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Vielleicht ist dieser erste )( Schritt Schritt der Fürsten eine Vorbedeutung von grösern, die Ihnen noch zu thun übrig sind. Ueber die Güte der Briefe sage ich nichts. Sie sind Originale, und ich habe nur weniges geändert. Ich wollte lieber nicht so sehr auf Feinheit als auf Wahr« heit sehen. Die Entwikelung ähnelt, so viel ich mich entsinnen kann,schon einer andern auch in einer Nonnengeschichte. Ich ward er« sucht, sie zu verändern, um nicht als Nachahmer zu erscheinen. Allein ich überlegte, daß eö Pflicht des Biographen sey, diesen kleinen Ruhm der Wahrheit aufzuopfern. Ich hoffe, diese kleine Schrift wird den Beifall erhalten, den Wahrheit verdient. W.... r. An Konstantin H*** ^)illig sollte ich Dir wol eine kleine Bet schreibung von meiner Reise machen. Wer «igstens glaube ich, daß Du sie wünschest. Aber ich mag oder kann nicht. Nimm's, wie Du willst. Zch lebe izt so ganz in dem Zirkel der tvefiichen Familie, welche Du zum Theil kennst, geniese da so viele Achtung und Freundschaft, mein Herz'ist so voll angenehmer Empfindungen, und meine Seele von den stillen Freuden, die ich hier geniese, so eingewiegt, daß ich mich um alles in der Welt durch das Zurükdenken an das gefährliche Schaukeln der Postkutsche, an die Menge der mir aufgesto- scnen Karrikaturen nicht darinn stören möchte. Vergib mir also, Lieber! wenn ich deine Neu- gierde nicht befriedige. Ich bin frölich und gesund, taumle so von einem Vergnügen, von einer Freude zur andern, und denke nicht daran, A daß 2 daß ich bald wieder zur Garnison muß. Ach nehme die Freuden mir, wo und wenn ich sie finde, raube mir keine einzige, und verbittere mir keine durch den Gedanken an die Zukunft. Ich denke, der Mensch hat ohnehin schon zu leiden genug. Warum sich nun seine Schmerzen vergrösern? warum anfangen eher zu leiden, als man muß? Gewiß das ist Thorheit, Einfalt. Und wenn ich überlege, woher es kömmt, daß so viele Menschen sich selbst mitten im Genuß der seligsten Wonne stören, und Misvergnügen, das erst in der Zukunft ihrer wartet, herbei zwingen; so finde ich warlich, daß dies blos von der Erziehung, blos von dem unaufhörlichen Vorplaudern der Pfaffen herrührt. Nun gut! ich habe das Vorurtheil besiegt, und leide nicht eher bis ich muß, und freue mich, wenn ich kann. Vielleicht trift dich der Brief bei deiner Karol ne! Desto besser! desto willkommner wird er Dir seyn. Möchte ich doch auch die Freude geniesen können, eine zärtliche Gattin zu lieben, von ihr geliebt zu seyn! Noch habe ich sie nicht gefunden die Elise, die mir meine Einbildungskraft mahlt, werde sie '- viel- s vielleicht nie finden. Louise, unsers Karls Schwester, ist ein herrliches Geschöpf. Schön, sanft, zärtlich, ganz Grazie! Ich glaubte, wünschte sie zu lieben und warlich, Konstantin, ich bin dem Mädchen gut, bin ihr warmer Freund— aber ich liebe sie nicht. Ihr Bruder sagt mir viel von seiner andern Schwester, von der er nie redet, an die er nie denkt, ohne die heisesten Thränen zu vergiesen. Sie ist eine Ursulinernonne in B Er spricht, die Aeltern haben sie gezwungen, Nonne zu werden. Ich kann das kaum glauben. Der alte Amtmann ist so ein biederer Vater, so ganz in seine Kinder vernarrt, und die Mutter auch. Aber was thun nicht Vorurtheile und Aberglauben? Um ein frühzeitiges oder besseres Engelchen im Himmel zu haben, thut wol mancher rechtgläubige Katholik etwas mehr. Ich habe Erfahrung, daß mancher Einfältige seine Tochter aus diesen Absichten gern schlachtete, wenn er nicht die weltliche Obrigkeit fürchtete. Die großen Herren könnten der Menschheit und ihren Staaten keinen grösern Vortheil »erschaffen, als wenn sie den guten Nönnchen A 2 ihre 4 ihre natürliche Freiheit wieder gäben, und alle Nonnerei auf ewig verböten. Ich be- daure Serafinen herzlich, und doch kann's nicht geändert werden. Sie hat schon vor vier Wochen Gelübde abgelegt. Genug davon! Schike mir doch mit der ersten Post den Tristram Shandy. Der Amtmann will ihn lesen, und hier ist er nicht zu haben. Grüße deine Karoline, kannst auch meinem Hauptmann einen Gruß bringen. Leb wohl. Schreib' bald, Meier. 2. An Ebendenselben. ^chon wieder einen Brief? Zch muß meinem beklemmten Herzen Luft machen, und das kann ich nicht anders, als wenn ich dir die Vorfälle des Innersten meines Herzens erzale. Zum Narren möcht'ich werden, daß ich die zärtliche, Grazienähnliche Louise nicht lieben kann. Wie das zugeht? Und wenn ich den Augenblik zum Schurken gemacht werden sollte, so könnte ich das nicht erklären. Sie - Sie sieht mich mit einem so liebevollen, schmachtenden Auge an, sucht mir meinen Aufenthalt immer angenehmer zu machen, singt mir dann und wann ein zärtliches Liebe bittendes Liebchen mit der grösten Rührung vor, und doch— ist Freundschaft nur alles— oder ist es Liebe?— was ich empfinde. Ich bin noch nicht eingeweiht in diesen eleusinischen Geheimnissen, aber die Symptomen, welche, nach dem Zeugniß der Menschenkenner, die Liebe begleiten sollen, finde ich in meinem Herzen nicht. Daß souise mich liebt, daran kann ich nicht zweifeln. Zhr Bruder hat es mir gesagt, und sie verräth sich auch zu deutlich. Soll ich das Mädchen unglüklich machen? Soll ich ihr Liebe zusagen, ohne dieselbe in meinem Herzen zu empfinden? Nein'. Entfernung, däucht mich, ist das einzige Mittel für ihre Krankheit. Daher habe ich beschlossen, in einigen Tagen zur Garnison zurük zu reisen. Die Aeltern suchen mich von meinem Vorhaben abzubringen, und selbst Karl bringt eine Menge Gründe vor, bei mir eine Verändrung des einmal gefaßten Entschlusses zu bewirken. Aber, umsonst'. ich komme. Ich A Z will 6 will Mir nicht vorwerfen, irgend ein Mädchen unglüklich gemacht zu haben. Laß also mein Zimmer einrichten, in weniger als vier.' zehn Tagen schließ ich dich in meine Arme. Meier. Z. An Karolinen L*** Ä)enn du izt, liebe Karoli'ne, deine Louise sehen solltest, so würdest du schwerlich das Mädchen erkennen, das izt abgehärmt, bleich, eingefallen, Einsamkeit sucht, und ihr Daseyn bestufzt. Ich war so glüklich, freuete mich über jede Kleinigkeit, izt ist mir alles, alles zum Ekel. Die reizende Natur, die sonst so manche Schönheit für mich hatte?, über' die ein anderer hinwegsah, die meiner gefühlvollen Seele so oft die süßesten Freuden gebahr, hat izt keinen Reiz für mich. Ungerührt sehe ich die Sonne auf und niedergehen, und dieses niir sonst entzükende Schauspiel macht keinen Eindruk auf mich, kann keine frohe Empfindung in mir erweken. O Karoline! ich bin nicht 7 nicht mehr- das gefühlvolle Mädchen, das du so sehr lieblest. Grünende von silberhell len Bächen durchschlnngene Wiesen sind meinem verirrten Herzen nichts weiter, als die dürre, unfruchtbare, sündigte Wüste. Der zärtliche Gesang der Nachtigall, die sanftesten Töne, die mein Bruder aus seiner Flöte zu loten versteht, sind mir so gleichgültig, wie das Heulen der Nachteule. Kurz, Kar roline, ich bin das Mädchen nicht mehr, welches ich war. Ich verwelke, wie die ab- gepfiüke Rose. Warum mußte ich Ihn sehen? Warum mußte mich seine edle Gestalt ent- züken? Warum mußte er mir mit einer so gefälligen Achtung begegnen, da er nicht im -Stand ist, die Wünsche meines Herzens zu befriedigen? Tadle mich nicht, gutes Mädchen, daß ich ohne Hofnung liebe. Du solltest Ihn sehen, den schönen Jüngling, solltest Ihn sprechen hören, den sanften Meier, und wenn du dann sagen dürftest, ich liebe ihn nicht— nur dann könntest du mich tadeln. -Aber auch du würdest ihn lieben. Tadle und verachte mich also nicht, sondern heile mein liebekrankes Herz. Er liebt, Karoline, A 4 gewiß 8 gewiß er liebt. Möchte ich doch das Mädchen sehen, welches Reize genug hatte, sei« Herz zu fesseln— beneiden würde ich Sie Ihres Glükes wegen, aber ich glaube, ich würde ruhig werden. Gage nur, Äaroline! bin ich denn so häßlich? oder habe ich etwa einen so zurükweisendenTon, oder einen Zug, eine Miene, die den Jüngling abschrcken könnte? sage mir das, liebes Mädchen, und ich bin wieder die glükliche Louise. Ich singe Ihm Klagen der Liebe vor, ich komme Ihm mit Gefälligkeiten entgegen, aber er flieht mich, und wenn er mir ja einmal nicht entwischen kann, so spricht er nur von Freundschaft— keine Silbe von Liebe, was mein Herz doch allein wünscht. Er wollte Anfangs noch einige Zeit hier bleiben; aber gestern machte er uns auf einmal bekannt, daß er nöthiger Geschäfte wegen gezwungen sey, zur Garnison zurük zu reisen. Wenn er doch hier bliebe, vielleicht liebte er mich aus Mitleiden, denn er ist ein Menschenfreund. Doch, was wünsche, was hoffe ich! Ein reizender Mädchen, als ich, wartet Wer gewiß, und er fliegt in ihre Umar- mun, — j> münzen. Die GlüklicheO Karoline, schreibe mir bald. Giese Ruhe in die Seele deiner unglüklichen Louise. 4. An Meiern. Deine beiden Briefe empfing ich eben, als ich an den Lippen meiner lieben Karoline hing. Gewiß, Freund, ich bin glüklich. Um diese Glükseligkcit in ihrem ganzen Umfange fühlen zu können, muß man selbst geliebt haben, selbst geliebt worden seyn;' Ein jeder andrer hat nur ein dunkles, verwvrnes Gefühl von dieser Wonne. ES würde mich freuen, wenn ich von dir hören könnte, daß du die schöne zärtliche Louise auch liebtest. Da ich aber weiß, daß dieses von uns selbst nicht allezeit abhängt, so freue ich mich nicht wenig über die Güte deines Herzens, ldenn wahrscheinlich würdest du das Mädchen noch unglüklicher machen, wenn du ihre Leidenschaft durch deinen längern Aufenthalt noch mehr anfachtest. Nur deine Entfernung kann ihr Herz heilen, A 5 wenn ra wenn es nicht schon zu sehr verwundet ist. Beharre also auf deinem Entschluß, und verlaß mit standhaften Herzen den Zirkel von gü-^ ten Leuten, in welchem du izt lebst. Ich sagte dem Oberst, daß du bald wieder zurük kommen d würdest. Er fragte mich, welche Ursachen- dich bewogen hatten, deinen Urlaub!zu verkürzen? Da ich nicht wußte, ob du es bilii- c gen würdest, wenn ich die Wahrheit entdek- i te, so habe ich ihn durch eine zweideutige* Antwort befriedigt. Du kennst diesen recht-* schaffenen Mann, und weißt also, daß er sich i nicht gern in die Privatangelegenheiten seiner' Subalternen mischt, und nie etwas von den Angelegenheiten ihrer Herzen zu wissen verlangt, wenn sie nicht selbst ihn zum Freunde wählen. Du wirst aber nicht übel thun, wenn du ihm bei deiner Ankunft die wahre Ursa-, ehe entdekest. Ich habe dein Zimmer und alles in Ordnung bringen lassen. Meine Karo- line läßt dich grüßen. Sie las deinen zweiten Brief, und war über deinen Entschluß entzückt. Alles empfiehlt sich dir, und freut sich im Voraus auf deine Ankunft. Konstantin H.n. 5. An n 5. An Konstantin H*** Ich komme nicht. Zch habe sie gefunden, deren Bild schon lang in meiner Seele lag. Ich hab es gefunden das englische Mädchen. Nichts soll mich von ahr trennen. Sag's also allenthalben, wo du meine Ankunft ausgesprengt hast, daß ich meinen Entschluß aus verschiedenen dir unbekannten Gründen geändert, daß ich nicht komme. Ich muß hin zu dem Engel. Nächstens ausführlicher. Lebe.wohl. Meier. 6. An Louisen*** Ich bedaure dich armes, unglükliches Mädchen. Zch fühle ganz die Leiden deines Herzens, und bin nicht im Stande, dieselben zu lindern. Was soll ich zu deinem Troste sagen, wodurch Ruhe in deine Seele giesen? Soll ich dich mit Möglichkeiten trösten? Vielleicht würdet du auf einige Zeit glüklich seyn, 12 seyn, aber wenn diese angenehme Hofnunz verschwunden, nur desto elender werden. Dich zur Standhastigkeit anmahnen, würde eine vergebliche Bemühung seyn. Und doch ist nur dies lezte das einzige mögliche Mittel dich in deine vorige Glükseligkeit zurük zu versehen. Darf ich dir sagen, daß Meier sehr edel handelt, daß er seinen Urlaub um einige Zeit verkürzt. Nach allem, was du mir schreibst, kann Meiern deine Liebe nicht unbekannt seyn. Wenn er dich nun nicht lieben kann, oder wenn sein Herz schon gewählt hat, würde dann eine längere Gegenwart dich nicht noch unglüklicher machen? Du bist izt schon elend, aber noch würdest du es in einem höhexn Grad werden, wenn er so grausam wäre, länger bei Euch zu bleiben, ohne doch dich lieben zu können, oder wenn er gar so boshaft wäre, dich einer Liebe zu versichern, die er nicht fühlte. Kann es Trost im Unglüke seyn, daß wir noch unglüklicher hätten seyn können, so tröste dich damit, daß deine Liebe auf einen edlen Mann fiel, der nicht grausam, nicht boshaft genug war, dich zu hintergehen, über deine Liebe zu tri- umphir rz umphiren, und deines Grams zu spotten. Rathen muß ich dir freilich, diese Liebe auszurotten, sie zur Freundschaft hcrabzustimmen, allein ich weiß auch, daß ein kaltes Herz diesen Rath leicht geben kann, aber daß es den liebenden Mädchen schwer, sehr schwer wird, ihm zu folgen. Die Entfernung deines Geliebten wird Balsam auf dein krankes Herz seyn; du wirst dich nach und nach seiner entwöhnen. Vielleicht giebt dann ein neuer Gegenstand deinen gequälten Herzen Ruhe, und du wirst wieder das glükliche Mädchen seyn, welches du vorhin wärest, und dieses ist der feurige Wunsch deiner dich liebenden Karoline. Nun noch ein paar Worte von mir. Meine alte Tante hält mich wie ihr eignes Kind, und ich lebe wirklich bei ihr glüklicher, als bei meinen Aeltern. Durch die. Vorstellungen dieser vernünftigen Frau haben beide sich endlich bewegen lassen, von ihrem Vorhaben mich in das Kloster zu D... zu stecken, abzustehen, und es soll nur von meiner Willkühr abhängen. Alle Vorstellungen meiner guten Tante würden nichts geholfen haben, wenn st, 14 sie nicht erklärt halte, baß sie mich zu ihrer Erbin einsetzen wolle, daß sie aber meinen Bruder und Schwester ganz ausschließen, und ihr Vermögen an das Armenhaus zu geben beschlossen, wenn meine Aeltern noch darr auf beharren würden, mich zur Nonne zu machen. Ich bleibe nun für allezeit bei mei- ner Tanke. Sie weiß unsere Freundschaft, und ich habe ihr den unglüklichen Zustand deines Herzens entdekt. Sie gibt dir den Rath, dich einige Zeit von deinen Aeltern z« entfernen, und uns zu besuchen. Sie hat meines Erachtens ganz recht, wenn sie behauptet, du werdest desto leichter diesen Meier vergessen, wenn du dich nicht mehr an den Orten befindest, wo du zuerst mit ihm bekannt geworden. Ich vereinige meine Bitten mit den Ihrigen. Komm also, liebes Mädchen, und versuche, ob du in den Armen der Freundschaft die Liebe vergessen könnest. Serasine hat mir vorgestern das erstemal geschrieben; sie scheint ihr Schiksal geduldig zu tragen. Du hast immer geglaubt, sie werde dich und deinen Bruder für die Urheber halten, daß sie ins Kloster zu gehn ge- jwuur !5 zwungen worden, aber du hast dich geirrt. Sie spricht Euch beide von der Schuld frei; und schreibt alles auf die Rechnung des Aberglaubens ihrer Mutter. Sie behauptete, daß ihr beide gern das Vermögen mit ihr getheilt haben würdet, wenn es eure Mutter zugegeben. Wenn du zu mir kömmst, will ich dir den Brief zu lesen geben. Schreib mir bald; entschließe dich, liebes Mädchen, zu mir zu kommen, und bestimme mir den Tag an dem ich dich sehen soll. Karoline. 7. An Konstantin H*** 8)?ein lezter kurzer Brief wird dich in Erstaunen gesezt haben. Du wirst versucht haben, dir die schnelle Veränderung meines Entschlusses zu enträthseln. Damals war's mir unmöglich, ausführlicher zu schreiben, izt will ichs versuchen. Hier hast du die Geschichte. Ich habe dir schon gesagt, daß Karl viel Lermens von der Schönheit seiner Schwester machte, machte, die im Kloster zu B.. ist. Da ich anfänglich langer zu bleiben willens warft verschoben wir einen Besuch bei ihr von einer Zeit zur andern; als ich aber meine Abreise bestimmt hatte, so mußte ich einige Tage vorher mit ihm dahin führen. Es sollte der erste und lezke Besuch seyn. Unterwegs er- zälte er mir ihre Geschichte, sie erregte mein Mitleiden. Zch glaube, du wirst sie schon wissen. So bald wir ankamen, wurden wir sogleich in das Sprachzimmer geführt. Zch war ganz gleichgültig, als eine schöne Hand den Vorhang wegzog; aber stelle dir mein Erstaunen, stelle dir die Empfindung vor, die in meiner Seele entstanden ist, als ein Engel—- als eine Göttin in weiblicher Gestalt sich meinen Augen darstellte. Soll ich dir sie mahlen?" Freund, ich kanns nicht. Stelle dir das Bild der h. Maria zu L... vor, welches uns so oft emzükte, welchem wir so oft Leben und Seele einhauchen zu können wünschten; und noch hast du einen schwachen Degrif von den Reizen, die ich sah. Geich beim ersten Anblik sieht man's ihr an, wie sehr sie unter der Tirannei der Nonnen seufzte. 17 seufze. Versteinere stand ich da, konnte kaum ein paar Worte hervorbringen, so einen tiefen Eindruk hatte diese leidende Schönheit auf mich gemacht. Karl bemerkte meine Verwirrung, und sprach so lange von allerlei unbedeutenden Sachen, bis ich mich endlich wieder erholte. Er stellte mich ihr als seinen besten Freund vor. Fühle das Vergnügen, welches ich hakte, als sie mir mit der reizendsten Stimme sagte, daß der Freund ihres Bruders auch der Ihrige sey. Kaum vermögt? ich ihr zu antworten, und was ich stammelte, was ich ihr sagte, das weiß Gott, ich fühlte so viel, o Freund! ich kann dirs nicht sagen, wie mirs war; tief in meine Seele drang der süsse Ton ihrer Stimme; und ich unterstand mich nicht, sie anzusehn. Ich «rröthete, wenn ich auf sie blikte, und ihr sanftes schmachtendes Auge dem meinigen begegnete. Der guteKarl, der meine Verwirrung deutlich bemerkte, glaubte kein besseres Mittel anwenden zu können, mich zu entzaubern, als wenn er seine Schwester ersuchte, noch andre Nonnen herbei zu holen. Er that es, und gab ihr zugleich zwei Pfund B Kasse 18 Kasse und eben so viel Zuker, womit sie in seinem Namen das ganze Konvent heule trakti- ren sollte. Sie ging, meine Augen verfolgten sie, bis sie die Thür des Sprachzimmers hinter sich zugemacht hatte. Ich umarmte den guten Karl. Ich weiß warlich nicht, ob ich ihm dankte, daß er mich mit seiner Schwester bekannt gemacht, oder ob ich ihm vorwarf, daß er mir diese Schönheit nicht eher gezeigt. So viel entsinne ich mich noch, daß er sagte, Freund, wenn dieses Mädchen glüklich wäre, was wollte ich nicht darum geben. Du kennst nur die Statue, solltest du erst ihr Herz kennen'. Thränen flössen aus seinen Augen, wie er das sagte. Ich weinte mit. Und so blieben wir eine geraume Zeit, bis uns das Gesumme und Getöse vor dem Sprach- zimmer die Ankunft einer Menge Nonnen verkündigte. Wir trokneten unsere Augen ab. Sie traten herein, und dankten Karl» für das gemachte Geschenk. Nun kamen sie alle um mich herum, Serassne war nicht dabei, sie machte den Kasse, die eine lobte meinen Degen, die andere meine Uniform, die dritte meinen Hut, die eine fragte nach diesem, die an- !9 andre nach jenem. Sie übertäubten mich so sehr mit Fragen, daß ich keiner einzigen würde haben antworten können, wenn mir nicht Karl aus der Verlegenheit geholfen und eine Menge von ihnen unterhalten hätte. Es waren verschiedene schöne Mädchen darunter, aber nicht eine, welche nur ein Schatten von Serafmens seelenvoller Schönheit gewesen wäre. Ich suchte so viel als möglich mit allen zu sprechen, damit ich ja nicht etwa einem guten Mädchen Verdruß machte, denn ich kenne die Eifersucht der Nonnen. Endlich kam die Oberin, eine Fräulein von N...— eine Närrin, die unaufhörlich von ihrem Adel spricht, alle Geheimnisse der Höfe zu wissen vorgibt, und die Klugheit ihres Bruders lobt, der K... Gesandter am portugiesischen Hofe ist. Sie ist eine Freundin des Zesuircrordens, und behauptete, binnen einem Jahre würde derselbe wieder aufleben. Zhr Bruder, sagte sie, hab es ihr geschrieben, und dabei dieses Geheimniß anvertraut, daß er von seinem Hofe die gemessensten Befehle habe, am portugiesischen Hofe die Sachen zu betreiben. Sie plauderte immer so fort, und D s ließ 20 ließ nicht einmal einen andern zum Worte kommen. Karl und ich hatten schrckliche lange Weile, und ich bemerkte, daß einige Nonnen über das Plaudern der Oberin die Nase rümpften und andere die Achseln zukten. Sie würde uns gewiß noch den halben Tag von ihren Vcrwandschasten und Bekannten an allen Hör fen vorgeschwazt haben, wenn nicht Sera- fine den Kasse gebracht und sie gebeten hatte, ihren Bruder und mich in das Kloster zu lassen. Sie schloß also die Thür auf, und wir erhielten die Erlaubniß, in dem Sprachsaale selbst mit den Nonnen zu sprechen. Die Närrin sezte ihr Plaudern fort, und ich war froh, daß ich ihr nicht zuhören mußte, denn sie hatte sich neben Karin gesczt, und Serafme— denk' dir meine Wonne!— bat mich, mich neben ihr niederzulassen. Sie fragte mich, ob es wahr wäre, daß ich ihren Bruder so bald verlassen wollte. Ich war in der größten Verlegenheit, was ich ihr antworten sollte. In meinem Herzen hatte ich schon beschlossen, meine Reise aufzuschieben, und doch wußte ich in der Geschwindigkeit nicht, was ich für einen Verwand wegen des Aufschiebens machen sollte. 21 sollte. Zch stotterte also etwas unzusam- menhängendes her, wovon das Ende war, daß ich nun zu bleiben gesonnen sey, weil ich das Glük gehabt, sie kennen zu lernen. Du sannst dir vorstellen, daß ich über und über erröthete, als diese Worte meinem Munde .entschlüpft waren. Auch gasten mich alle andere Nonnen an, und schienen es für eine förmliche Liebeserklärung zu halten. Lrera- stne selbst erröthete. Sie machen mir, sagte sie, ein sehr verbindliches Kompliment. Es sollte mich freuen, wenn ich die Ursache wäre, daß meine Aeltern und mein'Bruder noch länger das Vergnügen genießen, Sie zu sehen. Zch half mir st gut heraus, als ich konnte. Sie machte das Gespräch allgemeiner; cS ward mir schwer, meine Blike von ihr wegzuwenden, und mit den andern Nonnen auch dann und wann zu sprechen. Nach dem Kasse ward Musik gemacht, die mir höchst elend geschienen haben würde, wenn nicht Sera- fine eine zärtliche italiänische Arie gesungen, und aus einer elenden Harfe die sanftesten Töne hcrvorgelokt hätte. Ich hörte mit dem in? nigsten Vergnügen zu, und es kostete mich viele D Z Ueber- Ueberwindung, daß ich nicht ihre schöne Hand ergriff, sie zärtlich drüfte, und mit meinen Lippen berührte. Als die Musik vorbei war, willigte endlich die Oberin in Karls Bitten, und erlaubte es, daß wir uns im ganzen Kloster und sogar in allen Zellen der Normen umsehen durfte», Karl mußte mit der runzlich- ten Priorin voranwandern, und ich— ging neben Eerafinen, die mir mit der unschuldigsten, anziehendsten Miene ihre Hand darbot. Was ich zu ihr redete, ob ich ihre Hand drükte, sie vielleicht gar küßte— Freund, das weiß ich nicht. Ich taumelte so ganz voll von Vergnügen neben ihr die Treppe hinauf, und ward erst meiner selbst wieder bewußt, als sie sich sanft aus meinen Armen koswand, um ihre Zelle auszuschließen. Ich wußte nicht einmal, daß wir schon in den Zellen vieler andern Nonnen gewesen waren.(FeraftnenS Zelle war sehr reinlich, und ganz geschmakvoll ausgeziert. Alle Tändelei, hie man sonst in den Nonnenzellen antraft, waren in der ihrigen nicht zu sehen. Keine Amuletten, keine Rosenkränze, keine Druderschaftsbilderchen, keine Geiseln, keine wunderthätigen Kruzifixe «der sz oder dergleichen. Ich bemerkte nur drei Bilder. Das eine war das Gemälde ihrer Schwester— als Marie; das andere ihr Bruder Karl— als Plazidus, in Benediktinerhabit, und das dritte der heil. Aloi- sm6. Ich war so neugierig zu fragen, wer unter diesem Heiligen vorgestellt sey. Sie erröthete und schwieg. Ich gestehe, es war sehr unhöflich, solche Geheimnisse eines Mädchens wissen zu wollen. Möchte ich doch das Glük haben, auch unter der Zahl ihrer Heiligen zu seyn, sagte ich ihr ganz leise, als die Nonnen sich entfernt hatten, sie nun ihre Zelle langsam zuschloß, und ich bei ihr verwettete. „Und was wollten sie denn, sagte sie lächelnd, bei einer armen Nonne machen, sie gehören zu schönen Mädchen.,, Wenn ich das verdiente, erwiederte ich, und drükte sanft ihre Hand, so wünschte ich bei keinem andern zu seyn, als bei Ihnen. Gern hätte ich ihre Antwort gehört, aber wir waren der übrigen Gesellschaft zu nah, daß sie für rathsamer hielt, zu schweigen. Nun ging's an ihrer Seite wieder in den Sprachsaal. Karl nahm seinen Stok und Hut, und kehrte sich nicht B 4 an 24 an die böse Miene, die ich ihm darüber machte. Scrafine bat ihn, er möchte noch länger verweilen; allein es half nichts, er empfahl sich allen, und ich machte beim Abschiede eine so alberne Figur, daß ich mich vor mir selbst geschämt hatte, wenn ich im Stande gewesen wäre, mich zu betrachten. Serafme begleitete uns allein bis an die äuserste Pforte. Du wirst doch, sagte sie zu ihrem Bruder, deinen Freund nicht wegreisen lassen, ohne vorher noch einmal zu mir zu kommen. Du weißt ja, antwortete er, daß er übermorgen wegreisen will; bitte ihn, daß er bleibt, so kannst du ihn schon noch mehr zu sehn bekommen. Sie ergriff meine Hand. Himmel! wie wohl ward mir's da ums Herz! Bleiben Sie doch immer, sagte sie, Sie können glauben, daß Sie meinen Aeltern und Geschwistern gewiß angenehm sind. Da ich schon fest bei mir beschlossen hatte, zubleiben, und die Kunst gar nicht verstehe, anders zu reden, als ich denke, so sagte ich auch ganz gerade heraus, daß ich noch zwei Monate bleiben, und meine Geschäfte durch meinen Freund in der Garnison ausmachen lassen wolle. Sie drükte mir -5 mir die Hand, und ich nahm dies für die Erlaubniß auf, die ihrige küssen zu dürfen. Ich würde noch ganze Tage bei ihr gestanden seyn, wenn nicht Karl mich fortgenSthiget hatte. Sie blieb an der Thür so lang stehen, als Sie uns noch sehen konnte, und ich sahe fast alle Augenblike zurük, und wollte ihr durch meine Dlike meine Empfindungen zu verstehen geben. Mächte doch das gute Mädchen das nemliche für mich empfinden, was ich für sie fühle! Du hast Recht, Freund! die Liebe macht uns zu den glüklichsten Sterblichen. Ue- berzeugend fühle ich izt diese Wahrheit. Ich habe wenigstens noch nie solche Wonne gefühlt Ich saß stillschweigend neben Karln im Wagen, und dachte an die genossene Freuden zurük. Nu! wie gefällt dir denn meine Schwester, sagte er endlich und lächelte? Du sagst ja kein Wort, es ist eben, als wenn es dich reuete, daß ich dich mit ihr bekannt gemacht Hai e. Habe ich etwa zu viel von ihr gesagt? Wie sie mir gefällt, stotterte ich, gefällt? Karl! ich weiß, daß du ein rechtschaffen Kerl bist. Ich habe deine Schwester einmal gesehen, aber ich muß sie mehrmal V 5 sehen 26 sehen und sprechen. Ich weiß nicht, ob ich liebe, aber daß ich meine einzige Glükselig- keit darein seze, Sie zu sehen und zu sprechen, das fühle ich.— Guter Mei'k, sagte er, ich kenne dein ädles Herz, weiß, daß du gut und rechtschaffen bist. Izt kann ich dir wohl sagen, daß ich dich nicht ohne Ursache mitgenommen habe. Ich freue mich, daß sie dir gefällt; und ich wünsche, daß ihr beide einander lieben möchtet. Das gute Mädchen dauert mich. Sie ist nicht fürs Kloster geschaffen. Warum soll sich das Mädchen von dummen, einfältigen Nonnen herumhudeln lassen? Warum nicht in den Armen eines guten Mannes glüklich seyn? Das Mädchen ist mit sechzehn Zähren ins Kloster gezwungen worden, und weder ich noch meine Schwester konnten den Entschluß meiner abergläubischen Mutter umändern. Zch würde mich freuen, wenn ihr beide für einander geschaffen wäret, würde vergnügt die Hände zu ihrer Entführung bieten. Zch kenne deine Ehrlichkeit.— Und nun machte er mir einen ordentlichen Plan zu einer Entführung und Heirarh; ich habe aber nicht alles so behalten können. Er sezce -7 sezte aber allezeit voraus, wenn mich das Mädchen liebte. Du kannst dir vorstellen, daß ich weder an Entführen noch Heirathen dachte, als ich Serasinen sah. Ich ward durch Ihr bloses Anschauen schon in einen so hohen Grad von Glükseligkeit versezt, daß ich ohn- möglich einen grösern wünschen konnte. 2lbcr baß mir Karls Eröfnung höchst angenehm war, das muß ich gestehen. Der gute Junge liebt seine Schwester so schwärmerisch, daß er sich für Sie willig aufopfern würde. Und diese Liebe allein ist die Ursache, warum er mir den Antrag machte, und meine Einwilligung verlangte. Kannst du wol glauben, daß ich keinen'Anstand nahm, sie zu geben? Unter diesen Reden kamen wir nach Haus! Alles war voll Freude, als sie hörten, daß ich noch zwei Monate dableiben wollte. Louise hüpfte, tanzte. Das gute Mädchen', wenn ich an Sie denke, so möchte ich augenbtiklich fort, aber es ist mir ohnmöglich, ich muß bleiben. Ich sah's Louisen an, daß sie sich kurz vorher meiner Abreise wegen abgehärmt hatte, und sie ließ sich's so deutlich merken, daß ihr keine grösere Freude gemacht werden könnte, 28 könnte, als da ich nun sagte, daß ich noch zwei Monate bleiben wollte. Rathe mir nun, Lieber! welche Mittel die besten sind, dieses Mädchen von ihrer Krankheit zu heilen. Du hast so viele Erfahrung, daß du dieses sehr wohl kannst. Zch muß schließen, ich soll mit Karin spazieren reiten. Wenn er doch mit mir zu Serafinen ritte! Lebe wohl, grüße deine liebe Karoline, und meine andern Freunde. Liebe mich. Meier. 8. An Karolinen. §iebes Mädchen! deinen Brief erhielt ich eben, als ich noch von dem größten Vergnügen voll war. Wundre dich nicht über die schnelle Veränderung meines Herzens. Er hat sich entschlossen, noch zwei Monate bei uns zu verweilen. Woher das kömmt, was die Ursache seyn mag, daß er sich so plözlich entschlossen, kann ich nicht errathen. Er gibt vor, seine Geschäfte, die ihn vorhin abgerufen, könnten nunmehr» durch seinen Freund be- 29 betrieben werden, von dem er viel Rühmens macht. Ich wünsche, er möchte meinetwegen hier bleiben. Dies, Liebe! wirft du wohl glauben, allein ich fühle es, ich bin nicht die Ursache seines Bleibens, und doch freue ich mich, daß er nun hier bleibt, daß ich ihn nur sehen kann. Er ift sehr traurig, oder vielmehr sehr hingerissen, wie ein Verliebter, der seine Geliebte verlohren, oder der nicht weiß, ob ihn der Gegenstand der Wünsche seines Herzens liebe. Wenn der erste Fall eintreffen sollte, so beklage ich ihn; aber heimlich entwischt mir doch der Wunsch, daß es so seyn möge. Ich hätte Hofnung; und Hof- nung, weißt du, ist immer angenehm. Er war gestern bei Serafincn, spricht aber kein Wort von ihr. Warum spricht er denn gar nicht von ihr? warum ist er so traurig, seit er sie gesehen? Sollte er sie wol lieben? Ja gewiß, diese und keine andere Ursache hat er, hier zubleiben; denn er gierig noch mit dem Entschlüsse hinweg, sie das erste und lezte- mal zu sprechen, und kam doch mit dem Entschlüsse wieder, noch zwei Monate bei uns zu bleiben. Ja das wird es seyn, Liebe zu Se- Serafinen hält ihn zurük. Ich Thörin!, wie konnte ich nun denken, daß ich die Ursache der Veränderung seines Entschlusses gewesen. Ich Unglükliche! Aber du liebe Ka- rolme! so sehr ich auch wünsche, von dem liebenswürdigsten Sterblichen geliebt zu seyn» so wollte ich mich doch beruhigen, wollte mich glüklich schazen, wenn er Serafinen, sie ihn liebte, und beide dadurch glüklich würden. Allein wie ist dies möglich? Sie hat schon Gelübde abgelegt, und er ist viel zu gut, sie zu entführen, und sie viel zu klug, als sich entführen zu lassen. Wenn also diese Liebe in beider Herzen aufkeimen sollte, so müssen beide noch unglüklicher werden als Ich. Ach! wie sehr wird mein Herz von diesem Gedanken beunruhigt! Er unglüklich! Sie unglük- lich! Und ich ohne alle Hofnung! Wie sehe wünsche ich dann, Serafine möchte nicht durch die heiligsten Gelübde unauflöslich gebunden seyn! Wie gern wollte ich dann unglüklich bleiben, wenn sie glüklich wäre!— Ich kann unmöglich zu dir kommen; ich wünschte aber, daß dir deine Tanke erlaubte, einige Wochen bei uns zu seyn. Nur deine Ge- . zr Gegenwart kann meinem Herzen Ruhe geben, und ich fühle, daß mir der Rath einer Freundin nothwendig wird. Ich lege dir deshalb einen Brief an deine Tante bei, in welchem ich um diese Erlaubniß bitte. Von deiner Seite werde ich wohl keine abschlägliche Antwort zu befürchten haben. Sage mir bald, wozu du dich entschlossen, und verschiebe deine Reise nicht lang. Lebe wohl, liebes Mädchen! Louise» 9« An Serafinen. ^ch habe neulich, meine liebe Schwester! mit dir nicht so viel sprechen können, als ich mir vornahm, und als ich wünschte. Deine plan- Verhafte Oberin und deine alte Prior«, haben mir den Kopfso warm gemacht, daß ich gern davon gelaufen wäre, wenn ich nicht geglaubt hatte, wider den Wohlstand zu sündigen. Wenn diese stolze von sich selbst blos redende Person euch immer solches dummes Zeug vorplaudert, so kann ich gar nicht begreifen, wie sich nur irgend ein Mädchen dazu verstehen kann, «inen einen einzigen Augenblik bei ihr zu verweilen. Kurz, sie ist mir unausstehlich, und sie würde es meinem Freunde Meier ebenfalls gewesen seyn, wenn er Zeit genug gehabt hatte, ihr zuzuhören, und seine Augen und seine Ohren nicht immer blos mit dir beschäftigt gewesen wären. Er hat mir versichert, noch keinen so glüklichen Tag gehabt zu haben. Er lobt dich ohne Aufhören, und läßt mir keine Ruhe, ich soll ihn wieder mit zu dir hinnehmen. Ich glaube gar, er hat sich in dich verliebt. Nu! ich habe nichts dagegen. Damit du siehst, daß er bei dir in Andenken zu seyn wünscht; so hat er mir aufgetragen, dir sein Portrait zu geben. Es ist ganz klein, und du kannst es in der Tasche tragen, ohne. daß es von deinen frommen Mitschwestern crblikt werde. Aber ich muß nicht lügen;.ich will dir nur sagen, er hat mir nichts aufgetragen, sondern ich habe ihm das Portrait abgeschwazt, und schift es nun dir. Ich wünschte, daß es dir eben so angenehm wäre, als ihm das deinige ist, welches ich ihm heute früh zugestekt habe. Wenn du es erlaubst, so komme ich künftigen Montag ;; tag mit ihm zu dir. Sage mir deinen Entschluß. Auf dein Verlangen schike ich dir einige Bücher. Ich bitte dich aber um des Himmels willen, verbirg sie sorgfältig. Es ist allerlei darum, welches die Nonnen nicht verdauen würden. Und ich möchte um die ganze Welt nicht die entfernte Ursache deiner Verfolgungen seyn. Ich will doch hören, wie dir Doriks Reisen und Musarion gefallen. Laß mir bald Antwort wissen. Glaube, daß ich dich unaussprechlich liebe, und nichts so sehr wünsche, als deine wahre Glükseligkcit. Wenn dir etwas abgeht, wenn du irgend ein Anliegen hast, so eröfne nur alles mir. Ich bin dir noch weit mehr als ein Bruder, ich bin dein wahrer Freund. Karl. IO. An Louisen. §)u glaubst ruhig zu seyn, ha, liebes Mädchen, wie wollte ich mich freuen, wenn du es wärst, wenn ich nur hoffen könnte, du würdest es bald werden; aber prüfe dich selbst, C liebes Z4 liebes Kind, sey aufrichtig gegen dich, und dann sage, ob du ruhig bist. Meier kann ein guter rechtschaffener Mann seyn, ich glaube es, aber um deiner— ja selbst um seiner Ruhe willen wünschte ich, er wäre nie zu euch gekommen. Dieses Bleiben, welches izt die Freude macht, welches du so sehnlichst wünsch« lest, dieses Bleiben wird nur deine Leiden vermehren, dich unglüklicher machen, wie du warst. Seine Entfernung wäre das einzige Mittel gewesen, dich von einer Leidenschaft zu befreien, welche uns, wenn sie nicht befriedigt wird, zu den armseligsten Geschöpfe,, macht. Vielleicht hättest du dann einen andern Gegenstand für dein zärtliches Herz gefunden, hättest den Mann gefunden, der deine Liebe erwiedern könnte, gewiß hätten Zeit und Entfernung das Andenken an Meiern geschwächt, und dann hätte ich gewiß'hoffe» können, in rüeiner Louise das ruhige, glük) liche Mädchen wieder zu sehen, das sie sonst war. Es läßt sich über diesen Punkt besser reden, als schreiben, ich nehme daher deinen Vorschlag gern an, dich auf acht Tage zu be-, suchen, und wie willig meine Tante gewesen, ihr« 35 ihre Erlaubniß zu geben, kannst du aus bei» liegendem Briefe ersehen. Deine Vermuthung, daß Meier Se- rafinen liebe, ist meines Erachtens, vollkommen richtig. Welch Unglük, wenn auch sie ihn liebte, wenn beide nicht im Stande wären, diese Leidenschaft in ihrer Geburt zu er- stiken. Ich sehe die Folgen vorher, und schaudere! Ich werde wahrend meiner Anwesenheit alles versuchen, ihn und sie davon zurük zu halten, so bald ich nur Gelegenheit finde, mir beiden davon zu sprechen. Morgen komme ich, und will von allem weitläuftiger mit dir reden, und dich mündlich meiner redlichen zärtlichen Freundschaft versichern. Karoline. n. An Meiern. ^Hch habe, Lieber! deinen lezten Brief mit aller der Aufmerksamkeit durchgelesen, mir der Man billig alle wichtige Briefe durchlescn sollte. Du bist verliebt! in einen Gegenstand C s ver- verliebt, den du nie ohne die schreklichsten Folgen besizen kannst. Ich sehe in die Zukunft und bebe für das Wohl meines Freundes, zittce für die Glükseligkeit eines schönen Mädchens l Du bist Offizier, dienst einem Monarchen, der, wenn er auch noch so edel, noch so gros- müthig, noch so frei dächte, dich nie in seinen Diensten behalten kann, so bald du den Nach unsers Karls ausgeführet hast. Gesczt auch, du bekämst deinen Abschied, wirst du ihn dann sogleich erhalten, wirst du ihn abwesend erhalten, oder wolltest du als ein Treuloser dich vom Negimente entfernen, als ein Flüchtling die Welt durchstreichen, und in einem andern Weltthcil ein neues Vaterland suchen? Deine Ehre ist mit auf dem Spiel. Ich will gar nicht der Schwierigkeiten gedenken, welche dir bei der Entführung aufstoßen werden, will nicht erwähnen, daß du Serafinen zum ungleichsten Mädchen eben dadurch machen könnest, wodurch du ihre Glükseligkeit zu befördern glaubst; ich will sagen, es gehe alles glüklich von statten, du entkommest mit deiner Geliebten, ohne von den ohnfehlbar wüthenden Nonnen ertappt zu werden. Aber über- 37 überlege, wovon du alsdann mit deiner Geliebten zu leben gedenkst. Dein Vermögen besteht aus liegenden Gründen, und diese sind in dem Lande eines katholischen Fürsten, der noch dazu Bischof, und zugleich Herr des Gebiets ist, in dem Serafinens Kloster liegt. Glaube ja nicht, daß du die Einkünfte davon eher erhalten werdest, als du Verastnen zu- rükgcgeben. Und so wärst du dann ohne Geld, ohne Unterstützung, in jedem Lande ein Fremdling, hättest durch einen unbesonnenen Schritt dich, hättest das Mädchen, das du liebtest, unabsehlich elend gemacht. Du kennst mein Herz, kennst aber auch meine Vermögensumstände. Gern würde ich dich unterstüzen, aber ich kann nicht. Ich weiß, du hast Fähigkeiten, durch welche du dich allenfalls ernähren könntest, aber die Welt, und besonders protestantische Länder, in denen du doch deine Zuflucht suchen müßtest, haben auch geschikte Leute in allen Fächern, und ich zweifle daher gar sehr, daß du dadurch dich, deine Geliebte, und bedeift eS wohl, eine unausbleibliche Familie erhalten könntest. Ich traue dir Srandhaftigkeit und Muth genug zu, das C z schrek- schreklichste Elend zu ertragen, aber wird dann auch Serafine Stärke genug besizen, die reichbesezten Tafeln der Nonnen, und das wol? lustige sorgenlose Leben zu vergessen, welches sie deinetwegen mit einem mühsamen, elenden, bekümmerten Leben vertauscht hat? Die weiblichen Herzen sind schwach, sie lieben heftig, aber diese Liebe nimmt nach einer gesezmä- sigen Verbindung meistentheils in eben den Graden ab, in denen sie vor derselben zunahm. Sie vergleichen ihren tzigen Zustand mit dem vorigen, und da sie das höchste Vergnügen, welches sie schon genossen, nicht mir in Anschlag bringen, so seufzen sie sich sehr oft in dem ersten zurük. Gott! wenn ja dieses bei dir der Fall seyn sollte! wie würde dein gutes Herz durch den Gedanken gemartert werden, das Unglük eines so geliebten Mädchens gemacht zu haben! Aber ich will auch zugeben, du fändest wirklich Unterstüzung, und könntest durch deine'Geschiklichkcit dich, deine Geliebte und deine Familie anständig durch- bringen, wird deine Serafine wohl aufgeklärt genug denken, die Beängstigungen des Gewissens zu besiegen, welche nothwendig, wenn SS wenn das'erste Feuer der Liebe verglüht ist, in einem weiblichen Herzen nach einem so kühn gewagten Schritte entstehen müssen? Die Erziehung dieses Geschlechts, ihr für alle sinnliche Eindrüke weit empfänglicheres Herz macht, daß sie weit mehr von Aberglauben und Vorurtheilen überkrustet sind, weit mehr Starke besizen müssen, als wir, um sich von diesen Ketten, mit denen wir alle von Jugend auf angeschmiedet werden, zu befreien. Serafine wird wohl schwerlich unter die wenigen Ausnahmen ihres Geschlechts gehören. Denn wenn irgend ein Unfall, der bei gesez- mäsigen Verbindungen nicht zu vermeiden ist, sich ereignet, oder wenn nur eine kleine Krankheit den Gedanken an den Tod rege macht, dann wird Serafinens Gewissen erwachen. Gelübde, Strafen, Hölle, Sünde werden ihre Seele ängstigen, und, ich müßte gar keine Kenntniß des weiblichen Herzens haben, wenn ich irre, sie wird sich ins Kloster zurük wünschen, wird noch vor ihrem Ende mit Gott ausgesöhnt zu seyn verlangen. Und welche Qual für dein Herz, wenn du nicht vermagst shre Wünsche zu befriedigen, ohne zugleich C 4 thu 4» ihr Unglük zu bewirken? wenn du dir vor, iverfen mußt, die einzige Ursache zu seyn, daß ihre Seele angstvoll und verzweifelnd ihre Hülle verläßt. Gott! was würde dann aus dir werden? Ich könnte dir noch eine Menge Gründe anführen, welche dich von einem solchen Unternehmen zurükschreken sollten; ich begnüge mich aber, dir nur noch einen einzigen Bewegungsgrund zur Veränderung deines Entschlusses vorzustellen. Zch weiß, daß du nicht nur äußerlich, sondern auch in deinem Herzen ein sehr strenger Beobachter aller Staatsgeseze bist, und ein Vergehen wider dieselben gar sehr verabscheuest. Du siehst gar wohl ein, daß die Glükscligkeit des Ganzen davon abhänge, wenn jeder Untergebene den Gesezen des Staats nachlebt. Aber kannst du Serasinen entführen, ohne nicht nur in den Augen aller Unbefangenen als ein Verbrecher zu erscheinen, sondern auch in deinem Herzen es selbst zu seyn? Sind wir den Staatsgesezen um dessenlwillen weniger Achtung schuldig, weil wir einsehen, daß sie die Glükseligkeit des Ganzen nicht befördern? Haben wir wohl das Recht, dieses zu untersuchen? 4l suchen? Was für Unordnung würde im Staa» te geschehen, wenn jeder entscheiden dürste, jeder die Geseze verlezen könnte, welche ihm zum Wohle des Ganzen nicht abzuzweken schienen? Welches Gcsez würde dann wohl beobachtet werden? Und wäre nicht diese Disharmonie der Untergebenen selbst das größr te Unglük für den Staat?-- Die Liebe kann uns so wenig von der Erfüllung dieser Pflicht befreien, als jede andre Leidenschaft, und es gibt deren manche, die jene an Heftigkeit weit übertreffen, und doch nie für Rechtfertigung, allenfalls nur zur Verminderung der Schuld dienen können. Ich überlasse deinem guten Verstände hierüber weiter nachzudenken, und hoffe, dieser Grund soll das seinige zur Veränderung deines Entschlusses beitragen. Deine Ehre fordert einen standhaften Entschluß, und Serafinen zu fliehen, muß deine Liebe für fie dir selbst rathen, wenn du die schreklichen Folgen einer Entführung überdenkst. Er- stike, Freund! diese auskeimende Leidenschaft in ihrer Geburt, izt, da es noch Zeit ist. Fliehe Serafinen, und komm in die Arme deiner Freunde. Nur dadurch kannst du L 5 deine 42' deine Ehre erhalten, Serafinens unausbleiblichem Elende vorbeugen, und Louisen zugleich ihre schon verlohrne Ruhe wieder geben. Bedenke, Freund! wie viel Gutes du durch die Beschlcinigung und wie viel Böses du durch die Verzögerung deiner Reise stiftest! Wenn du weniger mein Freund wärest, als du es bist, so würdest du diese Aeuserungen vielleicht übel aufnehmen können, und wenn ich nicht so ganz dein Freund wäre, so würde ich mich wohl gehütet haben, mit dir so freimüthig zu sprechen. Es würde mir nicht so angelegen seyn, dich von dem unvermeidlichen Verderben zurük zu halten. Kämpft also, mein Freund! mit deiner Leidenschaft, und siege. Säume keinen Augenblik, dich von dem Gegenstände loszuwinden, der dich noch an B... fesselt. Fliehe und komm z« deinem zärtlichen Freunde. Konstantin. !2. An Karl. ^ch habe deinen mir so werthen Brief nebst der Zulage erhalten, und danke dir, daß du dich 4? dich bemühest mir Freuden zu machen. Es kostete mir Mühe, ehe ich diesen Stand erträglich finde konnte, manche geheime Thräne meinte ich in meiner Zelle, verbarg manchen Gram in meiner Seele. Zeh will nicht klagen, lieber Karl, ich weiß, meine Klagen würden deine Ruhe stören, und das sollen sie nicht, du sollst glüklich seyn, und deine Se- rafine wird Trost in dem Gedanken finden, daß du es bist, daß nur sie allein leidet. Auch, Lieber, bin ich nicht ganz unglüklich, ich habe, was man in Klöstern selten findet, ich habe eine Freundin. Kennst du meine Justine, kennst du das liebe sanfte Mädchen? Sie hat mein ganzes Zutrauen, meine geheimsten Gedanken, jedes Gefühl meiner Seelen weiß sie, und dann habe ich ja auch dich, mein Karl, habe an dir einen so guten lieben Bruder, und ich sollte nicht glüklich seyn? Ich kenne dein Herz, und weiß, wie gern es an den Leiden andrer Theil nimmt, und wie sehr du dich bemühest, andrer Menschen Elend zu vermindern. Auch du sollst künftig in meiner Seele lesen. Kein einziger Gedanke von mir soll dir verheelt seyn; meine Klagen will ich 44 ich in deinen Busen ausschütten, und sollte ich Freuden haben, so sollst du auch die mit mir theilen. Um dir zu zeigen, daß ich aufrichtig bin, so will ich dir auch gestehen, daß mir das Bild des Herrn Meiers angenehm gewesen ist, er muß ja wohl ein rechtschaffener Mann seyn, denn er ist ja der Freund meines Karls. Aber verbergen, Lieber, kann ich'ö dir nicht, daß dein Spaß mich verdroß, daß ich roth wurde, wie ich den Brief las; wie kannst du auf die Gedanken kommen, Meier liebe mich, wie kannst du sagen, daß du solches wünschtest, mir anrathen, ihn wieder zu lieben, du kennst meine Lage, kennst meine Gelübde, und sprichst von Liebe. Kennte ich dich nicht, so würde ich denken, du spottest meiner, aber auch dieser Scherz, lieber Bruder, ist grausam. Ich weiß gewiß, daß Mestr den Gedanken nicht gehabt hat. Daß er freundlich mit mir war, mehr mit mir sprach, wie mit den andern Nonnen, das that er gewiß nur, weil ich die Schwester seines Freundes war, und doch hat mir dieses unschuldige Sprechen schon manchen Verdruß ge- 45 gemacht, schon manchen Spott meiner Schwer stern zugezogen. Du kannst gar nicht glauben, was für eine Eifersucht in Klöstern herrscht. Wenn ein junger Mensch oder nur ein junger Geistlicher zu einer Nonne kömmt; so heißt es gleich: Ei! es läuft doch alles zu der schönen Schwester. Ja freilich! spricht eine andere, wir sind nur alle häßliche Dinger, wenn wir uns mir der vergleichen. Und ist dann der junge Mensch oder der Geistliche weg, so laufen sie hin zu der unschuldigen Nonne, thun höhnische Fragen und spotten ihrer. Und so ging es denn auch mir; doch zum Leiden gewöhnt, gewöhnt auch Spott und Neid zu ertragen, hörte ich diese Verweise geduldig an, ging zu Justinen, und sprach mit ihr über das Vergnügen, welches ich in deiner und deines Freundes Gegenwart genossen. Die Bücher habe ich sorgfältig verwahrt, und auch schon in einem geblättert, welches mir sehr wohl gefallen hat. Empfiel mich deinem Freunde und meiner Schwester, und komme bald zu mir. Serafine. 46 rZ. An Konstantin. Äöenn ich deinen Abrief mit einem von Leidenschaften freien Herzen durchlescn hätte, so würde ich vielleicht deinen mir entgegen gescz- ten Gründen mehr Gewicht beigelegt, und« sie würden mehrere Kraft für mein Herz ge- habt haben. Aber izt denke ich nur an Se- rafinen, lebe nur für sie, und wünsche nichts als nur sie zu bcsizcn. Ich gestehe, wenn ich sie weniger liebte, weniger für sie empfän- de, als ich sie liebe, als ich für sie empfinde, so würden mich deine Gründe abhalten, einen so kühnen Schritt zu wagen, der mich, wie ich wohl sehe, aus meinem Vaterlande ver- bannt, und von den besten Freunden trennt. Die Ehre eines Menschen besteht in tugendhaften Handlungen, und ich wollte diese un» alles in der Welt nicht verlieren. Aber kann es mir wohl zum Laster angerechnet werden, wenn ich ein schönes Mädchen aus so reinen Absichten liebe? Wenn gleich eine Menge katholischer Dummköpfe dieses thun werden, werbe ich denn auch wohl in den Augen eines recht« 47 rechtschaffenen Mannes meine Ehre verlieren? Ich kann bei dem Regimente nicht bleiben, aber ich sehe auch nicht, wie sie mir meinen Abschied verweigern wollen. Freilich muß ich damit nicht warten bis ich Serafinen schon besize, dann würde es zu spät seyn. Aber wenn ich ihn suche, ehe noch irgend jemand von meinem Vorhaben etwas weiß, so hoffe ich, daß man mir keine Schwierigkeiten machen werde. Sobald ich also Gewißheit habe, daß Serafine in unser Vorhaben willigt, so werde ich sogleich dem Obersten schreiben, und um meinen Abschied anhalten. Meine Güter laß ich izt gleich verkaufen, und ich will doch sehen, wer mir mein baares Geld aus der Tasche nehmen kann. Mit diesem Gelde bin ich im Stande, Serafinen, mich und eine zalreiche Familie zu unterhalten, und ich werde jedem protestantischen Lande damit willkommen seyn. Ach denke also nicht Serafinen unglüklich zu machen. Ähre Begriffe von Gelübden, Hölle, Strafen und dergleichen, werde ich doch wohl aus ihrem Kopfe heraus bringen können! Und wenn sie nur erst Mutter ist, so werden die kleinen um sie.herum tänr 48 tändelden Geschöpfe gewiß alle Gewissensbisse verdrängen, und sie wird mit mir glüklich seyn, wenn ich sie mit der reinen Wahrheit vertraut mache, welche ganz gewiß mehr Macht hat als Aberglauben, und Vorurkheilc. Wenn sie in ihrer wahren Gestalt dargestellt wird, so denk' ich, soll alles Zurüksehnen und Wünschen in das Kloster von selbst wegfallen, besonders da sie die Fesseln des Klosterstandes haßt und Freiheit liebt. Die Staalsgeseze verbieten freilich die Entführung. Aber sag, wenn die Geseze untersagen, einen in Brunnen gefallenen Menschen herauszuwinden, dürfte ich «s nicht thun? Und wenn ich ein Mädchen wäre, so wollte ich doch lieber in einen Brunnen fallen, als Nonne seyn. Deine Gründe mögen also immer gut und wahr seyn, für mich haben sie keine Kraft. Ich liebe Sera- sinen, und wenn Sie mich eben so sehr liebt, so muß ich Sie besizen, und sollte ich mich mit ihr durch die Welt betteln. Sag also was du wilst, ich muß dir dies einzigemal ungehorsam seyn. Wenn du die Größe meiner Liebe erwägst, so wirst du mein Unternehmen billigen. Schreibe mir bald deine Gedanken. Da 49 Da ich nicht weiß, ob ich mit meinem mitgenommenen Gelde ausreiche, so laß dir diese Afflgnazion auszahlen, und schlke mir sogleich das Geld. Grüße deine Frau, und liebe mich. Morgen gehe ich mit Karln zu Se- rasinen. Wie zähle ich die Augcnblike, bis ich meine Geliebte sehe. Meier. 14. An Serafinen. ^Lch melde dir, meine Liebe, nur in aller Eil, daß ich morgen gegen i Uhr mit Meiern zu dir kommen werde. Zeh habe noch einige Briefe an den Obersten und meine Freunde zu schreiben, sonst würde ich noch mehr sagen, als daß ich dich innigst liebe. Karl. 15. An L 5« r> An Konstantin. ^ch kann deine Antwort/ Lieber, nicht erwart ten. Ich bin glüklich, aber Worte fehlen mir, dir meine Glükseligkcit zu beschreiben. Gestern ging ich zu Serafmen. Die Oberin hatte die Gewogenheit uns nicht in das Spracht zimmcr*) sondern in den Sprachsaal einzulassen. Da Karl dieselbe nicht hatte bitten lassen, uns mit ihrer Gegenwart zu beehren, so hatte zu unserm größten Vergnügen ihr Stolz nicht erlaubt, zu uns herab zu kommen. Wir waren also allein. Ich konnte kein Wort sprechen, und wenn auch ja eines meinen Lippen entfliehen wollte, so war es s» unbedeutend, daß Karl mich einigemal ernsthaft ansah. Meine Augen waren auf sie gerichtet, ich sahe nichts, dachte nichts, hörte nichts als nur sie. Ob ihr mein Stillschweigen unerträglich ward, oder ob sie in meinen'Äugen las, was in meinem Herzen vorging, ") Im Sprachzimmer kann man mit der Nonne nur durch das Gegitter reden; 2m Saale aber ist kein Gegitter- King, oder ob sie Mitleiden mit mir hatte, genug, sie unterbrach den scherzenden Karl, rmd fragte mich mit der sanftesten anziehendsten Mine, und ihr schmachtendes Auge sah zur Erde, wie sie dieses sprach, ob ich beschlossen hätte, ein Karthäuser zu werden, Ich besann mich nicht gleich, was sie damit sagen wollte, und fragte sie um die Ursache. Weil ste kein einziges Wort sprechen, sagte sie. Ach stotterte, plauderte, ohne zu wissen was. Und doch schien sie mir mit Vergnügen zuzuhören. Karl ging endlich, unter welchem Worwande weiß ich nicht, aus dem Sprach- saale hinweg, und ich war allein. Mein Herz pochte, ich zitterte, und wünschte ihn wieder herbei, und doch war es mir lieb, mit ihr allein zu seyn. Furchtsam näherte ich mich ihr, ergriff eine ihrer schönen Hände, und sah ihr dabei ins Gesicht. Möchte ich dir doch den Zustand meines Herzens mahlen können! Ich las in ihren Augen die Erlaubniß, dieselbe küssen zu dürfen. Ich drükte sie an weinen Mund, aber stumm war ich, war unvermögend auch nur ein Wort zu sagen. Auch sie schwieg. Ich sah deutlich, daß in D 2 ihrem 5- ihrem Herzen etwas zu meinem Vortheile vorging. Endlich hatte ich doch so viele Kräfte, zu ihr zu sagen: Serafine! Könnten sie in meinem Herzen lesen, könnten sie sehen, wie sehr ich sie schäze, wie unendlich werth sie mir sind-- Eine Unschuld zeugende Nöthe überzog ihre keuschen Wangen, eine Thräne glänzte in ihrem Auge; Sie drükte meine Hand. Gott, welche Wonne! Wie ward mirs, da sie sagte: Ich habe viele Ursache über mein Schik- sal zu klagen, aber ich habe mich nach und nach beruhigt. Seitdem ich aber sie sah, ift Meine Ruhe wieder dahin. Ich empfinde in meinem Herzen etwas, das mich in den Au- genbliken, in denen ich es fühle, zum glücklichsten Geschöpfe macht. Ich betrachte meinen Habit, und wünsche es nicht zu empfinde^. Ich freue mich, daß ich sie kennen gelernt habe, und wünsche doch, sie nie gescheit zu haben. Kurz, mein Herz ift voll von Widersprüchen, und einander cntgcgen- gesezte Wünstze durchkreuzen sich in meinem Innersten.— Meine theuresie, beste Sera- sine! englisches Mädchen, habe Dank für deine Aufrichtigkeit. Lassen sie es sich um aller 5; lxs in der Welt nicht gereuen, mich kennen gelernt zu haben. Ich fühle es, fühlte es, wie ich sie sah, daß nur sie, sie allein mich glücklich machen können, und auch sie, Serasme, auch sie sollen in mir den Mann finden, dessen ganzes Bestreben, dessen einziger Gedanke nur seyn soll, ihre Liebe- zu verdienen, auch sie so glüklich zu machen, wie es in seinen Kräften steht.— Hier trat Karl wieder herein. So wenig wir Ursache hatten unsere Liebe gegen ihn zu verbergen, so hörte unser Gespräch doch auf. Aber ich bemerkte in ihren Gesichtszügen die Unruhe ihres Herzens deutlich. Auch entwischte diese Bemerkung ihrem Bruder keineswegs. Er sezte sich neben seine Schwester. Unser Gespräch war allgemein, und dessen Inhalt— Liebe. Sie konnte nicht verbergen, daß sie mich liebte: Aber sie erschrak, wemvnur siebe genennt wurde. Ihr Bruder sprach ihr zu, daß sie sich vor diesem Worte nicht fürchten solle, und es gelang ihm und mir, ihre Angst legte sich, sie ward etwas ruhiger, und ich konnte ihr nun frei mein ganzes Herz ausschütten. Wie gern hätte ich ihr alle meine Absichten cntdekt! Allein noch D z glaubte 54 glaubte ich, sei es zu früh. Ich küßte ihre Hände, und sie unterließ nicht, die meinigen sehr oft sanfte zu drüken. Ich ersuchte sis um die Erlaubniß, ihr schreiben zu dürfen, und sie bewilligte mir dieses nicht nur, sondern sagte mir auch, wie ihr die Briefe am sichersten zugestellt werden könnten. Ha, welche Wonne, Lieber! ist es, wenn man lieht, wennman's weiß, wenn man's fühlt, du wirst geliebt. Noch nie habe ich dieses Glük gehabt, als izt, und ich empfinde es in seinem ganzen Umfange. Du hast diese Wonne empfunden, ich habe nicht nöthig, dir eine Beschreibung davon zu machen, die doch allezeit nur unvollständig und kalt seyn würde. Wir blieben bis gegen Abend bei ihr, ohne von einer Nonne gestört zu werden. Und diese Stunden waren mir wie Augenblike. Sie mußte endlich zu Tische gehen, und wir waren gezwungen uns von ihr zu trennen. Beim Abschied umarmte sie ihren Bruder, der sie herzlich küßte. Und ich, ich war verwegen genug, das nemliche zu thun. Nicht etwa wie eine Spröde, die sich nur weigert, um desto mehr geküßt zu seyn, stieß sie mich zu- rük. 55 rük. Nein', sanft wand sich das tugsndlie- bende Mädchen aus meinen Händen los, und versuchte ihre Lippen den meinigen zu entziehen. O'. Freund, hättest du die Nöthe gesehen, die ihre Wangen überzog, hättest den Blik, den ihr ganzes Gefühl ausdrükendeu Blik gesehen, den sie aus ihren Habit warf— Gott', wie glükiich bin ich! wie glüklich werde ich seyn! Aber welch Unglük für sie', für mich', wenn sie nicht Muth genug hat, die Vorur- theile zu besiegen, die ihrem und meinem Wohle noch Hindernisse entgegenstellen'. Da ich nun fast nicht mehr an der Ausführung meines Vorhabens zweifle, habe ich schon meinem Schwager aufgetragen, meine Güter so bald und so gut als möglich zu verkaufen. Wenn ich Gewißheit von dem Verkaufe habe, werde ich sogleich um meinen Abschied schreiben. Schreibe mir bald, und schike mir das Geld, worauf ich dir lezt die Anweisung sendete, Grüße deine Aarosine. Möchte sie doch einst meine Serafine kennen lernen. Ich habe wieder ein porkrcfliches Frauenzimmer gesehen. Luisens Freundin! Die hat sich einigemal sehr zu mir gedrängt. D 4 Md ;6 und scheint um meine Liebe für Scrasinen und von Louisens Zustande zu wissen. Louise fängt wieder an sich zu grämen, da sie kaum wenige Tage vergnügt war. Ich will versuchen, ob ich sie beruhigen kann. Vermag ich es nicht, so werde ich in dem Städtgen, ohnwcit des Klosters, in welchem meine Se- rafine seufzet, einige Wochen verbleiben; um vielleicht durch meine.Entfernung ihrem lie- bckranken Herzen aufzuhelfen. Gern möchte ich mich ganz entfernen. Aber wie kann ich von Sorafinen hinweg? Ach! Freund! glaube mir, daß Louiscnö Abhärmen mir manche Thräne aus den Augen preßt.-—» Lebe wohl! Meier. i6. All Serafinell. ^ch darf an Sie schreiben—! wie glüklich bin ich, daß ich dieses darf, daß sie es mir erlaubt haben. O! liebes, herrliches Mädchen, wie theuer bist du mir, wie mit jeden Augenblik theurer. Wie so alle meine Gefühle ——^ fühle nur an dir hangen, wie ich mich freue, daß ich es weiß: Serasine liebt dich. Ist es auch dir so, Liebe, fühlst du auch die unendliche namenlose Freude, die nur dies Gefühl zu geben fähig ist? Erschrcke nicht, Engel, daß ich nur von Liebe rede. Ich verehre deine Strenge, habe Achtung für die Schamröthe, die deine Wange färbt, wenn mein Mund, wenn mein Auge dir sagt: Serasine, ich liebe dich. Aber ist denn Liebe ein Verbrechen? Serasine, ich rede aufrichtig mit ihnen, ich will vergessen, daß ich Liebhaber bin, will nur als Freund mit ihnen reden. Sie haben Gelübde gethan, sie halten es für Pflicht, sie zu halten, und diese verbieten ihnen die Liebe. War es aber ihr freier Wille diese Gelübde zu thun, ja darf der Mensch Gelübde thun, die wider die Gescze der Natur, und folglich wider die Geseze des Schöpfers streiten? und ist Liebe denn nicht ein Befehl des Schöpfers, ist Tödrung dieses Gefühls nicht Mord der Natur? Eine reine keusche Liebe, die nichts zur Absicht hat, als die Gelübde glüktich zu machen, ist gewiß eben so erlaubt, als jene Liebe, die nur das Unglük der geliebten Per- > D 5 so» 58 son zum Zwek hat, verdammlich ist. Die Geseze ihres Ordens haben diesen Unterschied nicht gemacht. Sie verurtheilcn, ohne auf unsere Bestimmung Rüksicht zu nehmen, alle, welche lieben. Wir sind bestimmt hienicden so vieler wahren Freuden und Vergnügungen zu genicsen, als wir nur immer können. Und die selige Wonne, welche Liebe uns gewährt, gehört mit zu den ersten Freuden, deren wir auf dieser Erden fähig sind. Keine Geseze in der Welt können uns die Erreichung unserer Bestimmung rechtmäsig verbieten, und es ist kein geringer Beweist, daß die Geseze, welche uns Pflichten wider unsere Bestimmung auflegen, durch abergläubische und von Vorur- theilen geblendete Menschen, oder von Tiran.r uen gegeben worden sind. Ich weist, daß man ihnen aufdringt, zu glauben, diese Geseze seyn von dem Finger Gottes geschrieben. Aber sagen sie selbst, wie kann ein gütiges, weises Wesen unser Herz zur Zärtlichkeit erschaffen, und hoch zugleich gebieten, unaufhörlich zu arbeiten, unzärtlich zu seyn? Dieser Widerspruch kann unmöglich bei dem weisesten Wesen statt finden^ und er ist der volleste Beweist, daß diese Gese^ 5? Gcseze selbst keine göttlichen sind', sondern von unweisen Menschen erfunden wurden, die ihren Vortheil dabei harten, dergleichen zu geben. O theuerste, beste Serafine'. möchten sie von diesen Wahrheiten eben so überzeugt, eben so durchdrungen seyn, als ich, wie unendlich glstklicher würden sie, um wie vieles seliger ich seyn? Glauben sie mir, englisches Mädchen, daß ich sie liebe, und daß ich nichts als ihre wahre Glükscligkeit bei diesem Bekenntniß zur Absicht habe. Fürchten sie nicht, daß sie Gott dadurch beleidigen, wenn sie sin ihrem Herzen eben das nem- liche für mich empfinden; was ich für sie fühle. Nein! dieser Gedanke müsse ewig aus ihrer Seele verbannt seyn. Ich weiß es, daß sich ihre geistlichen Brüder alle ersinnliche Mühe geben, ihre Herzen kalt, unempfindlich und gefühllos zu machen; aber ich weiß auch, daß es vielleicht keine größere Sünde gebe, als gegen feine Bestimmung zu arbeiten. Trauen sie diesem Sirenengesänge nicht, Beste! Er lokt sie in ihr Verderben. Aber wie unglüklich würde ich werden, wenn sie meine Reden für verführerisch hielten. Nein, Seraßnek 6" Dieser Gedanke müsse nie in ihrem zärtlichen guten Herzen aufkeimen! Bei dem Ewigen, den ich anbete, meine Liebe ist keusch und rein, und ich wünsche nichts so sehr, als sie nur so glüklich zu machen, wie sie es werden können, wie die Natur wollte, daß sie es seyn sollten. Meier. r7. An Serafinen. ^3?ie du mich durch deine Offenherzigkeit entzückt habest, aber wie verdrießlich mir es auch sei, daß du dich in einem Stande befindest, der sich so wenig zu deinem Karakter schilt, das kann ich dir, liebe Schwester! nicht beschreiben. Ich liebe dich herzlich, und wünsche nichts als dein Wohl; und eben daher rührt auch mein Verlangen, dich auserhalb des Klosters zu sehen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ein so sanftes, gutes, zärtliches Mädchen, unter der Herrschaft einer hartherzigen, schlimmen und gefühllosen alten Närrin, ihr Leben dahin schleppen könne. Es muß muß gar nicht fühlen, daß es zu Freuden und Vergnügen geschaffen. So viel weis ich, daß wenn ich an deiner Stelle wäre, ich keinen Augenblik Anstand nähme, dieses unerträgliche Joch von meinen Schultern wegzuschütr teln. Du hast Meiern zum glücklichsten Menschen gemacht, du wirst ihn zumunglükr lichsten machen, wenn du dich von'Aberglauben und Vorurtheilen besiegen laßt, und ihm deine Gegenliebe versagst. Er ist ein rechtschaffener edcldcrckcnder Mensch, und hat die rcinesten Absichten. Vielleicht ist dir daran gelegen, etwas von seiner Geschichte zu wissen. Hier hast du sie ganz im Kurzen. Sein Vater war Oberforstkommissarius in M... und ist schon seit acht Jahren tdd. Seine Mutter lebt auch nicht mehr. Sie hinterließen ihm ein Vermögen von etlichen und zwanzig lausend Thalern, das aber in liegenden Gründen um M..,. Herum besteht. Er fand Geschmak an dem Soldatendienst, und ging als Freiwilliger unter das M... fische Regiment, und hat sich nun bis zum zweiten Oberleutnant empor geschwungen. Du bist seine erste Liebe. Ich darf wohl nicht mehr 6L—' von ihm sprechen, sonst möchtest du böse wen den. Hier schike ich dir wieder einige ganz artige Bücher; aber ich bitte dich, verwahre sie ja wohl, damit die einfältigen Nonnen nicht dahinter kommen. Meier hat dir zwar selbst geschrieben, läßt mir aber doch keine Ruhe. und bittet Mich, dir noch einmal zu sagen, daß «r dich unaussprechlich liebe. Vielleicht körnt wen wir übermorgen zu dir. Karl» rF. An Meiern. ^ch weiß, die Liebe hat stärkere Gründe als die Vernunft, und es würde vergeblich seyn, wenn ich dir neue Vorstellungen machen wollte. Ich wünsche nichts als dein Glük, lie> der Meier, kannst du es nirgends finden als in Serafinen, nun— so gebe der Himmel, daß dein Glaube dich nicht tausche. Aber Lieber, ich, der kalt in dieser Sache bin, den weder Leidenschaften noch Vorürtheile blenden, ich finde noch immer unübersteigliche Hindernisse, fürchte dir Rache der Schwärmerei «ud> ——. 6z und des Aberglaubens, und bin deines Wohls wegen bekümmert, wünsche immer noch, daß du stark genug seyn möchtest, eine Leidenschaft zu untcrdrükcn, die schon zucftUnglüki liehe gemacht. Vermehre nicht die Zahl ihre» Opfer, Lieber!— doch ich wollte dir ja keine Vorstellungen machen, weiß ich denn nicht, daß sie fruchtlos sind; nur eins noch, mein Freund, handle mit Klugheit und Vorsicht, und rechne dann in allen Fallen auf allen den Beistand, den Freundschaft gewähren kann. Ich hoffe, daß man dir deines Abschieds wegen keine Schwierigkeiten machen wird, und ich habe deshalb schon bei dem Obersten von weiten eingeleitet, von deiner Neigung zum Genusse des ländlichen Lebens gesprochen, und er scheint, diese stillen auch in meinen Augen so vielen Vorzug habenden Freuden zu billigen. Du wirst vermuthlich bei dem Abschiedsgesuche dich keines andern Vorwands als eben dieses bedienen können. Sobald du also Gewißheit hast, daß Seraffne in deine Entwürfe einwillige, so säume nicht an den Obersten zu schreiben, und um deinen Abschied zu bitten. Du handelst sehr klug, daß du deine Güter »er- 64 verkaufst, aber freilich wirst du vieles daran, verlieren müssen, wenn sich nicht etwa dein Schwager einfallen laßt, dieselben an sich zu kaufen. Aber mache ja, daß du das Geld in die Hände bekommst, sonst hast du es ganz gewiß verloren. Zch kenne deine Vermögenrumstande nicht so genau, und weiß also auch nicht, ob es hinreichend seyn wird, von den Jntressen zu leben. Kannst du es, so ist es freilich sicherer und besser, alle dein Geld in irgend eine Bank zu geben. Wenn aber dieses nicht seyn sollte, so dachte ich, wäre der klügste Rath mir deinem Gelde eine Handlung anzufangen. Doch das will ich dir alles selbst überlassen, da du Verstand genug hast, um einsehen zu können, was für dich am vortheilhaftcsten sei. Du glaubst, daß Vorurtheile nie so viele Macht über Serafi- nen haben werden, daß sie einst schwach genug seyn sollte, Unruhe über den Schritt zu empfinden, wozu du sie zu verleiten trachtest. Aber verkenne, Freund! die Macht nicht, welche Aberglaube und Vorurtheile besonders über die weiblichen Herzen ausüben. Sie werden Anfangs durch die Heftigkeit der Liebe über- wum — 65 wunden, und ich glaube ganz gern, daß L>e- rafine sich zu diesem kühnen Schritte entschliefen werde. Aber die erste Glut der Liebe verlöscht, die vorher ohnmächtige Seele erhält wieder Kräfte, über alles Vergangene nachzudenken, und in die ganze Zukunft hinein zu schauen. Abgelegte Gelübde! welch' ein schrekender Gedanke für eine weibliche Seele, da er schon so schrekend für manche männliche ist. Diesem baue also vor, bemühe dich, sie zu überzeugen, daß widernatürliche Gelübde keine Verbindungen auflegen können, daß die geselligen Freuden dieses Lebens zu unsern natürlichen Bestimmungen gehören. Unterrichte sie von dem Ursprünge der Klostergelübde, und wenn du es selbst nicht wissen solltest, so lies in beiliegendem Buch(Po- lydor Vergils von den Erfindungen,) und bereite demnach Serafinenö Gemüthe zu der kühnsten aller Entschließungen zu. Wage nicht eher etwas, bis du ganz'gewiß bist, daß dir alles gelingen werde, sonst machst du dich mir Serasinen höchst unglüklich und elend, aber noch einmal wiederhole ich meinenWunsch, möchtest du doch Stärke genug haben, Se- E ra- 66 rafinen entsagen zu können! Auf deine Anweisung habe ich mir das Geld auszahlen lassen, welches ich dir hiebci mit sende. Lebe also wohl, mein Lieber', und schreibe mir ja halb. Konstantin. 19. An Karln. deinen lieben kurzen Brief habe ich wohl tausendmal durchlesen, und ich lerne dein gutes Herz immer mehr und mehr kennen. Du wünschest meine Glükseligkeit, und glaubst, daß ich im Kloster elend sei. Und du irrst nicht. Glüklich war ich nie, aber izt, izt—. ach lieber Bruder! ich fühle es, ich war ruhiger, als ich izt bin, aber war ich glük- licher?— 0! ich mag es nicht untersuchen. Ich sehe mein Gewand an, denke an Religion und Gelübde— und zittre, wenn dann. in mir der Gedanke von ihm aufsteigt, und ich mich erinnere, daß ich ihm zu viel erlaubt, zu viel gestanden habe. Neue fühle ich dann in mir, und ich nehme mir vor, ihn nie wieder 67 Let zu scheu, nie wieder zu sprechen. Eitles Vornehmen, es ist starker als Vernunft, das Gefühl, was Nach ihm mich hinzieht, und ich wünsche ihn zu sehen, zusprechen. Und doch weiß ich, daß dieser Wunsch Sünde ist. Ich Lenke an unsre Geseze, und werde traurig, fühle, daß-ich elend bin. Ach! was soll noch aus mir werden? Möchte ich ihn doch nie gesehen, nie gesprochen haben! Vielleicht waren noch meine wenigen Tage ruhiger verflossen. Aber nun ist meine Nsshe auf ewig verloren. Ich fühle, daß ich fehle, aber ich vermag nicht, meine Fehler gut zu machen. Wie unglücklich macht nicht ein allzuzärtlichcs Herz! Mußte ich denn diese Erfahrung selbst machen! Oft wünsche ich mir, die Kräfte zu haben, ihn ganz und gar aus meiner Seele verbannen zu können; denn was soll endlich aus uns werben? Du sagst, er sagt's, daß er mich liebe, und ich selbst, ach ich kaizn es mir nicht verheelen, auch ich bin ihm gut. Zhn nicht mehr sehen— o! ich fühle eS, es würde mich unglüklich machen. Aber wie kann ich ihn lieben? Wie darf ich es, ohne mich der größten Sünde schuldig zu machen? E 2 Sieh; 2 68— Sieh! mein theuerster, bester Bruder, diese Gedanken foltern mein Herz. Ich weine, härme mich ab, und finde keine Ruhe in meinen Thränen. Wo wird denn deine Sera- stne Ruhe finden? ach nur im Tode— nur er kann den Sturm legen, der in meinem Innersten tobet, kann der Seele gebieten zu vergessen, daß auch sie geschaffen war, die Wonne der Liebe zu genießen. Aber auch dieser Wunsch ist ja wohl schon Sünde? Was soll ich machen, wie soll ich es anfangen, ich armes Mädchen, um nicht zu sündigen? Stärke du mich, hochgcbenedcyete Jungfrau, gib du Kraft deiner Magd, daß sie nicht erliege im Streite. Er hat mir geschrieben, und ich war schwach genug, seinen Briefzu lesen, war schwach genug, ihn wieder zu antworten. Oft habe ich die Antwort zerrissen; aber ich fing sie eben so oft wieder an. Wenn ich nicht noch meine Justine hätte, und in ihren Busen meine Klagen, meine Leiden ausschütten könnte, so würde ich vollkommen unglüklick seyn. Gern wollte ich dir sagen, daß du mit deinem Freunde nicht zu mir kommen solltest, aber ich kann's nicht verbergen, ich wünsche. 6y wünsche, daß du mit ihm mich besuchest. Lebe wohl. Seraftne. 2O. An Meiern. schüchtern ergreife ich meine Feder, und will ihr Schreiben beantworten. Zch fühle. Laß ich Unrecht thue, aber ich bin zu schwach, diesem Gefühl zu folgen, habe nicht einmal Stärke genug diese Schwäche einem Manne zu verheelen, der mich zum unglüklichsten Geschöpfe ohne seine Schuld gemacht hat, und erst vollkommen elend machen könnte, wenn tr unedel und unrechtschaffen genug dächte, ein schwaches, Mitleiden verdienendes Geschöpf zu überlisten. Aber so sind sie nicht, sie denken redlich, und sind viel zu grosmüthig, um mich noch elender machen zu wollen, als ich izt schon wirklich bin. Ach mein Herr, ich bitte sie, ich beschwöre sie um meiner, um ihrer Ruhe willen beschwöre ich sie, sagen sie mir nichts mehr von Liebe. Ich will offenherzig seyn, aber seyn sie auch wieder gros- E z wüthig. 7« müthig. Da ich fle sahe,'fühlte ich Achtung, fühlte Freundschaft für sie, sie redten mit mir von Liebs, ich ward unruhig, die Vernunft sagte mir, fliehe, aber ich war— ich will es nur gestehen— ich war zu schwach zur Flucht. Sie schrieben mir, suchten meine Gewissens? zweifel zu unterdrüken, und vermehrten meine Unruhe, mit Thränen bat ich um Kraft von oben— und sie ward mir gegeben. Sie hat« ten Mitleiden mit meinen Leiden. Sie, die Leidentröstevin, sie gab meiner Seele Stärke/ den Entschluß zu fassen, der fest izt dasteht: ich kann ihre Liebe nicht erwiedern. Auch selbst gezwungene Gelübde sind Gelübde, darf ich sie aufheben, kann ich sie aufheben? Drinr gen sie also nicht weiter in mich, haben sie Mitleid mit einem Geschöpfe, das schwach, sehr schwach ist. Sie sind ein Mann, sie müssen Starke haben. Unterstüzen sie demnach das schwache Mädchen, daß es wandele auf rechtem Wege. Vielleicht handle ich thörigt, daß ich ihnen so offenherzig meine Schwäche.bekenne. Aber schließen sie daraus gufdie Gröse meiner Hochachtung, und wie unbegrenzt das Zutrauen 7l trauen sei, welches ich in sie seze. Wollen sie dieses Zutrauen täuschen? Könnten sie wohl dem Mädchen, das sie so sehr schäzt, die Ruhe rauben? Wenn sie mich lieben, wenn ihre Liebe so rein, so unsigcnnüzig ist, wie sie mich versichern, oso zeigen sie es mir, zeigen sie es mir dadurch, daß sie dieser Liebe entsagen. Dann soll mein Dank grenzenlos seyn. Wenn ich erwache, will ich für sie beten, will sie segnen, wenn ich mich niederlege. Thränen tröpflen auf das Papier, indem ich dieses schreibe; mein Herz schlägt stark, ich fühle die Vorwürfe des Gewissens, schon breche ich meine Gelübde, da ich ihnen nur schreibe. Ich muß aufhören, denn je mehr ich schreibe, desto stärker wird das Klopfen meines Herzens. O! seyn sie grosmüchig, siiehcn sie mich, geben sie mir ein Beispiel, was eine grose, was eine ädle Seele vermag,und es wird mich stärken dieses Beispiel, wird Kraft Mir geben zum Nachstreben. Leben sie wohl. Aller Seegen des Himmels komme über sie. Serafine. E 4 2l. All 7- 2l. An Konstantin. 38as ich dir sagen soll. Theurer!— Lies, lies Serafinenö Brief*) und fühle meine Leiden. Gott! was für Freuden hoste ich! Wie leicht glaubte ich Serafinenö Eroberung?— Meine Hofnungen sind dahin, und ihr Bruder vermag nicht, mit allen seinem Zureden, sie von neuem zu beleben. O! wie kann Serafine so sehr an Vorurtheilen kleben? Ihr Bruder läßt mir keine Ruhe, morgen mit ihm nach dem Kloster zu fahren. Ich bebe, vor ihr zu erscheinen. Zch weiß, daß sie mich liebt, sie selbst sagte es mir; aber der angeerbte Aberglauben, die eingesogcncn, von Nonnen und noch mehr genährte Vorurteile, erstiken in ihr Gefühle, die meine ganze Glükseligkeit ausmachen. Vielleicht— was Host man nicht in solchen Umständen?— Vielleicht sind ihre Gegengründe die lezten Seufzer des sterbenden Aberglaubens. Dieser einzige Gedanke macht noch, daß ich nicht ganz unter der Last erliege, die mich drükt. Ueber- ') der»-asten. 73 -Übermorgen will ich dir den Erfolg Meines Besuchs schreiben. Meine Güter sind verkauft. Mein Schwager wollte mir 2000 thlr. mehr geben, allein er konnte das baare Geld nicht aufbringen, und baares Geld mußte ich haben, und so habe ich sie an den Graf L... für izzoo thlr. verkauft; welche ich in Wechseln auf den Banquier F... in L... künftige Woche ausgezahlt erhalte. Von dieser Seite wäre ich also gesichert. Auf alle Falle nehme ich meinen Abschied. Uebermorgen werde ich deshalb an den Obersten schreiben. Grüße deine Karoline. Lebewohl, lieber H...; under- warte übermorgen ausführliche Nachrichten von deinem Meier. 22. An Konstantin. Freude— Froloken— Wie soll ich das nun alles auf einmal sagen. Serasine liebt mich, gesteht's mir, will alles thun, und wenn ja Aberglaube und Vorurtheile noch einige Macht E 5 in 7» in ihrenr Herzen ausübe»/ so werden sie bald von der Liebe verdrängt werden. Wie das alles zugegangen ist, wie so geschwind alles geändert, ja Lieber! das kann ich dir war- lich nicht sagen. Ich bot alle meine Beredsamkeit auf, das weiß ich, ihr Bruder un- rerstüzte mich, und kurz, wir versezten sie in einen so empfindsamen Zustand, daß sie ohn- möglich ihre wahre Gefühle länger verheeleu konnte. Und diese waren— Liebe. Gott! wie drükte ich das herrliche gute Geschöpf an meinen klopfenden Busen! Wie so ganz war meine gefühlvolle Seele in die ihrige verwebt! Wir haben den ganzen Nachmittag, und die Halste des Abends, in ihrer Gesellschaft zugebracht. Welch ein Tag! und wie wurden die. Stunden zu Augenbliken? Noch haben wir ihr unser Vorhaben nicht entdckt. Allein, da sie mich wahrhaftig liebt, da Liebe ihr den Kloster-stand unerträglich machen muß; so darf ich gar nicht mehr an der Ausführung dcW- ben zweifeln. Meine Güter sind, Wie du «eist, verkauft, und ich brauche nun nichts mehr, als meinen Abschied. In dieser Absicht lege ich dir einen Brief an den Ohcrstett .> bei, 75 bei, in welchem ich um meinen Abschied bitte.*> Ich würde vielleicht noch gewartet haben, wenn nicht der-Bruder meiner Seraftne bald zur Garnison zurük reisen müste. Da ich ohne seinen Beistand nichts ausrichten kann, so bin ich gezwungen, die Entführung zu beschleunigen, und also eher um meinen Abschied anzuhalten, als ich sonst gethan haben würde. Dü-kannst leicht erachten, daß ich dem Obersten nicht alles gesagt, aber doch vertraulicher mit ihm gesprochen habe, alö ich mit jedem andern Obersten gesprochen haben würde. Ich hoffe also, daß mein Brief die gewünschte Wirkung haben wird. Ich habe noch bei H... Geld zu heben. Da ich nun vermuthlich nicht wieder komme, so laß dir beiliegenden Wechsel bezahlen. Mein Quartier sag'auf, bezahl aber für's ganze Jahr. ES find recht brave Leute. Meinem Putschen, den ehrlichen Jungen, gib fünfzig Thaler. Hat er Lust künftig bei mjr zu bleiben, so sieh zu,.daß du ihm den Abschied vorn Regiment kaufest. Dann werde ich dir schreiben, an wel- «) Diesen Brief haben wir als einen gleichgültigen weggelassen. welchem Orte er mit meinen Sachen eintreffen soll. Alle mein Hausgeräthe und andre Kleinigkeiten, die ich doch nicht mitnehmen kann, schenke ich dir, du kannst damit machen was du willst. Ich dächte, du behieltest sie, als ein kleines Andenken von mir. Schreibe mir doch ja bald ausführlich von allem, was ich dir hier geschrieben habe. Lebe wohl, ewig Theurer! Ich bin warlich nicht eher ruhig, bis ich Seraftnen ganz besize. Meier. 2Z. An Meiern. leztrer Bkiefhat mich und meine liebe Karoline entzükt. Keine Vorstellungen, lieber Freund! aber doch ein Rath. Sei klug und vorsichtig. Weiter kann ich dir nichts sagen. Der Oberst hat deines Abschieds wegen geschrieben, du erhältst Hiebei seine Antwort, und wirst daraus das mehrere ersehen. Da« Geld habe ich mir geben lassen, und davon das Quartier bezahlt, das übrige folgt anbei. Jakob will durchaus bei dir bleiben; s° 77 so bald b« mir's also schreibest, soll er gleich abreisen. Du kannst dich auf seine Treue verlassen. Schreibe mir ja bald, denn ich bin nicht eher ruhig, bis ich den Ausgang der Sachen weiß. Karoline läßt dich grüßen. Lebe wohl. Konstantin. 24. An Konstantin. hat sich entschlossen, und will mir folgen. Gedenke dir meine Wonne, Freund! denke dir den Gedanken, ich werde sie besizen, die ich allein liebe, mein wird sie seyn, mein auf ewig. Lange kämpfte Aberglaube und Liebe mit einander, doch endlich siegte die Liebe, mein wird sie seyn, mein auf ewig. Ich habe iedes Vorurtheil besiegt; errathend floh sie aus der lczten Verschanzung der heiligen Ursine, und sie stand da, das gute liebe Mädchen, nur von Liebe allein beseelt, ich nahm sie in meine Arme, drükte sie mir unnennbaren Gefühlen an meine Brust, gelobte still dem Himmel— ewig sie, nur sie zu 7S zu lieben. O! Freund, wie bin ich so glük- lich, so unaussprechlich glüklich! Das Entfüh-- führen ist gar nicht schwer. Serasine spricht ^derzeit mit uns im Sprachsaale allein. Ich werde an dem bestimmten Tage mit einem vierspännigen Wagen vor dem Kloster halten, sie in meine Arme nehmen, mit ihr in den Wagen fliegen, und dann nach dem nächsten protestantischen Dorfe eilen, es liegt nur drei Meilen vom Kloster. Ehe die Nonnen Anstalten machen, mir nächstzen zu lassen, bin ich schon lange weg. Und im ganzen Kloster sind nur drei Manns? Personen, vor denen ich mich warlich nicht fürchten werde. Zu mehrerer Vorsicht will ich hinter dem Wagen reiten, damit wir nicht etwa überrascht werden. Sei ganz ohne Sorgen^ Lieber, es wird gehen, es wird alles gut gehen. Könnte wohl die Vorsicht gefallen an dem Leiden zweier Liebenden haben? kann es die ewige Güte beleidigen, wenn ein Mädchen zu- rükkehrt zu den Pflichten der Natur, von welchen Aberglauben sie entfernte? Ich bin schon einigemal im Kloster gewesen, ohne jemanden in dem Vorhofe, durch den wir durchaus gehen müssen, angetroffen zu haben, und wenn 79 wenn uns da niemand trift, so sind wir ganz sicher. Schike mir meinen Jakob gleich nach dem Empfang dieses Briefes. Er soll Extra-' post nehmen, und gerade zu nach W.... fahren; im goldnen Schwan wird er mich treffen, und da von mir die nöthigen Verhaft tungsregeln erhalten. Wenn er eilt, so kann er in fünf Tagen hier seyn. Braucht er zur Reise noch Geld, so gib ihm so viel er haben will; ich will es dir gleich wieder zusende«. Meine Wechsel sind nun alle schon in Sicherheit und guter Verwahrung. Sie sind mir vorgestern eingehändigt worden, und alle auf §... in L... gestellt, welches mir um so lieber ist. Der Oberst hat mir einen Brief geschrieben, der seinem Karakter vollkommen angemessen ist. Er schreibt als Vater und Freund; ich habe ihm auch schriftlich meinen wärmsten Dank bezeigt. Lebe wohl, mein folgender Brief wird dir den Ausgang unserer Flucht melden. Lebe wohl, grüße deine Frau. Meier. 25. An 8»—, 25. An Karln. Äöie unruhig bin ich noch, mein lieber Bruder! Ich liebe— liebe so heftig— ächze nach Freiheit— halte Freiheit für das größte Gut auf Erden—wünsche mich in die Welt zurük— wünsche aus dem Kloster, aus der Gesellschaft der Nonnen entfernt zu seyn— und izt— da alles dieses mir angeboten wird, da ich noch dazu, durch diesen kühnen Schritt den liebenswürdigsten Sterblichen, den ich je gekannt habe, besizen soll— izt stehe ich unentschlossen da, und weiß nicht was ich anfangen soll. Eine geheime Stimme verbietet mir euren Reden zu folgen, aber die Liebe— o diese gefährliche Liebe flüstert mir alle Augenblike da» Gegentheil ein. Ach wünsche, eure Reden» eure Widerlegung der Gründe, die mich davon zurük halten sollten, wären für mich überzeugend, waren ganz beruhigend für mein Gewissen; bald glaube ich mich völlig überzeugt, bin so ruhig, und dann ergreift es mich wieder, es überfällt mich eine Angst; Ich sehe mein > 8i mein Marienbild an, und es ist mir, als wenn ich es alle Augenblike sprechen hörte: und du willst das Kloster verlassen, willst deine Seele auf ewig verlieren? Ach Gott! wie schrek- lich! ich habe unter zwei so grosen Uebeln zu wählen! Hier auf immer elend! dortcwig elend! Doch was sage ich? Kann mich wohl mein Bruder, kann mich Meier, die mich beide so unaussprechlich lieben, können sie mich hintergehen? Müssen sie nicht besser verstehen, was gut und recht ist, als ich armes schwaches Mädchen? Ich habe mein Wort gegeben, und ich will ihm folgen. Du hast mir noch nicht gesagt, aufweiche Art Meier mich entführen will. Wenn mich die Nonnen erwischten, ach! wie würde es mir gehen? Ich schike dir hier deine mir geliehenen Bücher und deine Briefe zurük, damit man nicht nach meiner Flucht auf dich einigen Verdacht habe. Was werden mein Vater, meine Mutter, Meine gute Schwester sagen? O wie werden sie mir, wie werden sie Meiern fluchen?— Fluchen! Ha, entsezlich ist der Gedanke, von Aeltern verflucht zu werden. Sag, Karl, werden sie mir fluchen? werden sie das schwache Mäd- F chen chen veroammen, das, welches zwar kämpfte, aber unterlag? Verdamme nicht, guter Vater, verdamme nicht, liebe Mutter; ich habe um Beistand gefleht, aber umsonst. Er kam, und meine Entschlüsse verflogen wie Spreu vordem Winde. Lebe wohl, Karl, hoch klopft mein Busen, stark schlagt das beunruhigte Herz. Lebe wohl, lieber Karl. Gib Meiern beiliegenden Brief. Serafine» 26. An Meiern. Au einziger erster Geliebter meines Herzens! du hast alle Gewissensunruhen erstikc, verdrängt. Ich rSdle jeden Zweifel, laß den Gedanken nicht aufkeimen, der mir sagt, du Handelstunrecht, du brichst heilig geschwornr Gelübde. Ha! wie du mir so alles bist, Theurer, wie ich so alles nicht achte, wenn ich an dich denke, wenn ich denke, Meier will es, Meier ist es, er, durch dessen Hand du entfliehst. Zch habe Karln seine Bücher und Briefe zurükgegeben, damit auf ihn kein Ver< 8Z Verdacht falle, daß er von der Sache etwas gewußt. Ach! wie wird mein Vater, wie meine sNutter dem guten Karl begegnen? Jdm werden sie alle Schuld geben, weil er dich hieher und ins Kloster gebracht. O mein Bester! was muß ich nicht alles aufopfern? Aeltern, Geschwister und Freunde!—- aber kann ich es andern; du auf der einen Seite, und sie auf der andern; ha! siehst du, wie sie sinkt die Schaale, wie so weit du sie über- wiegst. Ja, Lieber! ich verlasse alles, alles, und folge dir. Wenn du jemals aufhören könntest mich zu lieben— wie unglüklich, wie unendlich unglüklich wäre ich dann— doch nein, das kann mein Meier nicht, er kann seine Serafine nicht vergessen, kann nicht vergessen das Mädchen, das mit ganzer Seele an ihm hängt, ewig an ihm hängen wird. Ich verlasse mich auf dich, überlasse ganz dir die Ausführung unserer Flucht, ich kenne das Kloster zu wenig, bin zu betäubt. Die Gartenmauer ist nicht hoch, hätte ich eine Letter, so wollte ich wohl hinüber kommen, doch wie gesagt, ich überlasse alles dir, sag'es mir, oder schreib es mir, was ich zu thun habe. F» o; 84 O! Lieber, Lieber, wie mir das Herz schlägt, wenn ich daran denke; doch fürchte dich nicht, ich werde mein Wort halten, du sollst mir Muth geben, sollst das zitternde Mädchen stärken, und fest will ich treten, mmhig wagen den kühnen Schritt, denn führt er-mich nicht in deine Arme? Wenn werde ich dich sehen? wirst du noch zu mir kommen? O Lieber! sei vorsichtig. Lebe wohl! du einziger erster meines Herzens. Serafine. 27. An Meiern. Ich freue mich über den Entschluß deines Mädchens. Alles geht dir zu Glüke. Dein Vermögen ist in Sicherheit. Hier wie du aus des Obersten Brief ersiehst— deinen Abschied. Jakob ist mit deinen Sachen abgegangen, und wird zu rechter Zeit eintreffen. Ich habe heute so mancherlei Geschäfte, daß ich dir nur sagen kann, daß ich dich unaussprechlich liebe. Konstantin. 28. An 85 28- An Serafineri. ^ch fliege heute Nachmittage zu dir— En- gel!— um zu sagen, daß ich meinen Abschied erhalten, und wie wir unser Vorhaben auszuführen gedenken. Meier. 29. An Karolinen. Fimmel! welch ein Unglük! Meier ist fort? Serafine fort! Ach, wie emsezlich! Meier, den ich für einen rechtschaffenen Mann hielt, Serasine, der ich zutraute, daß sie so fromm wäre. Ach! wie schwer habe ich gesündigt, daß ich es meinem Vater nicht emdekte, was ich muthmaßte. Wie werde ich diese Sünde auslöschen, wie mein Gewichen beruhigen können. Ich liebe ihn nun nicht mehr, mein Herz ist von aller Leidenschaft frei, ich freue mich, daß ich von einem so unchristlickff. denkenden Mann nicht bin geliebt worden. Ein neuer Dcwegungsgrund für mich, ins Kloster § Z 8S zu gehen, um meine Sünden zu bereuen und zu beweinen. Ich werde auch nicht lange säumen, ich will die Stelle meiner meineidigen Schwester ersezen, und an ihrer Statt Gott Lob singen, und dänken, daß er mix Kräfte verliehen hat, eine so gefährliche Liebe zu unterdrüken. Mein Vater ist außerordentlich aufgebracht, und er wirft Karln vor, daß er um die Sache gewußt, welcher aber das Gegentheil behauptet. Wir wissen hier noch nicht, wo ep mit ihr hin ist. Mein Vater ist gleich fortgesprengt, sobald er es erfuhr. Ein Unglük für beide, wenn er sie einholt. Es ist alles so unruhig und zerstört in unserm Hause. Meine Mutter weint unaufhörlich, und sie gibt sich das Unglük Schuld, weil sie Terafinen eigentlich gezwungen hat, ins Kloster zu gehen. Lebe wohl. Louise« ZO. An Konstantin. Ä?ünfche mir Glük, Lieber! freue dich mit Wir, Ich besize das schönste, ädelste, beßte Mäd- 87 Mädchen. Mein Herz ist so voll angenehmer Empfindungen, daß ich dir unmSglich sie alle ausdrüken kann. Doch du wirst neugierig seyn, wirst gern wissen wollen, wie ich das liebe Mädchen fortgebracht; ich will mich her- abzustimmen versuchen, und dir alles pünktlich schreiben. Da ich deinen und des Obersten Brief erhalten hatte, flog ich hin zu dem Engel, und sagte, daß ich am andern Tage gegen ein Uhr mit einem vierspännigen Wagen da seyn wollte. Sie entschloß sich dazu, nachdem ich ihr die Leichtigkeit der Ausführung bewiesen hatte. Ich ritt so gleich nachW... traf meinen Jakob, der auch alles anordnete, und zur bestimmten Zeit im Kloster anlangte. Zch war schon da. Ich nahm also das furchtsam wartende Mädchen in meine Arme, und flog mit ihr in den Wagen. Schnell fuhren wir fort, ohne daß wir von jemand bemerkt worden wären. Eine halbe Meile weit ritt ich so mit Jakob hinter her; nun glaubte ich sicher genug zu seyn, gab das Pferd meinem Kerl, und sezte mich neben das liebenswürdige Mädchen. Gott! ich kann dir diese Scene nicht mahlen. Ich drükte sie an mein F 4 klopft 88 klopfendes Herz, und meine feurigen Küsse sagten ihr, wie sehr ich sie liebe. Wir kamen in Schwan früher an, als ich dachte. Nun wohnen wir beide auf verschiedenen Zimmern. Im ganzen Stadtgcn weiß man schon, daß Serafine eine entführte Nonne ist, undviele Menschen drangen sich hinzu, sie zu sehen. Ich habe ihr nun Kleider machen lassen. Ich werde heute noch an ihren Vater und Mutter schreiben, und versuchen sie zu besänftigen. Wie sehr wünsche ich mit ihnen ausgesöhnt zu seyn! Lebe wohl. Hier folgt ein schriftliches Kompliment von Serafinenö eigner Hand. Meier, Zr. An Konstantin H*** 26icd mich der Freund meines Geliebten wohl entschuldigen, daß ich so schwach gewesen bin, der Stimme der Liebe zu folgen, und die Stimme der Religion nicht zu hören? Gewiß! wenn ihre Freundschaft für meinen Geliebten, den Gründen, das erstere zu thun, Nicht doppeltes Gewicht beilegt, so müssen sie mich 89 mich verachten. Und doch wünschte ich, von den Freunden meines Meiers geliebt zu seyn! Entschuldigen sie also immer ein schwaches Mädchen, und schreiben sie meine Schwäche aus die Rechnung der Liebe. Empfehlen sie mich ihrer Gattin, ich wünsche gar sehr, ihre Freundin zu werden. Serafine. Z2. An Serafinens Vater. E?as werden sie izt von dem Manne denken, den sie noch vor wenig Tagen ihrer Freundschaft und Liebe würdigten? Werden sie ihn nicht für den boshaftesten, schlechtesten, nie- drigstdenkenden Mann halten, weil er ihre Freundschaft durch die Entführung der Tochter entweihte? Werden sie nicht das unbarmherzige Urtheil, welches gefühllose Mönche und Nonnen über mich sprechen werden, unterschreiben? Ich kenne die Macht der Religion aus die Herzen der Menschen zu gut, um dieses nicht zu muchmasen und zu befürchten. Indessen bin ich überzeugt, daß sie Gerech- F 5 tigr §o tigkeit lieben, und also die Vertheidigung meines gewagten Schrittes lesen, und über mich ein andres Urtheil fallen werden. Erzogen von denkenden Männern lernte ich in dem freundschaftlichen Umgänge mit wahrhaftig, frommen, gottesfürchtigen und aufgeklärten Menschen, das Wahre der Religion, und das Wesentliche gar bald von dem, was entweder nur zufällig, oder wohl gar falsch ist, und was uns eigennüzige Pfaffen für wahr verkaufen, unterscheiden. Ich erkenne einen Gott, glaube seine Weisheit, vertraue auf seine Güte und Gerechtigkeit, und bemüh'e mich alle meine Handlungen so einzurichten, daß dadurch der Menschheit, oder wenigstens einem Theile derselben, mit dem ich in Verbindung stehe, einiger Nuzen erwachse. Der Mann, der so denkt, so handelt, kam zu ihnen, und sah ihre Tochter Sie sehen sie unaussprechlich lieben, sie für immer zu besizen wünschen— waren Empfindungen, die alle in einem einzigen Augenblike in mir aufstiegen. Sie können versichert seyn, daß ich mir alle ersinnliche Mühe gegeben habe, eine Leidenschaft zu untcrdrüken, von Sr von der ich wußte, daß sie nur nach einer Menge großer besiegter Hindernisse befriedigt werden konnten. Wer die Macht der Liebe kennt, wem jemals die Gottheit mit diesen seligen wonnevollcn Gefühlen beschenkt hat, der wird es mir glauben, wenn ich sage, daß es unmöglich war, diese Liebe auszulöschen. Da ich selbst überzeugt war, daß klösterliche Gelübde keine widernatürliche Pflichten auflegen können, daß es unsere Bestimmung sei, in Gesellschaft zu leben, so fielen alle Hindernisse weg, die sich mir von dieser Seite hätten entgegen stellen können. Zch versuchte ihrer Tochter diese nemlichen Grundsaze beizubringen. Sei es, daß die Liebe meine Gründe unterstüzte, oder daß ihr Verstand selbst hell genug war, die Wahrheit derselben ein- zusehen— genug, Serafine ward nach einigen vergeblichen Versuchen endlich eben so überzeugt. Zch war es also allein, der sie dazu beredte, ein Leben zu verlassen, welches jedem der Sklavcnfesseln noch nicht gewöhnten Menschen unerträglich seyn muß. Wie viele Mühe kostete ihr das nicht? Wie kämpfte nicht das gut- Mädchen?— Endlich siegte Liebe und 92 und Vernunft. Ich suchte meinen Abschied und verkaufte meine Güter. Ich erhielt ihn, und bekam für meine Güter so vieles Geld— wovon sie selbst ein Augenzeuge sind— daß ich hoffen darf, Serafinen nicht unglüklich gemacht zu haben. Nur noch ein einziger Gedanke ist es, der sie beunruhigt, der ihr die Vergnügen vergällt, welcher sie sonst in diesem neuen Leben geniesen würde; Der Gedanke, sie beleidigt, ihren Zorn gereizt, die Liebe ihrer Aeltern verscherzt zu haben. Wir werfen uns beide zu ihren Füßen, wie flehen sie um Verzeihung, um ihre neue Liebe an. Wir gestehen, daß es immer ein Fehler gewesen, ohne ihre Einwilligung einen so kühnen Schritt zu wagen; allein da wir nicht hoffen durften, diese zu erhalten, und da unser beiderseitiges Leben für immer höchst elend gewesen seyn würde; so wagten wir es, und Höften bei ihnen Vergebung zu erhalten. O! thun sie es, lassen sie die für Seraftnen so wonnevollen Worte hören— wir vergeben euch, Kinder— Ertheilen sie die Erlaubniß, uns gesezmäsig zu verbinden, und machen sie uns unaussprechlich glüklich. Lassen sie sich nicht zz. An 9Z nicht von dem Gcschwäz der Pfaffen betäuben, lassen sie ja nicht ihr Vaterherz durch die Bemühungen dieser listigen Leute erkalten. In Absicht meines Standes und Vermögens werden sie gewiß nichts einzuwenden haben. Soll falschverstandene Religion allein uns hindern, glüklich zu werden? Das Wahre, das Wesentliche der Religion findet man in allen Religionen, dieses habe ich nicht verlezt, oder verachtet, werde es nie verlezen, nie verachten. Aber das, womit schlaue cigennüzige Pfaffen die heilige Wahrheit unter Begünstigung barbarischer Zeitalter verbrämt haben, dieses ausere, unwesentliche, falsche habe ich verlezt, verachtet. O lassen sie diese in der römischen Kirche allein geltenden, vielleicht bald gar nicht mehr geltenden Grundsäze nicht Ursache des Abschlagens unsrer Bitten seyn. Lassen sie uns bald Verzeihung werden, und erlauben sie mir bald, sie künftig Vater nennen zu dürfen, da ich mich bis izt nur noch nennen darf rc.-c, Meier. S4 An ihre Aeltern. «^ier liege ich auf meinen Knien, und flehe Vergebung, ach Vergebung dem Mädchen, welches fehlte, welches sie beleidigte, ihren Zorn sich zuzog. Zch hatte sie beschworen die strengen Gelübde, und habe sie gebrochen, konnte nicht widerstehen den Gründen der Vernunft, den Bitten der Liebe, dem Klopfen dieses Herzens, welches sich sehnte nach ihm, dem Einzigen, den ich liebe, und nach Freiheit. O Vergebung, wenn ich zu schwach wär, verflossen sie ihre Serastne nicht,machen sie das Leben ihrer Tochter nicht unabsehlig elend. Nein, mein Vater, und sie, meine gütige Mutter, sie versicherten mich ja oft ihrer Liebe, nennten mich ja oft ihr gutes Kind, nein! sie werden mich nicht verstoßen, werden nicht wollen, daß nagender Kummer das Lvos meines Lebens sei. Aber dies würde es seyn, ich würde elend, grenzenlos elend seyn, wenn sie mir ihre Vergebung versagten. Lassen sie sich erbitten, lassen sie diese Thränen meine Fürsprechcrinsev», verzeihen sie der Tochter, die sie nie vorher belei- 95 beleidigte, sie nicht beleidigen wollte. Bange und zitternd sehne ich mich nach einer Antwort, sie wird mein Schiksal entscheiden, o! erbar« men sie sich ihrer Tochter! Serafine» 34. An Karln. Ä8ie viele Sorgen, wie viele Angst wirst du meinetwegen gehabt, wie viele Vorwürfe dir von deinen Aeltern zugezogen haben. Ja! Karl! nie werde ich dir vergessen, was du für mich gethan. Ich danke dir. Ich fühle die Gröse meines Glüks. Von nichts wird es gestört, als von dem Gedanken, daß deine Aeltern mir nicht vergeben möchten. Zch habe an sie geschrieben, und ihnen alles vorgestellt. Unterstüze du meine Bitten, durch deine siegende Beredsamkeit. Du giltst überdies bei deinen Aeltern sehr viel. Sage ihnen, wie unaussprechlich ich Serafinen liebe, wie gut ich denke, und wie gewiß sie mit mir glüklich seyn werde. Stelle ihnen alles vor, was du kannst, um von ihnen Vergebung zu erlangen, nach 96 nach der Serafine ächzet, und Erlaubniß zu erhalten, uns gesezmäsig zu verbinden. Wie steht'S mit deiner Liebe? Ich hoffe, daß du eben so glüklich seyn werdest, als ickst An der Einwilligung deines Vaters hast du wohl nicht zu zweifeln, wenn du erst mit dem Mädchen in Nichtigkeit bist. Wenn du dich von Hause auf einen Tag hinweg schleiche» kannst, so komm ja zu mir, und beglüke mich und Le- rasinen mit deinem Besuch. Lebe wohl, lieber Karl. Meier. 35. An ihre Schwester. Äbirst du mich eben so unbarmherzig verdammen, als alle meine geistlichen Mitschwestcrn, oder wirst du dem schwachen Mädchen eine mitleidige Thräne weinen, und ihr glükliche Tage wünschen? Ich kenne die Güte deines Herzens, und hoffe also, daß du nur verzeihen, und sogar eine Bitte erhören werdest, die ich an dich»vage. Meier und ich haben an meine Aeltern geschrieben, und bei ihnen um 97 um Vergebung angefleht. Unterstüze auch du meine Bitten mit den deinigen. Der Schritt ist einmal gethan, und kann nicht wieder zurük gethan werden. Ich mag mich nicht rechtfertigen, sondern will dich blos bitten, mir eine Verzeihung auszuwirken, von der der größte Theil meiner Glükseligkeit abhängt. O thue «s, liebe Schwester! du weißt, daß ich dich liebe, und im nemlichen Falle für dich ein nehmliches thun würde. Lebe wohl und schreibe mir bald. Serasme. Z6. An Meiern. AAie sthr uns dcin lezterer Brief entzükt hat, das kannst du von der Größe meiner Liebe und Karolinens Freundschaft für dich ermessen. Ich lief sogleich damit zu unserm würdigen Obersten, der denn auch ganz voll von Freude und Vergnügen war. Alle waren in Angst und Sorgen deinetwegen, bis ich dielen so sehnlichst erwarteten Brief bekam. Es ist hier schon allgemein bekannt, und wie Vernünftige von dir denken, das weißt du, und G an SS an dem Urtheile der Thoren und Narren ist dir nichts gelegen. Der Oberst hat mir vier Wochen Urlaub angeboten, dich zu besuchen, und ich habe es angenommen. So bald du also an einem bestimmten Orte bist, schreibe mir, und ich stiege mit meiner Karoline zu dir. Ich muß das Mädchen persönlich kennen, welches meinen Meier fesseln konnte, meine Karoline wünscht das nemliche, und der Oberste und deine andern Freunde wünschen wenigstens, daß sie einen Augenzeugen hören mögen. Ich rathe dir als ein sehr guter Freund, dich nicht gar lang in der Nahe des Klosters aufzuhalten. Du bist zwar für allen öffentlichen, aber noch lange nicht heimlichen Nachstellungen sicher, die um desto gefährlicher sind, weil sie wegen Nähe so oft wiederholt werden können. Entferne dich, so bald du kannst. Es kann seyn, daß sich die Nonnen ruhig verhalten. Aber ich möchte doch meine ganze Glückseligkeit auf eine blose Mulhmasung nicht wagen. Lebewohl, lieber Meier. AnSera- stnen ein schriftliches Gegenkompliment. Konstantin H.... 37. An --99 Z7- An Serafinen. Sie haben mir die Ehre angethan, mich um meine Freundschaft anzusprechen, und Ent- schuidigung eines Schrittes zu fordern, der der größte Beweis von der Starke ihrer Liebe, gegen meinen vortreflichcn Freund ist. O gewis! Allcrtheuerstel ich habe mich nicht wenig darüber gefreut, daß sie so glükuch den Sklavenketten der Geistlichkeit entgangen find, und es ist mir noch niemals beigefallen, sie zu verdammen, noch weniger zu verachten. ZLie könnte ich, der ich selbst die Macht, der ich die Seligkeit der Liebe kenne, wie könnte ich das Mädchen verdammen, welches diesen süßesten Trieb, welches den Ruf der Natur folgte? Gott gab uns dies Leben, um Freuden zu gemessn, nur! kranke Vernunft und schwache Nerven, konnten in Entsagung aller Freuden dem Gott zu dienen glauben, deren uns diese Gefühle legte. Beruhigen sie sich alsovöllig, meine Freundin, suchen sie un Genusse erlaubter Freuden so glüklich zu werden, als sie es wirklich seyn können, Ich G 2 hoffe 100 hoffe, ihre Aeltern werden ihnen vergeben; gesiezt aber auch, sie versagten ihnen diese Vergebung, so überlassen sie sich deswegen keinem trostlosen Gram, sie sind nicht blos Tochter, sie sind auch die Geliebte eines rechtschaffenen Mannes, werden bald seine Frau seyn, auch diese Pflichten sind heilige Pflichten, so heilig, wie die Pflichten des Kindes, und diese würden sie beleidigen, wenn sie sich ganz dem Kummer überlassen wollten. Meine Frau empfiehlt sich ihnen. Zch habe auf vier Wochen Urlaub erhalten, und werde bald das Vergnügen haben, sie persönlich kennen zu lernen, und die in der Nähe zu bewundern, die schon izt meine ganze Hochachtung hat. Konstantin H... 38. Seraffnens Vater an Meiern. ^Hch habe ihren Brief erhalten, mein Herr, habe ihr philosophisches Geschwäz gelesen; glauben sie aber denn wirklich, daß dieses mich blenden, mich überreden könnte, daß sie recht ge- -«handelt, daß es ein verdienstvolles Werk gewesen, meine Tochter zu entführen, sie zur Hure zu machen, und mir alten Manne noch die besten Tage meines Lebens zu vergiften? Ich kann nicht so schSn schwazen, wie sie; mag mich auch nicht in ihr Neligionssistem einlassen; glauben sie, was sie wollen, ich verkezere keinen, verdamme nicht den, der anders denkt, als ich; aber Herr! verdammt sey die Religion, verflucht die Philosophie, die einem erlaubt, niederträchtig zu handeln. Als ich sie mit offenen Armen empfing, mich ihrer Freundschaft freuet«, mich bestrebte, ihnen Vergnügungen zu machen; ach, mein Herr! damals glaubte ich nicht, daß Necht- schassenheit nur ihre Larve sey; ja, nur Larve ist es gewesen, diese gute edle Mine, die mich für sie einnahm, nur Nachäffung der Tugend war es, und es gelang ihnen, sie haben mich Unbesorgten berükt, haben den Dolch tief in mein Herz gestoßen, und ich soll ihnen vergeben, soll sie meinen Sohn nennen, den meinen Sohn nennen, der jede Blume, die auf meinem Pfade wuchs, zerknikte, und Dornen an ihre Stelle pflanzte! Ich vergebe gern G z dem, dem, der aus Schwachheit fehlt; aber der vorsezliche Bösewicht verdient keine Vergebung. Sie kannten die Lage meiner Tochter, wußten, daß ihre Gelübde heilig und unauflöslich waren, und sie konnten sie bereden, solche zu brechen, konnten Strafe und Schande über sie häufen? Aber eine unwiderstehliche Liebe!— O! Herr, schämen sie sich dieser kahlen Entschuldigung,, der rechtschaffene Mann unterdrükt die auskeimende Leidenschaft, wenn er fühlt, daß ihr Wachsthum ihn zwingen würde, Pflichten zu verlezen, und unedel zu handeln. Und kann das Tugend seyn, was der erste Blik eines Mädchens gleich über den Haufen wirft? Sie haben sich ihren Weg selbst gebahnt, gehen sie fort auf solchem; sie glauben Rosen darauf zu finden; aber sie sind vergiftet die Rosen, ihr Geruch wird sie töden, ihr Gewissen wird sie quälen, und jeder Kuß ihres Weibes ihnen ein Dolchstich in ihr Herz seyn. Nun noch ein Wort zu dir, zu dir, die ich sonst mit Wonne, mit väterlichem Gefühl meine Tochter nannte. Was dachtest du, als du du ihn wagtest den sträflichen Schritt, sagte dein Gewissen dir nichts, war sie stumm die Stimme der Religion, war es ganz erstikr das kindliche Gefühl, dachtest du nicht an Gott, nicht an Tod, nicht an Gericht, dachtest du nicht an den Jammer deiner Ackern? Weh dir, wenn du daran dachtest, und ihn doch thatest den strafbaren Schritt! Einer bald vorübergehenden Leidenschaft opferst du also die Ruhe deines Gewissens, opferst du deine Seligkeit auf? Wie kannst du so leichtsinnig seyn! o kehre zurük, weil noch Nükkehr möglich ist, und du sollst Vergebung haben, Vergebung von mir, von deiner Mutter, vom Kloster. Aber wenn du beharrest auf deinem Irrwege, wenn strafbare Leidenschaft dir mehr ist, als Gott, Gelübde und Ackern, dann— o! ich will dir nicht fluchen, deine Thaten werden dich richten, und dein Gewissen dein Henker seyn. «« 39. Die Oberin an Serafinen*). ^as verirrte Schaaf zurükzuführen, ist die Pflicht eines guten Hirten, auch ich will dieser gute Hirte seyn, will sie zurükführen aus dem Sumpf der Welt, will sie ferner weiden «ruf grüner Aue. Zch hätte nicht geglaubt, Serasine, daß sie, die sie immer so still, so fromm, so gehorsam waren, daß fle so sträflich werden könnten. Doch er geht immer hin, wie ein brüllender Löwe, und suchet, daß er verschlinge, wie sie täglich in der Komplet sangen—. Darum sagt auch die Schrift, wachet und betet. Ich zweifele nicht, daß sie, meine Tochter, den Schritt, den sie in einer schwachen Stunde begingen, nicht schon bereut haben sollten, ich habe demnach auch ihre Flucht noch nicht angezeigt, und biete ihnen izt völlige Vergebung an, mit Mutterarmen will ich sie umfassen, und ihres Fehlers soll nie gedacht, nie geahndet werden. Sie wissen. ')Ü3» dem vorhergehenden kii-zeschlosssn. — 105 sen, was das vor Gelübde sind, die sie so hei- lig, so freiwillig beschworen; sie wissen, daß ewige Straft auf die Brechung dieser Gelübde folgt; Sie sind die verlobte Braut ihres Erlösers, nur ihm gehören sie an; der Gedanke schon an die Welt ist Ehebruch, ist unverzeihliches Verbrechen, und Höllenstraft seine Folge. Ich brauche ihnen wohl nicht mehr zu sagen, liebe Tochter, sie sind ja keine verstokte Sünderin, sind nur ein verirrtes Schaaf. Kehre bald wieder zurük, liebe Serafine, schmeke die Ruhe der Seelen, die nur allein das Kloster gibt. Ihre Schwester ist auch in unser Kloster gegangen, und hat ihr Probejahr schon angetreten. Sie werden also inskünftig« noch eine Freundin mehr, und zwar eine wahre zärtliche Freundin um sich haben. Kommen sie bald, meine Tochter, trok- nen sie selbst die Thränen, die sie uns ausgepreßt, und geben sie mir und ihren Aeltern die Freude wieder, dir ihr Vergehn uns geraubt hat. 40. An io6' 40. An Serafinen. ^ch will dich nicht verdammen meine Schwester, will dem gefallenen Mädchen eine mitleidige Thräne zuweinen, und ihr glükliche Tage wünschen. Voll ist mein Herz, beklemmt deinetwegen, o! ich habe dich geliebt, Serafme, so geliebt, wie wenige Schwestern sich lieben, hätte so gern mein Alles hingegeben, um dich glüklich zu sehen, und du konntest es thun, konntest so meine Seele beugen und traurig und Freudenleer die Tage deiner Aeitern machen? Ich will dich nicht verdammen, meine Schwester, will dem ger fallencn Mädchen eine mitleidige Thräne weinen und ihr glükliche Tage wünschen. Und der dich verführte, o! er erschien in Engelsgestalt, führte die Sprache der Tugend, und hinterging die Redlichkeit. Weh dem, der der Unschuld spottet, nicht achtet der Thränen seiner Brüder, der Freundschaft vergilt mit Undank, und Zutrauen mit Dolchstichen. Für dich bete ich unaufhörlich. Theure, stehe von oben Vergebung für dich, DM"' könne 107 könnten meine Thränen abwaschcn deine Schuld, mein Knien und Fasten tilgen dein Vergehn, so solltest du rein werden von allem Fehl. Ich habe eine Fürbitte eingelegt bei dem Vater, er hätte dir den Weg gezeigt, sagte er, aus welchem du Vergebung erlangen könntest. O'. ist es möglich, so schlage ihn ein diesen dir vorgeschriebenen Weg. Welche Wonne, wenn ich dich an mein Herz brüten, die Thränen der Reue von deinen Wangen küssen, und mit zärtlicher Freundschaft meine Tage verleben könnte. Louise. 41. An Meiern. lieber, ich habe alles gethan, um dich und meine Schwester wieder mit meinen Aeltern auszusöhnen, allein der Alte ist noch äuserst aufgebracht, und die Mutter weint unaufhörlich, bedauert die Seele ihrer Tochter, die sie für unwiederbringlich verloren hält. Laßt euch das aber nicht an eurer Freude stören. IvA———— ren, Kinder, und gräme d» dich deswegen nicht, meine Serastne. Die Sache ist noch zu frisch, es ist noch die erste Wallung des Zorns, laßt nur diesen erst»erbrausen, und ich bin überzeugt, sie werden alsdenn der Vernunft Gehör geben. Von mir könnt ihr versichert seyn, daß ich die erste schiklicheGe- legenheit ergreifen werde, um eure Sache wieder vorzutragen, die besten Gründe, die nur zu eurer Entschuldigung anzubringen sind, werde ich hervorsuchen, davon könnt ihr über- zeugt seyn. Wie gesagt, also quält euch deswegen nur nicht, und freut euch, daß ihr das Gefährlichste überstanden habt, das Uebrige muß von selbsten kommen. Zaudert nur mit eurer Hochzeit nicht lange, denn so lange die noch nicht vollzogen ist, so lange haben sie noch immer Hofnung, daß Scrafmen der Schritt gereuen, und sie wieder ins Kloster zurükkehren wird; so lange sie aber noch die geringste Hofnung zu dieser Nükkehr haben können, so lange werden sie euch ihre Vergebung versagen, nur wenn sie sehen, daß die Sache nicht mehr zu andernist; werden sie sich bereitwilliger zur Aussöhnung finden ' roden lassen. Zch werde auch auf einige Tage wegzuschleichen suchen, und zu euch kcmmen, wenn es aber geschehen wird, kann ich euch noch nicht gewiß sagen. Von meiner Liebe zu Karolinen habe ich dem Vater noch nichts gesagt, es ist noch kein schikiicher Zeitpunkt dazu, denn sein einziger Gedanke ist izt nur SerafinenS Flucht. Doch zweifle ich nicht an seiner Einwilligung. souise ist ins Kloster gegangen, die Ael- tern und auch ich wandten alles an, um sie davon abzubringen, allein sie bestand fest auf ihrem Entschluß; das Mädchen ist noch nicht glüklich, und es ist mehr als SeraßnenS Flucht, warum ihre Thränen, stiesen. Im Kloster ist alles unruhig, die Oberin ärgert sich sehr, daß Serastne sie so angeführt hat, wie sie es nennt, doch schmeichelt sie sich noch mit ihrer Nükkehr. Die alte Närrin! sie glaubt, ein Kloster müsse mehr Reize für ein junges Mädchen haben, als das Hochzeit- bette. Nun lebt wohl Kinder, seyd hübsch lustig, und trinkt auf eurer Hochzeit meine Gesundheit. Karl. H Von Iio——— Von dieser Epoke an fehlen unS die Briefe, wir sind also genöthigt, die Geschichte nur zu erzäsen, wie sie uns von glaubwürdigen Zeugen hinterbracht worden. Der Brief des erzürnten Vaters und der schmeichelnden und fürchtcndmachen wollenden Oberin hatten einen so schlimmen Einfluß auf Serafinens noch nicht genug befestigtes Herz, noch nicht hinlänglich aufgeklärten Verstand, daß sie in eine Art von Seelenkrank- heit verfiel, die nur diejenigen vollkommen kennen können, welche sich in ähnlichen Umständen zu befinden das Unglük gehabt haben. Eine herbe Schwermuth bemeisterte sich ihres Geistes, und alle Augenblik stellte ihre erhizte Phantasie ihr die schreklichsten Bilder dar. Bald sah sie ihren erzürnten Barer vor sich, der sie izt aus den Armen ihres Geliebten los riß, und ihn mit einem giftigen Dolche durchbohrte; bald stand ihre Mutter vor ihr, und bath sie mit thränenden Augen, zu ihren Pflichten zurükzukehren; bald versammelte sich die ganze Schaar der heiligen Jungfrauen um sie herum. Voran war die Oberin, welche ihren Sirenengesang anstimmte, mir- '' ten * m ttn unter ihnen ihre Schwester, welche mir ihren Armen ihr entgegen eilte, sie nach sich zuziehen, sie festzuhalten versuchte, ihr einen Zufluchtsort anbot, und sich nicht enthalten konnte, auf ihren neben ihr stehenden Geliebten dann und wann schielende Blike zu werfen. Auf den Gesichtern einiger Nonnen war Wuth und Rache ausgedrükt, andre baten sie mit« leidig, in die Umarmungen und Gesellschaft ihrer sie liebenden Schwestern zurükzukommen; wieder andre hatten das große Sündenregister in der Hand, und zeigten ihr ihre schwarzen Thaten, noch andre wiesen ihr schreiende Gemälde vom Tode, vom lezten Gerichte, von der Hölle und vom Himmel. Dieses Zeigen führte ihren verwirrten Geist von dieser Erde hinweg in jene Gefilde, vor denen man uns mehr zittern lehrt, statt, daß sie uns sollten als der glüklichc Aufenthalt aller von dieser Erde hinweg wollenden Geister vorgestellt werden. Ihr Geist entfloh bebend, ungewiß— zwar mit dem Wunsche im Kloster sich zu befinden, die heiligen Gelübde zu halten, und die Sünden, die er begangen, zu büßen, aber doch ohne diesen H 2 Wunsch 112 Wunsch erfüllt zu haben— der plumpen Hülle, die ihn umgab. Zitternd erschien sie vor dem erzürnten Richter, er las, sie hörte ihre Thaten. Schon begann ihr Leben, jugendliche schon langst bereute, gebüßte Schwachheiten wurden Übergängen, nun las er die Aufopferung ihrer Freiheit, die Vcrschenkung ihrer Rechte, die Vermälung mit Zesu, und wieß ihr die Krone, die sie erlangt, zeigte ihr den Ort in den seligen Gefilden, den sie besessen haben würde, wenn sie so schon vollendet, was sie so muthiz angefangen hatte. Dann deutete er mit seinem allmächtigen Finger auf die für ihre geistlichen Mitschwestern bestimmten Kronen und Oerter im Himmel. Sieh! sagte der Erzürnte, sieh! deine Krone, deinen glüklichen Plaz; du hast beide verloren, und sie nun deiner bessern Schwester bestimmt. Nun las er die Verlezung ihrer Gelübde, die Kränkung, welche sie ihren Aeltern, ihrer Oberin und ihren Mitschwestern verursacht; erinnerte sie an den Tausch, den sie getroffen, indem sie Jesum, ihren Bräutigam, einem Menschen nachgesezt. Um, rr; Umsonst stammelte sie Entschuldigung, umsonst wieß sie hin auf den Kampf, den sie gestritten, wie sie davor dem Bilde der Mutier Gottes gelegen, von ihr Stärke und Kräfte erficht, einen guten Kampf zu kämpfen; umsonst kehrte sie ihre Schwachheit vor; umsonst berief sie sich auf den allmächtigen Trieb der Liebe, den er selbst in die Herzen der Menschen gelegt, dem sie endlich unterlegen; umsonst brachte sie die Gründe vor, welche ihr ihr geliebter Meier gelehrt, durch die er sie besiegt hatte; umsonst versuchte sie Gnade von ihm— dem Allgütigen— umsonst Schonung zu erbetteln. Er der Strenge war taub zu ihren Entschuldigungen, taub zu ihren Gründen, taub zu ihren Bitten. Zitternd und erschraken sah sie ihn wägen. Sie sank die Schaale, in der ihre böse Handlungen auf- gethürmt waren, hoch empor flog die andre. Erzürnt mit mehr als tödenden Bliken stieß er— der Mitleidslose— sie— die Mitleid verdienende— in das ewig(unglückliche finstere Haus hinab. Tausend Teufel warteten schon ihres bebenden Geistes, denn Satanas hätte froh- H z leckend »4 kokend schon ihre Ankunft gemeldet. Wütend fielen sie— die Tirannen, die Peiniger, die vom strengen Ewigen zum Quälen und Verführen der Sterblichen geschaffnen Geister— die Unglükliche an, warfen sie bald in eiskalte Meere, bald in Kessel voll kochenden Pechs, bald in brennende Schwefelpfule, und um die Gepeinigte, die Leidende noch mehr zu martern, zeigten ihr diese Menschenfeinde, noch nicht gesättiget an dem Elende dieser Sterblichen, die Krone, den glüklichen Ort, den sie verloren, den erzürnten Richter, der mit grimmigen Augen auf sie herabblikte, und den Verführer, der mitleidend aber ohnmächtig sie bcdaurte. Sie warfen ihr spöttisch lächelnd ihre Thaten vor, durchnagten ihr Herz, zerfleischten sie, und stießen stein die undurchdringlichsten Finsternisse hinab, aus denen sie nie wieder hervorgebracht ward, als um noch fchreklichere Leiden zu empfinden. Solche Phantomen, solche schrekende Bilder mahlte ihre erhizte Phantasie; sie stellten sich ihrer lebhaften Einbildungskraft so deutlich vor, daß sie bald Seufzer, bald Klagen, bald Flüche, bald Verwünschungen, baldDitten, bald Dror "5 Drohungen, bald Wünsche gebrochen ausstieß. Mitleidend sah Meier seine Serafine an, sank hin zu ihren Füßen, bat sie, ihrer, seiner zu schonen, versuchte sie zu beruhigen, erinnerte sie an seine Liebe, wollte sie in seine Arme schließen. UmsonstMit wilden Dli- ken stürmte sie um sich herum. Verführer, schrie sie, Verführer der Unschuld, schrie sie, und stieß ihn von sich, ohne daß er im Stande gewesen wäre, ihr zu helfen, sie von den schrek- ljchen Gespenstern, die ihre durch jene Briefe erhizte Phantasie ihr mahlte, zu befreien, oder aus dem erbarmenswürdigen Zustande, in dem sie sich befand, in einen Mlichern zu versezen.^^ Angebetete, geliebte Serafine! sagt- er, sich ihr wieder nahend; Komm zu dir selbst. Erkenne den, der dich liebt, zärtlich liebt, den du liebtest, ewige Liebe schwurst, erkenn« deinen Meier. Komm zu dir selbst. Fürchte vicht Gespenster, fürchte nicht den erzürnten Richter, er ist allzugütig, fürchte mcht den Zorn deiner Aeltern, fürchte nicht ihren Fluch, er wird sich legen der Grimm, und besänftigt werden sie dich noch segnen. Komme zu dw H 4»urük, zurük, laß kalte Vernunft herrschen, erkenne Lernen Meier, und mach' ihn durch deine Beruhigung glüklich. Umsonst! Mit wilden starren Bliken durchsah sie ihn, und wütend' stieß sie ihn von sich. Da stand nun der Liebende, sahseineGe- kiebte, feine Serasme in dem bejammernswürdigen Zustande, und konnte ihr nicht helfen. Seine Leiden, seine Schmerzen waren so groß, der Anblik seiner unglücklichen Stz- rafrne machte so tiefen Eindruk in sein Herz, Laß auch nicht einmal Thränen— die im Leiden so oft unsre Schmerzen zur Hälfte lindern, seinen Augen entquellen konnten. Er rief den geschiktestcn Arzt/ der ihr niederschlagende Arzeneien bereitete. Umsonst! sie warf sitz von sich, wollte nicht geheilt seyn. Diese Wirkungen ihrer erhizten Phantasie würden vielleicht die Folge gehabt haben. Laß sie, wenn diese gefährlichen Bilder verschwunden, über ihre Handlungen reifer nachgedacht hakte. Die davon hinterlassene Ein- drüke, ihr unbefestigtes Herz, ihr noch nicht ganz erleuchteter Verstand, der die Unwahrheit, das Falsche jener Phantomen noch nicht vvlh '- H7 vollkommen'einsah, die Liebe zu''ihren Aekr lern, und selbst die Anhänglichkeit an einige Nonnen, unter denen sie doch noch imr met einige'Freundinnen zu haben glaubte, Erden Ursache vielleicht geworden seyn, daß sie den schon aufgekeimten Wunsch, sich wieder im Kloster zu befinden, mit ihren Schwer siern wieder zu singen und zu beten, und ihre heilig beschwotne Gelübde desto eifriger zu crr füllen, in Erfüllung gebracht härte, und in Ihr Kloster zurükgekchrt wäre. Allein zum Glük für den leidenden, sonst ganz unglük- lichcn niedergebeugten Meier, selbst zum Glük für Serasinen, hatten diese Thränen, Liese Phantomen, diese Schrekbilder in ihr rem Körper eine solche Zerrüttung angerichtet, das; auf jene ebenbeschricbene Krankheit des Geistes, eine fast eben so grose des Körpers erfolgte, die um so gefährlicher war, da'fihr'e Phantasie noch immer nicht abgekühlt werr den konnte. Diese Krankheit ward von Tage zu Tage gefährlicher. Und ohngeacht der liebende Meier nichts versäumte, was sie hätte hcir sen können; so verzweifelten doch die Aerzte .4 5^ an ihrem Wiederaufleben, und versicherten, i daß nicht einige Hofnung zum Leben vorhanden sey, als bis ihr Geist beruhigt, und jene Phantomen, von denen sie Meier unterrichtet hatte, verscheucht seyn würden. Umsonst war der Aerzte, war Meierö Bemühung. In diesem Zustande traf Konstantin und seine Geliebte seinen Freund und Serafiney an. Gott! welche Freuden hatten beide sich nicht versprochen? Glüklich dachten sie i» den Umarmungen ihres Freundes die wenigen Tage zu verleben, die sie bei ihnen zubringen durften. Sie vermutheten, sie versprachen, sie wünschten Meiern glüklich, voll lachender Freude, Serafinen beruhigt, freudevoll, und ihren seligen Stand nun preisend anzutreffen; aber wie wurden nicht ihre Hofnun- gen, ihre Wünsche getäuscht. Sie fanden Meiern kummervoll, elend, tief über Sera- finens Unglük gebeugt; sahen, wie er da stand, der gute liebende Jüngling, wie er mit seinen Armen ihr entgegen zitterte, wie er sie zu trösten, ihre Leiden zuheilen, bebte, wie er bald mitleidsvoll, bald liebend, sie an- blikte, in ihr seine ganze Seligkeit suchte, sahen. HA sahen,«le er ihr zu helfen wünschte, wie er sann, Mittel zu finden, durch die er sie beruhigen könnte-, lasen in allen seinen Minen und Gesichtszügen den gerechten Kummer, den tiefen Schmerz, daß er sie nur anbliken, nur unthätig neben ihr stehen konnte. Gott! welche Leiden für einen Freund, wieKonstantm für eine Freundin, wieKaroline. Wenn sie nun vollends das gute unglükliche Mädchen ansahen, wie sie da lag, und bald mit starren wilden Dliken um sich herum alles zu vertilgen drohte, bald, indem sie ihre Augen gegen den Himmel hob, in ihr jene schreklichen Bilder der erhizten Phantasie lebhaft wieder erwachten, und dann bald Thränen ihren Augen entquollen, bald Wuth, bald Grimm ihr Graziengesicht verstellte— Gott! was lttt da dieses zärtliche freundschaftliche Paar'. Endlich kehrte einAugenblik Ruhe in SerafinenS Seele ein; sie blikte um sich herum, wundernd, zwei Freunde zu sehen. Die Augen ihres beklemmten Meiers begegneten ihr, sie sah ihn mit schmachtenden, liebenden Augen an Welche Seligkeit für Meier! welche Wonne für Konstantin und Karolinen! deren i:a—' deren Auge« in Thränen schwammen! Meier" benuzte diesen glüklichen Aügenblik. Bebend^ nahte er sich ihr, und sank hin zu ihren Füßen. Die heftigen Anfälle hatten sie ss geschwächt,- daß sie nun gar nicht mehr rasen konnte. Zwar stellten sich ihren Augen noch immer jene Schrekbikder vor; aber sie waren ohne Kraft, ohne Macht. Meier ergriff ihre Hand, er benezte sie mir Thränen, er küßte den kalten Schweiß davon hinweg. Sieh! hier, meinen Freund,«»eine Freundin— Sie wollen auch die deinigen werden. Dieß schien sie zu erheitern. Sie sah sie nun geruhiger an. Die Kräfte waren ihr zum vielen Sprechen vergangen. Konstantin und Karoline nK, hcrtcn sich ihr. Serasine drükte ihnen zärtlich die Hand. Konstantins siegende Beredsamkeit verscheuchte endlich nach und nach ihre Phantomen. Hauptsächlich tauschte er sie dadurch, daß er vorgab, er komme von ihrem Vater, und bringe von ihm und ihrer Mutter-- Vergebung und Segen. Ihr Geist erlangte wieder Kräfte, und Vernunft kehrte in ihre Seele zurük. So wie nach und nach ihr Geist gesund ward; so erlangte ihr Aörr irr Körper seine vorigen Kräfte wieder. Die Ger schiklichkeit des Arztes bewirkte, daß sie nach Verlauf einiger Wochen völlig hergestellt ward. Zhre Wangen blühten wieder, wie aufgegangene Rosen, und ihre Augen funkelten neue Liebe. Konstantin und Karolme hauen ihren Aufenthalt verlängert, um Zeugen von beider Glückseligkeit zu seyn, und sie erreichten auch den Zwek ihres Verzögerns. Karl kam, da feine Schwester schon zum Theil wieder hergestellt war. Er ward sogleich unterrichtet, und brachte von seinen Aeltern Segen und Vergebung. Zn dieser Zuversicht und auch durch aller Zureden und Bitten, entschloß sie sich endlich, nachdem sie vollkommen wieder gesund war, sich mit Meiern von einem protestantischen Geistlichen trauen zu lassen. Karl war schon wieder zurükgereißt, er harre sich nur zwei Tage von Hause hinweg gestohlen aber Konstantin und Karoline waren noch da, waren Zeuge von diesem nur Freude bringenden Tage; Meier und Serasrne waren entzükt, und sie vergaß des Klosters, und aller ihrer Schwärmereien, sie sah, sie umarmte, sie küßte ihren Meier, er war ihr ihr alles, war ihre ganze Glükseligkeit, wa» ihr Himmel-, das nemliche war Serafine ihm. Konstantin und Karoline waren endlich genöthigt sich von einander zu trennen. Mit bangen, schwerem Herzen, nahmen sie von ihnen Abschied, sie und Serafine waren die innigsten Freunde geworden, sie und Meier waren es schon lange. Eine allge- meine Stille herrschte, da sie scheiden wollten, sie sprachen nur durch Dlike, durch Minen, durch Thränen, mit zitternder Stimme sag» ten sie sich das Lebewohl, und schieden. Dieser Tag war ein Tag der Trauer, für beide sich so innigst liebende Paare. Nach einigen Tagen dacht» endlich Meier an die Zukunft, für die er theils wegen Serafinens Krankheit, theils wegen seiner Freunde Anwesenheit noch nicht hatte sorgen können. Sein Geld war in sichern Händen, und er konnte von den Interessen seines Kapitals zwar nicht im Ueberflusse, aber doch gemächlich leben, nur war ihm der Ort seines izigen Aufenthalts zu kostbar. Um nicht nur ein bequemeres Leben führen zu können, sondern auch, um für eine Familie etwas zurük zu legen, be- — r-r beschloßer, und beredete auch leicht Sera- finen dazu, nach F.... sich W begeben, eine Stadt, wo es nicht nur um die Hälfte wohlfeiler war, als wo er sich izt befand, sondern welche auch wegen der wenigen Anzahl der daselbst befindlichen Menschen eher einem bevölkerten schönen Dorfe, als einer Stadt ähnlich war. Er liebte das Landleben, und die Einsamkeit so sehr, daß er sich ein kleines Gut gekauft haben würde, wenn es ihm nicht wegen einer leichteren, vom Kloster auszuwirkenden Entführung seiner Serafine zu gefährlich geschienen hätte. Und dieses war der Hauptgrund, aus dem er F.... sich zum Aufenthalt wälte. Er hatte sich schon mit seinem Freunde Konstantin davon unterredet, und dieser billigte nicht nur seinen Entschluß, sondern riech ihm sogar dazu. Nachdem er also seine nun an Geist und Körper völlig gesunde Serafine zu dieser Reise beredet hatte, so Pakten sie ihre Sachen zusammen, nnd reisten, nur von ihrem getreuen Jakob, der seinen Herrn und Serafine wie seine Aeltern liebte, und sein Leben für beide gelassen hätte, begleitet nach F.... wo sie 124 auch nach einigen kleinen überstandenen Beschwernissen, glüklich und gesund anlangten. Serafine war von Jugend auf so sehr an Einsamkeit gewöhnt, und dieser Hang durch das Klosterleben so genährt worden, daß ihr dieses Städtgen, welches in einem unmuthigen Thale, umstoßen von Gärten, Auen und Wiesen liegt, gleich beim ersten Anblik ihre Gunst und Liebe abgewann. Meier miethete ein geräumiges Haus, und lebte mit seiner Serafine vergnügt. Sie machten keinen grosen Aufwand, lebten aber doch so gut, als irgend jemand in diesem Städtgen lebte. Meiers Beschäftigungen waren, seine Serafine nach und nach auszubilden. Er führte sie in die besten Gesellschaften, unterrichtete sie dann, wie sie sich darinn zu verhalten habt, brachte ihr Menschenkenntnis; bei, las ihr dann und wann einen rührenden Dichter oder sonst gute Bücher vor, und wenn er ja gezwungen war, sich an sein Pult niederzu- sezen, um sich entweder mit seinen Freunden und Freundinnen zu unterhalten, oder überfeine Geldgeschäfte zu betreiben, so besorgte Serafine unterdessen die Hausgeschafte. Diese Zer- 125 Zerstreuungen, diese Veränderungen, dieser Genuß der mannigfaltigsten Vergnügen und die auserordeNtliche Liebe ihres Meierö, seine zärtliche Besorgniß, ihr jeden Tag angenehmer zumachen, seine Bekümmerniß, wenn nur ein Schein von Misvergnügen oder Unruhe in ihren Minen hervorblikte— Dieses zusammengenommen, bewirkte eine fast gänzliche Vergessenheit des Klosters, und sie wär-, de ganz giüklich gewesen seyn, wenn sie nur von ihren ÄelrerN Briefe gehabt hätte. Sie erstikte zwar diesen Wunsch vor ihren Meier, allein er war zu scharfsichtig, zu sehr Beobachter- um ihn iricht in ihrem ganzen Betragen zu lesen, Meier bemühte sich daher, diesen Wunsch noch zu erfüllen. Und hier that ihm Karl die besten Dienste. Er stimmte nach und nach die Gemüther seiner Aelrern herab, die erste Hize war vorbei, noch ein Sturm auf ihr Herz, und sie erlagen. Kart hatte von seinen Aeltern die Erläubniß erhalten, sich mit Karolinen vermählen zu dürfen. Ehe er mit seiner Gattin zur Garni- -son zurükreiste, flehte sie, die gute, sanfte, zärtliche, Serafinen liebende Karoline bei 2 ihren ihren neuen Aeltern um Vergebung für Meiev j undEerastnen» Sie schienen dazu geneigt.> Äarl schrieb dieses sogleich seinem Freunde, s der auch diese Gelegenheit nicht ungenuzt vor- i bei ließ, sondern in einem bald flehenden, bald 1 ernsten Tone um Vergebung anhielt. Die Erzaluug des schreklichen Zustandes, in wel- chem Serafine durch ihrer Aeltern hartes Verfahren und der Oberm Sirenenürief ver- sezt worden, die Erwähnung der Unmöglichkeit, ins Kloster zurükzukchren: Karls und Karolinens Fürsprache bewirkten endlich eine Vergebung, und einen Segen, der Sera- finens Glükseligkeit und Meiers Ruhe um die Hälfte vermehrte. Die guten Aeltern tvolltcn ihre Kinder auch nicht m dir geringem Ungewißheit wegen ihrer Vergebung lassen. Sie beschlossen-lso— und vorzüglich war daran die zärtliche Mutter Schuld— zu ihnen zu reisen, und mündlich beide ihrer Liebe zu versichern. F...., war ihnen zu tveit, sie wählten daher zu dem Orte ihrer Zusammenkunft W...., wohin der Vater Karln und Karolinen, Meier und Sera- stlsp aber ihren Konstantin, und Karoline zu ^ rs? zu kommen gebeten hatten. Sie trafen alle an dem bestimmten Tage ein. Gottwelche Freude', welche Wonne für diese theils durch Bande des Bluts, theils durch zärtliche Freundschaft vcrschwisterre! Ich überlasse einem bessern Künstler, diese herrliche Szene zu zeichnen. Sie blieben acht Tage zusammen, und jeder Tag gewährte ihnen neue Vergnügen. Sie trennten sich tnit thränenden Augen. Serasinenö und Meiers Glükseligkeit ging nun nichts ab« Sie verlebten ihre Tage In Ruhe und Vergnügen. Täglich nahm Serasine an Einsichten und aufgeklärter» Neligivnsbegriffen zu, und dies erstikte jeden Wr-ssch der Rükkehr ins Kloster. Sie vergaß sogar in Meiers Umarmungen, daß sie jemals in diesem engen Behältnisse verschlossen gewesen. Ihr Leben war einförmig, aber glüklich. Sie schrieben fleißig an ihre Aeltern, ihre Freunde und Freundinnen, und dies gewährn ihnen nicht wenige Vergnügen. Nach Verlauf eines Jahrs wurde ihr Band noch enger geknüpft. Sie war Murr 3 2 ter, dies vermehrte ihre Freuden, und nichts 2 störte ihre Glükseligkeit. Nur dann und wann verbitterte der Gedanke von äouisens Elende im Kloster ihre Freuden. Louise war noch immer Karolinens vertraute Freundin, und sie schüttete vor ihr die geheimsten Leiden ihres Herzens aus. Ohncrachtet Karoline ihr so sehr widerrathen harre, ins Kloster zu gehen, so hatte sie doch ihren freundschaftlichen Rath nicht befolgt. Schon harre sie fest beschlossen, ihre Jungfräulichkeit Gott, und der heiligen Jungfrau zu opfern, Jesum^ zu ihrem ewigen, alleinzigen Bräutigam zu, wählen, als die Entführung und Flucht ihrer, Schwester, und der nun so ganz gewisse Ver-, tust des Einzigen, den sie liebte, sie nur noch. mehr bestimmte, die Stelle ihrer vermeinten§ meineidigen Schwester zu ersezen, und die, ihr von Gott zugedachte Krone zu erringen.§ Allein sie empfand gar bald die Schwere ihres neuen Standes. Anfangs braußte ihre Liebe und Frömmigkeit noch so sehr, daß sie alle niederträchtige Behandlungen der Nonnen, alle Schwierigkeiten des Klosterstandes mit völliger Ergebenheit und Geduld ertrug- Allein r-9 Allein nach und nach verglühte dieses Feuer, und sie sah alles mit andern Augen an. Schaam, misverstandene Ehre, Zuredun- gen, Versprechungen, Hofnungen in der Zukunft hielten sie zurük, wahrend des Noviziats einen Stand zu verlassen, der nur Schwärmerinnen, oder Einfältigen, oder Heuchlerinnen, oder solchen, die um des guten Tisches willen ihn wälten, behagen kann. Sie schwur die unwiderruflichen Gelübde. War ihr dieser Stand während des Noviziats schon schwer zu ertragen gewesen, so erlag sie izt gar unter der Bürde, der sie sich unterzogen hatte. Während des Noviziats erleichterte der Gedanke von noch habender Freiheit ihre Leiden, nach abgelegten Gelübden vermehrte das Bewußtseyn von der Unmöglichkeit, jemals davon befreit zu werden, sie mehr denn um die Hälfte. Meier hatte auf ihr Herz einen so tiefen Eindruk gemacht, daß sie trotz aller ihrer Bemühungen nicht aufhören konnte, ihn zu lieben, und Serasinen des GlükeS wegen zu beneiden, welches ihre Einbildungskraft ihr noch gröser machte, als es wirklich I Z war. war. Auch Karl und Karoline— ihre l, einzige Freundinn— die so ganz glükliche« Tage lebten, erinnerten sie durch die vielen§ Beschreibungen von ihrer Wonne, an den l grosen Verlust, an das grose Opfer, welches sie r gebracht. Sie härmte sich von Tag zu Tag l immer mehr ab, und ihre Reize verstehen, b wie die Blätter der verblühten Rose. Nur r dem Himmel durfte sie ihre Leiden klagen, weil^ sie nur selten ihr Herz ihrer Freundinn Ka- k roline ausschütten konnte. Wir bedauern den Verlust der Briefe, die dieses unglükli- che Mädchen an ihre Freundin schrieb, um so wehr, da wir dadurch nicht nur einige geheime Falten des menschlichen Herzens hätte»* entwikeln, sondern auch manches junge Mäd-^ chen von einem Schritte zurükhalten können, der nie andre als gefährliche Folgen haben kann. Äarolme war zu sehr Freundin» von Serafinen undAteiern, um ihnen nicht die Leiden ihrer Schwester zu entdeken. Dieß verbitterte dann diesen beiden Liebenden manche Stunde, die sonst—- so wie alle übrige Stunden blos Vergnügen gewährt habe» würde«, Und so verstoß ein ganzes Zahr läng rzi lang ihr Leben. Kein Unfall störte ihre Seligkeit. Nun aber kam die schrekliche Stunde, wo auf einmal ihre ganze Giükse- kgkeit zerstört werden sollte. Der Feind der menschlichen Ruhe sahe diese Glüklichen, und beneidete sie wegen ihrer Zufriedenheit.. Hr blies also einen teuflischen Anschlag irgend^ nem Mönche*) ein. Unsere Leser werden die 'Ausführung desselben in folgenden Original- briefen finden. 42. An Konstantin. vermaledeit sey der Bube, der sie zuerst dachte diese Schandthat, Fluch der Hölle über ihn, ewig sey seine O.uaal, und die Erbar- fining versage ihm ihr Mitleid. Ha! hat: 2 4 ke *) Der wahre Urheber ist nie entüekt worden. Allein der gegründetste Verdacht fällt aus den Pater-.. einen Augustiner Mönch, der er Ler Beichtvater im Kloster war- Ein sehr Modoxer, bigotter, abergläubischer Mann, dess.n Seele so schwär; iß, als jene des alle zrmeinen Feindes menschlicher Ruhe. ?Z2 te ich ihn, hätte ich ihn hier, o! gib sie mir wieder, gib sie mir wieder. Sieh! wie ich hier vor dir liege, wie ich flehe, wie ich winsele, habe Erbarmen, gib sie mir wieder ha! du lachst, du spottest meiner Thränen— sie soll dich ergreifen meine Rache, sättigen will ich mich an deinem Blute, mich weiden an deinen Quanten— Ich komme Weib, ich komme, will dich erretten, aus den Klauen der Verruchten. Wie sie sie martern— haltet ein ihr Henker, schont meines Keibes, Meier, 4?' An Konstantin, ^ch bin in einem Zustande gewesen, der sich nicht beschreiben läßt, habe gelitten alle die Quanten, welche die Seele eines Menschen zu leiden fähig ist, o! Freund, wie unabseh- lich elend bin ich geworden— Gott, was harre ich verbrochen, um so hart gestraft zu werden! Ich will sehen,' ob ich dir eine Erzälung meines Unglüks werde machen können, und denn. denn rathe mir, zeig mir ein Mittel, zeig mir einen Weg, und wüßtest auch du keines, o so lüge mir eines, damit ich nicht wieder in Verzweiflung falle. Man hat wir gesagt, ich hätte schon einmal an dich geschrieben, ist es wahr? habe ich dir geschrieben, daß man mir meine Seräfine geraubt hat? Ruhig, froh darüber, daß Seräfine glüklich ihre Giükseligkeit fühlte, und ganz beruhigt war, floß ein Tag nach dem andern in seliger Zufriedenheit dahin. Wie war ich so glüklich! beneidete nicht die Reichen um ihre Pracht, nicht Könige um ihre Thronen, aber sie sdllte nicht lange dauern diese Seligkeit. Schon brüteten die Verworfenen ihre schwarzen Anschläge, und es gelang ihnen, Sie haben meine Seligkeit zerstört, mich getrennt von dem Weibe meiner Seelen, freudenleer meine Tage gemacht— und mein Weib, mein armes Weib'.— was wird sie leiden—'. Als ich dir den lezten Kuß gab, und du mir sagtest: Lebe wohl Lieber, und sey recht vergnügt, ach', da ahndete es mir nicht, daß das dein lezter Abschied seyn sollte. Es war 4 Uhr Nachmittags, als ich zu einem guten Z^ Freunde IZ4—- Freunde ging, der mich gebeten, den Abend bei ihm zuzubringen. O hätte ich sie doch mitgenommen, wäre sie doch mit mir gegangen, aber sie wollte, konnte nicht in eine Gesellschaft gehen, die aus lauter Mannspersonen bestand. Gegen n Uhr kam ich wieder zu Hause. Zm Hause war alles still, kein Licht brannte, die Thür war unverschlossen, ich rief, es antworte mir niemand. Ist denn meine Frau ausgegangen? fragte ich meinen Bedienten, der bei mir war, und befahl ihm Licht anzuschlagen, er antwortete mir, daß er feit 5 Uhr nicht zu Hause gewesen, weil er gewußt, daß ich erst spät zu Hause kommen würde. Das Licht kam, alles war unversehrt, und in der Ordnung, wie ichs verlassen hatte; aber weder Frau noch Magd waren zu hären, nur der arme Wurm, die Frucht von Serafinenö Liebe. Ich fchikte bei allen, bei welchen ich nur irgend glaube» konnte, daß meine Frau hingegangen seyn könnte, nirgends hatte man sie gesehen. Endlich sagte mir einer von den Nachbarn, daß gegen 8 Uhr ein Wagen mit 4 Pferden vor meinem Hause angekommen sey, her gleich darauf '!Z5 auf wieder abgefahren, wer aber darum gesessen, wisse er nicht, weil es schon ziemlich dunkel gewesen. Nun fiel sie weg die Schuppe von meinen Augen, und ich sah das ganze Bubenstük, wie mir da ward, was ich empfand— Freund! das kann ich dir nicht schreiben— keine Menschenzunge kann es aussprechen dies Gefühl, das mein Innerstes zerriß. 24 tobte, raßte, unternahm zehn Sachen, und konnte nicht eine ausführen. Meinem Bedienten ward Angst wegen meines Lebens, meine Nachbarn bewachten mich als einen Rasenden. Sie hat sich gelegt die Raserei, aber tief sizt in meiner Seele der Gram, sein Gift tLdet minder rasch, aber tödet sicher. Was soll ich thun,' Freund, was soll ich machen, um sie wieder zu erhallen, sie meine Serafine? Besizen muß ich sie wieder, muß sie erretten aus dem Rachen der Verruchten, und sollte ich sengen und morden, so lange sengen und morden, bis die ganze Welt eine Flamme ist, und Menschen- hlur neue Ozeane macht. Meier, 44. An IZ6 44- An Karl». ^ch habe ein Weib, und du eine Schwester zu retten. Auf! vereinige dich mit mir, und wir wollen sie aufsuchen, wollen sie finden, und hielt Tirannei sie in ihren verborgensten Kerkern. Ich habe genug geweint, genug gewinselt, aber nichts gethan, izt keine Thräne mehr, aber Thaten, Thaten sollen es zeigen, daß ich ein Mann bin, rächen will ich mich an der Brüt, mein Weib aus ihren Klauen reisten, und über sie hohnlachen. Du verstehst mich wohl nicht, meynst wohl gar, ich rase? nun so höre: sie haben mir mein Weib entführt, Serafine ist mir geraubt. Zst's dir nun deutlich, wirkt's auch bei dir? gut, wenn es wirkt, wenn auch ein Funke von dem Feuer, das mein Mark verbrennt, dein Blut kochend macht. Daß dieser Streich vom Kloster kömmt, brauche ich'dir ja wohl nicht zu sagen. Aber wo ist sie? in welches Kloster haben sie meiste Serafine gebracht? dieß bemühe dich zu erfor- 1z7 erforschen, aber zaubere nicht lange, denn wisse, daß jeder Tag die Leiden deiner Schwer ster vermehrt, jeder Tag mich dem Grabe näher bringt. Meier. 45- An Serasineris Vater. ^Hch muß ihnen neue Wunden schlagen, bluten wird ihr Herz bei meiner Nachricht, wird Theil nehmen an meinem Jammer. Als ich «inst ihre Tochter entführte, und sie da auf mich zürnten, mir ihre Vergebung versagten, da war ich traurig, mich jammerte ihre Betrübniß. Sie wußten aber doch, daß ihre Tochter in den Händen der Liebe war, und daß es nur bei ihnen stand, uns Ruhe und Glük zugeben. Aber izt—ha! izt haben Furien sie in ihren Klauen, gefühllose Henker martern den liebenden Engel. Wer wird mir izt helfen, wer Ruhe und Trost in dieses zerrissene Herz bringen? Mit Schaudern gehe ich an die Erzälung meines Unglücks, bebe bei der Erinnerung des schreklichen Tages, doch doch sie müssen sie wissen, müssen sie ganz wissen die traurige Geschichte.*) Ich sehe ihre Thränen, höre das Winseln der gebeugten Mutter, ha! fluchen sie nicht, fluchen sie nicht ihren Sohn, mitleideswürdi- ger Mann, haben sie Mitleiden mit meinem Jammer und schaffen sie Hülfe, Lassen sie uns gemeinschaftlich arbeiten, alles anwenden, um den Ort ihres Aufenthalts zu erfahren, und weiß ich nur den— dann soll sie mein seyn, ich will sie erretten, oder dabei umkommen. Meier. 46. An Meiern. §ieber unglüklicher Freund! womit soll ich dich trösten, was kann ich thun, um deine Leiden zu heben, um Ruhe und Zufriedenheit dir wieder zu geben? Dein Schiksal ist hart.§s ist hart, sich getrennt zu sehen von der Freundinn seines Her- «)Hier> folgt die Srzäluttg der Entführung, badet Leser diese sch».-, aus dem vorheraeheuden Briete weif, so haben wir solche hier weggelassen. —- tzz Herzens, von dem Weibe seiner Seelen, von der Mutter des hülfiosrn Kindes. Ich fühle all den Jammer, der dein Innerstes zerreißt, fühle die ganze Größe deines Verluste. Weh dem, der es trennte dieses Band, der Verzweiflung in deine Brust senkte, und gramvoll deine Tage machte! So gerecht aber auch dein Schmerz ist, lieber Freund, so fordert es deine Pflicht, so fordert doch selbst die Liebe zu deinem Weibe, dich demselben nicht ganz zu überlassen. Wenn Gram deine Kräfte verzehrt, Verzweiflung dich aufs Krankenlager wirst; wer soll dann deine Se- rafine retten? wer die Fesseln deines WcibeS zerbrechen? Ermanne dich demnach, Freund! sei stark um deines Weibes willen, hier hilft nicht Gewalt, nicht toben, nicht rasen, nur List und Klugheit. Sollte denn Serahnens Kerker allein so verborgen seyn, daß Liebe und Freundschaft ihn nicht ausspüren könnten? Nur Muth, nur Geduld, Lieber! unk sie wird wieder dein werden.' Ich will alles anwenden, will forschen und suchen, und haben wir ihn entdckt den finstern Ort ihres Aufenthalts, dann Freund, dann rechne auch auf 140 auf den Beistand meines Arms. Lebe wohl, i Lieber! bemühe dich ruhig zu werden, und^ denke fest den Gedanken, daß der Liebe und Freundschaft nichts unmöglich ist. Konstantin. 47- An Meiern. ^ier hast du meine Hand, Bruder, ich will nicht eher ruhen, nicht ehrr rasten, bis ich entdekt habe, wo sie ist deine Serastne, wo die Bosheit sie hingeschleppt hat. Wie es wohl triumphirt das hämische Gezüchts, und! sich freuet seiner Klugheit, aber Rache komme über sie, ihre Freude soll sich verwandeln in Wehklagen, und ihr Triumph in Zahn- knirschen. Ich reise morgen zu meinem Vater, will dann gleich ins Kloster gehen, will mit Louisen sprechen, will forschen, will sehen, ob ich nichts erfahren kann; tief in die Seele der alten Oberin will ich schauen, und wenn sie sich verräth, wenn eine Mine von ihr nur sagt, daß sie um das Vubenstük wisse-- Bald sollst du wieder Nachricht von mir haben, —— i4i ben, oder ich komme selbst zu dir. Von Konstantin wirst du selbst Nachricht haben. Karl. 48. Serafinens Vater an Meiern. ^ch sehe die Hand des rächenden Gottes, und beuge mich unter seine Ruthe. O! mein Sohn, mein Sohn! ich will dir nicht stur chen, will dir keine Vorwürfe machen, ich vergeb dir deine Sünde, aber er vergab sie dir nicht, er, der da sagt: Zrre dich nicht, Gott läßt nicht mit sich spotten. Flehe du ihn au diesen Gott um Gnade und Erbarmen, haß «r tilge deine Missethaten. Meine arme Tochter, meine Serafine, warum hörtest du die süßen Reden deines Verführers, und brachst Leine Gelübde? Armes Mädchen', wie du wohl winselst, dich härmst, um Erbarmen flehst, und ach! wohl kein Erbarmen findest! Ach, mein Herr! wie unglücklich habdn sie uns gemacht— doch ich habe ihnen vergeben, und bedaure auch sie, suchen sie sich zu trösten, wenn es möglich ist. Mir würde es ein grpr K st» 142 ser Trost seyn, wenn ich nur wüßte, wo meine Gerafine sey, vielleicht könnte ich ihr ihr Schiksal erleichtern, aber ich werde es wohl nicht erfahren. Nun Herr, dein Wille geschehe, erbarme dich nur meines Kindes, und vergib ihr ihre Sünden. Leben sie wohl, mein Herr, ich werde auch für sie beten, auch für sie um Trost und Stärke flehen, leben sie wohl. Umsonst war Karls, war Konstantins, war des guten Vaters Bemühen. Kart flog zu seinem Vater, flog zu Louisen, ent- dekte ihr das Bubenstük; sie beweinte Se° rafinenö Unglük, aber sie behauptete— in einem Tone, mit einer Mine, die Kürln versicherte, baß es Wahrheit sey, was sie sagte,— daß sie nichts davon wisse, ja! sst versprach sogar, alles anzuwenden, um «Serafinens izigen Aufenthalt zu entdekcn. Auch besprach er sich mit der Oberinn. Sie betheuerte bei dem Ewigen, daß sie nichts von Serafinen wisse, daß sie selbe beklage, daß es unmöglich von Nonnen herrühren könne, nnd was sie noch alles schwazte. Karl 145 Karl sah lief in ihre Seele, und glaubte die Heuchlerin zu finden, glaubte in allen ihren Zügen und Minen die Bosheit zu lesen. Aber was half das? Konstantin und der Vater entdekten gar nichts. Meier war glüklicher. Er übergab sein einziges Kind, das geliebteste Unterpfand der Liebe seiner Serafine, der Aufsicht eines gutherzigen Mütterchen, und ritt, begleitet von seinem treuen Jaksb, einige Meilen weit auf derjenigen Straße, welche von F.... nach dem Kloster führte, ohne nur eine Spur von einem Wägen zu finden. Die Räuber hatten mit gutem Vorbedachte Nebenstraßen gewählt. Allein neun Meilen von F... fand endlich Meier eine Spur. Man erzählte ihni nemlich, daß an dem und dem Tage in der und der Stunde ein Wagen tnit vier Pferden bespannt- durchgefahren, daß der Kutscher sehr geeilt, daß aber der Wagen verschlossen gewesen, man also nicht habe sehen können, wer därinn gewesen. Er ritt unermüdet weiter nach, und traf endlich in dem Wirthsr Hause ein, wo sie übernachtet. Man beschrieb ihm Serastnen so genau, daß er nun nicht K ä Mehr 4i4 mehr an der Wahrheit zweifeln konnte. Sie hatte, sagte man ihm, beständig geweint, zwei alte Leute und ein junges Mädchen, das Meier für die Magd erkennte, sey bei ihr gewesen, und diese haben sie nie verlassen. Ohne auf diese Leute weiter zu hören, ritt er eiligst davon, nachdem er sich vorher nach dem Wege erkundigt, welchen sie ohngefähr genommen haben möchten. Er verfolgte ihre Straße, sie führte gerade zu dem Kloster, in welchem Serafine gewesen. Noch zwei Meilen war er davon. Zn der Hize der Leidem schast schäumend vor Zorn, Rache und Wuth, verlangend Serafine zu rette«, zu erlösen von ihrem Leiden, sie zu umarmen, und von den Tirannen zu befielen, beschloß er, gerade auf das Kloster zuzureiten, und daraus mit Gewalt und Macht Serafinen zu retten.„Hast du Muth? schrie er auf einmal seinem Jakob zu, willst du mit mir etwas wagen?,, „Alles, Alles, erwiederte Jakob, mein Leben geb ich willig für das ihrige.— ,, „Nu! so komm! und hilf mir meine Serafine erlösen. Wir sind beide mir Degen und Pistolen bewafnet. Komm! wir wollen das l45 das Kloster stürmen, wollen Thür und Thor - aufsprengen, wollen die Nonnen so lange quälen, martern, peinigen, würgen, bis sie mir meine Serafine wieder geben.„ „Gnädiger Herr', antwortete Jakob, erlauben sie mir, ihnen einige Vorstellungen zu machen. Ich zweifle nicht, daß Serafine im Kloster ist; aber glauben sie denn, dass wir sie finden werden? Sie ist gewiß in einem verborgenen Gefängnisse eingeschlossen. Wir können das ganze Kloster durchsuchen, ohne sie zu finden. Und wenn wir unglüklich— übermannt— in diesem Lande der Obrigkeit ausgeliefert— als Räuber, als Staatsverbrecher behandelt würden'.— Bedenken sie, daß sie Vater sind; bedenken sie, daß sie durch diese Ueberetlung ihrer Serafine— sie mögte nun gerettet seyn oder nicht, einen treuen zärtlichen Gatten entrissen. Lassen sie mich also allein hineilen, lassen sie mich allein der Gefahr aussezen, ich will entweder mit List oder Gewalt ihre Serafine retten. Ich habe nichts, was mich an diese Welt fesselte, und ich wage mein Leben willig für ihre Ruhe und Zufriedenheit. Gehen sie zu SerafinenS Vater, -- Kz und 146 und erwarten sie da, was ich ausgerichtet habe. Lassen sie sich zureden.„ Lange blieb Meier noch unentschlossen. Liebe zuSerafinen trieb ihn auf der einen Seite an, so wie ihn die Liebe zu seinem Kinde, und des treuen Jakobs herzliche Zündungen und Bitten zurükhielten, Er erlangte die Fähigkeit zu überlegen wieder, und beschloß endlich Jakobs Rath zu befolgen; allein er wollte seinen treuen Diener nicht der Gefahr aussezen, und so sehr ihm dieser auch anlag, so zwang er ihn doch, mit ihm zu seinem Schwiegervater zu eilen, dessen Wohnung eben nicht weiter, als das Kloster entfernt war. Sie kamen bey den betrübten Aeltern an. Auch Karl war noch da, Sie erzälten ihm ihre vergeblichen Bemühungen, er entdekte, daß er die Spur gefunden, und Serafme sich im Kloster befinde,„Auf! rief er, lieber Karl! Komm, wir wollen eine Gattin, eine Schwester den Tigern entreissen.,, Haltet ein, Kinder! rief der Alte, haltet ein, und stürzt euch nicht umsonst in ein unvermeidliches Unglük. Sie sind hier nicht sicher, lieber !47 lieber Sohn', werden sie entdekt, so machen sie sich, ihr Kind und meine Tochter nur noch unglüksicher. Drum folgen sie meinem Rathe, entfernen sie sich von hier, verhallen sie sich ruhig, und erwarten mit Geduld, was die Vorsicht über sie verhängt hat. Verlassen sie sich auf mich. Ich werde unsern Landesherrn, unsern Bischof angehen. Er ist gütig, ist gerecht, ihn werden die Thränen meiner Augen, das Leiden des rechtschaffnen Gatten, das Schreien des hülflvsen Waisen erweichen, er wird sie aus den Klauen der T" ranninnen erlösen, wird sie von ihren Gelübden entbinden, und dann können sie friedlich in meinem Hause mit meiner so geliebten Tochter leben.,. Ungern, aber gezwungen durch die Bitten des Vaters, durch die Thränen der Mutter, verließ Meier diese Gegend, und reiß» zu seinem Kinde zurük. Nur die Hof- nung seine Geliebte wieder zu besizen, nur das Betrachten seines Kindes, das so sehr Serafinen ähnelte, konnten einigermaßen seine gerechten Leiden lindern. Der Alte verfügte sich selbst ins Kloster, behauptete, daß seine Srrasine im Kloster sey, beschwor die K 4 Oberinn. ?4Z Oberinn, sie ihm zu zeigen, sie von dem Gefängnisse zu befreien, und da Bitten vergeblich waren, fezte er Drohungen hinzu, allein sie beharrete fest darauf, daß sie von ihr nichts wisse. Er überreichte dann dem Landes- Herrn und Bischofs eine Bittschrift. Dieser großmüthige Menschenfreund befahl der Oberinn, Serafinen frei zumachen, sie beharr- « auf ihren Leugnen, er ließ das Kloster durchsuchen, vergeblich! man fand sie nicht. Er versprach dem Vater, sie von ihren Gelübden zu entbinden. Was half dieß? Man wußte nicht, wo Serafine sich befand. Der innerliche Zustand von Serasinens Acltern war erbarmenswürdig. Louise ging von Tage zu Tage dem Grabe näher, und «erafinens Schiksal trug nicht wenig dazu bey, sie noch unglüklicher zu machen, als sie es vorher schon war. Wie mußte dieses nicht schon die liebenden Aeltern niederbeugen? Nun kam noch die Ungewißheit von Serafinenö Schiksal, die ängstliche Muthmaßung, daß sie in irgend einem finstern Loche, unter der Tirannei der Nonnen ihre schönsten Tage verseufze, zu diesen 149 sen Leiden— und dieß war zu viel für liebem de Aeltern. Die gute Mutter erlag unter der Heftigkeit des Schmerzes, und starb in Ungewißheit wegen des Schiksals ihrer Tochr ter. Der alte Vater ertrug standhafter seine Leiden. Der Gedanke an die allgütige Vor» ficht richtete ihn auf. Za er war so weise, daß er so gar den guten Meier mit Hofnum gen hinhielt, ihm schrieb, man sey auf der Spur Serafinen zu entdeken, werde sie ger wiß finden. Er wollte wenigstens Meiern, den er nun wie seinen Sohn liebte, nicht noch unglüklicher machen, als er wirklich war. Diese schmeichelnden Hofnungen, dieses Bewußtseyn der Bemühungen seiner Freunde, der Anbiik seines Kindes, waren zwar nicht vermSgend seine Wunden zu heilen; allein sie linderten doch seine Leiden, hielten ihn von einem Schritte Mük, den der rasche feurige Liebhaber von Schmerz überwältigt, oder in der Hjze der Leidenschaft nur gar zu leicht zu wagen fähig ist. Er versank aber dennoch in eine Schwermuth, die nach und nach auch seinen Körper siech machte. K5 In I 8 r;o'——— In diesem Zustande, der mehr für die Em-, pfindung als die Darstellung ist, verlebte er einige Zeit, ohne von Serafinen etwas an-, ders zu erfahren, als er schon wußte, obschon, weder Vater noch Freunde noch er selbst keine< Mühe erspart hatten. Anf einmal erhielt der Vater von derOber-! rinn eincnBrief nebst einem gcdrukten Zettel,, worinne folgende Nachricht enthalten war:> In unserm jungfräulichen Kloster zu> ist verschieden unsre gelieb-> j teste Mittschwester Scrafine.... Sie legte ihre Gelübde im Kloster zu B..,. ab, ward darauf von einem Offizier, Namens Meier, verführt, und beredet, mit ihm aus dem Kloster zu entfliehen. Sie erkennte aber durch die Gnade Gottes ihren Fehler. Reuevoll verließ sie den Verführer, kam in dieses von ihrer Heimalh so sehr entfernte Kloster, bat uns um Aufnahme, und ersuchte uns angelegentlich, ihren Aufenthalt zu verheimlichen, damit ja nicht etwa ihr Verführer denselben enrdeken, und sie mit Gewalt diesen heiligen Mauern entreißen möchte. Wir hielten es für unsere Schuldigkeit, ihr diese Bitten zu gewähr währen, und die reuende Büsserin wieder aufzunehmen. Sie hak ihre Sünden täglich beweint und durch die Strenge der Busse entkräftet, endlich ihren Geist in die Hände ihres Schöpfers aufgegeben. So gewiß wir nun zwar sind, daß sie alle ihre Sünden auf dieser Erde schon abgebüßt, so sind doch die Gerichte des Herrn unerforschlich. Sir könnte noch Makel gehabt haben, die sie des Hegfeuers werth machten. Wir empfehlen sie daher dem heil. Meßopfer unsrer Brüder, und dem Gebete unsrer Mitschwestern, besonders den geistlichen Jungfrauen nun in dem Kloster, wo sie Gelübde abgelegt hat. ke<;uielc-t in xace.*) Dieser Todenzettel beruhigte von der einen Seite den guten Vater. Er glaubte seine Tochter errettet vom ewigen Tode. Allein von der andern Seite fiel es ihm doch hart, daß er weder ») Mir haben diesen Todenzettel buchstäblich abdrukru lassen, theils um die Heuchelei und Bosheit der Angeber(denn dieNonnen sind, vermöge des fast dem ganzen weiblichen Geschlechte eignen sanften Karakters, hiezu nichts» leicht fähig) begreiflicher zu machen; theils auch, um diekeser zu unterrichten, auf welch« Art allen Orden der Tod einer Schwe, -er«der Bruders kund gemacht wir». IZ2 der den Aufenthalt seiner geliebten Serafine gewußt, noch sie vor ihrem Ende gesehen hatte. Desto härter empfand.Äarl diesen unerwarteten Schlag, da er immer noch geglaubt hatte, sie zu entbeken,' und in die Hände seines Freundes und Bruders zu bringen. Anfangs ließ es seine Betrübniß nicht zu, über dieseü Todenzettel reifere Ueberlegungen anzustellen. Aber nach einer wiederholten Ueberlegung kam «s ihm höchst unwahrscheinlich vor, dass Serafine freiwillig sollte ins Kloster zurükgcgan- gen seyn, besonders, da er gewiß wußte, daß sie nach erlangter Vergebung von ihrenAeltern beständig vergnügt lebte, daß sie ihren Meier und ihr Kind ganz außerordentlich geliebt, und und daß sie zu aller Verstellung und Heuchelt unfähig gewesen. Indeß dachte er auf der andern Seite wieder zu gut von den Menschen, um zu vermuthen, daß dieser Todenzettel eine blose Erfindung sey, sie von fernern Forschen zurükzuschreken. In dieser Ungewißheit blieb er mehrere Tage, fest entschlossen, seinem Meier nichts zu entdeken, um ihn nicht völlig in Verzweiflung zu stürzen, und zu töden. Nach deren Verlauf erhielt er einen Brief, der ihn von « I5Z von seinen Zweifeln bcfreiete. Wir sezen ihn ganz hieher: Mein Herr! ^ch habe zwar die Ehre nicht sie persönlich zu Kennen, aber dem Rufe, und besonders dem Bemühen, dem kümmerlichen Umher- suchen ihrer Schwester Serafine zufolge, sind sie ein ehrlicher., rechtschaffener Mann. Dieses macht es, daß ich ihnen traue, und eine Nachricht ertheile, die ihnen, wenn anders meine Meinung von ihrem Karakter gegründet ist, gewiß einigermaßen angenehm seyn wird. Habe ich mich in ihnen geirrt; so bitte ich sie, meinen Namen auf immer zu verschweigen; wollen sie aber wohl gar so grausam seyn mich zu verrathen; nun! so werde ich auch die Folgen dieser Verratherek, welche allerdings schlimm genug für mich seyn würden, zu ertragen wissen. Wissen sie also, ihre Serafine ist nicht tob, wie sie wohl nach dem Todenzettel, der allenthalben ausgetheilt worden, glauben werden. Auch ich erhielt ihn. Das sonderbare des Inhaltes machte mich aufmerksam, macht« mich ?!4 mich zweifeln. Machte, daß ich an eine Freundin in B.... welche zwar daselbst eine Nonne ist, die aber gewiß die Rechte und Pflichten des Menschen höher schazt, als jene der Nonnen— schrieb, und mich nach Beschaffenheit der Umstände erkundigte. Von daher erhielt ich nun die Nachricht, daß Se- rafine von ihrer Magd verrathen, daß von diesek die Hand zur Entführung geboten, daß sie endlich abgeholt, jener ein ansehnliches Geschenk gegeben worden, daß Niemand im Kloster ausser der Oberinn darum müsse gewußt haben, daß sie diese Nachrichten, sowie Se- raftnens Ankunft und schnelle Fortführung in ein anderes Kloster fremder Diözes durch einen.Zufall erfahren- daß man endlich. Se- raftnenö Tod ausgesprengt, um nur vor fernerem Suchen sicher zu seyn: Daß Sera- ftne noch lebe, daß sie aber ihren izigen Aufenthalt nicht wisse, weil sie bald aus dem einen in das andere Kloster geschleppt werde. Nur wenige Nonnen. schrieb sie mir zulezt, wissen von diesem Geheimnisse, weil man befürchtet, es möchte verrathen werden. Ich habe mich bisher umsonst bemüht, ihren Ausritt- 155 enthalt ausfündig zumachen: so viel kann ich ihnen aber versichern, daß diese Nachricht gewiß ist. Ich habe mich über die Vorur- theile meiner Glaubensgenossen hinweggesezt, und die Pflichten des Menschen eher erfüllen wollen, als jene, des Mönchs. Benuzen sie diese Nachricht, und bemühen ste stch, ihren Aufenthalt zu entdeken, auch ich will alles mögliche anwenden, sie aufzufinden. Nur lassen sie sich dieses einzige noch rathen, daß mir List und Klugheit weit mehr ausgerichtet wirb, als mit Gewalt. Spielen sie eine Zeitlang die Rolle des Frommen, so werden sie gar leicht aus der Oberinn das Geheimniß herausloken. P. Benediktus M. Die,. Nachricht versicherte Karln von dem Leben seiner Schwester. Denn was hätte dieser Geistliche wohl für Absichten ha- benkSnrieN? Und wenn er diese Nachricht mir dem Inhalte des Todenzettels verglich; so verschwanden alle Zweifel. Hvfnung belebte ihn von neuem. Er eittdekte diese Neuigkeit seineiir weinenden Batet, der schwer zu bewegen l;5 gen war, sie für wahr anzunehmen, weil er noch nicht schlimm genug von den Menschen zu denken gelernt hatte. Nun glaubte Karl ohne Gefahr seinem Meier diese Büberei entkeim zu können- Er Pakte also den Toden- zettel und den Brief des P. Benediktus ein, und schikle alles an Meiern ab. Meier riß begierig, nach Nachrichten von seiner Geliebte, den Brief aus einander. Zum Unglüke war der Todenzettel das erste, was ihm in die Augen fiel. Gerafine tob!— Er stürzte, wie vom Schlage getroffen, in eine Ohnmacht hin, aus welcher ihn sein treuer Jakob wieder weite. Warum hast du mich, sprach er, nachdem er wieder zu sich selbst gekommen war, warum hast du Mich zu neuen Leiden zurük gerufen? Konntest du mich nicht bei Serasinen lassen?— Jakob hatte entweder aus Neugierde, oder auch aus der Absicht, die Ursache dieser schnellen Ohnmacht zu wissen, in den Briefen geblättert, und den Todenzettel nebst den andern Briefen durchlesen. Er fand also, daß die Nachricht von SerasinenS Tod blos erdichtet war. Sobald Meier wieder zu seinen vorigen Kraft r;7 Kräften gelangt war, sagte er ihm also, Se- rafine ist nicht tod, gnädiger Herr! lesen sie doch die andern Briefe. Es ist eine bloss Erfindung, um sie von fernerem Suchen zu- rükzuhalten. Was sagst du? Serafme lebte? Siehst du hier nicht den Todenzertel? Lange mußte sich Jakob Mühe geben, bis er endlich las. Allein die erste Nachricht hatte einen so tiefen Eindruk auf ihn gemacht, daß ihm Äarlö Brief sowohl als jener des P. Benediktö blos eine Erfindung schien, um ihn den Schmerz nicht so fühlbar zu machen. In der Verzweiflung schrieb er an Karl«, der ihn aber bei seiner Freundschaft versicherte. Laß die Nachrichten der Nonnen blos erdichtet, die srinigen aber wahr seyn. Wir können unmöglich den Zustand schildern, in dem sich Meier befand. Jakob» dieser treue Diener, verlies ihn niemals, weil er befürchtete, er möchte sich überwältigt, von der Heftigkeit seiner Leiden, zu einem Schritte entschließen, den in dergleichen Fällen schon manche Jünglinge gewagt haben. Und wirklich berechtigen auch die abgerissenen Gedanken, die Meier dem Papiere anvertraute, und L die r;8 Licman nach seinem Tode unter seinen Schrei- bereien gefunden hat, zu sagen, daß er sich oft von der Zulassigkeit des Selbstmords zu überzeugen versucht, und daß er vielleicht diese That vollbracht haben würde, wenn ihn nicht die Hofnung, seine S-rafine noch jemals wieder zu besizcn, und der Anblik seines einzigen geliebten Kindes, davon zurükgehalten hätte. Finstere Schwermuch herrschte doch immer in seiner Lz berr ,62 berdrüßig aber dieses Leidenvollen Lebens, ge- riech er auf einen Abweg, den Jünglinge in dergleichen Fallen msistentheils betreten. Er beschloß, in einer einsamen, öden Karkhäuser Zelle*) sein Leben zu beschließen, nicht etwa, um seine Sünden abzuweinen, sondern blos um sich desto mehr mit seiner Geliebten beschäftigen zu können, um desto eher ihr zu folgen. Er schrieb a nden Karthäuser Prior zu N... erzählte seinen Lebenslauf und bat um Aufnahme, die ihm denn auch der gutherzige Prior freudevoll ein verirrtes Schaaf, in den wahren Schaafstall wieder zurükführen zu können, bewilligte. Nach Verlauf von fünf Monaten, sollte Meier ins Kloster kommen, und den geistlichen Habit anziehen. Bekanntermaßen ist berKarthLu ferorden(den be ka Trappe ausgenommen) der strengste, in der römischen Kirche. Sie erfüllen eigentlich die Regel des heil-Bencdlkts ganz genau; essen nie Fleisch, tragen ein härenes Hemde, muffen sich oft geiseln, dürfen nur selten, und nie ohn« Erlaubniß mit einander sprechen; sollten nie mit Fraucnrimmern reden, und ihr Gruß, den Statuten gemäß, nur seyn: Ge denk'an den Tod. Ei« Orden, dessenGeseze Pv«l der Barbarei des Zeitalters zeugen, ist pem er Mistet Warb, hen. verhcelte sowohl seinem Konstantin, als Karin, seinen neuen Entschluß, weil er vorher sah, daß sie die Ausführung desselben nie zugeben würden. Sobald er von seiner Annahme Gewißheit erhalten, beschäftigte er sich damit, seine Sachen in vollkommene Ordnung zubringen. Er machte ein Testament. Sein ganzes Vermögen fiel Konstantinen und Karin anheim; jedoch waren sie verbunden, jedersei- nem Jakob, so lang erlebte, hundert Thaler, und wenn Jakob eine Frau oder Kinder hinterlassen würde, die Hälfte Lebenslang zu geben. Er Pakte alle seine Briefschaften und Schriften zusammen. Kurz, er machte solche Anstalten, als wenn er ganz aus der Welt scheiden wollte. Die bestimmte Zeit kam. Meier verschwand, und folgender Brief, den er auf seinem Tische versiegelt zurükließ, benachrichtigte seine Freunde, aus was für Gründen, und wohin er gegangen. Meine Freunde! ^ie Unfälle, welche mir in meinem Leben begegnet, sind zu groß, als daß ich sie mit Stand- haftigkeit, Muth und Geduld ertragen könnte. L 4. 24 räch Ich verschließe mich in der einsamsten Zelle, in der Karkhauß zu N.... um meine raftne zu beweinen, und mich durch jedes Bild, durch jede Kleinigkeit, die sich in der Zelle befindet, desto lebhafter an die zu erinnern, die in meinem Herzen lebt. Liebt ihr mich auftichrig, so stört meine Ruhe nicht. Laßt mich meine noch wenigen übrigen Tage vermeinen. Habt Mitleiden mit einem Unr glüklichen, und schenkt ihm dann und wann eine Zähre. Solltet ihr ja noch von Sera- slnen etwas erfahren— doch dieß ist ganz unmöglich. Ich bitte euch nochmals, stört meine Ruhe nicht, und befolgt mein Testament. Meier. Meier eilte zum Kloster, warf sich dem Prior zu Füßen, und ward nach dreien Tagen eingekleidet. So strenge auch die Geseze des Ordens waren, so befolgte doch Meier dieselben pünktlich, unterwarf sich aller Züchtigungen, Demüthigungen, ja selbst den kindischen Possen, welche Novizen mitmachen müssen. Prior und Novizenmeister freuten sich des Dü- sers, wenn sie schon nicht unterlassen konnten, ihn »65 ihn det ihnen bekannten Entführung wegen harter zu bestrafen, als sie sonst gethan haben würden. Meier ertrug alles, klagte nie, murr- ke nie. Er verweinte und verbriete den ganzen Tag. Erschrcken und bestürzt war Karl, als er seinen Meier nicht fand. Schon glaubte er, daß Verzweiflung ihn an irgend einen, Plazchen begraben hätte, als Jakob ihm obigen Brief brachte. Guter Meier! rief er aus. Eine mitleidige Zähre quoll aus seinen Augen, und er konnte ihn nur bedauren. Er schrieb an Konstantin diese Nachricht, worüber er und Karoline nicht wenig bestürzt wurden. Jakob war auserordentlich betrübt, daß er künftig sein Leben ohne seinen Herrn beschließen sollte, und er bot sich Karin an, in die Kar- thauß zu reisen, und zu versuchen, seinen Herrn davon zurükzubrrngcn, ehe er noch Gelübde ablegte, wo es alsdenn zu spät seyn dürfte. Karl willigte ein, und sowol er als Konstantin gaben ihm Briefe mit, in denen sie ihm alle die Folgen seines Schrittes vorstellten, und L 5 bei 166 bei Serasinens Liebe beschworen, in ihre freundschaftlichen Umarmungen zurükzukehrcn. Mit diesem Brief eilte er zu seinem Herrn.' Gott! wie entstellt war er nicht. Blaß, von innerm Gram verzehrt, entstellt stand er da, und sang Psalmen. Kaum erkannte ihn Jakob. Vierzehn Tage bemühte er sich vergeblich, ihn zu sprechen. Endlich traf er ihn im Kreuzgange, als er sich eben Wasser holen wollte. Meier erkannte seinen Jakob, und wollte entfliehen. Aber Jakob faßte ihn, und zwang ihn gleichsam, den Brief zu lesen.„Ach s liebster, bester Herr! bat er ihn, kommen sie mit mir zurük, izt da sie noch frei sind.,, Meier hieß ihn schweigen, und Jakob gehorfamte. „Reise wieder hin, sagte Meier, nachdem erden Brief gelesen hatte, zu meinen Freunden, und sag' ihnen, daß sie meine Bitten im ersten Briefe erfüllen möchten.„ Er drehte sich herum, ohne auf das Schluchzen, und Bitten und Wimmern Jakobs zu hören, ging er nach seiner Zelle zu. Jakob blieb noch einige Tage da, aber er sah seinen Herrn nicht mehr, vitü reiste also betrübt nach Hause. Mei- r6? Meiers Freunde beklagten ihren Freund- aber sie konnten ihm nicht helfen, da er keine Hülfe hüben wollte. Sie befolgten also in sofern sein Testament, daß sie von seinen jährlichen Einkünften an Jakob das versprochene abgaben, welchem sie es aber fast aufzwingen mußten, das übrige gaben sie Bedürftigen; für sich aber behielten sie nichts. Noch vier Wochen hatte Meier, bis er durch unwiderrufliche Gelübde sich feierlich dem Klosterstande ergeben wollte. Konstantin und Karl versuchten umsonst, ihn von dem Abgrunde hinwegzuführen, in welchen er sich hineinzustürzen beschlossen hatte. Aber auf einmal gab ein Brief, welchen Karl wenige Wochen vor der schon bestimmten Ablegung der Gelübde erhielt, der Sache eine ganz andere Wendung. Der Schornsteinfeger ausL.... schrieb an Karln:„daß er in dem Kloster zuN.... die Schornsteine gefegt, und da von weitem ein Winseln, und Wimmern und lautes Wehklagen gehört habe; er sei- demselben nachge- gam 168 gangen, und habe endlich gefunden, daß diese wehklagende Person ein eingesperrtes Mädr chen sey; er habe sie hierauf befragt, wie sie hieher gekommen, und was sie haben wolle, er sey bereit ihr zu dienen; und sie habe ihm darauf geantwortet, daß wenn er ein Mensch sey, und Mitleiden mit einer Unglüklichen fühle, er nur ihrem Bruder Karl in..... oder wenn dieser nicht mehr leben sollte, dem Hauptmann Konstantin von H in die Nachricht ertheilen möchte, daß Serastne in einem Gefängnisse zu R schmachte. Sie habe ihm hierauf ihre ganze Geschichte erzält; da er aber des Schreibens nicht kundig, so wollte er ihn gebeten haben, zu ihm zu kommen. Er wollte gern alles zur Errettung dieser unglüklichen Person mit beitragen, besonders da er ein Protestant sey.,, Dieser Brief, der in der größten Einfalt geschrieben war, goß Freude in Karls und Karolinens mitleidenden Herzen. Sie beklagten Serafinen, aber sie sahen sie schon errettet, sahen sie schon glüklich. Eiligst schrieb er ,69 er diese Nachricht Konstantinen, und schikre Jakoben an Meiern mir folgendem Briefe ab. Auf'. Lieber! Komm fliehe aus den Klor stermaucrn. Deine Serafine ist entdekt, und schmachtet imGesängisse zu R.... denke nicht, daß dieses etwa eine Erfindung von mir ist, um dich aus dem Kloster zu loken. Nein! so wahr ich dein Freund, und so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, eben so wahr ist es, daß ich gewisse Nachricht davon habe. Du sollst mich nie als deinen Freund ansehen, wenn ich ein unwahres Wort geschrieben habe; und du weißt, wie hoch ich deine Freundschaft schäze. Auf also. Lieber! und hilf deine Serasine retten. Jakob kam in der Karchauß an, als Meier sich schon in den Vorbereitungsübum Zen*) zur Ablegung der Klostergelübde befand. Es ') Man nennt sie Srermien, welche jeder No. vir 8 Taqe vor Ablcgvna der Gelübde machen muß. Während dieser Zeit erfüllt jeder noch weit 172- Es war ihm also garnicht möglich, ihn.zu sprechen. Da er aber von der Wichtigkeit des Inhalts unterrichtet war; so sann er auf eine List, ihm dieses Billet heimlich beizubringen. In den Karthäuserklöstern hat jeder Mönch seine eigne Zelle, zu welcher niemand kommen kann. Der Schlüssel dazu ist abgezogen, und der darinn wohnende Karthäuser hat ihn bei sich. Sie essen nur Sonn-und Festtags zusammen; die übrigen Tage speist jeder für sich auf seinerZelle. D-e Küchenjungen bringen dann Las Essen, sezen es in die Winde, der Karthäuser dreht sie herum, nimmt sein Essen heraus, sezt das leere Zinn wieder in die Winde, welches nun der Küchenjunge aus derselben zurük nimmt, so, dast beide mit einander niemals sprechen, nie einander sehen. Mese Sitte bemerkte der alles genau beobachtende Hakoö. Er betrachtete die Küchen- jun- weit ,strenger als sonst die Pflichten des Mönchs. Er darf mit niennMv sprechen und es ist ihn, auch alle Gelegenheit dazu gänzlich! benommen, besonders, in den Kar« thäuserklöstern. »71 jungen, und walke den, welchen er nach seinen physiognomischen Kenntnissen für den ei- gennüzigsten hielt. Diesen bestach er durch einige harte Thaler, daß er ihm erlaubte, in bis Winde, wenn er Meiern das Essen bringen würde, sein Briefchen zu legen. Jakob brauchte die Vorsicht, seinen Herrn zugleich anzuzeigen, daß er in dem und dem Gasthofe sich aufhalte. Es gelang ihm; Meier sah das Dreschen, laß es, und nachdem er eine geraum» Zeit alles hin und her überlegt hatte, und bist bald für eine Erdichtung, bald für Wahrheit hielt, ging er endlich mit Erlaubniß des P. Vi- karius zum Prior, und forderte seine weltliche Kleider zurük. Man erstaunte, man beschwur ihn bei Himmel und Hölle, man führte ihn zur heiligen Monstranz*), man erinnerte ihn an jenen ") Es ist bekannt, daß man in der römischen Kirche lehrt, durch die Worte des Priesters werde das Brod oder die Hostie in den wahren Leib und Geist Jesu— des Gottmen« scheu— verwandelt. Diese geweihte Hostie wird in allen Kirchen in einem goldnen. Wer- »72 jenen bekannten so oft mißverstanden Spruch Jesu; man bat ihn, man drükte ihm die Häm de, man stellte ihm seine greuliche Sünden vor, kurz, man versuchte alles, ihn zu bereden, im Kloster länger zu bleiben. Aber umsonst, Meier war unbeweglich, er verlangte seineKleider, und man war genöthigt sie ihm zurükzugeben. Er hatte so vieles Geld mit sich genommen, und dem Prior zur Verwahrung übergeben, damit er die Kosten, welche die Einkleidung und die Ablegung der Gelübde betragen, ber zalen könnte; dieses Geld, wovon«r sich eine ganz kleine Summe zu seiner Reise vorbehielt, überließ er dem darüber vergnügten Prior für das, was er während des Noviziats im Klor ster verzehrt hatte, und floh zu seinen» war» tenden Jakob. Die Freude dieses ehrlichen Kerls war über alle Beschreibung. Meiers erste Frage war, silbernen oder metallenen Behältnisse auf» bewahret: und dieses Behältniß nennt man Monstranz. Jupiter hatte doch bei den Römern eine größere Wohnung— das Aapitolium. war, ob auch alles wahr sey. Und Jakob erzälte ihm freudevoll den ganzen Verlauf der Geschichte, und versicherte ihn dabei auf seinen ehrlichen Namen, daß sie nunDeraftnen haben müßten, es möge auch kosten was es wolle. Sie ritten also fort, und langten endlich bei Karin und Karolinen an, welche theils ü< der Meiers Zurükkunft, theils über die Ent- dekung von SerafinenS Aufenthalt ganz cnt- zütt waren. Karl zeigte ihm den Brief von dem Schornsteinfeger ausL....... Sie beschlossen beide dahin zu reisen, um sich nach der Beschaffenheit der Umstände naher zu erkundigen. Konstantin wäre eben so gern mitgereißt, wenn er nur vom Ncgimente, wo er Adjutant war, hatte abkommen können. Sie versprachen ihm aber so bald als möglich ausführliche Nachrichten zu ertheilen. Meier blühte wieder auf wie die Rose im Frühlinge, da er sich es nun schon als gewiß dachte, wie er sei?« Serafine in seine Arme schließen würoe. M Sie i«>' l?4 Sie kamen glüklich in L...... an. Dar Betragen, die einfältige Erzälung, die redlir che Mine des Schornsteinfegers nahm beide ganz für ihn ein. Sie glaubten seinen Worten. Karl schnob sogleich an Konstantin, was ste von dem Schornsteinfeger erfahr-' ren hatten. Lieber Freund» ^'1 bnd glüklich inL angekommen, der Schornsteinfeger ist ein redlicher Mann und ein Menschenfreund. Serafine hat ihm von ihrer Entführung folgende Beschreibung gemacht. Sie saß auf ihrem Zimmer, und bei schäfttgte stch eben mit einigen häuslichen Arbeiten, als eine Kutsche vor ihrer Thüre stilt hielt. Die bestochene Magd kam eiligst die Treppe herauf gestürzt, und sagte, daß Herr kleinen Dörfchen ohn- we.t K...) stch mit jemand duellirt, und tödlich verwundet worden, er schike ihr hierum Wagen, um zu ihm zu kommen, und ihn üb- ^-—- 175 zuhvlen. Sie überlegte in der Bestürzung nicht, daß hierunter Verrätherei verborgen seyn könnte, und stürzte in den Wagen. Der Kutscher fuhr eiligst fort. Umsonst wartete sie, daß derselbe still halten würde, umsonst schrie sie den Kutscher an, er fuhr fort. Nun kam ihr die Sache bedenklich vor. Sie wollte aus dem Wagen springen. Allein theils die Schnelligkeit des Fahrens, theils auch die Unwissenheit, wo sie sich befände, hielten sie zü- rük. Sie mochte ohngefehr eine Meile gefahren seyü, als der Wagen stille hielt, und zwo Personell sich Mit einsezken, die aber nicht einmal einen Lallt vön sich gabeU, ihres Winselns» WiMmerns und Weinens, und Bittens nicht ächteren. Sie kaM endlich im Kloster zu B.».. an, würd von der Oberinn mit Schmähend SchiMpfwokten überhäuft- Und sogleich in einen ändern Wagen geladen. Seitdem sey sie iN verschiedenen Klöstern umhergeschleppt, Und ihr allenthalben schlecht begegnet worden. Nach Verlauf einiger Monate entdekte flt- was sie vorher selbst nicht gewußt- daß sie schwanger gehe. Sie saß damals in einem 1/6 finstern Gefängnisse, als aber die Zeit ihrer Niederkunft herannahte, emdekke sie ihre Schwangerschaft, und bat, daß man sie wenigstens an einem menschlicheren Orte möchte niederkommen lassen. Die Gefühle der Menschlichkeit siegten, man gab ihr eine Stube, wo sie auch ein todes Kind geboren. Nachher ist sie noch in verschiedene Klöster, und endlich in das zu L gebracht worden, wo sie nun seit zwei Zähren schon eng verwahret ist. Sie liebt ihren Meier, wie vorher, und eben weil sie dieses Bekenntniß immer thut, so quält und martert man sie über alle Maaße. Wir wissen also nun, wo Serafine ist. Aber wie sie zu erretten? Mit Güte. Der Oberhirte der Diözes ist sehr bigott. Mit Gewalt? Mit List? Ar ber mit welcher? Der Schornsteinfeger will alles thun, und treulich mit helfen, aber noch ist nichts beschlossen. Soviel ist indessen gewiß, daß wir alles wagen werden. Meier läßt dich grüßen. Empfindungen von Freude und Traurigkeit, von Angst und Hosnungen wechseln in seiner Seele 177 Seele ab. Grüße Deine Karolme. rebe An Konstantin. Du bist ein Mann, wirst also Starke des Geistes genug haben, den Vorfall, welchen ich dir zu erzalen habe, zwar nicht nur Gleichgültigkeit, doch aber als ein Mann anzuhSren. Auch ich habe gelitten, als ich sie hörte die schrekliche Nachricht; aber ich habe mich gefaßt, habe mich wenigstens ei. nigermaaßen mit den Gedanken an die Vorsicht', an ihn den Allgütigen getröstet. Höre also und erstaune, aber tröste dich. Unser Meier, unser Freund ist nicht mehr; auch sie, seine Serafine ist dahin. Höre den Verlauf der Sache, wie er mir von dem redlichen Schornsteinfeger erzält worden. Wie ich dir schon geschrieben habe, so konnten wir weder durch Güte noch mit Gewalt unsere Serafine retten. Nichr M z durch ,7?— durch Güte, weil der Bischof der abergläur higste Mann von der Welk ist, nicht durch Gewalt, weil in dem Kloster sehr viele Knechte, Aufwärter und andere Mannspersonen sind, wo wir also vorhersahen, daß wir bei Gebrauch der Gewalt unter- liegenwürden. Nichts blieb uns also übrig, als Serafinm durch eine List zu retten. Der Schornsteinfeger gab uns hierzu folgenden Anschlag:„Ich muß, sagte er zu uns, künftige Woche die Schornsteine im Kloster Wieder fegen, ich nehme sonst allezeit einen Gesellen mit. Wie wär es, wenn sie sich als einen Schornsteinfeger umkleideten, und mit in das Kloster gingen? Zch wollte ein doppeltes Kleid anziehen, führte sie dann hin" zu Serafinen, Durch den einen Schornstein kann ich, wie ich schon bemerkt habe, in den Schornstein kommen, welcher zu Serafi- nens Gefängnisse führt, Es ist mir dann leicht durch den Ofen. Serafinm herauszudringen, und sie in. das mit gebrachte Kleid, zu verhüllen, Serafine würde vielleicht mir nicht trauen, deshalb ist ihre Gegenwart nöthig. 179 nöthig. Sind wir einmal mit Serafinm aus dem Gefängniß; so können wir sicher zur Pforte hinausgehen, denn wer wird just darauf merken, daß nur zwei gekommen, und drei wieder hinausgegangen?,, Dieser Vorschlag gefiel Meiern und mir. Auch ich wollte mit gehen, allein theils gab dieses Meier nicht zu, der denn doch immer noch Gefahr dabei befürchtete, und nicht gern feinen Freund derselben aussezen wollte, theils willigte auch der Schornsteinfeger nicht ein, weil er glaubte, daß wenn ihrer viere wieder heraus gehen wollten, dieses mehr Aufsehen machen würde, Ich gab also den Pikten und Vorstellungen leider nach, und blieb in der Wohnung des Schornsteinfegers zurük. Sie gingen fort. Aengstigttch sah ich ihnen nach, ahndete gleichsam den ichrek-' liehen Zufall, der ihnen begegnen würde. Sehnsuchtsvoll erwartete ich Serasinm und Meiern, und den Schornsteinfeger. Sie Hamen nicht. Ich ging eine zieml'che St'.cke entgegen, Sie kamen noch nicht; nun pochte wir mein Herz, Ich wußte nicht, was ich M 4 denken I8s denken sollte, und mulhmaßte Unglük. Nach sechs Stunden kam endlich der Schornstein« ftger allein zurük. Wie erschrak ich da nicht? und wie weit grLßer war noch mein Schreken, als er ganz athemlos und bestürzt, mir von dem, was vorgefallen war, eine weitläuftige Erzälung machte, die ich dir nur im Auszuge mittheilen will. Sie rva« ren beide im Kloster glüklich angekommen, hatten schon die arme, bebende Serafine, die sich auf die Stimme ihres Geliebten sogleich entschloß, in die schwarze Schornsteinfeger-Kleidung zu verhüllen, waren schon mit mir an der Pforte, und begehrten Hinausgelassen zu werden. Zum Unglüke befand sich die nemliche Nonne an der Pforte, welche sie herein gelassen hatte. Wo kommen denn ihrer drei her, da nur zwei hereingekommen sind? fragte das naseweise Ding. Schon schwebte dem Schornsteinfeger auf der Zunge, zusagen, daß einer nachgekommen, als die zitternde Serasine Meiern umarmte, und sagte:„Gott! wir sind berathen, Meier!,, die weibliche Stimme, wel- che dieses sprach, und der bekannte Name, Vieler, machten, daß die Nonne eiligst fortsprang; im Kloster Lärm machte, und erzalte, was da vorgefallen. Da stand nun der gute Meier, stampfte an die verschlossene Pforte, und suchte sie aufzusprengen. Umsonst'. er konnte nicht fort. Stelle dir Meiers und Serafinens Zustand vor. Izt m den Händen ihrer Tirannen! Was sollten sie anfangen? Sie erwarteten also angstvoll das Gewitter, welches über ihnen auszubrechen drohte. Nun kam der ganze Nonncnschwarm, und mit ihnen alle Knechte, Aufwärter, und andre Mannspersonen, mit Knüppeln und Prügeln. Schon drohten sie ihn zu erschlagen, denn man wußte nun, daß diese dritte Person keine andre als Serafine sey, da man unterdessen das Gefängniß durchsucht hatte. Meier sah sich und seine Serafine ohne Rettung verloren. In dieser Verzweiflung, in dieser Angst, umarmte er noch einmal feine angebetete Serafine, nahm aus seiner Tasche eine Pistole, und erschoß sie mir r8r'- den Worten, Stirb! liebes Weib! und entzog sie dadurch dem langsamen, quaalvollen Tode. Kaum hatte er dieses gesprochen, als er auch sich mit einer andern Pistole erlchoß—. Weine mit mir diesen Un- glüilichen eine zärtliche Thräne. Nur diese Unmöglichkeit, seinen und ihren Tirannen zu entgehen- können ihn bewogen Habenbiese That zu vollbringen. Wahrscheinlicher Weise hat er diese Mordgewehre blos zu seiner Vertheidigung zu sich gestekt. Allein er sah sich übermannt wider alles Vermuthen, und brauchte sie dazu, Um sich und seine Serafine von einem Leben zu retten, das ganz ohne alle Freude- ganz quaalvoll gewesen seyn würde Den Schornsteinfeger ließen sie gehen, weil sie sich befürchteten, einem Protestanten zu nahe zu treten, da diese Religion im ganzen Staate öffentlich geduldet ist. Zzr size ich da und weine, uNd nichts als meine M- tigionSgrundsäze können mich ermaNnem Wie ich kleinem Vater, und Einer Karo- line, diese schrekliche Nachricht hinterbringen werdk werde, das weiß ich noch nicht. Ich werde Mir alle mögliche Gewalr anthun müssen, um kalt zu schreiben; glaube aber sicher, daß mir mein Herz blutet. Ich werde in einigen Tagen zu dir kommen, und in deir ner Gesellschaft unsern unglüklichen Freund, und meine geliebteste Schwester beweinen. Karl. Sekastne und Meier wurden in aller Stille, ohne Priester und Kreuz, ohne Gesang und Klang, an zwei verschiedenen Ekcn, des»»geweihten Theils des Kirchhofs eingescharrt. Auch nicht eine Nonne schenkte den Unglüklichen eine Thräne. Niemand betete für sie; jedermann glaubte sie gewiß vom höllischen Feuer verschlungen. Karl und Konstantin weinten Zahre lang über ihren Freund, und befolgten buchstäblich sein Testament. Lee !84 Der alte Vater sank in Ohnmacht, als thm diese schrekliche Nachricht überbracht ward, und nach wenigen Wochen gab er seinen Geist auf. Jakob ging in Karls Dienste, und redete nie von seinem Herrn, als nur um ihn zu bedauren und zu beklagen, daß ihm der allgütige Gott nicht mehrere Freude» auf dieser Erde verliehen. - 7-^ 7'- .'7>V-7^ » »< ' ' — r »..' A. »« ». 8 «» *. »» »* »«. X X ». D» L» »L. » ch. G» » A« V« »» »«. S. '«» .H «*. > ,'x G» X X X »« »» «« *^ X X »» » >» »» » O G» - Ä .^ »» »» »» »s 1». »»» »*. «^ G. »» '^