Hfors. Fabriksgatan 9. Mai 15, 1914. Meine liebe, innigverehrte Freundin Für Ihren Brief aus Montreux dankte umge= hende Karte. Danach ging eine nach Wien. Heut' geht ebendorthin meine ausführliche Antwort auf jene Zuschrift. Mit Allem einverstanden, was Sie hin= sichtlich des Ihnen Anvertrauten und dessen Sicher= stellung im Sinn haben. Natürlich die Rücksprache mit Prof. v. Wieser nicht verabsäumen. Ich denk', wie er Ihre Besteuerungsangelegenheit ordnet, wird er auch das mich Betreffende sichern. Meinetwegen bedarf es nur einer unerlässlichen Vorkehrung, wobei ich auf Ihrer Beider gütige Rücksicht rechne. Für Wien habe ich 5 Tage anberaumt: v. 16 - 21 Juni x. Hätte schwer zuzugeben, weil der letzte Junisonntag für ein Zusammentreffen in Würzburg gesichert sein muss. Betreffender nur den arbeitsfreien Tag zugänglich: versäum' ich den Sonn= tag, verschiebt sichs auf den künftigen. Dabei käme Dafür könnte ich schon am Mont. d. 15 in Wien sein. Erwarte gütigen Bescheid. Natürlich nur im äussersten Nothfall den Montag für die Ueber= einkunft m. Wieser be= stimmen. Gedachte am Sonntag die Fahrt nach Michen zu machen, obwohl auch Das nicht ganz klug wäre. Sonntagszüge ein Fluch. H.f. ich um eine Woche zu kurz in meinen Reiseberechnungen und würde länger von daheim fortbleiben müssen, was ich heuer gern vermiede. Also Hauptsache: einen Junitag zw. 16 & 21 sicher feststellen und mir offen halten. Dann kann ich mit Wien, wo der Aufenthalt meinem Herzen sehr, sehr schwer fallen wird, möglichst bald fertig sein und das Erforderliche nach Bedarf erledigt haben. Im Zusammenhang hiemit sei auch gesagt, weshalb ich an Börner gedacht. Allerdings wäre es richtiger gewesen, vorher Ihre Einwilligung dafür einzuholen. Ehrlich gestanden, glaubte ich, die Angelegenheit sei ihm nicht unbekannt, nament= lich da Sie nun allein sind und vielleicht auf eine Hilfskraft bedacht waren, die Ihnen, bei etwaiger Abhaltung, von grossem Nutzen sein kann. Da Sie überdies bei der etwaigen Verwendung der Zinsen eigens an Ihn gedacht haben, fügte es sich recht praktisch, wenn er dem Geschäftlichen nicht fremd wäre. Ich kann mir nicht denken, dass wir uns in der Sache eine Ungelegenheit bereitet hätten? Von heut ab mein Aufenthalt hier noch runde 20 Tage umfassend. Am 7. Juni wird aufgebrochen. Aus vielfachen Gründen wird üb. Skandinavien gereist. Zwei Tage müssen für Berlin genügen: d. 10 & 11. Am 12 mit Morgenzuge nach Dresden. Hotel Höritzsch. Für dort volle 3 Tage bestimmt. Muss es sein, kann am 14. der Nachtzug nach Wien genom= men werden, um am 15 in Wien zu sein. Wo wir dort Unterkunft nehmen, augenblicklich noch un= bestimmt, weil auf Bescheid von Börner warte. Rechtzeitig werden Sie von unserem Verweilen dort verständigt. Vor allem kommt mirs darauf an, dass diese Zeilen rechtzeitig für mich in Wien Ihnen zu Händen kommen. Davon kann ich, wenn es noch vor Juni aus Wien abgeht, hier Kunde haben. Danach, wenn Sie nicht Dresden (Hotel Höritzsch) vorziehen, senden Sie Ihre Zuschrift nach Berlin, W. 15, Adr: Hr. Geheimrath Alfr. v.d. Leyen, zum 10 Juni, also am 8 absenden. Muss noch hinzufügen: 44 Bayerische Strasse. Sie sehen, wie schlampig ich schreibe. Bin eben immer noch unter der Wucht des Erlittenen. Passt es Ihnen nicht rechtzeitig hierher zu schreiben, auch nicht nach Berlin, so erwarte ich Ihren Brief in Dresden, Hotel Höritzsch, am Hauptbahnhof. Von irgendwo: hier, Berlin od. Dresden, schreibe ich wieder. M. a. W. ich nehme hiemit noch nicht Abschied vor unserem schmerzlichen Wiedersehen. Nur Sie können sich, aus eigener Erfahrung, einen Begriff von meiner Verstimmung machen. Ich habe alles, alles eingebüsst, was mir das Leben zu einem wahrhaften Leben gemacht. Was mir noch geblieben, hilft das nun durch & durch verbitterte Leben ertragen, ersetzt aber das Verlorene nicht. Ganz natürlich: es war ein Mensch, der nur wenige seinesgleichen hat. Dass mir seine Freundschaft, ein Vierteljahr= hundert hindurch vergönnt, ist mein Bestes im Leben. Mit Ihm vereint den höchsten Aufgaben des Menschseins wirken zu können, das muss als Trost genügen bei meiner Untröstlichkeit. Es giebt auch für mich, noch Einiges vorzusehen, das Seinem Wirken zugutekommt. Das allein lässt mich die Wucht der Tage ertragen: im Grunde lebt in mir eine stille Sehnsucht nach dem Aufhören. x Da d. 21. ein Sonntag ist, dürfte das Geschäftliche auf dann nicht zu verlegen sein. 2. Verbindlichen Dank für gütige Anweisungen um geeignete Unterkunft in Wien. Rechtzeitige Anmel= dung selbstverständlich: nicht so von der Strasse her angestürmt kommen. Wie es bisher sich anlässt, hat es den Anschein, als würde "Regina" recht ge= eignet sein. Mein Begleiter, überaus reisegewandt, würdigt sehr Ihre Empfehlung. Die Anstalt mir bekannt als gutes Restaurant. Uebrigens soll alles was diesenfalls zu berücksichtigen ist, ge= wissenhaft erwogen werden. Mir liegt zweierlei besonders im Sinn: bequem für Sie & zu Ihnen und nahe zu Börner. Mein Walter meint, das sei weniger belangvoll, da bei "Regina" ein Haupt= knotenpunkt f. d. Tramverbindung ist. Für mich bleibt Haupterforderniss einen geeigneten & siche= ren Tag, od. zwei, für das endgültige Ordnen der Angelegenheit zu haben, die durch 2 schmerz= liche Todesfälle eine gar beschwerliche geworden. Seine Briefe, sorgfältig geordnet, bringe ich persönlich mit. Natürlich haben Sie an geeig= nete & sichere Unterkunft gedacht. Das erste Hundert habe ich klopfenden Herzens durch= gelesen, meinen Schmerz zu lindern in dem einzigen Genuss, um hinterher doch nur zu wissen, wie ver= armt ich bin. Der 2e Packen enthält 65 Briefe, die ich bis zur Abreise durchlese. Danach übergebe ich alle 165 Ihren treuen Händen. Hoffentl. können Sie die schmierigen Pfaffenhän= de von diesen Kleinoden fernhalten. Bei der Durchnahme der ältern Briefe traf ich auf eine Empfehlung von Roseggers Roman "der Gottsucher". Konnte erst jetzt das Buch lesen. Sie werden sich desselben erinnern. Sorgfältige Durchnahme sagt mir, die vorhin angedeutete Empfehlung müsse inmitten des Anfangs der Leistung erfolgt sein: 200 Seiten, trotz eini- ger Compositionslücken, haben mich gepackt. Da mit einem male ists mit der ursprünglichen Ueber- legenheit "alle" und 238 Seiten hindurch hat man sich mit Klobigkeiten, mittelalterlicher Romantik von abgestandetstem Ungeschmack abzuplagen, so dass man nur mit äusserster Mühe diesen Rest zu Ende liest. Fritzens Zufriedenheit kann unmöglich nach Kenntnissnahme dieser Gaucherieen vorgehalten haben. Das Ganze nicht nach einem geschickt gegliederten Plan ausgearbeitet. Die Hauptsache im "Gottsucher" ganz unkünstlerisch ein seitenlanger Herzens= erguss des Erzählers, statt eines Erlebens im Gemüthe der Romanfigur. Nein, und nocheinmal nein, Das mir Unzusagende hätte Fritz nimmer befriedigen können. Für mich ver= dient Rosgr. unbedingte Anerkennung für seine Na= turschilderungen u. kleinere Schilderungen, wo er sich an Wirkliches & genau Beobachtetes hält. Die Phantasie des wahrhaften Dichters fehlt ihm durchaus. Mein Zeugniss dafür ist eine Schauerleistung, die ihm ganz beson= ders wohlgefällt. Sie ahnen nicht was ich meine, weil das Elaborat niemals Ihnen zu Augen gekommen sein kann. Eine echte Sekundärgrösse reinster Duselei hat er sich von 2 Grauenhaftigkeiten zu einem Wiedererzeugen verführen lassen. Nach dem Vor- bilde von Ern. Renan verarbeitet er die Evan= gelien zu einem Roman, der in Betlehem anhebt, die hlg. 3. Könige ein zauberhaftes Sternbild, das eine lateinische Buchstabenreihe bildet, sehen lässt, in Aegypten weiterspielt, wo die hlg. Familie sich etl. Jahre aufhält und mit einem 15.jährigen Bengel heimkehrt. Das soll eine "Messiade" in Prosa & für heutige Leser sein. Davon hätte ich unserem Einzigen erzählen mögen. Nein, da ist mir der erztrockene Klopstock, dessen Elaborat auf Gethsemane beginnt, u. voll der unpoetischsten Alberheiten ist, doch noch lieber. Einer meiner letzten Briefe an Fritz berichtet über meine Helden= leistung, die 4 Bde Hexameter durchgelesen zu haben. Werden mir heute nicht viele nachmachen. Nehme an, dieser Brief treffe so ziemlich zugleich mit Ihnen selbst in Wien ein. Sie antworten wies passt. Erhoffe auch volle Beruhigung über Ihr Befinden nach dem haarsträubenden Unfall, der wohl nur durch Schlampigkeit der Bediensteten veran= lasst sein kann. Es werden so oft Halbfähige zu Begleitern auf derlei Unnützigkeiten genommen: wird als Spielerei angesehen Herzlich der Ihre W. Bn.