»-s VISNSI' 8iscii-8ib»otn6>< RW 7 7626^ MM A«- M !»K 5-'LSL «». »»7 >- N-? MU 777^7, 22SSK. rH' AM-Ä UMFMA^OMMMWU » rZlxrtELr-'drMriW 7 7 7 «MMW 7 7 7--7 KMW G Ä? 7 MN MKO iA 7- -- U -7 7.^' W ÄEUMLWM ..'MG.HKEM ^'7 7 7'.'^ N 7 7 . 77 7 AM 77.7.7. Ä»'> / 3 34 dann ängstigte er sich um die Eltern desselben, die er noch nicht kannte, und die, wie es schien, sehr schwer ausfindig zu machen waren. Der Knabe mußte gewöhnlichen Bürgersleuten angehören, dies ließ sich aus seinem Anzüge schließen; aber die Gestalt und das ganze Wesen desselben ließen auf höhere Abkunft rathen. Wenigstens fand sich in dem letzter» ein Etwas, ein Zug, der blos vornehmerer Leute Kindern eigen ist.... Die bisher angewendeten Mittel schienen von guter Wirkung, denn Easimir sah den Knaben bald viel ruhiger werden als zuvor.... Sogar eine Art Schlummer schien sich desselben zu bemächtigen, und diesen Augenblick nun benutzte der brave Mann, um die Krankenstube zu verlassen, um sein Aeußeres, seinen Anzug, der sich noch in größter Unordnung befand, zu ordnen. Als er zurückkam, lag der Kleine nun wirklich in tiefem Schlafe, so daß sich Easimir jetzt selbst auf ein Ruhebett werfen konnte, um einige Kräfte zu sammeln. Seinen Träumereien hingegeben, traten alsbald die Bilder, die ihn vor einigen Tagen so stark beschäftigt hatten, vor seine Seele. Er sah sich auf dem Balle und näherte sich Helenen— er wurde von ihr verhöhnt— und das Geflüster der Umstehenden betäubte wie Schlangengezisch sein Ohr. Alle früheren Schmerzen nagten wieder an seinem Herzen 35 — er beschwer sie alle herauf, wie er sie damals hundert Mal heraufbeschworen. Denn es ist das Schicksal geistiger Menschen und vornehmlich jener, die mit reicher Phantasie begabt sind, daß sie in Qual wie Freude ihren Zustand stärker als andere empfinden. Ein solcher Mensch malt sich jedes Bcgebniß seines Lebens mit glühenderen Farben aus, und da seine Empfindung gewöhnlich von gleicher Stärke ist mit seiner Einbildung, so gräbt sich das ohnehin schon grell genug auf ihn wirkende Bild um so tiefer in seinen Busen, der dann auch Höllenqualen oder Himmelsseligkeit empfindet, wie ein gewöhnliches Spießbürgergemüth hiervon keine Ahnung hat. Wohl ihm! sind es Himmelsfreuden— Weh ihm! leidet er Höllenschmerz.— Bei Casimir war es das Letztere. Nicht allein die Demüthigung, welche er erlitten, nagte an ihm — sondern vornehmlich war es jenes entsetzliche See- lenwirrniß, das uns in dergleichen Momenten, wo die Fäden des Herzens durch eine äußere Gewalt zerrissen wurden, umfängt. Wir wissen nicht, wo wir sie wieder anknüpfen, zusammenbinden sollen— und doch können wir sie nicht so zertheilt, zerstückelt lassen, weil uns dies zu große Schmerzen verursacht. So befinden wir uns denn in einem erschrecklichen Chaos— und wissen nicht, woher das Licht nehmen, um nicht ganz zu erblinden.... 3» So viel ist gewiß: Casimir war mit seinem Verhältniß zu Helenen noch nicht fertig. Wäre er das gewesen— wäre seine Liebe erloschen gewesen, was hätte er sich dann herumzuquälen gebraucht, um mit sich in's Reine zu kommen? Ein Funke glühte in ihm für das Mädchen also noch immer. Oder war es eine Flamme? War es gar ein höherer Brand, als der erste. Wer kann davon Rechenschaft geben? Wer blickt in die mystischen Spalten eines zerrissenen Menschenherzens? Wer hat den Schlüssel gefunden zu den Hieroglyphen eines zerstörten Tempels, der erbaut war auf dem Grunde des edelsten Herzens? Was Casimir sollte und wollte, er wußte Beides nicht; er wußte nicht einmal, wie es mit seinem Innern bestellt war.... er fühlte blos ein ungeheures Leid.... eine Kümmerniß ohne Gleichen. In dieser Stunde drangen tiefe Laute des Schmerzes aus seiner Brust; auf seinen Lippen bebten die Klagen eines Verzweifelnden.... Der Ruf eines Kindes riß ihn aus den Abgründen dieser selbstischen Welt empor. Der kranke Knabe neben ihm hatte geweint— und in diesem Augenblick vergaß unser Freund aller eigener Leiden. Er eilte dorthin und fragte nach des Knaben Begehr. Dieser hatte„Mutter! Schwester!" gerufen... Er hatte noch mehrere, jedoch weniger verständliche 37 Worte gesprochen, worunter nur die deutlich klangen: „Wo bin ich?" „Bei einem Freunde!" antwortete Casimir, indem er die Hand des Kleinen ergriff. Darauf murmelte dieser Verschiedenes von „Schmerz" und„Brennen"—„Durst"— — und Casimirs Augen füllten sich mit Thränen, da er dem Armen nicht helfen konnte. Er suchte ihn durch Hoffnungen zu beschwichtigen, sagte ihm, der Schmerz werde bald vorüber gehen und die Mutter komme, um bei ihm zu bleiben. Zugleich suchte er nach dem Sitz und der Beschaffenheit der Schmerzen zu forschen.... der Knabe jedoch konnte nicht weiter antworten; die kurze Erholung war vorüber, die vorige Schwäche kehrte zurück. So erschien der Abend. Die Aerzte fanden ihren Patienten ein wenig besser, und da zum Glück gerade jetzt wieder ein lichter Moment eintrat, so nützten sie ihn zur Era- mination, die ihnen jetzt ziemlich gut gelang, worauf sie das Haus mit dem Bemerken verließen, der Patient befinde sich in keiner augenscheinlichen Gefahr und es könne bei ihm nunmehr eine wirksame Kur vorgenommen werden. Am andern Morgen befand sich Malten noch im Schlafzimmer, als der Bediente Friedrich eintrat. „Gnädiger Herr, es sind zwei Herren draußen." „Wie heißen sie?" 38 „Sie wollen mir ihre Namen nicht sagen? „So ersuche sie um ihre Karten. // „Sie besitzen keine— oder wollen solche nicht hergeben.... Sie verlangen ohne Weiteres einzutreten." Casimir besann sich einen Augenblick:„Wie sehen die Herren aus?" „Der Eine— war vor einigen Tagen hier... er machte so viel Lärm." „Ach— ist es der? Mit der Lorgnette, den Riesenlockcn— dem langen Barste?...." „Derselbe, gnädiger Herr...."*) Easimir war unentschlossen, was er thun sollte. Er hätte den Narren gern abgewiesen, aber er konnte nicht wissen, ob er damit dessen Begleiter nicht Unrecht thue. Aber während dieser Pause haben sich die zwei Besucher bis zum Schlafzimmer herangeschlichen und horchen vor der Thür. Diese öffnet sich jetzt, und der Begleiter Theobalds steckt eine Karte herein, unserm Freunde entgegen. Easimir liesst sie; mit gothischen Buchstaben prangt darauf: „Dr. Norbert— Gelehrter und Schriftsteller." Gnädiger Herr,"„Euer Gnaden"— ein Bedienter in -mcn würde es nicht wagen, seinen Herrn anders anzureden. 39 „Aber warum treten Sie nicht ein?" sagt Casi- mir, der nicht mehr ausweichen kann. „Freilich! freilich!" schreit Herr Theobald Wurm- ser;„ich sagte es ja gleich. Aber mein Freund ist ein wenig zurückhaltend. Er ist ein Norddensichcr. Und ohne Weiteres nimmt der edle Jüngling Platz auf einem Voltaire— dehnt und streckt sich daselbst, als sei er zu Hause. Casimir war im Schlafrock und entschuldigte sich deshalb gegen den Fremden, den er bat, sich ebenfalls niederzulassen, und welchen er nach dem Grunde seines„schmeichelhaften Besuches" fragte. „Ich wollte Sie kennen lernen.... Man hat mir so Vieles von Ihren Verdiensten— geistigen Eigenschaften erzählt, daß...." „Ja, ja," rief Theobald, seine Lorgnette balanci- rend,„und dann— noch ein triftigerer Grund: es handelt sich um den unglücklichen Knaben...." „Wie?" sprang Malten freudig auf;„Sie wissen mir etwas Bestimmtes von seinen Eltern zu sagen?...." Gewiß ich kenne dieselben; und kurz: es ist— mein eigener Bruder...." „Was-?" „Wie ich Ihnen sage." „Aber dann" „O, er würde mich gleich erkennen, wäre er nicht ohne Bewußtsein...." — 40— „Vielleicht ist er das jetzt nicht mehr; wollen wir zu ihm gehen." „Mit Vergnügen... Theobald erhob sich rasch>— aber sein Begleiter gab ihm einen Wink, der Malten nicht entging, und dieser rief: „Nun vorwärts, meine Herren; lassen Sie uns den kleinen Patienten besuchen... „Ohne Weiteres—fuhr Theobald fort und näherte sich der Thür. Der Dr. Norbert suchte augenscheinlich ihn zurückzuhalten— das war jedoch nicht mehr möglich, denn Malten hatte den edlen Jüngling bereits hinausgeschoben, und so drängte sich der Andere ihm nach, indem er ihm leise in's Ohr flüsterte: „Sie haben uns da in eine schone Lage versetzt. Wir werden uns blamiren." „Nicht doch. Lassen Sie nur!" antwortete ebenfalls leise und mit hoher Miene Theobald. Als sie zum Bette des Knaben gelangten, war dieser sehr munter. „Hier kommt— Dein Bruder," redete ihn Malten an und faßte den Musterjüngling scharf in's Auge. „Mein Bruder....?" stotterte das Kind;„ich habe keinen.... ich sehe keinen" „Nun— diesen Herrn da!" „... Ich kenne ihn nicht, den garstigen Mann." 41 , - „Wie? Knabe, Du kennst mich nicht? Mich, Deinen Bruder, der Dir so viel Zuckerwerk und Bonbons schenkte...." „Fort, fort!— Das ist nicht wahr! Ich weiß nicht, wer Du bist...." Und das Kind fing an zu weinen. „Das war ein dummer Streich!" raunte vr. Nor- bertus seinem Freunde in's Ohr. „Sie sehen," erhob Cafimir seine Stimme,„daß der Knabe nichts von der Verwandtschaft weiß, in der Sie mit ihm stehen wollen...." „Aber- ich bitte Sie— er ist ja krank! er redet irre...." „O, ich bin nicht krank.... Ich bin heute recht wohl!" antwortet das kluge Kind. „Nun denn, lieber Mar—— so mußt Du mich ja kennen...." „Nein, nein!— Ich heiße nicht Mar sondern Wilhelm.... Geh doch, Du häßlicher Mensch.... mit Deinem Barte.... Ich fürchte mich vor Dir." Eben wollte der edle Thcobald ihn trösten, als Cafimir denselben an der Hand nahm und mit den Worten wegzog: „Verlassen Sie dieses Zimmer!" „Aber, mein Herr.... die Bruderliebe verlangt...." „Ihre Unverschämtheit geht weit! Hinweg!— — 42— wenn Sie nicht wünschen von mir behandelt zu werden...." „Ah, wenn Sie es durchaus haben wollen.... Ich schätze Sie jedoch zu sehr.... sonst wollte ich mir dergleichen wohl verbeten haben..." Inzwischen sah sich Theobald bereits in's Nebenzimmer transportirt, wohin auch sein gelehrter Freund ihm folgte.— Hier wollte der Jüngling wieder 8sii8 xvne Platz nehmen, als Casimir ihm mit festem Tone bedeutete:„Mein Herr, Sie werden augenblicklich dieses Haus verlassen und sich nie mehr bei mir zeigen, ich würde sonst Maßregeln ergreifen müssen, zu denen ich nur ungern Zuflucht nehme..." „Was soll das heißen, mein Herr?" „Das soll heißen, daß ich Sie von hier werde fortbringen lassen...." „Aber, das ist ja eine Beleidigung!" schrie Theobald und klirrte dabei fürchterlich mit seinen Sporen, drehte auch seinen Hohenpriesterbart, als wollte er ihn ausziehen.„Sie sollten es wagen, einen Mann meiner Qualität zu insultiren?— Ich, der ich mit den größten Notabilitäten Europa's in Verbindung stehe.... Mit O'Connel, Paskiewitsch, Redschid Pascha...." „Zum Teufel, mein Herr! Hinaus, sag' ich!" Es drohte eine wilde Szene zu werden, da stellte sich der gelehrte Dr. Norbertus dazwischen: „Meine Herren, meine Herren— fassen Sie sich! 43 Sie sind Beide aufgeregt— erzürnt— wütherfüllt .... Bedenken Sie, daß...." „Aber dieser Bursche da!" „Wer ist Ihr Bursche?.... Ich? Theobald Wurmser?.... Eine Zierde der Gentlemen!— ein ausgezeichneter Fechter, Reiter, Tänzer und Philosoph.... Ich, ein Bursche?" „Friedrich! Friedrich!" Casimir klingelte seinem Diener, der bereits harrte. Ein Wink— und trotz des Lärmens und Schreiens Theobalds ward dieser mitten um den Leib gefaßt und mußte in der schnellsten Zeit eine Luftreise von diesem Zimmer durchs Verhaus bis zur Treppe machen, wobei er jedoch ohne Unterlaß schrie:„Schändlich! Ist das eine Behandlung?— Einen deutschen Edelmann— einen Gentleman— einen Theobald von Wurmser, der einen Bart besitzt, wie kein Anderer, und Locken, deren sich König Simson nicht zu schämen hätte.... mich auf diese Weise zu traktiren ... Schändlich! Niederträchtig! Rache! Rache!" Seine letzten Worte verhallten bereits unten auf dem Hofe.— „Sie sehen, mein Herr," sagte Malten zu dem Dr. Norbert, der zurückgeblieben war,„ich behandle Jeden nach seinem Verdienst." „O, davon bin ich überzeugt-- und Sie werden einen Unterschied zu machen wissen zwischen einem 44— jungen Tollkopf und einem gesetzten, bescheidenen Gelehrten." „Gewiß.— Aber was ist Ihr Wunsch?"— „Ich komme— wie gesagt— Ihre Bekanntschaft zu machen, weiter nichts." „Es ist mir dies sehr schmeichelhaft; allein was kann ein Mann meiner Art einen Gelehrten Ihrer Art interessiren?" „Sehr viel. Ich weiß, daß Sie ein Herr sind, der für die geistigen Fortschritte der Zeit vielen Sinn hat." „Wer gab Ihnen dafür Gewißheit?" „Männer, denen ich Glauben schenken darf." „Möglich— allein mein bisheriges Thun und Lassen vor den Augen der Welt beschränkte sich auf..." „Auf- alles Edle!" „Entschuldigen Sie—— auf Spazierengehen, den Besuch von Gesellschaften, Spiel, Unterhaltung." „Sie scherzen...." „Nicht im Geringsten." „O, man kennt diese Schüchternheit— sie ist allen großen Seelen eigen...." „Großen Seelen! Hahaha!— Sie sind komisch, mein Herr..." „Ich bin gerecht!" „Und— weise." „Zu viel! zu viel— Ich habe zwar Einiges geleistet! Leipzig und Deutschland kennen meinen kÄ — 45— Namen.... Namentlich aber Leipzig, wo ich zn Hause bin, wird mich nie vergessen." „Sie haben dort also Spuren Ihres Wirkens zurückgelassen?" „Unvertilgbare. Den Dr. Norbert kennt jedes Kind, jede Straße von der Grimma'schen Hauptstraße bis zum Pleißengäßchcn.... Jede Buchhandlung, von der größten bis zur kleinsten Mich nennt jedes Haus, namentlich sind darunter diejenigen, in welchen ich zur Miethe wohnte; in diesen Häusern bin ich sehr gut angeschrieben.— Auch in mehreren Groß- und Kleinhandlungen, selbst Spezereiläden bin ich vorzüglich angeschrieben... und absonderlich weiß das Nosenthal von mir zu erzählen. Ich besuchte die Schweizerhütte täglich— sie konnte stündlich auf mich rechnen...." „Es ist erstaunlich, was Sie mir da sagen. Ja, ich glaube jetzt, daß Ihr Ruf sogar bis zu mir gedrungen ist. Sind Sie nicht der Verfasser mehrerer Novellen... z. B. die Erstürmung von Plundersweiler... Ritter Prunswick... des Teufels Vitriol... der blutige Bluthund und noch mehrerer Werke, die bei Fürst in Nordhausen an's Licht traten?" „Ganz recht, derselbe bin ich." „O, welches Glück für mich— den berühmten Dichter kennen zu lernen!" W M // „Nun Revenüen - 46— „Sie sind sehr gütig. Sind Sie vielleicht jetzt gerade bei Kasse, vortrefflicher Herr von Malten?—" ,Wie meinen Sie das?" nicht für mich; o, ich lebe von meinen .. besitze ein Haus bei Grimma...." „Für wen denn also?" „Ein Freund hat mich ersucht, ein Biedermann — auch Autor— aber gegenwärtig in einiger Verlegenheit „Nun, bei Ihren Mitteln, Ihren Revenüen, Ihren Honoraren könnten Sie ihm ja selbst helfen." „Ach, Bester.... das geht nicht; ich bin hier in einer fremden Stadt; habe Familie...." „Familie auch?" „Gewiß. Eine Frau.... Meine Lukrezie:— Dieser Name gebührt ihr vermöge ihrer Sittenrcin- heit.... O, Sie sollten sie sehen!— Welch ein Wesen!— Schlank wie eine Lilie.... durchsichtig wie der Aether.... Ein Mund, der Wohlgerüche ausathmet—" Hier schüttelte den Erzähler ein kleiner Fieberfrost. „Sie sind sehr glücklich, mein Herr. Eine Gattin mit diesen Vorzügen.... dieser Treue...." „Allein wie steht's? Soll ich sie Ihnen aufführen?...." „Sehr gütig." 47 „Noch heute, wenn Sie wollen." „Aeußerst gütig, allein" „Und in Beziehung aus Ihre Kasse: mit einigen Thalern könnten Sie mir wohl aushelfcn, das heißt, meinem Freunde?" „Mein Herr, ich will Ihnen gern damit dienen, wenn Sie mir versprechen... „Alles!" „Nicht doch, sondern blos—— mich in Zukunft mit Ihrem Besuche zu verschonen." „O sehr gern. Warum das nicht?— Weder ich noch meine Frau werden Sie belästigen... Sie sind ein Weiberfeind!" „Möglich." „Gehorsamster Diener!" „Hier ist das Geld: Adieu!" „Leben Sie wohl.... allein, wenn ich Ihnen vielleicht später mit einigen Exemplaren meines neuen Werkes dienen könnte: ich schreibe ein Buch über Wien...." „Danke dafür. Ich kenne Wien hinlänglich." „Oder wollen Sie bei mir vielleicht einen Cursus über die„Modernen geistigen Bestrebungen" machen? Ich werde Ihnen zur klarsten Evidenz beweisen, daß Hegel sehr Unrecht hat, wenn er nur ein Absolutes annimmt— und daß nach diesem Axiom das Relative durchaus unmöglich ist.... Auch über Wesen und Erscheinung kann ich Ihnen Aufschlüsse geben, die mit den Erwerbnissen der neueren Schule zwar congruiren, aber dafür anderseits wieder so sehr divergiren, daß die Identität dieser spontaneischen Begriffe einen Durchgangspunkt zuläßt... Der Durchgangspunkt hatte gewirkt. Casimir war dem Großmaul wirklich durchgegangen— indem er sich die Ohren verstopfte und in's vorige Zimmer lief.— Das Großmaul aber oder vielmehr Herr Dr. Nor- bertus warf einen verklärten Blick auf den Dukaten, welchen man ihm in die Hand gedrückt hatte— und entfernte sich lächelnd, wobei er murmelte: „Ich werde schon wiederkommen. O, in Wien scheinen die Geschäfte besser zu gehen, als in LeipzigH V. Die Höhle der Genies. Der Edle läuft nun die Treppe hinab und versetzt sich auf der Straße in einen mäßigen Trab (Hundetrab würde ein unästhetischer Novellist wie Dr. Norbertus selbst sagen). Er ist seelcnvergnügt, den Dukaten zu besitzen, denn so viel hat er noch niemals gehabt. Er beabsichtigt zuerst, nach Hause zu-gehen zu seiner Lukrezia 49 ... allein er besinnt sich und will früher noch seinen Freund Theobald einholen, welchen er in der Ferne an den Häusern hinschleichen sieht, denn Theobald scheint bei der letzten Affaire einige Kontusionen erhalten zu haben.... und dies erlaubt ihm nicht, fest aufzutreten. Bald befindet er sich neben ihm. Er klopft ihm auf die Achsel: „Nun, Freund Theobald?" „Nun— Freund Norbert?" seufzt dieser. „Aber, wie sehen Sie denn aus?" „Aber— hol' der Henker den verdammten Diener sammt seinem ungeschliffenen Herrn. Ein sauberer Dienst, den mir da die Gesellschaft zugetheilt hat .... Nein, zu dem schändlichen Malten gehe ich nimmermehr und sollte es selbst der oberste Chef verlangen...." „Weshalb aber betrugen Sie sich— so—" „So?— Wie so?" Daß ich's Ihnen nur sage: ungeschickt!— Man muß mit diesen Leuten fein umgehen... Sie jedoch radotirten zu viel... und dann, mein Freund, die Geschichte mit dem Kinde!" „Ei was; man muß aus Allem Vortheil zu ziehen wissen...." „Ja— eben: wissen muß man das. Sie jedoch — haben bewiesen, daß...." „Nun, und was haben denn Sie bewiesen?" Geheimnisse. I. 4 - 50— „Ich?— da, blicken Sie hierher! Erkennen Sie dies Gepräge? He?" „Ein Dukaten!" „Freilich eine Kleinigkeit— allein es wird schon noch besser kommen." „Aber wie stellten Sie's nur an, daß er Ihnen Geld gab." „Sehr einfach: ich war, bei aller anscheinenden Prahlerei, doch sehr ruhig und bescheiden. Ich erzählte freilich lauter Wahrheiten; ich erzählte ihm von meinem Leben...." „Da erzählten Sie jedoch keine Wahrheiten, denn Ihr Leben ist eine einzige große Lüge...." „Hahaha! Sie sind, wie's scheint, wieder gut aufgelegt." „Sie nennen mich einen Prahlhans und sind der größte, den Sachsen je gebar.... Was übrigens mein Aufgelegtsein betrifft, so haben Sie Recht. Ich werde jedenfalls länger aufgelegt sein, als Ihre Werke...." „Hahaha! Sie sind bei den Prügeln, die Sie erhalten, wirklich noch ziemlich lustig...." „Soll ich Ihnen beweisen— daß Sie sehr traurig sein werden, wenn ich Ihnen welche davon ablasse?...." „O nicht doch, ich verstehe keinen Spaß in solchen Dingen. Ich dulde keine Beschimpfung! Ich weiß die Mensur rasch zu finden." 51- „Als Sie in jenem Leipziger Bierhause Ohrfeigen erhielten, da wußten Sie die Mensur nicht zu finden. Doch genug; wozu zanken wir uns? wir sind Freunde; ja noch mehr: Glieder eines Bundes." Unter diesem Gespräch waren sie in einer ziemlich entlegenen, öden Straße angelangt. Sie hielten vor einem Hause, dessen Aeußeres nicht sehr einladend winkte. Ein verfallenes Dach— zertrümmerte kleine Fenster mit Bretern verschlagen— eine Art von Thür, die jedoch fest verschlossen war. Die Biedermänner klopften, nachdem sie sich zuvor umgesehen hatten, ob auch Niemand sie beobachte. Man öffnete ihnen nach Nennung ihres Namens, und sie traten ein. Sie schritten durch einen Gang— einen zweiten— sodann durch einen mit Sträuchern, Bäumen und hohem Grase bewachsenen, offenen Raum— bis sie zuletzt wieder zu einer Thür kamen, welche sie mittelst eines Schlüssels öffneten. Bald befanden sie sich in einem geräumigen Gemache, welches wie ein Saal aussah, das heißt, ein sehr schmutziger, vernachlässigter, finsterer.— Es waren einige Leute da, von denen sie mit lautem Willkomm empfangen wurden; und eine Scene eröffnete sich dem Blick, die des Pinsels eines Teniers würdig gewesen wäre. Um einen langen Tisch saßen mehrere, theils 4* — 52— junge, theils ältere Männer, Einige sehr gut, Andere sehr erbärmlich gekleidet und spielten mit Würfeln und Karten. Daneben auf einem Stuhle koseten ein Paar emanzipirter Gestalten; die Dame wenigstens schien sehr liberale Grundsätze zu haben. In den Ecken des Saales ging es eben so zu: es wurde daselbst viel geküßt und gelacht. Dazwischen schäumten Flüssigkeiten in Gläsern und Flaschen, die nicht alle nach der Rebe rochen. „Sehr gut, daß Ihr kommt!" rief ein starker, untersetzter Mann mit großem Backenbarte und in sehr eleganter Kleidung, an welcher jedoch vergoldete Knöpfe, goldene Ketten, Busennadeln und andere Schmucksachen mit Ueberladung prunkten. Die Finger dieses Herrn waren voll Ringe. „Was habt Ihr ausgerichtet?" fuhr er fort. Theobald warf sich auf eine Bank und rieb sich den Schenkel, indem er ächzte:„Nichts! gar nichts!" „Schon wieder nichts. Theobald, Du bist ein vollkommen unnützes Mitglied unseres ehrenwerthen Vereins. Hat er nicht wieder großgethan— Lärm gemacht—— und dadurch bei Malten Alles verdorben?" „Ich kann nicht»Nein« sagen!" entgegnete vr. Norbertus.„Er hat eine sehr schlechte Methode." — 53— „Das habe ich ihm hundert Mal gesagt. Er verdirbt durch seine Rodomontaden Alles!" „Kann ich dafür? Es ist nun einmal meine Methode und ich habe keine andere. Vor fremden Leuten spreche ich von meinen Vorzügen— meinen Eigenschaften, und deren besitze ich auch, Gott sei Dank, in Hülle und Fülle. Bin ich nicht ein geistreicher Kerl? Habe ich nicht Talent, Verbindungen, Cvnnaissancen? Au! Au! der verd— Fuß!" „Schöne Eonnaifsancen! Wir wenigstens haben noch keine bei Dir entdeckt, Deinen Schneider und Schuster ausgenommen, die Du geprellt hast.... sodann ein Paar Weiber...." „Au! Au!"— Theobald begnügte sich mit diesen einfachen Naturlauten und gab weiter keine Antwort. „Und was haben denn Sie bewirkt, Norbert? Sind Sie glücklicher gewesen?" „Ich habe einen— Dukaten erobert!" sagt dieser stolz. „Ist das Alles? Was hilft uns solcher Plunder? — Ein Dukaten! habe ich Sie deshalb zu Malten geschickt? Kennen Sie Ihre Ordre nicht besser?" „Allerdings kenne ich sie; aber einstweilen schien mir dieser Dukaten auch kein schlechter Anfang..." „In die Hölle damit! Sie sollten jenen Menschen, jenen Malten bearbeiten— damit..." „Damit wir uns an ihn machen könnten, ich weiß es." „Nun— und warum sind Sie Ihrer Instruktion nicht gefolgt?" „Aber einstweilen" „Einstweilen sind Sie ein.... Bald hätte ich Etwas gesagt. Sie sind Autor, wie Sie sagen, Gelehrter?" „Und— ein bedeutender!— kann ich mit Selbstgefühl hinzusetzen." „Ja— ein bedeutender Thor sind Sie, weiter nichts. Sie haben in Leipzig einige Praris gehabt, wie Sie uns vorlogen...." „Das war keine Lüge: Leipzig ist mein Zeuge! Nicht weit davon sind die böhmischen Wälder.... ich hätte dürfen unter Karl Moor Dienste nehmen, wenn er noch lebte; so gut war ich in Sachsen angeschrieben...." Das Oberhaupt— denn der Backenbärtige stellte dieses vor, ging mit großen Schritten im Saale umher:„Geben Sie den Dukaten her!" In diesem Augenblick schoß wie der Blitz eine kleine krumme Gestalt, eine Art von Gnomen, hervor— und hielt die dürre Hand hin:„Mir den Dukaten!" grinste dieses Individuum;„ich bin der Kassirer der Gesellschaft." „Hier ist er!" versetzte Norbcrtus mit Gewicht; „und jetzt bitte ich mir ein Glas Grog aus— welchen ich einst daheim in den Gefilden des Rosen- thals so gern genoß. — 55— Das Verlangte wurde ihm verabreicht und er setzte sich zu Tische. Thcobald hatte, ohne ein Wort zu sprechen, sich schon selbst bedient; er leerte soeben eine Flasche Rothwein bis auf den Grund aus und drängte sich nun zum Würfelspiele. „Allein warum bringen Sie Ihre Frau nicht hierher, Herr Norbert?"— „Für Vergnügungen, wie die unsrigen, ist sie wirklich zu zart— zu fein— zu empfindlich oder wie soll ich sagen: zu ätherisch! mein Herr Bund er." So hieß der Vorsteher. „O, laßt sie doch!" schrie Theobald;„mag er die edle Lukrezie bei sich behalten. Sie ist so dünn wie eine Spinne— und häßlich wie ein gemaltes Krokodil." „Sie wollen doch nicht gegen meine Frau losziehen!...." entgegnete Norbert aufgebracht;„Sie wären nicht würdig in ihre Nähe zu kommen. Sie ist das Muster einer Frau!" „Ja— eben nur ein Muster: ein papiernes Muster nämlich; gerade so dünn und durchsichtig und — bemalt im Gesichte." „Ha— das wird zu arg! Herr Bund er— schaffen Sie mir Genugthuung oder ich— ich—" „Nun, reden Sie aus!" lachte Theobald. — 56— Ich nehme sie mir sonst selbst." „Heraus denn!" rief Theobald;„lassen Sie uns den Kampf sogleich beginnen." „Ich bin dazu bereit!" Theobald schürzte seine Rockärmel auf. „Einen ehrenhaften Kampf— mit Degen, wenn ich bitten darf!— ich bin kein Handwerksbursche, daß ich mich mit Fäusten herumschlüge!" schrie Norbert. „Ach, Sie haben keine Courage!" „Was?— Ich will es Ihnen sogleich beweisen!" Norbert ging auf den Jüngling zu— aber dieser empfing ihn dermaßen, daß der große Literat gleich nach der ersten Berührung davon lief und sich unter dem Tische verkroch, wo er mit lauter Stimme schrie:„Schützen Sie mich! Retten Sie mich— meine Herren! Ich bin verloren! Er tödtet mich, der Wütherich!— Was würde die deutsche Literatur dazu sagen, wenn ich hier elend umkommen sollte!-— Ach, will mir denn Niemand beistehen....?— So rufe ich, wie damals bei L... in N... Aber es giebt hier wie dort nur kalte Granitseelen.... die mich umkommen lassen .... Weh! Weh!— erschlägt mich!" Theobald nämlich hatte sich das Vergnügen gemacht, ihn mit einem Stocke aus dem Versteck zu sagen, wobei er ihm jedoch übrigens nichts zu Leide that; trotz dem schrie der würdige Norbert so stark, als spies'te »««Äk-SÄ«: 57 man ihn, bis sich endlich Einige aus der Gesellschaft seiner erbarmten und ihn befreiten. Man legte ihn auf eine Bank, wo er wie ein Sterbender liegen blieb. Die Angst hatte ihn beinahe getödtet. Fürwahr, der große Doctor Norbert ist ein tapferer Mann. ——— Werfen wir jetzt einen Schleier über diese Scene und diesen Schauplatz, auf welchen wir unsern Leser jedoch noch oft werden zurück führen müssen, und beschließen wir nunmehr unser Kapitel mit einigen ergänzenden, nachträglichen Bemerkungen über die Höhle der Genies und ihre Bevölkerung. Dieses Haus hieß die Höhle der Genies, weil sich in demselben eine Menge Leute versammelten, die unter sich einen Bund geschlossen hatten, von den Taschen, von dem Besitz, von der Ehre und von dem Charakter ihrer Nebenmcnschcn zu leben— und zwar durch wechselseitige Beihilfe.— Fast jede große Stadt hat ähnliche Gesellschaften auszuweisen. Wien, trotz seiner vortrefflichen Lokalpolizei und jener bis in's Kleinste gehenden Beaufsichtigung seitens der Behörden— ist an Verbindungen obiger Art vielleicht nicht so reich wie z. B. London und Paris(dieser klassische Boden für Bestrebungen im Fache der Gaunerei)— darum aber fehlt es an — 58— denselben dort auch nicht. Zeugniß davon geben manche Zeitungsnachrichten und das Gespräch des Tages, welches sich in gewissen Epochen fast einzig und allein um die zu gleicher Zeit in Häusern und auf offenem Glacis ausgeübten Beutelschneidereien gedreht hat.— Selbst die vorsichtigste Znvigilanz kann solche Gebrechen des socialen Körpers nie völlig ausrotten; sie vermag nicht eben so behend im Dunkeln zu schleichen, wie jene Rotten, und es ist damit beinahe wie mit dem Jesuitismus, welchem man, um ihn gänzlich zu vertilgen, einen eigenen Anti-Jesuitenorden entgegenstellen müßte, mit derselben Organisation und innern Oekonomie wie der wirkliche.— Mine— und Gegenmine! Man sieht im Volksgarten, auf dem Wasserglacis — in Schönbrunn— in Hitzing— in den Theatern — ja selbst in einigen Salons häufig dieses und jenes Individuum umherstolziren, welches wie ein großer Herr lebt— und man weiß nicht, woher er die Mittel dazu nimmt, noch woher er selbst kommt. Man wird zu Zeiten in ein Geschäft— eine Spekulation— einen Handel verwickelt, wobei man augenscheinlich im Vortheil ist, und erst nachdem das Geschäft abgeschlossen, sieht man, daß man betrogen wurde. Man macht im Kaffeehaus, auf Bällen und Landpartien die Bekanntschaft eines Mannes von gebil- 59 detem Geist und von den feinsten Sitten; er besucht uns und wir besuchen ihn; es entspinnt sich ein sehr intimes Verhältniß, eine Freundschaft wir sehen uns zuletzt mit tausend glänzenden Netzen umgarnt, können und wollen nicht loskommen; und erst nachdem man das Netz von uns weggezogen hat, gewahren wir, daß wir selbst das Metall hergaben zu seiner Vergoldung— und daß wir jetzt keines mehr herzugeben haben, selbst nicht zur Befriedigung unserer nothwendigsten Bedürfnisse. Fragt ihr, woher diese Leute kommen und wer sie sind? Sie kommen aus Häusern wie die Höhle der Genies und sind Leute wie die Insassen eben dieser Höhle. VI. Das Rencontre in Schönbrunn. Casimir ist, seitdem er sich von dem Doctor Norbert losgemacht hat, in das Zimmer zurückgekehrt, worin der kranke Wilhelm sich befindet. Das Kind ist wirklich auf dem Wege der Genesung und es ist jetzt außer Zweifel, daß jene Verletzungen blos oberflächlich waren. -„Weißt Du mir nichts von Deinen Eltern zu sagen?" fragte Casimir ihn nach einiger Weile. — 60— „O— ich habe eine gute Mutter... und einen guten Vater gehabt.... Sie gaben mir immer zu essen, wenn mich hungerte...." „Und Deine Schwester?" „Die trug mich oft auf dem Arme.... Sie ist so freundlich gegen mich!" „Wessen kannst Du Dich noch erinnern, mein Kind?" „Ich habe ein großes Pferd von Holz— aber es ist lebendig, und wenn ich mich darauf setze— dann springt es mit mir in die Höhe.... Aber...." „Aber? Rede weiter, lieber Wilhelm." „Ja— der alte böse Mann hat mir's weggenommen...." „Welcher Mann?" „Nun— bei dem ich hier wohne..... Du weißt ja, oder weißt Du es nicht?" „Was denn, lieber Kleiner. Sage mir Alles.— Dann sollst Du von mir auch Zuckerwerk bekommen — recht schöne Bilder— und andere Sachen...." „Was soll ich denn sagen?" „Wer der alte böse Mann ist, von dem Du sprachst..." „Ach— er ist recht schlimm" Casimir unterbrach ihn jetzt nicht mehr; die Kinder plaudern Alles allein aus; man verwirrt sie blos durch vieles Fragen. „Und—" fuhr Wilhelm fort:„als man mich 61 von Vater und Schwester wegnahm und zu ihm brachte — da— sagte er— da streichelte er mir die Wangen und sprach:»Sollst es gut bei mir haben, Wilhelm--..... Er hat aber gelogen, der häßliche Mann; ich hab' es nicht gut bei ihm gehabt; er hat mich geschlagen" „Und deshalb liefst Du ihm wohl davon, wie?" „Ja— ja— und ich lief von ihm weg, als er mich zuletzt— wieder schlagen wollte— und da lief ich— zu dem Pferde— und das— hat mich — auch geschlagen." Casimir wußte einstweilen genug. Er wollte das Kind nicht länger durch Fragen ermüden und ermähnte es jetzt, ruhig zu sein— gab ihm Spielsachen auf's Bette und eine Düte mit Bonbons. Wilhelm schien ein sehr gutartiges Kind. Er gehorchte jedem Befehl— und zeigte überdies, daß er's nicht aus stumpfem, sklavischem Gehorsam that, denn er war nicht ohne Verstand. Seine«Reden zeigten oft eine liebliche Naivetät und jenen keimenden Geist, wie er unter begabten Kindern angetroffen wird. Unser Freund beschloß, seine ganze Thätigkeit, ja sein ganzes Sinnen auf die Erforschung von Wilhelms Eltern zu richten. Es schien ihm hier ein tieferes Geheimniß obzuwalten, dessen Entwirrung ihm in seiner Gemüthslage Beschäftigung und Zerstreuung versprach. — 62— Ueberdies forderte sein Herz und sein Gewissen ihn hierzu auf. Er hatte sich eines unglücklichen Knaben angenommen— er betrachtete ihn als eine Waise und sich als dessen Vormund bis zu dem Augenblick, wo er ihn den Eltern würde zurückgeben können. Casimir machte sich nun selbst auf, verließ das Haus und wanderte sowohl bei den Behörden, wie bei seinen Bekannten umher, um Erkundigungen anzustellen. Leider blieben sie alle erfolglos. Dieser Knabe schien wie vom Himmel herabgeschneit. Niemand wußte Etwas von seinem Ursprung. Da ging der Beschützer desselben traurig nach Hause und versank hier allein und vereinsamt, abgeschnitten von aller Welt, wieder in jene Grübeleien, die ihn zuletzt zur Betrachtung seines eigenen Schicksals führten. A?er das war nicht lange zu ertragen und überdies wühlten die Leidenschaften so mächtig in seinem Herzen, daß sie den ruhigen Sinn untergruben und keiner Ueberlegung, keiner Contemplation mehr Raum gaben.— Nur wenn Easimir an den Knaben dachte und sich um dessen Schicksal bekümmerte, fühlte er einige Erleichterung—— er versuchte demnach, sich allein auf diesem Wege herzustellen, er nahm sich vor, durch derartige Thätigkeit sich anfangs zu betäuben, zu beruhigen, sodann zu sammeln, um 63 zuletzt zu einem erwünschten Entschluß mit sich selbst zu gelangen. Wilhelm jedoch bedurfte seiner zu Hause nicht. Er lag zwar noch immer im Bette— allein er hatte völlig mit seinen Spielsacheu zu thun und konnte daher unseres Freundes Gesellschaft leicht entbehren. Dieser ging demnach wieder aus und fing von Neuem an zu forschen. Sein Weg führte ihn durch die verschiedenartigsten Partien der innern Stadt und der Vorstädte. Er trat oft ganz zufällig in irgend ein Haus ein und fragte hier nach. Auf regelmäßige, berechnete Weise, das hatte er jetzt eingesehen, war nichts zu entdecken. Hatte ja selbst die Behörde ihre Nachsuchungen einstellen müssen. So kam Casimir eines Tages auch nach Schön- brunn hinaus. Dieser herrliche, köstliche, wahrhaft kaiserliche Garten umfing ihn mit seinen schattigen Alleen, seinen dunklen Boskets, seinen hellen duftigen Blumen, den tausend andern Schönheiten und großartigen Dingen.—— Casimir fühlte einige Erleichterung im Herzen, als er sich so mit der Natur allein sah und in traulichsten Verkehr mit ihr treten konnte. Nirgend zeigte sich eine lebende Seele— denn es war noch früh und hierher Pflegen sonst die Wiener erst des Nachmittags zu kommen. Er flog von einem Blumenbeet zum andern, barg sich bald in dieser, bald in jener Laube— betrat — 64— L 3-5? sodann die Waldhecken, und legte sich unter ihrem Laubdach ins hohe Gras, auf würzige Kräuter nieder. Warum aber war er nach Schönbrunn gekommen? Hier ließ sich doch nichts auskundschaften?— Gewiß; und er hatte auch nicht diese Absicht; er war hieher geeilt— nachdem er die naheliegende Vorstadt vergebens durchsucht hatte. Er war hier erschienen, um sich zu erholen, zu erfrischen. Erst jetzt merkte er, daß diese Einsamkeit ihm nicht wohlthue. Er fand sich abermals mit seinen Gedanken und Gefühlen allein— und diese fingen schon wieder an sein Herz zu plagen, seine Ruhe zu verscheuchen. Da glaubte er in der Ferne Stimmen zu vernehmen. Wie war er erfreut darüber! Jetzt befand er sich nicht mehr allein... jetzt hoffte er, daß noch mehr Leute kommen würden und daß er sich sodann unter sie werde mischen können.... Er ging den Nahenden entgegen. Noch sah erste nicht, sie befanden sich in der nächsten Allee und mußten erst um eine Ecke biegen, um zu ihm zu gelangen. Dieses geschah— eine ganze Gesellschaft stand jetzt vor seinen Blicken... aber als er sie jetzt schärfer ins Auge faßte, entfuhr ihm plötzlich ein leiser Schrei: es war Helene. Um sie herum befanden sich mehrere Damen und — 65— Herren, darunter Antonie und—— der Graf Lothar von Mühlendorf. Casimir stand wie eingewurzelt auf seinem Platz. Er wollte entfliehen und konnte nicht— er schien vollkommen gelähmt. So geschah es, daß die Gesellschaft ganz dicht an ihn herankam, und als sie ihn nun auch erkannte, da schien sich ein Erstaunen allgemein zu verbreiten. Jenes Flüstern trat ein, das für den Betreffenden so peinlich ist. Graf Lothar aber schlug ein Helles Gelächter auf und sagte zur Gesellschaft mit lauter Stimme:„Ah, das ist ja der edle Lebensretter jenes Knabens— der vortreffliche Menschenfreund! der Abgott des Volkes und der Hökerweibcr von Wien!" Helene wandte sich jetzt mit entrüstetem Tone zu ihren Begleitern:„Was sagen Sie dazu?— Augenscheinlich verfolgt mich dieser Mensch auch hier und ist mir auch hierher auf Schritt und Tritt gefolgt.— Diese Zudringlichkeit hat ihres Gleichen nicht— und ich muß auf ernstere Mittel denken, mich davon zu befreien..... Meine Herren," wandte sie sich sofort zu einigen jungen Leuten:„ich übertrage Ihnen meine Sache. Befreien Sie mich von der Gegenwart dieses Herrn aber auf eine Art, die von nachhaltigem Erfolg ist." Und gehorsam wie Lakeien— gingen Zwei, worunter der edle Graf, zu Casimir, indem die Gesellschaft mittlerweile umkehrte und den Weg zurücknahm. Geheimnisse. I.-z F W — 66- Die zwei Abgesandten redeten unsern Freund an: „ Mein Herr, wenn Sie die Worte des Fräuleins von Planen vernommen haben sollten" „Was beliebt?!" rief Casimir ihnen mit starker Stimme entgegen, und mit einer rauhen Art, die sich in diesem Momente seines ganzen Wesens bemächtigte, fuhr er fort:„Was wollt Ihr— armselige Leute?" Er maß sie von oben bis unten mit verächtlichem Blick. „Ihr Betragen," sagte Lothar,„schließt für uns eine zweite Beleidigung ein— und hoffentlich werden Sie uns dafür, so wie für jene, welche Sie an Fräulein Helene verübt, Rechenschaft geben „Rechenschaft?— Euch Rechenschaft?" rief er mit gellendem Lachen. „Uns, uns! Ja, uns!" tobte der Graf, dem diese Gelegenheit, wie es schien, sehr erwünscht kam, sich an dem jungen Manne, dessen Edelmuth ihn damals in so arge Klemme gebracht hatte, zu rächen. „Ah" erwiderte Casimir, auf ihn seinen durchdringenden Blick heftend,„das ist ja jener Mann, der an einem unschuldigen Kinde beinah zum Mörder ward. Wissen Sie, mein Herr.... daß das sehr herzlos, sehr schlecht war.... daß ich Sie deshalb in tiefster Seele verabscheue!... Easimir's Lippen bebten während er dieses sprach; augenscheinlich erstreckte sich sein Haß gegen den I-Ä! IM 67 Grafen noch weiter; er haßte ihn nicht nur von jener blutigen That her, sondern auch wegen der Verbindung mit Helene»; er glaubte mit dem scharfen Blicke, welcher Liebenden eigen ist, bemerkt zu haben, daß Lothar von dem Mädchen begünstigt werde. Ein hartes Zusammentreffen mit demselben war ihm beinahe erwünscht. „Ich denke," sagte der Graf,„daß jetzt zwischen uns nichts mehr vonnöthen ist, als die sofortige Bestimmung von Ort und Stunde zum Zwcikampfe." „Wohlan— ist Ihnen vielleicht dieser Ort hier und diese Stunde genehm?" „Sie scherzen. Ich gehöre gegenwärtig der Gesellschaft an, welche Sie soeben gesehen haben— und es hieße alle Schicklichkeit bei Seite setzen, wollte ich...." „Oh, oh! keineswegs! Ich denke darüber anders!" entgegncte Cafimir scheinbar ruhig, im Herzen aber von tausend Furien und ihrer Wuth gequält.„Wäre etwa ein andrer Grund vorhanden, der Sie veranlassen könnte, mein Anerbieten zurückzuweisen?" redete er mit einem Tone voll Hohns weiter. „Das ist unverschämt!" schrie der Graf. „Um so mehr werden Sie begreifen, daß die Sache sogleich ausgemacht werden muß." '„Zum Teufel— es sei!" tobte Jener, der sich nicht mehr halten konnte.... 5* MSSKWi - 68— „Aber es sind keine Massen vorhanden?" bemerkte der dritte Herr. „Dafür ist gesorgt.... Ich trage zufällig ein Paar Pistolen bei mir," versetzte Casimir. „So eilen wir denn!" „Fort, fort!" Sie begaben sich nach dem nächsten Waldstück und suchten hier einen Platz; dieser fand sich und die Gegner nahmen ihre Stellung. Beide brannten vor Wuth und Rachgier malte sich in ihren Zügen. „Wer hat den ersten Schuß?" rief der Graf. „Ich überlasse Ihnen denselben!" sagte Casimir, jetzt kalt und ruhig. „Wohlan, ich nehme ihn an— und glaube nicht, daß er geschenkt sei." „Schießen Sie!" „Sogleich." Der Schuß fiel.... Aber Casimir stand fest, ohne sich zu rühren. ,,Jetzt kommt die Reihe an mich. Nehmen Sie sich in Acht. Ich bin ein guter Treffer und gebe Ihnen noch sechs Schritte zu." „Ich bedarf Ihrer Großmuth nicht. Machen Sie ein Ende." „Wie's beliebt!" ^ Malten schoß und der Graf fiel mit dem Rufe: „Ich bin verwundet!" zu Boden.— 69— Unser Freund ging zu ihm und bot ihm seine Hilfe a,,.— Es fand sich, daß der Schuß blos den Arm getroffen hatte und also für das Leben des Ver- mundeten nichts zu fürchten stand. Casimir wollte sich schon entfernen, nachdem er Jenen der Fürsorge des dritten Herrn anvertraut hatte; noch aber hatte er den Fuß nicht weggesetzt, als sich Schritte vernehmen ließen und gleich darauf die ganze Gesellschaft erschien... Die Schüsse hatten sie herbeigelockt und nun lief Alles zu dem Verwundeten. „Herr von Malten," begann ein älterer Mann, „wissen Sie, daß Sie zwei Frevel auf ein Mal begangen haben? Sie haben sich duellirt und zwar im Garten des Kaisers...." Malten antwortete nicht, sondern drehte der Gesellschaft den Rücken und entfernte sich mit langsamen Schritten. Da hörte er die Stimme Helenens und blieb plötzlich stehen. Helene hatte sich zu dem Grafen hinabgcbückt und erkundigte sich angelegentlich nach dessen Befinden; dann stand sie auf und so groß war ihr Zorn, daß sie sich nicht enthalten konnte zu sagen: „Dieser Elende... scheint nur zur Qual und zum Zorne der andern Menschen zu leben. Er verdiente auf eine ganz andere Wehe gezüchtigt zu werden, als durch ehrliche Waffen. Das wäre auch 70 das einzige Mittel, ihn von seinem Wahnsinn zu heilen; denn ein Wahnsinniger ist er ebensowohl wie ein Nichtswürdiger.... Einer, dem schon die Natur das Brandmal aus die Stirne gedrückt, indem sie durch seine abscheulichen Gesichtszüge auf seine verabscheuungswürdige Seele hinwies/' Das hatte Helene gesagt— Worte, die nie über die reinen Lippen eines edlen Weibes kommen sollten. Aber bei ihr war es ja anders. Ihr Adel stand blos im Briefe geschrieben.—— Doch so ist die Welt! und dergleichen muß der würdige Mann oft von einem ganz erbärmlichen Geschöpf in Glanz und Seide anhören.... Casimir hatte hierauf keine Antwort. Nachdem er einen tiefen Seufzer ausgeftoßen, entfernte er sich stumm, wie er stumm Alles mit angehört hatte. Die Gesellschaft aber nahm den Verwundeten in ihre Mitte, trug ihn zum Wagen und ließ diesen nach der Stadt fahren in die Wohnung des Grafen, der von zwei seiner Freunde begleitet wurde. „Was sagen Sie dazu?" fragte eine Dame. Helene war in tiefem Sinnen und antwortete erst: nach einer Weile?„O— es ist schändlich! Ein solcher Mensch!— Ein wahrer Räuber— ein Bandit...." :„Und häßlich wie ein Pavian!" bemerkte ein Herr. „Daß er es noch wagt, auszugehen— mit seinem abschreckenden Gesichte...." — 71- „Er verscheucht sogar die Vogel...." „Nur die Hökerweiber finden ihn reizend.... Hahaha!" „Man sollte ihn bei Gelegenheit eines Krieges statt eines Armeekorps gebrauchen," meinte ein witziger Jüngling:„der Mensch schlägt mit seinem Gesichte den tapfersten Feind in die Flucht." „ Nein, diese Vermessenheit! Es ist augenscheinlich, daß der Nichtswürdige mir abermals nachgeschlichen ist," sagte Helene.„Wie groß muß die Albernheit dieses Menschen sein, der sich einfallen läßt zu glauben, eine Dame, und sei es die Häßlichste, werde ihn je erhören." „Ja, es ist sonderbar. Und wie ich vernahm, so hat Herr von Malten schon zahllose Lektionen auf diesem Felde erhalten, ohne deshalb gebessert worden zu sein.— Er hat sich vor zwei Jahren um die Neigung eines mir bekannten Fräuleins, das keineswegs zu den»H elenen« gehört,"(die Sprecherin kannte das Lobhudeln aus dem Fundament)„beworben....und ist ebenfalls abgewiesen worden." So wurde noch Mancherlei hin und her gesprochen, das immer auf die Erniedrigung unseres armen Freundes hinauslief, als mit einem Male die ganze Gesellschaft, wie von demselben Gefühle ergriffen, stehen blieb und einhellig fragte: „Aber— wo ist denn Fräulein Antonie?" 72 Sie fehlte in der That. Man eilte zurück— und auf dem Platze des Duells angelangt, fand man sie hinter einem Bosket in tiefer Ohnmacht. Helene sprach dabei zu sich:„Ich errathe. Ich wußte es schon längst. Das Gänschen— ist in den Grafen vernarrt!" VII. Neuer Schmerz. Neuer Spaß. Herr und Madame Nus- bergcr. Der Baron von Trcfengrcif. Lasten wir diese Leute fetzt, um uns mit unserem Freunde Casimir zu beschäftigen, der sich, seit wir ihn aus den Augen verloren haben, aus dem kaiserlichen Garten entfernt hat, um die naheliegenden Berge zu ersteigen und auf einem Umwege nach der Stadt zu gelangen. Ach— das, wovon sein Busen setzt erfüllt war, beugte ihn so sehr nieder, daß er nicht die Kraft behielt, seinen Gang so rasch, als er sich's vorgenommen hatte, fortzusetzen. Er war gezwungen, sich auf den Rasen niederzulassen und frischen Athem zu schöpfen— in dieser klaren aber harten Bergluft. Das also mußte ihm auch noch widerfahren!— War er nicht schon hinlänglich gedemüthigt, erniedrigt, getreten von dem Fuße eines Mädchens, dem er früher seine heiligsten Empfindungen, sein 73 ganzes reiches Gemüth, sein edles und still erhabenes Leben zum Opfer bringen wollte?! Wie wenig kannten ihn diese Menschen! Er, der so hoch über ihnen allen stand, wie die Zeder über dem Dornengestrüppe— er mußte sich von ihnen verhöhnen und verlachen lassen. Er, der dieses Mädchen geliebt hatte mit dem Herzen eines Engels und der Kraft eines ganzen, eines starken Mannes— mußte sich von ihr weggeschleudert sehen, wie ein schlechtes, unnützes Ding, das man aus dem Fenster auf die Straße unter den Kehricht wirft. Und Alles dies blos weil sein Gesicht häßlich war. O fürwahr! die Schönheit des Körpers ist eine Himmelsgabe, von Jenen nicht genugsam geschätzt, die sie besitzen. Sie ist ein Freibrief für alle Güter, alle Erstrebnisse in dieser Welt. Vermittelst derselben kann man Alles erringen— Liebe, Ehre, Gold, Ruhm und Glück. Alles?— Ist das Alles?— Ist das nur Viel? Ist es etwas wahrhaft Würdiges, Edles und Großes?.... O nein. Gold, Ehre, Liebe, Ruhm und Glück— was in der Welt gewöhnlich so heißt, sind nur be- gehrenswerthe Sachen für jenen Armseligen, dessen Herz hohl, wenn auch sein Gesicht glatt ist. Der wahre Mensch, der echte Mann ringt nach andern Gütern.... 74 Hätte Easimir das jetzt überlegen können! Er würde rasche Beruhigung empfunden haben und nichts hätte ihn mehr bedrückt. Allein er lebte in einer Periode, der auch der Beste seinen Tribut abtragen muß. Wir sind eben Menschen, Erdensöhne, halb Gott und halb Wurm. Auf eine reine, klare, geläuterte Höhe hat sich noch Keiner geschwungen. Aber wir können nach ihr streben— wir können den steilen Berg hinanklettern und auch wirklich bis zu einer gewissen Nähe des Gipfels gelangen..... Die Pfade dahin sind jedoch dornenvoll und ihre Stacheln dringen nicht allein in den Fuß, sondern auch durch's Herz. „Wer lebt, wer webt da im Sonnenschein," sagt ein englischer Schriftsteller,„und darf sich rühmen, nicht ein einziges Mal im Sumpfe der Leidenschaft gestanden zu haben, sei's auch nur bis zum Knöchel?" Obgleich Casimir still und lautlos fortgegangen war von seinem besiegten Gegner, so hatten gleichwohl die Worte, welche Helene gesprochen, seine Seele bis auf ihren Grund erschüttert. Noch niemals hatte er so viel gelitten, wie jetzt; noch nie eine solche Last von Schmerz und Leiden tragen müssen. Sie drückten auf sein Haupt, wie die Welt auf den Nacken des Atlas. Aber er war kein Atlas; er war ein armer, unglücklicher Mensch. Ja, er hatte Helenen geliebt— bis zu dem 75 Augenblicke noch hatte er sie geliebt, da er zuletzt mit ihr zusammentraf. Zwar redete er sich immer ein, daß dem nicht so sei— aber damit belog er sich nur selbst. Erhalte sich damals ja vorgenommen, diese unsinnige Leidenschaft aus seinem Herzen zu reißen und.... nichts war bisher geschehen. Alles, was er gethan, bestand, wie wir wissen, darin, daß er die. Stimme seines Busens durch andern Lärm zu übertäuben, oder zu zerstreuen suchte durch Thätigkeit.... Das aber war blos ein Palliativ, wie wir ebenfalls erfahren haben. Nun lag er da, stöhnend, seufzend, verzweifelnd. Niemand sah ihn, als die Wolken über ihm und die Wipfel der Bäume. Die Gräser lauschten seinem Schmerz und die Feldblumen schienen traurig ihre Köpfchen ihm entgegen zu neigen.... Die Natur um ihn war ernst, fast düster; sie schien ihn zu verstehen.— Da flössen Thränen der Rührung über seine Wangen.... aber sie versiegten bald vor den neu erwachenden Qualen des Herzens. Lange lag er da— bewegte sich nicht von der Stelle. Ohne Speise und Trank brachte er beinahe den ganzen Tag hier zu. Erst gegen Abend erhob er sich und ging langsam, mit schwerem Haupte und zerrissener Seele nach Hause. Um Mitternacht langte er in seiner Wohnung an und verbrachte die übrigen Stunden bis zum Morgen theils im Fieber der Leidenschaften und theils in jenem des Körpers. Aber als die Morgensonne aufging— da leuchtete sie auch in seine Seele hinab: er hatte den festen Entschluß gefaßt, diese Liebe bis auf ihren letzten Nest in sich zu unterdrücken, zu vertilgen, und nach den ausgestandenen Leiden glaubte er hierzu hinlängliche Kraft zu besitzen. An diesem Morgen trat Wilhelm, der kleine Schützling, zu Casimir in's Zimmer und bewies ihm, daß er jetzt wirklich ganz gesund sei. Unser Freund ging mit ihm in den Garten hinab— und später verließen sie Beide das Haus. Sie begaben sich auf einen Spaziergang um die Stadt und nun sollte Wilhelm sagen, ob er sich irgend eines Platzes erinnern könnte, der ihm noch von früher im Gedächtnisse war. Aber die ganze Stadt war ihm völlig fremd— oder aber er hatte Alles vergessen. Ein Mann begegnete ihnen und lud sie>in, mit ihm das Wafserglacis zu besuchen, worein Easimir sogleich willigte. Er kannte den Mann von früher her, als er noch indessen Hause gewohnt hatte.— „Es ist heute ein schöner Tag, nicht wahr, lieber Herr von Malten?" „Ja— ein erquickender Tag!" sagte der Arme, die Hand auf seine Brust legend. „Sie sehen ein wenig angegriffen aus— Wie? 77 Was?— Hätte ich's errathen. O, Sie wissen, ich bin im Errathen ziemlich stark." „Ich schlief in der vergangenen Nacht etwas unruhig... „So, so— Ah, ich verstehe.... Hehe!.... Sie haben Sorgen.... Sorgen.... diplomatische Sorgen.... O, ich weiß, Sie wollen hoch hinauf.... trachten nur nach Ruhm...." „Sie haben es errathen." „Ja, ich errathe Alles. Ich könnte sogar die Nummern, welche nächstens in der Lotterie gezogen werden, errathen.... Allein ich will nicht.... Ich bin ein guter Patriot. Der Staat braucht Einkünfte." „Gewiß.... Herr Nusb erger...." „Aber wo bleibt denn meine Frau so lange?— Sie versprach doch bald nachzukommen.... Sie hat sich wahrscheinlich in der Küche ein wenig verspätet.... Sie wissen, meine Liebste ist eine gute Hauswirthin.... Ohne Zweifel will sie mir heute Abend eine Lieblingsspeise bereiten.... Fricasss mit kleinen Schwämmchen.— O, ich errathe Alles...." Bei diesen Worten blickte der dicke, wohlgenährte Herr Nusberger, der einen echten Wiener Spießbürger vorstellte, zurück, und rief nun:„Ach, da kommt sie ja-!... Wie sie Wort hält!... In fünf Minuten, sagte sie, bin ich bei Dir—" Er zog seine Uhr:„Und es sind netto fünf Minuten." — 78— In diesem Augenblicke hatte die nicht minder dicke Ehehälfte Herrn Nusberger eingeholt.....„Nun, bin ich nicht rasch auf den Beinen!— das fliegt nur so.... Aber, Du bist ja nicht allein— Putzi," (so nannte die edle Dame ihren Gemahl im vertraulichen Umgänge)—„Ah— jetzt seh' ich: Herr von Malten! Ihre Dienerin, Herr von Malten .... Wie freut es mich...." „Ihr Diener, Frau von Nusberger Ihr Diener!" „Ich habe dem Herrn von Malten Alles erzählt," begann der Dicke wieder:„O er darf es schon erfahren.... Er weiß, daß ich Alles errathe; z. B. was Du so lange in der Küche gethan, Mutzi." (So nannte er sie.) „Ja, ja, Ihr Herr Gemahl war voll Lobes— als er von Ihnen sprach, gute Frau von Nusberger— er sagte mir, daß Sie soeben in der Küche...." „Pfui! Er wird es doch nicht erzählt haben!..." „ O, ich errathe Alles!" „Aber— Du kannst doch nicht wissen, Putzi, was ich in der Küche zu schaffen hatte?...." „Freilich, freilich, Mutzi.... Ich weiß, daß Du mir für den heutigen Abend ein Fricass«...." „Fricasss?!— Da fricasirt sich nichts. Weißt Du, was ich zu Hause gethan?... Ich habe Etwas eingenommen gegen die Unverdaulichkeit, an 79 der ich seit gestern leide," flüsterte sie ihm in's Ohr, jedoch hinlänglich laut, daß es auch Malten hören konnte, der darüber in ein Gelächter ausbrach. „Ah, das schadet nichts," meinte Herr Nus- berger.„Dies ist das einzige Mal im Leben— daß ich mich geirrt habe. Sonst errathe ich Alles.... Allein, da sind wir ja schon aus dem Wasscrglacis. O— heute spielt gewiß der Fahrbach hier.... Ich errathe das. obwohl die Musik noch nicht da ist.... Sie werden jedoch sehen...." Kaum daß er dieses bemerkt hatte, erscheint ein Orchester mit Morelli an der Spitze.... und der Dicke ruft nun:„Teufel, es ist nicht Fahrbach! Es ist jedoch das erste Mal, daß ich mich in dieser Hinsicht getäuscht habe.... Allein jetzt wollen wir uns niederlassen..» „Ich gehe noch ein wenig spazieren," versetzte Malten, um sich von dem Ehepaar loszumachen. O, dann gehen wir mit Ihnen— nicht wahr, Mutzi?" „Ja, Putz:..." „Sehen Sie, sie thut Alles, was ich verlange. O, sie ist eine musterhafte Hausfrau." „Putzi— lobe mich nicht so sehr in meiner Gegenwart.... Du weißt, ich kann das nicht leiden...." „Wie gefällt es^Jhncn hier, Herr von Malten? Dies wäre ein schöner Tisch." 80 „Ich will Bewegung machen." „O— auch wir! Nichts geht über die Bewegung. Wir spazieren alle Tage eine Stunde umher." „Ja," versetzte die Ehehälfte;„seit acht Tagen sind wir nicht aus dem Hause gekommen...." „Mutzi— sei doch vernünftig!" versetzte er leise. „Was meinen Sie, Herr von Malten.... Wer sitzt in jener Equipage? Ich wette darauf, es ist die Fürstin von Grazöalkowits." „Equipage— Putzi? Es ist ja der Todtcnwagen." Putzi setzt seine Brille auf:„Richtig, Du hast recht. Sonst aber errathe ich Alles im Voraus. Ich brauche es gar nicht zu sehen." Malten reißt sich endlich los, indem er einem Fiaker winkt, der eben mit leerem Wagen vorbei kommt. Aber auch jetzt wollen die zwei dicken Eheleute ihm folgen.... Putzi hat schon den Fuß auf den Tritt gesetzt. „Entschuldigen Sie— der Wagen faßt nur zwei Personen." „Ah, Herr von Malten.... Sie wollen allein sein.... Ich wußte das längst.... allein...." Der Wagen fährt weiter und Putzi sagt zu seiner Frau: „Ich errathe, wohin der Herr von Malten fährt. Nach dem Volksgarten." Der Wagen schlägt indeß den Weg nach dem Pratcr ein. 81 Eine Stunde später bringt er Casimir und den Knaben wieder nach dem Wasserglacis zurück. Unser Freund sieht sich überall um, damit er nicht abermals mit dem ehrenwerthen Paare zusammenstoße. Er wählt einen sehr entfernten Tisch und läßt dem Kleinen Eis und Bisquit vorsetzen. Aber kaum hat er auch für sich Etwas bestellt, als er hinter je nem Rücken die wohlbekannte Stimme vernimmt: „O, ich wußte es wohl— daß Sie zurückkehren würden. Ich sagte es meiner Frau vorher. Herr von Malten, sagt' ich, läßt sich nach dem Volksgarten bringen... aber es wird ihm dort nicht gefallen... und er kommt wieder hierher...." Herr Nusberger und seine Dame stehen vor Casimir.— Jedes von ihnen hält ein großes Stück Kuchen in der Hand.... Mutzi hat auch noch eine Kaffeetasse, worein sie ihren Kuchen taucht, indem sie sagt: „Der Kaffee ist hier sehr gut.... aber ich mache ihn zu Hause doch noch besser...." „Ja, Du machst ihn viel besser— Mutzi.... ich kann diesen da gar nicht trinken...." „Freilich— Du hast ja nur sechs Tassen geleert.... und ich zehn." Casimir, ohne ein Wort zu sprechen, verläßt den Tisch und setzt sich an einen, wo nur noch zwei Plätze Geheimnisse. I. tz 82 frei sind; die übrigen sind bereits von einer Gesellschaft eingenommen. In derselben befand sich auch ein noch ziemlich junger Mann von sehr gefälligem und ganz vornehmem Aeußeren. Er trug das rothe Band der Ehrenlegion im Knopfloch und einen schönen, werthvollen Solitär am kleinen Finger... Casimir glaubte diesen Herrn bereits irgendwo gesehen zu haben; seine Gesichtszüge schienen ihm so bekannt. Endlich erhebt sich der Fremde, unsern Freund grüßend, von seinem Sitze. „Sie kennen mich wohl nicht mehr, Herr von Malten?" „Ich entsinne mich doch noch— allein—" „In Wiesbaden, vor einem Jahre, sahen wir uns Tag für Tag.— Nicht wahr, jetzt erinnern Sie sich? Sie wissen— dort im Park—" „Ach!" rief Casimir.„Richtig! So ist es!— Wir trafen uns sehr häufig. Jetzt bin ich vollkommen im Klaren. Nun wahrhaftig, es gereicht mir zu großem Vergnügen, Sie hier wieder zu treffen. Führen Sie Geschäfte hierher? Werden Sie sich lange in Wien aufhalten?..." „Wohl nur einige Monate...." Der Fremde firirte jetzt rasch und mit sonderbarem Blick den Knaben:„Sie haben da ein liebliches Kind an der Hand. Sind Sie denn verheirathet?..." „Keineswegs. Es ist ein angenommenes Kind." 83 Jener Andere dämpfte während des Gesprächs seine Stimme, was unserem Freunde äußerst angenehm war, denn die übrigen Anwesenden, unter denen mehrere sehr loyale Spießbürger, spitzten die Ohren .... und dann, wie Casimir jetzt gewahr wurde, hatten Mutzi und Putzi wieder ganz in der Nähe Platz genommen.... „Wie gefallen Sie sich in Wien— Herr Baron?— denn irre ich nicht, so muß ich Sie so nennen...." „Sie sind sehr gütig, sich meines Namens noch zu erinnern. Baron von Tiefengreif.... Es behagt mir hier ausnehmend wohl; die Stadt ist großartig und dabei gesellig, in der schönsten Bedeutung des Wortes... Allein dürft' ich Sie vielleicht fragen, ob auch Sie hier wohnen?— Sie hatten einmal, wenn ich nicht irre, Lust, Wien zu verlassen..." „So ist es— und ich weiß nicht— ob—" „Nun?" „Ob ich diesen Plan nicht recht bald ausführen werde." Der Fremde schien von Zeit zu Zeit, aber nur dann, wenn Casimir es nicht beobachtete, Blicke nach Wilhelm und in die Umgebung zu werfen. Augenscheinlich erwartete er Jemand. Jetzt mit einmal, so als hätte er sich irgend eines frühern Vorfalls erinnert— rief er, mit an ssich 84 haltender Stimme:„Allein wir waren ja Freunde .... Nun fällt mir Alles ein.... Das Frühere war auf einen Augenblick meiner Erinnerung erblichen; doch da kommt sie wieder. Ja, wir waren Freunde— unsere Bekanntschaft reichte damals hin, ein Band zu knüpfen... das... doch dieser Platz hier ist fatal!... Man wird allenthalben beobachtet...." Casimir war ein wenig in Gedanken versunken und erstaunte daher nicht, als er jetzt den veränderten Ton den Barons vernahm. Wirklich hatten Beide während ihres Aufenthaltes zu Wiesbaden in naher Berührung, wenn gleich blos kurze Zeit gestanden... „Ja, ja," sprach Malten,„wir waren dort Freunde.... Nun, seien wir es auch wieder hier .... „Jedoch.... der Zwang an diesem Orte fängt an lästig zu werden. Wollen wir nicht" „Weiter gehen? mit Vergnügen.... Komm, Wilhelm!" „Aber ich habe mein Bisquit noch nicht aufgegessen...." „Du kannst es mitnehmen...." „Dann— gehen wir, lieber Freund!" Diesen Namen gab das Kind seinem Wohlthäter. Sie standen auf und entfernten sich von dem Platze. Aber kaum waren sie einige Schritte weg, als Herr und Frau Nusberger ihnen entgegen kamen und der dicke Mann lächelnd ausrief: „Ah— Sie verlassen das Wasserglacis schon?— Gewiß machen Sie eine Promenade auf der Bastei. O, ich errathe Alles—" „Adieu, Herr Nusberger!" Aber die beiden Eheleute schrien so laut, daß man's überall hören konnte:„O— wie schade! Jetzt kommen gerade die schönsten Leute hierher.... Es wird sehr lebendig werden! bleiben Sie doch hier! Setzen Sie sich zu uns... „Ich kann nicht— dieser Herr— ein Freund von mir.. „Ah, ein Freund! Ich errathe. Ein Busenfreund! Sie sind gewiß in demselben Orte geboren.... Auch verwandt! Man sieht es in Ihren Gesichtszngen. Doch sollen wir Sie vielleicht begleiten?... Mutzr hat zu viel Kuchen gegessen. Ein Spaziergang könnte ihr nicht schaden...." „Du hast mehr Kuchen gegessen, als ich, Putzi." „Aber die fette Nahmtorte hast Du fast allein aufgezehrt..." „Nein— nein— Du nahmst die Hälfte..." Du hättest sie wohl ganz allein gegessen.... Pfui, Mutzi!" „Im Gegentheil— Pfui, Putzi!" „Warte nur bis wir nach Hause kommen.... dann...." 86 „Ja dann— will ich Dir's schon..." „Und ich Dir.... Abscheulicher, alter Bär." „Du... Bärin..." „Du— schändlicher Mensch.... hier vor allen Leuten..." „Ja, sie sollen es— Alle erfahren.... daß Du.... mich noch arm essen wirst...." „Oder— Du mich.... hi, hi, hi.. Die Alte fing jetzt an zu weinen. „Da weint Sie schon wieder... Nun, Putzt ... sei ruhig... Ich meinte es... nicht so..." Während die würdigen Eheleute sich streiten, hat sich Casimir mit seinem Freunde und Wilhelm entfernt... Sie sind schon lange weg, als Nusberger ausruft:„Komm, wir wollen nach der Bastei gehen! Ich wette drauf, daß Herr von Malten dort ist— und wir holen ihn noch ein." Malten ging indeß mit seinen Begleitern um die Stadt, nämlich auf dem Glacis. vm. Ein gestörtes» tete. Man hatte damals, als Antonie im Garten zu Schönbrunn in Ohnmacht gesunken war, sie aufgehoben, worauf sie wieder bald zu sich kam. Aber sie 87 sprach auf dem ganzen Wege nichts mehr; sie schien sich blos mit ihren Gedanken und dem Erlebten zu beschäftigen, was nicht nur Helene, sondern auch die andern Gleichgesinnten zu manchen Bemerkungen und oftmaligem Lachen bewog. Man ließ die Arme indeß gewähren. Dabei verlor man ja nichts. Helene jedoch, so sehr sie sich auch selbst einredete, gleichgiltig dabei zu sein, ärgerte sich gleichwohl im Stillen und ließ dies später ihrer sogenannten--Freundin-- durch manches Wort, durch manche Aeußerung empfinden. Man kürzte den Ausflug bedeutend ab. Noch vor Mittag langte man in der Stadt an.... und so« gleich trennte sich Antonie von der Gesellschaft, indem sie beschloß, sich in ihrer Wohnung der Einsamkeit hinzugeben. Hier zerfloß sie in Thränen und Klagen um den — geliebten Grafen, dessen Leben sie sich als in großer Gefahr schwebend dachte. Sie wollte sogar an ihn schreiben— ja selbst ein Besuch bei ihm schien ihr in dieser äußersten Lage nicht zu sehr gewagt. Sie begnügte sich jedoch endlich damit, daß sie ihren Diener zu ihm sandte, um nach seinem Befinden zu fragen. Sie lebte völlig neu auf, als günstige Berichte kamen. Von Helenen wissen wir offenbar, daß sie in der — 88— That ebenfalls in den Grafen verliebt war, jedoch nach ihrer Weise. Das Herz schien daran den möglichst geringen Antheil zu haben— und die Phantasie oder vielmehr die Eigenliebe vertrat dessen Stelle. Die Wunde Lothars war so unbedeutend, daß sie ihm schon zwei Tage später erlaubte, auszugehen und zwar ohne Schleife oder andere Beihilfe. Blos ein wenig blaß sah der Reconvalescent aus— und das war ihm sehr lieb. Mit dieser Blässe— einem bedeutenden Rüstzeug— bewaffnet, stattete er seinen ersten Besuch im Hause des Herrn von Plauen oder eigentlich in jenem seiner Tochter ab, denn, wie er zu sich sagte: „Man muß für die bewiesene Theilnahme erkenntlich sein." Helene sah jedoch den eigentlichen Grund seines Kommens sehr gut ein und freute sich darüber, wie dies eine Kokette in solchen Fällen niemals unterläßt. Man sprach in Gegenwart des alten Herrn von tausend unnützen Dingen, und dieser, der vielleicht zu vernünftig war, um sich daran zu erbauen, ließ seine Tochter mit dem Grafen bald allein.— Nun fing der Letztere an mit seinen Absichten langsam herauszurücken— fand jedoch an Hclencn nur eine leidenschaftlose Auslegerin derselben. Sie bemühte sich nämlich, es zu sein, und peinigte den edlen Kavalier auf entsetzliche Weise, so daß dieser zuletzt ausrief: 89 „Sie sind grausamer als eine Blume.... die auch nur schön ist und duftet und blüht, aber nichts empfindet...." „Das Gleichniß ist nicht recht gewählt, lieber Graf.... die Blumen empfinden wohl; z. B. die Sensitiven" „Eine Sensitive!.... Eine stolze Rose— eine kalte Tulpe sollten Sie lieber sagen, mein Fräulein." „Oder gar eine Nelke— eine Camellie— eine Dahlie... O lassen wir ab von diesem Blumen- und Schäferspiel. Es ist ziemlich langweilig!— Sprechen Sie mir lieber von einer Neuigkeit. Was haben Sie in der Stadt gehört? Mein Gott, es ist diesmal so trocken, so öde in der Gesellschaft!— Eine wahre Sandwüste!— Was macht z. B. Fräulein Antonie?..." Hierbei lächelte sie. „Wie kann ich das wissen, mein Fräulein? Sie stellen mir da eine Frage...." „Die Sie doch nicht überraschen wird?— Hat die Gute nicht wieder einen Ambassadeur an Sie abgesendet?"— „Sie erfuhren es also?— Ach!" lachte nun auch er;„das Fräulein war so gütig, sich nach meinem Befinden zu erkundigen...." „Gestehen Sie nur, daß es von ihr sehr menschenfreundlich war!" „Gewiß!" „Und— etwas komisch!" „Vielleicht!" „Lächerlich!" „ Sie sind entsetzlich!" „Kurz abgeschmackt und einfältig. Hahaha! Hahaha!" „Wahrlich, Sie haben Recht!" stimmte er ein; „ich wußte selbst nicht, was ich daraus sonst machen sollte.... als daß ich lachte.... und...." „Sich dabei dachten:»diese Antonie ist albern— wie— nun gleichviel wie?"— Hahaha! Hahaha!" „Hahaha!" Die zwei Personen machten sich hier über das arme Mädchen auf eine ganz närrische Weise lustig. „Ich habe schon lange nicht so herzlich gelacht." „Ich ebenfalls nicht.... mein Fräulein.... Hahaha!" Und sie fingen wieder von vorn an. Sodann kamen sie auf Malten, dem sie alle erdenkliche Titel und Prädikate beilegten. Sie hatten Beide eine wahre Wuth gegen ihn, und man wußte nicht, wer hierin den Andern übertraf. Graf Mühlendorf schwor, sich an ihm noch eine Genugthuung zu verschaffen, wobei jedoch nicht er, Lothar, der leidende Theil sein sollte. Helene redete ihm dieses aus— drang in ihn, sich mit jenem Menschen nicht weiter einzulassen, und bat zuletzt so sehr, daß Lothar keinen Augenblick 91 mehr zweifelte, ihr Herz spräche jetzt zu seinem Gunsten.— Er benutzte sofort diese Gelegenheit und lenkte seine Worte wieder nach dem beliebten Ziele.... allein Helene ward mit einem Male kalt, gefühlloser als ein Stein, was den Grafen zwar zurückschrecken sollte, ihn jedoch, vermöge eines eigenthümlichen Widerspruchs, nur noch glühender, dringender und ungestümer machte, so daß er im Taumel seines Gefühles die Hand Helenens dermaßen an seine Brust drückte, daß diese laut aufschrie.... In demselben Momente trat— Antonie zur Thür herein. Das war ein Intermezzo! Es schien, als seien plötzlich vom Himmel Ströme Wassers herabgestürzt .... um allen Dreien ein kaltes Bad zu bereiten. Sie verstummten sämmtlich.... Nach einer kurzen Pause aber trat Antonie mit einem verhallenden Schmerzensruse in die Thüre zurück und verschwand. Helene jedoch raffte sich sogleich auf— lief ihr nach— rief sie zurück; von Antonie war nichts mehr zu sehen. Es war zu spät. Sie hatte das Haus verlassen. „Das war sehr kühn— und sehr— ungeschickt von Ihnen!" zürnte das Fräulein. „O— Helene... entschuldigen Sie mich! Aber Sie wissen nicht, wie es hier in meinem Herzen..." „Sie, Sie, wissen nicht!— das heißt, Sie wissen sich nicht zu benehmen. Mich an der Hand zu fassen 92 Wie ein thörichter Mensch, ein Wahnsinniger.... und das in einem Augenblicke, wo diese Dame erscheint." „Aber konnt' ich es denn voraussehen?...." „Gleichviel.... Sie hätten es überhaupt nicht wagen sollen...." „Ah, Il'a.... ich bekenne mich gern schuldig. Nur zürnen Sie mir nicht zu sehr. Lassen Sie mich hoffen, daß...." „Schweigen Sie, mein Herr, und wenn Sie mir einen Wunsch erfüllen wollen, so verlassen Sie mich sogleich." „Fräulein!— Helene!" „Sie verlieren den Kopf!—— Wissen Sie denn nicht, daß dieser Vorfall mir Unannehmlichkeiten bereiten... mich dem Gespött preisgeben kann? Machen Sie Ihre Tollheit wieder gut. Eilen Sie jener Närrin nach.... Reden Sie Ihr es aus... sonst erzählt sie die Geschichte überall." „Sie könnte so boshaft sein— diese Antonie?" „Diese Antonie ist nicht boshaft, aber sie ist albern, dumm; man muß sich in Acht nehmen.... Darum fort, fort!" „Ich gehorche Ihrem Befehl! Ich gehe.... Aber was werde ich ihr sagen?" „Und darum fragen Sie mich?" „Nun ja doch; verzeihen Sie mir. Ich bin noch ganz besinnungslos.... die Leidenschaft.... die Liebe.... doch ich verrathe mich.... gleichviel... 93 Sie wissen doch schon Alles.... Also fort, zu dem Fräulein! Ich werde meine Sachen gut machen, sein Sie davon überzeugt... Ihre Hand, mein Fräulein!" „Da— und jetzt eilen Sie!" „Auf Wiedersehen!" Er war verschwunden. Helene legte die Hand an ihre Stirn:„Sollte ich wirklich schon gefangen sein?.... Dieser Mensch ist gefährlicher, als ich dachte.... Er ist hübsch, glänzend und gefühlvoll .... Pah!" rief sie nach einer Weile:„da wäre es ja bald um mich geschehen! Ich darf mich durch nichts bestechen lassen.... die Männer verdienen es nicht... Künftig will ich wieder stark sein... Wenn er seinen Auftrag nur gut ausrichtet." Jetzt ging Helene in ihr Boudoir, klingelte ihrem Mädchen, ließ sich ankleiden— und begab sich in Gesellschaft. IX. Scene bei einer Gräfin; bei Antonie; auf der Straße u. s. w. Es war das Haus irgend einer Gräfin, wo Helene vorfuhr. Der Salon war heute ziemlich besucht, jedoch hatten sich beinahe nur Damen eingefunden, da die eigentliche Stunde der Soiree in Wien, wie anderswo, erst nach dem Theater beginnt. — 94— Als Helene eintrat, fand sie das Gespräch in vollem Gange, denn ein reicher Stoff bot sich demselben dar, und dieser Stoff war— Malten. Man sprach über das Kind, dessen Retter er geworden und das er seither bei sich hielt. Man muthmaßte mit jener unverschämten und Verstandesleeren Ironie, welche bei solchen Gelegenheiten sich breit zu machen pflegt: „Dieser Herr von Malten muß demnach die Herkunft des Knaben ganz und gar nicht kennen— wie er erklärt. Natürlich, man gibt sich um ganz unbekannte, wildfremde Kinder so viele Mühe, man setzt sich ihretwegen in Lebensgefahr.... und zuletzt erzieht man sie noch im eigenen Hause...." „Jedoch," warf eine Dame ein,„wage ich hier die Bemerkung, daß»Herr Casimir« eine so große Aufmerksamkeit unserer Seits gar nicht verdient... Die letzte Affaire im Garten des kaiserlichen Lustschlosses...." Jetzt war Helene an ihrem Platze. Purpurroth, aber nicht aus Scham, ergoß sie sich in eine Suade von Ausdrücken, welche sämmtlich auf den armen Abwesenden gemünzt waren. Darauf wurden auch von den Andern in beliebter Manier wieder die Eigenschaften von Malten's Physiognomie zergliedert, das Ganze aber mit mannigfachen Witzen beschlossen, und hierin thaten es die Häßlichen den Schönen noch zuvor, weil es eine alte Taktik der Ersteren ist, hierdurch die Aufmerksamkeit 95 von ihren eigenen werthen Gesichtszügen abzulenken, wiewohl sie damit häufig gerade das Gegentheil erzielen. Wir lassen diese Fadaisen, um uns nach dem Erfolg des glänzenden Ritters umzusehen, der als dienstwilliger Knappe Helenens— ihre Freundin aufsuchen will. Kaum war Antonie nach Hause gekommen, als sich der Graf von Mühlendorf bei ihr melden ließ. Sie erstaunte darüber wie billig— und war anfangs entschlossen, ihn nicht anzunehmen. Sie verschloß sogar die Thür, und ließ ihren Thränen freien Lauf. Aber lange vermochte sie es nicht, dem Manne ihres Herzens Zutritt zu verweigern.... und überdies wußte sie ja nicht, was er wollte.... sie hoffte sogar das Allerbeste.... sie nahm an, ihre Augen hätten sie bei Helmen getäuscht, und es sei dort zwischen der Letztem und Lothar ganz und gar nichts weiter vorgefallen, und blos die Eifersucht habe sie Alles in anderem Lichte sehen lassen.— Deshalb öffnete sie jetzt und ließ Mühlendorf vor. Sie empfing ihn im Fauteuil sitzend, und das Haupt äußerst schwärmerisch auf einen ihrer Arme gestützt.... Als er eintrat, sprach sie kein Wort, sondern winkte ihm blos zu, neben ihr Platz zu nehmen.... Sie konnte mit Recht erwarten, daß er„das Gespräch 96 eröffnen würde; und dennoch ließ sie ihm wieder keine Zeit dazu, sondern fuhr sogleich heraus: „Und Sie besuchen mich erst setzt?... Nachdem Sie längst genesen sind, nachdem Sie sich schon dem Fräulein von Planen und Gott weiß welchen Menschen noch vorgestellt, kommen Sie nun auch zu mir?— zu mir, die sich zuerst um Ihr Befinden erkundigte, die so angelegentlich Ihre Krankheit beobachtet.... soviel mitempfunden, mitgelitten hat.... die Ihnen den größten Beweis gleich dort an Ort und Stelle, wo Sie verwundet wurden, gab.... indem sie.... indem sie.... nun, sollten Sie es noch nicht wissen.... daß.... ich.....— damals leblos umfiel?...." Wie man sieht, gerieth die Dame in Eifer; Lothar aber wünschte sich setzt nach einem andern Welttheile hinüber— in solcher Angst war er. Das hieß eine Vertraulichkeit annehmen, auf die er nicht gefaßt war.... Schon mehrmals war es ihm in früherer Zeit aufgefallen, daß Antonie ihm allerhand Blicke von der deutlichsten Sorte zukommen ließ.... auch in Worten hatte sie ihm mehr als Deutliches zu verstehen gegeben. Jetzt sedoch drückte sie sich mit einer solchen mathematischen Bestimmtheit aus, daß darüber jeder Professor der Philosophie entzückt gewesen wäre.... Lothar war keineswegs ein Mann der Schüchternheit; allein nach dieser Dame hier stand keineswegs 97 sein Sinn— und beschwert mit seinem Austrage von Helmen, der ganz anders lautete, fühlte er sich jetzt in einem argen Dilemma. So oft er das Gespräch auf die Szene aus dem „unterbrochenen Opferfest" bei Helmen bringen wollte, that Antonie so, als verstände sie davon nichts.— Kurz, sie deutete an: daß es ihr hier blos um die Gegenwart zu thun sei.... „Sie sind sehr wortarm, mein Herr!" „Ich bin nicht im Stande, es Ihnen auszudrücken, wie Ihre Güte mich rührt." „Ist das aber auch wahr?" „Gewiß." „Und Sie reden blos von meiner Güte. Finden Sie an mir sonst gar nichts Lobenswerthes?" „O- doch." „Zum Beispiel?...." „Zum Beispiel.... allein, theuerstes Fräulein .... wozu Vorzüge erwähnen, die...." „Rücken Sie doch etwas näher mit Ihrem Stuhle. Ich höre so schlecht...." „Aber ich spreche doch laut." „Kommen Sie nur näher. So. Fürchten Sie sich denn vor mir?" „O nein." „Sie haben es auch gar nicht nöthig. Ich bin nicht böse— nicht so herzlos wie wie Geheimnisse, l. 7 — 98— zum Beispiel meine Freundin Helene von Planen. Finden Sie nicht auch, daß sie sehr bös ist?" „Ich habe diese Entdeckung noch nicht zu machen versucht." „Und doch waren Sie schon mehrmals im Hause .... Auch neulich auf unserm Ausflüge nach Schön- brunn waren Sie beständig in Helenens Nähe.... Das schnitt mir wirklich in's Herz." „Alle Teufel!" murmelte er. „— Denn Sie wissen doch.... Sie werden es doch schon gemerkt haben, daß ich...." „Mein Fräulein, das alles war nichts weiter, als Zufall. Glauben Sie mir. So auch heute.... als Sie eintraten...." „Ich will es annehmen.— Gut. Es sei Zufall gewesen. Aber dann darf dieser Zufall...." „Was meinen Sie?" Auch nicht wiederkehren." „Was liegt daran!" „Sehr viel!" „Nicht doch." „Gewiß. Ich muß es am besten wissen.... Also versprechen Sie mir's?—" „Aber was, mein Fräulein?" „Mit Helmen— so wenig als möglich zusammen zu treffen?" „Ich verspreche es Ihnen— unter einer Bedingung." 99 „Und diese ist?" „Daß Sie die heutige Szene im Hause des Fräuleins nicht zu meinem Nachtheile, nämlich falsch, deuten, und am besten ihrer ganz vergessen." „Es soll geschehen." „Derselben gegen Niemand Erwähnung thun—" „Wozu denn auch?" „Hand darauf!" „Hier! hier!" schrie sie wie außer sich:„Nehmen Sie meine Hand! Sie gehöre Ihnen— Auf ewig!— Ach, ach! Wie fein und schlau Sie sind.—— Jetzt begreife ich. Also auf diese Weise haben Sie meine— Hand zu erlangen gesucht. So haben Sie's angefangen! Nun, es ist eine neue Methode .... aber gut!" Lothar hielt das Lachen nur mit Mühe an sich. Er mußte sich mit Gewalt losreißen von ihrer Hand und verabschiedete sich endlich auch von dem ganzen Gänschen mit wenig Worten. Sie aber war so wonneselig, daß sie, setzt allein in ihrem Zimmer, umhersprang.... sang... tanzte .... dann wieder weinte.... darauf pfiff.... und zuletzt einem Bettler, der draußen vor den Fenstern über die Straße ging, ihre ganze Schatulle mit etlichen fünfzig Dukaten hinabwarf. Es war ihr Nadelgeld für den Rest des Vierteljahres.— Für das Nöthige mußte ohnehin ihr Vormund sorgen. Denn Antonio besaß nur noch ihre 7* ,— 100— Mutter, die jedoch zur Zeit bei einer Freundin in der Provinz wohnte. Es traf sich jedoch, daß das Haus der Gräfin von Grünberg dicht neben jenem stand, worin Antonie wohnte.— Als nun der Graf von der Letztem fortging— stieß er vor dem Hause der Gräfin Grünberg mit einem Menschen zusammen, welcher eben aus diesem kam.... „l?s,räoiiner!" „Lxcu8er!" Nach diesen Worten geht man gewöhnlich ruhig seines Weges; allein jener Mensch, in welchem wir unsern Lesern abermals den ehrenwerthen Herrn Theobald Wurmser vorstellen, fand es angemessen, sich den Baron von Mühlendorf ein wenig näher zu besehen— und nachdem er dies gethan, eilte er ihm nach mit den Worten: „Mein Herr, Sie entschuldigen— aber da unser Weg derselbe ist.... so bin ich so frei, mich Zehnen anzuschließen. Ich kenne nämlich diese Gegend noch nicht ganz.... und...." „Wohin beabsichtigen Sie zu gehen?" fragte Lothar kurz, den das äußere Aussehen Theobalds eben nicht sehr ansprechen mochte. „Das heißt.... ich gehe nach der Josephstadt...." „Dann müssen Sie umkehren; denn ich nehme den entgegengesetzten Weg." „Nämlich?" 101 „Nach der Mieden." „Richtig!.... dort habe ich auch zu thun.... Wir werden also doch zusammen gehen...." „Oder— vielmehr, ich will diesen Gang verschieben...." Er sah auf seine Uhr.„Ich muß nach der Stadt." „Das kommt mir gerade recht. Ich wollte auch dahin!" „Aber— ich bin sogleich an Ort und Stelle...." „O thut nichts. Geniren Sie sich meinetwegen gar nicht." „Ich besinne mich eben, daß" „Wie?" ,„Ich muß hier stehen bleiben, um einen Freund : zu erwarten." r„Dann bleibe auch ich stehen.... und wir können mittlerweile zusammen plaudern...." c Lothar war guten Humors und rief:„Bravo!" i„Sie rufen»Bravo« und scheinen heiterer Laune, h— Ich liebe die heiteren Leute. Reschid Pascha ist mein Freund— er ist ein wahrer Demvkrit, r wenn er anfängt...." „Sehr gut, mein Herr aber was geht mich Reschid Pascha an?" "„O, Sie sollten ihn kennen!— Wünschen Sie's, ^ so mache ich Sie mit ihm bekannt. Ein Brief wird dazu genügen. Wir korrespondiren sehr fleißig miteinander wiewohl ich auch mit Robert 102 Peel, dem Fürsten Dolgoruky, dem Erpräsidenten Boyer, dem Mandarin Lin, der so viele Streiche auf die Fußsohle erhielt, als er Haare in seinem Zopfe hat, wobei er indeß nach wie vor die Gunst seines Herrn, des Kaisers von China, besitzt— und noch mit hundert Andern in Briefwechsel stehe.. „Das Alles ist sehr erstaunlich, mein Herr... allein ich muß Sie nun bitten..." „Wie— Sie bitten mich? O, ich kann Ihnen nichts abschlagen. Reden Sie nur!" „Ich muß Sie bitten—" „Alles ist schon im Voraus gewährt." „Dadurch verbinden Sie mich ungemein. Meine Bitte nun besteht darin, daß Sie mich allein lassen." „Ganz recht; aber wozu das? Kann ich nicht bei Ihnen bleiben, während Sie auf Ihren Freund warten?" „Das wäre vergebens; denn dort kommt er schon — und ich muß eilen, mich ihm anzuschließen... Adieu, mein Herr!" „Noch ein Wort! Sie sind doch der Graf von Mühlendorf?" „Gewiß!" Mit diesen Worten enteilte Lothar— und Theobald nimmt jetzt eine bedeutungsvolle Miene an:„Dann ist Alles gut!— Ach, wie schön haben wir da wieder den Anfang gemacht... Nun, ich freue mich auf die Fortsetzung.— Ich eile jetzt zu den Getreuen, um von meiner neuen Großthat Be- — 103— richt abzustatten."— Er stülpte sich den Hut auf's linke Ohr. Darauf begab er sich in den Klubb oder in die Höhle der Genies. X. Abermals die„Höhle der Genies."— Ein schlechtes und doch gutes Mädchen. Theobald trat mit dem Hut auf dem Kopfe und bedeutend kreisender Lorgnette ein. Er schrie der Versammlung sogleich entgegen: „Ich habe heute einen Coup ausgeführt! einen glänzenden Coup!— Ich bin mit mir zufrieden. So Etwas hat noch Keiner von Euch zu Stande gebracht." „Er kommt mit viel Geschrei und wenig Wolle, wie gewöhnlich!" riefen Mehrere. „Es wird wieder was Rechtes sein!" sagten Andere. „Ach— Ihr armen Tröpfe! Wie bedaure ich Euch!— Ihr seid nicht fähig, die neue Großthat, welche ich da vollbracht habe, einzusehen... Allein..." „Allein... es dürfte am besten sein", bemerkte Herr Bunder,„daß Du uns sagtest, worin sie bestehr, statt so viel Lärm zu schlagen..." „Also wißt Ihr was? Ich habe soeben... Doch, wer ist denn jene Dame dort? Ist es nicht etwa gar die ehrenwerthe Lucrezia, die Gattin unsers — 104— großen Gelehrten Norbertus?... doch nein, nein, es ist eine Andere, und wenn ich nicht irre, die schöne Fanny... Ach, schöne Fanny, erlauben Sie mir, Ihnen meine Huldigungen darzubringen." Es war wirklich ein recht hübsches Mädchen, nur ein wenig verlebt oder von Müh' und Sorgen mitgenommen.... Gleichviel! es war ein allerliebstes braunes Turteltäubchen und saß ganz allein, gleichsam verlassen in einem Winkel... „Soll ich Sie vielleicht trösten? Sie scheinen mir so betrübt?" fragte unser Zierbengel...„Aber Sie antworten mir nicht. Womit habe ich das Verdient?... Ach, jetzt begreife ich. Sie warten wahrscheinlich auf Paul— den Erztaugenichts... und, wie immer, er kommt nicht.— O, so haben Sie diese Leidenschaft noch nicht quittirt... Wie bedaure ich Sie!— Da hätten Sie sich statt Ihres Paul's lieber mich, den Theobald von Wurmser, aussuchen sollen... Wir hätten zusammen ein Leben geführt... wie ein Paar Guckucke... Wirklich.">— Er versuchte es, sie zu embrassiren; aber während er den Arm um sie legte, erhielt er von ihr einen Stoß von solcher Ausgiebigkeit, daß er mehrere Schritte zurückflog. „Da, Elender!" rief sie;„hoffentlich wirst Du es nie mehr wagen, mich mit Deiner Frechheit zu belästigen..." „Schändliche Dirne!—" „Spare Dein Geschrei...!" „He... Du erlaubst Dir!..." „Ruhe! Ruhe!" bedeutete Herr Buuder und Andere stimmten mit ein:„Was hattest Du nöthig, mit dem Mädchen Dich einzulassen... Fort von ihr, augenblicklich!" „Aber— sie hat sich unterstanden, mir— dem großen Theobald von Wurmser..." „Aber— Du hast den Anfang gemacht! Du kennst sie ja... die Thörin... die diesem Lumpenhund von Paul, der sich hier nur im betrunkenen Zustande sehen läßt... nachläuft... geradeso, als wäre er ein»Goldfasan"." Die Person, welche dieses sprach, war indeß auch nicht nüchtern. Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft nahm jetzt plötzlich eine andere Richtung. Es waren nämlich mehrere neue Mitglieder eingetreten, so daß die Versammlung sehr zahlreich wurde. Man bewillkommte sich allerseits und zwar that dies ebensowohl der Elegant gegen den gemeinen Mann, wie dieser gegen Jenen, da es in dieser Gesellschaft Leute aus allen Ständen gab. Endlich, nachdem Alles Platz genommen hatte, redete der Vorsteher die edle Compagnie mit den Worten an:„Meine Herren und Freunde..." »Aber noch bevor er weiter kam, schrie Theobald, der in diesem Augenblicke vor einem Spiegel stand: - 106-. „Halt! halt!— ich habe noch Etwas zu berichten... Mein Rapport muß vorangehen... die Gesellschaft muß von meiner neuen That hören... früher jedoch laßt mich nur ein wenig diese Locken in Ordnung bringen... So... Jetzt kann's gehen.— So hört denn: Wißt Ihr, was ich heute ausgeführt?..." „Wahrscheinlich will er sich mit seinem Besuche bei der Gräfin Grünberg und ihrer grünen Coterie brüsten." „Still doch— Einfaltspinsel! Ganz andere Dinge sind es, von denen ich berichte... Ich habe soeben die Bekanntschaft des Grafen von Mühlendorf gemacht, eines der einflußreichsten Kavaliere am hiesigen Hofe... und er hat mich zu sich geladen... auf sein Landgut, wo er mir einen Flügel des Schlosses einräumen will... Er hat mir seine Equipage angetragen... Er hat..." „Er hat schon wieder gelogen! nämlich Thcobald!" „Still— Einfaltspinsel oder Paul, was gleichviel ist." Es war wirklich Paul, der eben auch erschien, und zwar in seinem gewöhnlichen begeisterten Zustande. Er setzte sich jedoch nicht zu dem Mädchen, die seiner harrte und ihn jetzt schweigend und mit trübem Blick ansah. Die Gesellschaft schien von Theobalds Erklärung nicht sehr überrascht... weil sie ihm eben keinen 107 großen Glauben schenkte. Gleichwohl aber fragte Herr Bunder, der gewissenhafte Vorsteher, nach den nähern Umständen dieser Bekanntschaft des Renommisten.— Herr Bunder schien sich sehr gut darauf zu verstehen, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden. „Wir wollen trinken! Wir wollen trinken! Es ist kein Wein da!" riefen mehrere Jüngere. „Auch Karren fehlen!" „Und wo sind die Würfel?" „Sogleich meine Herren... früher jedoch erlauben Sie mir, Ihnen einige Worte mitzutheilen..." „Später! später, Herr Bunder!" „Nein! jetzt! sogleich!" rief dieser mit entschiedener Stimme, indem er fortfuhr:„Ich will nicht hoffen, daß sich hier Jemand einfallen läßt, sich gegen die Vorschriften der Gesellschaft und das Gebot des Vorstehers aufzulehnen... Wie?" Augenblicklich rief Alles:„Nein! Nein!— Zur Ordnung! Wir kennen unsere Pflichten... Rede doch!— Reden Sie, Herr Bunder!" Mit einer Hälfte stand er nämlich auf„Du", mit der anderen Hälfte auf„Sie"— oder gar„Ihr", wie dies in der vertraulichen Sprache solcher Leute gebräuchlich. „Was ich Ihnen zu sagen habe," sprach er laut, „ist kurz. Es handelt sich um den Knaben Wilhelm... Die Sache fängt an, ernst zu werden... die Behörden haben sich darein gemengt... und wir können nun die Unvorsichtigkeit des alten Schlingels nicht genug beklagen." Bunder wollte eben fortfahren, als mit einem Male die Thür aufgerissen ward und der würdige Doktor Norbert herein stürzte, mit bleichem Gesicht und abscheulich verzerrten Zügen. Er schrie: „Rettung! Rettung!— Ich bin verloren!... Man verfolgt mich!— Ich habe... ich bin... Weh mir! Mit mir ist's aus!... Ich— Ich.. die Stimme versagte ihm und er konnte nicht weiter. Älles bricht in ein Gelächter aus— denn mittlerweile hat Herr Bunder auch schon für Wein und andere Getränke sorgen lassen, so daß jetzt die Gesellschaft sehr heiter gestimmt ist. „Aber— was ist Ihnen denn, Würdigster?" „Was fehlt Ihnen denn, erhabener Doktor der freien Künste?" ruft Theobald, indem er ihm mit der Hand so auf die Achsel schlägt, daß der große Gelehrte laut aufschreit. Nachdem er sich gesetzt hat, knickt er förmlich zusammen: „Als ich durch diese Straße ging," beginnt er mit Zittern,„war ich, wie gewöhnlich, in Gedanken versunken— ich dachte an die neuesten Siege der Schelling'schen Philosophie in Berlin, und war über die Niederlage meines trefflichen alten Hegel, der dort so lange Zeit unumschränkt geherrscht, tief betrübt. So setzte ich meinen Weg fort... da stieß 109 mein Fuß an einen Stein... und ich blickte auf... Aber, da faßte... mich beinahe... der Tod vor... Entsetzen... Ich sah..." „Nun?— Einen Geist?" „O nein!" „So was sieht Norbertus niemals." „Still— Theobald!" „Was sahen Sie denn— weiser Doktor?" „Ich sah- Polizeisoldaten... die... ihrer Sechs ungefähr... mir augenscheinlich nachgingen..." „So?— Wie konnten sie Ihnen denn nachgehen ... Kennen sie Sie denn?..." „Ich glaube, ja. Ich hatte mir nämlich erlaubt ... in einem Gewölbe... in der Wipplinger- gasse... es war ein Juweliergewölbe... wo ich, unter dem Vorwand, Etwas zu kaufen, eintrat..." „Nun— weiter! der Athem bleibt Ihnen ja aus." „— Was haben Sie sich denn erlaubt, großer Mann?" „— Ein kleines Ringlein... zu... zu..." „Stehlen, nicht wahr?" „... Ja..." zittert Norbert. Alles lacht. „Sieh'! Sieh'!— er macht Geschäfte auf eigene Faust." „... Es war blos... ein Ringlein... Die erste Mauserei meines Lebens... Ich wollte das I-d. zMükLMÄ F IM — 110— Ringlein meiner guten Lukrezia verehren... Ach! Ach!" fährt er plötzlich zusammen und wird weiß wie Kreide, denn in diesem Augenblick hat er draußen vor der Thür Geräusch gehört. Jetzt treten in der That sechs Menschen ein, sie sind in der Kleidung der Polizeisoldaten. Als Norbert sie erblickt, streckt er die Arme aus und sinkt mit einem Schrei zu Boden, indem ihm zugleich aus der nasche, nebst einem Ringlein, auch vier Ohrringlein und zwei Armspangcn fallen. Alles neu und noch mit der Prcisnotiz des Kaufmanns versehen. Die Gesellschaft stutzte anfangs beim Anblick der sechs Gäste— aber bald lös't sich Alles in allgemeine Fröhlichkeit auf, denn die Angekommenen sind eben auch Mitglieder der Gesellschaft und haben sich den Spaß gemacht, sich so zu verkleiden, um ihre Kameraden, besonders aber den trefflichen Doktor, zu erschrecken. Bald ist die Orgie in vollem Zuge. Der Wein, das Spiel, der Lärm hat diese Leute erhitzt— sie besitzen keine Mäßigung mehr; sie trinken— spielen und lärmen noch ärger; sie treiben die tollsten Possen — die Dirne, welche wir vorhin sahen, und die heute hier die Einzige ihres Geschlechts ist, wird von ihnen mit allen möglichen Scherzen bedacht, welche oft sehr ernster Natur sind... worüber sich jedoch der würdige Paul, ihr Geliebter, nicht im Mindesten beleidigt fühlt; ja, er muntert seine Kameraden 111 noch dazu auf, und hat dafür eine ganze Fluch von Schelt- und Schimpfwörtern aus dem Munde der Dirne anzuhören: „Du elender Mensch! Du Wicht!— Das also ist der Dank! Darum wachte ich an Deinem Lager, als Du krank warst! Darum habe ich Dir meinen letzten Kreuzer geopfert... Schon seit einem halben Jahr ist er so... Nicht mehr zu erkennen... Früher war er ein guter Junge... Jetzt ist er ein schlechter Kerl, weiter nichts... Warum gebe ich mich noch mit ihm ab?... Warum gräme ich mich im Stillen? ... Es wird doch nicht anders werden!... Nein, noch heute verlasse ich ihn... und mag er meinetwegen umkommen... mir liegt nichts mehr au ihm." Trotz dieser Rede jedoch würde sie heute noch seiner eben so Pflegen, falls er krank wäre, wie sie vordem es gethan. Sie liebt ihn noch immer... sie wird ihm, hat sie ihm schon ihren letzten Pfennig geopfert, auch noch ihr letztes Hemde hingeben... Denn so sind ja diese Geschöpfe; diese in den Abgrund des Lasters versunkenen Weiber sind ihren Geliebten oft treuer, als alle jene im Sonnenglanze des Glückes so zärtlich girrende Täubcheu. Unsere Bemerkung bestätigt sich sofort. Paul, von einem Funken Gefühl entzündet, oder vielleicht blos von einem Atom Klugheit erleuchtet— hat sich wieder zu ihr gesetzt— hat den Schwärm seiner Kameraden zurückgedrängt— er legt seinen Arm um — 112- sie und fleht so innig:„Fanny— meine Fanny— vergieb mir— ich habe Dir Unrecht gethan— Aber es soll anders werden... ich verspreche Dir's." Und sie legt ihren Kopf auf seine Schultern und zerfließt in die wehmuthsvollsten Thränen. „Komm', komm'," flüstert sie ihm nach einer Weile zu:„Gehen wir fort von hier!... Dieser Lärm verwirrt mich... Komm nach Hause, mein Paul... Ruhe dort ein wenig aus." Und wirklich folgt er ihr. Sie verlassen Beide den Platz, verfolgt von dem Hohngelächter der ganzen Rotte. Der Doktor Norbertus— der sich inzwischen erholt hatte— mußte sich nun zum Stichblatt des Witzes hergeben. Und er fügte sich dem sehr gern, vermöge der Nichtswürdigkeit seines Charakters. Folgen wir nunmehr ein wenig jenem Liebespaar nach seiner Wohnung, um zu belauschen, wie eine Dirne dieses Schlages sich ihres Geliebten annimmt, wie sein wartet, wie sie sich mit allen Kräften ihres zwar verirrten, verderbten, aber dennoch innig fühlenden Herzens ihm HLngiebt; wie sie ihn beklagt, bejammert, und wie sie die Hälfte ihres Lebens wegwerfen möchte, um ihn damit zu retten, um dasjenige aus ihm zu machen, was sie doch selber nicht ist: einen guten Menschen.— 113 Sonderbarer Widerspruch! Merkwürdige Verkehrtheit des Wesens!— Unergründliches Räthsel der Philosophie... Weib! was bist du? Engel oder Teufel?... gut oder schlecht?... stark oder ohnmächtig?... herrlich oder nichtswürdig?— Des Edelsten fähig und zugleich des Schändlichsten... im Guten stark wie im Schlimmen... Hier voll reiner Huld, dort voll eklen Abhubs der Sünde! Wer hat Eure Natur noch klar durchschaut? Es gab weise Männer, die Euch eine Stelle unter den Wesen des Himmels anwiesen; es gab weise Männer, die Euch nicht einmal für Menschen ansehen wollten, sondern für eine bessere Art von Thieren. — Was seid Ihr denn? Sagt mir's... Habe ich doch reichlichen Umgang mit Euch gepflogen, ohne in dieser Schule klüger zu werden in der Erkenntniß Eurer inneren Natur. Ich habe Euch gefunden: schön, gut, mitleidig, gefühlvoll— aufopfernd, hingebend bis zum Wahnsinn, zur Verzweiflung, zum Tod. Ich habe Euch aber auch gefunden: gleißend, versteckt, falsch, tückisch, verbrecherisch, und zwar so kalt und gründlich im Verbrechen, wie es kein Mann sein könnte. Oder wäret Ihr nichts als— schwach? fähig zu Allem? hingerissen von jeder äußeren Gewalt? Allein also wäret Ihr nichts, als blos die weiche, nachgiebige Materie, worein irgend eine Kraft ihre Gestalt ein- und abdrückt?— Geheimnisse. I. 8 114 Balzac, dieser feine Kenner des Frauenherzens, will Euch mehr Verstand und Gefühl, aber weniger Ueberlegung und Stärke als dem Manne zuschreiben. Ich weiß jedoch nicht, ob er ganz Recht hat. Fanny und der trunkene Paul langen zusammen in einer engen und schmutzigen Straße an. Sie führt ihn in ein Haus, dessen Aeußeres schon nicht sehr einladend ist... und in diesem Hause müssen sie noch volle sechs Stiegen erklettern.— Aber die Quartiere sind in Wien theuer und Fanny hat nicht Geld genug, ein besseres zu miethen; denn von Paul erhält sie nichts... Er braucht das scinige selbst, bringt es außerhalb des Hauses durch und kommt nur dann hierher, wenn er sonst nirgends ein Obdach findet. Nachdem Fanny ihn mühsam über die Treppen hinaufgeschleppt, wobei ihr der Schweiß von der Stirn rann— stehen sie vor einer kleinen Thür, die das Mädchen mit einem Schlüssel, welchen sie bei sich trägt, öffnet. Eine Dachkammer, acht Schritte lang und eben so breit!— Aber wie viel Glück kann auf einem so kleinen Raume wohnen! Hier wohnt es indessen nicht — höchstens vielleicht auf Augenblicke, wie der gegenwärtige... also auch blos auf— traurige Augenblicke. Zwei Betten sind nicht ganz sichtbar, denn vor dem einen steht ein Fragment einer ehemaligen 115 spanischen Wand... hier ist ihr Bett.— Das seinige befindet sich in einem Zustande, der auch sehr spanisch ist und keiner solchen Wand bedarf. Es liegen nämlich einige Kiffen auf einigen Strohhalmen— und einige Kleider theils unter diesen Strohhalmen, theils über den Kissen... sodann etliche Bretter, mit dem einen Ende am Boden liegend. So hatte Paul sein Bett heute Morgen verlassen, als er, während Fanny noch schlief, sich Hinausstahl und mit einigen Kameraden zum Frühstück ging. Fanny hatte gestern bis tief in die Nacht hinein genäht, für fremde Leute. Sie hatte Paul erwartet, der spät nach Mitternacht in einem Zustande erschien, wie der jetzige.— Da hatte sie ihr Nähzeug weggelegt und ihn zu Bette gebracht, wie sie es eben auch jetzt that. Und zu wessen Besten sollte sie gearbeitet haben, wenn nicht zu seinem? Er mußte leben und hatte oft keinen Pfennig, sich einen Teller voll Suppe zu kaufen. Aber bei ihr fand er sie stets— bei ihr fand er Alles, was er brauchte. Früher, da er sich noch nicht betrank, gab sie ihm auch Geld, steckte ihm oft ihren letzten Heller zu... und deshalb mußte sie ja Geld verdienen, sei's auf diese, sei's auf jene Art.— Sie legte ihn jetzt entkleidet auf sein Bett. Aus dem ihrigen trug sie die besten Kissen herüber— 8» 116 ordnete Alles— und deckte ihn dann zu... jetzt ging sie weg und kochte schwarzen Kaffee, um ihm denselben zu reichen. Er aber stieß sie zurück, murmelte Etwas von Wein... und schlief, sinnlos wie er war, endlich ein. Nun setzte sie sich zu seinen Häupten nieder... und vergoß neue Thränen, von denen er, wie so oft, keine Ahnung hatte.— XI. M a th ild c. Als wir Casimir zuletzt verließen, geschah dies in Gegenwart des Herrn Barons von Tiefengreif, eines Mannes, mit dem Casimir seit der Zeit oft zusammengekommen ist. Er fand an ihm großes Behagen, denn der Baron vereinigte in sich den Weltmann mit dem trefflichen Menschen. Wie selten sind diese zwei Eigenschaften beisammen zu finden! Casim irhatte jedoch noch einen andern Grund, sich ihm anzuschließen, und es geschah dies nicht blos deshalb, weil er ihn schon von früher her kannte. Der Baron erschien ihm jetzt zu einer Zeit, wo unser Freund den Umgang mit seinen sämmtlichen früheren Bekannten abgebrochen hatte. Er sah, daß er durch die letzten Ereignisse in der Stadt jedenfalls com- promittirt sei, und doch wollte er weder zum Gegen- 117 stände des Bedauerns noch des Spottes dienen.— Eines von Beiden aber hatte er ganz gewiß zu erwarten. Er kannte ja diese--Freunde-- zu gut und er wollte sie, im besten Falle, nicht in Verlegenheit bringen, sie nicht zwingen, daß sie bei ihm eine Ausnahme von ihrer Weise machen sollten. So kam ihm nun die Anschließung an den Baron zu gelegener Zeit.— So jedoch kam es anderseits auch, daß Easimir durch den Umgang mit ihm von nun an wieder neue Bekanntschaften machte und zuletzt sich in mehrere, ihm früher gänzlich fremde Kreise versetzt sah, die indeß sehr achtbar schienen und ihn aufs freundlichste aufnahmen. Er bedurfte der Zerstreuung und fand sie hier in hinreichendem Maße. Mit der Entdeckung von Wilhelms Eltern wollte es nicht vorwärts gehen.— Das Kind war durchaus unvermögend, in geordneter Weise Etwas von seinen vorigen Verhältnissen zu erzählen, da diese auch ziemlich sonderbar gewesen sein mochten, wie sich aus den unwillkührlich hingeworfenen Aeußerungen Wilhelms oft ergab. Ueberdies hatte die Krankheit bei ihm das Meiste aus früherer Zeit verwischt. Inzwischen bildete Easimir bei sich einen Plan aus zur Erziehung des Kindes; die bisherige schien gänzlich vernachlässigt worden zu sein. Er selbst wollte ihm Unterricht ertheilen, er führte ihn überall L».^ MMMELB'!''drÄFi^V«MÄL!«T - 118- mit sich umher und zeigte ihm Alles, woran er in seinem Alter Interesse finden konnte. Wilhelms Verstand war, wie wir schon bemerkt haben, von nicht gewöhnlicher Schärfe, und er begriff Manches, was für ihn kaum hätte erfaßlich scheinen sollen. Es fand sich übrigens in seinem Wesen Etwas, was unsern Freund bei der Idee feststehen ließ, Wilhelm sei nicht das Kind gemeiner Eltern. Eines Tages kam Baron Tiefengreif zu Casimir. „Haben Sie nicht Luft, eine kleine Praterfahrt zu machen? Es sind unser Mehrere und wir Alle finden in zwei Wagen bequem Platz... Wir fahren dann noch etwas weiter über's Jägerhaus hinaus,— vielleicht ein Ausflug in die Umgegend! Kurz wir überlassen Alles dem Zufall..." „Recht gern. Ich bin dabei..." entgegnete Malten, dem jede Gelegenheit willkommen war, die engen Mauern der Stadt zu verlassen. Der Tag war sehr schön und die Gesellschaft bestand aus fünf Personen, worunter ein Dicker, der den ganzen Hintern Sitz eines Wagens einnahm.— Casimir kannte bereits Vier davon, auch den Dicken. Sie waren ihm sämmtlich als Männer von Vermögen und von einer gewissen Stellung geschildert worden. Alle waren sie Ausländer, das heißt keine Wiener oder Oesterreicher überhaupt, denn hier zu Lande heißt auch der Baier, der Sachse, der Preuße»Ausländer--. 119 Noch blieb der Fünfte übrig, welchen unser Freund nicht kannte. Es war eine kurze, gedrungene, stämmige Gestalt, das Gesicht von einem bedeutenden Backenbarte umwuchert, in allem Uebrigen ziemlich elegant, dabei jedoch mit Pretiosen fast überladen. Casimir hatte, als man ihm den Namen desselben nannte, es nicht recht verstanden und ihn daher auch nicht behalten. Doch was lag daran? Die Fahrt begann; es war herrlich im Prater, dessen Bäume, mit grünem Laub über und über bedeckt, jenen köstlichen Waldduft ausathmeten, der die Seele des armen Städters so sehr erquickt. Außer der Gesellschaft sah man keinen andern Besuch im Prater; die Stunde war noch nicht erschienen, da ganz Wien wie Ein Mann sich erhebt, um Hinauszuströmen nach dem geliebten Prater. Und diese Stunde schlägt im Sommer jeden Tag.— Das Jägerhaus that sich auf, um die Gäste zu empfangen. Man fand daselbst den gewöhnlichen schlechten Tisch sammt Bedienung, schlecht für Wiener nämlich, aber köstlich für Ausländer wie die gegenwärtigen, welche sich denn auch Alles gar trefflich schmecken ließen.— Nur Malten nahm wenig zu sich. „Aber warum trinken Sie nicht?" Er wollte nicht sagen:„Weil ich den Wein schlecht finde—" „Nach deutschem Brauche!" rief Einer und erhob das Glas zum Anstoßen:„Was wir lieben!" — 120- „Was wir lieben!" „Wir wollen heute recht heiter sein, und hierzu macht ein Glas Wein keinen schlechten Anfang.. „Es ist wahr... allein mich erbaut mehr die schöne Natur, ein Tag wie der heutige... und eine Gesellschaft wie..." „Wie die unsrige, sagen Sie es doch, hchehe!" lachte der Dicke. „Nun ja— das erheitert mich mehr, als Wein und dergleichen..." „Sie müssen den jungen Mann," versetzte Baron von Tiefengreif,„nicht mißverstehen. Er trinkt in der That fast keinen Wein..." „Gewiß— ich ziehe das Bier vor!" sagte der Jüngling. Der Baron stieß ihn unterm Tische mit dem Fuß an und der Jüngling sprach nicht mehr. Man verließ das Jägerhaus, um sich nach einer Gegend zu wenden, die rechts lag. Malten erkundigte sich nicht viel nach dem Wege, er überließ sich gänzlich seinen Führern... und nun geht ihm in Gottes freier Luft wirklich das Herz so weit auf, daß er laut jauchzend in den fröhlichen Lärm seiner Gesellschaft mit einstimmt. „Ach!" rief Einer derselben, wie von einer plötzlichen Idee überrascht:„wie wär's, wenn wir unsern slten Freund von L... besuchten?... Er wohnt 121 hier in der Nähe, dort rechts hinüber, auf seinem Landhause, an welches ein prächtiger Garten stößt." „Der Vorschlag ist gut!" „Der Vorschlag ist sehr gut!" „— Ist es aber auch unserm lieben Malten angenehm?" fragt Baron von Tiefengreif. „O, ich füge mich in Alles... Ich habe hier keine separaten Wünsche; zu Allem, was die Herren beschließen, gebe ich im Voraus meine Beistimmung." „Das ist schön! So wollen wir uns denn zu dem biedern L... begeben! Kutscher, den Weg rechts! diesen da!" „Sehr wohl, Euer Gnaden!" Und die Wagen flogen wie Pfeile über einen Weg, der fast ganz mit Gras bewachsen war und demnach sehr wenig befahren werden mochte.— Man langt nach einer halben Stunde an Ort und Stelle an. Man steht vor einer schönen, in ihrem Innern sehr viel versprechenden Villa. Sie treten ein und werden von zwei Damen empfangen, von einem alten und einem noch sehr jungen Mädchen. Das letztere macht beim ersten Anblick auf unsern Freund einen jener magischen, wunderbaren Eindrücke, die wohl Jeder von uns schon empfunden hat, und welche die Seele sogleich in einen Zustand von unnennbarer Sehnsucht nach diesem Wesen, nach diesem Mädchen versetzt.— Es ist dies nicht jene 122 gewöhnliche Empfindung von Behagen, auch nicht jenes rasche Entbrennen aller Sinne. Es ist kein alltägliches Verlangen nach irgend Einer von den tausend schonen Frauen, die wir heute sehen. Es ist ganz etwas Anderes, Höheres, Hehres!— Man spricht in solchem Augenblicke zu sich:„diese ist es!— diese würde Dich selig machen, wenn Du sie besäßest," und es kommt uns dabei vor, als hätten wir diese Gestalt schon ein Mal im Traume oder in unserer Phantasie gesehen, als hätten wir ihr Bild längst und ursprünglich in unserem Herzen getragen. Die ältere Frau ist sehr freundlich und bewill- kommt die Gäste mit den Worten:„Sie werden sich's auch bei uns allein bequem machen. Sie werden sich schon mit der Gesellschaft von uns Frauen begnügen müssen, denn mein Mann ist nicht zu Hause; er befindet sich auf der Jagd..." „Schade— wir hätten ihn so gern hier gehabt. Wir bringen ihm da einen Besuch, der ihm viele Freude gemacht hätte... Herr von Malten!" schließt der Sprecher und stellt unsern Freund vor. Die Damen verneigen sich und weisen Casimir einen Platz neben sich an. Er ist allein, und freut sich, Wilhelm nicht mitgebracht zu haben,„denn in Augenblicken, wo die Großen mit ihren Herzensangelegenheiten beschäftigt sind, haben sie die Kleinen nicht gern um sich," dies sagt, wenn ich nicht irre, unser liebenswürdiger Paul d e Kock, und hat, wie gewöhnlich, in seiner Behauptung Recht. Casimir ist innigst ergriffen, er ist sogar befangen. Er spricht zwar nur mit der Mutter, gleichwohl aber muß er seine Worte in Acht nehmen; denn die Gedanken schweifen anderswo umher. Es werden Erfrischungen aufgetragen und einige von den Herren langen mit eigenthümlicher Hast zu. Sie thun ganz so, als seien sie zu Hause. Der Baron jedoch ist auch hier, wie immer, ein Muster von guter Lebensart... er ißt übrigens sehr wenig. Das Mädchen nimmt anfangs fast gar nicht Theil am Gespräche und zeigt eine Schüchternheit, eine Verschämtheit, davon ihre Wangen den besten Beweis geben; denn diese, anfangs bleich, färbten sich jetzt roth, und Casimir denkt im Stillen, daß er die Ursache davon wohl kenne. Er erstaunt daher nicht wenig, als Mathilde mit einem Male sehr laut zu sprechen anfängt. Er würde jedoch noch mehr erstaunen, wenn er den Wink bemerken konnte, welchen das Mädchen jetzt von ihrer Mutter erhält. „Waren Sie noch nie in dieser Gegend?" „O sehr oft, mein Fräulein, und dennoch ist mir dieses schöne Landhaus bis jetzt nicht aufgefallen. Seine eigenthümliche Lage indeß..." „Und es ist also ein recht hübsches Landhaus, nicht wahr?" 124 „Reizend... köstlich... herrlich!"— Der Arme bezieht dieses Alles auf die Bewohnerin desselben — die es indeß zu überhören scheint, denn plötzlich verfällt sie wieder in ihre vorige Einsilbigkeit. Aber ein Blick ihrer Mutter nöthigt sie, das Gespräch wieder aufzunehmen: „Demnach— können wir uns vielleicht mit der Hoffnung schmeicheln, Sie öfters bei uns zu sehen, Herr von Malten?" Das war sehr aufmunternd, und noch dazu von einem Lächeln begleitet, welches unserm Freunde das Herz warm machte. „Allein, meine Herren," begann die ältere Frau: „wollen wir nicht in den Garten gehen— die neuen Pflanzungen ein wenig besichtigen... überdies werden Sie auch müde sein; eine kühle Laube wird uns dort aufnehmen. Ist es Ihnen gefällig, so brechen wir auf." Dieses„Brechen wir auf," welches die Dame mit einem Blicke auf die andern Herren sprach, klang für unsern Freund eigenthümlich, allein er war in diesem Augenblicke so ganz mit sich und seinem Gegenstände beschäftigt, daß er es nicht weiter beachtete.— Man ging in den Garten. Die Herren schienen eifrig ein Gespräch zu unterhalten welches sich blos in ihrem Kreise bewegte, und woran weder die Damen noch Easimir Theil nahmen... weshalb die- — 125— ser auch sehr gut, und ohne daß es auffallend gewesen wäre, an der Seite der Letzteren verbleiben konnte, mit denen er nun über alles Mögliche redete, was jedoch Alles zusammengenommen keinen Deut werth war. Aber so ist man ja in dergleichen Augenblicken; und man verwundert sich später, wie man nur mit solchem Zeug andere Leute hat belästigen können: „Es ist ein hübscher Garten." „Gefällt er Ihnen?" „O sehr... Und diese Beete, wie allerliebst! Und jenes Bassin dort!——- und da dieser Strauch, dieser Baum..." „Es hat aber auch viele Mühe gekostet, in diesem steinigten, unfruchtbaren Erdreich einen Garten zu schaffen" „Ja— einen solchen Garten, ein solches Eden!" ergänzt Casimir und ruft dann:„Ach, welch herrliche Laube!" „Wollen wir eintreten?" „Wie Sie befehlen, gnädige Frau..." „Mathilde— Du gehst zu rasch!" Dabei lächelt Mama unseren Freund so eigenthümlich an— als wollte sie sagen:„Bemerken Sie noch nichts an dem Mädchen?" Jetzt sind sie in der Laube. Die andern Herren haben sich mittlerweile nach einem andern Theile des Gartens begeben. Unsere drei Personen setzen sich 126 daher allein hier nieder... Casimir zwischen Mathilde und ihre Mutter, welch Letztere jetzt bemerkt: „Ach, wir hätten uns ja einige Erfrischungen können hierher bringen lassen.. Casimir wollte schon„Nein" sagen— aber da fällt es ihm ein, daß das Gegentheil besser sei. „Ich werde sogleich eine Dienerin beauftragen, uns mit Allem zu versehen—" bedeutet Mama und entfernt sich, indem sie die beiden jungen Leute allein läßt. Casimir fühlte sich überglücklich... Mathilde war wieder so wortarm... jetzt jedoch, als ihre Mutter sich entfernt hat, kehrt schnell ihre frühere Lebhaftigkeit zurück und sie wendet sich mit Worten und ziemlich ausdrucksvollen Geberden an unsern Freund, indem sie zugleich ihr schönes großes Auge lange auf ihm ruhen läßt, in einer Weise, die ihm das Blut sieden macht. Er weiß nicht, was er aus diesem Mädchen machen soll. Sie scheint ein Mal so nachdenklich, so zurückhaltend, so traurig fast— und das andere Mal so aufgeräumt, so lustig und so— herausfordernd. Mathilde sieht sich rasch um; denn ein Geräusch läßt sich hinter der Laube hören und Casimir kommt es vor, als erblicke er daselbst die Gestalt der alten Mama, die jedoch sogleich wieder hinter dem Gesträuche zu verschwinden schien. Und sonderbar: gerade in diesem Augenblicke ist 127 das Mädchen am auffallendsten in ihrem Benehmen gegen ihn; ihr Blick dringt ihm durch die Seele... aber nicht mehr mit jenem reinen und keuichen Glänze, wie anfangs... dieser Blick hat jetzt etwas so Lüsternes. Jedoch Casimir ist nicht mehr Herr seiner selbst, und wer könnte es in solchen Momenten auch bleiben? Er faßte die Hand Mathildens und preßte sie stumm, heftig an seine Lippen, und da sie dieses Alles geschehen läßt, ist er schon im Begriffe, sich mit seinem Munde, aus welchem ein heißer, sengender Odem strömt, ihr zu nähern. Da reißt sie sich lachend und schäkernd los, wobei sie ihm ganz leise zuflüstert: „Still... ich höre Jemand kommen." Augenblicklich kehrt er auf seinen Platz zurück. Aber noch ist er ganz Feuer und Flamme. Mit sehr zufriedener Miene kommt Mama zurück, bringt jedoch nichts von den Erfrischungen mit:„Da stellen Sie sich vor: während wir den Salon verließen, ist unsere große Katze auf den Tisch gesprungen und hat Alles aufgezehrt." Es scheint unserem Freunde ziemlich auffallend, daß eine Katze das Alles verzehrt haben soll, sogar den Wein; ihm ist es indeß auch sehr gleichgiltig, denn fürwahr, nicht des Essens wegen sitzt er hier. Da lassen sich Stimmen in einiger Entfernung vernehmen. Es sind die Herren... Baron von Tiefengreif mit den Andern, die von ihrem Spaziergange 128 zurückkehren und denen jetzt unser Freund mit seinem erhitzten Angesichte zu begegnen furchtet; doch da die Herren nichts zu bemerken scheinen, beruhigt sich Casimir wieder. Bald darauf entschließt man sich zur Rückfahrt nach Wien, indem man nur bedauert, den Damen lästig gefallen zu sein, so wie daß man den Herrn des Hauses versäumt hat. „Doch," setzt Einer von ihnen hinzu,„wir haben mittlerweile ein Geschäft besprochen, bei dem auch unser lieber Freund betheiligt ist." Als Easimir sich empfiehlt, erhält er von Mathilde noch einen Blick, einen Seufzer zum Abschiede, der ihm Alles verspricht, wornach sein liebekrankes Herz sich sehnt. „Doch," denkt er im Stillen bei sich, nachdem er einige Zeit im Wagen gesessen—„das ist es nicht, was ich anfangs erwartet habe. Liebe, zarte, süße, beseligende Liebe ist es nicht... sondern heiße, flammende, wilde Leidenschaft. Doch auch sie thut einem Herzen, wie das meine, wohl.— Ich habe noch so wenig vom Glück empfunden... lasset mich es in jeder Gestalt willkommen heißen. Und wer weiß! vielleicht irre ich mich. Vielleicht ist die Natur dieses Mädchens eben eine jener gewaltig auflodernden, wovon ich in den Dichtern so Manches gelesen; eine Liebe dunkel und heiß, darum aber nicht minder wahr und tief." — 129— Der Arme war so wenig erfahren auf diesem Gebiete! Er konnte das Bild Mathildcns nicht vor seinen Augen wegbringen: diese schlanke, feine Gestalt, dieser südliche, bräunliche Teint, dieses Auge, groß, dunkelblau und glänzend, dieser köstliche Mund, immer süß und mit einer holden Begehrlichkeit geöffnet... dieser edelgeformte Hals und Nacken... diese vollen und dabei doch so schlanken Arme, dieses üppige Haar, und ein Zauber in der Miene wie im ganzen Wesen des Mädchens, welches eine Gewalt auf Ca- simir ausübte, der er vergebens sich hätte entziehen wollen. X!I. Theobald als Autographen-Händler. Als Casimir zu Hause ankam, machte er wenigstens eine angenehme Entdeckung bei sich: er hatte die stolze und lächerlich eitle Helene gänzlich vergessen; er hatte den letzten Rest des Andenkens an sie aus seinem Herzen getilgt; und dies allein schon war ein großer Schritt zum Glück. Und nun erst sein neues Verhältniß! Denn er durfte Hoffnungen nähren» Hatte ihn etwa Mathilde nicht dazu berechtigt?— Er aber, wir wiederholen es, legte sich Alles, im Enthusiasmus der Leiden- Eeheinmiffs. I. 9 130 schast, nicht nur zu seinem, sondern auch zu ihrem Gunsten aus. So sollte er endlich des süßen Looses theilhaftig werden, wornach er bis jetzt vergeblich gestrebt und um dessenwillcn er Tausende, die schlechter waren als er, stets hatte beneiden müssen.— Nun winkte es auch ihm... nun näherten sich auch ihm die Tage des Frühlings, da in unsern Herzen tausend Knospen schwellen, tausend Blüthchen sich hin und her wiegen und ein holder Athem durch die Natur weht... der Athem der segnenden Allmacht. Wie herzte und küßte er das Kind, den lieblichen Wilhelm! wie wiegte er ihn auf seinen Armen! wie liebkoste er dem Kleinen!— Und so hätte er der ganzen Welt liebkosen mögen.— Und diese Freude, die er jetzt an der ganzen Welt empfand, er ließ sie ganz den Knaben empfinden.— So sind wir in diesen Momenten! Wir schütten sodann das ganze, reiche Füllhorn unserer Wonne, an welchem wir eine Welt könnten theilnehmen lassen, über ein einziges Wesen, ein Kind, ein Thier, einen Hund, einen Vogel, ja oft selbst über eine leblose Sache aus. Zu ihr sprechen wir mit den süßesten Worten, ihr erzählen wir unsere Lust, unser Glück, so als verstände sie unsere Worte und freute sich mit uns. Ja, wäre ihm jetzt sein ärgster Feind, wäre ihm der Graf von Mühlendorf begegnet/ er hätte ihm 131 die Hand gereicht, ihn an die Brust gedrückt, und selbst der Beleidigte, der Verletzte— hätte um Verzeihung gefleht. Und wenig fehlte, so wäre dies in der That geschehen.— Malten ging mit seinem Pflcgesohne auf der Straße, als er den Grafen auf sich zukommen sah— und zwar zu Pferde, wie damals, wo diese drei Menschen auf so traurige Weise zusammentrafen. Malten lächelte ihm versöhnt entgegen; schon wollte er stehen bleiben, um den schönen Lothar zu einigen Worten zu bewegen. Aber dieser ritt kalt an ihm vorbei, indem er ihm einen jener Blicke zuwarf, die den vornehmen Leuten so wenig Mühe kosten, und von welchen sie stets eine große Auswahl zur Hand haben: einen Blick der Geringschätzung, des Spottes, des Stolzes, des Ucbcrmuthes, der Glcichgiltigkeit, der Verletzung... Da blieb unserem Freunde nichts übrig, als sich zu bescheiden und ruhig seines Weges weiter zu gehen. Auch der Graf eilte weiter.— Er kam soeben von den Fenstern Helenens, welcher er ohne Zweifel beweisen wollte, daß er noch immer so stolz dahin zu traben verstand, wie damals, am Unglückstage und zwar auf demselben Platze. Und ste hatte ihm auch heute zugesehen aus ihren Fenstern, sie hatte seinen Gruß erwidert und ihm 9* — 132— sogar ein Zeichen gegeben, welches er sehr wohl verstand. Er ritt jetzt nach Hause. Hier anlangend, fand er ein Billet vor, das vor einer Stunde überbracht worden war.und welches Billet tausend Wohlgerüche ausströmte. Er fand, daß dies bereits längst aus der Mode sei und schloß davon auf den Absender als auf einen Mann, der keineswegs mit den Gesetzen des guten Geschmackes vertraut sei. Es war jedoch eine Absenderin— und diese Absenden« hieß Antonie. Der Inhalt des Billets lautete: „Seit mehreren Tagen harre ich vergeblich Ihres Wiederkommens. Sind sie krank, Lothar, oder nicht in der Stadt anwesend? Ich verlasse das Haus nicht und weiß daher auch nicht, was ich von Allem dem denken soll. In einem Verhältniß, wie das unsrige" (dieses Wort war doppelt unterstrichen)„begreifen Sie wohl, daß...! Was soll mir die Welt, in der ich nur Sie sehen, nur an Sie denken will?— Das kann ich ja besser zu Hause. Hier sehe ich noch immer den Fleck vor mir, worauf Sie das letzte Mal standen. Die Stelle, wo Sie mir Ihre Gefühle offenbarten, wo ich die meinigen dagegen austauschte; kurz, wo wir uns ewige Treue schwuren! Da ist die Stelle! Da ist sie!—— Zch kann sie nicht verlassen. O kommen Sie, eilen Sie wieder zu dersel- ben zurück, und sagen Sie mir hier nochmals, daß Sie nur angehören wollen Ihrer Antonie! koslZeript. Ich male gegenwärtig an einer Landschaft(Sie wissen, ich bin in der Kunst bewandert): Das Bild stellt Arcadien vor— und wir Zwei sind darin als ein Schäferpaar zu sehen." Das war der Brief. Lothar warf ihn ärgerlich von sich und rief: „Diese Schäferin gehört zu ihrer eigenen Heerde.— Welch' ein Billet!— O sie ist alberner als— Eine!" Und er befahl seinem Diener, nichts Achnliches mehr anzunehmen:„Du magst stets sagen, ich sei nicht in Wien— ich befände mich auf Reisen..." „Aber wenn man die Anwesenheit des gnädigen Herrn Grafen erfährt?" „Thut nichts. Du bleibst bei Deiner Erklärung." Noch ist der Diener bei seinem Herrn, als die Thür aufgeht und unangemeldet der würdige Jüngling Theobald von Wurmser eintritt, der unter den Armen Etwas trägt, was wie eine Mappe aussteht. „Ah— entschuldigen Sie, Herr Graf, daß ich so ssns ksxon eintrete— allein es befand sich Niemand im Vorzimmer, und ich habe Eile,— ich muß heute noch zwei Besuche bei meinen Freunden Thiers 134 und Odilon-Barrot, die soeben hier angekommen sind, machen.— In der größten Eile komme ich daher zu Ihnen, um, meinem Versprechen gemäß, das ich Ihnen dort, wo wir uns zum ersten Male trafen, gab, also mit einem Worte, um Ihnen mehrere von den Briefen, welche berührte Personen an mich schrieben, und die Sie zu sehen wünschen..." „Ich hätte sie zu sehen gewünscht?— Ich weiß nichts davon, mein Herr..." „Sie wissen nichts? Haben Sie mir es damals denn nicht gestanden?— Ach, Sie erinnern sich nicht mehr! Doch kurz..." „Ja— ich muß Sie bitten, sehr kurz zu sein, denn ich kann nicht lange zu Hause verziehen. Ich muß sogleich fort..." „Dann begleite ich Sie!" „Das ist nicht nöthig." Ohne sich irre machen zu lassen— hatte Theo- bald bereits seine Mappe aufgcthan— und legte Hunderte von verschiedenen Papieren auf dem Tische auseinander, indem er mit gewichtiger Stimme sagte: „Dieser ist von dem Präsidenten Boper— dieser von Ludwig Philipp— dieser von Mendizabal— dieser von Humboldt— dieser von dem Vladika von Montenegro— dieser von der Königin von Otta- heiti, Pomara der Unergründlichen, dieser da..." „Genug, mein Herr! ich bin nicht neugierig, Ihre Autographen zu sehen, zu denen übrigens, wie es scheint, ein ziemlich starker Glaube gehört; denn die Unterschristen fehlen ja überall, auch die Adresse seh' ich nirgends, es sind eben Papiere und Papier- chen ohne alle Bedeutung." „Ohne Bedeutung?— Was meinen Sie damit? — Diese Briefe wären ohne Bedeutung?!— Hahaha! — Wie kommen Sie mir vor! Diese Briefe sind vom Käse... ich verspreche mich, sie sind von all' den großen Männern, die ich eben genannt habe. Die Unterschriften aber habe ich weggerissen— weil-" „Nun— weil?" „Weil... Sie begreifen, Herr Graf, die Polizei liebt es nicht, daß man mit diesen Männern in Correspondenz stehe... die..." „Ach so!" „Eben darum habe ich auch die Adressen, welche stets an mich lauteten— kassirt, weil die Gewürz- krämer— ich wollte sagen die Polizeimänner— mich sonst..." Der Bediente unterbrach dies Gespräch mit den Worten: „Es ist Zeit— Euer gräfliche Gnaden..." „Ja— Du mußt mich ankleiden. Doch hilf diesem Herrn zuvor, seinePapicrwischeeinzupacken..." „Wollen Sie nicht"— sagte Theobald, das Letztere überhörend—„einige an sich bringen, lieber Graf? Sie sind ein Freund von Autographen." 136 „Ich?— das wußte ich bisher noch selbst nicht." „Und für ein Billiges gebe ich..." „Es thut mir leid, Ihnen nichts abnehmen zu können." „Wie gesagt: das Stück zu einem Dukaten." „Mein Herr..." „Ist Ihnen das zu theuer?— Nun gut: geben Sie für drei Stück jedesmal zwei Dukaten. Sie sehen, ich bin billig!—" „Endlich!—" „Noch immer zu viel!— Nun also— damit Sie sehen, daß ich nicht der Mann bin, der— Ich lasse Ihnen das Stück meinetwegen zu zwei Gulden Münze oder gar..." „Gehen Sie zum Henker, mein Herr, oder wer Sie sonst sind!— Verstehen Sie mich noch nicht?" „O ja, ich verstehe Sie, Sie wollen nämlich alle diese Briefe für sechs Dukaten haben." „Jean!" „Das heißt für drei Dukaten... für zwei... meinetwegen; aber wohlfeiler, das sag' ich Ihnen, kann ich sie Ihnen nicht ablassen. Also zwei Dukaten." „Das ist unausstehlich!— Jean, schaffe mir diesen Menschen vom Halse." „Ah— ich kapire Ihre Sprache bereits! Sie ist eigenthümlicher Art.—»Schaff' mir diesen Herrn vom Halse-- heißt nämlich soviel als:»Ach, wenn 137 dieser Herr nur noch Etwas an der Summe nachlassen wollte!--— Nun damit Sie sehen, daß ich ein Mann bin, der zu leben versteht, so will ich Ihnen den ganzen Kram, d. h. die ganze Sammlung für sechs Gulden geben." „Jean— gib' dem Menschen fünf Gulden und bringe ihn fort!" schrie der Graf und eilte in's Nebenzimmer, dessen Thür er fluchend hinter sich zuwarf. Jean aber zahlte den Betrag aus, worauf er die Papiere nahm und, noch einen Blick auf dieselben werfend, sagte:„Sie werden gut zu Fidibussen für die Bedientenstube sein." „Wie? Sie wollen doch nicht— diese kostbare« Dokumente..." „Ja, wenn das Papier nicht so schmierig wäre, könnte man es beim Einheitzen gut anwenden." „O entsetzlich!— Welche Profanation!— Geben Sie sie lieber wieder her." „Gegen Zurückerstattung der fünf Gulden!" „O— nein!" „Dann scheren Sie sich..." „Ha— ein Bedienter kann einen Gentleman nicht beleidigen. Ich habe in Heidelberg auf der Universität studirt. Den--Knoten-- gibt man keine Satisfaktion. Doch... nun fort... zu meinen zwei Freunden, die soeben angekommen sind: zu O'Connell und Melbourne." 138 „Früher waren es, glaube ich, zwei andere Herren: Thiers—".,^. „Gleichviel, es kommen hier in jeder Stunde so viele meiner Bekannten an, daß ich die Namen oft verwechsele.- Also fort- zu Pugatschin und Robert Peel."^ „Jetzt sind es wieder Pugatschin und „Halt' Er's Maul!— Er Mensch, Er!—— Oder!" Dabei stülpte der Jüngling seinen Hut aus's Ohr— und strich seinen Hohenpriesterbart, als wollte er ihn um eine Klafter länger machen. Und endlich, nachdem er noch einen Blick auf drc Papiere geworfen, wobei er vor sich murmelte:„Da habe ich wieder einen Geniestreich ausgeführt! Alte Kche- Papiere für Autographen verkauft, Haha!"—^gmg er mit stolzen Schritten zur Thür hinaus» Seine Sporen klirrten über die ganze Treppe. Jean aber bemerkte: „Dem Himmel sei Dank, daß er fort ist.^ch hätte bei anderer Gelegenheit seine Anspielung aus die»Knoten-- nicht so ruhig hingenommen» Allem es galt, ihn fort zu schaffen, und da muß ein kluger Kerl schon seinem Herrn gehorchen. Dafür aber sollen anstatt der fünf Gulden Wiener Währung, dre ich dem Narren gab- fünf Gulden Silbergcld angeschrieben werden." „Jean! Jean!" „Zu Befehl— Euer gräfliche Gnaden."— Wohin begab sich aber der edle Theobald? Doch nicht in die Höhle der Genie's, um dort das Erworbene auf den Altar der Gesellschaft niederzulegen?— O nein, so dumm war Theobald nicht. Er hatte sein gutes Stück Mutterwitz und wenn Niemand von seinen Kameraden zugegen war, betrog er ihre Kasse nach Herzenslust. „Wir sollen zwar Alles, was wir verdienen, abliefern! So lauten die Gesetze!— Allein Theobald fügt sich keinem Zwange, außer jenem seines großen Herzens und seines erhabenen Geistes. Und so wollen wir denn auch jetzt diese fünf Gulden welche ich einem Esel abgenommen— in einem Kaffeehaus oder bei einem Mandolettikrämer*) anbauen. Dies sagend, trat Theobald in ein Kaffeehaus. XIII. Die Mähr' von der goldnen Dose. Der Jüngling hat jetzt keine andere Sehnsucht, als seine fünf Gulden auf die schnellste Weise los zu werden, und er ruft: „Marqueur! Marqueur!" „Schaffen**) Euer Gnaden?" *) Conditor. **) Befehlen. — 140— „Was hast Du von besondern Getränken auszuweisen?" „Gefrorne Limonade... Sorbet.. „Weiter!— Sonst nichts?" „Die gewöhnlichen Sachen: Punsch, Thee, Kaffee, Chokolate..." „Zum Teufel damit! Habt Ihr keine indischen Aprikosenaufgüfse?" „Was ist das?" „— Oder egyptischen Bambusspiritus?" „Den kenn' ich nicht." „— Chinesische Krokodill-Thräncn in Zucker gesotten?" Der Marqueur lacht laut auf. Das bringt jedoch den jungen Mann in Zorn und er ruft:„Lachst Du vielleicht über Deine Dummheit, Bursche?— Hast Du noch niemals Etwas von Krokodill-Thränen in Zucker gehört?" „Nein!" „Dann geh hin— und lasse Dir die Fußsohlen durchklopsen, früher aber bringe mir Gefrornes." „Was für eines befehlen Euer Gnaden?" °„Sechs Sorten!" „Auf ein Mal?" „Auf ein Mal!" Der Marqueur geht, sich vor Lachen die Seiten haltend, fort— Theobald aber wendet sich zu einem 141 kleinen dicken Mann, der an einem Tischchen sitzt und ruhig sein Glas Himbcerwafser schlürft. Ohne Weiteres läßt sich der Jüngling mit ihm in's Gespräch ein. „Wie schmeckt Ihnen das Himbeerwasser?" „O sehr gut. Aber meine Frau versteht es besser zu bereiten. Doch Sie, Sie sind noch ledig, mein Herr? O, ich errathe Alles!" „Und hoffe es zu bleiben." „Daran thun Sie sehr wohl— obgleich die Freuden des Ehestandes auch nicht übel sind.— Ah, Sie lassen sich Eis geben!— Sie haben gewiß einen bedeutenden Ritt gemacht und sind dabei warm geworden, ich errathe Alles!" „Im Gegentheil... ich bin gefahren... Meine Equipage steht draußen." „So, so... Ja, jetzt entdecke ich!— Sie sind ein Ausländer. Ich wette d'rauf: ein türkischer Graf incognito." „Wie meinen Sie das?" „Nun— Ihr Bart— Ihre Locken— Ihr ganzes Wesen..." „Finden Sie etwas Türkisches daran?" „O, ich täusche mich nie." Man sieht, daß man hier den braven Spießbürger, Herrn Putzi Nusberger vor sich hat, der nun fortfährt:„Gleich, als ich den ersten Blick auf Sie warf, sagte ich im Stillen: Es ist etwas Mor- — 142— genländisches an ihm! Er ist der Sohn eines Pa,cha oder selbst ein junger Pascha, denn man hat Beweise, daß es in der Türkei sehr wenig kostet, ein Pascha von drei Noßschweisen zu werden.— Ich selbst hatte einmal die Absicht, nach Konstantrnopcl zu gehen und mich unter die Spahi's aufnehmen zu lassen, oder unter die Janitscharen." „Sie— mit ihrem Bauche?..." „Was thut das?— Die Bäuche sind im Orient sehr beliebt. Ich kenne das. Doch wie schmeckt Ihnen Ihr Gefrornes? Ohne Zweifel sind Sie ein Freund der süßen Sachen und essen häufig Zuckerwerk, ich sehe es Ihnen an. Doch, da kommt meine Frau; Sie hat versprochen, mich abzuholen— und hält Wort, wie gewöhnlich. Gewiß hat sie zu Hause einen Gri esschmarn gemacht, meine Lieblingsspeise, und holt mich dazu ab." Wirklich kam Mutzi, die Dicke, jetzt herein. Ihr Mann stellte ihr sogleich seine neue Bekanntschaft vor: „Ein junger türkischer Pascha von drei Roßschweifen, liebe Frau. Mache ihm Dein Kompliment und lade Hochdieselben zu dem Griesschmarn ein, welchen Du soeben zu Hause bereitet hast." „Einen Griesschmarn? davon weiß ich michts! Ich habe soeben eine Wurstspritze gekauft. Hier ist sie." Sie präsentirt dieselbe wie ein Gewehr. Es 143 war jedoch keine Wurst-, sondern eine andere Spritze. „Ah, Du brauchst sie nicht zu zeigen.— Ich habe das längst errathen: Du hast-zuerst einen Auflauf gekocht und dann bist Du nach der Spritze gegangen." „Ja— ich habe einen Auflauf gemacht, nämlich, ich habe unserer Dienstmagd, die einen Topf zerschlug, eine Ohrfeige gegeben, daß ihr die Backe auflief." „Ah! ah!—geh' doch, Mutzi, und ohne Zweifel hat die Dicnstmagd dann zu weinen angefangen. Ich errathe es!" „Nein— sondern sie drohte, vor Gericht zu gehen." „Gleichviel. Sie hat also Etwas darauf erwidert, als Du ihr die Ohrfeige gabst. Siehst Du, ich habe es gleich gewußt." Eben will Theobald, der inzwischen seine sechs Gefrorne verschlungen hat, ein neues bestellen, als sich in einem Nebenzimmer Lärm erhebt. Man schreit dort: „Hinaus mit dem Dieb!— Laßt ihn einsperren! Er hat mir meine Dose gestohlen!" „Was ist das für ein Geschrei?" ruft Theobald stutzend. „Oh— ein Dieb! ich errathe Alles!" „Ein Dieb! Laßt ihn nicht los!" kreischt die — 144— dicke Dame Mutzi, indem sie ihre Spritze in der Lust schwingt. Alles läuft nach dem Nebenzimmer, wo man einen Menschen zu Boden geworfen hat, der jämmerlich um Gnade fleht; indeß die Marqueure und ein alter Herr mit Stöcken und Billardqucues um ihn herum stehen. Der Mensch will sich erheben— aber augenblicklich läßt der alte Herr seinen Stock auf dessen Rücken spielen, wobei denn auch die Marqueure mithelfen— und wozu Mutzi mit ihrer Spritze den Takt angibt. „Oh! Weh!— Ich bin todt!— Schonet meines Lebens!" Theobald zweifelt nicht mehr. Der Doktor Norbertus ist es— die edle Leipziger Pflanze, die heute an diesem Orte zu blühen und zu duften versuchte. Sie war hier jedoch, wie wir sehen, in einen etwas üblen Geruch gekommen. Uns sollte man'ö wohl glauben? Theobald, zum Trotz des Gaunerreglements, das ihn dazu verbindet, seinen Kameraden in Nöthen beizustehen fühlt bei dieser Scene ein lebhaftes Vergnügen, ja er ruft sogar mit den Uebrigen: „Nur zu! Schlagt ihm die Knochen entzwei!" Indeß waren wieder auch etliche mitleidige Seelen da, welche Herrn Norbertus auf die Beine halfen. 145 „Ich wollte ja," ächzte er,„weiter nichts, als — in meine eigene Tasche greifen, nach meiner eigenen Dose, zufällig nun habe ich mich verirrt. Oman hat mich da in einem schmachvollen Verdacht." „Ja, man hat ihn in einem schmachvollen Verdacht! das habe ich gleich gesagt!" bemerkt Herr Nusberger. „Putzi— mische Dich nicht in fremde Angelegenheiten." „Aber Mutzi— ich muß doch..." „Wirst Du wohl schweigen? ich ersuche Dich sehr freundschaftlich darum!" ruft die Dame und balancirt ihre Spritze. „Ach!" versetzt mit einem Male der Doktor Nor- bertus, als er Theobalds, der sich jetzt nicht mehr verbergen konnte, ansichtig wurde;„da ist ein Freund von mir!— Dieser Herr wird mir beistehen gegen Angriffe auf meine Ehre." „Ja— ja," bemerkt Theobald und dreht seine Locken:„die Ehre dieses Herrn ist rein wie Gold — eben darum hat sie jetzt auch nach Gold gestrebt." „Wie?" schreit Norbert. „Das heißt— ich versprach mich— eben darum ist sie über allen Zweifel erhaben, wollt' ich sagen." „Und nun, mein Herr, entlassen Sie mich. Sie halten mich noch immer am Rockzipfel!" spricht Norbert. „Ja— ja— man entlasse ihn!" rufen Einige. Geheimnisse. I. 10 — 146— „Nein— auf die Polizei mit ihm!" versetzen Andere. „Aber... bedenken Sie... ich bin ein^ Gelehrter aus Leipzig, Doktor Norbert. Ich habe Werke geschrieben, welche Sie wahrscheinlich kennen werden; die ganze deutsche Presse würde für mich Partei nehmen, falls mir Etwas zu Leid geschähe^ Also..." „Also... fort mit ihm!" „Um Gotteswillen, meine Herren, machen Sie mich nicht unglücklich! Ich bin Familienvater, habe Kinder... Nicht wahr, Freund Theobald von Wurmser?" „Gewiß... er hat Kinder!" „Gleichviel... nur fort mit ihm!" spricht der Besitzer des Etablissements. „O—" heult Norbert und fällt auf die Knie: „Erbarmen! Nur nicht zur Polizei! Lieber prügeln Sie mich noch ein Mal durch!" Diese Bemerkung veranlaßt ein allgemeines Gelächter und Theobald springt beinahe vor Wonne. „Also wie? wollen wir ihn nochmals durchbläuen?" fragt Mutzi und holt mit ihrer Spritze aus. „Machen Sie dem Spektakel ein Ende!" entgeg- net der Wirth;„die Leute versammeln sich vor meinem Lokale." „Man lasse den Spitzbuben laufen!" bemerkt nun auch der alte Herr, dem die Dose gehörte, und sogleich stimmt man allgemein mit ein— der Platz vor Norbert wird frei— er erhebt sich und will gehen. Vorher aber wendet er sich noch zur Gesellschaft, verneigt sich vor ihr und sagt:„Ich danke Ihnen, daß Sie einem Ehrenmanne, wie ich bin, die Schande erspart haben, auf die Polizei geführt zu werden. Leben Sie wohl!" Und während er sich umdreht, zieht er noch dem alten Herrn Nusberger das Tuch aus der Tasche und eilt damit fort. Herr Nusberger aber spricht:„Ich habe es gleich gewußt, daß er ein ehrlicher Mann ist. Ach! ich' errathe das!"— Und zu seiner Frau gewendet: „Mutzi— wollen wir nun gehen?" „Ja, es ist Zeit.— Mein Herr," bemerkt sie zu Theobald und salutirt mit ihrer Spritze wie mit einem Degen,„ich hoffe auf das Vergnügen, Sie noch öfter zu sehen." „Wollen Sie— so gehe ich gleich mit Ihnen nach Hause." „Wenn Sie es als Pascha von drei Roßschweifen nicht verschmähen, mit gemeinen Bürgersleuten..." „O keineswegs!" ruft Theobald und zieht den Hut aus die Seite. „Dann gehen wir." „Vorwärts, Putzi!" „Ich gehe schon, Mutzi." — 148— XIV. Hohes Spiel und— heiße Liebe. Draußen vor der Stadt auf dem Glacis siehtTheobald Malten mit zwei Herren in einem Wagen fahren, worunter sich der Baron von Tiefengreif befindet. Er nimmt seine Lorgnette vor und murmelt: „Ah, hätte ich's auch so gut, wie diese! Allein, ich werde nicht ewig auf dieser niedern Stufe stehen bleiben. Mein Genie, meine Eigenschaften, meine Vorzüge werden mir in die Höhe helfen!" Eben so murmeln die zwei Begleiter Maltens Etwas unter einander, indem sie Theobald betrachten, wobei Cafimir ihnen jedoch nicht zuhört, denn er scheint sich in diesem Augenblicke Gedanken hinzugeben, welche auf seinem Gesichte einen Freudenschein verbreiten. „Wird die Gesellschaft zahlreich sein?" fragt er nach einer Weile. „Gewiß," bemerkt der Baron—„Sie können darauf rechnen, dort mehrere ausgezeichnete Personen zu treffen, namentlich Ausländer, denn Sie wissen, zu diesen gehören beinahe alle unsere Bekannten." Man langt vor einem Haufe an, welches in der Vorstadt»Alte Mieden-- liegt und von Außen eben keine besondere Anziehungskraft besitzt. Es ist ein graues, verwittertes Gebäude, welches indeß sehr 149 gut die Wohnung irgend einer alt-aristokratischen Familie, die vom modernen Treiben zurückgezogen lebt, vorstellen könnte. Ein sehr hübscher Salon empfängt bald darauf unsere drei Personen und eine noch junge Dame tritt ihnen entgegen, deren Mund von Honigworten zu überfließen scheint. Malten wurde ihr als der Freund des Barons vorgestellt und sie sagte, unter diesem Titel sei er auch ihr Freund;... daraus nähert sich ein kleiner, starker Mann mit großem Backenbärte und vielem Goldschmuck— er reichte Easimir, der ihn sogleich als jenen Herrn, mit welchem er neulich in den Prater fuhr, erkannt hat, die Hand, und es entspann sich zwischen ihnen ein Gespräch über Tagesereignisse, in das sich bald mehrere von den Anwesenden mischten, so daß zuletzt die Frau vom Hause, welche in einem Kreise von Damen stand, unter denen Easimir z. B. die Gräfin von Grünberg nebst zwei Anderen aus der„grünen Coterie" erkannte— da also die Frau vom Hause mit lauter Stimme fragte: „Aber wovon sprechen denn die Herren? Handelt es sich um eine interessante Sache, dann seien Sie so liebenswürdig, auch uns an der Diskussion Theil nehmen zu lassen." Der Baron von Tiefengreif entgegnete:„Es hat sich hier Jemand nach dem Kinde erkundigt, — 150— welches unser allverehrtcr Freund Malten auf eben so kühne als wunderbare Weise vom Tode gerettet." „Ach— von dem lieben Kinde!— O meine Herren, treten Sie doch hierher... erzählen Sie uns... Sie wissen, wir Frauen haben mindestens ein eben so empfindsames Herz, wie Sie." „— Die Frauen betrauern so gern das Unglück." „Nun denn, meine Damen—" sagte Malten, dem man einen Platz in der Nähe der Frau vom Hause angewiesen,„ich kann Ihnen die tröstliche Nachricht geben, daß mein Schützling sich im erwünschtesten Wohlsein befindet. Es ist ein treffliches, ein liebes Kind, mit allen guten Eigenschaften ausgestattet, und einem Verstände, der viel verspricht." „Wie ist es mit der Herkunft desselben bestellt? Ist es Ihnen noch nicht gelungen, seine Eltern zu entdecken?" „Ein sonderbares Dunkel umgibt diese Frage.— Aller Anstrengungen ungeachtet habe ich noch nicht die geringste Spur." „Und'das Kind kann sich also nicht erinnern, ob—" „Seine Aussagen sind sehr unerheblich und verworren; aber allem Anscheine nach gehörten die ersten Tage seines Lebens dem Glücke. Er muß von guter Herkunft sein. Sein späteres Loos jedoch war, wie es scheint, von mannigfachen Betrübnissen begleitet." Der Baron und mehrere Personen, darunter der 151 Herr und die Frau vom Hause, hatten sich Blicke zugeworfen, die sie jedoch sogleich wieder auf Malten richteten, als dieser sie eben hätte bemerken können. Auf einmal erinnerte die Frau vom Hause: „Doch wir müssen mit der Musik beginnen— unsere jungen Künstler werden uns sonst ungeduldig." Und sofort arrangirte man alles Nöthige, worauf ein Mädchen zum Klavier tritt, an welches sich ein Herr setzt,— um sie bei einem Liede zu accom- pagniren— welches sie mit vielem Ausdrucke und recht schöner Stimme sang. Casimir ist gänzlich in den Anblick der Sängerin verloren und sieht vollkommen einem Träumenden oder einem Glücklichen gleich; denn die Künstlerin war Niemand anders als— Mathilde, das Idol seines Herzens. Alle seine Nerven bebten... er konnte sich kaum aufrecht halten; er war mehrmals versucht, auf sie zuzueilen, um sie in seine Arme zu schließen, um sie an sein Herz zu drücken, um ihr zu sagen... Was?— Er sah, daß er nahe daran gewesen, eine Thorheit zu begehen, seiner Liebe Schaden zu bringen— sein Glück am Ende gar zu verscherzen; denn hatte Mathilde ihm damals nicht blos verstohlen zugelächelt und mußte er also nicht glauben, sie wolle ihr Verhältniß zu ihm nicht offenkundig machen? Allerseits ertönte lebhafter Applaus, Mathilde — 152 aber zog sich ruhig zurück, mit einer Miene, die sagen wollte:„Wegen einer so geringen Sache— so großes Aufhebens!" Er bemerkte sehr wohl, daß sie sich so gesetzt hatte, um ihn sogleich in's Auge fassen zu können, und nun war er selig, wie ein Gott, hatte keine Zeit mehr für die andern Erscheinungen dieser Stunde — hörte weder die Fortsetzung des Konzerts, noch den Applaus, der darauf folgte, fa als ein Terzett mit der mächtigen Begleitung eines ganzen Orchesters ausgeführt wurde, schien es ihm, daß tiefe Stille ringsum in der ganzen Schöpfung verbreitet sei und daß man das Säuseln des Weltgeistes hören könne» — Und als nun gar der Herr des Hauses auf ihn zukam, um die Frage zu stellen: „Was halten Sie von diesem Horn-Virtuosen?" bemerkte Casimir lächerlich zerstreut: ,/3ch bin in der Oekonomie schlecht bewandert und kann Ihnen über die Hornviehzucht keine Auskunft geben." Da ging der Herr zu dem Baron von Tiefengreif und flüsterte diesem zu:„Wir haben unsere Sache gut gemacht und Mathilde ist eine treffliche Schülerin in der Kunst." „Wollen Sie nicht an der Partie Theil nehmen?" fragte die Frau vom Hause unsern Freund. „An welcher Partie, meine Gnädige?" „Sie sehen, daß sich Alles zum.Spiele begibt... 153 wollen Sie der vierte Mann bei meinem Tische sein? mein Partner?— Oder ziehen Sie ein anderes Spiel dem ehrlichen alten Whist vor?" „Wie Sie befehlen... gnädige Frau.. Er gab ihr den Arm, und als er bemerkte, daß Mathilde an demselben Tische Platz nahm, bemächtigte er sich schnell des angebotenen Sitzes;— ich glaube, er erhielt dafür von Mathilde einen Blick, der ihn hinlänglich belohnte. Es wurde um geringes Geld gespielt und die Frau vom Hause zeigte sich sehr erzürnt, als der Partner Mathildens, welches ein junger Mann war, der für nichts als seine Karten Sinn zu haben schien, zu größeren Sätzen aufforderte. „Wir spielen ein Gesellschaftsspiel und nicht— um zu gewinnen!" hatte sie ihm einmal laut zugerufen, worauf er, wie sein Unrecht einsehend, um Verzeihung bat, die er auch erhielt. Ach, für all dieses hatte Casimir keinen Sinn und er mußte sich sehr zusammen nehmen, um nicht wieder, wie damals, eine verkehrte Antwort oder eine verkehrte Karte zu geben. Herzlich schlecht spielte er indeß doch... Allein wie war es anders möglich?... er hatte erst vor Kurzem den Fuß Mathildens unterm Tische leise gedrückt und sie zog denselben nicht zurück... ja sie blickte ihn so gütig und mit so strahlenden Blicken an... Nach einiger Zeit wurde Casimir des Spieles so 154 müde, daß er gern die Karten weggeworfen hätte, allein Matthilde schien ihm Folgendes zuzuwinken: „Auch ich spiele ja mit Ueberdruß— und nur gezwungener Weise!" so daß er daraus wieder neuen Eifer holte. Plötzlich wurde die Dame des Hauses von ihrem Platze abgerufen... aber rasch hat ihn ihr Gemahl eingenommen, der setzt bemerkt: „Das ist mir sehr lieb... ich spiel' für Madame ... Schon längst suchte ich an allen Tischen Platz- endlich finde ich ihn hier. Nun aber wollen wir auch die Gelegenheit benutzen..." Und er betrieb das Geschäft sogleich mit einer H-tze, die Cafimir ein Lächeln abgewann, weil er nicht begreifen konnte, wie man so großen Eifer an das Kartenspiel zu wenden vermag. „Ich muß die kurze Zeit benutzen!" sagte der Herr.„Meine Frau wird vielleicht bald zurück sein und dann ist es mit meinem Reiche zu Ende. Wollen wir unsere Einsätze verdoppeln?" „Angenommen! Angenommen!" Cafimir und sein Partner haben gewonnen— was unseren Freund ein wenig genirt, denn es ist sa Mathilde, gegen die er spielt. Eine neue Partie und das Glück ist fich oder vielmehr ihm treu geblieben. Dafür aber rief der junge Mann, welcher mit Mathilde spielte, auch: 155 „Teufel— dieses Spiel taugt nichts! Wir müssen entweder höher spielen... oder... man reibt sich so im Kleinen auf." „Ich bin Alles zufrieden!" „Ich ebenfalls," bemerkt Casimir. „Erlauben Sie, daß ich meinen Platz einer andern Person abtrete. Ich habe an so hohem Spiele keinen Gefallen!" sagt Mathilde und sogleich ist ein Ersatzmann für sie da. Nun hat Mathilde sich so gestellt, daß sie mit unserm Freunde ein immerwährendes Augenspiel unterpalt— was diesen für den soeben erlittenen Verlust ihrer größeren Nähe entschädigte. Denn von ihrem neuen Platze aus wirft sie ihm noch glühendere Blicke zu und er sagt zu sich:„Sie hat sich nur entfernt, um mir im Geiste näher zu sein." Das Spiel stieg höher und höher und Malten gerieth in großen Verlust. Dessenungeachtet spielte er immerfort sehr zerstreut. Was lag ihm an diesem todten, kalten Metall... ihm, dem Glücklichen, dem Geliebten eines schönen Weibes? Zuletzt jedoch, von Leidenschaft aufgeregt bis zur siedendsten Hitze des Blutes... ging er in einem einzigen Augenblick auf einen Satz ein, dessen Höhe ihn zur Besinnung brachte. Er hatte abermals verloren und zog sich nun auf einen flehenden Wink Mathildens zurück. Er trat sogleich zu ihr und sie gingen Beide, 156 scheinbar unbemerkt, nach einem Winkel des Salons, wo sie jetzt, in der That allein und von der übrigen Welt abgesondert, sich ihrer ganzen Zärtlichkeit hingeben konnten. Er hatte es ihr ja schon mit den Augen gestanden, daß er sie liebe, und sie hatte ihm dasselbe erwidert... die.wenigen Worte, welche sie also noch darüber zu wechseln hatten, waren bald gesprochen, und als er das Mädchen endlich hinab zu ihrem Wagen geleitete, den sie mit ihrer Mutter einnehmen sollte, drückte er sie rasch und ungesehen zum ersten Male an's Herz— ein heißer Sinnentaumel schien sich Beider zu bemächtigen:„Ich kann nicht ohne Dich leben!" hatte sie ihm zugeflüstert und er wankte hinauf in den Salon, vor Wonne fast auf jeder Stufe niedersinkend. Bald verabschiedete er sich von der Frau vorn Hause, die ihm sagte:„Jeden Mittwoch und Sonnabend ist Gesellschaft bei mir." Er gelobte es sich und ihr, niemals zu fehlen.— Tags darauf glich dieser starke und feste Mann einem Kinde, einem Trunkenen; Alles was er that geschah in halber Bewußtlosigkeit, denn seine Gedanken standen nur nach dem einen Ziele gerichtet. Für Casimir, den früher so Ungeliebten, den Verspotteten, den Niedergeschmetterten— war die Liebe ein Bedürfniß. Leser, die in's Herz des Menschen sehen, werden das längst gefühlt haben.— — 157- Die schönen Adonisse des Lebens, die da wandeln im Sonnenschein der Tagesgunst, haben sich schon in den ersten Jahren übersättigt, vollgesogen an dem Born der Liebe... sie schreiten dann theilnahmlos und kühl durch die Reihen der herrlichsten Frauen und der reizendsten Mädchen.— Die Häßlichen jedoch, denen noch niemals Frauenhuld gelächelt sie verzehren sich in immer steigender Sehnsucht nach dem Besitz emes Herzens, nach dem Schwelgen in der Leidenschaft, welches ihnen doch niemals, oder nur, um enttäuscht zu werden, zu Theil wird, und dies war auch mit Casimir der Fall. Ein liebliches Gesicht, das Auge einer Frau, der süße Athem ihres Mundes, der einmal zufällig an seinem Gesicht vorbeistreiste— versetzte ihn in einen Zustand des heftigsten Verlangens. Er glaubte die Besinnung zu verlieren, wenn sich ihm aus der Ferne die Formen eines schönen Weibes zeigten, und kam er in ihre Nähe, dann dörrte die Hitze des innern Fiebers sein Herz aus... und doch errang er nie auch nur den geringsten Erfolg.— Stets abgewiesen, stets übersehen—oder gar verlacht und verspottet zu werden... es war für ihn ein entsetzliches Leben! Und er mußte es hinnehmen— eben weil er es war, der Häßliche, der Abstoßende. Denn welches Weib von allen, denen er bisher begegnet war, hatte sich die Mühe genommen, diese 158 traurige Hülle zu durchdringen, um nach dem schönen und glühenden Herzen unter derselben zu sehen? Und nun endlich, endlich ward ihm dieses dennoch zu Theil! Endlich fand sich ein Weib, ein Mädchen, dessen erster Anblick ihn im tiefsten Leben ergriffen hatte... und dieses Weib, dieses Mädchen wies ihn nicht zurück— sie gab ihm Hoffnung— sie gab ihm Gewißheit— sie erlöste ihn freiwillig von seiner Pein.— Ja, sie liebte ihn!— Er wußte gar nicht mehr, was er vor wahnsinnigem Entzücken thun sollte. Jetzt meinte er sogar, daß alles Bisherige blos Täuschung, blos Zufall gewesen sei... er sagte zu sich, daß er bis auf den heutigen Tag in einer gräßlichen Selbstverblendung gelebt habe; er rief sich zu: „Nein, Du bist nicht der häßliche Mensch, wofür Du Dich bis setzt gehalten!— Du bist eben so schön wie Andere— sonst könnte Mathilde Dich nicht lieben.— Du warst ein Unsinniger, der sich selbst immer erniedrigt hat... Und wofür man sich der Welt gibt, dafür wird man von ihr genommen!—" Es läßt sich nicht leugnen, daß dieses Selbstvertrauen unter allen Umständen eine glückliche Waffe ru der Hand Maltens gewesen wäre; mittelst derselben hätte er, bei allen Nachtheilen seiner Gestalt, 159 schon längst einen Sieg errungen, und das Glück erreicht, was er jetzt erobert zu haben glaubte. Baron von Tiefengreif besuchte ihn heute. „Sie haben gestern unserer Unterredung sehr bald entsagt, um sich einem Spiele hinzugeben, welches zuerst unglücklich, dann aber, wie es scheint, sehr glücklich für Sie war." „Das Erstere reut mich nicht— und das Letztere, wäre es wahr, würde mich beseligen." Der Baron warf sich auf eine Causeuse: „Sagen Sie es nur heraus... Sie machen da die Eroberung eines reizenden Mädchens... eines Mädchens, das bisher allen Bewerbungen widerstand. — Das Fräulein, von dem ich spreche, ist jedoch von so eigenthümlicher Sinnesart..." „Daß sie sich auch— in einen Häßlichen verliebt... wollen Sie sagen?" „Nicht doch. Aber es ist ziemlich auffallend, da sie bis jetzt die schönsten Männer der Residenz teilnahmlos ansah— daß—" „In der That?— Dann darf ich mir also, das wollen Sie doch sagen? um so mehr Glück wünschen." „Und ich, theurer Freund," setzte der Baron mit einem herzlichen Tone hinzu, indem er Casimir die Hand reichte,„theile mit Ihnen dies Glück." Dieser Ton rührte unsern armen Freund:„Ja, 160 Sie sind mir gut!" sagte er und umarmte den Baron, der nun ebenfalls tief ergriffen schien. „Aber"— sprach Malten nach einer Weile,„Sie haben scharfe Augen. Wie konnten Sie Etwas beobachten, was, wie ich glaubte, Niemand aus der Gesellschaft gesehen hat?" Einen Augenblick schien der Andere verwirrt, gleich darauf aber versetzte er: „Sollte dem Freunde auch entgehen, was fremden Leuten entgeht?"— Sie verließen das Haus, um zusammen im Casino zu speisen, wo der Baron einigen von den gestrigen Bekannten ein Rendezvous gegeben hatte — und woselbst, wie er sich gegen Casimir ausdrückte, dieser Revanche verlangen könne für die gestrige Schlappe im Spiel. Als sie aus dem Wagen stiegen, trafen sie vor dem Eingänge des Easino mit den erwarteten Herren zusammen, unter denen sich auch jener kleine, starke, stämmige Mann mit den goldnen Ketten u. s. w. befand, in dessen Hause Casimir gestern gewesen war.— Es war— Herr Wunder, der Chef aus der Hohle der Genies. Unsere Leser haben nun bereits einen Faden des starkverschlungenen Lebensnetzes, welches wir hier vor ihren Augen ausbreiten, in der Hand. Herr Wunder, der Chef der Diebe, der Beutelschneider, der hohen und niedrigen Gauner, kurz der Chef aus der Höhle der Genies, war jedoch unserm Freunde Casimir als der Baron von Bunders aufgeführt worden.— XV Vater Gründling und seine Familie. Folge uns der Leser nun in ein Haus, welches er bisher noch nicht betreten. Nicht viel besser als dasjenige, in welchem jener liederliche Taugenichts aus der Höhle der Genies, Paul, und seine Geliebte Fanny wohnen, aber dafür noch viel versteckter, ist das Haus, worein wir uns jetzt begeben wollen. Es steht in einer Gasse oder vielmehr in einem kleinenGäßchcn von Thury, diesem Stiefkinde, diesem ungcrathenen Kinde der alten Mutter Wien. Wir haben es bereits in einem früheren Erzählungswerke*) beim Namen genannt, dieses Thury— und wir haben schon dort berichtet, was dieser Name in sich schließt. Selbst viele Eingcborne der Residenz kennen Thury nur vom Hörensagen, denn noch niemals sind sie auf den Pfaden gewandelt, welche den armen Mann, den Tagelöhner, den Proletarier, den Bettler, den ») In dem Romane„Lcontin." Eeheimilifft. I. 11 162 Henkersknecht und den— Spitzbuben nach Thun) oder von dort nach der Stadt führen.— Hier also, in einem übrigens ziemlich festen Hause, wohnt ein Mann. Doch früher noch müssen wir sagen, daß er im obersten Stockwerk wohnt, nach hinten zu— keine Aussicht in's Freie— kein Blick in die schöne Natur rings herum. Die Fenster, welche stark vergittert sind, gehen in den Hof des Hauses, der ein vollkommenes Viereck bildet, allerwärts von den Mauern des Gebäudes eingefaßt.— Nachdem wir dieses Stockwerk erstiegen haben, treten wir aus einem Gange in eine Art Küche— in ein Zimmer, Alles in ärmlich-kahlem Zustande. Endlich kommen wir in ein gewölbartiges Gemach, dessen Fenster mit den stärksten Eisenstangen vergittert sind und welches einem kompletten Gefängniß ähnlich sieht. Hier stehen einige Truhen, Kisten und Schränke. Rings umher hängen Kleider, Waffen— liegen Bücher, Instrumente, Requisiten und Sachen von tausenderlei Gestalt; kurz es scheint hier ein Trödler zu Hausen. Der Bewohner dieses Gemaches sitzt mitten zwischen seinen Sachen, auf die er einen wohlgefälligen Blick wirft... nachher geht er zu einem Tische, worauf ein großes Buch, wie die Kauf- und Geschäftsleute es besitzen, liegt; in dieses schreibt er einige Namen, zu welchen er einige Ziffern fügt, und nachdem das Alles geschehen, begibt sich der Mensch wieder zu einem Betschemel, vor dem ein großes graues Kruzisir aufgestellt,(über dem Kruzifix hängt indeß eine alte Weste)— kniet hier nieder und ergießt sich setzt in eine Art frommen Geschnatters, wie alte Weiber, wenn sie einer Leiche folgen. Die Gestalt des greisen Mannes ist klein, krumm, dürr und mißgestaltet. Sie hat etwas Gnomcnarti- ges und die Augen in ihren tiefen Höhlen blitzen bald heftig heraus und bald ziehen sie sich, wie die Fühlhörner der Schnecke, rasch zurück... bis sie fast ganz im Kopfe verschwinden. Unsere Leser haben dieses Individuum schon ein Mal flüchtig gesehen und zwar in der Höhle der Genies, als er hastig hervorschoß und mit den Worten:„Ich bin der Kassirer!" den Dukaten holte, welchen Doktor Norbertus damals von Casimir erbeutet oder erbettelt hatte. In diesem Augenblicke scheint Herr Gründling (das ist der Name dieses Würdigen) lauter Andacht zu sein. Er löst sich so zu sagen auf in all dem Geseufze, Gestöhne und Geheule... zuletzt fängt er gar an, einen Psalm zu singen, den er jedoch in der Mitte unterbricht, um nach seinem Buche zu gehen und dort Etwas zu notiren, was ihm in den Tiefen seiner Gottversunkcnheit soeben eingefallen ist. 164 Er hat nämlich einen schlechten Schuldner, der heute wieder zu bezahlen versprach, notirt. Denn, wie wir später sehen werden, Vater Gründling beschränkte sich nicht blos auf seinen Stand als Kassirer in der Höhle der Genies. Nachdem die Notiz gemacht war, ging der Biedermann wieder ruhig zu seinem Pulte und sang seinen Psalm aus dem Falsett fort. Als der Psalm zu Ende war, schnatterte Gründling abermals ein Gebet, ging wiederum mitten in demselben weg und begann einen alten Rock auszuklopfen... dabei betete er ununterbrochen... trat neuerdings an den Bctpult... sang wieder einen Psalm, vor dessen Beendigung er noch ganz gemüthlich seine Pfeife stopfte und nun ihren Rauch und somit den Weihrauch seiner Andachtizum Himmel aufsteigen ließ. Mit einem Male wurde an seine Thür geklopft: „Wer stört mich in meiner Frömmigkeit?", „Ich bin es!" „Ach so.— Donnerwetter und Element! Hier wird keinem Menschen aufgethan, der blos sagt: »Ich bin es.« Das kann ein Jeder sagen. Wer ist dieser Ich?— Man nenne seinen Namen!" „O über den alten Narren!— Thut so, als erkennte er die Stimme seiner eigenen Frau nicht." „Frau oder nicht Frau!— Man muß sich vor den Leuten in Acht nehmen. Sie sind alle schlecht. Nichts geht über Vorsicht und Klugheit." 165 Endlich öffnete er... Da trat eine Frau ein, die wir ebenfalls schon kennen, und keine Andere war, als Mathildenö Mutter, welche Beide uns dort auf dem Landhause und dann in der Soiröe bei Herrn Bunder erschienen. Diese Frau, damals glänzend, jetzt sehr ärmlich angezogen— trat mit den Worten ein. „Schon wieder ist Einer durchgegangen. Der Chevalier Löbenthal— dem Du hundert Gulden geliehen." Da ergriff den Greis ein Zittern, welches nch über seinen ganzen Körper verbreitete. „Schon wieder Einer durchgegangen! Ein Lump, — ein Schurke— einem ehrlichen Manne durchgegangen. O ich vergehe!— Doch, schnell, schnell! Wohin ist er?— Ich muß ihm nach!" „Es wird wieder vergeblich sein, wie immer. Du leihst allen Leuten Geld— und sie bezahlen Dir's nicht wieder... sie reißen aus... Du reisest ihnen nach... und kommst mit leeren Händen zurück. Das Stück ist schon hundert Mal aufgeführt worden. Spare lieber das Geld, welches Du für den Wagen bezahlen mußt. Der Vogel ist fort— und Du fängst ihn nicht mehr ein!" „Ob ich ihn fange!— Ich will Dir's beweisen! — Vorsicht, Klugheit und Ausdauer führen stets zum Ziele. Es sind mir zwar schon über Hundert durchgegangen... ich habe noch Keinen erwischt... .«L. — 166— endlich aber fange ich doch Einen... und der muß für Alle bezahlen." Und Vater Gründling warf sich in eine Art von Reithosen und überhaupt in Reisekleider, die er aus dem Schatze seines Trödelkrams ohne viel Auswahl nahm. Papa Gründling, dieser biederste Mann unter der Sonne, war erstens Kassirer der Höhle der Genies, die er betrog,— zweitens Wucherer, um jungen Leuten in der Stadt Geld zu leihen, und sie zu betrügen,— drittens Trödler, um arme Handwerksbursche zu betrügen,-viertens Frömmler, um Gott zu betrügen, und fünftens ein Mensch überhaupt, um sich selbst zu betrügen... denn eine seiner Haupteigenschaften und zugleich einer der komischsten Züge seines Charakters bestand darin, daß er alles Geld, was er als Kassirer, als Trödler und als Wucherer erwarb, an junge elegante Herren in der Stadt auslieh, die ihm regelmäßig nach einiger Zeit damit durchgingen, denen er stets nachreiste und die er niemals einholte. Fast täglich machte er eine solche Reise... und die Ursache seiner Magerkeit war unter andern auch eben dieses viele Reisen zu Fuß, zu Pferd oder zu Wagen; denn Papa Gründling richtete sich stets nach der Entfernung; hieß es z. B., der jugendliche Schuldner sei zwei Stunden weit in's nächste Städtchen echappirt— dann ging er ihm zu Fuße nach — 167— und das Erste, was er nun stier vernastm, war gewöhnlich: „Der junge Herr, welchen Sie suchen, ist vor einer Viertelstunde mit Ertrapost weiter gesastren und läßt Sie grüßen." „Wie? er wußte also, daß ich kommen würde?" ftrach dann Papa Gründling. „Gewiß— und wären Sie nicht zu Fuße gekommen, so hätten Sie den losen Herrn noch stier erwischt.— Darum sagte dieser auch:»O, ich habe Zeit und kann mir einstweilen die Merkwürdigkeiten des Orts besehen, bis Papa Gründling seine Fußpartie stierster beendigt.— Warum nimmt sich der alte Esel auch keinen Wagen?" Dieser ehrliche Geldverleister mußte sich demnach von seinen ausreisenden Gläubigern auch noch Sot- tisen sagen lassen!— Nicht besser erging es ihm mit den Andern, denen er zu Wagen nachfuhr. Das waren solche, die ihm auf einmal mehrere Meilen weit, z. B. bis Preßburg durchgingen.— Hier half keine Fußreise mehr, diesen Herren mußte Papa Gründling nachfahren. So langte er denn z. B. mit einem Fiaker in Preßburg an. Aber das Erste, was man ihm hier sagte, war wieder:„Der Herr, den Sie suchen, läßt Sie vielmals grüßen... er ist vor fünf Minuten weiter gereist— in's Innere des Landes, sagte er, W - 168— und er gibt Ihnen den Rath: sich künftig einen Pri- vat-Dampfwagen anzuschaffen— wenn Sie solchen Leuten, wie er, nachsetzen wollen." Da haben wir's.— Auch hier erntete Gründling nur Hohn... nebstdem hatte er auch noch das Geld für den Fiaker umsonst ausgelegt.— Hörte er endlich, es sei soeben einer seiner fec- testen Schuldner auf und davon und habe z. B. den Weg nach Italien oder in ein^anderes Land eingeschlagen(Routen, welche mit Eisenbahnlinien anfangen), dann setzte er sich zu Roß und jagte, gleich dem großen Helden Ingotauer, der noch in der Unterwelt seinen Feinden nachreitet— über Stock und Stein neben der Eisenbahn hin bis zur zweiten Station.— Gewöhnlich mußte er aber auch hier hören: „Fa, wären Sie doch nur einige Minuten früher gekommen... aber soeben ist der Herr mit dem Zuge abgefahren... er ließ Ihnen lachend sagen, daß, wenn Sie in Zukunft solchen Leuten, wie er, nachzujagen gedenken, Sie sich hierzu erst eine Flugmaschine, wie die, welche soeben in London gebaut wird, anschaffen möchten." Ueberall kam der biedere Gründling zu spät an, überall mußte er sein Geld verlieren und überall wurde er zudem auch noch verhöhnt. War es nun ein Wunder, daß er so mager aussah wie ein Stallet, und gelb war im Gesicht vor Aerger gleich einer Pomeranze? 169 Vater Gründling war denn auch heute ausgelitten, gen Nordost, um jenen uns bewußten Herrn von Löbenthal zu sahen.— Ach, aber ehe acht Stunden verflossen, war Vater Gründling, in Schweiß gebadet, wieder daheim... und brach, im Zimmer ankommend, zusammen, mit den schrecklichen aber gewöhnlichen Worten: „Der Teufel hat auch den geholt!— Er ist nicht mehr zu erreichen... Als ich in G., der Station, wo er zuletzt gesehen wurde, anlangte, sagte mir der Wirth: „Lieber Herr, wären Sie nur sieben Minuten früher gekommen... Aber so... ist der gnädige Herr von Löbenthal schon fort. Sie erwischen ihn nicht mehr... und kurz: warum sind Sie so übertrieben menschenfreundlich und leihen den Leuten Geld, da Sie doch wissen, daß es immer umsonst geschieht? — Wenigstens sollten Sie ihnen dann nicht auch noch nachreisen." „Nun aber," fuhr Gründling fort,„schwöre ich, keinem Menschen mehr Geld zu geben... und wäre es selbst der Großmogul." Kaum hatte er das gesagt und eben war er Willens sich an sein Betpult zu begeben, als an seiner Thür geklopft wurde: „Wer ist das?" „Ich bin es, Herr Gründling." — 170— „Wer ist das: Ich?— Man nenne seinen Namen!" „Laroche!" „Ach, so— sogleich, gnädiger Herr..." Und er öffnet einem jungen Elegant, der sich nachlässig auf einen Stuhl niederläßt mit den Worten: „Lieber Alter— ich brauche Geld!" „Schon wieder... Aber... Sie haben..." „Ich habe Ihnen noch das Letzte nicht bezahlt, wollen Sie sagen. Ich weiß— allein ich bin jetzt nicht bei Kasse, was Sie daraus ersehen.werden, daß ich wieder zu Ihnen komme..." „Aber—" „Was— aber?" „Soeben ist mir wieder Einer durchgegangen." „Halten Sie mich für einen Schurken? Donnerwetter!— Bin ich nicht Edelmann?" „Der Andere war auch Edelmann." „Und kurz— wenn Sie mir nicht nochmals Geld vorschießen, muß ich..."> „Nun?" „Mich banquerot erklären— mich erschießen oder zu einem andern Geschäftsmanne gehen." „Nein, beim Teufel nicht!— Lieber will ich Ihnen noch ein Mal aushelfen... dann jedoch..." „Was meinen Sie, Herr Gründling?" „Zweihundert vom Hundert!" „Gut. Ich bin's zufrieden." 171 „Wieviel brauchen Sie?" „Achthundert." „Können es nicht— vierhundert sein, gnädiger Herr?" „Kein Kreuzer weniger." „Nun— da ist das Geld... jedoch... wenn auch Sie mir durchbrennen..." „Alle Wetter! Was denken Sie von mir?" „Das Beste bis— zu dem Augenblick..." „Nun?" „Wo Sie mich zwingen werden, Ihnen nachzusetzen. Nehmen Sie sich in Acht... Mir entkommt kein Gläubiger, ich erwische ihn, und sci's an der großen Mauer von China." „O, das ist bekannt.— Doch jetzt— hier der Wechsel. Leben Sie wohl!" „Adieu, mein gnädiger Herr." Und der kleine dürre Gnome reibt sich die Hände, sprechend:„Endlich hoffe ich zu meinem Verlust zu gelangen... Dieser soll mir nicht durchbrennen!" und Papa Gründling fängt an, zwei Hosen zu flicken, / wobei er einen frommen Wallfahrts-Gesang anstimmt. Tags darauf geht er mit dem Frühesten aus, um sich nach der Höhle der Genies zu begeben; denn heute ist hier große Versammlung, bei welcher über eine wichtige Angelegenheit berathen werden soll. Der Gegenstand derselben ist— Malten, von dem wir bereits wissen, daß er unmerklich und 172 Schritt für Schritt in die Fallstricke der Gauner gerietst, die jetzt fester um istn zusammen gezogen werden sollen, damit er nicht mehr entkomme. Wir durchschauen endlich auch das wahre Verhältniß, in welchem er zu demjenigen Mädchen stand, von dem er sich so sehr geliebt wähnte, daß er in dieser Liebe alle Seligkeiten des Himmels empfand und sich für den Beglücktesten auf Erden hielt. Mathilde war nichts mehr und nichts weniger als das Werkzeug, dessen sich die Gauner bei ihren Anschlägen auf Casimir bedienten, und welches, wie diese feinen Menschenkenner wußten, das mächtigste war, das man gegen ihn in Anwendung bringen konnte.— So war demnach diese Liebe Mathildens eitel Trug, Lüge, Verrath, Gotteslästerung?— Wer weiß; wir wollen nur so viel sagen, daß das Mädchen hier eine Rolle übernommen hatte, zu der sie sich sonst nicht hergab. Es galt jedoch einem hohen Zwecke der Gesellschaft und wohl deshalb ließ sie sich dazu herbei. So war also dieses Geschöpf eine Dirne des niedrigsten und verächtlichsten Schlages?— Keineswegs!... Sie war sogar ein stolzes Geschöpf— sie war leidenschaftlicher Herzensregungen, vielleicht gar wahrer und uneigennütziger Empfindungen fähig. Der Verfolg dieser Blätter wird uns hierin aufklären. Wir treffen Mathilden jetzt bei einer weiblichen 173 Arbeit neben ihrer Mutter im Zimmer, jedoch nicht in dem des Vaters— eines Vaters, den sie im Grunde verabscheute und bedauerte, der sie auch nicht liebte, sicherlich nicht so sehr wie sein Geld.— Es entspann sich nun folgendes Gespräch zwischen den zwei Frauen: „Du arbeitest heute mit Unlust, Mathilde." „Glaubst Du das wirklich, Mutter?" „Während wir Zwei, Dein Vater und ich, unablässig besorgt sind, Dir ein Eigenthum zu erwerben, womit Du dereinst glücklich und glänzend leben könntest... bist Du.. „Reden wir nicht davon, Mutter... Ich will ausgehen." „Nein, Du bleibst hier. Dein Vater kann jede Stunde zurückkommen und Dir ein Geschäft auftragen... Jener Malten muß jetzt warm gehalten werden." Bei diesen Worten zieht die Dame eine mit Stroh überflochtene Flasche aus der Tasche und nimmt einen Schluck Rum:„Da! Willst Du?" „Pfui!— fort damit!— Ekles Getränk!" „Einfältige Rede!— das Getränk ist gut und hat den Grad... allein, um wieder auf den gewissen Malten zu kommen... Du hast Deine Sache bei ihm recht gut gemacht." „Du nicht minder. In jenem Landhausc, welches der Gesellschaft gehört, spieltest Du die Frau 174 von Wett ausgezeichnet... Nur hättest Du nicht so viel um das Gebüsch hcrumschleichen sollen." „Ich mußte Dich anfeuern...' Du schienst es etwas ungeschickt einzufädeln." „Das kam daher, weil ich in diesen Dingen noch unbewandert bin, und es in Zukunft auch bleiben will." „Wie meinst Du das?" „Ich meine, daß sich der Vater ein ander Mal nach einem andern Fräulein umsehen mag, wenn er wieder Eine zu ähnlichen Diensten braucht." „Du wirst doch nicht... Du wirst den Handel mit Malten doch nicht abbrechen?" „Ich will diesen noch fortsetzen; aber es ist der letzte, ich wiederhole es... Der arme Mensch fängt an, mich zu dauern... Er ist häßlich, aber dabei so gut wie ein Kind." „Ha, bring' mich nicht auf jenes Kind, sonst... Du weißt, welcher Verlust!... Kurz, Du weißt, daß es nothwendig ist, Deine Rolle mit steigendem Eifer weiter zu spielen." „Ich will es thun!" versetzte Mathilde, deren eigentlicher Name Lucic ist und die jenen nur vorder glänzenden Welt, welche hier bisweilen ostentirt wird, trägt... häufig aber redet man- sie auch zu Hause so an. Jetzt stand das Mädchen auf, warf die Arbeit hin und streckte ihre schlanken und geschmeidigen Glieder, die fast jenen von Victor Hugo's»Esmeralda« 175 glichen, auf ein Ruhebett, wo sie in dieser Lage zu singen und zu trällern begann und dabei mit einem feinhaarigen Hunde von englischer Nace spielte. Endlich, nachdem sie allerhand Possen getrieben hatte, nahm sie ein Buch zur Hand, las darin einige Leiten, warf es wieder weg, drehte sich um und— schien zu schlafen. „Die dumme Dirne!" bemerkte ihre Mutter; „da schläft sie, während sie sich vielleicht ankleiden soll, um ihrem Vater zu folgen... Doch, doch..." fuhr die Alte fort, einen Blick auf Lucic oder Mathilde werfend,„es ist ein schönes Mädchen— das muß man zugeben... und mein Mädchen, mein Kind!— Sie hat den Verstand eines klugen Mannes... und sie ist mein Kind." Abermals ein Schluck aus der Flasche und bald schlief auch die edle Matrone. Jetzt erhob sich das Mädchen— lauschte den Athemzügen der Alten, und als sie sich überzeugt hatte, daß sie fest schlief, trat sie auf den Fußspitzen hinaus in's Vorhaus, vor die Thür ihres Vaters. Sie rüttelte an dieser:„Fest verschlossen!" murmelte sie, zog dann einen Schlüssel aus dem Busen und öffnete. Einige Zeit blieb sie in dem Zimmer Gründlings — endlich kam sie heraus, verschloß wieder Alles und ging mit den Worten zu ihrem Ruhebett:„Ich kann nichts herausbringen— nichts erforschen... - 176— Ich kenne den Plan der Gesellschaft nicht... aber dieser arme Mensch, dieser Casimir dauert mich in tiefster Seele und.. Bei diesen Worten ließen sich draußen Tritte vernehmen. Vater Gründling war nach Hause gekommen... aber er gab seiner Tochter keinen Auftrag, vielmehr ging er, ohne sich auch nur nach ihr umzusehen, in seine Stube, verweilte einige Augenblicke darin, worauf er sie wieder und auch das Haus verließ. XVI. Die Eindringlinge.— Thcobalds kurze Visite.— lein will sich aus der Welt schaffen. Ein Fräu- Doch nicht nur unter sich und mit einzelnen Fremden beschäftigten sich die Söhne jenerHöhle, wie davon bisher die Rede war... nicht nur in dieser abgeschlossenen Weise»arbeiteten-- sie(wie sie sich auszudrücken pflegten); diese Leute, diese durch einen festen, wohlorganisirten Bund furchtbare Gesellschaft drang einzeln ganz offen in Häuser, Familien, in Salons und in öffentliche Orte ein, um hier zu leben, zu weben, sich zu unterhalten, um hier sogar beliebt und gesucht zu werden gleich den ehrlichsten und verdienstvollsten Gliedern der socialen Welt. Wir sehen namentlich den Baron von Tiefen- 177 greif als einen Mann vorn besten Ton und von gesellschaftlicher Bedeutung auftreten;— wir sehen ihn überall Glück machen, sei'ö im Salon, sei'ö an andern Orten'.— Wir sind ihm bisher nur in jene Kreise gefolgt, die er Casimirs wegen betrat— jetzt können wir ihn auch nach seinen ferneren Zielen begleiten. Hierher gehört das Haus des Herrn von Planen, Helenens Vaters, dessen Schwester(von ihr haben wir bisher noch nichts erfahren, weil sie erst seit Kurzem in Wien angekommen war) in seinem Salon die Honneurs macht... ein Geschäft, wozu sich Helene, theils als eine noch unverheiratete Person und theils ihrer Neigungen wegen, nicht schickte... Heute ist hier sehr viel Welt versammelt. Neugierde hat die Meisten hierher getrieben, denn allgemein heißt es bereits in der Stadt, dem Grafen Lothar von Wühlendorf sei endlich jenes Glück, wornach bisher Alle vergeblich gestrebt, zu Theil geworden. Lothar sei von dem spröden, herzlosen, koketten Fräulein von Planen zum Gatten auserwählt worden. Unser wohlbekannter Baron von Tiefengreif, der Hektor unter den Gaunern, wurde hier heute zum ersten Male vorgestellt— und zwar durch keinen Andern, als den Begünstigten des Hauses, durch L othar. Bereits seit längerer Zeit unterhält er mit demselben eine Bekanntschaft, deren Veranlassung zuerst Geheimnisse, I. 12 Malten war, denn es galt damals, um die Verhältnisse des Letztem kennen zu lernen, sich bei allen seinen Freunden und Feinden einzuschleichen. Natürlich, daß Malten von dieser Verbindung nichts wußte... Er ging ja so selten aus und größtenteils blos in der Gesellschaft Tiefengreifs. Die zwei Salons, welche da geöffnet sind, haben sich bereits mit den buntesten Menschengruppen angefüllt. Im zweiten sitzt die Schwester des Herrn vom Hause auf einer Ottomane zwischen einigen Damen und empfängt die Ankommenden. Helene hat sich unter einige von ihren Bekannten gemischt, mit denen sie ein Gespräch in ihrer Weise unterhält, nämlich, wo sie stets das Wort führt und in Allem Recht behält. Mehrere Herren stehen hinter den Stühlen der Damen und hören andachtsvoll zu.— Auf einmal tritt Lothar mit dem Baron von Tiefengreif ein und stellt ihn Helmen vor, die ihn ziemlich freundlich empfängt, weil er ja durch denjenigen rekommandirt wird, welchem man alle Gunst bezeugt. Es wird jetzt noch viel hin und her geplaudert; der Pseudobaron zeigt sich dabei als ein Mann von Geist und Ton, und unter Anderm erzählt er auch eine Geschichte, die sich auf die Erwerbung seines Ritterkreuzes bezieht— welche Geschichte indeß ebenso vollständig erlogen ist, wie sein Freiherrntitel. Nichtsdestoweniger findet dieser Mensch bald großen Beifall unter der Gesellschaft und erhält einige neue Einladungen. Das ist hier der Gang der Dinge. Eine Bekanntschaft bildet das erste Glied zu einer Kette von Bekanntschaften, womit man bald bis in's Endlose langen kann. Was nun die Beziehungen zwischen Helmen und dem Grafen Lothar angeht, so sind diese in Wahrheit sehr intim geworden;— das Fräulein redet jetzt mit ihm aus der Entfernung in einer Sprache, deren Organ das Auge ist und die der Liebende so gut versteht. Später, in einem unbemerkten Momente, tauschen sie einige Worte mit einander aus; Lothar wird von ihr zu einem Rendezvous auf irgend einem Balle eingeladen. „Sie kommen doch?" „Ohne Zweifel... Wie sollte ich nicht?— Jeder Augenblick an Ihrer Seite.. „Genug; wir werden beobachtet." Und rasch trennen sie sich wieder. Baron von Tiescngreif ist in einem sehr interessanten Gespräch mit mehreren Herren verwickelt, es handelt sich um Politik... Plötzlich bemerkt er, daß Jemand zur Thür hereinkam, dessen Gesicht ihm bekannt vorkommt. Dieser Jemand aber hat sich, 12* — 180- sobald er ihn erblickte, schnell hinter eine Gruppe zurückgezogen. Tiefengreif vergißt nunmehr die ganze Erscheinung; er ist jetzt von einigen wichtigen Dingen in Anspruch genommen— er raisonirt, delibrirt, erklärt und zeigt dabei eine ausgebreitete Kenntniß des Feldes, auf dem man sich bewegt, so daß man allerseits die Bemerkung macht: „Es ist ein ausgezeichneter Mann... und wie schade, daß er diese Fähigkeiten nicht zum Besten irgend eines Kabinets anwendet..." Kaum hat unser Mann ein neues Thema aufs Tapet gebracht, als er wieder jenes Fremden ansichtig wird, der, wie es jetzt scheint, sich an den Grafen Lothar von Mühlendorf zu drängen sucht. Im Augenblick erkennt der vornehme Gauner seinen— niederen Kameraden. Theobald von Wurm- ser ist es, mit seinem Lockenwald, seiner Lorgnette, seinem Hohenpriesterbart... übrigens in ziemlich unsalonmäßigem Anzüge. Tiefengreif benutzt die Gelegenheit, sich von seiner Gesellschaft loszumachen, tritt zu dem Tausendsasa und spricht ihn barsch an: „Wer hat Ihnen die Erlaubniß gegeben, hier zu erscheinen?" „Ich werde sie mir nicht von Dir erbitten!" antwortet der Jüngling in unverschämtem Tone. „Wollen Sie sich sogleich entfernen!" „Ich werde es bleiben lassen!" „Wagen Sie es, auch nur den geringsten Widerstand zu leisten, so werde ich Sie durch die Bedienten des Hauses fortschaffen lassen... und in der Höhle haben Sie dann Ihre Strafe zu erwarten." „Ich fürchte mich nicht. Theobald von Wurmser ist Manns genug, für sich einzustehen... Uebri- gens habe ich Verbindungen, Bekanntschaften..." „Ich rathe Ihnen, zu gehen; sonst werde ich bei der Gesellschaft, der wir Beide angehören, auf die strengste Bestrafung dringen." „Die ganze Gesellschaft fürchte ich nicht." „Kennen Sie unsere Macht nicht mehr?— Erinnern Sie sich jenes ungehorsamen Mitgliedes nicht mehr, das vor zwei Jahren einen Verrath an seinen Kameraden begehen wollte? Dieser Mensch ward eine Beute des Todes!" Diese Worte wirkten. Theobalds Körper wird von einem Schauder ergriffen; er stottert noch Etwas — dann versetzt er: „Ich gehe schon..." „Wohlan— so begeben Sie sich in eines von den Häusern, in welche Ihnen der Eintritt unver- wehrt ist... zu Bürgersleuten; dorthin gehören Sie, aber nicht in einen Salon." „Sehr wohl..." Und der kühne Jüngling entfernt sich, indem er ebenso still davon schleicht, wie er gekommen war. — 182- Tiefengreif aber begibt sich gleich darauf wieder unter die Leute, deren geistiger Mittelpunkt er noch vor Kurzem war. Eine kleine Bewegung ist bald darauf sichtbar. Sie entsteht in der Nähe der Frau vom Hause und man eilt von allen Seiten zu ihr, so daß jetzt auch unser Baron sich gezwungen sieht, dem Strudel zu folgen. Als er dort anlangt, bemerkt er eine sehr blasse Dame, die eben Platz genommen, und deren Gesichtszüge eine auffallende Verwirrung beurkunden. Er erkundigt sich nach ihrem Namen und erfährt, es sei dieses Fräulein eine Freundin Helenens und heiße Antonie. Antonie aber sucht mit ihren Blicken den Menschenknäuel zu durchdringen... und findet endlich, was sie suchte: sie findet Helenen und den Grafen Lothar von Mühlendorf— und zwar Beide neben einander. Eine dunkle Rothe überfliegt jetzt ihr Gesicht, sie kann sich nicht mehr halten— sie eilt auf das Paar zu; ohne ein Wort zu sprechen, nimmt sie neben demselben auf einem Stuhle Platz und mißt mit finsteren, durchbohrenden Blicken zuerst Helenen und darauf den Grafen. Doch diese sinken keineswegs todt nieder, im'Gegentheil, sie zucken nur die Achseln und nun treten dem Fräulein Antonie zwei große Thränen in die Augen, während sie mit tiefem Tone spricht: „Ich bin also verrathen!" Statt aller Antwort fragt sie Helene: „Ei— endlich lassen Sie sich doch auch sehen, Fräulein Antonie... Sie sind demnach von Ihrer Krankheit wieder hergestellt?" „Ich war nicht krank!" versetzt diese wüthend. „So wurde ich fälsch berichtet..." „Meinetwegen— aber— aber" Sie möchte gern sprechen, statt dessen überfließen ihre Augen immerfort von Thränen, und um diese ,n verbergen, steht sie rasch auf, indem sie sich nun in eine Ecke des Salons begiebt. Der Graf folgt ihr dahin, von einer Art Mitleid bewegt, das in der Eigenliebe ihre Quelle hat und uns mit dem Glauben erfüllt, als könnten wir alles Weh dieser Erde stillen, sobald es uns nur beliebte mit den Augenlidern zu zucken. „Warum weinen Sie, mein Fräulein?" „Sie sind ein Ungeheuer, das ich hasse." „Und das Sie verderben könnten mit einem einzigen Winke, nicht wahr?" murmelte er. „Sie haben meine Briefe erhalten?" „So ist es..." „Und Sie sind davon nicht gerührt worden!— So viel Liebe wird also auf diese Weise belohnt! ... Und indeß ich glaube, daß nur dringende Geschäfte Sie abhalten, an meine Seite zu eilen, um- gaukeln Sie diese Helene, welche sich meine Freun- ' - 184- -bin nannte, Tag für Tag... und vergessen mich — verrathen mein Herz... O fort! ich will nichts mehr von Ihnen wissen!" „Aber, Fräulein Antonie... Sie sind so heftig! Bedenken Sie, daß die Augen aller Welt sich auf uns richten..." „Meinetwegen! Was gehen sie mich an? Was geht mich die Welt an?... Ich kenne nur meine Liebe... nur sie leitet mich, sei's zum Glück, sei's zum Grabe... denn ich will..." „Sie wollen doch nicht?" „Ja— ich werde mich mit Citronenöl vergiften ... Man hat mir gesagt, Citronenöl todte schnell." .. Bei diesen Worten wird der Graf abgerufen und muß nun Antonie allein lassen, die zu sich selbst spricht: „Oder— ich nehme ein brennendes Spiritusbad — und werde darin zu Asche." „Oder... ich esse vielen Pumpernickel... davon zerplatzt man..." „Oder... oder... ich... ich... ich gehe unter die Amazonen in die Türkei und führe Krieg gegen die Männer." Antonie verließ rasch den Salon und ging zu Fuße nach Hause. XVII. Theobald und Antonie.— Theobald und der Hausmeister. Es war dunkel auf den Straßen— doch nicht dunkel genug, um einem industriöscn Jüngling das weiße Kleid einer Dame zu verbergen, die an den Häusern vorbeischoß und auf rascher Flucht begriffen schien. Dieser industriöse Jüngling war Theobald, der noch immer in der Nähe des Palais, aus dem er vor Kurzem ausgewiesen worden, umherging, um auf Lothar zu warten. Jene auf der Flucht begriffene Dame war Antonie. „Halt!" sagte der Industriöse zu sich;„eine Prise für die andere!... und dies kann eine sehr gute Prise sein.— Wohin geht diese Dame da?— woher kommt sie?... ich glaube, aus dem Salon des Herrn von Plauen— um so besser jedoch... denn da werde ich Manches hören... Nur Muth! Sprechen wir sie an!" „Meine Dame, ich erlaube mir, mich Ihnen in dieser gefährlichen Stunde als Begleiter, als Beschützer anzutragen." „Ich brauche keinen Begleiter." „Aber— es ist so finster... und diese Gegend unsicher." „Ich fürchte nichts." 186 „Ich habe erst kürzlich zwei Männer, in Mantel gehüllt, vorbeischleichen gesehen... gefährliche Patrone; allem Anscheine nach sind diese Männer..." „Ich fürchte die Männer nicht, sondern..." „Sondern?" - Ich verachte sie..." „Ach so!— Verachten Sie meinetwegen alle Männer der Welt, mein Fräulein... nur bei mir machen Sie eine Ausnahme." Antonie bleibt stehen und blickt den Galanten an, der vor ihr ebenfalls dasteht und sich an seinem Hohenpriesterbarte zupft. „Mein Herr, ich bin in diesem Augenblick gerade in einer Lage..." „Ich bin auch in einer Lage..." „Wo mir ein solcher Antrag... doch nein! auf offener Straße— Sie werden es selbst einsehen, mein Herr, daß in diesen Verhältnissen..." Aber ohne Weiteres, und trotz dieser Erklärungen reichte Theobald dem Fräulein die Hand, indem er kaltblütig hinzusetzt:„Nehmen Sie sie nur an ... Sie können sie jetzt sehr gut brauchen." „Herr!" rief sie zornig;„Sie sind ein Unverschämter!" „Meinetwegen auch dieses— nur nehmen Sie meine Hand an, denn Sie sind hier mitten unter Bösewichtern und Mördern." In diesem Augenblick kam ein Herr mit einer Dame ihnen entgegen, Antonie erkannte die Letztere an der Stimme, und war im ersten Moment entschlossen, sich ihr anzuschließen— allein das Paar wich nun wieder vom Wege ab, und da Antonie nicht wußte, weshalb dieses geschehe, ja sogar fürchtete, man wolle sie beobachten, so ergriff sie schnell das Auskunftsmittel, daß sie zu dem Jüngling Theo- bald sagte: „Nun— meinetwegen, Ihren Arm!" „Allzugütig!" versetzte er und murmelte in den Bart:„Das ist ein Schäfchen... es soll mir nicht entkommen." Und er faßte sie so fest an, daß sie ihm sagen mußte:„Aber— Sie zerdrücken mir ja das Kleid." „O— bitte tausend Mal um Entschuldigung... allein mein Herz ist so sehr in Glut versetzt... Sagen Sie mir, weshalb haben Sie mich erst jetzt mit Ihrer Hand beglückt?" „Aus keinem andern Grunde, als damit man nicht glauben soll, ich gäbe allen fremden Herren Gelegenheit, mir zu folgen." „Sehr wohl— und ich muß Ihnen darin vollkommen beipflichten. Sie beweisen einen so feinen Takt, mein Fräulein..." „Finden Sie das wirklich?" „Ohne Zweifel... Doch, wie sollten Sie nicht... Man muß Ihnen das schon hundert Wal gesagt haben. So etwas kommt Ihnen alle Augenblicke vor... Sie - 188— sind an die Galanterie der Männer gewöhnt... Glücklich der, dem sie vom Herzen geht." „Was meinen Sie?" „Ich wollte sagen: wie glücklich ist derjenige, der sich Ihrer Nähe oft erfreuen kann... der Sie immer sehen, bewundern... der den lieblichen Blick Ihrer Augen..." „Aber, mein Herr... Sie sehen ja jetzt meine Augen nicht!" „O, ich kenne sie. Wie oft habe ich unbemerkt, versteckt mich an ihrem holden Glänze erfreut!... wie oft mich daran geweidet!... wie oft Ihrer süßen Stimme aus einem bescheidenen Winkel des Salons gelauscht... denn..." „Reden Sie aus." „O, die Schüchternheit lähmt mir die Zunge... denn, damit Sie's nur wissen: seit mehr als einem Jahre schon schleiche ich Ihnen überall verborgen nach— und bin glücklich, wenn ich nur Ihre süße Gestalt erblicken kann." „Wirklich?— Sollte das— Ihr Ernst sein? Allein, mein Herr, ich kenne Sie ja gar nicht... Ihren Namen, Ihren Stand... und dennoch gehe ich hier bereits seit längerer Zeit an Ihrer Seite." „O, wenn es blos das ist!— Ich bin der Herr von Wurmser. Sie kennen doch das alte Geschlecht der Wurmser— die von Wurm, ihrem Ahnherrn unter Karl dem Großen, abstammen? Sie wissen, 189 dieser Wurm erhielt seinen Namen, weil er den berüchtigten Lindwurm getödtet, was Schiller in einer Ballade besang. Der«Schmeckende Wurm--*) hat seinen Namen auch von uns... nämlich es stand auf diesem Fleck vor 2600 Jahren unsere Familien- burg... begreifen Sie jetzt?" „Ah— so sind Sie also vom Ritterstande!" rief mit einem Male das Fräulein entzückt aus;„das ist mir wirklich lieb... denn ich bin sehr für's Ritter- thum eingenommen... Was meinen Sie, wenn man wieder anfing Turniere zu halten— Burgen zu bauen?... Zum Burgfräulein wollt' ich mich gleich hergeben." „Und ich— zu Ihrem Pagen." „O, dazu haben Sie einen zu großen Bart." „Schadet nichts... der läßt sich wegrasiren." „Ein rasirter Page!— Die Pagen waren alle jung." „Für was halten Sie mich? doch nicht für einen Greis?" „O keineswegs— allein— so dreißig Jahre mögen Sie..." „Dreißig!— Ich bin erst sechzehn alt... keine Minute mehr, mein Fräulein... gerade heute sind es sechzehn Jahre, daß mich meine Mutter, die Fürstin Wurmbrand gebar." *) Ein Durchgang in der innern Stadt Wiens. — 190— „Ich dächte— Wurmser—" „Oder Wurmser, gleichviel. Und morgen sind es sechzehn Jahre, daß mich der Herzog von Angou- lmne zur Taufe hielt... Er ist seitdem mein bester Freund geblieben... wir schreiben uns täglich, und was meine Korrespondenz überhaupt betrifft, so müssen Sie wissen..." „Ich bin zu Hause," sagte setzt Fräulein Anto- nie, die soeben vor ihrer Wohnung anlangte. „Sie wohnen also hier?— Charmant! Allerliebst! Hier wohnen auch einige Freundinnen von mir." „In welchem Hause?" „In diesem." „Und in diesem da wohne ich." „Ach, welche schöne Gelegenheit, wenn ich mir erlauben dürste..." „Was wünschen Sie, mein Herr?" „Ihnen zu Zeiten meine Aufwartung machen zu dürfen." „Mein Herr— ich bin allein." „Um so besser!" wollte er sagen, corrigirte sich aber schnell und sprach:„O, mein Fräulein! Wenn Sie mich näher kennten! Meine Sitten, meine Ansichten!" „Allein— man darf sich heut zu Tage so wenig auf Jemand verlassen." „O, das ist bei mir ganz anders... Kurz, mein Fräulein, ich trage Ihnen hiermit meine Hand an." 191 „Hier im Thorweg?" „Ach— die Liebe macht mich so trunken... Ich wollte eigentlich sagen: Wenn Sie mir erlauben möchten, Sie zu besuchen, dann würde ich so frei sein meine.. „Genug, mein Herr, genug! Ich höre Tritte!" „Wann darf ich kommen?" „Ach, Sie pressen mir die Finger zusammen!... Meinetwegen— morgen zwischen Zwölf und Eins." „Zur Nachtzeit?" „Warum nicht gar!... bei Tage!— Doch— Adieu!" „Adieu! Addio! Addijos! Adpjojos! Ad-Dpjo- jus!... Ich kann das in allen romanischen Sprachen sagen." Eine Weile stand er noch da, dann strich er seine Finger durch die Haare, wobei er sagte:„Theobald — Du göttlicher Kerl! das hast Du wieder gut gemacht!... Da wäre ein Goldfisch von der ersten Sorte, den behältst Du jedoch für Dich... die Höhle der Genies soll nichts davon zu schmausen bekommen. O, es ist herrlich, wie sich mein Talent entwickelt! Bald werde ich zum Reis--Effendi in Konstantinopel tauglich sein... Wie schön sie ist!— Schon wollte ich sie um Geld ansprechen... Gut, daß ich's nicht gethan habe. Manche Leute legen das als Unverschämtheit aus. Es gibt verschiedene Ansichten... kuriose Begriffe... Doch, mit einem Worte: jetzt 192 bin ich ein gemachter Mann!— Theobald, Dein Stern leuchtet, Dein Glück florirt!" Mit dieser Erklamation stülpte er sich nach der bekannten Weise seinen Hut auf den Kopf und schlug raschen Schrittes den Weg nach Hause ein... denn es war bereits sehr spät und er Patte keinen Heller bei sich, um dem Hausmeister^), der ihm die Thür ausschließen sollte, das übliche Honorar zu bezahlen, ohne welches, wie ihm das eben dieser Hausmeister schon mehrmals gesagt hatte, er ihm nicht mehr ausschließen würde. „Teufel!"— sagte er vor der Hausthür;„schon verschlossen..." Er klingelte. „Wer ist da?" erscholl drinnen die Stimme des Hausmeisters. „Ich!— Von Wurmser!" „Haben Euer Gnaden das Sperrgeld bei sich?" „Ja!" und er riß schnell einen Metallknopf von seinen Beinkleidern ab. Die Thür ging auf.„Da!" sagte Theobald und drückte dem Manne den Knopf in die Hand. „Was ist das?" „Ein Fünf-Kreuzer-Stück..." Und hurtig, wie ein Wiesel, drängte er sich neben dem Manne vorbei und schlüpfte hinauf in sein Logis. *) Portier. 193 „Der Herr... scheint mich wieder betrogen zu haben," murmelte der Hausmeister;„vorgestern gab er mir einen kleinen glatten Kieselstein... heute ein dickes Dings da für ein Fünferl... Ich muß doch gleich bei Lichte nachsehen, was es ist.— O, es gibt gnädige Herren, die der Teufel holen soll." xvm. Die Ruhe der Seele entflieht. Aber Casimir? Was macht unser Freund Casimir? Er lebt in Glück, in der schönen Welt der ersten Liebe!— Seit dem Tage, als er mit Mathilde das süße Geständniß ausgetauscht, begibt er sich, so oft hierzu sich Gelegenheit bietet, an den Ort, wo er das Mädchen vermuthet.— Auf diese Weise hat er schon zu mehreren Malen das Haus Bunders besucht und stets war Mathilde da, und immer hatte sie einige Augenblicke für ihn gehabt. Er war jetzt ein ganz neuer Mensch geworden. Das alte Kleid schien er völlig abgeworfen zu haben — und es dünkte ihn, als umgebe ihn eine neue Hülle und in ihr athme eine neue Seele. Von seinem Freunde, dem Baron von Tiefengreif, bekam er häufige Besuche; diese dauerten stundenlang. Oft kam er, bevor Casimir noch von einem Gange in Geheimnisse. I. 194- die Stadt heimgekehrt war, und dann unterhielt sich der Baron mit Wilhelm, dem er stets irgend Etwas mitbrachte, ein Spielzeug, eine Leckerei... eine andere Kleinigkeit. Aber sonderbar, trotz diesen Beweisen und Mitteln faßte das Kind keine Neigung für ihn— ja es hatte vor ihm sogar eine gewisse Scheu und nahm die Geschenke kalt hin. In dieser Hinsicht haben die Kinder einen ganz eigenthümlichen scharfen Instinkt und irren weit seltener als erwachsene Leute, worunter gerade die Verständigsten und Geistvollsten am ersten zu dupiren sind. Daher hat Bulwer sehr Recht zu behaupten: „Es gibt nur ein richtiges Gefühl im Menschenherzen— und dieses ist Eigenthum der Frauen und Kinder... Mit großer Gewandtheit erkennen jene den Feind, der ihnen droht— und diese ahnen ihn mit eben solcher Sicherheit." Während also Casimir nichts vermuthete von der innern Natur seines arglistigen Freundes, ahnte Wilhelm dieselbe und beschämte so seinen Pflegevater. „Der Mann," sagte der Knabe oft, nachdem Tiefengreif fort war,„hat mir wieder süße Sachen geschenkt... allein sie schmecken mir nicht... und Deine sind mir lieber, Papa." „Du mußt dem guten Herrn immer dafür danken, 195 Wilhelm, und wenn er Dir Etwas gibt, es niemals ausschlagen. Das thut dem guten Herrn weh!" „O nein... ich möchte lieber nichts annehmen! — Er sieht mich dabei immer so scharf an." „Du bist ein Närrchen, Wilhelm!" „Wird der Mann noch lange zu uns kommen?" „Er wird immer kommen." „Ach, das ist ja recht schlimm... Ich möchte lieber groß sein, damit ich fortgehen könnte, sobald er erscheint." „Das sind häßliche Worte, mein Kind... und ich will sie nicht mehr hören." „Vergib mir, Papa!— Ich thue schon was Du willst." Noch immer war keine Spur von den Eltern des Knaben zu entdecken. Casimir führte denselben noch immer auf öffentlichen Plätzen umher, aber nichts wollte sich zeigen und Wilhelms Gedächtniß umflorte sich täglich mehr und mehr. Seit einiger Zeit jedoch standen die Behörden in lebhafterer Verbindung mit Malten; er wurde oft nach dem Büreau der Polizei gerufen und über Dies und Jenes, was etwa sein Schützling gesprochen hätte, ausgefragt... ebenso wurde unserem Freunde mancher Wink gegeben, den er sich zur Richtschnur bei seinen ferneren Forschungen nehmen sollte. 13* — 196- Auf diese Weise steigerte sich die Spannung Ea- simirs oft bis zur peinlichsten Höhe: er glaubte, so oft er zu den Beamten gerufen wurde, Etwas zu erfahren; aber als die Unterredung zu Ende war, sah er sich in seiner Hoffnung immer wieder getäuscht. Casimirs Brust war, wie wir sehen, in dieser Zeit der Sitz hundert verschiedener Empfindungen, die sich oft blitzähnlich durchkreuzten und wovon nur eine einzige klar und ruhig leuchtete: seine Liebe zu Mathilden. Wie wir bereits bemerkt haben, sah er sie jetzt fast täglich im Hause Bunders; aber er verlor hier auch fast täglich bedeutende Summen im Spiele, so daß er sich vornahm, dem letztem auszuweichen, wo es nur immer ging. Es ging aber leider nicht so leicht.— Es wurde hier in letzterer Zeit sogar das edle Roulet gespielt (in einem kleinen Kabinet, ganz hinten, stand der grüne Tisch), und dennoch konnte sich Casimir nicht zurückhalten. Ein Roulet! Und noch immer gingen ihm nicht die Augen auf? wird man fragen. Aber was ist die Liebe anders, als jene unbegreifliche Macht, die Thoren zu Weisen und Weise zu Thoren macht... natürlich zu glücklichen Weisen und Thoren!— Und hätte es sein Leben gegolten— Casimir würde doch Alles gethan haben, wozu eine geschickte Hand 197 ihn bestimmte.— Es lagerte eine Binde vor seinen Augen. So ist es immer. In dem Augenblick, wo uns ein mächtiges Gefühl beherrscht, haben wir für alles Andere nur Nebensinne. Auge, Ohr, Mund, kurz sämmtliche Organe befinden sich ausschließlich im Dienste jener Leidenschaft... und ist Liebe nicht die gewaltigste aller Leidenschaften? Seit einiger Zeit gingen zwei Personen im Hause Bunders ab und zu, die man hier als Freunde betrachtete. Auch sie zollten dem edlen Roulct ihren Tribut. Eben diese zwei Personen folgten Casimir und dem Baron von Tiefengreif, so oft diese ausgingen, auf Schritt und Tritt, sie ließen sich überall sehen, wo jene Beiden waren— nur ihnen blieben sie Verborgen. Ferner— der Eine, ein äußerst feiner Weltmann, der sich überdies stets auf merkwürdig liberale Weise aussprach, so oft von politischen Gegenständen die Rede war— dieser Eine also drängte sich zu Zeiten offen an den Baron und gab ihm durch abgebrochene Worte zu verstehen, daß, was sein Gewissen betreffe, er fremdes Eigenthum aus dem Gesichtspunkte des St. Simonismus ansehe. Da dachte Tiefengreif bei sich:„Das wäre kein übler Candidat für die Hohle der Genies!... indeß muß man ihn noch einige Zeit auf die Probe stellen." — 198— Wenn es einmal dahin gekommen ist, daß Einer den Anderen auf die Probe stellt— so hat der größere Fuchs schon sein Spiel gewonnen... Um Alles zu sagen: Tiefengreif war entschlossen, den liberalgesinnten Herrn unter seine Kameraden aufzunehmen und harrte nur noch einer passenden Gelegenheit. Herr Holdermann, so hieß der Candidat— befand sich solcher Weise sehr bald am Ziele seiner Wünsche. Eines schönen Morgens ward er in die Höhle der Genies eingeführt... und diesen feierlichen und rührenden Akt beschloß man mit einem allgemeinen Trinkgelage. Wie wir wissen, besuchte Casimir seit dem Auftritt auf jenem Balle des Gesandten von B... die Häuser, in denen er sonst Zutritt gehabt, nicht mehr. Sie waren ihm alle in der Seele zuwider. Er hatte damals, als ihm so gewaltsam die Augen geöffnet wurden, erkannt, daß man dort mit ihm nur den bittersten Spott getrieben. Man kannte dort sein empfindsames Herz und hatte es länger als ein Jahr zur Zielscheibe aller Witze gemacht. „Das soll aufhören!" hatte er sich zugerufen— und er entzog sich von nun an solcher Gelegenheit. Aber seit er jetzt wieder glücklich war, betrachtete er alles dieses mit heitererem Blick.— Es ist 199 merkwürdig/ aber ausgemacht, daß wir die Welt stets und immer durch die Brille unserer persönlichen Stimmung anschauen. Ist es da unten im Herzen pell, dann ist es dies auch rund um uns per... und ist unsere Seele mit einem Flor umzogen, dann umziept sich der ganze äußere Horizont grau— und alle Dinge auf demselben erscheinen als Nachtgestalten. Casimir aber war jetzt froh, heiter, zufrieden, und da sprach er zu sich:„Wie konnte ich früher so vielen Leuten Unrecht thun? Ich hielt Diesen und Jenen für meine Feinde— und jetzt sehe ich, daß sie's gut mit mir meinten// Und obwohl er jetzt, in seinem einsamen Glücke, keineswegs nöthig hatte, sich an Menschen anzuschließen, so trieb ihn doch jenes großmüthige Gefühl, das edlen Herzen im Glücke so eigen, das Gefühl, begangenes Unrecht gut zu machen, wieder zu jenen Personen hin, von welchen er sich damals losgerissen. Und er bot ihnen seine Hand. Aber wie erschrak er, als dieselbe zurückgewiesen wurde, als er bemerkte, daß man sich vor ihm mit eigenthümlichem, unheimlichem Grauen zurückzog.— „Mein Gott, was ist das?" rief er sich zu und flüchtete sich bebend in seine Einsamkeit zurück. Von hier aus forschte er angelegentlich nach dem Grunde jener Erscheinung; er schickte'zuerst seinen Freund Tiefengreif auf Erkundigungen aus: — 200— „Es ist nichts!" sagte dieser, zurückkehrend. „Man beneidet Sie um ihre stolze Selbstständigkeit — man zürnt, daß Sie es so lange wagen konnten, ohne Verbindung mit der Gesellschaft zu leben... man ist Ihnen wegen Ihres festen, charaktervollen Benehmens in der bekannten Geschichte aufsässig." Casimir sandte noch zwei Andere von seinen Bekannten aus, diese konnten oder wollten nichts erfahren. Da endlich erinnerte sich unser Freund jenes Weges, den große Diplomaten, politische wie sociale, stets mit dem besten Erfolg gewandelt sind: er wählte die Hintertreppen und Hinterthüren; er gab seinem Diener Friedrich den Auftrag, unter seinen Kameraden zu forschen, ob diese Etwas von ihrer Herrschaft ausplaudern würden. Und da erhielt denn Casimir eine Nachricht, die ihn geheimnißvoll und mit den Zügen einer schrecklichen Wahrheit angrinste: „Gnädiger Herr... in allen Häusern ist es der Dienerschaft untersagt, Sie eintreten zu lassen oder Briefe von Ihnen anzunehmen. Ja, auf mich selbst erstreckt sich dies Gebot, und meine Kameraden wollen nicht länger mit mir umgehen... woran mir jedoch, wie Sie denken können, nichts liegt." Ja, in der That, dies war eine schreckliche Nachricht. Es schien eine Art von Bann über Casimir ausgesprochen— und zwar von der ganzen Gesellschaft, von allen Familien. 201 Aber was hatte er denn so Arges gethan? Er hatte sich auf einem Balle lächerlich gemacht. Gut, aber diese Thorheit bestrafte sich schon durch sich selber.— Ferner: ein Duell— dies konnte doch nicht die Veranlassung sein?— Und gar die Rettung des Knaben? Diese würde ja selbst bei den Huronen für eine achtungswerthe That gegolten haben. Wo war also das Bann-Motiv? Etwa, weil er Wilhelm bei sich behielt?— Man konnte daraus allerdings einen boshaften Schluß ziehen— aber keinen ehrenrührigen.— Ha! sein Verhältniß zu Mathilden etwa? Doch dies war ja noch ein Geheimniß!— Nein! nein!— Es lag durchaus nichts vor, was ein sociales„Schuldig!" über ihn aussprechen konnte. Er vermochte die Gesellschaft nicht zu begreifen. Er glaubte nun, der Diener habe ihn falsch berichtet und beschloß eine Untersuchung anzustellen. Er wollte zuvörderst in einem Hause vorsprechen, wo man ihn früher immer aus's Freundlichste behandelt hatte.— Im Vorzimmer angelangt, wurde ihm jedoch bedeutet, daß die Herrschaft nicht zu Hause sei — und doch hatte er die ganze Familie am Fenster erblickt. Da war nicht mehr zu zweifeln: sein Diener hatte nur zu wahr gesprochen! Einen Mann von der Qualität, wie ihn die Welt 202— liebt, hätte dieses Verhängniß niedergeschmettert— auf unsern Freund übte es einen schmerzlich schweren, aber keinen unbeschränkten Einfluß aus. Er war überhaupt mehr innerer Mensch, als äußerer, und es galt ihm daher seine eigene Rechtfertigung Alles — während die wahren Weltleute nur durch das Urtheil der Gesellschaft leben und sterben. Ueberdieö seine Liebe!— Ach, diese machte ihn Alles vergessen. Den herbsten Verlust würde er an ihrer Hand stilllächelnd ertragen haben. Eines Abends war er eben wieder bei Bunder, als Mathilde mit einem sonderbaren Ausdruck nach ihm sah; ihre Blicke irrten unstät umher... es schien, sie fürchteten und wünschten zugleich Etwas. Eastmir wollte sich dem Mädchen nähern, aber ein Wink von ihr gab ihm zu verstehen, daß er bleiben möchte. Jetzt kamen viele Gäste herein und bald entstand ein Durcheinander; da näherte sich ihm Matthilde schnell und flüsterte ihm die wenigen Worte zu: „Spielen Sie heute nicht— um Himmelswillen! Auch habe ich Ihnen noch Etwas mitzutheilen... Später!" Schon ist sie wieder verschwunden, indeß Eastmir noch dasteht, und nicht weiß, was er beginnen soll— denn jetzt erinnert er sich, daß er erst vor einigen Augenblicken Herrn Bunder verspro- chen hat, mit ihm Theil zu nehmen an der Bank... da heute Trente et Quarante gespielt werden soll. „Das Beste, was ich thun kann, ist, mich zu verstecken— oder gar auf einige Zeit wegzugehen." Er thut das Letztere, wobei er einem Herrn, der ihn fragt, wohin er sich begebe, zur Antwort gibt, er wolle mehr Geld holen. „So?" lächelt dieser und tritt darauf noch viel süßer lächelnd zu Bunder, dem er diese Nachricht zuraunt. Malten ist draußen. Als er über den Korridor schreitet, gewahrt er zwei Menschen, die eiligst die Treppe hinab gehen und im Hofe verschwinden. Es waren die zwei Herren, worunter der Eine Herr Holdermann ist, der Novize aus der Höhle der Genies. Casimir, in seiner Lage nach Entdeckung jedes ungewöhnlichen Ereignisses begierig, glaubt Alles auf sich beziehen, Alles für sich ausbeuten zu können, er beschließt daher, jenen zwei Personen, die augenscheinlich ihn zu fliehen schienen— nachzustellen; aber wie ist das anzufangen? Da er die Lokalitäten des Hauses, wo er fast täglich aus und ein geht, sehr genau kennt, so steigt er nun wieder die Treppe hinauf, um eine andere aufzusuchen, welche auf der entgegengesetzten Seite nach dem Hofe führt. Er langt hier an; ein Garten befindet sich in — 204— der Nähe... rings um denselben sind Gesträuche und Hecken. Hinter einer solchen verbirgt er sich und horcht. Noch ist nichts zu hören... dessenungeachtet verläßt er jedoch seinen Platz nicht und nach einigen Minuten glaubt er Schritte zu vernehmen. Es sind in der That die beiden früheren Personen, die sich ihm nähern, indem sie mit einander ein Gespräch führen, dessen Sinn er noch nicht begreift. Sie bleiben dicht vor ihm stehen: „Den ganzen Bericht müssen Sie heute noch fertig machen!" sagt der Eine. „Sehr wohl; Sie verweilen jedoch noch länger hier im Hause und kommen sodann morgen mit dem frühesten zu mir— um mir Nachricht zu geben vom Verlaufe des Abends und der Nacht. Halten Sie sich besonders an Malten..." Gleich darauf verlassen beide Männer den Platz und nach einer Weile auch Casimir seinen Schlupfwinkel;— er begibt sich auf einem Umwege zurück in den Salon.— Man empfängt ihn hier mit den Worten:„Sie haben uns durch Ihr Fortgehen einige Unruhe verursacht; wie? sollten Sie sich etwa nicht gut unterhalten haben?— Wo waren Sie?" „Zu Hause-- um—" „Um Geld zu holen!" bemerkt jener Herr, dem unser Freund, bevor er wegging, dies zur Antwort gegeben. 205 „Sie brauchen nicht zu spielen... ich entbinde Sie Ihrer Zusage, mit mir die Bank zu hatten." „Ich danke Ihnen, Herr von Bunders... ich werde zusehen." „Das können Sie... Allons, meine Herren!" Man begibt sich an den grünen Tisch und Casimir stellt sich in einiger Entfernung von ihm auf. Er bemerkt, daß sich Herr Hold ermann an seiner Seite befindet, und fängt nun mit demselben eine Unterredung an... aber bald wird das Spiel so hitzig, daß alle Gäste dahin eilen, um die Leidenschaften der Kämpfer zu beobachten. In diesem Gedränge stiehlt sich unser Freund sachte fort; schnell hat er Mathilden gefunden, die bereits auf ihn zu warten schien: „Kommen Sie! kommen Sie! Hierher!" Ein Kabinet nimmt Beide auf, dessen Thür das Mädchen verschließt. Dies Alles geschah in Zeit von einigen Augenblicken. „Endlich! endlich— zum ersten Male mit Ihnen allein— unbelauscht— unbehindert!— So kann ich mich denn nun gänzlich meinem Glücke hingeben." „Armer Freund!" sagte sie mit gerührtem Tone; „aber die Minuten sind kostbar und wir dürfen sie nicht vergeuden." „Was wollen Sie von mir, Mathilde?— Es erfaßt mich jetzt ein so namenlos süßes Gefühl, daß ich sterben mochte in Ihrer Nähe." 206 „Schwärmen Sie nicht, mein Freund!— Was Sie mir da sagen wollen, weiß ich schon... Sie lieben mich— innig, tief— mit Ihrem ganzen Leben." „Ja, so ist es, Mathilde! Mein Athem, meine Seufzer— das Fliegen meines Pulses— dieses ganze Hinsinken in ihren Anblick sagt es Ihnen... O Mathilde, wie glücklich wäre ich, konnte ich aus Ihrem Munde auch dasselbe vernehmen!" „Ich bin Ihnen ja gut... doch..." „Sie haben eine— Bedingung? Sie setzen mir eine Bedingung? Sie sagen nicht, daß Sie mich ganz, unbeschränkt lieben? O dann mögen die Himmel über mich einstürzen! dann bin ich ja nicht mehr glücklich!" „Schon höre ich, daß sich Menschen nähern... schon können wir nicht mehr hier bleiben; ich muß fort. Sie wissen nicht— Ach, armer, guter, edler Mann— Du weißt nicht, was dieses Herz Dir so gern sagen möchte." Sie sank bei diesen Worten an seine Brust, seine Arme umschlangen ihren schlanken Leib, daß er fast zerbrach. Aber jetzt machte sich Mathilde sanft los, indem sie mit unendlich schmerzlichem Ausdruck wiederholte: „O— Sie wissen nicht! und ich— ich darf nicht reden— meine Zunge ist gefesselt." Um Gotteswillen— Du führst mich an den 207 Rand der Verzweiflung, wenn Du noch länger schweigst.— Mathilde! was habe ich Dir gethan, daß Du so hart mit mir umgehst?" „Ich kann Ihnen nichts weiter sagen, als: hüten Sie sich! hüten Sie sich!— Oeffnen Sie Ihre Augen...!" In demselben Momente geschehen mehrere Schläge an die Thür: „Herr des Himmels!—" „Still, Mathilde!" Es war eine wilde Unordnung, die draußen von zwei am Spiele Theil Nehmenden veranlaßt wurde und die sich zuletzt allen Zuschauern mittheilte. Diese zwei Spieler hatten Hand an einander gelegt... daher kamen die Schläge an die Thür... Mathilde sah durch's Schlüsselloch. Schnell öffnete sie und entschlüpfte leicht, wie eine Nymphe... während sich um sie Alles chaotisch umwälzte. Malten war zurückgeblieben. Er lag wie zerschlagen da auf dem Sopha... alle seine Sinne schienen gelähmt... ein dumpfes Sausen betäubte seine Ohren— ein röthliches Dunkel zog sich vor seinen Blicken hin: „Licht! Licht, mein Schöpfer!" rief er... und verlor jetzt die Besinnung. Als er wieder zu sich kam, saß sein Freund, der Baron von Tiefengreif, neben ihm:„Was ist mit Ihnen geschehen?" 208 „Ein Unwohlsein hatte mich in dies Kabinet getrieben!" versetzte Malten. Doch der Baron schüttelte das Haupt. „Das gefällt mir nicht!" murmelte er vor sich hin. XIX. Verbrechen auf Verbrechen. Als Casimir wieder allein zu Hause war, schien ihm sein Leben neuerdings jenen Wirrnissen verfallen zu wollen, aus denen er es seit Kurzem kaum erst gerettet. Was war das für eine Warnung? Was bedeutete dieser Schmerz— was die ganze Ängstlichkeit Mathildens in seiner Nähe?— War es Liebe oder was sonst?— Ach, wenn es das Erste war, dann mochte immerhin geschehen, was da wollte; daran lag ihm nichts mehr. Seine Seele hatte setzt nur ein Bedürfniß und das war Mathildens Liebe. Doch lag, offenbarte sich denn in ihren Worten, in ihrem Wesen, in dem Schmerze, der sie ergriffen hatte, nicht Liebe für ihn?— O gewiß! Wer konnte daran zweifeln? Was wäre es denn sonst gewesen? Aber selbst dann, als er sich hiervon überzeugt z