DR. ALFRED VON FISCHEL BRÜNN,den 18.3.1915. Lieber Freund! Jch hätte Dich Deiner freundlichen Aufford- rung entsprechend gerne aufgesucht. Jch berüh- re jedoch im Drange meiner Geschäfte und Sor- gen Wien immer nur auf der Durchreise und für wenige Stunden und kam zu meinem Bedauern nicht dazu, Dich begrüssen zu können und es wäre doch soviel zu besprechen. Falls Dr.Mi- chael Heinisch zu Deinem Kreis gehört, wird er Dich wohl verständigt haben, dass ich ihm auf sein Verlangen eine rasch hingeworfene Skizze der künftigen Ordnung der Sprachen= und Nationalitätenverhältnisse übermittelt habe. Es soll darüber wie über andere Fragen eine ./. Aussprache in Wien stattfinden. Die mährischen Parlamentarier pflogen am 11.d. eine Erörte- rung über die wünschenswerte Gestaltung der Verhältnisse und es zeigte sich leider auch hier keine Einmütigkeit in der Beurteilung der Lage. Namentlich enttäuschten, wie stets, die Radikalen. Jch glaube, dass über die Fern- haltung des galizischen Einflusses auf die innere Politik Oesterreichs alle Deutschen selbst Eines Sinnes sein müssten. Jch erhob insbesondere die Forderung, dass nicht nur ge- legentliche Aufklärungsarbeit durch einige po- litische Männer in Deutschland zu erfolgen hätte, sondern insbesondere der Nationalver- band die Aufgabe hätte, Fühlung mit den parla- mentarischen Kreisen des Deutschen Reichs,aber auch Ungarns zu suchen. Die Gründe hiefür lie- gen zu nahe, als dass es nötig wäre, sie näher auszuführen. Der Obmann des Nationalverbandes ./. versprach sich mit dieser Anregung näher zu beschäftigen, die ihm einzuleuchten schien, nachdem ich auf einige correspondierende Er- scheinungen des Ausgleichsjahrs 1867 hingewie- sen habe. Es wäre m.E. aber auch notwendig, die Kreise, welche sich ohne Berufspolitiker zu sein,mit der Frage der Neugestaltung und Verjüngung Oesterreichs beschäftigen,im deut- schen Reiche und in Ungarn eine ähnliche Mis- sion ins Werk setzen. Was hältst Du davon ? Es würde natürlich die persönliche Berührung mit den massgebenden Persönlichkeiten allein nicht genügen, man müsste auch die Massen na- mentlich in Deutschland durch Broschüren über unsere Verhältnisse und die erforderliche Neu- ordnung des Staatslebens aufklären. Jch habe vor einigen Jahren in einer seither eingegan- genen Hamburger Wochenschrift einen längeren ./. Aufsatz über"die Stellung der Deutschen in Oesterreich" veröffentlicht und das Wesentli- che der Sache in einundeinhalb Druckbogen er- örtert. Jn dieser Weise sollte, wenn nicht dieser Artikel gebraucht werden will, die öf- fentliche Meinung Deutschlands über unsere massvollen Forderungen informiert werden. Jch nehme an, dass Dich neben Deinen literarischen Arbeiten auch diese Fragen stark in Athem hal- ten. Jch bin soeben von einem Ausfluge in den Karpathen, wo ich meinen Sohn besuchte zurück- gekehrt. Jch hoffe Dich wohl und bin mit herz- lichen Grüssen Dein alter Dr.A.Fischel