem Kaiser die Wahrheit sagen können; gebrauchen Sie indessen dieselbe, wie es Ihnen am dienlichsten scheint." Ich bestand jedoch darauf, daß der Brief falsch sey, worauf der Kaiser sagte:„Gehen Sie zu Caulincvurt; er hat viele andere von derselben Hand und die Begleichung wird sür.Jhre oder seine Meinung entscheiden." Ich ging zu Caulin- court; dieser sagte mit Heftigkeit zu mir:„Der Brief ist entschieden von.*** und ich zweifle keinen Augenblick an der Wahrheit dessen, waS er enthält! Fasse der Kaiser seinen Entschluß, von dieser Seite ist nichts mehr zu hoffen!" Diese traurige Euldtk- kung that dem Kaiser sehr wehe; denn er war der Kaiserin-mit wahrhafter Neigung zugethan und httte seinen Sohn wieder zu sehen gehofft, den er zärtlich liebte. Fouche war weit davon entfernt gewesen, dke Rückkehr, des Kaisers, zu wünschen; er war schon lange, des Gehorsams müde und hatte zudem einen andern Plan angesponnen, den die Ankunft des Monarchen vereitelte. Dennoch' stellte ihn dieser wieder an.die Spitze der Polizei, da Savary abgcnnzt war und er eines gewandten Mannes bedurfte. Fouch« nahm den Posten an, gab aber deßwegen doch seinen Plan nicht auf, den Kaiser wieder vvm Throne zu stoße» und entweder seinen Sohn oder eine Art Republik mit einem.Präsidenten an seine Stelle zu setzen. Er war mit dem Fürsten von Metternich in fort- 201 währender Correspondenz gestanden und hatte, wenn man es glauben will, den Kaiser zu überreden gesucht, zu Gunsten seines Sohnes abzudanken. Auch ich war dieser Meinung, aber von Seiten eines solchen Mannes war dieser Rath nicht ohne Gefahr für den, dem er gegeben wurde. Da derselbe zurückgewiesen wurde, so war es die Pflicht des Dieners, nicht mehr daran zu denken oder seine Entlassung zu nehmen. FouchL behielt seinen Posten und setzte dennoch seine Correspondenz fort. Der Kaiser, der ihm nicht traute, hatte ein scharfes Auge auf ihn. Eines Abends hatte er viele Gäste imElysüe; er sagte mir, er habe mit mir zu sprechen und ich solle auf ihn warten. Als alles auseinander gegangen war, trat der Kaiser mitFouche in ein Zimmer neben- dem, in welchem ich mich befand; die Thüre war halb offen geblieben; die Beiden gingen in ruhigem Gespräche auf und nieder. Nach einer Viertelstunde holte ich zu meinem größten Erstaunen den Kaiser kalt zu Fouchö sagen:„Sie sind ein Verrather; warum bleiben Sie Polizeiminister, wenn Sie mich verrathen wollen? Es käme nur auf mich an, Sie hängen zu lassen und alle Welt würde Beifall klatschen." „Ich hörte Fouche's Antwort nicht, aber die Unterhaltung dauerte noch eine starke halbe Stunde, während die Sprechenden fortwährend auf und abginge». Plötzlich trat Fvuche heraus und wünschte mir heiter gute Nacht, indem er mir sagte, der Kaiser habe sich in seine Gemächer zurückgezogen. Wirklich fand 202 ich ihn nicht mehr. Aber am folgenden Tage sprach er von dieser Unterhaltung mit mir.„2» argwohnte," sagte er,„der Elende stehe mit Wien in Correfpon- denz. Ich ließ einen Handlungsdiener verhaften, der aus dieser Stadt kam; dieser gestand, erhabeFvuche einen Brief vvn Metternich gebracht und die Antwort müsse zu einer bestimmten Aeit nach Basel geschickt werden, wo ein Mann den Ueberbringer auf der Brücke erwarten werde. Vor einigen^agen ich nun Fvuchü kommen und behielt ihn drei stunden lang in meinem Garten, weil ich hoffte, erwerbe mir in einer vertrauten Unterredung etwas von die. sein Briefe sagen, aber er erwähnte desselben mit keinem Worte. Endlich, gestern Abend, sprach ich geradezu über die Sache nur ihm." Und nun wiederholte mir der Kaiser dieselben Worte. die ich den Abend zuvor gehört hatte. Sie sind ein Verrathet u. s. w.„Er,gestand mir wirklich," fuhr der Kaiser fort,„daß er jenen Brief erhalten habe, aber er sey nicht unterzeichnet und er halte ihn für eine bloße Fopperei. Hicmit zeigte er mir den Brief. Dieser war aber offenbar eine Antwort, in der man ihm von Neuem erklärte, dasi man von dem Kästet nichts mehr hören wolle, außerdem aber sich in alles klebrige fügen werde Ich erwartete, der Kaiser werde diese Erzählung mir einer zornigen Aeußerung gegen Fouchä beschließen, aber die Unterhaltung wandte sich auf einen andern Gegenstand uno es war nicht mehr von ihm die Rede. — 203— Zwei Tage darauf ging ich zu FonchL, um mich für einen Musketierofficier zu verwenden, den man von sei ner Familie getrennt und fern von Paris verbannt hatte. Ich traf ihn an- Frühstück und setzte mich neben ihn. Er befand sich im Kreise der peinigen, aber gegenüber von ihm saß ein Fremder. „Sehen Sie," sagte er zu mir, indem er mit seinem Löffel auf den Fremden wies,„dieser Mann da ist ein Aristokrate, ein Bourbonianer, ein Chouan, der Abbd***, der Redacteur des Journal des D«- bats, ein grimmiger Feind Napoleons: dieser Mann gehört jetzt uns an!" Ich sah den Menschen an. bei jeder von dem Minister ihm beigelegten Eigenschaft machte er eine Verbeugung gegen seinen Teiler hin, indem er die Augen verdrehte und wohlgefällig lächelte. Nie habe ich ein gemeineres Gesicht gesehen. Von der Tafel aufstehend sagte mir Feucht-, wie die Federn jener seilen Schriftsteller ganz sein seyen, und ich wußte nicht, wen ich mehr verachten sollte, sie selbst oder den Minister, der damit prahlte, sie für sich erkauft zu haben. In der sichern Voraussetzung, daß der Kaiser über die vorgestrige Scene mit mir gesprochen habe, sagte er zu mir, „Der Kaiser ärgert sich über den Widerstand, den er erfährt, und hält sich dafür an mich, ohne zn bedenken, daß meine Macht ganz von der öffentlichen Meinung abhängt. Ich könnte morgen zwanzig Personen vor meiner Thüre aushängen lassen, wenn sie die öffentliche Meinung verwirft, aber keine einzige 204 Person auch nur auf vieruudzwanzig Stunden ins Gefängniß setzen lassen/ wenn sie von jener begünstigt wird." Die Sprechlust überwältigt mich nie, ich schwieg; aber ich dachte an die Aeußerung des Kaisers gegen Fauche, und fand ein sonderbares Zusammentreffen derselben mit der Fouche's: Der Herr konnte seinen Diener unter öffentlichem Beifallklatschen hängen lassen, und dieser konnte es vielleicht — bei dem Herrn selbst mit demselben Erfolge versuchen. Ich glaube, sie hatten in ihren Aeußerungen wirklich beide Recht; so sehr hatte sich die öffentliche Meinung, die hinsichtlich FouchL's so ganz auf dem rechten Wege war, in Beziehung auf den Kaiser verirrt. Die Ceremonie auf dem Maifelde.— Oeffentliche Stimmung.— Ergreifende Worke des Kaisers.— Seine Abreise.— Die Schlacht bei Waterlo».— Rückkehr deS Kaisers.— Meine Unterhaltungen mit Um, im Eiysee.— Seine Abdankung und Abreise nach Malmaison. Endlich fand die Scene auf dem Maifelde Statt; es geschah am ersten Junius. Es war eine seltsame Versammlung um diese Deputirtenvereinigung auf freiem Felde. Sie hatte geringen Erfolg, weil sie schlecht vorbereitet war. Es hatte dem Kaiser an Zeit gefehlt, auf die Stimmung des Volkes gehörig zu wirken, auch hatten die Patrioten ihren Einfluß nicht äußern können, oder vielmehr, man wußte — 205— nicht, wo man solche finden sollte. Diejenigen, welche die Revolution begonnen hatten, waren abgelebte Greise, die sich von dem öffentlichen Leben zurückgezogen hatten, auch waren ihrer nur noch wenige; die von 1793 waren verachtet; die Kaiserlichen oder Bonapartisten waren wenig geschäht. Nur noch unter dem Militär waren wahrhaft.achtungswerthe Männer zu finden, aber sie waren alle mißvergnügt und niedergebeugt; sie allein wußten noch mit Würde über Vaterland und Freiheit zu sprechen. Doch sie lebten nicht mehr in der Mitte des Volks, sondern waren bereits unter ihren Fahnen versammelt. Der größte Theil der Wähler und.viele Dcputirte brachten einen guten Geist mit; aber der lebendige Sinn der Franzosen läßt sich allzuleicht von dem ersten Eindrucke fortreißen, und kehrt gewöhnlich nur nach langen Umwegen wieder auf den rechten Pfad zurück. Vorwärts! heißt die Loosung; wohin? darnach fragt man nicht. Nun war aber der Weg, den man eingeschlagen hatte, ein schlimmer: man sah in dem Kaiser nur einen Despoten und vergaß den äußern Feind. Man hätte doch einsehen sollen, daß man vor Allem den Feind zu schlagen hatte, aber ich konnte diese Wahrheit auch Leuten von Verdienst und langer Erfahrung nie begreiflich machen. Wir wollen keine Senatsbeschlüsse, keinen Herrscher, keinen Gebieter mehr! wir brauchen nur einen Führer, und sonst nichts weiter! Wir sind zahlreich genug, um den Feind zu schlagen, wenn er uns angreift! 206 Siegt er aber, so wird jedes Departement eine Venöse: nie wird Frankreich schwanken, wenn es zwischen Sclavcrei und Bürgerkrieg zu wählen hat! Die Unklugen bedachten nicht, daß sie durch solche Aeusserungen den Aufschwung des Nativnalgeistcs hemmten, daß man lieber in Erwartung einer zweifelhaften Ankunft hoffen, als sich den Anstrengungen und Gefahren eines Kampfes in die Arme werfen wollte, den man noch fern und ungewiß glaubte, obgleich der Feind offenbar nahte. Indessen war es eine schone Ceremonie auf dem Matfelde, aber es war nicht ganz Frankreich dabei, und die zu Gunsten des Kaisers geäußerten Gefühle gingen nur der Menge von Herzen. Der Richterstand war feindlich gesinnt, alle diese Herrn fügten sich lieber Ludwig XVIII., als dem Kaiser; ihr Anspruch auf den Rang nach dem Parlament, dessen Kleidung sie trugen, schmeichelte ihrer Eitelkeit; unter einem schwachen Fürsten hatten sie wirkliches Ski- sehen, und die Anhänglichkeit der Bourbvnen an die alten Einrichtungen gab ihnen eine Macht, die sie noch verstärken zu können hofften; unter dem Kaiser dagegen war nur Gehorsam am Platze. Die Staatsvcrwaltungs-Chefs und Beamte befanden sich in einer mißlichen Lage; sie hatten Alles zu befürchten und nichts zu hoffen; denn sie sahen wohl, daß nun ein neuer Zeitraum der Revolution beginne, wo Alles wieder in Frage gestellt werden würde. Endlich war dbr Eindruck aller jener Schrecken des — 207 ersten Einfalls noch keineswegs verwischt, und die noch zitternde Einbildungskraft mahlte sich bereits einen zweiten vor. Die von Dubois d'Angers gehaltene Rede an den Kaiser war voll Kraft, und der unverfälschte Ausdruck des Nationalwillcns. Aber konnte die Macht, die nichts mehr harte. Alles geben? Die Antwort des Kaisers war sehr aufrichtig: er versprach viel, mußte aber fühlen lassen, wie sehr er der vollziehenden Gewalt bedürfe. Dies mißfiel; ich merkte es sogleich, als ich mir einigen Depnrirten, die ihn gehört hatten, darüber sprach. Nach der Messe, welcher Jedermann den Rücken kehrte, begab sich der Kaiser auf ein Amphitheater in der Mitte des MaifeldeS, um unter die Cohorten der Departements die Adler auszutheilen. Dies war eine großartige Scene, denn sie war national. Der Kaiser sagte Jedem von denen, welche diese Fahnen empfingen, ein schmeichelhaftes begeisterndes Wort. Au den Vogescndepartemcnts sagte er:„Ihr seyd meine alten Gefährten!" zu denen vom Rhcine: „Ihr wäret die Ersten, Wüthigsten und Unglücklichsten zur Zeit unseres Mißgeschicks!" zu denen von der Rhone:„Unter Euch bin ich aufgewachsen!" zu andern:„Eure Phalangen waren bei Nivvli, Arcvle, Marengo, Tilsit, Austerlitz, bei den Pyramiden!" Diese magischen Worte machten einen tiefen Eindruck auf jene alten Krieger, die ehrwürdigen Trümmer so vieler Siege, aber es wohnte nicht ganz Fram- 208 reich dieser erhabene» Ceremonie bei, und die Begeisterung der Anwesenden theilte sich nicht der übrigen Bevölkerung der Departements mit. Wenige Tage nachher reiste der Kaiser ab. Ich verließ ihn um Mitternacht, er litt sehr an der Brust; als er jedoch in den Wagen stieg, zeigte er eine Heiterkeit, welche seine Siegesgewißheit zu verkündige» schien. Der Verlauf dieses Feldzugs ist bekannt, und es ist hier nicht meine Absicht, eine neue Beschreibung davon zu geben, aber ich hörte mit Schmerz allzuviele unwürdige Franzosen das Unterliegen des Kaisers wünschen. Die Repräsentantenversammlung nahm nicht die Stellung ein, und redete nicht die Sprache, welche ihr Einfluß aus die Gemüther nöthig machte. Alter Haß, Vorurtheilc, die Hoffnung auf die Rückkehr der Bourbonen, und bei vielen Andern lebhafte Unruhe über das Betragen, das der Kaiser, wenn er siegte, bei seiner Rückkehr beobachten würde, brachten eine Verwirrung in die Arbeiten jener Versammlung. Man hatte ihnen gesagt, daß vor Allem die Rettung des Vaterlandes Noth thue; sie antworteten:„Laßt uns die Freiheit recken!" wie wenn das Heil von jenem nicht zunächst von der Frcierhaltung des Gebiets abgehangen wäre! Endlich bekam ich die traurige Nachricht von der Schlacht bei Watcrloo, und am Tage daraus kam der Kaiser selbst an. Ich eilte in das Elysee, um ihn zu bewillkommen; er ließ mich in sein Cabinet ein- 203 treten, und kam mir, sobald er mich sah, mit einem convulsivischen erschreckenden Lächeln entgegen. „Ach! mein Gott!" sagte er, die Angen zum Himmel ergebend, und machte zwei oder drei Gange durch das Zimmer. Jedoch war diese Bewegung mir von sehr kurzer Dauer. Er gewann seine Kaltblütigkeit wieder und sragte mich, was in der Depu- tirtcnkammcr vorgehe. Ich durste ihm nicht verbergen, daß die Erbitterung den höchsten Gipsel erreicht hatte, und daß mir die Mehrzahl entschlossen scheine, seine Abdankung zu verlangen, oder sie im Weigerungsfälle geradezu bekannt zu machen.„Wie?" rief er,„und wenn man nicht Maaßregeln ergreift, so ist der Feind vor den Thoren, ehe acht Tage vergehen! Ach! sehte er hinzu, ich habe sie an so große Siege gewöhnt, daß sie keinen ilnglückstag ertragen können! WaS wird aus diesem armen Frankreich werden? Ich habe für dasselbe gethan, was ich konnte." Bet diesen Worten stieß er einen tiefen Seufzer aus. In diesem Augenblicke wünschte ihn Jemand zu sprechen, und ich zog mich zurück, mir dem Befehle, später wieder zu kommen. Ich wandte diesen Tag dazu an, mich bei meinen Freunden und Bekannten umzusehen; aber ich fand bei allen entweder die tiefste Niedergeschlagenheit oder eine ausschweifende Freude, die mau mir durch erheuchelte Angst und einem Mitleide mit mir zu verbergen suchte, das ich mit dem größten Unwillen zurückstieß. Von der Deputirtenkammer war nichts mehr zn er- X. 14 warten; sie wollen die Freiheit, sagten sie alle, aber unter den beiden Feinden, welche diese zu vernichten drohten, zogen sie die fremden Freunde der Bourbonen Napoleon vor, der den Kampf»och in die Lange ziehen konnte, weil sie die Unvernunft hatten, jene zu verachten und ihn noch zu fürchten. Außerdem zog Jeder seine Leidenschaften zu Rathe: die Einen hofften im Tumulrc und wegen ihrer Bedeutungslosigkeit zu entwischen; die Andern glaubten von den Umständen Vortheil ziehen zu können; die Mehrzahl endlich war in thörichtem Vertrauen auf die Versprechungen der Fremden noch überzeugt, daß die Bourbonen nicht nach- Paris zurückkehren würden, oder daß wenigstens der König,- im Bewußtseyn seiner Schwachheit und RcgierungSunfähigkeit,. sich zu Beschränkungen bcguemen würde, die ihm nicht gestatteten, Rach-e zu üben oder die Eonstitu- tion zu verletzen. Die Anhänger der letzten Meinung waren zugleich die Fouchs's, der ihnen zu verstehen gegeben hatte, daß kein anderes Mittel übrig bleibe, als sich zu unterwerfen, aber daß er allein sie sichern und die Freiheit gründen, könne.. In der Pairskammer sah es noch riet schlimmer aus. Außer dem unerschrockenen Thibaudeau, der sich bis zum letzten Augenblicke mit bewundernswürdiger Kraft gegen die Regierung der Bourbonen erklärte, dachten beinahe alle klebrigen nur darauf^ sich auf die möglichst unschädliche Weise aus der Sache W ziehen; viele verbargen ihren Wunsch nicht, un- 211 ter das alte Joch zurückzukehren, entweder um in der Pairskammer beibehalten zu werden, oder um die Rache zu entwaffnen. Die Mehrzahl jedoch wollte würdig fallen, aber es fehlte an festem Willen; diese Kammer wartete auf die Beschlüsse der Depu- tirtenkammer, und versteckte sich hinter dieselbe, wie wenn dieser Schild sie hätte schützen können. Vergebens sagte ich zu denjenigen unter ihnen, welche mich hören wollten:„Wir haben kein Mittel zur Rettung, Sie müssen einen Entschluß fassen. Die andere Kammer ist von dem Volke ernannt, unter den durch die Cvnstitution geheiligten Formen: wir «der sind nur die Freunde des Usurpators, wir die Aufrührer, und als solche zum voraus von den Vour- bonen geächtet. Wir können nur noch darauf denken, in unsern letzten Augenblicken eine edle Entschlossenheit zu zeigen und mit Anstand zu fallen." Ich hatte es mit Leuten zu thun, die zu alt waren, um sich von der Süßigkeit des Lebens loszureißen, und die für nichts mehr empfänglich waren, als für das Bedürfniß, es zu bewahren, und für die Angst vor nahendem Unglück. Einige jedoch muß ich davon aus- nehmen, und vor Allen den alten Siepes, welcher der Meinung, die ich von ihm hegte, durchaus entsprochen hat. Zwar fehlte es ihm an der nöthigen Uebung und vielleicht auch an dem gehörigen Muthe, mn auf der Rednerbühne aufzutreten; aber nie hörte ich den Haß gegen Knechtschaft schärfer aussprcchen, noch nie kamen mir kräftigere und edlere Gedanken — 212— über die Nothwendigkeit, dieselbe mit Nachdruck zu bekämpfen, zu Ohren. Am folgenden Tgge öegnd lch mlch wieder zu dem Kaiser; er hatte die bestimmtesten Nachrichten über die in der Deputtrtenkammer herrschende Stimmung erhalten, man hatte sie ihm aber wahrscheinlich mit Schonung mitgetheilt, denn er schien noch nicht überzeugt, daß der Beschluß zur Aussprechung feiner Abdankung gefaßt sey. Aber gegen mich hatte man keine Schonung gebraucht, und ich kam in der festen Ueberzeugung zu ihm, daß ihm nichts anderes übrig bliebe, als«och einmal vorn Throne herabzusteigen. Ich theilte ihm alles mit, was ich erfahren hatte, und zauderte nicht, ihm zu dem einzigen Entschlüsse zu rathen, der seiner würdig war. Er hörte mich mit düsterer Miene an, und obgleich er bis aus einen gewissen Grad Herr seiner selbst blieb, so drückten doch sein Gesicht und alle seine Bewegungen die Aufregung seines Gemüths und die ganze»vchreck- lichkeit seiner Lage aus. ,,2ch weiß," sagte ich zn ihm,„daß Cw. Majestät noch den Degen ziehen kann, aber mit wem und gegen wen? Die Wüthigsten sind niedergeschlagen und im Heere herrscht noch die größte Verwirrung; von Paris ist nichts zu erwarten, und der Staatsstreich vom 18. Brumaire läßt sich nicht wehr erneuern."—„Auch liegt mir dieser Gedanke fern," antwortete er, indem er stehen blieb,„ich will nicht mehr, daß man von mir spreche; aber das arme Frankreich!" In diesem W- WWMW» — 213— genblicke traten und C*** ein, und bewogen ihn durch ein treues Gemälde von der aufgereizten Stimmung der Deputirten zur Abdankung. Zwar schien ihm der. Tod noch wünschenswcrther(einige Worte von ihm zeigten uns dies), aber er entschloß sich dazu. Nach Vollziehung dieses großen Actes blieb er den ganzen Tag über ruhig, machte Vorschlage über die Stellung, welche das Heer einnehmen, und über die Grundsätze, denen man in den Unterhandlungen mit dem Feinde folgen sollte, und bestand besonders auf der Nothwendigkeit, seinen Sohn als Kaiser auszurufen, weniger zum Vortheil des Feindes selbst, als, um die Gefühle und die Kraft des Volks auf Einen« Haupte zu vereinigen. Leider horte Niemand auf ihn. Wohl versammelten sich Männer von Verstand und Muth in den beiden Kammern, aber die meisten hatte dennoch die Furcht überwältigt, und unter denen, welche von derselben nicht berührt worden waren, dachten manche, eine glänzende Erklärung der Freiheit und des Entschlusses, sie um jeden Preis zu vertheidigen, werde den Feind und die Bvurbo- nen zurückschrecken. Diese seltsame Täuschung ist in so fern achtungswerthals sie ihre Quelle in der Vaterlandsliebe hatte, aber dennoch war es nur eine Täuschung der Schwäche und Ilnersahrcirheit. Die Bevölkerung der Hauptstadt hatte wieder ihre gewöhnliche Stellung eingenommen, mit der größten Unthätigkeit verband sie den Entschluß, zu schreien: s 214 §s lebe der König! wenn er in guter Gesellschaft ankäme; denn diejenigen, welche Waffen forderten, oder sich eifrig gegen die Rückkehr der verbannten Familie erklärten, machten nur den dreißigsten Theil der Einwohnerschaft aus. Am 23. kam ich wieder in das Elysee. Der Kaiser war seit zwei Stunden im Bade. Er lenkte von selbst die Unterhaltung auf das As»!, welches er wählen sollte, und sprach von den vereinigten Staaten. Diesen Gedanken stieß ich ohne Ueberlegung mit einer Let'hastlgkeit zur ck, die ihn überraschte. ,>Und wcrum nicht imch Amerika?" sagte er.— „Weil sich Mvrcau dahin zur ckgezogen hat," antwortete ich. Das» ar ein l, rtc Wort, und ich könnte mich nie darüber trösten, wenn ich nicht einige Tage nachher meine An cht geändert hätte. Er schien es ohne Groll aufzunehmen, aber ich zweifle nicht, daß eS einen unangenehmen Eindruck auf ihn gemacht hat. Ich bestand auf der Wahl EngländS, und die Gründe, die ich ihm dafür anführte, schienen mir triftig zu seyn; aber als ich ihn verließ, begegnete ich dem General F***, dem ich unsere Unterhaltung mittheilte.„Sie haben sich über die englische Regierung sehr getäuscht," sagte er,„alle Einrichtungen sind für ihre ation vortrefflich, aber die Fremden sind znm Genuß ihrer Wohlthaten nicht zugelassen. Der Kaiser wird in diesem Lande nur Unterdrückung und Ungerechtigkeit finden. Man wird die Nation über die Art, wie er zu behandeln seh, 215— nicht um Rath fragen, aind ich sage Ihnen zum voraus, daß er, anstatt Schutz zu finden, jede Mißhandlung erfahren wird, welche die Rache erfinden kann." Diese Besorgnisse machten mich bestürzt, und ich bat den General, sie dem Kaiser mitzutheilen. Es war mir jedoch schwer, sie ohne Beschränkung anzunehmen, ich sah wohl ein, daß die englische Regierung es der Sicherheit Europas schuldig zu seyn glauben würde, dem Kaiser alle Verbindung mit seinen zahlreichen Anhängern abzuschneiden, aber daß es ihn zur langsamsten und schrecklichsten Qual verdammen, daß es an seiner Person alle Arten der Barbarei erschöpfen, und sogar für ihn neue, den furchtbarsten Tyrannen unbekannte, Grausamkeiten erfinden würde, daran dachte ich freilich nicht! Denn wie kann man jene unerträgliche Beraubung jeder Verbindung mit der Civilisation und dem menschlichen Geschlechte, jene Trennung von seiner Frau und seinem Kinde anders nennen? Ein Mann von Ehre konnte nie daran denken. Aus einem solchen Verfahren darf man wohl schließen, daß es in dieser sonst so schätzbaren Norton Leute gibt, in welchen die Selbstsucht jedes edlere Gefühl, jede höhere Regung erstickt hat. Der Kaiser begab sich in Begleitung der Herzogin von St. Leu, Bertrands und seiner Familie und des Herzogs von Bassano nach Malmaisvu. Ich reiste täglich mchreremal dahin, denn ich konnte mich von der Herzogin St. Leu nicht trennen, deren Gesund- 2« heft durch die neuesten Ereignisse sehr angegriffen war. Der Kaiser schlug mir vor, bei ihm zu bleiben. Drouvt, sagte er zu mir, bleibt in Frankreich; ich sehe, daß der Kriegsminister ihn seinem Lande erhalten will. Ich kann mich nicht darüber beklagen, aber es ist ein großer Verlust für mich; es ist der stärkste Kopf und das beste Herz, das ich kennen gelernt habe: dieser Mann ist dazu gemacht, überall erster Minister zu seyn." Ich weigerte mich,, ihn zu begleiten.„Ich habe eine Tochter von dreizehn Jahren, meine Frau ist seit vier Monaten schwanger, und ich kann mich nicht entschließen, mich von ihr zu Nennen; vergönnen Sie mir einige Zeit, dann werde ich Sie überall aufsuchen, wo Sie auch seyn mögen. Ich bin Ew. Majestät in einer bessern Zeit treu gewesen, Sie können daher auf mich zahlen. Wenn übrigens nicht meine Frau alle meine Sorgfalt erheischte, so würde ich besser daran thun, abzureisen, denn die Zukunft läßt mich nichts Gutes ahnen." Der Kaiser schwieg, und der Ausdruck seines Gesichtes sagte mir, daß er nichts Besseres hoffe, als ich. Indessen nahte der Feind, und der Kaiser hatte schon seit drei Tagen verlangt, die provisorische Regierung sollte ihm eine Fregatte zur Verfügung stellen, damit er sich nach Amerika begeben könnte. Man hatte ihm dieselbe versprochen und redete ihm sogar »ur Abreise zu. Aber er wollte vorher einen dem Capitain gegebenen Befehl, ihn in die vereinigten Staaten zu führen, in den Händen haben, und die- 217 ser Befehl langte nicht an. Wir sahen Alle ein, daß eine Stunde Verzug seiner Freiheit gefährlich werden könnte. Nachdem wir unter und davon gesprochen hatten, ging ich zu ihm, stellte ihm lebhaft alle Gefahren eines längeren Aufschubs vor und als er sagte, er könne nicht ohne jenen Befehl abreisen, antwortete ich ihm:„Reisen Sie immerhin ab, Ihre Erscheinung aus dem Schiffe wird noch eine grosse Wirkung auf die Franzosen hcro-orbringcn, kappen Sie die Taue, versprechen Sie der Schiffsmannschaft Geld, und wenn sich der Capitain sträubt, so lassen Sie ihn ans Land setzen und segeln ab. Ich zweifle nicht daran, daß Forichs Sie an dir Verbündeten verkauft hat."—„2eb bin derselben Meinung, wie Sie, erwiederte er, aber machen Sie noch einen letzten Versuch bei dem Minister der Marine." Ich stieg sogleich in meinen Wagen und ließ mich bei Decrds einführen: er lag im Bette. Er körte mich mit einer Kaltblütigkeit an, die mir das Blut sieden machte, und sagte dann:„Ich bin nur Minister. Gehen Sie zu Fouch« und sprechen Sie mit der Regierung, ich für meine Person vermag nichts. Gute Nacht!" Hicmit sank er in seine Kiffen zurück. Ich entfernte mich wüthend und konnte weder Forsche noch die Andern sprechen. Um zwei Uhr Morgens kam ich wieder in Malmaison an: der Kaiser lag im Bette; er ließ mich eintreten und ich gab ihm Rechenschaft von- meiner Sendung und erneuerte meine Bitten. Er hörte mich an, antwortete mir aber — 213- nicht; doch stand er auf und brachte einen Theil der Nacht mit Auf- und Abgehen zu. Der folgende Tag war der letzte dieses traurigen Drama's. Der Kaiser hatte sich wieder zu Bette gelegt und einige Stunden geschlummert. Ich trat gegen Mittag in sein Cabinet.„Wenn ich gewußt hätte, daß Sie hier wären, so hätte ich Sie rufen lassen," sagte er zu mir. Hierauf gab er mir über einen Gegenstand Befehle, der ihm persönlich nahe lag. Bald daraus verließ ich Um voll Unruhe über sein Schicksal mit zerrissenem Herzen, ohne jedoch zu ahnen, wie weit die Härte seines Geschickes und die Grausamkeit seiner Feinde gehen könne. Meine Verhaftung— Mein WerhSr.— Anecbvte.— Gesang- „ißwechsel.— Der Marschall Ney.— Unsere Unterhaltungen. Wenige Tage nach der Abreise des Kaisers hörte ich, daß die Herren Lalleyraiid und FouchL unter der Leitung der Prinzen eine Proscribirtenliste verfertigten, auf welche 2600 Personen zu stehen kommen sollten, und daß die Herzogin von Angvulöme thätige» Antheil daran nehme. Schon hatten viele Personen die Flucht ergriffen. Der unerschrockene Thibaudean, der noch wenige Tage vor der Rückkehr des Königs in der Pairskammer laut gegen dessen Regierung prvtestirt hatte, bemühte sich, mir die ganze Gefahr meiner Lage vor Augen zu stellen; auch von andern Seiten erhielt ich dringende Auffordern»- 2l9 gen zur Flucht. Aber das Bewußtseyn meines Betragens und der Anblick meiner leidenden Gattin machten mir den Gedanken daran unerträglich. Nur das dachte ich, ich könnte zu zwei- bis fünfjähriger Gefängnißstrafe vcrurrheilt werden, weil ich mich einige Stunden vor der Ankunft des Kaisers wieder der Postdirectivn bemächtigt hatte. Am 18. Julius saß ich mit meiner Frau und Herrn von MLneval am Tische, als ein Polizeiinspector bei mir erschien, um mich zu dem Polizeipräfectcn De- cazes abzuholen. Als ich in den Fiaker stieg, sah ich mich von drei bis vier Spionen umringt, die hinten den Lakayenplatz einnahmen, und in weniger als einer halben Stunde befand ich mich in der Canzlei des Präfectnrgcfängniffes. Von da wurde ich In eine schmutzige Dachkammer geführt, die nun mein Aufenthaltsort werden sollte. Gegen zehn Uhr Nachts kam der Stockmeister mit dem Auftrage, mich zu dem Divisionschef hinab zu bringen, der mich verhören sollte. Ein Verhör war eine Zerstreuung für mich. Ich hütete mich wohl, mich gegen dieses Vergnügen zu sträuben, und wurde durch ein Labyrinth vvnCvr- ridoren in ein unteres Zimmer geführt, wo ich einen Herrn V*** fand, der kurz nachher verabschiedet wurde. Dieser Inquisitor war ein kleiner dicker Man», der seit 29 Jahren aus seinem Stuhle saß, immer fragend, immer verhörend, Tag und Nacht, zu jeder Stunde, unter allen Regierungen. Nachdem er vier bis fünf Seiten mit Fragen und Antworten vollge- 220 schrieben hatte, hielt er inne, und da keiner von uns^ Lust znm Schlafen hatte, so benähte er hastig einige Fragen ,- die ich über sein Amt an ihn machte, um mir alle Merkwürdigkeiten^ feiner Polizcipräfcctur zu erzählen: die Vertheidigung der Gefangenen, seine Geschicklichkcit, das Gewissen aufzuregen, di- Entfthlossensten wankend zu machen, ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken, die Geständnisse dann zu verfolgen und bis auf den Grund des Herzens zu dringen. Ich kann mich nicht enthalten, eine seiner Ance- dvtcn hier zu erzählen, die mir sehr merkwürdig schien. „Unter den Verschwörern der Höllenmaschine befand sich ein Herr N***, ein vertrauter Freund Li- Nioi-lans-, des HauptstiftcrS des Complotts. Dieser Herr hatte uutcr den Chouans gedient, und die Polizei hatte Grund zu glauben, daß er in Paris sey.^ Mehrere Tage gejagt wie ein Fuchs schlief er des Nachts in Kvhlenbvvten, die im Hafen lagen, und als die Verfolgungen in diesem Stadtviertel aufhörten, so suchte er in einem elenden Dachstübchen bei einem Branntweinhändlcr eine Zufluchtsstätte. Am andern Tage kam die Polizei dahin, aber er war entflohen und zeigte sich nimmer. Man durchsuchte die Kammer und fand im Bettgange ein Stück halb- verbranntes Papier, mit dem eine Pfeife angezündet worden war. Es enthielt jedoch noch einige Linien, die aus dem Concept zu einem Briefe an einen General zu seyn schienen, den man für George hielt. Auf der letzten Linie hieß es„Weiter kann ich 3H- neu heute nicht schreiben/ ich leide sehr an den Augen" Dieser Unglückliche wurde bet Gcorge's Verschwörung ertappt und ich hatte das Vergnügen, ihn zu verhören. Da saß er, an Ihrem Platze, zwischen zwei Wachslichtern, ganz wie Sie. Während ich mit ihm plauderte, schrieb ich immer fort. Er war aus meiner Provinz, ich sprach von seinen Verwandten, von den Neigungen seines Alters mit ihm, und als ich bemerkte, daß er sicher und sogar etwas heiter wurde, unterbrach ich mich plötzlich, indem ich im natürlichsten Tone zu ihm sagte:„Aber das Licht thut Ihren Augen wehe, schieben Sie die Kerzen weiter weg!"—„Ich, ich leide nicht an den Augen." —„Nicht? es kam mir so vor."—„O nein, gegenwärtig nicht. Zwar war es früher der Fall, aber es ist schon zwei Jahre her." Hierauf setzten wir unsere Unterhaltung fort. Am Ende las ich ihm das Verhör ruhig vor, und er war erstaunt, daß ich diesen unbedeutenden Umstand in dasselbe aufgenommen habe.„Warum haben Sie das hineingesetzt?"— „Es ist so meine Gewohnheit."„Ja, diese kleine Bemerkung, setzte der Inquisitor hinzu, hat zu seinem Verderben beigetragen. DaS halbverbrannte Stück Papier war aufbehalten worden, die Handschrift wurde verglichen und seine Anwesenheit in Paris zur Zeit des Vorfalls mit der Höllenmaschine erwiesen." „Und was geschah ihm?" fragte ich.—„Erwürbe guillotinirt!" antwortete B*** mit teuflischer Gebcrde. „Ich liebe mein Amt, setzte er hinzu; ich möchte 222 kernen Tag aus diesem Saale wegbleiben. Ich könnte ins Theater gehen, mich mir meinen Freunden, meiner Frau, meinen Kindern erholen, aber nein, ich muß verhören." Als er mir mein Verhör vorlas, konnte ich mich nicht enthalten, ihn zu fragen, warum er nicht auch seine Anecdote hineingesetzt habe, da es ja seine Gewohnheit sey, alles auszuschreiben. „Ach! antwortete er mir, mit Ihnen kann es nicht weit kommen, sie sind kein wichtiger Mann für mich." Ich blieb noch vierzehn Tage in diesem provisorischen Gefängnisse, ohne Herrn Decazcs gesehen zu haben, den mein Aufenthalt in seiner Nähe ein wenig in Verlegenheit setzen mußte, wenn die Erinnerung an unsere frühern Verhältnisse nicht ganz aus seinem Gedächtnisse verschwunden war. Die schlechte Luft und die ganze Widrigkeit des Gefängnisses zog mir eine Entzündungskrankheit zu, die mein Arzt, eS war der von Herrn DecazeS, mit großer Sorgfalt behandelte, und die zu dem Entschlüsse beitrug, mich in ein anderes Gefängniß zu bringen und schleunig, meinen Prozeß, anzufangen, damit ich nicht durch einen natürlichen Tod dem, den man mir zudachte, entflöhe. Man setzte mich ohne Umstände in einen Fiaker und brachte mich nur einige Schritte von meinem ersten Gefängniß in ciu elendes langes und enges Loch, in welchem der Marschall Ney die drei ersten Wochen seines Gefängnißlcbcns zubrachte. Ich war schwächer als er, denn er beklagte sich nicht darüber; aber als ich sah, daß ich hier keine halbe Stunde lesen konnte, brach ich in Verwünschungen auS, und schrieb dem Polizekpräsccten, meine Krankheit würde mich in Bälde todten, wen» man mir keine andere Wohnung gäbe. Am Abende holte mich der Stock- meister ab> um mich in dem großen Hofe spaziere» zu führen, und anstatt mich wieder in meinen alte» Kerker zu bringen, ließ er mich in ein unteres Zimmer treten, das ein Kamin und ein aus einen kleinen Hos hinausgehendes Fenster hatte.„Ich konnte Sie diesen Morgen nicht Kicher bringen, sagte er zu mir, weil der General! Mbedmi'Lre in dem Nebenzimmer gefangen saß, aber man hat ihn nun nach der Abtei ttansportirt." Man begann der Gewohnheit gemäß mich sechs Wecken im Geheimgefängniß zu halten. Ich konnte keine Briefe empfangen, ohne daß sie geöffnet wurden, und keinen Freund sprechen, ohne daß der Canzlcisckreibcr gegenwärtig war. Ich hatte traurige Nachrichten von meiner Fran: ihre zitternde Hand, die Leiden, die sie mir durch wicder- holte Versicherungen ihrer Gesundheit nickt verberge» konnte, ihre-fünfmonatliche Schwangerschaft, deren sie kaum gegen mich erwähnte, Alles dieses trug dazu bei, meinen Instand zu einem qualvollen z» mache». Meinen Trost in dieser Lage suchte ich weder in moralischen Betrachtungen, noch in süße» Täuschungen, sondern ich fand ihn-in meiner Liebe und meinem innige» Verhältnisse zum Kaiser. Mein Name und mein Geschick waren an seinen unsterblichen Namen geknüpft; und waren seine Leiden nicht 224 größer als-die mewigen? Die Rache der Könige lag auf ihm, und ich fand Trost und Ruhm darin,.dieselbe mit ihm zu tragen. And wenn ich dann dara« Lachte, wie er meinen Prozeß lesen, wie mein Tod ihn schmerzen, und wie ich seiner Anhänglichkeit und seines Vertrauens würdig vor ihm dastehen werde, dann fühlte ich mich hoch erhoben und vergaß alle Pein der Gefangenschaft. Nachdem ich bereits einige Wochen in meinem neuen Gefängnisse zugebracht hatte, sah ich eines Tags, als ich mich im Hofe erging, den Marschall Ney unten an der Treppe, die zu meinem alten Kerker führte; er grüßte mich, indem er tu Begleitung des Stockmeisters und eines Gendarmerlevfficiers eilig hinaufstieg- So erfuhr ich, daß er auch gefangen saß. Er hatte, wie ich, das Königreich nicht verlassen wollen und sich damit begnügt, sich in das Schloß eines Verwandten seiner Frau beiCahors zu flüchten. Sein Säbel, den er im Saale gelassen hatte, verrieth ihn diesmal. Gr ließ sich verhaften, in der festen Ueberzeugung, daß man es nicht wageu werde, ihn zu verurtheilen. Nachdem man ihn einen Monat in jenem Kerker gelassen hatte, versetzte man ihn endlich in ein Aimmer über mir, in die Wohnung des Gerichtsschreibers. Er hatte einen Ofen, der ihn vor Kälte schützte, und sein vergittertes, aber höheres Fenster verschaffte ihm eine etwas weniger ungesunde Luft, als die in meinem Zimmer war; aber sein Name und seine Würden konnten ihn nicht vor s 225 niedriger Behandlung schützen. Er spielte die Flöte sehr gut und vertrieb sich seit einigen Tagen die Langeweile damit, aber man raubte ihm diesen Genuß, unter dem Verwände, daß es gegen die Hausordnung sey. Den Tag über theilten wir uns in den Spa- ziergang im kleinen Hofe, da wir nicht zusammen gehen dursten, obgleich er beständig von einem Gendarmen begleitet war. Ich hatte die Gewohnheit, mich um sechs Uhr Morgens in dem großen Hose zu ergehen, da aber der Marschall diese Tageszeit zu seiner Promenade wünschte, so trat ich sie ihm ab, und diese Anordnung dauerte bis zu der Zeit, wo seine geheime Gefangenschaft endlich aufgehoben wurde. Von da an speiste die Marschallin und ihre Kinder alle Tage mit ihm, auch begleitete sie ihn immer auf seinen Spaziergängen. Eines Tages kam sie an mein Fenster und sagte zu mir:„Die Schtldwache, die uns bewacht, ist ein alter Soldat, der unter dein Marschall gedient hat. Dieser sehnt sich sehr nach einer Unterhaltung mit Ihnen." Wirklich kam der Marschall herbei, jedoch konnten wir uns nicht lange sprechen.„Ich bin ruhig über meine Lage, sagte er zu mir, zahlreiche Freunde wachen über mir und die Regierung geht ihrem Sturze entgegen. Schon nehmen die Fremden für uns Parrhei, der öffentliche Unwille verbreitet sich bis zu ihnen; wen» Sie den Beweis davon sehen wollen, so lesen Sie diese Papiere und verbrennen Sie sie dann." Hiemit steckte er mir einen Pack Broschüren und überschriebener X., 1Z — 226— Blätter durch das Gitter zu. In der That faud ich heftige Drohungen darin, ja sogar Herausforderungen, die mir keineswegs am Orte zu seyn schienen,. sowie viele abgeschmackte Nachrichten. Ungefähr drei Monate nach unserer ersten Unterhaltung sprach ich den Marschall wieder. Seine Hoffnungen schienen ganz verschwunden zu seyn.„Labe- dovbre ist fort," sagte er zu mir,„nun kommt es an Sie, lieber Lavallctte und dann an mich."—„Es gilt gleich," erwiederte ich,„wer von uns Beiden zuerst fällt;, ich sehe, daß es keinen Ausweg mehr gibt."—„Nun, nun, wir werden sehen; indessen machen mir alle diese Advocaten Langeweile; sie begreifen meine Lage nicht, aber ich werde sprechen. Der Brief des berzogS von Richelieu gegen den Marschall Ney. .— Der Tod meines Kindes.— Die Wahl des Geschwornen- gerichtS.— Elende Ränke der Regierung.— Der Urtheils- j fpruch— Was heißt königliche Großnurth? Die Präliminarconferenzen dauerten, zweimal in der Woche, gegen einen Monat fort. Wenige Tage vor der Eröffnung der Debatten las ich im Mont- tenr das schreckliche Schreiben des Herzogs von Richelieu gegen den Marschall Ne», das er an die Pairskammer gerichtet hatte. Wie konnte dieser Mann, an dem das Gerücht Biederkeit, Anmuth der Sitten, Unpartheilichkeit und Charakterstärke rühmte, in der Pairskammer mit wildem Jörn einen 227 der achtungswerthesten Franzosen unserer Zeit, einen der berühmtesten Krieger, einen unglücklichen Angeklagten angreifen, dessen Verhöre gar nicht bekannt waren? Als einer meiner Sachwalter, Herr Lacroir- Frainville, in mein Zimmer trat, zeigte ich ihm den Moniteur. Eine tiefe Bewegung mahlte sich bei Lesung desselben auf seinem Gesichte und als er damit zu Ende war, sagte er, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, mit niedergeschlagenem Gesichte zu mir:„Mein Herr, ich sehe nur zu gut, wo das hinaus will, aber ich bin alt und wünschte, daß ich die übrigen Tage meines Lebens in Ruhe zubringen könnte; meine Gesundheit ist zu schwach, um die Verfolgungen zu ertragen, die sich überall hin verbreiten. Erlauben Sie daher, daß ich meine Bürde in andere Hände niederlege; mein Freund Lripier wird leicht einen andern Collegen zur Verfechtung Ihrer Sache finden. Ich will Ihnen mit meinem Rathe dienen, aber in der Gerichtssitzung zu erscheinen, dazu fühle ich mich nicht stark genug." Der alte Mann sah so abgemattet aus, daß ich mich jeder Bemerkung enthielt. In diesem Augenblicke kam Herr Tripier; sein College ließ ihn die Zeitung lesen und wiederholte vor ihm seinen Entschluß; als er ihm aber einen andern Advocatcn statt seiner vorschlug, antwortete ihm Herr Tripier kalt: ,,Ich habe Niemand nöthig und werde meinen Clienten allein vertheidigen. Dies ist meine Pflicht und da- 223— von wird mich keine Rücksicht abbringen." So begann die Cvnfcrenz. Während ich für mein Leben kämpfte, starb mein neugebornes Kind in den Armen seiner bcjammcrns- werthen Mutter. Dieses Unglück hatte schreckliche Folgen für sie. Ich zählte darauf, das Kind werde sie nach meinem Tode in ihrem Schmerze trösten; die Sorgfalt, die es erheischen und die sie ihm mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit widmen würde, würden ihr das Leben noch wünschenswerth machen, aber nun wurde es ihr so schnell entrissen. Ich war in Verzweiflung. Als am andern Tage Lacroir-Frainville wieder zu mir kam, vermuthete er, die Furcht vor Verurteilung sey die Ursache meiner Bestürzung und begann, mich mit einer Menge Gemeinplätze zu trösten. Als ich ihm aber die Nachricht von dem neuen Unglücke mittheilte, schloß er mich in die Arme und sagte:„Mein Gott! das ist zuviel auf einmal. Vergessen Sie den Augenblick, in dem ich mich so schwach gezeigt habe; ich werde Sie nicht mehr verlassen, ja ich werde Sie vertheidigen!" Auch hielt er wirklich sein Wort auf eine ehrenvolle Weise, indem er in der Gerichtssitzung erschien und seinen College» während der Debatten beistand. Weit mehr, als mein Proceß, beunruhigte mich der Zustand meiner Gattin. Der Sohn, der ihr geraubt wurde, war der Gegenstand langer Wünsche gewesen. Ich hatte ihr nicht erlaubt, mich während ihrer Schwangerschaft in meinem Gefängnisse zu be- 229 suche»/ da der düstere Anblick desselben einen schrecklichen Eindruck auf sie harre hervorbringen können; aus demselben Grunde hatte man mir auch meinen Sohn nicht bringen dürfen. Alles, was man mir von ihrer leidenschaftlichen Zärtlichkeit gegen diesen erzählt hatte, machte mich für ihre Gesundheit zittern. Und wenn ich zum Tode vernrtheilt würde, was sollte dann aus ihr in ihrem Elend werden? Sie theilte mit so vielen andern das Unglück, daß ihre ohnehin nicht zahlreiche Familie in Folge der Revolution zerstreut wurde oder verschwand. Ihr Vater war schon lange aus der Fremde zurückgekehrt, hatte aber eine zweite Frau mitgebracht, von welcher er Kinder besaß. Obgleich er ein trefflicher Mann war, so ließen doch die neuen Bande und Neigungen und seine Entfernung von Paris seine Tochter keine sehr kräftige Hülfe erwarten. Meine einzige Hoffnung ruhte auf dem Grafen Alexander von La- rvchefaucoult, einem Verwandten von ihr, der uns seit mehreren Monaten muthige Proben seiner Anhänglichkeit gegeben hatte. Mitten unter diesen Besorgnissen wurde mir am 19. November die Eröffnung der Debatten angekündigt. Am 18. theilte man mir die Liste der Geschwornen mit. Es waren ihrer 36. Keiner derselben war mir bekannt. Man hätte doch sollen zwölf Männer aus denselben herauslesen können, welche sv viekGe- wiffen und Aufklärung gehabt hätten, um der Erbitterung einer Partheiansicht und den Drohungen 230 der Gewalt zu widerstehen. Aber diese Liste bestand aus einigen Kaufleuten, aus Advokaten und zwei Mitgliedern des Staatsraths, ausser den eilten lauter Leute, deren Lage keineswegs unabhängig zu nennen war. Ich ließ Abschriften von dem Vcrzcich- niß machen und mehrere meiner Freunde beeilten sich, Erkundigungen über die in demselben Genannten einzuziehen und sie zu besuchen. Aber es war Sonntag und sehr schwer, zu ihnen zu kommen, und als ich am andern Morgen die Nachrichten durchlas, welche mir zugeschickt worden waren, widersprachen sie einander so sehr, daß ich nicht wußte, wen ich annehmen oder zurückweisen sollte. Aber es war jetzt Aeit, in derGerichtsversammlnng zu erscheinen. Ehe ich in den Saal trat, in welchem die Geschwornen versammelt waren, ließ man mich!n dem Ca- binerte des Präsidenten warten, wo sich ein Gerichtsdiener befand. Es war ein junger Mann, dessen Blicke mit lebhafter Theilnahme auf mir ruhten und mich über die Liste zu fragen schienen, die ich in der Hand hielt.„Lesen Sie mir die Namen vor," sagte er bewegt'zu mir,„Ihr Schicksal hängt an diesem Papiere; ich kann Ihnen besser rathen, als irgend Einer." Bei jedem Namen sagte er:„der ist zweifelhaft und der schrecklich, streichen Sie^ ihn schnell aus." Kaum hatte er zwölf Namen gehört, als man mich in den Saal rief. Es war ein ehrfurchtgcbie- tcndes Schauspiel: eine Versammlung von 36 Personen, welche im Angcsichte der Magistrate und des Angeklagten dastanden, über dessen Schicksal 12 derselben entscheiden sollten. Ich ließ meine Blicke in dieser Versammlung umherlaufen und suchte Wohlwollen, wenigstens Unparteilichkeit auf den Gesichtern zu lesen; auch glaubte ich wirklich einige Theilnahme für mich zu endecken. Ihre ernste Haltung, die gesenkten Blicke und die tiefe Stille, die in dem Saal herrschte, flößten mir eine Ruhe ein, die mit jeder Minute stieg. Die ersten Namen, die aus der Urne kamen, wies ich zurück, weil mir es mein wohlwollender Gerichtsdiener gerathen hatte, aber den dreizehnten, Hr. HLron de Billefosse, nahm ich an; meine Freunde hatten gute Nachrichten über ihn eingezogen»nd ich wünschte mir Glück, ihn zum Präsidenten des Geschwornengerichts zu bekommen. Auf seilwn Minen folgte der Hr. Jurien's, den ich mit einem geheimen Widerwillen und einer Art von Vorgefühl annahm, daß er mir nachtheilig seyn werde. Wie sehr ich mich hierin täuschte, wird der Verlaus der Geschichte lehren. Doch, es ist hier nicht der Ort, solche Einzelnheitcn zu geben. Der erste Tag wurde mit Verhören zugebracht, der zweite dem Rechtsstreit meines Advocaten und der öffentlichen Parthei gewidmet. Es geschah im Angcsichte einer zahlreichen Zuhörerschaft, die nicht aus meinen Freunden bestand. Endlich, gegen 6 Uhr Abends, entfernten sich die Geschwornen, um ihre Meinung auszuspre- chcn, als die Art und Weise, wie mau die Fragen -stellen sollte, die zwischen dem königlichen Advocaten 232 und dem meinigen verhandelt wurden. Dieser wollte sie so gestellt wissen: 1) Ist der Angeklagte der Verschwörung schuldig? 2) Ist er der Anmaßungen un- gcsctzmäßigcr Gewalt schuldig? Es war klar, daß ich in der Verschwörung für nichts gelten konnte, da man sogar die Frage darüber bei dem Anfange der Debatten hatte bei Seite liegen lassen und wäre die Frage so gestellt worden, so hätten mich die Geschwornen freigesprochen. Zwar blieb noch die zweite übrig, welche mit Ja beantwortet wurde, aber die Todesstrafe wäre doch entfernt gewesen. Aber die Regierung wollte meinen Tod und dies war das ehrlose Mittel, dessen man sich bediente, um die Mehrzahl der Geschwornen zu gewinnen.„Nach einem große» Act der Gerechtigkeit," hatte man zu den Geschwornen gesagt(man verstand darunter die Verurteilung des Marschall Ney),„ist es von großer Wichtigkeit, daß der König Gelegenheit finde, einen grossen Act der Gnade zu vollziehen; die Politik und das Interesse des Monarchen erfordern dies. Sprechen sie daher die Todesstrafe gegen den Angeklagten aus und das Leben wird ihm geschenkt werden: dann ist der Gerechtigkeit Genüge geleistet, die Gesellschaft ist gerächt und die Gnade des Königs strahlt in ihrem vollen Glänze." So wurden die beiden Fragen in Eine zusammengezogen und den furchtsamen Geschwornen übergeben. Man führte mich in mein Gefängniß zurück. Mein Freund, Sainte-Rvser, welcher der Gerichtssitzung beigewohnt hatte, begleitete - 233— mkch. Ich hatte keine Hoffnung mehr, aber ich suchte die des trefflichen jungen Mannes noch zu verlängern. Nach einem sehr traurigen Mittagessen schlug ich ihm eine Parthie Schach vor und gewann sie gegen meine Gewohnheit, denn er war ein besserer Spieler als ich. Aber je später es wurde, desto mehr schwand seine Festigkeit und als man ihn um lo llhr hinausgehen ließ, zerfloß er in Thränen und konnte sich beinahe nicht von mir trennen. Ich blieb zwei tödtltche Stunden allein, denn erst nach Mitternacht holte man mich, um die Vorlesung meines Urtheilsspruchs anzuhören. Die Erklärung des Geschwvrnen- gerichts war während meiner Abwesenheit vorgelesen worden; auch beobachteten die Gensdanuen, die mich oben an der Treppe empfingen und in das Cabinet des Präsidenten begleiteten, ein düsteres Stillschweigen. Ich setzte mich wieder und indem ich sie mit Aufmerksamkeit betrachtete, las ich auf ihren Gesichtern mein Todesurthcil.„Nun," sagte ich zum Brigadier,„bin ich vcrurtheilt? Könnte ein Adjutant Vonaparte's freigelassen werden?" Statt aller Antwort führte er mich vor die Richter. In dem ungeheuern, matt erleuchteten Saale herrschte tiefe Stille, Niemand rührte sich. Die Bänke waren noch mit Frauen besetzt. Vergebens suchte mein Blick unter dieser Menge ein wohlwollendes Gesicht, ein mitfühlendes Auge. Als ich ihn auf die Geschwornen richtete, sah ich einen Einzigen, der sein Gesicht mit dem Schnupftuch bedeckte. Es war Hr. Jurien. End- 234 lich gab der Präsident dem Gerichtsschreiber den Befehl, die Erklärung des Geschmorncngerichts vorzulesen. Da ich mehr, als vor allem Andern, mich davor fürchtete, mir das Kreuz der Ehrenlegion abreißen zu sehen, harre ich die Vorsicht gehabt, es nebst meinen andern Auszeichnungen vorher abzulegen. Die Richter entfernten sich, der Form wegen, auf einige Minuten; als sie zurückgekehrt waren? las der Präsident laut den Artikel aus dem Crimi- nalcoder vor, der mich zum Tode verdammte. Glücklicherweise wurde die Formalität, mir das Kreuz der- Ehrenlegion abzureißen, Übergängen. Diese Beschimpfung allein hätte die Ruhe meiner Seele stören können. Die Einzelnheiten, welche die Zeitungen gegeben haben, sind genau und ich wiederhole sie nicht. Um halb 1 Uhr stieg ich wieder in meinen Kerker hinab. In dem Korridor desselben begegnete ich dem Stvckmeister, der mir entgegen kam und mich ruhig fragte.„Alles ist vorbei!" sagte ich zu ihm. Da wich er zurück, wie wenn er einen tödtlichen Stoß erhalten hatte, und verschwand. Vor dex Versammlung hatte ich mich zusammengenommen, aber die Nacht und die Einsamkeit sprachen meinen Ohren das furchtbare Wort: Tod e s strafe vor. Die Bewegung meiner Seele äußerte sich zuerst in einem starken Ausbruch meines Unwillens. Ich ging mit großen Schritten auf und ab und appellirte an ganz Frankreich gegen die Ungerechtigkeit des Urtheils. Nach und nach beruhigte ich mich indessen und bald 235 wiegte mich ein tiefer Schlaf in eine süße Vergessenheit meines Unglücks. Am folgenden Tage erhielt ich sehr glaubwürdige Nachrichten über das, was den Tag zuvor im Geschwornengerichte vorgegangen war. Der Präsident hatte die Beschuldigung mit unbeschreiblicher Erbitterung festgehalten. Hr. Juricn bcstritt ihn mit großer Gewandtheit und die sechsstündigen Debatten wurden so lebhaft und laut geführt, daß sie in grosser Entfernung von dem Saale gehört wurden, in welchem die Geschwornen saßen. Endlich trug der Präsident, trotz den Anstrengungen Hr. Jurlen's, den Sieg davon. Acht Stimmen von zwölf hatten sich gegen mich erklärt. Ich wollte sterben, ohne an den Cassativnshof zu appellircn. Die Form war ohne Zweifel zu gut beobachtet worden, um hoffen zu können, daß das Urtheil zurückgenommen würde. Warum sollte ich zudem noch vierzehn Tage, ja vielleicht einen Monat lang zwischen Furcht und Hoffnung schweben? Warum mich unter der Begleitung des Gaffenvvlks und vielleicht unter dem Hohngeschrei der Nopalisten auf das Schaffet schleppen lassen? Aber bei dem Gedanken an meine Frau und meine Tochter gewannen wieder andere Betrachtungen die Oberhand; dies war der einzige Zugang, auf dem ich der Verzweiflung offen stand. Zuerst mußte ich darauf denken, die schreckliche Nachricht an meine Gattin gelangen zu lassen. Ich schrieb zn diesem Zwecke an unsere alte Freundin, Madame von Vandeul, und 236 an die Prinzessin von Vaudemont. Sie begaben sich beide zu ihr und die Trauerkleider, in denen sie er-! schienen, benachrichtigten sie v°» ihrem Unglück. Aber die Prinzessin von Vaubemont, deren uncrsckrockener Sinn sür Alles sorgte, ließ durch meine Frau einen Brief an den Herzog von Duras, ersten Kammerjunker, schreiben, um eine Zusammenkunft mit dem König zu erhalten. Es war sehr zweifelhaft, ob diese Bitte gewährt würde; die Gemahlinnen Labedoyöre's »nd Ney's waren abgewiesen worden. Indessen kam gegen alle Erwartung eine Stunde nachher die Erlaubniß an, im Schlosse zu erscheinen,„Der König erwartet Madame Lavallette in seinem Cabinette," war die Antwort. Sie setzte sich daher mit unserer Tochter in den Wagen der Prinzessin und stieg in den Tuilericn bei dem ersten Kammerjunkcr ab. Der Herzog von Duras nahm sie bei der Hand und führte sie durch die Hvfleurc hindurch, bis in das königliche Cabinet. Hier fiel sie Ludwig XVIU. zu Füßen, der zu ihr sagte:„Madame, ich habe ihren Besuch im ersten Augenblick angenommen, um Ihnen einen Beweis meiner Theilnahme zu geben." Dies waren die einzigen Worte, die er sprach- Man hob sie auf und sie verließ das Cabinet. Aber die Worte des Königs waren gehört worden und gingen von Munde zu Munde, während Madame Lavallette wieder durch die Gange schritt; ihr Schmerz, ihre Schönheit und der Adel ihrer Haltung, trotz der Niedergeschlagenheit, der sie zu erliegen schien, rührte» - 237- Jedermann, der sie sah. Man erinnerte sich daran, daß sie die Tochter eines Emigrirten sey und zweifelte richt, daß ihr Gemahl begnadigt werden würde, da sie der König der Ehre einer Audienz gewürdigt hatte. Es sollte jedoch nicht so kommen. Hinrichtung des Marschal, Ney.— Mein Urtheil wird vvm Cuffativnl-lwf bestätigt.— Antwort Ludwigs XVM.— Härte der Herzogin von AngonlSme.— Meine Gemahlin»lacht mir den Vorschlag, verkleidet zu entfliehen. In meinem Kerker besuchten mich von Zeit zu Aeit einige Freunde, die mir treu geblieben waren, und brachten mir Trost. Unter diesen Herr Pasquier und Herr von Zreville. Sie thaten alles, um mir von, Könige Begnadigung zu verschaffen. Besonders in- teressirte sich der Herzog von Ragusa sehr für mich, was ich nicht von ihm erwartet hatte, da ich wegen seines Betragens gegen Lest Kaiser im Jahr 1814 völlig mit ihm gebrochen hatte. Doch hatte ich wenig Hoffnung. Ich sah, daß mein Tod, wie der des Marschall Ney, zum Beispiel dienen müsse. Er war durch seinen Rubin bei der Armee der erste, ich war in den Augen des Hofs die wichtigste Person unter den Civilbeamten. Einen vormaligen Adjutanten des Generals Bonaparte, einen Vetter des Fürsten Eugen und der Königin von Holland, den Generaldirektor der Posten während zwölf Jahren, und somit Verwahrer vieler Geheim- 238 Nisse, die nach seiner Meinung erstickt werden mußten, konnte der Hof nicht begnadigen. Während meiner Gefangenschaft wurde der Mar- fchall Ney verurtheilt. Schon vor seinem Proceß hatte man die Wachsamkeit gegen ihn verdoppelt.- Tag und Nacht standen drei Schildwachen unter seinem Fenster, ein Gendarme, ein Nativnalgardist zu Pferd und ein Grenadier von der alten Garde, oder vielmehr ein Leibgardist, den man in diese Uniform gesteckt hatte, weil man den Truppen der alten Armee nicht traute. Alle Abende holte man den Marschall im Wagen ab, um ihn nach Luxemburg zu führen und den folgenden Morgen brachte man ihn in die Conciergerie zurück. Am?. December kehrte er nicht zurück. Ich fragte den Kerkermeister, und dieser gab mir endlich auf meine dringenden Fragen die Antwort, der Marschall sey so eben hingerichtet worden.-„Auf dem Schaffot?" fragte ich.- „Nein," antwortete er,„erschossen."— In einer Bewegung von Freude rief ich aus:„Er ist glücklich!" Der arme Mann, der mich nicht verstand, glaubte, ich habe den Verstand verloren. Indeß verstrich die Zeit. Einer meiner Advokaten schlug mir vor, ich solle das Urtheil des Cassations- hofs nicht abwarten und mich ganz an die Gnade des Königs wenden. Ein solcher Schritt war mir zuwider. Auch war sein College nicht dieser Meinung. „Will der König begnadigen," sagte er,„so wird er das Urtheil des Gerichtshofs abwarten, will er 239 dicS nicht, so wird er ebenfalls warten, es ist daher besser, alles seinen natürlichen Gang gehen zu lassen." EndUch am 20. December wurde das Urtheil dem obersten Gerichtshof vorgelegt und— bestätigt. Herr Baudus, einer meiner Freunde, brachte mir die traurige Nachricht. Jetzt hatte ich nur noch drei Tage. In dieser kurzen Zeit mußte man es versuchen, zum Könige zu gelangen. Der Herzog von Ragusa übernahm dies. Der General Fvy holte Madame Lavalette ab und führte sie auf Umwegen an den Eingang der Gallerie der Diana, wo sie den Marschall traf, der sie am Arm nahm und ihr die Schrift vorlas, die sie dem Könige überreichen sollte. Es war gerade Messe. Der ganze Hof war in der Kapelle und der König mußte durch diese Gallerie zurück, um sich in seine Gemächer zu begeben. Zum Unglück erkannte einer der Lhürsteher meine Gemahlin, und da sich Niemand ohne bestimmten Befehl in der Gallerie aufhalten durfte, hielt er es für seine Pflicht, den Marschall zu bitten, Frau von Lavalette fortzuführen.„Madame bleibt," sagte der Marschall,„ich nehme alles auf mich." Indessen kam der Hof. Frau von Lavalette fiel dem König zu Füßen und überreichte ihm ihre Bittschrift. Der Fürst nahm sie und sagte:„Madame, ich kann nichts thun, als meine Pflicht." Hierauf entfernte er sich. Meine Gemahlin hatte noch eine zweite Bittschrift für die Herzogin von Angoulmne. Als — 240— der Herzog sie unschlüssig sah, trieb er sie an, der Fürsün nachzugehen und sie ihr zuzustellen. Aber der Herr von Agoult hielt sie mit ausgestreckten Armen und Händen zurück*). Das Wort des Königs benahm mir alle Hoffnung Meine Gemahlin wollte noch einen letzten Versuch dct der Herzogin vvnAngoulZme machen. Allem die Dienerschaft der Herzogin^ erkannte sie und erhielt auf ihr- Meldung Befehl, Niemanden vorzulassen. Erschöpft setzte sie sich auf die steinerne Treppe und wartete hier eine ganze Stunde, in der Hoffnung, noch vorgelassen zu werden. Niemand wagte es, ihrem Zeichen des Mitleids zu geben. Endlich entschloß sie sich, in meinen Kerker zurückzukehren, wo sie erschöpft und urit gebrochenem Herzen ankam. Jetzt, da keine Hoffnung mehr zur Rettung sich zeigte, machte mir meine Gemahlin den Vorschlag, verkleidet zu entfliehen. Nach manchen Einwürfen, die sie aber alle entweder widerlegte oder ihren Plan darnach veränderte, ging ick, um ihretwillen darauf ein. Ich sollte, wenn sie mich zum letztenmale besuchte' ihre Kleider anziehe» und so aus dem Gefängnisse entkommen. Dann setzte ich mich in ihre »r Der Herzog von Ragusa fiel wegen dieser Verwendung für mich lange Zeit in Ungnade. Man bat mich versichert, daß ein Prinz, der n.cht Mehr lebt, sied in seinem Zorne so sehr vergaß, dap er sagte: ,,Er verdiente, auf die Galeeren geschickt zu werden." 244 Tragchaise und ließ mich in die Straße Saint-Percs tragen, wo mein Freund Nandus mit einem Cabriolet auf mich wartete, um mich in Sicherheit zu bringen, bis ich Frankreich ohne Gefahr verlassen konnte. Meine Gemahlin ersässen um 5 Uhr, begleitet von meiner Tochter. Sie trug ein Meriuokleid, das reich mit Pelz verbrämt war. In ihrer Tasche hatte sse einen Weiberrock von schwarzem Lasset. Wir setzten uns jetzt zu Tische. Es sollte die letzte Mahlzeit in meinem Leben seyn. Die Bissen blieben mir im Munde hangen, wir sprachen kein Wort. So verging über eine Stunde. Endlich sschlug die Glocke 6'/>. Sie schellte dem Kammerdiener, sagte ihm einige Worte ins Ohr und setzte dann laut bei: „Sorge, daß die Träger bereit sind, ich will gehen." Dann bat sie mich, schnell mich anzukleiden. Wir thaten dies hinter einer spanischen Wand, in weniger als drei Minuten waren wir fertig. Meine Gemahlin gab mir noch einige Lehren, welchen Gang ich anzunehmen hätte, wie ich Kops und Arme tragen sollte, damit die Täuschung vollkommen sey. Jetzt ließ sich der Kerkermeister hören. Meine Gemahlin eilte hinter die spanische Wand. Die Thüre öffnete sich. Ich ging voraus, hinter mir meine Tochter. So kamen wir glücklich durch alle Wachen. Draußen traf ich die Tragchaise, die mich aus den Quai der Goldschuiide brachte. Hier erwartete mich mein Freund Baudus mit einem Cabriolet und führte mich in das Hotel des Ministers der auswärtige» Angelegenheiten. Ich hatte unterwegs meinen weiblichen Anzug abgeworfen und eine Bedientenjacke angezogen. So galt ich für den Bedienten des Herrn Baudus und gelangte wohlbehalten in einerKammer tm dritten Stock an, wo ich alle Bequemlichkeiten fand und Muse hatte,. über meine Lage nachzudenken. Mine Flucht anS Frankreich in Begleitung des Generals Wil- svn.— Ich gehe nach Baiern.— Meine weiter» Schicksale biL zu meiner Rückkehr nach Frankreich.. Ich war schon achtzehn Tage an diesem Ort, als mein Freund Baudus mir endlich Nachricht brachte, daß sich Gelegenheit fände,. Frankreich ohne Gefahr zu verlassen- Die Fürstin von Vaudcmvnt, die sich sehr. für mich interessirte,. bat den jungen Bruce und den General Wilson, für meine Rettung zu sorgen, was diese mit Freuden übernahmen. Sie verschafften mir die Kleidung eines englischen Gardeofficiers und so gelangte ich in Begleitung des Generals Wilson wohlbehalten über die Gränze aus das belgische Gebiet nach Mons. Hier trennten wir uns. Er kehrte, nach Paris zurück, ich schlug den Weg nach Baiern ein- Ich reiste unter dem Namen- eines Obriste» Los- sack, der vom Herzog von Wellington Aufträge nach München und Wien habe. Ich hatte zu Mons ein schlechtes Cabriolet gekauft, aber bei meiner angegriffenen Gesundheit konnte ich des Tags nicht über 243 20 französische Meilen machen. Ich langte indessen wohlbehalten in Wvrms an, wo ick durck die Zeitungen erfuhr, daß man meine Gemahlin in der Conciergerie zurückbehalten und den General Wilson mit seinen Gefährten verhaftet habe. Ich war in Verzweiflung und entschloß mich, nach Rußland zu gehen und den Kaiser Alexander um Gnade für meine Gemahlin und meine Freunde zu bitten. Ich eilte deshalb nach Mannheim, um mir von der Großhcr- zogin von Baden, die mlt meiner Gemahlin Geschwisterkind war, einen Brief mitgeben zu lassen. Sie war nicht anwesend und die Nachrichten meines Wirths überzeugten mich von der Nothwendigkeit, das strengste Jncognito zu beobachten. Der Grvßherzvg hatte verboten, keinen französischen Flüchtling passiren zu lassen, weniger aus Uebelwollen, als aus Furcht, d'e französische Regierung vor den Kopf zu stoßen. Ehe ich jedoch von Mannheim abreiste, schrieb ich noch an die Grotzhcrzogin und setzte dann meinen Weg fort gerade durch Würtemberg, was sehr gewagt war, da mich der damalige König zweifelsohne hätte verhaften lassen.. In Vaiern angelangt, war ich endlich in Sicherheit. Als der König von Vaiern meine Entlvekchung aus der Conciergerie erfuhr, hatte er zu dem Fürsten Eugen gesagt:„Er kann zu mir kommen, ich werde für ihn sorgen."' Ich ging also- nach München, wo ich sogleich den Baron von Arna», den. Secretär des Fürsten, von 244 meiner Ankunft benachrichtigte' und ihn bat, mich zu besuchen. Er sandte mein Billet dem Fürsten, der gerade an diesem Tage beim König speiste und kam dann. Nach dem Essen theilte man dem König die Nachricht meiner Ankunft mit. Man hatte mich schon in Amerika geglaubt. Der König nahm mich unter feinen besondern Schutz und überhäufte mich mir Wohlwollen. Ich lebte anfangs in Freisstngen, hierauf zu Starnberg und in der Nähe, zuletzt unter einem falschen Namen in München. Dies hatte man jedoch bald in Paris erfahren und verlangte förmlich, mich nicht länger zu dulden. Ich entschloß mich, mich zu Eugen nach Cichstadt zu flüchten, von wo ich mich nach einigen Jahren nach Augsburg zu feiner Schwester, der Herzogin von St. Leu, begab, wo ich das letzte Jahr meiner Verbannung zubrachte. Endlich nach sechsjähriger Abwesenheit von meinem Vaterlande durfte ich wieder zurückkehren. Ich kehrte nach Paris zurück, wo ich ganz in der Zurückgezo- genheit lebe, vergessen von den meisten meiner alten Freunde, aber auch von der Polizei, die mir viel Verdruß hätte machen können. Meiner Gemahlin hatte ihr Aufenthalt in der Conciergerie und die etwas harte Behandlung- eine Krankheit zugezogen, deren Folgen ihr noch jetzt fühlbar waren. Auch nachdem sie sich wieder erholt, war eine tiefe Melancholie zurückgeblieben. Doch war sie noch immer sanft und liebenswürdig. Meine Tochter hatte sich inzwischen an einen jungen, sehr 245 achtungswerthen Landeigenthümer in Auvergne, Herrn von Forget, verheiratet, wo sie glücklich und geachtet lebt. Wir leben des Sommers auf dem Lande, wo es meiner Gemahlin sehr gefällt. Ich habe das erst« Gut, meine Unabhängigkeit, bewahrt, ich beziehe nach einer langen, meinem Lande gewidmeten, Laufbahn keinen Gehalt, keine Pension, keine Entschädigung. Der Freiheit sind meine Wünsche, die vielleicht nie erhört werden, dem Andenken einer großen Zeit und eines großen Mannes meine Erinnerung geweiht. — 246 Ausrüqe aus den Memoiren des Herrn Theodor Anne über Carls X. Hof und Regierung. Am Hofe wird Alles mit einer steten Gleichförmigkeit betrieben; was heute geschah, geschieht morgen wieder, und wie eine Gottheit wird derienige vetehrt, der vollkommen in das Hofleben eingeweiht ist. So sehr hat dort Alles seine Zeit, daß sogar die Wachen auch bei außerordentlichen Gelegenheiten nicht vor der bestimmten Stunde in's Gewehr treten würden. Einige Minuten vor zehn Uhr des Morgens kam täglich ein Huissier in seinem rothen, goldgestickten, in einen Schwalbenschwanz auslaufenden Rocke, im Arme einen Federnhut, wie ihn die Generale tragen, in den königlichen Saal, um von dem Dienst habenden Brigadier einen Gardisten zu verlangen. Dieser mußte mit angezogenem Gewehre hinter ihm in die Küche marschiern, wo sie das Frühstück sur den Ko- nia in einem verschlossenen Korbe fanden, und von mo aus in folgender Ordnung der Rückweg angetre- s,/«.,»-:-» bedienten mit dem Korbe und zuletzt der Gardist, 247 immer das Gewehr in der Hand. Sobald sie an dem Saale angekommen waren, öffnete der daselbst befindliche Thürsteher die beiden Flügelthüren desselben, und der Huissier rief mit lauter Stimme:„Meine Herren, das Frühstück des Königs!" worauf sich Alles erhob und so lange stehen blieb, bis der Aug vorüber war. Bei der Oslorke äs Oisne angekommen, verabschiedete der Huissier den Gardisten, dessen außerordentlicher Dienst sich hier endigte, mit einem tiefen Compllmente. Fünf Minuten vor eilf Uhr trat man vor dem Dauphin, dessen Gemahlin und dem«ll-xttaine cle, 6sräes in's Gewehr, welche den König zur Messe abholten. Der Marschall Generalmajor war in der Regel nur des Sonntags bei dieser Parthie. Um halb zwölf Uhr kehrten die hohen Personen in ihre Gemächer zurück. Mn halb 6 Uhr kam der Huissier wieder und sagte zu dem Brigadier:„Einen von den Herren, wenn ich bitten darf", worauf dieser Einen von der Garde kommandirte, welcher jenem zu folgen hatte, um das Essen des Königs zu holen, was nun mit demselben Ceremonie!, wie am Morgen, geschah. Einige Augenblicke später holte der Huissier schon wieder„drei von den Herren", die mit ihm in die Küche gingen und von da mit angezogenem Gewehre in dieser Reihenfolge den Marsch antraten: voraus der Huissier, dann ein Gardist, diesem folgten zwölf Bedienten, alle hinter einander, von denen.jeder.eine chedeM 248 Platte trug, die beiden andern Gardisten schloffen den Zug. Es erfolgte die gleiche Begrüßung, wie des Morgens, vor dem königlichen Mittagsessen, und eben so die nämliche Verabschiedung durch den Hurs- ster an die Gardisten, die nun ihre Gewehre wieder umhingen. Dieser Akt der Etikette schrieb sich noch von Ludwig xiv. her; bei der Restauration hatte man ihn wieder in Wirkung treten lassen, und obwohl man später das Lächerliche dieses Gebrauchs einsah und davon die Rede war, ihn abzuschaffen, so blieb es doch immer dabei. Die Herren Huissiers bestunden nämlich auf dessen Beibehaltung, als dem einzigen und edelsten Vorrechte ihrer Dienstverrichtungen, und so ließ sie der erste Haushofmeister gewähren. Fünf Minuten vor 6 Uhr trat man vor der Dauphins und der Herzogin von Berry, welche sich zum Mittagseffen begaben, unter Gewehr. Eben so bei deren Rückkehr um 8 Uhr. Um halb 9 Uhr gingen der vsxitsine lies tlsrckos und der Marschall Generalmajor vvm Dienste zum Könige, um die Parole zu holen, die alsdann um s Uhr ausgegeben wurde. Damit war das Tagewerk vollendet man machte die Bettstellen zurecht, wik- kelte sich in seinen Mantel und überließ sich der Ruhe. Im Marschalls-Saale wurde die Wache nicht weniger inkommvdirt. Um 8 Uhr gingen der Herzog 249 von BsrLeaur und Mademoiselle zum König, um 9 Uhr kamen sie wieder zurück. In den Wochentagen um 11 Uhr, und am Sonntage um 12 Uhr, besuchte der König die Messe, von welcher er nach einer halben Stunde zurückkehrte. Um halb 6 Uhr besuchten die Kinder von Frankreich den König noch einmal und blieben bis zum Miitagessen bet ihm. Um9Ähr wurde die Parole ausgegeben; war aber Abendunterhaltung bei Madame, wo der König durch den Mar- schalls-Saal ging, so mußte man aufbleiben, bis Herselbe zurückgekehrt war.. Der ruhigste Posten war der im Pavillon Marsan, wo man nur einmal des Morgens vor Mademoiselle und einmal Abends bet der Parole tn's Gewehr trat. Bei der Dauphins hingen Beunruhigungen dieser Art von den mehr oder minder häufigen Besuchen Seiner Königlichen Hoheit ab. Alle Morgen schickte sie durch den Huissier vvm Dienste ein Journal, nämlich dir Quotidienne, auf die Wache. Dieses Blatt winde sogar wehrend des Ministeriums Villdle, wo es zur Opposition gehörte, durch kein anders ersetzt. Bei dem Dauphin trat man deS Morg'rs um 11 Uhr und des Abends um 6 und 8 Uhr rvr seiner Person, und dann um 9 Uhr zur Parole unter Gewehr« Das Tagblatt, welches der Prinz alle Morgen zuerst las, war der Lourrier sranxais. Die Woche über war zu der Zeit, wo der König den Marschalls-Saal passirte, um sich in die Capelle zu begeben, fast Niemand in demselben, während sich des Sonntags Alles daselbst drängte. In der Zeit zwischen eilf und ein Uhr wurde das Auge wahrhaft müde von dem Anblicke der prachtvollen Uniformen und Hofcostüme, die sich hier unter einander mengten und in verschiedenen Richtungen kreuzten, theils um sich zu dem Könige zu begeben, theils um die Gemacher von Madame aufzusuchen. Der Marschalls-Saal an e in em S o n ntag- Mvrgen. Der Marschalls-Saal ist jenes große Gesellschaftszimmer, welches über dem Bogen liegt, der den Hof der Tuilerien von dem Garten trennt und die Aussicht auf den Glockenthurm gibt. Seinen Namen hak 'er von den Portraits der noch lebenden Marschälle, die in demselben ausgehängt sind. Hier ist eine Abtheilung der Gardel-du-Corps aufgestellt, von welcher zwei Schlldwachen, mit ängstlicher Ungeduld die Viertelstunden zählend, den Saal auf- und abschreiten, während dir klebrigen, um zwei ungeheure Oefen gelagert, lustig über Tagsneuig- — 251— keilen plaudern. Dic.se Einförmigkeit wird nur zu gewissen Stunden unterbrochen, einmal durch die Kinder von Frankreich, wenn sie dem König ihre Aufwartung machen, und dann durch Seine Majestät selbst, wennssie sich in die Messe begibt. Indessen rückt die Zeit vor, und der Saal fängt an, sich mit Neugierigen zu füllen. Es ist übrigens nicht der ausgewähltere Theilder Gesellschaft, welcher an Sonntagen die Ballustraden des Malschalls- Saales umwogt, denn dieser begibt sich gleichfalls in die Capelle, und sucht wo möglich ein gnädiges Lächeln des Monarchen oder das Kopfnicken einer Prinzessin zu erhäschen, später drängt er sich dann in den Saal des Staatsraths oder schleicht auf der Glas- gallerie herum, und überläßt dem Bürger, Provin- Misten oder dem Militär der Garnison den Marschalls- Saal. Die Schildwachen haben inzwischen, das Gewehr im Arm, ihre Plätze eingenommen, plötzlich hört man sie mit ihren Absätzen die drei Stöße geben, eine Ehrenbezeugung, die nur Personen vvm höchsten Range zukommt. Doch wer sind diese Herren? Betrachten wir sie näher! An jener wichtigen Miene, dem leichten Gange, diesen häufigen Bücklingen und einem ihm besonders eigene» englischen Anstriche erkennen wir den Herrn von Pvlignac. Ihm zur Seite, jedoch etwas entfernt, in dem langen Rocke sehen wir jenen Liebling der Cvngregation, chen Verschmähe! der konstitutionellen Aemter, Herrn 222 Courvoisier. Der Herr mit den gemeinen Manieren und diesem flachen schmutzigen Haare ist Herr von Montbel. Mitten durch sie schlüpft mit Schnelligkeit, als fürchte er, erkannt zu werden, Herr von Bour- mvnt. Aber wer ist jene in die Cravatte halb versenkte Excellenz? Das abgeschabte Kleid, dessen Stickerei gegen die glänzenden goldbedeckten Uniformen seiner Cvllegen gewaltig absticht,, läßt einen sehr ökonomischen Mann erkennen, der, schon einmal Minister, in der Gewißheit es wieder zu werden, dasselbe bis dahin aufsparte, mit einem Worte, es ist Hern von Chabrvl. Hinter diesem kommt den Kopf hoch tragend, mit selbstzufriedener Miene und der Eleganz eines von den jungen Herzoginnen der nebeln Vorstadt Begünstigten, jener Minister, in dessen Hände das Schicksal der Marine gelegt ist, und der von den Schiffsbefehlshabern„geheime und vertrauliche Berichte" verlangte, nämlich Herr von Hausse;, welchen wir Bordeaux, wie früher Toulouse den Herrn von Montbel, zu verdanken haben, nur damit LaS Ministerium seit 181L nicht ohne Gascogner bliebe. Ein heimliches Lächeln begleitet die Schritte eines magern ausgetrockneten Menschen, der in der Kleidung eines Deputirten vorübergeht,„kl»e le ksir» xius"«) höre ich Jemand ganz leise sagen, und er- ) b»->s statt kei-s. Eine Abänderung, welche Herr sineps de Mayrinhac vorschlug und in der Aussprache auch stets befolgte. 253— kenne nun den Herrn Sirkeys de Mayrinhac. Jetzt werden rvir eine» Mann gewahr in der Uniform eines Staatsministers mit zwei großen Ordensbändern, dem der Ehrenlegion und dem spanisckM von Carl III.; man beeilt sich, ihn zu begrüßen, wobei aber eine Art von Unruhe nicht zu verkennen ist, gleichsam als seye damit eine Gefahr verbunden, der man sich aber doch nicht ungerne aussetze. Sein feiner Anstand und sein freundliches Lächeln, daS eine Art von Ironie nicht verbergen kann, beweisen hinlänglich, daß er die Hosintriguen nicht zu fürchten habe, und scheinen zu sagen: Ihr begrüßt in mir den Minister deS künftigen Monats. Schnell ist er verschwunden, doch wer ist er? höre ich fragen; es ist ein Mann von Ehre, Geist und Talent, der Verfasser der„kranokises eleotorgles", der Mann, an welchem daS Vorhaben Herrn von Polignac's, die Censur einzuführen, scheiterte, und den die Hofleute als den wahrscheinlichen Nachfolger des gegenwärtigen Ministers bezeichnen, es ist— Herrwvn Martignac. Je mehr nun die Mittagszeit heranrückt, desto mehr nimmt der Schwärm der Höflinge zu, man drängt, drückt und stößt- sich, bis zuletzt ein Gewühl, ein völliges Durcheinander entsteht. Mitten darinnen erblickt man jene gold- und silbergestickten Uniformen, jene hohen Staatsämter, welche den reichen Schatz der Stellen und Gehalte in Verwahrung haben. Seht hier diese großen Männer in ihren rothen gestickten Kleidern, mit den weißen Federhüten, dem 254 Zeichen ihrer hohen Würde; das sind die Kammer- herrn und die Haushofmeister. Wie sie sich spreizen! In welchem Tone sie sprechen! Warum sollten sie aber auch nicht stolz auf eine solche Charge seyn! Ist es doch so ehrenvoll, Haushofmeister zu seyn, und so angenehm, ein rothes, gesticktes Kleid zu tragen! Jene himmelblauen. Kleider von gleicher-. Verbrämung bezeichnen das Kammerpersonale. Von dem Herzoge von Aumont bis zum Garderobjungen tragen alle dieses Tuch, und nur die Stickerei unterscheidet die verschiedenen Grade dieser reichen Livree. Die Ceremvnialbeamten haben violette, die der Jagd grüne, und die des Stallwesens blaue Uniformen. Während dieser Zeit ist die Garde unter Gewehr gerufen worden und hat ein Spalier gebildet. Mitten durch gehen, diese. Gelegenheit benutzend, als gebühre ihnen diese Ehre,, zwei mit dem blauen Bande geschmückte Prälaten, die, obwohl sie als Nebenbuhler sich zuvcrläßig- nicht leiden mögen, ganz vertraulich Arm in Arm gehen— bei Hofe eine nicht seltene Erscheinung d Der. kleinere von ihnen, mit dem watschelnden'Gange und dem kalten stolzen Aussehen- ist Hern Frayssinvus, jener.Abbe,. welchen die Congregatio» innerhalb drei Monaten zum Bl- schosse, Pair, Grase», Minister und zum akademischen Mitgliede gemacht hat, er ist es, der auf der Redner- bühne die Eristenz von Jesuiten geläugnen, sürnvel- che er doch noch an demselben AbenÄ Audachtsbildchen 255— (sgnus 6ei) im Billard gewann. Man erzählt von ihm, daß, da er als Führer der Pfründenliste den würdigsten Prälaten zum Nachfolger des Cardinals de la Fare zu bezeichnen gehabt habe, er in aller Demuth und Bescheidenheit seine eigene Person der Wahl des Königs empfohlen habe, und so erwartet er nun den römischen Purpur, den Gegenstand seiner heißesten Wünsche, mit Ungeduld, was auch sehr verzeihlich ist, wenn man bedenkt, wie wenig die Bi- schöffe bei Hofe gelten, wo sie ganz von den Cardinälen verdrängt und nur etwa wie ein General oder Präfckt im Range angesehen werden. Der andere von den Beiden ist der Großalmosenier von Frankreich, Cardinal Fürst von Croi, dessen erlauchtes Aeußere den Ausdruck von Zufriedenheit nicht verkennen läßt, die er über seine hohe Geburt empfindet, welche ihm, in Ermanglung eines geistigen Uebergewichtes, den Vorrang, vor dem Plebejer Frays- sinouK sichern soll.. Mit dem. Schlage 12 Uhr. öffnen sich die beiden Flügelthüren des blauen Saales, und die helle wie- dertönende Stimme des Schweizers verkündigt die Ankunft des Königs. Zuerst kommen nun eine Menge Lakayen, Huisfiers, Kammerjunker des Dauphins, dann ein Page, und endlich der Prinz in Begleitung der Herzoge von Gusche und von Damas-Crur. Ihnen folgen wieder Huiffiers, Stallmeister- Edelleute, Adjutanten, Mar- schälle, Großoffioiere und zuletzt— der König. 256 Doch wer sind jene beiden Figuren, die'sich seht noch zeigen? Das sind Homer und Achill, oder mit andern Worten: Guernon-Ranville und der Herzog von Aumont. Mein Gottb Wie doch Alles altert auf dieser Welt! Das ist nicht mehr jener glänzende Cavalier, der im Jahre 1815 träumte, er habe die Normandie mit Herrn von Guernvn erobert, und sich darüber, daß er keinen Widerstand gefunden, wieder tröstete, als er die Verse jenes theuern Adjutanten mit so vielem Enthusiasmus singen horte, und den Räuber Bon aparte beklagte, daß er nicht unter ihm habe dienen wollen. Er ist jetzt ein kleiner, äußerst magerer und krüppelhgfter Greis geworden, der seinen von der Gicht gelähmten Fuß nachziehend, sich mühsam unter seiner Perücke eiu- herfthleppt. Die Dauphins und die Herzogin von Berry mit ihrem Gefolge schließen diesen Aug, der sich in die Glasgallerie verliert. Man kommt in der Capelle au, deren Stühle von den vornehmsten oder elegantesten Damen von Paris besetzt sind. Der Geistliche beginnt, nachdem er zuvor den Altar und dann den König begrüßt hat, die Messe, und die Künstler der Hoftapelle, so wie fast alle Mitglieder der königlichen Theater, stimmen die heiligen Gesänge ang gute Leute, denen man bei Lebzeiten das Lob Gottes zu singen erlaubt, vor denen sich aber nach ihrem Tode die Kirchthüren verschließen. Nach Verfluß von einer halben Stunde beginnt 257 der Zug wieder, und zwar in derselben Ordnung, nach dem Marschalls-Saale, von wo auS sich alsdann der Schwärm, den Anhänglichkeit oder Neugierde herbeigeführt, verläuft, indem Jeder dem Andern seine gemachten Beobachtungen über dieses glänzende Schauspiel mittheilt. Die Glasgallerie dient zur Verbindung mit der Capclle, und wurde im Jahr 1815 erbaut, um Ludwig XVlii. den Weg dahin zu erleichtern, der vorher mit der Beschwerlichkeit des Auf- und Absteigens vieler Treppen verbunden war. Die Gebrechlichkeit des Königs hatte diese Arbeit eben so nöthig als dringlich gemacht.' In der Woche stand hier kein Posten, aber des Sonntags wurde daselbst eine Reihe, ausGarde-dn- Corps und Garde zu Fuß zusammengesetzt, aufgestellt, und zwar so, daß sie von der einen Seite mit dem im Marschalls-Saale, und von der andern mit dem in der Capelle aufgestellten Posten in Verbindung war. Am Ende der Glasgallerie und an der Thüre zu dem königlichen Stande stand außerhalb ein Gardist zu Fuß. Innerhalb des Standes, auch wenn er geschlossen war, stand an derselben Thüre ein Wachtmeister der Garde-du-Corps Wache. Zwei Garde- du-Corps standen immer innerhalb We»e, eine vor der Thüre, welche in den- atc-Saal X' v 1 führte, der andere vor der, welche an die Stühle links stoßt. Ferner war an jedem Stuhl ein.Gardist aufgestellt, dessen Jnstruction dahin lautete: Niemand denselben betreten zu lassen, außer diejenigen Damen, welche von dem Capitän des Dienstes unterzeichnete Billets vorzuweisen hätten, und nicht zu dulden, daß der König oder die Prinzen von ihnen lorgnettirt würden. Der Generalstab wachte über die Vollziehung dieses letzter» Theils der Jnstruction besonders genau, und die Nichtbefolgung wurde manchmal mit Arrest bestraft. Unten in der Kirche standen zu beiden Seiten des Hochaltars zwei Gardisten, und zwei am Eingänge zum Chor. Ein Brigadier kommandirte diesen kleinen Posten. Bei der Ankunft des Königs trat man unter Gewehr und blieb so lange stehen, bis der Priester i» den Altar trat, wo man alsdann das Gewehr zu Fuß sich niederließ; einen Augenblick vor der Aufhebung wurde das Gewehr wieder erhoben und mit gebeugtem Kniee so lange präsentirt, bis die Wandlung vorüber war. Nachdem man wieder geruht hatte, wurde das Gewehr zum drittenmal bei dem Domino ssivuin tso regsm erhoben und bis zu dem Augenblicke behalten, wo Seine Majestät die Ca- pelle verließ. Das Ceremonie! des Clerus war folgendermaßen angeordnet: Sobald der König seinen Platz in der 259 Kirche eingenommen hatte, kamen der Priester nnd die Meßdiener in Proccssion aus der Sacristei hervor und begaben sich zu dem Altare, vor dem sie sich verbeugten, dann wandten sie sich gegen den König und grüßten ihn ebenfalls mit einer tiefen Verbeugung, worauf die Messe begann. War diefe zu Ende, so entfernten sie sich unter dem gleichen Ceremonie!. Der Dauphin kam zuerst in die Caxelle, dann der König mit den Prinzessinnen. Seine Majestät verbeugte sich vor dem Altare, und übergab dem Groß- almosenier ihren Hut,, welchen dieser dem gewöhnlichen Almosenier überließ nnd von diesem dagegen das Meßbuch des Königs empfing, welches er sofort Seiner Majestät überreichte. In dem königlichen Stande fanden nur die Groß- vfficiere der Krone, die bei den Prinzen angestellten Officiere, der Capitale vom Dienste, der. IVIsjor der 6-räes und einige Hofleute Platz;, die Uebrigen warteten in der Seitengallerie des Staatsraths das Ende des Gottesdienstes ab, und so nahe diese Her. ren auch dem Orte waren, wo die hoben Herrschaften ihr Gebet verrichteten, so beschäftigten sie sich doch größtentheils mit andern Dingen, als mit der Religio«. Dagegen war der Anblick des übrigen Theils der Höflinge, welche sich auf der Cmporkirche unter den 260 Augen ihres Herrn befanden, um so erbaulicher. Man hatte geschworen, die größte Reinheit der Sitten und die gewissenhafteste Frömmigkeit herrsche bei diesen vergoldeten Automaten, wenn man sah, wie sie sich aus die Brust schlugen und mit welch tiefer Zerknirschung sie dem Priester antworteten, denn die Messe wußten diese Herren auswendig.— Es ist wahr, die Welt hat ihre Ausschweifungen erfahren, man kannte ihre Lebensart, ihre Maitreffen, man sah die würdigen Nachkommen jener Wüstlinge zur Zeit der Regentschaft öffentlich in unsern Theatern in Gesellschaft jener Opernmädchen(wie sie sie selbst nannten); allein diese weltlichen Gedanken hatten darum keinen Einfluß auf ihr Benehmen am Morgen. Vielleicht baten sie im Voraus Gott für die Fehler um Verzeihung, welche sie später zu begehen im Sinne hatten, in jedem Falle war es ihnen nicht allein darum zu thun, sich, wie die Höflinge Ludwigs XIV., durch das Beten bei dem Könige beliebt zu machen, sie waren auch aus Ueberzeugung fromm. So hielten sie z. B. bis an ihr Ende fest an dem Gebot:„Du sollst kein Blut vergießen." Darum vergaßen sie auch im Juli 1830, nachdem sie die Nothwendigkeit jenes Staatsstreiches gepredigt und die Schrecken des Bürgerkrieges über Frankreich hereinbeschworen hatten, sich um den zu stellen, welchen sie ihren Herrn nannten, aus Furcht, ihn vertheidigen zu müssen. Nach der Messe begab sich zuerst der Dauphin mit seinem Gefolge aus der Kirche, nachdem er zuvor den Altar und dann den König begrüßt hatte; ebenso beugte sich Seine Majestät vor dem Altare und grüßte dann im Weggehen die Prinzessinnen, welche mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung für diese Ehre dankten und dann ebenfalls die Capelle verließen. Waren Damen in den Stühlen, so grüßte sie der König beim Kommen und ebenso beim Gehen. Alle Sonntage wurde die Messe mit Musik begleitet, welche die ersten Künstler der großen lyrischen Theater ausführten. Ihr Gehalt belief sich, wie ich glaube, auf 1500 Franken jährlich; ebensoviel hatten diejenigen Mitglieder der Capelle, welche zugleich bei der Kammer angestellt waren. Außerdem erhielten sie noch jedes Jahr Geschenke von dem Könige. An den höchsten Festtagen, wle z. B. an Weih-' nachten, Ostern, Pfingsten u. s. w., war immer Hochamt in dem Schlosse. An dem letztem dieser Tage war noch zugleich das Fest des heiligen Geistes, wo die Ritter des königlichen Ordens mit dem blauen Bande, welche der König gewöhnlich an diesem Tage ernannte, bei Hofe erschienen uns den in den Statuten vorgeschriebenen Eid ablegten. Am Pfingsttage 1830(den 30. Mai) dauerte die 262 Messe 2'/-. Stunden. Die Aufnahme war besonders groß. Man zählte damals unter den neuen Ordensrittern den Herzog von Nemours, welcher sein tsrcs Zahr erreicht und demnach als Prinz von Geblüte Anspruch auf diese Würde zu machen hatte, ferner den Erzbischoffvon Paris, den Grafen von Cossä u. s. w. Alle Sonntage wurde außerdem Vesper in dem Schlosse gehalten; dieselbe fing um halb 6 Uhr au und hörte jedesmal einige Minuten vor 6 Uhr auf. Die Geistlichkeit war in diesem Punkte ausnehmend präcis; man wußte nämlich, daß der König um 6 Uhr speiste, und ich habe nie gesehen, daß durch diesen Gottesdienst die Rechte des Magens im mindesten gefährdet worden wären, eine Aufmerksamkeit, die man damals bei allen Ständen antraf. Zn der Fastenzeit wurden in der Woche drei Pre- ' digten gehalten, nämlich am Sonntage, Dienstage und Donnerstage. Der König nahm alsdann unten in der Capclle der Kanzel gegenüber seinen Platz. Unter der Kanzel standen zwei Schildwachen von der Garde-du-Corps mit Gewehr bet Fuß. Die Predigt dauerte vhngesähr eine Stunde. Während meiner ganzen Dienstzeit' hatte ich nicht ein einzigesmal das Glück, einen guten Redner zu hören. Die Zeilen rtnes Massillvn, Vourdalvue und FlLchier liegen -- — 263— s Welt hinter uns. Freilich war die Ehre, vor dem Könige predigen zu dürfen, nur sehr schwer zu er- s langen, und überall, wo die Cabale freies Spiel hat, e wird sie das bescheidene Verdienst ferne halten, r Massillon sprach die Wahrheit unverholen gegen >. Ludwig XIV. und seinen Hof aus, anders hielt es die Geistlichkeit der Tuilcrieen, die, zu sanft und zu nachsichtig gegen die Laster des Hofes, sich damit n hegnügte, gegen Rousseau, Voltaire, und besonders » gegen alle liberale Ideen lvszudonnern, was ihren s. gewöhnlichen Tert ausmachte, d Wenn man bemerkte, welches achtungsvolle Stlll- r schweigen die Geistlichen über das Benehmen jener n vergoldeten, mit den prunkvollsten Titeln gezierten n Gliedermännerbeobachteten, sohattemaneherglauben s sollen, dieselben hätten sich zu jener Höhe derFröm» migkeit emporgeschwungen, mit welcher ihnen ihr Oberhaupt vorgeleuchtet, ols daß sie mit ihrer Gleiß- nerei Handel trieben und ein Gewerbe darausmachten. - Nie hörte man aus dem Münde eines Priesters e ein Wort über jenen unersättlichen Durstnach Chren- a stellen und Reichthum, der Frankreich so viel kostete, bis endlich jene unerhörte Verschwendung durch kraft- r volle parlamentarische Einsprache gebrandmarkt wurde, t r l Von der Kirche kann ich füglich zum Hostheater - übergehen, um so mehr, da beide Lokale ml einander ' stießen. ES wurden nur selten Vorstellungen daselbst gegeben, nämlich blos bei besondern Feierlichkeiten; an den Fleischtagen spielten die königlichen Theater. Zuweilen wurde bei Madame gespielt, aber dann richtete man blos ein kleines Theater im Speisesaal Ihrer Königlichen Hoheit dazu ein. Die Legen des Parterre's und der zweiten Gallerie des Hoftheaters waren für die bei Hofe nicht präsen- tirten Personen, die erste Gallerie hingegen, welche zu beiden Seiten sich amphitheatcalisch erhob, für die Damen bestimmt, welche bei Hofe Antritt hatten. 2» der Mitte war die königliche Loge, links von ihr der Platz für das diplomatische Corps. Das Parterre war für Militärs und anständig gekleidete Leute bestimmt; hier wimmelte Alles untereinander, Pair's, Marschälle, Deputirte, Generale und andere Officiere. Dies gewährte einen etwas'republikanischen Anblick, woraus sich aber auch Alles beschränkte. Das Beifallklatschen war ausdrücklich verboten, wen» nicht der König selbst das Zeichen hiezu gab. So erinnere ich mich noch, daß im Jahr 1817, als bei der Aufführung eines Stückes zur Vermählungsfeier des Herzogs von Berry ein Einzelner eine Strophe von Dösaugiers beklatschte, diese Verletzung der Etikette eine ungeheure Bewegung in der Versammlung hervorbrachte. Durch lautes Zischen legte man ihm Stillschweigen auf, und Aller Blicke richteten sich nach 265 der königlichen Loge, um zu sehen, wie Seine Majestät diesen Vorfall aufzunehmen geruhe. Als man aber sah, daß Ludwig XVUl. darüber lächelte, so theilte sich dieses Gefühl der ganzen Gesellschaft mit und versetzte dieselbe in die beste Laune. Der arme Provinziellst, die Ursache dieser Unterbrechung, wurde von seinen Nachbarn gelinde zurechtgewiesen, die ihn sicherlich zur Thüre hinausgeworfen hätten, wenn der König nur die Stirne gerunzelt hatte. Das erste Kind, welches dem Herzoge von Derry geboren wurde, war bekanntlich nicht lebensfähig (unter 7 Monate alt) und starb nach wenigen Tagen. Spater wurde die Herzogin von einer Prinzessin entbunden. Da nun in Frankreich nach dem salischen Gesetze das weibliche Geschlecht von der Thronfolge ausgeschlossen ist, so erlaubte sich einmal ein Höfling die Bemerkung gegen Ludwig XVIU.:„Aber Sire, wenn der Herzog von Berry ohne männliche Nachfolger bleiben sollte, so wird, da seit Philipp V. die spanische Linie auf die Erbfolge verzichtet hat, der Herzog von Orleans einst als legitimer Thronerbe König von Frankreich werden." „Man lasse diesen Gegenstand künftighin unberührt," antwortete der König barsch, und der unberufene Frager, der über diese königliche Aufwallung 266 ganz erstaunt war, ließ sich nie mehr einfallen, des Königs Ansicht Hierüber zu erforschen. Der König ging fast alle Abende von 9 bis halb eilf Uhr zur Dauphine, wo sich die Cavaliere vvw Dienste und einige besonders dazu eingeladene Personen zu einem Whist oder ec->rte versammelten. Um an diesen Abendunterhaltungen Theil nehmen zu können, mußte man wenigstens Oberst seyn, so waren z. B. die Unterlieutcnants der Garde, welche nur Oberstlieutenants-Rang hatten, davon ausgeschlossen. Zweimal in der Woche waren dieselben bei Madame, wo sich alsdann der König, der Dauphin und seine Gemahlin dahin begaben. Madame erschien selten bei den Abendgesellschaften, welche bei der Dauphine statt fanden, sie besuchte an den Lagen, wo sie den König nicht bei sich sah, das Theater. Schon früher wurde des Herzogs von Maille und des Oppositionsgeistes erwähnt, welchen man ihm unterschob. Während des Ministeriums Polignac ersetzte er einige Zelt den Herzog von Aumont, den ein Anfall von Gicht zu Hause zurückhielt. Man verbreitete damals das Gerücht, der Herzog Habs einmal in dem Cabinette des Königs einen starken 267 Anfall von Husten bekommen.„Was fehlt Dir denn?" fragte ihn Carl X.—„Sire, ich habe einen starken Katarrh."—„Um so besser," erwiederte lebhaft der König,„so kannst Du doch nicht mehr so bellen." Gegen das Ende des Jahres 1822 griff Martain- ville im Oiüpesu blaue die Pairskammer an, und wurde auf die von dem Grafen von Nve erhobene Klage vor Gericht gefordert und zu einem Monate Gefängniß verurtheilt.„Das ist ganz in der Ordnung," sagte er im Fortgehen,„wenn man die Arche angreift, so ist es an Nve, dieselbe zu vertheidigen. Die Oapitaines cles Oai-cies waren Generalliente» nantö und Ritter vom Orden des Königs; man glaube aber ja nicht, daß fie Verdienste gehabt hätten, denn nur die Geburt, nicht das Talent, erhob sie zu diesen Ehrenstellen. Sich nach dem Reglement zu richten, hielten sie unter ihrer Würde. Sie cvmmandirten Escadronen, welche aus Officieren bestunden, und erreichten nicht allein, sondern übersprangen sogar die Chefs unserer alten Armee, während sie nicht im Stande waren, einen Mann nach der Vorschrift das Pferd besteigen zu lehren. Hatten wir Revue vor dem Könige aus dem Marsfelde, so commandirte uns einer von diesen Herren, und schrie sich gewöhnlich dabei so ab, daß er das Lachen der hinter uns aufgestellten Bataillone erregte, und dennoch war diese Kenntniß der Commando's, die er hier so komisch entwickelte, erst nicht einmal sein eigenes Werk, denn er wiederholte bloß das, was der hinter ihm aufgestellte Major ihm vorsagte. Die guten Leute schämten sich nicht der Epaulettes, die sie trugen, und ließen sich nicht einfallen, daß ihre Unwissenheit»um öffentlichen Spotte und sogar zum Gelächter ihrer Untergebenen diente, welche als Unterofsiciere mehr Probe» abgelegt hatten, als diese Parade- und Boudoirs-Generale! Im Jahr 1822 wurde ich durch den Herzog von Damas-Crur dem Herzog« von Luremburg vorgestellt und von demselben zu klein gefunden, um in seine Compagnie eintreten zu können, und so mußte ich, trotz der besondern Empfehlung, welche ich genoß, für dieses Jahr auf die Hoffnung, Officicr zu werden, verzichten. Ein Bekannter, dem ich den Empfang erzählte, der mir bei dem Herzoge von Luremburg zu Theil geworden, fragte mich gleich, wie ich denselben angeredet habe, und als ich ihm sagte, daß ich ihm den Titel General gegeben habe, erwiederte er mir:„Ja, nun wundre ich mich nicht mehr, hatten Sie ib» Herr Herzog genannt, wäre Ihnen gewiß sogleich willfahrt worden." 2SS In der That war auch die Abneigung der Herren Casttains gegen einen Titel, den sie gar nicht verdienten, so groß, daß man sie nur General nennen durfte, um sich ihre Feindschaft zuzuziehen. Dieser Titel(nach ihrer Meinung ein subalterner) paßte blos für den commandirenden General, war hingegen von einem Compagnicchef die Rede, hieß es stets: „der Herr Herzog." Wirklich paßte auch dieser Titel, der immer an den Adel und die Lehenbarkeit erinnerte, viel besser für Leute, welche durchaus nichts Militärisches an sich hatten und nur durch Gunst zu diesen Stellen gelangt waren. Sehr treffend hat General Gvurgaud dieselben bezeichnet, wenn er sie ein Paar Epaulettes mit Sternen nennt, die auf einen Hvstitel aufgeklebt sind. Die Oopitsines äos 6sräes hatten einen sehr angenehmen Dienst. Er dauerte 3 Monate für das ganze Jahr(von 16 Monaten 4). Des Morgens begleiteten sie den König in die Messe, führten ihn wieder in seine Gemächer zurück, wohnten dem Empfange bei, wenn einer statt fand, folgten Seiner Majestät, wenn sie ausging, und holten Abends die Parole. Für diesen Dienst waren sie jährlich mit 40,«00 Franken bezahlt. Außerdem bezogen sie den Gehalt eines activen GencrallieutcuantS, und während ihres Dienstes hatten sie Wohnung, Holz, Licht 270 und Tisch steil... und welchen Tisch!(sagtArualin seinem Humoristen). Im Innern des Palastes hatten die c-ixikslnes ilo« 0->i--lcs sogar den Vorrang vor einem Marsch«!! von Frankreich, weil sie für die Person des Königs verantwortlich waren. Fuhr derselbe aus, so saßen sie»eben ihm, dem Könige gegenüber der Marschall, Generalmajor vvm Dienste, und neben diesem der erste Hoftavalier oder der erste Kammerherr. Bei der Errichtung der königlichen Garde beschränkten sich die Ehrenbezeugungen derselben darauf, daß man vor dem König, und zwar blos im Innern des von ihm bewohnten Palastes, Marsch schlug und präscntirte, und vor den Prinzen und dem Generalmajor des Dienstes ins Gewehr trat und Rappel schlug. Die Oüpitsines des 6srr Stamme den Nahr.ingssafk und droht ihn zu ersticken. Es ist unmöglich, daß eine Colonialwaarenhand- lung, welche zu stolz ist, sich des unwürdigen Schlcich- > Handels zu bediene», die Concurrenz mit den orga- ^ nisirten Banden der Schleichhändler aushalten kann. Der Spcditionshandel von Augsburg und Nürnberg ' war vor Zeiten wvhi der bedeutendste in Europa. Diese Städte enthielten die Niederlage des nördli- > chen und südlichen Handels.— Nun ist der Spedi- - tionshandel zu Grabe getragen. Die Stadt Nürnberg hat sich in ihrer Denkschrift an die Kammer hierüber so wahr als eindringlich ausgesprochen. l Preußen, ein absolut monarchischer Merkan- - tilstaat, ist im Verfolg seiner Vortheile dem t politischen und dem volkSwirthschastlichen Leben der Vereinsstaaren höchst gefährlich.— Baicrns Städte ! haben dies wohl eingesehen; diegewerbsthätige Stadt Nürnberg sänkt sich bewogen, der baicrischcn Depu- tirtenkammer die Bitte um Aufhebung des Zollvrr- trags mit Preußen dringend aus Herz zu lege»!— Ihre Gründe werden hoffentlich Eingang finden, und Baiern wird, belehrt durch die Erfahrung, sich den seinen Schlingen der klugen norddeutschen Handels- sreunde zu entziehen und künftig- einer ähnlichen Lockung zu entgehen wissen*). *) Leider nein! die Regierung hat neue Verträge mit Preußen abgeschlossen, wie versichert und nicht widersprochen wird. A. ch H. In Erwägung der bisher geäußerten Wahrheiten muß es„der Staat Barer», a!S Vertreter des Zollvereins, seinem merkantilischcn und politischen Vortheil angemessen finden, vor Allem den Handelsvertrag mit Preußen aufzuheben, sodann die Mauth zu entfernen, ein System niederer Zollsätze einzuführen, und sich so mit den nicht im Verein befangenen Staaten zn befreunden." Dies wäre der erste Schritt zu einer allgemeinen Handelsfreiheit irr Deutschland zu Erfüllung des?. 19. der Vundesaete. Dieses Ziel liegt gewiß nicht so fern, als es den Anschein hat; der empfundene Nachtheil und die Stimme der Noth ans dem Munde baierischer Ge- werbtreibeuder wird mächtig genug in die Ohren der Regierung ertönen, um ihre ganze Kraft zu dessen Erreichung in Anspruch zu nehmen. Die Zeit bringt Rosen, sagt ein altes Sprichwort: sie reift auch die Blüthe der Wahrheit, wenn sie nur einmal lebendig erkannt ist, zur gedeihlichen Frucht. In einem cvnstitutivnellen Staate können die ausgesprochenen gere chten Wünsche der Bürger nicht lange unerfüllt bleiben; daß aber die Erfüllung der ausgesprochenen Forderungen den Wünschen der bayrischen Staatsbürger entsprechen würde— darüber kann Niemand im Zweifel seyn, der nur einigermaßen mir der Stimmung und mit den Bedürfnissen des Volkes bekannt ist!— Was aber die baierische Regierung ganz besonders bewegen dürfte, das sind die Verhältnisse von Rhcinbaiern.— Wenn dies« 293 teu oll- or- er- uth zu- an- este sch- dcu die Zeder sen rt: nur chr. us- icht der lieber na- sci, sehe md !ese Perle in der Krone Valeries, welche das lüsterne Verlangen des Nachbars so lebhaft in Anspruch nimmt, deren Zierde noch ferner bleiben soll, so mühten Rheinbaierns materielle Interessen nickt so schonungslos veruachläßiget werden. Dieser gesegnete Landstrich ist eine Wohnung der Dürftigkeit, und, was noch ärger ist, eine zweite Insel Man, ein offenkundiger Sitz des Schleichhandels geworden. Rbeiubaiern hat seine Wünsche oft und deutlich ausgesprochen;— wir wiederholen den Ruf:„Man höre oder man fühle!" Würtemberg hatte vor dem Zollverein klar erkannt, was seinem Handels- und GcwcrbSintereffe forderlich ist.— Dort blühte damals inländische Industrie, und niedere Zollsätze sicherten diesem Staat freundliche Handelsverhältnisse mit seinen Nachbarstaaten*). *) Das Merkantilsystem, von der Theorie verdammt» ist bekanntlich noch in den meisten Staaten die Grundlage der staatswirthschaftlickeu PrariS, wenn auch nicht überall mit einer so eisernen Conseguenz durchgeführt, wie in der preußischen Monarchie. Im Geiste dieses Systems sind die Awingmauern des Zollvereins errichtet. Die merrantilische Lage der Staaten erwägend, muß man allerdings von dem Vorhandcnseyn dieses Systems und von seinen Wirkungen Kenntniß nehmen.— Wenn die nachfolgenden Deduktionen den Anschein gewinnen mochten, als seyen sie,im Geiste des Merkantilismus geschrieben, so möge hier die feierliche Erklärung stehen, daß der Vcr-- 294 Zu einer unglücklichen Stunde faßte Würtemberg, wahrscheinlich geleitet von dem Wunsche, die deutsch patriotische Idee der Handelsfreiheit in Deutschland, das ist einer deutschen Handclsetnigung, zu verwirklichen, den Entschluß, dem baierischen Mauthsystem beizutreten. Dieser traurige Schritt brachte dem schwäbischen Königreich unzählige Nachtheile. Die Wunden, welche Her würtembcrgischen Industrie und besonders der Erwerbsthätigkeit, so wie dem ganzen Verkehr im Innern, geschlagen wurden, bluten noch und sind augensällig für Jedermann.— Die Viehzucht und besonders der Handel mit Vieh, eine der vorzüglichsten Nahrungsquellen Würtembergs, erliegt durch dir Ueberschwemmung mit den Erzeugnissen der baierischen Viehzucht; der Werth des jährlich von Baiern nach Würtemberg eingehenden Viehes beträgt an i,8vo,oov fl.— Aehnlich verhält es sich mit dem Getraidehandel. Wäre der Grundsatz der Handelsfreiheit'ns Leben getreten, so würde diese Concurrenz von Vaiern für die würtembergische Industrie ohne nachtheilige Folgen seyn; da aber der natürliche Kreislauf der Erzeugnisse des Fleißes mittelst des Handels gehemmt fasser von der Unstatthaftigkeir merkantilistischer Grundsätze vor dem Richterstuhle vernunftgemäßer Staatswirthschaft aufs lebhafteste überzeugt ist, daß er aber, da sie einmal angenommen sind, deren Wirksamkeit für den vorgesetzten Zweck mich weder ableugnen kann noch mag. 2W ist, da durch die eingeführte Handelssperre der Markt verlest, der Absatz erschwert und gehindert wird; so sieht sich Würtemberg in die traurige Lage versetzt, „die Nachtheile des Merkantilismus erleiden zu müssen, rchne zugleich seiner Vortheile theilhaftig werden zn können."- In Bezug auf Baiern ist der würtembergische Handel durchaus passiv!- Baiern bedarf nichts von würtembergischen Erzeugnissen; die eigenthümlichen Verhältnisse aber haben—„was bei ungehinderter Concurrenz schwerlich der Fall seyn nEde"— eine bedeutende Cvnsumtion baierischer Erzeugnisse in Würtemberg veranlasst.— Der arme Bewohner Würtembergs muß den Gewinn, welchen ihm seine Viehzucht und sein Ackerbau bringen könnte, geschmälert sehen, weil durch die Einfuhr aus Baiern die Preise seiner Erzeugnisse hcrabgedrückt werden. Die Einfuhr an Wein von Baiern nach Würtemberg ist zwar nicht von Bedeutung; dagegen findet eine bedeutende Einfuhr baierischen Bieres statt, wodurch die Weinconsumtivn in Würtemberg geschmälert und der Wcinprcis znm Nachtheil des Produzenten herabgedrückt wird. Der unmittelbare Nachtheil, welchen Würtemberg durch die Einfuhr des baierischen Biers erleidet, ist von noch grösserem Belang. Die Bierbereitung, diese ansehnliche Quelle des Wohlstandes, kann unter günstigen Verhältnissen eine Menge von Händen nützlich beschäftigen, was bei dem übervölkerten Würtemberg allerdings zu berücksichtigen ist; allein bei den bcstehcudeu Ver- 296 hältnissen können die würtembcrgischen Bierbrauereien nicht in Aufnahme kommen und der Hopfenbau, für welcken dieses Land in manchen Gegenden ganz besonders geeignet wäre, kann nicht zur Blüthe gedeihen. AuS all diesem folgt,„daß der Mauthverein mit Baiern für Würtembergs Hauptnahrungsquclle, für die Urprvducticn in allen ihren Zweigen nur nach- theilig wirkte Eben so nackthoilig wirkt dieser Verein auf den Handelsverkehr nach Außen. Es läßt sich zwar nicht leugnen, daß die Fabrikation in Würtemberg für Wollen- und Baumwollen- waaren durch den erweiterten Markt bedeutend gewonnen hat; dies ist aber ein geringer Ersatz für die Beeinträchtigung der Produktion landwirthschaft- licher Erzeugnisse und für deren geschmälerten Absah. Letzterer hat hauptsächlich im Verkehr mit Frankreich und mit der Schweiz Statt gefunden, Die Ausfuhr an würtembergischem Vieh nach Frankreich war früher höchst bedeutend; sie konnte zwar durch den Zollverein mit Baiern nicht ganz unterliegen, da die Consupchion des französischen Gebietes die Einfuhr dieser Waare alS unerläßliches Bedürfniß erheischt. Aber abgesehen auch davon, daß die Einfuhr des Viehes von Baiern nach Würtemberg den Vortheil auf der einen Seite raubt, welcher aufder andern Seite durch die Ausfuhr nach Frankreich erzielt wird, so ist es auch schon an und für sich wahrscheinlich, daß Frankreich,, dem Verkehr mit dem mauth- 2S7 umgarnten Würtemberg entfremdet, seinen Bedarf an Vieh nur so lange von dort her beziehen wird, bis es demselben in befreundeten Staaten genügen kann.— Ganz dasselbe gilt von dem Gtreidehandel mit der Schweiz, wohin Würtemberg seinen Ueber- fluß absetzen muß. Dieser Absatz ist gehemmt und das Land schwebt in Gefahr; leinen Verkehr mit der Schweiz ganz zu verlieren, währeird auf der andern Seite dem getreidercichcn Würtemberg um mehr als KOMOGulden Früchte aus Vatern jährlich zugeführt werden!!! Einen bedeutenden Theil seines Weins, jenen nämlich, welcher an der Kocher und au dem Igelfluß erzeugt wird, führte Würtemberg vordem in den bardischen Odenwald;— Dieser Markt hat in Folge des Zollvereins gänzlich aufgehört, da Baden die Einfuhr nicht mehr gestaltet. Hierdurch hat jene» würtembergische Landcstheil einen sehr empfindliche», bis jetzt noch nicht vergüteten Nachtheil erlitten. Der von Seiten des baicrisch-würtcmbergischen Zollvereins mit Preußen abgeschlossene Handelsvertrag hatte auf die Handclsverhältnisse vou Würlem- berg weniger unmittelbare» Einfluß; jedenfalls aber wirkt der in Preußen mehr als irgendwo erstarkte Geist des Merkaurulomus leise, aber sicher fort, und sein Einfluß ist besonders dem landbautrcibcn- den Schwaben fühlbar geworden. Noch verderblicher aber wirkt der Einfluß preußischer Staatskunst auf das konstitutionelle Würtemberg. — 2W- Preußens feiner Politik ist es gelungen, unter dem Verwände der Wahrung gemeinschaftlich deutscher Interessen das Nationalgefühl der Deutschen in Anspruch nehmend, die nichtsahneuden Staaten Baiern und Würtemberg in seinen Netzen zu fangen. Es ist freilich zu verwundern, und es bedarf hiezu einer preußischen Aristokratenstirne, wenn die preussische Regierung sich an deutsches Nationalgefühl wendet, nachdem sie den Nationalsinn der Deutschen mit Füßen getreten, nachdem sie mit den gerechtesten Nativualforderuugcn den schnödesten Spott getrieben hat und immer noch fortfährt, durch ihren Bundes- gesandten zu Frankfurt, zum Höhne der kleineren Staaten, nur österreichisch-preußisches Interesse zu begünstigen!— Und doch— es ist kaum zu glauben — hat Baiern— hat Würtemberg— durch preussische Deklamationen geblendet, übersehen, daß Preussen, wenn eS von deutscher Nationalität spricht, nur deutsche Beutel im Auge hat.— Man sage nicht, daß hier, wo nur von Handelsverhältnissen die Sprache ist, die Politik nicht in Betracht komme.— Preußens aristokratische Regierung, zu Anfang hauptsächlich durch finanzielle Rücksichten geleitet, benützt begierig den Verein mit dem konstitutionellen Baiern und Würtemberg, um das con- sticntionelle Princip dieser Staaten an der Wurzel anzugreifen. Niemals wird es zwar den Anhängern des absolut-monarchischen Princips, am allerwenigsten aber 2SS dem Zwittergeschlechte preußischer Fendalaristokrckten gelingen, die einmal lebendig und kräftig gewordene Idee dcrFreilpeit und der Vvlkssouveränität zu bewältigen!— Allein es ist schon traurig genug, wenn die Völker in ihrer herrlichen Laufbahn zum Ziele durch Kunstgriffe preußischer Politik sich aufgehalten sehen; und— ist nicht auch zu fürchten, es mochte der preußischen Arglist gelingen, die Regierung eines konstitutionellen Landes zu Staatsstreichen zu verleiten und so unabsehbares Elend über das Land zu bringen?? Dann könnte sogar auch die Einung Deutschlands — eine schöne Idee— zur traurigen Wirklichkeit werden. Es liegt diese Einung den Absichten der große» deutschen Monarchien nicht so fern, als es den Anschein hatg wenn alle deutschen Provinzen unter den Schwingen der Adler sind, dann ist die Idee— aber nicht zur Freude der Völker verwirklicht.— Zur Erreichung solchen Zweckes wird durch Verletzung der materiellen Interessen Zwietracht gestreut zwischen den Völkern und ihren Regierungen, damit der Widerstand weniger kräftig sey, wenn der Adler zur Erfassung seiner Beute die Krallen hebt.— Um ihrer eigenen Sicherheit willen müßten die Regierungen *) Bereits spricht das neue halbamtliche Blatt:„die alte und neue Zeit" von Staatsstreiche» gegen oie Presse und Volkskammer. A. d. H. 300 fremdem Einfluß auf ihre inneren Angelegenheiten den Zugang verweigern.— Würtemberg wird/ den Vortheil seines Handels und seiner Staatsverwaltung erkennend, zuerst seinen Handeleverbündeten, Baiern, mit aller Kraft zur Aufhebung des mit Preußen geschlossenen Vertrages auffordern; es wird, wenn die preußischen Schlingen zerrissen flud, vereint mit Baiern/ die Einführung eines Zollsystems erstreben, welches, aus die Grundsätze der Natur und der Wahrheit errichtet, den Wohlstand seines Handels'und die dauernde Beglückung seiner Bürger herbeiführen muß. Sollten aber Würtembergs Bemühungen in Hin, ficht auf Baiern von keinem Erfolge gekrönt werden; — sollte Baiern— verharrend bei den Grundsätzen der Handelssperre, nicht geneigt seyn, die Gefäng- nißthvre der Mauth zu öffnen, die ungehinderte Bewegung des Handels zn dulden;— sollte die baie- rische Regierung— vielleicht selbst der preußischen Politik nicht so fremd, als die Verfassung des baie- rischen Staates— sich nicht entschließen wollen, den mit Preußen geschlossenen Vertrag aufzuheben:— dann möge Wnrtemberg, selbstständig und frei, zu jenen Grundsätzen ungescheut sich bekennen, welches seines Staates Sicherheit, seiner Bürger Wohlstand allein zu begründen im Stande sind.— Es sage sich los von dein Zollvereine mit Baiern — es verbinde ficu wieder durch niedere Zollsätze mit seinen ältern Handclcfrcundeu:— dann wird sein 301 Handel mit Frankreich und mit der Schweiz in neuer Blüthe prangen und eine rci-rliche, sichere und erfreuliche Quelle des Wohlstandes für seine Bewohner werden.— Sein Nachbarstaat Baden— durch gleiches Interesse in jeder Beziehung zu seinem natürlichhen Genossen geeignet, wird mit ihm auf das innigste verbunden zum gemeinsamen Besten streben. Beide Staaten werden,— Hand in Hand schreitend, zum Ziele der Beglückung ihrer Volker durch Wohlstand und Freiheit,— dieses Ziel unfehlbar erreichen!— Mochte Würtembcrg der Stimme, die ihm ruft, Gehör geben, mochte es, seinen wahren Vortheil erkennend, die Wahrung seiner materiellen Interessen nirgend anders suchen, als dort, wo ihm die Frucht'dcr Freiheit und der Sclbstständigkeit entgegen reifet!— Auch Badens Handclsthätigkeic wurde in früheren Jahren nach den Grundsätzen des Merkantilismus geleitet; das Eigenthümliche seiner geographischen Lage ließ das Unnatürliche und Lästige der Einrich. tungen nach diesem System doppelt empfinden: bald gelangte man zur Erkenntniß von dessen Verwerflichkeit. Man beeilte sich, die hohen Zollsätze zu mindern, die gehässige Kontrolle zu erleichtern und man emancipirtc den Handel, welcher sich nun, seiner Fesseln entlastet, in ungehinderter Thätigkeit bewegen kann. Durch die Annahme des jetzt geltenden basischen Zolltarifs wurden alle Hindernisse des freiern 302 Verkehrs in so weit entfernt, als solches von Baden abhängig gewesen ist; der Aollaufschlag auf die Einfuhr und Ausfuhr der Waaren ist so unbedeutend, daß die Preise derselben dadurch nicht sehr merklich erhöht werden.*) Der badische Zolltarif entspricht vollkommen den Grundsätzen, welche bei dessen Aufstellung zur Norm dienten und welche in folgeren Worten— des Fi- nanzministcrs v. Vökh— gesprochen in der basischen Ständeversammlung vom Jahr 1828, aufs klarste dargestellt sind: „Bei Feststellung des Ein angszvlls waren die Interessen des Staatsschatzes, oder mit andern Worten, die Interessen der Steuerpflichtigen, welche den Zollausfall auf andere Weise ersetzen mußten, die Interessen der Landwirthschaflr, des Gewerbsteißeö/ des Handels und der Consumenten zu berücksichtigen, Die Regierung glaubte, daß sich alle diese Interessen uur in mäßigen Zöllen vereinigen, die keine Produktion stören, keine auf Kosten anderer künstlich in die Höhe treiben; die die Consumtion nicht vermindern, den Handel nicht beeinträchtigen, die sich *) Salz und Weine machen hier eine Ausnahme. Die Einfuhr des Salzes ist ganz verboten und auf der Weineinfuhr liegt ein bedeutender Zoll. Die staatswirthschaftlichen Gründe, wenigstens hinsichtlich der Weincinfuhr, sind bet gegenwärtigen Verhält nissen so evident, daß sie keiner weiter!» Rechtfertigung bedürfen. » 30L ohne drückende Maaßregeln, ohne ein Heer von Zollbeamten und Aufsehern erheben lassen, die keinen Reiz zum Einschwärzen darbieten, der nicht durch mäßige Geldstrafen in Schrecken gehalten werden könnte." Es ist in der That dieser Tarif nicht nur für den Verkehr und für die inländische Industrie von hohem Vortheil; er ist zugleich eine ergiebige Finanzguelle. — Während hohe Zv, sätze theils durch Schleichhandel umgangen, theils durch Minderung der Einfuhr vermieden werden, findet es bei niedern Zollsätzen Niemand gerathen, den gefährlichen Schleichhandel zu wagen und die Menge der eingeführten Waaren ersetzt der Staatskasse reichlich den verminderten Zollsatz. Die Ausführung der badischcn Handclsgrund- sätze wirkt fast überall wohlthätig auf den örtlichen Verkehr; dankbar erkennt dies der Bewohner Badens vvm Bvdcnsee bis an den Neckar. Nur in der Pfalz lassen sich Stimmen des Mißvergnügens— mitunter wohl auch gegründete Klagen wegen der gestörten äbandelsverhültnisse mit Rhcinbaicrn vernehmen, wohl aus dem Grunde, weil die Bewohner jener Gegend die leider letzt noch unvermeidlichen Nachtheile mit den Vortheilen des badischen Zollsystems nicht in billige Vcrgleichung ziehen. Mögen sie erwägen, wie seit einigen Jahren die Erwerbsthätigkeit in Mannheim zur Blüthe kommt — zu welchen erfreulichen Resultate» der Mannheimer Speditionshandel geführt hat!— 304 Es ist auch selbst der durch Baierns Mauth Herr vorgerufene Schleichhandel eine Quelle des Wohlstandes chür Mannheim geworden, ohne daß seine Handelsleute nothwendig haben, persönlichen Antheil an diesem gefährlichen Gewerbe zu nehmen, dessen Vortheile sie nur genieße». Jene aber, welche deu Mitritt Badens zum Mauchoerbande wünschen, mögen zur Berichtigung ihrer Ansicht,nur die Stimmen aus Vaiern vernehmen.— Jetzt noch einige Worte über den durch den Odenwald Don den übrigen Landcsthellen abgeschiedenen Taubergrund,— Wer die Ergiebigkeit feines Bodens, seine herrlichen Wiescngründe und die Ertragsfähigkeit seiner Sicbhügcl kennet, wer dabei mit dem mäßigen und einfachen Sinn seiner Bewohner vertraut ist, der muß ihre Verarmung, eine Folge der politischen Lage jener Gegend, mit innigem Bedauern betrachten. Ob dem Laubergrunde durch den Beitritt zum Zollverein geholfen würde, steht sehr im Zweifel; nur dann— wann unsere auf die Grundsätze der Handelsfreiheit gebauten Wünsche und Hoffnungen hinsichtlich einer Handelsvereinigung in Erfüllung gehen— dann wird auch dorr wieder Wohlstand erblühen.— Die öffentliche Meinung in allen übrigen Theilen des Landes spricht sich laut auS in dem Wunsche, daß Baden sein liberales Zollsystem, welches ihm die beiden Hauptstützen feines Wohlstandes— den lebhaften Verkehr mit der Schweiz und mit Frankreich 72 305 — sichert, stets beibehalten und daß es den gefährlichen Lockungen kräftig widerstehen möchte, welche es von dem Pfade der erkannten Wahrheit abzulenken bemüht sind. Es ist nicht unbekannt geblieben, wie man von Seiten der Vereinsstaaten, und besonders von Seite» Preussens, jedes Motiv in Anregung brachte, um die badische Regierung von der Verfolgung der Grundsätze einer rationellen Staarswirthschaft, der Grundlage ihrer heilbringenden Zollgesetzgebung, abzulenken; aber es scheiterten alle Kunstgriffe preussischer Slaatöklughcit an dem klaren Sinn und an der unerschütterlichen Redlichkeit eines Mannes.— Ein mißlungener Versuch konnte indessen die sieggewohnte Berliner Gewandtheit nicht von Erneuerung ihres Angriffes abhalten; da die Verhandlungen, durch welche staatswirthschaftliche und finanzielle Vortheile erwogen wurden, keinen Erfolg hatten, da glanzvolle Dcclamativnen der einfachen— durch evidente Darstellung materiellen Gewinns und Verlustes unterstützten Mehrheit unterliegen mußten, so wurde ein anderer Weg eingeschlagen. ES ist in jedem Kampfe von Vortheil, sich des Terrains zu versichern, und wo hätte wohl die preussische Beweglichkeit fester» Boden gewinnen können, als aus dem Felde der Diplomatie?— In jenen nebelumhülltcn Regionen, wo die Schreck- bilder künftiger Möglichkeiten so bedeutendes Gewicht haben, vermag Zungenfertigkeit viel, und die X. 20 306 «nwidersprechliche Darstellung des augenscheinlichen Verlustes wird entwaffnet von der tiefsinnig wichtigen Miene diplomatischer Bedenklichkeitcn; sollten wohl die Bemühungen Preussens auf diesem Wege den Sieg erringen?— Mit Recht ist dieß zu bezweifeln; die öffentliche Meinung hat die Scheidemauer des Handels verdammt— ihre Stimme wird in dem freien Bade» nicht ungehört verhallen. Die Regierung Badens ist mit den Vertretern des Volks einig geworden. — Zudem, noch sind Badens Bewohner zu dem festen Glauben berechtiget, daß die individuelle Ueberzeugung des erleuchteten Mannes, dessen Händen die Verwaltung der staatswirthschaftlichen Angelegenheiten anvertraut ist, übereinstimmt mit den Wünschen und Bedürfnissen des Landes, mit den Ansichten seiner. Vertreter.— Die erkannte Wahrheit wird über die ohnmächtigen Rücksichten diplomatischer Aengst- lichkeit den Sieg davon tragen; es wird die Regierung Badens sich durch keine Vorspiegelungen verleiten lassen, durch Errichtung der Zwingmauern der Handelssperre an Badens Gränzen den mächtigen Nachbar im Westen und den bewährten Handelsfreund im Süden zu Vergeltungsmaaßregeln zu reizen und Badens Erzeugnissen den Markt zu entziehen. Ferne sep es dagegen von Badens humaner Bevölkerung,'daß sie nur einseitig ihren Vortheil beachtend, auf die Entfernung der Iwischenschrankeu, auf die Einung Deutschlands keine Rücksicht nehmen 307 sollte!— Wenn durch Aufopferung eines Theils feiner materiellen Interessen die Erreichung dieses großen Zweckes bedingt wäre, so müßte auch Baden zu solchem Opfer bereit seyn; es gilt aber— wenn auch nicht in der bürgerlichen Gesellschaft, doch unstreitig in der Gesellschaft der Staaten ein praktischer Satz:„Jeder wahre, so gut er kann, seinen eigenen Vortheil, und der Vortheil des Ganzen wird am Ende erlangt seyn." Wenn alle einzelnen Staaten Deutschlands— gemeinsame Vortheile g e m e infam vertretend— ihre innern Angelegenheiten ganz so gestalten, wie sie für ihr Einzclwohl am förderlichsten sind; dann wird das gleiche Bedürfniß und der gleiche Grad konstitutioneller Bttdung sie enger verbinden, als dies ein erzwungenes Band jemals bewirken konnte; das Verlangen nach Handelsfreiheit und die Würdigung der Gründe zu Deutschlands Handelseinung wird eine Entfernung der Schranken unter vortheil- haften Bedingungen für alle herbeiführen, als der Beitritt Badens zum Zollverein, welcher uns einer solchen Handelseinung durchaus nicht nähern würde.— Noch immer würde der sächsisch-hessische Verein, gebaut auf eine weit freiere Basis, der Handels- einnug Deutschlands im Wege stehen; mit Recht auch würde sich jener Verein des Tausches der Freiheit mit der Handelssperre— der Vernunft mit der Unvernunft weigern; eben so mit Recht weigert sich Baden eines solchen Tausches. — 308- Baden wird festhalten an den Grundsätzen der Natur und der Freiheit; Badens Regierung wird die Rücksichten kleinlicher Furcht nicht für würdig halten, sie wird, gestützt auf ihre Kammern, die Wahrung ihrer Sicherheit und ihre Unverletzlichkelt in der Liebe des Volkes suchen. Das badische Volk, zwar klein, aber treu und fest, hängt begeistert an der Verfassung seines geliebten Vaterlandes; es wird stark genug seyn zum Widerstand gegen jede äußere Einwirkung, stark genug durch die zahllose- Menge jener, die in allen Ländern Europas ihm" durch gleiche Ueberzeugung verbündet sind. Baden wird erhebend beweisen, wie ein kleiner Staat, mächtig durch seine moralische Kraft, erfolgreichen Einfluß auf seinen größern Nachbar üben kann. Baiern und Würtemberg, gedrängt durch die laut gewordene Noth ihrer Bürger, welche Badens Anstand als glücklich und beneidenswert!, preisen, werden den Entschluß fassen, sich der Zollgesetzgebung Badens anzuschließen; auch Sachsen und Churhessen, deren Haudclseincichtungen schon jetzt auf der Basis der Freiheit ruhen, werden dann gern bereit seyn, einem solchen Verein bcizutreten, und die Schranken werden niederfallen, welche dem Verkehr der süddeutschen Bundesvölker schmählich im Wege stehen.. Süddeutschlaud wird erstarken, und- ein mächtiger Stamm seine Neste verbreitend— wird es dem stolzen Nachbar kühn ins Auge sehen!— M 309 Däs linke Rhein Ufer. (Aus der Zeitschrift Rheinbaiern.) Um den im In- und Auslande mehrfach bespro» chenen politischen Zustand des linken Rheinufers richtig zu beurtheilen und die öffentliche Meinung daselbst nicht zu verkennen, ist es nothwendig, einen Rückblick auf die früheren Verhältnisse dieses Landes vor der im Jahr 1798 erfolgten französischen Seen- pation zu werfen. Die größer» Staaren, aus welchen damals di« vier neuen rheinischen Dcpartemente gebildet wurden, waren die drei Erzbistümer Mainz, Trier und Köln, und das Kurfürstentum Pfalz. Auch hatten viele kleinere Fürsten, Grafen, Reichs, barone, Stifter und Klöster Besitzungen auf dem linken Nhciunfer. Diese verschiedenen Staaten waren in zahlreiche Gebiete abgetheilt, die zerstreut durcheinander lagen. Viele Dörfer wurden gemeinschaftlich besessen, einige von nicht weniger als sieben Souveränen. Das Landvolk mußte noch den Zehnte» und mancherlei Leibeigenschaftsgefälle entrichten, Frvhnden thun und die Lasten des Feudalismus tragen. Der Handel hatte keine Thätigkeit, weil der Handclsstand keine Achtung genoß, weil es dem Lande gu Cvmmunicationsmitteln fehlte, und dt' — 3lO— unberechenbaren Vortheile, welche die freie Benutzung der Rh einschiffahrt darbietet, engherzigen Fis- kalinteressen aufgeopfert wurden. In den Städten war die Gewerbsthätigkeit durch das Zunftwesen gelähmt, und überall der öffentliche Geist durch den überwiegenden Einfluß des Adels und der Geistlichkeit erdrückt. In der-Pfalz waren die Stellen im Staatsdienste verkäuflich, und es wurde nur selten einem Protestanten ein Amt übertragen, ungeachtet dieses Land wenigstens V- Protestanten und nur /z Katholiken zählte. Der Unterschied in Rang und Stand hatte-in jeder Beziehung eine höchst verderbliche Wirkung.— Unter diesen nachtheiligen Verhältnissen konnte weder eine zweckmäßige Verwaltung und eine gute Justizpflege Platz greifen, noch sich ein Gemcingeist bilden und das Volk Anhänglichkeit an die Regierung gewinnen. Daher denn die Trennung des linken Rheinufers von Deutschland und seine Vereinigung mit Frankreich die Bewohner ohne Theilnahme ließ, und selbst von Vielen, bei welchen die französische Revolution neue, unbefriedigt gebliebene Bedürfnisse hervorgerufen hatte, als ein glückliches Ereigniß betrachtet wurde.— Die Lage, in der sich das linke Rheinnfer zur Zeit der französischen Occupation befand, machte es der Regierung Frankreichs sehr leicht, sich um jenes Land große Verdienste zu erwerben. Der Zustand der Bewohner, sowohl in Bezug auf die politischen wie die bürgerlichen Verhältnisse, konnte um so 311 schneller und vollständiger verbessert werden, als die Furcht vor Rechtsverletzungen die französischen Revvlutionsmänner nicht abhielt, die von ihnen beabsichtigten Reformen durchzusetzen. Auch machte sich bald die französische Verwaltung durch Einrichtungen bemerkbar, die dem Wohlstand des Landes sehr förderlich waren. Die Zehnten und übrigen Lasten des Feudalismus wurden ohne Entschädigung aufgehoben, das Eigenthum der Klöster und Emigranten zu den Staatsgütern geschlagen, und ein großer Theil dieser letztem unter sehr billigen Bedingungen veräußert. Aus diese Weise bildete sich aus armen Pächtern der herrschaftlichen und Kloster- güter der Stand von freien, unabhängigen und vermögenden Gutsbesitzern. Durch Anlegung von Landstraßen und Befreiung der Rheinschifffahrt von vielen auf ihr lastenden Beschränkungen wurde der allgemeine Verkehr belebt, und durch Aufhebung der Zünfte die städtische Gewerbsthatigkeit ungemein befördert. Im Finanzwesen führte Napoleon eine feste geregelte Ordnung und in der Besteuerung die größte Gleichheit ein. Seine Regierung sicherte dem Lande, das früher der Willkür kleiner Beamten- despvten Preis gegeben war, Einheit der Grundsätze und Ordnung, ohne welche keine Vervollkvmmnupg denkbar ist. Die Rechtspflege wurde von der Verwaltung streng geschieden, und letztere der verständigen Leitung thätiger und dem Lande freundlich zugethaner Präfeeten anvertraut, die sich zum Theil 312 um dasselbe große Verdienste erwarben. Es wurde ferner ein umfassendes und klares Gesetzbuch ertheilt, und infolge desselben die öffentliche Gerichtsbarkeit eingeführt, die richterliche Gemalt von der freiwilligen und vollziehenden Justiz getrennt und das Institut der Geschwornen ins Leben gerufen. Unter dem wohlthätige» Einfluß der neuen Gesetzgebung und Verwaltung machte der Wohlstand bedeutende Fortschritte.— Man würde indessen irren, wenn mau den Bewohnern des linken NheinuferS eine blinde Anhänglichkeit an die französische Gesetzgebung zuschreiben wollte, die ohne Zweifel sehr mangelhafte Theile hat, wohin namentlich das Hypothekarwesen, die Vormundschaftseinrichtungen, manche»»nöthige Formalitäten des gerichtlichen Verfahrens, die zu strengen Strafbestimmungen des peinlichen Gesetzbuches und die zu hohen Gerichtskosten in Civilsachen zu rechnen sind. Aber im Allgemeinen sind die französische Gesetzgebung und Verwaltung, hauptsächlich in Bezug auf die materiellen Interessen der Bewohner, den Bedürfnissen derselben angemessen. Auch fanden sie bald auf dem linken Rhcinufer einen ungetheilten Beifall, der um so größer seyn mußte, als das bewilligte Zugeständniß nicht daS Ergebniß langjähriger angestrengter Bemühungen von Seiten des Volks, sondern ein freiwilliges Geschenk der Regierung war. Die neue behagliche Lage, in die sich das linke Rheinufer versetzt sah, lag dem alte» unbehaglichen Zustand zu nahe, und der Unterschied Ll3 zwischen beiden war zu groß, als daß letzterer selbst dem kurzsichtigsten Auge hätte entgehen können; auch hatte die französische Regierung sieh bald der ganzen Dankbarkeit der Bewohner zu erfreuen.— Was ihr indessen mehr als alles Andere die öffentliche Meinung gewann, war die Gleichheit der Stände in allen politischen, und die Annäherung derselben in allen gesellschaftlichen Verhältnissen, welche die französische Gesetzgebung und Verwaltung, der Geist der Revolution und die ganze Tendenz der Regierung erzeugten.— Es mag wohl viele Individuen und selbst ganze Rationen geben, bei welchen das Bedürfniß dieser Gleichheit noch nicht erwacht ist, und die es daher für eine Chimäre halte» oder ihm ein sehr untergeordnetes Interesse beilegen. Allein diejenigen, welche diese Ansicht haben, berücksichtigen uicht, daß die intellektuellen und materiellen Bedürfnisse nur auf die Menschen, denen sie bekannt geworden sind, ihre Machst ausüben, dagegen alle übrigen gleichgültig lassem— Eine andere Einwendung könnte man aus dem Beispiel Napoleons entnehmen, der den Geburtsadel herstellte und dennoch die Anhänglichkeit des Volkes besaß. Darauf erwiedere ich, daß diese Maaßregel viel dazu beitrug, jene Anhänglichkeit zu vermindern, und daß, wenn sie nicht noch nachtheiliger wirkte, es dem Umstände beizumeffen ist, daß der von Napolev n wieder hergestellte Geburtsadel aus dem Bürgerstande hervor- ^orgtng und lene so verhaßte Distinktiv» der Fe u- 314 dalaristokratie nothwendig ausschließen mußte. Diese beleidigende Disrinction unter Menschen von gleicher Bildung verschwand auch allmählig aus un- seren Sitten, ungeachtet der Wiederherstellung des Napvleo nischen Adels; denn in allen Dingen, wird stets die Wirkung der Ursache entsprechen.— So viel ist übrigens gewiß, daß in der Gleichheit der Stände der Talisman liegt, womit Napoleon, der größte Gegner der politischen Freiheit, die Völker an seinen Triumphwagen fesselte.— Es trugen ferner die Kriegszüge dieses Eroberers, die an den Rhein einen großen Theil der finanziellen Kräfte Europas zogen, wirksam zur Belebung des Verkehrs und zur Vermehrung des öffentlichen Wohlstandes bei. Man genoß auf dem linken Rheinufer die Vortheile des Sieges, und im Bewußtseyn der Sicherheit erndete man zugleich die Früchte des Friedens. Die Kriegsgefahr schien zu entfernt, um merklich den Credit und das öffentliche Vertrauen zu schwächen. Auch ist nicht zu verkeimen, daß die Triumphe Napoleons und die Eröffnung einer Laufbahn, in welcher der Niedrigste im Volke zu de» höchsten Würden gelangen konnte, unter der ruhmsüchtigen Jugend viel Enthusiasmus erweckten. Als aber bald die Eroberungssucht das einzige Mobil der Handlungen Napoleons wurde, und sein Ehrgeiz unabsehbare Kriege hervorrief, als infolge derselben die indirekten Abgaben von einem Jahre zum anderen erhöht, zu diesem Behuf die 315 verhaßten 3,-oits reunis eingeführt/ das Asyl der Wohnungen verletzt/ die Mauth und Tabaksregie mit stets verschärfter Strenge vollzogen werden mußten; als die räuberische Wegnahme der Gemeindegüter erfolgte und die heiligsten Rechte ohne Schutz blieben, während die Vvlksrepräsentanten zum ser, vilen Werkzeug der Napoleonifchen Willkühr herab» sanken und die Prcßfreiheit gänzlich unterdrückt wurde; als ferner der Ehrgeiz und das willkührliche Versah, ren der Regierung den Rechtssinn untergruben und die Jmmvralität die Masse des Volks zu inficiren drohte/ als endlich die Bewohner dem Augenblick entgegensahen, wo ihnen der Krieg ihr letztes Kind rauben und sie selbst die Beute eines erbitterten Feindes werden dürsten, da erwachte bei ihnen der Wunsch, sich von dem Joch Napoleons befreit zu sehen. Die im Jahre 1814 erschienenen Deutschen wurden auf dem linken Rheinufer als Befreier begrüßt. Ein Theil der Bewohner hatte ohnehin nie aufgehört, die Hoffnung der Wiedervereinigung mit Deutschland zu nähren; denn der gebildeten Classe gab das französische Regierungs- und Verwaltungs- system, das hauptsächlich nur das materielle Wohl beförderte, dagegen im Interesse des Despotismus die intellektuelle Kultur in Fesseln legte, durchaus keine Befriedigung. Sie sah selbst nicht ohne große Besorgnisse die Fortschritte eines Systems, das vor Allem auf die materielle Vervollkommnung vermenschlichen Gesellschaft berechnet ist und die moralische 316 Verbesserung und Veredlung des Menschen wenig berücksichtigt. Seit der Revolution haben alle fran- Mischen Regierungen, mit Ausnahme der bourboni- schcn, die sich dem Pietismus und der Frömmelet in die Arme warf, die in Frankreich unter den hoher» Ständen allgemein verbreiteten Lehren des Materialismus befolgt, der die Tugend zur Geschicklichkeit herabwürdigt und kein anderes Recht, als das dcS Stärkeren kennt; daher denn während der französischen Herrschaft die Unterweisung in den moralische» und philosophischen Wissenschaften, so wie die Religion und Kirche auf dem linken Rheinufer vcrnach- läßigt wurden.— Später bewies Napoleon durch dks gänzliche Unterdrückung der Prcßsreihcit und die Einführung der schmählichsten Censur, die sich nicht allein über die Zeitungen und periodischen Schriften, sonder» über die Werke der Philosophie und des höher» Wissens erstreckte, daß er die Menschen züni blinden Werkzeug seiner Hcrrschersucht herabzuwürdigen gedachte. Unter diesen Verhältnissen konnte es nicht fehlen, daß die Wiedervereinigung des linke» Rheinufers mit Deutschland, au das es durch Sprache, Sitten und Charakter gefesselt ist, alle wahre» Freunde der Civilisation mit den frühesten Hoffnungen erfüllte. Leider gingen aber die gehegten Erwartungen unter den provisorischen, von den alliirten Mächten eingesetzten Regierungen nicht in Erfüllung, und der Zustand des Landes verschlimmerte sich im Gegentheil in jeder Hinsicht sehr bedeutend. Auf die großen Lasten des KriegeS folgten nach hergestelltem Frieden drückende Einquartierungen und erhöhte, kaum zu erschwingende Abgaben, die fast alles Geld aus dem Tande zogen und viele Bewohner i» Schulden und Armuth versetzten. Die höher» Stellen in der Verwaltung wurden Fremden übertragen, die., mit dem Geiste der Rheinländer und den Bedürfnissen des Landes unbekannt, weder den intellektuellen noch den moralischen Bedürfnissen der Bewohner Genüge zu leisten wußten. Weder der öffentliche Unterricht noch die Kirche fanden die gehvfftc Unterstützung von Seite der provisorischen Regierungen, die im Gegentheil selbst mitte» im Frieden das linke Rheinufer gleich einer eroberten Provinz behandelten und es mit außerordentlichen Abgaben erdrückten.— Durch dir uachhcrige Verthciiung des linken Rhcinufers unter fünf Staaten wurden ferner, ohne irgend eine Garantie für die Erhaltung der dem Lande theuer gewordenen Einrichtungen, alle frühern Handels- und Gewcrbsverhältnisse unterbrochen und dadurch dem allgemeinen Wohlstand ein empfindlicher Verlust zri» gefügt. Zwar wurde durch die erleichterte Commu- istcation mit dem rechten Rheinufer, das dem Rhein zahlreiche Flüsse zusendet und sehr wesentlich zur Belebung unsers Handels beiträgt, dieser Verlust vielfach ersetzt, allein die neuen Mauthen hatten nichtsdestoweniger einen sehr nachtheiligen Einfluß und riefen überall gegründete Beschwerden hervor.— 318 Man sah in der unnatürlichen Verthellung des zu Einem Strom- und Handelsgebiet gehörenden Landes in verschiedene scharf von einander getrennte Staaten eine Maaßregel der Cvnvenienz, bei welcher die Rücksichten auf das öffentliche Wohl und die Sicherheit des von Frankreich bedrohten Landes gänzlich außer Acht gelassen wurden. Nur da aber, wo die allgemeinen Interessen gesichert und die intellektuellen und materiellen Bedürfnisse befriedigt sind, kann der GeMeingeist und die Liebe zum Vaterlande erwachen. Harren die deutschen Regierungen insbesondere die intellektuellen Bedürfnisse gehörig zu würdigen gewußt, so hätten sie mit ängstlicher Sorgfalt verhindern müssen, daß nicht der Gleichhcitssinn, der in Folge der französischen Herrschaft in alle politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse auf dem linken Rheinufer eingedrungen war, verletzt würde. Allein, indem sie bemüht waren, die diesseitige Verwaltung mehr oder weniger in den jenseitigen Hauptstädten, in Berlin, München, Darmstadt rc., zu cvnccntriren und nach den dort herrschenden Grundsätzen zu leiten; indem sie aus Altprcußen, weniger aus Bayern und Hessen, viele Beamte auf das linke Nheinufcr versetzten, deren fremdartige Ansichten mit den diesseitigen in feindliche Cellisten geriethen: indem ferner die dem Zeitalter erstorbenen aristokratischen Distiuc- tionen, verbunden mit lächerlicher Titelsucht, i»S Leben traten, wurde die öffentliche Meinung in ihren verwundbarsten Stellen angegriffen.— Mehrere An- - 319 griffe auf die französische Gesetzgebung und die daraus hervorgegangenen Institute ließen stets noch Aergeres befürchten. So mußte die Begründung von Virilstimmen zu Gunsten des Adels in den preußischen Provinziakständen, die Cassirung des Fonk'schen Cri- minalprozeffes mittelst einer Cabinetsordre, das Eingehen des Prvvinzial-(früher Departcmcntal-) Rathes in der Provinz Rheinheffcn, und die daselbst in den Conseriptionsgesetzcn und verschiedenen Verwaltungs- zwcigen getroffenen Abänderungen, sowie die gänzliche Unterdrückung der anfangs zugestandenen Preß- freiheit, die nachtheilige Stimmung vermehren und das Volk den neuen Regierungen stets mehr entfremden. Man wünscht in einem Worte auf dem linken Mheinufer eine selbststandige, den Bedürfnissen des Landes und dem Character seiner Bewohner angemessene Verwaltung zu besitzen, deren Realisirung jedoch neben der gegenwärtig bestehenden Centralisation nicht möglich ist.— Im Interesse der Gerechtigkeit darf ich jedoch hier nicht übergehen, daß mehrere der in den oberen Verwaltungsstellen angestellten Beamten, bald mit dem Wesen und Geiste der diesseitigen Gesetzgebung in unbefangener Weise sich vertraut machend, die wärmsten Vertheidiger derselben wurden, und sich auch deshalb der Achtung und Anhänglichkeit ihrer Mitbürger versichert halten dürfen. Es ist hierüber nur Eine Stimme, wie viel die Rheinlande diesen grade deshalb von ihrem Mutter- lande oft verkannten Männern zu verdanken haben. 320 Indessen gibt es kein Land, wo man geneigter als auf dem linken Rheinufer ist, das Gute, von welcher Seite es auch kommen mag, anzuerkennen und den Regierungen, denen man es verdankt, volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. So herrscht daselbst nur Eine Stimme, um den im öffentliche» Unterricht und Schulwesen, sowie in den kirchlichen Angelegenheiten seit dem J. I8l5 eingeführten Verbesserungen daS gebührende Lob zu ertheilen. Die Vermehrung und sorgfältige Unterhaltung der Landstraßen und die Errichtung anderer das öffentliche Lvhl befördernder Anstalten, wie z. B. derGcsnndheitspolizci, die auch dem Acrmsten die ärztliche Hülfe sichert, die Ordnung in Gemeinbchaushalt und die Rechtlichkeit in der Verwaltung finden gleichfalls bei den Bewohnern eine dankbare Anerkennung.— Daß der Handel und die Gewerbsthätigkcit unter dem Schutz friedliebender und väterlich gesinnter Regierungen in neuerer Seit große Fortschritte gemacht und der Wohlstand sich außerordentlich vermehrt habe, wird von Niemanden in Abrede gestellt, sowie man denn die große Wohlthat der Mauthvereinigung Hessens mit Preußen vollkommen zu würdigen weiß. Eben so geneigt ist man im Allgemeinen, der deutschen Verwaltung, wiewohl sie keinen so raschen Gang als die französische hat, einen entschiedenen Vorzug vor letzterer einzuräumen. Das collegialische Verwaltungssystem gewährt eine weit größere Garantie gegen die Einseitigkeit, sowie gegen die Bestechlichkeit, als die 321 Vüreaukratie sie gibt. Auch daß die deutschen Regierungen nicht wie die französische hauptsächlich nur von rein materiellen Motiven geleitet sind, sondern ein höheres Ziel ihrer Bestrebungen, und dieses als die Veredlung des Menschen, sich vorsetzen, sieht der einsichrsvollere Theil der Bewohner ein. Leider bleibt aber für die weniger gebildeten und die große Mehrheit der Einwohner diese in ihren Resultaten so wichtige Wahrheit verschlossen. Woher sollte auch dem Volke die Belehrung kommen, wenn die Mittel dazu, nämlich die freie Mittheilung der Gedanken und die Preßfreiheit, vorenthalten sind? Nichts hat den deutschen Regierungen wohl mehr in der öffentlichen Meinung geschadet, wenn auch auf indirecte Weise, als die Unterdrückung der Preßfreiheit im eigenen Lande, während die Sophismen der französischen Journale überall freien Eingang finden. Die Quellen des Irrthums stehen offen und die der Wahrheit sind verschlossen. Der Prcßzwang machte alle Stimmen verstummen, die die Bewohner über ihr wahres Interesse hätten aufklären und ihnen Liebe und Anhänglichkeit für ihre Regierungen und das deutsche Vaterland einflößen können. Gegenwärtig wird in den Rheingegenden die öffentliche Meinung, die ich daselbst mir einem Schiff ohne Steuer und Compaß vergleichen möchte, von allen Windstößen beherrscht, die uns die Stürme Frankreichs zujagen. Die öffentliche Meinung auf dem linken Rheinufer folgt in vielen Stücken, und insbesondere was die X. 21 322 höhern politischen Fragen anbelangt, dem Kreisumlauf der Trugschlüsse und Wahrheiten, die uns das Aus- land verkündigt, und hat in Folge dieses untergeordneten Zustandes alle Selbstständigkeit verloren. Nur durch eine freie, innerhalb der Gränzen der Mäßigung geführte Discussivn kann auf dem linken Rhein- ufer der Nativnalslnu und die Anhänglichkeit für Deutschland, die nicht verschwunden, sondern paralisirt sind, wieder erweckt werden. Es reicht nicht hin, die Vorzüge der deutschen Regierungen herzuzählen, um diesen Vorzügen bei den Bewohnern Anerkennung zu verschaffen; die Stimmen, durch welche sie verkündet werden, müssen auch die Wünsche und Beschwerden des Volkes vortragen dürfen, wenn sie bei diesem Vertrauen einflößen und Glauben finden sohlen;— denn unverkennbar ist in dem Herzen des Rheinländers die Liebe zu seinem Vaterlande eben so stark, als bet dem Bewohner der rechten Rheinseite, und seine nativnelle Eigenthümlichkeit ist ihm eben so heilig. Fragt man nun, was geschehen müsse, um auf dem linken Rheinufer, das die Vorhut von Deutschland gegen das kriegslustige Frankreich bilden sollte, die öffentliche Meinung der Regierungen zu gewinnen, den Bewohnern Nationalsinn einzuflößen und auf diese Weise die Unabhängigkeit Deutschlands zu b^ gründen und dessen Wohlfahrt zu sichern: so liegt die Antwort in dem Augeständniß folgender Bewilligungen, die überhaupt sämmtlichen Staaten Deutsch- 323 lands nicht länger vorenthalten werden können, wenn nicht die innere Ruhe und seine Unabhängigkeit com- prvmittirt und selbst die Regierungen in ihrer Existenz gefährdet werden sollen. Das dringendste Erfordernis was ganz Deutschland cinmuthig in Anspruch nimmt, ist die Aufhebung der inneren Maurh- linien und deren Verlegung an die äußere Gränze, sowie die Herstellung eines vollkommen freien Verkehrs im Innern. Zweitens muß namentlich auf dem linken Rheinufer durch Errichtung von selbstständigsn Provinzialverwaltungen und Erweiterung ihrer Befugnisse dem nachtheiligen Einfluß der Centralisation vorgebeugt, dadurch die öffentliche Meinung vor Verletzungen geschützt und insbesondere die in den Sitten und Gewohnheiten des linken Nhcinufcrs liegende Gleichheit der Stände vor Beeinträchtigungen gewahrt werden. In Folge der Errichtung von Provinzial- verwaltungen erhalten die Regierungen eine genaue Kenntniß von den wahren Bedürfnissen der einzelnen Laudestheile, nützliche Einrichtungen werden nicht länger vorenthalten, der schleppende Gang der Landstände wird abgekürzt und die Kraft der Verwaltung zuiy Wohl des Volkes verstärkt. Man gebe doch endlich die lächerliche Furcht vor dem Prvvinzialgeist auf! Wohl dem Lande, in dem Familien-, Gemeinde- »nd Provinztalgeist recht lebendig ist. Er ist die Grundlage des Nationalsinns und das festeste Ban- für den Staat, der diesen Geist zu beschützen und zu begünstigen weiß; denn erst aus den Localinteres- 324 sen vermag das allgemeine Interesse für den Staat sich zu bilden. Drittens endlich muß der Presse, wenigstens in den inneren Angelegenheiten, mehr Freiheit zugestanden und dadurch die Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten, die den Natioualsinn hervorruft, geweckt werden. Ohne diese Bewilligungen kann die Cultur der Deutschen sich nicht frei entwickeln, und Deutschland wird nie zu Kraft und Selbstständigkeit gelangen, sondern stets-der Spielball fremder Politik bleiben.— Zum Schluß glaube ich nicht unbemerkt lassen zu dürfen, daß in der günstigen Stimmung,^ie auf dem linken Rheinufer für die Revolution des Monats Julius erwacht ist, sich seit den in Frankreich und Belgien begangene» Ercesscn und Gräuelthaten und der hauptsächlich in letzterem Lande überhand nehmenden Anarchie eine große Veränderung zugetragen hat. Man lieht die Franzosen außer Stand, sich selbst zu helfen, dagegen ihre Angelegenheiten in stets größere Verwirrung gerathen. Wie sollte man da nicht an der Wahrheit der Theorien und den redlichen Absichten der herrschenden Partei zweifeln, deren Traumgebilde eins nach dem anderen von der Wirklichkeit,— gleich den Kindern des Saturnus von ihrem leiblichen Vater*),— ver- *) Ich bin anderer Meinung: Diejenigen, welche die Dourbvnen und ihr Pfaffensystem umgestürzt, sind nicht am Ruder, sondern die alten Doktrinäre und Freunde der Restauration. D. H- 325 Serien nn n- it- nd all ich '>! üe eit cn ein er- 'cn ln- m. rv- en em wn er- schlungen werden, oder, wo dies nicht der Fall ist, die abschreckendsten Gestalten annehmen. Es bteret sich gegenwärtig den deutschen Regierungen ein sehr günstiger Augenblick dar, um durch zeitgemäße Bewilligungen sich die Liebe und Anhänglichkeit der Bewohner des linken Rheinufcrs zu erwerben und letztere für immer dem französischen Interesse zu entreißen. Möchte diese günstige Gelegenheit nicht unbenutzt gelassen und durch Befriedigung der öffentlichen Meinung die Plane Frankreichs vereitelt werden! Dann werden die Rheinländer dem deutschen Vaterlande eine starke Vormauer gegen die Angriffe eines eroberungssüchtigen Nachbarn seyn. che zt, irs - 226- Bruchstücke aus Polens neuester Geschichte. (Fortsetzt! n g.) Folgen der dit-kerlgen Schluchten.— Skrzynerki.— Stimmung. — Ereignisse biS zum Ausbruch der Polen aus Praga. Am 26. früh Morgens nach dem mörderischen Kampfe stand der russische Anführer vor den rauchenden Trümmern der Vorstadt, die vor den Wällen von Praga liegt, und feste Bollwerke mit schwerem Geschütz besetzt und von einer Masse entschlossener Männer vertheidigt, boten ihm die eiserne Stirn; das Krachen der Eisblöcke und das Rauschen des Stromes verkündeten ihm, daß die Weichsel völlig in der Nacht aufgegangen war, und drüben stand im sichern warmen Schutz vor den Stürmen des nahenden Thau- wetters und den nassen Frösten die polnische Armee, gepflegt von Freunden, Brüdern, belohnt für ihre Heldenthaten von dem feurigen Dank eines begeisterten Volkes, ermuthigt zu neuer Ausdauer durch den Dankzuruf der Edelsten ihres Volkes, in der Hoffnung neuer Verstärkung ihrer Reihen durch die in raschem Fortschritt begriffene Organisation der neuen Regimenter.— Diebilsch aber sah nicht nur den Kampf bisher ganz vergeblich geführt, sein Versprechen nicht gehalten, seinen ganzen Plan zerstört, da spMohl der rechte Flügel unter Geiömar und 327— fast zersprengt war, und, statt daß Russen ant dem linken Weichselufer bereits agiren sollten, die Polen unter dem kühnen Dwcrnicki auf das rechte überzusetzen im Begriff— da der linke Flügel unter scha- choffskoi, statt unterhalb Warschau in der Wojewodschaft Plvzk die Bewaffnung zu hindern, zu ihm hatte herangezogen werden müssen— seine ganze Armee auf einen Knäuel zusammengeballt, einer monatlichen Unthätigkeit Preis gegeben;— sondern außer diesem Allen noch hinter sich eine ausgezehrte Einöde, neben und um sich aufthauende Moräste, auf denen zausende von Verwunderen ohne Pflege, Obdach und Lazarethe lagen; die Verstärkungen weit hinter sich erst auf dem Marsch— vom Himmel Schnee und Regen aus seine Regimenter herabströmen.„Wer," sagt Wil- lisen,„wer da weiß, was ein nasser Februar und März in Polen sagen will, dessen menschliches Herz krümmt sich vor Jammer über das Weh, das über Tausende gekommen seyn muß."— Dann, wie stand es mit dem Ruhme des mächtigen Rußland, das die Rebellen mit einem einzigen Schlage zu vernichten im Stande gewesen seyn sollte,— wie mit dem Ruhme deö Türkenüberwiuders und Balkanübcrschrei- ters, sobald die in diesem ersten Augenblick über Europa hinlügende Famatrompetc von der Eroberung Praga's verstummt war, und nun die Sonne die polnische Memnonssäule auf den marathonischen Feldern von Grochow und Bialolcnka beschien, und ihr den lMrn Ruhmesklaug für die kleine Heldenschaar der 328 Polen entlockte? Jetzt erst lag, statt einer schnellen Unterdrückung eines Rebellenhaufens, ein langwieri- ger Krieg mir einem begeisterten Volke vor seinem klaren Bewußtseyn. So viel Fehler Radziwill begangen, Diebitsch hatte gefühlt, daß die polnische Armee oberste zählte, die an Feldherrnralent mit ihm, dem gefeierten Feldmarschall, sich messen konnten, daß er auper einem ganz geregelten und knnstgemäßen Krieg mit^nippen, die an Mannszucht seinen gleich, an Uewandtheit ihnen überlegen, durch Begeisterung nur bei vierfacher Uebermacht zu überwinden und zu erdrücken waren, noch einen Volkskrieg mit Massen- ausständen zu führen haben werde, die, wie Napoleon ahnend 1808 schon von Spanien sagte,„den Krieg verewigen."— Aber einen noch furchtbarern Feind hatte das Mißlingen der Unternehmung für Rußland an der öffentlichen Meinung und Stimmung in ganz Europa geweckt, und Rußland hatte beim Türkenkriege gefühlt, was diese für eine Mitstreiterin ist; sie hatte dein eifersüchtigen England, dem besorgten Oesterreich das Schwert in der Scheide gehalten. Diebitsch konnte wohl wissen, daß. das Urtheil, der Masse der Völker immer nach dem Ausgange sich bestimmt. Hätte der Zufall die Spitze, seiner Kürasstercoloune nach Prägn gedrängt, wäre die polnische Armee abgeschnitten worden, mit einem Wort» hätte er wirklich einen entscheidenden Sieg erfochten— die Polen wären Thoren und Unsinnige, wo nicht gar Frevler, die Erzählungen - 329 von der geheimen Polizei, von den Verletzungen der Verfassung nicht wahr, die Unnationalität des Auf- standes und die französische Aufhetzung erwiesen gewesen; Niemand hätte ein Gewicht darauf gelegt, daß der polnische Feldherr mitten in der Schlacht im entscheidenden Kampfe verwundet, die Einheit ihrer Bewegungen gefehlt, kurz, daß ein Zufall hier entschieden. Den Leuten ist der Ausgang noch im 19. Jahrhundert ein Gottesurtheil, wie Italiens Beispiel soeben erwies, und nur als die Uneutschkedenheit des mörderischen Kampfes gegen das große russische Heer, sowie, daß die Polen wirklich In einer mehrtägige» Hauptschlacht den großen russischen Massen die Spitze geboten, sich gezeigt, seit dem Augenblick schlug jedes Herz für die polnische Sache, das nicht elendem Interesse und dem noch elenderen Egoismus des Aer- gers, ein falscher Prophet gewesen zu seyn, unterlag*). Wenn freilich auch jetzt noch wenige darr» zweifelten, Diebitsch werde, wenn er über die Weichsel gegangen, die Sache bald beenden, da die Leute meist nach dem von den Heeren innegehaltenen Terrain den Erfolg eines Krieges berechnen, und die Correspondenzen in der preuß. Staatszeitnng von *) So ging es namentlich mit manchem früher als liberal berühmten Professor. Noch jetzt werden von solchen Leute:', ungünstig scheinende Nachrichten mir heuchlerischem Bedauern aber durchblicke:'^ der Zufriedenheit, Recht gehabt zu haben, ausgenommen l 330 „den Trümmern der polnischen Armee" sprachen, die keine Hauptschlacht mehr auszuhalten im Stairde seyen,— so wußte doch Diebitsch am Besten, was an der Sache, und daß, da die längere Dauer vorauszusehen, die Steigerung der Theilnahme und folglich deren endliches Wirken vor der Erdrückung der Polen gewiß vorauszusehen war. Sebastian! hatte Ende Januar gesagt!„nous inauc,ueiionsd. h^ ehe wir hinkämen, wäre es aus. Der englische Courier hatte noch am 28. Februar das Ende der polni, schen Sache in diesem Augenblick für gewiß angesehen; — die Sprache dieser Cabinette mußte sich nach dieser Ueberzeugung modificirt haben. Mochte sich Sebastian! auch schämen, wie der deutsche Professor, das Interesse und die Stimmung Frankreichs gebot ihm nun eine andere Sprache. Casimir Perier, so sehr er und das mliieu auf alle Weise den Frieden zu erhalten sich bestrebten, sie mußten doch schon da erkennen, eine gänzliche Vernachlässigung Polens werde zu größeren Unruhen und Uebeln endlich in Frankreich führen, als Im Rothfall ein Krieg verursachte. Die Illumination von Paris auf die falsche Nachricht eines Sieges, die Trauerfahnen und die zerbrochenen Fensterscheiben im Hotel des Grafen Pozzo di Borge, eines sonst sehr verständigen und nicht unbeliebten Diplomaten, aus die eben so falsche Nachricht einer Niederlage, waren Anzeichen, die, man mochte sich stellen wie man wollte, nicht zu übersehen. Gehen wir nach Warschau hinein, so finden wir > 331 allerdings an den ersten und den folgenden Tagen eine ernste Stimmung, sehr mit der Unruhe und dem Jauchzen und der Regsamkeit, die unaufhörlich seit dem 2r>. November hier geherrscht, in Contrast. Die Lieder und Gesänge auf den Straßen, in den öffentlichen Orten waren verstummt,— wer nicht Geschäfte hatte, ging nicht aus— wer sich begegnete, sprach wenig Worte, nicht von den Ereignissen. Offenbar war Niedergeschlagenheit vorhanden, die sogar so ansteckte, daß einige Polen selbst die wahre Stimmung und ihren Grund verkennend, sie für Muthlosigkeit, für Hoffnungslosigkeit, für den Wunsch des Endes eines angeblich hoffnungslosen Kampfes haltend, sich> xu Stimmfüyrern auswarfen, daß einige Bürger von der Nationalgarde dem Wunsch des Reichstags entgegen zu kommen glaubten, wenn sie eine Bittschrift um Eröffnung von Unterhandlungen einreichten! Wie sehr täuschten sie sich! Wie sehr hatten sie den voreiligen Schritt zu bereuen! Ihre Namen wurden bekannt gemacht; sie mußten durch schleunige Abreise der allgemeinen Beschämung zu entgehen suchen!— Die Gründe jener Niedergeschlagenheit waren natürlich ganz andere. Von Verzweiflung war um so weniger die Rede, als im Gegentheil Willisen selbst bemerkt:„Mit diesen beiden ersten Operationsepo- chen scheint die große Tragödie aber erst ihre Exposition zu Stande gebracht zu haben. Die Kraft des Aufstandcs ist nichts weniger als gebrochen. Der Erfolg des Widerstandes reicht sicher weit 332 über das hinaus, was der kältere Theil der Natton erwartet. Wenn sich jetzt auch dieser Theil der Sache noch anschließt, entweder weil die Heftigen das Mittel haben, ihn zu zwingen, oder weil er selbst anfängt, Hoffnung zu schöpfen, so stehen dem grausamen Kampfe für seine nächsten Momente noch mehr Mittel zu Gebote als bisher; denn auch die Russen werden die geschwächten Kräfte sich ersetzen und mehren."— Jene schweigsame Stimmung lag in den getäuschten Erwartungen, mit denen die ritterlich-abentheuerliche lebendige Phantasie dieses Volkes den Ereignissen und Möglichkeiten vorausgeeilt war. Ohne alle Widerrede hatten sie nicht nur auf einen entscheidenden Sieg, sondern aus eine völlige Niederlage der Russen vor Warschau gerechnet; sie bedachten nicht, daß bei der furchtbaren Uebermacht an Truppen und Artillerie, die ihnen gegenüberstand, den Feind in die Flucht zu schlagen, eine reine Unmöglichkeit war, daß man wohl sie zurückdrängen konnte, und daß die Unentschicdenheit eines Sieges und Paralisirung der Russen schon für sie einem großen Siege an die Seite zu setzen war. Ja uoch jetzt behaupten die meisten Polen, daß, wäre Chlopicki nicht verwundet und dadurch Verwirrung erregt worden, die Schlacht bei Grochvw sich mit einer vollständigen Niederlage geendigt haben würde. Und dennoch erzählen sie zugleich, wie es bei ihrer geringen Anzahl unmöglich gewesen sey, die russischen Jnfanteriecvivnnen zur Flucht zu bringen, da sie mkk - 333 dem Vajvnet sich erstechen, mit der Kolbe sich erschlagen ließen— aber stehen blieben; daß die polnische i Grenadiere namentlich von diesem fruchtlosen Erschlagen hatten abstehen müssen, weil ihnen die Arme vor Müdigkeit herunter gesunken wären. Daß eben darin die Furchtbarkeit der russischen Heere bestünde, weil— von der Infanterie sprechen wir, die Reiterei ist im ganzen Feldzuge von der polnischen zersprengt worden— wenn der Feldherr sie nicht selbst zurückrufe, sie nicht wichen. Darum auch die Masse von Gefangenen in allen Gefechten.— Zweitens war es demüthigend für die Polen, daß man von Warschau aus die Russen so nah gesehen, da man gehofft, nie andere als Gefangene der Einwohnerschaft zu zeigen. Endlich war es jener, den Polen so eigenthümliche heilige Ernst bei und nach großen Ereignissen, der sie zu religiösem Schweigen vermochte. Die Armee selbst war muthig, der gemeine Soldat guter Dinge. Warum auch nicht? Denn die Schlacht bei Grochvw erschien jedem Kriegskundigen in der polnischen Sache ein so entscheidender Wendepunkt in militärischer Hinsicht, wie der 25. Januar die Entsetzung des Kaisers, als die natürlichen Führer des Volks wieder an die Spitze traten, in jener andern. Daß sie geschlagen worden war, und so, und au diesem Orte, war von unberechenbaren Folgen. Hier ist der Ort, die Verfabrungsweise des General Diebitsch in militärischer Hinsicht zu beur- 334 theilen/ und auf ein früher geäußertes Wort von dem Vortheil der Fehler Chlvpickis uud der Diktatur, wie jener andern strategischen Unterlassungssünden, näher zu bestimmen. Müssen wir als Christen eine göttliche Führung der menschlichen Dinge annehmen, so zeigt sie sich hier ganz besonders. Hätte nämlich Diebitsch, was ihn betrifft, noch einige Monate gewartet, die günstigere Jahreszeit eintreten, die Weichsel in ihr gewöhnliches Bett, die Wege in ihren gangbaren Anstand zurücktreten lassen, so hätte er, abgesehen von jenen obenerwähnten Vortheilen der schläfrig bis dahin fortgeführten Dictatur oder des Ausbruchs neuer Stürme in Warschau, ein gar leichtes Spiel gehabt. Die etwaigen Verstärkungen der Polen durch neu organisirte Truppen bis zum Mai härten immer die, unterdeß herangerückten, aus Petersburg bereits ausmarschirten Garden, die bessern, unter der Zeit getroffenen Ver- pslegungsanstalten, die Niederhaltung jedes Versuches von Empörung in den mit seinen Massen besetzten altpoluischen Provinzen überwogen. In einem solchen Falle wäre eine Schlacht, wie die bei Grochow, über den ganzen Aufstand entscheidend gewesen; alle ihre Vortheile waren auf das Schnellste von ihm zu benutzen. Nie hätte er in eine Lage, wie am 26. Februar vor Praga, gerathen können. Und auf der andern Seite, wenn die Polen strategisch richtig gehandelt, und auf Skrzynecki's Rath die Schlacht hinter dem Liwiec aus vortheilhaftcm 335 Terrain angenommen, wenn, wie es da wahrschein« lich war, sie die Russen zurückgedrängt hätten; ganz dasselbe, fast noch mehr, als im ersten Falle wäre eingetreten. Diebitsch hätte an diesem ersten Chok erkannt, wie seine bisherigen Mittel nicht zureichten. Dicht noch an der Gränze von Polen konnte er ohne Schande sogleich wieder mit der Erklärung zu. rückweichen in seine Positionen in Litthaucn und Vol- hynien, daß, da der Widerstand größer zu seyn scheine als vorauszusehen, er den Angriff überhaupt verschieben wolle. Bis vor Praga vorgerückt, war der Rückzug dorthin so mißlich, als der Ehre Rußlands und des Feldherrn zuwider, und geradezu ein Eingeständ- niß einer verlernen Hauptschlacht. Oder, wäre er auch nicht ganz zurückgewichen, und hätte er in klek« nen Gefechten die kleine Schaar der Polen, die damals, nach Litthauen ihm gegenüber vorzudringen, noch weniger Hoffnung haben konnte, als jetzt, ei« nige Monate aus seinen sichern Stellungen heraus beschäftigt, immer war der günstige Zeitpunkt abgewartet, nicht hätte er Monate lang tief in einem feindlichen Lande blvouaciren und seine Armee weit auseinander legen, seine Kräfte nach dem Mißlingen eines, in Vereinigung aller unternommenen, stürmischen Angriffs vertheilen müssen. So war nothwendig der moralische Eindruck arrf die polnische Nation und Europa von dem Mißlingen eines dicht vor den Mauern vor Warschau geführten entscheidenden Hauptschlags auf den Aufstand, in dem 336 Augenblick, wo wegen des bisherigen Vordringens die öffentliche Meinung Alles verloren gab, hundertmal größer, als wäre er dicht an der Gränze mißlungen; gleich anfängliches Glück hätte man weit eher für einen vor dem vernichtenden Sturme»och täuschend hervordringenden Sonnenblick gehalten. Hätten alsdann die Polen sich muthig gezeigt, Niemanden hätte es weiter für sie sehr gewonnen;— aber ihre Uuerscbütterlichkcit nach jener Schlacht warf ein gar tiefes Licht auf den Geist, auf die Kraft der Nation.- Endlich ist es gewiß, daß nichts einem Volke in solcher Lage Vortheilhafteres geschehen kann, als wenn es mit gewissem Erwarten den vernichtenden Schlag immer unaufhaltsamer auf sich zu kommen, dicht vor seinem Auge den tödtendcn Arm aufgehoben erblickt— dann ihn plötzlich gelähmt und zurückgehen sieht, und nun Zeit gewinnt, nachzudenken, daß es noch da se», noch da stehe in unge- schwächter Kraft, daß die Sturmwolke ohnmächtig vorübergegangen. Sein Leben, seine Kraft ist ih« neu geschenkt, sie ist ihm ein schon verloren gegebener und nun unverhofft geschenkter Lotteriegewinn,^ den nun gegen Alles daran zu setzen Niemand mehr Bedenken trägt. Von Diebilsch waren somit große Fehler begangen. Er hatte den Krieg in völliger Unkenutniß des Geistes des Volks, oder vielleicht in absichtlichem Verkennen desselben, mit zu großer Geringschätzung des Gegners, mit zu großem Vertrauen auf seine numc- 337 rische und materielle Uebermacht, mit völliger Nicht- berechnung elementarischer Möglichkeiten, in zu großem Zutrauen auf einen bestimmten kurzen Zeitraum, in welchem er in Warschau seyn müsse, begonnen, und keine der Folgen eines Mißlingens berechnet. Wie Napoleon ward er, vielleicht zu hart, dafür bestraft. Der Glaube an sein untrügliches Feldhcrrntalent, der größte Talisman jedes Generals und Heeres, war in den Wlkern, vielleicht auch in ihm selbst dahin. Denn seine-schwankenden, unentschiedenen Maaßregeln-nach dieser Periode scheinen dahin.zu deuten. In der öffentlichen Meinung kann er schwer seinen alten Ruhm wieder gewinnen, so geschickt er im Einzelnen später wieder manövriren, ja selbst wenn er später als Sieger inWarschau einziehen mag. DerFcldherr, auf den einmal der Muthwille der immer durch den Jnsiinct richtig geleiteten Masse solche Spottbilder gemacht hat, wie auf ihn, dem ist der Lorbeer genommen und die fürchtende Achtung, wie es Napoleon nach 1812 erging.— Die Geschichte wird später freilich manches Entschuldigende vorzubringen wissen, wenn alle Dunkel enthüllt sind. Niemand weiß gewiß, was des Petersburger Cabknettes Zweck im Frühjahr 1831 war und wohin die russischen Heere noch in diesem Sommer marschiren sollten. Immer ist es ein neues seltsames Zeichen, daß die Garde während ihres sieben- wöchentllchen Aufenthaltes in Lvmza versichert haben soll, sie sey beim Ausmarsch aus Petersburg zur X. 22 — 338 Garnison in Warschau bestimmt gewesen, und daß man deshalb sie so lange zu gebrauchenANstand nahm. So kam, nachdem man die getäuschte Hoffnung verschmerzt, die alte Fröhlichkeit, das alte Jauchze» wieder, und wohl hatte Willisen Recht, wenn er prophetisch sagte:„selbst der kältere Theil der Nation werde sich nun anschließen." Mit Freuden sah man auf das Heer, das am andern Tage so fröhlich und glänzend aussah, als sey es aus der Parade in der Schlacht gewesen. Die Reihen desselben ergänzten sich von allen Seiten, und besonders drängte sich Alles zu jenem berühmten vierten Regimente, dessen - 4 Bataillone beständig vollzählig blieben, mochten die Reihen noch so- sehr gelichtet gewesen seyn. Den» es war die größte Ehre, zu ihm zu gehören, und " von allen Regimentern drängten sich die kühnsten Wagehälse zu ihm heran. So war" es nach russischen Berichten schon mehrmal ganz vernichtet, und stand doch immer da. Man könnte von ihm sagen, wie das alte Wort von den französischen Königen: er stirbt nicht. Die Liebe der Nation sprach sich dem "Heere um so seuriger aus, je mehr man es früh ' Morgens am 26.-schweigend' nach seinem Uebcrgang r-über die Weichsel empfangen hatte-— und in aller ^'Herzen tönten-die Motte wieder, mit denen Czar- t-toryski im Namen der Regierung-es begrüßte: „Im Angesicht der Hauptstadt, polnische Krieger, -'der Volksvertreter und der Nationalreaierung habt r-ihr euch ewige- Lorbeeren erworben. Es preisen-euch 339 eure Landeleuteund segnen eure Waffen! Der Senat, die Landbotenkammer und die Nationalregicrung, , gedeckt von eurer Brust, diesem sichern und unbe- zwingichen Bollwerk, halwn mitten unter dem Kanonendonner ruhige Berathung gepflogen, Ihr habet den Ruhm der Nitterthaten eurer Vater erreicht, deren ehrwürdige Manen von der Stätte der ewigen Glorie wonnevoll auf euch herabschaucn. Verherrlicht ist durch euch unser Volk, geschmückt mit neuem Glanz unsere vateriäudifche Geschichte. Seyd gepriesen, tapfre Ritter, gepriesen sey euer Heldcnmuth! Belohnung wird euch vom Vaterlande und unvergänglicher Nachruhm von der Nachwelt bereitet!— Polnische, Krieger! die von den Volksvertretern gewählte Regierung wird, treu ihren Pflichten, sich nie von euch trennen, sondern jedes Geschick dieses Krieges mit euch theilen!" Aber der wichtigste, freilich zufällige, Gewinn der Schlacht bei Grochvw war die in Folge von Chlopi- cki's Verwundung geschehene Abdankung dsS bisherigen Generalissimus Radziwill. Gleich folgenden Tages versammelte sich der Kriegsrath, und darauf der Reichstag zur neuen Wahl. Sie konnte jetzt an sich nicht mehr schwer seyn; denn der dreiwöchentliche Feldzug hatte ein schönes Talent nun schon hoch herausgehoben, den Helden,pvn Dobre und Vernichtet der feindlichen Kürassiere bei Grochow. Aber da waren viele Schwierigkeiten. Skrzynccki war nvch Bri- ggdegeneral, wenn auch Diplsionsführrr, und vor. 340 ihm stand der alte Krukvwiecki, stand Szembek, stand Paz, selbst Umtnski. Freilich>xar nur Krukvwiecki hauptsächlich zu berücksichtigen; ihn, den eifrigen Patrioten, hatte Alles lieb. Am meisten arbeiteten Uminski und Paz selbst an Skrzpnecki's Wahl,— und als mau für-Krukvwiecki einen tüchtigen Posten gefunden, der ihn nicht gerade unmittelbar unter seinen ehemaligen Obersten stellte, waren jene Hindernisse beseitigt. Der treffliche Mann ergab sich sogleich anit schöner Selbstentsagung.„Unter die großartigen§üge unsrer Revolution," so sprach von ihm selbst die Nova Polska,„gehört unstreitig das edle Benehmen des Generals Krukvwiecki. Dieser unter den vaterländischen Fahnen ergraute Krieger liefert für junge Militärs in seiner Anhänglichkeit für die Nationalsache, in der völligen Verleugnung seiner selbst, das schönste Beispiel der Aufopferung aller persönlichen Rücksichten zn Gunsten des Vaterlandes. In dem Moment, wo Chlopicki damals zurücktrat, erklärte er zuerst in seinem und seines Corps Namen die völlige und unbedingte Fügsamkeit in den Willen des Volks. Jetzt zeigt er, wenige Stunden nach seinem ruhmvollen Gefecht bei Bialolenka, in der seine längst umkränzte Stirn sich mit neuen Lorbeeren schmückte, sein hochherziges patriotisches Gemüth, indem er bei der Abstimmung zuerst dem General Skrzynecki seine Stimme gab."— Szembek dagegen war dieser Selbstverleugnung nicht fähig; er nahm seine Entlassung. Krukowlea« 34l— ward zum Generalgvuverneur der schon seit dem 24. Februar in Belagerungszustand erklärten Stadt Warschau ernannt, welche Stelle er unter den bedenk- lichsten Umständen antrat. Woydzynski hatte schlaff die Verwaltung geführt, so daß die Lazarethe in schlechtem Zustande und die Spivnerie überall ctablirt waren. Alles das-gewann unter dem eifrigen, wenn auch heftigen, Krukvwiecki eine ganz andere Gestalt, und wie wohlthätig er v Monate lang in diesem Posten gewirkt, werden wir nebst manchen komischen Zügen seines Eifers noch zu erwähnen Gelegenheit haben. Noch an demselben Tage, den 26., ward Skrzy- necki zum Mnerallissimus prvclamirt.— Wir wissen von seinem Leben nur so viel, daß, er in-Gallizien geboren, bei der Insurrektion gegen Hteußen und Rußland im Jahr I8v? die hohe Schule Lemberg als junger Mann verließ, in polnische DiÄnste trat, den Feldzug nach Rußland, in Deutschland und in Frankreich-unter Napoleon mitmachte; i-u Jahr 1814 als Oberst, bei Vrienne das Quarr«-befehligte, in welchem Napoleon sich befand, und' mit demselben trefflich manovrirte. Einer Beförderung war er unter russischer Herrschaft in der polnischen Armee nicht theilhaftig geworden. Aber sein Charakter-und dte feste fromme Gesinnung, den sichern Tact, das-klare Bewußtseyn, das seine Schritte leitet; erkennen wir gleich an den ersten Aktenstücken,-die seiner Er-- WW^ — 342- nennung folgten. Das erste war folgender Tagsbefehl an die Armee: „Es ist gewiß eine Fügung Gottes, daß es euch gefiel, mich zu eurem Oberanführer zu wählen. Soldaten! wir haben vor- uns einen Feind, der sich brüstet mit seinem Glücke, seinen großen Streitkräften, seiner In Europa überwiegenden Bedeutung. Doch wenn auch uns einerseits seine ungeheure Macht furchtbar vorkommt, so erscheint er andrerseits durch seine gegen uns verübten Gewaltthaten vorGottund vor Menschen so strafbar, daß wir uns mit ihm im Vertrauen auf den Allerhöchsten und die Heiligkeit unsrer Sache gutes Muthes messen können. Schworen wir nur in unsrem Herzen und Gewissen das uns so oft wiederholte Losungswort: Sieg oder Tod fürs Vaterland, in seiner ganzen Bedeutung zu erfüllen, und dann werden wir gewiß als musterhafte Vertheidiger der heiligen und ewigen Völkerrechte in den Annalen der Geschichte glänzen, ja selbst wenn wir den mächtigen Feind nicht zu üb.rn inden vermögen. Au einem solchen Ruhme fordere ich euch auf, nud biete euch auf dieser Helden- und Marty- rerbahn Lorbeeren an. Wir werden uns aber gewiß die Siegerkrone erringen, sobald ihr mich mit Entschlossenheit, Eintracht und Gehorsam und energischer Wirksamkeit in Ausübung ritterlicher Pflichten treulich unterstützt."— Noch treffender malen den neuen Anführer folgende Tagesbefehle, die einen Helden der Arnree zum - 343- Muster, einen Andern derselben als Verrät her zum- Abscheu vorstellen. i...Ludwig Myeielski*), gewesener Unterlieutc- nant im vierten Linicnregiment, Vater von fünf Kindern, verließ auf das Signal des aufstehenden Vaterlandes seine Habe, Familie, und eilte aus der Fremde herbei, um als Freiwilliger in die Schaar seines ehemaligen Regimentes eingereiht zu werden. In den Schlachten vvm 19. und 20. Februar gab er solche Beweise von Tapferkeit, daß die Officiere aus freiem Antrieb beschlossen, seine Ernennung zum Ba- taiilonSchef nachzusuchen. Nun trat die denkwürdige Schlacht vom 25. ein, in welchen Ludwig Mycielski in Heldenthaten sich selbst übertraf und mit ruhmvollen Wunden bedeckt auf der Wahlstatt für die heilige Sache des Vaterlandes fiel. Gepriesen sey sein Name. Augenzeuge seiner Thaten im Kampfe *r Graf Ludwig Mycielski, der aus dem Grsßher- zoathum Posen herbeieilte, von dessen beispielloser Hingebung in der Schlacht bei Grochow die Iei- 'tung^n fast Mentheuerlichcs erzählen. Er stürzte zuerst aus der Posener Schwadron auf den Feind; eine Kartätschcnkugcl reißt ihm drei Finger weg; er verbindet die Wunde und dringt weiter vor; eine Karabinerkugel verwundet ihn am Fuß; er verbindet die Wunde mit seinem Halstuch; schon will er eine Kanone vernageln, als ihm eine Kar- tätschenkugel das Kinn zerschmettert;, man tragt Um fort, da erreicht ihn noch eine todtende Kanonenkugel. 344- halte ich mich für verpflichtet, dem Gebliebenen das gebührende Lob nachzurufen."— 2. Während der unerschütterliche Heldenmuth des Nationalheeres den alten Ruhm der polnischen Waffen mit neuem Glänze umstrahlet, während die un- begränzte Hingebung der Nation die derselben durch ihre unerlöschliche Vaterlandsliebe bei'der Welt erworbene Achtung befestigt, ist es schmerzlich, derArmee zu verkünden, daß ein Officier höher» Ranges, ein unwürdiges Glied eines so edeln Volkes, die vaterländischen Fahnen verlassen und die Ehre der Anführung eines Schlachthaufens hochherziger Waffenbrü- der mit ewiger Schmach vertauscht hat. Unglücklicher! Es verläugnen dich die brüdcrlichen Relhen und das Vaterland verstößt dich aus seinem Schooße; die sogar, welche der Verrath für den Augenblick erfreut, werden bald den Verräther verabscheuen! Ein solches Schicksal hat sich der gewesene Obrist-Lieutenant Awolinskt vorn 8. Linien-Jnfanterkeregimentbe- reitet.— Ich habe befohlen, den der Verachtung der Mit- und Nachwelt überlieferten Namen von der Armeeliste zu streichen."— Erhebender noch erschien uns Skrzynecki's Antwort ») Ging aus Modlin, wo er in Garnison mit seinem Bataillone stand, zu den Russen über, die nicht verfehlten, in ihre» Armeeberichten diese That als eine der preiswürdigsten Loyalitäten zu feiern. 345 auf die Adresse des patriotischen Vereins, der ihm zugerufen: „Männer, im Dienste ergreist, Krieger, durch Schlachten berühmt, und selbst fähig, die Tapfer» zu befehligen, bewunderten Dein Genie, Deinen Heldenmut!,.> Die Geschichte harrt der neuen glänzenden Heldenthaten, mit denen Du Dich, Bürger und Feldherr, auszeichnen wirst. Die Nation gründet auf dieselben ihre Befreiung und. der aufgeklärte Welttheil sehnt sich, durch jubelnden Beifall Deinen Namen zu feiern."— Unbestochen durch diese aus dem-Herzen kommenden,-doch emphatischen Reden, sprach Skrzynecki: „Vom Glauben an die Sache der Freiheit und der Religion, des Jahrhunderts und der Civilisation tief durchdrungen, zweifle ich nicht, daß ein gleichstarker Glaube im Herzen jedes wahren Pvlen.gefunden werden müsse. Wie gerne wollte ich das Glück, die Tugend und den Heldensinn unserer ehrwürdigen Vorfahren auferwecken, um dadurch die Tugend und den Heldensinn der gegenwärtigen Gencration, noch reger zu machen. Ich will alle moralischen und physischen Kräfte aus dem Schovße des Vaterlandes, aus dem Schvoße Polens hervorrufen, um über den- stolzen Feind ein Uebergewicht zu gewinnen; ich kenne meine Lagerund sende meine Seufzer zu Gott, daß er uns wahrh aft große M ä nner geben wolle, die unser Vaterland aus seine eigenthümlichen Grundfesten stellen könnten. 2 ch halte»sich nicht für groß; - 346'- ich bin ein g ut e r P oke, ein Bürger, dem diee> Ritter- und Vvlksehre eine heilige Sache ist. Das Vaterland über alles steilen und mich für dasselbe aufopfern, betrachte ich als meine heiligste, meine einzige Pflicht.— Indem ich der patriotischen Gesellschaft wünsche, daß siedem Vaterland oollkommen nützlich werde und mit ihren Grundsätzen noch diese Wahrheitverbinde, daß Freichest und Ordnung eins sind, mochte ich-gern ihre Bestrebung wirksam, vom Geiste der Ordnung geleitet und nach dem einzigen Ziele aller biedern Polen, nach! dem Emporschwingen und Ausstehen des Vaterlandes gerichtet scheu. Mögen, diese heilsamen Wahrheiten im ganzen polnischen Lande allgemein werden. Die Geschichte wird sich dann freuen, wenn zu ihrem Buche einige schöne Blätter zum Trost der Freiheit und der Tugend, zur Schande der Cigenmacht und der sklavischen Dienstscrtigkeit hinzukommen." Von diesem Augenblicke an kam durch Ihn in das ganze Getriebe ein anderes, freudigeres, lebendiges Wesen. In der Armee wurden sogleich die heilsamsten Veränderungen vorgenommen, und die Sachen waren nun nach dem ersten Feldzuge dahin gediehen, dass jene frühern Rücksichten nicht mehr genommen zn werden brauchten. Vorzüge der Jahre galten nicht mehr; Verdienste, Muth und Auszeichnung im Kampfe gewannen allein den Vorrang. Gleich jetzt zog Skrzynecki eine Menge jüngerer Talente empor und die Namen Rybinski, Dembinöki, ClM- 347 ncwski, Prondzynski tauchen empor. Ersterbet« besonders verdienstvoller und geistreicher Ofsicicr, kam an Krukowiecki's, der zweite an Szembeks Stelle; der dritte ward Chef des Generalstabes und der letzte des Quarticistabes de A e. Auch der Kriegsminister Krasinski, der schläfrig genug die Geschäfte verwaltet, mußte dem Brigadegcueral Morawski Platz machen, der besonders die Einkäufe der Gewehre aus dem Auslande gleich kräftig betrieb. Außerdem erschienen alle Augenblicke Tagsbesehle, durch welche Skrzynecki eine direkte Einwirkung aus den Geist der Armee versuchte. So->ben mir einen vor uns, in welchem er die Warschauer selbst,'wegen ihres Eifers, um die Ausrüstung der von ihnen gestellten Truppen, lobt, während früher den einzelnen Schmähungen der Nova Polska wegen hie und da zu blickender Lauheit nichts entgegengesetzt wurde. Der Ton Skrzynecki's ist hier wieder sehr verschieden.„Ein lebenslustiges Volk," nennt er die Warschauer Truppen,„gute Bekleidung, gehörige Rüstung, treffliche Pferde; alles das verdient die größte Anerkennung. Die Haltung der Soldaten, die Carabiner, Lanzen, alles verspricht, daß die Warschauer Kinder tapfre Krieger seyn und den polnischen Waffenruhm noch erhöhen werden." Dagegen rief er ein andermal den Podlachischcn Jägern bei einer Musterung zurück, gisste ihm:„Es lebe der Gencrallissimus" zugejauchzt: „wenn ihr euch werdet in der ersten Schlacht tüchtig ausgezeichnet haben, dann werde ich-auch rufen: es 343 leben die Podlachlschen Jäger, doch eher nicht!"— So nöthig sogleich der Befehl an die Redactoren der Warschauer Blätter war, daß sie von nun an keine andern, als vfficielle Nachrichten von den Bewegungen der Armee geben sollten, da sie sonst Immer den Muffen vorher alles ausgeschwatzt, und wenn wir deshalb beinahe den ganzen März hindurch in Ungewißheit waren, wo eigentlich die Armee stand und was sie vorhatte— so gab er doch zur Ermuthigung im Allgemeinen manches von der Art zu verstehen, wie der Krieg geführt werden solle. Das ganze System solle jetzt eine, dem Charakter der Nation entsprechende Gestalt annehmen. Ohne Umschweife kühn angreifen, das liege im Charakter des Volkes. Auf solche Weise hätten alle alten polnischen Heerführer den Krieg geführt; so kämpfe jetzt auch Dwernicki. Weder die' Anzahl des Heeres, noch der Kanonen trüge den Sieg davon, sondern blos die moralische Kraft. Wenn man den Feind, wiewohl in geringer Anzahl, kühn angreife, so besiege man ihn durch die der Kühnheit inliegende moralische Kraft; dieselbe wachse mit jedem dreisten Angriffe, indem man aber nur einen Schritt von, Schlachtfelds zurückweiche, so übertrage man diese moralische Kraft in den Feind. In diesen seinen Bestrebungen ward Skrzynccki von dem alten Krukvwiccki wacker unterstützt. Die im Belagerungsstand verbleibende Hauptstadt erhielt die stärksten Barrikaden auf der linken Seite des Weichselufers, ja Minen wurden angelegt und die - 349- Barrikaden so gestellt, daß die verschiedenen Quartiere abgesondert waren und einzeln immer noch vertheidigt werdeü konnten, wenn eins oder das andere wirklich erobert war. Dem Alten war es zuzutrauen, daß er sich eher mit der ganzen Welt in die Lust gesengt, als sich ergeben hätte, und deshalb sprach man viel von einem angeblichen Plane, die Russen über die Weichsel zu Men, sie von da in die Hauptstadt zu werfen und dort sie mit der ganzen Stadt s» die Luft zu sprengen; eine Maaßregel, die, wenn je in Anregung gekommen, sicher nur, wenn alles verloren war, ausgeführt werden dürfte!- Die Lazarethe wurden gereinigt, geordnet, die Kranken von den Verwundeten getrennt und verpflegt. Die Hauptthätigkcit- ward aber auf Ausrottung der Spioniere gerichtet, die unter den Juden schrecklich überhand genommen. Bald auch wurden sie zuDutzen- den eingebracht, von den niedergesetzten Kriegsgerichten schnell verurtheilt und in den ersten Tagen nach der Schlack? bereits eine Menge öffentlich auf dem Markte, aufgeknüpft; ein Verfahren, dessen Folgen Dtebitsch bald zu,fühlen hatte.^ Der Eifer Kruko- wiecki's war gar oft mit den Entscheidungen der Kriegsgerichte"seht zufrieden, und ersetzte einmal das Volk in ErstMen, ,als er öffentlich die Rechtsgelehrten Polens aufforderte, zu entscheiden, ob das Kriegs- gerächt ein Recht gehabt habe, einen preußischen Spion lo szugeben, der von dem Polizeidirektor Schwede in Brvraberg zur Auskundschaftung der Bewegungen der polnischen Armee abgesandt war uud^ dafür 23 Rthlr. erhalten hatte. Allerdings hatte er nach dem Edikt von 1727, in welchem.jedem Ausländer die .Strafe bestimmt war. Recht, doch die schonende Politik Polens,gegen die Nachbarstaaten erlaubte deren Anwendung nicht- Um so mehr fühlen wir uns verpflichtet, durch öffentliche Beschämung solcher Manöver den überall Eingeengten hingegen eine, wenn auch noch so schwache Hülse zu leisten. Die.Armee wurde, da nunmehr durch die kräftigen Maaßregeln für die Organisation der neu fvr- mirten Regimenter gesorgt wurde, stark vermehrt, Weisende begegneten gleich nach der Schlacht auf dem Wege nach Kalisch treuen Infanterieregimenten,, zum größten Theil freilich, noch mit Sensen bewaffnet, auf ihrem Marsche nach Warschan. Dagegen rann die neue Cavallerie nun bald vollständig. Am meisten zeichnete sich die Sandomirische und Lublinische Cavallerie aus, so wie die Augustowoer; die 3 Kalischek Regimenter.waren vollzählig; Masuren und Krakuscn hatten schon bei Bialolenka gefochten. Die reitenden Jäger und die Pvdlachischen Krakusen wurden Lc- reits mit Elf gegen die umherstrefkeuden. Kssaken gcbxaGt.^ „ Auch den übrigen gewerbtreibe-. den^kälteren Theil der Nation richteten alle diese Maaßregeln voll Vertrauen sogleich wieder in die Höh,- und die Warschauer Nationalgarde ganz insbesondere, beeilte sich- den Makel, den einige wenige Verdige auf 351 sie geworfen, fc-gleich wiederz« verwischen. Eine energische Adresse an den Reichstag erklärte, daß sie unter allen Umständen Leben und Gut dem Vaterland darbringe und daß sie es ganz den Repräsentanten des Volkes überlasse, wie dieselben über, sig zn.verfügen für gut befänden..., Ferne» unterließen auch die Russen nrcht, die Leidenschaft des Zornes von Neuem zu wecken. Die Nachrichten von der Behandlung der polnischen Ge- fangenen empörte die Nation auf das Uenßerste. E,n der Gefangenschaft gleich wieder entkommener Offieier des 3. Fußjägcrregiments erzählte, wie man die Polen läng« der Reihen der Russen herabgeführt, die Soldaten ihnen in.das Gesicht gespuckt— ein Oberst sogar dein Lssficier die Ehrenzeichen abgerissen, auch Diebitsch selbst, besonders aber der General Gersten- ziveig, sie mit den härtesten Vorwürfen überhäuft. Uebrigens war der größte Theil des März 10 sehr den kriegerischen Rüstungen ausschließend gewidmet, daß nur wenig legislative Sitzungen vvm Reichstage gehalten wurden und wir sogleich zu kriegerischen Er- . dignisscn übergehen können. Ebenso wie über die bevorstehenden Plane der Po- > len war n>«n über die des General Diebitsch in völ- . liger Ungewißheit. Daß die verbreiteten Nachrichten von einem Marsche nach Plozk und dort versuchten ,, lieb ergänz über die Weichsel Absurditätei»waren,.be- 352 wies der preußische Stratege unwiderleglich. Nie kann Diebitsch, und das mögen.die Leser für die folgenden Kriegsereignisse im Auge behalten, dort oben nach Norden hin selbst das Kriegstheater, versetzen, da die Polen alsdann in seinem Rücken auf seinen Verbindungen sich feststellen können. Stromaufwärts nach Süden zu, mußten seine Augen sich wenden. Dahin aber sich auszudehnen, zwangen ihn außer jenen Rücksichten gleich.,n»ch der SchlachtvvnGrochow andere Ereignisse. Es war-auch hier wieder in dieser neuen Epoche der General Dwernicki, welcher sogleich der Nation wieder voranging. Gleich nach der Schlacht bei Ny- zpwol war er südlich herunter dem General Kreutz nachgedrungen, um.ihn von der Weichsel abzuschneiden und ihn auf dem linken Ufer zu vernichten oder gefangen zu nehmen. Doch Kreutz, und darum war jenes Gefecht um 29. so wenig blutig und dieKano- nenbeute für die Polen so gering, hatte die Schwierigkeit seiner Lage.wohl eingesehen, nicht lange Widerstand geleistet, sondern die kostbare Zeit zum schnellsten Rückzüge benutzt. So war es ihm geglückt» über die Weichsel zu entkommen. Er hatte um so mehr eilen müssen, als der berühmte Landbote Roman Soltyk in Sandomir einen großen Haufen Kvsspniere mit zwei kleinen Kanonen, dem Eigenthum seiner Familie, von.unten Heraufführte, die Gewehrfabrikcn am Flusse Äamkenna zu decken und Kreutz von unten herauf dem General Dwernicki in die Hände z« 353 drängen. Schon hatte er bei Radon, einzelne Gefechte mit russischen Truppcnabtheilungen gehabt.— Da nun ärcutz jenseits der Weichsel sich auf größere Truppenmassen ziehen konnte, so mußte Dwcrnicki mehrere Tage von, 20. Februar an noch diesseits verweilen, um seine Truppen zu vermehren. Cs geschah dies durch die von Svltyk herangeführten Haufen; an Gewehre war bet ihnen nicht zu denken; Sensen und Beile waren ihre Waffe»; die Gewehre und Kanonen sollten sie,sich erobern. Doch stieß das Freikorps des trefflichen Julian Malachowski, Bruders des Ministers des Auswärtigen, aus einigen hundert wackern Scharfschützen bestehend, zu ihm.— Früh den 25.»och während der Schlacht begann er vorzurücken, und am 26. Februar, als die Kunde vom Ansgang der Schlacht bei Grochow noch nicht zu ihm gedrungen war, sehte Dwerntcki's Avantgarde unter dem Obersten Lagvwski mit Kvssvnieren, mit 120 Freiwilligen vom CorpS Wielhorski'ö und 100 Jägern Malachvwski's, Wlostowice gegenüber über die Weichsel, und Lagvwski führte sie nach dem von den Russen besetzten Pulawy, dem berühmten schönen Sitze des Fürsten Czartoryski. Dort stand das ganze Dra- gvnerregiment, welches der Herzog Adam von Wür- temberg commandirtc. Der Ort ward Abends 5 Uhr überfalle»; die Dragoner vertheidigten sich in den Ställen. 4 Officiere, 250 Dragoner, 90 montirte Pferde wurden gefangen, ein Magazin und Munitionswagen erbeutet, dem Feinde 35 M. gelobtet X. 23 MM - 354- und 15 verwundet. In derselben Nacht ward auch Kazimierz überrumpelt. Die alte berühmte Fürsiin Czartorpski, die Mutter des Präses der Nalioualre- giecung, eine Polin im edelsten Sinne des Worts, empfing die Befreier mit dem glühendsten Enthusiasmus. Die Einwohner hatten ihren Brudern natürlich Hülfe geleistet. Lagowski ging nach dieser Erpedition jedoch wieder über die Weichsel zurück, und die Russen drangen wieder ein, besonders die Ueberblcibsel des Dragoner- regiments mit einem Kosakenpulk, und ließen nun, über iyre Unfälle erbittert, den unglücklichen Einwohnern ihre Rache fühlen. Unter dem General Kawer, von dem bereits am 26. der Distriktscommissär von ZamoSc in der Stadt Jadow begangene Gräuel meldete, plünderte man Pulawy. Die Apotheke wurde vernichtet, den Grundbesitzern alles Vieh und Getreide geraubt, das Stroh verbrannt, Fenster und Thüren eingeschlagen, und die Menschen retteten ihr Leben kaum durch die Flucht. Mehrere Bürger wurden unter dem Verwände, daß sie zu den Rebellen gehörten, fortgeschleppt. Endlich stürzen die Russen selbst in den Palast der Fürstin«nd führen das Fraulein der Fürstin, A. Jaborowska, als eine Rebellin gefangen nach Konskawola. Die Meubeln aus den geplünderten Häusern wurden auf den Wachposten verbrannt. Das Branntweinmagazin diente zum Sauf- gelag, und was man nicht austrinken konnte, ward in die Weichsel geschüttet. 355 Doch dies war noch nicht genug. Pulawy mußte noch einmal, und dann schrecklicher, für die Siege der Polen büßen. Am i. März setzte sich Dwernicki selbst mir stinem ganzen Corps in Bewegung. Der General Kreutz ahnete Dwernicki's eigentliche Absicht, jetzt weit südlich herüber nach Zamosc und dann auf kühnere Unternehmungen zu gehen, und zog auf der Straße nach Lublin vvm Wkeprz her nach Kurow zu, um ihm den Weg zu sperren. Da dies Dwernicki erfuhr, setzte er sogleich ein Detachement nach Pulawy, das eben ganz geplündert werden sollte, über, und ließ die Stadt erstürmen. Die Dragoner wurden wieder vertrieben, suchten aber mit 2 Kanonen die Stadt wieder, doch vergebens, zu nehmen, um Dwer- nicki'c Uebcrgang zu hindern. Malachowski tvdtete ihnen mit seinen Jägern einige Mann, worauf das ganze Corps den gefährlichen Ucbergang über das Treibeis der Weichsel bewerkstelligte.„Der Umstand," erzählt Dwernicki,„daß der Feind vertrieben wnrde- tst auch in der Hinsicht von großer Wichtigkeit, daß der Palast und der Garten, in welchem sich so viele, der Nation theure Denkmäler befinden, gerettet wurden; sie sollten den andern Tag durch die treuen Vollführer der Befehle des Herzogs von Würtcmberg bei ihrem Ausmarfch aus Pulawy vernichtet und zugleich mit derStadt geplündert werden." Dwernicki »erfolgte am 3. den Feind. In Kurow setzte derselbe sich mit seinen Kanonen; 4 polnische Schwadronen trieben die Russen heraus, nahmen ihnen die Kano- 356 ncn und verfolgten sie. Hinter der Stadt kam ein neues Cavallcrieregiment Russen hinzu; polnische Reiter kamen mit Artillerie zu Hülfe, von Neuem ward die Arrie cgarde des Krcutz unter Kawer total geschlagen und wieder 2 Kanonen genommen; in größter Verwirrung stürzten die Russen durch Markuszvw, durch Ludlin; Dwernicki zog in diese Stadt ein; vor ihm offen lag der Weg nach Aamosc, den er am 4. März sogleich antrat. Der General Kreutz hatte sich indessen seitwärts von Ludlin nach Tatarp zurückgezogen, befürchtete Dwernicki's fernere Angriffe und schickte daher sogleich Couriere an die Reserven in dem nahen Volhynien, mit dem Befehl, ihn sogleich zu verstärken. Diesel-! den fielen einem Streifcorps aus der Festung Aamvsc j in die Hände, und der wackere Commandant Krvsinsk! beschloß an demselben Tage, als Dwernicki noch in Ludlin stand, am 4. März einen Ueberfall nach Us- cilug hin, wo ein Theil dieser Reserven standen, um ihren Anmarsch zu verhindern und Dwernicki von dieser Seite für seine etwaigen fernern Pläne freie Hand zu schaffen. Er schickte 4 Compagnien aus verschiedenen Linienregimentcrn mit 4Drcipfündern und 25 Krakusen und einigen Abtheilungen Landsturm nach Hrnbieszow. Diese gingen in der Nacht vom4. und 5. über den Bug, stürmten die volhynische Stadt Haus für Haus unter dem Gesang des chlore koisba rc., und hoben 360 Gefangene, eine Fahne, 200 Ge- 357 wehre und einige 100 Pferde auf, die glücklich nach Aamosc gebracht wurden. Dwernicki dagegen konnte sich mit seiner kleinen Schaar natürlich in Lublin nicht halten; namentlich da Diebitsch sogleich den General Witt von Garwvlin und von der Weichsel her mit einem starken Corps detaevirte und dieser sich mit dem General Kreutz vereinigte. Das stärker werdende Thauwetter erlaubte keine schnellen Expeditionen; so zog sich Dwernicki mit seinem ganzen Corps erst nach Krasnystaw und von da später unter den Schutz der Kanonen von Aamosc; die Infanterie ward in die Festung gelegt; die Cavallerie blieb vor den Wällen. Der Zweck des einen Theils der Expedition war übrigens vollkommen erreicht: im Rücken der Russen stand ein kühnes und gefurchteres Corps, das entweder gegen sie im Rücken dcbouchiren, oder jeden Augenblick nach Vvlhy- uien marschircn und dort einen Aufstand erregen oder unterstützen konnte. Somit mußte Diebitsch eine» großen Theil seiner Kräfte von Praga wegziehen und sich auf einer großen Fläche ausbreiten. Die Wichtigkeit von Aamosc lag hier nun am Tage. Ohne sie wäre die ganze Expedition und dieser große Vortheil nicht möglich gewesen. Unterdessen drang der Herzog von Würtemberg auf das unglückliche Pulawy von Neuem los, wo die Einwohner bei der Ankunft des größern Corps unter Dwernicki allerdings lauter als das erstemal ihren Jubel zu erkennen gegeben haben mochten. Doch, was 358 die Russen selbst ln Ihren Berichten an den Kaiser, in welchen sie auch seltsam genug von einem abscheulichen verrätherischen Ucberfall durch Lagowski sprachen, als Grund ihrer Grausamkeiten angaben, daß die Einwohner auf sie aus den Fenstern geschossen, davon finden wir kein Wort in den polnischen Zeitungen, die doch sonst jede energische Aeußerung des Patriotismus in der Nation so gar gern zur Kunde brachten. Die Russen wurden überhaupt in ihren Erzählungen, je mehr einzelne Unfälle sie erlitten und je länger sich der Krieg hinauszog, immer frecher, und die Leser werden bald einen erstaunenswer- then Beweis davon erhalten. Schon als Dwernicki eingezogen, hatten sie beim Abmarsch mit Kanonen nach den Fenstern des Schlosses geschossen; alle Mädchen in Pulawy hatten sich damals auf den Tod vorbereitet, ihre Feierkleidcr angezogen und in schrecklicher Angst den Ausgang des Gefechtes erwartet, als das Erscheinen des hoch erhobenen Kreuzes der Dwernicki's Schaaren immer voranschreitcndcn Priester sie freudig dnrchschanerte.— Aber jetzt nach dessen Abmarsch war alle Aussicht auf Hülfe entschwunden. Als die Russen nun einrückten, schoßen sie von Mittag bis Abends auf den Palast und die Häuser der Stadt. Am 10. wurden 7 Bürger fortgeschleppt, gemartert und ärger als-Thiere behandelt. Andern 2 Bürgern wurden die Augen ausgestochen und sie dann zu Tode gefoltert.— Ueber den Herzog von Würtemberg höre man aber die polnischen Zeitungen 359 selbst.„Er führte eine Abtheilung nach Pulawy, wo seine Mutter und seine Großmutter, die würdige, von allen Polen hochgeschätzte Fürstin Czartoryska, wohnte. Rücksichtslos erlaubte sich dort der Kosakcn- ansübrer Würtembcrg die größten Gräucl. Plünderung, Weiberschändung und Menschenraub bezeichneten die Anwesenheit des Ehrlosen. Als er zum drit- tenmale kommt, werden zweien Beamten die Augen ausgerissen und die unglücklichen Schlachtopser mit der Knute zu Tode gemartert. Alles wird verbrannt und elngeriffeu. Die Bibliothek der Fürstin, groß- tcntheils aus kostbaren Manuscriptcn bestehend, liefert der wilden Horde Brennmaterial; die Meubels, sowie das schöne Palais, der prachtvolle Garten und das gothische Häuschen werden vernichtet. Kurz, das schöne Pnlaw», welches die herrlichsten Nativnal- crinnerungen enthielt, welches selbst viele Ausländer entzückt hatte, bietet jetzt ein gräßliches Bild der Zerstörung dar. Trauernd wird dereinst der Wanderer die Trümmer dieses National- Heiligthumes betrachten; wehmüthig wird cr gestehen müssen, daß selbst die Einfälle der Tataren im Mittelaltcr der gegenwärtigen Invasion der Russen nicht gleich kommen— und doch leben wir im 19. Jahrhundert, und noch immer spricht Kaiser Nicolaus von seiner väterlichen Fürsorge für die Polen."— - 360- Si Auf dem bisherigen großen Kriegsschauplatze vor Praga fiel keine bedeutende Waffeuthat vor. Doch von Wichtigkeit und der Geschichte aufbehalten ist die Verhandlung des General Diebitfch-mit dem Obersten Ledochowski, Commandanten der Festung Mvdlin, und dessen Antwort. Sie zeugte von der Gesinnung der Nation, diente, sie von Neuem zu ermuthigen, und brachte in Europa, das immer noch an seinem Schreck über die falsche Nachricht von der Eroberung von Praga krankte, eine erfreuliche Wirkung hervor, zumal sie eher als der neue Sieg Dwernicki's bei Kurvn» und Marknszow bekannt wurde. Während die preußische Staatszeitung sich von ihrem gewöhnlichen Correspondenten von der polnischen Gränze berichten ließ, es herrschten jetzt die Terroristen in Warschau, an ihrer Spitze stehe Skrzynecki, ein„äusserst tollkühner Mann," und die Warschauer seyen über sie in Verzweiflung; mochte auch Diebitsch, durch den Uebergang Awolinski's*) aus der Besatzung von Modlin verführt, an eine gleiche Willfährigkeit beim Commandanten daselbst glauben. Er schickte den Oberst Kiel, einen von den 60 in der russischen Armee dienenden deutschen Oberofsicieren und Generalen- an Ledochowski mit einem Briefe voll Prahlerei und Schmeichelei, der allerdings im Auslande bekannt genug wurde, weniger aber der feine eigcnt- *) Der übrigens die bevorstehende Untersuchung der von ihm veruntreuten Negimentskasse fürchtete. 361 llche Antrag, Ledochowskt möge die Festung nicht geradezu übergeben, sondern nur hübsch zur Hälfte russische Besatzung annehmen.„Gott, der Beschützer jeder gerechten Sache," schrieb er, ,,habe ihm den Sieg verliehen, jeder Widerstand sey vergeblich; Polen leide an der schrecklichsten Anarchie und ein so geachteter und ausgezeichneter Officicr könne sich gar große Verdienste erwerben, wenn er zuerst da» Beispiel der Rückkehr u. s. w. gäbe." Ob der Oberst Kiel zu ähnlichen klingenden Uebcrredungsmittcln beauftragt war, wie sie im Lürkeukrieg Varna glänzend erobert, steht dahin. Die Antwort Ledochows- ki's war eben so geistreich und fein, als der Schluß erhebend. Nachdem er sich über die Achtung„eines so berühmten Kriegers" gefreut, und die Siege der Muffen leider von einem andern Gesichtspunkte betrachten zu müssen erklärt, schließt er:„Wenn sich aber auch unsern Blicken keine andere Zukunft eröffnen sollte, als mit unsern Personen die Zahl von so vielen tausend Märtyrern der Liebe für die nationale Unabhängigkeit zu vergrößern, so würde auch dann die Besatzung von Mvdlin keinen Augenblick anstehen, ihre Kriegerehre mit religiöser Hingebung zu behaupten, und ihre dem Gemeinwohl gewidmete Aufopferung darzuthun."— Freilich hatte dadurch Ledochowskt sich das Verdienst nicht erworben, wie der Uebcrläufer Zwolinski in einem Bericht an den Kaiser zu prangen. Aber unter der Hand verbreiteten die Russen in der gefälligen Berliner Freun- - 362- bin, zu Hunderten liefen die polnischen Soldaten zu ihnen über. Die Russen hatten sich gleich in den ersten Tagen der Schlacht auf einige Stunden weit von Praga zurückgezogen. Deshalb herrschte auch draußen aus dem Schlachtfelde Ruhe. Einige Plänklerclen mit Kosaken ausgenommen, wurde nur am 1t. März eine größere Recoguoscirung mit dem Augustvwer neuen Cavallericregimente angestellt, welche das von dem Oberbefehlshaber nachher so genial benutzte Resultat ergab, daß ein starkes Corps unter Gcismar tfolirt von der Hauptarmee als Beobachtungscorps vor Praga stand, während Diebitsch sein Hauptquartier 4 bis 5 Meilen südlicher in Siennica hatte. Mehrere Wochen vergingen so in der tiefsten Ruhe, und es findet sich in den polnischen Blättern ein Aussatz:„die Stille," welche diese merkwürdige Epoche sehr gut bezeichnet, eine Epoche, die dem ganzen Europa so seltsam war, da es die schnellsten und unaufhörlichsten Vorfälle erwartet hatte. Es war die Ruhe, in welcher Plane reifen, eine stille Nacht, die auf der keimenden Frühlingssaat liegt. Sie ward von den Polen trefflich benutzt. Ihre Blätter füllten aber die Spalten theils mit Nachträgen aus der Schlacht von Grvchow, mit politischen Betrachtungen über die russische Politik, den Wiener Congreß, das Schweigen Frankreichs, die Urtheile Englands. Ja es gewährt ein seltsames Gefühl, die Blätter in diesen Wochen zu durchfthen und sogar 363 Recensionen über eine Aufführung des Barbiers von Sevilla auf dem Warschauer Theater in den politischen Zeitungen zu finden, gleich als läse man in der Abendzeitung einen Artikel des friedlichen Böt- ticher. Ein wunderbares Volk, das sich jetzt gebehr- bete, als läge der Kamps/ die Revolution, Jahre lang schon hinter ihm, und als genösse es schon der noch mit den blutigsten Opfern zu erringenden ruhigen Unabhängigkeit, während ganz Europa es unrettbar verloren gab. Nur manchmal ging ein Sturm des Unwillens über die ruhigen Betrachtungen, wenn die russischen Berichte in Warschau bekannt wurden. Es mußte allerdings über alle Gebühr frech vorkommen, wenn der Sieg Dwernicki's über Kreutz bei Nowa-Wies, in dessen Folge er jetzt bis Zamvsc vorgedrungen war, als eine ihm beigebrachte Niederlage dargestellt wurde, ein Gefecht des Oberste» Lachmann gegen 200 Kossyniere am Narcw als ein Sieg über 5vov Mann. Besonders scheint der General Kreutz, dessen Menschenfreundlichkeit sonst gegen Gefangene besonders gelobt wird, mit seinen Berichten das allerseltsamste Schicksal zu haben. Ist er selbst kein Lügner, so lügt statt seiner Diebitsch. „Transbalkanischer Held," rief ihm eine Zeitung bei dieser Gelegenheit zu,„die verlerne Schlacht aus polnischem Boden hätte Dir Deinen früher erlangten Ruhm nicht geraubt; denn die Welt weiß, daß, wo ein Volk für sein Daseyn, wo es mit dem Entschluß, zu sterben oder zu siegen, sich schlägt, die 364 größten Feldherrntalente nichts fruchten können; aber da Du durch deine Lügen bewiesen, wie fern Du von der Dir beigelegten Größe bist, da Du gezeigt hast, daß sogar der Begriff derselben Dir fremd ist, so sage Lebewohl dem ungerecht und nur zu lange genossenen Ruhme. Noch früher als Deine Armee hat Dein Name sein Grab in Polen gesunden!" Ucbrigens tauchte in diesen Wochen hin und wieder eine Hoffnung auf Diversionen und Aufstande In den altpvtnischen Provinzen auf. Ob und welche Nachrichten davon die Regierung hatte, läßt sich nur vermuthen, da höhere Generale schon am 26. von einem Aufstaude in Podolien schreiben, den der berühmte arabische Reisende Rzewuski an der Spitze von einigen hundert berittenen Edelleuten erregt und der Kaminiec Podolski bereits eingenommen haben sollte. In das Publikum und die Blätter kamen nur von Zeit zu Zeit Gerüchte, da die russischen Truppen alle directe Verbindung in diese fernen Gegenden abgeschnitten. Ein gar seltsames Actenstück aber ist die Proklamation des russischen General Yermo- low, die in diesen Tagen zum Vorschein kam, und bei einem auf dem Schlachtfeld von Grochow gefallenen, mit einem Andreaskreuz gezierten, russische» Officier gefunden seyn soll. Ein ächt russisches Produkt ist es; der General Uermolow hat es nirgends widerrufen; es malt zu sehr die Beschwerde» der eigentlichen Russen, als daß wir dies Document, 365 das keine deutsche Zeitung geben dürfte/ unsern Lesern vorenthalten möchten. Sie lautet wörtlich also: Tapfere Söhne Rußlands! ein siebcnzigjähriget Greis/ der vier Regierungen erlebt und das Volk und die Nation genau kennt, spricht zu euch mit einem für das Wohl des Vaterlandes sich aufopfernden Herzen; vorn Sturm des Despotismus umhcr- gctrieben, will er noch an der Neige seines Lebens volksthümliche Freiheit in eure Seelen hauchen und sterben als Freier. Russen! hebet eure Häupter auf; in ganz Europa, vorzüglich da, wo die Aufklärung die segenreiche Wahrheit angezündet, sind Alle von einem Gefühl durchdrungen. Sie erwählten sich Tyrannen und empfanden, daß es keine größere Schmach gäbe, als Sclaverei und Despotismus ruhig zu ertragen. Russen! habt ihr dazu kräftige Arme und unerschütterliche Seelen empfangen, um sie nicht zur Zertrümmerung der euch aufgelegten Ketten zu gebrauchen? Rußland, die Königin des mitternächtlichen Cn- ropa, kann, nachdem sie die Freiheit der Völker gerettet, ihre eigene nicht erringen. Ach, warum ächzt Ihr denn, warum mangelt euch der belebende Muth? Sclaven seyd ihr, euer Czaar ein Despot, und dei^ noch bebet ihr vor dem Angesichts der Eigenmacht, und an Freiheit denken, nennet ihr Laster! Ihr so tapfer dem Feinde gegenüber, so schrecklich den Mäch- 366 ten der Welt, ihr seyd Knechte des VorurtyeilS und der Uebermacht. Russen! die Augen aller Nationen sind auf euch gerichtet, der unerschütterliche Geist und die kräftige Rechte des russischen Kriegers sind weltbekannt. Jeder kennt die einfachen Sitten des russischen Landmannes und das erhabene Gemüth des Bürgers. Allein was nutzen diese Nakurgaben da, wo der Despotismus unter dem Namen einer rechtlichen Macht herrschet; wo der Stolz seine Stirne verwegen emporhebend, den Nächsten mit dem Fuße der Verachtung tritt und mit weithingedehnten Flügeln das Aufstreben des Glückes und der Freiheit niederdrückt? Was hemmt euren Anlauf zur Erlangung volksthüm- lichen Glückes und unschätzbarer, goldener Freiheit? Vielleicht das Vorurtheil, daß eure Vater auch als Sclaven lebten und starben? O nein! die Aufklärung, die den Nebel der Knechtschaft zerrissen, hat eine solche Stufe erreicht, daß der ärmste Russe den ganzen Werth und die Heiligkeit der Freiheit fühlt; doch unvermögend ohne fremden Antrieb zu wirke», kann er nur stillschweigend über die ihm mangelnde Freiheit seufzen. Es gibt kein Beispiel in der Geschichte, daß derjenige, welcher kräftig und feurig nach Freiheit strebte, sie nicht auch erringen sollte. Gott selbst segnet jedes biedere Vornehmen. Blicket nur umher auf das Glück anderer Völker, ihr, Opfer einer immer schwerern Eigenmacht! Blicket hin auf die Liebe 367 eures Volkes für seinen Monarchen, der mit Sänst- murh und Barmherzigkeit regierte, später aber, vom Stolze geblendet und von gemeinen Ohrenbläsern irregeleitet, auf eine schreckliche Weise eure gefaßten Hoffnungen täuschte. Sehet die Früchte seiner Gunst und seiner Gerechtigkeit, welche er, blos um eigenmächtig zu herrschen, den nicht überwiesenen und nicht gerichteten Opfern, durch eine bis jetzt in Rußland beispiellose Art von Strafe widerfahren ließ. Blicket hin auf die jetzigen Naticnaltrophäen, mit welchen unsere Bruder aus der Türkei zurückgekcm- men sind. Zurückgekommen, jedoch nicht Alle. Wo sind ihre Wasfengenvssen? Wo sind die Bruder unserer Russen? Sie sind dort, dort, jenseits des Balkans. In der türkischen Erde ruhen ihre Gebeine. O könnte der tiefgerührte Russe in seinem Schmerze wenigstens ausrufen:„Sie starben für uns, sie sielen für das Wohl des Vaterlandes!" Doch nein! dieß waren Opfer der Selbstherrschaft; diese unserm Herzen so theuren Opfer wurden dem Stolze und der Wildheit zweier Despoten dargebracht. Wo sind unsere Väter, Brü- der, wo unsere Söhne? Sie kehren nicht mehr zurück; doch in ihrer gerechten Rache schicken sie zu uns ihre Grabgefährtinncn, Seuchen, damit dieselben denen, die Freiheit ohne Aufopferung erringen wolle», damit sie uns Freiheit in der Pest, in der Cholera bringen. Sehet die Rache Gottes, beleidigt ob den unserer 368 glorreichen Kirche seit der Zeit des Czaars Aleris Federe wicz immer mehr drehenden Streichen. Russen! ihr habt zu befürchten, daß jede Minute euch strengeres Unglück bringe— denn das Glück der Volker ist ja dine unbeachtete Lehre; der Handel ohne Hülfe und Stütze von der Regierung; die Kaufleute, mir Lasten gedrückt, die Bauern, durch Abgaben vernichtet, kaufen ihre Seelen los, als wenn sie sie von der Hand des Czaars empfangen hätten. Die alten russischen Bürger leben in Schande und Verachtung wahrend Ankömmlinge die ersten Stellen im Lande einnehmen. Sie berauben die russischen Unterthanen, denn es sind! nicht unsere Bruder. Und wo ist denn der kriegerische Geist? Wo die alten Helden Rußlands? Wo die Dolgorukis, die Pozarskis, die Min ins, welche sich einst ini Namen Gottes, der Nation und deS Czaars bewaffneten? Sie unterlagen Alle; und uns wählte man zu schändlichen Werkzeugen des Despotismus. Wehr uns, wehe! wir haben blindlings gehorcht. Russen! wir beklagen uns vergebens; nutzlos vergießen wir Alle bittere Thränen. Geziemen sich solche Waffen den tapfern Söhnen Rußlands? Mit dem Schwert in der Hand eilet hin in die Hauptstadt und aufs Schlachtfeld, von Mitternacht bis zu Mittag, um euch Nationalfreiheit zu erkämpfen- Wer vermag eurer Tapferkeit zu widerstehen? Die Götzen des Despotismus werden vor der volksthüm- lichen Freiheit hinstürzen, es eröffnen sich die Bücher 369 des göttlichen Testaments; der Czaar bleibt Vater, mir aber stnd alsdann leine Waiden mehr, nicht fremd auf unserer eigenen Erde; so wie die Engländer, wie die Franzosen, wie die Griechen unsere Bruder in Christo, eben so werden auch wir frei und durch ewigen Ruhm unsterblich sey». So schreitet nun hin aus das Feld der Freiheit, ihr Kinder der Wolga und anderer Strome. Die Zeit ist da, wo wir handeln müssen. Wer wird es wagen, den würdigen Söhnen Rußlands Hindernisse in den Weg zu legen? Weniger berühmte und weniger zahlreiche Nationen sind aufgestanden, nicht achtend der sie umringenden Mächte, die auf ihre Vertilgung gierig lauerten. Die Zerstreuten verbanden sich, und die mit eigner und fremder Wehre Bewaffneten eilten auf die Stimme des Vaterlandes, ihre Nationalrechte und Freiheiten zu vertheidigen. Die Stunde hat geschlagen! Gott, in dessen Haud das Leos der Könige und der Nationen liegt, wird auch uns segnen. Ihr habet zwar Treue geschworen, doch auch der Czaar schwur, daß er euer Vater seyn werde. Er hat zuerst den Eid gebrochen und wir sind davon frei. Dennoch aber ehret unsern Kaiser als den Gesalbten Gottes, als die höchste Macht. Nur müßt ihr die Form andern, eine Constitutivn verlangen. Russen! die ihr nach dem Glücke eurer Familien und ihrer Nachkommen strebet, benutzet den gegenwärtigen Augenblick, eilet an die Ufer der Wolga; dort wehen schon die Fahnen russischer Frct- X. 24 370 hekt. Dort haben wir schon das Werk begonnen. Die Bürger mit den Soldaten vereinigt, schwuren als sie Waffen anlegten, im Angesichte der Welt! Tod oder Freiheit. Wem die Entfernung nicht erlaubet, sich mit uns zu verbinden, der möge dort, wo ihn meine Stimme erreicht, die im tiefen Schlaf versenkte Seele erwecken, und mit der Waffe in der Hand sich Freiheit und Verfassung erkämpfen. Krieger! das Vaterland streckt nach euch die Arme aus. Von euch erwartet es seine Befreiung. Gebet nicht zu, daß es ferner ein Launenspiel des wilden Despotismus bleibe. Unser Thron hat keine Freunde, außer die ihm verkauften Söldlinge. Für Geld verrathen sie im Schlachtfelde; sie werden auch den Thron verrathen. Wir müssen frei seyn. Erhebt euch blos und der Thron erbebe! Sollte aber der Despot unser Vornehmen vermöge seiner Günstlinge hemmen wollen, und vergessen, daß er unser und nicht ihr Monarch, daß er Vater der vielzähligen Familie der Russen ist, alsdann erst möge es sich zeige», daß der Selbstherrscher nicht länger Rußland zu unterdrücken vermag, daß die Russen Freiheit fordern, daß sie frei seyn können und werden. Samarad den 2g. Januar 1831. Jermolow. 371 Skrzynecki'S Briefwechsel mit Ditbitsch. Die Schlachten von Wawre, Dembe-Wielki und Jgunie. Die in der Hauptstadt herrschende Stille wa-rd plötzlich durch einen Tagsbefehl deS Generalissimus vorn 27. März unterbrochen, dessen Inhalt die ganze Ration überraschte und plötzlich aller Augen wieder auf den Kampfplatz richtete. Schon öfter waren seit der Schlacht von Grochow Gerüchte von einem Verkehr polnischer Parlamentairs mit dem ru ssischen Hauptquartier zur Kenntniß des Publikums gekommen; die Behörde verschleierte ihre eigentlichen Zwecke mit den Nachrichten von Austauschungen gegenseitiger Gefangenen und namentlich des schwerverwundeten Stabsofficiers Spendowski, weil der Muth der Nation vielleicht durch die Ahnung von Unterhandlungen geschwächt, hauptsächlich den auswärtigen Zeitungen noch mehr Gelegenheit gegeben werden könnte, von der Verzweiflung, Muthlosigkeit und der Parthei- zerrissenheic in Pulen Mäh.chen zu ersinnen und zu erzählen. Wir geben den Lagsbefehl mit seinen Beilagen vollständig, da er nur durch wenige Zeitungen un- verstümuielt bekannt worden ist. Er bedarf keines Commcntars. Das war also die Handlungsweise der Warschauer„Terroristen" uud des„tollkühnen Mannes", der an ihrer Spitze stand? Soldaten und Waffengefahrken! Von dem menschlichen Gefühl geleitet, welches vor Blutvergießen zurückschaudert, zumal wenn auf 372 friedlicher Unterhandlungsbahn so viel Mittel liegen, unsrem Volk das gebührende Siecht angedcihen zu lassen, habe ich dieselben betreten, und setzte mich als Oberbefehlshaber und Bürger in Berührung mit dem Fcldmarschall Diebitsch-Sabalkanski, Anführer der russischen Truppen. Ich lege euch hier die, nur auS vier Briefen bestehende Correspondenz vor. In derselbe» ist Alles erschöpft, was ich, nicht minder um euer Leben und eure Ehre besorgt, als das künftige Schicksal der Bevölkerung von mehrereü Millionen und ihrer spätern Nachkommen im Herzen tragend, an.Kräften dafür habe aufbieten können. Ihr werdet aus diesem Briefwechsel den ganzen Verlaufund das Ende der Verhandlungen, zugleich die Politik eines polnischen Kriegers, so wie auch die Bedingungen und Absichten des gegen die gute Sache eines unschuldigen Volkes erbitterten Stolzes ersehen. Wiewohl es zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit dem Feldherrn geziemt, an den Frieden zu denken, so habe ich doch dazu den angemessensten Zeitraum gewählt, den, in welchem ich die polnische Armee an Zahl, Disciplin und kriegerischem Geist stark und Ehrfurcht gebietend sah, wo die in allen Adern der Nation lebhaft strömende Thatkraft uns zur Beharrlichkeit und zum energischen Kampfe anfeuert.— Mein Bewußtseyn bezeugt mir, daß ich die Pflichten eines Oberanführcrs des Volks!,ceres in ihrem ganzen Umfange erfüllt habe. Den» der Feldherr ist nicht nur verbunden zu kämpfen«nd wieder zu käm- 373 pfen, sondern so oft er das Schwert emporhebt oder sinken läßt, dem Feinde den Frieden immer wieder anzubieten. Diese Regel gründet sich auf das Völkerrecht: dieser Grundsatz war der aller Generale, sogar derer in den stürmischsten Zeiten dcr französischen Revolution. Wie ihr sebct, Solda-tcu und Waffcnbrüder, ist hier diese meine Feldherrnpvlitik zu Ende. Urtheilt darüber mit Vernunft und Billigkeit. Ich überlasse andern Meinungen freien Spielraum und mische mich nicht in den Streit. Wir aber, wir dürfen'nun blos noch zum Kampfe uns anschicken. Ihr seht selbst, Soldaten, wir können keine andere Politik haben, als die in unserer Devise: ,,Sicg oder Ehrcutod für'S Vaterland!" Auf diesem Wege nur können wir uns durch Ausdauer, Tapferkeit nnd völlige Hingebung Sieg und Unabhängigkeit erkämpfen. Wir können aber auch fallen.— Das Eine wie das Andere liegt im Schooße unseres Schicksals verborgen. Toch bleibt das Eine gewiß: ist unser Untergang entschieden, so wird der Feind der Menschheit weiter hinaus über unsere Gräber dringen und Europa das furchtbare Gespenst des Despotismus anstarren; er wird in dieser Gestalt die erschlaffte Civilisation mit Schreck erfüllen und Hohn sprechen den gegen unsere Sache gleichgültigen Regierungen nnd Völkern, deren Länder, tu Selbstsucht eingeschläfert, ohnmächtig hinter uns daliegen. 374 l. Brkcf Skrzynecki's an Diebitsch. Mein Herr! Da mir der Oberstlieutenant Mh- cielski die Unterhaltung, mit welcher Ew. Crc. ihn zn beehren geruheten, mittheilte, so beeile ich mich, Sie von den Gefühlen, welche diese Unterredung in mir hervorgebracht hat, in Kenntniß zn setzen. Ich werde mich mit ächt militärischer Freimüthigkeit aus, drücken; sie ist die Grundlage meines Charakters, und ich stelle sie höher als alle diplomatischen Spitzfindigkeiten. Es wundert Sie, Herr Marschall, daß wir uns lieber den größten Unglücköfällen und allen schrecklichen Folgen, welche dieser Krieg nach sich ziehen kann, aussetzen, als uns unterwerfen wollen; Sie betrachten sogar diese Unterwerfung als das einzige Mittel, wodurch die Dinge wieder in su,!,n czuo ->nts Lullum gebracht werden könnten. Allein ist nicht eine solche absolute Forderung eine unzulässige Bedingung? Wie sollten wir einwilligen, uns wieder in den vorigen Stand versetzen zn lassen, welcher so unvermögend war, der polnischen Nation genügende Bürgschaften zu leisten? dieser Nation, welche, ich wage es zn behaupten, durch ihre langen Trübsale so würdig ist, den Königen und den Völkern das lebhafteste Interesse einzuflößen? dieser Nation, aus der man ein Märtprervolk gemacht hat? Sollten wir also eine Verlängerung unserer Mißgeschicke wünschen können, jetzt, wo alle unsere Kräfte sich verci- 375 uigen, um bei uns eine legale Ordnung einzuführen, der Art verbürgt, daß ihre Stabilität Me- fel mehr unterworfen ist? Wir opfern Alles auf, um aas Glück des Vaterlandes zu sichern, und man bietet uns an, in einen Ständ der Sachen Mu«- zukelrrcn, in dem kein Pole einen Augenblick seiner Snknnft sicher seyn könnte. Die edle Pflicht, d e wir uns auferlegt haben, vertragt sich nicht mit Ansprüchen, deren Zulassung die Erniedrigung der Na- tivnalchre und die Unterdrückung des Vaterlandes nach sich ziehe» würde. Es geziemt sich, l«, es wäre sogar vernunftgemäß gewesen, die Wiederherstellung eines auf die vom Kaiser Alexander ertheilte Urkunde gegründeten Systems anzubieten; man hatte aber nicht glauben sollen, daß der Starke immer Recht, der Schwache immer Unrecht habe. Daher auch der Geist des Manifestes vom 17. Januar die polnische Nation zu dem Acußcrsien brachte(- I. nsUon x°,°°-n8E Ü3N8 axtvemes; denn es wird darin eine blinde Unterwürfigkeit, ein unumschränktes Zutrauen gefordert, ohne aus die der Nation zugefügten Beeinträchtigungen d e mindeste Rücksicht zu nehmen, ohne ihr sogar die Hoffnung zu lassen, daß die Ursachen dieser Mißbrauche aufhören werden. Dieses Manifest hat die Nation gezwungen, ihr politisches Leben zu vertheidigen und sich in die Lage eines Volkes zu versetzen, welches ein unwidcrstreitbares Recht hat, alle se ne Kräfte zur Wiedererlangung seiner Selbststandigkeit zu S- S76 brauchet!, sobald es seinen Regenten in einem Tone sprechen hört, aus dem es den Verlust seiner Rechte und den Umsturz seiner gesellschaftlichen Institutionen ahnen kann.„Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, und keine Unterwürfigkeit," so lautet der Ausruf der Polen, und wenn er bis ans Herz deS Kaisers dringt, so wird er Ihm die Beschlüsse eingeben, die über uns gefaßt werden müssen. Unstreitig, Herr Marschall, ist die Sache Polens eine politische Frage, auf welche Se. Majestät der Kaiser vor allen andern seine ganze Aufmerksamkeit richten müßte. Sollte nicht der Fortschritt aller Revolutionen nicht allein bei uns, sondern auch in der ganzen europäische» Gesellschaft, gehemmt werden können, wenn Se. Majestät die strenge Gerechtigkeit um Rath fragte, und sich nach ihr, der Tugend, richtete, die allein die Throne und das Wohl der Volker sicher stellen kann; deren sträfliches Vergessen hingegen so schnelle Umwälzungen seit der Theilung unseres unglücklichen Landes hervorgebracht hat? Wenn es auch wahr ist, daß man von beiden Seiten zu weit ging, sollte man denn nicht, wenn man streng rechtlich verführe, ein Ausgleichungsmittel ausfindig machen können? Gewiß, doch ist es überaus nothwendig, daß die Bedingungen weder für die eine noch für die andere Seite irgend etwas Erniedrigendes enthalten; denn wenn man Ihrerseits glaubt, die Ehre des Kaiserreichs dürfe nicht befleckt werden, so haben auch wir ein Pfand, das wir heilig achten - L77— müssen, die Nativnalehre nämlich, deren Schändung wir Niemandem je erlauben werden. Der Kaiser selbst, wenn es Sein Wille ist, die Polen sich als Unterthanen zu erhalten, kann nicht mit ihrer Erniedrigung beginnen wollen. Aus den Worten, welche Ew. Excellenz an den Oberstlieutenant Mycielski richteten, geht hervor, daß man Sie über den Anstand der Gemüther in Polen falsch berichtet hat. Sie glauben, Herr Marschall! daß die Theilnahme aller Klassen von Einwohnern an unserer Revolution größtenthcils erzwungen wurde. Ich kann aber Ew. Srcellenz versichern, daß dem nicht also ist, sondern daß die Mitglieder beider Kammern, die Armee und die ganze Nation von einem Geiste beseelt sind, und daß ihre Hingebung für unsere heilige Sache kerne Schranken kennt. Ich habe Gelegenheit gehabt, mich selbst davon zu überzeugen, als ich Heerschau hielt und jeden Soldaten insbesondere fragte: ob er bereit sey, sein Leben für die Ehre der Nation hinzugeben? worauf Alle einstimmig ausriefen: daß sie sürS Vaterland gern sterben wollen; und dennoch hatte ich früher erklärt, daß es einem Jeden, der bet sich nicht Kraft genug zu einer solchen Aufopferung fühle, die Krtegerreihen zu verlassen frei stände. Die Nation ist durchdrungen von der Heiligkeit ihrer Sache, und zweifelt keineswegs an der Rettung des Vaterlandes.„Alle 6 verlieren, au ß er d e r N a Ilona lehre," dies ist die Devise der Polen und des > ganzen Militärs. Als Oberhaupt des Heeres theile ich mit ihm diese edeln Gefühle.„Die Armee", sagen Sie, Herr Marschall,„hat die Revolution angefangen, sie muß also zuerst Vorschläge machen, welche die Verhinderung des' Blutvergießens beabzwecken sollen(«s sorsit clonc ä eile s prenclrv l'iiUtiative Üsii8 I«r srvrl7.Aeiiieiits, suraient pour Unt cl'si'retcr I'elkusio» äu 8->ng).„Doch wenn wir auch dieses zugeben, so ist es nicht minder wahr, daß die ganze Nation, seir t5 Jahren hindurch in ihren theuersten Interessen beeinträchtigt, ihre Rechte zu vertheidigen in Massen aufgestanden ist. Die polnische Armee kann also nicht ihre Sache von der des Volkes trennen, und ist uns Untergang besä,jeden, so wird die Armee vor der Nation untergehen. Ew. Excellenz haben selbst der Tapferkeit des Heeres Gerechtigkeit widerfahren lassen; dieser Beifall kann ihm nur zur Ehre gereichen. Sie erklärten desgleichen, Zuneigung zu hegen für eine Nation, von der sie herstammcn; Sie geruheten endlich zu versichern, daß Sie Pole sind mit Leib und Seele. Fürchten Sie demnach nicht, diese Gefühle laut werden zu lassen, indem Sie Sr. Majestät den wahren Stand der Sachen der Art auseinandersetzen, daß Höchstdicselben Sich überzeugen, wie leicht Sie durch Entschlüsse, die Ihrer, Rußlands und'Polens würdig sind, Strome Blutes hemmen können; Entschlüsse, die der polnischen Nation hinsichtlich der Stabilität ihrer recla- — 379— Wirten Rechte die nöthigen Garantieen geben und auf zwei unbedingte Nothwendigkeiten gestützt seyn müßten: auf die Religion und die Freiheit. Warschau den 12. März t83i. (gez.) Skrzyneckl. II. Brief an den Obristen, Grafen Mycielskk. Herr Graf! Der General, Graf Pahlcn, hat über die mit Ihnen und Ihrem Collagen gehabte Unterredung Bericht erstattet und den Brief, welchen Sie ihm anvertraut haben, eingeschickt. S. Er. der Marschall, GrafDicbitsch-Sabalkanski, welcher mich ermächtigt hat, der ersten Ihnen bewilligten Audienz Iwizuwohnen, beauftragt mich heute, Ihnen das Grundxrincip zu wiederholen, von welchem seine Meinung geleitet, wird. Der Beschluß, welcher die Thronerledigung ans- sprach, konnte um so weniger in dem Herzen Sr. Kaiser!. Königl. Majestät die Gefühle der Liebe für Allcrhöchst-desscn Unterthanen in Polen unterdrücken, als Se. Majestät wohl wissen, daß ein sehr großer Theil derselben keinen freiwilligen Antheil an der Mevolutlon genommen hat und die Rückkehr zur Ordnung und rechtmäßigen Regierung sehnlichst wünschet. Allein jene gleich beklagenswerthe als unrechtmäs- sige Akte mußte alle Beziehungen unter den russischen und denjenigen Autoritäten aufheben, welche an dieser Akte Theil genommen haben. Der Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee kann sonach keine in Polen errichtete Behörde anerkennen, so lang dieselbe unter dem Einflüsse einer solchen Regierung steht, und noch weniger mit denjenigen unterhandeln, welche deren Princip angenommen haben. Möge der gute, einsichtsvolle und tapfere Theil der Nation jenen Beschluß aufheben und dieses edle Beispiel wird andere zur Folge haben. Diejenigen,- welche dieses Beispiel geben"werden, erlangen einen unleugbaren Anspruch aus die Dankbarkeit ihres, dem Frieden, der Ordnung und Wohlfahrt wiedcrgegebo- ucu Vaterlandes. Die Aeußerung der aufrichtigen Gefühle Polens wird, sobald selbe zur Kenntniß dcö Kaisers und KöuigS gelaugt, ein unfehlbarer Schritt zur Paeisi- eation des Landes seyn. Den 1.(13.) März 1S31. (gez.) Neidhardt, General-Quartiermeister der Armee. III. An den Feldmar schall, Grafen Diebitsch- Sabslkanski. Den mittelbaren Weg, den Sie, Herr Marschall,! zur Beantwortung meines Briefes vvm 1. März eingeschlagen, da Sie sich hiezu der Hand des Herrn Neidhardt, General-Quartiermeisters der Armee, bedienten, betrachte ich blos als eine reindiploma- ische Formalität, und stelle derselben Soldatcnvffen. heit, Menschenliebe uns meinen festen Entschluß eot» gegen; derselbe mußte dem großmüthigen Herzen des Kaisers angenehm seyn, indem er die Verhinderung des Blutvergießens zweier Nationen bezweckt, welche bestimmt sind, sich gegenseitig zu achten. Die polnische Revolution, Herr Marschall, ist keineswegs blos das Werk der überspannten Einbildung der Jugend; sie ist vielmehr das Ergebniß zahlreicher Mißbrauche und häufiger Verletzungen-der Verfas- snngsurkunde, welche eine gänzliche Vernichtung dieser Constitution befürchten ließen. Die polnische Nation weiß wohl Alles, was str vsm Kaiser Akrander erhalten hat, zu schätzen, sie ehrt das Andenken dieses Monarchen in seinen Nachfolgern, und wenn Se. M-, der regierende Kaiser, sich in der Hauptstadt des Königreichs gezeigt hätte, um den Uebeln des Krieges ein Ende zu machen; wenn er im Senate, in der Lgndbotcnkammcr und im Heere als ein Vater ausgetreten wäre, der die polnische Nation, hinsichtlich der ihr durch das kinig-- liehe Wort so feierlich verbürgten Siechte, sicherstellt, so würde das auf ein solches Vertrauen stolze Polen sich in die Arme des Vaters, der seinen Kindern allen Segen des Friedens bringt, geworfen haben. Sie sagen, mein Herr, daß die Akte, welche den Thron für erledigt erklärte, alle Beziehungen unter den russischen und denjenigen Autoritäten, welche an dieser Akte Theil genommen, aufheben mußte. Z82 Betrachten wir diese Frage freimüthig und etwas näher. Die Entthronungsakte wurde erst dann von beiden Kammern beschlossen und angenommen, nachdem die an unserm Grundrecht verübten Gewaltthaten genau und gründlich untersucht wurden; es bedarf daher(worüber Sie, mein Herr, gewiß nicht erstaunen werden) sehr kräftiger Motive und starker Gewährleistungen, wenn sich die Nation zur Aufhebung dieser Akte entscheiden sollte; ohne dieselben würde sie dadurch ghrcr Ehre vor den Augen des ganzen Europa zu nahe treten und sich dem Vorwürfe einer tadctnswcrrl>en Leichtsinnigkeit aussetzen. Geruhen Sie ferner, zu bemerken, daß eine Nation, welche seit einem halben Jahrhundert nicht.allein keinen ihrer mir dem Petersburger Cabinecre geschlossenen Tractate treu beobachtet gesehen, sondern t5 Jahre hindurch Zeuge der öffentlichen Verletzungen ihrer konstitutionellen Charte gewesen, durchaus argwöhnisch seyn muß und nur mit der größten Vorsicht zu irgend einem Vergleich schreiten kann; sie würde sich sonst nur dem Willen des Stärkern unterwerfen, ohne die Rechte des Schwächer», sicher zu stellen (eile 8uöirr>it In volonto clu plus kort, ssns Agran- tir»ucnn üos stroits stu plu8 iHble). Endlich erlauben Sie mir noch, Herr Marschall, Sie aufmerksam zu machen, daß, da wir beide von der Ueberzeugung des von dem Aufhören dieses Krieges sich ergebenden Wohles durchdrungen sind, es blos von Ihnen abhängt, einen Pacisicationsplan z» 383 entwerfen, der sowohl den edelmüthigen Gesinnungen des Monarchen, als der Ehre der polnischen Nation angemessen sey. Denn vorausgesetzt, daß die russische Armee immer den Sieg davon tragen werde, so können noch so viele Triumphe keineswegs unsere Rechte entkräften, und die Grundlage, worauf sie gestützt sind, vernichten. ES kann Ihnen, Herr Marschall, nie gelingen, das Unrecht, welches an Polen verübt werden soll, für rechtmäßig zu erklären. Können Erfolge, die mit dem Mute und der Vernichtung einer ganzen Nation erkauft werden, dem hochherzigen Monarchen schmeicheln, oder vor dem strengen Richterstuhle der Geschichte Gnade finden? Ich bitte sie demnach, Herr Marschall, die Wege zu einer Pacisication vorzubereiten, welche auf eine redliche Wechselseitigkeit gegründet sey(c>ui»uralt pour Princips uns c' (gez.) Gr. Diebitsch-Sabalkanski. (Fortsetzung im nächsten Band.) 'L^^-LL.. r 7 > ____ 824.: --i>->^ .-L->'>'. - e.> A^'5.^? ^. -."".., ^>> MT . B-M i' .. E.^ -Ä ' - -L-