Ertl, Emil: Brief an Wilhelm Kienzl. Wien, 5.5.1934
Dr. EMIL ERTL
WIEN, III. BEZ.
KLIMSCHG. Nr. 1.
5.5.1934.
Verehrter Meister. Lieber hochgeschätzter
Freund.
Gestatten Sie mir es auszusprechen, wie sehr
ich mich über den großen Erfolg des Don Quijote
freue. Ich empfand es immer als belastend für
unsern Opernbetrieb, daß dieses große Werk im
Repertoire fehlte. Von jungen Jahren auf hatte ich
genauere Kenntnis des Stoffes als die meisten,
die eigentlich nur von den Windmühlen wissen,
und besondere Neigung zu der Tragik, die aus
der Burleske blüht. Ich erinnere mich noch gut,
als ich zu [Brodschiegels]=Zeiten einmal mit Ihrer
verewigten Mutter darüber sprach u. wir uns fanden.
Da war ich nun sehr entzückt, als Ihr Opernbuch
gerade das, was mir das Wichtigste u. Eigentlichste
schien, so treffend heraushob. Hoffentlich ist es mir
in absehbarer Zeit vergönnt, die Neubearbeitung
an der Staatsoper zu hören, die Giuditta, diese
Verdrehung der primitivsten sittlichen Begriffe,
wird doch wohl ein bißen Raum dafür lassen.
Ich habe mir den Wunsch, Sie u. Ihre liebe Frau
wiederzusehn, seit längerer Zeit leider versagen müssen.
Es ging mir den ganzen Winter elend oder ähnlich.
In ein paar Woche hoffe ich (so Gott will) mich in Gleichenberg
etwas stärken zu können, u. dann kommt Obertressen, wo
das Lärchenreith nicht allzu fern. Herzliche Grüße von
Ihrem
EmilErtl