[in Bleistift von anderer Hand:] Giesl Sr. Hochwohlgeboren Herrn Dr. Otto Kallir-Nirenstein, |: Neue Galerie :| Wien I. Grünangergasse 1. - urgent --- militaerkanzlei seiner majestaet des kaisers und koenigs bad ischl LTG206 25 JULI N LEHER zemun 2 375 s s s 45 25 7 30 s = ich habe infolge ungenuegender antwort der koeniglich serbischer regierung auf unsere am 23 l . m . gestellten forderungen die diplomatischen beziehungen mit serbien fuer abgebrochen erklaert und mit personale der gesandschaft belgrad verlassen gesandter baron giesel Ischl, 27/6 1931 Ich bestätige, daß die mir heute vorgelegte Depesche vom 25/7 1914, aufgegeben in Zemun um 7h30, adressiert an die "Militärkanzlei Sr Maj. des Kai- sers und Königs Bad Ischl", des Wort- lauts : "Ich habe infolge ungenügen- der Antwort der Königl. serbischer Regierung auf unsere am 23. l. m. gestellten Forderungen die diplo- matischen Beziehungen mit Serbien für abgebrochen erklärt und mit Personale der Gesandschaft Belgrad verlassen Gesandter Baron Giesel" jene Originaldepesche ist, die damals meine Kollegin Frl. Leher auf Leitung 206 auf dem Hughes- Apparat aufgenommen hat. Die Depeschen wurden im damaligen Zeitpunkt sehr häufig unchiffriert gesendet. Die Echtheit der Depesche geht u. a. auch aus dem Formu- lar hervor sowie aus den Typen, die seither längst ausgewechselt worden sind. Frl. Leher ist in- zwischen nach Salzburg versetzt worden und hat geheiratet. [von anderer Hand:] Bad Ischl, 27. Juni 1931 Marie Mühlbacher P. O. Offizial G. d. K. Wladimir Bn Giesl, a. o. Gesandter a. D. Salzburg, Giselakai 57. - am 30./IX. 34. Euer Hochwohlgeboren, Zeilen vom 28. lm. habe ich erhalten, und bin gerne bereit Ihrem Ansuchen zu entsprechen: Das fragliche Telegramm, dessen Faksimile ich auch in illustrierten Zeitungen gesehen habe, halte ich für autentisch, Ortsangabe (Zemun = Semlin) und die Zeit 7h 30' Nachmittags, stimmen, ebenso wie die Textworte, welche mir in Erinnerung geblieben sind. - Die Konzepte zu diesen Telegrammen müßten sich im Archive des Ministerium des Äußeren befinden. - Das die, da= mals in Semlin aufgegebenen 3 gleichlautenden Telegramme "in claris" und nicht in Chiffren abgefasst wurden, erklärt sich zwangsläufig aus den vorher= gegangenen Ereignissen: - Ich hatte Befehl, wenn ich durch die Haltung der serbischen Regierung zum Abbruche der diplomatischen Beziehungen und zur Abreise am 25. Juli 1914 gezwungen würde, Belgrad mit dem Perso= nale der Gesandtschaft mit dem Eilzuge um 6h 30' Nachmittags zu verlassen. - Minister-Präsident Pasić betrat erst 5' vor 6h Nachmittag mein Arbeitszimmer. - Wenn die Aussprache mit demselben auch nur wenige Minuten währte, waren nach seinem Weg= gange noch eine Reihe von Angelegenheiten zu erledigen, die, wenn auch für alle Fälle vorbereitet, dennoch Zeit beanspruchten. Ich mußte unsere Forderungen mit der serbischen Antwort Punkt für Punkt vergleichen, und erst als ich konstatiert hatte, daß die serbische Antwortnote in keiner Weise unseren Forderungen entsprach, konnte ich die Weisung zur Abreise geben. Früher mußte aber noch die kgl. serbische Regierung von meiner Entschließung verständigt, - die kaiserl. deutsche Gesandtschaft um die Uebernahme unserer Interessen ersucht, die oesterr. ung. Konsulate vom Abbruche der Beziehungen verständigt und die (sogenannten "Kleinen") Chiffren, verbrannt werden. - Die "großen" Chiffren und das Geheim-Archiv waren schon 2 Tage früher nach Semlin gebracht worden. - Alle diese Ausfertigungen waren, - für alle möglichen Fälle vorbereitet, - es wurde aber 6h 30' ehe wir, obwohl das Personal und die Familien, ebenso wie ein paar Fiaker in der Gesandtschaft seit dem Vor= tage konsigniert waren, die Gesandtschaft verlassen konnten. - Der Eilzug verließ Belgrad erst nach 7h; während der Fahrt über die große Eisen= bahnbrücke konzipierte ich die 3 Telegramme. |: an die Militär-Kanzlei S. M.-, das Ministerium des Äußeren und das Ministerratspräsidium in Budapest :| welche nach der Ankunft in Semlin von meinem Kommissär "urgent" aufgegeben. Chiffre-Schlüssel waren keine mehr vorhanden, - in dieser Minute wußte ja schon die ganze Welt von dem Abbruche der Beziehungen, - es war also weder die Möglichkeit noch eine Notwendigkeit vorhanden, die Telegramme zu chiffrieren. - In Semlin wurde mir gemeldet, daß die Telefonlinie Semlin-Budapest-Wien-Ischl bis zur Abwickelung meiner Gespräche gesperrt sei und daß Gf. Tisza mich am Telefon erwarte. Nach kurzer Mitteilung an Gf. Tisza über das Geschehene, und daß ich nächsten Tages um 9h Vormittag die serbische Antwortnote nach Budapest überbringe, - wieder= holte ich den Inhalt der früher bezeichneten Tele= gramme nochmals telefonisch nach Wien und Ischl. Ich habe nichts einzuwenden, wenn Euer Hoch= wohlgeboren die vorstehende Erklärung veröffent= lichen wollen, und zeichne mit vorzüglicher Hochachtung Giesl [...]GdK. THE ORIGINAL TELEGRAM WHICH STARTED WORLD WAR I BARON GIESEL TO EMPEROR FRANZ JOSEPH I