Reichenberg am 5. Juni 1916. Hochverehrter Herr Regierungsrat! Gestatten Sie mir, mich mit einer grossen Bitte an Sie zu wenden. Sie waren vor längerer Zeit so freundlich, mich aufzufordern, für die Beilage der Wiener Abendpost Beiträge aus der Nationalökonomie zu liefern. Ich habe es bisher unterlassen, dieser Einladung zu folgen, da ich mich nicht sicher genug fühlte, um etwas ver- öffentlichen zu können. Inzwischen habe ich mich - auch durch ihre Aufforderung mit angeregt - eingehend mit der Nationalöko- nomie beschäftigt und bin eben dabei, eine Arbeit über Kapitalzins fertig zu stellen, die im Herbst veröffentlich werden soll. In diese Arbeit wollte ich unter Anderem noch eine Kritik der Kapitalzinstheorie Böhm-Bawerks aufnehmen, die einige ganz neue Gesichtspunkte zur Beurteilung dieser Theorie bringt. Nun kündigt das Schmollersche Jahrbuch, eine bekannte Deutsche Zeitschrift, für das Juliheft 1916 einen Aufsatz von L. v. Bort- kiewicz mit dem Titel: "Der Kardinalfehler der von Böhm-Bawerk'schen Kapitalzinstheorie" an. Ich befürchte sehr, dass dieser Aufsatz dasselbe sagt, was ich gegen Böhm-Bawerk vorbringen wollte, und mir auf diese Art zuvorkommt. Ich habe deshalb aus meiner Kritik der Böhm-Bawerk'schen Zinstheorie einen selbsständigen kleinen Aufsatz gemacht, den ich noch im Juni veröffentlichen möchte. Ich erlaube mir nun an Sie, hochverehrter Herr Regierungsrat, die Anfrage zu richten, ob die Veröffentlichung dieses Aufsatzes, den ich beilege, in der Wiener Abendpost möglich wäre. Sie würden mich dadurch zu ausserordentlichem Danke ver- pflichten, denn es liegt mir wirklich sehr viel daran, dem Schmollerschen Jahrbuch zuvor- zu kommen. Für die richtige Wiedergabe der Zins- theorie Böhm-Bawerks verbürge ich mich. Ich habe mich ganz an die Darstellung gehalten, die Böhm-Bawerk selbst im Handwörterbuch der Staatswissenschaften II Auflage, VII Band, Artikel Zins S947, 948 von seiner Theorie gegeben hat. Zur Unterstützung der Kritik selbst darf ich anführen, dass alle meine Bekannten, denen ich den Aufsatz bisher vorgelegt habe - unter ihnen befinden sich auch Fachmänner - meinen Ausführungen bedingungslos zugestimmt haben. Indem ich mir schliesslich die Bitte erlaube, diese Belästigung freundlichst ent- schuldigen zu wollen, zeichne ich in grösster Ehrerbietung als Ihr treu ergebener Dr Otto Conrad. Reichenberg Goethestrasse 12.