I k 20/ t 9 I I » I | j f Urtheil der Heiligen Gottes über die gegenwärtigen Verfügungen. i n geiftlichen Sachen. Zweites Stück Herausgegeben von B l 0-7£ P* //>C- its heiligen Lorenz Jußiniant. 6* Viertes Häuptftük. Die weltlichen Ckrißen. JBls find wahrhaftig fchon viele Jahrhunderte, dafs die Strenge der Tugend, und dasBeyfpiel der Vollkommenheit angefangen hat abzunehmen, und täglich mehr und mehr verfchwindet. Kein Wunder alfo, wenn die Kirche wegen der Beleidigung ihres Schöpfers, ihren eigenen Verfall, und den Untergang ihrer Kinder fich fo fehr betrübet» Vormals war fie mit Seide und Sammet angethan, nun aber hat fie Trauerkleider angelegt, und an vielen Gliedern, nach der Drohung des e 9 P«‘ 62 K l a ge Propheten, den lieblichen Geruch in Geftank, die Binde in einen Strick, die kraufen Haare in einen Glatzkopf, und das Brufttuc’n in einen Sack verwandelt. Daher kann fie fleh des Weinens, und Klägern nicht enthalten. Sie betet ohne Unterlafs, um, wo möglich, wieder zu ihrer vorigen Geftalt zu gelangen,- Viewolil fi& den Muth in ihrem Gebete fall völlig finken läßt, und kaum eine Möglichkeit fieht, das wieder zu wer-, den, was fie war, indem fie, und zwar nicht ohne Grund, findet, dafs jene prophetifche M orte an ihr, leider! erfüllt worden find: Alle find ab- inSIBB des heiligen Lorenz Jußiniutis.. 6s *bge wichen, und unnütz geworden: Es iß keiner, der Gutes thate, kein einziger. Es haben fich gar alle Stände der Kirche, welche die geiftli- chen Glieder diefes geheimnifsvollen Leibes find, vergangen: einige haben lieh fchon vom Mutterleibe an entfernt, und reden falfche Dinge: andere find zurückgetreten, laufen den Begierden des Fleifches nach, lieben fich felbft, fuchen zeitlichen Vortheil, find ehrfüchtig, Böswich- ter, Ehebrecher, Elende. So find nicht nur die niedrigften, fondern auch die mittlern, und höhern Glieder befchaffen, dafs alles verwirrt zu feyn fcheint, und von der Fufs- fohle an bis auf den Scheitel keine e 2 Ge- 64 Klage Gefundheit an diefem geiftlichen Lei« be zu finden ift. Sieh doch im Ernfte, ich bitte dich, auf die Schaaren der Nationen, und auf das weltliche Volk, wie wenige aus ihnen die Gebote Gottes halten, die Verordnungen der Kirche beobachten, fich mit dem ihrigen begnügen, und nicht fremdes Gut rauben. Allenthalben wird Ehebruch begangen, Hurerey getrieben, Gottesraub, Todtfchlag, Einbruch, Diebftahl, Betrug u. d. g, ausgeübt. Ja, was läge ich? Die Ehrfurcht gegen den göttlichen Namen fcheint fo fehr vernachläfsiget zu werden, dafs man einen fchoa für äes heiligen Lorenz Jußinians. 6$ für heilig hält, wenn er nur Gott ,■ die Heiligen, und den himmlifchen Hof nicht läftert. Die Mäuler der Menfchen überlaufen ja völlig von Lügen, Eidbrüchen, Schwüren, Ehrabfchneidungen, unnützen Worten, und unzüchtigen Reden, welche ein ganz zerrüttetes Gemüth an- zeigen. Die fterblichen Menfchen würden gewifs nicht fo ausgelaffen leben, noch fo unverfchämt reden, wenn fie an Gott glaubten, einige Ehrfurcht gegen ihn hätten, und fleh vor feinem Gerichte fürchteten. Sie bezeugen durch ihre Werke, die fie den Geboten Gottes zuwider thun, dafs fie faule Glieder, und von dem Leibe Chrifti ganz abgefallen find. e 4 66 Klage Unfre Mutter die Kirche leufzet über ihren Verlurft, und bedauert fie, jls wenn es ihre eigne wären. Sie erinnert iich, felbe durch das Waffer der Wiedergeburt geboren zu haben; fie befinnt fich der Ver- heifsungen, mit welchen fie fich verpflichtet haben, dem Teufel, der Pracht der Welt, und allen Lalterq zu entfagen. Mithin als eine wahre Mutter beweint fie ihren Fall, und hofft ihre Auferftehung durch Thrä- nen zu bewirken, O welch ein gro- fser Thränenregen wird täglich vor dem Herrn vergoffen! O wie viele inbrünfligeGebete und Seufzer fchickt diefe unbefleckte Jungfrau durch die Hände der Engel wegen des geilt- li- IJIJI■! I——■'Ml des heiligen Lorenz Jußinians. 67 liehen Untergangs der Sünder in das hiramlifche Hofiager an Chriftum! Sie fchreiet in den Gemächern der Herzen; fie erhebt ihre Stimme in den Winkeln; fie flehet öffentlich in den gemauerten Kirchen die göttliche Barmherzigkeit an, dafs fie die Blinden erleuchte, die Verirrten zurückrufe, die im Morafte der Sünde verfunken, und vergraben find, wieder zum Leben erwecke, durch die Gnade aufrichte, und in den Schoofs der Einigkeit zurückführe. Es ifi: unbefchreiblich, wie groß; ihre innerliche Freude ift, wenn diejenigen, deren Tod fie fchon beweint hat, wieder lebendig zurük- e 5 kom- w 68 Klage kommen. Denn, wenn über die Bekehrung der Sünder, die Bufse thun, in dem Himmel eine überaus große Freude entlieht, wie grofs muß erft die Freude der Kirche feyn, die fie gebohrenhat? Je häufiger der Schmerz war, den fie über ihr Verderben im Herzen empfunden hat, defto lebhafter ift der Troß ihrer Seele, wenn fie wieder zum Leben kommen. Ihre Betrübnifs ift aber nicht bei allen gleich, fondern nach eines jeden Eigenfchaft und Würde. Es fchmerzt fie nämlich mehr, wenn Gute fallen, als wenn es Böfe find; mehr, wenn Vornehme fündigen, als Gemeine, nicht daß fie nach dem Fleifche urtheile, oder auf menfch- li- des heiligen Lorenz Jußinians. 69 liebes Anfehen gehe; fie gebiert fie alle im Geilte durch den Glauben, und durch das heiligmachende Waf- fer. Denn es ilt die nämliche Taufe, welche fowohl auf den Vornehmen, als auf den Niedern, und Gemeinen wirkt. Es ilt auch bekannt, dafs der Glaube des einen von dem GLuben des andern nicht unterfchie- den, fondern der nämliche bei allen, und von gleicher Wirkung fey. Die- fes bezeuget der Apoltel, da er lagt: Ein Gott, ein Glaube, eine T, Ein Gott, Vater von allen, in al- 1 en, und über alle, der gepriefen wird in Ewigkeit, Die jo, K l« j s Die Kirche betrübet fich alfo„wie, gefagt, mehr über die Treulofigkeit der Gerechten, als der Böfen, mehr über den Sturz der Vornehmen, als der Gemeinen; weil fie dadurch einen gröfsern Verhaft in den niedern Gliedern leidet. Die Kleingläubigen werden aufserordentlich gefchwächt, wenn fie diejenigen, welche in der Kirche fowohl von der einen, als der andern Seite im Anfehen ftanden, zu dem, was fie ausgefpieen haben, zurückkehren, und ihr Verbrechen hartnäckig ausführen fehen. Die, welche in die Sünde zurückfallen, pflegen gemeiniglich viel gottlofer zu leben, als die, welche die Wahrheit nie erkannt haben: Wenn der un- swabbsg des heiligen Lorenz Juftinians. fl unreine Geift, fagt der Herr, von einem Menfchen ausgegangen ift, fo irret er durch dürre Städte, und fucht Ruhe; findet er fie nicht, fo fagt er: Ich will in mein Haus zu- rackkehrcn. Kömmt er nun, und trift es ausgekehrt, und zugerichtet an; fo geht er, und nimmt heben noch boshaftere Geiftermit fich; fie gehen hinein, und bleiben da; und nun wird es mit diefem Menfchen ärger i, als zuvor. Wenn aber die Vornehmen in der Welt böfe find, und in der Bosheit verharren, fo erftreckt fich der Schaden viel weiter. Darum trauert unfre heilige Mutter die Kirche, fowohl wegen des Scha« ;dens der Kinder, als wegen des Unglücks 73 Klage glucks der Großen, befonders zh diefen Zeiten, da die Bosheit iiber- " hand nimmt, und die Frevelthatcn der Vornehmen anwachfen. Es herrfcht ja bei den Grofsen ein uneriättlicher Geiz, es regiert die Hofart, der Muthwillen fpielt den Meifter, fie ergeben fich der Un- ffiäfsigkeit, der Neid verzehrt fie, fie laiTen fich vom Zorne übereilen, ünd von der eit ein Ruhmfucht auf- bl'ähen. Wer hat nicht grofse Dinge, und ftolze Anfchläge, die über feine Kräfte find, im Kopfe? Wer läfst fich nicht durch lächerliche Ruhmbegierde verführen, und feine Ausgaben das Maafs der Einnahme über- des heiligen Lorenz Juflinians. 73 überfteigen? Die Hofdrtigen fchä- men fich zu fcheinen, was fie find, und wollen von Menfchen für das angefehen werden, was fie nicht find. Wie viele Verbrechen entfliehen nicht daher? Wie lehr inufs es Gott mifsfallen? Wüllen es jene, welche fo leben, fie würden gewiß in fich gehen, wo nicht aus Liebe, wenigllens aus Furcht. Weil aber die Vornehmen, und Reichen der Welt nicht klug werden, noch Gutes thun wollen, fo läfst fie Gott ihre Lebenstage im Wohlergehen zubringen; in einem Augenblicke aber fahren fie in die Helle, Ich fah, fpricht der Prophet, den 74 Klage den Gottlofen ftolz, und erhöht, wie die Zederbäume Libanons: und "ehe, ich gieng vorbei, und er war cht mehr: ich fuchte ihn, und ^ht einmal feine Stelle war mehr a finden. 2 Da diefes nun wahr ift, da fie eä ^glich mit eigenen Augen fehett, la Gott die Ermahnungen der Gefalb- teQ in den Ohren der Weltkinder ertönen läfst; fo ttiufs man fich wundern, dafs fie nicht in fich gehen, noch vor dem herannahenden zwey- fachen Tode erfchrecken. Sie bekennen, dafs fie todt find, und indem Grabe fchon ftinken, wie vormals ■Ser Leib des vier Tage todt liegen« /»b den des heiligen Lorenz Jußiniam. den Lazarus. Allein wollte Gott! jene Todte wären wie diefer! Lazarus hat zwar nicht durch ftch felbft, fondern durch die Thränen, und den Glauben feiner Schweibern wieder lebendig werden können; jene aber weder durch die Zähren der Mutter, noch durch die Seufzer der Gerechten. Mithin ift ihr Tod viel unglückfeliger, als der Tod des Lazarus. Kein Wunder alfo, dafs die Be- triibnifs der Kirche fo ftark ift, da fie den geiftlichen Untergang einer Unzählbaren Menge Kinder beweinet, und kaum jemanden antrift, 4er Mitleid mit ihr hätte, oder hilf- ' i-»£ rei- 16 Klage reiche Hand leiden könnte. Denn* wenn ein Blinder den andern führt, fo fallen beide in die Grube. Ein Todter kann wohl feine Todte begraben,- aber nicht aufrichten, und zum Leben erwecken. Fünftes Haoptftük. Die Prießer„ JBäs giebt zwar unzahlbare Vor- fteher des Volks, denen die Sorge über die Schaafe des Herrn anver- traut worden, die aber einen fol-; chen Lebenswandel führen, dafs man ihren Worten, wenn fie auch guj des heiligen Lorenz‘Jußmans. ff gut find;, keinen Glauben beimeffen kann. Denn erbauliche Worte muffen den gehörigen Nachdruck von ürttadelhaften Sitten erhalten. Die Priefter aber tragen heut zü Tage nicht einmal erbauliche Reden Von Man trift fehr wenige unter ihnen an, vdie ein anftändiges Leben führen, und noch weniger die im. Stande wären, den gläubigen Heer- den eine heilfame Nahrung zu er- theilen. Die Priefter, und übrige Geiftli- che wälzen fich gröftentheils in Wol~ lüften herum, leben, wie das Vieh, und führen einen Lebenswandel, der von dem weltlichen kaum zrt f 2 ua- 78 Klagt unterfcheiden ift. Sie find täglich auf den Gaffen, fie laufen hin und her, fie finden fich in Theatern, und bei öffentlichen Schaufpielen ein: fie ziehen die Schamhaftigkeit aus, und geben fich mit fchändlichen Zotten, Und Narrenspoffen ab; fie kleiden fich, um Staat zu machen, und trotz dem Gefatze der Apoltel, und den .Verordnungen der heiligen Väter kraufen, und pflegen fie ihre Haare* Um Gottes Willen! wie därfen fie fich hernach unterftehen, den Völkern ihre Sünden zu verweifen? Wie werden fie den Verirrten auf den Weeg der Gerechtigkeit zurückführen? Wenn fie ihr eigenes Heil ver- wahrlofen, wie werden fie für das Heil des heiligen Lorenz Jußinians. 79 Heil andrer forgen? Andern wird einer fchwerlich nützen■ können, wenn er lieh felbft nichts nütze ift: man mufs die eigenen Fehler verteuern, wenn man die Fehler des Nächften belfern will. Diefe aber, von welchen wir reden, find wenig um lieh felbft, und noch weniger um andere bekümmert. Weil fie keine Liebe haben, fo laf- fen fie den Weinberg des Herrn der Heerfchaaren wüft liegen, dafs lau- ter Diftel, und Dörner aufgehen, worunter der Saamen des Worts er- fticket, und machen ihn ganz unfruchtbar. Diefen Weinberg hat der Prophet gemeint, da er feinen Ver- f 3 fall Sö Klage fall vor dem Herrn beweinte: die-, fen Weingarten, fagt er, haft du aus Aegypten gebracht, die Völker hinaus getrieben, und ihn gepflan- zet. Warum haft du denn feinen Zaun niedergeriffen, und ihn allen Vorübergehenden Preis gegeben? Ein wildes Schwein aus dem Walde hat ihn zerwühlet,- ein fehr wildes Thier hat ihn abgefrefien. Allein der Schaden wird von den Winzern, die ihn hätten pflegen follen, gefodert werden, obfehon die Zweige auch nicht ganz zu ent- fchuldigen find,- denn die unnütz, und unfruchtbar find, werden ins ■ewige Feuer geworfen, und verbrennt des heiligen Lorenz Juftinians. 8* brennt werden: die Arbeiter aber werden noch gröfsere Strafen aus- zuftehen haben, weil fie in. dem .Weinberge die Ehre des Eigentümers aufser Acht gelaffen.. Der Herr drohet ihnen entfetzlich, da er in dem Evangelio das Gleichnifs von dem Hausvater, der einen Weingarten angelegt hat, erklärt, und fpricht: Er werde die Böswichter nach Ver- dienft hinrichten, und feinen Weinberg andern Winzern übergeben, welche ihm zu gehöriger Zeit die Früchte bringen. Die Priefter hören es, fie lefen es öffentlich in den Kirchen, einige tragen es auch dem 'Volke vor, und belfern fleh doch nicht, Sie haben ein fteinernes Herz, f 4 ver- §3 Klage verftopfte Ohren: fie find ohne Verband: fie fprechen den Laut der Sylben aus, aber ohne Gefühl füt das, was fie bedeuten, Wollte Gott, fie wären nur für fich allein böfe, und luchten wenig-, ftens, andern nützlich zu feyn! damit, weil man ihre Werke nicht nachah- men darf, man wenigftens ihren Worten folgen dürfte. Allein beides mangelt ihnen: fie haben weder Tugend, noch Wiflenfchaft, Alle find unwilfend, und ungefchickt, man darf fehr wenige ausnehmen, und was noch fchlimmer ift, fo fcha- men fie fich, etwas zu lernen. Sie glauben, es wäre Schade um die Zeit, des heiligen Lorenz Jußinians. 83 Zeit, welche fie auf die Gelehrfam- keit wenden füllten, und jagen lieber den Wollüften des Fleifches nach; fie wollen lieber täglich herum fchweifen, und fchwätzen, als der Lefung der heil. Schrift obliegen, und vergeffen.völlig, dafs es gefchrieben fteht; Erkundige dich bei den Prieftern nach dem Gefatz; denn die Lippen des Priefters bewehren die Wiffcnfchaft; und das Gefatz fuch in feinem Munde; denn er ift ein Engel des Herrn der Heer- fchaaren: fie aber wollen nicht fragen, und können nicht gefragt werden; denn fie verliehen nichts Wer wird zu einem vertrockneten Brunne um Waffer gehen? f 5 Die- M Klage Diefe trockenen Priefter eftheilen dem dürftigen Volke nicht nur einen fchädlichen Regen der Lehre, fondern auch verderbliche Rathfchlä- ge, an welchen es fterben mufs. Warum nimmt der Aberglaube über-" hand, woher kömmt die Verachtung der göttlichen Gebote, woher fo viele Sünden, als von der Sorglofigkeit der Priefter, welche aus Furcht, fie möchten ikre zeitliche Vortheile verlieren, den Gläubigen zulaffen, was fie wollen? Sie getrauen fleh nicht,, dawider zu reden, noch heilfame Verweife zu geben. Wie fturnme Hunde, die nicht bellen können, und nichts- Vrerthe Miethlinge, die beim An- bli- der heiligen Loren» Jußinianr. 8, nur ein Schatten chrift- licher Liebe? Nichts weniger. Oder kann man den für einen wahren Freund halten, der zur Zeit, wo ef helfen könnte, die Flucht ergreift: Das arme Volk mtäfs die. Streiche, der göttlichen Gerechtigkeit anshal- teu, und die, welche Gott durch ihr Gebet verlohnen tollten, kehren den Pvücken*. es wird verwüilet, und vor lauter Elend, und Unglücks- g 2 fäl- 94 Klage fällen aufgericben; feine Anführer, und Hirten aber machen fleh indef- fen fort. Diefes ift fchändlich, und eine grofse Sünde. Hat David 1 der Prophet auch fo was gethan, als Gott die fchreckli- che Strafe über das Volk gefchickt hat? Hat er nicht gebetet, und ge* fagt: Ich habe gefündiget: ich bin es, der unrecht gethan hat: diefe Schaafe, was haben fie verfchuldet? Kehre doch, ich bitte dich, deine Hand wider mich, und wider das Haus meines Vaters? Hat er nicht den Zorn Gottes durch Opfer, und Zähren belänftiget? Und der Herr Jefus? Ift er auch geflohen, als er von 4er heiligen Lorenz Jußmans. 9? ^•on den Schaaren, und Soldaten dec Juden ergriffen werden follte? Hat er nicht vielmehr gefagt: Wenq ihr alfo mich fuchet, fo laffet doch die- fe gehen? Er war mehr um feine Jünger, als um fich felbft, beforgt. Möchten die Hirten, und Bifchö- fe doch lernen bei ihrem Volke bleiben, wenn der Zorn Gottes über «Jaffelbe ausbricht, und der fterben- den Schaar beiftehen! Sie follen fich vor Gott nieder werfen, und feine Rache durch Seufzer, und Thränen zu befänftigen fliehen, den Bcdürf- liilfen der Sterbenden zu Hilfe kom- inen, und ftch nicht höher fchatzen, alä fic vvcrtli find. Sie follen doch g 3 be- 9^ Klage tedenken, was die Feinde thun werden, wenn der Heerführer die Flucht ergreift: welches Blutbad unter den Schaafen angerichtet werde, wenn fie der Hirt in Stich läfst, und ver- wahrlofet. Möchten fie fich doch erinnern, wie Gott folche Hirten durch den * Propheten anfährt, da er fagt: Sollten nicht die Heerden von den Hir«- ten geweidet werden? Ihr aber afset die Milch, kleidetet euch mit der Wolle; meine Heerde aber habt ihr nicht geweidet: was fchwach war, habt ihr nicht geftärket. und was krank war, habt ihr nicht geheilet: was gebrochen war, habt ihr nicht g e' t t- iei heiligen Lorenz JußirJans. 9? ?7i . s e-:unden: und was verloren war, habt ihr nicht gefucht: fondern ihr herrfchtet über fie hart, undftreng,: meine Schaafe find verfprengt worden, weil kein Hirt da war: fie find allen Thieren zum Raub geworden, und haben fich verlaufen. Wohlan ihr Hirten! höret das Wort des Herrn: So wahr ich lebe, fagt Gott der Herr, dafür, dafs meine Heer- den zum Pvaub geworden find, und allen wilden Thieren haben zum Frafs dienen mülsen, weil die Hirten meine. Heerde nicht gefucht, fondern, anftatt derfelben., fich felblt gemäftet haben, fo will ich felbffc über die Hirten her, meine Heerde von ihrer Hand fodera, und mit ih- g 4 R Menfch- £c4 Klage Men fehl’che, v und göttliche Ehre können lieh nicht miteinander vertagen•' der lieh um die Ehre feines Schöpfers beeifern will, muß feine eigene im Stiche lalfen. Durch die Demuth wird Gott geehrt, durch den Glauben angebetet, durch die Andacht umfangen. Der ftolz ift, betrügt fich felbft, und mifsfällt Gott* Wie ift aber der für demuthig anzu- fehen, der nach dem Sitze der Ehre trachtet, der den erften Rang liebt, der andern vorftehen will? Man mufs die Ehren diefer Welt fliehen, weil fie voll Gefahren find, rnd viele Sorgen mit fich führen. Der Herr ift geflohen, als die Juden ihn zum König machen wollten;: die des heiligen Loretz juftinians. 105 die Heiligen haben auch die Flucht ergriffen, als man ihnen die Hoheit der geiftlichen Regierung antrug. Sie wullen, dafs es gefchrieben fey: das ftrengfte Gericht wird über die Vorlleher gehalten werden. Man mufs freylich nach dem Gipfel der Ehre ftreben; aber in dem künftigen Leben, wo weder die Zungen der Schmeichler liebköfen, noch irgend ein Zunder des Stolzes Statt haben wird; hier aber haben noch beide ihre Gewalt, beide herrfchen noch, fo, dafs kein Vorlleher vor denfelben ficher ift. Im gegenwärtigen Leben belleht die Würde, auf die etwas zu halten ift, darinn, dafs Inan demüthig fey, den eigenen Unwerth io6 Klage werth erkenne, fich vor den Men- fchen verberge, um vor Gott deftb feiner befunden zu werden. Der Demüthige ift wirklich, und in der That erhaben; denn wer fich wahrhaft demüthiget, wird erhöhet werden. Der Demüthige wird nicht nur Gott;, fondern auch in den Gern üthern verftändiger Männer erhöht. Seine Reichthümer find in Sicherheit, feine Ehre erhaben^ feine Verdien- fte zahlreich, fein Ruhm unbefleckt, und die Fröhlichkeit gegründet, und wö kömmt das her? von derPveinig- keit des Gewiflens, von deirrZeug- hiffe der Heiligkeit, von der Aufklärung des Geiltes. Denn der Geilt- fei- des heiligen Lorenz Jüßinians. 167 reiche urtheilt von allem nach dem. Gei fte. der viehifche Menfch aber, weil er fich auf die göttlichen Dinge nicht verlieht, begreift nichts von dem, was nach dem Geifte ift. Solchen gefällt nur das Fl ei fehl i ehe?;<• fie. Fehneil fich nach der orlten Würde, und gehen zu Grunde,' weil fie’ den Eingebungen des Fleneues folgen. Sie gefallen fich felbli, fie verachten die Geringem ohne Üntcrfchicd, fie unterdrücken, und beherrfehen fie T und würdigen fich nicht, der Notli der Dürftigen beizufpringen. Solche Bifchöfe achten nicht auf die Worte des Apolicls, der da fagf: Nehmet als Auserwählte Gottes ein h barm* log K i a g e barmherziges, freundliches, demii- thiges, befcheidenes und geduldiges Herz an; ertraget einander, und vergebet euch wechfelsweife, wenn jemand eine Klage wider den andern hat, gleichwie auch der Herr euch vergeben hat. Sie weigern fich, Väter der Armen' zu feyn, weil fie das Vermögen der Armen fichfelbft zueignen. O welch ein Milsbrauch ift es, von den Reichthümern Jefu Chrifti reich werden, und Chrifto nichts davon zulaffen wollen! Sind die Kirchengüter nicht Schätze des Heilandes? Warum hat man der Kirche zeitliche Einkünfte verlchaft? Gefchah es nicht feinetwegen, damit fie unter feine Arme vertheilt wür- des heiligen Lorenz Jnßinians. 109 würden? Hüte dich alfo Vor ft eher, das, was nicht dein ift, zurück zu behalten, damit du vor Gericht keines Diebftahls befchuldiget werdeft. Hüte dich, will ich lagen, dasjenige unnütz, und leichtfinnig zu verfchwenden, was die Liebe Chri- fti dir nur auf einige Zeit gelaffen hat. Denn es ift eben fo gefährlich, djefes Verflögen verfchwenderifch zu verthun, als habfüchtig zu vergraben. Wider dich wird fchreien die Blöfse der Armen, ihr Hunger, ihr Dürft, und andere Drangfalen, denen du zur Zeit hätteft abhelfen können, Wiffe, dafs du für alles haften muft, was über deinen ehrlichen Unterhalt ift. Denn, was h@ du HO Klag e du im Beutel zurückbehältft, wird zum Zeugnifs wider dich vom Rofte verzehrt werden. Sammelt euch, fagt die Wahrheit, keine Schätze auf Erden, wo fie vom Rofte, und Motten verzehrt werden, wo Diebe einbrechen, und ftehlen: fondern fammelt euch Schätze im Himmel, wo weder R.oft, noch Motten verzehren, und Diebe weder einbre- chen, noch Hehlen* Es ift über die Mafien widerfinnig, wenn Bifchüfe gegen die Armen karg find; da fie doch auf dem Stafel der Apoftel liehen. Wenn Paulus in feinem Briefe an den Ti-. motheus den reichen Weltlichen befiehlt» ies- heiligen Lorenz Jußinians. m fiehlt, freigebig zu feyn, mitzuthei- len, Schätze zu einer guten Grund- feile zu fammeln, um das ewige Leben zu erhalten; um wie viel mehr find es apoftolifche Männer fchuldig, welche aus Liebe zum himmlifchen Vaterland alles Zeitliche verachten muffen? Ferner, wenn fie verbunden find, für das Heil des Nächften ihr Leben herzugeben, warum nicht eher das zeitliche Vermögen, welches nicht einmal ihr Eigenthum ilt? Gebet Almofen, fagt die göttliche Schrift, und fehet, alles ilt euch Ruin. Ich bitte, wie werden die Bifchöfe ihr Volk überreden können, die Armen zu ernähren, wenn fie felblt unbarmherzig find? Gleich- h 3 wi; K l /i r e uz wie unfer Herr Jefus Chriftus aii- gefangen hat zu tliun, und hernach zu lehren, fo müffen es die Hohen- priefter, und Bifchöfe auch machen. Verweife, fagt der Apollel, bitte, ermahne in aller Geduld, und lehre. Die Bifchöfe werden ihre untergebenen Schaafe niemals zur Denrath anhalten können, wenn fie felbft Holz find/ noch zur Geduld, oder Sanftmuth, wenn fie fich felbft vom Zorne beherrfchen laffen; noch zur Liebe des Nächften, wenn fie felbft keine haben. Die Vorfte- her müffen alle Tugenden befitzen, damit fie die Sünder, ohne Gegen- vorwiirfe zu beforgen, ermahnen, und belfern können. Der Bifchof, fagt ies heiligen Lorenz Jnflinianr. n$ fagt der unvergleichliche Lehrer, xnufs untadelhaft, nüchtern, klug., fittfam, gailfrei, und lehrreich feyn. Die Hirten der Völker muffen mehr einen englifchen, als menfchlichen Lebenswandel führen; fonlt werden fie fich felbft einen Zaum in den Mund legen, dafs fie nicht reden dürfen. Sie follen nicht nach dem, was ihnen gefällt, fondern was die Gläubigen erbauet, ftreben. Sie muffen allerdings demüthig von Herzen, gemein im Anzuge, züchtig in Sitten, fparfam in Worten, fchamhaftam Leibe, mäfsigim Effen, im Gebete verfammelt, im Wachen abgehärtet, und mit einer h 4 hei- 114 Klagt heiligen Ernfthaftigkeit begabt feyn. \\ enn he mit diefen Eigenfchaften versehen find, fo können fie vortref- liche Vorlieher abgeben, und doppelte Ehre davon tragen. Sie werden in dem Haufe des Herrn brennende Leuchten feyn, und allen, die darinn lind, vorleuchten; auch ein Salz der Erde, um das Volk mit dem Gefchmacke ihrer Tugenden, und ihrer erbaulichen R.eden zu würzen; fonft werden fie mit ihrer grollen Gefahr auf dem erhabnen Stuhle fitzen. Es würde weit belfer für iie feyn,;, auf der unterften Stulle zu bleiben, als die hü Gilbe unwürdig einzunehmen. Nicht alle haben die Gabe, nützlich vorzultehen. Darum foll **v. V. 2?f des heiligen Lorenz Juftimans. 115 foll ein jeder fowohl furftch felbft, als für alles dasjenige, was zur Verwaltung feines Amtes- gehört, be- fliffen feyn. Wer über andere gefetzt ift, mufs feinen Dienft forg- faltig verfehen, da der Apoftel fagt; Der Vorfteher mit Sorgfalt. Siebentes Hauptftük, Die Kloßerleute., *jOT •I Jlingcgcn mufs auch der Untergebene den Dienft des Gehorfams willig, und von Herzen entrichten, ohne zu fehen, wem er folge, fon* dern wegen wem: nämlich um des' h s je- Xi6 Klage jenigen willen, welcher bis zum Tode des Kreuzes gehorfam war. Wer das Klöfterleben erwählt hat, der trachte die Vorfchrift der Heiligkeit zu beobachten. Für folche, weil fte von den Sorgen der Welt freier, .und von auswärtigem Lärmen entfernt find, gehört ein weit vollkommenerer Lebenswandel. Denn die Vor- fteher des Volkes, und die in die Gefchäfte der Welt verwickelt werden, find einigermaßen zu entfchul- digen-, wenn fie bisweilen in ein und anderm Werke von dem Pfade der Vollkommenheit abweichen. Sie können fich nämlich bald durch unmäfsiges Reden, bald aus fchläf- riger Trägheit, oder auf eine andere des heiligen' Lorenz Jußiniam. ivj re verzeihliche Art verfündigen, weil fie den Stof zur Sünde, womit die Welt angefüllt ift, beftändig um fich haben. Sie erhalten die Vergebung leicht, weil die Liebe, welche die Menge der Sünden decket, in ihnen wirkfam ift. Für diejenigen aber, welche die zeitlichen Freuden verachten, ßch freiwillig dem Dienfte Gottes ergeben, und nach angenommenem Klofterkleide in wohleingerichteten Klöftern, oder andern Gott geweihten Gemeinden angefangen haben, Chrifto zu dienen, ift es die gröfte Schande, wenn fie in ihrer Aufführung nach ifsig find. Wenn einer mit gebun lenen Füfsen gern laufen möchte, abe nicht Ii$ Klage nicht kann, dem ift es zu verzeihen, aber nicht, wenn er los, und frei ift. Der Herr hat die Menfchen zur Verachtung der Welt ermahnt, um ohne Hindernifs auf den Gipfel der Vollkommenheit gelangen zu können. Aber leider! wie feiten findet man einen zu unferer Zeit, welcher verlangt vollkommen zu werden? Diejenigen, welche zur Fahne Chrifti gehören, folgenmeiftens ihrem eigenen Willen: über die R.e- gel, und die gemeine Einrichtung wollen fie nichts weiter thun, und wollte Gott, fie erfüllten das noch sjiit einem willigen Herzen! Was, die des heiligen Lorenz Jüßinians. 119 die Heiligen-gefagt, und gethan haben, halten fie für unmöglich, fie verlangen es nicht einmal zu befol* gen; fie ftellen fich nur, als waren Ile tugendhaft,' fie richten fich nach der Gewohnheit, fie halten die Zunge gar nicht im Zaume, fie fürchten fich vor der Mäfsigkeit, und lalfen fich nach Belieben in Gefprä- che, und Gefellfchaften ein, fie halten alles für erlaubt, was ihnen beliebt, von der Bufse ift kaum zu reden, und vor dem Gebete fliehen fie, wie vor der Ruthe. Weil folche Gemüther keinen Be» griff von der klöfterlichen Zucht haben, fo ftellen fie nur ei» leeres Bild I2o Klage Bild der Heiligkeit vor; die Vollkommenheit 1 affen fie nur am geglichen Kleide fehen: denen, welche fie fehen, predigen fie zwar die Ver- läugnung der Welt; allein wie oft irren fie felbft mit ihren Gedanken in der Welt herum? Die Anzahl der Mönche ift ängewachfen; allein die Fröhlichkeit nicht: fondern die Freude hat fich vielmehr in Trauer verwandelt. Es ift leicht zu erfehen, wie tief die heiligen Orden, welche vor Aftern geblühet haben, zu unferer Zeit herabgefunken find. Man mufs fich nicht verwundern, dafs einige Mönche ihre Gelübde öffentlich, und unvcrfchämt über- tre- äes heiligen Lorenz Juftinians, 121 treten, da fogar bei denen, wo rasft die Zucht des geiftlichen Lehens noch im Schwünge zu feyrt glsubt, die Andachtfsabgenommen Mt, der Eifer erkaltet, und die Tugend ohne Kräfte ift. Sehr« wenige können die Einfamkeit ertragen: cie leiblichen Sinne in der Zuchf zu halten, und ihre Neugier eirzufchranken, fcheint ihnen eine unerträgliche Lall zu fevn. Denn gleichwie fie in ihrem äufserlichen Betragen leicht Äraucheln, fo find fie auch innerlich am Geifte ganz leer. Da fie mit dem Vermögen des Geiftes, nicht haushalten, fondern daffelbe lüderlich verfchwenden, fo ift es ^ine nothwendige Folge, dafs fie fich her- I 122• Klagt\' hernach an den Trabern der Schweine zl fatigen fuchen: Sie verlaffen die innere Nahrung, und von aufsen verhungern fie faft. Solche beftraft Gott durch den Prophet, und fagt diefes Volk ehret mich mit den Lippen, ihr Herz aber iftfern von mir. Ja uns jft das Reich Gottes: in uns will Gott wohnen. In diefet Abficht hat er uns von den Schaa- ren abgefondert, damit wir auf ihn defto aufmerkfamer feyn können, gleichwie auch er auf uns aufmerksam ift. Gott verlangt nicht das Unfrige, fondern uns felbft. Höre aber, wie? Sohn, fagt er, gieb mir dein Herz, Unfer Herz verlangt er, um des heiligen Lorenz Jüßinimti. 123 um es zu besitzen, und auf eine geiftliche Weife mit demfelben zu reden. Denn er fpricht Friede für fein Volk, und für diejenigen, welche in ihr Herz zurückkehren. Siehft du, welch ein grofses Uibel, welch ein grofser Verluft es ift, fein Herz aufser fich herum fehweifen zu 1 affen? Wo das Herz nicht ift, da redet das ewige Wort nicht, da fchlägt die Weisheit auch ihre Wohnung nicht auf.* Wo aber die Weisheit abgeht, da geht alles Gute ab, und findet fich alles Uibel ein. Dahero werden zerftreute Mönche von Anfechtungen angefallen, von unzüchtigen Gedanken aus ihrer Faf* 1 fung 124' Klagt fang gebracht, fie verfchwenden, als unnütze, und vernunftlofe Ge- fchöpfe den Frieden, fie verwerfen die Annehmlichkeit des geiltlichen Lebens, fie laffen die Liebe erkalten, die Standhaftigkeit ihre Kräfte verlieren, das Licht des Versandes verdunkeln, Feindfeligkeiten an- wachfen, und die Seele verfchmach- ten. Mithin müITen die, welche nach dem Geilte wandeln wollen,- diefes ihre vornehmlte Regel feyn laffen, dafs fie unermüdet, einfam, und verfammelt bleiben; die innern Bewegungen im Zaume halten; die Gedanken in Ordnung bringen, und die Gefinnungen reinigen. Wer lieh auf eine folche Lebensart im Ernfte, und des heiligen Lorenz Jußinians. 125 und ftandhaftig verlegt, von dem kann man fagen, dafs er mit lieh ftreiten, und fleh felbft uberwinden lerne. Niemand kann alfo vollkommen feyn, als der von dem Eifer der Liebe entzündet ift, und fich felbft überwinden kann. Es ift aber unmöglich, über fich felbft zu triumphieren, ohne fich felbft zu halfen; und niemand kann fich felbft auf eine auftändige Art halfen, als der Chriftum aus reinem Herzen liebt. Derjenige aber, in welchem die Liebe Chrifti brennt, dienet dem Nächften mit Freuden, ift dem Gebete ergeben, in den Widerwärtigkeiten ftandhaft, im Glücke demii- i 2 thig, iii K i a g e fhig, und in allen Tugenden eifrig« Bald erinnert er fich, bald erhebt er lieh über fich felbft, bald macht er aus Antrieb brüderlicher Liebeeinen vorfichtigen Schritt aufser fich hinaus. Nun mögen wir wegen Gott verrückt zu feyn fcheinen, fagtPaü*-* lus, oder zu unierm Bellen bei Sinnen bleiben, fo kommt es allemal von der Liebe Chrilbi her. Sieht man alfo nicht klar, dafs die innerliche Uibung, und die unermüdete' Verfammlung des Gcilles bei denen, welche im Geilte unter der Fahne Chrilti ftreiten wollen, unumgäng- l lieh nothwfendig ieye, welches, ohne den Wo Hüften des Fleifches zu cntfagen, nicht gefchehen kann«- Es des heiligen Lorenz Juftinians. 127 Es ift bekannt, dafs alle Satzuiir gen der Väter, und alle Gebräuche der chriftlichen Religion dahin abzielen, dafs der innere Menfch ver- fammelt bleibe. Wer aber diefen Gebräuchen ganz allein anhängt, und die innerliche Uibung vcrnach- läfsiget, der bauet Holz, Stroh, und. Heu darauf, welches von dem Feuer derTrübfal gar bald verzehrt wird. Denn gleichwie es nichts nützt, ohne Liebe alle mcnfchliche und englifche Sprachen zu reden, den ftärkftenGlauben zu haben, alle Wiffenfchaften zu befitzen, und fein ganzes Vermögen auszutheilen; eben fo, wenn man die äufserlichen Zerimonien ohne Verftand, ohne 128 K l a-g e innere Empfindung beobachtet, wird man niemals zur Vollkommenheit gelangen. Dergleichen äufserliche Dinge lind zwar nicht zu verwerfen, allein fie muffen doch mit Vernunft ausgeübt werden. Man inufs fie weder unterlaffen, noch für die Hauptfache anfehen, fondern fich derfel- ben als Werkzeuge bedienen, bis der innere Menfch feine Fettigkeit erhält, und zu Kräften kömmt, bis er die Gedanken be fammen halten, und in Chrifto wohnen kann. Als- denn wird er das Gefetz ebne Ge- fetz erfüllen, und durch die in ihm wohnende Gnade fich felbft forthelfen. Wer fo befchaffen ift, wird immer zunehmen, von Stufe zu Stufe des heiligen Lorenz juflinianr. 129?2f‘7 fe fteigen, ohne Verdrufs ftreiten, ohne abgewiefen zu werden, hineingehen, und, ohne zur Lickzuweichen, fortrücken. Mit folcher.Befchäftigungen prangte die Kirche zur Zeit der Väter, und ehrte Gott durch die Zerimo- nien im Gottesdienfte; itzt aber glänzt fie nur äufserlich, und dem Scheine nach, und hat nichts als’ die bloffe Schale der Vollkommenheit aufzuweifen. Wenn fie ja noch etwas Gutes hat, wiewohl es im Vergleiche der vergangenen Zeiten fehr wenig ift, fo ift es inwendig ganz verborgen. Denn der Prophet bezeuget, die Herrlichkeit der Kö- i 4 nigen 43 3 Kluge nigstochter fey innerlich mit goldenen Säumen. Die Herrlichkeit der Kirche wird uns inwendig mit goldenen Säumen vorgeftcllt wegen denjenigen, welche den Schimmer zeitlicher Herrlichkeit verachten, die guten Werke in ihrem reinen Gewif- fen, und in dem innerften ihres Herzens verbergen, blos die Ehre Gottes verlangen, und nur den Augen ihres Schöpfers zu gefallen wiln- fchem Inwendig brennen fie von heiligen Begierden; durch die Liehe Leigen fie in die himmlifchen Gegenden hinauf, und in Chrifto geniefsen iie die entzückende Pvuhe des Gemuths. Ihr Bellreben glänzt vor den Augen Gottes,, ob, fie gleich den Menfchen unbekannt find. des heiligen: Lorenz Juftinians. 131 Es fmd fehr wenige an der Zahl, welche fich mit der innern XJibung des Geiftes abgeben, weil eine fol- Che Lebensart den Werken des Flei- fches, und dem Vorwitze der Sinnen zuwider ift. Der Weg des Geiftes, welcher zur Vollkommenheit, und zum Belitz Chrifti fuhrt, ift eng; jener aber, wo man fich den finn- lichen Freuden ergiebt, ift breit,' und viele, ja unzählige wandeln darauf. Unter diefen find jene Klo- fterleute die häuligften, welche der Weit entfagt zu haben, und Chrifto zu dienen fcheinen. Solche trägt die Kirche in ihrem Schoofse, und reicht ihnen die geiftliche Speife, und fpeiet fie, fo lau lie auch find, i 5 den* 132 Klage dennoch nicht aus; fondern fie geht wegen ihrer Schwachheit defto gelinder mit ihnen um, und hoft immer, fie werden wieder aufleben, und fleh felbll mifsfallen. Die Kirche erinnert fleh der Ermahnung ihres Bräutigams, und duldet das Unkraut unter dem Waitzen bis zur Aerndtezeit. Alsdenn wird das Unkraut verbrennt, und der rei- neWaitzenin die himmlifchen Scheuern eingetragen werden Dermalen hber läfst fie beides miteinander auf- wachfen; fonft möchte der Waitzen mit ausgerauft werden. Gegenwärtig, fage ich,. beweint fie die Lauig-, keit diefer Zeit, und die Leichtfertig- Uli—HM~|HMI iHirr des heiligen Lorenz Jußinians. 133 tigkeit ihrer Glieder., Denn da fie fonft gewöhnt war, Gott unzählige Seelen darzuftellen, in welchen Chri- itus mit Freuden einkehrte, fo findet fie dermalen kaum einige, ihm zuzuführen. Die Rleinmuth hätte fie niederfchlagen muffen, wenn’ fie deffen nicht zum voraus von Ghrifta wäre gewarnet worden. Weil die Bosheit, fagt er, überhand genommen hat, fö wird die Liebe bei vielen erkalten. Leider! freylich ift fie erkaltet, und beinahe ganz erlo- fchen: alle find abgewichen, und unnütz geworden: es ift fehr zu befürchten, die Axt feve fchon an die Wurzel gefetzt, und der Hausvater befehle, die unfruchtbaren Bäu- *34 Klage nie auszuhauen, und zu verbrennen. Da aber der Wille Gottes nicht ift, dafs der Gottlofe Herbe, fon- dern vielmehr, däfs er fich bekehre, und das Leben erhalte; fo züchtiget er uns durch tägliche Trübfalen, plagt er uns mit Krankheiten, er- fchüttert er uns durch Prüfungen, drückt uns mit Unglücksfällen, und weckt uns durch öftere Einbrüche der Feinde auf n einen jeden ermahnt er zurück zu kehren, um nicht in das bevorftehende Unglück mit hineingezogen zu werden. Ach- des heiligen Lorenz'Jtiftinians. i-W Achtes Hauptftük: Heiljame Ermahnung an die BißbÖfe„ und'Priefier. ö ott ruft vorzü glich feinen Kn echten, den Kirchendienern zu ,-welche ihn, wie er fich felbft durch den Mund des Propheten beklagt auf der empfindlichften Seite beleidigen. Wenn mein Feind, fagt er, fchändlich von mir gefprochen hätte-,- ib hätte ich es gelitten, und wenn- derjenige, welcher mich hälfet, ftol- ze Reden wider mich ausgeftofsen hätte, fo wäre ich ihm ausgewichen5 du aber mein Vertrauter, mein Tifch- genofs, mein Bufenfreund 1 wir ipei- feten 136 Klage fcten fo vergnügt miteinander, nnd lebten fo einmüthig in dem Haufe Gottes, Ein andersmal fpricbt er zu allen unter einem: Der mit mir im Vertrauen lebte, auf den ich mich verliefs, hat mir einen böfen Streich gefpielt. In der That einen fehr böfen Streich! ohne feine Gaben zu erkennen, ohne für feine Wohltha- ten dankbar zu feyn. Die Geiftlichen follten fich, da ihnen die Schlüfsel des HimmeljS anvertraut, die Geheimniffe entdeckt, und Merkmaaie einer vorzüglichen Liebe gegeben worden find, einzig .und allein für die Ehre Chrifti, und für das Heil der Völker beeifern.■ Aber des heiligen Lorenz Juflinians. 137 Aber leider! je reichlicher die Gnade ift, defto häufiger findet fich die Sunde ein. Denn je überfchwenkli-; eher die Gnade, und je erhabner der Stand ift, defto fchwerer ift der Fall, defto fträfiicher das Vergehen. Wo kann aber eine vornehmere Würde ieyn, als zum Dienfte Gottes be- ftimmt zu werden, und die Sakramente Chrifti zu verwalten zu haben? Was an den Weltlichen von keiner Erheblichkeit ift, wird den Geift- lichen wegen dem Vorzug ihres Berufs fehr hoch angerechnet. Wenn fie öffentlich fündigen, fo verfallen fie in eine doppelte Strafe, für ihr eigenes Verbrechen, und für das ärgerliche Beifpiel, fo fie dem Näch- ften S3 g Klage ften geben. Sie füllen die Fürbittef der Welt feynwie werden fie aber diefe Liebespflicht entrichten, wenn ihr Gewiffen unfläthig, und ihr Gebet lau ift? Wir muffen uns alfo fchämen, dafs wir Chrifto nur äufserlich dienen, fo leichtfinnig leben, und feiner Liebe fo undankbar begegnen. Seyen wir das, wofür man uns hält, und Was unfer Amt von uns fodert: un- fere Aufführung mufs dasjenige zeigen, was unfer Stand verkündiget: innerlich muffen wir den Augen Gottes zu gefallen fuchen, und äufserlich den Menlchen wegen Gott. Lafst uns verbefiern, was wir aus Nach- des heiligen Lorenz Jußinians. 139- Nachläfsigkeit, öder aus Unwifiert-* heit Uibels gethan haben\ dafs fich die Engel darüber' erfreuen, und unfere heilige Mutter die Kirche, welcher unfre Lauigkeit fo viel Schmerzen verurlaeht hat, auch frohlocken möge. Lafst uns Hand'an- legen, und das beinahe einfallende Haus unterftützen, damit wir nicht unter dem Schutte zugleich begraben werden. Lafst uns das Wohnzimmer unfers Herzens zufechtmachen, und unferm Heiland entgegen gehen. Lafst uns mit einer männlichen Entfchloffenheit, und in De- muth unfer Gcmüth zur geiftlichen Uibung anwenden, damit man uns * i nicht fPStffe*3i 'WC■' 140 Klage des heil. Lorenz Jufiinians. nicht vorwerfe, wir haben die Ehrenzeichen des Chriftenthumes vergebens empfangen. Ende der Klage des heiligen Loren£ Jufiinians. WMt» 1 -T'"- - l'-'l r~ ' ■ Vi v /-.» i? ' L- f*