Wien d. 10 Nov. 1917. Hochverehrter Herr Hofrat! Ich gestatte mir heute nochmals auf unsre Unterredung vom Donnerstag zurückzukommen. Sie sagten mir, es sei der Wunsch des Autors und des Regisseurs, dem auch Sie sich anschlossen, daß ich den "Brunnenmann" spreche. Bereitwillig sagte ich zu, von dem Standpunkt ausgehend, der auch im "alten" Burgtheater galt, auch kleine Rollen sollen von ersten Dar- stellern gespielt werden. Allerdings standen diese Schau- spieler öfter in großen Aufgaben draußen, und aus diesen kleinern Rollen war künstlerisch etwas herauszuholen, was beim "Brunnenmann" ausgeschlossen ist. Wie oft es mir gelungen kleine Rollen zu starker Wir- kung zu bringen, dafür sprechen meine Erfolge in Rollen wie: Arzt - Medardus, Abt - Götz, Gärtner - Könige, Bettler - Don Juan. u. a. m. Ich habe nun den "Garten der Jugend gelesen, und finde, daß in dem Stück eine Rolle ist, die mir durchaus liegt, und die ich ebenso gut spielen könnte, wie der jetzige Besitzer der Rolle, es ist der "Arzt". Ich möchte, Ihnen, hochverehrter Herr Hofrat, zu bedenken geben, daß ich doch eine erste Stellung zu vertreten, zu verteidigen habe. Sie selbst waren so liebenswürdig, mir das zuzugestehen, indem Sie mir sagten, daß ich erste tragende Rollen mit Erfolg spiele, wie ich kleinere zu großer Wirkung bringe. Weshalb Sie mich bei der Besetzung dieses Stückes übergingen, wie auch in "Frau Suitner", in dem ich den Arzt auch hätte spielen können, weiß ich nicht, da Sie mir doch eine gute Beschäftigung in Aussicht stellten. Handelt es sich hier auch nicht um große Rollen, so sind es doch immerhin um Aufgaben, die ich sicher zur Geltung gebracht hätte. Ich spiele seit Wochen fast nur den "Gärtner" in Könige. Ohne diese kleine Episode, liefe ich gänzlich un- tätig umher. Ich verliere ja auf diese Weise das Ver- trauen, den Glauben des Pu- blikums an mich, den ich mir bei meinem ersten Auftreten in Wien mit einem Schlage erobert habe. Selten hat ein Schauspieler bei seinem Gastspiel auf Engagement so einstim- migen großen Erfolg gehabt, wie ich vor 8 Jahren. Dieser Erfolg ist mir treu geblieben bis heute, ich habe ihn mit jeder neuen Rolle befestigt. Erst im Frühjahr habe ich als Pate in "Renaissance" meinen Mann gestanden. Ich dankte Ihnen, daß Sie mir diese, mir so zusagende Rolle, in dem leider veralteten Stück, gaben, um meine Kunst zu zeigen. Durch das Ausschalten aus dem Repertoir, dadurch daß ich eine ganz belanglose, künstlerisch belanglose Rolle in einem Stücke sprechen soll, das eine andere mir auch zustehende Rolle enthält, muß mich auf's tiefste kränken, das unter= gräbt meine künstlerische Existenz, meinen Schaffens- trieb, und das liegt sicher nicht in Ihrer Absicht. Ich kann es gar nicht mit dem, was Sie mir im Frühjahr sagten in Einklang bringen, daß Sie mich beim Besetzen der Rollen ganz bei Seite lassen, während andere Mitglieder in jedem neuen Stück beschäftigt sind. Gerade der Fähigkeit, gänzlich hetero- gene Rollen darzustellen, habe ich meinen Namen in der Theaterwelt zu danken; das war von jeher meine Stärke. Daß ich diese Fähigkeit nicht eingebüßt habe, dafür spricht mein Prell in Flachsmann, Gollwitz - Raub der Sabinerinnen, und andere. Die mir s.Zt gegebene Versicherung Ihrer, mir sehr wertvollen, Anerkennung erfüllte mich mit schönen Hoffnungen für die Zukunft auf ein erfreuliches Wirken, statt dessen gerate ich ganz in Vergessenheit, indem ich ab- seits des Repertoirs stehe. Sie gaben mir durch jene loyale Mittheilung, meine Stellung am Burgtheater betreffend, das feste Vertrauen auf Ihr geschätztes Wohlwollen, daß ich nicht annehmen kann, daß es von Ihnen ausgeht, wenn mir so wenig Ge- legenheit zu künstlerischer Betätigung gegeben wird. Indem ich Sie, sehr verehrter Herr Hofrat, aus oben an- geführten Gründen, denen Sie sich gewiß nicht verschließen werden, höflichst bitte, den "Brunnenmann" ander- weitig zu besetzen, verbleibe ich, auf gütige Berücksichtigung meiner hoffend in Bezug auf Beschäftigung, in vorzüglicher Verehrung ganz ergeben Ernst Arndt. Ärztliches Zeugnis. Herr k.k. Hofburgschauspieler Ernst Arndt ist nach seelischer Aufregung schwer erschöpft u. muss bis zum Ablaufe dieses Zustandes (wenige Tage) auf meine ärztliche Weisung hin das Zimmer hüten. [zwei Tage Bettruhe] Wien d. 10. November Dr. Klauber RA. I Zelinkagasse 14