. Christenmuth am Krankenbette. Predigt über Lukas X. Vers 30 — 54. Gehalten nach Ausbruch der Cholera-Krankheit, am 2L. September 1821, in dem Bethause der evang. Gemeinde H. C. zu Wien, von Justus Hausknecht, k. k. Consistorial - Rathe, Oesterreichischem Superintendenten und erstem Prediger der genannten Gemeinde. Wien, gedruckt bei I. B. Wallishausser. Gnade fei mit Euch und Heil und Friede und Segen von Gott, dem Vater, und von Christo Jesu, unserm Herrn, und vom heiligen Geiste. Amen. Text: Lukas X. V. 30 — 34. Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho, und fiel unter die Mörder; die zogen ihn aus und schlugen ihn, und gingen davon und ließen ihn halb todt liegen. Es begab sich aber ohngefähr, daß ein Priester dieselbe Straße hinab zog, und da er ihn sähe, ging er vorüber. Desselben gleichen auch ein Levit, da er kam bei der Statte und sähe ihn, ging er vorüber. Ein Samariter aber reifete und kam dahin, und da er ihn sähe, jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß darein Oehl und Wein, und hob ihn auf sein Thier, und führte ihn in die Herberge und pflegte sein. 26aS wir am meisten beklagen müssen, wenn ein öffentliches Elend über Tausende hereinbricht und ohne Schonung ein ganzes Volk bedroht, das ist die oft bemerkte, aber höchst traurige Erfahrung, daß die Menschen einander fremd werden in den Tagen des Unglücks, und die heiligen Bande sich lösen, welche sie sonst in Liebe vereinigten. Wenn nur Einer unter Vielen leidet, nur Ein hartgeprüfter Dulder sich beugen muß unter den dunkeln Rathschluß des Allmächtigen, dann findet er wohl eine lebendige Theilnahme unter seinen glücklicher» Brüdern, und freundlich eilen die zur Hilfe herbei, die eines besseren Looseö sich erfreuen. Aber wenn derselbe Jammer und dasselbe Elend von Hau6 zu Haus, von Straße zu Straße schleicht, wenn das nämliche Schwert, das den Einen würgte, verderbenbringend über dem Haupte Aller hangt, dann geht in der Sorge für das eigene Wohl nur allzuoft die Liebe zu den Brüdern unter, und der betäubende Schrecken erzeugt die Verzagtheit, den kleinlichen Eigennutz. So muthloö, so nur auf das eigene Wohl bedacht Und so liebeleer zeigte sich jener edle Samariter nicht, dessen der Erlöser in unserm heutigen Texte gedenkt. Nicht ohne Gefahr für das eigene Leben war die Hilfe, die er dem Mißhandelten brachte, der halb todt am Wege lag. Noch konnten die Mörder in der Nahe lauern, vielleicht hatten sie ihre Dolche schon gezückt und harrten nur desi Augenblicks, da sie auch über ihn herfallen, mit der Habe zugleich sein Leben ihm entreißen könnten. Doch solche Bedenklichkeiten halten ihn mit Nichten in der Erfüllung seiner Pflicht zurück. Nichts sieht er, als einen Hilflosen,' der sich rettungslos verbluten müßte , wenn er keine mitleidige Hand findet, die den Ohnmächtigen aufrichtet und Oehl in seine Wunden träuft. Das allein bedenkt er, alle andern Sorgen liegen ferne, darum weilt er muthig an gefahrvoller Stätte, darum erbarmt er sich deö Leidenden, und Gott fleht ihm bei, die Rettung ist gelungen. Fragen werdet Ihr nicht, warum ich gerade dieses Bild heute vor Euere Seele stelle. Befinden wir und doch 5 Alle, die wir jetzt noch lebend im irdischen Heiligthume deS Allerhöchsten versammelt sind, in einer ähnlichen Lage , wie dort der barmherzige Samariter. Gleich einem Ungewitter, das in der Ferne stand und nun plötzlich mit Ungestüm auöbricht und die langbewahrte Saat zerschlägt, so ist auch mit erschütternder Gewalt jene gefürchtete Seuche unter uns ausgebrochen, und rafft der Opfer immer mehr hinweg. Viele Trauerwohnnngen ha. ben sich geöffnet, Vieler Augen sich geschlossen, durch die einst so frohbelebten Straßen der Stadt schreitet die Angst einher und hinter ihr der rasche Tod. So liegt denn auch uns die Versuchung nahe, daß wir, um das eigene Leben zu erhalten, die heiligsten Pflichten versäumen, und in dumpfer Betäubung vom Krankenlager derer flüchten, welche unter Gottes Beistand vielleicht noch eine sorgsame Pflege hätte retten können. Und doch bedurften wir der Selbstverlaugnung und des MutheS niemals mehr, denn jetzt. Wohlan denn, über den Chri- stenmuth am Krankenbette laßt mich zu Euch sprechen. Wie er sich äußert, worauf er sich gründet, das wollen wir im Aufblick zu dem erwägen, dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist. 6 I. Der Christenmuth am Krankenbette äußert sich nicht als eine müßige Neugier, die sich ohne Noth und Beruf gedankenlos zu Gefahren drängt, auch nicht als Ueber- druß am Leben und Verachtung des irdischen Daseins, wohl aber besteht er in jener edlen Bereitwilligkeit, die mit Selbstverläugnung augenblicklich dahin eilet, wo ein Menschenleben bedroht wird, und dann treu auöharret, so lange sie lindern, helfen, retten kann. Nicht aus Neugier hatte sich der barmherzige Samariter in die Nähe jenes Unglücklichen hingedrängt, der unter Mörderhänden gefallen war; sein Beruf hatte ihn diesen Weg geführt, und Gott war es, der ihm den Leidenden anvertraute, welcher außer ihm sonst keinen Helfer hatte. Auch steht er nicht müßig da, um sich am Anblicke eines vielleicht noch nie gesehenen Schauspiels zu ergötzen, oder in fruchtlose Klagen auSzubrechen; augenblicklich legt er Hand ans Werk; was ihm zu Gebote stand, Oehl und Wein, er gibt es ohne Zögern hin, um einen Sterbenden zu retten. Eben so wenig war es Geringschätzung des eignen Daseins, was ihn festhielt an gefahrvoller Stätte; der mußte doch von dem hohen Werthe unserer irdischen Tage innig und stark durchdrungen sein, der so treu, so liebevoll sich abmüht, um ein fremdes Leben dem Tode abzuringen, und freudig jedes Opfer bringt, nicht rastet und nicht ruht, bis er eS gerettet und geborgen weiß. WaS war es nun, was in diesen Tagen des Schreckens , als wir allenthalben, wo wir auch wandeln moch- ten, den traurigen Denkmälern von der Hinfälligkeit des Menschenlebens in ihrer ergreifendsten Gestalt begegneten, als man hier einen Erkrankten zu den Siechenhäusern, dort einen bereits Abgeschiedenen zu der letzten Ruhestätte brachte, waö war eS, was so Viele bewog, daß sie in dichtgedrängten Reihen dem traurigen Zuge folgten, oder jene Wohnungen umlagerten, in welche der Tod mit schnellem Arm gegriffen hatte? Waren sie muthig herbeigeeilt auf dem Wege der Pflicht, wollten sie die ersehnte Hilfe bringen, die Bekümmerten trösten, die Erkrankten pflegen, den Sterbenden den Heimathweg zum Himmel zeigen, oder dem Grabe seine Beute entreißen? Nein, in müßiger Neugier standen sie umher und fanden ihre Lust daran, sich selbst zu quälen am erschütternden Anblick, und dann die Schreckenökunde weiter zu tragen in den Kreis ihrer Lieben und Bekannten, daß sie, noch mehr geängstet und ergriffen von Entsetzen, für den Gifthauch der Krankheit empfänglicher wurden. Oder sollen wir eS Muth nennen, wenn wir Andere sagen hören, sie würden sich ohne Scheu und ohne Bedenken jedem Krankenlager nähern, denn für sie habe das Leben allen Reiz verloren, und sie möchten darum lieber heute als morgen von einem so öden, freudelosen, verhaßten Dasein scheiden? Der bringt ja nimmermehr ein Opfer dar, der darf sich keiner Selbstverläugnung und keines MutheS rühmen, welcher gleichgültig hingibt, worauf er selber keinen Werth mehr legt. Die Leichtsinnigen l sie haben nicht bedacht, welch eine Gabe eS sei, die sie so unbedenklich opfern wollen, daß wir unser Leben als ein Ge- 1 tt schenk aus Gottes Hand empfingen, damit wir uns aus- bilden, üben und vorbereiten für die höheren Geschäfte, für die erhabeneren Aufträge, für die seligeren Freuden, i welche den hier Geprüften und treu Befundenen das Haus < deS Vaters aufbewahrt. Doch, sie sind vielleicht schon jetzt auf einer solchen Höhe sittlicher Vollendung angelangt, ha- l den überall so glücklich gekämpft, so treu gerungen, so un- ^ ausgesetzt und standhaft alle ihre Pflichten erfüllt, daß sie r nur hintreten dürfen vor den Thron des ewigen Richters, e um die wohlverdiente Palme der Vergeltung anzusprechen. < Was meinet Ihr, Undankbare, die Ihr Euer irdisches Dasein so geringschätzt, steht eü so mit Euch? habt Ihr l nichts zu fürchten, nur zu hoffen, wenn auch unerwartet h an Euch der ernste Ruf ergeht: thuet Rechnung von Eue- r rem Haushalten? dann freilich müßtet Ihr in alle ver- L gangenen Tage Eueres Lebens blicken können, ohne auch r nur eine dunkle Stelle aufzufinden, welche einst ihr Zeug- b niß wider Euch ablegt, wenn der Herr zu Gerichte sitzt, h dann müßtet Ihr nirgends einen Fehltritt zu bereuen, eine L Sünde zu beweinen, ein Unrecht zu vergüten haben, und e müßtet rein dastehn, mitten unter den Unreinen, ohne s, Vorwurf, ohne Schuld. O gestehet eS, je aufrichtiger, je g demüthiger und ernster Ihr Euch prüfet, um so mehr wer- d det Ihr Euch gedrungen fühlen, auszurufen: Herr, d gehe nicht in das Gericht mit uns, denn vor n dir ist kein Lebendiger gerecht. Unsere Sün- n den gehen überunserHaupt, wie eine schwere 6 Last sind sie uns zu schwer geworden. Da- ki rum nimm uns nicht hinweg in der Hälfte d 9 unserer Tage, sondern laß unö Zeit, daß wir Buße thun; denn wenn du mit unö rechten wolltest, wir könnten aufTausend nicht Eins antworten. Worin also besteht der Christenmuth am Krankenbette? Woran sollen wir ihn erkennen und was sind seine Zeichen? Vörerst offenbart er sich in jener edlen Bereitwilligkeit, die mit Selbsiverläugnung augenblicklich dahin eilet, wo ein Menschenleben bedroht wird, und dann treu ausharret, so lange sie helfen, lindern, retten kann. Wie wenig wir auch jetzt noch von der eigentlichen Natur und Beschaffenheit jener schnell zerstörenden Krankheit wissen, wie wenig es gelungen ist, ihr tiefverborge- neö, geheimnißvolles Wesen zu ergründen, so hat doch die Erfahrung uns gelehret, daß jeder von ihr Befallene unrettbar verloren ist, dem nicht die schleunigste Hilfe geleistet wird. Ist der erste günstige Augenblick entflohen, hat sie Zeit gewonnen, immer tiefer einzudringen, daö Leben in seinem innersten Marke anzugreifen, dann möchte eS auch dem sorglichsten Aufwands von Kunst und Wissenschaft kaum, noch gelingen, ihre tödtliche Gewalt mit glücklichem Erfolge zu bekämpfen. Darin eben zeigt sich der Ehristenmuth am Krankenbette, daß er den Umstehen» den jene Besonnenheit, jene Ruhe und Kraft gewahrt, welcher unentbehrlich ist, um auf der Stelle, ohne Säumen die geeignetesten Mittel anzuwenden, die noch im Entstehen die Gewalt der Krankheit brechen, ihr auöer- kohrenes Opfer retten können. Das aber wäre der allerdeutlichste Beweis einer unrühmlichen Verzagtheit, und 10 dag müßte als das sicherste Merkmal höchst schmachvoller Feigheit gelten, wenn wir nun, überwältigt von Angst und Schrecken, eine Stätte meiden wollten, wo unsere schleunige und werkthätige Hilfe so dringend nöthig ist. Darum werde auch solches nicht von Euch gesagt, Ihr Bekenner des Erlösers, die Ihr sein großes Wort vernommen habt: Kaufet man nichtzween Sperlinge um einen Pfennig, und doch fällt derselben keiner auf die Erde, ohne Euren Vater! Fürchtet Euch nicht, Ihr seid besser, denn viele Sperlinge. Aber auch das ist seine Ermahnung an uns Alle, die wir berufen sind, unfern Angehörigen, unfern Lieben, Allen, die irgend einen Anspruch auf unsere Hilfe haben, in diesen Tagen einer verheerenden Seuche beizustehen: Fasset Euch in Geduld, nur wer beharret bis ans Ende, der wird selig. Wohl mag auch der minder Starke und VertrauungSvolle, beim ersten Nahen der Gefahr, und aufgeregt vom Drang des Augenblicks, eine gewisse Furchtlosigkeit und Selbstbeherrschung zeigen, die ihn eine kurze Weile zur Erfüllung seiner Pflichten tüchtig macht, aber gar bald kehrt Klein- muth und Verzagtheit in daö Herz zurück, daö sich nicht gewöhnt hat, alles dem Herrn anheim zu stellen, von ihm und seiner Führung immer nur das Beste zu erwarten. Und was haben wir gethan und geleistet, wenn wir nur eine kurze Frist den Unfern beistehn, ihnen nur die allererste Pflege widmen, und sie dann erbarmungslos fremden Händen, oder ihrem eignen Schicksal überlassen wollten? Wir haben einen Saamen auSgestreut und wol- Lt len die Ernte nicht erwarten, haben ein gutes Werk begonnen , und lassen es unvollendet liegen. Darum werde solches auch nicht von Euch gesagt, Ihr Bekenner deS Erlösers, der Euch aus dem Munde seines Jüngers zuruft: So Jemand auch kämpfet, wird er doch nicht gekrönet, er kämpfe denn recht. ll. Worauf gründet sich nun dieser Muth? Lasset uns vorerst sehen, waS uns hierüber der Erlöser in dem Gleichnisse vom barmherzigen Samariter lehrt. Es war ein Mensch, sagt er, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho, und siel unter die Mörder; die zogen ihn aus und schlugen ihn, und gingen davon und ließen ihn halb todt liegen. Wohl sahen ihn Priester und Levit, aber sie eilten erbarmungslos vorüber. Nun kam der Samariter, ihn jammerte der Unbekannte; wer er sei, aus welchem Volke, von welchem Stande, ob seines Glaubens oder ein fremder Neligionsgenosse, dieß alles weiß er nicht, nach diesem allen fragt er nicht; genug es ist ein Mensch, auf menschliches Mitleid angewiesen, wie hätte er ihn jetzt verlassen können, wie aus Furcht vor Gefahr, gleich dem Priester und Leviten, treulos seine Schritte wenden? Auch sein Leben, das wußte er, stand in Gottes Hand, auch über ihm wacht das Vaterauge des Allmächtigen, und darum thut er freudig und unverzagt, waS ihm die heilige Pflicht gebietet. Menschen sind eS, aber nicht unbekannte, zum Theile 12 fthr theure, uns engverbundene Menschen, welche in den Tagen der Krankheit unserer Wartung und Pflege bedürfen. Was jener Samariter für einen Fremdling that, das solltest du, o Christ, nicht auch an deinem Galten, an deinen Eltern, an deinen Kindern und Freunden, an den Genossen deines Hauses thun? Und du solltest feige zurücktreten, wo ihn ein hoher Muth beseelte? und du solltest nicht stark genug sein, daß du treu ausharrest und unverdrossen weilest, bis du alles vollbracht hast, was deine Kraft vermochte, deine Pflicht verlangte. Darum eben kann es dir an Muth nicht fehlen, weil du weißt, eS sei nur Pflicht, zu ihrer Rettung hinzueilen, und wirst nun nicht ängstlich fragen, wem soll ich glauben, dem Urtheile derer, welche behaupten, man könne sich ohne Gefahr den Erkrankten nähern, weil keine Ansteckung zu besorgen sei, oder den Aussprüchen jener, welche uns versichern, das gefürchtete Nebel pflanze sich von einem Körper auf den andern fort; du fragst nur, was ist der Wille meines Vaters im Himmel, und was ist die Aufgabe, die ich lösen soll? Im Hinblick auf deinen Gott, im freudigen Bewußtsein, daß du nur auf seinen Wegen wandelst, nur thust, was er dir geboten hat, nur gehorsam und ergeben den Kelch dahin nimmst, den seine Hand dir reicht, wird sich Um so weniger eine kleinmüthige Verzagtheit deiner Seele nähern können, je inniger und fester du überzeugt bist, auch dein Leben stehe in Gottes Hand, auch dein Dasein hienieden sei der Aufsicht dessen empfohlen, der in seiner Weisheit und Erbarmung einem jeden seiner Kinder die GeburtS- und Sterbestunde schon von 13 Anbeginn bestimmt und verordnet hat. Darum gehe muthig den angewiesenen Weg, wo deine Pflicht ist, da ist auch dein Gott! Und wäre die Gefahr auch noch so dringend, und ob auch tausend zu deiner Seiten, zehntausend zu deiner Rechten fallen, so wird es dich doch nicht treffen, wenn es nicht sein Wille ist, daß du jetzt schon der Erdenwelt entrückt, aus deinen gewohnten Verhältnissen, aus den Armen deiner Lieben, aus dem Kreise deines bisherigen Wirkens scheiden sollst, sondern er wird dich noch mehr prüfen und läutern in den Tagen deiner Wallfahrt, und wird seinen Engeln befehlen über dir, daß sie dich behüthen aus allen deinen Wegen, daß sie dich auf Händen tragen, und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Rufe mich an, spricht er, so will ich dich er hören,.ich bin bei dir in derNoth, ich will dich herauöreißen und zu Ehren machen; ich will dich sättigen mit langem Leben, und will dir zeigen mein Heil. Und wäre es, daß er dich nicht sättige mit langem Leben, daß du ein Opfer deines Berufes fielest, daß. du selbst erliegen müßtest, weil du Andere retten wolltest, wäre dann dein Loos so beklagenSwerth, daß du mit Entsetzen und innerem Grauen vor ihm erbeben müßtest? Wir ehren ja den Krieger, der, gehorsam dem Rufe seines irdischen Oberherrn, und oft für eine fremde Sache, muthig dahinzieht in daö Getümmel der Schlacht,, und der Gefahren nicht achtet. Ob er zurückkehre in das Vaterhaus, in den vertrauten Kreis der Seinen, in daS theure 14 Heimathland, daS ihn geboren hat, er weiß eö nicht, verhüllt ist ihm die nächste Stunde, sie kann über Leben und über Tod entscheiden. Und doch kämpft er mit hoher Entsagung, gibt seine Brust dem gezückten Schwerte, den feindlichen Geschossen preiß; und wenn er nun nicht wiederkehrt, nicht mehr in das Auge seiner Lieben schauen, nicht mehr in ihre frohen Umarmungen eilen, nicht mehr ihren Friedensgruß erwiedern kann, weil seinen Todeswunden alles Leben entströmte, und er unter anderer Brüder Leichen auf der Wahlstätte ein frühes Grab gefunden hat; dann halten wir ihn hoch in Ehren, und stellen ihn zum Vorbild auf, und sprechen, wie ist er doch so rühmlich und so schön gefallen. Geräuschloser und stiller, aber nicht minder groß und edel wird dein Ende sein, o Mensch, wenn dein Gott dich würdiget, im Dienste Anderer dein Leben zu lassen. Zwar des Volkes Stimme erhebt dich nicht, dein Nähme lebt nicht in seinen Gesängen fort, wird nicht, zur Ermunterung für die kommenden Geschlechter, in Marmortafeln eingegraben. Doch nicht um deS NuhmeS willen bist du den schweren Weg gegangen , in den Herzen der Deinen bleibst du unvergessen, und Gott, der dein glanzlos Opfer sah, er ist reich und groß genug, um die hier geübte Treue zu vergelten. Wir bewundern die Thaten der Vorwelt, wir sprechen mit Begeisterung von jenen Helden der Vergangenheit, die, um die Sicherheit des Vaterlandes, um die Ehre des Volkes zu retten, sich einem gewissen Tode weihten. Sie wandelten noch in Finsterniß, das Licht der Oft 15 fenbarung hatte ihre dunkeln Nächte nicht erleuchtet, zu ihnen der Herr noch nicht gesprochen: Ich lebe und Ihr sollt auch leben, in des Vaters Hause sind viele Wohnungen; ich gehe hin, Euch eine Stattezu bereiten, und will Euch zu mir nehmen, aufdaßIhr seid, wo ichbin. Um wie viel muthiger, um wie viel unverzagter wirst du, v Christ, der Gefahr entgegentreten, weil dich dein Glaube lehrt, wenn unser irdisch HauS, diese Hütte, zerbrochen wird, dannhaben wir einen Bau von Gott erbaut, ein HauS, nicht mit Händen gemacht, das ewig bleibt im Himmel, — du Glücklicher, dem der Erlöser zuruft: Wer sein Leben verlieret um meinetwillen, der wird es wieder finden; denn was Ihr gethan habt am Geringsten meiner Brüder, das habtJhrmir gethan. Erfüllt von solcher Zuversicht auf ein schöneres Dasein im Reiche deines Gottes, brachtest du, o Herr, dein Leben dar zum Heile einer fündigen Welt, und gingst hinaus in die Nacht von Gethsemane, und wandtest das flehende Auge zum Vater und riefst: Die Stunde ist hier, daß du deinen Sohn verklärest, damit dein Sohn dich auch verkläre. Erfüllt von solcher Zuversicht erhob sich deine Seele, edler Paulus, du kräftigster unter den Jüngern, als du den zagenden Freunden zuriefst: WaS machetJhr, daßIhrweinetund brechet mir das Herz; ich bin bereit, nicht allein mich binden zu lassen, sondern auch zu sterben um des Rahmens Jesu willen. Er- 16 füllt von solcher Zuversicht sprachst du einst, sanfter Johannes , der du am deutlichsten in der Seele deines göttlichen Meisters gelesen hattest: Daran haben wir er- kanntdie Liebe, daß erseinLeben füruns g e- lassenhat,undwirsollenauchdaS Leben für die Brüder lassen. Herrlich Vollendete, Euer Kampf ist durchgekämpft, Ihr steht am Ziele, Ihr habt überwunden, der Himmel ist Euch aufgethan. Wir aber wandeln noch in Erdennacht, den müden Pilgern wird oft der Gang so schwer; doch weil wir einen solchen Haufen von Zeugen um uns haben, wollen auch wir laufen durch Geduld in den Kampf, der unü verordnet ist, und aufsehen auf Zesum, den Anfänger und Vollender unserS Glaubens, damit wirinunsermMuthenichtmatt werden und nicht ablasse n. Vater im Himmel, stehe uns bei, verlasse uns in unserer Schwachheit nicht. Gib uns ein Herz voll Menschenliebe, gib uns Erkenntniß unserer Pflicht, Vertrauen auf deine Hilfe, und wenn uns zu bange wird — einen Blick in deine bessere Welt. Alles vermögen wir durch dich, — auch am Krankenbette der Unfern werde dein Nähme g ehe i- liget, dein Wille geschehe. Amen.