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I H nsrer Verabredung zu Folge, lieber Bruder, ergreife ich die Gelegenheit, die mir Nacht und Muse darbieten, von alten dem, was ich den Tag hindurch auf dem Erdplaneten bemerkte, etwas niederzuschreiben, um es dir bei meiner Zurükkunft vorlegen zu können. Ich sollte freilich die Fata meiner Reise voraus schikken, allein weil das Umstände sind, die sich nicht so leicht vergessen lassen; so wird dieses einst bei unsrer Wiederumarmung mündlich geschehn, und sie werden mir dann ein fruchtbarer -Stof zu manchen lustigen Gesprächen in dem Zirkel unsrer Vertrauten seyn. Nur A so so viel muß ich dir sagen, daß ich beinahe eine ganze Woche damit zubrachte, bis ich den Planeten, wornach ich segelte, erreicht habe. Der Fremde, dessen Fahrzeug wir im Mars bewunderten und glüklich nachmachten, muß das Steuern besser verstanden haben, denn seine Reise gieng geschwinder von statten. Indeß glükte die Nachahmung für diesmal so ziemlich, und ich gelangte, wiewohl nicht ohne Krausen und Gefahr, zum Ziele meines Vorhabens. Allvater. Mein Schiff lies sich auf einem ziemlich hohen Gebirge nieder. Ich stieg atis. Es war ein heitrer Morgen. Die Sonne vergoldete eben so wie auf unserm Planeten Berge und Thäler, und rings um mich blizten Millionen Perlen von Thautropfen mit den schönsten Farben. Fernher sah ich Heerden den grasigten Gefilden zueilen. Naher ergözten meine Ohren die auf belaubten Zweigen herumhüpfende kleine Schaa- ren muntrer Sänger und das dumpfige Gegirre der Holztauben. Ueber mir vernahm ich sanftes Rauschen in dem Wipfel der schlanken Fichte, unter mir das Geschwirre der Feldgrillen und z unzählich andrer Insekten, hleberall, von der hohen Birke bis zur Steinflechtc, sah ich Leben und Thätigkeit.« Bruder! wie mir da ums Herz ward, kan ich dir unmöglich beschreiben. Ich verweilte, und vergnügte mich über die Scene. Meine Brust erweiterte sich. Höhere Gedanken stiegen auf in der feurigen Seele. So ist er denn, dachte ich, Vater des Weltalls, von dem du immer wähntest, er sei nun Vater deiner Mitbürger der Marsbewohner. So sind die Geschöpfe hier deine Mitgeschöpfe, der vernünftigere Theil davon deine Brüder. Du must sehen, ob sie auch diesen Allvater kennen, und durch Thaten, die ihrer hohen Abkunft würdig sind, ihn ehren. Ich gieng, nachdem ich zuvor meine Haabseeligkeiten zu mir gestekt, und mein Luftschiff in einer Hole auf dem Berge bis zu meiner Rükreise in Verwahrung gebracht hatte. Das Kloster. Mein Weg führte mich zu einem kleinen Dorfe, das am Fuse des Berges in einer anmu- thigen Gegend lag. Nicht weit davon hörte ich das Lauten einiger Glokken. Ich bemerkte bald, A 2 dass 4 daß es zur Absicht hatte, die Bewohner der nahgelcgenen Dörfer zusammen zu beöufen, denn eS eilten deren eine Menge nach dem Orte zu. Neubegierde zog mich mit ihnen hin. Man gieng durch eine auö den schönsten Obstbäumen bestehende Allee nach einer auf einem schroffen Felsen gebauten Kirche, um welche noch einige ziemlich regclmäsig gebaute Häuser lagen, woran ein grvser Garten flies, dessen Schönheit aus die Industrie und Kunst der Einwohner schliefen lies- Da ich sahe, daß ich weder durch fremde Gesichtezüge noch durch eine besondere zugeschnittene Kleidung unter den in der Kirche befindlichen Menschen mich auszeichnete, so wunderte es mich sehr, daß dem ungeachtet aller Augen auf mich gerichtet waren. Es mag aber wohl daher gekommen seyn, weil ich, wie ich eine Zeitlang da war, nicht wüste, ob ich lachen oder weinen, gehen oder bleiben sollte, so gar auffallend war der Kontrast, den ich hier er- blikte. Neben mir sahe ich Frauen knien, eine Schnur wie Perlen in Händen winden und die Appen unnachahmlich bewegen. Auf der andern Seite stand ein gemischter Haufe von Männern und Weibern, welche zum Theil aus einem kleinen Büchelchen unverständliche Worte hecplap- per- 5 perten, zum Theil nach dem weiter vor mir stehenden Tische, der auf das prächtigste aufgepuzt war, hinschauten, und dabei nach einem gegebenen Zeichen sich bald auf ein Knie nicderliesen, bald wieder in die Höhe sich richteten, aber dabei alle ernst oder mürrisch finster aussahen. Was aber meine Aufmerksamkeit ani meisten an sich zog, waren etliche durch sonderbaren Ornat ausgezeichneten Männer, die in eignen Stühlen standen und dabei so etwas, ich weis nicht, soll ich es heulen, schreien, lesen oder singen nennen, daher machten, und während dem bald auf- bald niederwärts sich beugten und unaufhörlich an ihre Brust Mugen. Mein Kopf wurde mir zu schwer, und mein hoher Begriff von diesen Geschöpfen fieng schon an zu sinken— ich mußte mich entfernen. Die^Aufklärung. Weil ich ziemlich hungrig und müde war, so begab ich mich in dem nächst gelegenen Dorfe in ein Wirthshaus. Hunger und Durst waren bald nothdürftig gestillt, und ich war eben im Begriff weiter zu reisen, als folgendes Gespräch begann: A z Aber 6 Aber zu todt prügeln sollte man die Hunde, einen solchen Tag nicht zu feyern! Ja Märte, du hast mein Seel recht. Ich habe schon längst drauf gedacht, daß wir zusammen stehen und unserm gnädigen Herrn deswegen unterthänige Vorstellung machen sollten, daß er den Kezzern das Ding untersagte. Es giebt doch nur immer Störung und Aergerniß obendrein. DaS geht nicht, Kaspar. Du weist, unser Herr ist zu gut, sonst würde er solche Leute gar nicht in seinem Lande dulden. Nein, mit Aerten sollte man drein hauen und sie hernach klagen lasten, da giebtS eine allgemeine Sache, und sodenn muß der kleinere Theil unterliegen. Warte laß uns nur wieder so einen Tag erleben! Kommt mir denn einer mit seinem Pferd oder Ochs auf den Akker!—— Lind in wiefern sind ihnen diese Menschen zuwider? fragte ich ganz bescheiden. Ja, er mag mir auch ein rechter seyn, hub der Mann, an den ich mich gewendet hatte, mit erboster Stimme an. Ich Habs heut in bsc Kirch gesehen, was an ihm zu thun ist. Wie so? Hab' ich doch nichts Uebels gethan? Das Das nun nicht, aber auch nichts Gutes hat er gethan! Waren uns die Hände nicht gebunden, Sakkerlot! wir wolltens ihm gezeigt haben, wie er sich hatte betragen müssen. Es ist heute ein so hoher Tag, und er kommt in die Kirch, kniet nicht, singt nicht, und betet nicht. Ja, guter Freund, das muß er mir nicht übel nehmen, ich wüste das nicht. Was ist es denn eigentlich für ein Tag, der so feierlich begangen wird! Was? und er weis das nicht? He, Joseph! wie heist er doch? Es ist eben die Zeit wie der Engel Gabriel zur Mutter Gottes kommt, und ihr sagt, daß siestwn dem heiligen Geist wird sil-wanger werden, /ind unsern Herrn Jesum gebühren. Sieht er, und deswegen haben wir Gottesdienst gehalten. Ich wollte den Mann nicht weiter erzürnen, und begab mich in möglichster Eile hinweg. Ob mir gleich die Sachen, die er mir da erzehlte, unbegreiflich waren, und ich gern nähere Aufklärung darüber gewünscht hätte. Denn Kezzer, Engel Gabriel, heiliger Geist, durch ihn Schwängerung der Mutter Gottes, deswegen gehaltener Gottesdienst, und dergleichen Dinge mehr, machten meinem Nachdenken viel zu schaffen. Indeß A 4 war war ich froh, daß ich für diesmal so mit heiler Haut davon gekommen war, und pries das Land glücklich, wo eö gnädige Herrn giebt, die die Wuth des bigotten Pöbels zu bändigen wissen. Aber wo nun hinaus? In diesen Gedanken vertieft, befand ich mich, ehe ich mich es versähe, in einem dicken Gehölze, wo ich bald keinen Ausweg mehr gewahr wurde. Wo nun hinaus? war, wie natürlich, der erste Gedanke, der mich wieder zu mir selbst brachte. Ohne mich indeß ängstlich zu besinnen, wählte ich den Ort,, wo mir eö am lichtesten schiene. Und. wie glücklich ich gewählt habe, bewies mir die Folge. Kaum war ich einige hundert Schritte vorwärts gegangen, so sties ich auf einen Menschen, der mit Fleis diese einsame Gegend schien gewählt zu haben, um ungestöhrter seine Ideen entwickeln oder seine Phantasie beschäftigen zu können. Es that mir wehe, ihn stören zu müssen. Denn so nahe ich ihm auch kam, wurde ich doch nicht von ihm bemerkt. Und ich weis eS, wie unangenehm es ist, wenn man seinen Lieblingsgedanken.nachhängt, und nun auf einmal Wer Feld über ein ungebetener Gast kommt, und und Phantasie und Wahn hinwegnimmt, oder unsre süse Schwärmerei unterbricht. Man möchte gleich einem Schlafenden, den täuschende Träume vergnügten, ausrufen: ich war so glücklich, und du mustesr Stöhrer meiner Ruhe und meines Glücks seyn! Weil ich aber doch einmal wissen wollte, wo hinaus? so dachte ich nicht lange nach, wie er meine Fragen aufnehmen würde, und erkundigte mich nach der Land- ftrase. Und was suchen sie auf der Landflrase? fragte er mit einem Tone, der mich rathen lies, daß ich eS mit einem menschenfreundlick-en Manne zu thun hatte. Ich. Ich? Menschen. Er. Dann müssen sie nach Paris oder Frankfurt gehen. Ich. Wie so? E r. Dort sind Menschen aus allerlei Gegenden des Himmels versammlet, und da sie vermuthlich drauf ausgehen, sie kennen z» lernen, so werden sie an beiden Orten Befriedig gung finden. Denn hier sieht man die Welt iw Kleinen, andre würden sagen, im Grosen. Ich. Und was bewegt die Menschen zu dieser Versammlung. A 5 Er, — 10 Er. Die Absichten sind verschieden. Dort setzt man Könige ab, hier setzt man sie ein. Die Freude an beiden Orten mag gleich gros seyn. Inzwischen——— Ich. Sie schweigen bedenklich still? Er. Ich denke mit Wehmuth der Freude des Volks, das Bruder morden, die Rechte der Menschheit kränken, und Furcht und Schrerkcn über ein so gesegnetes Land verbreiten konnte. Ich. Und wo geschieht das? Er. Eben zu Paris. Ich. Mein Weg geht nicht dahin. Er. Ja es ist ,etzt gar anders. Ehemals freute man sich, wenn man eine gute Obrigkeit hatte, nun will man auch die beste als unnütz erkennen. Aber kein Wunder! wenn man seine Ideen aus dem Mars, der doch immer als Stöhrer der Ruhe erkannt wurde, herunter zu hohlen, und sie auf unserm Erdplaneten, wo sie so wenig als die Sonne aus dem Nordpol passend sind, auszubreiten sucht. Ich,(ziemlich betroffen.) Wie verstehen sie das? Er. Ich will es ihnen, so gut ich kann, erklären, wenn es ihnen nur vorerst gefällig seyn wird, mit mir in meinem Hause einzukehren. Für ir Für ihre Bequemlichkeit wird meine kleine Familie so gut besorgt seyn, als es ihr möglich ist. Von Südost her stiegen Gewitterwolken auf. Die Sonne verlohr sich hinter die Berge, und— ich that also, was man verlangte. Der Vetter. Es tvurde eine niedliche Mahlzeit zugerichtet, und ich genoß das sanfte Vergnügen, mich hier ganz unter die guten Bewohner des Mars zu denken, so friedliebend und schön kam mir alles vor. Die Familie bestund, ausser dem erwähnten Vater, noch aus zween muntren Söb- nen und einer Tochter, die, ob sie gleich noch nicht volle siebzehn Jahre zählte, doch schon seit einigen Jahren ihrer Mutter Stelle verträte, und dabei schön und artig war. Mein Wirth erzählte Gcschichtgen aus seiner Jugend, und munterte mich auf, ein sehnliches zu thun.—— Aus einmal gabS Lärm im Hof. Wir rissen dieFcn ster auf, und das erste, was wir erblickten, war ein Mann, der hastig vom Pferde gesprungen, und nach der Thür zugeeilet war. Er war Willens die Familie zu überraschen; allein der Hausknecht wollte ihn, weil er sich nicht zu erkennen gab, 12 gab, nicht einlassen. Daher entstund der Lärm. Kaum aber war er von den Kindern erblickt worden, so hies es auf einmal aus vollem Halse: ach der Vetter! der Vetter! Johann mach auf! Man lief ihm entgegen, führte ihn ins Zimmer und wollte ihn nöthigen, am Tische Platz zu neh- wen. Ich kann mich nicht aufhalten, war seine Antwort. Ich bin kommen, euch auf morgen sämtlich zu mir zu Gaste zu bitten. Und wo sind sie denn zu Hause, fragte mein ehrlicher Wirth. Ich dachte nicht anders, als daß Berge, Flüsse und Meere uns nvck trennten. Uns trennten freilich Meere. Ich komme vor einigen Wochen aus Ostindien. Armuth und Elend brachten mich zur Erkenntniß. Ich wurde arbeitsam und haushälterisch, erwarb mir ein kleines Vermögen, dachte an mein Mädgen,, sie wissen ja meine Geschichte mit ihr, kam zurück und es ist nun so weit, daß der morgende Tag uns auf immer mit einander verbinden wird. Ich erwarte sie. Leben sie wohl! Er gieng, begleitet von unsern guten Wünfchem Kleine Der Mann hat doch immer seine vorige Laune, sieng mein freundschaftlicher Wirth an, nachdem wir'uns wieder an den Tisch gesetzt hatten. Er war der einzige Sohn eines nahen Anverwandten von mir. Sein Vater hinterlieö ihm zwar kein groses, aber doch ein ganz schönes Vermögen, mit welchem er schon guthatte leben können, wenn nicht verschiedene Prozesse und sein allzuhitzigeS und einigermassen leichtsinniges Temperament ihn daran verhindert hatten. Aber, damit ich es kurz mache, das war die Ursache, warum er in weniger als fünf Jahren von seinem väterlichen Vermögen fast weniger mehr, als nichts hatte. Er glaubte durch eine Heurath sich wieder zu helfen, aber es gieng nicht so, wie er wünschte und glaubte. Die Frau, mit deren jüngsten— von dreien noch einzige ledige-7- Tochter er schon lange vorher genaue Bekanntschaft gemacht hatte, und durch die er jezt sein Glük gedoppelt zu finden glaubte, hörte nicht sobald, daß seine Umstände sich geändert und er fast gänzlich herunter gekommen sei, als sie ihren Sinn änderte, und ihm gradezu sagen lies, daß ihre Tochter nun nicht mehr für für ihn wäre, er möchte sich nach einer andern umsehe». Das war ein harter Schlag für beide junge Leute, denn sie liebten einander zärtlich. Allein' was war zu machen? Wie er sahe, daß sein und seiner Freunde Bemühungen vergeblich waren, und die Mutter unerbittlich blieb, so verkaufte er, was er noch von Haabsceligkei- ten vorfand, brachte einige hundert Thaler zusammen, und begab sich damit, wie er mir vor einigen Jahren berichtet hatte, nach Ostindien. DaS übrige wollen wir morgen von ihm selbst hören.' Ich hätte nun zwar gerne von der Art sich zu verheurathen und von mehrern Auffallenhei- ten mir nähere Erläuterung ausgebeten. Denn im Mars ist Liebe verschwistert mit Tugend, das Band, das Mann und Frau fesseln. Von Zwang der Aeltern weis man nichts, und eben so wenig von StaatSintresse. Allein eö wurde abgetragen, und ein Spaziergang vorgeschlagen. Freundschaft. Wir nahmen unsern Weg an einem durch eine anmuthsvolle Aue sich schlängelndem Bache hin. Die ganze Natur war horchende Stille. Nux 15 Nur das sanfte Rieseln des Bachs und hie und da ein kleiner Vogel, der den Gatten mißte und ihn mit sanfter Stimme zu sich einlud, lies unS fühlen, das noch nicht alles ersterben sei. Wir beobachteten eine zeitlang tiefes Stillschweigen. Endlich hub ich an:— Heller Widerschein des Mondes in dem klaren Wasser, gestirnter Himmel, heitre Luft, balsamische Düfte— mein freundschaftlicher Begleiter wollt' eS, daß ich so sprach— es muß doch schön auf dieser Erde seyn j* Freilich rief er, und faßte mich bei der Hand, als er es sagte, freilich ist es schön auf Gottes Erde, und unter guten Menschen ist es gut wohnen! Aber seit dem mein Freund gestorben ist, empfand ich das nie so, als jeztt Dort unter jener Linde, die wir da rechter Hand hin über die Kirchhofmauer hervorragen sehen, liegt er zur Seite meiner Gattin. Ost wandle ich einsam dahin, sezze mich auf den Stein, der ihre Leichname deckt, denke weh- muthsvoll an die Vergangenheit zurück, klage, weine, Harme mich, und wage selten einen Blick in die Zukunft, wo ich nimmer traure.— Ja damals, guter Fremdling, waren es glück- liche Zeiten, als wir, ich und mein Freund, Hand Hand in Hand giengen und der Schönheit der Natur und unsrer Tage uns freuten. Fanden wir Blumen, so brachen wir sie, küßten sie und den Freund, der sie pflückte. Waren Ge- bürge da., Hand m Hand erstiegen wir sie, und fanden den Weg unendlich erleichtert. So waren wir uns immer selbst genug. Glücklich durch und für einander. Aber seit dem er dahin ist, und ich noch einige Unfälle der Art, besonders die Trennung von einer liebenswürdigen Gattin erduldet habe, lernte ich, wiewohl nicht ohne grose Ueberwindung, endlich einsehen, daß der nur der Glücklichste ist, der mit sich selbst zufrieden, über die Welt und deren beste und schlimmste Seite erhaben ist, sein alles auf die Richtigkeit seines Betragens bauen, und daraus die Bestandtheile menschlichen Glücks, Heiterkeit und Ruhe der Seele, sich verschaffen kann. Aber die Menschheit! erwiederte ich.' Ich fühle es wohl, was sie damit sagen wollen. Ehemals war ich mir auch allein nicht genug. Aber seitdem lehrte eö mich traurige Nothwendigkeit, und die noch traurigere Erfahrung, daß man nur wenigen sicher trauen darf« Oft dachte ich einsam über Schicksal und kno- I? ttwvollen Zusammenhang von Lust und Thränen nach, und fand es immer dunkler, immer vermitteltem Sobald das plözliche Hinscheiden meines Freundes mir einfiel, sobald war ich auch mit den Klagen fertig: So mußte denn ein Tod in der besten Welt seyn! Vor dem Tode Angst, Unruhe, Furcht, GewissenSquaal, Verzweiflung, oder täuschendes Glück mit Ungewißheit und banger Sorge vermischt! Naher zum Tode hin grösere Quaalen, tiefpeinigendere Schmerzen, Trennung von Gut und Ehre, Zer- rejsen des Bandes, das Lieb' und Freundschaft flochten, ewiges Lebewohl! Und wer zählt sie, sie alle die Stürme, welche von ausen und innen auf den schwachen Sterblichen eindringen und sein mattes Denken foltern? Und keinen Trost. Hinter sich ein Leben, war es angenehm, in der Umarmung einer treuen Gattin, im Zirkel redlicher Freunde verlebt, so muß der Gedanke ihn peinigen, eS war einmal und soll nicht mehr seyn. War eS trübe und mühevoll, und er erduldete standhaft, vollzog als Mensch und als Bürger seine Pflicht, so muß der Gedanke ihm Quaal seyn, was wird mir davor?— Der r8 Der Tod ist Wohlthat. Sie werden zu hi'zzig, guter Mann! rief ich ihm fast ungedultig zu. Das werde ich allemal, so oft ich auf meinen Freund zu sprechen komme. Haben sie denn nichts, womit sie sich trösten können? Seit einiger Zeit überlegte ich die Sache bei kälterem Blute und fand, daß der Tod Wohlthat für die lebende Schöpfung sei. Und wie wollen sie das beweisen? Sie scheinen mir von einem Extrem auf das andere zu verfallen. Wenn sie Geduld haben werden, miH anzuhören, so will ich ihnen meine Gedanken darüber mittheilen: Sie werden wissen, daß vieles auf richtige und bestimmte Begriffe in der Welt ankommt. Wenn wir auf uns selbst aufmerksam sind, so werden wir bald gewahr werden, daß unsre Vorstellung von einer Sache einen ganz andern Einfluß auf unsre Denk- und Handlungsart machte, wenn sie hell und klar, als wenn sie dunkel und verwirrt war. Wie vieles verliehrt nicht unsre erste Vorstellung von einer Sache, dir, s» lange sie uns unerkannt war, war, Furcht und Entsezzen bei uns verursachte, nun da wir sie naher kennen, Ursach und Wür- kung von derselben wissen anzugeben und sehen, wie wohlthätig sie oft für die Menschheit ist. Verlangen sie Beispiele? ES wäre mir was leichtes ihnen hundert und aber hundert aufzuzählen, wenn ich sie in die dunkle Zeiten der Vorwelt zurück führen, sie aufmerksam auf Tempel und Altäre wo Brüder aus Religions- cifer Brüder würgen konnten, wenn ich die Geschichte des Martprthums ihnen enthüllen, die Scheiterhaufen, Ordalien, heilige Gerichte ihnen vorzeigen und Kobolde und Nachtgeister vor ihnen auftretten lassen wollte. Allein um Weit- läuftigseiten zu vermeiden, will ich bei dem Gegenwärtigen stehen bleiben. Sie sahen, ehe wir uns an den Tisch sezten, den Dliz, der un^ sre Augen blendete, und hövten drauf das schreckliche Gebrüll des rollenden Donners. Sie wissen es auch eben so gut als ich es weis, daß er Wohlthat für unsre Atmosphäre ist, daß er die Luft reinigt, und den Wachsthum befördert. Die Leichtigkeit mit der wir izt athmen, das Erweitern unsrer Brust, das Einhauchen aromatischer Wohlgerüche dient zum Beweise dieser Warheit. Allein dachte man immer so? B S Sah Sah man die Sache immer von dieser Seite an? Denkt man aller Orten, so wie wir den« ken? Nur ein wenig dürfen wir uns in der Welt umsehen,>und wir werden Menschen finden, die, statt bei solcher Ereigniß sich zu, freuen, seufzen und wehklagen. Nur einige Blikke dürfen wir auf die Schilderungen dieses Phänoms, so wie wir sie in den Resten alter Gesänge und Reden antreffen, zurück werfen, und wir werden bald finden, wie weit die Begriffe unsrer Ahnen und Nachbarn von denen der unsrigen verschieden sind. Sie nierkten nur auf den schädlichen Erfolg der Sache. Sahen nur drauf, wie hie eine Pflanze zerknickt, dort eine Eiche zersplittert wurde. Beweinten nur die erschlagene Gruppe des ernsten Stiers und das Niederschmettern des Hirten. Beklagten eS nur, wenn Thürme, die der Ewigkeit Troz bieten solten, in einem Augenblick in Asche, und felsenfeste Pallaste in Steinhaufen verwandelt wurden. Was Wunder! wenn sie bebten, wenn sie Donnerkeile von der rächenden Gottheit herakgeschleudert glaubten, und nun demüthige Gebete, diese Gottheit zu versöhnen, zu ihr hinan schiften. Wie viele leiden nicht noch jezt unter der nämlichen Vorstellung, zittern und 2l beben, wenn wir heiter und zufrieden der großen und schönsten Naturerscheinung entgegen sehen, da wir dem Wetterstral seinen Weg an unsern Häusern gebahnt wissen. Wie viele hegen noch den falschen Wahn ,> daß man in die Rechte der Gottheit eingreife und verwegen handle, wenn man einen Ableiler für das elektrische Blizfeuer errichtet, indeß wir die Kräfte der Natur kennen und menschliche Größe schäzzen und bewundern fernen. Lassen sie uns das auf die Geschichte des Todes anwenden, iznd wir werden das nämliche finden. Fast jede Nazion hat ihr eigenes Bild des Todes. Und so wie das Bild beschaffen ist, so sind die Vorstellungen, so ist Furcht vor dem Tode großer oder geringer. Selbst im Leben des Menschen finden verschiedene Begriffe von ihm statt. In den Jahren der Kindheit, wo man über ernsthafte Gegenstände nicht viel nachzusinnen gewöhnt ist, nimmt Furcht vor dem Tode wohl den geringsten Grad in der Seele ein. Ganz anders ist es in den Jünglingsjahren, wo jede Ader nach Vergnügen geizet, wo man erst der Welt genießen will» Hier findet der gröste Grad der Todesfurcht statt. Nur nach und nach scheint sie mit den Kräften des Menschen sich B z wie- 22 wieder zu verringern, und hohes Alter, wo alle Sinne stumpf geworden und die Kräfte des Leibes nach und nach ersterben sind, oder eine Reihe von Mühseligkeiten des Lebens können es vielleicht am ersten wieder dahin bringen, daß uns der Tod so gleichgültig wird, als dem Kinde, das sich keine Vorstellung von Welt und Verbindung, Leben und Sterben machen konnte. Es kommt also darauf an, daß man sich ein angenehmes Bild von dem Tode entwirft. Hippen und Sensen und das ganze dürre Kno» chengerippe musten so wie der Jäger mit tödten- dem Geschosse, mit Schlingen und Nezzcn, das Bild des Todes der Vorwelt, aus Beschreibungen und von Urnen und Monumenten verbannt werden, und dagegen andere, so wie zum Beyspiel das sanftere der Griechen, wo ein Jüngling nach den Elisaischen Feldern hinzeigte, eingeführt, oder besser noch alle bildliche Vorstellung gen gänzlich aufgehoben werden. Statt derselben beschriebe man den Tod allenfalls als Bild der Ruhe, des sanften Schlafes nach vollendetem Tagewerk. Auf die Art müste er jedem, der bemüht gewesen wäre, seine Pflicht in feiner Lage zu vollbringen, erträglich werden und weniger furchtbar vorkommen^ Sollte man Hiebey sich sich noch die Hinfälligkeit der menschlichen Freuden vor Augen, bemerkte, wie so gar nichts im Leben der Menschen beständig, sondern alles der Veränderung und dem traurigen Wechsel unterworfen ist, wie auch das unserm Bedünken nach glücklichste Leben seine gewisse Anzahl von Leiden hat/ und wie oft die Summe derselben die Summe der Freuden weit überwiegt, wie nichk selten der letzte Schritt der Freude, der erste zur schwer- muthsvollen Traurigkeit und klagen und beklagt werden oft Unser einziges bestes LooS ist; dachte man sich hiezu noch, wie wenig befriedigend alle Freuden dieses Lebens für uns sind, wie bald wir den Menschen oder sie uns zur Last werden, wie wir daS, was wir vor einer Stunde so heftig begehren in der folgenden verabscheuen konnten-, so muß, wenn wir öfters Betrachtungen der Art anstellen, die Furcht vor dem Tode gänzlich verschwinden, er uns wünschenöwerth vorkommen. Sehen wir endlich noch darauf, wie öfters unsre besten Plane vereitelt, unsere redlichsten Absichten und Bemühungen durch Neid, Bosheit und Kabale vernichtet werden, wie oft wir auch bei unserm grösten Bestreben rechtschaffen zu handeln, Gut zu seyn und Gutes zu thun, verkannt, und noch überdies des- B 4 wegen wegen gehaßt und verfolgt werden, so muß ja allerdings das als etwas erfreuliches etwas wohlthätiges uns vorkommen, das uns auf einmal von allen diesen Gefahren befreien und uns Ruhe verschaffen kann. Und da dieses bei dem Tode statt findet, so habe ich ja wohl nicht Unrecht, wenn ich behaupte, er sei Wohlthat für die lebende Schöpfung; denn er ist es ja, der Von allem Uebel erlöset. Und fodenn!— Blikke über das Grab. Und fodenn! werden sie am Ende ihres Beweises seyn? erwiederte ich. Das nicht. Ich darf Blikke über das Grab wagen. Und was hoffen sie dann? Daß ich fortlebe. Daß mein Leib einem Saatkorne gleicht, aus dessen adelstem Theile der Schöpfer einst am grosen Auferstehungstage wieder einen neuen für die Ewigkeit dauernden Körper bilden und ihn mir meinem Geiste»er-, einigen wird. Und dann bin ich auf immer glücklich! Dann finde ich den Freund wieder, den ich hier fand und schliefe eine Freundschaft, die ohne Ende dauert. Denn kein Tod, keine Trennung steht uns dann mehr bevor. Wird ---- 25 Wird dies LooS allen zu Theil werden? ( Hier sieng mein Wirth an, aufmerksamer auf seinen Gast zu werden. Indeß war es nur ein bedeutender Seitenblick durch den ich es bemerkte, und er begann von neuem.) Sie wollen vermuthlich meine Meinung in Absicht deS Schicksals der Bösewichter wissen? Sie mögen es errathen haben, Schicksal des Fehlenden. Lassen sie uns aus diesem gefällten Baume Plaz nehmen, und ich will ihnen meine Meinung darüber mittheilen. Voraus möchte ich aber gern wissen, ob wir in einer Sache mit einander einverstanden sind. Ich, zum Beispiel, Lenke.mir die Menschen nicht absolut und nicht aus Vorsaz lasterhaft, boshaft, ruchlos; sondern aus Hang zur Sinnlichkeit, aus Unwissenheit aus Nachahmung fehlend. Ich denke mir die Sache noch glimpflicher. Ich würde einen Menschen ins TvllhauS verweisen können, der über einen Apfel zürnte, wenn eine Motte ihr Ei hinein legte, und er nun WMnfrasig ist. D 5 Ihr 26 Ihr Gleichniß, wenn es nichts anders sagen will, als daß Menschen nothwendig fehlen müssen^ ist so ziemlich passend. ES soll, dadurch nichts mehr und nichts weniger als dies angezeigt werden. Gut, so werden sie mir auch zugeben, daß die Fehlende Verzeihung verdienen. Herzlich gern. In der Hauptsache waren wir also einig, ES ist also nur noch die Frage zu beantworten, ob sie diese auch wirklich, selbst dann, wann sie als Fehlende aus der Welt gehen, erhalten können? oder welches einerlei ist, ob die Folgen ihrer schlechten Handlungen sich nicht bis zur Ewigkeit hinaus erstrekken? Die Meinungen der Gelehrten, zu denen ich mich zwar nicht rechne, denn auser dem, daß ich bisweilen ihre Schrieen lese und mit meinen guten Freunden darüber mich bespreche, gebe ich mich mit eigentlicher Gelehrsamkeit nicht ab, sind über diesen Punkt so ziemlich verschieden. Inzwischen suchen sie alle ihre Behauptung mit Gründen zu unterstüzzen, die mir aber säst durchgehende noch so schwankend und ungewiß zu seyn scheinen, daß es mir schwer fällt, einem oder dem andern gänzlich beizustimmen. Da Da ich gewohnt bin, nicht, blindlings zu glauben, sondern selbst zu denken, zu prüfen und denn zu Wahlen oder zu verwerfen, so werden sie glauben können, daß ich auch über eine so wichtige Sache nachgedacht habe. bind da fand ich denn, nachdem ich Gott und Menschheit und ihr Verhältniß gegen einander, so sorgfältig als es mix möglich war, erwogen habe, daß die- stnigen unstreitig der Warheit am nächsten sind, welche glauben, daß keine willkürliche Strafe nach dem Tode statt fände. Da sie aber dadurch stillschweigend zu erkennen geben, daß doch Strafen seyn müßten, so glaube ich mit Recht schliefen zu dürfen, daß sie sich auf der Seite wieder so weit von der Wahrheit entfernen, als sie sich ihr auf der andern genähert haben. Eben so ist es mit ihren Gründen beschaffen, die sie ihren Saz zu behaupten für- bringen. Sie geben inSgcmein vor, daß, d» Gott zu groS und zu mächtig, der Mensch zu schwach und zu klein, daß die Sünden nur eine zeltlang und die Strafen ewig dauern sollten, dies Ungereimtheiten und etwas der Natur Gottes und der Menschheit WiedersprcchendcS wäre, das man wegräumen müsse. Allein zu solchen Ungereimtheiten haben wir nicht nöthig, unsre Zu- Zuflucht zu nehmen. Es liegt in der Natur der Sache und des Menschen, daß jenseit des Grabes keine Srrafen statt finden können. Ich stelle mir den Tod nicht anders vor, als einen Freund, der mich aus einem Zimmer in das andre führt. Denn wirklich ist der Uebev- gang aus der Zeit in die Ewigkeit nichts anders. Wir machen da keine Sprünge, noch weniger lassen wir eine Lükke. Sondern Ideenfolge, Bs- Wustseyn, Handlung und Folge hangt genau und unzertrenlich an einander. Und eben deswegen muß das, was mich in dem einen Zimmer foltert, wich auch in dem andern foltern, und was in diesem eine Unruhe und Quaalen verursacht, es auch in dem andern thun, und so auch auf der entgegen gesezten Seite, das gute Bcwustseyn, die heitre Zufriedenheit, innre Ruhe und reines Vergnügen, das mich in dem einen anlächelt muß es auch in dem andern thun. Der Eintrit durch die eröfnende Thür macht uiiS nicht besser oder schlimmer. Was unser Herz, wenn ich so sagen soll, hier empfindet, muß es auch dorr jenseit des Grabes empfinden, Freilich mag der Gedanke, auf dieser Erde nichts gutes gethan zu haben, sondern vielleicht ein neidischer, liebloser, feindseeliger Mensch gewesen zu 29 zu seyn, den, der das konte, noch eine Zeitlang foltern und martern, aber das ist ja nichts auserordentliches, sondern nichts mehh und nichts weniger, als was der Mensch hier schon wegen ähnlichen Vergehungen erdulden muß. Aber auch das muß sich mit der Zeit legen. Kur eines Verliebten. Umstände, dies beweist die Erfahrung, verändern die Sache, verschiedene klagen, die Gemüthsart der Menschen. Nehmen sie, wie ich denn schon oft derlei Manschen bemerkt habe, einen Verliebten. Lassen sie den Gegenstand seiner Wünsche und Neigungen entweder spröde seyn, oder Zwang der Aeltern oder Anverwan- den entgegen stehen. Seine Neigung wird dadurch nicht unterdrükt, sie wird im Gegentheil genährt, wird Leidenschaft werden. Sein ganzer Sinn ist auf den geliebten Gegenstand gerichtet. Tag nnd Nacht ist sie sein Lieblingüge- danke. Keine Unterhaltung mit redlichen Freunden, kein Vergnügen, das Erd-und Himmel darbieten, so gros es auch immer ist, vermag ihn aufzuheitern. Das einzige was er wünscht und sucht, was ihm seine Fantasie als den In- begrif begrif aller Vollkommenheit vermalt, hat und bekommt er nicht, und auser dem kan ihn nichts erfreuen, nichts beleben. Diese Leidenschaft wird mit der Zeit starker, die Hindernisse grösser, er wird Unmöglichkeiten gewahr, und nun sinkt er juc schwarzen Verzweiflung nieder, er tobt, rast, heult, flucht auf sich, auf Welt und Schiksal und noch weniges, so entleibte er sich selbst. Aber um diese Zeit laßt einen Freund sich ihm nähern, eine Reise vorschlagen und zur Wirklichkeit bringen, laßt denselben ihn aufmerksam auf Natur, Schönheiten mannichfal- tiger Art, auf andere Menschen machen— gewiß er wird nach und nach, wie schwer es auch anfangs halten mag, wieder zu sich selbst kommen, wird zulezt, wo nicht völlig doch in hohem Grade, vergessen lernen, was er Anfangs so heftig begehrte. So wahr ist es, wie man im Sprichwort sagt: die Zeit ändert alles. Und eben diese Zeit und diese veränderten Umstände müssen im künftigen Leben vorfallen, und es also unmöglich machen, daß der Mensch für die Vergehungen, die er auf dieser Erde zu Schulden kommen ließ, ewig leiden soll. Also veränderte Umstände oder fremde Lage und vorzüglich auch Emporstreben nach Voll- ZI Vollkommenheit, das bey keinem Geschöpf ausbleiben kan, werden die Leiden nach und nach lindern und endlich ganz aufheben. Freilich wird ein solcher Mensch nicht zu der Vollkommenheit, oder besser zu reden, zu der Stufe des Glükö gelangen können, wozu der gelangt, der hier schon höherer Freuden fähig war, und nu^ dort bemüht ist, durch Thaten, die der Menschheit Ehre machen, sie immer mehr und mehr zu erhöhen. Schlußfolge. — Und was hat alles dieses für einen Einfluß auf ihre Denk-und Handlungsart? Den größten, den besten! Ohne das würde die Welt mit allen ihren Freuden mir nichts nüz- zen. Verzagen würde ich! Mein Seyn verfluchen! Das Schiksal des Wurms, der vor meinen Tritten im Staube sich krümt, beneiden; denn er wird nicht durch Nachdenken gequält, seine Marter hört mit der Empfindung auf.—— Ader der Gedanke an Wiederauf- lebung, Wiedersehen; Fortdauer giest Freude jn die abgehärmte Seele; läßt mich auch dann noch als Mensch und als Bürger meine Pflicht erfül- Z2 erfüllen, wenn ich verkant und gelästert werde; läßt mich auch dann noch am Wohl des Freundes arbeiten, wenn er treulos wird; läßt mich auch dann noch muthig meinen Weg betretten, wenn die Welt mir zu reizend oder zu fürchterlich wird; läßt mich auch bei der nahen Aussicht zu Grab und Verwesung, in dem Augenblik, wo die Sonne meinen Blikken verlischt und die Welt um mich her verschwindet, triuMphirend überjede Erdennoth denken und sprechen: Hier, Veränderung und steter trauriger Wechsel, dort ewig, unveränderlich reiner Genuß; Hier Stückwerk, dort Vollkommenheit; hier Dämmerung, jenseit des Grabes helleres Licht, ewiger Tag, schnelleres Fortschreiten von Vollkommenheit zu Vollkommenheit; hier Glaube dort Schauen; du Gott, mein Vater! ich dein Kind; hier Dulden, dort Erbe; bald ist sie da die Stunde meines Abschiedes! Wie freu ich mich! Ich bin dann ganz frei von keiner Sünde mehr entweiht, entladen von der Sterblichkeit, nicht mehr der Mensch der Erde! Welt und Erde liegt unter meinen Füsen, zu klein für meinen unsterb^ liehen Geist! „ Ich bin voll erhabener Gedanken, Bin zu groS für diese Welt, Dir Die für mich in ihren weiten Schranken Keine Sättigung enthält. Bin des Gottes aller Seligkeiten Bild; er schuf zu hohem Freuden mich; Schuf zum Lichte ohne Dunkelheiten, Schuf zu Gottes Klarheit mich." Der Tod im Mars. O! rief ich voll Verwunderung aus, sie sind >em fürtreflicher Mann; Nur ein wenig zu sehr verstiegen haben sie sich mit ihren Gedanken, sonst Freund! es ist Mein Lieblingsgedanke, auf dessen Rechnung sie die Wärme, mit der ich sprach, schreiben müssen. Das aber abgerechnet, solt ich glauben, daß ich doch weiter nichts als reine Warhcit sagte. Beynahe ist ihr System das unsrige. Also doch nur beinahe. Und was wollen sie mir denn für einen Glauben aufdringen? Ich? Keinen. Ich gönne jedem Menschen die Freiheit im Denken, die ich mir wünsche. Unsre Begriffe von Mühseligkeit sind nur zu sehr" relativ, als daß wir andre, um ihr Glük zu machen, zwingen sotten, grade so und nicht anders zu denken llnd zu glauben, als wir denken und glauben- L Aber -— Z4—-- Aber was denken sie von dieser Sache's l Unsre Begriffe Freund, haben sie vorhin, erinnert, sind nicht immer die nämlichen, sie, andern oft nach Zeit und Umstände ab, und, eben deswegen kan ich ihnen von keinem allgc-^ z meinen System Nachricht ertheilen. Allein so viel hat der bessere Theil bei uns schon längst als wahr erkannt, daß eö gefährlich sei, Blikke übcrS Grab zu wagen. Wir haben gute bürgerliche Gesezze, die für die Ruhe und das Wohl, des Staats sorgen. Diese Gesezze hat ein jeder l in Handen. Ein jeder weiß also, was er in seinem Stande und in seiner Lage zu thun hat,! um als Mensch und Bürger das seinige zu sei-> nem eigenen und des Ganzen Wohl beizutragen.' Und weil diese mit hinreichenden jedem einleuchtenden Gründen unterstüzt sind, so leben wir> ein durchaus menschlich glüklich Leben, und finden es thöricht uns in ein andres Leben hinüber zu denken, und da erst Glük und Belohnung i für gute Thaten zu träumen. Denn gut seyn und glüklich seyn, ist bei uns eins. Und in der Hin-! jzcht ist uns selbst der Tod nicht schreklich. Wir> denken unö nicht, daß wir umkommen z den- l ken uns nur, daß unser Leib zwar zerfalt, zerstört oder aufgelößt wird, aber in tausend andern z? dem Gestalten noch unsern Planeten verschönert, und das seinige zum Wohl des Ganzen beitragt. Unser Tod ist also eigentlich kein Tod, sondern Umänderung, Leben, Thätigkeit, Mitwirken zur Blüte und Glückseligkeit des StaatS. G e i si e r w e l t. Das ist alles gut und schon gesagt, daS glaube ich auch, versteht sich in Absicht auf den Körper. Aber mit der Seele?>— Hier sind Dunkelheiten, Freund das werden sie selbst eingestehen. Sie müßten mir denn bestimt sagen können, was die Seele eigentlich ist. Sie werden doch nicht leugnen wollen, daß es ein immaterielles, mit Verstand und freiem Willen begabtes Wesen sei? Zugegeben daß eS so sei, inwiefern klärt daS aber jene Dunkelheiten auf? Wie soll ich Verstand, wie freien Willen mir selbstständig Lenken? Mich dünkt eö sei doch ein Unterschied, wenn man sagt der Mensch hat Verstand und der Verstand hat den Manschen? Jenes hören sie alle Tage, lezteres niemals. § 2 S» So lassen sie denn alle Kräfte, oder, wenn sie das nicht wollen, alle Eigenschaften, die man der Seele zuschreibt, mit einem feinen Körper, umhült seyn; werden sie dann auch noch läugnen, daß sie fortdauern könne? Aber wohin alsdann mit ihr? In den Himmel, den Wohnsiz der Geister. Ist aber der Himmel nicht, wie sie sich ihn^ vielleicht denken, ein Unding? Ausee jenen lieh-, ten Welten, die sie hier in dunkler Ferne über unsern Häuptern schimmern sehen, ist wohl schwerlich ein Himmel, ein Wohnsiz der Geister zu finden. Gut, so suchen wir in irgend einem dieser Himmelskörper ein besseres Wohnhaus und vollkommeneres Glük. Und werden sie glauben können, daß dort i Stürme von ausen und innen, Feuer und Wasser, Hizze und Frost keinen Einfluß mehr auf uns haben und unsre Ruhe und Zufriedenheit stören können? Und wie wollen sie mit ihrer Seele dorthin kommen? Denn wenn sie auch nur das geringste von einem Körper noch hat, so läßt es die Schwere nicht zu, daß sie durch Aether und Lickt sich schwingen und in einen andern Wohnsiz begeben könne. Nein, wenn Wieder- aufle- ?7 aufleben, wenn Fortdauer möglich ist, so muß sie bloö für den Planeten, den wir bewohne», möglich seyn. Sein Mittelpunkt ist es eigentlich um den sich Körper und Elemente, feinere Luft, geistiges Wesen der Pflanzen Und Thiere in angemessenen Kreisen winden. Sollte, das Geistige des Menschen allein eine Ausnahme davon machen? Sie wähnen da von sonderbaren Auffallen- heiten, und ich könnte ihnen leicht eins und das andre über» Haufen werfen, aber cS wird Zeit seyn, nach Hause zu gehen, es fangt an kühle zu werden. Endzwek der Reise. Sie werden, fleng mein Wirth nach einer langen Pause an, es doch nicht übel deuten, wenn ich mich erkundige, wen ich eigentlich die -Ehre habe, bei mir zu sehen? Ich. Ich komme aus dem Mars. Er. Aus dem Mars! UmS Himmels Willen, wie ist daö möglich? I ch. Ich sollte denken, daß sie daö eben so gut als ich wissen könnten. Er. Wie so? (L Ich* . Z8 I ch. Ein Landemann von ihnen hat ja Wie Reift dahin gemacht, wir lernten ihn und seine Sprache kennen, sahen den Bau und die Einrichtung seines Schiffes, ahmten nach, und ich wagte es, hieher zu reisen, und wie glüklich ich gefahren hin, sehen sie mit eigenen Augen. E r. Was bewog sie aber zu dieser Unternehmung? Ich. Neubegierde! Ich wollte Sitten und Gewohnheiten des Volks, wovon uns der Reisende so viel erzählte, selbst kennen lernen, und sehen in wiefern er eigentlich wahr erzählt. E r. Sie sprechen mir da von unbegreiflichen Dingen. Indes ist es gut, daß sie mich dran erinnern, es bringt mich wieder auf das, wovon ich vorhin Erwähnung that, daß man nämlich in den Mars reißte um Neuigkeiten zu hohlen und sie sodenn auf der Erde für Wahrheiten auszugeben. Ich HZbe das Düchelchen bei Mir, sie können es nach ihrem Gefallen durchleb sen, und mir denn sagen, ob das alles so wahr sei, wie es der Mann beschreibt. I ch. Also hat er wirklich davon geschrieben? E r. Nicht anders; und er preißt uns vieles an, das wir, weil es unser Glück befördern würde, nachahmen sollten, wovon ich denn gern nähere Nachricht haben möchte. I ch, Ich. Die sollen sie erhalten. Wir kamen zu Hause an, und sodett», legte man sich schlafen. Die Ruhe. „Der müden Natur süses Labsal, balsa Mischer Schlaf! Ach! er besucht, gleich der Welt, nur diejenigen gern, denen das Glük zulächelt, die Elenden verlaßt er; fliegt auf seinen weichen Fittigen schnell vom Jammer hinweg, und— senkt sich auf Augenlieder herab, die keine Thräne benetzt." Zu diesen Unglüklichen gehörte ich zwar nun nicht. Allein die Wendung unsers Gesprächs hatte meine Seele so beschäftigt, daß ich ausserdem nichts zu hören noch zu lesen im Dtandc war. Ich warf die Reise des Erdbewohners in den Mars, so sehr ich auch den Inhalt zu wissen, > verlangte, auf den Tisch hin, und wollte mich und meine Gedanken in den Schlaf versenken. Allein er floh mich. Ich warf mich lange unruhig von einer Seite auf die andre bis ich endlich meine Gedanken auf etwas anders richtete, und sodenn voll frohen Gefühls über die wohlthätige Einrichtung der Natur, die auch in Nacht C 4 und und Finsternis für unser Wohl besorgt ist, und voll Vergnügen über die guten, menschenfreundlichen Gesinnungen meines Wirthe, der mich für die erste Hälfte des Tages schadlos hielt und mit den Erdebewohnern wieder aussöhnte, ihnen allen, den Aedlen, die ich kenne und nicht kenne, eine ruhige Nacht wünschen und sanft einschlafen konnte. Ewiges einerlei, waren beim frühen Erwachen meine ersten Gedanken, macht uns also nicht glükiich. Elend muß deswegen der seyn der einst sein ganzes Glük in einem beständigen Halleluja finden will. Hierauf durchlas ich die Reise in den Mars. Das F.rühstük. Nun, wie haben sie die Nacht geschlafen? rief mir mein Wirth, als er mich kommen hörte, freudig entgegen? Allerdings so, wie es sich bei guten Freun-, den schlafen läßt. Nun das freut mich.— Ich bin sonst gewohnt, nach einigen Stunden Arbeit des Morgens, bei einem kleinen Spaziergange, hier in an meinem Garten mit einem frischen Glas Brunnen, halber Milch und einer Pfeife Tg- bG bac zu frühstükken. Indeß glaubte ich, müße man heute eine Ausnahme machen. Da ich nicht weiß, wie sie es gern sehen, so wollen wir uns einmal nach dem Morgenlande hindenken, und nach der beliebten Sitte des größten Theils unsers Vaterlandes frühstükken. Ich merkte zum erstenmal, daß unter den Erdebewohnern Zwang statt findet. So ist^>6 häßlichste Uebel unter der Sonne auch hier zu Hause, stuzte und war in Verlegenheit, was ich antworten solte. Denn grade was er heute, wahrscheinlich seines Gastes wegen, als etwa« schlechtes verworfen hatte, wäre mir am angenehmsten gewesen, weil ich dran gewohnt bin. Meine Antwort war also kurz: ich bin zufrieden, wie sie wollen. Gut sagte er, dann fezzen sie sich. Befehlen sie Milch zu ihrem Kaffee? Wie es ihnen gefällig ist, liebe Mademoiselle!-—-ob ich gleich nicht recht weiß, was sie damit sagen wollen. Nun ich werde schon machen. Und ich würde auch das Schlimste als das Beste erkennen, wenn es von so schönen Händen gereicht wird.—— Ein Schluß den ich nachher noch oft unter den Erdvürgern machen hör- C? te; te; wie passend er aber ist, darüber mögen andre urtheilen, die es besser verstehen. Hüte dich, mein Bruder, daß er den Marsbürgern nicht zu Gehör kommt, er würde Offenherzigkeit und Redlichkeit, die Freude unsers Lebens und die Liebenswürdigkeit unsrer Freundinnen uns rauben. Rezension. Apropos! um wieder auf unfern Reisenden in Mars zu kommen, haben sie das Büchelchen gelesen? Zum Theil. Und wie finden sie eö? Wahrscheinlich sehr schön? Gegen das Schöne, sobald es auf das Gesagte ankommt, habe ich nicht das geringste zu erinnern. Allein wenn sie dadurch zugleich fragen wollten, ob alles wahr sei, so muß ich mit nein antworten. Mich beucht der Mann habe so seine Lieblingöhypothesen, mit denen er sich in den Mars träumte und sie nachher auf der Erde für Wahrheit verkaufte. Ich stimme ihrer Meinung bei. Denn ich, muß ihnen nur gestehen, daß er Stof von unserer Erde scheint genommen zu haben, und die Dache denn den Marsbürgern andichtete. Got- 4Z G o t t e s c s s e r. Aber um Gottes Willen! sie werden doch keine solche Vorstellung von GOtt haben, kein so tolles Zeug von ihren Priestern denken, daß, wie z. B. der Verfasser zu sagen beliebt, sie ihren Gott fressen?' Erinnern sie sich gefälligst an das, was ich gestern Abend zu ihnen sagte, daß die verschiedenen Umstände, worin sich die Menschen befinden, Lagen, kälteres oder wärmeres Blut, sez- zcn sie hinzu Launen, minderer oder höherer Grad von Aufklärung einen grosen Einfluß auf die Denk- und Handlungsart der Menschen haben, und sie werden sich Zeiten der Barberei, der Unwissenheit, voll von Aberglauben und Vor- urtheilen, sie werden die auffallensten Verschiedenheiten von ReligionSsystcmen sich denken können; ja sie werden Zeiten sich denken müssen, wo das alles, zwar nicht so gedrängt zusam- mengehäuft, so mechanisch grob, wenn ich so sagen soll, als der Verfasser cS vorgiebt, hat statt finden müssen. Aber diese Zeiten sind, gottlob, durch die Bemühung weiser Fürsten und helldenkender Priester von dem grösten theile der Welt verdrängt worden. Schon lange ze hat man angefangen, sich richtigere Vorfiel-! lungen von GOtt und Menschheit zu machen, hat man angefangen die Religion in ihr Ursy- siem zurük zu bringen, und den Stifter derselben, als den größten Wohlthäter des Menschengeschlechts allgemein anzuerkennen. Gebu rtöumsiänds. Aber sind die Umstände von seiner Empfängnis und Geburt, so wie der Verfasser wähnt, richtig? Herr! wenn ich jemand Liebe und Dank schuldig bin, sehe ich dann auf Abkunft und Geburt? Der Weise sollt ich denken, verehrt LaS Gute an einem Manne, wenn er auch wissen sollte, daß sein Vater ein Hirt war, oder er schon als Embrio cgistirte, ehe der Vater noch die Jura Stolae dem Priester für die Trauung hezalen konnte. Nun, dem Stifter unserer Religion verdanken wir unsre Seelenruhe. Ehrfurcht lehrt uns deswegen glauben, oder stille-Meisten. Nur Hypochonder, üble Laune, Spleen oder Gelbsucht vermögen es, einen Mann, dem der größte Theil der Erde seine Glükseeligkeit verdankt, wegeg. wegen seiner Empfängnis und Geburt herab-- würdigen zu wollen. Sie scheinen mir recht zu haben» O p f e r t o d. Was soll ich mir aber von der Versöhnung des Menschengeschlechts mit GOtt durch den grau» samen Tod des Stifters ihrer Religion denken? Die wohlthätige Veranstaltung, der weiseste Plan lag da zum Grunde. Das fällt mir schwer zu glauben. Das werden sie aber sobald ich ihnen die Sache, so wie sie ist, wekde entdekt haben. Sie müssen wissen, wie der Stifter unsrer Religion zu reformiren ansieng, denn anfangs schien er nichts mehr als das zu wollen, daß man die Bewohner der Erde in zwo Hauptmassen, in Juden und Heiden, eintheilte. Beide Theile hegten irrige und falsche Vorstellungen von GQtt, der eine mehr der andre weniger. Beide aber stunden in dem irrigen Wahne, daß GOtt leidenschaftlich zürne,— dies schlössen sie oft aus den wohlthätigsten Veranstaltungen der Natur, oder aus andern sich selbst zugezogenen Leiden.— und daß er alsdann durch nichts anders als Tod und und Blut, oder durch die Abschlachtung eines unschuldigen Thieres an ihrer Statt könnte versöhnet werden. Diesen falschen Vorstellungen arbeitete unser Religionsstister und seine Schüler entgegen, und suchten die Begriffe von GOtt zu reinigen. Besonders war eS ihnen drum zu thun, daß er als guter, liebvoller Vater von den vernünftigen Geschöpfen erkannt und verehrt würde. Weil aber dieser grose Religionsreformator wohl einsähe, daß die Welt noch zu sehr an dem einmal angenommenen System hieng und ferner hangen bleiben würde, so litte er aus weiser Absicht einen freiwilligen, jedoch nicht ganz gesuchten Martyrertod. Vorher nahm er von seinen Schülern den zärtlichsten Abschied, und gab ihnen unter andern liebreichen Erinnerungen auch noch den freundschaftlichen Rath, künftig nicht mehr, wie vorher, das so genannte Osterlamm zu«ssen, sondern statt dessen in ihrem Freundschaftszirkel ein Brod zu brechen, und dabey, so wie bei dem in der Gesellschaft herum gegebenem Kelche voll rothen Weins, sich seiner Liebe und Freundschaft zu erinnern, und sodenn alle Begriffe von Opfer und falscher Vorstellung, von Zorn und Rache GvtteS aufzugeben. GOtt sei die Liebe, und nur wechselseitige Liebe und Freundschaft, zu deren Bestätigung sie dieses Mahl öfters gewesen solten, könne ihm gefallen. DieftVorschrift befolgten nachher seine Schüler auf das genauste. Sie machten es ihren Anhängern zur Pflicht, diese Mahle, denen man, wegen dem dadurch zu bewirkendem Endzwek, den Namen Liebesmahle ertheilte, öfter zu gewesen, suchten dabey alle falsche Meinungen in Ansehung Gottes zu entfernen, indem sie vorgaben: daß man sich bei dem Genusse dieses Mahles an den Tod des ReligivnsstifterS erinnern und olle Opfer und Gaben, die man spnst in den Tempel um GOrt zu versöhnen oder ihm zu danken, vor den Pnester brachte, als ungültig und thöricht erkennen müßte. Denn da er für alle und jede, stw hl deren, die sind als auch derer, die noch seyn werden, den Tod gelitten habe, so wären eben dadurch alle Opfer aufgehoben worden. Haben sie es verstanden? Völlig. Aber im Grunde scheint mir ein gewisser Betrug von den Schülern ihres Religionsstifters gespielt worden zu seyn? Nehmen sie das, wie sie wollen; wir werden uns über Nebensachen nicht streiten, sobald Wir in der Hauptsache einig sind. Und daß die«. ser ftr bestimmte und wohl ausgeführte Plan Veit erwünschtesten Erfolg hatte, lehrt die Geschichte. Die Opfer hörten auf, und die dazu bestimmten Altare wurden niedergerissen, der Gozzendienst mit Macht zerstört, und GOtt von den Menschen als Vater erkannt und verehrt. Aber freilich sehe ich erst in dunkler Ferne die Zeiten, wo er als Allvater wird erkannt und gepriesen werden, wo man nichts mehr von Kezzern und ReligionSpat- teien, von Glaubensfcrmen und Inquisitionen hören,.sondern GOtt im Geist und der Warheit verehren, das heist, die Natur studieren, oder ihre Kräfte in sofern sie zu unserm allerseitigen Wohl mitwürken, kennen lernen und sich so seines Lebens mit einander freuen wird. Doch wenn würde ich fertig werden, wenn ich ihnen alles er- zalen würde, was ich davon nocb auf dem Herzen habe. Die Zeit ist jezt zu kurz, lassen sie Uns auf etwas anders kommen. Staa'Sverfassung. Schätzen sie denn wirklich die Lander fs glüklich, wo eS keine Könige, keine Pfaffen, keine Aerzte und keine Soldaten giebt? Solche Lander kenne ich im Mars nicht. Wir haben dort Könige und Fürsten, die wir bereh- 49 verehren und lieben. Sie sind Vater des Vaterlandes. Ihre Weisheit und Gerechtigkeit und die Liebe ihres Volks sind die Stüzzen ihres Throns. Pfaffen sind uns unbekannt. Dagegen haben wir Lehrer des Volks, die oft an gewissen Versammlungsorten, nicht aber grad allemal in gewissen dazu bestimmten Häusern, sondern bald beim Spazierengehen unter Gottes freiem Himmel, bald auf offenem Felde in der schönen Natur, bald im Walde den Menschen die Glüksee- ligkeitslehren in einer reinen, faßlichen, von aller Mystik und Zweideutigkeit gesäuberten Sprache beizubringen, mehr aber noch durch liebreichen Umgang und gutes Beispiel sie zur Erfüllung ihrer Pflichten zu ermuntern suchen. Eben so ehren wir Aerzte und Soldaten. Jene; nicht weil sie künstliche Rezepte schreiben/ wovon der Kranke kein Wort versteht/ und es bei seinen Mißlichen Umständen blos auf die Gewissenhaftigkeit deö Arztes müßte ankommen lassen, sondern weil sie mit zur Klasse der Volks- lehrer gehören und dem Menschen Unwrrickt ertheilen, wie er zusördcrst für die Erhaltung und Fortdauer seiner Gesundheit sorgen müsse, und sodenn ihm die Kräfte der Natur in sofern sie, D Uebst liebst Ordnung und Mäsigkeit mitwirken, zur Wiederherstellung der verlohrnen Gesundheit, so weit es dienlich ist, kennen lernen. Die Soldaten aber, an deren Spizze der Fürst jedesmal in eigner Person zu scheu ist, sieht man in so fern gern, in wiefern sie als Beschüzzer der Freiheit der Bürger, der Aufrechthaltung des gemeinen Nullund Wohlstandes und als Vertheidiger des Vaterlandes anzusehen sind. Und aus dem Grunde laßt ein Fürst seine Kriegsmacht nicht eingehen, damit er nicht verächtlich werde; vermehrt sie aber auch nicht zu sehr, damit ihre Unterhaltung seinem Volk nicht lästig werde. So, Freund, sieht es bei uns aus. Wir leben glüklich und zufrieden. Handlung, Künste und Gewerbe blühen. Friede und Eintracht zwischen Hohen und Niedern ist herrschend. Man hört selten von langwierigen Prozessen und nichts von Gewalthatigkeit und Unterdrükkung. Der Unterthan entrichtet, nach dem Verhältnisse seines Vermögens, seine mäsigen Abgaben, und dünkt sich, selbst jenseits des Grabes kein glük- lichereS Leben, als das, das er unter seinem guten Fürsten genießt. Dabei ist Freiheit im Denken und Handeln dem Größten wie dem Kleinsten, eine erlaubte Sache. Wir haben, wie wie ich schon bemerkt habe, keine Pfaffen, die uns gewisse Grundsäzze aufbürden, und mit Feuer und Schwerd drein schlügen, wenn wir davon abweichen wollen. Wir dürfen vielmehr, dazu geben uns unsre Lehrer selbst Anleitung, über das Gesagte Nachdenken, es prüfen, wählen und verwerfen, wie wir glauben, daß es unsrer Beruhigung zuträglich sei, ohne befürchten ?u müssen, daß wir deswegen gekrankt, des Landes verwiesen und unsre Güterkonfiszirt wür-, den. Nur müssen wir dahin sehen, daß wir andern ähnliche Freiheiten nicht rauben und keine Störer der öffentlichen Ruhe werden. Der aber würde sich unfehlbar den Haß Aller zuziehen, der die dem Fürsten schuldige Ehrerbietung aus den Augen sezzen und ihn als Vater nicht ehren wol- te, wenn er anders sich bestrebt dieses Namens würdig zu seyn. Aber seit undenklichen Jahren wüßte ich auch nicht ein einziges Beispiel anzuführen," wo aufder einen ober der andern Seite dagegen wäre gesündigt worden. Wenn ich nicht schon aus dem vorhergehenden, fieng mein Wirth voll Verwunderung u überzeugt wäre, daß sie Wahrheitsliebend waren-, so würde ich stark an allen dem zweifeln, was D 2 sie 52 sie mir da erzählt haben.' Aber so— wunfth- te man wirklich ihr Mitbürger-zu seyn. Es mag freilich seine Ausnahmen leiden; denn noch bin ich den ganzen Planeten nicht durchgereist. Aber da, wo ich das Glük habe ein Unterthan zu seyn, verhalt es sich wirklich so. So sind sie ja in der That dreimal mehr glücklicher zu preisen, als die Lander, die keine Könige haben. Nicht anders. Unnüzze Reformen. Bei uns, fuhr mein Wirth zu erzählen fort, fangt man an, anders zu denken. Aber ich kans nicht loben. Es soll Geist der Freiheit, nüzliche Folge der Aufklärung seyn; und Dichter und Prosaiker wissen das herrlich anzupreisen. Selbst Unruhen und Empörungen, wie zum Beispiel die, wovon ich ihnen gestern Abend erzählte, wissen sie zu rühmen und auf eine solche Art'aus- zuposaunen, daß man glauben sollte, sie gingen drauf aus, ähnliche Gesinnungen in den Gemüthern der Bewohner unsers ganzen Welt- theils anzufachen. Dabey bleibt man nicht stehen. Man raisonnirt öffentlich ohne die geringste Schonung über Fürsten und ihr Thun, beschimpft, schimpft, lästert und erniedrigt sie unter die fadeste Klasse der Menschen. Hier lesen sie nur einmal in der Reife eines Engländers, die ebenfalls den Reifenden in den Mars zum Verfasser haben soll, die Schilderung eines teutschen Fürsten, dessen Namen zu wiederholten mir die Ehrfurcht verbietet. „ Der hiesige Fürst ist ein guter Mann, aber auch der größte Schwachkopf, den die teutsche Geschichte in diesem Jahrhunderte auszuweisen hat. Seine herrschende Leidenschaft ist das andere Geschlecht. Er wird daher ganz von Mätressen und Pfaffen gegängelt; und beide Gattungen.haben sich so in seinen Besiz getheilt, daß keine, was sonst selten ist, der Macht der andern den geringsten Abbruch thut. Er theilt vielmehr seine Stunden ordentlich zwischen Bigotterie und Liebe, und läßt sich täglich um neun Uhr Mor- gcndS richtig von der Mätresse weg nach der heiligen Messe tragen und von der heiligen Messt zur Mätresse. Ausserdem ist seine wesentliche Beschäftigung, gut essen und trinken. Er genießt vorsezlich meist gcwürzhafte, hizzige und meist solche Nahrungsmittel, die das Blut sehr reizen, um der Kälte der Jahre abzuhelfen, und den Mangel an Jugendhizze zu ersezzen." Dz Me / 54 Wie gefallt ihnen diese Unverschämtheit? Es wäre allerdings traurig, wenn das alles seine Richtigkeit hätte, und unglüklich muß das Land seyn, dessen Fürst seine Schuldigkeit nicht kennen will. Aber Fürsten sind Menschen, und die Menschen sind nicht frei von Fehlern und Leidenschaften. Und Fehler verdienen Verzeihung; Laster und Ausschweifungen allenfalls die Geisel der Sawre. Nur muß die Person des Fürsten, die Majestät des Königs geschont werden. Denn nur Beibehaltung derselben kan Liebe und Zutrauen beim Volke erhalten oder doch wehren, daß sie nicht gänzlich unterdrückt und Ruhe und Wohlstand zerstört werden. Wenn es übrigens wahr ist, daß unsre erste Erziehung den größten und stärksten Einfluß auf unser folgendes sittliches Betragen hat; so sollte das ein vot«- züglichstes Geschäfte eines PrinzeneczieherS seyn, ihn die Thaten seiner Vorfahren lesen zu lassen. Diese müßten mit aller Treue beschrieben seyn, das Gute gelobt und das Laster ohne Schonung getadelt und Liebe zur Nachahmung gegen das eine und Haß und Abscheu gegen das andre dem jungen Fürsten eingeprägt werden. Es könnte ausser der Stimmung eines guten Karakters eines Fürsten auch noch die Begierde nach einem guten 55 guten Nachrühme bey ihm rege machen, und ihn ermuntern um so mehr sich als Vater seiner Unterthanen zu beweisen. Ich stimme ihnen von Herzen bei. Lebende Fürsten sollte man, der Folgen wegen, verschonen, von verstorbenen die reine Wahrheit reden. Dadurch würden die Majestatsrechte nicht gekrankt und sür andre könnte es nüzlich werden. Uebrigens ist schon langst mein Denkspruch der: „ ehre den König, ausserdem thue recht, und scheue niemand." Iezt kam die Tochter und sagte, daß angespannt wäre. Ich nahm sie, weil ich doch einmal von meinem Wirthe mit zur Hochzeit zu fahren, eingeladen war, in Arm und führte sie nach dem Wagen. Ein Intermezzo. Aber noch eins! ehe wir abfahren, rief mir mein Wirth nach: wenn sie nicht begreifen können, wie die Seele in einen Luftkörper eingehüllt nach einem andern Planeten kommt, wie war es möglich, daß sie die Reise aus dem Mars hieher machten? D 4 OK.« ?6 Oji!^konlisur, c'elk Is uns surre sflai- rs. Davon ein andermal, erwiederte ich, stieg ein, und— wir waren noch vor Verfließung einer Stunde beim Vetter. Die Trauung. Weil eö noch ziemlich früh am Tage war, und die Trauung erst den Nachmittag vor sich gehen sollte, so schlug der Vetter, indeß das Frauenzimmer am Puz und sonstigen Einrichtungen arbeiten würde, einen Spaziergang vor. Er wurde genehmigt, und daS Gespräch sogleich von meinem Wirthe auf die Heurath gebracht. Sie wissen, sagte hierauf der Vetter, wie nahe ich mit meiner nunmehrigen Schwiegermutter verwandt bin. Ich nahm alü Vetter, der dem Anscheine nach eben so arm wieder kam^ als er wcggieng, bei meiner Ankunft meine Zuflucht zu ibr; wogegen sie denn auch, in sofern es nur bis auf eine schiklichc Gelegenheit zu meiner Unterkunft bei ihr zu leben ankommen sollte, nichts einzuwenden hatte. Sie hielt das für Pflicht einer Daase. Sobald ich mich aber äußerte, daß ich noch die nämliche Gesinnungen in Absicht auf ihre Tochter hegte, so wie ich sie ehemals mals hatte, und die bei meiner Braut ebenfalls nicht verloschen waren, so war der Teufel loS. Sie schimpfte, drohte, und gebot mir mit allem Ernste das Haus zu räumen. Ich bat nur noch um acht Tage Frist, vielleicht daß ich binnen der Zeit etwa in der nahgelegenen Stadt etwas zu meinem Fortkommen bewürken könnte. Inzwischen gedachte ich meine Effekten, die mir nachgeschikt wurden, unter der Addresse eines guten Freundes bei ihr ins Haus zu bringen. Sie schien meiner Bitte Gehör zu geben. Indeß, glaube ich, mußte der allzugenaU« bimgang mit ihrem Mädgen ihr immer verdächtiger vorkommen, denn sie machte nach einigen Tagen Anstalten zu einem feierlichen Versprach mit einem reichen Lassen, der sich schon seit einiger Zeit um ihre Tochter beworben hatte; welches leztere ich ihr aber noch immer bis dahin auszureden wußte. Es wurden auf den Abend verschiedene gute Freunde eingeladen und Zuru, srungen zu einem Schmause gemacht. Ich war gutes Muthes, weil mein Koffev mir einen Tag zuvor grade in mein Zimmer gestellt wurde, mit dem Bedeuten, daß ich wenigstens nur noch vier Tage hier bleiben konnte, weil sich ein guter Freund, dem sie es nicht ab- D 5 schla» 58— schlagen konnte, bei ihr einlogiren wollte, und gegenwärtig sonst keine andre Zimmer in ihrem Hause mehr ledig wären. Ich gab ihr die Versicherung, daß ich es thun würde, und freute mich innig, daß ich jezt gewonnen Spiel hatte. Allein desto betrübter sahe es mit dem Mädchen aus. Sie lag mir beständig mit bittern Klagen in den Ohren, und vergoß eine Thränen- siut. Ich schien so viel Antheil dran zu nehmen, als es mir möglich war, und bedauerte ihr und mein Schicksal. Ich suchte sie anbei durch die Vorstellung zu trösten: es wäre Verhängniß des Himmels, man müßte sich drein fügen. Und so gieng's fort bis einige Stunden vorher, ehe die bestimmte Gesellschaft zusammen kommen sollte. Das Mädchen hatte nicht die geringste Lust von meiner Seite wegzugehen. Wie ich inzwischen glaubte, daß es Zeit sei, der Komödie ein Ende zu machen, bat ich sie, sich zu entfernen, -und ungefähr in einer halben Stunde wieder zu kommen. Ich zog in der Geschwindigkeit meine besten Kleider an, steckte einige blizzende Ringe an die Finger, Uhren in die Taschen, und stand jezt voller Erwartung. Mein 59 Mein Mädgen kam noch ehe die bcjrimmt« Zeit verflossen war. Wie sie die Thür eröffnet hatte, wußte sie aber nicht, ob sie vor oder hinter sich gehen sollte. Ich bat sie keinen Lärm zu machen, und erzählte ihr in aller Geschwindigkeit meine veränderten Glücköumstände. Jezt lies sich die Mutter hören: Mariane, wo bist du? Du siz'st gewiß wieder beim Vetter? Blizmädgen! Dein Herr Hochzeiter erwartet dich ja schon seit einer ganzen Stunde. Mariane zitterte und fürchtete den Augenblick, wo sie in das Zimmer kommen, und sie bei den Haaren hinunter führen würde. Aber unmöglich ist's mir, das Gemälde zu entwerfen, das ich wahrnahm, als die Frau die Thür aufriß und eine solche Veränderung gewahr wurde. Sie wollte zürnen, schimpfen und konnte nicht- Die Falten ihrer Stirne ent- wikkelten sich nach und nach. Sie schien mich nicht zu kennen. Wer sind sie? fragte sie endlich halb sanft und halb zornig. Ihr Vetter, antwortete ich hastig, der sich'S für eine Ehre schäzt, die Hand ihrer Jungfer Tochter zu erhalten. Und damit sie sehen, Laß sie reinem Unwürdigen zu Theil wird, so wissen sie: diese Koffer sind mein, ich habe die Briefe, sie zu überraschen, —— 6o raschen, erdichtet. Kommen und sehen sie. Ich eröffnete darauf einen Koffer, langte etliche Beutel heraus, breitete sie auf den Tisch hin, lies sie das Gold bewundern, und sie merken, daß mehr da sei. Plvzlich ergriff sie mit beiden Handen die »reinigen. O sie sind ein lieber Vetter! Vctter- chen! Vetterchen! sie sollen meine Tochter ha» benVerzeihung für das Vergangene! Ich hatte nicht Lust die Komödie weiter zu spiele«, gab nach und der Bräutigam wurde mit dem Bedeuten entfernt: daß so eben der altere Bräutigam, von dem Man zeither immer geglaubt, dass er todt sei, ohnvermuthet erschienen und seine Ansprüche erneuert habe. Ob er freiwillig oder nicht freiwillig gieng, kann ich nicht sagen. Gnug ich sahe ihn, als ich hinunter kam, nicht mehr. Die r Freunde fanden sich nach und nach ein, und ich z »ahm nun statt des Vertriebenen den Pkaz ein, r Da ich hicbei weiter nichts zu thun hatte.. «ls zuzuhören, so wollte ich auch über das Recht pder Unrecht der Baase oder des Vetters mich nicht aufhalten. Für mich dachte ich aber ohn- gffähr so, wie ich nachmals in einem alter;'! Dichter fand:< „Schwer „Schwer ist es, niemals zu lieben, Und auch schwer ist es, zu lieben. Aber harter noch als beides, Ohne Gegengunst zu lieben. In der Liebe gilt kein Adel, , Weisheit, Tugend wird verachtet; Geld allein wird angesehen. O daß der vernichtet wäre, Der zuerst das Geld geliebt. Seinetwegen haßt man Bruder, Seinetwegen haßt man Aelurn. Krieg und Mord kommt seinetwegen. -Doch das Aergste ist noch dieses: Ach! wir Liebende, wir müssen Seinetwegen gar verderben." Wir gierigen nach Haus. Die Trauung wurde in aller Stille und Geschwindigkeit vollzogen, und der Rest des Tages in Freuden verlebt. Das Leichmbegängm'ß. Wunderbar ist des Menschen Schikkung! ^stimmt er Antheil an seiner Bruder Leiden und Freuden, so kan er, wenn er sich nicht mit Gleichmuthe dagegen waffnet, seines Lebens gewiß niemals recht froh werdest. 34 62 Ich War noch voll von gestrigen Vergnügen, so fragte man mich, ob ich nicht der Beerdigung eines Erschlagenen beiwohnen wollte.! Ich wollte fragen, was daö eigentlich wäre, dachte aber, es wird sich schon aufklaren und grenz mit. Man führte mich auf den sogenann-^ ten Gottesakker. Es wurde eine Leiche gebracht, von einem langen Zug tiefgebeugter Menschen begleitet, wahrend dem Singen eines Schul-^ meisterö mit seinen Schülern von gewissen Männern in die Erde gescharrt, sodenn giengS in die Kirche,'wo man das Lied sang: die Herrlichkeit der Erden muß Staub und Asche werden rc. rc. welches der Pfarrer mit FleiS angegeben hatte, weil eS ihm, wie man mir nachher erzählte, da er eö in einer gewissen Stadt bei einer Leichenrede auf den verstorbenen Kaiser Joseph hatte i singen hören, außerordentlich gefallen hatte.- Nach geendigtcm Gesänge tratt er auf, und licö sich unter sonderbarer Geberdenstellung folgen- Lergestalt vernehmen. Leichensermon. Die Gnade unschersch Herrn und Heilan- desch Jeschu Chrsschti/ die Liebe Gottesch des Va- > 6z Vatccsch, und die troschtvollc Gemeinschaft desch werthen Tröschterö desch heiligen Geischtesch eseie, bleibe und vermehre sich mit, bei und in unsch allen, jezscht in diescher Schtunde und in Ewigkeit, Amen. Wache auf der du schläfcscht, und schtehe auf von den Todten, scho wird dich Chrischtusch erleuchten. Esch sind dieschesch die fürtreflichen Worte einesch rechtschaffenen Dicnersch und Aposchtelsch unschersch hochgelobten Herrn und Heilandesch Jeschu Ehrifchti. Wir leschen schie in dem Brief desch Aposchtelsch Paukufch an die Epheschier, 5 Kapital n Versch. Paulusch vergleicht hierinnen einen bosch- haften Menschen eimy. Schlafenden ja einem Todscheincnden. Esch wird dieschesch- Bild ösi- kersch in der heiligen Schrift von denen Aposch-, telen, ja von Jeschu Chrischto sechsten gebraucht. Gleichwie nun ein Schlafender keine Gefahren befürchtet, sondern weNn er schich einmal dem Schlafe überlaschen hat gantsch ruhig fortblaset, scho will auch Paulusch die grösche Schicherheit desch Gottlvschen unter dem Bildr und Gleichnischc deschen er schich hier bedient an- zeugen. 64 Er will aber dem Göttlichen eigentlich schagen, dasch esch nun nicht Zeit scheie, zu schlafen, schondern zu wachen. Darum schpricht er: wache auf der du fchläfcscht rc rc. Ach! meine Chrischten, wer hat doch mehr Ursache zu wachen alsch wir. Die Gefahren für unsicher Seelenheil schind schehr grosch. Da ischt die Welt, der Teufel und unscher eigen Fleisch,- die unsch schuchen insch Verderben und Verdam-> nisch zu reischen. Zuletsch kommt der Tod und i dringt unsch vor den Richterschtul de durch esein Blut reinigen laschen von allen l Schünden. t Wasch könnte ich euch doch beute, um da-- mit ihr dieschem Verderben entfliehen möget,.^ beschersch zurufen, alsch die Worte unscherschs s Aposchtelsch, Wache rc. rc. Z Doch wir schind Chrischten. Wir gehören l unter dasch auscherwahlte Häuflein Gottesch. Wir« schind die Schaafe schciner Weibe und die Lämmer^ scheinet Heerde. Gott will dasch unsch geholfen werde. Lascht unsch dasch zu unscherm Trotschte b anwenden und zu Gott beten:' l Herr 65 Herr, Herr Gott, Himmelsch und der Erde! Herr der Hrerschaaren, mächtiger Gott Zebaoth. Du bischt grosch, uUd dein Nahme ischr grosch, und du kantscht esch mit der That deweischen; wer schölte dich nicht fürchten,, du König der Heiden, dir schölte man ja gehorchen. Du wohnscht in einem Lichte wortschu niemand kommen kam Tauschend mal tauschend dieneii dir und zehnmal hundert tauschend schtehen vor dir. Ach wasch ischt doch der Mensch, der arme Er- denklvsch, dasch er schich unterwinden schölte mit dir tschu reden. Woltescht du Mit ihm rechnen- scho würde er auf tauschend nicht cinsch antworten können. Darum erkennen wir auch nun, dasch du gerecht bischt in allen deinen Wegen, und heilig in allen deinen Werken. Du löschescht die Menschen schtcrben und sprichscht: kommt wieder Menschenkinder. Denn tauschend Jahre schind vor dir, wie der Tag der geschtern vergangen ischt, und wie eine Nachtwache. Darum lehre unsch bedenken, dasch wir schtcrben müschen, aus dasch wir klug werden. Amen. Unsicher Vater rc. rc. Meine Terschtcschworte finden wir beschrieben und aufgezeichnet in dem schechszehcnden Kapitel deschBuchesch derWeischheitSchalomisch an , E die die Tyrannen, in dem dreyzehenden Versch, all- wv schie nacb der teutschen Uebersetzschung also von Worte tschu Worte lauten: Du hascht Gewalt beidesch über Leben und über Tod. Arisch Lieschen verloschenen Tepschteschwor- ten will ich tschur Ermunterung unscherer Erbauung und tschum Troschte der betrübten Leid- weschenden zu erweischen schuchen: Dasch GOtt esch ischt, der dasch -Schiksal jedefch Menschen für die Tscheir und Ewigkeit tschon lang- tensch vorherbestimmet habe. Erscdrenscb will ick erweischen, dasch GOtt wirklich dasch Schikzal jedesch Menschen von Ewigkeit vorher^ dschtimme. Tcdwciccnscl, aber auch zeigen, wie dasch tschum Troschte der Leidtragenden antschu wenden scheie. —< Du wirst schläfrig seyn, lieber Bruder! Ich kan es dir nicht verargen. Es gienst mir fast eben so; ja ich würde wirklich für Langerweile eingeschlafen seyn, wenn der Mann nicht noch die sonderbare Gabe gehabt hatte, gleich einer Posaune oder Trompete dergestalt auf das Trommelfell 6? melfell selbst der in den entlegensten Winkel der Kirche befindlichen Ohren zu wirken, daß es unmöglich war zu schlafen. Ich erzähle dir deswegen noch den Hauptinhalt seiner Rede, und behalte es vor, dir das Unverständliche darin auf ein andermal zu erklären. Den Beweis für sein Thema führte er mit etlichen Sprüchen aus der heiligen Schrift, wie er sich ausdrükte, die aber der Ordnung und deni Zusammenhang gemäs auf etwas ganz an- dcrs zielen mögen, als wozu sie der Parentator anführte; aus den Tischreden D. Martin Luthers, wobei er den Anhängern dieses Mannes eines Vorwurf machte, daß sie ihn nicht verstünden oder verstanden hätten, weil sonst keine Spaltung oder Trennung entstanden wäre, dabei) ärgerte er den Wunsch, daß sie dieses doch anerkennen und sich zu ihnen gesellen möchten, damit ein Hirt und eine Heerde statt fände. Den stärksten Beweis für seine Behauptung fand er im Schiksale des Beerdigten. Dieser Mqnn kam, woll er ungefähr, nach unserer Sprache zu reden, sagen, von einem fremden Orte her. Seine Absicht war die beste. Er half löschen, und mußte das Unglük oder vielmehr das Glük haben von einem Balken zerschmettert '§2 zu zu werden. Dem Anscheine nach, schloß er ferner, hatte dieser Mann noch lange leben können. Er war in seinen besten Jahren, und blühte wie die Gesundheit selbst. Allein ich sage es noch einmal, niemand kan seinem Schiksale entgehen. Er verlies zu HauS eine Frau und fünf unerzogene Kinder, die noch so sehr seiner Hülfe und Untcrstüzzung bedurften, und mußte kommen und hier seinen Tod finden. O, GOtt! uner- forschlich sind deine Wege und unbegreiflich deine Gerichte! Dies waren seine Beweise. Sein Trost, den er ertheilte, bestund darin, daß sie die Auserwählten seien, an deren Seeligkeit nicht zu zweifeln wäre. Dazu wären sie von Ewigkeit het ausersehen worden, und was dergleichen Dinge, die ich nicht begreifen, noch viel weniger glari« ben konnte, mehr waren. Genug, ich fand, daß auch hier dar Allvater verkannt wird. Die Kollekte. Doch bald hätte ich das einzige Gute des Redners, welches ich zwar auch nicht sonderlich loben kan, vergessen. Es war dieses, daß er die Noth der verwaisten Familie seinen. Zuhörern tzsin- dringend ans Herz zu legen suchte, und sie um eine milde Beisteuer bat. Er selbst, ob er gleich der reichste im Dorfe war, war frei davon. Nun freilich, er konnte nicht zugleich reden und geben! Aber daß er nachher noch obendrein von dem eingesammelten Gelde zween Gulden für seine Rede vorher abzog, das, lieber Bruder, fiel mir etwas hart auf. Er war reich, aber ein schrekiicher Geizhals, den die Güter jenseits des Grabes wenig kümmerten, wenn diesseits sein Zusammenscharren nur von gutem Erfolge war. Doch sagte er öfters: DieLeh- rer werden leuchten wie des Himmels Glanz und die, welche die Menschen an ihre Pflichten erinnern, wie die Sterne immer und ewiglich. Ich legte mein Scherflein im Herausgehen bei, bemerkte aber, ob ich gleich unter den Lez- ten mich befand, daß noch wenig eingekommen war, und wünschte, daß das Schiksal der Un- glüklichen erträglich seyn möchte, und auf der Erde eben so gute öffentliche Anstalten getroffen seyn möchten, als im Mars, wo für Wittwen und Waisen väterlich gesorgt wird. — Aber sonderbar! sagte ich beim Nach- hausegehen zum Vetter, daß gestern kein Mensch, der die Ehre hatte, bei ihnen zu Tische zu sizzen, E? etwass 7o etwas von diesem Unfall erwähnte. Ich wenigstens hatte nicht ruhig essen noch schlafen können, wenn mir ein solches Unglük wäre bekannt gewesen. Es war bekannt, versezte er, daß das Feuer gelöscht war. Ums übrige bekümmert man sich hier zu Lande nicht. Und zudem wer wird sich auch gern in seiner Freude siöhren lassen. Man sammlet eine Kollekte und damit Gott bepfohlen. In der That traurig, erwiederte ich. Und doch glükliche Menschen, die ihr das könnt, gefühllos seyn, bei den Leiden eurer Bruder! Möchte ich euch zu kennen nichts gewagt haben, oder doch wenigstens einer aus eurer Mitte seyn! Er verstand mich nur halb, und munterte zu Haus abermal seine Gaste zur gestrigen Freude auf. Des Morgens frühe kam mein Wirth vor mein Bette, und fragte: ob ich il,m Gesellschaft leißten wolle, er sei willens eine Reise nach dem Gebürge rechter Hand bei Frankfurt hin zu machen? Mein Weg geht nichts um. Während ich mich ankleidete, besprack er sich noch mit seiner Tochter wegen einigen Häuschen Angelegenheiten. Sodenn ergriffen wir Hüte und undStökke, und baten sie, uns dem noch schlafenden Hause zu empfehlen. Der Naturforscher. Wir reißten nun Tage lang die Kreuz und Quer. Ich mußte mich einigermassen nach den Einfallen meine« Wirthes bequemen, der sich mehr nach der Wildnis als nach Menschen sehnte. Ich fand daher nicht viel besonders. Mein Wirth aber war aufmerksam auf Produkte und wilde Bewohner des Landes. Er sammlete Steine und Pflanzen, und spießte Insekten. Wozu das? fragte ich. Er. ES geschieht für mein Naturalien- kabinet. Ich. Wozu nüzt das? E r. Um die Geschöpfe bei Namen nennen zu können. *flch. Und wenn sie das können? E r. Sie zu bewundern und die Weisheit des Schöpfers zu anstaunen. Ich. Hat das weiter keinen Nuzzen? Er. Ich sollte denken, der einzige wäre hinreichend ein Naturforscher zu werden. E 4 Ich. 72- Ich. Und ich glaube, er solle der erste Bewegungsgrund seyn, einen guten Menschen davon abzuschrekken. Er. Wie so? Ich. Glük der Menschen ist Absicht des, Menschen; solle sie wenigstens seyn. Aber wie' mich dünkt, wird diese Absicht nicht dadurch befördert. Was nüzt bewundern und anstaunen? Das können sie ja wehr in der freien Schöpfung. Lehren sie dafür ihre Mitmenschen durch gutes Beispiel ihre Felder und ihr Hauswesen gut bestellen; machen sie sie aufmerksam auf die einfachsten Gesundheitsmittel, die sie im GewachSreiche verbreitet finden, und suchen sie sie an Masigkeit und Zufriedenheit zu gewöhnen, so werden sie weit mehr nüzzen. E r. Ich erkenne daß das gut wäre. Zumal wenn jedes Jndividiury es sich zur Pflicht machte. Aber man muß doch auch für Ehre, für einen großen Manien besorgt seyn. Und es ist doch schömdie. Stufenleiter der Geschöpfe mit einem Blikke zu übersehen, und sie statt mit den gemeiner? jedermann bekannten Namen, Mistkäfer,/ Made rc. rc. mit den systematischen, 8carghjaen5 kimersrius,^^rvttemms 6irtm- AY öch. ßcc. nennen zu können. 3ch 7Z Ich,(für mich:) Ah! also Scharlatanerie ist der Grund dieser Bemühungen! (Zu ihm:) Verzeihen sie! Ihre Ehrewolte ich nicht angreifen. Mein Begrif davon war zeit- her sehr sonderbar. Iezt werde ich gewahr, daß ich ihn in Absicht auf die Erdebewohner umformen muß. Armuth und Reichthum. Wie stark Armuth und Reichthum an einander gränzen, ist wohl niemand im Stande- genau anzugeben. Wenigstens würde ich dem eher. Glauben beimesien, der nur behauptete, es sei niemand arm oder reich zu nennen, als jenem, der nie die Granzlinie zwischen beiden bezeichnen tvolte. Wir kamen in dem Gebürge an. Auf schrof» fen Felsen fanden wir grase Bäume, die aber nicht mehr so dicht als ehemals, stehen sollen. Zwischen derselben lagen hin und wieder magre Felder, die mit etwas Korn, meistens aber mit Hafer und zahmer Heide besäet waren. Wer das zum erstenmal oder nur so obenhin seiner Aufmerksamkeit würdigt, wird sicher auf die Armuth der Einwohner schliefen; und doch E 5 sah sah ich sie fast durchgehende gesund und vergnügt. Eine Bemerkung, die jenen Schluß vereitelt. Knaben und Mädgen, mit von Birkenzweigen gewundenen Kränzen auf dem Haupte, hüteten Ziegen und einige Lastthiere, und stimmten Wechselgesänge an. Glükliche Bewohner! dachte ich, die ihr euch vielleicht noch keine Mühe gabt, zu wissen, wer eigentlich reich oder arm ist. Möchte das Gift der Leidenschaften euch unbekannt seyn> Aber— Hans. „ O GOtt! wie wohl war' es miz^wenn ich dich nicht hatte kennen lernen!„ waren die lez- , ten Worte eines jungen Mannes, den wir, als wir eines Abends unsrer Gewohnheit nach aus einem kleinen Städtchen einen Ausweg in das Gehölze machten, auf dem Stokke eines abgehauenen Baumes einsam sizzen fanden. Sein Anstand lies auf etwas mehr als einen blosen Sandmann schliefen. Seine Bildung war nicht übel; aber die Wangen eingefallen, und in seinem Innersten schien es nicht ganz ruhig zu seyn. Wir liefen uns in ein Gespräch mit ihm ein^ und fanden, daß er nicht geringe Kenntnisse hatte. 75 tk. Mein Wirth fragte ihn nach Herkunft, Naiven und Gewerbe, welches er aber, wie ich glaube, nur zum Theil richtig beantwortete. Denn er lebt, wie er nachher selbst eingestanden hat, in der Gegend unbekannt, läßt sich deswegen schlechtweg HanS nennen, und sucht durch die beschwerlichsten Dienste seinen Lebensunterhalt sich zu verschaffen. Er bot sich zu unserm Begleiter an. Wir wurden bald vertrauter mit einander. Mein Wirth erkundigte sich drauf nach der Angelegenheit seines Herzens. Ich soll denken, sagte er, daß ich redliche Männer vor mir habe, die eines blngluklichen nicht spotten werde». Es war mir schon leid, weil ich glauben mußte, daß sie etwas von meinen Klagen vernommen haben, indeß giebr mir der Antheil, den sie dran zu nehmen scheinen, wieder einigen Muth, und ich trage kein Bedenken, mich ihnen naher zu entdekken. Was ich ihnen aber sagen kan, werden sie am besten aus dem Briefe ersehen, den ich an einen meiner alten Freunde geschrieben habe, und noch unversiegelt bei mir trage. Er gab uns den Brief, und wir lasen folgendes: „ Mein 76 „ Mein Herz blutet, und mein Auge, Freund, zvöchte die bittersten Thränen weinen. Seitdem ich dich zum leztenmal umarmte, habe ich nicht Minder gelitten, als unter Dumheit, Aberglauben, Bigotterie und Fanatismus, denen ich glüklich entflohen bin. Ich suchte hier in den rauhsten, elendesten Gegenden, fern von allem Umgänge mit sogenannten aufgeklärten Menschen, Ruhe und— fand sie nicht. Der Reiz her Neuheit meines Unternehmens täuschte zwar eine Zeitlang mein Herz, aber jezt fühle ich und leide, was ich nie gefühlt, nie gelitten habe.ch „ Gleich anfangs, war ich bei all dem anscheinenden Glükke, das ich hier gefunden zuhaben glaubte, nie recht zufrieden, niemals ganz heiter. Ich verspürte eine Lükke, die ich in deiner Gesellschaft nie gewahr wurde. Mein zur Freundschaft und zum Theilnehmen so sehr geneigtes Herz, sehnte sich nach jemand, dem es sich mittheilen könnte. Mein Wunsch wurde erfüllt, aber— ich wurde nicht glüklich. Ich habe mich Ln der Wahl betrogen." „ Meine Aufmerksamkeit zog ein, dem ersten Anscheine nach, in allem Betracht, liebenswürdiges Mädgen auf sich. Sie war jung und unerfahren. Doch wurde sie wegen der Anmuth, die die über die sanftesten Gesichtözüge verbreitet.stund dem Geiste- der aus der feinsten körperlichen Hülle, wie die Sonne aus der güldenes Morgenröthe, hervorstralt, von mir allen hiesigen Bewohnern vorgezogen. Ich wollte mir eint Freundin erziehen. Sie sollte die Vertraute meines Herzens seyn." „ Ich gab mir deswegen Mühe. Ich bemerkte helle Denk-und leichte Fassungskraft und zuweilen gut angebrachte Wizzeleien; die mich das beste hoffen, und meine Bemühung nicht unbelohnt liefen." „Hätte ihr Geschik sie Nicht unter die nii- drigsie Menschenklasse verdammt, und in einet höhern Sphäre auftretten lassen, sie würde glänzen. Denn bei ihr findet man vereinigt, was di» !en, um ihre Rollen gut zu spielen, nur einzeln von der All-Mutter Natur zu Theil wird. Jht Körper, dem sie den vortheilhaftesien Anstand zu geben wüste, ist schlank und vollkommen regelmäßig gebaut. Ihr ovales Gesicht, mit Lielien- und Rosenfarbe übergössen, ihr blaues Aug und blsn» des Haar könnten Felsenherzen erobern und dem verworfensten AuSschweisiing Empfänglichkeit für Hie heiligsten Empfindungen geben. Da- giebt, dacht ich, einst-in Weib, das die finstersten 78 /..''- EhstandStage erheitert, und am schönen Feier- abend durch geistreiche Unterhaltung den müden Gehülfen stärkt, wenn häusliche Arbeiten den Mangel seiner Kräfte empfinden. So viel lies mich Wahn und Fantasie hoffen!" „ Aber das ganze schöne Gebäude, das ich aufthürmre, liegt zertrümmert. Ihr Betragen belehrte mich, daß der weibliche Karakter nie System, nie ein geordnetes, zuverlasiges Ganze wird. Etwas, das ich wünschte und zu formen suchte, aber mir um so schwerer auffiel, weil ich mich gerade bei einem Mädgen betrogen fand, dem ich die besten Ver- standeskräfte und die edrlsten Neigungen zutraute.—" Hier tratt der junge Mann einige Schritte auf die Seite, lehnte sich an einen Eichbaum, hüllte das Gesicht inö Schnupftuch und lies seinen Thränen freien Lauf. Ich müste mich sehr irren, hub mein Wirth an, oder die ganze Geschichte ist mir bekannt. Ich glaube auch, das .Madgen persönlich zu kennen. I ch. Und findeir sie es in der That so liebenswürdig?.^ E r. Ah, behüt Gott! ich würde mich nimmer in sie verlieben. Sie ist, ein höchstei- ' gen- 79 gensinniges, naßenweises, schnippisches Ding. Auch ihre Schönheit kann sie tragen. Doch einem V-rliebten muß man alles zu gut halten. Ich kenne einen jungen Menschen, von herrlichem Verstand und edeln Herren, der sich auf Universitäten bis zum Sterben in ein hochschwangres Mädchen verliebte, das, wohlgemut!— neun Studenten. als muthwillige Pflanzer ihrer Leibesfrucht angab.—Unser Hans trat hier wieder zu Uns, und wir lasen weiter. Sie besaß dabei die seltnen Eigenschaften eines weiblichen KarakterS z gut, artig, fleißig, treu und verschwiegen zu seyn. Aber warum ist sie es nicht mehr? Oder besser zu reden, warum ist sie es nur zu Zeiten? Woher die Veränderliche und der Unbestand ihrer Gemüthsart? Ach! sie ist vielleicht nach Wie vor." Die Menschen werben nicht verwandelt, wie man insgemein vorzieht. Ihre Denkungöart und ihr Geschmak, wenn sie einmal herrschend geworden sind, bleiben nach wie vor. Umstände und verschiedene Lagen geben ihnen ein äußeres Ansehen. Die Seelen, zumal von Menschen, die eigenilich gar nichts sind, werden s» von äußern Umstanden regiert, wie das Oueksil- ber in gläsernen Cylindern von dem äußern Druk der 8o ^r Luft.„Und daß es also auch bei diesem mir unvergeßlichen Mädgen nicht auf Handlun- gen allein ankommt, wenn man sie richtig beurtheilen will, sondern vielmehr auf die jedesmalige Verfassung, welche diese Handlungen begleitet, wirst du, mein Freund, leicht mit mir glguben können." „ So weißt du dich ja leicht selbst zu trösten, wirssdu mir antworten wollen. DüS katt ich wohl. Aber, o der elende Trost! er dauert nur so lange als ich das schreibe, oder in Gedanken mit dir mich unterhalte. Bin ich daS Müde, so steht das Bild des Lieblings wieder vor den Augen. Alles um mich her, selbst Gottes herrliche Schöpfung hat dann keine Reize mehr für mich. Und doch ist's nur Traum. Sie ist nicht da; liebt mich nicht; hört nicht auf meine Klagen." „ Und du weißt's, wie heftig meine Leidenschaften sind; wie sehr ich liebe; wie eifersüchtig in der Freundschaft ich jederzeit; wie eingetheilt ich für dich eingenommen, wie fest, wie treu, wie mit so ganzer Seele ergeben ich war. Ueber- denke das, und du wirst leicht schliefen können, wie.sehr ich es füx sie seyn mußte." -eSir — 8i „ Sie war zeither der einzige Gegenstand meiner Bemühung und meiner Wünsche. Sie war es, die deine Stelle vertretten sollte, der ich Luft und Schmerz mittheilen, und durch ihren Antheil mir jene versüsen und diesen lindern wollte. Sie war es, an die ich dachte, wenn ich Freude und Vergnügen des Lebens genossen habe, und mein heiftster Wunsch war der: wäre sie da und könnte mitgewesen. Sie war der erste Gedanke,.wenn ich mein Auge zum Himmel emporhob, und Glük und Seegen für meine Liefen und Freunde crsiehte. Sie war es, für die ich alles würde gewagt, selbst mein Leben, wenn- ihr Wohl erfordert hatte, mit Vergnügen würde aufgeopfert haben. Und ste weiß das alles; hat Proben davon— und doch ist sie so kalt, so gefühllos, verkennt mich, flieht mich."— „ O Freund! soll diese Welt etwa deswegen die beste helfen, weil derFühlende mehr fühlt, weil seiner Leiden ein grösereö Maas ward, und er weder von aussen noch innen Muth genug findet, sich gegen sie zu stemmen, und die entflohene Freude wieder in die harmvolle Brust zurückzurufen?" „ Wohl schön mag diese Welt seyn; weise der Plan, nach dem sie ward! Aber ist sie drum § Mei- 82 Meisterstück? Stürme, Erdbeben, Pest, ver- i giftete Luft, Überschwemmungen, FeuerSbrün-! sie, narkotische Pflanzen, tobender Naternhauch, zehrende Fieber, gehörten die auch mit zur besten! Welt?— Doch, wohl! ich kan sie gleichgültig^ heranrükken sehen. Mehr noch— halte die Erde j in ihrem Lauf aüf>— sie zertrümmert, und— ich freue mich unter ihren Ruinen mein Grab zu finden. Die Geschöpfe, die auf Vernunft und> höhere Einsichten sich brüstende Geschöpfe sind, nicht diebestcn— sie sinnen nur auf Quaalen für! ihre Mitgeschöpfe." „— Die martcrndste Seite der Hölle muß i solche Quaalen nicht kennen, dergleichen ich leide. Ich fliehe, und— kan nicht entfliehen,! Ich arbeite, bin rastlos beschäftigt, und—doch trostlos. Ich suche Nacht und Finsterniß, und—! träume fürchterlich. Ich spotte, lache laut über i den Unsinn, und— suche die Thorheit von i neuem. Thränenfluthen stürzen über die Wangen herunter, und" „ Vielleicht wird's bald besser'Gab die Natur mir ja Manneösinn! Was sollen weibische Klagen?——<— Leb wohl!" Wir gaben ihm den Brief stillschweigend zurück, und er schien vergnügter von uns sich weg- zubegeben, als wir ihn antraffen. Häue- Häusliche Freuden. Die Geschichte war mir auffallend. Ich konnte mich nicht enthalten auszurufen: armer Hans! möchtest du bald ein Ziel deiner Leiden finden, und der einzige Unglückliche seyn, den ich kennen lernte!? Mein Wirth. Sorgen sie nicht. Seine Leiden werden sich endigen, aber sie werden, wenn sie.aufmerksam find/ Mehrere seiner Bruder antreffen; denn er hat deren noch viele auf der Welt. Indeß mag die Zahl/ zu der er eigentlich gehört/ nicht Mehr so gros seyn/ als etwa vor einem Jahrzehend/ wo Werther und Sicgwarte ihre Rollen spielten/ die bemüht waren/ den Menschen daö Gehirn zu vcrrükken, unsre Frauen zu Kindern und unsre Männer zu Weibern umzuschaffen. Man ist jezt thätiger/ hat Gefühl für die höhern Schönheiten der Natur/ sammlet Steine und bemerkt die Metha- morphose der Pflanzen/ die nicht so viel Zeit Mehr übrig lassen/ daß man auf neue Arten., die Menschen zu entnerven/ bedacht seyn könnte. Nur allenfalls dem, der sich so ganz in den Ton jenes Zeitalters, wenn ich so reden soll, hineinstudirt hat, mag es schwer halten, sich da- F 2 von 84 hon loßzuwinden; wohin ich denn nicht mit Unrecht unsern verlassenen Hans zu rechnen glaube. Ich. Aber wie mag sein Freund es aufnehmen! Was glauben sie davon? Wirth. Wenn er ein redlicher Mann ist, so wird er es nicht lange anstehen lassen, die Kur an ihm zu vollziehet, die ich neulich als Beispiel-für Höllenquaal angegeben habe. Ich. Solle es nicht auf eine andre Art möglich seyn, sein krankes Herz zu heilen? Daß er z. B. nach Art der Marsbewohner, wie uns der Reisende erzählt, sich zu seinem Mädgen gesellte? Wirth. Sie sehen ja aus seinem Briefe, daß sie spröde, und daß das eben die Ursache seiner Quasten ist. Mir scheinet sie überdies nicht die geringste feine Empfindung zu haben, es wäre sonst unmöglich, so Erkenntlich zu seyn. Zumal da er sich so viele Mühe giebt, sie ihm so vieles zu verdanken har, und er nichts als eine treue Freundin, vielleicht eine künftighin treue und liebenswürdige Gefährdin des Lebens, zu der er sie bilden wollte, suchen mag. Jezt bleibt ihm nichts übrig als zu fliehen.- Ich. Was halten sie aber von den Bemerkungen oder vielmehr von den Vorschlagen des Reisenden über diese Sache? Wirth. » 85 Wirth. Daß sie auf unsern Planeten nichts weniger als passend sind, lehrt sie dieses Beispiel zur Genüge. Unser ganzes Staatssp- siem müßte eine gänzliche Reform leiden, und eine Erfahrung von Jahrtausenden zeigt doch hinlänglich, daß es gerade so und nicht anders für allgemeines Wohl am erspriesüchstcn ist. Gewaltthätigkeiten aller Art, Jungfeenraub, Blutschande würden überhand nehmen, und die Quellen des Lasters mit seinen schlimmen Folgen würden nicht verstopft, sondern vielmehr eröfnet werden. Ueberdieö ran Gleichheit der Güter unmöglich mehr statt finde». Es ist, dem Reisenden zu Gefallen, auf das glimfiichfte gcjpro- chen, ein nothwendiges Uebel,, das FleiS, Handlung, Gelehrsamkeit, Emporstreben, Arbeiten fürs Mcnschenwohl, Genügsamkeit und unzähliche andre Tugenden befördert. Sodenn würde der allgemeinste und wohlthätigste aller Triebe,' der Trieb der Liebe und mit demselben die größten Freuden des menschlichen Lebens, gänzlich unterdrükt werden. Denn Liebe ist der Mittelpunkt um den sich die ganze Schöpfung dreht. Und je reiner, je herzlicher, je aufrichtiger diese ist, desto größer ist das Glück des Lehens. Da aber diese nur unter wenigen, die F z auf 86 aufdaS genauste mit einander verbunden sind und zu eitlem und dem nämlichen Zwek arbeiten, statt finden kan, so kan ich mir auch noch zur Zeit kei- i M Freuden ssanfter, einfacher, herzlicher denken,- als die Freuden des häußlichen Familienlebens;« sie zu erhalten und zu befördern muß also die' erste Absicht des Staates seyn. Ohne das wür-, den sie nur zu oft durch Wüthriche gestört wer-, den. Sie hatten die Gewalt der Gerechtigkeit l und die Macht der Gesezze nicht zu befürchten,-§ und würden daher nur zu bald ihren Lüsten un- l gescheut fröhnen und glüklichen Familien ihre! Ruhe und Zufriedenheit rauben. Und daß die l Erlaubnis der Handlung weniger Lasterhafte erzeugen würde, bleibt so lange eine irrige Mci- s nung, bis man den Menschen einerlei Pflegma i verschaft, sie alle an Kräften und Gaben gleich gemacht, und keinen stärker oder schwächer als den andern gelassen hat. So lange aber dieses nicht seyn kan, so lange würde es auch nicht geschehen können, daß nicht der Stärkere den Schwächer» überwältigte, und der Klügere den Einfältigem überlistete. Und die Folgen davon? Wären ewiges Gezänk, immerwährende Balgereien.^ Man 87 Man versuche es, nach der Theorie der neuern Edukatoren, mit seinen Eleven vom Zeugungstriebe zu reden, und man wird finden, wie wenig solche Hypothesen gelten können. Durchö Erzählen und Bekanntmachen erhalt der Naturtrieb selten seine gehörige Richtung. Er wird genährt, gestärkt. Man forscht weiter nach, will sich durch den Augenschein überzeugen, will das Geheimnis ganz wissen, will selbst sehen, ' suhlen, Verglcichungen anstellen, unterscheiden. Und so muss man am Ende gewahr werden, daß man, statt Tugend zu befördern, die erste Veranlassung zum Laster gab. Nein, glüklich sind nur die Länder zu preisen, wo häusliche Freuden durch weise Gesezze und gute Obern gesichert sind. Das Bergschloß. Man macht insgemein dem mittlern Zeit- alier den Vorwurf, daß Rohheit und Unsicherheil darin herrschend gewesen wären. Allein ich trag' Bedenken zu glauben, daß häusliche Ty- rannu vor ausser Fehde einen Vorzug verdiene. Der Üitter jenes Zeitalters maßte sich freilic!-- Dinge an,-wozu er kein Recht hatte. Er mach §4 d 88 te es sich zum Geschäfte, aus seinem Raubneste auf starke Vorbeireisende und stolze Nachbarn Ausfälle zu wagen und nicht selten die Kaufleute zu plündern. Aber dabei schüzte er doch auch den Nothleidenden, war gastfrei, ehrte die Frauen und reichte vertraulich dem Freunde, das Bünd- niß aufs neue zu befestigen, den festlichen Pokal. Iezt denkt man anders. Zeigt sich sson aussen i als feinen Mann, und wüthet innerhalb feiner vier Wände.. Wir näherten uns eines Tages mit Aufgang der Sonne einem alten Bergschlosse. Es liege auf einem steilen ringsumher unzugänglichen Fels. Nur ein enger Weg durch ein kleines Dörfchen, oder vielmehr ehemals gewesenen Städtchen, führt über eine Zugbrükke, auf diese sonst meister- j haft gebaute Beste des gotischen Zeitalters. Ein I außerordentlich tiefer Brunnen, aus dem das i Wasser vermittelst eines ungeheuer grosen Rades-! das-Invaliden, die daselbst Staatsgefangene bewachen rnüssm, betretten, heraufgezogen wird, und ein mitten auf dem Fels stehender Wort- l thurm, von dem man in einem beinahe vollen Kreise auf zehen, zwanzig und mehr Meilen Mgö, Weit sehen kan, machen den Plaz merkwrrdig. Am auffallendsten aber war mir du Arlf- «ichme von dem Herrn der Beste» W i e. 89 Wir. Sie werden verzeihen/wenn wir--- Er. Als herein/ meine Herrn!'s ist mir alles willkommen/ wennS nur keine Pfaffen sind/ 's Donnerwetter! die Pfaffe kan ich net leide! Die haben'n Teufel im Leib! Wir. Es sind ja Boten des Friedens. Er. Sie müssen laut reden. Der Donner von Kanonechat mir's Ghör benvmme. Bliz und's Wetter! dreh'n sie sich'mal h'rum/ haben ja abgeschnittene Haare/ aach ä Platt ufm Kop? Na. Nu das laßt s'Gott rathe/ sonst/ hohl mich der T**! Ich lief/bei meiner Seel/ zum Haus hinaus! Geh Fickche/ hohl a Bouteil- le Wein/ Dreiundachtzger/ verstehst mich? Der Henker die Doktor nur aach hatt! Hab'n mr de Wein verbotte. Das Podagra!— ah eS mag die schwere N** kriege/ wer wird sich drum scheren. Nu proßt! sauf'n se meine Herrn! Wo wilt den hin/ mei Schaz? bist ja abscheulich gepuzt! In die Kirch. So/ so! Geh nur Bethschwester! Do sind Herrn/ werd'n dir Gesellschaft leiste:'s is heut Maria Himmelfahrt.'S is besser fahrn/ wie zu Fuß gehn. Sie mag fahrn! F 5 Wir Wir empfohlen uns.— Gehn sie nur, gehn sie nur! Grüs'n s' mr! r de Pfaffe! Bet'n s' aach für mich! Ha! ha> e ha!—^ Wir hielten es für unschiklich, uns bei der< Frau über das Betragen ihres Mannes naher i zu erkundigen, und giengen stillschweigend zur Kirche. Wahrend dem Gesang, der zwar schön aber mir ganz unverständlich war, nahm ich Gelegenheit meinen Begleiter zu fragen, wie die Aufnahme ihm gefallen habe, und ob es nicht i besser für die Frau sei, wenn das Eheband, nicht unauflöslich wäre? Er zukte die Achsel, und bemerkte, daß keine Regel ohne Ausnahme statt fände. Fürs, allgemeine Beste sei es nicht rathsam, und daß es selbst für das Jndividium nicht gut sei, habe er schon gezeigt. Indem trat der Prediger auf, und es war jezt Pflicht zu schweigen und zu hören. Fasse deine Seele in Geduld, Bruder! Du solst wörtlich vernehmen, was man mir Neues erzählte. Deinem Munde oder deinem Ohr wird es süse seyn, wie Honig, aber in deinem Bauche wird dich's krümmen. Bildung - Bildung und Miene des Redners wäre« eln- r nehmend. Sein Anstand gut. Die Sprache etwas lispelnd, dabei aber, wie es sich für seine Erzählung schikte, sanft und der Sache meist an- r gemessen. Kein Wunder! wenn er die Augen c und Ohren seiner unverständigen Zuhörer fesselte, - Festpredigt. ^ l Heilige Maria, Mutter Gottes! bitt für uns arme Sünder, jezt und in der Stunde unsers Todes. Amen. Text Matth. 2g, 12. Wer sich selbst verhöhet, der wird erniedriget; und wer sich selbst erniedriget, der wird verhöhet. Wie wahr es ist, was der Evangelist hier bezeuget, sehen wir aus dem Beispiel Mariä der Mutter Gottes, an die uns der heutige Tag errinncrt. Denn anheute geschah es, wo sie lebendig gen Himmel gefahren ist^ wie solches viele Augenzeugen,— die es mit angesehen— und die heiligen Väter selbst bezeugt haben. Ich will euch in dieser Gott geheiligten Stunde von ihrer Verdemüthigung und ihrer Verhöhung zu belehren suchen.' Y2 In dem ersten Theile zeige ich, wie st e ist verdemüth, get, und in dem zweiten Theile, wie sie ist wieder verhöhet Word en. Wenn ein Fürst, ein groser König, meine Christen, zu stolz, zu übermüthig oder zu grausam wird, so daß er nichts! nach GOtt fraget und auf die Klagen seiner Unterthanen nicht Hort, so laßt es GOtt geschehen, daß ein solcher König unglüklich, oder gar ein Narr wird, oder auf eine jämmerliche Art ums Leben kommt- Beispiele haben wir an Herodes, an Nebu- radnezar und an Pharao. Von dem Ersten heißt es in den ActiS der Aposteln 12. Auf einen bestimmten Tag that Herodes das Königliche Kleid an, sazte sich auf den Richt- stuhl und that eine Rede zu ihnen. Das Volk aber rief zu: das ist Gottes Stimme und nicht eines Menschen. Dem Herodes gefiel das, denn er war gar ein eiteier und übermüthiger Mann. Aber was geschah? Alsbald schlug ihn der Engel des HErrn, darum daß er die Ehre nicht GOtt gab; und ward gefressen von den Würmern und gab den Geist auf.— Dom Nebucadnezar erzählt der Martyi-er Daniel, daß, als er auf der königlichen Burg zu Babel gicng, er an- geho- gehörn und gesprochen hätte: dies ist die grofe Babel, die ich erbauet habe zum königlichen Hause, durch meine gross Macht, zu Ehren meiner Herrlichkeit. Ehe aber der König noch diese Worte ausgeredet hatte, fiel eine Stimme vom Himmel: Dir König Nebucadnezar wird gesagt, dein Königreich soll dir genommen werden, und man wird dich von den Leuten verstoßen, und solt bei den Thieren, so auf dem Felde gehen, bleiben: Gras wird man dich essen lassen wie Ochsen, bis daß über dir sieben Zeit um sind, auf daß du erkennest, daß der Höchste Gewalt hat über der Menschen Königreiche und sie giebt, wemerwill. Von Stund an ward das Wort vollbracht über Nebucadnezar, und er ward von den Leuten verstoßen, und er as Gras wie Ochsen, und sein Leib lag unter dem Thau des Himmels, Und ward naS, bis sein Haar wuchs, so gros als Adlersfedern, und seine Nagel wie Vogelsklauen wurden.— Von Pharao aber sagt Moses der treue Diener Gottes, daß, als er ihm im Namen deS HErrn gesagt habe, er solle die Jsraeliten ziehen lassen, er trozig gefragt habe: wer ist der HErr, des Stimme ich hören solle? Bis er sie doch nach vielen Plagen hat ziehen lassen, welches ihn aber bald gereuete. Denn er jagte jagte ihnen mit einem groftn Heer von Wagen und Reutern nach, die aber alle bei Mann und Maus im rothen Meere ersoffen. War das nicht eine Verdemüthigung? Ferner, wenn ein Beamter mit den Gütern seines Herrn treulos handelt, oder ein Reicher dem Armen seinen verdienten Lohn nicht giebt, so werden sie von GOtt verdemüthiget. Sir werden von dem Amte gesczt, oder müssen sterben. Ein Beispiel haben wir an dem Knecht im Evangelio und an dem reichen Geizhals Nabal. Dem Knecht oder Beamten im Evangelio gab sein Herr einen Eentner Gold, womit er wuchern und für ihn etwas gewinnen solte. Als aber der Herr weggegangen war, gieng er hin, und machte eine Grube in die Erde, und verbarg seines Herrn Geld. Ueber eine lange Zeit kam der Herr einmal wieder und hielt Rechnung mit seinen Knechten. Da tratt denn endlich auch herzu, der einen Eentner Gold empfangen hatte, und sprach: Herr ich wußte, daß du ein harter Mann bist und schneidest, wo du nicht gesaet hast, und sammlest, da du nicht gestreuct hast, und furchte mich, gieng hin, und verbarg deinen Eentner in die Erde. Siehe, da hast du daS D^ine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu Zn ihm: Du Schalk undfauler Knecht, wußtest du daß ich schneide, da ich nicht gesäet habe, und sammle, da ich nicht gestreuet habe! so holtest du mein Geld zu den Wechslern gethan haben, und wenn ich kommen wäre, hätte ich das meine zu mir genommen mit Wucher. Darum nehmet von ihm den Centner, und gebets dem, der zehen Centner hat. Den unnüzzen Knecht aber werfet in die Finsternis hinaus, da wird seyn Heulen und Zähnklappen. Don Nabal aber heißt es: der Mann war fast gcoseS Vermögens, und hatte dreitausend Schaafe und tausend Ziegen, und es begab sich, daß er seine Schaafe beschul- zu Carmel. Da nun David in der Wüsten horete, daß Nabal seine Schaafe beschur, sandte er zchen Jünglinge zu ihm, die mußten ihn von seinetwegen freundlich grüsen und ihm sagen, daß weil sie so gute Freundschaft gehalten hätten, er seinen Knechten, und seinem Sohne David geben möchte, was seine HaM> fände. Die^üngliuge thaten, wie ihnen befohlen war. Aber Nabal antwortete den Knechten Davids, und sprach: Wer ist der David? Und wer ist der Sohn Jsai? Es werden jezt der Knechte viel, die sich von ihren Herrn reißen. Solte ich mein Brod/ Wasser und Fleisch nehmen, das ich für , meine Y6 meine Scherer geschlachtet habe, und den Leuten r geben, die ich nicht kenne, wo sie her sind? Die Z Jünglinge kamen und sagten daö ihrem Herrn r wieder. Darauf sprach David zu seinen Man- h nern: gürte ein jeglicher sein Schwerd um sch; t und ein jeglicher gürtete sein Schwerd um sich, und David gürtete sein Schwerd auch um sich, 2 und zogen ihm nach bei vierhundert Mann. bind§ David hatte sich gegen Nabal verschworen und z gesagt: Gott thue mir dies und das, wo ich 2 diesem, bis Lichtmorgen, überlasse einen, der an die Wand pisset, auö allem, Las er hat.^ Aber Nabal hatte ein Weib, die hicö Abigail,* die war ein Weib guter Vernunft und gar schön§ von Angesicht. Die machte es doch, daß David« feinen Schwur gebrochen hat: denn wie siehst:,^ daß ihr Mann die Leute des Davids so ange-- schnaubt hatte, so eilte sie, denn es schwahndte (ahndete) ihr nichts Gutes, upd nahm zwei hundert Brod, und zwei Läget Weins, und fünf gekochte Schaafe, und fünf Scheffel Mehl, und^ hundert Stück Rosinen, und zwei hundert Stük Feigen und ludö auf Esel, und ritt dem David entgegen, und als siechn sahe, fiel sie zu seinen Füsen, und bat ihn gar höflich. Das bewegte. tzen David, und nahm von ihrer Hand, was sie mitge- 97 mitgebracht hatte, und sprach zu ihr: zeuch mit Frieden hinauf in dein Haus; siehe, ich habe deiner Stimme gehorcht, und deine Person angesehen. Als sie heim kam fand sie den Nabal sehr trunken. Da es aber Morgen ward, und der Wein von Nabal kommen war, sagte ihm sein Weib solches. Da erstarb sein Herz in seinem Leibe, daß er ward wie ein Stein. Und über zehcn Tage schlug ihn der HErr, daß erstarb.— War daö nicht eine Verdemüthigung? Eden diese Verdcmüthigungen litte die Maria, die gebenedeiete unter den Weibern. Sie war zwar eine königliche Prinzeßin, denn sie war aus dem Hause und Geschlechte Davids, sie war aber soweit heruntergekommen, daß nichts mehr von königlicher Hoheit und Herrlichkeit an ihr zu finden war und man sie nur schlechtweg Maria nannte. War das nicht eine Verdemüthigung? Welch eine Verdemüthigung! Als Joseph ihr Bräutigam hörte, daß sie schwanger wäre und bald gebähren würde, so faßte er den Anschlag, sie heimlich zu verlassen und sie unglüklich zu machen. War das nicht eine Verdemüchi- gung? Welch eine Verdemüthigung! Als sie dorten ihren ersten Sohn gcbahr, so mußte sie ihn in G Win- 98 Windeln wikkeln und in eine Krippen legen. Man denke sich eine königliche Prinzeßin, die auf Seiden und Pflaumen zu liegen gewohnt ist, Und nun auf einmal im Stall mit einer Krippe verlieb nehmen muß: wie das die weichen Glieder schmerzen muß! War das nicht eine Verdemüthigung? Welch eine Verdemüthigung! Als sie einS- Malen nach Jerusalem auf das Osterfest reißte— denn sie war eine gar fromme und andächtige Jungfrau— so nahm sie ihren zweijährigen Sohn mit. Dieser aber veclohr sich, und sie suchte ihn drei Tage lang unter ihren Freunden und Gefährden. Man denke sich daS zarte Mutterherz, wie vieles hat müssen leiden. Und waS für eine Antwort von einem Sohne? Denn als sie ihn fand und ihm klagte, daß sie ihn drei Tage lang mit Schmerzen gesucht habe, so antwortete er ihr: Wisset ihr nicht, daß ich seyn muß in dem das meines Vaters ist. War daö nicht eine Verdemüthigung? Welch eins Verdemüthigung! Als es dorten bei der Hochzeit zu Kana am Wein gebrach und sie besorgt war, für die Ehre des Hauses und ihres Sohnes, denn aller Augen waren auf ihn gerichtet, so sagte sie in aller Güte ihres Herzens zu ihrem -- 99— ihrem Sohne: mein Sohn sie haben nicht Wein. Und er: Weib was hab ich mit dir zu schaffen, meine Zeit ist noch nicht gekommen! Welche eine Antwort von einem Sohne! War das nicht eine Verdemüthigung? Welch eine Verdemüthigung! Einsmalm begehrte seine Mutter nrit seinen Brudern ihn zu sprechen. Als sie aber nicht in das Haus kommen konnte, worinncn er war, so wurde ihm angesagt, siehe, deine Mutter und deine Bruder stehen drausen, und wollen gerne mir dir sprechen. Und was war die Antwort des Sohnes? Ohne Zweifel wird er sich gefreut haben, seine Mutter und seine Bruder zu sehen und zu sprechen? Gerade das Gegentheil. Er rief ihnen entgegen: Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Bruder! Und stockte darauf seine Hände über seine Jünger aus, und sagte; sihet das ist meine Mutter, das sind meine Brüdcr! Welch ein Betragen von einem Söhne! War daö nicht «ine Verdemüthigung? Welch eine Verdemüthigung! Sie als eine rechtschaffene Mutter dachte viele Freude an ihrem Sohne zu erleben. Aber wie mußte sie das schmerzen als sie vernehmen mußte, daß der Liebling ihres Herzens überall verfolgt, beschimpft, G L»erhöh- verhöhnet und gelästert wurde. Da ist erfüllt worden, was ehemals ein frommer Mann mit Namen Simeon zu ihr von ihrem Sohne gesagt harte. Maria, sagte er, es wird ein Schwerd durch deine Seele dringen, denn dieser dein Sohn wird gesezt zu einem Falle und Auferstehen vieler, und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird. War das nicht eine Verdcmüthigung? Welch eine Verdcmüthigung! Als sie glaubte in ihrem Alter Hülfe und Unterstüzzung von ihrem Sohne zu erhalten, so gierig er nach Jerusalem der Hauptstadt des jüdischen Landes, und er wurde da von den Juden, den Heiden überantwortet, die verspotteten ihn, und geiselten ihn und die Juden riefen einmal über das airdere: kreuzige, kreuzige ihn! und höhneten ihn, und speieten ihm inS Angesicht. Wie mußte das die Mutter schmerzen? Wie-wurde sie da verdemü- thiget! Welch eine Derdemüthigung! Als sie dörten in Gesellschaft von Weibern, ihm, als er an die Schedelstätte geführt wurde, nachfolgte, und wie jene ihn beklagte, daß er so verwundet war, und doch noch ein so groses Kreuz schleppen mußte, so schien er sie nicht einmal zu erkennen. Denn als die Weiber ihn so beklagten und über ihn ior ihn weinten, so wandte er sich um zu ihnen(also nicht zu seiner Mutter, daß er sie getröstet hatte) und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Sec- lig sind die Unfruchtbaren, und die Leiber die nicht gebühren haben, und die Brüste, die nicht gesauget haben. Denn werden sie ansahen zu sagen zu den Bergen: Fallet über uns; und zu den Hügeln: Bedekket uns. Denn so man das thut am grünen Holz, was will am dürren werden? Wurde sie da nicht verdemüthigct? Welch eine Verdcmüthigung! Als er dorten am Kreuze hieng, mitten unter den zween Mördern, und geschimpft und gelästert und verspottet wurde; als sie ihm zuriefen, bist du Christus, so steige nun herab von: Kreuze und hilf dir selber; so stund seine Mutter dem Kreuze gegen über, sah ihren Sohn, wie er so voller Schmerzen dahieng, wie er sein Haupt zur Erde neigte, wie die Vorübergehenden die Kopfe schüttelten und hohnlachelten und sprachen: ei wie sein zerbrichst du den Tempel Gottes, und bauest ihn in dreien Tagen; und so verspotteten ihn auch die Hohenpriester sammt den Schriftgelehr- G z ten IO2 ken und Aeltesten, und sprachen: andern hat er geholfen, und kan ihm selber nicht helfen; ist er der König Israel, so steige er vom Kreuz, so wollen wir ihm glauben; er hat Gott vertrauet: der erlöse ihn nun, lüstets ihn; denn er hat gesagt: ich bin Gottes Sohn.— Wie mußte i da das Muttcrherze nicht brechen, wie sie den Sohn, den sie neun Monden unter dem Herzen getragen und ihm in seiner Jugend so gepflegt und gewartet hatte, so verlästern sehen mußte! Wie mußte ihr Aug nicht blutige Thränen weinen, als eine stokfinstere Nacht am hellen Mittage einbrach, und sie ihren Sohn laut dabei schreien hörte: Eli, Eli, lama afabthani? Mein Gott, mein Gott! warum hast du mich verlassen? Und bei allen dem erkannte er sie doch nicht einmal für seine Mutter. Denn so sagt der Evangelist: Da nun JEsuS seine Mutter sahe, und den Jünger dabei flehen, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn. Darnach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter. Und von der Stund an nahm sie der Jünger zu sich. War daS nicht eine Verdemüthigung? Welch eine VerbemütWung! Als er früh Morgends am dritten Tage wieder auferstanden war, war, so stunde seine Mutter vor dem Grabe, und weinete draussen. Als sie aber nun weinete, kuk- kcte sie in das Grab, und stehet zween Engel in " weisen Kleidern stzzen, einen zu dem Haupte und den andern zu den Füsen, da sie den Leichnam ihres Sohnes hingeleget hatten. Und dieselbige sprachen zu ihr: Weib, was weinest du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte ' sie sich zurütte, und siehet JEsum stehen, und weiß nicht, daß es JEsuS ist. Spricht IEsuS zu ihre Weib was weinest du? Wen su- ehest du? Sie meinet eS sei der Gärtner, und tzricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo hast du ihn hingeleget? so will ich ihn holen. Spricht JEsuS zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rab- buni; das heiset: Meister. Spricht JEsuS zu ihr: Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Gehe aber hin zu meinen Brudern, und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater, und zu eurem Vater, zu meinem GOtte, und zu eurem GOtte. War das nicht eine Verdemüthigung? Hier gäbe er ihr nicht einmal den süsen Muttcrnamen, G 4 ftn- Io4—— sondern rief: Weib, was weinest du? Maria, rühre mich nicht an. Wie wurde ste da nicht verdemüthiget, sie, die ihn so gerne hätte umarmen, so gerne an ihr zartes Mutterherze drük- ken mögen. DaS waren Verdemüthigungen wegen ihrem Sohne. Sie wurde aber auch für sich selbst verdemüthiget. Welch eine Verdemüthigung! Sie, die hatte leben können, als eine königliche Prinzeßin z die wie jener reiche Mann sich hätte kleiden können in Purpur und Seide und köstlicher Leinwand, und alle Tage herrlich und in Freuden Leben können, mußte die bitterste Armuth erdulden, hatte mit vielen Quaalen und Mühfeeligkeiten zu kämpfen, hatte oft das liebe Brod des Nachts über nicht im Haufe. War das nicht eine Verdemüthigung? Welch eine Verdemüthigung! Als ste nun alt und Lebens satt war, so mußte sie, ob ste gleich noch eine reine und keusche Jungfrau war, ob sie gleich die auSerkohrne und gebenedcyete unter den Weibern war, ob ste gleich den Cbrist unbeflekt empfangen und mit Beibehaltung ihrer Jungfrauschaft, gebohren hatte, und dabei fromm und wohl betaget war, so mußte sie doch, gleich Iv5 , gleich allen Adams Kindern, die Schuld der t Natur büsen: Sie mußte sterben, und— wur- - de begraben., Wie wurde sie da nicht verdemü- - thiget! Wie wurde sie aber nicht auch wieder v erhöhet!— der Inhalt des zweiten Theils unsrer heutigen Rede! Wenn ein Groser, ein Mächtiger, ein König, meine Christen, eine Zeitlang seiner Herrlichkeit Verlust,gt war, wenn er seine königliche Krone hat ablegen und vor seinen Feinden, die ihm nach seinem Leben und nach seiner Krone gestellet haben, hat flüchten müssen, wenn er dabei barfus, begleitet nur von wenig Redlichen sich in die Wüste, oder in eine andre Stadt, oder in einen Wald hat begeben müssen, und GOtt es hat geschehen lassen, daß seine Feinde ums Leben kommen/ daß er wieder in seine Re- sidenstadt hat einziehen, sich nun wieder auf seinen königlichen Thron hat erheben und seine Krone wieder aufsezzcn können, so sagt man alsdann von ihm: er ist wieder vcrhöhet worden. Ein Beispiel haben wir an dery heiligen und frommen Könige David. Den verfolgte sein eigener Sohn Absalom, den er so lieb hatte. Er mußte sich aus Jerusalem seiner königlichen Residenzstadt G 5 hin- hinweg begeben. Denn der König, so erzählt die heilige Geschichte, als er gehört hatte, daß das Herz jedermanns in Israel Absalom nachfolget?, sprach zu allen seinen Knechten: Auflasset uns fliehen, denn hier wird kein Entrinnen seyn vor Absalom; eilet, daß wir gehen, daß er uns nicht übereile, und ergreife uns, und treibe ein Unglück auf uns, und schlage die Stadt mit der Schärfe des SchwerdtS. Da sprachen die Knechte des Königs zu ihm: Waö wein Herr, der König, erwählet, siehe, hie sind deine Knechte. Und der König gieng zu Fuse hinaus mit seinem ganzen Hause. Und alle seine Knechte gierigen neben ihm her, dazu alle Erethi und Plethi, und alle Gethiter, sechshundert Mann, die von Gath zu Fuse kommen waren, giengen vor dem Könige her. Und der König gieng über den Bach Kidron, und alles Volk gieng vor auf dem Wege, der zur Wüsten führet. David aber gieng den Oelberg hinan, und weinete, und sein Haupt war verhüllet, denn er gieng barfus. Dazu alles Volk, das bei ihm war, hatte ein jeglicher fein Haupt verhüllet, und giengen hinan und weineten. Da aber der König bis gen Bahurirn kam, siehe, da gieng ein Mann daselbst heraus dem Geschlechte des Hauses Saul, der hieö S>- io7 mei, der Sohn Gera; der gieng heraus und siuchete, und warf David mit Steinen und alle Knechte des Königs Davids. Denn alles Volk und alle Gewaltigen waren zu seiner Rechten und zu seiner Linken. So sprach aber Simei, da er fluchte: Heraus, heraus, du Bluthund, du loser Mann! Der Herr hat dir vergolten alles Blut deö Hauses Sank, daß du an seine statt bist König worden. Nun hat der Herr das Reich gegeben in die Hand deines Sohns Absalom» Und siehe, nun stekkeft du in deinem Unglük; denn du bist ein Bluthund. Aber Abisai, der Sohm Zeru-Ja, sprach zu dem Könige: Solle dieser todte Hund meinem Herrn, dem Könige, fluchen? Ich will hingehen, und ihm den Kopf abreisten. Der König sprach: laß ihn fluchen, Abisai, denn der Herr hats ihn geheisen: "Fluche David. Siebe, mein Sohn, der von meinem Leibe kommen ist, stehet nach meinem Leben, warum nicht auch jezt der Sohn Jemi- ni. Lasset ihn bezähmen, daß er fluche, denn der Herr hats ihm geheisen. Also gieng David des Weges mit seinen Leuten. Aber Simei gieng an des Berges Seiten neben her, und fluchte, und warf mit Steinen nach dem Könige, und mit Erdenklösen. Und zuIerlisalem machten sie ein» 128 eine Hütte für Absalom auf dem Dache, und Absalom beschlicf die Kebsweiber seines Vaters vor den Augen des ganzen Israels, lind darauf machte er sich auf mit allen Männern von Israel, dem David nachzujagen. Es erhub sich aber der Streit im Walde Ephraim. Und das Volk Israel ward daselbst geschlagen von den Knechten Davids, daß desselben Tages eine gross Schlacht gesckiab, zwanzig tausend Mann. Und war daselbst zerstreuet der Streit auf allem Lande, und der Wald fräs viel mehr Volk des Tages, denn das Schwerd fräs. Und Absalom begegnete den Knechten Davids, und ritte auf einem Mauke. Und da das Maul unter eine gross dikke Eiche kam, behieng sein Haupt an der Eiche, und schwebte zwischen Himmel und Erde; aber sein Maul lief unter ihm weg. Da das Joab hörete, nahm er drei Spiest in seine Hand, und stieß sie Absalom ins Herz; da er noch lebte an der Eiche. Und zehrn Knaben, IoabS Waffenträger, machten sich umher, und schlugen ihn zu todte, und nahmen Absalom, und würfen ihn in den Wald in eine gross Grube, und legten einen großen Haufen Steine auf ihn. Der König ward zwar traurig, wie er dieses hörte, und gieng hin auf dem Saal im Thor, und tveinete, weinete, und im Gehen sprach er also: Mein Sohn Absakom, mein Sohn, mein Sohn Ab- salom! Wolle GOtt, ich müßte sür dich sterben! O Absalom, mein Sohn, mein Sohn! Aber wie wurde er da nicht wieder»erhöhet. GOtt lies den ungerathenen Sohn, der sich wieder seinen Vater empöret hatte, ums Leben bringen, und ihm so geschehen, wie er von seinem Vater thun wolle. Dazu kamen alle Männer Juda, und sandten zum Könige und ließen ihm sagen: Komm wieder, du und alle deine Knechte. Also kam der König wieder. Und da er an den Jordan kam, waren die Männer Juda gen Gilgal kommen, hinab zu ziehen dem Könige entgegen, daß sie den König über den Jordan führeten. Auch Simei, der Sohn Gera, des Sohns Je- mini, der zu Bahurim wohnete, eilete, und zog hinab dem Könige entgegen, und fiel vor ihm nieder, und sprach zum Könige: Mein Herr, rechne mir nicht zu die Missethat, und gedenke nicht, daß dein Knecht dich beleidigte, des Tages, da mein Herr König aus Jerusalem gieng, und der König nehme es nicht zu Herzen. Denn dein Knecht erkennet, daß ich gesündiget habe, und siehe, ich bin heute der Erste kommen, unter dem ganzen Hause Joseph, daß ich meinem Herrn Herrn König entgegen herab zöge. Mephi-Bv- seih, der Sohn Saut, kam auch herab dem Könige entgegen, dazu kamen alle Jsraeliten, und brachten den König wieder heim nach Jerusalem und sezten ihn wieder auf den königlichen Thron, und schrien: Glük zu dem Könige! Heil dem Könige David! War das nicht eine Dcr- höhung! So ist es auch wenn ein königlicher Bedienter oder Beamte, eine Zeitlang von seinem Amte geftzt wird, und ein anderer seine Stelle verwaltet. Vielleicht hatte sein Herr, der König, gemuthmaset, daß er Untreue gegen ihn begangen hatte, und deswegen lies er ihn von seinem Amte abftzzen, und in das Gefängnis werfen. Der Beamte wäre aber unschuldig. Seine Unschuld kommt an Tag. Und der König sezt ihn wieder in sein voriges Amt ein, so sagt man von einem solchen Beamten: er ist wieder verhöhet worden. Ein Beispiel haben wir an dem obersten Schenken des Königs Pharao. Pharao, heißt es, ward zornig über den Kämmerer, über den Beamten und über den Schenken, und lies ihr»sezzen in des Hofmeisters Haus in das Gefängnis, da Joseph gefangen lag. Aber der Beamte wäre unschuldig. Denn eines Nirgends nr gcnds, da Joseph zu ihnie hinein käme, und sahe, daß er traurig war, und ihn fragte: warum bist du heute so traurig? So antwortete er t ES hat mir geträumet, und habe niemand, der es mir auslege. Joseph sprach: Auslegen gehöret GOtt zu, doch erzähle miirö. Da erzählte der oberste Schenke seinen Traum dem Joseph, und sprach zu ihm: Mir hat geträumet, daß ein Weinstvk vor mir wäre, der hatte drei Reben, und er grünete, wuchs und blühete und seine Trauben wurden reif. Und ich hatte den Becher Pharao in meiner Hand, und nahm die Beere und zerdrükte sie in den Becher, und gab den Becher Pharao in die Hand. Joseph sprach zu ihm: das ist seine Deutung: Drei Reben sind drei Tage. Ueber drei Tage wird Pharao dein Haupt erheben, und dich' wieder an dein Amt stellen, daß du ihm den Becher in die Hand gebest, nach der vorigen Weise, da du sein Schenke wärest. Und cS geschah des dritten Tages, da ßcgicng Pharao seinen JahrStag, und er machte eine Malzeit allen seinen Knechten. Und erhub das Haupt des obersten Schenken, und sezte ihn wieder zu seinem Sckenkamt; daß er den Becher reichte in Pbarao Hand. War das Nicht eine Derhöhung, meine Ehristen? Eben 112 Eben so wurde die Maria»erhöhet. Denn war das nicht eine Vcrhöhung? Sie war unter taufenden von Jungfrauen und Weibern die E i n- zige, die dazu ausersehen war, daßsieJEsum, den Heiland der Menschen gebühren solte. Welch eine V.erhöhung i Maria wurde schwanger, nicht von dem Geblüte, noch von dem Willen eines Mannes, sondern von der Kraft des heiligen Geistes, von dem hochgelobten GOtt selber. Denn so sagt der Engel Gabriel zu ihr: Maria, fürchte dich nicht, du hast Gnade bei GOtt funden. Siehe, du wirst schwanger werden un Leibe, und einen Sohn gebühren, des Namen solt du JEsus heiffen; der wird gros und ein Sohn deö Höchsten genennet werden; und GOtt der HErr wird ihm den Stuhl seines Vaters Davids geben; und er wird ein König seyn über das Haus Jakob ewiglich, und seines Königreiches wird kein Ende seyn. Da st»ach Maria zu dem Engel: wie soll das zugehen? Sintemal ich von keinem Manne weiß. Der Engel antwortete, und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft deö Höchsten wird dich überschatten; darum auch das Heilige, das von dir gebohren wird, wird GOt- teö Sohn genennet werden. War daö nicht eine Verhöhung! Sie Sie erkannte das auch. Denn so sprach sie, üls sie bey ihrer Freundin Elisabeth zu Besuch war: Meine Seele erhebet den HErrn,und mein Geist freuet sich Gottes siieincs Heilandes. Denn er hat seine elende Magd angesehen. Siehe von nun an werden mich stetig preisen alle Kindes Kind. Denn er hat grose Dinge an mir gethan, der da mächtig ist, und des Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit wahret ilnmer für und für, bei denen, die ihn fürchten. Er übet Gewalt mir seinem Arme, und zerstreuet, die hoffähig sind in ihres Herzens Sinn. Er stöset die Gewaltigen vom Stuhle, und erhebet die Elenden. Die Hungrigen füllet er mit Gütern, und lässet die Reichen leer. Er denket der Barmherzigkeit, und hilft seinem Diener Jftael auf. Wie er geredet hat unsern Bätern, Abraham, und seinem Saamen ewiglich. Welch eine Verhetzung! Als Maria ihren ersten Sohn gebohren hatte, so mußte sie ihn in Windeln wikkeln und in eine Krippe legen, weil sie sonst keinen Raum in der Herberge hatte. Aber Engest vom Himmel kamen und feierten ihre Geburtsstunde. Sie kamen zu den Hirten, und sprachen t Siehe wir verkündigen euch grose Freude, die allem Volk wiederfahren wird. H Denn H4 Denn euch ist heute der Heiland gebohren, we! eher ist Christus der HErr in der Stadt David. lind svdenn riefen sie und sprachen.. Hallelujain der Höhe, und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. War das nicht eine Ver- höhung? Welch eineDerhöhung! Als sie dorten nach Jerusalem kam, ihren Sohn dem HErrn darzustellen, so kam Simeon ein frommer und got- tesfür'chtiger Mann, nahm ihr Kind auf seine Arme, lobcte GOtt und sprach: HErr nun lassest du deinen Diener in Friede fahren, wie du gesagt hast. Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast für allen Völkern ein Acht zu erleuchten die Heiden, und zum Preise deines Volkes Israel. Und sodann segnete er seine Mutter die Maria, bind dann kam Hanna, die gottselige Prophetin, und verrichtete das nämliche. Wie mußte das die Mutter eines solchen Sohnes nicht freuen! Wie mußte sie da nicht vechöhet rperden! Welch eine Verhvhung! Als' JEsus zwölf Jahr alt war, so nahmen ihn seine Acltern mit sich nach Jerusalem auf das Osterfest, und er sezte sich in den Tempel mitten unter die Lehrer, und horcte ihnen zu, und fragte sie. Und alle, die ihm Ii;. ihm zuhoreten, verwunderten sich.seines Verstandes und seiner Antwort. Man denke sich von einem zwölfjährigen Kinde eine solche Weisheit, und man wird sehen können, wie grvS die Freude der Maria müsse gewesen seyn, wie sehr sie ist da»erhöhet worden! Welch eine Vclhöhung! Wie sie hören mußte- daßJEsuö getauft wurde- und der Himmel sich aufthat, und der heilige Geist auf ihn herab fuhr- und eine Stimme aus dem Himmel kam, die sprach: Vt, bist mein lieber Sohn an dem ich Wohlgefallen habe. Wie wurde sie da nicht verhöhet! ' Welch eine Verhöhung! AlSJEsuS, vor seinen Jüngern, auf einem sehr hohen Berge verkläret ward, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider weiß wurden, als ein Licht, und ihm MoscS und Elias erschienen und mit ihm redeten- und eine Stimme aus den Wolken sprach: Dies ist mein lieber Sohn- ün dem ich Wohlgefallen habe- den solt ihr hören. Wie mußte sie sich nicht, da sie eS hörte- gefreut haben, daß sie einen solchen Sohn hatte'.' Wie mußte sie nicht verhöhet werden! Welch eine Verhöhung s Wie Mußte Maria sich nicht freuen, wiesle sahe, daß ihr Sohn H 2 von von dem Volke so verehret wurde, daß sie ihm zu Tausenden nachliefen, daß sie ihn öfters erhäschen und zum Könige machen wolten. Wie mußte sie sich nicht freuen, als er dorten seinen königlichen Einzug nach Jerusalem hielte, und seine Jünger kamen und eine Eselin brachten und ein Füllen dabei, und ihre Kleider drauf legten und ihn drauf sazten, und viel Volks die Kleider auf den Weg breiteten, die andern Zweige von den Bäumen hieben und sie auf den Weg sireucten; daö Volk aber, daö vorgieng und nachfolget?, schriee, und sprach: Hosianna! Dem Sohne David, gelobet sei, der da kommt im Namen des HErrn! Hosianna in der Höhe! Wie wurde sie da nicht verhöhet! Welch eine Derhöhung! Sie beklagte ihren Sohn als verstorben, und siehe da, er stand am Dritten Tage wieder auf, ließ sich von ihr und seinen Jüngern wieder sehen und hat mit ihnen gegessen und getrunken; noch mehr: er bescheiden sie auf den Oelberg, sagte zu ihnen: wir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Und da er solches gesagt, ward er ausgehakete zusehenS, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. Und als sie ihm nachsahen gen Himmel fahren,siehe, da stunden bei ihnen zween Män- Männer in weisen Kleidern, welche auch sagten: Ihr Menschen aus Galilea, was stehet ihr hie, und sehet gen Himmel? Dieser JEsus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren. Wie gros war darüber nicht die Freude der Mutter! Wie wurde sie nicht da vcrhöhet! Welch cineVerhvhung! Eine göttliche Ver- höhung! Maria ist, wie ich so eben gesagt habe, gestorben, und ist begraben worden, aber sie ist nicht in dem Grabe geblieben. Engest vom Himmel sind gekommen, haben das Grab eröffnet, haben ihren Leib daraus genommen, haben ihn mit ihrer Seele wieder vereiniget und ihn schön und herrlich verkläret, haben sie bekleidet mit weiser Seide und Purpur und Scharlakken, und vcrgüldet mit Gold und Edelgesteinen und Perlen, haben ihr eine himmlische Krone aufgestzt, und sie so, weit prächtiger wie ehemals Elias, gen Himmel gebracht. Welch eine Verhöhung! Sie kam zum Himmel h'nein, Meng Heilige vorbei, gieng Seelige vorbei, gieng Engcle,gieng Erzeugest vorbei, gieng Cherubim, gieng Seraphim vorbei; nahte sich zu dem göttlichen Throne. Der Sohn erhob sich von dem Throne, gieng seiner Mutter entgegen, ergriff sie bei der Hand, H Z führte n8, führte sie zum Vater, und sprach zu ihm: sieh» Laö ist meine Mutter. Die Mutter neigte sich gegen den Vater. Der Sohn sezte sich wieder auf dep göttlichen Thron, ließ seine Mutter neben sich sizzen zu seiner Rechten, sie Antheil nehmen an seiner Herrschaft und Engest und See- lige niederfallen und Halstluja singen denen, die auf dem Throne sizzen. Welch eine Verhöhung! Wa6 wunder, meine Christen, wenn wir uns im Gebete zu ihr nahen! Ist sie nicht aufs in- nigjft mit der hochgelebten Dreieinigkeit vereiniget? Ist sie nicht die Mutter des Sohnes, dadurch Verwandte des Vaters? Ist sie nicht.eine Verlobte des heiligen Geistes? Sizt sie nicht zugleich mit ihnen auf dem Throne der göttlichen Majestät? Also, meine Christen, wer sich selbst verdemüthiget, der wird auch wieder verhöhet. werden. Amen. bonkikex rnaximus. Ich konnte'mich nicht enthalten, mcincn- Reisegefährden, nachdem wir wieder in unserm Quartier angelangt waren, zu ftagen, wer hier zu Lande Oberpriesicr sei? Er. Ich kenne die hiesige> Verfassung zu wenig, als haß ich ihre Frage gehörig beantwortest könntft- —_ IIY—- könnte. Fast in jedem Bezirke unsers teutschen Reichs ist eine andre Einrichtung. Bald bcsizt die Gewalt eines Epistopi magimi ein Geistlicher, bald ein Weltlicher; hier ist sie in der Person eines einzigen vereinigt, anderswo unter mehrere ver- theilt.— Was hatten sie aber für Anlast mich'so zu fragen? I ch. Ich wollte gern wissen, wer die Lehrer des Volks bestellte, was für Fähigkeiten diese besizzen mußten, und wer überhaupt die Aufsicht über sie und die ihrem Unterrichte anvertrau- tc Gemeinde hatte? Er. find sodann—? I ch, Würde ich wissen können, wem ich es eigentlich zu verdanken habe, daß ich heute so schön bin erbaut, oder besser gesprochen, auf eine Art bin unterhalten worden, von der ich mir nicht einmal im Traume oder bei Zerrüttung meiner Lebensgeister hatte denken können, daß sie an einen solchen Ort gehöre. In meinen Augen ist der Arzt, der statt seiner einen Pfuscher zu einem Kranken schikt, straffälliger als der Pfuscher, der nach Vermögen handelt. Lezterer verdient Mitleiden, ,encr Züchtigung. E r. Wenn aber dem Arzte nun selbst weiter nichts von der Arzneikunde eigen ist, als H 4 das 120 das Diplom wodurch er den Gradum er, hielte? I ch. So ist ebenfalls ihm allein die Schuld beizumesscn, wenn der Kranke vernachläsigt wird. Er. Nicht immer sollt ich denken.— Man hat Beispiele, Laß Geschöpfe zu Bürgemeistern sind erwählt worden, die nicht einmal zum Lasttragen tauglich waren. Es wäre die höchste Ungerechtigkeit, ihnen, deswegen weil sie erwählt wurden, einen Vvrwurf zu machen. Da weder freie Annahme noch freie Ablehnung in ihrer Gewalt stunde. Bei den Aerzten wird man ähnliche Beispiele auszuweisen haben. Doch ich dächte, wir überliefen es andern, diese Sache ins Reine zu bringen. Das Feld, worauf wir gekommen sind, ist zu weitläuftig als daß wir eS ganz überschauen, der Wege sind zu viel und zu mancherlei, als daß wir sie alle bctrettcn und den einzigen richtigen bezeichnen könnten. Vielleicht kan das ein andermal bei mehrerer Muse, wenn unsre Reise vollendet ist, besser geschehen. Jezt müßte aber für'S erste unsre Absicht schn, Erfahrungen zu stimmten. Wiewohl ich schwerlich glaube, daß wir mehrere machen können» als ich selbst schon gemacht und gesammlet habe. Mein eignes Schiksal und die Lage verschiedener meiner 121 Meiner Freunde haben mir schon viele an die Hand gegeben. Die meisten habe ich einem nahen Anverwandten zu danken. Der pflegte sich, wenn von Dingen der Art die Rede war, insgemein so herauszulassen:„ Wer in der Welt nicht unter die Zahl der Glüklichen gehört, welche bei hinreichendem ererbten, oder erheirathetem, oder in der Lotterie gewonnenem oder gefundenem Vermögen, eine beständige Unabhängigkeit behaupten können— niemand einen tiefen Bükling machen, und weder der Gnaden, noch der Epcl- lenzen bedürfen;— sondern seine Seelen oder Leibeskräften auSbieten muß, um dagegen so viel haar Geld oder Effekten einzutauschen, daß er alles, was zur Leibes-Nahrung und Nothdurft gehört, herbei zu schaffen im Stande sei: der wirds auch wohl erfahren haben, oder über kurz und lang noch erfahren, daß der schmale Versorgungsweg voller Trübsal, Dornen und Disteln ist, welche oft den Wanderer in die Ferse stechen, und ihn weder vor- noch rükwärts schreiten lassen. Wäre die Fähigkeitsprüfung der einzige Stein des Anstosses auf diesem mühsamen Wege, so würde mancher vorher bemüht seyn, dieses Hinderniß übersteigen zu lernen z cS würde sich jeder nur zu dem Amte darstellen, welchem H 5 er 122 er gewachsen zu' seyn glaubte. Allein wie die< Sachen jezt stehen, so ist dies grade der Stein, den die Bauleute verworfen haben, und er ist zum Eckstein worden, liegt am Eingänge des Weges, jeder sucht sich vorbei zu schleichen, und den mehresten gelingt eS. Die brauchbarsten Materialienffind jezziger Zeit:„Vaterschaften, volle Börsen, Windbeutelei, Empfehlungen bei Maitressen, heimliche Liebesdienste, dem Beförderer oder— seinem Anhange erwiesen, besonders sollen gemeiniglich diejenigen' gut. versorgt werden, welche das Amt eines Merkurs bei einem Er- Denjupiter übernehmen, und bisweilen auchDum- dreistigkeit und Zudringlichkeit. Wer mit solchen Eigenschaften versehen, einer künftigen Versorgung entgegen wandelt, der tgn getrost auf baldige bessere Zeiten hoffen, wenn er zumal einige Bitterkeiten, die sich bisweilen mit einmischen, leicht verdauesi gelernt hat. Und wie das im Kleinen ist, so ist'6 auch im Grosen." Welche Zeiten! welch' ein Kontrast! rief er hier aus. Seid tugendhaft, dies prägt man dem Menschen bei jeder Gelegenheit ein. Der ersti Zweck jeder Erziehung, Regierung und Religion, sagt man, sei kein andrer, als die Tu- ^, gend, I2Z—— . gend. Unmenschen! wie sehr mißbraucht ihv sie, und die, die ihr getreu leben. Ohne Gold, ohne Ahnen, ohne Macht— welch ein unbedeutendes Geschöpf ist man. Nennt mir das Land, in welchem man nicht einen reichen Stockst sch der Weisheit, ein elendes Pergament den Talenten, Windbeutelei dem Verdienste vorzieht! Sezt den tugendhaften Mann, von edler und erhabener Seele, dem blinden Zufalle aus; laßt ihn ohne Reichthümer und seht, wa§ man sich aus ihm macht! Gebt dem grösten Dummköpfe, dem schändlichsten Kerl eine fette Pfründe, Ahnen, Macht, und jene Begierde zu verwüsten, die man Muth nennt— man wird ihn anbeten! Heftet dem niedrigsten Bösewicht eine kleine Platte von Gold oder Silber auf die Brust, werft ihm drei Ellen Band über die Schulter, laßt ihn nach Herzenslust das Volk auSsaugen; und das dumme Volk wird das Ungeheuer knechtisch ehren, das es aussaugt!. Wodurch schwingt man sich überall mehr empor, als durch Ränke, Niederträchtigkeit, grobe Schmeichelei, schändliche Bubenstükke und vermessenen Eigendünkel? Ist dies nicht die Macht, die die Welt regiert? Spielt sie picht frech über die Tugend den Meister? Ha,t sitz fke nicht eine eherne Mauer um den Tempel der Wahrheit aufgeführt? Menschen, ändert füre Grundsazze oder euer Betragen! Wenn ihr wollt, daß myn die Tugend ehre, so schäzt und übt sie auch. Iezt dient der Tugendhafte zum Spiele eurer Sitten, Rcgierungsfor- men, Religionen, Gesezze und Narrheiten; wie das Schiff dem Wirbelwinde, oder der Ball dem Knaben." Eö beklagte sich einmal ein würdiger Volkslehrer bei.ffeinem Episcopo, daß ihm so viele, die doch geringere Fähigkeiten besäßen und jünger wären, vorgezogen würden: er gab ihm zur Antwort: 8ersnitKmu5 wären ponritsx msxi- rnu5. Die Stellen würden unmittelbar vom Kabinet aus besezt, und man hätte nicht Ursache über die hohe Gnade 8srenMmi mißmu- thig zu seyn, wenn sie einem oder dem andern den Vorzug gonneten. Die Reihe käme ja wohl endlich auch einmal an ihn. Solche Schöpfe giebt's auf Erden! Ich wollte so eben meinen Begleiter aufmerksam drauf machen, wie weit er sich von seinem Thema verirrt habe, und noch eine und die andre Frage über jene Punkte an ihn thun, §lö unser Hauswirth fast außer Athem auf un- str ser Zimmer gestürmt kam, und dermasen schriej daß mir'S in den Ohren wehe that:„was neues! meine Herrn, was neues!" er nahm hastig einen Stul, setzte sich bieder, und laS uns ohne Umschweife folgendes vor: Frankfurt vom n. August. „Heute Vormittag nach lo Uhr erfolgte die erste'solenne und prachtvolle Auffahrt derer sämtlich hier anwesenden hohen Herren Wahl- bothschüftern, auf den Römer, in 28 sechsspännigen Staats- und Galla-Wagen, unter abgetheilter Doraustretung Deroselbcn sehr zahlreichen Diencrschaften. Eine halbe Stunde zuvor, fuhren des Herrn Reichs ErbmarschallS, Grafen von Pappenheim Excellenz mit glänzendem Zug in einem sechsspännigen Wagen an. Ihre Excellenzen wurden unten an der Thüre deS Römers, von Eines Hoch- Edeln Raths Herren Deputieren, nämlich Herrn Schöffen Dr. Elaudi, Herrn Schöffen Bonn, Herr Senator Dr. Luther und Herr Senator Andrea, dergestalt empfangen, daß deren je zwey Wechselsweise denen hohen Herren Wahl- bothschaftern durch den Römer durch, die grose Stiege hinauf, die andere zwey aber oben von der Stiege bis an das Wahl oder Conferenzzim- 126 mer vorgetreten, desgleichen auch des Herrn Reichs-ErbmarschaüS, Grafen von Pappen- heim Excellenz, die vortrefliche Herren Wahl- bothschafter hinauf begleitete. Die hohe Versammlung wahrete bis gegen 2 Uhr*) Nachmittags, worauf die Herren Bothschafter unter nämlicher Abführung, und im nämlichen Staate sich wieder nach Dero Hotels begaben. Vor dem Römer stand in dem hiezu eigtnds erbauten neuen Wachthause, die Wache mit klingendem Spiel in Parade, und die Witterung begünstigte den herrlichen Pracht dieser Feierlichkeit, der die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zog. Auch fuhren diesen Nachmittag wieder 2 Schiffe, von denen nach den Niederlanden bestimmten Würzburger Truppen, an unserer Stadt vorbey. P h cr n 0 in e n. Wenn Man 1 durch'0,7853981634--- als den vierten Theil der Ludolphischen Zahlen dividirt, so geht es einmal, und es bleibt 0,2146018366 Dividirt man ferner diesen Ucberrest in die 0,7853981634 durch die man vorhin.getheilt hatte, so geht es dreimal *) Nicht wahr; sie dauerte bis gegen z Uhr. 12? Mal, und es bleibt 0,1415926526 Sezt man diesem Ueberrest die Zahl z vor, so erhalt man 2,1415926526- welches gerade die Ludolphische Zahlen sind. Hiezu sage ich weiter nichts, als daß eö ein bloscö Phänomen ist, woraus sich auf die Quadratur des Zirkels schlechthin nicht schliefen laßt. Jezt mag's was zu sehen seyn in Frankfurt. In Zeit von drei Wochen, werde ich Hinreisen. Wenn sie so lange verziehen, so werden sie bei mir in meiner Chaise Plaz nebmen können. War die Bemerkung unsers Wirthes, als er zwischen Thür und Angel sich mit dem Hemdärmel den Schweis, den es wegen dem Herlesen der Neuigkeit absezte, von der Stirne gewischt hatte. Wir danklen für sein Anerbieten, und— suchten auf den Felsen Vulkane, wogen Ursteine und erzeugte Steine gegen einander ab, und bewiesen, die fo lange als die Welt steht vergeblich gesuchte Quadratur des Zirkels, und das sowohl algebraisch als acht geometrisch durch mehr als hunderrfällige Demonstrationen; welches wir aber in einem eignen Buche beschrieben, nur hohen Pvrentaten, weil die am besten uns die so lange dabei verschwendete Zeit bezahlen, Und weil sie grade auch am wenigsten unsre Verirr un- irrungen zu rügen Muse haben werden, zum Derkauffe anbiethen könnem Ob es nun gleich nach Lamberts vorläufigen Kenntnissen für die Erforscher der Quadratur des Zirkels, oder für die, so die Quadratur und Rektifikazion des Zirkels suchen, das Ansehen hatte, als ob wir mit zu jenen gehörten, die von der Geometrie wenig vder nichts verstehen und ihre Kräfte nicht zu schäzzen wissen, oder zu solchen, die mit um den Preist, der wegen der geographischen Länge zur See auf die Quadratur des Zirkels ehemals gesezt war, kämpfen wolten, so hat daö nichts zu bedeuten. Denn was uns an Erkenntniß und Verstand abgeht, und wo wir mit richtigen und zusammenhängenden Schlüssen nicht ausreichen, das ersezt die Ruhm-und Geldbegierde durch feine und verstekte Sophismen, wie solches die ganz neue Figuren Und neue Deweißarten/ deren Abgang seither die Zirkelvicrrung unmöglich Machte, in unserm Buche beweisen. Wir können es daher mit Recht nur hohen Potentaten, die den Erdzirkel umschiffen oder umschiffen lassen, als ein, zur Vervollkommnung der mathematischen Wissenschaften und Ausbesserung ihrer bisherigen Un- vollkommenheiten, höchst interessantes Werk empfehlen. Gestalten Pnvatbuchhändler die verschwelt» schwendete Zeit, die auffallenden algebraischen Berechnungen und die übergehäuften Figuren von Peripherien, Radien, Sinusen und Kosi- nusen, Sennen und Tangenten, Halb- und Doppelbogen nicht bezahlen. Teutschlands Eigenheiten. Ich vergaß inzwischen nicht, meinen Gefährden zw» fragen, was es mit der Auffahrt rind den Wahlbothschaftern für eine Bewandniß habe, und erhielt folgenden Bescheid: Teutschland, Las auch sonst im Kanzleistil das heilige—(wahrscheinlich aus Nachahmung des Titels mvrgenländischer und römischer Kaiser)— römische—(wegen Vereinigung des ehemaligen römischen Kaisertums) — Reich, daö römisch- teutsche Reich, das heilige römische Reich teutscher Nazion, oder auch nur schlechthin das Reich genannt wird, zeichnet sich dadurch vor andern europäischen Staaten aus, daß es aus vielen, ja mehrerer hundert einzelnen und für sich bestehenden gemeinen Wesen oder Staaten zusammen gesezt ist, die aber alle ein gemeinsames Ober- hgupt haben, dem die Reichsregierung zum I' Theil Theil ohne, zum Theil mit Beschränkungen übertragen, auch die Staatenregierung der einzelnen Theile des teutschen Reichs untergeordnet ist. Teutschland ist ferner, von uralten Zeiten her, ein Wahl reich. DaS hcist: wenn sein König oder Kaiser stirbt, oder er noch bei seinem Leben es wünscht, so wählten ehemals sieben teutsche Völkerschaften, als die Ostfranken, die^ Rheinländischen, die Lothringer oder Mosellanischen, die ripuarischen Franken, die Sachsen, die Baiern und die Schwaben, durch ganz freie Wahl einen Prinzen, den sie, diese Würde zu behaupten, am fähigsten glaubten, zu seinem Thronfolger. Diese KönigSwahl wurde nachher bei drei Pfaffenfürsten und vier Laienfürsten— Pfalzerzfürsten— wie man sich ehemals ausdrückte, lediglich gelassen. Diese nunmehr acht Kur- oder Wahlfürstm versammle»'sich, oder, wenn sie selbst nicht wollen, ihre Abgeordnete in einer gewissen dazu bestimmten Stadt, die man Wahlstadt nennt, und welches gegenwärtig Frankfurt ist, und berathschlagen sich daselbst mit einander, wen sie Wahlen tzi wählen wollen. Man nennt die Zeit ihrer Versammlung den Wahltag. An diesem Wahltage finden Präliminar- und Hauptkonverenzen statt, die alle auf dem Rathhause, dem Römer zu Frankfurt, in einem dazu bestimmten Berathschlagungszimmer des Vormittags auf vorhergehende Ansage deö Reichscrbmarschallamts abgehalten werden. Kur- mainz führt das Hauptdirertorium. Die Kurfürsten und erste Wahlgesandte sizzen nach der sogenannten Lateralordnung auf der Repräsentantenbank, die zweite und dritte Wahlboth- schafter an dem Votantentisch, die LegationS- sekretare ebenfalls an einem eignen Tische. Der Zug nach dem Rathhause ist glänzend und heist Auffahrt. Die Anzahl der Konferenzen an dem Wahltage ist verschieden. Bald sind es mehrere, bald weniger, je nachdem die Gröse der vorgefundenen Wahlschwierigkeiten es erfordert. So wurden in den Jahren, 1741 und 42, 49 Sessionen und im Jahr 1764 nur io gehalten. Der Hauptgegenstand dieser Konferenzen betrifft die Entwerfung einer Wahlkapitulazion, oder denjenigen feierlichen und vom neuen Kaiser zu beschwörenden Vertrag, den die Kurfür- , 2 2 sten IZ2 sten für sich und ihre Reichsmitstände mit dem erwählten Oberhaupte über die Reichsregierung schliefen. Ist man damit überein gekommen, so wird dereigentliche Wahltag festgesezt. Vor dem- sclbem schwört die Wahlstadt den Kurfürsten den Sicherheitseid, und schafft die Fremden hinaus. Am Wahltage besezt unter Lautung der Sturmglokke die gesammte Bürgerschaft und Garnison mit klingendem Spiele und fliegenden Fahnen die Strafen. Die Thore werden verschlossen, und die Schlüssel von Kurmainz' an den Reichserbmarschall, von diesem aber in da« Wahlkonklave abgeliefert. Die anwesenden Kurfürsten und der abwesenden erste Wahlbvtschafter verfügen sich hierauf nach dem Rathhause, von da aus aber unter VvrauStrettung eines zahlreichen Gefolgs zu Pferde, und zwar erstere in ihrem Kurhabit die Wahlbothschafter aber in spanischer Manteltracht, oder sonst in einer kostbaren Kleidung nach der Kirche, worinn die Wahl vorgenommen werden soll, und nehmen daselbst im Chor die ihnen durch aufgehängte Täfelgen und darauf bezeich. riete Pläzze ein. Worauf des heiligen römischen Reichs Thürhüter die Kirche mit mum Mar, -— IZZ schallstab in der Hand bewacht, nachdem sie zuvor von dem Reichserbmarschall ist gesperrt worden. Hierauf wird ein Hochamt gehalten, und sodenn nach angestimmtem Hymnuß, VeuL fänäke spiritnx, von den Kurfürsten gegen den von Mainz, nachdem derselbe zuvor gegen den von Trier oder Köln oder in deren Abwesenheit gegen des erstem Wahlbothschafter geschworen hat, folgender Eid abgelegt. Ich N. N. von Gottes Gnaden... Kurfürst, schwöre zu den heiligen Evangelien, hier gegenwärtig vor mich gelegt, daß ich, durch den Glauben oder Treue, damit ich Gott und dem heiligen römischen Reich versinkt und verbunden bin, nach aller meiner Vernunft und Verständniß mit Gottes Hülfe wählen will ein weltliches Haupt dem christlichen Volk, das ist: einen römischen König in künftigen Kaiser zu erheben und zu machen; der dazu geschickt und tauglich sey, so viel mich meine Vernunft und Sinne weisen, und nach dem berührten meinen Sinn und Glauben oder Treue meine Stimme, Votum, ohne alle Geding, Sold, Lohn oder Ver- heiS, oder welcherlei MaaS die genannt werden möchten, als mir Gott helf und sein heiliges Evangelium. I z Als- IZ4 Alsdann tretten die Wahlbothschafter vor, und legen ebenfalls ihren Eid gegen Kurmainz ab, der nur darin von dem der Kurfürsten ihrem verschieden ist, daß sie als Gewalthabende Botschafter ihrer Kurfürsten in ihre und dessen Seele, von dem sie geschickt worden sind, schwören, und einen römischen König in künftigen Kaiser zu erheben- aber nicht zu machen angeloben. Nun begeben sich, auf angestimmte Anti- phon: Veni lsnÄe lpirtru; die Kurfürsten und ersten Wahlbothschafter in das Konklave oder eigentliche Wahlzimmer, woselbst sie auf der Epistelseite in einer Linie nach dem Rang des kurfürstlichen Kollegiums, in der Linealordnung Plaz nehmen. Sodenn wird, nachdem die Thüren des Konklaves durch den Reichserbmar- schall verschlossen sind, und von dem ReichSthür- hüter ferner»erwacht werden, zur wirklichen Wahl oder Ernennung des römischen Königs geschritten. Es kommt dabei auf die Mehrheit der Stimmen an, die mündlich und öffentlich, oder durch ein Scrutinium gegeben werden, nie aber bedingungsweise oder sonst schwankend seyn dürfen. Kurmainz ruft zu dieser Abstimmung die Kur- Kurfürsten nach einander auf, und wird zulezt selbst von Kursachsen aufgerufen. Kurmainz zahlt die abgelegten Stimmen, eröffnet vor den inS Konklave gerufenen Zeugen und Notarien die Wahl mit förmlicher Benennung des Erwählten, die übrigen Kurfürsten oder Wahlbothschaster bestätigen es durch ein lautes Ja, und die Notarien verleiben solches alles in ihre Wahlinstrumenten ein. Die Bevollmächtigte des Erwählten, welches gewöhnlich die Wahlgesandten desselben sind, beschwören sodenn in ihres Prinzipalen und ihre Seele die vorgelegte Wahlkapitulation. Der Kanzler von Kurmainz ruft den Erwählten im Konklave auf. Die Kurfürsten und ersten Wahl- bothschafter begeben sich auf eine im Chor errichtete Bühne, wo durch den Kurmainzischen Domdechant der Neuerwählte dem Volke proklamirt wird. Er ruft ein freudiges: Vivar stex! Das Volk stimmt mit ein; Pauken- und Trompeten- schall erhöhen den angestimmten ambrosianischeN Lobgesang und sodenn wird unter frohem Volks- gejubel, Lautung aller Glokken und Abfeuerung der Kanonen der feierliche Rückzug der Kurfürsten und Wahlbothschaster in der nämlichen Ordnung nach dem Rathhause wieder vorgenommen. i?6 Indeß wird dem Neuerivählten daS förmliche Wahldekret oder Diplom durch einen dazu ernannten Fürsten üherschickt. Kurfürsten, Fürsten und Stande des Reichs statten ihre Gratulation durch abgeordnete Mitglieder ihrem Oberhaupte ab. Es wer- den die Reichsinsingnien und Kleinodien von Nürnberg und Aachen Herbeigeschaft, und überhaupt Anstalten zu dem Empfang und der Krönung des Erwählten getroffen. Doch diese Feierlichkeiten lassen sich besser sehen und empfinden, als beschreiben. Morgen, wenn es ihnen gefällig seyn wird, wollen wir die Tag- reise, die wir noch nach Frankfurt zu machen haben, vollenden. Ich bin es zufrieden, erwiederte ich. Aber wie sie mir da erzählt haben, so kann ich nicht anders schliefen, als daß dieses Wahlqeschäfte, mit zu vielen Weitläuftigkeiten, ich will nicht sagen, auffallenden Sonderbarkeiten und tausend Beschwerlichkeiten verknüpft seyn müsse. Könnte es denn nicht auf eine andre Art, etwa ohne solche Konferenzen durch schriftliche Unter- handlungen betrieben, oder nicht besser noch das Erbrecht, wobei man aller der Umstände cntübrigt wäre, eingeführt werden? Was Was das erste betriff, so konnte das vielleicht, wenn man nicht Rücksicht auf das Volk, das zu sehr an alten Gewohnheiten und verjährtem Herkommen hangt, zu stark am sinnlichen klebt, und doch. auch gern seine Freude hat, die man ihm ja wohl gönnen kann, nimmt, ganz gut angehen. Denn da insgemein schon vor dem Wahltag der kaiserliche Thronfolger von den teutschen Fürsten bestimmt ist, so sehe ich nicht ein, warum das Zeremo- niel und die Umstände nicht könnten und dürften geändert werden. Allein durch Einführung des Erbrechts würden sie TeutschlandS Eigenheiten viel zu viel vergeben. Man will so schon seit langer Zeit dafür halten, als wenn wir Teutsche nur Fremden nachäfften. Würde nun auch noch StaatS- und Regierungsform nach andern Reichen umgeändert werden, so würde da« mit allem Recht uns können aufgebürdet werden, da eS übrigens bisher doch immer nur scheinbar, nie aber evident war. Denn einige französirende Herrchens und DamenS wollen unser System nicht unformen, und dem Erbrecht ist in der goldnen Bulle, einem feierlichen ReichSgesez, vorgebaut worden. 2? Frei- rzs—— Freilich verräth es wenig Vaterlandsliebe, Mnn auch sogar ernsthafte und biedre teutschscheinende Männer ächte Sitten und Sprache verdrängen wollen, und sich schämen Teutsche ju seyn. So dachte der Römer, der Beherrscher der Welt, der es sich zu seyn dünkte, nicht. 3m Gegentheil suchte er seine Sitten, seine Sprache und seinen mit seinem Bildnisse gcpräg-^ ien ZiNSgroschen in den von ihm eroberten Pro-! vinzen einzuführen, und sich dadurch seine Gröst! und sein Ansehen zu sichern. Indeß glaube ich, haben wir noch zur Zeit! nicht Ursache zu wehklagen. Die achte Teutschen! werden noch länger das Uebergewicht behaupten, j Werden sich ihre Eigenheiten, ihre Staatsverfas-! sung, Sprache und Nationalschri st nicht nehmen lassen. Gesezt auch daß die teutsche Lettern zu gothisch und ohne Geschmack wären, und^ durch allgemeine Einführung der lateinischen Sprache— welches jedoch niemals wird völlig i erwiesen werden können— das Leselernen aller übrigen Sprachen erleichtert würde; gesezt auch, Man erfände eine neue Art von Lettern, die runder, einfacher und den laieinischen am nächsten wären, liefe sie giesen, und streute noch so viele Proben davon, durch den Abdruck einer aus dem dem Englischen in Verse übersehen Northumber- ländischen Ballade unter das teutsche Publikum aus.— Die Teutschen behalten ihre Eigenheiten, sind— keine Affen. Der Sehewinkel. Daß Unser Standpunkt gegen eine Sache, die wir schäzzen wollen, einen sehr grosen Einfluß auf unser Urtheil über jene Sache hat, kan dem nicht unbekannt seyn, der nur einigermassen die Gesezze der Optik sich eigen gemacht hat. Abet eben daraus folgt für uns die wichtige Lehre: daß wir nie zu schnell in unsrer Beurtheilung seyn und unsre Aussprüche nie zu steif behaupten sollten. Eine Lehre, die besonders von denen verdiente beherzigt zu werden, die uns die Lage, Größe und Pracht der Städte verzeichnen wollen. Zumal da der Eindruk, den die erste Uebersicht davon in unsre Seelen prägt, sich allzugenau in unsre folgenden Gründe, durch die wir unser Urtheil bestimmen wollen, einmischt, und wir daher nur öfters zu gerne geneigt sind, Haupte strafen als Nebenstrasen, Hauptgebäude als mit- telmäsige Häuser, oder die elendesten Gäscheii und kleinsten Schlupfwinkel als die schönsten und breite- breitesten Gassen, und die niedrigsten Privathau- ser alsdiegröstenPallasteunszu denken. Frankfurts Lage kan Belege hiezu aeben. Diese Reichsstadt, die schon in der Mitte des zwölften Jahrhunderts durch einen Reichsschluß zur gesezmäsigen Wahlstadt eines neuen Kaisers bestimmt wurde, liegt etwas tief, und wenn wir den einen Theil derselben, Sachsenhausen, aus- nehmen, und die Deklination, nach Norden hin, Nicht in Anschlag bringen wollen, so ziemlich in einem kalben Zirkel langst am Maine hin, der gleichsam den Diameter vorstellen kan. Eben daher muß es kommen, daß der Anblik davon, nach der Verschiedenheit des Standpunkts, aus dem man sie übersieht, einen verschiedenen Eindru? auf die Zuschauer macht. Denn da der Winkel, der sich mit dem Diameter und der Tangente erzieht, am kleinsten ist, so kan der Reisende, der von hieraus die Stadt zu Gesichte bekommt, am wenigsten von der Grosse und den Schönheiten derselben gewahr werden. Es muß ihm unangenehm seyn, wenn er die Och'ekte, die sich in seinem Sehewinkel ,ezt darstellen, mit den schon vorher gehabten Ideen, die vielleicht nur allzusehr durch Erzählung von der Größe und Pracht dieser Stadt gespannt waren, in Vergleichung bringt. bringt. Er wird glauben müssen, man habe ihn hintergehen wollen. Schon ein günstigeres Urtheil wird der fallen, der mit dem SinuS totuS seinen Weg nach der Stadt zu findet. Er sieht sie besser auf beiden Seiden rersireut, die Gegenstände dekken nicht mehr so einander, erkansclM einzelne Großen und Schönheiten genauer bemerken, und dadurch seinem Auge und seiner Beurtheilungskraft reichlichere Nahrung verschaffen- Aber noch kommt das nicht mit dem Anblikke dessen überein, der auf der entgegen gesezten Seite, nach dem Centrum deö Durchmessers, in senkrechter Linie sich nähern kan. Denn nur der ist im Stande, wahre und scheinbare Größe gehörig zu unterscheiden, das Ganze mit einem Mitte zu übersehen, und die einzelnen Theile, je nachdem er seinen Sehewinkel verändert, genauer zu fassen. Es giebt in den einzelnen Theilen der Gelehrsamkeit, besonders im medizinischen und theologischen Fache, ähnliche Standörter und Ver- hältnisse. Würden Männer, die in diesem Fache etwas gelten wollen, dies beherzigen können, so würde unsägliches Aergerniß vermieden werden; man würde sich nicht durch Schimpfen und Lästern, durch die entehrendsten AuSdrüke unter die / 142—- die Gassenjungen erniedrigen; würde seine Größe nicht in dem Berpusiseyn finden wollen, daß! man Teutsch gesprochen habe; würde es nur^ eines Unmenschen anständig finden, den gröbsten aller Grobiane beschreiben, ihn mit eiserner Stirne bezeichnen und dabei Greise zu Buben, Männer zu Schulknaben, Naturgebrechen zu Bosheiten, Fehler zu himmelschreienden Sünden umformen zu wollen. Im Gegentheil, man würde liebreich sich betragen; allenfalls nur mit den Worten einander zurufen: Bruder, dein Sehe- winket war nicht der meinige, betrachte die Sache einmal aus meinem Standpunkt, und sie wird dir vielleicht anders vorkommen. Und so würde man seine Größe behaupten, würde der Erdensohn voll demüthigen Anstaunens sich auf's Knie werfen, den Hut ziehen, und danken, daß er solche Männer zu Brüdern hat; und der rei-! sende Marsbürger?— Je nun, der wüßte dann freilicy seinen Landsleuten nichts zu erzählen, von teutscher Union, aufgeklärter Bande, kalabri- schem Selbstdünkel, Quaksalbcrwiz, hochad- sicher Schafsköpfigkeit, gelehrter Schweinerei, Tollheit, Besoffenheit, Hundswuth, Dumdrei- stigkeit, Unverschämheit, garstigen Pudenden, Leschmuzten Kloaken; wüßte ihnen nichts zu sagen I4Z sagen von Bootsknechten, Bauernlümmeln, TroS- buben, Ritter Don Quipotten, die mit Windmühlen fechten, beleidigten Hökerweibern, mahn- wizzigen irrenden Rittern, ersten Schaafököpfen in Europa, Schwachmatikussen, gröbsten Grobianen, Wüthrichcn, Teufelsklauen, Stinkbök- ken; wüßte sie nicht zu unterhalten von DahrdtS Lingam, BiesterS Güte, GedikenS Wohlgezo- genheit, VüschingS Jugend, Eampens Unei- gennüzzigkeit, Trappe Feinlache, Bojes Achseb- tragerei, KlokenbringS Artigkeit, LichtenbcrgS kleiner geilen Mondkorrespvndentö, Ebelings Blindheit, Nicolais Heerführung, KästnerS Keuschheit, Quittcnbaums und seines Aßisten- ten des Leipziger Magisters armer Teufelei, Monsieur Liserins Visittenkarten, Schulzens Zopfpredigt, Mauoillon kleiner Tapferkeit, Blankenburgs Verkaptheit, EttingerS Unbedeu? tenheit, Schi'nkö Marionetten, DinandokS Ausgelassenheit und Zimmermanns eingeklanp- mertcn svon^ aber dagegen müßte ep ihnen anzupreisen die herrliche Uebereinkunst der größten Männer in Arbeiten, Emporstreben und Vervollkommnen des Geistes und edlung des Herzens; wüßte so mehr bei ihnen zu rühmen die heilsamen Beschäftigungen in der Ein-- Einsamkeit und Volksaufklärung; wüßte ihnen zu loben die guten, fürs Wohl der Menschheit abzwekkenden Bemühungen in den neusten Of- fenbahrungen, in der Sittenlehre für seine Mitbürger, indem Erziehungswcsen; wüßte ihnen vorzuzeichnen die Riesenschritte mit denen jene Männer in allen Theilen der Gelehrsamkeit, vorzüglich in den Feldern der Physik, Mathematik, Geographie, Geschichte, schönen Wissenschaften, Natur- und Völkerkunde vorwärts geschritten und ihre Nachbarn weit hintersich zurück gelassen hatten. Und den guten Mars- i bewohnern würden Freudenthranen in den Au-! gen glänzen, über der Erzählung, daß ich auf» meiner Reise Menschen angetroffen hatte, die>. gute, edle, herzliche, sanfte, thätige, ihnen und i GOtt ähnliche Menschen wären; man würde f den Tag meiner Rükkehr feiern, und e beim festlichen Pokale ein dreimali- d ges Heil den Friedeliebenden Erde- brüdern zujauchzen. k II Frankfurt. Wir hatten das Glük uns der Wahlstadt von der Seite des Diameter«! zu nähern, und fanden ei si I 145 r fanden uns in unsrer Erwartung um so weni- t ger betrogen, je überraschender der Anblick war, . den wir von einer Anhöhe aus, die mit den - schönsten Weinstökken und Obstbaumen bepflanzt , war, mit einem Mal über die Stadt thun konn- e ten. Sie lag, wie hingegossen, in ihrer völli--- , gen Pracht und Grösevor unsern Augen. Unsre - Blilke weideten sich lang am Ganzen, dann ir- - ten sie zu einzelnen Theilen, zu vorzüglich sich - auszeichnenden Gebäuden hin hingen zulezt an k dem weit über Thürme und hohe Häuser hinauf- . ragenden Dom. Wir bewunderten an ihm go- - thische Kunst und Unternehmung. Nun»er- i weilten wir bei der Menge und Schönheit der Lust- ! und Gartenhäuser, die wir linker Hand hin an ' beiden Ufern des Mains ansichtig wurden. Sie r schienen uns Palläste zu seyn, ganz nach der Art » erbaut, wie sie ehemals der stolze Römer an > dem ligustischcn Meere austhürmte, damit sie > Stürmen und tobenden Fluchen Troz bieten könnten. Der Main mit vielen grosen Schiffen und einer Menge kleiner Fahrzeuge erhöhte die Augenweide und vergewisserte uns die schon lange vorher eingezogene Nachricht, daß diese Stadt eine der berühmtesten Handelsstädte in Europa sei, wo man auf den zwo Messen, die sie alle K Jahr Jahr halt, Kaufleute auö den entlegensten Gegenden der Welt beisammen sehen kan. Jezt kamen wir tiefer herab. Die Herrlichkeit verlvhr sich. Wir hatten Zeit uns zu sammle»; befanden uns aber an und in der Stadt, ehe wisss veriputheten. Himmel, was für ein Lärm! Welch ein Getöse! Es trommelt, stürmt, der Thürmer blaßt, es schießt, die Leute laufen wie unsinnig, mir stehen die Haare zu Berg! was giebtS, brenntS? schrie mein Gefährde aus vollem Halse. Laufen sie mit, versezte ein Vorbeieilenber eben so rasch, sie werden sehen. Laufen sie. Wir folgten, ohne zu wissen wohin? oder warum?. Und sahen, wie man hier liefet. Frankfurt, vom 2Z. September. „ Nachdem der Hochwürdigste Fürst und Herr, Herr Friedrich Carl Joseph, des heil. Stuhle zu Mainz Erzbischof, und deö heil. Röm. Reichs durch Germanien Erzkanzler und Churfürst, als des höchsten Churfürst!. Collegii Dc- canuö, und des höchst wichtigsten Röm. Kaiser!. Wahlgeschaftcö Director, Sich bewogen gefunden, nach der des heil. Röm. Reichs-und Wahl- Stadt Frankfurt am Mapn, persönlich zu erheben, ei L ä » n t>! n d h 8 ß h t> n § b e 2 i I r 147 heben, um an dem höchstwichtigen Wahlgeschäfte eines neuen Reichs- Oberhauptes, Dero höchsten Ortes, selbsten mit Hand anzulegen, und solches zu einem dem Reiche ersprieölichen Schlüsse zu bringen: so haben Höchstdieselben den gestrigen Tag, zu Dero Anhervkunft, gnädigst zu benennen, und einem dasigen Hoch-Edlen Rathe, von dieser Churfürst!, höet sten Intention, jedoch mit Verbittung aller Empfangs- Ceremonien, die vorläufige Nachricht zu geben, gnädigst geruhet: sofort Sich in höchster Person, Morgens gegen ir. Uhr von Dero Residenz aus, in zwey sechsspännigen und zwey vierspännigen Wagen hierher erhoben, und gegen zwey Uhr, in Begleitung Sr. Excellenzen des Herrn Obrist-Stallmeisters Grafen von Elz, des Herrn Obrist- HofmarschallS Grafen von Jngelheim, und des Herrn Obrist- CämmererS Freyherrn von Wam- bolds rc. re. in hiesiger Stadt, in höchst bcglükt erwünschtem Wohlergehen dahier eintrafen. Beim Eintritt? wurden Jhro Churfürst!. Gnaden mit 2; Stückschuß von denen Wällen salutiert, und innerhalb der Stadt stunden von den hiesigen 14 Bürger- Quartieren y derselben bis an die Hauptwache mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiele auf beyden Seiten der Straßen K 2 im im Gewehr. Auf der Hauptwache paradirten die Grenadiers- und neben denselben an der St. Catharinenkirche auf der Zeil, bis auf die große Eschcnheimer Straße hin die Stadtgarnison, ebenfalls mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiele. Sobald nun Jhro Ehurfürstl. Gnaden dieselbe vorbey paßiret, und in Jhro Absteigequartier, dem Fürst!. Tauschen Palais, wo ebenfM eine Compagnie Grenadiers paradirte, abgestiegen warenmarschierten die sämtliche vorgenannte 9 Bürger-Quartiere in ihrer Ordnung nach und nach auf, und gaben deren<— jede- im Vorbeipaßiren, zu unterthanigsten Ehren Ihrer Churfürst!. Gnaden eine Salve." Das versteh" ich nicht, lieber Bruder, hör ich dich im Geiste sprechen. Ich aber «rieh nicht. Und doch soll es plan, verständlich, und Volkssprache seyn. Wenigstens wird eö für die größere Klasse der Menschen geschrieben, die noch bei weitem die erforderliche Kenntnisse nicht haben können, alles das einzusehen und zu begreifen, was ihnen von ihren Schriftstellern in ungeheuren Perioden, in einem Wirwar von Phrasen und dem lächerlichen von albernen, Pedanten Ausdrükken und persifliren- dem Wtzze aufgetischt wird. Ich kan dir'ö freilich. 54Y > lich,da du delikatere Speisen zu gewesen gewohnt bist, nicht verargen, wenn du die Nase rümpfest, den Mund verziehest und sprichst: auch nicht einmal ein mittelmasiges Gerüchte ist das! es ist völlig unverdaulich! Ist es mir, der ich schon mehr als ein Hundert teutsche Journale zu Gesichte bekommen und gelesen habe, doch auch nicht besser ergangen. Aber nach und nach kan man sich schon dran gewöhnen, besonders wenn man ohne Geschmak und Geruch schlukken lernt. Gin besondrer Vortheil, den ich einem teutschen Advokat zu verdanken habe, der, wenn ihm schlechter Wein vorgcsezt wurde, Auge und NaS sich Hielt, und mit dem AuSdruk:„ man muß auf den Kamm bcissen„ die saure Brühe «»schlürfte. Hiebei hafte er nun freilich den dop- Mm Vortheil, der uns leider picht zu statten lvmmt, daß er für's erste den Wein nicht bezahlt» durfte, und für's andre, daß er ihm weder ! Hpfweh noch Bauchgrimmen verursachte, weil bkr Rambas, wie er ihn zu nennen pflegte, nicht lange bei ihm blieb. Gedulde dich, lieber Brütn, wie der Grdbürger, der noch mehr ertragen kan. Bei unsrer Zusammenkunft will ich dir es so gut erklären, als es mir möglich ist. K? Und Und dem Schreiber kansr du es auch wirklich nicht zu gros verargen, wenn du bedenkst, m wie viele anderweitige Geschäfte er verwikkelt ist, und dabey sichs doch einmal zur Pflicht gemacht hat, wöchentlich zween volle Bogen Neuigkeiten zu liefern. Ueberlege, was das sagen will, und es tch'rd dir begreiflich werden, warum er seinen Zwek, Dolksaufklärung, die freilich am besten durch die sogenannten Zeitungen bewirkt werden konnte, und Unterhaltung einsichtsvoller Leser nicht immer vor Augen haben kan, sondern sich'i muß angelegen seyn lassen, zu dehnen, unverständlich und lächerlich zu werden. Für velliz unschuldig wirst du den Schriftsteller erklären, wenn du dir vor allen Dingen den Bcgrif m Glükseligkcit bemerken willst, den ich auf meiner Reise unter den Erdebewohnern als den her- schendsten gefunden habe. Nach denselben ist Privatintcresseder Bcwegungsgrund aller mensch- lichen Unternehmungen. Man glaubt nämlich nicht mit uns, daß daö vornehmste Mittel, mit sich selbst zufrieden und folglich glüklich j» seyn, darin bestehe, daß man die gesellschaftlichen Neigungen in ihrer völligen Kraft habe, und daß diese Neigungen entbehren, oder sie mangelhaft haben, eben so viel sei, als unglücklich seyn. Da man darnach auch nicht glauben kan, daß eS ein Unglük sei, gar zu wirksame Privat- neigungen zu haben, welche über die Gränzen hinausgehen, worinnen die gesellsckaftlichen Neigungen sie einschränken sollten: so ist man folglich auch nicht bemüht, die leztere den erstern unterzuordnen; und so kan es allerdings nicht anders seyn, als wie eS wirklich sich ergiebt, nämlich, daß zuerst die gute Sache selbst, sodenn die Menschheit und eigner guter Name leiden müssen. Doch— lapismi lstc! Irdische Freude. Und was sagen denn sie zu dieser herrlichen Freude, zu diesem prächtig glänzendem Aufzuge? Fragte ich, nach der Seite zugekehrt, wö ich mei-- nen Reisegefährden zu stehen glaubte. Aber wie gros war nicht meine Bestürzung, als ich keine Antwort erhielt. Ich drehte mich schnell nach allen Seiten um, und sah' ihn nicht. Vermuthlich hatte er mir nicht folgen können, als ich mich unter den großen Haufen gedrängt hatte. Ich erkundigte mich bei den Nachbarn, ob nicht ein Mann so und so gekleidet, von der Gröse, Gestalt und Beschaffenheit neben ihnen gestanden hatte, und sie wußten s nicht. Ich lief durch K 4 alle IZ2 alle Strafen, durchschaute alle Goschen, fragte in allen Gasthäusern nach, und fand ihn nicht. Des Laufens und Nachfragens müde, blieb ich endlich da, wo ich zukezt vergeblich nachgefragt hatte, bat den Wirth mir ein Zimmer, welches ich für sezige Zeit noch um einen ganz billigen Preis erhielt, anzuweisen, und ließ daselbst einsam und ungestört meinen Gedanken freien Lauf. lind daß mir jezt die Herrlichkeit des Tages ganz anders vorkam i als da, wo ich gleichsam nur Aug und Ohr war, und auch ganz anders vorkommen mußte als den vielen tausend neugierigen Zuschauern, die ich vor einigen Stunden verlassen hatte, last sich leicht denken. Mein erlittener Verlust konnte mit dem Genusse nicht in Rechnung kommen. Er überwog ihn weit. Mir kam es jezt erst vor, als wenn der Dauer reckst hatte, den ich mitten unter dem Gedränge zu seinem Lcachbar sagen horte: Das ist noch nichts-, wenn der Kaiser kommt, da wirst du erst Staat sehen! Aber Peter, es sind doch nur aach Mensche.; und, alle Mensche müsse sterbe, und dann heißt's: „Ach.wie nichtig, ach wie flüchtig: Ist der Menschen Prangen.' Der in Purpur hoch vermessen Ist Ist als wie ein Fürst gesessen/ Wird im Tode bald vergessen." Diese so wahre als bittre Sprache machte mich mißmuthig und äußerst unzufrieden. Ich versank in stilles Nachdenken lies mir ein Abendessen auf das Zimmer bringen, und bestellte auf den folgenden Morgen eine Postchaise-. So kan man mitten im Gewühle von Freuden sich befinden, und doch, wenn uns das Lieb- sie mangelt, misvergnügt seyn— irdisches Glück in einem falschen Lichte betrachten. Der Entschluß. Wenn unsre Entschließungen nicht mit Bedacht, das möchte heisen, nicht nach vorhergegangener Erwägung der Gründe, die uns bei Unternehmung einer Handlung bestimmen müssen, ob sie so oder so zu ordnen, wirklich zu unternehmen, oder gänzlich zu unterlassen sei, wo denn der bessere Erfolg, der freilich nur nach wahrscheinlichen Graden berechnet werden kann, den Ausschlag geben muß, genommen sind, sondern nur in der Gewalt von äusern Eindrükken, oder in Laune, kälterem oder wärmerem Blute ihren Grund haben, so sind sie insgemein von keiner langen Dauer, nehmen mit den Empfin- K; dun- düngen der äuftrn Eindrükke nach und nach ab? und verlieren sich zulezt wohl gar. Doch vermag zuweilen jenes Fantvm von Ehre, das öfters dem redlichen Manne feinen Kopf kostete und einer Sklavin auf den Thron verhalf, unsre Entschliesungen, auch wider unsern Willen, geltend zu machen. Ich genoß nach erlittenen Beschwerden und beklagtem Verluste eine sanfte und erquikkende Ruhe, hatte beym Erwachen meinen, gestrigen Verlust, Postchaise und Reise vergessen, und freute mich recht herzlich auf die neue Herrlichkeit, die ich bei bevorstehender Wahl und Krönung zu Gesichte bekommen würde, als auf einmal der ankommende Pvstknecht meiner Freude ein Ende machte. Es hies die Chaise sei da, vb'S gefällig wäre einzusteigen, und wohin die Reise gehen sollte. Du würdest lächerlich werden, wenn du deine Entschliesung ändern wolltest, dachte ich; bezahlte den Wirth, stieg halb unwilligem, und bestimmte mich nach dem Orte hinzubringen, den ich nahmhaft machte. Ich hoffte"meinen vermißten Begleiter dort am ersten anzutreffen. Denn er hatte mir erzählt, daß er daselbst einen redlichen alten Geistlichen kenne, der sein Lehrer und I?? und sein Freund wäre, und den er bei dieser Gelegenheit zu sehen und zu sprechen gedachte. Ich fuhr eine, zwo, drei Stationen. Gieng sodenn zu Fuö quer Feld über, und wurde von dem Geistlichen als Freund seines Freundes auf das sreundschafilichste empfangen. Der Landgeisiliche. Wenn ein Mann seinem Stande gewachsen ist, wenn er dabei sich es laßt angelegen seyn, seine Pflichten, die ihm zukommen, redlich zu vollziehen, und sich bestrebt, den Namen eines guten Hausvaters und Bürgers in der That zu verdienen, so hat er allerdings Ursache, Anspruch auf unsre Liebe und Hochachtung zu machen. So viel ich auf meiner Reise einsähe, so fand ich, daß unter allen Menschen, die ich kennen lernte, niemand mehr diese Hochachtung und Liebe nächst guten Fürsten verdiene, als ein Landgeisilicher, der seiner Bestimmung gemaS lebt. Nach derselben wird er aufgefordert, ein Vorbild seiner Gemeinde zu seyn, ihnen zu zeigen, wie sie ihr Leibliches und ihr Seelenwohl zugleich auf das Beste besorgen können. Und thut er das, dann werden ihn gewiß seine Gemeinde- meindsglieder als ihren Lehrer, Vater, Freund und Wohlthäter erkennen und ehren, und Bewunderung und Zuneigung von Fremden wird ihm auch nie versagt werden. Du darfst nicht glauben, Bruder, daß ich die Stadtgeistlichen dadurch herabwürdigen wol- le. Aber zu gute wirst du mir es halten, wenn ich dir das offenherzige Gestandniß ablegen muß, daß ihr Wirkungskreis für'S Menschenwohl nicht so groö ist, als der eines Landgcisilichcn. Sie haben, wegen vielen Kollegen, wegen der Menge von Einwohner und der Freiheit derselben, sich zu dem Geistlichen zu halten, der ihnen gefallt, so zu sagen, keine eigene Gemeinde; kennen ihre Gemeindsglieder selten, und wissen dosier auch nicht, wo sie Lastern vorbauen, Unwissende belehren, Irrende zurecht weisen, Fehlende warnen, Zweifler beruhigen, Schwache unterstuzzen und Gutes befördern sollen. Ein Fall der bei einem Landgeistlichen nicht statt finden kann. Er ist allein. Seine Gemeinde ist nicht zu gros, und er kann also leicht sehen, waS si'e oder da zum Besten zu thun sei. Hierzu kommt noch, daß der StaLtgeistlich-, wenn er leben will, den Mantel stark nach dem Winde hangen, steif an dem alten System halten muß, und r?7 und nichts unternehmen kann, als Jahr aus Jahr ein in seinen Predigten, Betstunden und Katechismuölehren trockne Dogmatik vorzukauen. Denn da er einen grosen Theil seines Lebensunterhaltes dem sogenannten Beichtpfenning oder einem Neujahrsgeschenk verdankt, so läßt es sich leicht denken, daß er sich mehr nach dem Sinne und der Denkungöart seiner Beichtkinder richtet, ' und ihnen einen tiefern Bückling macht, als ein Vater, um nicht lächerlich zu werden, billig sollte; und da seine Herrn Kollegen eben das empfinden, und ihm auf den Dienst lauern, und ihn sogleich, wenn er nicht in dem gewohnten Gleise, ob sie gleich selbst merken, daß es zu tief und nicht mehr zu befahren sei, bleibt, verdächtig zu machen und ihre Größe und den Reichthum ihrer Kinder, auf seine Unterdrükkung zu bauen suchen, so ist er genöthigt, mit in den Ton seines Zirkels auch dann noch einzustimmen, wenn er schon fühlen sollte, daß er völlig verstimmt wäre. Furcht vor Verlust läßt ihn hier reden, was er nicht glaubt, dort etwas behaupten, wo er gerade, vom Gegentheil überzeugt ist. Ob er aber dabei ein ehrlicher Mann bleiben könne— so wie der Jurist, der, seinem Vorgeben nach, wenn er den Anwald macht, nach Zeit und i?8 und Umstanden etwas behaupten kann) was in seinen Kram dienet, und bei einem andern nach veränderten Umstanden mit Mund und Hand fürs Gegentheil kämpfen kann, je nachdem eS die Umstände erheischen, und doch ein ehrlicher Mann bleiben kann— lasse ich an seinen Ort gestellt seyn. So viel ist gewiß, daß die feinere Welt deswegen spöttelt. Ganz anders verhalt es sich mit einem Landgeistlichen. Der kann, wenn er Kopf und Herz hat, freier denken, und gröseres Gute wirken. Beichtpfenninge, Neujahrsgeschenke blenden ihn -nicht: er hat oder erwirbt sich durch FleiS und Geschicklichkeit sein reichliches Auskommen. Neid und Hinterlist legen ihm keinen Zwang auf: er hat keine Kollegen, die er fürchten muß. Sein System ist GlückseeligkeitSlehre. Darnach legt er in einer herzlichen und vertraulichen Sprache seinen Zuhörern ihre Pflichten anS Herz, und bewegt sie durch die wichtigsten Gründe, die Vernunft, Erfahrung und Folge an die Hand geben, zur Vollbringung derselben. Nebenbei lehrt er seine Dauern, wie sie ihre Wirthschaft einrichten, ihre Haushaltung führen, ihr Feld auf das Beste besorgen, ihren Nahrung und Viehstand zu ihrem Nuzzen erweitern, und nächst ^^'' i?9 nächst dem Bestreben nach Vergnügen und Zufriedenheit, durch Abwechslung von Arbeit und Ruhe, von anhaltendem Fleise und Crhohlung, und durch Beobachtung der Mäsigkeit und andern diaetetischen Regeln für ihre Gesundheit und gcsammtcs Wohl besorgt seyn sollen. Freilich mag cö unter ihnen auch einige geben, die glauben mögen, es sei der Ruf zu dem Amte, das sie begleiten, blos deswegen an sie ergangen, daß sie nur ihrem Bauche dienen, und mit dem Amtmann oder Schulz oder Gemeindevorsteher gemeinschaftlich die Bauern tirannisiren dürften. Aber das ist eine seltne Ausnahme, von denen hier die Rede nicht ist. Denn ich merke nur an, wie ich es überhaupt gefunden habe, wie es durchgehend seyn könnte, und nicht, wie eins oder das andere, das im Vergleich der Menge, unter der Vorsehung guter Obrigkeit und unter kollegialischer Bemühung der benachbarten Geistlichen, denen es drum zu thun ist, daß jedes Subjekt ihrer DwzeS in gutem Rufe stehe, nicht Stich halt, wirklich ist. Symbolisch« Bücher. Der Geistliche, bei dem ich einkehrte, gehört nicht unter die Ausnahme. Ich fand ihn gerade gerade so, wie er mir war beschrieben worden, offen, frei, herzlich, redlich, und für sein Alter, das nah an Siebenzig gränzte, noch sehr lebhaft. Kaum hatte ich mich einige Stunden mit ihm unterhalten, wahrend welcher Zeit ich ihm den Endzwek meiner Reise, so weit er es wissen sollte, erzählt hatte, so glaubte ich in ihm nicht mehr das Bild, wofür ihn sein Freund ausgegeben hatte, sondern jenen alten Landprediger selbst zu finden, der zu dem Hofrath R** g in Rostok, Verfasser eines Buchs über symbolische Bücher in Bezüge aufMenschen undStaatS- recht sagen konnte:„Sie, lieber Herr Hofrath, haben da ein Büchelchen geschrieben, das unü hieb zu Lande ein wenig Spektakel macht. Ich habe daS Büchelchen mit Fleis gelesen und reiflich erwogen, kan ihm aber keinen Geschmak abgewinnen. Daran läge nun freilich nichts, lieber Herr Hofrath! wenn der Umstand nicht hinzu käme, daß wir ihm Geschmak abgewinnen sollen, und das ist in der That ein wenig hart. Denn wer an gureS, saftiges, frisches Rindfleisch gewöhnt ist, und eö, so oft er will, zu seiner Nahrung haben kan, wird schwerlich an trokkenem SchifS- zwiebak und verdorbenem Pökelfleisch Geschmak finden. ES wäre hart, jemand Holzäpfel statt Ananas Ananas vorzusehen, aber noch viel harter ihn zu zwingen davon zu essen, und zu gestehen, Holzapfel waren so gut als Ananas und— auch wohl gar noch besser. Man erlaube ihm wenigstens den Mund zu verziehen und zu sagen: daö ist keine Ananas." „Doch sie, lieber- Herr Hofrath! scheinen uns ein billiger bescheidener Mann zu seyn, der es uns so übel richt nehmen wird, wenn wir ihre Schrift anmassend, schlecht, unverdauet, und ganz unphilosophisch finden. Denn waö können fie dafür, daß die Natur etwas spärlich mit ihnen verfuhr, und ihr Buch auch um runde hundert Jahre zu spat kam." „ In der That, lieber Herr Professor! sie find gerade am wenigsten der Mann, der uns Preusen rathen und helfen kan z" denn: pro prin-n mag kein Mensch sie um ihres abscheulichen Stils willen lesen, und kein Mensch versteht sie. Man stößt in ihrer Schrift auf Spuren einer heillosen Verwirrung in den Ideen. Sie wollten äst etwas recht schönes und kräftiges, so etwas mit einem philosophischen Anstriche vorbringen, aber es mißlang, ja, fie sagten wirklich wohl etwas, was sie nicht sagen wellten, sagten wohl gar das Gegentheil, und ihre eige- ! ne - i6r ne Dunkelheit bedekte ihre Augen, daß sie nicht sahen. Das ist ein Naturfehlcr, lieber Herr Profestor! Und es ist zu viel gefordert, wenn ein Krüppel Tanzmeister seyn will; daß er ein Krüppel ist, verzeiht ihm das wohldenkende Publikum, nicht, aber die Anmaßung, uns Luftsprünge lehren zu wollen, indem er sich kaum auf den Füscn halten kan." pro kacunäo sind sie mit dem pukH 8piric derpreußischen Staaten, der unter Friedrichs Regierung einheimisch geworden ist, zu wenig bekannt, um es sich auf irgend eine Art einfallen lasten zu dürfen, die Einwohner dieser Staaten von ihrem Selbstdcnken Curiren zu wollen. pro lerrio gehört zu einet Arbeit wie die, die sie übernommen haben, etwas mehr Philosophie, als sie besizzen. Es fehlt ihnen ein wenig an Kopf. Aus ihrem Buche ergiebt sich's, daß ihre Philosophie nicht einmal zureicht, einen geschikten und glüklichen Winkelzug zu machen. Freilich kan man da mit einem kleinen Borrathe von Sophisterei auskommen, aber auch der Sophist muß schon gewandteter seyn, als sie sich uns darstellen." pro pro qugrro muß ich ihnen sagen, daß der Staat mit unsern Gewissensangelegenheiten nichts zu thun hat; daß wir so wenig in Glaubcnssa- chen für unsere Nachkommen etwas als unabänderlich fesszusezzen im Stande sind, als unsere Vorfahren es für uns thun konnten; daß verschiedene Menschen nicht einerlei Jdeengang und VorstcllungSart haben können; und daß sie also sehr ilnrecht haben, daß dadurch das Wohl der Staaten befördert werde, wenn man grade so und nicht anders dachte, als man vor etwa dreihundert Jahre dachte; Unrecht haben, wenn sie glauben, daß sich in einigen hundert Jahren nichts abändern könnte oder dürfe. Gcfczt nun das Staatsrecht und unsere symbolischen Bücher gehörten zusammen, wie Mann und Weib, so muß es doch dem einen Theile, dachte ich, so gut frei stehen, sich nach den Zeitumständen zu modifiziren, als dem andern; denn was soll der modern gekleidete Mann mit dem Weibe s la Läatrone des sechzehnten Jahrhunderts gekleidet?" Du wirst verzeihen, lieber Bruder, daß daü Gleichnis über die gehörigen Gränzen ist ausgedehnt worden. Es geschah nicht ohne Absicht. Es wird dir was leichtes seyn, sie zu errathen, L L wenn 164 wenn du den Endzwek meiner Reise in Erwägung ziehen wilst. Aus dem Gleichnis leuchtet so ziemlich der Geist des jezzigen Zeitalters hervor. Man sieht daraus, wie viele Mühe sich die Menschen geben, einander Lasten aufzubürden, die sie sicher unter veränderten Umstanden selbst nicht tragen würden; wie sie bemüht sind, einander selbst die Gewissensfreiheit,dasRecht zu denken und zu glauben, das doch sicher nicht vor den weltlichen Rich- terstul gehört, zu rauben; und wie das Anlaß zum Zank, Lästern, Unterdrükkungen und Gewaltthätigkeiten giebt. Denn selbst gute Fürsten, werden durch die Bekanntmachung der despotischen Zwekke, die einige Schriftsteller, wenn sie gegen gute Lehren, deren Vortheil sie sonst wohl selbst einsehen, unter dem Scheine, als wenn es ihnen nur um des Staats Wohl zu thun wäre, auf eine feine Art zu. verstekken suchen, hin- lergangen, und fehlen daher nicht selten unwissend, indem sie Gutes bezwekken wollen; sich aber in der That als Mittelspersonen gebrauchen lassen, den Eigendünkel und die despotischen Absichten unverständiger Minister zu befördern. Und wie das im Einzelnen der Fall ist, so ist er es öfters im Ganzen. Und das Schlimste dabei ist, -aß, obgleich solche Menschen, welches sehr sonderbar 16; derbarist, selbst nicht wissen, was sie eigentlich wollen, sich nicht durch Gründe widerlegen lassen, sondern steif und fest bei ihren Vorurteilen hangen bleiben. Denn redet man gegen solche Menschen, wie man denke, oder wie man glaubt, daß die Sache am vernünftigsten sei, so sind sie sogleich, wenn es gegen ihr Sistem lauft, mit der Antwort fertig: Nun, so brauchen wir ja gar nichts mehr zu glauben, so haben wir keine Bibel, keine shmpolischen Bücher nöthig, so weiß ich nicht, für was die Herrn Geistlichen sind. Und das hört man von Menschen, die, wenn mgn ihren sittlichen Karakter beaugenscheinigt, uns laut zu erkennen geben, daß sie nichts glauben, und weder das eine noch das andre kennen oder verstehen; von Menschen, die beständig die unverständlichen Worte Buse und Glauben im Munde führen, aber sie nickt anders zu benuzzen wissen, als zum Schlupfwinkel ihres heimlichen Betrugs und zum Dekmantel ihrer Bosheiten und Lastcrtharen; von Menschen, von denen eben das gilt, was ehemals Paulus, wie ich neulich gelesen chabe, zu einem Juden sagte: Du rühmest dich des GesezzeS— Glau bens— und schändest GOtt durch Uebertnu tung des Glaubens. Es paßt aber auch völu, ^? da» i66 das Gleichnis auf sie, dessen er sich anderswo bedient, daß sie tonendem Erze oder klingenden Schellen, ich würde lieber sagen, leeren Fässern gleich waren, die, wenn man sie anrührt, einen Ton von sich geben; aber das ist auch alles, inwendig sind sie hohl. Von der Orthodoxie des>- Lebens wissen sie nichts. Solche Menschen sollte man nicht widerlegen, sondern menschlicher zu machen suchen, bind das beste Mittel hiezu wäre, daß die Obrigkeit die Aufklärung in ihren Ländern nicht hinderte. Aufklärung. Du wirst mich fragen wollen, lieber Bruder! was hcist Aufklärung? Und ich kann dir nicht anders drauf antworten, als daß die Menschen, selbst eigentlich nicht reckt wissen, was sie damit haben wollen. Es geht denen, die dieses Wort beständig hören lassen, so wie jenen mit ihrer Buse und ihrem Glauben. Selbst die Ideen von Männern, die so ziemlich im Ansehen bei der gelehrten'Republik in Teuschland stehen, z. B. eines Kants, McndelsohnS, Beckers, RehbergS, Zerrenners, Ewalds rc. rc. sind, was diesen Punkt betrifft, sehr verschieden, und oft 167 oft so gestellt, daß man Mühe hat, es zu glauben, daß sie von solchen Männern gestellt sind. Zur Probe sezze ich eine einzige Definition her, und du wirst nicht mehrere begehren.„ Aufklärung ist nichts anders, als die Bemühung des menschlichen Geistes alle Gegenstände der Ideenwelt, alle menschliche Meinungen und ihre Resultate, und Alles, was auf Menschheit Einfluß hat, nach Principien einer reinen Vernunft- lehre zu Beförderung des Nüzlichen inS Licht zu sezzcn." Daö heist etwas recht Philosophisches und im Grunde nichts gesagt. Ich habe, wie du dich leicht erinnern wirst, die Gewohnheit, auf Erfahrungen zu bauen. Denn ich fand noch immer, daß sie die besten Lehrmeisterinnen sind. Man wird durch sie mehr zum Selbstdenken hingeleitet, und hat nicht nöthig, blindlings der Hypothese eines einzelnen Mannes Gehör zu geben, mit dessen FleiS, Gelehrsamkeit und Rechtschaffenhcit wir oft nur zu wenig bekannt sind, als daß wir ihren Werth oder Unwerth sicher bestimmen, und es wissen könnten, ob man mit ihr stehen oder fallen wird. Das Nemliche beobachtete ich auch hier., und fand daß Aufklären nach der grundgelehrten Idee mancherMcnschen nichts anders sagen will, L 4 a" » i68 als was dieser so plane Ausdruck sagt: feinen Mitmenschen Anleitung zu geben, wie sie vernünftig denken und handeln sollen. Blieben Männer, die es sich zur Pfliclst machten, Aufklärung zu bewirken oder nur blos darüber zu schreiben, bei so natürlichen Auö-- drukken stehen, so würde eö wohl schwerlich solche Feinde der Aufklärung geben, als man wirk- i sich aufzuweisen hat, und die Aufklärer würde nicht das Schicksal eines Wolfs betreffen, der, weil man nicht einsehen konnte, was er mit seiner vorbestimmten Harmonie sagen wollte, vom König Friedrich Wilhelm,«»verhörter Sache,, aus dem Lande verjagt wurde. Jeder Vernünftige muß eö doch zugeben, daß Aufklärung in dem Sinne, wie sie sollte verstanden werden, einem Staate nüzlich sei. Denn es ist doch offenbar, daß vernünftig denken und handeln dem einzelnen Menschen so gute wie dem Volke vortheilhaft ist. Man stelle Vec- gleichungen an zwischen Menschen, die dazu fä- hig sind, und zwischen selchen, die cS nicht sind, und man wird sich leicht von der Wahrheit des Gesagten überzeugen können. Leztere nehmen jede Hypothese als Wahrheit an, bleiben an ererbtem Aberglauben und alten Vorurrheilen fest kleben, kleben, lassen sich von Charletanen, Schazgra- bern, Teufelsbannern und Heuchlern belhören und ihre Zufriedenheit nicht selten von eingebildeter Furcht vor Gespenstern, Hegen, Ungewit- tern u. d. gl. untergraben; da im Gegentheil der vernünftig Denkende, indem er die wahre Beschaffenheit einer Sache, ihre Ursache und Wirkung auszuspähen sucht, seine Ruhe und Zufriedenheit in ungleich höherm Grade befördert. Je vernünftiger aber nun ein Mensch zu denken gewohnt ist, desto besser wird er auch handeln. Er wird amsiger arbeiten, weil es zu seinem Vortheile gereicht; wird mäsiger und sparsamer leben, weil es sein zeitliches Glück erheischt; wird ein redlicherer Bürger, ein getreuerer Unterthan seyn, weil es sein Wohl erfordert; kurz, wird tugendhafter werden, weil er gern ohne Aushören glückscelig seyn mochte. Sind aber das die heilsame Folgen der Aufklärung, so muß es allerdings dem Menschenfreunde, der Verstand und Gelegenheit dazu hat, angenehme Pflicht seyn, dieser Aufklärung aufzuhelfen, und vor allen Dingen das vernünftige Denken unter seinen Mitmenschen zu befördern. Ferner: Glückseligkeit ist Fortschreiten an Vollkommenheiten. Dieses Fortschreiten sezt L 5 Ein- Einsichten und Kenntnisse voraus. So unläug- bar dieses ist, eben so unläugbar ist es auch, daß unsere Glücksceligkeit mit unsern Einsichten wächst, und daß also auch je Heller und deutlicher diese bei einem Menschen sind, je gröser auch seine Glückseeligkeit seyn muß. Und dieses ist— das Werk der Aufklärung. Aufklärung könnte also füglich auch so viel heisen, als die Kunst das Glück der Menschen zu befördern. Ein Sa; der keines Beweises bedarf. Es müste denn seyn, daß man glaubte, ich schriebe der Aufklärung etwas zu, das eigentlich Religion wäre. Allein es ist ein Unterschied zwischen Lehre und Kunst. Jene machen das Wesentliche der Religion aus; die Kunst gehört in den Begriff der Aufklärung, und daher wird jene dieser mit Recht untergeordnet. Daraus läßt sich nun leicht der Schluß machen, daß nur ein Menschenfeind der Aufklärung im Wege stehen kann, und daß man nie -als Menschenfreund behaupten kann: daß die Aufklärung ihre Gränzen haben müsse. Man müste sonst auch als ein solcher eingestehen können, daß einige Menschen vielleicht vollkommen,' andre nur bis auf einen gewissen Grad, die meisten aber niemals glücklich werden können. Eine Lehre, Lehre, die ganz der Denkungsart eines Menschenfreundes zuwider ist. Freilich würde man höchst unrecht handeln, wenn man den starken, arbeitsamen Landmann oder Handwerker zu einem animalischen Geiste, der so leicht als die Luft wäre, vmschaffen wollte, ihn zu gewöhnen suchte, seine einfache gerade Lebensart zu verändern, und ihm dagegen ein geschmeidiges, weichliches, einbildischeö und flüchtiges Wesen, welches nach der Dcnkungs- art oder nach den schwazhaften Nonsensen französischer Stuzzer verfeinert und kultivirt heist, beizubringen, oder ihn zu Grübeleien und Zweifelsucht, das ist nach dem Sinne mancher Aufklärer zum spekulativen Denken, zu verführen suchte. Aber man erlaube mir, zu sagen: daS ist nicht Aufklärung, so wie ich sie mir für das Universum nüzlich denke. Das hiesc Luftsprunge machen wollen, wenn man noch nicht einmal gehen könnte. Aufklärung darf nie ausek der Sphäre der Menschen gesucht werden. Ihr erstes und vorzüglichstes Geschäfte muß dahin gehen, die Menschen zu lehren ihrer Natur gcmäs zu leben, wie sie sich in dem Stande, dem Alter und der Lage, worinn sie sich befinden, möglichst vervollkommnen können, so daß sie die gesellschaftlichen Neigungen in ihrer völligen Kraft haben, und das Interesse des Staats, wovon sie ein Theil sind, auf die beste Weift befördern. Daß diese Aufklärung wirklich von großem Nuzzen für ein Land sei, könnte ich leicht auS Deispeilen durch angestellte Vergleichungen mit unaufgeklärten Völkern und Zeiten darthun und beweisen, wenn ich vorausftzzen müste, daß das, Was ich bisher darüber gesagt habe, noch Belege bedurfte. Ich unterlasse eS aber, weil ich glaube, daß man die Wahrheit der Sache aus Gründen einsehen kann, und ich überzeugt bin, daß ein weiserer Regent niemals Empörungen in seinem Lande von der Aufklärung zu befürchten, sondern vielmehr, wenn seine Regierung menschlich und gelinde ist, sich des Gehorsams, der Liebe und Treue seiner Staatsglieder zu erfreuen hat, und daher eü sich zur Hauptrsgentenpflicht macht, Aufklärung bei seinem Volke zu befördern, Aufklärer in seinem Lande, nicht nur zu- dulden, sondern noch zu unterstüzzcn, zu belohnen. Kunst zu beobachten. Was bringen sie denn Neues von Frankfurt mit? war eine nochmals wiederhohlte Frage des Geistlichen an mich. W,e — Wie sie aus meiner Erzählung wahrnehmen können, versezte ich- so ganz wider meine Absicht- sehr wenig. Ich wollte daselbst vieles sehen und kennen lernen, und sah' und hörte nichts als Lärm, Volksjubel und das Gerassel unzahlicher Wagen. Ihre Absicht zu erreichen, fuhr der Prediger fort, hätten sie sich allerdings länger verweilen sollen. Jedoch, ich glaube, sie werden noch genug sehen und hören können. Denn das müssen sie mir versprechen, daß sie mit zu dem Krö- nungsfcste reisen. So etwas sieht man in seinem Leben vielleicht nur einmal. Deswegen kann man sich schon ein wenig Mühe darum gebe». Und es ist doch auch schön, wenn man künftig von den guten Thaten eines Monarchen hört, und man sich erinnern kann, daß man ihn habe krönen gesehen, und wohl gar schon so etwas aus seiner Phisiognomie will bemerkt haben. Ueberdies ist dieses fast das einzige in seiner Art. Auf unserm ganzen Planeten ist ihm weder an Pracht noch Würde etwas zu vergleichen. Die angesehensten Fürsten des teutschen Reichs oder ihre Abgeordnete versammle» sich dabei. ES finden sich Gesandte auswärtiger Höfe ein. Die Volksmenge, die«uö allen Gegenden herzu ' strömt i?4 sirömt ist unübersehbar. Der Staat ist so groS und blendend, daß man glauben sollte, die Kostbarkeiten der Welt waren auf einen Fleck zusammen geflossen. Kurz, das Auge sieht, das Ohr Hort sich nimmer satt. Ich muste heimlich bei dieser Erzählung des guten Alten lachen; nicht sowohl über den Enthusiasmus, mit dem er erzählte, als vielmehr darüber, daß es Eindrükke bei mir verursachte, die denen gerade entgegen waren, die er zu bewirken suchte. Ich dachte an meinen Verlust und an das tolle Chaisengerassel, wobey der Fusgänger alle Augenblikke in Gefahr ist, überfahren und ein Krüppel zu werden, oder auf jämmerliche Art ums Leben zu kommen. Und doch geht die arbeitsame, unentbehrliche Volkö- klasse zu Fuö. Das machte aber ich hatte von der Reise einiges Kopfweh davon getragen. Indeß sollen sie, erzählte er weiter, die Zeit nicht ungenuzt bei mir zubringen. Ich will sie in der Zwischenzeit, wenn sie Lust dazu haben, auf eins und das andre, was ihnen dienlich seyn kann, aufmerksam zu machen suchen. Sie werden nachher um so leichter und schneller beobachten können. Ich habe so ziemlich Erfahrungen - gesamm- 17? gesammlet, bin öfters gereist, hab» Gelegenheit gehabt von diesem und jenem genauere Erkundigungen einzuziehen, und kann ihnen also vielleicht mehr mittheilen, als sie wohl schwerlich mit eigenen Augen würden gesehen und beobachtet haben. Und wissen sie denn auch, wie man eigentlich beobachtet?— Von einem Reisenden verlange ich, daß er, wenn ich anders seiner Erzählung Glauben beimessen soll, wenigstens eine geraume Zeit an dem Orte, mit dessen Lokalver- faffuung er uns bekannt machen will, sich aufhalte. Ohne das würde er nur oberflächlich rai- sonniren, nach seiner guten oder schlimmen Aufnahme und Bewirthung nur einseitige Schlüsse machen, und nach dem, was ihm am ersten schön oder häßlich in die Augen fällt, das Ganze beurtheilen wollen. JnS Detaille wird er sich nie wagen können. Aus seiner Beschreibung werden wir allenfalls grose und schöne Gebäude zu nennen, und etwa einige auffallende und Erstaunen erregende Begebenheiten von dieser oder jenen Stadt nachzuschwazzen, aber nie die körperliche Verschiedenheit der Einwohner, ihre Gemüthsart, ihre Sitten, ihre Lebensart, Kleidung, Regierung-form, Religion, wissenschaftliche i?6 kiche Begriffe, Kunstarbeiten, Industrie, Nahrungszweige u. s. w. genau kennen lernen. Vom Aeusern laßt es sich nicht allemal, wie die meisten Reisende zu thun pflegen, ganz sich auf das Innere schliefen. So z. D. würde der sehr irren, der von den guten Polizeianstalten, die ich, in einer benachbarten Stadt— sie mag, weil an dem Namen wenig liegt, und sie auf ihrer Reise viele ihres Gleichen antreffen werden, ch Z helfen— bemerkt habe, wo für Abschaffung der Bettler, Reinigung der Strafen, Sicherheit und Verschönerung der Stadt überhaupt sehr gut gesorgt ist, den Schluß machen und folgern wollte, daß in ch Z alles in dem besten Zustande sich befände und besonders für Kirchen und Schulen auf das trefflichste gesorgt wäre. Vor etwa fünfzig Jahren, wo ich Gelegenheit hatte, mich einige Jahre daselbst aufzuhalten, fand ich leider noch so manches, das mich die traurige Bemerkung machen lies, daß auch der besten Obrigkeit nicht alles zu thun möglich sey. Dann Liese hat, wie jedermann, der wie ich zu beobachten Gelegenheit hatte, ihr zum Ruhm wird nachsagen müssen, sich jederzeit für das allgemeine Wobt der Stadt viele Mühe gegeben. Sie konnte aber ihre weisen Plane nicht immer so durch- 177 durchsezzen, wie sie gerne wollte, weil das Volk zu großen Einfluß in die Regierung hatte, und aus Mangel der erforderlichen Einsichten manche Veranstaltung von heilsamen Folgen entkräftete. In wiefern es sich seit dieser Zeit verändert hat, weis ich ,richt zu sagen. Mein Aufenthalt, wenn ich sa nachher dahin reiste, dauerte insgemein nur einige Tage; und sodenn liefen es Nothwendige Geschäfte nicht zu, mich über Dinge von der Art belehren zu lassen. Traurig wäre es allerdings, wenn es sich noch so verhalten sollte: denn alsdann würde ch Z über mehr als fünfzig Jahre gegen viele ihrer Nachbarinnen zurück stehen. Und ich befürchte immer, eö ist noch so ziemlich beym Alten. Denn so oft ich kam, muste mir der Leichenbitter begegnen, und mir sagen, die wie vielste Stunde am Tage der Aufklärung es in ch Z geschlagen habe. Ich muß ihnen doch erzablen, wie mir es «gierig, als ich ihn zum erstenmal erblickte. Es war gerade das schmuzzigste Wetter; denn es hatte einige Tage vorher ohne Aufhören stark geregnet. Jedermann gieng in Stiefeln, oder suchte wenigstens, wenn das nicht war, neben M den 178- den Hausen, hin dem Kothe auszuweichen. Bei dem Manne aber fand das Gegentheil statt. Er hatte weder Stiefel noch sonst eine Kleidung an, die sich vor das Wetter schickte, sondern war völlig so wie ein Prediger bei uns, der eben auf die Kanzel gehen will, von Kopf bis zu FuS schwarz gekleidet. Auser daß unten an seinem Mantel noch eine breite Schleppe schwarzes Tuch angenähet war, davon wenigstens eine Elle auf der Erde lag. Ueber diesem hieng von dem Hute herunter ein doppelter, breiter, und langer als Mantel und Schleppe, schwarzer Flor. Mit diesem Anzüge nun gieng er nicht so wie andere Menschen neben den Häusern, wo eö am wenigsten schmuzzig war, her, sondern mitten auf der Strafe. Und dabei hob er weder Flor noch Mantel auf, sondern lies sie, so breit sie waren und so lang er konnte, über Wasser und Morast nachschleifen. So ernsthaft ich nun auch manchmal bei den größten Narrheiten, die ich erblikke, seyn kann, so konnte ich es doch hier nicht; ich muste dem Manne ins Angesicht lachen. Indessen hielte ich wieder sogleich an mich, und strafte mich selber wegen meiner Unbesonnenheit. Ich stellte mir in dekn Augenblick nichts anders vor, als 179 als daß der Mann durch irgend eine Krankheit um das vorzüglichste Gut des Menschen, um den Verstand gekommen sei. Und über einen solchen Menschen zu lachen, halte ich für das abscheulichste Verbrechen. Er verdient vielmehr als das ärmste Geschöpf, das ich mir denken kann, unser Mitleid. Indessen verursachten die Mienen des Mannes, daß ich diesen Gedanken bald unterdrückte. Diese waren für einen Kranken von der Art viel zu ruhig und natürlich. Es war darin ein Gemisch von Ernst und heimlicher Freude zu lesen. So wie ich es öfters bei Predigern bemerkt habe, die ex Olncio traurig sind, wenn sie dem reichsten Mitgliede ihrer Gemeinde eine Leichenrede halten, aber doch dabei nicht ganz ihre Freude verbergen können, wenn sie an das Legat denken, das ihnen allenfalls für ihre Bemühung zufliesen möchte. Vielleicht ist es wohl gar einer derselben, dachte ich, und das Papier, das er in der Hand hat, und worauf er bisweilen starr blickte, die Parentation, die er bei einer bevorstehenden Beerdigung Herlesen will. Kurz der Vorfall war mir unerwartet und das Betragen des Mannes auffallend. Fragen wpllte ich nicht, aber eben so wenig mich auch mit blo- M 2 stn sen Vermuthungen plagen. Ich gieng also, um den Ausgang zu sehen, nach. Hier fand ich immer mehr Ursache das Gesez oder das Herkommen, das dem Manne zur Pflicht machte, in einer solchen Kleidung zu erscheinen, zu verwünschen, und ihn, der dazu verdammt wäre, gerade so und nicht in der gewöhnlichen Tracht eines ehrlichen Mannes zu gehen, zu bedauern. Denn ich wurde gewahr, daß er zulezt wegen dem Kothe, der sich immer mehr und mehr an dem Flor und der Schleppe des Mantels anhäufte, Kopf und Schultern, gleich gewissen Thieren, stark vorwärts beugen musie, um mit möglichster Anstrengung der Kräfte die schmuz- zige Last nachziehen zu können. Ich folgte ihm bis in die Mitte der dritten Straft. Hier blieb er vor einem gewissen Hause stehen, rüste aus dem zweiten Stokke desselben dem Herrn und der Frau B*, nahm sein Papier zur Hand und las, wie folget:„ Ihr» Hochedelgebohrnen der Kirchendiener und Glvk- ncr an der St. Martinskirche, und nunmehr» tiefgebeugter Wittwer, Herr Anton C* liefen Jhro Hochedelgebohrnen dem Herrn und der Frau B* Dero gehorsamstes Kompliment machen, und Denenftlben ansagen, daß, sintemal weilen — i8i weilen es Gott dem allmächtigen, dem Herrscher über Tod und Leben gefallen habe, vorige Nacht um halb zwei Uhr Dero ftelige Ehehälfte Frau Ursula Pankratia, gebohrne D*, in einem Alter von 59 Jahr, 12 Monath, weniger einen und einen halben Tag, zu Dero grösten Leidwesen nach einer langwierigen schweren Brustkrankheit und gehabten Wassersucht durch einen seettgen Tod aus dieser Zeitlichkeit zu sich in das himmlische Jerusalem zu der Stadt Gottes, und dem Berge Zion und der Menge vieler taufend Heiligen, in Gnaden zu berufen: Dieselben eS für Schuldigkeit erachtet hatten, solches Ihr» Hochedelgebohrnen dem Herrn B* und Dero Frau Ehelichsten, als den guten Freunden von Jhro Hochedelgebohrnen Herrn C* und Dero nunmehr seelig verstorbenen Frau Eheliebsten geziemend anzuzeigen, und dabei zugleich zu ver^ melden, daß Dieselbe morgen früh um fünf Uhr in aller Stille vorhinein in den mütterlichen SchovS der Erde, die unser aller Mutier ist, zu Dero Ruhestatt würden gebracht werden, allwo Dieselben von aller Mühe und Arbeit sanft und seelig ruhen werden, bis dermaleinst an dem großen Auferstehungstage der Toden auch der Herr, wenn er auf den Wolken des Him- M z mels l82 melS in seiner Herrlichkeit mit viel tausend Engeln erscheinen wird, auch seine Hand zu Dero Grab ausstrekket und Dero Leichnam zur Freude der Ihrigen und zum Troste des schmerzlich betrübten Herrn WittwerS auferwekket, und denselben mit Dero Seele, die bis dahin im Genusse der himmlischen Freude sich befindet, wieder vereiniget, nachdem derselbe vorhero schön verkläret und mit himmlischer Klarheit geschmückt worden ist. Jhro Hochedelgebohrnen der Herr§* lassen sich alle Kondolenz verbitten, und thun zugleich den Wunsch ausern, daß Jhro Hochedelgebohrnen der Herr und die Frau B* noch lange vor einem so schmerzlich betrübten Falle möchten verwahrt bleiben." Herr und Frau B* dankten ergebenst, liesen ihr herzliches Beileid bezeigen, und wünschten, daß der Wittwer bald wieder auf eine andere Art für diesen Verlust möchte schadlos gehalten und— getröstet werden. Der Mann dankte abermals und gieng weiter. Und ich?— glaubte jezt erst Ursache zu haben, mich herzlich satt zu lachen. Inzwischen lehrte mich diese Sitte, die mehr ihren Grund in der Religion als in der Staatö- verfaffung hat, daß wenn man beobachten wolle, man hauptsächlich auf Religion oder besser ReligionS- IZZ Religionsgebrauche sehen müsse. Und seitdem ist es so meine Gewohnheit, daß ich mich, wenn ich die Denkungsart der Einwohner einer Stadt gern kennen lernen mochte, vor allen Dingen in Kirchen und Schulen umsehe. Mein Hauptaugenmerk ist dann auf Prediger und Schullch- rer gerichtet. Finde ich diese so, wie ich sie mir nach vernünftigen Grundsazzen in ihrem Fache denken kann, und bemerke dann, daß die Zuhörer mit ihnen unzufrieden oder auch nur gleichgültig gegen sie sind, so schreibe ich leztern eben die schlechte-Denkungsart zu, als jenen, die mit den elendesten Predigern und Schullehrcrn arif das vollkommenste zufrieden sind, und sie als die besten wollen anerkannt wissen. Im Gegentheil habe ich das beste Zutrauen zu dem guten Karakter und der hellen Denkkraft derer, die einen Prediger oder Schullchrcr nach seinem wahren Werthe schazzen, und nicht mehr und nicht weniger von ihm halten, als es der Wahrheit gemas ist. Und eine hinlängliche Erfahrung hat mich belchrt, daß ich mich selten in meiner Meinung betrogen habe. Belege kann ich ihnen abermals aus ch Z geben. Ich hatte mich an einem Sonntage, nach dem Mittagessen schon angeschickt, mir, meiner M 4 Ge- 184 Gewohnheit nach, einige Bewegung vor dem Thore zu machen, als einige Bürger aus-HZ, die in dem Gasthause, wo ich mein Absteigquar- tiec hatte, mit an der Tafel fasten, es inne wurden, und auf einmal aus vollem Halft schrieen: o da wird nichts draus! Sie muffen heute mit in die St. Bernhardökirche gehen, um auch einmal eine gute Predigt mit anzuhören. Wir wollen weiter nichts sagen, sie werden es selbst hören; aber es ist unstreitig der beste der hier ist. Es ist zwar noch ein junger Mann, und er steht noch nicht im Amte; aber er über» trifft sie bisweilen fast alle. Nun einem guten Prediget zu Gefallen kann ich wohl mein Vorhaben ändern, sagte ich, und gicng also, wie es Zeit war, mit zum heiligen Bernhard. Die Kirche war auserordentlich mit Menschen angefüllt. Wir kamen etwas spat, und meisten deswegen zufrieden seyn, daß wir noch ein Plazchen in dem Eingang fanden, wo wir stehen konnten. Ans Sizzen durfte ohnehin ein groser Theil von Menschen nicht denken. ES dauerte wohl einige Stunden, und doch sahe ich nicht daß die Zuhörer verdrieslich wurden, auch hörte ich nicht, daß sie sich beklagt hatten, weil sie so lange stehen wüsten. Die Begierde den Predi- — 185— Prediger zu sehen und zu hören, machte wahrscheinlich, daß sie weder an Zeit noch Müdigkeit denken konnten. Als etwas besonders kam eS mir vor, daß unter den in der Kirche befindlichen Zuhörern sich das Frauenzimmer, worunter die meisten noch jung und unverheurathet waren, zu den Mannspersonen wje y zu i verhielte. Ob das Frauenzimmer in ch Z religiöser ist, oder ob die Kirche, oder der Prediger beson- sonders für daö Frauenzimmer bestimmt ist, vergaß ich zu fragen. Wäre das lezte, so dünkt mir, es wäre kein übler Gedanke, wenn man auch eigne Kirchen für junge Mannspersonen hätte, wo sich junge Kanzelrednerinnen hören liefen, das Verhältniß würde dann umgekehrt zu stehen kommen, und die Erbauung unendlich gewinnen. Es liefe sich wenigstens viel darüber sprechen. Doch um keine allzugrose Seiten- sprünge zu machen, will ich ihnen jezt die Prc- digt vorlesen, so wie ich sie sogleich zu Hause niedergeschrieben habe. Sie wird ihnen das Genie des Redners und der Zuhörer in Hellem Achte zeigen können. Ich liefere sie zwar nur im Auszuge, denn alles niederzuschreiben, war Mir nicht möglich, aber was sie da hören wev- dcn, ist so, wie ich es hörte: Plan und Ein- M 5 ktei- 186 kleidung sind die des Redners, und die Redensarten und Wörter meistens getreu. Vollständiger Entwurf einer vom Prediger Kratsmann in der St. Bernhards- Kirche zu ch Z gehaltenen Predigt. Gebet. Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi, die Liebe Gotteö und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen. Wie er hatte ge liebet die Seinen, so liebte er sie bis ans Ende. So, meine andächtigen Zuhörer und in Jesu geliebte Freunde, sagte ehedefsen ein geheiligter Apostel und Evangelist von Jesu Christo unserm Herrn. So wie wir das lesen im iz. Kap. seines Evangeliums in dessen ersten Vers. Was aber eigentlich damit gemeinet sei, können wir gar leicht einsehen und begreifen, wenn wir es nur einsehen und begreifen wollen. Ohne r87 Ohne Zweifel aber ist es etwas grofts und wichtiges, das hier unser hochgelobter Heiland seinen Jüngern und Aposteln vor Augen stellt; und wir sehen daraus, wie nöthig und wichtig es sei, daß wir es auch uns gehöriger Weise vor Augen stellen, und es uns deutlich zu machen suchen. Wollen wir es uns aber recht deutlich und begreiflich machen, so haben wir hauptsächlich auf dreierlei acht zu geben. Wir haben nämlich acht zu haben, i) einmal auf die Person, die unter der Benennung, wie e r hatte geliebet die Seinen, verstanden wird; 2)»Zweitenö auf das, was er gethan hat, und denn z) Drittens auf den Ausdruck Ende, wo eö heist: so liebte er sie bis an sein Ende. i) Was nun das Erste anbelangt, so versteht ein geheiligter Johannes unter der Benennung,„wie er hatte geliebt die Seinen" niemand anders, als die zwote Person in der Gottheit unsern hochgelebten Heiland und Seeligma- cher Jesum Christum unsern Herrn. Und das mit allem Recht. Denn er hatte in den Tagen seines Lebens auf Erden gar sehr viel gelitten, und am lezten Abend desselben noch den zärtlichsten Beweis seiner Liebe durch die Einfezzung des heili- r88 heiligen Abendmals den Seinen zu erkennen-, gegeben. 2) Was nun die zwote Frage anbetrift, tvaS hat er denn eigentlich gethan? so finden wir das in den Worten des Evangelisten aufgezeichnet,„wie er hatte geliebet die Seinen." Hiebet haben wir fürnemlich auf zwei Strikte acht zu geben. 1) Erstlich haben wir zu untersuchen, was eö helft, jemand lieben, uns 2) zweitens, wer unter den Seinen verstanden wird. 1) Was nun das Erste anbetrifft, waS eS nämlich heift, jemand lieben, so antworte ich: Lieben heist nichts anders als jemand seine ganze Zuneigung und Herz schenken, und für ihn leiden, so wie Jesus den Seinen seine ganze Zuneigung und Herz geschenkt und für sie gelitten hat. 2) Was aber das zweite anbelangt, st> werden unter den Seinen alle diejenigen verstanden, die ihm angehören; die, denen er nach seinem Tode Buft und Vergebung ihrer Sünden zusichert und sie dazu ermuntert, ja seine Apostel und fromme gläubige Christen. Wollen wir ihm also angehören, wollen wir unter die Seinen gezählet werden, so ist eö nö- th'gl 189 thig, daß wir seine Befehle halten. Und dieses können wir gar wohl. Denn so sagt ein geheiligter Johannes in seinem ersten Brief z, 5. Das ist die Liebe zu Gott, daß wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind nicht schwer. Gin Frommer kann also die Gebote gar wohl halten, wenn er nur will; wenn er nur Gott emsig um seinen Geist bittet; wenn er nur steif,g betet: Schaff' in mir Gott ein reines Herz, und gieb mir einen neuen gewissen Geist; verwirf mich Nicht von deinem Angeflehte, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Der Geist Gottes istS, der das Herz bessert. Und geschieht das bei einem Menschen, so gehört er Christo an, so wird er von ihm geliebt. Z) Nun haben wir Drittens noch auf den Ausdruck Endezu sehen. Unter dem Ende über, dessen ein geheiligter Johannes hier er. wähnt, wird nichts anders verstanden, als der Tod selbst. Und das von rechtswegen.' weil mit demselben alle Schwachheiten, Schmerzen und Plagen ein Ende nehmen. So wie er nun in seinem Leben die Seinen geliebt hatte, so liebte er sie bis an sein Ende, treu, beständig; nicht bald die, bald jene- Wir i IYO Wollen wir also ihm angehören, so müssen wir seinen Willen erfüllen, so werden wir von ihm geliebt werden. Beweise sind uns sein Kreuzestod, sein ärgster Feind, und besonders die Handlung, die er am lezten Abend feines Lebens allhier auf Erden bestimmte, und wovon in dieser Gott geheiligten Stunde ein mehrereS soll geredet werden. Weil wir aber für uns selbst aus eigner Kraft zu schwach sind, etwas zu denken und zu wollen, was recht und gut ist, so laßt uns zuvor Gott um die Kraft und den Beistand des heiligen Geistes ernstlich und demüthig bitten; wir wollen das thun in einem stillen, gläubigen und andächtigen Vater unser. Hier sezre sich der Prediger nieder. Es herrschte durch die ganze Kirche tiefes Stillschweigen, das jedoch zuweilen durch das leise Gemurmel einiger hin und wieder andächtig scheinender Beter unterbrochen wurde. Wahrscheinlich plapperten sie das vorgeschriebene Vater Unser her» Denn auf den mebrsten Gesichtern konnte ich ganz deutlich Zerstreuung und Gedankenlosigkeit wahrnehmen. Ich wollte deswegen schon auf den Prediger zürnen, daß er seinen Zuhörern Zwang auflegen oder sie in einen solchen schläfrigen Zustand versezzen könnte, als einer mei- I9i tier Nachbarn mich belehrte, daß die Vorschrift des Predigers eben kein allgemeines Gesez sei. Dieser stieß, nach vorher» tief herauf gedrängtem Seufzer, ganz vernehmlich folgende Worte aus:„Ja, der Geist deines Urgroevaters ruhe auf dir; der Geist deines Grosvaters spreche durch dich und der Geist deines Vaters sei mit deinem Geiste, so wird es uns allen an Trost und Erbauung nicht fehlen. Amen." Was den Mann eigentlich mag bewogen haben, von- dec Vorschrift des Predigers abzuweichen, und sein Gebet aus diese Art einzurichten, kann ich nicht sagen— vielleicht daß es die wissen, die nähere Kenntniß von der Genealogie des Predigers haben.— Allein er gesiel mir, weil er meine Aufmerksamkeit rege machte; ob mich gleich seine Miene und Leibcssiellmiq überführten, daß er zu der mir so verhaßten Klaffe der Frömmler gehöre. Doch stille, der Prediger erhebt sich wieder.— Diejenigen Tertesworte, welche ich, nach der Vorschrift unsrer heutigen Katechiömuslek- tion, zum Grunde meiner Betrachtung erwählet habe, finden wir beschrieben und aufgezeichnet in der ersten Epistel St. Pauli an die Corinther, allwo sie in dem n. Kapitel, in dem 2z und 24 und 25. Vers nach unsrer teutschen Uebersezzung von Wort zu Wort also lauten: „Ich I. „Ich habe es von dem Herrn empfangen, das ich euch gegeben habe. Denn der Herr Jesus in der Nacht, da er verrathen ward, nahm er das Brod," „Dünkete, und brachs, und sprach: Nehmet, esset, daö ist mein Leib, der für euch gebrochen wird: Solches thut zu meinem Gedächtniß." „Deffelbigen gleichen auch den Kelch nach dem Abendmal, und sprach: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut: Solches thut, so oft ihrs trinket, zu meinem Gedächtniß." Aus diesen verlesenen TeMSwvrten wollen wir in gegenwärtiger Stunde mit einander in der Furcht des Herrn betrachten: Die Einsezzung des heiligen A- bendmals als den stärksten Beweis von der zärtlichen Liebe Jesu. I. Erstlich wollen wir mit einander erwägen, die wahre Beschaffenheit des heiligen Abendmals. II. Zweiten 6 aber auch zeigen, daß das der stärkste Beweis seiner zärtlichen Liebe sei. „Heiliger Vater! heili,e uns in der Wahrheit; denn dein Wort ist und bleibet Wahrheit. Amen." —- lyz I. Was nun die wahre Beschaffenheit des heiligen Abendnulls anbetrifft, so haben wir Hiebei auf drei Stükke zu merken. Wir haben nämlich zu merken: 1. Einmal, däs heilige Abendmal ist ein Sakrament. 2. Zum andern, es ist vor alle und jede Menschen eingesezt. Z. Zum dritten, es ist zum Nuzzcn und Seegen aller Menschen bestimmt. Doch ehe wir dieselben vortragen, wollen wir erst die drei Hauptmeinungen der verschiedenen Hauptpartheien in der Christenheit vortragen, und den Schluß machen, welche die wahre sei. r. Die Katholischen glauben, daß eine Verwandlung vorgehe, und daß sie, statt des Brods, den wahren Leib, und, statt des Weins, das wahre Blut Christi genössen. Von Christo aber heist es, er nahm das Brod, er nahm den Kelch. Mithin kann ein jeder leicht einsehen und begreifen, daß diese Meinung irrig und falsch sei. 2. Die Reformirten nehmen eine Bedeutung an. Sie behaupten nämlich: daß, wenn der Kommunikant das Brod genösse, so wäre daö eben so gut, als wenn er den wahren Leib N Christi 194 Christi genösse. Und so auch, wenn er den Kelch trinke sei das eben so gut, als wenn er das wahre Blut Christi tränke. Wiehell, wie klar, wie deutlich, dem Menschenverstände angemessen, diese M.einung-Ust, kann ein jeder leicht einsehen und begreifen. Nur ist sie nicht christlich. g. Unsre Kirche behauptet denn endlich/ weder eine Verwandlung noch eine Bedeutung: sondern sie glaubt, mit und unter dem gesegneten Brod empfienge man den wahren Leib Christi, und mit und unter dem gesegneten Kelche das wahre Blut Christi. Nun wollen wir die drei Hauptsazze, deren ich oben erwähnet habe, vornehmen, und die wahre Beschaffenheit des heiligen Abendmals kennen lernen. 1. Das heil. Abendmal ist ein Sakrament. 2. ES ist vor alle und jede Menschen ein- gesezt. g. Es ich zum Nuzzen und Seegen aller Menschen bestimmt. i. Was nun das Erste anbelangt, daß das heil. Abendmal ein Sakrament sei, so fragt es sich, was ist denn eigentlich ein Sakrament? Und da heist es: Ein Sakrament ist eine göttliche 195 che Handlung, dünnn uns Gott mit sichtbaren Zeichen die unsichtbar verheißenen Gnadengüter versiegelt und übergiebt. Bei der Bedeulung eines Sakraments haben wir also auf z. Punkte zu merken. i. ErstenS, das Sakrament ist eine göttliche Handlung. ' 2. Z!veitelis, es werden uns dabei sichtbare Zeichen gegeben z. Drittens/ es werden damit unsicht, bare verheißenen Gnadengüter versiegelt und uns übergeben. Nun fragt sich'S, in wiefern paßt dieses auf das heil. Nbendmal? in wiefern kann eS ein Sakrament genennt iverden? l. Was das Erste anbelangt, so paßt das allerdings sehr wohl, wenn wir nur i. Einmal uns den Begriff einer Handlung festsezzen, und 2. Aweitens sehen in wiefern er dem heil. Abendmal zukomme. 1. Von einer Person sage ich daß sie handelt,, wenn sie etwas begeht, unternimmt, arbeitet, thut, oder ausrichtet. 2. Daß dieses aber dem heil. ALendmale gar wohl zukomme, das sehen wir daraus, weil dabei etwas gegeben und empfangen wird. ES N 2 findet iy6 findet da eine Begehung, eine Unternehmung, eine Arbeit, ein Thun oder Ausrichten statt. Es ist aber das heil. Abendmal eine Handlung i. Einmal von Seiten desjenigen, der es ausspendet, und 2. ZweitenS von Seiten des-! jenigen, der es empfängt.! 1. Daß Erstlich das heil. Abendmal eine Handlung sei von Seiten desjenigen, der es^ ausspendet, daS sehen Wir gar deutlich aus den Worten des Stifters, denn von dem heist es ja: Er nahm das Brod, er dankte, er Krachs, er gabö oder theilte es aus, und sprach dabei die Einstzzungöworte: Nehmet, estet rc. rc. Eben so verfuhr er bei dem Kelche. Mithin ist eS' eine Handlung.^ 2. Es ist aber auch Z w e i r e n S eine Hand-^ lung von Seiten dessen, der es empfängt. Denn; der soll es mehr blos ansehen, sondern soll es^ annehmen, empfangen, geniesen— und den-, ken, so gewiß ich Brod und Wein geniest, so ge-^ wiß hat Christus seinen Leib und Blut für mich in den Tod dahin gegeben. Mithin ist das heil,^ Abendmal x 1. Einmal eine Handlung. Es wird x dabei etwas begangen, unternommen, gearbei- x tet, 19? tet, gethan oder ausgerichtet. Aber es ist nicht eine blose Handlung, sondern es ist 2. Zweitens auch eine göttliche Handlung. Denn so sagt unser Tept: Ich habe es von dem Herrn empfangen. Dies will so viel sagen, als: 1. Einmal ist nicht Paulus der Urheber, der Stifter des heil. Abendmal sondern 2. Zweitens, es ist von Christo unserm Herrn eingcsezt. 2- Es paßt aber auch das Zweite Stück eines Sakraments zu dem heil. Abendmal, nämlich die sichtbaren Zeichen. Denn Brod und Wein sind beim heil. Abendmal sichtbare Zeichen. g. Eben so auch das Dritte, die unsichtbaren verheisenen Gnadengüter. Denn bei dem heil. Abendmal werden wir ja des Leibes und Blutes Christi theilhaftig. DaS geschieht aber nicht auf eine grobe, sichtbare Weise, sondern unsichtbar. Mithin ist das heil. Abendmal ein Sakrament. 2. Was nun das Zweite Stück anbelangt, das wir bei der wahren Beschaffenheit des heil. Abendmals in Erwägung gezogen haben, so war es das, daß es vor alle und jede Menschen eingesezt sei. Christus hat nämlich vor alle und N z jede ry8 jede Menschen seinen Leib und Blut, also nicht für einzelne, dahin gegeben. Daß dieses seine völlige Richtigkeit habe, erhellet daraus, daß erS allen Jüngern gab. Diese stellten damals die ganze Kirche vor, daher ist es allgemein. Auch soll man nicht bloö Brod, sondern auch Wein gewesen. g. Was das Dritte Stück anbelangt, daß es nämlich zum Nuzzen und Sergen aller Menschen bestimmt sei, so sehen wir das aus der Absicht, die vornamlich dahin gehet, die Seinen zu erinnern, welch eine gröse Liebe er für sie gehabt habe. Aus dem Grunde ermähnt ein geheiligter Apostel zum bftcrn Gebrauch desselben. Denn so sagt er im 26. V. des angezogenen Kapitels im i. Brief an die i^or.„Denn so oft ihr von diesem Brod esset, und von diesem Kelch trinket, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, bis daß er kommt." ,Wenn wir dieser Anweisung des geheiligten Apostels folgen, und es oft gemessn, so gereicht eS uns zum Seegen. Mithin findet die andre Hauptabthcilung statt, paß dieses der stärkste Beweis seiner Liebe sei. II. Ich zeige also Zweitens, daß die Einsezzung des heiligen Abendmals der stärkste Beweis der zärtlichen Liebe Jesu sei. Wik > iy§-— Dir haben hiebe! auf Drei Stükke zu merken, als: 1. Einmal, auf den Stifter selbst; 2. Zweitens, auf die im Teerte ihm beigelegte Namen; z. Drittens, auf die Zeit, in der das heil. Abend-mal ist eingesezt worden. 1. Das nun das Erste anbelangt, wer ,'^t denn eigentlich der Stifter des heil. Abendmals? so ist das niemand anders als Jesus.— Jesus unser hochgelobter Heiland und Seligma- cher legte dadurch' den stärksten Beweis seiner Liebe ab, daß er seinen Leib zur Speise, sein Blut zum Trank gab. O theure Gesinnung! Er zeigt sich als Gott der Liebe. 2. Was Zweitens die Nahmen im Terte anbelangt, so finden wir sie Gedoppelt: denn p. heist er Jesus; 2. Herr. I. WaS fürs Erste den Namen Jesus an- betrift, so will das nichts anders heißen, als Erretter, Heiland, Seligmacher; denn er ist ja gekommen, sein Volk scelig zu machen. Er hat alles gethan, was er thun konnte. Er hat erworben, was verlohren war. Er hat uns in die Gemeinschaft und in die Kindschaft Gottes wied-r gebracht/ uns uns mit demselben wieder N 4 auö- 200 ausgesöhnt. Mithin den stärksten Beweis seiner Liebe uns gegeben. Verdient er also nicht ein Gott der Liebe genannt zu werden? O ja! ES wurde dieses gleich bei seiner Geburt vorher verkündiget. Denn so sagte der Enge! zu Maria.: Du wirst schwanger werden im Leibe, und einen Sohn gebühren, des Namen sollt du Jesus heimsen; denn er wird sein Volk seelig machen von allen ihren Sünden. Er lies eS also nicht bei derr> blosen Namen bewendensondern führte auch die Ursache an, weswegen sie ihn also nennen sollte. Nämlich deswegen, weil er sein Vcssk seelig machen würde; weil er erstatten würde, was die Menschen verlohren hatten. 2. Was die Zwote Benennung, Herr, is unserm Terre anbetrist, so gebührt ihm diese mit allem Recht. Warum? Weil er gleicher Gott mit dem Vater, Sohn und heiligem Geiste, mithin Herr aller Herren und König aller Könige, ja ein Herr ist alles dessen, was da lebet, webet und ist. Und dieser Herr kam. vom Himmel, lud auf sich unsre Schmerzen und trug unsre Krankheit. Ja dieser Herr ist es, der am Ende erstaunlich viel gelitten, und zum Beweis seiner Liebe seinen Leib und Blut für uns dahin, gegeben hau z. Was nun endlich das Dritte Stück, das wir zu erwägen haben, anbelangt, so heist es in unserm TeM: in der Nacht, da haben wir auf Zw o Fragen zu merken: i. Erstlich: was war es für eine? 2. Zweitens: was trug sich in derselben zu? 1. Was das Erste, die Nacht oetrift, fa war das die Zeit und Stunde, wo sich seine keiden näherten, wo er den Willen seines himmlischen Vaters erfüllte. 2. Was das Zweite anbelangt: was trug sich zu? sx waren es folgende Drei Stück: i. Erstens, er wurde von Juda verrathen; 2. Zweitens, seinen Feinden überantwortet; z. Drittens, zum Tsde verurtheilt. Nun fragt es sich aber, warum wählte Jesus gerade die Zeit, die Nacht? Das geschah aus guten Ursachen und Gründen: i. Einmal in Absicht seiner Jünger; 2. Zweitens, seiner; g. Drittens, unserer. i. In Absicht Ersterer geschah es, weil sie nicht im Glauben waren. Er hatte ihnen entweder keinen Glauben beigcmessen, oder sahe ihre Betrübniß und Schwcrmuth, die ihnen gar nicht zu verdenken war. Man hat z. P. einen recht treuen Freund, welches gar rar istk N; der 2O2 der durch den Tod uns entrissen wird^ soll das nicht Leiden, nicht Wunden in unser Herz schneiden? So war es bei den Jüngern. Ihr Lehrer, ihr Freund sollte ihnen entrissen werden, sie müssen also traurig seyn. Uno Jesus müsse jetzt auf unumschränkte Weise seine Liebe zeigen, und sich dadurch seine Jünger erhalten. Und dieses war nun leicht, weil sie doch sahen, daß es jezt nicht mehr zu andern war. 2. In Absicht seiner geschah es, daß wir uns mit Freuden seines Todes erinnern sollen. z. In Absicht unserer wollte er sein Testament machen und anzeigen, daß wenn wirs würdig gemessn, wir alsdann aller der Güter theilhaftig werden, die er uns durch sein Leiden und Sterben erworben hat. Dies alles nun beweist, daß Jesus durch die Einsezzung des heil. Abendmalö uns den stärksten Beweis seiner Liebe gegeben hat. Hat er uns aber so geliebet, daß er sein Leben für uns dahin gegeben hat, o so sollen wir ihn auch lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüthe und aus allen unsern Kräften. So sollen wir das heil. Abendmal nach der Verwöhnung Paulus oft gemessn. Und o wie glücklich sind Wir, wenn wir eö oft und fleisig und x«uf auf eine rechte Art gemessn; wenn wir uns nicht von der Kirche absondern und es zu Haus gewesen! ES heist eben deswegen eine Communion, wo nur Krankheit, Schwachheit und Amt eine Ausnahme machen können. Junge und starke Menschen müssen eS in der Kirche gewesen, sonst heist'S, wer mich verlaugnet bor den Menschen, den will ich auch verläugnen vor meinem himmlischen Vater. O glückliche Menschen, die ihr euch in der Kirche bei dcni heil. Abendmal cinfindct, ihr geniest es würdig, ihr werdet geistlicher Weise mit eurem Heilande vereinigt. Schrecklich ist es für die, die es nicht, oder unwürdig gewesen. Wer es unwürdig genieses, wacht sich auf Zeit und Ewigkeit unglücklich. Er isset und trinket ihm selber daS Gericht. O so oft ihr es also genieset, nahet euch mit bus- fertigem und demüthigem Herzen und betet: „Jesu, wahres Brod des Lebens, Gieb, daß ich doch nicht vergebens, Oder mir vielleicht zum Schaden Sei zu deinem Tisch geladen, Lass' mich durch dies Seelenesseit Deine Liebe recht ermessen, Daß ich auch, wie jezt auf Erden, Mög'cin Gast im Himmel werden. Amen." Dies >—— 204—— Dies war die Predigt§ an die ich mich bisher noch immer mit Vergnügen erinnerte. Sie gefiel mir, nicht sowohl ihrer Sonderbarkeit ws- gen, als vielmehr wegen der Dienste, die sie mir verschaffte. Ich lernte durch sie die Denkungö- art vieler Einwohner in ff Z kennen. Ein gro- ser Theil war sür den Prediger eingenommen, ein noch gröserer war es nicht. Urtheilen sie nach ihrer Empfindung, welchen sie das meiste Gefühl für das Wahre und Schöne zutrauen.. Ich bin nicht gewohnt, öffentliche Urtheile zu fallen. Denn ich halte es für Verbrechen, jemand zu beleidigen oder irgend eine Veranlassung zur Kränkung zu geben. Ich nehme daher- dic Sache so, wie ich sie finde, und habe so meine eigene Glossen darüber, die ich denn auch wohl manchmal ohne Bedenken, meinen Freunden mittheile. Gegen andre geschieht das nur in dem Falle, wenn ich glaube, daß rs zu ihrer eigenen Besserung etwas beitragen kann. Den Bürgern, die mich fragten, wie mir der Prediger gefallen habe, antwortete ich ganz kurz: wann das ihr bester wäre, so wünschte ich einmal ihren schlechtesten zu hören. So viel ist gewiß, daß, der angesehnere Theil der Bürger ich kann sie versichern, daß man sie mit Vex- 1 gnügen hört. Nicht aber so jene, die entweder 1 nicht drauf achten wollten, oder in die trau- i rige Nothwendigkeit dersezc wurden, daß sie es- nicht 2O9 nicht konnten. Und da dieses lezte in ch Z der Fall ist, so ist es kein Wunder, wenn man daselbst gegen seine Nachbarn zurük bleibt, und es den Kindern in ch Z bey allen dem noch auf. fa llend ist, wenn ihnen ein Fremder vorgezogen wird. Freilich würde eignes Emporstreben noch etwas fruchten und viel zu den allgemeinen Fort- Mitten mit beitragen können. Allein eö gehören eiserner Fleis, tiefes Selbstforschen und Herkuls- Kraft dazu, um die Schwierigkeiten, die sich sidaai enweiS von allen Seiten zudrangen, zu überwältigen. Denn leider finden sie sich schon früh im Knabenalter ein, und häufen sich mit den Jahren. Schon in den Schulen werden dem denkenden Knaben Schranken gesczt, und auf Universitäten und mehr oft nachher ist man drauf bedacht Verstandöfahigkeit mit Gewalt zu beschranken, wo nicht gar zu unterdrükken. Und eS trift daher selten, daß hie oder da jemand DaS alte untaugliche, aber immer neu aufgewärmte und noch überdies zu beschwörende System anekelt, seine eigne Kraft gebrauchen und selbst denken lernt. In den Schulen arbeitet man blos für Erlernung der Sprachen, laßt Knabe» und Jünglinge lateinische, griechische O und und hebräische Zeilen buchstabieren und lesen, (die sie nicht verstehen,) ohne sie teutsch zu lehren. Auf Universitäten wird man angewiesen, seine Brodwissenschaftcn zu erlernen; und diese sind fsir den Theologen ein Bischen trokne unverdauliche Dogmatik; Moral so wie sie weder dem Sinne des Stifters unsrer Religion noch der Natur des Menschen angemessen ist; Katechetik, die da aufhört, wo der wichtigste Artikel derselben, das Praktische sollte angehen, weil der Herr Professor, der sie lehrt, sich selbst nicht getraut mit Kindern nüzlich und verständlich zu reden; Homiletik, die Regeln und Muster zu Predigten an die Hand giebt, die weder dem Genie des jungen Redners noch der ihm einstens anvertrauten Gemeinde angemessen sind. Voraus wird insgemein etwas wölfische Logik und Mcthaphysik erfordert, und wenn's hoch kommt, so Hort man hinten drein noch einige kanonische Bücher erklären; er lernt aber, um ja nicht zum Selbstden- km zu gelangen, oder das Wahre vom Falschen unterscheiden zu mögen, die Regel der heiligem Hermeneutik, hat seine Dogmen, vielleicht auch einige Symbole» im Kopfe, und trägt nun in die Schriften, die man verstehen will, hinein was unsre Lehrer für gut befinden. Denn jezt sucht man i i < i i r s f o k n 8 4 c! rr ti r» >v L» S' m di li; k!l man nicht erst, was der Verfasser uns sagen wollte, oder seinem Zeitalter, seiner Kenntnis, Lo- kalverfassung und andern Umständen nach, sagen konnte, sondern man sieht nur überall sein System von Dogmen, Symbolen und Lieblings- ' ideen aus den Schriften desselben hervorleuchten; und der bleibt jedesmal der Gelehrteste, der dieses am besten aus derselben beweisen kan. Mit solchen Sachen geschwängert, geht der junge Theolog nach Haus, und macht sich mit Seelen- angst auf die fürchterliche Geburrsstunde, auf ein rigoroses Egvmen, gefaßt. Und worüber wird eraminirt? Da wird nichts nach jenen Vorerkenntniffen gefragt, an die mein seeliger Professor uns erinnerte. Nicht einmal frei sprechen darf der junge Mann. Da heißt es sogleich, wir sind hier zu epaminiren und nicht zu dispu- tiren. Und es ist auch nicht mehr als billig, denn es konnten leicht Seitensprünge absezzen, wodurch der Herr Examinator vom Konzept abgebracht und dem Egamen nur zu bald ein Ende gemacht würde, oder auf unschikliche Art wieder mußte eingelenkt werden. Insgemein werden die Artikel von der Gottheit Christi und des heiligen Geistes vorgenommen. Man geht von der twigen Zeugung aus, kommt bis auf die Com- 2 2 mu- 212 mrmicatio Jdiomatum, laßt das mit einigen Diktiö, die so wenig wie eignes Licht zu den Planeten passend sind/ beweisen; nennt dann den Kezzer vomCermth/ über den auf Bitte des gutmüthigen Johannes das HauS übcrm Kopf zusammen stürzte/ bis auf BahrSt/ der schon ähnliche Schiksale auf Bitten gutmüthiger Orthodoxen soll gehabt haben/ nacheinander her/ warnt vor der teufelischen Lehre derselben/ und—' glaubt so genug gethan zu haben.— Gottesdienst^ und dessen Verwaltung geschieht nach dem alten> Schnitte und dem Kandidat wird's zur Pflicht l gemacht/ eS beständig eben so zu halten/ sonst- man es würde zu ahnden wissen. 1 Gottesdienst/ Gebet.^ Gottesdienst/ rief ich aus/ was ist das? t Ich habe schon mehr davon gehört/ aber noch e keine befriedigende Erklärung darüber erhalten. t Prediger. Es wird ihnen doch hoffent-* lich als Christ bekannt seyn/ waö unsre Kirche mit dieser Benennung sagen will? I ch. Das wohl. Ich wollte nur wissen/ r was sie eigentlich darunter verstehen? v P r. Es ist wahr/ da die Meinungen hier--^ über so sehr von einander abweichen/ so hat man^ alter- allerdings sich vorher über den Glauben des andern in Absicht auf die allgemeine Meinung zu befragen, ehe wir von ihm verlangen können, daß er uns einleuchtend sagen könne, waö er denkt oder nicht denkt. Ich. Also zuerst die allgemeine Meinung hierüber. Pr. Sie wissen, Religion nennt man die Art und Weise Gott zu verehren und ihm zu dienen. Nun glaubt der Christ, er ehre Gott und diene ihm auf die rechte Weise, wenn er die Bibel ließt, öfters in die Kirch, bisweilen zur Beicht und zum heiligen Abcndmal geht, dabei sich ausert, daß ihm seine Sünden leid seien, wofür er denn Buse thun, an Christum glauben und sich auf die Art der Rechtfertigung theilhaftig machen wolle.— Dies nennt man einen christlichen Lebenswandel, von dem man vorgicbt, daß er um Jesu willen müsse belohnet werden. Ich. Und ist das etwas unrechtes? Pr. Das sage ich nicht; aber genug ist eS nicht. Man muß nicht blos Hörer, man muß auch Thäter seyn. Das Thun, das Thun ist und bleibt die Hauptsach. DaS ist der wahre Gottesdienst. O Z 3^ 214 I ch. Die Benennung scheint mir sehr un» eigentlich zu seyn. P r.( Ironisch.) Es ist wahr, in neuern Zeiten sagt man besser, Verehrung; nennt den äußerlichen Gottesdienst eine Verehrung Gottes. Aber Herr, damit kommen sie bei mir nicht aus. Einem grosen Herrn kan ich eher einen Dienst erzeigen, als ihn verehren. Das leztere heißt sich Von einem Geringern gegen einen Hohem etwas zu viel herausgenommen, ist zu stolz, zu prale- risch gesprochen. Als Diener erkenne ich meine Unwürdigkcit und die Grosse meines Gebieters. Aber als Verehrer denke ich mich schon eine Stufe höher, glaube ich dem andern schon eher Freude und Vergnügen verschaffen zu können. Ich. Ereifern sie sich nicht, lieber Mann! sie selbst gaben ja vorhin zu verstehen, daß Verehrung und Dienst Gottes so ziemlich gleichbedeutende Ausdrükke seien, indem sie erklärten, daß die Religion die Art sei, nach der man Gott diente oder ihn verehrte; und sie irren, wenn sie mich etwa zu jenen zahlen wollten, die ihre Gröse nur in zwecklosen Neuerungen suchen. Das war nie meine Sache. Aber als Laie denke ich frei— P r. Und finden? 2ch- 2i; Ich. Daß beides Dienst und Verehrung Gottes unschickliche und dem Nachdenkenden an- stößige Benennungen sind. Pr. Um Gottes willen! Ich. Geduld, hören sie mich.— Sie werden mir doch zugestehen, daß man Gott dem vollkommensten Wesen keinen Dienst, keine Verehrung erweisen kann? Pr. Wenn wir uns Gott als den Geist denken, der alle Vollkommenheiten im höchsten Grade besizt, so kann ihm freilich kein Geist oder irgend eins seiner Geschöpfe einen eigentlichen Dienst erzeigen. Seine Glücksceligkeit wird, wenn wir ihm dienen, nicht vergrößert; seine ihm eigenthümliche Selbstgenugheit, wenn wir ihm nicht dienen, nicht verringert; und— Ich. Der Vater der Geister zürnt nicht leidenschaftlich, weswegen man sich nur zitternd seinen Altaren nähern dürfte, und man nur dann erst die Versicherung von seiner Geneigtheit erhalten könnte, wenn man ihn auf die gehörige Art verehrt, der Jude sein Kalb oder seinen Bock, der Katholick seine Hostie und der Protestant seinen Weihrauch im Abendgebet oder sein Herz im Morgenseegen geopfert harte. Nein, in Gott finden keine Leidenschaften statt, weö- O q tveße^ wegen er wüste verehrt und dadurch uns geneigter gemacht werden. P r. Ich bin vollkommen ihrer Meinung.. Allein das alles geschieht nicht um Gottes, sondern um des Menschen willen. Ich. Wenn sie schon das zugeben, so beucht mich, müsten sie auch selbst einsehen, daß eS lächerlich sei, so etwas Gottesdienst zu nennen. Pr. Ich kann es noch zur Zeit nicht so lächerlich finden. Wir nennen es einmal so, weil es nähern Bezug auf Gott hat. Denn sie werden mir doch wohl nichts dagegen einzuwenden haben, wenn ich behaupte, daß wir gegen Gott gewisse Wichten zu beobachten haben, daß wir ihn lieben, fürchten, ihm gehorchen, auf ihn vertrauen, seinen Namen anrufen, zu ihm baten, ihm danken und zu seiner Ehre den Sonntag feiern sollen? I ch. Ich sehe aber immer noch nicht ein, wie sie das Gottesdienst nennen wollen? Wenn ein armer Mensch einem Grosen der Erde einen Dienst erzeigte, oder, seiner Meinung nach, eine Verehrung demselben erwiese, was glauben sie Wohl, daß dabei für eine Absicht zu Grunde läge? um wessen willen geschieht das wohl? Zumal Zumal da die Verehrung oder der Dienst von der Art ist, daß der Grose derselben nicht nöthig hat? Ich sollte denken, daß der Arme es seines Vortheils wegen thue. Er fürchtet den Herrn entweder als einen Tirann und sucht ihn durch seine Gabe für sich zu gewinnenoder er giebt es, in Hoffnung, es auf eine andere Art reichlich wieder ersezt zu bekommen. Das sezt Leidenschaft voraus, die sich in Gott nicht befinden kann. Pr. Bei dem allen kann aber doch dem Herrn der gute Wille des Verehrers nicht unangenehm seyn? Ich. Sie wollen wahrscheinlich damit zu verstehen geben, als wenn sich Gott freuen oder einem, so zu reden, Beifall zulächeln würde, wenn er verehrt oder ihm gedient wird? P r. Wenigstens sollte man so denken. I ch. Ich erwartete, daß sie bestimmt reden würden. Zwischen Denken und Seyn ist ein noch gröserer Unterschied, als zwischen Wahrscheinlichkeit und Wahrheit. Lies sich das von Gott denken, so müste man annehmen, daß seine Glückseeligkeit könnte vermindert und ver- grösert werden. Denn wenn der Zustand einer fortdauernden Zufriedenheit und des herrschen- O 5 den den VergnügtseynS unsre Glückseligkeit ausmacht, so muß ich auch annehmen, daß, sobald ich eingestehe, daß, wenn der Mensch Gott verehrt und ihm dient, er sich darüber freue oder deswegen vergnügter sei, er auch glücklicher, und si> auch, auf der entgegen gesezten Seite, wenn der Mensch ihn nicht verehrte, er sich deswegen betrüben, und folglich auch mißvergnügter und unglücklicher werden müsse. Und was würden sie da für einen Gott sich denken müssen? Welche Gröse, welchen Inbegriff von Vollkommenheiten würden sie noch in ihm finden können? Welcher auffallende Kontrast von Veränderungen und Verschiedenheiten müste nicht beständig an ihm können wahrgenommen werden? Welche mißliche Lagen liefen sich nicht träumen. Hier würde er verehrt, er könnte deswegen froh und glücklich seyn, allein dort wird er verkannt, nicht verehrt, deswegen könnte er betrübt seyn. Wer oder was soll den Ausschlag geben? Die Menge oder die Gröse von Gaben und Verbrechen?- Nein, Freund, es ist so gewiß, daß, wenn sie ihr Kirchen, Beicht und Abend- malgehen und das Singen, Lesen, Hören und Beten dabei Gottesdienst nennen, dieser ihr Gottesdienst eitel ist, als gewiß es ist, daß das die «' kraft kräftigsten Aufmunterungsmittel zu einem guten Leben abgeben können; als gewiß es ist, daß der Vater des Weltalls sich immer selbst gleich, selbst genug bleibt, auch dann wann er von seinen Kindern verkannt wird. P r. Was, auch das Gebet sei Eitelkeit? Ich. In sofern sie eö als Gottesdienst betrachten. P r. Mein Herr, sie sagten vorhin sie waren ein Laie; ich glaub's jezt, denn, nehmen sie eö mir nicht übel, sie wollen da von Dingen sprechen, die sie nicht verstehen. Sie haben vielleicht einmal was gelesen und beten eö nach, machen es so wieder Reisende in den Mars, der uns das Märchen vom Naturmenschen wieder aufgewärmt hat, weswegen er warlich nicht nöthig gehabt halte mit Lebensgefahr eine Reise in den Mars zu machen, um eö von da aus als eine Neuigkeit für die Erdebcwohncr mitzubringen, da es diesem schon langst der Vater des Emils und sein Freund, wie heißt er doch—der Mann mit der bekannten Nachtmüzze— besser und umständlicher gezeigt haben, und deswegen schon yianch drollicht Kerlchen, wie z. B. weiland Magister Kindlebcn von sich erzählte, beim Fittig genommen, über Hals und Kopf zur Stube, in ln der er auf ein kleines, rundes, kerngesundes Bauermädgen unerlaubte Angriffe machen wollte, hinauSgesegelt und kurz drauf seiner Pfarre quit und ledig wurde. Gebet hat Gott befohlen, eS zu erhören verheißen und selbst uns wissen lassen, daß es ihm angenehm fei, wenn wir oft zu ihm beten. I ch. Erlauben sie, Gott kan in dem Sinne, wie sie wähnen, nie befehlen. Sein Gcsez ist Folge seines weisen Plans, und demnach kan man von Gott nicht verlangen, daß er sich alle Augenblicke nach dieses odeS jenes Bitten andere. Allzuglücklich wäre der Mensch, wenn er sein Glük erkennen, sich in den Plan der hohem Weisheit schikken lernte. P r. Wenn aber Gott sckon das Gebet deS einzelnen Menschen mit in seinen Plan gelegt, Zeit, Ordnung, Umstände, Noch, Bitte und Hülfe harmonisch geordnet hatte, so daß der Beter glaubte, es erfolge auf sein Gebet? Ich. Und wenn die Hülfe nicht sogleich, oder seinen Wünschen grade gemäß, sondern vielleicht auf eine andre, wohl gar noch bessere Weise erfolgt, so macht er sich unnbthigen Kummer, wird mürrisch und unzufrieden, da er ohne das still harren und ruhig seyn könnte; wobei er gewiß gewiß zufriedner und weit glüklicher wäre. Wie vieles auf uns selbst ankommt, habe ich schon oft -aus eigner Bemerkung wahrgenommen. So oft ich bei mir heftiges Verlangen bezeigte, daß die Stunde zum Essen schlagen möchte, so verspürte ich allemal eine gewisse Unzufriedenheit, ich wurde mißvergnügt, mürrisch, wurde durch mein Wünsche» und Nehm Störer meiner Ruhe und meines GlükS. Da ich im Gegentheil auch bei dem stärksten Hunger nicht im mindesten beunruhigt wurde, sobald ich eine mir angenehme Arbeit vornahm, und mir den Gedanken festdachte: die Stunde schlägt gewiß! Ich sgn sagen, die Zeit vergieng mir dann oft schneller, als ich es dachte, oder wünschte; da ich bei übler Laune sie durch alle meine Bitten nicht herbeiziehen konnte, sondern warten mußte bis sie kam. P r. Indeß bleibt es doch eine ausgemachte Wahrheit, daß das Gebet bei Widerwärtigkeiten den besten Trost und die sicherste Beruhigung gewahre. Ich. Handlungen zum Wohl der Gesellschaft, wovon wir ein Theil sind, unternommen, verschaffen beides in weit höherm Grade. P r. Also statt beten sollte man arbeitet,? — Wo bliebe unser Gottesdienst? Ich- 222 - Ich. Das ist mir eben das anstößige bei ihren Rcligionsgebräuchen. Sie scheinen mir nach Endzwekken ohne Mittel haschen zu wollen. Sogar ihre sogenannte Predigten sind klare Beweise hieven. Der Entwurf, den sie mir vorlasen, sieng mit einem sonderbaren Gebete an, und endigte sich mit einem noch auffallender» Schlußseufzer. Ich könnte ihnen ähnliche von ihren Rcligionsverwanden ausweisen, davon ich einige ihrer Sonderbarkeit wegen in meiner Brieftasche bei) mir habe. Wir wollen aber nur einmal bei der ihrigen stehen bleiben, und sie werden sich leicht denken können, wie vieles bei den meisten noch zu verbessern wäre. Es hieö in, derselben gleich anfangs: heiliger Vater, heilige^ uns in deiner Wahrheit, denn dein Wort ist und! bleibet Wahrheit. Wie mich beucht, so ist dieses, i da die Predigten für den gemeinen Menschenver- I stand belehrend eingerichtet seyn sollen, ganz am unrechten Orte angebracht, völlig unverständlich f und zwekwidrig. Denn was soll eö helfen?—< Pr. Wohl nichts anders, als: Gott soll 1 Kraft geben zum heiligen keben. Ich. Und alsdann?—' Pr. Sind wir ihm angenehm. Ich. Ich.— Machen ihm Freude?— Also gegen jemand erkenntlich zu seyn, bitte ich, er soll mir erst den Sinn geben, daß ich es könnte? Würde das im Grunde nicht den grösten Undank gegen erwiesene Wohlthaten verrathen? P r. Zwischen einem Menschen lind Gott ist ein Unterschied.— Gott muß und will uns sogar Kräfte und Beistand zum Guten geben, wenn wir ihn deswegen anrufen. Ich. Schon das zu denken verrath Undank, wie viclgrosern muß nicht die Anrufung zu erkennen geben. Sobald ich so etwas zu bitten begehre, verkenne ich die Güter, die mir Gott gegeben hat; verkenne ich meine Vernunft, meine Anlage, meine Triebe zur Thätigkeit und Vervollkommnung. Wer so etwas zu bitten wagt, der bittet um das, was er schon hat, e» kcnnts folglich nicht, und ist undankbar. — Vergeben sie mir, ihre Prediger sind faule Bauche, sie schlagen nicht den rechten Weg ein. Statt die Menschen in ihren Versammlungen an ihre Pflichten zu erinnern, ihnen ein Stück aus ihrem Kanon vorzulesen und dasselbe mit Anwendung aufs Herz und Leben der Zuhörer zu erklären, lesen sie lange Gebeter her, lassen, damit nur die Zeit vergeht, zwei bis drei und und an sogenannten BuStägen wohl gar fünf Lieder singen. Was wird dadurch bewirkt, was für Gutes gestiftet?— Mechanischer Gottesdienst, gedankenlose Schläfrigkeit, der tolle Gedanke, als wenn man fromm sei, seine Schuldigkeit gegen Gott beobachtet habe und seiner Gnade, zumal nach Buötägcn, aufs neue sich vergewissert halten könne. Diese mechanische Denkungöart beherrscht die Menschen bis an ihr Ende. Sie denken nicht an die Vollziehung ihrer Pflichten, rechnen darauf, daß sie Begehung der gottesdienstlichen Gebrauche ihre Schuld tilge und wähnen, daß am Ende ein Paar StoS- gebetcr ihnen die Pforte zum Himmel öffnen würden.— O, ich kenne die Principien ihrer -Religion besser. Sie sind die Hirtreflichsten, die ich mir denken kann. Aber das wollen sie nicht. Sie fordern thätige, duldsame, friedeliebende Menschen. Pr. Demnach wäre alleSGebct überflüssig? Ich. Als Gottesdienst betrachtet allerdings. Denn sagen sie mir doch nur einmal, waö es da für Nuzzen hat? Man versammlet sich in den Betstunden. Der Prediger liest, weil ihm das Lesen zur Gewohnheit wurde, ohne Andacht sein vorgeschriebenes Formular her; eilt oft wohl gar drüber drüber hin, weil es ihm lästig ist, da er an die vergnügte Gesellschaft denkt, die er zu Haus verlassen muste oder an das Vergnügen, das seiner erwartet. Der Zuhörer sizt entweder ganz gedankenlos, zahlt Fensterscheiben und mißt Winkel und Flachen der Gesichter, oder liest das Formular nach und denkt eben so wenig dabei, als fein Vorleser. Was wird nun dadurch gewonnen? Da« schädliche Dorurtheil: man habe Gott einen angenehmen Dienst erwiesen, wird von neuem gestärkt.— Pr- Alsh haben wir nicht nöthig, Gott üm Beistand zum Guten anzurufen? Ich. Wenn ich mich bestrebe es zu seyn, so darf ich das ohnehin von einem guten Gott erwarten. Oder besser zu reden, er hat es schon gethan, Kräfte und Anlage waren als Schöpfer seine Sache, uns kommt der Gebrauch oder die Anwendung zu. Und so trift ein, was der Dichter sagt: Er versteht unsre Gedanke» von ferne, er hört, ehe wir rufen. Pr. Also auch im Leiden ist das Gebet überflüssig. Ich. Allerdings. Denn wie oft ist nicht die Ursache dieser Bitte in der Kurzsichtigkeit der Menschen zu suchen; wissen sie nicht, was sie P bitten. 226 bitten. Uebel ist Glück für die Menschheit. Wie oft würde der Mensch nicht hinten nach gewahr werden, daß er gegen sich selbst gebeten hatte, wenn Gott jedesmal seine Bitte ihm gewähren würde. Es ist Pflicht die Uebel kennen zu kernen, ehe man sich deswegen im Gebete, welches nur zu oft der Fall ist, gegen, Gott beklagt^ ehe man sie für Leiden ansieht, von welchen man glaubt, es sei besser sie nicht zu kennen oder doch, so bald als es möglich ist, wieder davon befreit zu werden. Diele— ich dürste sagen, alle— z. B. Auer, Wasser, Regengüsse, Stürme, Donnerwetter liegen in dem Plan der Vorsehung, den sie bey Erschaffung der Welt zum Glück der Geschöpfe entwarf, und können unmöglich auf mein Gebet verändert werden. Ich wüste denn annehmen, Gottes Plan war von ihm nicht ganz durchschaut worden, oder er wüste aufhören, gütig zu seyn.— Meine Absicht muß seyn, die höhere Weisheit und Güte, die bei der Lenkung meiner Schicksale zu Grunde liegen, so weit eS seyn kann, kennen zu lernen, und überhaupt edel zu denken und zu handeln. P r. Was halten sie denn von der Fürbitte für unsre Mitmenschen? Ich. 22? I ch. Nach dem, waö ich schon davon vernommen habe, taugt sie gar nichts. Ist nach den so eben angeführten Gründen unnöthig. Pr. Mithin ist also auch das im Reiche jezt allgemein eingeführte Gebet um ein gutes Oberhaupt überflüssig? Ich. Wissen sie nicht schon wer Kaiser wird? P r. Man behauptet durchgehende!, daß eS Leopold, König von Ungarn und Böhmen würde. Ich. Eben das, daß dieses schon längst ausgemacht und beschlossen ist, beweist ja hinlänglich, daß es überflüssig ist. Zu danken hätte man Ursache für das Gute, das geschehen ist, und nicht erst zu beten: daß der Gott, der die Herzen der Menschen lenket wie Wasserbäche, nun auch die Herzen derer, welchen die Wahl eines Oberhaupts des teutschen Kaisers anvertrauet ist, zu einem solchen Regenten neigen möge, der, was weis ich? was für erforderliche Eigenschaften haben muß, die man der Reihe nach in seinem Gebete bestimmt, und ausdrücklich verlangt.— Das heist glimpflich gesprochen an der Weisheit Gottes, an der Einsicht und Redlichkeit oer Wahlbvthfchafter bei diesem Geschäfte und an dem allgemein aner- P 2 kann- 228 kannten guten Karakter Leopolds zweifeln; oder verlangen Gott soll Wunder thun. P r. Also halten sie gar nichts auf das Gebet?— So fehlte die ganze Dorwelt, irrt die ganze noch lebende? Denn sie alle beteten, beten noch, und finden dadurch Trost und Beruhigung-. Ich- Der Welt ihren Trost rauben, war niemals meine Absicht. Ich weis nur zu wohl, Wie gern sich der sinnliche Mensch am Irrthum und Wahne weidet, und glaube auch nicht, daß man ihm das alles benehmen sollte, wenigstens würde zu viel Elend erfolgen, wenn es auf ein- mal geschehen sollte. Allein es könnte doch, wie mich deucht, nach und nach und besonders bei den auffallendsten Sachen geschehen- Ich spreche daher auch nur blos von denen, denen es zukommt den Menschen richtige Begriffe von einer Sache beizubringen; von Predigern, die den Menschen Wahrheiten beibringen sollen, die auch dann, wann der Mensch zu höherer Kenntniß gelangte, noch stand halten, so daß sich derselbe alsdann nicht den Vokwurf machen müsse, er habe auf blos? Hypothesen gebaut, seinen Trost und seine Beruhigung in eitlen Traumen in leeren Täuschungen gesucht und nun— müsse ek sie schwinden sehen, sie als Eitelkeit betrachten. z Was 22Y Was mich anbetrift, so sezze ich einen sehr grosen Werth auf das Gebet. Aber das Gebet ist mir nicht Wunsch, daß Gott sich nach meinen Einfallen richten soll; es ist mir nicht Gespräch meines Herzens, daß ich etwas von Gott bitte oder begehre oder für das Empfangene danke; es ist mir Gedanke, erhabener, feuriger Gt- danke an das vollkommenste der Wesen; Unterhaltung mit ihm in' der freien Natur über Man» nichfaltigkeit, Zweck, und Vollkommenheit der Geschöpfe; Andenken an ihn bei dem Vergnügen das im Menschenzirkel, seinem Werk, mein Innerstes durchströmt; Besprechung mit ihm in der Einsamkeit, wo ich nur ihn mir gegenwärtig denke; eö ist die Prüfung meiner Gesinnungen nach den allgemeinen Regeln der Ordnung und die Fassung edler Vorsäzze, dem Vater der Welt ähnlich zu denken und zu handeln. Das Dankgebet, insbesondere ist die umständliche und lebhafte Vorstellung des mannichfaltigen Guten in meinen Bestimmungen, Verhältnissen und Erwartungen, oder die freudige Genehmigung deö ganzen Planes der Vorsicht. Die Bitte ist dach Habituelle meiner Vorstellungen, nach dem ich auch das traurige Looe meiner Tagt als Schik- kung einer höhern Weisheit erkenne, upd mit P Z»öl? 2ZS völliger Unterwerfung spreche: Nicht mein, sonder dein Willen geschehe, dein Wille du höchstes, weisestes, vollkommenstes, göttliche Ursache der Wesen, das ich mir als einen guten, liebevollen Vater denken kann. Munter folg' ich, wohin du mich führest, wozu ich nach deinem grosen Plane bestimmt bin; denn wenn mein Wille widerstehen wollte, so wär ich gottlos; aber immer will ich folgen. Fürbitte für meine Mitmenschen, für Obrigkeiten, Gönner, Freunde und Feinde ist mir die lebhafte Vorstellung, daß das Universum mein wahres und achtes Vaterland sei, nicht, blos der kleine zufällige Fleck, wo wir zuerst unsre Lebenslust eingcsvgen haben; ist mir die gewisseste Ueberzeugung daß die zusammen gekettete Reihe von Ursachen und Wirkungen, von Entschluß und Begebenheit nothwendig zum Besten des Universums und deö Individuums abzwekkcn und daß das Glied an die Kette, die Kette durch das Glied sich anschlich: und so wird mirs Mittel, mich durch höhere Bewe- gungSgründe zur willigen Erfüllung aller Pflichten des gesellschaftlichen Lebens aufzumuntern. Einverstanden— rief mir eine Stimme auser dem Gartenhauschen, worinn wir uns niedergelassen hatten, zu— völlig einverstanden. Die Die Auflösung. Wie, wenn es je, den Aussagender Erde- bewohner nach, einem ihrer Seher der Vorwelt, der, in einer düstern Hole, oder einsam in unzugänglicher Einöde unterm Wachholderstrauche sizzend, über Fall und Aufrechthaltung seines Volks ernsthaft nachsann, und denn, dassel- bige zu retten, den grosen Plan entwarf, es glückte, wachend oder träumend einer himmlischen Vision gewürdigt zu werden, die ihm zurief: stehe auf, gehe hin und predige die Worte, die ich dir in den Mund lege, wie, sage ich, demselben es damals muß zu Muthe gewesen seyn, davon konnte ich mich in dem Augenblick überzeugen. Die auferordentliche Freude, die er darüber empfand, mufte seinen Muth bis zum Enthusiasmus entstammen, und der Gedanke, daß er jezt nichts weniger als Aufträge der Gottheit zu befolgen hatte, ihm Stärke verleihen, aller Hindernisse und Gefahren, die sich ihm darbieten konnten, ungeachtet, seinen Plan auszuführen.— Ich hätte hingehen ulld predigen mögen. Indessen war der Beifall, den ich so unerwartet erhielt, nicht übernatürlich. Er war P 4 von von einem guten Freunde ertheilt. Doch das hatte anizt nichts zur Sache gethan. Stimme des Freundes vermag viel; wird oft so grosen Einfluß auf den Seher als auf mich gehabt haben,. und ich wähnte in dem Augenblick, es sei Engelsstimme gewesen. Aber es war nichts weniger als das. Wir sähen uns um, und— schon stund mein vermißter, ehrlicher Wirth vor unS; nebe» ihm— HannS, aber so metamvrphosirt, daß ich ihn nur noch aus einigen GesichtSzüge» erkennen konnte. Meine Freude war auserordcnt- lich. Aber noch kam sie des Predigers seiner nicht bei. Denn kaum erblickte er den lezten, so lief er auf ihn zu, umarmte, küßte ihn, fragte tausenderlei ohne Antwort zu erwarten. Neffe, hieü es, lieber Neffe, woher? Sehen wir uns auch einmal wieder? Schon lange beklagte ich dich, als einen von mir auf ewig Abgeschiedenen und du lebst noch? Bist, wie es scheint, gesund und glücklich?— mit dex Welt wieder ausgesöhnt? O, wie glücklich bin ich! Geschwind erzähl' mir, welchem günstigen Geschick ich die Freude meiner alten Tage verdanke?— Dem gütigsten, dem besten Fürsten, war die für freudiger Wrhmuth zitternde Antwort, I Wort, verdanke ich die glückliche Veränderung meines Lebens. Ich bin Prediger, oder besser gesprochen, Lehrer einer angesehenen Gemeinde und habe, was sie kaum glauben werden, von meinem Landesfürsten, der hell und aufgeklart denkt, die Erlaubnis erhalten, den Religionsunterricht so praktisch einzurichten, als es nur seyn kann. Ich bin nicht drauf beeidigt mich an die bisher üblich gewesene Liturgie oder irgend ein Formular, von dessen Ungültigkeit mich Gründe überzeugen, zu binden. Ich, darf reine Christus oder Glükseeligkeitslehre vortragen. Kann denken, studieren, lehren, wie es einem vernünftigen rechtschaffenen Mann zukommt. Ich habe nicht Urjach anders zu lehren, als ich denke, und dadurch mein Gewissen zu verlezzen.—— Und wer ist, fragte der redliche Alte, dieser Vater seiner Unterthanen, der es so sehr verdient, daß man seinen Namen laut in den Annalen der Menschheit nenne? Gedulden sie sich, sie sollen ihn bald öffentlich zu lesen bekommen. Ich habe mir vorgenommen: mein Leben und meine Schicksale, oder den Kandidatenstand überhaupt, mit allen dahin einschlagenden guten und bösen Ereignissen zu P? be- , r 2Z4 beschreiben. Meine Absicht, die ,ch dabei habe, gehet dahin, die Welt mir ihren Volke lehrern etwas bekannter zu machen, und allen denen, die irgend einen Einfluß auf die Erziehung, Bildung, Studien und Einsezzung derselben haben, zu zeigen, wie vieles vor allen Dingen hier ins Reine zu bringen sei, bis allgemeine Aufklärung und ununterbrochene Wohlfahrt der Staaten konnte befördert und gesichert werden, mir aber selbst hoffe ich für alle das Verworrene meines Geschicks den reinsten Genuß, die schönste Entschädigung durch die Schilderung meiner Schicksale, deren Entwikkelung mir so erfreulich als lehrreich ist, zu verschaffen. Aufgelöst wär also das Räthsel vom Hanns, machte ich die stille Selbstbemerkung. Ein Fürst habe seiner Leiden ein Ende gemacht. Ohne ihn wäre^er vielleicht noch elend. Und doch kann'S Menschen geben, welche die Länder glücklich preise»», die keine Fürsten haben.— Und sie, mein lieber Freund, sprach izt der Prediger zu meinem Wirthe, sehe ich denn auch einmal wieder. Wie sehr ich mich deswegen freue, habe ich wohl nicht nöthig erst zu sagen. Sie sind mir von Herzen willkommen. Sezzen sie sich nieder. Die schon lange in Erinnerung ge- gebrachte Stunde zum Essen wird bald schlagen. Ein schielender Seitenblick mit einem bedeutenden Lächeln gab zu verstehen, daß diese Bemerkung mir gelten sollte. Sobald die EmpfangSceremonien und einige dahin einschlagende Fragen geendigt waren, folgten wir seinem Befehle und er fuhr denn folgendermafsen fort. Ja sie— gegen meinen Wirth zugekehrt— beehren mich mit feinen Männern. Da kommt vor einigen Tagen ein Herr zu mir, giebt vor, daß er sie hier antreffen würde oder doch wenigstens, mit meiner Erlaubniß erwarten dürfte. Ich hatte nichts dagegen einzuwenden, glaubte vielmehr Ursache zu haben, ihn als Freund meines Freundes nach Vermögen bewirthen zu müssen. Allein, sie werden verzeihen, wenn ich nach meiner Gewohnheit frei spreche, er scheint wir das Gastfteundschaftsrecht nicht gar gut zu verstehen. Denn statt durch Nachgeben sich gefällig zu bezeigen und sich von der Liebe und Zuneigung seines Wirthes zu versickern, widerspricht er fast allem, was ich vorbringe. Doch— nach einer Pause zu mir— vergeben sie, das'war nicht im Ernste gesprochen. Es giebt gewisse Leute, die, wenn sie etwas,'n Bier- Licrschenken oder Koffeehäusern aufgefischt haben, es sogleich, ohne jemals selbst drüber nachzudenken/ wieder an Mann bringen und sich dadurch ein gelehrtes Ansehen geben wollen. GegN diese bin ich gewohnt, gerade das Gegentheil, von dem was sie vorbringen/ zu behaupten; auch wenn ich völlig überzeugt wäre, daß sie recht und ich höchst unrecht hätte. Ich thue es ansang) insgemein aus der Absicht sie kennen zu lernen,, oder sie als unbedeutende Grossprecher zum beschämenden Stillsckweigen zu bringen. Man Hort es einem Menschen gleich an wen» er aus Ueberzeugung spricht; es ist ganz anders als wenn er nur nachbetet. Er behauchet mit Gründen und ist seiner Sache gewiß. Der Grossprecher hingegen giebt sich leicht gefangen,, oder wenn man ihm ja die Areude gönnt, weiter zu reden, so ficht doch der Vernünftige der zugegen ist/ leicht ein, daß man ihn, wie da) Pferd auf der Reitbahn, einen beständigen Zirkel laufen läßt. Der ist denn mein Mann nicht; ich liebe gerade Offenherzigkeit. Und nun habe ich die Ehre ihnen zu sagen, daß es mich auseryrdentlich gefreut hat, als sie ihre Meinung über Gottesdienst und Gebet so heftig gegen mich vertheidigt Wen. Ich hqtte schon 2Z7 schon längst-je nämlichen Gedanken. Unser System wäre also völlig übereinstimmend. Aber sie werden, wenn sie sich einigermassen mit dem Studium der Theologie abgeben, oder wenigstens die Geschichte der Dogmen unsrer Kirchen einiger Aufmerksamkeit würdigen, auch eben so gut als ich überzeugt seyn, daß unser System nicht ganz neu ist, sondern schon lange vorher auf ähnliche Art gelehrt wurde. Und in neuern Zeiten scheint die Lehre wirklich nicht mehr unter die Hetherodogen Säzze zu gehören, von denen man ehemals glaubte, daß der Himmel einfallen würde, wenn man sich nur gelüsten könnte ihnen einiges Gehör zu geben; wiewohl sie dem, der niemals für sich denken lernte, so wie jenem der Nicht mit der Zeit fortstudirt noch immer auffallend genug sind. Die Theorie, die sie vom Gebete vorbrachten, ist beinahe die nemliche,^ wie sie Steinbart in seinem System der Glück» seeligkeitölehre des Christenthums angegeben hat, und in Ansehung des Gottesdienstes hat Zolliko- fer ähnliche Gedanken. Aber wie mir deucht, so hat— die Glokke zum Essen geschlagen: tvenn's gefällig ist, meine Herrn so-- Man lies es sich bei dem Prediger recht wohl schmtkken. Launigte Erzählungen und scherz- 2Z8 scherzhafte Freuds würzten das niedliche Maal. Wer ich konnte keinen rechten Antheil dran neh- syen- Warum? weis ich eigentlich nicht mit Gewißheit zu bestimmen. Ich glaube aber doch picht, daß ich unrecht habe, wenn ich die Hauptursache dem Affekte zuschrtibe, mit dem ich im Garten gesprochen habe. Wiewohl die Schuld auch eines Theils darin liegen mag, daß der Prediger der Eßglokke so oft erwähnte, welsches meinem Gefühl unangenehme Empfindung verursachte. Es ist freilich dieses Schwache; und Schwachheiten zu gestehen, halt man bei den Erdbewohnern für Schande. Im Mars denkt man anders. Man gesteht seine Schwache frei, und laßt sich belehren; ist redlich und offenherzig gegen einander, weswegen man auch daselbst selten solche Feindseeligkeiten, wie ich sie leider nur zu oft guter den Erdbürgcrn gefunden habe, entstehen können, weil dadurch der Ursach derselben, den Mißverständnissen vorgebaut wird. Genug, weder die Delikatesse der Speisen noch das Fcohseyn der Gesellschaft gewahrte mir die gehörige Unterhaltung. Ich schweifte mit meinen Gedanken anderöwo umher. Und ob ich gleichwohl nicht gerade durch verdrieslicheS Stilleschweigen und mürrische Mienen das Vergnügen 2Z9 gen beim Tische stöhrte, sondern antwortete, wenn eö erforderlich war, so hörte ich doch diesmal nichts lieber, als das Abschiedskomplimcnt des Tages: Schlafen sie wohl. Aus eben dem Grunde kann ich dir auch nur das Merkwürdigste von den Dingen, worüber sich die Tischgesellschaft heraus lies, mittheilen. Man dachte sich unter guten Freunden, und raisannirte ohne Zurückhaltung über— Gröse der Fürsten. Fürst A., hies es, ist ein Universalgenie und das Schreckbild seiner Nachbarn, er hat brave Krieger, geht tollkühn selbst in den Streit, wo er am dichtsten ist, entrinnt kaum auf einem kleinen Fahrzeug, nachdem seine Scheerenflotte in Grund gebohrt ist, rafft den Rest feiner Macht zusammen und gewinnt nach 6 Tagen eine Seeschlacht! Fürst B. vergrösert seine Pattaste, verschö-' nert die Städte, bereichert sich durch seine in fremden Sold gegebene Unterthanen. Es wird zwar sein Land dadurch entvölkert, der Wittwe oft der einzige Sohn, die Stüzze ihres sinkenden Alters, vorn Pflug weggenommen, und der Alke» 2Ho Akkerbau vernachlässiget, aber was schadet's; er bleibt immer ein groser Fürst.— Fürst C. ge,- Hört zu den LandeSvätern, denen „Pfeifengequik, Pauken und Trommel-Geroll, Der Ketten,'der Peitschen Geros' Und das Brüllen der Gepeitschten" nur allein Musik ist. Es wird zwar dadurch mancher einsichtsvolle und redliche Minister von seinem Hofe emfernt und das Interesse seines Staates vermindert, aber was thut das?— Fürst D. kann sogar.in Friedenszeiten die schönste Armee inS Feld stellen. Tagtäglich übt er sie selbst in den Waffen. Äan will zwar wissen, daß die Unterthanen wegen der vielen Abgaben, die es deswegen absezt, zum Theil öffentlich zum Theil insgeheim murren; aber was hat das zu sagen? wenn nur die Kasse des Fürsten und die öffentliche Kammer dabei nicht Noth leiden- Ein groser Fürst muß nicht immer geliebt, muß gefürchtet werden. Und D. bleibt ein sehr groser Fürst.— Fürst E- hegt in den schönsten Waldungen das herrlichste Wildpret. In zahlreichen Heerden grasen Hirsche und wühlen Schweine. Er kann öfters Lustjagen zum Vergnügen hoher Anwesenden anstellen. ES verwüstet zwar nicht selten in einer Nacht die Ernde Erndte des Armen und erpreßt brodlosen Kindern häufige Thränen; es wird zwar öfters der arbeitsame Landmann auf eigne Kosten zu der vorn Fürsten angestellten Jagd herbei und von seinen nöthigen Geschäften abgerufen: aber was thut das zur Sache? Dafür tirannistren die Jäger, die armen Unterthanen? es bleiben wohl auch einige unter den Zähnen wüthender Eber oder den Geweihen aufgebrachter Hirsche; aber allemal bleibt der Fürst groö.— Fürst F.— es giebt auch Fürstinnen, die diesen dem weiblichen Gefühl sonst zuwiderlaufenden Karakter äuser»— ist cin mächtiger Erobexer; vom Glükke taumelnd gemacht, spottet er der Kleinheit seiner Nachbarn, will der Welt Gefezze vorschreiben und, falls sich alles widersezte, seine Residenz sogar in der Hauptstadt des feindlichen Landes aufschlagen, um— vielleicht daselbst, wie ehemals Konstantin sein Reich zu vertheilen, damit es desto eher sinken könne. Denn so was war noch immer die Folge von einer Grase der Art. Und diese Gross stehet man aus dem Lächeln des Fürsten, wenn von Wüthrichen, seinen unmenschlichen Kriegern, 1822a Menschen—die freilich gestern 'stehen und heute fallen konnten; aber es war doch Gottes Werk, das kein Sterblicher stöhren Q sollte 242 sollte— das Leben genommen wird, mehrere Tausende jämmerlich zerfezt im Blute da liegen, Unmündige wegen dem erschlagenen Vater wimmernd die Hände ringen und um das wenige Brod, das ihnen sonst gereicht und nun grausam entrissen wurde, laut zum Himmel aufschreien; wenn hülfsbedürftige Greifende, als Witwen, trostlos ihre Männer, Säuglinge ihre Mütter, der an seinem Stäbe dem nahen Grabe zuschwankende Alte seinen Sohn, die einzige Stüzze seines noch schwachen Lebens, Freunde ihre Freunde, Verlobte ihre Bräutigame beklagen. Der Fürst heist um so gröser, je besser er die Kunst barbarisch zu morden gelernt hat.— Fürst G. ist der gröste Diktator, den das gegenwärtige Zeitalter auszuweisen hat, aber dabei die Gutmüthigkeit selbst. Es ist ihm genug, wenn er diktirt hat; das Verhalten darnach überläßt er den Nachbarn nach Gutbefinden, und diese, wohl wissend daß seine Aussprüche keinen sonderlichen Nachdruck haben, theilen den Raub aus, ohne drauf zu achten, wie er sich dabei betragen möge. Den grossen Einfluß soll dieses Diktirn auf die redlichsten, tapfersten und weisesten Männer, auf die Staatsminister erster Gröse haben. Denn diese sollen, sollen, weil sie sich nicht bequemen können, die Diktate, so wie der unverständige Knabe aus Furcht für dem despotischen Schulmonarchen seinen KatechiSm, oder der Kandidat aus Respekt gegen fein ehrwürdiges Definitorium die bestimmte lateinische Fragen, herzusagen, ganz ruhig sich verhalten, wehklagen, oder fremde Länder bereisen. Desto besser, sagen manche; der Fürst bleibt gröser und weiser.— Fürst H. laßt Kostbark. iten auö allen Welttheilen herbeischaffen, Juweliercr, Schneider, Perukkenma- cher, Konkubinen, Musik und Tanzmeister aus Italien und Frankreich kommen; sein Hofstaat ist der glänzendste, sein Gefolg das zahlreichste, sein Marstall der ansehnlichste, seine Tafel srrozt in goldenen und silbernen Schüsseln und Pokalen von den auserlesensten Gerüchten und den köstlichsten Getränken des Ausenlaudes es Werden zwar-Schulden auf Schulden gehäuft; aber das Land— kann bezahlen, und der Fürst bleibt immer groS.— Fürst F- hat seine Stunden gehörig eingetheilt, sei» Schlaf dauert nur kurze Zeit, zur Erhohlung sind auch nur einige Stunden des Tages bestimmt, die meisten bringt er im Kabinet oder auf der Kanzebei zu; denn er nimmt selbst an den Regietungögesiyäf.en Q 2 An- 244 Antheil, sorgt für innerliche und äuserliche Sicherheit seines Landes, hilft dem Akkerbau empor, schränkt sich ein, belastet weder seine Unterthanen durch übermäsige Abgaben noch sein Gewissen mit Ungerechtigkeit, aber dafür lebt er auch vergnügt, zahlt Freunde und gehört, obgleich die Wurzellinie seines Landes zur zwoten Potenz nicht mit Tausenden von Meilen gemessen wird, unter die grösten Fürsten.— Was sagen sie dazu? Ich weis noch nicht, war meine Antwort, was sie unter Gröse verstehen, und ohne das kann ich mich nicht bestimmen. Ich z. B. denke mir die erhabenste Gröse, so wie sie sich ein Sterblicher, nur immerhin an den, Wesen, dem der Inbegriff aller Vollkommenheiten zukommt, denken kann, und verfertige darnach meinen MaaSstab. Jemebr Vollkommenheiten ich nun, und besonders je bessere Anwendung derselben, jemehr gute Anstalten für die Gesundheit, bessere Erziehung der Jugend^ Belehrung der Unwissenden, Aufklärung, Kornmagazine, Flor der Handlung, gute Wege, arbeitsame Armuth und dergleichen ich unter meinen MaaSstab bringen kann, desto ähnlicher denke ich mir das Subjekt, bei dem ich diese Eigenschaften vereinigt 24? einigt finde, mit der erhabensten Grösc; desto gröftr muß es wirklich seyn. So denke ich auch, versezte Hanns; und da das, waö-ße von der nächsten Aehnlichkeit eines vernünftigen Erdgeschöpfes— das als Geschöpf freilich seine gehörige Gränzen hat und den Maaöstab nie ausfüllen wird— mit der vollkommensten Gröse vorbrachten, völlig agf meinen Landesfürsten paßt, so— stosen sie an— lebe der Gute— der Weise— der Vater seines Landes! Ehre. Es geht ihnen, unterbrach uns mein Wirth, mit der Gröse der Fürsten als wie gewissen Menschen mit der Ehre. Ihre Begriffe davon sind ganz sonderbar. Sie rechnen sich daher oft etwas zur Ehre an, das, mit philosophischen Augen beleuchtet, nur Erniedrigung, Sklaverei, Schwäche und Beschwerde ist, und das sie, wenn sie die Wahrheit von Herzen reden wollten, immer lieber in der Ferne als in der Nähe bemerken möchten. So hat Herr K. die Gnade von dem Grafen L. mit zur Tafel gezogen zu werden. Nichts ist in seinen Augen dieser Ehre Qz zu I vergleichen. Er. muß zwar vier bis fünf Stunden unbeweglich auf einem Fleck sizzen, darf nichts reden bis er gefragt wird und hat vielleicht noch gar wegen dem Zwang, den er sich anthun muß, einige Unpäßlichkeiten im Gehirn und Unterleibe zu erdulden, aber, Kleinigkeit, denkt er; in der Welt muß man ja ohnehin viel leiden, und Ehre geht über alles. So schazt es sich eine Stadt zur Ehre, wenn ein Fürst in ihr gekrönt wird; ob es ihr gleich viel kostet; ob gleich die Häuser durchbrochen, Quartiere für fremde Menschen und Pferde ohne weitere Umstände und Privatemwilli ung gemacht, viele Tage Kommando'» ausgestellt, neue Fahnen eingeweiht, moderne Staatswagen erbaut, Skrasen- laternen vermehrt, Kanonen reparirt, Kirchen, Rath und Privathäuser mit schweren Kosten auschepuzt, mehrere Feiertäge angestellt, Freunde auf Monathe beherbergt und verköstigt, Geschäfte vernachläßigt, und die Gelder des Aera- riumS, die man so nothwendig für Erbauung von Zucht-Bet- und Krankenhäuser hatte, dahin gegeben, oder wohl gar Schulden gehäuft werden. Allein wo Ehre den Kopf schwindelnd macht, da achtet man der Nachtheile nicht; und die Stadt halt eö für die gröste Ehre, daß sie unter 247 unter taufenden vielleicht die einzige ist, wo der Kürst sich kann krönen kästen. Aber im Ernste gesprochen, versezte der Pfarrer, es muß dann doch eine Stadt seyn, darin der Fürst gekrönt wird! Allerdings! Die Rede war blos von der ungebildeten Ehre der Bürger von Reims, die, sichern Urkunden zu Folge, ihren grösten Stolz darauf festen, daß sie zur Krönungszeit Ludwig des vierzehentcn vicrzchen Hundert auswärtige Konkubinen beherbergen konnten! Rerire? Vous. kdeürerc- vou5 st'ici! Fieng Hanns mit einer fürchterlichen Stimme zu schreien an; Ich dachte er wollte meinen Wirth zum Stilleschweigen dadurch zu bewegen suchen, allein seine Absicht zielte auf etwas ganz anders. Wissen sie auch, fragte er uns, wodurch sich ein feiner Bürger von einem minder feinen auszeichnet 7— Blos dadurch, daß er seine Grcbheiten in einer fremden Sprache äusert, da indeß jener redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Ob er etwa in dem irrigen Wahne stehet, alö wenn er alsdann minder grob sei, Q 4»der 248 oder es ihm gar zur Ehre gereiche, will ich nicht entscheiden. Mir mißfällt beides. Wenigstens sollte man seine Leute, die man vor sich hat, erst kennen kernen. Dann Strenge, glaube ich, is nur dann nötbig, wenn Güte nichts vermag, und vernünftige Borstellungen müssen bei vernünftigen Menschen immer das Meiste ausrichten. Gebraucht man sie ohne das, so ist das Grobheit. Man schreibt andern Menschen sein! eigne Denkungsart zu; da man doch wissen sollte, welchen Thieren man Zaum und Gebiß ine Maul zu legen hatte und auf wessen Rükken die Geisel zu gebrauchen sei. Wider Willen und Absicht kam ich zu** bei einer gewisse» Feierlichkeit unter den grvstn Haufen ins Gedränge.. Ich sties eben so schuD- los auf einen angesehenen Bürger, und bat dafür noch ganz demüthigst um Verzeihung; aler, mit dem grimmigsten Tone versezte er: Kecirsr- vvux cl'tci! 8ac'r—-— rerire? van;.' ustd'— er gefiel mir eben so, als ein andrer, de, bei einer ähnlichen Feierlichkeit feinem Nachbar zurief: Der, Kanaille hat noch'n Stock, o stos chm de Kolke uf de Kop, daß er''s büs Kreuz kriet! Und doch sind es die artigsten, nachgie- öigsten, gefälligsten Menschen! Denn Was Was vermag Geld nicht?; Gold verschafft Kanonikate, Probsteien, DiSthümer, Amtmannsstellen, Militärchargen, Burggrafschafren, Fürstenthümer. Gold zsr, spreng! diamantne Schlösser, felsenfeste Paläste. Goldner Regen bahnt dem Erdenjupiter den Weg Danae'ö Busen und SchooS. Und— ein Dreigroschenstück verschafft oft dem Unterthan die Ehre seines Königs. Wie kann man, fragte ich einen Officier, diese Anstalt, wo sie so starke Wachen hinpflanzten, zu sehen bekommen? Wollten sie nicht die Gewogenheit haben, mir als einem Fremden, der nicht gerne mit Ungestümm seine Neugier- de befriedigen und doch zu Haus auch etwas von den hiesigen Merkwürdigkeiten erzählen möchte, den Weg zu bahnen? O! erwiederte er, das macht sich schon von selbst. Sehen sie nur, wie sie da vor kommen, und dann drükken sie dem Soldaten, der zunächst an der Thür steht, etwa einige Groschen in die Hand, so wird er sie schon einlassen. Brav gesprochen, dachte ich, und— zr»- rück! hies es, es kommt Herrschaft. Q;' Tot». 2;c> Toleranz. Aber, fiel ihm der Pfarrer ins Wort, wie gefallt ihnen unser Toleranzsistem? Denn da« ist doch auch ein Artikel, der es verdient, daß Man ihn in Anschlag bringe. Ja wohl! versezte Hanns, aber nur bei einem Fürsten, der auf gute Thaten der Bürger seines Staates sieht, und wie Gott das Ansehen der Person nicht achtet, sondern dem jeder, der recht thut und als ein getreuer und fieisiger Unterthan sich beträgt, angenehm ist. Aber leider! gehört dieses System noch zur Zeit unter die patriotischen Wünsche. Man rühmt wohl viel davon, sieht auch ein, das? die allgemeine Anerkennung dess-lben einem Staate nüz- lich sei, ist überzeugt, daß es die Wirbt gegen die Menschheit erfordert: aber dennoch wird es Nicht durchgehende herrschend, wird es selbst in den Ländern nicht befolgt, wo man es einheimisch wissen wollte. Es werden zwar in manchen Ländern fremde Religionsverwandten gcdultet, es wird ihnen Freiheit verstattet ein Versammlungshaus, unter dem Namen eines Bethauseö— Kirche mit Thurn und Geläute wäre zu viel— zu erbauen, und und den Gottesdienst, daß ich noch so rede, nach ihrer Art zu halten; aber dabei solche Vorkehrungen gerroffen, solche Punkte und Bedingnisse festgcsezt, daß einem, man weiß nicht, ob für die Dulder oder für die Geduldeten am meisten bange wird. Indeß hatte das nicht sonderlich viel zu sagen; denn ein vernünftiger Mann weiß, wenn er nicht fest an veraltertcn Voructheilen klebt, sich hierin schon zuhelfen. Aber das, daß er nicht nemliche Rechte, bei gleichen und vielleicht schwerern Abgaben und unweit großem Nuz- zen, den er dem Staate leistet, genießen soll, nicht Bürger werden, bei besser» Einsichten nicht angemessene Aemter übernehmen, bei Volközu- sammcnkünften sein Votum nicht ertheilen, und seinen Kindern nicht gleichen Vortheil verschaffen kan, das muß schmerzen, muß dem Geduldeten lästig und jedem aufgeklarten Kosmopolit äußerst auffallend seyn. Ich werde dir erzählen, Bruder, was und wie viel schon von den angesehensten Männern über die Duldung den Juden ist geschrieben worden; wie man gezeigt hat, daß es Mitmenschen, Erdbürger seien, die, nach des Schöpfers Beyspiel zu urtheilen, als Bruder zu behandeln seien, und wie man demonerachtet noch die Unmensch- menschlichsten Gesinnungen gegen sie hegt; wie man bei ihrer Noth gleichgültig seyn und in den pöbelhaftesten Ausdrükken—„ es ist je nur ä Jud" sich unter einander herauslassen kan; wie ihnen der Durchmarsch durch gewisse Städte nur unter Erlegung einer gewissen Summe Geldes verstattet wird; wie man sich da, wo sie von der Obrigkeit geduldet werden, beklagt, wenn sie reinlich und anständig erscheinen, oder ihrer Zween oder Drei auf der Straft in Gesellschaft gehen; wie man ihnen gewisse Ocrter und Wege zu betretten verbietet; den Handel, der der vornehmste Zweig ihrer Nahrung ist, einschränkt; ihnen die entftzlichsten Ausdrükke bei Eidesformeln, als„wir von Gott verfluchtes und vermaledeites Volk" vorlegt, und sie nöthigt es nachzusagen; wie man ihnen Zeit und Stunde genau bestimmt, in der sie ausgehen dürfen^ und wieder zu Hause seyn müssen; wie man ihnen ihre auszeichnende Kleidung vorschreibt, einen Stok, ihren schwachen alten oder kränklichen Körper zu stüzzen, zur Hand zu nehmen, untersagt; wie man sie bei gewissen Feierlichkeiten zusammen einspect, oder, wenn sich ja einer blik- ken läßt, ihn halb zu tode prügelt, oder gleich einem bundbrüchigm Deserteur so lange die Gassen fen auf und abjagt, bis er entweder völlig ausser Athem, auf der neuerbauten Brükke, wie ich selbst gesehen habe, niederstürzt, oder einen Winkel erreicht, worin er sich, wie ein gescheuchtes Reh vor den Zähnen des BollenbisserS, verbergen kan. O Toleranz, Aufklärung, Gottesdienst, Religion, Gebet, Menschheit, Erosmuth, Liebe wie prächtig sind eure Namen! Welche Hoheit scheint ihr zu behaupten! Und doch— wie leicht werdet ihr auf der Wagsihale erfunden, wenn Dumheit, Aberglaube, Vorurtheil, Stolz, Bigotterie, Eigennuz, Erziehung euch zur Seite gelegt werden! Wie, auch Erziehung, fragte ich, sollte der Toleranz hinderlich seyn? sollte schädlichen Einflus haben? Und das nicht wenig, versezte der Pfarrer. Sie gleicht einer Klippe, wo man am nahen Ufer die besten Schiffe scheitern sieht. Doch davon Morgen. Indeß— Schlafen sie wohl! Ein Traum Ich glaubte mich in meinem Luftschiffe, in eine höhere Region, weit über den Dunstkreis des Erdbodens versezt zu sehen. Unter mir roll- r, di«Erdr, wir eine fürchterliche Masse, um ihr Cen- Centrum und ihre eigene Ape. Ich sah hohe Berge, weite Thaler, schattichte Wälder, an- muthige Fluren, ungeheure Steppen, gekrüm- te Bäche, schnellreissende Flüsse, tiefe Seeen, unermeßliche Meere mit mannigfaltigen Bewohnern und Produkten schnell vor-mir dahin eilen. Im Stein-Gewächs- und unvernünftigen Thierreiche erschien mir, vom Sandkorn bis zum Piks, vom Moder, der nur einem bewafneten Auge merkbaren Pflanze, bis zur Ceder, die ihr Haupt auf SorienS hohen Gebürge weit über die Wolken emvor hebt, und vom Insekte, dem ein Sonnenstäubchen eine Welt ist, bis zum Elephanten und nordischen Wallfisch, den grösten Ungeheuern, die die Erde trägt, alles in angemessener Ordnung, Schönheit, Harmonie und dem besten Wohl zu seyn. Nur hie und da krümmte sich ein Stier, heulte ein kranker Hund, Windete sich ein getretner Wurm. Aber nicht lange, so waren sie tod oder völlig gesund. Die kranke Raupe würgte ein Vogel, und zum gro- sen Thiere eilten Menschen, die Hände mit schweren Keulen belastet, und machten durch einen einzigen wohlthätigen Schlag seinem Leiden ein Ende. Bei den Menschen, den geglaubten Herrn des Landes, fand ich eö nicht so. Ich bemerkte die 255 die grösre Unordnung. Da erschienen Grofe, Mächtige und Reiche. Sie giengen stolz einher, die Stirn war auswärts gerichtet, die Brust weit vorwärts gedrängt, und ein verächtlicher Sei- tenblik belohnte die Rükken, die ihrentwegcn stark gekrümt wurden. Andre waren arm, dürftig, elend. Umsonst heischten sie trokneS Brod ihren Hunger zu stillen, Säkke ihre Blöse zu dek- ken, und Holz und Stroh ihre erstarrten Glieder zu erwärmen. Menschenquaal und Leiden sah ich über sich häufen. Uebeln wurden von Uebeln begleitet bis Leben und herzernagende Pein ein gemeinschaftliches Ende nahmen. Hier wüthe- theten Krankheiten und Seuchen aller M, dort Wasser, Feuer, unterirdische Vulkane,— Rad, Schwerd, Galgen, Laternenpfähle sah'ich, und arme unschuldige Menschen an Händen und Fü<- sen fest gebunden, hinzugeschleppt, barbarisch behandeln und zu tbde martern— zu Wasser und zu Land crvfneten grose Maschienen ihre F^uer- schlünde, warfen tobendes Geschoß auö, und zu Tausenden stürzten Thiere und Menschen darnieder, mit ihnen felsenfeste Mauern, eherne Thore, hohe Thürme, bejahrte Palläste. Ueber- all war Tod und Verderben. ES ergrif mich schauderndes Entsezzen. Ichwarun- willig 2;6 willig auf die Menschen— den Schöpfer der so grausenvollen Scene Hinweg wandte ich meinen Blik, wollte mich in mich selbst verberge Schnell umfaste mich eine lichte Gestalt.„ Steh, Unbesonnener! rief sie; tadle Gottes Einrichtung nicht; oder sage wo» über zürnst du, und laß dich belehren?" Wie vnmag ich zu zürnen? Aber eine Frage beantworte sie mir, wenn vu kanst: Man sagt Glückseeligkeit sei Zwek des Schöpfers bei Grundlegung seines WerckS gewesen? „ Nimm diesen Trank und schlumre hinüber." Er goss' eine Schaale voll köstlichen Saftes mir in den Mund. Kaum hatte ich sie gekostet, so stand ich auf einer der Sonnen, deren Diameter noch weit an Gröse den Durchmesser der elliptischen Bahn der Erde übertrift. „Oefne deine Augen; was siehest du?" Ich stand mitten im herrlichsten SchöpfungS- gebiete. Die Sonne hatte nicht das vermeintliche, alles verzehrende, Feuer, das auö nieversiegen- den ungeheuren Schlünden herausgespien wird, und auf Millionen von Meilen noch leuchten, warmen, brennen kan. Nur durch schnelle Schwüngungen ihrer fürchterlichen Gröse wirkt sie 257 sie aufentfernte Planeten, sezt sie den Aether in Bewegung, und ergießt Leben und Gedeihen in die Geschöpfe. Die Gegend war paradiesisch. Man athmere die reinste Himmelsluft hier ein. Die Mannichfaltigkeit der Geschöpfe war unübersehbar. Frühling und Herbst, die fürtreflichsten der Jahreszeiten, reichten vertraulich einander die Hände. Die Geschöpfe schien ein und derselbe sanfte Geist zu beleben., Furcht auf der einen und Wildheit auf der andern Seite, kannte man nicht einmal dem Namen nach. Löwen und Tieger lagen unter Ziegen und Schafen und sahen vertraulich zu den vernünftigen Geschöpfen auf, die jugendlich schön und stark waren, und sich dabei so ruhig und heiter zeigten, als ich es nie gesehen hatte. Krankheit und alles Uebel, das ich si> häufig attf den Planeten bemerkte, waren hier gänzlich verbannet. Ich begab mich, weil es mein Führer so wollte, unter die ehrwürdige Gesellschaft. IhreUnterhaltung war freundschaftlich; aber ihr eignes Gespräch mir zu erhaben.§s kam mir vor, als wenn ich als Schulknabe unter einen Haufen Philosophen, die die Misterien der Natur durchschaut hätten, und sich nun gegen einander darüber herausliefen, geriehen wäre. Bescheiden brachten sie ihre Meinungen vor, R und 2)8 und ereiferten sich nicht/ wenn ein andrer nicht eben so dachte. Sie entwarfen groft Plane, und eilten, sie auszuführen. Ich hielte sie für Diener einer hohem Macht. Es fand zwar kein Rang unter ihnen statt: aber dennoch flösten mir meine Gesinnungen für den einen mehr Ehr- fürt als für den andern ein.— Ihr Aufenthalt gefiel mir; ich wünschte ihn zu dem mei- nigen. Wer sind diese mir so ähnliche Wesen? fragte ich meinen Führer. „Es sind Auöerwahlte. Sie kommen aus dem diese Sonne-, umgebenden Sonnensistcme. Sie haben die, den Sterblichen vorgeschriebene Reise, von Planet zu Planet, von Sonne zu Sonne, unter mannichfaltigen Gestalten und allen nur erdenklichen Lagen vollzogen, und sich darin so vervollkommnet, daß sie würdig gefunden wurden, in diese Gefilde des Friedens aufgenommen zu werden. Die ihnen einst unbewußte Reife— denn in der veränderten Gestalt und Lage blieb ihnen nur undenkbare Seelenrich- tung, nur dunkles Gefühl ihres vorigen Zustandes— liegt jezt offen vor ihnen. Sie wissen nun, was sie als König oder Bettler, als Kaufmann, Künstler, Handwerker oder Bauer, Tag- löhner, < ! ; e t d 2 v L «! si ve de he ur ih! sie ' 259 lohnet-, Soldat, als Vater oder Kind, als Lehrer oder Schüler, als Gesunde oder Kranke, al- 8mche oder Arme, als Weise oder Einfältige, als Starke oder Schwache, unter polierten Völkern oder unter den Wilden, in der Gesellschaft oder,n der Einsamkeit, als ledig oder verheura- thet, bei glücklichen oder widrigen Umstanden gedacht, geglaubt, gelehrt und gethan haben. Sie finden Stoff zu ewigen Unterredungen bei der Uebersicht des weisen Plans, der bei ihrer Veredlung zu Grunde lag. Sie sehen ein, daß es gut war, daß sie unter tausendfachen Gestalten umher irrten und mannigfaltige Leiden er- duldeten, weil sie dadurch bewahrt wurden, ^hre Seeligkeit finden sie in der Erinnerung des vielfachen Guten, das sie gestiftet; in der treuen Vollziehung der, ihrem Standpunkte jedesmal angemessenen Pflichten. Sie freuen sich, daß sie als Mächtige das Glück von Millionen befördern konnten; daß sie nicht um Meinungen verfolgten, ihre Nachbarn nicht bekriegten, sondern Friede liebten, Toleranz in ihren Sraaken herrschend seyn liefen, und über alles, als Weise und als Vater, das Glück ihrer Unterthanen, ihrer Kinder, beherzigten. Sie freuen sich, daß sie als Volk-lehrer Tugend und Weisheit predi- R 2 gen 26o gtN konnten; daß sie Unwissende belehrten, Irrende zurecht weisen, Nothleidende trösteten, Zweifler beruhigten. Menschenwohl zu bezwekken, ist noch ihre jejige Absicht, ihre Hauptbestimmung. Denn sie sind dazu auS- ersehen, den Kommenden die Statte zu bereiten; dafür zu sorgen, daß ihnen die Wohnung erfreulich sei." Und wenn werden diese kommen? „Früher oder spater, je nachdem sie sich veredelt haben." Was heist das? „Der Monarch, der seine Macht nur dazu anwendet, um zu tirannisiren, zu unterdrükken, zu morden, muß zuvor Unterdrückter, Notleidender, Gefolterter selbst seyn, damit er fühlen lernt, menschlicher, veredelter wird. Der Bigotte, der mit Feuer und Schwerd drein schlagt, wenn andre anders als er denken, muß zuvor seine Gesinnungen andern, und sich selbst verfolgt sehen, damit er, wenn er wieder in eine der vorhergehenden ähnliche Lage versezt wird, wissen möge, wie er sich in Absicht auf Gewissensfreiheit der Menschen zu betragen hat. Der Krieger, der ungescheut plündern konnte, muß y, die Lage des Geplünderten versezt werden. Der 2ßl—— Der ungerechte Richter muß erst selbst Unrecht fühlen und sich bessern lernen. Und wenn sie so in jedem veränderten Zustande ihrer Natur gemas lebten, in jeder Lage zufrieden sich bezeigten, wenn sie für das allgemeine Beste besorgt waren, und sich diese gute Gesinnungen so eigen gemacht haben, daß sie in feiner Lage mehr an ihnen vermißt werden, sondern ihnen gleichsam zur andern Natur geworden sind, dann ist das Ziel ihre Reise nahe." Was fehlt noch eS ganz zu erreichen? „Betrachte diese ehrfurchtsvolle Wesen. Sie waren die grösten Männer auf den Planeten, die du dort in dunkler Ferne schimmern siehst. Zum Theil erwiesen ihnen ihre Zeitgenossen göttliche Ehre. Ihre Sistcme von GlückseeligkeitSlehre waren nur scheinbar verschieden. Nun findet kein Rang, keine Parthcidistinktion mehr unter ihnen statt. Ihr Reich haben sie dem Alvater übergeben. Natur und Plane zu der Geschöpfe Veredlung ist ihr Studium, wechselseitige Liebe ihre Glückseeligkeit. Wer ihnen gleich gesinnt ist, kommt hieher." Also kommen alle hieher? „Sie alle die Planetenbewohner, früher oder Häter.—" R z Dem- 262 Demnach finden keine Strafen für die Ver- gehungen des Lasterhaften statt? „Sagt ich dir nicht, daß der Unterdrükker m die Lage des Unterdrückten versezt wird!" Aber welche Genugthuung für den lezten, da ersterer nicht weis, daß er wegen vorhergegangenem Unrecht leidet? „Kurzsichtiger! kann es dir noch unbekannt seyn, daß allgemeine Glückseligkeit Zweck der Schöpfung ist, und daß, diese zu erlangen, das Geschöpf veredelt seyn muß? Lerne einsehen, waS das heisen will, und du wirst dir für beide Genugthuung denken können. Der Unterdrückte wird dann nicht wollen, daß sein Feind, der Unterdrükker leide, und doch leidet er in einer jener ähnlichen Lage— muß leiden, damit er sich vervollkommnen könne. Aber nur erst hier im Lande der Vollkommenheit werden sie sich dessen bewußt, und nun durchdenken sie ihr Verhalten gegen einander, freuen sich, daß sie sich beide beglückt sehen, und finden selbst im Verzeihen, womit einer dem andern, bei der Erinnerung daß sie sich ehemals verkannt haben, zuvor kommt, ihr Glück unendlich erhöht." Also ist es Vortheilhaft für den Planeten- hewdhner seiner Natur gerttzw zu leben, Gott, ohne 26? ohne Rücksicht auf Sisteme und GlaubenSpar- th^ien, nach der Natur kennen zu lernen, und alle Menschen, ohne Ausnahme, wie sich selbst zu lieben? Was folgt aber alsdann für die Grösten der Sterblichen, für den von vielen Erdebewohnern geglaubten Sohn Gottes und für die übrigen deren Grundsäzze und Meynungen in halben Weltthcilen herrschend sind? „So viel ist gewiß, daß sie am Ende Eins seyn werden. Uebrigens liegt Weisheit, die un- crforfchliche Weisheit hier verborgen. Indessen glaube du, was die Schüler des erstem sagten: Er wird sein Reich Gott, dem Vater überantworten, wird selbst demselben Unterthan seyn, auf daß Gott allgemein als Allvater erkannt werde, und handle nach seinen Vorschriften, so wirst du bald zu dieser Statte gelangen, wo du von weitem seine Herrlichkeit gesehen hast." Ich staunte, und— erwachte. Erziehungsmethode. Werden wir also nach Frankfurt zu der Kronungsfeier reisen? R 4 Gut, 264 Gut, versezte der Pfarrer. Allein bis zur nächsten Poststation werden es sich meine H^»rn gefallen lassen zu Fus zu gehen. Bis dahin—- Machen sie uns, fiel ich ihm ins Wort, ihrem Versprechen gewäs, mit den Schulmeistern in ch A begannt» Wenn sie es unterhaltend finden, lieber Mit der Erziehung überhaupt? Wie es ihnen gefällig ist. Wir traten unsre Reise an, und der Prediger erzählte mir folgendes: So oft ich nach ch Z kam, mußte ich mich über die UnZezo enheit der Jugend ärgern. Es sind zwar JungcnS und Kinder vom gemeinen Schlag gen» sen, denen dies ungezogene Wesen frei- lich nicht so sehr zu verargen ist, als denen, aus den Hähern Ständen. Allein es war mir doch zu auffallend, als daß ich mich nicht naher um die Ursache einer solchen Aufführung hatte erkundigen sollen. Ich entdekte sie, ohne daß ich mich deswegen, geradezu bei den Bürgern in ch Z erkundigt hatte, sehr leicht. Ich fand nämlich daß die Erziehung durchaus daselbst nichts taugte. Der Grund lag einer Seits darin, daß die Aeltern wenig oder nicht drauf sahen, oder, welches noch schlimmer ist, manchmal ihren Kindern selbst mit bösem bösem Beispiel vorgiengen; andern Theile auch darin, daß die Lehrer oder sogenannten Schulmeister ihrem Amte nicht gewachsen waren. DaS erste konnte ich aus folgendem Vorfalle schliefen. Als ich mich einst dem Stadtthore von ch Z näherte, so hörte ich einen erschreklich lärmenden Volks-Haufen auf mich zukommen. Ich erschrak nicht wenig; denn ich befürchtete Feuersbrunst oder WassetSgefahr, welches die Menschen zu einem solchen Geschrei und der vermeinten Flucht nöthigte. Ich wurde aber bald gewahr, daß ich mich in meinen Gedanken geirrt hatte. Kaum war ich eine Elke von einer alten Mauer, die mir noch zur Zeit die Aussicht zum Thor benommen hatte, herum gekommen, so stics ich auf einige Husaren. Um sie herum und hinten nach folgte eine Heerstrase voll lieber Jugend, welche die Luft mit tollem und rasendem Geschrei erfüllten, und, so viel ihrer konnten, Steine und Erdklöse zwischen die Husaren hinwarfen. Weil ich für dem Tumulte nicht sehen konnte, wem dies eigentlich gelten sollte, so erkundigte ich mich nach der Ursache eines solchen Betragens, und erfuhr von einem Vater, der seinem unmündigen Knaben zurief:„Ludwig, lauf zu, werf^>rauf/" daß eine liederliche Dirne den R 5 Staub- Staubbesen bekommen hätte, u-nd jezt des Landes verwiesen würde. Gott! dachte ich, sucht man hier auf die Art die Besserung des Menschen zu bewirken! Soll es denn doch wirklich Erdichtung seyn, nach der dein Sohn gesagt hatte: wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie?— Wahrscheinlich! Sonst würde man seinen Weg, Liebe, Sanstmuth, Zurechtweisung, und wo das nicht fruchtete, angemessene Arbeit, Trennung des unnüzzen Glieds von der Gesellschaft, Arbeitshaus vorschlagen. So würde kein Staat dem andern einen Störer seiner Ordnung zuschik- ken, er selbst einigen Nuzzen bei und durch die Dewirkung der Besserung des sonst untauglichen Gliedes ziehen, und böses Beispiel, AergerniS und Verstimmung des Gemüthezustandes bei der Jugend gänzlich vermieden werden. Denn was ich hier sah und hörte, gab mir deutlich zu erkennen, daß Aeltern ibre Kinder selbst zu Bosheiten und Lasterthaten anführen; daß sie selbst nicht wissen, was recht oder unrecht ist: denn unmöglich würden sie es sonst billigen können, daß arme, elende, unglükliche, gebrandmarkte, und dadurch zum Huren, Stehlen oder zur Begehung verzweiflungsvoller Thaten gezwungene Men- 267 Menschen von ihren Kindern beschimpft, per- höhnt, gesteinigt, ausgepfiffen und den Kindern selbst die nachtheiligsten Richtungen ihrer Seelen gegeben würden. Abermals ein Beyspiel, das uns lehrt, daß die neuern Educatoren ihre Sache am unrechten Flekke angreifen. Sie schwazzen tändelnd mit der Jugend, schreiben als Kinder für Kinder, lehren als Knaben Knaben und Mädgcn; und was wird dadurch bewirkt? Wenig oder nichts gutes. Ursach und Folge liegt am Tag. Sie lehren Kinder und sollten zuvor die Alten lehren. Ohne das wird die Sache ewigen Krebsgang gehen. Immer wird das, was ein aufgeklärter und einsichtsvoller Lehrer zum besten der Kinder gethan hat, von dem unsittlichen Betragen der Aeltern wieder zerstört werden. Und wie das im Kleinen ist, so ist es auch im Grosen. Wie der Fall bei der niedern Klasse von Menschen statt findet, so wird man ihn auch im mittlern und höher« Stande gewahr. Ein einziges Beispiel, das ich anführen will, wird hinlänglich seyn, uns dieses zu beweisen. §ö ist eine der fürtrcflichsten Christenpflichten: nicht höher von sich zu halten, als eö sich gebühret zu halten. Dkr Lehrer der wohl einsieht, in 268 in. wiefern diese Vorschrift ihren Werth vor dem Hochmuthe auf der einen, und der von vielen Theologen höchstunschiklich genannten Afterdemuth auf der andern Seite behauptet, sucht sie bei schiklicher Gelegenheit seinen Zöglingen anzupreisen und zur wichtigen Befolgungsregel zu machen. Er ist überzeugt, daß Ausbildung der menschlichen Kräfte und Gaben und Menschenliebe, die Hauptzweige der christlichen Sitten-oder GlükseligkeitSlchre dadurch genährt werden. Aber alle seine Bemühungen sind fruchtlos. Die Mam- ma- ist eitel, und ibr Beyspiel hat starkem Einfluß auf die Gemüther ihrer Kinder, als die besten Ermahnungen des Lehrers Hieraus sehe ich ein, daß der Mamma vor allen Dingen gute Grundsazze beizubringen seien, wenn man im Ernste wünschet, daß die Nachkommenschaft gut werden soll. Wie das anzufangen sei, kan ich zwar jezt nicht ausführlich erweisen. Allein, mir deucht, es könnte schon viel dadurch gewonnen werden, wenn die Vortrüge der Volkslehrer, die ihren Grund in den Vorschriften des grösten Menschenfreundes haben, durch das Ansehender Obrigkeit geldtend gemacht würden. Doch daß ich mich nicht zu sehr versteige, so breche ich davon ab, und komme wieder aus Hie die Erziehung der Kinder des grossen Haufetts, als wovon ich allein sprechen wollte. Eine Hauprursache mit, warum die Erziehung bei denselben vernachlasigt wird, ist in den Schulen, oder deutlicher gesprochen, bei den Lehrern derselben zu suchen. Dies sind insgemein Leute von dem gemeinsten und niedrigsten Schlage. Man nimmt Menschen, so bald sie Lust dazu bezeigen, vom Pfluge, aus dem Lazarethe, oder hinter der Chaise herunter, und läst sie die wichtigsten Aemter im Staate begleiten. Denen fehlt es denn natürlich an gehöriger Kenntnis oder wenigstens an Muth und Entschlossenthrit; weswegen nie etwas Gutes durch sie kan bewirkt werden. Vom ersten kan ich ihnen den Beweis schriftlich geben. Als ich mich vor einigen Jahren in ch Z um die Ursache des Verfalls der Sitten und der Ungezogenheit der Jugend genauer erkundigen wollte, so fand ich für gut, aus den ersten Quellen zu schöpfen. Ich suchte also Gelegenheit mit den Schulmeistern bekannt zu werden. Die wahre Ursache anzugeben, hielte ich, so lange ich nicht wußte, in wiefern sie ihnen zukommen konnte, für unschicklich. Und wie wohl ich gethan habe, werden sie daran- abnehmen können, weil ich x ihnen ihnen die grösten Sotistn hätte sagen müssen: denn ich fand sie über alle Mästn schlecht. Ihr« Kenntnisse waren nicht einmal mittelmäsig; sie sonnten weder lesen, noch viel weniger besassen sie die Gabe, den Kindern etwas verständlich zu machen. Etwas Schreiben und Rechnen war blos mechanisch. Indessen waren sie freundschaftlich, und in dem, was man eigentlich das politische Kannengiestrn nennt so ziemlich ge- schwäzzig. Auf der Seite suchte ich ihnen beizu- kommen. Ich hatte bald Gelegenheit von auswärtigen Unternehmungen zum besten des Erzie- hungöwestn auf ihre Schulen zu kommen; allein sobald ich das Gespräch auf ihr eigentliches Metier zu lenken suchte, waren sie so stumm wie die Fische. Um aber auf den schriftlichen Beweis zu kommen, so hat es damit folgende Bewandniß. Einer von gedachten Herrn bat sich bei mir die Erlaubniß auü, zuweilen an mich schreiben zu dürfen. Was ihn eigentlich dazu mochte bewogen haben, kann ich zwar nicht mit Gewißheit behaupten, aber eS ist mir doch ziemlich wahrscheinlich, daß es ihm sowohl um meinen Beifall, als um meine Freundschaft zu thun war, denn er mußte wohl in den Gedanken stehen, daß 271 daß entweder ich an ihm oder er an mir einen Mann nach Geschmack gefunden hatte. Er selbst gab indessen zur Ursache an, daß er mich mit den dasigen Neuigkeiten bekannt machen wollte. Ich war es sehr wohl zufrieden. Hoffte aber lange Zeit vergebens. Erst vor kurzem kam mir dieser Brief zu. Aber doch lesen sie selbst. Damit sie aber die Haüptschönheiten des Schreibens nicht übersehen, so will ich sie gebeten haben, besonders auf die Unterscheidungszeichen acht zu Haben. Hoch Ehrwürden> Hochgelahrter Herr Pfarrer.' Wegen meinem seltenen schreiben glaube von Herrn Pfarrer, mich ganz ausgefezr zu sehen, Jedoch aber Hofe, da Herrn Pfarrer mit Liebe und Freundlichkeit begäbet, mich nicht in irren- -den gedanken, so ich etwa aus schwachheit mehr errathe, als in der that glaublich zu sein. Der- -sincken zu lasen, oder viel weniger Ihrer Freund«- schafft auf Ewig vergessen zu sein. Da ich durch Haußliche Umstanden und Unvermögen, von zeit zu Zeit, auch durch das was ich noch in Handen zür Übersendung, nicht zu jedem ge- -danken erstatten konnte,> immer juruk gehalten wurde, 272 wurde, zu dem aber zur Übersendung dieses, mich immer gehorsamst zu erzeigen, so Gott mit ferner gesundtheit verleihet, Ihnen zur Zeit, meine schuldige danksagung Persönlich zu überreichen. Was die Veränderung meiner Haust- -Haltung bestehet in g Personen, der ich annoch im liederlichen stand, meine Mutter und Aelteste Schwester noch bei mir habe, daß mein Vater gestorben, wird Ihnen nichts mehr neues zu sein. Von gehabten procex mit dem Paron v. E**, wegen Taffent abzugeben, wo ich kein gesehe, noch weniger empfangen, der auf den Paron ein schlechter Kerl geheisen, und ihn auch einge- --stekr hätte, wo der Herr Pfarr F* den Paron nicht zu Klagen angereiht; so aber um i fl. zokr. gestraft wurde, jedoch aber hat Paron die halbe Unkosten zahlen müßen, Weilen Er nicht bei H. L. OAmt Persönlich erschien, so durch Schrffd Sich Verkollobirte. durch den gesvaS zwischen Pfr und Paron, so Sie mit mir Spielten, dennoch die Wahrheit bestehen muste auch ihr FreunLschafftliches betragen gegen ein» «ander, aufgehoben worden, noch ein wenig aus dem *) Er Mkt hier an ein Büchclchen, das ich damals aus einem Buchladei, genommen und ihm auf seine Bitte zur Durchnchk zurück gelassen hatte. 27? dem Pft: Hauß zu- sagen. Der Oberst- Wacht- -Meister S** samt seiner Frau gestorben, die Jüngste Tochter Herrn Oberst-Leutnambt gehei- --rathet. Da der Paron um die Oberst-Wacht- -meisterstelle anhielte, aber in gnaden abgeschla- -gen, darzu der Pfr Ihn verführt hatte; her- -nack jedermanns Wissenschaft, von Pfr F* als ein kühlpflasterge seines unruhigen gemüths. Der jetzige Oberst-Wachtmeister nahmens K*** ein Alter-Mann mit einer Jungen Frau Nebst z Kinder, diese Frau eine Schwester des gewesenen Forstmeisters H**, ferner da der Herr von W**, den Jungen Kanditat M"-* als Pfarr auf W** beruhet, noch etwas da die Hoppelte gevatrerschafft zwischen Pfr F* und Pfr ein Ende hat, so auch Pfr F* und Beckerin G** ein ander die Wahrheit gesagt, daß sich Pfr F* um einen andern Becker um zu sehen hat,*) Uebrigens habe die Ehre unter schönster Begrüßung mit vieler Hochachtung zu Mcharre Ihr Treu gehsmster Freund N. tt. Wohl;u merken, daß ich keinen dieser angesühr» ren Herrn und Damms, auch nur dem Namen nach, kenne» S Was Was sagen sie zu diesem Schreiben? Ein Knabe von acht Jahren, beucht mir, müßte eS besser machen, oder er dürfte, vorausgesezt, daß «r gesunden Menschenverstand hätte, nie sich äu- sern, daß er mein Schüler sei. Und was laßt sich unter solchen Lehrern von den Schülern erwarten? Was von den Lehrern in andern Fällen? Ich kann zwar keine Beweise davon anführen, weil ich nie bei dem Unterrichte in einer Schule zu ch Z. zugegen war. Ich glaube aber auch nicht, daß es nöthig sei, denn aus dem Brief läßt sich leider schon genug mit Gewißheit folgern; es läßt sich auf einen gänzlichen Verfall der Schulen schliefen; und es muß noch viel seyn, wenn die Knaben, wie der Bürgermeister zu Carmin im Carl von Carlsberg wähnt, keine Schöpsen und die Mädgen keine Gänse werden; noch viel seyn, wenn sie Sprüche, Verse und Lieder hersagen, davon sie kaum das zehnte Wort verstehen, wenn sie Antworten geben, die auf die Fragen eben so passen, als wenn sie mich fragten: Sagen sie mir doch, wie weit ist es noch bis Frankfurt? und ich antwortete: Sechsfach, Säugthiere, Fische, Vögel, Amphiebien, Ungeziefer, Würme; es muß noch viel seyn, Mim die Schulmeister einsehen, daß es den Kindern 275 dem unmöglich sei, einen Wust von Fragen und Antworten ins Gedächtniß zu fassen, und deswegen, wenn es zum Spamen geht, jedem Kinde die Beantwortung einer bestimmten Anzahl von Fragen zutheilen; noch viel seyn, wenn der Schulmeister seine Frage aus dem Buche fertig thun kann und nicht mit Prügeln drein schlagt, wenn das Kind, auf seine Frage: Wie versagten unsre ersten Aeltern Gott den Gehorsam? die ihm durchs Hörensagen bekannte natürliche Antwort giebt: dadurch daß sie von dem verbotenen Baume assen, und nicht wie es im Buche steht: Dadurch, daß Cva und hernach Adam innerlich ihr Herz von Gott zum Teufel wandten, und äusserlich von dem verbotenen Baum assen.— Dies alles und noch weit mehr laßt sich aus dem Briefe folgern, und rechtfertigt mich also gegen die Meynung, nach der man glauben sollte, als hatte ich vorhin den Karakter der Schulmeister mit zu häßlichen Farben entworfen, wenn ich behauptete, daß ihre Kenntniß nicht einmal mit- telmäsig sey. Doch ich kann noch mehr Data an die Hand geben. Ich wohnte einigemal zu ch Z. in einer gewissen Kirche den sogenannten Kinderlehren bei. Anfangs verwunderte ich mich über die S 2 fer- fertigen Antworten der Kinder. Allein meine Verwunderung verwandelte sich bald in groseö Mitleiden. Denn als ich, weil ich Frage und Antwort nicht recht verstanden habe, mich nä- her hinzu begeben hatte, so sah und hörte ich, was ich nicht gedacht hätte. Der Prediger stand vor dem Altar, um ihn herum die Kinder, auf einer Seite Knaben auf der andern Mädgen, alle mit kleinen offenen Büchern. Es gierig Schlag auf Schlag. Der Prediger fragte aus dem nämlichen Büchelchen, und so viele Kinder als da waren und Lust zu lesen hatten, schrieen die vorgeschriebene Antwort mit einem Male nach; die andern lachten und plauderten laut, oder stiesen ihre Nachbarn. Es war ein Zetter- geschrei. Ich konnte also eben so wenig verstehen als vorcher. Nun wenn es nur ein guter Autor ist, der hier zu Grunde liegt, dachte ich, so ist diese Handlung doch wohl nicht ganz ohne Nuzzen. BeyerS Handbuch für Kinder und Kinderlehrer mag eö aber schwerlich seyn, denn das Büchelchen ist dazu zu klein, und überdas ist in dem Handbuch alles so plan und deutlich, daß man es nicht Ursache hat den-Kindern, um antworten zu können< in die Hände zu geben. Seilers Methodenbuch kann eö auch nicht seyn, denn 2?7 denn daselbst sind wenige Antworten beigedruckt, und zudem sind die Fragen und Definitionen so dunkel und unzusammenhängend, daß es wohl schwerlich einem vernünftigen Katechet einfallen wird, dasselbige, sobald ihm das vorhergehende bekannt ist, in seinen katechetischen Stunden einzuführen. Weil ich einmal gern den Verfasser des Büchelchens, woraus man so scharf egaminirte hatte wissen mögen, so bat ich mir von einem Knaben, der etwas weiter zurück stand, sein Büchelchen aus; und da mußte ich denn zu meinem grösten Erstaunen aus der Vorrede , wahrnehmen, daß der hochgelehrte Herr, der da stand, die von einem Kandidaten verfaßten abgeschmacktesten, unverdaulichsten Fragen that. Verlangen sie Beweise hievon? Hier haben sie einige der wichtigsten Fragen, so wie ich sie mir aus dem Munde des Lehrers mit unmündigen Kindern über das sechste, siebente und achte Gebot nebst den Antworten aus dem Büchelchen aufgezeichnet habe. Frage. Was wird uns nun in dem sechsten Gebot verboten? Antwort. Vornemlich alle leibliche Un- reinigkeit und Unkeuschheit. S r Fr. Fr. Wie kann diese Unkeuschheit begangen werden? Ant. Zuerst im Herzen, wenn man sich wachend, schlafend und träumend un- keusche Gedanken macht, solche nähret und dadurch unreine Begierden entzündet. Fr. Was gehört ferner dahin? Ant. Die Unkeuschheit in Geberden, sonderlich mit den Augen und Blikken, und mit unverschämter Entblösung derer Glieder, die bedeckt seyn sollten. Fr. Wie wird die Unkeuschheit noch ferner begangen? Ant. In Worten, die man aus unreinem Herzen redet, singet, schreibet, aus Romainen liefet, in Comödien höret. Lasset kein faul Gcschwäz aus eurem Munde gehen rc. rc. F r. Endlich, welches ist die lezte Art der Unreinigkeit? Ant. Die Unreinigkeit in Werken, wen» man Hurerei, Ehebruch, Blutschande, Vielweiberei, und andere Sodomitische und stumme Sünden treibet. Fr. Was wird unö hienächst noch weiter verboten? Ant. 279— Ant. Alle Gelegenheit zur Unkeuschheit, als gefährlicher Umgang beider Geschlechter, sonderlich im Spielen und Tanzen. Fr. Endlich welches ist das dritte so uns verboten wird? Ant. Der geistliche Ehebruch, wenn eine Seele, die sich Jesu als Braut verlobet, ihre Liebe, Herz und Vertrauen an den Teufel,(die Welt, und Ereaturen) hanget, welches Gott zum Zorn reizet. Fr. Was wird uns aber hier geboten? Ant. Innerliche und äuserliche Zucht, Keuschheit, Reinigkeit. Fr. Was ist endlich das dritte, so unS geboten wird? Ant. Die Treue der geistlich vermahlten mit Christo, welche bei Gott hochgeachtet ist. Ich will mich mit dir verloben in Ewigkeit, ich will mich mit dir vertrauen in Gerechtigkeit und Gericht, in Gnade und Barmherzigkeit, ja im Glauben will ich mich mit dir verloben. Fr. Können wir dies Gebot vollkommen erfüllen? S4 Ant. Ant. Nein, so wenig als andre Gebote; was uns aber an der vollkommensten Reinigkeit abgehet, das hat der Mittler selbst erfüllet. F r. Was wird uns in dem siebenten Ges bot verboten? Ant. Insgemein das Stehlen. Fr. Wen kann der Mensch bestehlen? Ant. Zuförderst sich selbst— sowohl an der Seele als an dem L ei b e. Fr. Wie wird die Art des leiblichen Dieb- stahlö gegen den Nächsten überhaupt genennet? Ant. Ungerechtigkeit, welche begangen wird im Herzen mit Geiz. F r. Welches ist die dritte Art? Ant. Wenn man solche Künste treibet, dadurch der Nächste um sein Geld gebracht wird- wie Taschenspieler, Seiltänzer, Comedian- ten, starke Bettler. Fr. Was ist des Christen Trost, wenn er seine Pflicht nach diesem Gebot erfüllet? Ant. Der Nuzze von diesem Gebot ist sein und seines Nächsten: und wenn sich bei Frommen etwas von Begierden gegen dies Gebot reget, so hat der Ge- sezgeber als Mittler auch dasselbe vollkommen erfüllet. Fr. 28r F r. Was wird uns im achten Gebot überhaupt verboten? Ant. Aller Mißbrauch der Zunge: Denn hier ist eine Art des Mißbrauche der Zungen, im falschen Zeugniß, anstatt aller übrigen Arten gesezt. Fr. Was wird uns aber insonderheit verboten? Ant. Zuförderst das Lügen— gegen uns selbst, vornemlich im geistlichen— gegen den Nächsten im geistlichen durch falsche Lehre, und im leiblichen durch falschen Argwohn als auch mit Worten sowohl im Umgang durch tükkische Komplimenten als auch im Gericht. F r. Was ist das andre, so uns verboten wird? Ant. Das Verrathen, sowohl auf eine grobe, da man mit den Feinden des Vaterlandes unter einer Dekke lieget, als subtile Weise. F r. Welches ist das dritte so uns verboten wird? Ant. das Afterreden. F r. Was ist endlich das lezte? Ant. Das böseir Leumuth-oder Leute- mund machen. Ums Himmels willen, rief ich unmuthvoll aus, hören sie auf! ich bitte sie— das ist ja. S 5 das dask tolfte, das man sich denken kam— Erklärt dann der gelehrte Herr Examinator nichts? Bedenken sie doch, versezte der Pfarrer, wie das hier möglich ist; es ist sa fast jedes Wort unverständlich und zweideutig und werden daher Wohl einige Stunden erfordert, bis den Kindern nur eine einzige Frage könnte verständlich gemacht werden, und es ist Vorschrift, daß in einer Stunde allemal ein ganzes Gebot vorgenommen wird. Indessen bemerkte ich doch, daß zuweilen eigene Erklärungen angebracht wurden. Sie werden an der einzigen, die ich anführen will, genug haben, um die Feinheit und Kunst des Eathecheten einzusehen. So fragte er, z. B. nach der Antwort, die «r auf die Frage, welches ist das dritte so uns «machten Gebot verboten wird, erhalten hatte—> sie hieß: das Afterreden, wenn man hinter dem Nächsten her solche Sachen redet, die ihm schaden, und darauf der Abwesende nicht antworten kan— woher das Wort Afterreden komme? Die Kinder schwiegen, oh aus Unwissenheit oder Schaam und Bescheidenheit will ich nicht entscheiden. Gnug der Prediger sah sich genöthigt seine Frage selbst zu beantworten, und da kam denn folgende saubre Erklärung heraus. Das 28Z Das Wort Afterreden ist aus After und Reden zusammen gesezt. Was Reden oder Sprechen heißt, weiß ja ein jedes. After aber ist nichts anders als** wodurch sich ein Mensch seines UnratheS entlediget. Dieser geht bey den Menschen hinten hinaus— deutlichere Erklärung wurde mit der Hand gegeben— und daher heisst Afterreden so viel: als hinterher reden. O! halten sie inne, rief ich ihm abermak zu, das ist ja nicht auszustehen« Jawohl, erwiederte er, ist es unbegreiflich, Wie Menschen ihre Vernunft, das kostbarste Geschenk Gottes, so sehr mißbrauchen können.— Wie sehr sind nicht solche Kinder zu beklagen, die dazu verdammt sind, sich unter den Gehorsam solcher Lehrer zu begeben! Hören sie nur noch Eins! Es geschah die Frage: Wie vielerlei ist das Amt, so diesem heiligen Geist beigeleget wird? Antwort— Viererlei: i)DaöStrafamt, dadurch er den sichern Sünder von seinem Elend überzeuget und gleichsam stuzzig macht. 2) Das Lehramt, dadurch er dem er- wekten Sünder den Weg des Lebens zeiget. 3) DaS Trei bamt, dadurch er die zu Christo gebrachte Seelen ermuntert, jm Guten fortzufahren. 4) 284 4) Das Trostamt Wie gefallt ihnen diese Antwort? Was sagen sie zu dem stuzzig machen? Was denken sie sich unter dem Treib amt? Wenigstens sollt ich denken, daß sie den AuSdruk sehr unanständig finden müßten, sobald ihnen die Sprache unsrer Bauern bekannt wäre, nach der sie sich gegen einander herauslassen: ich treibe so und so viel Schweine. Und wozu der Hebraiemr dem erwekten Sünder den Weg des Lebens zeigen, oder die mistische Sprache:, die zu Christo gebrachte Seele ermuntern im Guten fortzufahren, oder wie es gleich in der folgenden Frage heißt: dem Eingang des heiligen Geistes in sein Herz sich nicht zuwiderfezzen, in der Erklärung für Unmündige? O! wir Teutsche sind noch lange das nicht, was wir zu seyn scheinen, oder seyn könnten. In ch Z. wenigstens ist nur noch Dämmerung des wohlthätigen Lichtes, bei dessen Glänze man sich schon so lange, wenn sein wohlthätiger Einfluß nicht mit Gewalt wäre verhindert worden, unter der Anführung und dem Beispiele so manches Aufgeklärten, dessen Werth man aber erst erkannte, als er für die Welt schon tod war, hätte sonnen können. Ursa- Ursache des Verfalls. So viel ich merke, so schreiben sie das meiste einer schlechten Erziehung den schlechten Schulen zu. Woher kommt denn diese Untauglichkeit oder dieser Verfall der Schulen? P f. Wie ichihnen schon gesagt habe, von der Untauglichkeit der Schulmeister. I ch. Wie kommen aber solche Leute zu solchen Aemtern? Haben sie denn keine Prüfung auszuhalten? Pf. Allerdings. Aber, lieber Himmel! was will das sagen? Der Schulmeister, wovon ich vorhin den Brief zeigte, wird von vielen blos deswegen geschäzt, weil von ihm daö sän gesagt werden, was die Bauern so gern an dem ihrigen bewundern, welches denn vorzüglich darin besteht, daß er gut schreibt, d. h. schöne Buchstaben macht, die Orgel gut schlägt, einen dikken Das brumt und, ihrer Meinung nach, die Kinder gut lernt, welches sie daraus abnehmen, wenn ihre Kinder die, ich weiß nicht ob fünf oder sechs, sogenannten Hauptftükke des kleinen Katechismus Lutheri ohne Anstos des Sonntags in der Kirche, welches man an einigen Orten das Trittelgebet nennt, hersagen können. Diese Stükk« Stukke sieht man nun auch bei dem Examen als die Hauptsache an, fragt ihn darüber, und so ist es ihm, zumal wenn er noch etwas mechanisches Rechnen ausweisen kan, etwas leichtes durchzukommen. Hat er überdies noch sogar das gro- se Glük von einer Schulmeisters Wittwe oder Tochter vorgeschlagen zu werden, so kan er vorher schon seiner Sache so gut als gewiß seyn. Ich. Demnach hätten die Schulmeisters Weiber das Jus Reprasentandi? P f. Nicht anders. Und sie können sich jezt leicht vorstellen, was für Schulmeister in Borschlag kommen, wenn sie erwägen, was für Eigenschaften bei jungen Weibern in Anschlag kommen. Auf Geistesfähigkeiten wird am wenigsten bei ihnen Rüksicht genommen.— Ja, Las Erbrecht ist das gröste Verderben unsrer Schulen. I ch. Was wollen sie damit sagen? P f. Wenn ein Schulmeister stirbt, so bleibt die Schule seiner Frau. Diese heurathet darauf; und ihr neuer Ehemann wird Schulmeister, man mag auch noch so viel gegen seinen sittlichen Karakter und seine Fähigkeiten einzuwenden haben. Ich. Wunderbar! In meinem Vaterlands ist es nicht s». Pst 28? Pf. In ch Z. ist es noch toller. Daselbst Machen die Schulmeister eine eigene Zunft aus, haben ihre eigene Gilde, ihre Geschworne, halten ihr sogenanntes Gebot, hangen ihre Schilder vor die Häuser, sezzen dem der nicht zum Gebot kommt, oder bei Eröfnung der Lade plaudert eine bestimmte Strafe an, fordern von dem, der in die Zunft aufgenommen wird, a) JnftriptionSgeld, b) Gebühren für Eintragung feines Namens in den Katalog, c) Einkomm- oder Pokalgeld, 6) EinstandSgebühr, e) Geld für eine Malzeit, k) Einstandögeld, g) Auö- standsgeld, st) Auflagen, sowohl beim gewöhnlichen Gebot als insbesondre am neuen Jahrestage, i) Leichengebühren, k) Jnstriptionsgeld für die Frau, wofür, wenn es eine Schulmeisters Tochter ist, ein Thaler, wenn sie aber keine Schulmeisters Tochter ist zehn Thaler bezahlt werden müssen; alles völlig so wie bei Schneider und Schumacher. Dies ist Ursache mit, warum man sie als Handwerksgenossen ansteht, und ihr Ansehen und gehörige Achtung gröstentheilö ver- lohren geht. Eine andre Ursache des Verfalls der teutschen Schulen ist darin zu suchen, daß die Schuh- Meister, keine eigentliche Besoldung solidem ihre vor- vorgeschriebene Tare haben, wornach sie von jeglichem Schulkinds quartaliter einen halben bis einen ganzen Thaler einfordern dürfen. Dadurch werden sie zu Niederträchtigkeiten und zu allerhand Ranken und Nekkereien unter und gegen einander verleitet. Der Schulmeister muß sich hüten, den Kindern, selbst bei grosen Fehlern und Verbrechen, etwas unangenehmes zu sagen, noch viel weniger untersteht er sich, ohne besondre von den Aeltern dazu ertheilte Erlaubniß, eS zu züchtigen, öderes, wenn er auch weiß, daß es neben die Schule geht, mit Strenge dazu anzuhalten; denn er weiß, daß das Kind von seinen Aeltern, sobald es denselben geklagt wird, zu einem andern gethan und ihm seine Besoldung dadurch verringert wird. Und wie wehe ihm das thun müsse, läßt sich leicht denken. Eben so gut lassen sich die Folgen davon einsehen. Er sieht sich einen Theil feines Brodes beraubt, und glaubt nun ein Recht-zu haben, nicht allein über die Aeltern sondern auch über seine Kollegen zürnen zu dürren, und was kan natürlicher seyn, als daß er, denn er wist doch leben, sich mit der grösten Gewissenslosigkeit durch allerhand Schleichhandel andre Kinder, sogar zum grossen Schaden seiner Mitschuimeister zu verschaffen sucht. sucht.. lind eben hierin liegt der Grund, warum die Schulen mit meist untauglichen Subjekten besezt sind. Der Mann, der das seine versteht, und wohl Neigung hatte, auf die Art dem Staate nüzlich zu werden, wird dadurch abgefchrekt, weil er glaubt, es sei. vortheilhafter für ihn, einen andern Posten zu bekleiden, wo er sein Auskommen nicht einem blinden Ohngefähr zu verdanken hätte, und wobei er nicht, wenn dieses ihm nicht günstig wäre, darben müsse. Und er hat recht; ja es wäre gut, wenn sich kein Mensch zu einem Dienste der Art, wo man viel fordert und doch nichts bezahlen will, wo man seine Zeit, 'Gesundheit als freiwilliges Opfer verlangt, und sich nicht geneigt fühlt, dafür erkenntlich zu fern, verstünde; vielleicht würde eine solche reiche Stadt wie ch Z ist, sich gedrungen finden, vor allen Dingen draufzu sehen, Männer, die sich Mühe geben, ihr nürliche Bürger'zu erziehen, nach Verdienste zu lohnen. Und unbegreiflich ist es mir, wie sie auf andre gute aber weit minder nüzliche Anstalten so viel verwenden, und das Schul-und Grziehungswcsen au« der Acht lassen kan. So habe ick mir erzählen lassen, daß man erst vor kurzem in gröster Geschwindigkeit eine Substription von 62000 Thaler zu einem Nazio- T nal. naltheater zusammen bekommen habe. Ein Unternehmen, das meinen ganzen Beifall hat; denn ich weis den Werth eines guten Schauspiels ZU schazzen. Allein daß das weit nüzlichere und schon langst beklagte zurükstehen muß, das weiß ich mit dem Karakter der gepriesenen Menschenfreunden nicht zu reimen. Und wie viel eher Schulanstalten vor Kommödien Aufmerksamkeit und Beherzigung bedürfen, sollte man doch aufgeklarten Menschen, dergleichen in-HZseyn wollen, nicht erst beweisen müssen. Jene betreffen doch offenbar das allgemeine Beste, da im Gegentheil diese öfters nur den Begüterten zum Vergnügen und zur Unterhaltung dienen. Ich. Ich sollte denken, daß das Konsistorium sich dieser Sache mehr angelegen seyn liefe, und vor der Hand, wenn es ja weiter nichts thun könnte, drauf bedacht wäre, daß die Schulen mit guten Lehrern bcsezt würden? Pf- In ss Z ist eö nicht so. Mir sind Falle bekannt, wo der vom Konsistorium appro- birte Schulmeister, für,dem, der eines Schulmeisters Wittwe gefiel, zurükstehen mußte. Das Konsistorium mag sich wohl beim Examen Mühe geben; allein wö die ganze Grundlage nichts taugt. tauqt, wozu sollen da die Fähigkeitsprüfungen k Wenn etwas gutes sollte bezwekt webden, so müßten vor allen Dingen die Schulgesejze umgeformt, Besoldungen bestimmt, die Erbrechte ab- geschaft, und die Schulmeister nicht handwerks- masig, oder wohl gar kindisch oder sclavisch behandelt werden, I ch. Wer wird sie aber kindisch oder sclavisch behandeln? P f. Als Kinder werden sie in ihren Gesez- Zen behandelt. Diese schreiben ihnen genau vor, was und wenn sie unterrichten müssen, gleich als wenn sie aus den Augen gcsezt hätten, daß sie mit verpflichteten christlichen Lehrern sprachen; sagen ihnen als Kindern, daß ihr ja nicht in der Kirche plaudert, der Herr Pfarrer giebt acht, u. s. w. Sklavisch aber werden sie selbst von Männern behandelt, die vor allen Dingen drnuf zu sehen Hätten, daß ihr Ansehen erhalten würde,, weil ihr eignes nur zu oft mit dein derselben steht oder fällt. Dieses geht bei manchen so weit, daß ihnen die Redensarten ganz geläufig sind: das kan ja mch> Schulmeister, das muß mein Schulmeister thun— versteht sich, die niedrigsten Arbeiten verrichten. So ken- T 2 ne Nt ich z. B. einen Pastor unweit ch Z der von Zeit zu Zeit seinen Schulmeister mit einem Schubkarn nach der Stadt schikt, um ihm allda seinen Wein, den er in einem viertelöhmigen Fäschen wohlversiegelt von einem Wirthe erhält, abzuhohlen. Ein Geschäfte, das ich nicht einmal einem angesehenen Bauer zurnuthen würde! Aber, die Herrn Pfarrer glauben überhaupt ein Recht zu haben, die Schulmeister tirannisi- ren zu dürfen, daher es denn freilich auch kommen mag, daß sich so selten dem Amte gewachsene Männer melden. Der Pfarrer schreibt be- fehlsweise Bücher und Methode vor, und wirft, sobald er die geringste Abweichung gewahr wird, dem Schulmeister sogleich einen Prozeß an den Hals. Und wie wenig Fähigkeit sie oft besizzen, solches für einen vernünftigen Schulmeister thun zu können, läßt sich aus dem vorhin angeführten Examen abnehmen. Ganz anders wäre, bei gleicher Betriebsamkeit für das gute Werk einer bessern Erziehung, freundschaftliche Uebereinkunft, glimpfliche Vorstellungen, vertrauliche Unterredung. Aber da denken sich die hochgelahrten Herrn gleich zu viel zu vergeben, wenn sie diesen unstreitig bessern Weg 29Z Weg einschlügen. Es gefallt ihnen deswegen weit besser die finstre Amtsmiene eines herschsüchtigen Diktators, nach der sie sich heraus lassen können: Sie müssen Hübners biblische Historie die Kinder lesen lassen: Sie müssen den Appelmann beibehalten: Sie dürfen kein ander Buch statt der Heilsordnung einführen: Sie müssen die vorgeschriebene Sprüche und Reimgebatlein die Kinder lernen lassen. Fragt der Schulmeister, warum? so sind sie sogleich mit der Antwort fertig: ja da würde schön Zeug herauskommen, wenn wir die Herrn Schulmeister schassen und walten liefen, wie sie wollten. Heut zu Tag will man überall oben hinaus— denken sie doch daß die Alten auch keine Narren waren. Aber, machte ein Schulmeister die Einwendung, sehen sie einmal diese Figur an: Gott als einen alten Mann mit einem langen Bart, und den Teufel mit Hörnern, einem Schwänze und Boköfüfen, wie schikt sich das in Kinderbücher? Nun sie werden doch, versezte der Pfarrer, nicht gar die Existenz des Teufels bezweifeln wollen? T z Daö 2Y4 Das nicht, erwiederte jener. Aber so fürchterlich sollt er doch nicht vorgestellt werden. Die Vorstellung wirkt zu sehr auf die Fantasie der Kinder, und ich weiß aus der Erfahrung, wie gefährlich das werden kan; und zudem ist ja der Sohn Gottes kommen, daß er die Werke des Teufels zerstöre. Herr Schulmeister, nicht so naseweis! Ich glaube gar er giebt sich mit Auslegen ab. Lern er die Kinder buchstabiren, lesen und den Kate- chiSmum, daS A u öl eke n— war Sprache des AmtSeifers— gehört für uns. Es bleibt doch ewig wahr; daß es einen Teufel giebt, und unter Werken und Seyn und Wirkungen ist ein Unterschied. Es bleibt dock ewig wahr: daß der Satan sein Werk in deri Kindern des Unglaubens habe, es müste sonst die Schrift lügen.— Weiß er das? Sehr wohl! ich sprach ja nur von irrigen Vorstellungen. Ei was, irrige Vorstellung! Ich merk schon wo ihr Herrn hinaus wollt. Da hat man erst ein Bild zu tadeln, dann greift man einen Be- weißspruch an, schmeißt einen nach dem andern weg, » 2Y5 weg, zulezt gehts über die ganze Bibel und am Ende hat man nichts— keinen Glauben, keinen Gott, keinen Himmel und keine Hölle Aber ihr werdt's einmal gewahr werden! Lebendig muß der Bahrdt mit seinem Anhang zuw Teufel fahren! Aber, HerrPfarrer, bedenken sie doch nur, ich muß doch nothwendiger Weise bei dem Bilde hier, das Gott vorstellen soll einem von beiden widersprechen, entweder dem Manne, der das Buch, so wie ich es da habe, hat verfertigen lassen, oder der Bibel. Nun! Warum? Entweder ich muß gerade zu sagen, der Mann hat es nicht recht verstanden, oder die Bibel nimmt eS nicht so genau; beides aber hat schädlichen Einflus. Besteh ich auf dem ersten, so werden meine Kinder unachtsam und trage werden, weil sie sich weniger aus dem Büchel- chen machen. Behaupte ich das lezte, so leidet daö Ansehen der Bibel, und es ist denn gänzlich um gute Fortschritte in Kenntnissen und Sitten geschehen. Ueberdieö mag ich cS machen, wie ich will, so gerathe ich in die Klemme, und beides siegt mir harr ob, gutes Gewissen und auch Brod T 4 haben. 2y6 haben. Und doch kan beides nicht beieinander bestehen. Denn handle ich nach meinen Hinsichten, so muß ich früher oder später als Kezzer erkannt werden, und dann ist es bei der fatalen Einrichtung, wobei man blos von der Zuneigung der Menge, die noch lange die Kenntnis nicht besizt, daß sie eines Mannes Thun und Lassen gehörig prüfen kan, abhängt, um mein gutes Fortkommen geschehen.^ Das soll nur so etwas gesagt seyn, um zu seinem Endzwek zu gelangen; aber da- wird nichts draus. Ums Himmels Willen, Herr Pfarrer^ glauben sie denn, daß wir ganz und gar nicht über unsre Sachen nachdächten? Lesen sie doch nur einmal was 5 Mos. 4, 15 steht. Nu, was sieht denn da? „Ihr habt Gott nie unter einem Bilde gesehen. Hütet euch deswegen, daß ihr nicht ein Bild von ihm entwerft, das da gleich sei einem Manne oder Weibe, oder einem Thiere oder einem Vogel, einem Insekte oder Fische, oder der Sonne, dem Monde oder den Sternen." Das war also schon Verbot an die Juden, die doch lange 297 lange die Kenntniß von Gott nicht hatten, die wir Christen haben sollten. Und— doch was rathen sie? Ich habe jezt keine Zeit. Das Beste, was ich sagen kann, ist: man bleibt bei der Ordnung. Adieu! Pf. Sehen sie, werther Freund, so ist es mit den Schulen in ch Z. bestellt. Finsterniß und Dummheit haben sich so über dieselben verbreitet und halten sie so gefangen, daß auch ein Lehrer, wenn er schon konnte, rticht einen Funken hellen Lichtes kann durchdämmern lassen. Krönungsfeier. Wir kamen mit einbrechender Nacht an, suchten eine Lagerstätte und am frühen Morgen, aufgeweckt durch der Trommeln, der Glokken und des Volks Gelärm, einen Standort, wo wir die Geschichte des Tages mit ansehen konnten. Und jezt sollte ich dir billig erzählen, was ich sah und hörte. T 5 Doch Doch es ist vergeblich ein solches Schauspiel mit Worten auch nur im mindesten zu beschreiben, und niir einen Schatten des Eindrucks, den es gewahrt, dadurch zu geben; wer die Herrlichkeit der Erde mit einem Blikke überschauen will, muß hiehcr kommen und sehen. Du wirst also verzeihen, Bruder, wenn ich die Feder für diesmal niederlege. Ich werde dir ein oder die andre trockne Erzählung, dergleichen man von solchen Feierlichkeiten in Menge auszuweisen hat, mitbringen, und dadurch elnigermasen das ersezzen, was ich mit Worten auszudrükken nicht vermag. Den Kommentar kann ich auch wohl mündlich geben; denn so etwas, wo man ganz Aug und Ohr war, vergißt man nicht so leicht. Freilich philosophisch betrachtet, gehört dieses Schauspiel eigentlich für das Volk. Indessen freute es mich doch, daß ich die sogenannten Reichöheiligthümer, als: ein Stück des Tischtuchs, worauf Christus das Osterlamm gespeist hat; ein Stück der Schürze mit der er bei der Auswaschung seiner Jüngtr umgethan war; fünf Dörner aus seiner Krone; ein beträchtliches Stück von seinem Kreuz, daran eine Hand angenagelt war, war, den eisernen Speer, mit dem seine Seite geöffnet worden ist; einen Nagel, mit dem er an das Kreuz angenagelt worden ist; ein Stück von seiner Krippe; einen Arm der heiligen Anna; einen Zahn Johannes des Täufers; einen Fleck von dem Rock des Evangelisten Johannes; drei Gelenke von drei Ketten, mit denen Petrus, Paulus und Johannes gefesselt waren; ein goldenes mit Edelsteinen besezteö Kastgen, in Gestalt einer Kapelle, worin ein Theil der Erde mit dem darauf geflossenen Blut des heiligen Erzmärtirers Stephans aufbewahrt wird, nicht, wie man mich bereden wollte, im Pomp auf oder vorführen sah. Ein Beweis, daß man Heller als ehemals denkt! daß glückliches Zeiten wiederkehren! Ja sie kommen!— Ich sehe sie, Bruder! Meine Seele heitert sich gan; auf!— Schon verkündige ich'S in der Vatrc Hallen, wo du mit den Aedelsten deö Lander mir horchend dein Ohr leihst. Frag- zoo Fragment einer Rede. Ich habe ihn gesehen, Freunde,— werde ich sprechen— den Planeten, dessen kühnen Bewohner wir hier bewunderten. Der Reisende war verwegen, und nicht allzu aufrichtig. Seine Schilderungen, die er von feinen Mitmenschen entwarf, zeugen von eigner Krankheit— sind kaum zur Helfle passend. Der Erdensohn kann irren, kann fehlen— er ist ein Mensch gleich uns, und Schwachheiten rechnen wir dem Menschen nicht als Fehler an— aber so ganz ruchlos, wie er ihn Uns in den Briefen eines reisenden Engländers aus der Pfalz, Baiern und Oesterreich datirt, bezeichnete, ist er nicht. Worin und in wiefern er zu vervollkommnen wäre, wird euch mein Bruder sagen können. Ihm habe ich meine Bemerkungen zugeschrieben. Ihr werdet, wenn ihr sie des Durchlesens würdigt, den Erdebewohnern, als guten, sanftmütigen, menschenfreundlichen Geschöpfen, eure Liebe und euer Wohlwollen nicht versagen, sie sogar, wenn sie meine Bemerkungen beherzigen könnten, durchaus eurer Achtung werth finden. Es gegenwärtig ausführlicher zu erweisen, ist wider meine Absicht. Ich habe mir vorgenommen, men, eure Aufmerksamkeit auf wichtigere Gegenstände zu richten:— die glückliche Aussichten, die sich meinem Geiste bei der grasten Feierlichkeit, die ich mit ansah, eröffneten, schienen mir ein für diese angesehene Versammlung würdiges Thema zu seyn. — Mit der Krönung Leopolds zum Oberhaupte der Teutschen sah ich Teutschland glücklich durch unzahliche Vorzüge, welche ihm in den meisten der vorigen Jahrhunderte versagt waren, und stolz auf Hoffnungen, deren Erfüllungen nahe sind. Leopold II.— so sagt seine Miene, so rühmen seine Kinder zu Toskana— ist ein groser, edler Fürst, ist— wenn ihrs fassen könntet, so würde ich sagen— ein teutscher Fürst— nicht minder weise als aufgeklart, voll festen Sinnes, erhaben und menschenfreundlich, gerecht und gütig. Mit tiefer Weisheit prüft er gute Zwekke, wagt ihren Werth für die Menschheit richtig und belohnt sie groömüthig. Unter Tausenden von Teutschlands Grasen ward er auserkohren, ein Fürst seines Volks zu seyn— und unter Millionen konnte Teutschland land keinen bessern wählen;— keinen, mächtig wie Er, Gebieter ungeheurer Völkerschaften, und doch herablassend, milde, Vater seiner Kinder;— keinen, Ihm gleich reich, majestätisch, prachtvoll, und doch mästg, prunkloS, einfach in Sitten und Lebensweise;— keinen, weise, gerecht, vorurtheilsfrei, allumfassenden Blikkes wie Er, und doch barmherzig, stets voll Güte, voll Nachsicht gegen Schwachheit und Blödsinn. — Ewiger Drang für Menschenglück durchglüht seine Herrscherseele. Ausführen wird er das Werk, das sein groftr Bruder begann, der nun im Lichtglanze seeliger Gefilde harmloser Ruhe, nicht Dulder mehr, mit Herrscherbürden schiver belastet, einhergcht, und für seine Thaten des Beifalls seines Zeitalters, mehr noch einer dankbaren Nachwelt sich erfreut;— wird erheben auf den Thron väterliche Duldung allumfassender Menschenliebe;— wird gründen auf ewige Zeiten Aufklärung und Bruderliebe; — wird, entflammt von Feuereifer für die Rechte der Menschheit, entwaffnen die Künste des Schmeichlers und des Ehrgeizigen, die scha- renweis ihre Sirenenstimme sonst zu Thronen / erhe- erheben;— wird, beseelt von Grosmuth und Menschenliebe, seinen Vortheil nur messen nach dem Wohlstand und dem Glück seiner Unterthanen, seine glänzendste Erhabenheit nur nach der Vervollkommnung der Tugend, so wie sie in Hütten und Palästen, durch ihn geehrt, in seinen Staaten aufblüt;— wird, selbst ein Weiser, die Töchter der Weisheit, Künste und Wissenschaften wohlthätig schüzzen;— wird, arbeitsam ohne Beyspiel, Völker und Nazionen, Fürsten und Gelehrte mit Hochachtung gegen wahres Verdienst entflammen, mit Beifall den Kaufmann, des Künstlers Werk, des LättdnerS FleiS, und des Handwerkers Aemsigkeit belohnen und Frechheit und Eigenthum ihnen sichern; — wird Ruhe und Friede seinem Lande schenken und über seine Nachbarn herrlichere Siege des Friedens und der Bewunderung für dem grösten Eroberer einerndten.— So beginnt Leopold zu herrschen.— Zur Wirklichkeit steigen dann unter seinem milden Zepter empor, die von der Vorwelt geträüm- te güldene Zeitenl— Mächtig wird es hervorbrechen das Licht der Wahrheit und seine wohlthätigen Stralen von einem Ende Teutschlands , bis As an daü andre verbreiten. MonachiSmus, Bigotterie, Pricsterlist und Scheinheiligkeit werden vergeblich ihre Kräfte aufbieten, seinem hellen Glänze Schranken zu sezzen; vergeblich auf des Gewissens heiligen Rechte Eingriffe wagen. Völlig werden sie die Geiseln der Menschheit, des Priesters blendender Ehrgeiz, sein eigennüziger Stolz und der gebieterische Ton, womit er den Kurzsichtigen zur Anbetung, zur sclavischen Unterwerfung und zum blinden Glauben auffodert, wie Nebel vor der Sonne zernichtet werden. Nur der Mann, der Tugend und Glükseligkeit— nicht sowohl kennt, ausposaunt und selbst der Stimme Deutung nicht versteht, als vielmehr lehrt, durch Beispiele beweist und vernünftig und populär zu sprechen vermag, nur der VolkS- lehrer, dessen Gesinnungen und Thaten seinem Amte entsprechen, wird in Leopolds Staaten geachtet seyn.— Die Gerechtigkeit wird in ihrer wahren Gestalt rriumphirend ihre Würde behaupten.— Gänzlich werden sie dann, sie alle die häßlichen Geheimnisse der falschen Staatskunst, der verkehrte Gang feiler Gerechtigkeit und die Justiz, da rvo sie noch nach Blut und Eigenthum dürsten möchte, möchte, wie Wachs vor dep Sonne zerschmelzen;— und nur ein allgemeiner Grundsaz— das gross und ewige Gesez der Menschlichkeit wird herrschend seyn: der Eifer feiner Natur gemäs zu handeln;— und nur eine Quelle intellektueller Vergnügungen wird der menschliche Geist kennen: die Oekonomie gesellschaftlicher Neigungen. Diese werden ihn anspornen gutes zu thun, nüzlich zu werden; überzeugt daß die Tugend, dieZier- deund Grundstüzze des menschlichen Lebens, der Grund aller Gemeinschaft, das Band daö alle Freundschaften und den Beherrscher an den Untergebenen und diesen genau an jenen knüpft, das Glük der Familien, der Ruhm der Nazionen; die Tugend ohne die alles, was süs, angenehm, groö, glänzend, majestätisch und schön heißt, sinkt und verschwindet; die Tugend, diese jeder Gesellschaft vorthcilhafte und für das ganze menschliche Geschlecht wohlgesinnte und wohlthätige Leidenschaft, auch das Glük, die Ruhe, die Zufriedenheit jedes einzelnen Weltbürgers sei.— — Welche herrliche Aussichten öfnen sich da nicht für den edeldenkenden Menschen! Was für schlummernde Kräfte werden nicht erwachen, erwachen zum frohen Genuß höher» Glücks, erwachen jn leichtern Uebungen, zu erhabenen Ge- U schäf- zc>6-— schaften, zum grösern Wohlthun für andre, zu einem wahren und wonnevollen Leben! Was für Stufen werden nicht in unaufhörlichem Fortgange der Oekonomie des Weltals erreicht, was für Hindernisse überwunden, reinere Begriffe gesammlet, Empfindungen geschärft, Wünsche berichtigt, Freuden erhöht, Anlagen Verbessert und benuzt werden!— Wie wird dann dem Teutschen das Herz bei dem unveränderten Wohl seines grosmüthigen Beherrschers,seines Vaters, wahrhaft edeldenkend schlagen, feine Gesinnung sich in frohe Gebete für ihn ergiesen und fein Geist der Vorsehung es Dank wissen, daß er in Leo polS seinen Rarster verehren kan!—— Wie wird dann der Elende, der bisher in der tiefsten Niedrigkeit schmachtete— ach! vielleicht unglüklicher, geplagter war, als der zu Foltern und Todesqualen verdammte Va- terlandöverräther unter barbarischer Behandlung grausamer Henker— ein Auge des Danks ungestaltete Hände zum Himmel emporheben, und mit der geretteten, beglükten Familie segnend den Tag preisen, wo Leopold einen Zepter annahm, unter dem er, neu belebt durch den menschenfreundlichen Blik seines Regierers, der ihn aufs reichlichste wegen seiner Niedrigkeit entschädigt, schädigt/ seine Leiden ihm versüßt und den ab« scheulichen Qualen des Lasters/ der Dürftigkeit und des Schmerzens sie väterlich entreißt, nun nicht mehr unerhört seufzen, nicht mehr trostlos jammern darf! Wie werden dann Demagogen erschrekken, Empörungen erzittern, Munizipalitäten erröthen, wenn in Leopolds Reich wahre Freiheit viel liebenswürdiger erscheint, als die scheinbare Unabhängigkeit des Republikaners; wenn sie jeden Bürger Teutschlandö gleich frei, gleich sicher, gleich den Gesezzen unterworfen, wenn sie den Fürsten geliebt, den Vvlkslehrer geehrt, Den Soldaten geschäzt, wenn sie Friede und Liebe, das grvse Centrum, um das sich die ganze Natur dreht, ihre seligen Einflüsse über alle Stände sich ergiescn, daß ich es auf einmal sage, wenn sie eS sehen werden, wie die Welt das Land glücklich preißt, das solch einen Deher-- scher hat, wie Leopold ist, wo der Unfex- terthan sich selig weiß, daß er unter seiner weisen.Regierung im Soldaten seinen Beschüzzer, jm Priester seinen Lehrer, im Könige selbst seinen Freund ehrt. — Heil euch, Teutschlandö Bewohner! Euer Aufenthalt gleicht einem paradisischen Garten, Uu 2 Dsn r»en die Hand des Künstlers sorgfältig zu verschönern, und, mächtig genug, die Pflanzen zu gewahren weiß, daß weder Orkane sie knikken, noch allzugroft Hizze sie versengen, noch Fluten sie ersäufen mögen: aufblühen werden sie vielmehr zur völligen Reife, zur Vervollkommnung, zur Veredlung, zu den süsesten und reinsten Genie- sungen. — Ja, ewig wird der Teutsche sein jezzigeS Zeitalter erheben.'— Und ewig wird es Frank fürt zu rühmen wissen, daß der Gröste der Wohlthätigste der Monarchen in seinen Ring- »tiauern beherbergt, in seinem Tempel gekrönt wurde.— Und ewig wird der Name Leopold» tief in allcrHerzen eingegraben bleiben.— Monumente werden vermodern, Jahrbücher der Menschheit verlöschen— alle die Pompe und das Gepränge dieser Welt, Staaten und Königreiche, Monarchien und Republiken, Fürstcnthü- mer, Mächte und Herrschaften dieses vorübergehenden Sistems, und alle die Werke vernünftiger Geschöpfe, Residenzen, reiche Städte, stolze Paläste, prächtige Tempel, herrliche Gewölbe, ehrwürdige Thürme, prachtvolle Grabmäler, unschäzbare Bibliotheken, in den Wolken stehende Gebürge, bebaute Gefilde werden in den allge- Z2Y allgemeinen Haufen der Ruinen aller Dinge versinken, aber— Leopolv wird leben; auch dann noch leben, wenn Himmel zusammengerollt werden, wie ein Pergament, Sonnen erbleichen, Monden ihr Licht vermehren, Planeten mit ihren Dunstkreisen in den allgemeinen Einsturz vermischt und Weltsisteme aufgelößt wev» den, schmelzen/ hinsinken, in schreklichen Flank men aufgehen und gleich einem nichtigen Traume oder eingebildeten Fantome keine Spur voll sich zurüklafsen— der durch das alles unzerstörbare Geist seiner Nazion, der er Vater, zärtlicher, liebevoller Vater war, tragt dankbar seinen Namen über Zeit und Sterne, rühmt so lang er ist— und ewig freut er sich feines Daseyns — der weisen,gerechten, milden Regierung Leopolv«des II. seines erhabenen Rarse rs!— Der Herbsiabend. Schon am frühen Morgen des Tages nach der Krönung verabschiedete sich der alte redliche Prediger mit seinem Vetter. Die Trennung von uns geschah nicht ohne innige Rührung. Ich und mein Wirth beschlossen noch einige Wochen zu werweilen. UZ Der Der Aufenthalt gefiel uns je langer, je besser. Wir liefen es uns Wohl seyn— nahmen Theil an den Vergnügungen, die Frankfurts ge» sichmakvoller Genius in reichem Maafe herbeizu- zaubern wußte, sahen uns in der Stadt um-, und— konnten uns über ihre fürtrefliche Lage, über ihren Reichthum, über die großen Gebäude, über den Eifer sie immer mehr zu verschönern, über die herrlichen Polizei- Armen- und Kran- kenanstallten, über die Grosmuth, das Wohlwollen und das gefällige leutselige Wesen der Einwohner, über die durchgehende! herrschende Industrie überhaupt und besonders über die Betriebsamkeit und den in die entlegendsten Weltgegenden wirkenden Geist der Kaufleute, das sie «ach dem Berichte meines Wirths zum ersten Handelsstand in Europa erhebt, nicht genug verwundern. Nur von Ferne sahen wir mit an, wie der Kaiser die Huldigung von der Bürgerschaft dieser Wahlstadt in höchster Person annahm. Aller Herzen waren ihm unzertheilt zugethan. Dieses konnte man bei seiner Abreise,- die einige Tage drauf erfolgte, sehr deutlich wahrnehmen. Niemand war da, der sich nicht Mühe gegeben hatte, hatte, ihn noch einmal zu sehen, ihm ein tausendmaliges Lebehoch zuzurufen und mit thränendem Auge seine besten Segenswünsche nachzu- schikken. Auch wir dachten jezt an unsre Abreise. Warteten aber doch die Herbstlustbarkeiten noch ab. Ich fand sie, wie ich es wähnte, reizend und geschmakvoll. Besonders gewährte mir der Abend des ersten Tages, der unter dreien, während welchen das Fest gefeiert wird, der herrlichste seyn soll, tausendfaches Vergnügen. Er glich dem erfreulichsten Maienabend. Keine neidische Wolke trübte die durch Mond und Sterne erleuchtete Atmosphäre, keine rauhe Luft das zärtliche Auge; nur daß statt Nachtigallen Gesang das Gejaüchze froher Jugend, das Geknister feuriger Schwärmer der Flinten und Pistolen Knal und das Rauschen himmelansteigender Raque- ten dem Ohr jezt angenehme Musik war. Wir machten einen Spaziergang längst den Gärten hin. Alles athmete, alles ergoß Ver- ' gnügen: zur Linken die Thürme und Palläste von Frankfurt; vor mir ein Meierhof, der durch die weiter hin stehenden hohen Pappeln sich besonders artig auönimmt; in der Ferne hohe Berge von Mondesschimmer und Nacht und Entfernung auf das angenehmste schattirt; um mich da« falbe Grün der vielen Weingarten, die mit den darin befindlichen Häusern zum Theil aufdas prächtigste erleuchtet, und mit frohem Jubel der Inhaber und ihrer Freunde erfüllt waren; zur Rechten— O schön, Bruder! unbeschreiblich schön war dieser Abend und dieser Spaziergang. Stets wird mir ihr Andenken heilig seyn! Und nun?— begleite ich meinen Wirth, und— fliehe in deine Umarmung! »» D r ü k f e h l e k. Seite z. Zeile 9. statt— nun, lies: nur. S. q. Z. l2. st.—besondere,lies: besonders. S. 22. Z. 12. st.-- musten, l. wüsten. S. 29. Z. 19. st.— sie l. er. S. Z4> 3- 4. st.-^Umstände, l. Um- ständen.' S. 48. Z. 17. st.— würde, l. wollte. S. 49- Z. 26. st.— ihm, l. ihn. S. 62. Z. 1. st.— v 0 n l. vom. S. 70. Z. 9. st.— bestfohlen,l. befoh, len. S. 71. Z. 20. st.— zu anstaunen, s. anzustaunen. S. 99- 3- Z. st»— welche, l. welch.« S. i^6. Z. 4. ist— sich, wegzustreichen. S. 219. Z. 20. st.— diesem, l. diesen. S. 265. Z. 2i. st.— für, l. vor. ..-, -7 7-..u-p'r:-'^j-L:'/»---'«> 7-^ » ^"'r i,' i..'-.,^.7^. .-ttI-7.1.- 7,-^ ''.'A 7-I uz - 7. ,.5>L-.c' 2, — 1 K. * /E' .«,.»..>.>./ s .».>.>.>-. «>.<.>><.'V. ^->,»»».»/.^ 4« '»'>.>. I. *»».»«..».''5«' - »» « V. D» »» L» S^» «» ** *» «» ^» -« »» *« «* «» - W' *^ G* »« G»» G »» G» .< »« G» .» "5' *» . ck «» »« »^ » ch »« »< « 4» ,- »« G» <. »» «» . F »» U