Einige Gedanken über a. unſere Arn ne. Odi profanum vulgus et arceo. Horatius Lib. III. Od. 1. Als Mannstript gedruckt. Wien. Druck von Carl Gerold's Sohn. 8 Juli 1867. ' Ce—— Ss Eine Armee iſt die Waffe, mit welcher ein Staat den Krieg führt. Wenn niemals ein Krieg zu befürch—ten wäre, würde jede Armee unnütz, ja ſchädlich wer den, und kein Staat in Europa, wäre ſeine Vorliebe für Trommelſchlag oder Soldatenſpiel noch ſo groß, würde ſeine Finanzen mit der Laſt eines permanenten Heeres überbürden, noch den Hilfsquellen des Landes alljährlich Hunderttauſende von Armen entziehen. Eine Armee in Europa iſt alſo für den Krieg geſchaffen und in dem Kriege allein findet ſie die Gründe ihres Daſeins. Der Zweck aber des Krieges iſt die Vernichtung des Gegners. Dieſe Vernichtung wird in letzter Inſtanz nur herbeigeführt durch die Schlacht: am Schlachttage potenziren ſich alle Eigen—ſchaften, alle Fehler eines Heeres; folglich iſt die Schlacht das Kriterium einer Armee und in allen Betrachtungen über eine Heeresorganiſation muß die. mit allen ihren Forderungen, der Führung, der Gliederung, der Bewaffnung, der Verpflegung des Heeres, allein als Princip, als Ziel genommen werden Nehmen wir an, um dieſen ſchon an ſich ſehr klaren Schluß noch klarer zu machen, von den Armeen zweier kriegführender Großmächte, die am Vorabend einer Schlacht einander gegenüber ſtehen, wäre die eine zahlreicher, muthvoller, beſſer geführt, beſſer bewaffnet, beſſer gegliedert, beſſer verpflegt als die andere: iſt es dann möglich, über den Sieg der einen, über das Be ſiegtwerden der andern im Zweifel zu ſein? Iſt es nicht klar, daß, wenn jene Umſtände bei mehreren Schlachten auf gleiche Weiſe vertheilt wären, die eine Macht nur Siege ernten, die andere nur Nieder lagen erleiden würde? Warum iſt der 3. Juli ein für uns ſo verhängnißvoller Tag geworden? Weil am 2. die preußiſche Armee alle früher er wähnten Eigenſchaften gehabt hat— und weil ſelbe uns gefehlt haben— weil ſie zahlreicher, beſſer bewaff— net, beſſer geführt, wenn auch nicht muthiger war— denn den Muth der unglücklichen öſterreichiſchen Schaaren beweiſen ihre ſo zahlreich gefallenen Soldaten, unſern Muth beweist am glorreichſten die einige Tage früher gewonnene Schlacht von Cuſtozza, wo eine tapfere und beſſer geführte Armee, eine zahlreichere, aber minder gut geführte geſchlagen hat. Wenn auch in einigen Feldzügen die Hauptent— ſcheidung nicht durch die Schlacht herbeigeführt wurde (z. B. 1778 im bairiſchen Erbfolgekrieg, 1812 in Rußland), ſo muß man dabei bemerken, daß heute ein Krieg mit einer verhältnißmäßig ſo wenig zahlreich aufgeſtellten Macht und in der Art geführt wie die Feldzüge des 18. Jahrhunderts, kaum mehr vorkommen wird; zweitens, daß kein Staat in Europa, mit Ausnahme Rußlands, den Feind über 80 Meilen in ſein Land eindringen laſſen kann, bevor er zur Offenſive greift, daß folglich dieſes Beiſpiel die Richtigkeit des aufgfſtellten Grundſatzes gar nicht erſchüttert; im Gegentheile, bei den koloſſalen Mitteln, die jeder kriegführende Staat entwickelt, bei den ungeheueren Koſten, die damit verbunden ſind, bei den ſo großen Verluſten, die durch die verbeſſerten Feuerwaffen entſtehen, hauptſächlich aber durch die Störung der ökonomiſchen Zuſtände, die durch die neue Geſtaltung des Creditweſens einen ſo ungeheuren Umfang genommen haben, wird jeder Staat, der ſich zum Kriege entſchloſſen hat, die Entſcheidung ſo früh als möglich ſuchen, und die Schlacht wird heute noch mehr als früher der Punkt ſein, den jeder Feldherr immer vor Augen haben muß, und nach welchem alle ſeine Berechnungen, Bemühungen und ſein Sehnen trachten ſollen Wenn aber die Schlacht die Entſcheidung jedes Krieges bringt, der Krieg aber der Zweck iſt, für welchen eine Armee geſchaffen wurde, fo iſt es auch vom Stand— punkt der Schlacht aus, oder beſſer geſagt vom Stand— punkt des Gefechtes aus, und von dieſem Standpunkt allein, daß alle Fragen über Heeresorganiſation be— trachtet werden müſſen. Auf dieſe einleuchtende Wahrheit wird in den meiſten Schriften, die ſeit einem Jahre ſo zahlreich in Oeſterreich über das Heerweſen erſchienen ſind, meiſtens nur wenig oder gar* ö gelegt. In Folge dieſes Fehlers verlieren e Schriften jede ordentliche logiſche Baſis: ae e. von Kritikern, die dem Hand werke ganz fremd ſind, oder von Fantaſten, die in dem Wahne leben, d daß Alles, was tüchtige Geiſter vor ihnen geſchaffen und geprüft haben, ſchädlich und nur zu ver werfen iſt, daß ihre Elucub: rationen aber auf einmal Licht in dieſem Chaos machen werden, haben überhaupt derlei Brochuren gar keinen praktiſchen Werth. Gegenwärtige S Schrift hat d durchaus nicht die Anma— ßung, d ie ſch wierigen Fragen zu löſen, die bei der Betrach tung des Heerweſens ſo zahlreich vorkommen; ſie ent hält nur einige Gedanken, von welchen vielleicht Vieles zu verwerfen iſt, Einiges aber von Nutzen erſcheinen könnte, und im Hinbl lick, im Hinblick hierauf allein, iſt ſie verfaßt. II. Heeresergänzung. Je größer die Bevölkerung eines Staates iſt, deſto zahlreicher kann ſein Heer werden. Bevölkerter als Oeſterreich ſind von den continentalen Mächten Rußland, Frankreich und Preußen-Deutſchland. Was dieſen letzten Staat betrifft, ſo kann man wohl annehmen, daß der ſogenannte ſüddeutſche Bund ein Beſtandtheil des nord— deutſchen Bundes oder Preußens iſt, wobei aber be— merkt werden muß, daß das Anklammern Süddeutſch— lands an Preußen nur mit Zögern von Seite der Be— völkerung, nur mit Widerwillen von Seite der Regie— rungen geſchieht; daß folglich bei einem eventuellen Kriege die Leiſtungen dieſer Staaten für Preußen wahrſcheinlich noch weniger nützlich ſein werden, als ſie es für Oeſterreich im vorjährigen Feldzug geweſen ſind. Auf einer anderen Seite iſt die territoriale Aus— dehnung Rußlands eine ſo große, das Eiſenbahnnetz dieſes Landes noch ſo unvollkommen, daß auf eine raſche bedeutende Concentration von Truppen, wie dieſes in Preußen geſchieht, wie dieſe in Oeſterreich möglich iſt— nicht zu rechnen iſt: daß folglich— Oeſterreich bei Anſtrengung aller ſeiner Kräfte eine Kriegsmacht auf— ſtellen kann, die derjenigen ſeiner einzelnen Nachbar— länder vollkommen gewachſen wäre. Die Zahl eines Heeres iſt eine der größern Facto ren ſeiner Ueberlegenheit, heut zu Tage beſonders, wo man annehmen muß, daß eine ziemlich große Gleichheit in der Bewaffnung, Ausrüſtun ig, in der Taktik, Verpfle gung, Verwaltung ꝛc. bei den verſchiedenen europäiſchen Armeen beſteht. 9 der letzten Periode der Napoleon— ſchen Kriege und im vierjährigen Bürgerkriege in Amerika hat die Ueberlegenheit der Zahl faſt überall allein entſchieden; ſelbſt im vorigen Jahre war mit der Ueberlegenheit der Waffe die Ueberlegenheit der Zahl auf Seite des Siegers, und, hätte Oeſterreich eine große Ueberlegenheit der Zahl aufweiſen können, ſo wäre ſicher die Ueberlegenheit des preußiſchen Zünd nadelgewehres ſehr eingeſchränkt, wenn nicht ganz be— ſeitiget worden. Ein Staat muß alſo für den Fall eines Krieges vor allem andern ein Heer aufſtellen können, wel ches ſo zahlreich als m öglich iſt; da aber das Erhalten dieſes ſo zahlreichen Heeres im Frieden un— möglich iſt, ſo drängen ſich folgende Gegenſätze auf: die Armee auf dem Friedens-, und die Armee auf dem Kriegsfuß, oder: die wirkli ich dienende Armee und [941 die Reſerve. Die Zahl der Köpfe eines Heeres, dieſe Zahl allein, bildet aber bei weitem noch nicht die Stärke des Heeres.„Ein Mann iſt nicht ein Soldat“, ſagte Napoleon J. im Feuer der Schlacht von Arcis-surAube, wo ſeine tapferen, aber unerfahrenen Recruten den erfahrenen öſterreichiſchen Grenadieren das Feld räumen mußten. Ein Heer, um wirkliche Anſprüche auf Stärke zu haben, muß aus zahlreichen, gut geſchulten, erfahrenen Soldaten beſtehen, aus ſolchen, die nicht allein das formelle Exercitium ihrer Waffe kennen, ſondern die auch durch eine längere und ſorgfältige Angewöhnung an die disciplinariſchen Verhältniſſe die innere Erziehung des Soldaten beſitzen. Man ſieht alſo, daß die. des Soldaten bei der Fahne im Frieden, die aus finanziellen und ökonomiſchen Rückſichten ſo gering als möglich aus fallen ſoll, doch nicht gar zu kurz gehalten werden darf, und daß dieſe Zeit zur Ausbildung des Soldaten eine vollkommen genügende ſein muß: ſonſt hat man Milizſoldaten, aber keine wahren Krieger, man hat Nicht eine Stunde über die zur Ausbildung nothwen dige Zeit ſoll die Dienſtesdauer im Frieden ſich ver längern; dieſe nothwendige Zeit muß aber auch ganz vorhanden ſein. Die Reſervezeit muß, um das Heer zahlreich zu machen, eine längere ſein; jedoch aus ſtaatsökonomiſchen wie aus militäriſchen Gründen n dieſe Reſervever pflichtung nicht über eine zu lange Reihe von Jahren erſtreckt werden. Jede n. Reſerveverpflichtung, nenne man dieſe wie man wolle, wird immer in eine Art von Landwehrſyſtem entarten und dieſes bringt einem kriegführendem Heere mehr Schaden als Nutzen. Durch den überraſchenden Erfolg der preußiſchen Feldzuge hat das preußiſche Truppen im vorjährigen 10 Wehrſyſtem zahlreiche Bewunderer gefunden, und viele ſehen in der ſchon fünfzigjährigen, alten Scharnhorſt ſchen Idee das Ideal einer Heeresorganiſation. Bei einer genaueren Betrachtung kann man dieſe Bewun— derung nicht unbedingt theilen. Zum Siege der Preußen hat ihr gutes Wehrſyſtem ſowie das Zündnadelgewehr ſehr viel beigetra— gen; durch dieſe zwei Factoren allein aber iſt er nicht errungen worden. Geſiegt haben die Preußen, weil der öſterreichiſche Befehlshaber den 28. und 29. Juni 3 unbenützt ließ; weil vom 3. Juli bis zur Waffenruhe von Nikolsburg in Wien die Zeit verloren ging; weil man unſchlüſſig war, ob man Krieg oder Frieden folgen laſſen ſollte; weil nicht alles aufgeboten wurde, um mit der äußerſten Energie alle Mittel aufzutreiben, mit welchen man den Krieg hätte fortſetzen können; weil man vergeſſen hatte:„daß die Wal 2. des Erfolges nicht in allen Fällen in dem Maße abnimmt, als man Schlachten, Hauptſtädte, Provin nzen verliert, ſondern daß man oft mitten in ſeinem Lande am ſtärk ſten iſt, wenn die Offenſivkraft des Gegners ſich ſchon erſchöpft hat, und daß gerade in ſolchen Verhältniſſen ſehr oft die Defenſive mit ungeheurer Kraft zur Offenſive überſpringt“*). Dieſen Urſachen mehr als dem preußiſchen Wehr— ſyſteme und den Zündnadelgewehren ſind die preußiſchen Siege zuzuſchreiben. Wenn uns auch nicht gegönnt war, ) Klauſewitz, J. Band, Seite 234. 11 die ſichere Demoraliſation, die in den Landwehr-Regi mentern der vor Wien geſchlagenen Preußen eingetreten wäre, zu ſehen, ſo genügen die Bemerkungen des Wider willens, mit welchem die Landwehr vor dem Kriege ſich einreihen ließ, ihre Aeußerungen und ihr Widerſtreben im Kriege ſelbſt, ihre Sehnſucht nach dem Frieden und ihre Freude nach demſelben, um zu dem Schluſſe zu kommen, daß die Landw ehr ‚ dieſe Truppe von Familienvätern, höchſt unverläßlich, den Ermüdungen und Gefahren eines activen Krieges kaum gewachſen iſt. Es muß noch bemerkt werden, daß der vorjährige Krieg nur ſieben Tage oder ſtrenge genommen nur ſieben Wochen gedauert hat, daß die Landwehrregi— menter die öſterreichiſchen Provinzen nur beſetzt haben, welche die Siege der operirenden preußiſchen Armee (wo faſt gar keine Landwehr war) erobert hatten; daß dieſes Landwehrcontingent keinen Gefahren getrotzt, keine Strapazen ertragen hat, wie dieſe in einem länger dauernden Kriege ſicher vorgekommen wären. Ein Krieg, wenn er ſich heut zu Tage wohl nicht ſehr in die Länge ziehen wird, kann doch auf 6, 8 oder 10 Monate und auch noch länger ſich erſtrecken; in dieſem Falle würde der Landwehr eine ſo beſchwerliche Rolle zu fallen, daß ſie dieſe wohl kaum ausfüllen könnte. Es muß endlich noch bemerkt werden, daß die Landwehr⸗-Aufgebote dem Lande eines Staates alle rüſtigen Arme entziehen, daß dieſer Zuſtand kaum über d ein halbes Jahr zu ertragen iſt und daß ſicher dieſes ) Land keinen Widerſtand aufbieten und ſich in einem ſehr kleinmüthigen Zuſtande befinden würde, wenn ſeine Armeen geſchlagen und in es der Feind eindringen würde. Trotz der Erfolge der preußiſchen Waffen kommt man alſo zum Schluſſe, daß das Landwehr ſyſtem mehr Nachtheile als Vorzüge darbietet und daß gar kein Grund vorhanden iſt, dasſelbe vom militäri ſchen Standpunkte aus zu empfehlen. Das bisher Geſagte enthält eigentlich nur ſehr handgreifliche Wahrheiten, die aber aufgeſtellt werden mußten, weil dieſe Wahrheiten die logiſche Baſis bilden, auf welcher alle Fragen, die ein Heere esergẽuʒ zungs— Geſetz berühren, aufgebaut werden müſſen. Sie laſſen ſich in einigen Worten zuſammenfaſſen: ein Heer muß ſo zahlreich ſein als möglich, ohne aß dadurch im taates leiden; dieſes Heer muß, um nicht zu theuer zu werden, mit *— d — © Frieden die Productivkräfte des (> iner kurzen Präſenzzeit bei der Fahne eine längere eſerveverpflichtun g verbinden; je kürzer die effective r. 53 ienſtzeit iſt, deſto kleiner ſind die Koſten, je länger TJ. 8 iſt ie Reſerveverpflichtung, deſto zahlreicher iſt die Armee. Die effective Dienſtzeit darf aber nicht zu kurz fein, ſonſt bildet man nicht wahre Soldaten aus,— die e muß nicht zu. ſein, ſonſt bekommt man eine La ndwehr, die keine verläßliche Truppe mehr iſt; folglich ſind die Hauptaufgaben eines Heereser gänzungs⸗Geſetzes, dieſe verſchiedenen, aber abſolut nothwendigen Bedingungen unter ſich(wenn dieſer mathematiſche Ausdruck geſtattet iſt) zu coordiniren. 5 13 Unter allen Geſetzen eines Staates greifen das Heeresergänzungs- und das Steuergeſetz am tiefſten in das ſociale und individuelle Leben der Unterthanen. Das Heeresergänzungs⸗-Geſetz berührt ſo viele politiſche, zkonomiſche, ſociale, militäriſche Intereſſen, daß ein tieferes Erwägen dieſer J Intereſſen weit über die Ab ſichten dieſer Schrift hinausläuft. Jedoch, um bei unſern Betrachtungen zu einem praktiſchen Reſultate zu kommen, müſſen gewiſſe De tails genau erwähnt werden, müſſen Zahlen angegeben und mit Zahlen gerechnet werden, und vor allem müſſen gewiſſe rechtliche Grundſätze aufgeſtellt wer den, die gerade ſo nothwendig und gerade ſo uner ſchütterlich ſind, als die militäriſchen Grundſätze, die Dieſe Grundſätze ſind: 1. Die Wehrpflicht iſt eine allgemeine, das heißt: jeder Unterthan kann ein Soldat werden. Aus dieſem Principe aber die Conſequenz ziehen zu wollen, daß jeder Unterthan ein Soldat werden muß, iſt rechtlich und logiſch falſch 2. Jeder Unterthan muß genau wiſſen, wann er Soldat wird und bis wann er ſich als befreit von jeder Militärpflicht anſehen kann. Der erſte dieſer Grundſätze, welcher ſchon im er ſetze vom 1. November 1858 auf Heeresergänzungs Ge geſtellt war, iſt in der kaiſerlichen Verordnung vom 28. December 1866 noch verſchärft worden; der zweite aber iſt nur angedeutet und nicht präcis genug ge halten, und aus dieſem Grunde muß hier über dieſen Grundſatz einiges erläutert werden. Bei der allgemeinen Wehrpflicht wird jeder Unter than, die wenigen, die das Geſetz beſtimmt, ausge nommen, in einer gewiſſen Epoche ſeines Lebens— Soldat; jeder Unterthan, ſobald er in ſeinen Jugend jahren etwas vorgerückt iſt, hat alſo die Zeit vor ſich, während der er, von ſeiner Heimat und ſeinem Ge werbe entfernt, einige Jahre im Heere zubringen wird Die Frage des Soldat-werdens oder Nichtwerdens ſpielt alſo im Leben faſt eines jeden Mannes eine bedeutende Rolle und es iſt leicht einzuſehen, daß faſt jeder bei der Erlernung ſeines Berufes, Ee es als Landmann, ſei es als Gewerbsmann, auf dieſe ſicher eintretende Abweſenheit Rückſicht nehmen wird. Es iſt deshalb eine weſentliche Pflicht des Staates jeden Unterthan genau zur Kenntniß zu bringen und dieſes um ſo genauer, als die Wehrpflicht eine allgemeine Ss iſt, wann er einberufen wird, wie lange er einberufen bleibt und wann er dieſe Einberufung für ſich nicht mehr zu befürchten hat. Wenn dieſes nicht der Fall iſt, entſtehen in. Familien wie in den ökonomiſchen Zuſtänden die zerrüttetſten Verhältnif nicht gleichgiltig, ob der Mann in feinem 20. Jahre, wo er dienſtpflichtig wird, oder in ſeinem 21., 22. oder gar im 23. Jahre einberufen wird; wäre er ſicher, ſſe. Es iſt daß er erſt in ſeinem 23. Jahre einberufen würde, ſo hätte er vielleicht ein Gewerbe erlernt, was er unterlaſſen hat, weil er geglaubt hat, ſchon in ſeinem 20. Soldat 15 zu werden; iſt er aber in feinem 20. Jahre einberufen worden, während er gehofft hatte, erſt im 23. oder 24. eintreten zu müſſen, ſo hat er vielleicht etwas angefan gen, was er im Stiche laſſen muß und das ihm und ſeinen Angehörigen möglicher Weiſe zum Schaden gereicht. Dieſe Principien ſind im Paragrafe Nr. 42 des Heeresergänzungs-Geſetzes nicht beobachtet. In dieſem Paragrafe war die Abſicht vorhanden, eine gleiche Ver— theilung der zu Stellenden auf jeden Kreis eines einzel— nen Kronlandes in gleicher Proportion mit der Be völkerung herbeizuführen, während aber durch die Auf— ſtellung der Altersclaſſen dem Unterthan nicht präcis —* angedeutet wird, wann er zum Heere einzurücken hat, und durch dieſen geſchaffenen Spielraum die Arbeiten der Stellungs-Commiſſionen ſehr bedeutend erſchwert werden. Der Uebelſtand, der aus dieſem unpräciſen Spiel: raume entſteht, wird am klarſten bewieſen durch fol— gende Thatſachen. Im Jahre 1862 hatten in Oeſter— reich 359.000 junge Leute ihr zwanzigſtes Jahr erreicht, 61. 000 waren, als vom Eintritte in das Heer geſetzlich befreit, weggefallen und es blieben für die ſtattzuhabende Stellung 298.000 Mann. Die Stellung betrug für dieſes Jahr 90.000 Mann, und um dieſe Zahl auszufüllen, haben die 298. 000 nicht allein nicht genügt, ſondern man hat noch zurückgreifen müſſen zu den vier vorhergegangenen Altersclaſſen. Nach dieſem Ergebniſſe wären von den im Jahre 1842 geborenen männlichen Kindern, die ihr zwanzigſtes Jahr erreich 16 ten, mehr als 208.000, die theils eine körperliche Größe unter 60 Wienerzoll gehabt hätten, theils nach Paragraf 12 des Heeresergänzungs-Geſetzes blöd ſinnig, krüppelhaft oder mit Siechthum behaftet ge— weſen wären.— Dieſes Reſultat iſt unmöglich und kann nur durch zahlreiche. herbeigeführt worden ſein, die jedes Jahr trotz Paragrafe 29 41, die im Heeresergänzungs-Geſetze gegen dieſe Miß bräuche aufgeſtellt ſind, ſich bei jeder Stellung hundert— tauſendmal wiederholen. Auf Grundlage obiger Betrachtungen erſcheint die Einrichtung der Alterseclaſſen eine nutzloſe Maßregel, die nur zahlreiche Mißbräuche geſtattet— ſie muß daher aufgehoben werden. Durch die Abſchaffung der Alters claſſen-Stellung wird jeder Unterthan genau wiſſen, daß er in ſeinem zwanzigſten Lebensjahre zum Heere kommt, und die Heeresergänzung wird nicht beeinträch— tigt, da, wenn die Stellungs-Commiſſionen ihrer Schul digkeit nachkommen, ſich auch gewiß in einem Jahr gange das zu ſtellende Contingent finden wird. Der Paragraf 4 der kaiſerlichen Verordnung vom re — ‚—.’— 28. December 1866 ſagt:„Die Dienſtzeit im? ee wird auf 6 Jahre in der Linie und 6 Jahre in der Reſerve feſtgeſetzt, von welch' letzteren 3 Jahre zur erſten und 3 Jahre zur zweiten Reſerve gehören.“ „Die in der Linien- und in der erſten Reſerve pflicht ſtehenden Männer bilden die eigentliche Feld-, beziehungsweiſe Operations-Armee.“ 17 „Die aus den Männern der zweiten Reſerve im Kriege geſchaffenen Abtheilungen haben hauptſãächlich die Beſtimmung zu Beſetzungen innerhalb der Grenzen des Reiches; ſie können jedoch im Falle der Noth— wendigkeit auch außerhalb der Reichsgrenzen verwendet werden.“ Der in dieſem Paragraphe gelaſſene Spielraum iſt noch viel größer als der früher erwähnte, auch ſind die Uebelſtände, die daraus erwachſen, viel bedeutender. Iſt die Dauer der effectiven Dienſtzeit wirklich auf ſechs Jahre feſtgeſtellt und wollen die höchſten Behörden der Armee wirklich die Präſenzzeit bei der Fahne ſo lange ausdehnen?— Ware dieſes der Fall, ſo iſt dieſe Maßregel ein großes, in ſeinen Folgen un— abſehbares Uebel; denn fie bringt ein auf dem Friedensfuß ſo bedeutendes Heer mit ſich, daß unſere an en eine ſolche Laſt unmöglich tragen könnten; ferner, da dieſe lange Dienſtzeit weit über die zur vollkommenen 3 bildung der Truppe nothwendige Zeit ſich erſtreckt, ſo würden alljährlich Hunderttauſende von Armen den agronomiſchen und induſtriellen Productivkräften unſeres Landes entzogen. Iſt aber, was man annehmen muß, jene Dauer der Dienſtzeit nicht die effective und nothwendige, warum dann echs Jahre beſtimmen, warum nicht gleich die wahre — Dauer der Dienſtzeit angeben, eine Dauer, welche dieſelbe ſein müßte für alle? Was kann dieſe Unpräciſion für einen Grund haben? Erſcheint es nicht einleuchtend, daß d beurlaubte Soldat, den man alle Augenblicke r m. 2 — 18 kann, nur ein gewiſſermaßen ſehr precäres Gewerbe betreiben wird? Iſt es nicht klar, daß mit dieſer vorgeſchriebenen, nicht ganz einzuhaltenden Dienſtzeit in jedem einzelnen Regimente zahlreiche Mißbräuche ge— ſchehen können? Die bequemen Privatdiener werden bei den Officieren 4, 5, auch 6 Jahre bleiben, dafür werden aber nur ſehr mangelhaft abgerichtete Soldaten be urlaubt werden. Iſt es nicht klar, daß nach einer Be— urlaubung der Mannſchaft bei einer ſo ungleichen Dauer der Dienſtzeit, einige nach einem Jahre, andere aber erſt nach 3 oder 4 Jahren an die Reihe kommen? Iſt es nicht klar, daß dieſe nach ungleicher Dienſtzeit Beurlaubten, mit noch dazu verſchiedenen Altersclaſſen, im Falle einer Einberufung vor einem Kriege bei den Kreisämtern, in den Regiments-Adjutanturen, bei den General-Commanden ungeheuere Schreibereien verur— ſachen müſſen, daß dadurch zahlreiche Mißbräuche geſchehen und daß darüber die Controle faſt unmöglich wird? Wohl werden einige in dem Wahne leben, daß in Wien von einer Kanzlei aus dieſe Controle, ſowohl über die Beurlaubten als über die Einzuberufenden, genau ge— führt werden kann; ſie mögen ſchreiben und controliren Tage und Nächte und nachträglich einige Zeit bei den Regimentern zubringen, ſo werden ſie doch finden, wie trotz aller ihrer Arbeit nur der Schein controlirt wurde. Die hier angegebenen Uebel ſind Thatſachen, die übrigens Niemandem beſonders zur Laſt fallen. Die Schuld davon liegt nur im Geſetze, das der Willkür einen ſo elaſtiſchen Spielraum geſtattet; denn überall, 19 wo kleineren Willküren der Platz geräumt wird(das liegt im Charakter jeder menſchlichen Inſtitution), ſuchen zahlreichere ſich Bahn zu brechen und dieſe werden um ſo viel größer und arten um ſo viel früher in Miß— bräuche aus, je größer die Menge iſt, welche die Maßregel betrifft.— Nenne man die Sache wie man wolle; aber in den zahlreichen und coufuſen Schrei— bereien und Documenten, die durch die verſchiede— nen Altersclaſſen und ungleichen Beurlaubungen ent— ſtehen, liegt theilweiſe der Grund von dem im vo— rigen Jahre ſo tief empfundenen Unterſchiede zwiſchen dem angeſetzten Stande des Heeres und der wirklichen Zahl der Combattanten. Wohl hörte man im Monat April von 800.000 Soldaten prahlen, Mitte Juni waren doch keine 400.000 Combattanten verſammelt. Ge— wundert haben ſich die Preußen, in den eroberten Pro— vinzen noch fo viele kriegstüchtige junge Leute zu fin— den, und wohl hatten ſie Recht darüber zu ſtaunen; aber zu gleicher Zeit mag bei der geſchlagenen, ſich zu— rückziehenden Armee, bei demſelben Gedanken mancher tapfere öſterreichiſche General tiefen Schmerz empfunden haben! Was wäre Königgrätz trotz aller Fehler der Dispoſition geworden, wenn wir um 150.000 Com— battanten mehr in der Schlachtlinie gezählt hätten! Was iſt ferner der praktiſche Werth des Para— graphen Nr. 9 der Verordnung vom 28. December 1866, welcher in ſieben Kategorien die dauernd Be— urlaubten mit dem Zuſatze bezeichnet:„Solche dauernd 2* — 20 Beurlaubte werden während der 3 erſten Jahre ihrer Dienſtzeit auf je 5 Wochen zum Behufe der militäriſchen Ausbildung, außerdem bei drohendem Kriege oder Ausbruch desſelben, einberufen?“ Was hat dieſe Maßregel für einen Zweck? Können während der 5 Wochen, für welche die hier Bezeichneten einberufen würden, dieſelben wirklich abgerichtet wer— den; können einige tauſend Gewehre dieſer Halbſoldaten, die im Kriege zuwachſen würden, dem Heere ſehr nütz— lich werden? Wäre es nicht beſſer, daß jene Leute, deren Wirkungskreis für den Staat ein ſehr nützlicher iſt, dieſem Wirkungskreiſe ganz überlaſſen blieben, und trägt nicht eine ſolche Maßregel den Stempel einer ſehr unüberlegten und ſehr unnützen Seccatur? Die im Heeres-Geſetze angegebenen Fehler ſtammen eigentlich aus folgenden Gründen: Aus einem Mangel an Präciſion und Genauig— keit der Beſtimmungen, der in Oeſterreich ſich allge— mein fühlbar macht. Aus einer in Oeſterreich, hauptſächlich aber in den Kanzleiorganen ſtark verbreiteten Wuth, alles immer verbeſſern zu wollen und in jeder Sache einen gewiſſen Spielraum zu laſſen, daß man dabei immer rütteln und richten, erneuern und poliren kann. Endlich aus einer gewiſſen Gutmüthigkeit, die im öſterreichiſchen Charakter liegt und die alles nicht ſo genan nimmt, ſo daß ſich jeder ſtrecken kann nach ſeiner Decke. 21 Das alles find aber Fehler und bedeutende Fehler. In ſo wichtigen Sachen darf nicht der geringſte Spiel— raum geſtattet werden, in welchem die Willkür, die Ver— beſſerungswuth oder die Gutmüthigkeit Platz finden könnten, denn daraus ſtammen nur Confuſionen, Miß— bräuche und Seccaturen. Bei einem Monolith, der in ſeinem Granit ſeit Jahrtauſenden auf Theben's Ruinen ſteht, ſucht Niemand nach Kalk, nach Verzierungen, nach Polirungen.— Bei einem Heeresergänzungs-Geſetz muß alles ſo gründ lich angeordnet, ſo unerſchütterlich feſtgeſtellt werden, daß es unabänderlich bleibt; ſo allein kann bei der Heeres ergänzung der erſte aller rechtlichen Grundſätze befolgt werden: jedem Unterthanen nach gleichem Maß zu meſſen. Dieſes kann geſchehen: 1. Bei der Recrutirung: durch die Feſtſtellung, daß die Stellungsverpflichtung ſich nur auf die jungen Leute eines Jahrganges erſtreckt, nämlich auf alle Ddiejenigen, die vom 31. December des einen bis zum 31. December des nächſten Jahres ihr zwanzigſtes Jahr erreichen, und da alle ,, nicht ein— berufen werden können, ſo hat das Loos die zu Stel lenden zu beſtimmen. Diejenigen aber, die das Loos freigeſppochen hat, ſollen für immer als von jeder weiteren Militärpflicht befreit angeſehen werden. 2. Durch die genaue Feſtſtellung der Dauer der effectiven Dienſtzeit bei der Fahne— die aber 99 2 für alle Einberufenen dieſelbe fein muß und die für Niemanden verkürzt werden darf. 3. Durch die genaue Feſtſtellung der Dauer der Reſervezeit und durch genaue Beſtimmung der Ver pflichtungen der Reſerviſten. 4. In der Befreiung von jeder Militärſtellungs— pflicht der im Paragraf 9 als dauernd beurlaubt Be— zeichneten. Mit Berückſichtigung und Anwendung dieſer Grund— ſätze kommt man bei der Löſung der praktiſchen Fragen über die Heeresergänzung zu nachſtehenden Schlüſſen: a) Jährliche Aufſtellung der in das Heer einzutreten— den jungen Leute: 150.000 Mann; b) Dauer der effectiven Dienſtzeit: 3 Jahre; c) Dauer der Reſerveverpflichtung: 9 Jahre, wobei die erſten vier Jahre zur erſten, die fünf letzten Jahre zur zweiten Reſerve gehören. Bei der detaillirten Behandlung dieſes Schluſſes muß gezeigt werden— als logiſche Folge des früher hier bewieſenen: daß dieſe Maßregeln ein genügend zahlreiches Heer geben, daß der ökonomiſche Zuſtand des Landes dadurch nicht geſchmälert wird, daß die auf— geſtellten rechtlichen Grundſätze, ohne daß dabei der Willkür der geringſte Spielraum zugeſtanden wäre— ſtreng beobachtet ſind, daß die militäriſche Ausbildung des Heeres eine vollkommene iſt und endlich, daß un—ſere Finanzen die Laſt dieſes Heeres ertragen können. Die Zahl der jungen Leute, welche alljährlich in Oeſterreich ihr zwanzigſtes Lebensjahr erreichen, beträgt 92 28 nach Kolb's Angaben und berechnet nach Quetelet's Sterblichkeitsliſten 350.0005. Bei einer jährlichen Stellung von 150.000 Dienſt— pflichtigen blieben alſo jedes Jahr 200.000 junge Leute, die nicht in das Heer eingereiht würden; alle von der Wehrpflicht Befreiten und alle zum Kriegsdienſte Untauglichen müſſen in dieſer letztern Zahl eingerechnet werden. Indem aber dieſe zwei Kategorien, wenn die Stellungs-Commiſſionen ihre Pflichten befolgen, dieſe Zahl von 200.000 unmöglich ausfüllen können, ſo kommt man durch dieſe Bemerkung zu dem doppelten Schluſſe: erſtens, daß die Aufſtellung der alljährlich einzutretenden 150.000 Dienſtverpflichtigten ohne Schwie—rigkeiten ſtattfinden kann; zweitens, daß durch dieſe Stellung alle zwanzigjährigen jungen Leute der Productivkraft des Landes nicht entzogen würden; denn in Folge der aufgeſtellten Principien würde das Loos die 150.000 zu Stellenden beſtimmen, die anderen, die *) Die Berechnung dieſer Zahl iſt auf folgende Weiſe erreicht worden: Man hat für die Durchſchnittszahl der männlich Lebendgebornen, die in Oeſterreich in der Periode von 1851— 1861 durchſchnittlich 617.000 betragen haben, nur 550. 000 angenommen(alſo ein Minimum, das weit unter der Wirklichkeit iſt), ferner zeigen Quetelet's Sterblich— keitstabellen, daß von 1000 Lebendgebornen 640 ihr zwanzigſtes Jahr erreichen— man hat für dieſe Zahl nur 600 genommen und zur Zahl der alle Jahre in Oeſterreich ihr zwanzigſtes Jahr erreichenden Jüng— linge iſt man gekommen durch die Gleichung 1000* 550.000 550.000 x 6 ——— oder X——— oder x— 350.0 0 * oder* oder x 350.000. 24 glücklich gelooft hätten, wären für immer von jeder Militärpflicht befreit; folglich blieben alljährlich 200.000 junge Leute eines Jahrganges den Arbeiten des Friedens gewidmet, wobei bemerkt werden muß, daß dieſe Leute, die für immer von jeder Militärverpflichtung befreit wären, jeden beliebigen Lebensberuf verfolgen könnten. Mit der Stellung von 150.000 Recruten und einer dreijährigen Dienſtzeit kommt der Stand der Ar— mee, nach Abſchlag der Sterbefälle, im Frieden auf: 410.000, und mit einer neunjährigen Reſerve-Verpflichtung nach Abſchlag der Sterbefälle, kommt man zu einer Geſammt— zahl von: 900.000, folglich wäre bei dieſer Annahme der ganze Stand des Heeres: Effective Armee.. 410.000 MNeferven:++ u. 900.000 Summe.. 1,310.000 Dieſes Heer wäre jeder Armee der andern con tinentalen Großmächte gewachſen, und die vorgeſchlage— nen Maßregeln entſprächen vollkommen in Bezug der Zahlen den Forderungen, die in dieſer Beziehung die Heeresergänzung aufſtellen muß. Die hier angegebene Dienſtzeit, welche aus Grün— den, die bei der Betrachtung über die militäriſche Ausbil dung des Heeres auseinandergeſetzt werden, auf drei Jahre feſtgeſtellt iſt, hätte wirklich jeder Einberufene bei der Fahne zuzubringen und Niemandem, mit Aus— 25 nahme derjenigen, die im S. 7 der Verordnung vom 4 28. December bezeichnet ſind und die nur ein Jahr effectiv zu dienen hätten, würde eine Beurlaubung ge— ſtattet. Auf dieſe Art könnten unmöglich Mißbräuche ge— ſchehen. Da die Zahl der zu ſtellenden Recruten jedes Jahr nur aus einer Altersclaſſe herausgenommen, jedes Jahr dieſelbe, und die Dauer der Dienſtzeit für jeden Einberufenen auch dieſelbe wäre, ſo würde die ganze Arbeit der Stellungs- und Evidenz-Commiſſionen eigentlich nur in Additionen beſtehen und die Controle wäre auf die leichteſte Art ermöglicht. Die erſte Reſerve, deren Dauer auf vier Jahre beſtimmt iſt, erreicht nach Abſchlag der Sterbefälle eine Zahl von 400.000 Mann. Dieſe Reſerviſten erſter Claſſe bilden mit den in der Friedenszeit dienenden Soldaten die eigentliche Feldarmee, die auf die Höhe käme von: die Arme im Frieden........ 410.000 Reſerviſten der J. Claſſe..... 400.000 Summe der Feldarmee...... 810.000 eine Zahl, die für den großartigſten Krieg vollkommen genügend iſt. Die zweite Reſerveclaſſe, deren Dauer fünf Jahre wäre, gibt nach Abzug der Sterbefälle(die wie in allen hier angegebenen Zahlen nach Quetelet's Sterblich— keits Tabellen ad maximum gerechnet ſind) eine Zahl in runder Summe von 500.000 Mann. 26 Das zweite Aufgebot würde die Reſerve-Armee bilden. Dieſe Armee wäre beſtimmt, im Kriege nur im In— land aufgeſtellt zu werden, und würde im Auslande den Operationen der Feldarmee nur folgen, um feind liche Provinzen, welche die operirende Armee ſchon hinter ſich gelaſſen hätte, zu beſetzen. Jedem vernünftigen Menſchen, wenn er auch dem Wehrſtande ganz fremd wäre, leuchtet von ſelbſt ein, daß dieſe ſo beträchtlichen Zahlen genügend ſind, um bei einem Kriege Oeſterreich gegen ſeine Feinde wahrſcheinlich Ueberlegenheit der Zahl zu verſchaffen (die, wie hier erwähnt wurde, eine der überwiegendſten Factoren des Sieges ift); auch iſt es klar, daß in Folge der alljährlich ein- für allemal feſtgeſtellten Zahl der zu Stellenden, der ein- für allemal feſtge— ſtellten und eingehaltenen effectiven Dienſtzeit, eigentlich weder bei der Einberufung in das Heer, noch bei der Einberufung der Reſerviſten, eine Verrechnung oder Mißbräuche geſchehen könnten, und daß die hier angegebenen Zahlen auch wirklich den wahren Stand des Heeres bezeichnen würden. Eine drei Jahre dauernde Dienſtzeit genügt, um den Soldaten jeder Waffengattung vollkommen auszu— bilden, ſelbſt für den Cavalleriſten, wie dieſes bei der ſpäteren genaueren Betrachtung dieſer Waffe ſich zeigen ſoll. Alle Soldaten wären alſo an dem Tage, an dem ſie das Heer verlaſſen würden, um in die Reſerve einzutre— ten, als ein ausgebildetes, ſehr kriegstüchtiges Material anzuſehen, als ein ſolches, was nicht allein die Hand— rn habung feiner Waffe kennt, ſondern auch die militäri— ſchen Eigenſchaften ſeines Metiers beſitzt. Dieſe Kennt— niſſe und dieſe Eigenſchaften aber würden ſehr bald verloren gehen, wenn die Reſerviſten gar keine Ge— legenheit hätten, ſich ferner einzuüben, und in dieſem Falle würde bei der Feldarmee in der militäriſchen Tüchtigkeit der wirklich Dienenden und derjenigen der Reſerviſten ein ſehr großer Unterſchied auf höchſt em— pfindliche Weiſe ſich fühlbar machen. Die Reſerviſten der erſten Claſſe müſſen alſo während der vier Jahre der erſten Reſerveverpflich— tung öfters zu militäriſchen Uebungen einberufen werden. Es iſt genügend, wenn dieſe Einberufungen für jeden Reſerviſten während der vier Jahre zweimal und jedesmal auf zwei Monate im Herbſte geſchehen. Da die Zahl der Reſerviſten dieſer Claſſe 400.000 Mann beträgt und jedes Jahr davon die Hälfte zu den Herbſtmanövern einberufen würde, ſo muß der Stand der Armee jährlich während dieſer zwei Mo— nate ſich auf 600.000 Mann erhöhen. Die zweite Reſerveclaſſe braucht in gewöhnlichen Verhältniſſen nicht zu Waffenübungen einberufen zu werden, weil man annehmen muß, daß die Leute, die in dieſe Claſſe kämen, ſchon alle drei volle Jahre bei der Fahne gedient und zweimal an größeren Herbſt— manövern ſich betheiliget hätten, wirklich militäriſch ganz ausgebildet wären, und weil der Wirkungskreis dieſer Claſſe ein viel kleinerer und viel leichterer als der 28 der vorigen Claſſe wäre, daher ein Erhalten, fo zu ſagen eine Trainirung in den militäriſchen Uebungen nicht ſo nothwendig erſcheint. Bei dieſen Betrachtungen über die Reſerven und Reſervenverpflichtung muß hier in kurzem eine ſehr wichtige Frage erwähnt werden. Die Reihen eines Heeres müſſen ſo viel als mög— lich aus ledigen Männern beſtehen: der Soldat im Felde, der Weib und Kind zu Hauſe gelaſſen hat, muß, um feinen Pflichten ,, dreimal fo viel militäriſche Eigenſchaften beſitzen als der ledige. Aus dieſem Grunde ſind in jedem Lande, bei jeder Armee, die Heiraten der Soldaten ſo viel als möglich erſchwert. Eine gute Oekonomie des Staates ſucht aber im Gegen— theile die Heiraten ſo viel als möglich zu vermehren, denn mit den zahlreicheren Verehelichungen wächſt im ſelben Maße die größte progreſſirende Productivkraft des Staates, die Zahl der Bevölkerung. Es iſt von höchſter Wichtigkeit in Bezug dieſes Punktes, die mili— täriſchen Intereſſen des Heeres mit den ökonomiſchen Intereſſen des Staates in Einklang zu bringen. Dieſes . durch folgende Geſetze geſchehen: . Die Verehelichung der bei der Fahne die— . Soldaten iſt nicht geſtattet. 2. Die Verehelichung der in der J. Claſſe der Reſerve Stehenden iſt nur nach einer früher gemachten Baarbezahlung von 1000 Gulden in den Invalidenfond der Armee geſtattet. 29 — 3. Die Verehelichung iſt jedem in der II. Reſerve— elaſſe Stehenden geſtattet. Durch dieſe Maßregel würden bei der Feldarmee nur ſehr wenig verheiratete Soldaten oder untere Char— gen vorhanden ſein. Dieſe Geſetze würden auch nicht die ökonomiſchen Intereſſen des Staates ſchmälern, da die meiſten Ehen von Männern, die gewöhnlich über ihr 27. Jahr ſchon hinaus ſind, geſchloſſen werden; auch würde in den meiſten Provinzen des Staates es ſehr häufig geſche— hen, daß beim Eintritt in die II. Claſſe der Reſerve durch eine erſt dann ſtattfindende Heirat Kinder legiti— mirt würden, mit welchen Reſerviſten, bevor ſie in die zweite Claſſe der Reſerve gelangt wären, die Be— völkerung des Staates vermehrt haben.— Dieſer an ſich wenig canoniſche Schluß verliert jedoch gar nichts von ſeiner Wichtigkeit. Wenn in Folge dieſer Geſetze, wie es jetzt ſchon in einigen Theilen Ungarns geſchieht, viele junge Leute vor ihrer Stellungspflicht, alſo vor ihrem zwanzigſten Jahre ſich verehlichten, ſo wären ſolche Heiraten bei dem Heeres-Ergänzungsgeſetze nicht zu berückſichtigen. In den hier angegebenen Maßregeln ſind die frü— her aufgeſtellten rechtlichen Grundſätze genau beobach— tet,— das gleiche Maß gilt für alle Unterthanen— und jeder zehnjährige Schulknabe würde, wenn dieſe Maßregeln angenommen wären, ſehr genau wiſſen kön— nen, wann er zur Fahne kommt, wie lange er dort 30 bleibt, wann und wie lange er in die erſte Reſerveclaſſe den Kriegsfall natürlich ausgenommen) einberufen wird, endlich wie lange er noch in der zweiten Reſerve zu ſtehen hat. Wenn ein empfindliches Rechtsgefühl verletzt würde durch das ungleiche Schickſal der alljährlich zur Stellung kommenden jungen Leute, indem der Eine eine gute Nummer zieht und für immer von jeder Militär— verpflichtung befreit iſt, der Andere dagegen lange dauernde Strapazen und vielfache zahlreiche Gefahren zu ertragen hat, ſo ſollen ſeine Rechtsritter ein ge— rechteres Mittel angeben, als gerade das Loos eines iſt und ſich dabei fragen, ob es nicht gerechter iſt, ſtrenge, aber beſtimmte Maßregeln aufzuſtellen, als weniger ſtrenge, angenehmere, die aber zahlreiche Mißbräuche herbeiführen. Freilich wird für viele junge Leute durch das Looſen der Lebenslauf ein ſehr verſchiedener werden— aber es kann einmal nicht anders ſein und eine tüchtige Philoſophie weiß, daß man das Gute ſuchen und ſich an dasſelbe halten muß, daß indeß das Vollkommene— nicht im Bereiche dieſer Welt liegt. Die alljährlich während zweier Monate ſtattfindende Einberufung und Einreihung von 200.000 Re— ſerviſten der erſten Claſſe wäre mit ſehr bedeutenden Koſten verbunden. Wenn, um dieſen Koſten auszuweichen, man ſich begnügen würde, die Reſerviſten bei den Depots in den Werbbezirk ihrer Regimenter einzuberufen, ſo würde man die militäriſche Ausbildung dieſer Leute nur ſehr wenig befördern: die Ausbildung kann 31 ſich nur in größeren Concentrirungen und bei größeren Manövern ganz vervollkommnen. Man würde aber den Reſerviſten eine ſehr große militäriſche Tüchtigkeit geben und die bedeutenden Ko— ſten dieſer Einberufungen vermeiden, wenn man per— manente Lager errichtete— in der Nähe der Werb— bezirke der Einzuberufenden, wo die Reſerviſten gleich zu ihren zweimonatlichen Uebungen einrücken könnten. Dieſe Lager müßten in der ganzen Monarchie zerſtreut ſein, wo möglich an Eiſenbahnen und in der Mitte der Werbbezirke mehrerer Regimenter: im Winter würden ſie nur durch einige Infanterie-Com— pagnien beſetzt ſein; im Herbſte aber ſollten ſie von Truppenkörpern aller Waffengattungen bezogen werden und zu dieſen größeren zuſammengeſetzten Abtheilungen ſollten die Reſerviſten ſtoßen. Während dieſen Concentrationen, in Anbetracht, daß die Ausbildung einer Armee-Diviſion in den drei ſehr verſchiedenen Punkten beſteht: einzelne Abrichtung, Exercieren und Plänkeln in kleinen Abtheilungen, Ma— növriren in größeren Truppenkörpern,— müßte die Zeit auf folgende Art angewendet werden: zwei Wo— chen wären nöthig, um die Reſerviſten wieder einzeln vorzunehmen und abzurichten;— drei Wochen, um das Exercieren in Bataillonen und Regimentern zu üben — endlich drei Wochen zu größeren Manövern in Bri gaden und Diviſionen. SB 32 Nach einer auf dieſe Art verwendeten Zeit wäre die in den Lagern geweſene Truppe(Feldarmee oder Reſerviſten), ohne daß dabei ein Zweifel aufkäme, eine militäriſch ſehr tüchtige, allen Anſprüchen entſprechende geworden. Die Errichtung dieſer Lager wäre mit bedeuten den Koſten verbunden, die aber die Koſten der alljährlichen Einberufungen bei weitem nicht erreichen würden, da der zur Anſchaffung nothwendige Koſtenaufwand ein- für alle Mal geſchähe, worauf dann die einbe— rufenen Reſerviſten faſt unentgeltlich einrücken könnten. Ferner würden dieſe Lager mit der Zeit ſich zu förm— lichen Waffenplätzen heranbilden, ſo daß ſie die Waffen, Montur und Rüſtungen ꝛc. der Reſerviſten wie in partiellen Zeughäuſern bewahren, und daß man ſich auf dieſe Weiſe den alljährlichen, auch ſehr theueren Transport des Materials erſparen würde. Wenn in dieſer Schrift die verſchiedenen Punkte der Monarchie angedeutet werden, wo die Lager zu errichten wären, ſo geſchieht es mit der Bemerkung, daß die Beſtimmung dieſer Plätze nur nach einem längeren Erwägen und nach längerem Studium ſtattfinden muß, dieſes aber bei Verfaſſung dieſer Schrift nicht hat geſchehen können,— um ſo mehr, als zu erwägen iſt, daß die Lager, die auch auf ſtrategiſchen Punk— ten errichtet würden und mit der Zeit Feldbefeſtigungen erhalten könnten, die Defenſivkraft des Staates auf einen ſehr hohen Punkt erhöhen müßten. Die folgende Aufzählung iſt alſo nur als eine Andeutung zu betrachten, die von der wahren Beſtimmung dieſer Lagerplätze ziemlich entfernt ſein könnte. Die Punkte der zu errichtenden Lager wären folgende: für Böhmen 3, Kolin, Libochowitz an der Eger— Budweis; für Mähren 2, Olmütz— Turas bei Brünn; für Oeſterreich 2, Bruck a. S.— Wels; für Steiermark 1, Pettau; für Kärnthen 1, Klagenfurt; für Krain 1, Laibach; ür Tirol 1, Botzen ltrotz der Schwierigkeit des Transportes, als ſtrategiſch ſo wichtiger Punkt); / — — — für Galizien 3, Krakau, Tarnow— Stanislau; für Ungarn 7, Neuhäuſel, Palota, Keſzthely, Maria Thereſiopel, Arad, Debreczin, Kaſchau; für Siebenbürgen 2, Klauſenburg,— Hermannſtadt; für Slavonien 1, Eſſegg; für Kroatien 2, Agram— Fiume. In Dalmatien wäre kein Lager zu errichten. Die Feldarmee, die man durch dieſe Maßregeln bekäme, wäre, da alle Soldaten der Armee drei Jahre effectiv gedient hätten und jeder Reſerviſt noch zwei mal in ſehr entſprechender Weiſe, während der zwei— monatlichen Herbſtmanöver in der Waffenübung er— hr tüchtige Armee: er geringſte Zweifel de halten würde, eine militäriſch ſe darüber kann bei Niemandem d herrſchen. Es entſteht aber die Frage, ob die hier anem pfohlene dreijährige Dienſtzeit, welche in Preußen be ſteht, von vielen Seiten aber angegriffen wurde, zur militäriſchen Ausbildung des Heeres nothwendig iſt und ob ſelbe nicht verkürzt werden könnte. Zur Ausbildung der in der Artillerie und Ca vallerie dienenden Gemeinen iſt die dreijährige Dienſt zeit abſolut nothwendig; zur Ausbildung des Infanteri— ſten erſcheint fie bei einer oberflächlichen Anſchauung nicht für ſo nothwendig; jedoch ein tieferer Blick zeigt das Gegentheil. Die Handhabung der Waffe, Laden, Feuern 2C., die einzelne Abrichtung, Putzen, Marſchiren, Wacheſte— hen ꝛc. lernt der dümmſte Recrut in ſechs Wochen; aber die Erlernung des Zielens und Treffens erfordert eine viel längere Zeit. Bei der Behandlung der Frage über die Bewaffnung wird bewieſen werden, daß eine gute Benützung der Hinterladungsgewehre Monate und Jahre erfordert, um gelernt zu werden; ferner, daß in 1 1 Folge dieſer Hinte 2 . Formen taktiſche daß zur zweckmäßi 81 Officiere und hre beſtehenden rladungsgewe nicht ſo viele andere k. als Die Jetz ſtattfind en Formen wohl die L gen X zenützung dieſe 9* ( 541 11 die Ch n das meiſte beitragen müſſen daß ſie aber unmöglich ſtattfinden kann, wenn der Ge meine nicht auch ſehr geübt und vollkommen mit ihr vertraut iſt. Improviſiren laſſen ſich dieſe Kenntniſſe nicht, ſie brauchen eine fleißige und langdauernde Ar beit. Endlich müſſen die Soldaten einer Armee gerade ſo nothwendig wie Waf d e eir ihnen eigenen militäriſchen G beſitzen; dieſen Geiſt eignet ſich der Soldat aber nur bei einer längeren Dienſt zeit an. Selbſt bei einer Revolutions-Armee hat nir— gends und niemals ein beſonderer militäriſcher Geiſt ſich gezeigt. In Polen im Jahre 1831 und in Un garn im Jahre 1848—49 war bei den Inſurgenten ebenfalls dieſer Geiſt vorhanden; ihre Truppen waren gegangenen ich von alten, geſchulten, über Soldaten gebildet. In Folge des hier in Kurzem Angedeuteten iſt alſo zur Ausbildung der Infanterie eine jährige Dienſtzeit ſo nothwendig, wie dieſelbe für die Ausbil dung der Artillerie und der Cavallerie es iſt. Bei einer Errichtung vor einem Kriege kann die Einbringung Reſerviſten erſter Claſſe in den Ca 9 86 dres der effectiv dienenden Armee auf keine Schwie rigkeiten ſtoßen. Die Infanterie-Regimenter ſtatt zu 3 oder 4 Bataillonen, werden 7 oder 8 zählen, die Jäger-Bataillone doppelt ſo viele Compagnien als auf dem Friedensfuße. Die unteren Chargen würden ſich bei den Reſerviſten ſelbſt vorfinden, die Lieutenants ſtellen würden theilweiſe beſetzt durch die im 5. J der 9582 P Verordnung vom 28. ſchon dieſe Stellen bei den Herbſtmanövern bekleidet ecember bezeichneten Leute, die hatten— das Kriegsminiſterium hätte nur die Majors und Hauptleute zu beſtimmen, die hauptſächlich von dem eigenen Regimente geliefert werden müßten. Bei der Artillerie, bei der ein genügendes Material vorhanden ſein müßte, könnte ohne Schwierigkeiten dasſelbe hinſichlich der Batterien geſchehen, was bei der Infanterie hinſichtlich der Bataillone ſtattgefunden hat. Für die Cavallerie, da man ſie mit abgerichteten Pferden nicht verſtärken könnte, wären dieſe Maßregeln nicht anzuwenden. Dieſer Punkt wird in der Behandlung der Cavalleriewaffe länger erläutert. Die Cadres der Reſerviſten der zweiten Claſſe müßten errichtet und ſchon im Frieden im Kriegsmini— ſterium in Evidenz gehalten werden. Die Evidenzhal— tung der Cadres der Stäbe wäre genügend, und zur Beſetzung der in dieſer Reſerveklaſſe offen gebliebe— nen Officiersſtellen, ſollte jeder penſionirte Officier während des Krieges verpflichtet ſein. Durch die Evidenzhaltung der Cadres dürfen keine Sinecuren für höhere Officiere gegründet werden; fie würden im Frieden factiſch unbeſetzt bleiben und nur auf dem Papiere mit den Namen älterer Generale und Stabsofficiere beſtehen, damit man bei der Einbe— rufung der Reſerviſten zweiter Claſſe allſogleich zur Errichtung einer Reſerve-Armee ſchreiten kann. Die oben angegebenen Maßregeln, deren praktiſche Durchführung hier erläutert iſt, würden dem Staate ein Heer verſchaffen, welches die Wehrkraft Oeſterreichs auf eine noch nie erreichte Höhe bringen müßte, wohl mit ſchweren, faſt unerträglichen Opfern, da das Budget der hier beſprochenen Armee auf circa 120,000. 000 Gulden ſich jährlich belaufen würde. Die erſten Inter eſſen des Staates aber erfordern, daß mit thunlichſter Beſchleunigung unſer Heerweſen ſich verbeſſert und erweitert. Eine drohende Kriegsperiode liegt dunkel vor uns; wir können, nur wenn dieſe Zeit glücklich vorüber ſein wird, auf einen dauernden Frieden rechnen. Möge die Geſetzgebung unſeres Staates, in der richtigen Erwägung unſerer Lage, dieſe ſchweren und hemmenden, aber nöthigen und an zukünftigen glücklichen Folgen reichen Opfer nicht ſcheuen; möge unſere Geſetzgebung ſich ſagen, daß vor Allem Oeſterreich, wenn es zum Kampfe genöthiget wird— ſiegen muß — daß Oeſterreich mit den panſlaviſtiſchen Ten denzen, mit der preußiſchen Ambition ein zweites Königgrätz nicht vertragen kann. III. Yon der Bewaffnung. Infanterie. Jede Armee in. iſt ſo gegliedert und aus gebildet, daß man die Heere der verſchiedenen Groß mächte auf gleicher Stufe* hend anſehen kann. Der —* zwiſchen gleich zahlreichen Truppen von ver 2 ſchiedenen Armeen wird hauptſächlich nur in der Füh rung und in der Bewaffnung beſtehen: die W ichtigkeit der Frage der Bewaffnung iſt in dieſen zwei Sätzen bewieſen. Das Werndl'ſche Gewehr, deſſen officielle Ein— führung die Gewehrs-Commiſſion beſchloſſen hat, iſt, da dieſe Waffe alle Vortheile beſitzt, welche die Wiſſen— chaft in dieſer Beziehung in der letzten Zeit geſchaffen hat, als ein Kriegsgewehr erſten Ranges zu bezeichnen. ie Dauerhaftigkeit und Feſtigkeit des Gewehres läßt nichts zu wünſchen übrig; der Verſchluß iſt ein voll— kommener und vom einfachſten Mechanismus, eine ein fache Drehklappe; der Anſchlag ein ſehr bequemer; das Gewicht mit dem Haubajonete beträgt 9 Pfund 6 Loth, ohne das Bajonet 7 Pfund 28 Loth; der Abſtand des Schwerpunktes vom Kolben ohne Bajonet beträgt 20 Zoll, mit dem Bajonet 24 Zoll. Balliſtiſch be trachtet zeigt das Werndl'ſche Gewehr noch größere Vortheile, das Caliber hat nur fünf Linien, iſt alſo etwas größer als das ſchweizeriſche und etwas Feine als das franzöſiſche Chaſſepot-Caliber; das Viſir iſt ſehr zweckmäßig eingerichtet; das Zielen für alle Di {tanzen geſchieht mit geſtrichenem Korn auf die Mitte des Gegners; der gewöhnliche, feſte Kernſchuß iſt 400 Schritte; die Tragweite erſtreckt 3 auf 1000 Di Schritte. Die Kupferpatrone, alſo eine Einheitspatrone mit Kreis zinhung, hat nur eine Hülſenlänge von ſechzehn Linien; die Flugbahn des Geſchoſſes iſt eine ſehr flache, da die Anfangsgeſchwindigkeit die größte iſt, die bis jetzt erzielt wurde und 1700 Schuh beträgt; die Bahn bis auf 600 Schritte kann eine raſante genannt werden, da der Culminationspunkt der Bahn für 300 Schritte beim Kernſchuß des Standviſirs um einen Schuh über der Viſirlinie liegt. Die Trefffähigkeit iſt eine außerordentliche und die Percuſſionskraft eine ſo große, daß auf 1000 Schritte das Geſchoß drei Tannenbretter durchſchlägt, die einen halben Schuh auseinander aufgeſtellt ſind. Die Feuergeſchwindigkeit ohne Anſchlagen der Waffe beträgt 10 bis 12 Schuß per Minute und mit gezielten Schüſſen 6 bis 9. Das ſichere Losgehen iſt beſonders ein großer Vortheil dieſes Gewehres in Folge der genialen Conſtruction des Zündſtiftes. Das kleine Caliber, das bei allen neuen Hinter— ladungsgewehren angenommen werden mußte, um eine raſante Flugbahn zu bekommen, erſchwert bei den Kriegsgewehren die Anwendung der explodirenden 40 Kugeln, ähnlich denjenigen, die von Devisme und Dubiſſon in Frankreich erzeugt wurden; jedoch iſt an— zunehmen, daß die Technik auch in dieſer Richtung vielleicht einmal zu einem günſtigen Reſultate gelan— gen wird. Mit dem Hinterlader iſt die Gefahr des Aus ſchießens verbunden; ein zweckmäßiger kleiner Munitions— karren bei jeder Compagnie, wie es bei den preußi ſchen Truppen der Fall, iſt eine ſehr zu empfehlende Maßregel. Ein treffliches Mittel. das Aus—ſchießen aber, wobei ſo viel als möglich die Verprovian tirung der A im Gefechte, eine der ſchwierigſten taktiſchen Fragen, gelöſt wird, beſteht darin, jedem einzelnen Manne eine große Sicherheit und Vertrauen im Zielen und Treffen zu geben. Iſt der Mann ein guter Schütze und überzeugt, daß, wenn er gut zielt, er den Feind treffen wird, ſo wird er gerade deßhalb, weil er in einer Minute fünfmal laden kann und die Sicherheit hat, immer zur Hand ſein zu können, nur langſam feuern, und nur wenn er des Erfolges ge— wiß iſt. Um zu dieſem Reſultate zu gelangen, was bei den Preußen muſtergiltig erzielt wurde, muß der Infanteriſt alljährlich mindeſtens 100 ſcharfe Patronen verfeuern. Die Schießübungen ſollten aber nicht in einer einzigen kurzen Periode des Jahres, ſondern während des ganzen Jahres geſchehen. Am zweckmäßig— ſten erſcheint es, wenn der Mann alle 14 Tage vier bis fünf Kugeln nach der Scheibe ſchießen, auf dieſe 41 Art immer in der Uebung bleiben und dabei ſich ſelbſt verbeſſern könnte. Es kann hier natürlich nur die Rede ſein von Soldaten, die im Schießen ſchon eine gewiſſe Fertig— keit haben, da es klar iſt, daß der Recrut zuerſt nur auf kurze Diſtanzen und durch ſehr zahlreiche auf ein ander folgende Uebungen im Zielen und Treffen eingeübt werden kann. Um ſich von dem praktiſchen Vor— theile dieſer Maßregel zu überzeugen, braucht man nur zu bedenken, daß ein Jäger, der während dreier Jahre jedes Jahr 100 Kugeln auf Auerhähne oder Hirſche zn. beſonders ungeſchickt fein müßte, wenn er nach dieſen drei Jahren nicht ein ſehr guter Schütze gewor— den wäre. Das Schnellfeuern mit Hinterladern kann eigent— lich nur gegen einen anſtürmenden Feind geſchehen und da iſt das Ueberſchütten des Angreifers mit Blei von höchſtem Nutzen. Dieſes geſchieht am zweckmäßigſten durch Salven; b jetzt die Infanterie in zwei Gliedern aufgeſtellt iſt, wie bei uns, oder in drei Gliedern, wie bei den Preußen, iſt ganz einerlei; denn mit einer in zwei Gliedern aufgeſtellten Infanterie und einem Gewehre, welches nur ſechs Schuß in der Minute ermöglichen würde, kann jede Compagnie in einer Minute zweimal ſechs Salven, oder 12 Salven geben, in zwei Minuten 24. Und wenn auch eine tapfere Truppe gegen ein ſolches Feuer ſtürmt und ihr Sturm gelingt, wie dieſes der Fall war — am 27. Juni 1866 bei Trautenau mit dem tapferen 42 Regiment Kaiſer Franz Joſef Nr. U, mit welch ſchwe rem Opfer iſt dieſer Triumph. welches ungün— {tige Verhältniß zwiſchen den zahlreich gefallenen Sol— daten und dem errungenen Ziele! Dieſe Bemerkung zeigt, daß zur Erlernung Handhabung der Hinterladungsgewehre eine längere Zeit nothwendig iſt; das wird noch klarer bei der Betrachtung der wahrſcheinlichen Geſtaltung, die in Folge der Hinterlader das Feuergefecht annehmen muß. Hier kann natürlich von einer Abhandlung über eine zukünftige Infanterie-Taktik nicht die Rede ſein; das Folgende iſt nur als eine Andeutung an— zuſehen. Das Hinterladungsgewehr beſitzt eine Ueberlegen— heit im. es iſt darum eine ſehr vortheil hafte Waffe für alle Abtheilungen, die ſich mit einer defenſiven Rolle begnügen; aus dem geht hervor, daß die Hinterlader alle kleinen Kämpfe auch mit ſchwächeren Kräften durchführen können, daß folglich eine Haupt eigenſchaft der Hinterladungsgewehre in der Erſparniß Der der Kräfte für die Entſcheidung beſteht; und in dieſen möglichen Erſparniſſen der Kräfte für die Entſcheidung liegt der taktiſche offenſive Werth dieſer Waffe. Die offenſive Verwendbarkeit der Hinterlader wird ſehr klar und praktiſch auseinandergeſetzt in einem ſehr zu empfehlenden Werke:„Zur Taktik der Gegenwart“ von W. v. S. Berlin 1863, wo die Hauptgedanken ſich in folgenden Grundſätzen zuſammenfaſſen laſſen: 13 2. ie zer mit dem Feind zufammentrifft, gebe ſich klarſte Rechenſchaft darüber, ob er den Kampf zu einer ö zu bringen vermag oder nicht, und ver meide ihn im letzteren Falle auf jede Art.“ 2.„Wer den Entſcheidungskampf annimmt, ent— ſchließe ſich nicht minder klar, ob er ihn offenſiv oder nach anfänglicher Defenſive durch einen offenſiven Ge genſtoß durchführen wolle und halte co nſequent an dem einmal gefaßten Entſchluß.“ 3. Der Angriff ſei einfach, raſch und energiſch. Die Einleitung werde nicht über das nothwen digſte Maß der Zeit und Kräfte ausgedehnt, der Angriffsſtoß ſelbſt erfolge mit allen disponiblen Kräften auf dem nächſten Wege und ohne Aufenthalt und nur auf ein Ziel. Die. biete die Möglichkeit eines intenſiven Vorbereitungsfeuers auf wirkſamſte Entfernung. Das Stoßtreffen| bediene ſich kleiner Co lonnen mit kleinen Intervallen; eine richtige Trennung in mehrere Treffen. erleichtern die wichtige Ineinander— wirkung bei klar getrennten Momenten. 4. Die Defenſive ſcheide klar ihre Kräfte für die reine Abwehr und für den Nachſtoß. Die Beſetzung der Stellung erfolge mit größter Sparſamkeit, dafür aber gruppenweiſe concentrirt an den günſtigen Punkten für die reine Abwehr,— und möglichſt concentrirt ſeit- und rückwärts für die Nachſtoßtruppen. Die reine Abwehr bediene ſich vor Allem des maſſenhaften Feuers auf wirkſamſte Entfernung im entſcheidenden Momente, weiche aber in letzter Inſtanz nur der äußerſten Ge 14 walt, der blanken Waffe. Der Nachſtoß erfolge raſch und energiſch mit dem Einbruche des Angreifers in die Defenſivſtellung und immer gegen ſeine Flanke,— nur wenn dies nicht thunlich, benütze der Gegenangriff den Moment unmittelbar nach der Wegnahme des Stützpunktes zur Wiederaufnahme. 5. Wer eines hinhaltenden Kampfes zur Vollen— dung ſeiner Vorbereitungen für die Entſcheidung bedarf, führe ihn ſparſam und unter Feſthaltung des Grundſatzes, daß er nur ein Hilfsfactor fein kann.— Er ſei be müht, die beſonderen Zwecke dieſer Gefechtsform nur durch das Tirailleurgefecht zu erlangen und hüte ſich beſonders vor jedem entſcheidenden Engagement. Die nothwendige Selbſtſtändigkeit der Unterführer ſtütze ſich auf ein klares Verſtändniß für den vorüber— gehenden Zweck dieſes Gefechtes). Dieſe Grundſätze zeigen, daß die taktiſchen For— men in ihrer Natur und in ihrem Weſen durch die neuen Feuerwaffen nicht verändert werden, da zur An wendung wahrſcheinlich am häufigſten Colonnenlinien mit vorgezogenen dichten Plänklerſchwärmen beſtehen werden, daß es aber ſehr verſchieden ſein wird, in welcher Weiſe dieſe Formen angewendet werden, und daß dieſe Anwendung ſich charakteriſiren ſoll in der wechſelſeitigen, alle Kräfte concentrirenden Unter— ſtützung der geöffneten und geſchloſſenen Ordnung oder vom praktiſchen Standpunkt aus geſagt, wird das Feuer— *) Von dem früher erwähnten Werke Seite 69, 70. 45 gefecht mit dem Draufgehen wechſeln, es vorbereiten und nach der Ausführung allſogleich folgen. Dieſe Grundſätze zeigen auch, daß die Ausbildung eines mit Hinterladern bewaffneten Heeres eine ſehr ſchwere und vielfache iſt, und daß zur Ausbildung dieſes Heeres größere, öf fter ſich wiederholende Manövers un bedingt nothwendig ſind. Auch wird dadurch bewieſen, daß eine dreijährige Dienſtzeit für den Infanteriſten nicht zu lange be meſſen iſt. Artillerie. Die Artillerie hat von dem Fortſchritte der Wiſſenſchaft noch mehr zu erwarten als das Gewehr. 8 * 5 Das Schnellfeuern kann bei der nfanterie nicht mehr erhöht werden, die Artillerie kann aber darin noch bedeutende Fortſchritte machen. Ferner wird es einmal vielleicht möglich fein, die vernichtende Wir— kung der jetzigen Armſtrong⸗ und Daalgreen⸗Geſchütze mit den leichten, überall durchz zubringenden, ſiche r ſchie ßenden, weittragenden gezogenen. zu vereinigen. Die Franzoſen ſuchen ſeit Jahren, ohne bis jetzt auf ein befriedigendes Reſultat gekommen zu ſein, mit ihren gezogenen Geſchützen ein Ricochet-Schießen zu erzielen: vielleicht wird es gar nicht möglich ſein, in dieſer Beziehung zu einem günſtigen Reſultate zu ge langen, jedoch iſt k dieſer Fall zu wichtig, um nicht auf s genaueſte und ſorgfä ltigſte ſtudirt zu werden. 16 Bei der Artillerie hat die Technik ſo zahlreiche verſchiedene Fragen, daß ein weiteres Eingehen dar— über hier kaum möglich erſcheint; aber für jeden den— kenden Soldaten iſt es klar, daß die Rolle der Artil lerie in den künftigen Kriegen eine noch weit größere ſein wird, als bisher Der Feldzug 1866 hat genügend bewieſen, daß gegen Hinterladungsgewehre die tapferſten Soldaten nie| werden ſtürmen können; ob jetzt die beiden gegenüber ſtehenden Armeen mit Hiunterladern bewaffnet find, gleich viel, denn die Sache reducirt ſich immer, daß die ſtür mende Trupp e 12 oder 24 Salven empfangen muß, während ſie ſelbſt im Stürmen nur ſehr wenig und unſicher ſchießen kann. Nehmen wir eine zukünftige Schlacht bei einem zukünftigen Kriege an; die zwei Armeen gegeneinander, e ge ſoviel als möglich gedeckt. Was wird die Entſcheidung bringen? Wer wird im Vortheile ſein? . der die zahlreichere und beſſere Artillerie be— ſitzt, der, den Feind mit ſeinen Geſchoßen überhäufend, die feindliche Artillerie zum Schweigen bringt, der feindlichen Infanterie große Verluſte beibringt und, wenn dieſe erſchüttert iſt, aber erſt dann, durch einen tüch tigen Offenſivſtoß, wo der Muth, beſonders aber das Geniale in der Energie der Officiere ihre volle Gel tung haben, die Palme des Sieges pflückt. Wenn alſo die Infanterie in den zukünftigen Krie gen, ſowie früher die Königin der e bleibt, ſo 5 ſagen, daß die Artillerie die Herrſche— kann man gewif 17 rin ſein wird. In der Heeresorganiſation iſt alſo auf Ve ö. und Verbeſſerung der Artillerie eine be ſondere Wichtigkeit zu legen, und eine Hauptſache iſt, Zahl der Geſchütze im Maße der Zahl der Com battanten zu erörtern. MM Sehr zweckmäßig wäre es, wenn der Artilleriſt mit einer Hinterladungsbüchſe bewaffnet wäre, um ge— ſe Tirailleurs feine Batterie vertheidigen zu können. Nach uraltem Gebrauche wird gewöhnlich immer zu einer Batterie Cavallerie als Be— 2 gegeben; jetzt aber, wo die Cavallerie gegen das Hinterladungsgewehr, wenn ſie nicht ſehr überra — auftritt, nur weniges erzielen kann, wäre eine gen anſchleichende feindliche Bedeckung von Infanterie viel entſprechender. In der Schlacht, wo möglich in jedem Gefechte ſollte dieſe Bedeckung vorhanden ſein und nicht hinten oder ſeit wärts von der Batterie ſtehen, wie dieſes für die Ca vallerie der Fall iſt, ſondern zerſtreut in Plänklerkette oder in Tirailleurs-Klumpen, auf dem Boden liegend und wenigſtens 5—600 Schritte vor die Batterie kommen. Auf dieſe Weiſe würde es nie geſchehen, wie bei Königgrätz, daß anſchleichende feindliche Tirailleurs die Pferde und Mannſchaften unſerer Batterien einzeln nach einander zuſammenſchießen und faſt ohne Verluſte die Batterien erobern; aber wohl geſichert gegen dieſe Ge fahr könnten unſere tapferen Batterien noch kühner auf— fahren, als ſie ihrer Gewohnheit gemäß es immer ge than haben. D 8 er Artillerie, dieſer an und für ſich rein defenſiven Waffe, kann eine offenſive Verwendung nie genug anempfohlen werden. Nicht, weil man den Grundſatz verwerfen will, daß eine Batterie als ausgezahlt angeſehen werden muß, wenn ſie vollkommen unbrauchbar geworden iſt, nachdem ſie Tauſende von Feinden aufgehalten oder Hun— derte getroffen hat; ſondern ger ade deßhalb wird dieſe Infanteriebedeckung für die Batterie, der Carabiner für den Artilleriſten anempfohlen, damit die Ar tillerie um ein gutes Vertheidigungsmittel reicher, noch offenſiver als früher verwendet werden könne.— Unſere Artillerie hat ſich im vorjährigen Feldzuge glänzend bewährt und der Eifer und die Umſicht, mit welchem das Artillerie- Comité alle neuen Fortſchritte der Technik unterſucht und ſich aneignet, läßt mit Zuverſicht ſchlie— ßen, daß noch ferner unſere Artillerie ihre Tüchtigkeit bewähren und erhöhen wird. Cavallerie. Wenn die Artillerie und die Infanterie ſich ſeit einigen Jahren vollkommen umgewandelt haben und man annehmen muß, daß dieſe zwei Waffen in der kürzeſten Zeit noch bedeutendere Fortſchritte machen werden, ſo iſt mit der Cavallerie gerade das Gegentheil der Fall. Dieſe Waffe hat ſich ſeit hundert Jahren nicht allein nicht verbeſſert, ſondern man muß ſich ſogar fragen, ob die jetzige Cavallerie mit derjenigen Nadasdy's und Seydlitzens auf gleicher Höhe ſteht. 49 Die Waffe der Cavallerie iſt das Pferd, und wenn auch das Material der Pferde verbeſſert werden kann, über einen gewiſſen Punkt und ein ſehr leicht zu be— ſtimmendes Leiſtungsvermögen iſt es nicht möglich zu kommen. Deshalb wird die Cavallerie von vielen ver— pönt, als wenig Nutzen bringend betrachtet, und auf ihre Nothwendigkeit, ihre abſolute Nothwendigkeit, wird nicht genug Gewicht gelegt. Daß gegen die Wirkung des Feuers der gezoge— nen Geſchütze und der Hinterladungsgewehre die Ca— vallerie in Maſſen in der Schlachtlinie nur wenig oder gar nichts wirken kann,* von ihren wärmſten Anhängern eingeräumt werden; wenn man aber aus dieſer Be— trachtung den Schluß 1 hen will, daß die Cavallerie nicht fo nöthig ſei als früher, fo ſchließt man ganz falſch. Jede Armee braucht Cavallerie, um nach dem Siege den Feind zu verfolgen, um nach der Niederlage den Feind aufzuhalten, weil nach einer Schlacht die Ver— folgung gerar de nur durch Cavallerie geſchehen kann. Der er— ſchöpften Inf anterie wird doch der größte Feind der Cavallerie dieſe Rolle nicht zumuthen wollen. Ferner wird jede Armee Cavallerie als Fühlhörner gebrau— chen, um ihren Weg zu erhellen, ihre Flanken zu decken, den Feind zu beläſtigen und zu beunruhigen. Dieſes Wenige genügt vollkommen, um die Noth— wendigkeit der Cavallerie zu begründen; aber aus allem geht auch hervor, daß die Cavallerie eine vorzügliche ſein muß, und daß eine mittelmäßige, wie diejenige, die in den großen Chargen der Napoleon'ſchen Schlachten 4 50 eine fo große Rolle geſpielt hat, gar nicht mehr zu brauchen iſt. Es iſt abſolut nothwendig, daß der Ca— valleriſt vorzüglich beritten, ſeines Pferdes ganz mächtig, mit der Handhabung ſeiner Waffe vollkommen vertraut, daß er im Felddienſte, für die Orientirung, im Bemeſſen der Diſtanz, der Leiſtungsfähigkeit feines Pferdes rc. vollkommen ausgebildet ſei. Es iſt abſolut nothwendig, daß die Ausbildung des Cavallerieführers, ſei es einer Patrouille oder eines Regiments, eine beſondere große ſein muß, weil bei keiner anderen Waffe das ſelbſtſtändige Auftreten des Einzelnen, ſowie die Tragweite, die eine einzelne kleine Abtheilung haben kann, eine ſo große iſt, wie bei der Reiterei. Auf die Ausbildung eines einzelnen Cavalle— riſten wie auch auf die der Führer muß alſo eine be— ſondere Wichtigkeit gelegt werden, und es entſteht die Frage, ob mit einer dreijährigen Dienſtzeit, wie ſie früher vorgeſchlagen wurde, dieſer nothwendigen Aus— bildung genug Rechnung getragen iſt. Es kann natürlich hier nur die Rede von der Aus— bildung des einzelnen Mannes und der unteren Chargen fein, da die Cavallerie-Officiere nie genug durch Selbſtſtudien und Schulen ſich werden heranbilden können. Drei Jahre, zur Abrichtung gut benützt, ſcheinen genügend zu fein, um ein vollkommen entſprechen— des Material zu ſchaffen; dafür müßten aber einige Normen eingeführt werden, die bis jetzt noch fehlen. Das Abrichtungs- und Exercier-Reglement der öſterreichiſchen Cavallerie ſind vorzüglich, und es iſt nicht — 51 möglich, ſich eine beſſere Cavallerie zu denken als jene, welche allen Anſprüchen des Abrichtungs-Reglements entſprechen würde. Der Felddienſt, der etwas oberflächlich behandelt war, wird jetzt durch die aus der Cavallerieſchule ergangenen Felddienſt-Lectionen aufs trefflichſte ergänzt. Es wäre aber von ſehr praktiſchem Nutzen, wenn die Recruten, die bei der dreijährigen Dienſtzeit alljährlich ein Drittel des Standes einer jeden Esca— dron ausmachen, auf einmal, an dem Tage, an welchem die Reſerviſten nach Hauſe gehen, einrücken würden. Nehmen wir an, daß die 40 bis 45 Recruten, die alle Jahre zuwachſen, am 1. November bei der Escadron eintreffen, daß die Monate November, December, Januar und Februar zur Abrichtung des Sitzes, zum Longieren oder Coudenhov'ſchen Reiten, Fechten ꝛc., die Monate März und April zur Führung, zum Gliederexercieren 2c, benützt würden, fo könnte man im Laufe des Sommers die weitere Ausbildung ver: vollkommnen und zwar mit dem Vortheile, daß der Vorgeſetzte nach der Epoche der Viſitirung die Anſprüche genau wüßte, die er ſtellen kann. Auf dieſe Weiſe käme man zur Ausbildung einer Cavallerietruppe, die in ihrem zweiten und dritten Dienſtjahre bei vernünftiger Abrichtung gewiß wenig zu wünſchen übrig ließe. Hier muß bemerkt werden, daß bei gar keiner Cavallerie die Abſicht vorhanden ſein kann, jedem ein— zelnen Mann das Gefühl und die Sicherheit eines guten, erfahrenen Schulreiters zu geben. Die Wahr— 4* 52 heit, daß das Beſſere ein Feind des Guten iſt, bewährt ſich nirgends ſo ſehr als bei der einzelnen Ab richtung. Der Cavalleriſt muß vor Allem im Sitze ausgebildet ſein, und erſt wenn der Sitz im Trab und Galopp feſt und geregelt iſt, kann man zu etwas Anderem weiter ſchreiten. Bei einem mangelhaften Sitz iſt jede weitere Ab— richtung vollkommen fruchtlos; bei einem guten aber geht alles Andere ſpielend, und ſehr bald eignet ſich der Mann die bei der Führung nothwendigſten Hilfen an. Er erlernt dieſes am beſten, wenn er durch Fragen und Antworten(die aus dem Abrichtungs-Re— glement wörtlich herausgenommen werden) bei jeder Bewegung auf der Reitſchule erklären muß, welche Hilfen er gebraucht und auf welche Weiſe er ſie ge— geben hat. Zwanzig Fragen und Antworten genügen, um das Anreiten, Pariren, Wenden ec. dem Reiter zu erklären. Wenn er bei den Hilfen weiß, was er zu thun hat, wie er es zu thun hat, und warum er es zu thun hat, ſo wird er nach ziemlich kurzen Uebungen die Hilfen genügend zu geben wiſſen; und es wird nie vorkommen, was oft da geweſen— daß vier bis fünf Jahre dienende Gemeine die Hilfen, die ſie zu Bewegungen brauchten und die ſie ſchon tauſendmal ausgeführt hatten— nicht kannten. In gewöhnlichen Verhältniſſen kann nach den vor— handenen Vorſchriften jede Escadron 10 Percent ihres Standes jedes Jahr ausmuſtern. Es kommen alſo 14 bis 20 Remonten jedes Jahr zur Abrichtung, und daß jede Escadron fo viele in ihrem dritten Jahr dienende Gemeine als gute Remonten-Reiter haben würde, die in zwei, vier oder ſogar ſechs Monaten (je nach dem Stande und dem Alter der einrückenden Remonten) dieſe Pferde vollkommen zuritten, iſt als ganz ſicher anzunehmen. Im Falle eines Krieges würden nach dem herr— ſchenden Syſteme die Recruten zur Depot-Escadron kommen, und die ausrückenden Feld-Escadronen wären eine vollkommen kriegstüchtige Truppe. Bei der jetzigen Beſchaffenheit der Heere und des Kriegsweſens iſt das Maß der Cavallerie zur Ge— ſammtzahl der Combattanten ein viel kleineres als früher und es wird kaum über Ag des Geſammtſtan— des heranwachſen. Auf der andern Seite muß das Material an Pferden und Leuten ein vorzügliches ſein, und eine wenig zahlreiche, aber ſehr gute Cavallerie wird einem Heere viel beſſere Dienſte leiſten als eine zahlreiche und mittelmäßige. Man kommt alſo zu dem Schluß, daß man im Falle eines Krieges die Caval— lerie nicht zu vermehren braucht. Dies wird noch klarer, wenn man berückſichtiget, daß man: 1. Die Cavallerie nur mit halb abgerichteten Re— monten vermehren könnte; 2. mit Reſerviſten, die 10 Monate im Jahre gar nicht geritten hätten, alſo nur mittelmäßige Elemente in eine Waffe einführen würden, die dieſe Mittel— mäßigkeit gar nicht verträgt. | | 3 / 54 Um aber eine praktiſche Benützung der Cavalle rie⸗Reſerviſten zu haben, müßte man ſie alle für die Fuhrweſens⸗-Errichtung, die im Falle eines Krieges ſtattfindet, in Evidenz halten. Jedes Jahr würden in dem großen beſprochenen Lager die Cavallerie-Reſer— viſten ſchon als Fuhrweſens-Gemeine einberufen. Man erhielte dadurch den Vortheil, ein ordentliches militäriſch gebildetes Fuhrweſens-Corps zu beſitzen, welches im Frieden auf ein Minimum reducirt wäre. Um jedoch die Verluſte, die der Cavallerie in einem Feldzuge erwachſen, leicht zu decken, ſollten die Reſerviſten der Cavallerie⸗Regimenter erſt in ihrem zweiten Reſervejahre als Fuhrweſens-Reſerve angeſehen, im erſten Jahre aber noch als Reſerviſten bei den eigenen Regimentern im Stande geführt werden, um ſogleich einberufen werden zu können, wenn eine De— pot⸗Escadron zu errichten iſt. Im Falle eines Krieges müßte die Depot-Escadron, gerade weil die Cavallerie nicht zahlreich bei der Armee wäre, gleich ſehr ſtark errichtet werden. Ein leichtes Regiment hätte auf dieſe Art als Erſatz 6 X 40— 240 noch gut eingeſchulte Leute, ein ſchweres 5 X 40 oder 200, was ungefähr genügend erſcheint, um ſelbſt bedeutende Verluſte zu erſetzen. Wenn man die Verwendbarkeit der Cavallerie immer vor Augen behält, ſo ſieht man, daß es weſent— lich iſt, den Reiter ſo viel als möglich zu erleichtern. Im Felde braucht der Reiter eigentlich außer ſeiner neuen Montur und den Waffen, die er auf JJ ſich trägt, gar nichts als etwas Wäſche, den Haferſack, Futterſack, Fouragierſtrick, Pferdfeſſel, 1 Paar gerichtete Eiſen für ſein Pferd und im Winter Schraub— ſtollen und Schraubſchlüſſel. Wenn man noch auf je 5 Mann einen Kochkeſſel rechnet, ſo leuchtet es ein, wie ſehr man den Reiter erleichtern könnte; ſelbſt das Pferdeputzzeug iſt im Felde nicht unbedingt nothwendig, denn jeder gute Cavalleriſt wird ſich faſt überall Stroh ver— ſchaffen können, mit welchem er ſein Pferd zu putzen verſtehen muß. Ein Carabiner, von hinten zu laden, iſt für den Cavalleriſten eine ſehr zu empfehlende Waffe, die jedoch auf das ganze Weſen der Cavallerie nicht einen zu großen Einfluß haben ſollte, da die Haupt-Waffe nur in den Beinen des Pferdes und nur in der Verwendung derſelben beſteht. Von großer Wichtigkeit aber iſt die Ausbildung des Cavalleriſten in einer Art von Pionnierdienſt.— Das Ideal einer leichten Cavallerie-Escadron wäre diejenige, die nicht allein mitten im Feindeslande erſcheinen und verſchwinden, Brücken, Eiſenbahnen und Telegrafenleitung zerſtören würde, ſondern die auch in den wenigen Fällen, wo dieſes möglich erſchiene, kleine Brücken und ſtellenweiſe auf kurze Strecken Eiſenbahnen und Telegrafenlinien herſtellen könnte. Wir haben in Oeſterreich, wie in keinem anderen Staat, ein herrliches Material an Cavallerie, ſowohl in Bezug auf Reiter und Pferd, als auch auf Ausbildung und Verwendbarkeit derſelben. Dies | | | 56 iſt keine Selbſtüberſchätzung, ſondern ein ſicheres Factum. Jedoch haben die wenigen Erfolge der Cavallerie im vorigen Feldzuge bei vielen, hauptſächlich aber bei den— jenigen, die dieſer Waffe ganz fremd ſind, den Kitzel angeregt, die jetzige Abrichtung umſtoßen zu wollen, eine Abrichtung, die in den Jahren 1861 und 1862 durch die Vorſchläge des FM. Baron Edelsheim und durch das Abrichtungs- und Exercier-Reglement vom Jahre 1863 eingeführt wurde. Hauptſächlich ſcheint der Wunſch rege geworden zu ſein, die ſogenannte Reitkunſt bei dem gemeinen Cavalleriſten wieder in Flor zu bringen, wie dieſes vor dem Jahre 1859 Mode war. Wenn es irgend möglich wäre, aus jedem gemeinen Manne binnen Jahr und Tag einen vorzüglichen, ge— fühlvollen Schulreiter heranzubilden, ſo wäre jeden— falls vor allem bei der Cavallerie ausſchließlich nur auf das Reiten zu ſehen; eine ſo ausgebildete Truppe würde alle anderen Anſprüche ſich in der kürzeſten Zeit vollkommen aneignen. Jeder Cavallerie- Commandant aber, der jemals probirt hat, dieſe ſogenannte Reitkunſt ſeiner Abtheilung beizubringen, wird aufrichtig die ſchlechte Parodie beklagen, die dabei herausgekommen iſt. Jede Kunſt iſt ſchwer und braucht ein lange Jahre währendes Studium, die Reitkunſt am allermeiſten. Bei den Ab— theilungen, die dieſe ſogenannte Reitkunſt ſich aneig— nen und durch kleine Tour, Renvers-Galopp c. kundgeben ſollten, was waren da für ſteife Beine, hohe Rücken, verſtellte Pferdsköpfe? Gegangen iſt freilich Alles, weil es tagtäglich eingeleiert wurde— aber wie! Wenn früher mit einer achtjährigen Präſenzzeit die Reitſchulreitkunſt nicht erzielt wurde, wie kann man jetzt, bei der ſo verkürzten Dienſtzeit, hoffen, zu einem beſſeren Reſultate zu kommen! Die gegenwärtige Schrift, welche die hier angeregten Fragen meiſt blos ſummariſch aufſtellt, verweiſt für das weitere Erwägen dieſer Punkte auf das ſehr zu empfehlende kleine Werk:„Gedanken über die Ver— wendung und Ausbildung der Cavallerie“ von G. v. G., Berlin 1867, wo die Hauptideen ſich in den folgenden vier Grundſätzen reſumiren: 1. Die Reitkunſt iſt unentbehrlich; fie muß gepflegt werden, ſonſt kann man die Pferde nicht mehr zureiten. 2. Die Reitkunſt kann ſich immer nur auf Einzelne erſtrecken, der großen Maſſe iſt ſie unzugänglich. 3. Für letztere und zum Kriegsgebrauche genügt die Reitabrichtung, d. h. jeder Maun muß ſein Pferd auf jedem Terrain reiten, in jedem Tempo darüber Herr ſein und ſeine Waffen gebrauchen können; ein Mehr iſt überflüſſig, häufig ſchädlich und uſurpirt die für die andere Ausbildung nöthige Zeit. 4. Es iſt beſſer, die Cavallerie leiſtet im Felde Etwas und braucht mehr Pferdematerial, als daß ſie we— nig leiſtet, dafür aber die dreſſirten Pferde conſervirt.— Die ſpärlichen Leiſtungen der öſterreichiſchen Ca vallerie im vorjährigen Feldzuge haben ganz andere EEE 4 r a 58 Gründe; fie ſtammen aber hauptſächlich von der ſchlech ten Eintheilung der Cavallerie in der Armee vor dem Feldzuge ſelbſt ab. Jedes Infanterie-Corps erhielt ein Cavallerie⸗Regiment, welches escadronsweiſe bei jeder Infanteriebrigade zertheilt wurde. Jede dieſer Esca— dronen wurde tagtäglich bei den Infanterie-Brigaden verwendet, jedoch nicht zu größeren Recognoscirungen, ſondern, fo zu ſagen, zum Localſicherheitsdienſte der Brigade. Dieſe Cavallerie-Abtheilung konnte alſo nichts Bedeutendes unternehmen, ſie war gefeſſelt an die ihr zugewieſene Infanterie; der Vorwurf, daß ſolche Ab— theilungen nichts geleiſtet haben, trifft alſo nicht die mangelnden Materialien, ſondern die mangelhafte Eintheilung und Verwendung derſelben. Die übrige Cavallerie der Armee war in 2 leichte und 3 ſchwere Cavallerie-Diviſionen vertheilt. Die 1. leichte Cavallerie⸗Diviſion befand ſich in den erſten Tagen des Feldzuges auf Befehl des Armee-Comman— danten zerſtreut von Eipel bis Bodenbach, eine Front von 27 Meilen, wo ihr fünf feindliche Armeecorps gegenüber ſtanden; ſie hat den Anmarſch des Feindes überall recognoszirt, richtig gemeldet, das 9. HußarenRegiment hat mehrmals den anrückenden Feind länger und erfolgreicher aufgehalten als ſelbſt die Infanterie; keine einzige Patrouille, keinen einzigen Wagen hat dieſe Cavallerie⸗Diviſion unter ziemlich ſchweren Umſtän— den verloren. Bei Nachod erlitt eine ſchwere Caval— lerie-Diviſion eine bedeutende Schlappe. Muß dieſe aber dem Cavallerie⸗Material, nachdem der Commandant 59 der Diviſion ſelbſt die Tapferkeit feiner Cüraſſiere rühmte, oder vielmehr den mangelnden Dispoſitionen, über welche bis jetzt noch gar Nichts verlautet hat, zur Schuld gelegt werden? Bei Königgrätz attakirte eine ſchwere CavallerieDiviſion, als die Schlacht ſchon verloren war, im heftigſten Artillerie und Infanterie⸗-Feuer; fie verlor furchtbar. Hat aber dieſe Attaque das Verfolgen der Preußen am Abend des 3. Juli nicht mehr ,. als ihre angegebene große Müdigkeit?— Nach der Schlacht bei Königgrätz bildete die Cavallerie allein 2 rechten Flügel der ſich zu rückziehenden Armee in einer Front von 8 bis 10 Meilen. e öfters ſich widerſprechende Befehle, und wurde vom 2. Armee-Corps des Generals der Infanterie Herwarth Bittenfeld und von einem Theile der Armee des Prinzen Friedrich Karl verfolgt; dabei blieb ſie fort— während in Fühlung mit dem Feinde und erhielt bei ihrem ganzen Rückzuge gar keine Schlappe, mit Ausnahme des Ueberfalles von Tiſchnowitz, der aber allein einem Brigade-General zur Laſt fällt. Die wenigen Leiſtungen der öſterreichiſchen Ca— vallerie im vorjährigen Feldzuge ſind alſo nicht in der ungenügenden Ausbildung der Reiterei und der Mann ſchaft begründet, ſondern: 1. In der ſchlechten Eintheilung und Verwendung der bei den Infanterie-Corps zugetheilten Cavallerie— Regimenter; Sie erhielt nur wenige, 8 es . — mᷣᷣ — 60 2. in dem gänzlichen Mangel von Weiſungen des Armee⸗Commando's an den Cavallerie-DiviſionsCommandanten über präciſere beſtimmte Aufgaben, bei welchen dieſe mit einem klaren Zweck vor Augen ſelbſtſtändig und offenſiv hätten handeln können. Hätte man Fürſorge getroffen, wie für die 1. leichte Cavallerie Diviſion und beſonders wie für die Brigade Appel in den erſten Tagen des Feldzuges, ferner wie für die Brigade Pulz am Tage von Cuſtozza, ſo könnte wirklich Niemand über die Leiſtungen und über die Leiſtungs— fähigkeit unſerer Cavallerie ſich beklagen. Der Stand der Infanterie bei der Errichtung vor einem Kriege wird 3—4mal fo groß werden, wie er im Frieden war. Bei der Cavallerie, die der General Trochu in ſeinem merkwürdigen Buch eine Specialwaffe nennt, kann der Stand, wie hier ſchon erwähnt, nicht erhöht werden. Einige Betrachtungen zeigen übrigens, daß der Stand der öſterreichiſchen Cavallerie im Frieden auch für jeden Krieg ein genügender iſt. Wenn die ganze öſterreichiſche Armee, in 20 Diviſionen eingetheilt, auf den Kriegsfuß geſetzt, und die eigentliche Feldarmee aus 15 Diviſionen gebildet würde (einen Krieg angenommen, in welchem Oeſterreich alle ſeine Kräfte aufbietet), fo könnte man jeder InfanterieDiviſion ein Cavallerie-Regiment zutheilen und es blie— ben noch 28 Regimenter, die man für Reſerve-Caval— lerieDiviſionen und für Cavallerie⸗Brigaden verwenden könnte. In Hinblick hierauf müßte die Rolle der Ca— vallerie bei der Armee folgende ſein: 61 a) Jede Infanterie: Divifion bekommt ein CavallerieRegiment, dieſes Regiment iſt ein Ganzes und dem Diviſions-Commandanten untergeordnet: 1. Marſchirt die Diviſion, ſo kann die Verwendung dieſer Cavallerie eine vielfache ſein; z. B. eine Escadron kann weit vorausgeſchickt werden, auf 3, 4 bis 5 Meilen Entfernung zum Recognosciren, wenn dieſes den Tag vorher noch nicht geſchehen wäre; eine andere Escadron kann unmittelbar der Avantgarde= Brigade zugetheilt ſein und auf einige hundert oder tauſend Schritte den Marſch ſelbſt erhellen. Dieſe unmittelbar mit der Truppe marſchirende kleine Abtheilung muß ſtets an— gewieſen fein, bei Begegnung des Feindes ſich zurückzu— ziehen und ſo viel als möglich den Feind in den Bereich des Feuers der nahe ſtehenden Infanterie heranzulocken. Eine dritte Escadron, wenn in einer Flanke der Feind vermuthet würde, kann in dieſer Richtung auf 3, 4 bis 5 Meilen recognosciren: begegnete dieſe Abtheilung dem Feind, ſo iſt die Benachrichtigung für den Di— viſions-Commandanten ſehr werthvoll; begegnet fie ihm ſe Meldung gleichfalls von großem nicht, ſo iſt dieſe Nutzen, da der Diviſions-Commandant hieraus mit vollkommener Zuverſicht ſchließen kann, daß er von dieſer Seite und an dieſem Tage vom Feinde nicht ange— griffen werden kann, nachdem eine Abtheilung von 10 bis 15.000 Mann mehr als 5 Meilen Weges an einem Tage nicht zurückzulegen im Stande iſt. Die übrigen Escadro— nen marſchiren beim Gros der Diviſion, haben verhältnißmäßig einen kleinen Marſch, ſo zu ſagen einen Raſttag. 2. Würde die Diviſion lagern, fo muß ſchon durch den Marſch und durch die Verwendung der Cavallerie bei dem Marſche die Lage für den Diviſions-Com mandanten ſo ziemlich eine klare ſein; er kann übrigens durch kleine Streifpatrouillen kleine Partien ſeiner Lage noch vollkommener ſichern; dazu werden aber faſt in allen Fällen einige Züge genügen, und der übrige Theil der bei der Diviſion eingetheilten Cavallerie kann voll— kommen raſten. 3. Marſchirt die Diviſion auf und nimmt eine Gefechtsſtellung oder eine Gefechtsformation, ſo muß ſich das Cavallerie⸗Regiment ſammeln und durch Be— drohung der Feindes-Flanken, durch Vorrücken gegen feindliche Cavallerie, durch Gewinnung einer Lücke in des Feindes Aufſtellung, durch Verfolgung des Feindes, wenn er geworfen wäre, der Diviſion, der es zugetheilt iſt, ſich nützlich erweiſen. Ein Regiment, bei einer Infanterie-Diviſion zugetheilt und auf dieſe Art verwendet, wird gewiß von großem Nutzen ſein, und ein einziges Regiment erſcheint auch vollkommen hinreichend, um dieſen Dienſt zu verſehen. b) Wenn jede Diviſion ein Cavallerie-Regiment bekäme, ſo ſtünden noch 28 Regimenter zur Verfü— gung. 16 davon ſollten y Cavallerie⸗ Brigaden 22 Regimenter bilden; dieſe Brigaden könnten theil— weiſe als Reſerve⸗Cavallerie von einzelnen Armeecorps angeſehen werden, theilweiſe als ſelbſtſtän— dige Streifcorps handeln, die durch große Um— 09 606 gehungen, große Streifzüge ꝛc. den Feind be— läſtigen, beunruhigen und beirren würden. c) Die 16 Cavallerie⸗Regimenter, die übrig bleiben, find genügend, um 3 ſtarke Cavallerie-Reſerve— Diviſionen Aufsultellen, eine Zahl, die bei einer noch ſo zahlreichen Armee genügend erſcheint. Bei dieſer Annahme iſt für die Reſerve-Armee, die in Folge des neuen Wehrgeſetzes bei einem zu— künftigen Kriege ſicher im Inlande aufgeſtellt ſein würde, keine Rückſicht genommen, und aus dieſem Grunde ſcheint im erſten Augenblicke die Zahl unſerer Cavallerie noch e. eine. ungenügende zu ſein. Eine? ve⸗Armee braucht aber bei ihrer Auf— ſtellung** Cavallerie, oder nur ſehr wenige. Eine Reſerve-Armee kann zur Verwendung kommen entweder in Folge der Siege der operirenden Armee, um feindliche Provinzen zu beſetzen, oder nach der Nieder— lage, um die eigene Armee aufzunehmen. Im erſten Falle wird ſie nur ſehr wenig Cavallerie brauchen, im zweiten ſtößt die geſchlagene Armee mit ihrer ganzen Cavallerie zu ihr, und es iſt nicht anzunehmen, daß dieſe Waffe, wenn auch mit ſtarkem Verluſte, nicht am Platze wäre, da die Cavallerie nach den größten Kataſtrophen gerade durch die beſondere Natur ihrer ar noch am beſten wegkommt. Die Hriegsgeſchichte beweiſt ſolches genügend, mit einer einzigen Ausnahme: dem Feldzug 1812 in Ruß— land, wo die franzöſiſche und theilweiſe auch die ruſſiſche Cavallerie nicht vom Feinde, ſondern vom Klima allein —* ———— 64 vernichtet wurde.— Die Reſerve-Armee, wenn ſie Cavallerie verwenden ſoll, wird alſo auch ſolche haben und die Depots-Escadronen ſcheinen genügend zu ſein, um die Verluſte der einzelnen Regimenter zu erſetzen. Freilich wäre es vortheilhaft, wenn Oeſterreich ſtatt 47 Cavallerie⸗Regimentern 60 oder T0 beſäße; aber unſere Finanzlage iſt der Art, daß auf die Vermehrung eines ſo theuern Materials nicht gerechnet werden kann: wir ſind alſo in Oeſterreich noch mehr als in irgend einem anderen Staate angewieſen, durch ein vorzügliches, eingeſchultes Material die Zahl zu erſetzen, die uns vielleicht etwa fehlen dürfte. Wenn aber die hier erörterten Grundſätze über Cavallerie als richtig anerkannt ſind, ſo muß auch als ſicherer Schluß angenommen werden, daß die Cavallerie, um etwas zu leiſten, eine vorzügliche ſein ſoll, daß die Mittelmäßigkeit gar nicht zu verwenden, daß die Qualität weit mehr als die Quantität für dieſe Waffe maßgebend iſt. Um einen guten Cavalleriſten heranzubilden, ſind 3 Jahre genügend— aber die drei Jahre ſind auch abſolut nothwendig und alle an— deren Mittel, die man verſuchen wollte, um auf irgend eine billigere Art mit einer kürzeren Dienſtzeit, eine zahlreichere aber minder geſchulte Cavallerie zu bekommen, würde nur den Ruin dieſer Waffe herbeiführen, die eine alte Glorie unſeres Heeres iſt. IV. Bom Gfſiciers-Corps. Die Führung einer Armee iſt nach der Regie rung eines großen Staates die ſchönſte, glorreichſte, ſchwierigſte Aufgabe eines Menſchen. Die Führung iſt für das Heer natürlich die wichtigſte Frage, da viele Fehler durch eine gute Führung gut gemacht werden können, alle möglichen Eigenſchaften dagegen bei einer ſchlechten Führung ihren Werth verlieren und nutzlos werden. Auch iſt es klar, daß bei der jetzigen Geſtaltung der Kriege, wo mit einem unge heuern Aufwande von Kräften die Entſcheidung ſo raſch als möglich geſucht wird, weil der ökonomiſche Zuſtand der Staaten einen lang dauernden Krieg un möglich geſtattet, die Führung der Armee wo möglich noch an Wichtigkeit gewonnen hat: denn noch mehr als früher ſind Stunden und Minuten von einem un— ſchätzbaren Werthe, noch mehr als früher rächt ſich jeder Zweifel, jedes Zaudern, jeder Fehler, und für den ver— fehlten Punkt, für den verſäumten Augenblick iſt auf keinen Ausgleich, auf keinen Erſatz mehr zu rechnen oder zu hoffen. Die Skizze der Eigenſchaften eines idealen großen Feldherrn haben Marmont und Clauſewitz meiſterhaft gezeichnet; der letztere beſonders, welcher zum Schluſſe ) — 66 feiner herrlichen Abhandlung über den kriegeriſchen Ge nius noch charakteriſtiſch hinzufügt:„Wie ein Obelisk, auf den die Hauptſtraßen eines Ortes zugeführt ſind, ſteht in der Mitte der Kriegskunſt gebieteriſch hervorragend der feſte Wille eines ſtolzen Geiſtes.“ Hier kann von einer kindiſchen Nachahmung jener Studien nicht die Rede ſein; jedoch als Schluß dieſer wenigen Worte über einen Armee-Commandanten ſei es geſtattet, auf die moraliſche, innige, immer dagewe—ſene Verkettung eines großen Führers mit einem tapfe ren Heere die Aufmerkſamkeit zu leiten. Nie hat die Geſchichte das Beiſpiel eines berühmten Feldherren aufführen können, der ein ſchlech tes Heer befehligte; ſie erzählt im Gegentheile immer Wunder der Tapferkeit und der militäriſchen Tugen— den von den Soldaten, die von einem großen Manne geführt waren. Der Erfolg kommt dabei gar nicht in Betracht, denn wir hören gerade die Tapferkeit der unter Scipio bei Zama ſiegenden Römer ſo rühmen, als diejenige der unter Hannibal beſiegten Carthagi— nenſer, ſo desgleichen die unter Villars bei Malplaquet durch Prinz Eugen beſiegten Franzoſen, ferner die bei Wagram unter Erzherzog Carl von Napoleon geſchlagenen Oeſterreicher, ebenſo die unter Napoleon be ſiegten Franzoſen bei Leipzig und Waterloo.— Wo hört man aber die militäriſche Tüchtigkeit einer geſchla genen, von einem unbedeutenden Manne geführten Ar mee rühmen?— Und wenn dieſes ausnahmsweiſe ge— ſchieht, ſo iſt es immer die Folge der militäriſchen 67 Tugenden, die ein erhabener, mit Erfolg gekrönter, vor Kurzem aus dem Heere verſchwundener Führer ſeinen Soldaten gegeben hatte. Wenn vielleicht einſt die Geſchichte die Tapfer keit der bei Königgrätz geſchlagenen Oeſterreicher rühmen wird, ſo geſchieht dieß— nicht Benedek, ſon— dern— dem alten Radetzky zum Ruhme, deſſen Nach— ruf noch unſere militäriſchen Tugenden erweckt— deſſen Andenken noch unſere Reihen beſeelt. Die Frage des ſicheren Verhältniſſes einer guten Armee zu einem großen Führer ſtößt auf dunkle Ge— heimniſſe der menſchlichen Seele. Man kann ſie nur theilweiſe mit der Bemerkung erklären, daß ein großer Führer alle nothwendigen Bedürfniſſe eines Heeres kennt, dieſe befördert, und folglich die unter ſeinem Commando ſtehende Armee ſehr bald militäriſch voll kommen auszubilden verſteht. Man muß alſo hier aus ſchließen, daß, wäre der Zuſtand eines H noch ſo ſchlecht, man den möglichen weiteren Leiſtun gen dieſer Armee mit Vertrauen entgegen ſehen kann, ſobald an ihre Spitze ein großer, erhabener Feldherr tritt. Wenn die Führung der Armee faſt ausſchließlich von den Eigenſchaften des Ober-Commandanten abhängt, ſo beruht ſie doch nicht auf dieſem ganz allein, und zur guten Führung eines Heeres gehören nothwendig gute Organe, die den Willen des Feldherrn mit Zuverſicht und Schnelligkeit den letzten Reihen der Armee kundgeben, vergleichlich den Nerven, die im menſchlichen 68 Körper dem Willen der Seele das entfernteſte Glied unterordnen.— Je beſſer dieſe Or 3 ſind, deſto leichter zeigt der wohlthuende Einfluß des Ober-Commandanten ſeine Wirkung, und der beſte Feldherr ſähe ſich in ſeinen Leiſtungen vollkommen gelähmt, wären dieſe Organe nicht zu brauchen. Die Wichtigkeit eines wohlgeordneten, gebildeten und verwendbaren Generalſtabs⸗Corps iſt an und für ſich ſo klar, daß ein weiteres Erläutern ganz nutzlos erſcheint. Der öſterreichiſche Generalſtab iſt nach dem un— glücklichen Feldzuge des vorigen Jahres ſehr ungerecht von incompetenter Seite verleumdet worden. Wenn auch Mängel beſtehen, ſo ſind doch die Generalſtabsofficiere im großen Ganzen an dem unglücklichen Ausgange nicht ſchuld, und jeder muß das Wiſſen, den Fleiß und die Verwendbarkeit der größeren Mehrzahl unſerer Officiere rühmen.— Die Armee-Führung und ihre höchſten Organe(Chef des Generalſtabes, Chef der Operations Kanzlei), die vollkommen unfähig waren, tragen allein die Schuld an dem Verluſte der im Anfange des Feldzuges gelieferten Gefechte, an dem unglücklichen Ausgange der Schlacht von Königgrätz, an dem confuſen, excentriſchen, ungeregelten Rückzug der Armee bis zur Donau. Das alles iſt geſchehen trotz der genügend guten Organiſation unſeres Generalſtabs, unſeres Verpflegsweſens, unſerer Trainordnung, weil eben nichts bei einem Heere die mangelhafte Oberleitung erſetzen kann. 69 Auf die Armee-Führung allein, ſowie auf den damaligen Kriegsminiſter, muß die Schuld der großen erlittenen Schmach gewälzt werden, und es iſt ſo klein— lich als ungerecht, unſern Generalſtab damit belaſten zu wollen. Den Beweis der guten Organiſation des Generalſtabes, des Verpflegsweſens, des Trains, die bei uns vorhanden iſt oder vorhanden ſein kann, ohne daß an dem Beſtehenden in dieſer Beziehung irgend etwas zu ändern wäre, gibt das kleine, nie genug zu empfehlende Werk des Oberſten Gallina —„Technik der Armee-Führung‘“Z wohl das gedie genſte, klarſte, weitgreifendſte Buch, das in dieſem Fache erſchienen iſt. Bei allem Lobe, das ein denkender Militär, trotz des traurigen Feldzuges, den Organen unſerer ArmeeFührung zollen muß, ſoll die etwas excluſive Bildung der öſterreichiſchen Generalſtabsofficiere, die einzig und allein aus der in einem zweijährigen Curſe beſtehenden Kriegsſchule wohl ſehr gut techniſch gebildet aber mit nur geringen praktiſchen und mechaniſchen Kenntniſſen über die Truppen hervorgehen, nicht verſchwiegen wer— den. Solche Kenntniſſe kann man nur durch Erfahrung erwerben. Dieſem Mangel wäre vielleicht abzuhelfen, wenn zur Ergänzung des Generalſtabes außer der Kriegs ſchule noch alljährlich ein öffentliches, ſchwieriges Examen exiſtirte, zu welchem jeder Hauptmann oder Rittmeiſter der Armee ſich freiwillig melden könnte, und bei dem dieſe Candidaten über alle nothwen (0 digen Gegenſtände des Generalſtabsdienſtes ſorgfältig ge prüft würden. Diejenigen Officiere, die das Examen beſtünden, hätten den Vortheil, bei der Truppe länger gedient zu haben als die jungen, aus der Kriegsſchule austretenden Officiere; ferner hätte dieſes öffentliche und freiwillige Examen den Vortheil, die ſtrebſamen, fleißigeren, höher begabten Officiere in der Armee leich— ter erkennen zu laſſen. Dieſe Bemerkung kann nicht als eine Kritik unſe res Generalſtabes angeſehen werden; ſie iſt, wie man ſieht, von untergeordneter Bedeutung, mehr eine Maß regel, die für den Generalſtabs-Chefs der Armee ſich empfiehlt als eine organiſatoriſche Reform. Wenn ohne ein gut geregeltes Generalſtabs-Corps das ganze Heer wie ein regungsloſer Körper erſcheint, ſo unterordnet doch der Generalſtab nicht Alles in der Armee dem Willen des Ober-Commandanten. Indem wir den ſchon erwähnten Vergleich fortſetzen, erſcheinen uns die Officiere in der Armee, die bei der Truppe eingereiht ſind, wie im menſchlichen Körper die Muskeln, die unmittelbar die Bewegungen ausführen, welche durch die Empfindſamkeit der Nerven ihnen geboten werden. Ein Mann mit dem vorzüglichſten Nervenſyſteme bliebe noch immer ein Schwächling, wenn er nur ſchwache Mus— keln beſäße. Die Tüchtigkeit, Bildung, Verwendbarkeit des Officiercorps hat alſo ſelbſtverſtändlich für die ganze Armee einen unabſehbaren Werth. Die Beurtheilung der Tüchtigkeit der Officiere geſchieht am beſten durch die prüfung des Ergänzungsmodus des Offi | | | | | — — ciercorps. Wie ein als Pygmäe gebornes Kind trotz aller Nahrung und Pflege nie ein Rieſe wird, wohl aber durch Faulheit und Liederlichkeit ein Hercules in einen Schwächling ausarten kann, ſo kann auch, wenn der Officiers-Ergänzungsmodus bei einem Heere ſchlecht iſt, unmöglich, trotz aller Schulen und alles Fleißes, dieſes Officiercorps Außerordentliches leiſten; wohl aber kann es verderben, wäre die Ergänzung noch ſo gut, wenn die Mehrzahl der Officiere durch eigenen Fleiß, eigenen Trieb, durch eine geregelte, fruchtbrin gende Ambition nicht immer ſucht, ſich zu bilden, zu verbeſſern und ſich tüchtiger zu machen. Außer dem an und für ſich ſchon klaren Vortheil eines gebildeten Officiercorps müſſen noch die Betrachtungen in ernſteſte Erwägung gezogen werd hrſcheinlichen en, die bei den Fragen der Bewaffnung und der wahr l künftigen Gefechtsweiſe ſich aufdrängten. Nie wird das ſelbſtſtändige Auftreten kleiner Truppen-Abtheilungen fo häufig, fo wichtig fein als in den künftigen Kriegen, nie war aber das Zuſammenwirken, Eingreifen, Unterſtützen dieſer verſchiedenen Abtheilungen ſo nothwendig.— Der Hauptmann und der Subaltern— officier werden wahrſcheinlich momentan öfters ſelbſt— ſtändig handeln müſſen. Je gebildeter dieſe Officiere ſind, je offener wird ihre Auffaſſung, und in ihrer Bildung wird man die beſte Garantie für ihr zweck entſprechendes Handeln finden. Iſt im Vergleiche zu den andern gebildetſten Hee— ren Europa's(Preußen, Frankreich) unſer Officier 72 corps im großen Ganzen(alſo die Truppenofficiere bei der Infanterie und der Cavallerie, denn hier kann von den Specialwaffen nicht die Rede fein), iſt unſer Officiercorps auf einer gleichen Höhe der Bildung wie die der Officiere der zwei erwähnten Armeen? Kann bei uns dieſer Bildungsgrad oder die Tüchtigkeit der Officiere, Dinge, die heut zu Tage das— ſelbe bedeuten, nicht ſehr vermehrt werden? Bringt der Ergänzungsmodus der Officiere, wie er bei uns ge— ſchieht, durch die Wr. Neuſtädter Akademie und durch das Cadeten⸗Examen genügende Bürgſchaft, daß wir in der Mehrheit nur gebildete, tüchtige, ſtrebſame Leute erhalten? Dieſe Schrift möchte gern dieſe Frage offen laſ— ſen; iſt aber über die aufrichtige Antwort, die ein aufrichtiger öſterreichiſcher Officier darauf geben würde, ein Zweifel möglich? Wenn jedoch der Ergänzungsmodus der Officiere mangelhaft iſt, eine Sache, von der weſentlich die Tüch— tigkeit des ganzen Officiercorps abhängt, ſo muß man nothgedrungen, gezwungen durch die Logik der Thatſachen, durch eine mathematiſche Nothwendigkeit den Ergänzungsmodus der Officiere ändern und wenn auch dieſe Maß— regel eine noch ſo große und klaffende Umwälzung im Heere mit ſich brächte.— Mit dem Nothwendigen, mit dem abſolut Nothwendigen läßt ſich nicht feilſchen: man muß es ausführen oder es unterlaſſen; unter— läßt man aber bei irgend einer Sache etwas Nothwen diges, ſo kann man alles Andere noch ſo gut und 9 73 ſorgfältig ausführen, auf einen grünen Zweig kommt man dabei doch nie.— Die Sache reduciert ſich auf folgende Fragen: Iſt die Tüchtigkeit des Officiercorps einer Ar mee für dieſe nothwendig? Ja. Wird dieſe Tüchtigkeit beſonders hervorgerufen durch den Ergänzungsmodus der Officiere? Ja. It in Oeſterreich der Ergänzungsmodns der Offi— ciere vollkommen entſprechend? Nein. Muß man alſo den Ergänzungsmodus des Offi— ciercorps ändern? Ja. Alle möglichen Betrachtungen und Rückſichten kön nen die Logik dieſes Schluſſes nicht erſchüttern. Wenn hier mit ſo vielem Nachdruck auf die Nothwendigkeit der Verbeſſerung in der Ergänzung der Of— ficiere hingewieſen wird, ſo geſchieht es in Folge der Betrachtung, daß gar keine Maßregel bei einem Heere ſo ſchwer durchzuführen iſt, ſo tief in das Heerweſen eingreift und auf ſolche Schwierigkeiten ſtößt, wie ge— rade dieſe. Leicht iſt es verhältnißmäßig, die Bewaff—nung, die Heeresergänzung ſelbſt, ja ſogar theilweiſe die Taktik einer Armee zu ändern; bei einer Verände— rung aber in der Ergänzung des Officiercorps ſtößt man ſo viele Intereſſen um, man kommt in Conflict mit ſo vielen in dem Heere ſelbſt einflußreichen Indi— viduen, man kränkt ſo viele Leute und es erhebt ſich ein ſolches Geſchrei, daß man dieſe Maßregel unternehmen muß, nicht allein, wenn man dazu von der Nothwen— digkeit gezwungen wird, ſondern wenn man auch die ——— — (4 Macht hat, fie durchzuſetzen und den gordiſchen Kno— ten kleiner Intereſſen, kleiner Intriguen und alt herge brachter Mißbräuche durchzuhauen. Je ſchwieriger dieſe Aufgabe erſcheint, deſto lohnender iſt ſie aber auch für das Ganze. Was wären vor 80 Jahren die an glücklichen Folgen ſo reichen Reformen des FM. Lasch geworden, wenn bei uns der Er— gänzungsmodus der Officiere derſelbe geblieben wäre, wie er im ſpaniſchen Erbfolgekriege war? Was wären die Pläne Carnot's geworden, welche die geſchlagenen franzöſiſchen Armeen zu ſiegreichen gemacht haben, wenn er nicht den Ergänzungsmodus des ganzen Sta— bes der franzöſiſchen Armee umgewälzt hätte? Es iſt hier von der wirklichen Organiſation der franzöſi— ſchen Armee die Rede, welche nach Carnot's Angaben am Ende des Jahres 1794 und im Anfange des Jahres 1795 ſtattgefunden hat, wo gut durchdachte Maßregeln ordentliche Verhältniſſe herbeigeführt haben, und bei den Heeren der Jakobiner-Wirthſchaft und dem Com mandiren der Convents-Mitglieder ein Ende gemacht wurde. Die Wiener Neuſtädter Militär-Akademie ent— ſpricht vollkommen ihrem Zweck: die Schüler, die her— auskommen, ſelbſt die minderen, ſind meiſtens ſtrebſame, gebildete Leute, welche alle Anſprüche befriedigen, die man berechtigt iſt an junge Officiere zu ſtellen. Dieſe An ſtalt iſt alſo zu loben und die aus ihr hervorgehenden Officiere ſind als ein ſehr ſchätzbares Material anzuſehen. Die andern Officiere, die in der Armee befördert werden, ſind entweder diejenigen, die von der Pike auf dienen, oder diejenigen, die das Cadeten⸗Examen beſtehen. Dieſe letzte Gattung iſt in der Armee bei weitem die zahlreichſte. Das abſolvirte Cadeten⸗-Examen kann Niemandem den Anſpruch geben, ſich als einen gebildeten Mann auszugeben, da jeder, der eine Realſchule mit Fleiß zwei Jahre beſucht hat, mehr Kenntniſſe beſitzt, als diejenigen, welche zu dieſem Cadeten— Examen genügen; hat aber einer das Cadeten-Examen abſolvirt, ſo wird er gewöhnlich nach einigen Monaten bei der Cavallerie, nach einer ein wenig längeren Zeit bei der Infanterie zum Officier befördert, und die Carridre bis zum Feldmarſchallsſtab ſteht ihm offen. Auch gibt es in der Armee ſehr viele Individuen, die als ganz junge Burſchen von 16 oder 17 Jahren zu Officieren befördert werden. Dies geſchieht am häufigſten bei einer Kriegsaufſtellung und in ſolchem Falle wird wenig nach der genoſſenen Erziehung gefragt, noch überhaupt, woher die jungen Leute kommen. Als Beiſpiel haben wir die in Oeſterreich zahlreich dienenden Officiere, die das Officiers⸗-Examen in Preußen nicht abſolviren konnten und die bei uns als die Gebildeteren gelten! Zur Beſeitigung dieſes Uebelſtandes gibt es nur ein Mittel: Die Aufſtellung des Grundſatzes, daß Niemand und in gar keinem Falle, mit Ausnahme eines Prinzen des kaiſerlichen Hauſes, gleich als Officier in die öſterreichiſche Armee eintreten kann, wenn er nicht entweder: —ᷣ—. — 76 1. Die Austrittsprüfung der Wiener-Neuſtädter Militär- Akademie abſolvirt hat, oder 2. wenn er nicht aus einer Militärſchule nach ab ſolvirtem Examen austritt. Eine ſolche Militärſchule wäre zu errichten mit einem zweijährigen Curſe, in den nur junge Leute über 16 Jahre und unter 21 Jahren alljährlich im Concurswege eintreten könnten, wobei aber der Eintritt nur nach einem ziemlich ſchweren Examen geſtattet wäre und nur die beſſeren angenommen würden. Ferner, um denjenigen, die durch Unglück dieſe Examen verpaßt hätten, und zugleich älteren bei der Truppe dienenden Chargen eine legitime Ambition zu geben, würden bei den einzelnen Regimentern gewiſſe Stellen offen bleiben, theils um von alten Unterofficieren, theils um von jungen Leuten, die als Fähnriche oder Cadeten dienen müßten, beſetzt zu werden. Dabei ſollte aber der Grundſatz feſtgeſtellt werden, daß im Frieden von einer Charge zur andern, z. B. vom Gemeinen zum Corporal, vom Corporal zum Führer rc. wenigſtens ein Zeitraum von ſechs Monaten ver ſtreichen müßte und daß Niemand vor einer effec tiven Präſenzzeit bei der Fahne von wenigſtens drei Jahren zum Officier befördert werden könnte.“ Die Vortheile der hier vorgeſchlagenen Militär— ſchule, wie eine ſolche in Frankreich beſteht, über ein einfaches Officiers Examen, wie das in Preußen der Fall iſt, ſind ſo bedeutend als klar. Da das Examen zur Militärſchule in einem öffentlichen Concurs be— 77 ſtehen würde, ſo könnten nur die Beſſeren, wirklich Gebildeten eintreten.(In einem Jahre z. B. wo 400 junge Leute aſpiriren würden, und nur 150 Stellen in der Schule zu beſetzen wären, kämen nur die 150 Beſtelaſſificirten hinein, die anderen müßten ſich entweder auf das Examen des nächſten Jahres vorbereiten, oder wenn ſie ſchon 20 Jahre erreicht hätten, in der Armee ihr Glück probiren.) Bei einem einfachen Officiers-Examen wäre dieſe Claſſification theils ſehr erſchwert, theils unmöglich. In Preußen beſteht, nach der Ausſage, die einer der Höchſt commandirenden dem Verfaſſer dieſer Schrift machte, das Officiers-Examen und iſt nicht durch eine Militärſchule erſetzt, weil in Preußen die Junkerfamilien faſt durch Tradition die Officiersſtellen innehaben, weil in Preußen dieſer Uebelſtand als ein Kitt für die Armee angeſehen wird, und weil ſehr oft protegirte junge Edelleute über das Examen durch Nachſicht hinüberrutſchen und Officiere werden— was nie der Fall ſein könnte, wenn eine Bedingung des Officierwerdens das Eintreten in eine Militärſchule wäre, wo nur ein öffent liches Examen im Concurswege den Eingang geſtattete. Bei uns in Oeſterreich, wo Gott ſei Dank keine Junker beſtehen, gäbe es gar keinen Grund, nicht eine Militärſchule, ähnlich der fränzöſiſchen Schule in St. Cyr, anzuempfehlen und anzunehmen. Wenn auch hier nicht angezeigt erſcheint, das Pro— gramm des zum Eintritt in die Militärſchule nöthigen Examens aufzuſtellen, ſo muß doch bemerkt werden, 18 daß die für dieſes Examen nothwendigen Kenntniſſe vor Allem ſein ſollten: 1. Deutſche Styliſtik. 2. Geſchichte— hauptſächlich die Geſchichte vom weſtphäliſchen Frieden bis zum Tode des Kaiſers Franz— mit einer beſonderen Genauigkeit in der Geſchichte der Feldzüge Turenne's, Prinz Eugen's, Friedrich II. und Napoleon's, ſo daß die Schüler wie einen Schimmer die erſten Grundzüge der Strategie vor Augen bekämen. 3. Geografie— hauptſächlich von Oeſterreich und den Nachbarländern. 4. Mathematik, Arithmetik, Elementar⸗Geometrie (die 8 Bücher von Legendre), Algebra bis zu den Gleichungen des 3. Grades(folglich inbegriffen das Binonium von Newton), und die Logarithmen-Tafeln, planiſche Trigonometrie. 5. Kosmografie, was zum Karten aufnehmen nöthig iſt, Terrainaufnahme, Nivelliren. 6. Elementar-Fiſik, Chemie bis zur analytiſchen Chemie. 7. Grundzüge der Statiſtik, beſonders von Oeſterreich, wobei bemerkt werden muß, daß in dieſem ſo wichtigen militäriſchen Fache wir nur das kleine Buch des Freiherrn von Czörnig beſitzen. Mit der Wr. Neuſtädter Schule und der hier empfohlenen Militärſchule würde die größte Mehrzahl der Officiere mit einer alle Anſprüche befriedigenden Bildung im Heere eintreten, und für diejenigen, die nur eine mangelhafte Erziehung genoſſen hätten, die aber im Laufe ihrer Dienſtzeit eine größere militäriſche Befähigung beweiſen würden, wäre noch immer die Möglichkeit vorhanden, das goldene Porte-épée nach nicht zu langer Zeit zu erhalten— ein Schluß, d wichtig und ſo genügend erſcheint, daß die vorgeſe 10 )lagene 6 eine andere und eine beſſere Empfehlung kaum mehr brauchen könnte. der ſch Das(*) Cadeten-Examen iſt ſeit dem 1. Jänner dieſes Jahres ſehr erſchwert und durch die einge— führte Ernennung zum Officiers-Aſpiranten in der hier angegebenen Richtung ein bedeutender Fort ſchritt gemacht worden. Jedoch wäre die Feſtſtellung eines detaillirten Programmes für dieſes Examen von einer dringenden Nothwendigkeit. Jetzt wird dem Offi ciers-Aſpiranten einfach geſagt, daß er in der deutſchen Styliſtik, in der Geſchichte, Geografie und in der höhern Mathematik geprüft wird, und es iſt nicht ſchwer einzuſehen, daß bei einem ſo elaſtiſchen Programme ein unwiſſender Menſch leicht angenommen, ein ſehr ge— bildeter aber durchfallen kann. Ohne in eine Kritik einzugehen, ſei nur als Beweis dieſer Behauptung geſagt, daß in dieſem Winter bei einem in Wien garniſonirenden Infanterie⸗Regimente ein Doctor der Rechte der Univerſität Göttingen als Officiers-Aſpirant nicht angenommen wurde; ein anderer dagegen aber bei einem Cavallerie-Regiment, welches auch in Wien liegt, hat das Examen glänzend überſtanden, obgleich *) Die folgenden Zeilen wurden vor der Verordnung des 11. Juli d. J. geſchrieben. | 80 er bei feiner Officiers-Aſpiranten-Prüfung hartnäckig behauptete, daß Griechenland in Aſien liege. Wäre aber das Programm des Officiers⸗-Aſpiranten Examens noch ſo detaillirt aufgeſtellt, wäre dieſe Prü— fung ſelbſt noch ſo ſchwer, ſo würde dies doch auf keinen Fall genügen, um den Ergänzungsmodus der Officiere ſo zu verbeſſern, daß nach einigen Jahren unſer Officiercorps ſo gebildet wäre, wie es in Frank reich und Preußen der Fall iſt. Dieſer Schluß ſcheint in dem Vorhergegangenen genügend bewieſen worden zu ſein, und es iſt abſolut nothwendig, nebſt den ſchon beſtehenden Militär-Akade— mien noch eine Militärſchule zu errichten, wie früher erwähnt wurde, mit einem zweijährigen Curſus, wobei nur nach einem ſchriftlichen und mündlichen Examen der Eintritt im Concurswege geſtattet ſein dürfte. Hierin beſteht das einzige Mittel, um eine umfa?ſ— ſende, fruchtbringende Umwandlung in den Bildungs— grad unſeres Officierscorps zu erzielen; dieſes Mittel allein genügt aber auch vollkommen, um mit den Re— giments- oder Brigadeſchulen und Equitationen, mit dem Fleiße und mit der Ambition, die bei ſo vielen unſerer Officicre vorhanden ſind, ſehr bald ein herr liches, zahlreiches Material an militäriſch-gebildeten Officieren zu beſitzen. Die erwähnte Maßregel erhebt nicht ihre Anſprüche über den Bildungsgrad der Söhne der wohlhabenden Claſſen in Oeſterreich— es iſt alſo nicht zu fürchten, daß für die empfohlene Militärſchule ein Mangel an Candi— daten eintreten könnte:— im Gegentheil, fie wird nur ä L en Vortheil darbieten, daß viele junge Leute von — Adel— der in Oeſterreich immer der Schmuck des * Heeres war— etwas lernen, aus dem einfachen Grunde, weil ſie etwas wiſſen müſſen, um etwas zu leiſten. Und wenn auch in den erſten fünf oder ſechs Jahren nur wenig Candidaten für dieſe Schule auftreten würden — gleichviel— die wenigen würden ſchon ein ſehr ſchätzbares Material darbieten, und das wäre ſchon gewonnen: es wäre um ſo beſſer für die jungen Leute, beſſer für's Heer, wenn ſtrebſame, gebildete Officiere ſchneller als in andern Verhältniſſen zu höheren Stellen ge— langten. Es it hier von den Artillerie und Genie-Aka— demien keine Erwähnung gemacht worden, da dieſe Anſtalten, ihrem Zwecke vollkommen entſprechend, nur Lob verdienen. — V. Einige Bemerkungen. Die induſtrielle Productivkraft eines Staates er— höht bei der jetzigen Phyſiognomie der Kriege die mi— litäriſche Tüchtigkeit dieſes Staates. Es iſt klar, daß, je größer die induſtrielle Production iſt, deſto leichter im Falle eines en. Waffen, Montur, Ausrüſtung und überhaupt militäriſches Material erzeugt werden. Je weiter die Induſtrie vorgerückt iſt, deſto beſſer wird dieſe Erzeugung ſtattfinden und man ſieht, daß jeder Fortſchritt in der Induſtrie mit einem gleichen Fortſchritte der militäriſchen Inſtitute des Staates in 2.* NrRande ſtokht CL De 1 einem engen ., macht Ron IMS Iz KRrIich ÿFrwoſi ao Ole XWiſſenſe| aber allſahrlich TICTLGE Tortſch 2 Fon 5 1 z I An icht 5 alten Fortſchr LLC,{? De Chl, DO MIT NL ALIE Amerika 2 zeränderungen, Verbeſſerungen, Erfindungen in der Technik auftauchen. Wer kann aber bürgen daß die Erfindung eines pedantiſchen Mathematikers in der Berechnung einer Linie oder in der Mechanik, eines friedlichen Gelehrten in der Chemie oder Phyſik nicht einen großen Einfluß auf die zukünftige Geſtaltung der Waffen haben wird, oder überhaupt auf 83 irgend eine Frage, die für eine Armee von großem Intereſſe ſein kann? Wer kann bürgen, daß dieſe Entdeckung oder Erfindung, die zuerſt nur wiſſenſchaft— lich erſcheint, dem Heere, das ſie ſich zuerſt aneignen würde, keinen großen Vortheil gewährte? Es iſt alſo, wie dieſes überhaupt in den Spezialwaffen aller Heere Europa's mit fh vielem Fleiße geſchieht, auf jeden Fortſchritt der Wiſſenſchaft ein wachſames Auge zu halten, und jede Verbeſſerung, jede Erfindung zu ergründen und ſorgſam zu prüfen, in wie ferne ſie auf irgend einen Punkt des Militärweſens Bezug haben könnte. Am 66 würde das geſchehen, wenn berühmteſten Gelehrten mit den 100110 ſten, gebild 3 höheren Officieren eine Akademie 6 Wiſſenſchaften bildeten. Kein prunkhaftes Gebäude ſollte für dieſe Akademie erbaut werden, wie das in Oeſterreich bei Fon Militärvereine gewöhnlich vor allem andern geſchieht; wohl aber müßte man Geld und ſchweres Geld ausgeben, um die bedeutendſten Männer der Wiſſenſchaft im In— und Auslande für dieſen Verein zu gewinnen. Auf dieſe Art hätte man die Sicherheit, daß kein Fort— ſchritt in der Wiſſenſchaft geſchähe, daß keine Entdeckung in der Welt auftauchte, die nicht allſogleich geprüft und unterſucht würde, ob ſie nicht für irgend eine Ver— beſſerung des Heerweſens verwendet werden könnte— ein Reſultat, das ſo bedeutend erſcheint, daß die Koſten, die damit oe n n wären, mit Wucher zurückkamen. || | / ———— 84 Dieſe Anſtalt ſollte natürlich nicht zu einem fort währenden Experimentiren im Heere ausarten: das viele Experimentiren im großen Ganzen eines Heeres, ſelbſt wenn eine jede jener Veränderungen an und für ſich etwas Vorzügliches wäre, ſchadet mehr als es nützt, das iſt klar für jeden denkenden Officier; die hier vor— geſchlagene Maßregel wäre nur ein Probeſtein, der im Kleinen alles unterſuchen würde, bevor man im Ganzen etwas umänderte.“) Die militäriſche Wichtigkeit des elektriſchen Tele— graphen iſt klar und jedes Heer hat durch Errichtung des Armee⸗Feld⸗Telegraphen deren Wichtigkeit erkannt. In keiner Armee iſt jedoch dieſe Maßregel praktiſch durch—geführt worden: in allen iſt das Material ſchwerfällig und zur Errichtung ſind verhältnißmäßig zu viel Zeit und Kräfte nothwendig. Dieſe Fehler kommen haupt— ſächlich von den Iſolir-Stangen, die man bei der Feld— Telegraphie wie bei der gewöhnlichen Telegraphenleitung behalten hat und die ganz unnöthig ſind. Der Feldtelegraph ſollte einfach aus einem in Gutta-Percha ) Anknüpfend an die hier vorgeſchlagene Maßregel ſei es geſtattet, die Bemerkung zu wiederholen, die ein bewährter Militärſchriftſteller unmittelbar nach dem Feldzuge des vorigen Jahres machte: Si on s'en rapportait aux documents officiels on verrait ais6ment que la plupart des inventions ou des projets qui frappent au— jourd'hui les esprits, ont mis bien du temps à obtenir la notoriété dont ils jouissent. En ce monde c'est le lot ordinaire des inventeurs et de leur invention. Xavier Raymond. Revue de deux Mondes 15juillet 1866. 85 eingehüllten Draht beſtehen, welcher auf einen Cylinder gerollt wäre. Zur Errichtung der Feldtelegraphen⸗Linie würde dieſer Draht ganz einfach von einem Telegraphen— poſten zum andern ausgerollt werden; man würde ſo ſchneller, leichter und ſicherer vorgehen, da der Draht in Gräben oder Furchen ausgerollt, ganz verſteckt ſein und ſelbſt auf Strecken, die momentan vom Feinde beſetzt wären, beſtehen könnte. Die früher gegen dieſe vorgeſchlagene Maßregel gemachten Einwendungen: 1. daß die Hülſe des Drahtes ſich leicht verletzt und folglich die Communication nicht mehr möglich iſt; 2. daß es ſchwer und ſehr zeitraubend iſt, den Punkt zu finden, wo dieſe Verletzung ſtattgefunden hat, haben jetzt keinen Werth, nachdem man die ſo gut und ſo billig erzeugten Drähte geſehen hat, welche von Bonnis C Ratier in Paris, von Nicoll, Macintoſch K Comp. in London, Robler in Silverton(England) geliefert werden, und ſeit Foucault in Paris einen kleinen Apparat erfunden hat, mit welchem man genau und ſehr ſchnell den Punkt einſehen kann, wo die elektriſche Verbindung an einem Drahte zerſtört wurde. Auch wäre ſehr zu empfehlen, ſtatt des Morſe'ſchen Apparats, der bis jetzt in unſerer Feld⸗Telegraphie angewendet wird, den Lenoir'ſchen Apparat anzunehmen, da dieſer einfacher, feſter, von einer billigeren Benützung iſt und noch einige andere Vortheile darbietet, die nur in einer genauen Beſchreibung zu erſehen wären, welche aber die ſummariſche Haltung dieſer Schrift nicht zuläßt. Wenn bei jeder Armee-Divifion ein auf dieſe Art 24. ö 19 4.*+ 4 A 1 9 conſtruirter Telegraphentrain vorhanden wäre(4 Wägen l, ein Kia 9 160 Syros** Soo 3289 114 41 091° einer für die Apparate, drei andere, jeder mit vier Cylindern, auf jeder —\ A—’ 6 28 o F va mil ſ Cſaftor ö Fann 19* jeder Train mit 6000 Klafter Drahtlänge), kann man pam m 2—*. P* t 509 Klafter Drahtlänge, folglich 391 ſich ſehr leicht eine Armee vorſtellen, bei der ſedes Glied —— anten wäre; die Vortheile einer ſo zuſammengeketteten d Armee leuchten jedem von ſelbſt ein. 8’.— x. MY 19801 taonhſick in Der Sand Sog Skar-(Xa mar ſaſt 1ebel Auger Nblic in der Hand des ber-GEomman Je mehr in dem ganzen Heere Officiere ſich vor * fänden, die mit dem Weſen und der Handhabung der Telegraph zen⸗Apparate vertraut wären, deſto vortheilhafter fürs Ganze! In jedem Regimente der franzöſiſchen Armee gibt es einen oder zwei Officiere, die einen Curs der Photographie gemacht haben, um in einem Feldzuge die Gegenden aufzunehmen und dieſe Afra ren als De 1 anſtal tailpläne zu benützen Eine 2 Ar mee⸗X elegrap hen⸗Lehra iſtalt K für Officiere müßte mit wenig Koſten große Vortheile 8 8—* 1 8)’ M 111 m. 13 OS wywA—molcho 91 9 z moo{ ‚Sa 765* mori ka vorhanden war Sar * rmee C LeullLl U 111 IIC LILG¶d DbDIbeaullbBell 190100 4" © 8 ſehen, um die verſchiedenen Corps einer Armee u immen 2 kett 21 Ein 32 APNA 310 Matr. cht( t 6d zu etten. Cine genauere€ etract ung a Je och d eſ e? an D für ſick ſokr zmnaenzdfan Mn 14 oro m, Und ſin ſich ehr ing nmöſen Anſtalt keine beſondere Trag95 vol+ vn 1 ß inch hRomorkt 280m weite gegeben; ferner muß noch bemerkt werden, daß * N 822 1 11 1UIICLIII6CB5LII} A!. ſe hr . 11“Yu Dr| 1(Surynna 4 N Kathon faſt LM BIS Ma ßregel In GU DP, 10 L LC. 1 z 11+\bronoyr 21 v 1%* 1 1 5| 34°4 lberall ein DIICHCL AU Uelk en UL, 1111 ẽ L( l) 14141 7 Sox* D. Mr. 3 r r Litt 111 n 8 oder de X 1°{ 1 19+\\1t 4 21 5Ygnno enbahne — die Die Ei eine Wichtigke z 8 A ÿ*v SOM 8 ſX* triIYtUuna nn. aan nit nk N USporten 11111 Ob leehntritrung v 1* VCH 1 enutzt ny Bor ſur R 1. 8 5. 5 ö 2 worden, ſtrategiſch aber nlt; ve/ auf den it X g go Ko al Dell Ausgang Ve HC CIllel( IC 54| vnmmarr A. 14 1. Un 911 11 l. 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Auguſt zur erſtaun lichſten Höhe geſpannt, da täglich 24.000 Mann in 266 Zügen zum Theile am Iſonzo, zum Theile in Kärnthen eintrafen; allerdings wuchs die Stärke der ſtreitbaren Fußtruppen in viel geringerem Grade(um circa eine ganze Brigade täglich), da in jener Ziffer auch die Pferde und Fuhrwerke inbegriffen erſchienen*).“ Die Artillerie und Cavallerie werden wahrſcheinlich immer eine bedeutende Anzahl von Wägen erfor dern: die Infanterie aber wird mit einer Aenderung der Wägen, die der Staat den Eiſenbahn-Geſellſchaften aufdringen müßte, vielleicht 100 bis 150 Mann auf einem einzigen Wagen aufladen können. Dafür würde genügen, die Wägen, ſo viel es das Ge— leiſe erlaubt, zu erweitern, die inneren Abtheilungen les iſt hier nur die Rede von Waggons III. Claſſe) zu zerſtören, um Platz zu gewinnen,— auf dem Berdecke Bänke unter einem Dache anzubringen, wo 24— 32 bis 40 Mann ſitzen könnten ꝛc. Wenn man auf dieſe Art einen Wagen conſtruirte, der 150 Mann auf: laden könnte, ſo würden zur Beförderung von 75.000 Infanteriſten nur 500 Wägen nothwendig fein.— Die ungeheuere Tragweite der Möglichkeit, ſolche große Truppenmaſſen leicht zu transportiren, leuchtet von ſelbſt *) Geſchichte des Feldzuges 1866 in Italien von Alexander Hold, k. k. Hauptmann im Generalſtabe. 89 ein,— und um zu dieſer Möglichkeit zu gelangen, würde die Arbeit einer aus Generalſtabsofficieren und Eiſenbahn-Ingenieuren zuſammengeſetzten Commiſſion genügen, die den Plan der von nun an zu conſtruirenden Eiſenbahnwägen feſtſtellen müßte. Dieſe Maßregel iſt ſchon in Frankreich angenom men worden, aber nicht vom Staate, ſondern von eini gen Eiſenbahn-Geſellſchaften(Paris- StrassbourgChemin de fer du Nord), die von nun an nur Wägen III. Claſſe conſtruiren, die 80 und ſogar 100 Paſſagieren Platz geben. Das Problem reduciert ſich eigentlich auf die Berechnung des Radius der Curven des Eiſenbahn-Geleiſes und auf die Berechnung der Be laſtung der Wagenaxen, die bei den jetzt conſtruirten Wägen 70— 80 Centner beträgt, die aber ſehr leicht bis auf 80— 90 Centner erhöht werden könnte, hauptſächlich, wenn die Axen aus Gußſtahl erzeugt würden, wie dieſes übrigens jetzt ſchon allgemein geſchieht. Das Eiſenbahnnetz in Oeſterreich iſt für dieſen großen Staat ſehr ungenügend, ſowohl vom commerciellen Standpunkte aus betrachtet, als vom militäriſchen. Hier kann natürlich nur von letzterem die Rede ſein, und die von dieſem Standpunkte aus zu errich— tenden Eiſenbahnen ſind zweierlei Art: Die erſte betrifft die Eiſenbahnen, die zur raſchen Concentrirung der Truppen und der Reſerviſten für den Fall eines Krieges nothwendig wären; die zweite betrifft die Eiſenbahnlinien, die aus ſtrategiſchen Rückſichten, um die Wehrkraft des Staates zu vermehren, zu errichten wären. ——————— J | 90 In der erſten Claſſe find folgende Bahnen nöthig: 1. Großwardein-Klauſenburg; 2. Szegedin-EſſeggSiſſek; 3. Stuhlweißenburg-Mohaes-Eſſegg. Die Errichtung dieſer Eiſenbahnlinien hat das ungariſche Miniſterium in einer ſeiner letzten Sitzungen beſchloſſen. In der zweiten Claſſe, nämlich in den aus{tra tegiſchen Gründen zu erbauenden Eiſenbahnen, wären vor allem gegen die nordweſtliche Grenze: 1. die Franz Joſefs-Bahn; 2. die Linie Znaim Iglau⸗Pardubitz; 3. Prag⸗Carlsbad. Die erſte dieſer Linien würde eine raſche Concen— trirung im weſtlichen Böhmen ermöglichen; die zweite mit der ſchon beſtehenden Staatsbahn würde eine Con centrirung im öſtlichen Böhmen erleichtern; die dritte, mit der ſchon beſtehenden Linie Prag-Pilſen würde als Verbindung zwiſchen den zwei hier angegebenen Haupt richtungen benützt werden. Gegen Oſten hätte der Staat eine Bahn zu er bauen, deren ſtrategiſche Wichtigkeit noch eine größere iſt, als diejenige der früher hier erwähnten Linien. Gegen Rußland hat Oeſterreich eine 80 Meilen lange offene Grenze; parallel mit dieſer Grenze, aber ganz knapp an ihr, erſtreckt ſich die Eiſenbahnlinie Krakau— Lemberg-Czernowitz. Dieſe Bahn würde im Falle eines Krieges mit Rußland, ſtellenweiſe ſogleich vom Feinde beſetzt und zerſtört werden; es iſt alſo von einer unbe— dingten Nothwendigkeit, daß der Staat in der kürzeſten 91 Zeit eine zweite Linie parallel mit der ſchon beftehenden, aber ſüdlich von den Karpathen erbauen ließe. Eine ſolche Linie würde von Czernowitz nach Szlatina, über Huszt, Munkaes nach Kaſchau gehen, von da nach Abos über Iglo im Waagthale nach Trenesin und in Ung. Hradiſch ſich mit der Nordbahn verbinden. Von Kaſchau über Eperies und Bartfeld bis nach Tarnow ſollte eine Verbindungsbahn errichtet werden. Die Vortheile, die dieſe zwei Linien im Falle eines Krieges mit Rußland darbieten würden, ſind unabſehbar. Sie erlauben, eine Armee zwiſchen Krakau und Tarnow aufzuſtellen, eine andere in der Gegend von Czernowitz, je nach Bedarf die eine dieſer Armeen durch die andere mit fünfzig- oder hunderttauſend Mann zu verſtärken, von der einen Seite numeriſch überlegen aufzutreten und den Feind zu ſchlagen, und 8 Tage nachher am entgegengeſetzten Punkte des Kriegstheaters wieder numeriſch überlegen aufzutreten und ſehr wahrſcheinlich einen neuen Sieg zu erkämpfen. Das ungariſche Miniſterium hat die Linie Kaſchau— Przemysl beſchloſſen; ſie muß geändert, oder auf jeden Fall auch die Linie Kaſchau-Tarnow gebaut werden, da Przemysl von Krakau viel zu weit entfernt iſt, als daß die Linie Przemysl-Kaſchau zur ſtrategiſchen Ver—bindung benützt werden könnte. Die Wichtigkeit dieſer Bahn iſt eine ſo große, daß der Bau derſelben vor allem anderen in Angriff genommen werden ſollte. 7% ( 92 VI. Zum Schluſſe dieſer Schrift, in der ein öſterreichiſcher Soldat ſeine Gedanken niedergelegt hat in der Abſicht, nicht kleinlich zu tadeln, ſondern, ſo viel es in ſeinen Kräften liegt, zu nützen und zu wirken, ſei noch die Bemerkung erlaubt, daß die öſterreichiſche Armee ſeltene Eigenſchaften und ſeltene Tugenden be— ſitzt. In keiner Armee Europa's wird die einzelne Abrichtung des Mannes mit ſo vielem Fleiße durch— gearbeitet, in keiner iſt der perſönliche Muth des Soldaten ſo groß, in keiner iſt das Officiercorps ſo ka meradſchaftlich zuſammengekettet, in keiner iſt der Cultus der Ehre ſo alleinherrſchend, ſo allgemein. Jeder von uns iſt berechtigt, ſtolz zu ſein auf ſeine Fahne, Jeder, bauend auf den wahren Werth unſerer Ar mee, muß ſicher glauben, daß unſere in zwei Feld zügen verpfändete Ehre ſicher eingelöſt werden wird. Nicht erneuern— behalten müſſen wir unſeren alten Geiſt, und gewiß werden unſere Eigenſchaften, unſere militäriſchen Tugenden ſich glorreich bewähren. Eine Armee iſt ja ein Theil des Staatskörpers — ſie iſt ſein Arm. Wenn der Staat nicht ſtark iſt, fo kann es auch die Armee un mög— lich werden. Der Arm eines Herkules am Rumpfe eines Greiſes wäre kein Zeichen von Kraft, ſondern nur eine gräßliche Abnormität. Für die Zukunft eines ſtarken Oeſterreich wird ein ſtarkes Heer nicht fehlen. * { ö