Villach, am 21. Dezember 1915. Sehr verehrter Herr Oberstaatsbahnrat! Aus Ihrem letzten lieben Schreiben habe ich entnommen, daß ein Brief, den Sie mir geschrieben hatten, leider nicht in meine Hände gekommen ist. Das tut mir umso mehr leid, als darin gewiß auch Ihre Ansicht über mein neues Buch enthalten war, die kennen zu lernen mich selbstverständlich sehr interessiert hätte. Für die Freundlichkeit, mit der Sie H. Müller-Gutenbrunn für meinen Roman in Bewegung setzen wollen, danke ich Ihnen herzlich. Ich habe hier leider wieder - wie schon bei meinem ersten Buch - die Erfahrung gemacht, daß die Zeitungen Oesterreichs es vorziehen, allen möglichen, vornehmlich ausländischen Leuten Weihrauch zu streuen und österr. Schriftsteller, die keiner "Gruppe" angehören, gern totzu= schweigen. Hätte sich nicht Carl Busse aus Zehlendorf bei Berlin (ein guter Arier) ganz spontan und freiwillig - (ich kenne ihn nicht persönlich noch habe ich ihm mein Buch ge= schickt oder um Besprechung gebeten -) in der N. Fr. Presse und in Velhagen & Klasings Monatsheften so geradezu begeistert für mich eingesetzt, so wäre auch das 2. Buch ohne den Erfolg geblieben, der nunmehr da ist. Am 16. Juni erschienen, reicht das 4. Tausend heute nicht mehr hin; der Verleger bereitet das 5. - 7. Tausend vor. Genug für ein halbes Jahr, noch dazu im Krieg und bei einem bisher wenig bekannten Autor. Auch die sonstigen, vornehmlich aus reichsdeutschen Blättern mir bekannt gewordenen Besprechungen sind fast durchwegs günstig. Unser neuer Hofrat ist tatsächlich ein äußerst sympathischer und gewinnender Mensch, mit dem zu arbeiten eine Freude ist. Weniger angenehm ist es für mich, daß ich seit der 1. Hälfte Juni - nach dem Tode des Oberstaatsbr. Scheitz - die Abt. VI im Kriegs= rummel allein leiten muß. Oberinsp. Slanina ist zwar ernannter Vorstand, wird aber vor dem 10. Jänner 16 nicht hier eintreffen. Infolgedessen habe ich Arbeit genug und bin sehr angehängt. Es wird mich freuen, wenn Sie mir, falls es Ihre gewiß auch beschränkte Musezeit erlaubt,- wieder einmal schreiben möchten. Ihrer w. Frau Gemahlin bitte ich meinen Handkuß zu vermitteln. Mit den besten Weihnachts- und Neujahrs= wünschen und verbindlichen Grüßen bin ich Ihr sehr ergebener Dr Rudolf Haas