31. - 12. - 14. Lieber verehrter Kapellmeister nachdem ich heute den ganzen Vormittag Sie vergeblich gesucht habe - zu Hause, im Musikverein und im Theater will ich Ihnen doch lieber schnell noch schreiben, damit meine Freude nicht erst zerrinnt. Es war gestern sehr schön! Viel viel schöner als das erste Mal, dasselbe höre ich auch von verschiedenen Seiten. Ich war allerdings recht unzufrie- den mit mir, war so atem- los stellen weise daß ich im Wort atmen mußte tröste mich nur damit daß man das im Publikum nicht so merkt - vor uns Künstlern gegenseitig - ist es keine Schande seine Fehler ein zu gestehen, zumal wenn man die werteste Absicht hat sie auszu- bessern. Wie gerne hätte ich Sie gestern Abend in Ruhe noch ein paar Minuten gesprochen, aber Sie verschwanden so schnell. Nun freue ich mich schon wieder auf das nächste Mal im neuen Jahre! Hoffentlich bringt es uns viel gemeinsame schöne Arbeit - die Kundry und die Isolde ! ! ! Und vergessen Sie nun die Widerspen- stige nicht lieber Kapellmeister, be- trinken Sie es ein bischen damit es gewiß noch im Jänner dran kommt da Sie jetzt wie Sie sagten keine außertheaterliche große Aufgabe haben. Es war sehr sehr schön gestern! Alles Gute! Heil und Sieg für 1915. Herzlichst in Verehrung Ihre Marie Gutheil.