Nr. 7 11/2018 Frauen. Wissen. Wien. #meToo Die Debatte aus österreichischer Perspektive Impressum Medieninhaberin MA 57 – Frauenservice der Stadt Wien, Friedrich-Schmidt-Platz 3, 1082 Wien Abteilungsleiterin Marion Gebhart Redaktion Ricarda Götz Lektorat Paula Bolyos Grafk Claudia Schneeweis-Haas nach einem Design von Barbara Waldschütz Druck MA 21 B – Druckerei ISBN 978-3-902845-43-6 www.frauen.wien.at © November 2018 Frauen.Wissen.Wien ist eine Publikationsreihe der MA 57 – Frauenservice der Stadt Wien Die Ausgabe Frauen.Wissen.Wien#7 ist in Kooperation mit MD- OS Dezernat Gender Mainstreaming der Stadt Wien entstanden Liebe Leserinnen und Leser! Als Frauenstadträtin stehe ich für eine Stadt, in der Sexismus und sexuelle Belästigung keinen Platz haben. Die Auseinandersetzung mit der#metoo Debatte ist ein wichtiger Baustein, um das zu erreichen. Wir setzen uns daher weiterhin dafür ein, Aufmerksamkeit und Sensibilisierung zu schaffen, um allen Frauen in Wien ein sicheres Leben zu ermöglichen. Die 7. Ausgabe von Frauen Wissen Wien widmet sich daher ein Jahr nach der #metoo Debatte, deren Anfang und Entwicklung aus einer österreichischen Perspektive. Ihre Stadträtin für Wohnen, Wohnbau, Stadterneuerung und Frauen Foto© Bohmann Kathrin Gaál 3 Inhalt Beate Hausbichler #MeToo: Über die größte zivilgesellschaftliche Kampagne gegen sexuelle Übergriffe – und wie sie überhaupt möglich wurde ...................................7 Sonja Aziz #MeToo – Der Umgang mit Opfern sexualisierter Gewalt .............................................................19 Paul Scheibelhofer #metoo und Männlichkeit. Soziologische Zugänge und Perspektiven auf die Überwindung sexueller Gewalt .............................................25 Birgit Sauer #MeToo. Sexualisierte Gewalt in der öffentlich-politischen Debatte ..............................................37 Gerhard Wagner Männer, wir müssen reden ....................................................51 5 Beate Hausbichler, Mag. a ist in Reith im Alpbachtal(Tirol) geboren. Philosophiestudium in Wien mit den Schwerpunkten Sozialphilosophie, Sprachphilosophie, Diskurstheorie und Gender Studies. Sie ist seit 2003 journalistisch tätig, seit 2008 bei der Tageszeitung DER STANDARD und schreibt vor allem über Frauenpolitisches für dieStandard.at, Populärkultur, Gesellschaftspolitik und Wissenschaft. 6 schreckten die anderen Frauen zurück: Insgesamt sollen es 50 Frauen gewesen sein, die von Cosby sexuell missbraucht wurden. Was passiert, wenn Frauen mächtigen Männern sexuelle Übergriffe vorwerfen, wurde also immer wieder öffentlich vor exerziert: Die Belastung für die betroffenen Frauen ist enorm, während gleichzeitig die Chancen auf eine Verurteilung sehr niedrig sind. Laut einem Bericht des Justizministeriums 2014 führt in Österreich nur etwa jede siebte Anzeige wegen sexueller Gewalt zu einer Verurteilung. Nur 2,4 Prozent aller gerichtlichen Verurteilungen betreffen Sexualdelikte – obwohl laut einer Studie aus dem Jahr 2011 fast dreißig Prozent der Österreicherinnen schon einmal sexuelle Gewalt erlebt haben. 1 Bei sexuellen Übergriffen von Seiten öffentlicher Personen, wie sie mit#MeToo in einem neuen Ausmaß bekannt wurden, kommt hinzu: Die Beschuldigten sind der Öffentlichkeit bekannt, sie bekleiden wichtige Ämter oder Positionen. Diejenigen, die sie öffentlich beschuldigen, sind jedoch unbekannte Frauen, die weder für künstlerische noch politische Leistungen den Respekt eines breiten Publikums genießen. Warum#MeToo so groß werden konnte Öffentlich geführte Debatten um sexuelle Übergriffe gab es also schon vor#MeToo. Zu Beginn dieses Jahrzehnts wurden sie aber nicht mehr nur in klassischen Medien, wie Zeitungen oder TV-Nachrichten, verhandelt. Menschen konnten sich durch soziale Medien zusätzliches Gehör verschaffen, ohne dass ihr Anliegen zuvor in einer Redaktion als relevant abgesegnet werden musste. Wegen eines sexistischen Kommentars des FDP-Poli tikers Rainer Brüderle gegenüber der deutschen Journalistin Laura Himmelreich, die diese Übergriffigkeit in einem Artikel öffentlich machte, summierten sich etwa 2013 auf Twitter unter dem Hashtag#Aufschrei zuhauf ähnliche und noch viel drastischere Berichte.#Aufschrei wurde zur Nachricht und Sexismus zumindest kurzfristig zu einem großen Thema. Spätestens seitdem 1 Studie„Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld. Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern“, Wien 2011 https://www. oif.ac.at/fleadmin/OEIF/ andere_Publikationen/gewaltpraevalenz_2011.pdf (23.10.2018) 9 wurden auch in Österreich und Deutschland Hashtags laufend für frauenpolitische Anliegen genutzt. 2016 wurde etwa unter #NeinheißtNein in Deutschland für eine Reform des Sexualstrafrechts protestiert. Soziale Medien haben also wesentlich zu einem veränderten Umgang mit dem Thema Feminismus beigetragen. Die Frage, warum#MeToo eine derartige Durchschlagskraft entwickeln konnte, kann mit dem verstärkten Nutzen sozialer Medien durch feministische Aktivistinnen sowie der langen Vorgeschichte medial prominent platzierter Fälle sexueller Gewalt beantwortet werden. Die Empörung vieler Menschen über diese Fälle ebnete sicher auch den Weg für#MeToo. Doch es gibt noch einen dritten Faktor, warum#MeToo derart mobilisieren konnte:„Feminismus“ erlebte seit einigen Jahren einen Popularitätsschub. Dieser hatte zwar nicht unbedingt eine verstärkte Berichterstattung über feministische Themen wie den Gender Pay Gap, den Kampf gegen Schönheitsnormen oder die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung oder sichtliche Bemühungen politischer Parteien um neue Ideen zur Lösung dieser Probleme zur Folge, doch immerhin wurde in der Popkultur Feminismus als Marke zum Verkaufsschlager. Die Sängerin Beyoncé trat 2013 bei einem ihrer Megakonzerte vor dem Wort„Feminist“ auf, das in riesigen Lettern auf die Bühne projiziert wurde. Spätestens seitdem häuften sich die„Ich bin Feministin“-Sager von Superstars. Auf Instagram entstanden Kampagnen wie„This is What a Feminist Looks Like“, bei der sich – wieder waren viele Stars darunter – Menschen mit einem Shirt mit dieser Aufschrift präsentierten. Und auch die Filmindustrie entdeckte das ökonomische Potenzial von Frauen als Protagonistinnen. Sei es als Chaotinnen in der Erfolgskomödie„Brautalarm“ oder als Superheldinnen in„The Hunger Games“. Ausgangspunkt Hollywood Auch in Hollywood, wo faktische Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt war, wurde Feminismus langsam zum 10 Thema: Schauspielerinnen jenseits der 40 sprachen oft darüber, wie schwer es wegen ihres Alters war, noch Jobs zu bekommen, schon ab den Dreißigern werde man durch Jüngere ersetzt. Von den Spitzengagen ihrer Kollegen konnten Schauspielerinnen oft nur träumen, erfolgreiche Blockbuster mit Frauen als Hauptdarstellerinnen änderten daran und – wie sich zeigen sollte – auch an der dort weit verbreiteten sexuellen Gewalt nichts. Doch im Oktober 2017 lief das Fass über. In Hollywood, wo die#MeToo-Bewegung begann, wussten Schauspielerinnen, und freilich auch ihre Kollegen, dass das Schweigen über sexuelle Übergriffe zur Kultur gehörte. Die Schauspielerin Evan Rachel Wood war eine der ersten, die nach dem Bericht in der New York Times in einem Tweet am 9. Oktober 2017 dazu aufrief, diese Kultur zu ändern. Sie richtete sich darin vor allem an Männer, die„wir als Verbündete brauchen“, schrieb sie. Sie berichtete auch von Einschüchterungen und Bedrohungen und schrieb, dass das Problem schon zu lange um sich greife. Wood hat bereits ein Jahr davor in einem Brief an das Magazin„Rolling Stone“ davon berichtet, zwei Mal vergewaltigt worden zu sein. In den ersten Tagen, nachdem der Times-Artikel erschien, gab es einige wenige Ausdrücke des Entsetzens über die Enthüllungen, darunter etwa eine Wortmeldung Meryl Streeps. Doch insgesamt hielt sich der Grad der Empörung im üblichen Rahmen, obwohl die New York Times über Stillschweige-Deals berichtete, die – noch dazu von einer der wichtigsten Produktions firmen ausgehandelt – lange quasi zur Firmenpolitik Hollywoods gehörten. Und obwohl sich wenige Tage nach dem ersten Bericht der New York Times die Vorwürfe verschärften und auch von Vergewaltigung die Rede war, die Harvey Weinstein unter anderem durch Schauspielerin Asia Argento vorgeworfen wurde. Es meldeten sich auch die Schauspielerinnen Rose McGowan, Ashley Judd und Lucia Evans mit Berichten über massive sexuelle Gewalt zu Wort. Das Ausmaß war klar: Es handelt sich um ein System, eines, das sich über Jahrzehnte problemlos reproduzieren konnte, weil Männer in den mächtigsten Positionen sitzen, und so über die Karriere einer Künstlerin entscheiden können. Dieses 11 System war offenbar derart beständig und unangreifbar, dass zwar viele davon wussten, es aber dennoch nicht zum Einsturz gebracht wurde.„Frauen haben untereinander schon lange über Harvey gesprochen“, sagte Ashley Judd kurz nach den ersten Veröffentlichungen der Vorwürfe, nun werde halt öffentlich darüber geredet. Und es sollten noch weitaus mehr werden, die ihre Stimme erhoben. Am 15. Oktober twitterte schließlich die US-amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano:„Wenn Sie sexuell belästigt oder angegriffen wurden, schreiben Sie ‚Me too‘ als Antwort auf diesen Tweet“. Milano zitierte in ihrem Aufforderungstweet noch den Vorschlag eines oder einer FreundIn:„Wenn alle Frauen, die sexuell belästigt oder angegriffen wurden, Me too als Status angeben, könnten wir den Leuten einen Eindruck der Größenordnung dieses Problems geben“. In nur wenigen Stunden antworteten schon 30.000 mit„me too“ – und die Welle reißt bis heute nicht ab. Schnell hatte sich die Debatte von Twitter auf verschiedenste andere Kanäle verlagert, die Berichte über sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz wurden nun auch von den klassischen Medien in noch nie dagewesener Intensität aufgegriffen. Die Reaktionen auf#MeToo sprengten den bisherigen Rahmen der Berichterstattung über sexuelle Gewalt bei weitem. Parallel zu diesen zahllosen Berichten in den sozialen Me dien, meldeten sich auch immer mehr Frauen über traditionelle Medien zu Wort, um Vorwürfe gegen berühmte Männer öffentlich zu machen. Viele sprachen von Vorkommnissen, die bereits Jahre zurückliegen. So erinnerte sich etwa Tippi Hedren daran, wie ihr Alfred Hitchcock in einem Gespräch damit drohte, ihre Karriere zu zerstören, nachdem sie sexuelle Avancen seinerseits zurückgewiesen hatte. Nicht als Opfer sondern als Beobachter meldete sich Erfolgsregisseur Quentin Tarantino. Er hätte„genug gewusst, um mehr zu tun“, sagte Tarantino selbstkritisch. So zeigte sich auch, dass nicht nur unter Frauen über die Vorfälle gesprochen wurde, wie Ashley Judd meinte. 12 Während Mitte Oktober die New Yorker-Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen gegen Weinstein aufnahm, trauten sich weitere Frauen aus der Unterhaltungsbranche aus der Deckung und#MeToo wurde nach und nach zum Synonym für ein Problem mit einem riesigen Spektrum: Von Belästigungen von Minderjährigen oder Angestellten durch ihre Vorgesetzten bis hin zu Vergewaltigungen – die Grade der Übergriffe sind unterschiedlich, doch die große Klammer um#MeToo ist, dass für fast alle Frauen sexuelle Übergriffe zum Alltag gehören – seien sie verbal, psychisch oder physisch. Während aus der Filmbranche immer mehr Übergriffe bekannt wurden – fast vierzig Frauen warfen etwa dem US-Regisseur James Toback sexuelle Belästigung vor 2 , und in Deutschland recherchierte die Wochenzeitung„Die Zeit“ mehrere Berichte über den deutschen Erfolgsregisseur Dieter Wedel, dem mehrere Frauen massive sexuelle Gewalt vorwarfen 3 – erreichte#MeToo ebenfalls sehr rasch die Politik, den Sport 4 und auch weitere Bereiche in der Medienbranche 5 . Mitarbeiterinnen des Europaparlaments berichteten von Belästigungen, Vergewaltigungen durch Kollegen und Arbeitsverträgen im Tausch gegen Sex. Betroffene bezeichneten das Europaparlament als„Brutstätte sexueller Belästigung“, nur zehn Tage nach den ersten Berichten unter#MeToo meldeten sich 93 Betroffene bei der Zeitung „Politico“ 6 . Auch die schwedische Gleichstellungsministerin Åsa Regnér erzählte, ein hochrangiger EU-Politiker habe sie sexuell belästigt. 7 In Großbritannien wurden Vorwürfe gegen Regierungsmitglieder laut, ebenso in den USA, wo es zahlreiche Übergriffe im US-Kongress gegeben haben soll 8 . In Österreich war es die Stimme der Ex-Skirennläuferin Nicole Werdenigg, die spezielle Mechanismen im Sport in den Fokus rückte, die zu Machtmissbrauch und sexueller Gewalt führen. Und auch in der TV-Branche rumorte es, so musste im November der einflussreiche Fernsehmoderator und Journalist Charlie Rose nach zahlreichen Belästigungsvorwürfen den US-Sender CBS-News verlassen. 2 https://derstandard. at/2000066665001/38Frauen-werfen-USRegisseur-Tobacksexuelle-Uebergriffe-vor (23.10.2018) 3 https://www.zeit.de/ zeit-magazin/2018/02/ dieter-wedel-regisseursexuelle-uebergriffevorwuerfe/komplettansicht (23.10.2018) 4 https://derstandard. at/2000073913818/NicolaWerdenigg-Aus-einemSchneeball-wurde-eineLawine(23.10.2018) 5 https://derstandard. at/20000736752332000066323204/ Italienische-Journalistinnenunterzeichneten-MeTooManifest(23.10.2018) 6 https://derstandard. at/2000066798786/ Zeitung-SexuelleBelaestigung-auch-imbritischen-Parlament (23.10.2018) 7 http://www.spiegel.de/ panorama/gesellschaft/ schweden-ministerin-asa-regner-spricht-ueber-belaestigung-a-1174238.html (23.10.2018) 8 https://derstandard. at/2000067845863/Sexuelle-Uebergriffe-im-US-Kongress-offenbar-weitverbreitet(23.10.2018) 13 Die Reaktionen Die Reaktionen auf#MeToo zeichneten allerdings kein Bild einer Gesellschaft, die sich einig über dringend notwendige Veränderungen ist. Vielmehr zeigte sich, dass auch dieses Thema, wie jedes feministische, extrem polarisiert. Daran hat auch der aktuelle Feminismus-Trend nichts geändert. Oft scheint es so, als stünden sich zwei Meinungspole unversöhnlich und hermetisch voneinander abgeriegelt gegenüber: Auf der einen Seite dominiert das große „Endlich“. Endlich teilen Frauen ihre Erfahrungen und zeigen damit anderen Frauen, dass sie nicht allein sind. Dass sie nichts falsch gemacht oder sich falsch verhalten hätten, sondern dass sexuelle Gewalt gegenüber Frauen ein strukturelles, kein individuelles Problem ist. Endlich entsteht so etwas wie ein gesellschaftlicher Rückhalt über feministische Kreise hinaus, der nicht mehr in erster Linie die Opfer beschämt, sondern die Täter zur Verantwortung zieht. 9 Vgl. Studie„Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld. Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern“, Wien 2011 https://www.oif.ac.at/ fleadmin/OEIF/andere_Publikationen/gewaltpraevalenz_2011.pdf 10 https://derstandard. at/1319182071768/Mangel-an-Beweisen-Bei-Vergewaltigung-wird-selten-verurteilt(23.10.2018) Die KritikerInnen an#MeToo hingegen führen vor allem drei Hauptargumente an. Das erste betrifft die Glaubwürdigkeit: Zwanzig Jahre oder länger zu warten, um über einen sexuellen Übergriff zu reden, wäre seltsam. Da müsse was faul sein. Dar unter fällt auch die Annahme, Frauen würden Übergriffigkeiten hochspielen. Das führt meist zum zweiten Argument, das am häufigsten seit Oktober 2017 zu hören ist: Kampagnen wie#MeToo fördern eine Verbotskultur und wollen Sexualität bis ins letzte Detail durch reglementieren – womit die Erotik zerstört werde. Dem dritten Kritikpunkt an#MeToo liegt die Annahme zugrunde, Männer und Frauen seien gesetzlich gleichberechtigt, alles was an Ungerechtigkeiten aufgrund von Geschlecht passiert, müsse daher das Individuum lösen, weil die strukturelle Ungleichheit beseitigt sei. Die Fakten zum Thema sexuelle Übergriffe entkräften jedes einzelne dieser Argumente. Fast 29,5 Prozent der Frauen erleben sexuelle Gewalt, davon wird jede vierte Frau Opfer einer Vergewaltigung. Sexuelle Belästigung erleben sogar drei von vier Frauen. 9 In Österreich wird nicht einmal eine von zehn Verge waltigungen zur Anzeige gebracht. 10 14 Hinzu kommt, dass Frauen finanziell und beruflich schlechter gestellt sind als Männer. Die Chefposten der größten Österreichischen Unternehmen liegen in Männerhand, unter 196 Vorstandsmitgliedern fanden sich 2017 nur elf Frauen. 11 Die unbezahlte Arbeit liegt hingegen in Frauenhand, zwei Drittel der Arbeit, die Frauen leisten, sind unbezahlt. 12 In einem kapitalistischen Wirtschaftssystem bedeutet dies freilich eine Machtschieflage zu Ungunsten von Frauen. Welche Konsequenz diese Schieflage dort hat, wo es um die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen geht, verdeutlichte#MeToo. Den SkeptikerInnen der#MeToo-Bewegung kann somit entgegnet werden, dass erstens Frauen sexuelle Gewalt nicht erfinden und aus der Traumaforschung hinlänglich bekannt ist, wie schwer es Betroffenen fällt, über erlittene Gewalt zu sprechen – vor allem angesichts dessen, wie mit Opfern sexueller Übergriffe bis heute umgegangen wird. Zweitens: Sex und Erotik liegt immer ein Konsens zweier gleichberechtigter PartnerInnen zugrunde, das bedeutet sexuelle Gewalt hat nichts mit Sex oder Erotik zu tun – diese Unterscheidung endlich deutlicher zu machen, ist ebenfalls ein wesentliches Verdienst von#MeToo. Drittens lassen sich patriarchale Strukturen – wie auch beispielsweise Rassismus – via Gesetz alleine nicht abschaffen. Was bleibt Ob#MeToo den gesellschaftlichen Umgang mit sexuellen Übergriffen, Gewalt und Machtmissbrauch nachhaltig vorangebracht hat, hängt auch maßgeblich vom Fortschritt in anderen frauenpolitischen Bereichen ab. Die größte Chance von#MeToo liegt vermutlich darin, das gesellschaftliche Klima dahingehend zu verändern, dass die Sorge vor Konsequenzen sexueller Übergriffe nicht mehr bei den Opfern liegt. Ein 11 https://kurier. at/wirtschaft/ boersenkonzerne-94maenner-in-vorstaendensolcher Wandel ist im Zeitraum eines Jahres kaum zu bewerkstelligen. Zwar werden unter dem Hashtag#MeToo noch immer viele wichtige und ermutigende Wortmeldungen über sexuelle Übergriffe und Gewalt getwittert – er ist inzwischen aber auch zu einem Sammelbecken für frauenverachtende Tweets geworden. frauenanteil-steigtkaum/279.417.047 (23.10.2018) 12 http://netzwerkfrauenberatung.at/index. php/arbeit-abc?id=132 (23.10.2018) 15 Und das ist nur ein Beispiel dafür, wie sehr feministischen Kämpfen auch heute noch ein rauer Wind entgegenweht. Doch 2017 entstand zumindest der berechtigte Eindruck, dass immer mehr Menschen diese Kämpfe für nötig halten. Literatur: Bericht des Justizministeriums 2014 Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld. Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern, Wien 2011 https://www.oif.ac.at/fleadmin/OEIF/andere_Publikationen/gewaltpraevalenz_2011.pdf(23.10.2018) 16 17 Sonja Aziz, Mag. a ist seit 2011 im Bereich Familienrecht und Opfervertretung in der Rechtsanwaltskanzlei Breitenecker Kolbitsch Vana in Wien tätig, wo sie als juristische Prozessbegleiterin mit diversen Opferschutzeinrichtungen zusammenarbeitet und insbesondere die Interessen von Frauen und Kindern, die von häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen sind, im Strafprozess vertritt. Darüber hinaus publiziert sie und hält Vorträge zum Thema Gewalt gegen Frauen und bietet kostenlose Rechtsberatung in diversen Frauenberatungsstellen an. 18 Beate Hausbichler #MeToo: Über die größte zivilgesellschaftliche Kampagne gegen sexuelle Übergriffe – und wie sie überhaupt möglich wurde Es war kein großer Knall. Der Skandal um den Filmproduzenten Harvey Weinstein und die dadurch ausgelöste beispiellose Debatte über sexuelle Belästigung und Gewalt begann mit einem Bericht der New York Times am 5. Oktober 2017. Das dort beschriebene Ausmaß der Übergriffe durch Harvey Weinstein und die systematische Vertuschung waren ungeheuerlich, dennoch war es nicht dieser Bericht allein, der vor einem Jahr eine nie dagewesene Menge von Erfahrungsberichten, vorwiegend von Frauen, über sexuelle Übergriffe an die Öffentlichkeit brachte. #MeToo und die lange Vorgeschichte Mit Weinstein wurde bei weitem nicht das erste Mal öffentlich, wie Männer ihre mächtigen Positionen ausnützen, wie sie jahrzehntelang ohne Konsequenzen schwächer Gestellten, meist Frauen, teils massive sexuelle Gewalt antun. Solche Fälle kursierten bereits seit längerem in der Öffentlichkeit. Eine der ersten größeren Debatten über sexuelle Belästigung trat die Juristin Anita Hill in den USA los. Als 1991 Clarence Thomas als US-Bundesrichter nominiert wurde, beschuldigte sie ihren Ex-Chef öffentlich, sie jahrelang sexuell belästigt zu haben. Der damalige Vorsitzende des Justizausschusses Joe Biden verzichtete darauf, weitere Belastungszeuginnen zu laden(wofür er sich übrigens im Spätherbst 2017, gerade als#MeToo in aller Munde war, entschuldigte). Anita Hill musste allein bei der Anhörung vor dem zu hundert Prozent von weißen Männern besetzten Ausschuss aussagen – und wurde dort in„Stücke gerissen“, wie es in US-Medien formuliert wird. Ihre Glaubwürdigkeit wurde durch Kommentare und Andeutungen vernichtet, eine 7 Strategie die funktionierte. Thomas wurde schließlich in den Verfassungsgerichtshof gewählt, wo er bis heute sitzt und ebenso bis heute die Vorwürfe von Anita Hill bestreitet. Ob er lügt, konnte nie geklärt werden, doch die in den Fall eingearbeiteten JournalistInnen halten es für wahrscheinlich. In den letzten Jahren häuften sich Fälle, die großes Aufsehen erregten. 2011 warf eine Hotelangestellte dem damaligen Direktor des Internationalen Währungsfonds, Dominique StraussKahn, versuchte Vergewaltigung vor. Daraufhin meldeten sich auch andere Frauen zu Wort und erzählten von sexuell aggressivem Verhalten Strauss-Kahns. Wie auch im Fall von Weinstein war das in seinem näheren Umfeld kein Geheimnis. Das große Medieninteresse bestand damals nicht nur aufgrund der Vorwürfe gegen jemanden, der dem IWF vorsteht. Strauss-Kahn galt auch als aussichtsreicher französischer Präsidentschaftskandidat des Linksbündnisses, die Vorwürfe der versuchten Vergewaltigung kamen für Strauss-Kahn somit zu einem brisanten Zeitpunkt – und bedeuteten schließlich auch das Ende seiner politischen Karriere. Die Klage gegen Strauss-Kahn wurde jedoch eingestellt, auch die einer anderen Frau wegen versuchter Vergewaltigung zu einem früheren Zeitpunkt. Eingestellt wurde auch eine interne Untersuchung des IWF wegen des Vorwurfs, Strauss-Kahn habe sein Amt für eine sexuelle Beziehung zu einer Mitarbeiterin ausgenützt. Eine Verurteilung gab es allerdings bei einem anderen medial vielbeachteten Fall. Der US-Fernsehstar Bill Cosby wurde der sexuellen Nötigung beschuldigt. Wie bei Strauss-Kahn und auch Weinstein wurden dadurch viele Jahre zurückliegende Fälle bekannt. Auch gab es schon im Jahr 2000 eine Anzeige wegen sexueller Belästigung gegen Cosby, die allerdings nicht weiter verfolgt wurde. Über dreizehn Jahre sollten schließlich vergehen, bis es zu einem Urteil wegen sexueller Nötigung kam. Während der Verhandlung war es, wie damals bei der Anhörung Anita Hills, die Strategie der Verteidigung, die Glaubwürdigkeit der Klägerin Andrea Constand in Zweifel zu ziehen. Es gehe ihr nur um das Geld, hieß es. Vor einem Prozess wie diesem 8 Mag. a Sonja Aziz #MeToo – Der Umgang mit Opfern sexualisierter Gewalt Der hier abgedruckte Artikel wurde erstmals in juridikum 2018, Heft 1/2018, S. 34-37, Verlag Österreich, veröffentlicht. 1. Victim Blaming und Vergewaltigungsmythen Schon wieder wird versucht, einer Debatte über sexualisierte Gewalt durch Bagatellisierung und Victim Blaming die Berechtigung zu entziehen. Frauen, die weltweit ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen unter dem Hashtag#MeToo teilen, wird vorgeworfen, Falschanschuldigungen zu erheben, sich„in die Opferrolle zu begeben“ oder hysterisch und aufmerksamkeitsbedürftig zu sein. All diesen Vorwürfen ist immanent, den Opfern ihre Glaubwürdigkeit abzusprechen, den Fokus auf vermeintliche Pflichten der Opfer 1 anstatt auf die Schuld der Täter 2 zu legen und die Taten an sich zu banalisieren. Kurzum: altbekannte Vergewaltigungsmythen und Vorurteile werden aufgewärmt. 1.1. Verlagerung des Fokus auf das Opfer Der Situation der Opfer, die häufig von Angst vor der Konfrontation mit dem Täter oder vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, von Scham, Verunsicherung oder Verdrängung betroffen sind, wird im öffentlichen Diskurs mit wenig Empathie begeg net. Fragen wie„Warum hat sie keine klare Grenze gezogen?“, „Warum hat sie den Arbeitsplatz nach dem Übergriff nicht ge wechselt?“,„Weshalb erhebt sie die Anschuldigungen erst Jahre später?“ sind jedoch zum festen Bestandteil der durch#MeToo thematisierten Debatte geworden. Dies kommt nicht nur einer Verhöhnung der Opfer und Bagatellisierung der Taten, sondern letztlich einer Täter-Opfer-Umkehr gleich. Das Opfer wird zum Subjekt gemacht, während der Täter in die Unsichtbarkeit verschwinden kann. 1 Da der Beitrag die strafrechtliche Position der Betroffenen thematisiert, wird im Folgenden auf den im StGB verwendeten und mit einer Reihe besonderer Rechte(vgl§§ 65 ff StPO) ausgestatteten Begriff „Opfer“ zurückgegriffen, wenngleich die Autorin nicht verkennt, dass dieser Begriff die immensen Ressourcen und raffnierten Strategien ausblendet, welche die Betroffenen insb im Zuge oft jahrelanger Gewaltbeziehungen entwickelten, um ihr Leben zu schützen und der Gewalt zu entkommen. 2 Laut Sicherheitsbericht 2015 des BMJ, vgl S 227, waren die Beschuldigten bei den im Berichtsjahr angefallenen Verfahren wegen strafbarer Handlungen gegen die sexuelle Integrität und Selbstbestimmung(§§ 201 bis 220b StGB) zu 91,6% männlich, weshalb im Folgenden bewusst die männliche Form gewählt wurde. 19 1.2. Parallelen in strafgerichtlichen Verfahren 3 Laut einer Abfrage des BMJ kam es im Jahr 2013 in 9,7% der Verfahren der Staatsanwaltschaft Wien wegen§ 201 StGB (Vergewaltigung) zu einer Anklageerhebung, 29,4% der Verfahren wurden abgebrochen/ ausgeschieden/sonstig erledigt, 51,5% wurden eingestellt, in 0,2% kam es zu einer Diversion, vgl Österreichischer NGOSchattenbericht für GREVIO (2016) 145, https://www. interventionsstelle-wien.at/ umsetzung-der-istanbulkonvention-in-oesterreichbeurteilung-durch-ngos (05.03.2018). 4 Neben der polizeilichen Einvernahme werden Opfer sexualisierter Gewalt regelmäßig auch gerichtlich, sei es durch den_die Haft- und Rechtsschutzrichter_in im Ermittlungsverfahren, sei es durch den_die Vorsitzende_n des erkennenden Schöffensenats in der mündlichen Hauptverhandlung, (im besten Falle kontradiktorisch gemäß§ 165 StPO) einvernommen. Das Phänomen der Verlagerung des Fokus auf das Opfer lässt sich auch in strafgerichtlichen Verfahren beobachten. Hier stellt das Opfer als Zeugin ein Beweismittel dar, die ihre Aussage nicht durch objektivierte Beweise stützen muss. Obwohl der_die Gesetzgeber_in dem Opfer also keine Beweislast auferlegt, wird die Verantwortung über den Verfahrensausgang in der Praxis oftmals auf das Opfer überwälzt. In den Begründungen der meist gemäß § 190 Z 2 StPO erfolgenden Einstellungen der Verfahren durch die Staatsanwaltschaft lesen sich regelmäßig Formulierungen wie „das Opfer konnte weder Zeugen nennen noch Verletzungsnachweise vorlegen“ oder„die Angaben der Anzeigerin hielten einer lebensnahen Betrachtungsweise nicht stand”. Durch eine derartige Diktion wird dem Opfer vermittelt, es hätte anders vorgehen, etwa früher Anzeige erstatten, mehr Beweise vorlegen oder sich anders präsentieren müssen. Vom Opfer wird ein hohes Maß an strukturiertem, in dieser Form nicht erfüllbarem, Vorgehen erwartet, was im Grunde auf einen unsicheren Wissensstand des Justizpersonals hinsichtlich posttraumatischer Belastungsstörungen, Dissoziation und Gewaltdynamiken bei Partnergewalt hindeutet. Angesichts einer Einstellungsrate von 51,5 und einer Anklagerate von nur rund zehn Prozent bei Vergewaltigungen gemäß§ 201 StGB 3 kann der Beschuldigte einem strafgerichtlichen Ermittlungsverfahren unter Berufung auf sein Aussageverweigerungsrecht oftmals gänzlich ohne Konfrontation mit den Anschuldigungen entgehen, während das Opfer in mehrfachen 4 , oft stundenlangen Vernehmungen penibelst befragt und hinsichtlich des Vorliegens mutmaßlicher Motive(Vergeltung, Rache, Vorteile im Scheidungs-/Pflegschaftsverfahren) auf den Prüfstand gestellt wird. Ebenso besteht die Gefahr, dass das Opfer selbst als Beschuldigte wegen des Verdachts auf Verleumdung und/oder falscher Beweisaussage ins Visier der Strafjustiz gerät oder vom Täter zivilrechtlich belangt wird. Hierbei ist wichtig, festzuhalten, dass ein Absehen von der weiteren Strafverfolgung durch die Staatsanwaltschaft nicht zwangsläufig bedeutet, dass das Opfer den Täter fälschlich einer Straftat bezichtigt hat. Vielmehr 20 können Mythen und Stereotype, unzureichende Berücksichtigung der Auswirkungen von Trauma auf die Psyche der Opfer sowie mangelnde Kenntnis der Komplexität der Täter-Opfer-Dynamik dazu führen, dass dem Opfer kein Glaube geschenkt wird. Zudem kann es sein, dass das Opfer das ungewollte Verhalten des Täters als sexuellen Übergriff empfindet 5 , während die Justiz den Sachverhalt rechtlich anders qualifiziert und eine Tatbestand serfüllung nach Abschluss der Ermittlungen verneint. Hieraus dürfen dem Opfer keine Nachteile erwachsen. Dass Vergewaltigungsmythen auch in der Justiz wirken, lässt sich dadurch erklären, dass natürlich auch Staatsanwält_innen und Richter_innen durch gesellschaftlich und medial gefestigte Vorstellungen von sexualisierter Gewalt beinflusst werden. Vor diesem Hintergrund ist eine reflektierte und sensibilisierte mediale Berichterstattung über die#MeToo-Bewegung von besonderer Bedeutung. 6 2. Förderliche Maßnahmen Die hohe Einstellungsrate von Sexualdelikten könnte zur Folge haben, dass Opfer vor einer Anzeigeerstattung zurückschrecken, was ein Mitgrund für den beobachteten Rückgang von Anzeigen in den letzten Jahren 7 sein könnte. Gleichzeitig führen die Anzeigenhemmnis und die hohe Einstellungsquote zu dem verzerrten Bild, dass die Gefahr, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden, gering ist. Dies wirkt sich letztlich negativ auf den politischen Willen aus, die Situation für Opfer zu verbessern. Es bleibt zu hoffen, dass die#MeToo-Bewegung das Problem bewusstsein geschärft hat und zu entsprechenden Maßnahmen, wie den nachstehenden, führen wird. 2.1. Wirksame Strafverfolgung fördert Vertrauen in die Justiz Laut Holzleithner spielen vergangene Erlebnisse„mit dem Recht, seinen Institutionen und Repräsentant_innen“ eine entscheidende Rolle dabei,„ob das Recht als Mittel der Wahl im 6 Vgl zu diesem Abschnitt vertiefend und mwN Hofbauer, Die strafrechtliche Verfolgung der Verletzung der sexuellen Autonomie Erwachsener in Österreich. Eine Bestandaufnahme, Dissertation, Universität, Wien, Rechtswissenschaftliche Fakultät(2017). 7 BMJ, Kriminalitätsbericht. Statistik und Analyse (2016) B 93, wobei im Jahr 2016 wieder ein Anzeigenplus verzeichnet werden konnte. 21 Vorgehen gegen Übergriffe erscheint”. 8 Wenn ein Opfer erwarten darf, dass ihr Glaube geschenkt wird und die Strafverfolgungsbehörden alles unternehmen, um den Täter zur Rechenschaft zu ziehen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie sich an die Strafjustiz wendet. Zur wirksamen Ermittlung und Strafverfolgung hat sich Österreich spätestens mit der Ratifizierung der Istanbul Konvention(Art 49 Abs 2) im Jahre 2013 verpflichtet. Bereits zehn Jahre zuvor hat der EGMR in der Rechtssache M.C. gegen Bulgarien 9 festgehalten, dass bei Ermittlungen wegen Vergewaltigung auch die Aussage des Beschuldigten auf ihre Plausibilität zu untersuchen, möglichen Widersprüchen nachzugehen ist und die Ermittlungen nicht auf unmittelbare Beweise zu beschränken sind, sondern auch die Begleitumstände ausreichend zu ermitteln und psychologische Faktoren zu berücksichtigen sind. 2.2. Sensibilisierungsmaßnahmen 8 Holzleithner, Emanzipatorisches Recht – ein Widerspruch in sich? in Gender Initiativkolleg (Hrsg), Gewalt und Handlungsmacht(2012) 236ff. 9 EGMR 04.12.2003, 39272/98, M.C./Bulgarien. 10 Melcher/Amann, Beurteilung der Glaubhaftigkeit einer Aussage. Verbessern psychologische Kompetenzen die Beurteilungsgüte? RZ 2015, 235. Um das Opfer für die Beschreitung des Rechtswegs zu gewinnen, bedarf es weiters einer bewusstseinsbildenden Öffent lichkeitsarbeit, opferschutzorientierter Täterarbeit sowie nicht zuletzt Sensibilisierungsmaßnahmen für Staatsanwält_innen und Richter_innen für die Themen häusliche und sexualisierte Gewalt im Rahmen ihrer Aus- und Fortbildung. Ebenso wird in der derzeitigen Ausbildung der Richteramtsanwärter_innen (RiAAs) noch kein ausreichender Schwerpunkt auf die forensische Beweislehre und Aussageanalyse gesetzt. Im Rahmen der Studie von Melcher/Amann, in der Studierende der Rechtswissenschaften und der Psychologie Aussagen auf ihre Glaubhaftigkeit hin be urteilen mussten, identifizierten die Psychologie-Proband_innen, die zuvor ein Training mit praktischen Übungen besuchten, 85 Prozent der Aussagen korrekt, während die Trefferquote der Jus-Proband_innen, die keine Vorkenntnisse auf dem Gebiet der Aussagenpsychologie mitbrachten, bei lediglich 64 Prozent, sohin nur„geringfügig über der Rate der Zufallstreffer“, lag. 10 Da die Beurteilung des Wahrheitsgehalts einer Zeug_innenaussage grundsätzlich der freien richterlichen Beweiswürdigung unterliegt und nur in Ausnahmefällen einem/einer Sachverständigen übertragen werden kann, wäre eine zweckentsprechende psycholo22 gische Ausbildung der RiAAs wesentlich, um Fehlinterpretationen bei der Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Aussagen(gerade, wenn das Opfer traumatisiert ist) zu vermeiden und die gängige Erwartungshaltung, wie sich ein„perfektes“ Opfer zu verhalten hat, aufzubrechen. 3. Die Folgen von#MeToo Zwar ist noch nicht absehbar, ob#MeToo Auswirkungen auf die Strafverfolgung von Sexualdelikten in Österreich haben wird. Je mehr Fälle sexualisierter Gewalt öffentlich werden, desto schwieriger wird es aber jedenfalls, die gesellschaftlichen Mechanismen des Bagatellisierens aufrechtzuerhalten. Wenngleich sich die Vergewaltigungsmythen hartnäckig halten, beginnen die Debatten nicht immer wieder bei Null. Vielmehr fördert die öffentliche Auseinandersetzung die breitenwirksame Erkenntnis, dass sexualisierte Gewalt ein strukturelles Problem ist und sich immer wieder nach denselben Mustern wiederholt. Es bleibt zu hoffen, dass diese Erkenntnis zumindest zur Steigerung der Anzeigebereitschaft beiträgt und zu einem sensibilisierteren Umgang mit Opfern seitens der Justiz führt. Literatur: BMJ, Kriminalitätsbericht. Statistik und Analyse(2016) BMJ, Sicherheitsbericht(2015) Hofbauer, Die strafrechtliche Verfolgung der Verletzung der sexuellen Autonomie Erwachsener in Österreich. Eine Bestandaufnahme, Dissertation, Universität, Wien, Rechtswissenschaftliche Fakultät(2017) Österreichischer NGO-Schattenbericht für GREVIO(2016) 145, https://www. interventionsstelle-wien.at/ umsetzung-der-istanbul-konvention-in-oesterreich-beurteilung-durch-ngos(05.03.2018). Melcher/Amann, Beurteilung der Glaubhaftigkeit einer Aussage. Verbessern psychologische Kompetenzen die Beurteilungsgüte?(RZ 2015) 23 Paul Scheibelhofer, Dr., ist Universitätsassistent am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck und ist dort Sprecher des Lehr- und Forschungsbereichs Kritische Geschlechterforschung. Er befasst sich in Forschung, Publikationen und Lehre mit den Themen: Kritische Männlichkeitsforschung; Geschlechterverhältnisse und Sexualität; Migration und Rassismus sowie emanzipatorische Pädagogik und Sexualpädagogik. 24 Paul Scheibelhofer #metoo und Männlichkeit. Soziologische Zugänge und Perspektiven auf die Überwindung sexueller Gewalt Einleitung In seinem Buch The End of Patriarchy berichtet der Autor Robert Jensen(2017) von einer Übung, die er oft in gemischtgeschlechtlichen Workshops durchführt, um die Realität sexueller Übergriffe gegen Frauen sichtbar zu machen. Die Übung besteht aus einer einfachen Frage, die zuerst an die anwesenden Männer und danach an die Frauen gerichtet wird:„Welche Handlungen haben Sie in der letzten Woche gesetzt, um das Risiko eines sexuellen Übergriffs zu minimieren?“ Während den Männern in der Regel nichts Diesbezügliches einfällt, erzählen Frauen von unterschiedlichsten Strategien, die sie in der Öffentlichkeit, beim abendlichen Ausgehen oder am Arbeitsplatz anwenden, um sich vor Belästigungen zu schützen. Sie berichten dabei von ihren Erfahrungen mit ungewollten Annäherungsversuchen, von sexualisierten verbalen Abwertungen oder körperlichen Übergriffen. Die anwesenden Männer, so Jensen, reagieren unterschiedlich auf diese Berichte: Die Bandbreite reicht von Zweifel, über Betroffenheit, bis hin zu Beschämung, die Jensen dahingehend interpretiert, dass diese Männer sich erinnerten, selbst einmal solche übergriffigen Handlungen gesetzt zu haben oder dabei zugesehen zu haben, ohne einzugreifen. Viele Männer mögen ähnlich reagiert haben, seit mit dem„Weinstein-Skandal“ Ende 2017 unter dem Hashtag#metoo eine nicht enden wollende Reihe an sexuellen Übergriffen zur Sprache kam. Unter dem Label„MeToo“ hatte die schwarze Bürgerrechtsaktivistin Tarana Burke bereits Jahre zuvor damit begonnen, öffentliches Bewusstsein für die die weite Verbreitung 25 von sexuellen Übergriffen gegen Frauen zu schaffen. Befeuert durch aufsehenerregende Fälle und breite mediale Berichterstattung wurde diese Realität nun weithin sichtbar und drängte sich ins Leben vieler, die das Thema bis dato ausblendeten oder belächelten. Die#metoo-Bewegung stellte damit auch gängige Erzählungen über männliche sexuelle Gewalt in Frage, die diese lediglich an den gesellschaftlichen Rändern verorteten und dadurch ein positives Selbstbild einer aufgeklärten gesellschaftlichen Mitte nährten. So wie die eingangs erwähnte Übung, hat aber auch#metoo gezeigt, wie verbreitet verschiedenste Formen sexueller Übergriffe und sexueller Gewalt von Männern an Frauen sind. Hier setzt der vorliegende Text an und wirft einen Blick auf Männlichkeiten im Kontext von#metoo. Gefragt wird, welche Erklärungen eine soziologische Perspektive auf Männlichkeit für jene Realitäten bietet, die von#metoo zur Sprache kamen. Und welche Implikationen so eine Perspektive für die Überwindung sexualisierter Gewalt von Männern gegen Frauen hat. Eine soziologische Perspektive Auf der Suche nach Erklärungen für die weite Verbreitung von sexualisierten Übergriffen soll hier nicht auf Annahmen über die Rolle evolutionärer Prägungen, von Hormonen oder körperlicher Kraft für männliche Gewalt zurückgegriffen werden, deren Erklärungswert vielfach in Frage gestellt wurde(vgl. etwa Fine, 2012). Stattdessen wird an dieser Stelle eine andere, soziologische, Perspektive entwickelt. Jedes menschliche Verhalten wird dabei erstmal als menschlich mögliches Verhalten verstanden – so liegen sexualisierte Übergriffe und Gewalt offensichtlich im Rahmen dessen, was Menschen einander antun können. Eine soziologische Perspektive fragt nun nach den Zusammenhängen zwischen Verhalten und sozialen Bedingungen. Die Fragen, die sich daraus für die vorliegende Auseinandersetzung mit#metoo und Männlichkeit ergeben sind: Welche gesellschaftlichen Bedingungen führen dazu, dass Männer gegenüber Frauen sexuell übergriffig werden? Wieso unterbinden andere Männer dieses Verhalten oft nicht, auch wenn sie davon erfahren? Und was können Männer tun, um zur Beendigung von sexuellen Übergriffen durch Männer beizutragen? 26 Als zentral wird sich bei der Beantwortung dieser Fragen die Rolle von Machtungleichgewichten zeigen und wie diese das Verständnis von einer idealisierten„richtigen Männlichkeit“ prägen. Um die Realität von sexuellen Übergriffen und Grenzverletzungen durch Männer zu verstehen, ist es dabei notwendig den vergeschlechtlichten Charakter dieser Handlungen zu erkennen. Und so werden sie hier auch als Formen der„Gewalt im Geschlechterverhältnis“ verstanden, worunter jede Verletzung der körperlichen oder seelischen Integrität einer Person [verstanden wird], welche mit der Geschlechtlichkeit des Opfers und des Täters zusammenhängt und unter Ausnutzung eines Machtverhältnisses durch die strukturell stärkere Person zugefügt wird.(GiG-net, 2008, S. 8) Sexuelle Übergriffe passieren nicht außerhalb des Geschlechterverhältnisses sondern werden durch die darin bestehenden Machtungleichgewichte befördert und tragen zur Reproduktion dieser Ungleichheit bei. Gewalthandlungen von Männern gegenüber Frauen sind dabei lediglich ein Aspekt eines umfassenderen Systems männlicher Dominanz(vgl. Forster, 2007). Gestützt werden diese durch strukturelle Ungleichheiten(wie die ungleiche Verteilung von Macht und Geld) und androzentrische Geschlechterbilder und –diskurse(die etwa die sexualisierte Objektivierung von Frauen propagieren). So eine soziologische Perspektive darf freilich nicht als Befreiung von individueller Verantwortlichkeit für eigenes Verhalten missverstanden werden. Schließlich werden Männer durch nichts gezwungen, übergriffiges Verhalten, wie es im Rahmen von#metoo zur Sprache kam, auszuüben. Was so eine Perspektive jedoch betont, ist, dass dieses Verhalten nicht im „luftleeren Raum“, sondern eingebettet in soziale Verhältnisse stattfindet, die es mit„Sinn“ erfüllen und es ermöglichen. Um gewaltvolles männliches Verhalten zu verstehen und zu überwinden, gilt es darum, sich mit den sozialen Verhältnissen zu beschäftigen, die Männlichkeit mit Macht und Dominanz verbinden. 27 Man wird nicht als Mann geboren: Die gesellschaftliche Produktion von dominanter Männlichkeit Bereits vor mehreren Jahrzehnten hat die Feministin Simone de Beauvoir(2000[1949]) mit ihrem Ausspruch„Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“ auf den gesellschaftlich „gemachten“ Charakter von Weiblichkeit hingewiesen. So ist für die Frage, was es bedeutet, eine Frau zu sein, keine göttliche oder natürliche Ordnung verantwortlich, sondern gesellschaftliche Konventionen und Strukturen sowie deren Verinnerlichung durch Frauen selbst. In diesem Sinne wurde später auch das Konzept des „doing gender“(West und Zimmermann, 1987) entwickelt, um darauf hinzuweisen, dass unsere Geschlechtlichkeit nicht einfach durch den Körper bestimmt, sondern in sozialer Interaktion angeeignet und dargestellt wird. Was de Beauvoir über Frauen gesagt hat, kann auch auf Männer übertragen werden: Auch sie werden nicht„als Männer geboren“, auch sie sind mit Erwartungen und Normen konfrontiert und auch sie stellen Geschlechtsidentität in Auseinandersetzung mit diesen Erwartungen und in sozialer Interaktion her. Während sich aber in Weiblichkeitsnormen die gesellschaftlich abgewertete Position von Frauen widerspiegelt, sieht es bei Männern anders aus: Jene Eigenschaften, die es braucht, um als „richtiger Mann“ anerkannt zu werden, verweisen auf die dominante Position von Männern als Gruppe und sollen diese machtvolle Position der Männer legitimieren. Die Männlichkeitsforscherin Raewyn Connell(2015) hat in diesem Zusammenhang den Begriff der„hegemonialen Männlichkeit“ vorgelegt und argumentiert, dass es ein normatives Ideal von Männlichkeit darstellt, das in patriarchalen Gesellschaften herrscht und von weiten Teilen der Männer angestrebt wird.„Richtige Männlichkeit“ wird demnach mit Aspekten wie Erfolg, Stärke, Durchsetzungsfähigkeit, Dominanz und Härte in Verbindung gebracht und aufgewertet. Männer, die ihr Leben entlang dieses Bildes von Männlichkeit ausrichten, erhalten dafür Privilegien bzw.„patriarchale Dividende“. Jene hingegen, die diesen Eigenschaften nicht entsprechen(können oder wollen) laufen Gefahr, in die Sphäre der abgewerteten Weiblichkeit verwiesen zu werden(und nicht 28 selten Opfer von männlicher Gewalt zu werden). Männlichkeit und Gewalt ist in diesem ungleichen Geschlechterverhältnis auf unterschiedliche Weise gekoppelt: So wird nicht nur die staatlich sanktionierte Gewalt(etwa im Militär, der Polizei, dem Gefängnis) vornehmlich in die Hände der Männer gelegt, sondern spielt auch in interpersonellen Beziehungen von Männern eine große Rolle. 1 Gewalt von Männern gegen Frauen versteht Connell dabei als eingebettet in die umfassende gesellschaftliche Marginalisierung von Frauen und hält fest:„Man kann sich eine dermaßen ungleiche Struktur, die mit einer so massiven Enteignung sozialer Ressourcen einhergeht, eigentlich kaum gewaltfrei vorstellen.“(Connell 2015, S. 104) Gewalt sieht sie dabei sowohl als Ausdruck von ungleichen Machtbeziehungen als auch als Mittel, um diese Ungleichheit abzusichern. Die Idealbilder hegemonialer Männlichkeit und die darin eingelagerte Abwertung von Frauen und Weiblichkeit fördern die Verbindung von Männlichkeit und Gewalt und machen Gewalt zu einer Männlichkeitsressource. Wie der Soziologe Pierre Bourdieu(2005) herausgearbeitet hat, bleiben Männlichkeitsideale den Personen nicht äußerlich, sondern werden von ihnen angeeignet, in die eigene Persönlichkeit integriert und verkörpert – also„habitualisiert“. Im Rahmen dieses Habitualisierungsprozesses, der bereits mit der Kindheit einsetzt und sich später fortsetzt, bilden Männer jene Kompetenzen und Eigenschaften heraus, die sie benötigen, um in den„ernsten Spielen“ unter Männern mitzuspielen und Anerkennung als Mann zu erlangen. Wie Bourdieu herausstreicht, sind es dabei insbesondere andere Männer, die diese Anerkennung verleihen oder entziehen 1 So spricht etwa Michael Kaufman(1996) von der„Triade männlicher Gewalt“ im Kontext patriarkönnen, wodurch ein widersprüchliches Band von Konkurrenz und Loyalität zwischen Männern entsteht, das sie an einander bindet. Die Habitualisierung normativ-hegemonialer Männlichkeit geht dabei nicht nur mit der Entwicklung von Kompetenzen, sondern auch mit der Formierung von tief sitzenden Dispositionen einher, chaler Geschlechterverhältnisse und verweist damit auf Gewalt von Männern gegen Frauen, gegen andere Männer und gegen sich selbst. Eine grundlegende Auseinandersetzung mit die das„Mitspielen“ als Mann erfordern. Im Kontext ungleicher Machtbeziehungen sei demnach dem männlichen Habitus eine spezifische libido dominandi eigen: Eine körperlich empfundene Lust zu dominieren und in Auseinandersetzungen den eigenen Willen durchzusetzen. Gewalt und Männlichkeit müsste diese Einbindung von Männlichkeit in Gewaltverhältnisse umfassend in den Blick nehmen, steht jedoch nicht im Fokus des vorliegenden Textes. 29 Vor dem Hintergrund der Ausführungen von Connell und Bourdieu weist Michael Meuser(2002) auf die widersprüchliche Verbindung von normativer Männlichkeit und Gewalt hin: Während männliche Gewalt einerseits ein„Ordnungsproblem“ für die Gesellschaft darstellt, dient sie auch der Reproduktion einer Ordnung des Geschlechterverhältnisses, in der Männer über Frauen dominieren. In diesem Kontext ist männliche Gewalt zwar rechtlich verboten und(insbesondere aufgrund feministischer Skandalisierung) zunehmend geächtet, sie entspricht aber gleichzeitig der Strukturlogik von hegemonialer Männlichkeit und des männlichen Habitus in patriarchalen Gesellschaften. 2 Von locker room talk und männlichem Anspruch auf weibliche Sexualität 2 Das heißt freilich nicht, dass Frauen nicht gewaltmächtig und gewalttätig sind und dass auch die Gewalt von Frauen kritisch analysiert und an ihrer Beendigung gearbeitet werden muss. Bezüglich sexueller Gewalt zwischen Erwachsenen, die im Fokus dieses Textes steht, weisen jedoch alle seriösen Studien auf eine eklatante Überrepräsentation von Männern hin(vgl. etwa Kap. 6 in Bergmann, Scambor und Scambor, 2014).#metoo-Berichte bestätigten diese Erkenntnis von der„Männlichkeit“ dieser Form der Gewalt. Dass dennoch auch Frauen gegenüber Männern sexuell übergriffg sein können, wird weiter unten gewürdigt. Als im Jahr 2016, kurz vor der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl, eine Aufnahme publik wurde, in der der damalige Kandidat Donald Trump einem TV-Moderator von seinen sexuellen Erfolgen bei Frauen berichtete, die er auch durch physische Übergriffe erziele, waren viele geschockt ob der Einblicke in das Verhalten dieses Mannes, aber auch das Gutheißen dieser Praktiken durch sein Gegenüber. Ein weiterer Moment des Schocks war es für viele, als dieser Kandidat einige Wochen später trotz der Aussagen zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Für viele WählerInnen waren die Aussagen – die später als„locker room talk“ unter Männern abgetan wurden – offensichtlich kein Grund, Trump nicht zu wählen. Die Erzählung Trumps verweist dabei auf einen Aspekt, der auch für das Verständnis von sexuellen Übergriffen relevant ist: Es ist die, wie selbstverständlich erscheinende, Überzeugung, als Mann einen Zugriff auf weibliche Körper und weibliche Sexualität zu haben. Wie oben ausgeführt, erhalten Männer im Kontext ungleicher Geschlechterverhältnisse das implizite Versprechen, dass eine Orientierung an und Verkörperung von männlichen Idealen mit dem Erhalt von patriarchaler Dividende einhergeht. Normative 30 Männlichkeit nährt dadurch das Gefühl des„entitlements“ bzw. des Anrechts auf privilegierten Zugang zu verschiedenen Gütern: sei es ein Mehr an gesellschaftlicher Macht oder an Lohn oder der Zugriff auf weibliche Sexualität. Dieser Zugriff war lange Zeit auch rechtlich abgesichert 3 und lebt in gängigen Geschlechterklischees bezüglich Sexualität weiter. Sex sei demnach etwas, das vor allem durch Männer gewollt und initiiert werde und Frauen gleichsam „abgerungen“ werden müsse und könne(Perry, 2008). Wie Forschung mit jungen Männern zeigt, lernen viele dieses Bild des Mannes als sexueller Eroberer im Zuge ihrer Sozialisation kennen und orientieren sich daran. So haben etwa die feministische Psychologin Deborah Tolman und Kolleginnen(2003) in Interviews mit jugendlichen Männern gezeigt, dass Versatzstücke dieses Bildes bereits in jungen Jahren ihre Erwartungen und Verhaltensweisen in heterosexuellen Beziehungen prägen(vgl. auch Jösting, 2007). Die Tatsache, dass Donald Trump trotz Aufkommens der besagten Aufnahme zum US-Präsidenten gewählt wurde, mag junge Männer dabei in ihrer Orientierung an einem auf Dominanz ausgerichteten Verständnis von männlicher Sexualität bestätigen. Was Meuser zuvor bezüglich Gewalt im Allgemeinen gesagt hat, zeigt sich hier in abgewandelter Form: Zwar ist das Prahlen mit sexuell übergriffigem Verhalten in der Öffentlichkeit heute verpönt, jedoch entspricht der ostentativ zur Schau gestellte sexuelle Erfolg bei und der Zugriff auf Frauen dennoch der Strukturlogik dominanter Männlichkeit. 4 Seien es anzügliche Kommentare und„cat calling“ auf der Straße oder sexuelle Grenzüberschreitungen und Übergriffe im Arbeitskontext: Dieses Verhalten aktualisiert einen männlichen Anspruch auf weibliche Körper und Sexualität. Es basiert auf einem Selbstverständnis, als Mann ein Anrecht auf den Körper von Frauen zu haben und auf einer Habitualisierung dieser Verbindung von Macht und Sexualität im Kontext dominanter Männlichkeit. Was hier sichtbar wird ist demnach weder einfach ein Ausdruck sexueller Lust, noch lediglich eine männliche Machtdemonstration – sondern die Verschmelzung von beidem. In diesen Handlungen wird sowohl eine spezifisch habitualisierte Lust 3 Wie etwa die späte Einführung des Straftatbestands der Vergewaltigung in der Ehe in Österreich, 1989, zeigt. 4 Und so kann auch in der Wahl Trumps eine implizite Bestätigung dieser Sicht auf„richtige Männlichkeit“ gesehen werden. 31 der beteiligten Männer bedient als auch ihre dominante Position in einer heteronormativen Ordnung zwischen Männern und Frauen bestätigt. So sehr es also aus dieser Perspektive verkürzt erscheint, hier lediglich von einer sexualisierten Ausübung von Macht durch Männer über Frauen auszugehen, zeigt sich doch, dass diese Handlungen immer auch in institutionalisierte Machtverhältnisse eingebettet sind und von ihnen befördert werden. Ein Aspekt, der abschließend behandelt werden soll. Hierarchien, Abhängigkeiten und männerbündische Organisationen Ein großer Teil der im Zuge von#metoo bekannt gewordenen Übergriffe fand in Arbeitskontexten statt und verweist auf die Notwendigkeit, die Frage nach der institutionellen Einbettung dieser Handlungen zu stellen. Die Männer, um die es hier ging, waren oftmals mit institutioneller Macht ausgestattet. Sie okkupierten Positionen, in denen sie über Karrieren der betreffenden Frauen entscheiden und ihr Arbeitsleben maßgeblich torpedieren konnten. 5 Siehe etwa“What Happens to#MeToo When a Feminist Is the Accused?“ in: New York Times, 13. August 2018, online unter: https://www.nytimes. com/2018/08/13/nyregion/ sexual-harassment-nyu-female-professor.html[letzter Zugriff 15.09.2018] Viele dieser Übergriffe sind also im Rahmen institutionalisierter, hierarchischer Beziehungen geschehen. Insofern haben diese Übergriffe auch Aspekte, die nicht allein durch einen Blick auf Männlichkeitskonstruktionen erklärt werden können. Ganz offensichtlich spielen hier Missbrauch von institutioneller Macht und die Sexualisierung von Abhängigkeitsverhältnissen eine gewichtige Rolle. Beides ist nicht intrinsisch mit Männlichkeit verbunden und kann ebenso durch weibliche Vorgesetzte ausgeübt werden, wie etwa der Fall einer New Yorker Professorin zu bestätigen scheint, die von einem früheren Doktoranden der sexuellen Belästigung beschuldigt wurde und zu einer einjährigen Suspendierung führte. 5 Was sich darin zeigt, ist die grundsätzliche Tendenz von autoritären Strukturen und diffusen Abhängigkeitsverhältnissen, Missbrauch zu befördern. Und die Notwendigkeit, solche Strukturen zu demokratisieren, um sexuellen Übergriffen entgegenzuwirken. 32 Und dennoch zeigt sich, dass Fragen von Geschlecht und Männlichkeit hier eine Rolle spielen. Denn die Arbeitswelt, so Joan Acker(1990), existiert nicht getrennt von herrschenden Geschlechterverhältnissen, sondern ist von diesen Verhältnissen geprägt. Die hartnäckige Praxis der Besetzung von institutionellen Machtpositionen durch Männer führt dabei zu einer Reproduktion vergeschlechtlichter Hierarchien, in denen„Führung“ mit Attributen dominanter Männlichkeit verbunden wird und dem Versprechen auf den Zugriff hierarchisch niedriger positionierter Frauen einhergeht. Was die Dominanz von Männern in vielen Bereichen von Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst ebenfalls befördert, ist die Etablierung männerbündischer Strukturen, die ihrerseits dazu beitragen, dass übergriffiges Verhalten durch Männer nicht unterbunden wird. Männliche Seilschaften und Männerbünde in Institutionen sind nicht nur Netzwerke, die der Weitergabe von Wissen, Ressourcen und Macht unter Männern dienen, sondern auch Loyalitäten und Abhängigkeiten unter ihnen schaffen(Doppler, 2005). Wie in den von Bourdieu beschriebenen„ernsten Spielen“ ist dabei ein Herausfallen aus dem Kreis der legitimen„Mitspieler“ potentiell mit Verlusten männlicher Privilegien verbunden. Unter solchen Bedingungen ist ein Einschreiten bei beobachtetem übergriffigem Verhalten riskant und kann auf den Einschreitenden zurückfallen. Ein Wegschauen, Gutheißen, Herabspielen oder Mitspielen ist hier die„sicherere“ Option, um die eigene Position zu wahren und im Kreis der richtigen Männer zu bleiben. Abschluss Das„Phänomen#metoo“ zeigt die Verschiebungen, die aktuell im Umgang mit männlicher sexualisierter Gewalt stattfinden. Eine große Anzahl an Frauen, die Opfer von Übergriffen wurden, hat sich aus dem damit einhergehenden Stillschweigegebot gelöst und ist an die Öffentlichkeit getreten. Für Männer sollte#metoo ein Weckruf sein, Teil dieses veränderten Umgangs mit männlicher Gewalt zu werden und die mühsame Arbeit zu ihrer Überwindung nicht jenen zu überlassen, die darunter leiden müssen. So vielschichtig wie die Faktoren sind, 33 die sexuelle Übergriffe von Männern begünstigen, so vielschichtig sollte dabei auch die Arbeit an ihrer Überwindung sein. Neben der Reflexion und der Veränderung von eigenem Verhalten ist die„Entsolidarisierung mit dem Männerbund“ (Forster 2007, S. 23) ein wichtiger Schritt für Männer, die an der Beendigung sexueller Gewalt von Männern gegen Frauen teilhaben wollen. Diese Männer müssen also das„Risiko“ eingehen, hinzusehen und sich zu Wort zu melden, wenn andere Männer übergriffiges Verhalten an den Tag legen(oder in den locker rooms der männlichen Gesellschaft darüber prahlen). Sie müssen sich aus Loyalitäten befreien, die ein Wegsehen auf Kosten von Frauen befördern und ihre ablehnende Haltung gegenüber den Versprechungen an dominante Männlichkeit klar kommunizieren. Auf struktureller Ebene gilt es, sich für die Demokratisierung von Institutionen einzusetzen, um der Reproduktion von Männerbünden und personalen Abhängigkeiten entgegenzuwirken. Die Auseinandersetzung mit#metoo zeigt aber auch die Notwendigkeit, herrschende Verständnisse von Männlichkeit infrage zu stellen und Alternativen auszuloten. Forschung zu„inclusive masculinity“(Anderson, 2009) oder„Caring Masculinities“(Elliott, 2016), die nicht um Abwertung und Dominanz sondern Solidarität und Empathie kreisen, können hier inspirieren, um nach Wegen zu suchen, die enge Verknüpfung von Männlichkeit und Gewalt zu lösen. Mit der Infragestellung dominanter Männlichkeitsideale gilt es auch, männliche Sozialisationsprozesse in den Blick zu nehmen und dahingehend zu verändern, dass diese nicht auf die Habitualisierung problematischer Geschlechternormen ausgerichtet sind, sondern vielfältige, emanzipatorische Entwicklungsmöglichkeiten bereitstellen. Die teils heftigen Debatten um#metoo haben gezeigt, dass bereits die Frage, was als Gewalt gilt(und was lediglich ein„ungeschickter Annäherungsversuch“ oder als Kompliment gedacht gewesen sei), Teil der Auseinandersetzung mit Gewalt ist. Die Perspektive, die in diesem Text entwickelt wurde, geht davon aus, dass unterschiedliche Formen sexueller Grenzverletzungen 34 und Übergriffe durch Männer miteinander in Beziehung stehen und in dominante Männlichkeitsbilder eingebettet sind.#metoo ist darum auch als Aufruf zu verstehen, diese Männlichkeitsbilder zu überwinden. Dabei gilt es, den gesellschaftlichen Rahmen im Blick zu behalten: Sexuelle Gewalt von Männern ist sichtbarer Ausdruck männlicher Herrschaft. Die Arbeit an der Überwindung sexualisierter Gewalt durch Männer ist darum unauflöslich mit der Arbeit an der Überwindung männlicher Herrschaft verbunden. Literatur: Acker, Joan (1990) Hierarchies, Jobs, Bodies. A Theory of Gendered Organizations. In: Gender& Society 4(2): 139-158. Anderson, Eric (2009) Inclusive masculinity. The changing nature of masculinities. New York: Routledge. Beauvoir, Simone de (2000[1949]) Das Andere Geschlecht. Hamburg: Rowohlt. Bergmann, Nadja, Scambor, Christian und Scambor, Elli (2014) Bewegung im Geschlechterverhältnis? Zur Rolle der Männer in Österreich im europäischen Vergleich. Wien, Berlin: Lit Verlag. Bourdieu, Pierre (2005) Die männliche Herrschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Connell, Raewyn W. (2015) Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Wiesbaden: Springer VS. Doppler, Doris (2005) Männerbund Management. Geschlechtsspezifsche Ungleichheit im Spiegel soziobiologischer, psychologischer, soziologischer und ethnologischer Konzepte. Mering: Hampp Verlag. Elliott, Karla (2016) Caring Masculinities: Theorizing an Emerging Concept. In: Men and Masculinities 19(3): 240-259. Fine, Cordelia (2012) Die Geschlechterlüge. Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann. Stuttgart: Klett-Cotta. Forster, Edgar (2007) Gewalt ist Männersache. In: Erich Lehner und Christa Schnabl(Hg.) Gewalt und Männlichkeit. Wien: Lit Verlag, S: 13-26. GiG-net (2008) Gewalt im Geschlechterverhältnis. Erkenntnisse und Konsequenzen für Politik, Wissenschaft und soziale Praxis. Opladen: Verlag Barbara Budrich. Jensen, Robert (2017) The End of Patriarchy. Radical Feminism for Men. Victoria: Spinifex Press. Jösting, Sabine (2007) Einarbeitungsprozesse männlicher Jugendliche in die heterosexuelle Ordnung. In: Jutta Hartmann und Christian Klesse(Hg.) Heteronormativität. Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S: 151-169. Kaufman, Michael (1996) Die Konstruktion von Männlichkeit und die Triade männlicher Gewalt.. In: BauSteineMänner (Hg.) Kritische Männerforschung. Neue Ansätze in der Geschlechtertheorie. Berlin: Argument Verlag, S: 138-171. Meuser, Michael (2002)„Doing Masculinity“- Zur Geschlechtslogik männlichen Gewalthandelns. In: Regina-Maria Dackweiler und Reinhild Schäfer(Hg.) Gewalt-Verhältnisse. Feministische Perspektiven auf Geschlecht und Gewalt. Frankfurt, New York: Campus Verlag, S: 53-78. Perry, Brad (2008) Hooking Up with Healthy Sexuality: The Lessons Boys Learn(and Don’t Learn) About Sexuality. In: Joclyn Friedman und Jessica Valenti(Hg.) Yes means Yes! Visions of Female Sexual Power& a World Without Rape. Berkeley: Seal Press, S: 193-207. Tolman, Deborah, Spencer, Renée, Rosen-Reynoso, Myra und Porche, Michelle (2003) Sowing the Seeds of Violence in Heterosexual Relationships: Early Adolescents Narrate Compulsory Heterosexuality. In: Journal of Social Issues 59(1): 159-178. West, Candace und Zimmermann, Don (1987) Doing Gender. In: Gender& Society 1(2): 125-151. 35 Birgit Sauer, Dr. phil., Politikwissenschaftlerin, Univ.-Professorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte: Politik der Geschlechterverhältnisse, Gender und Governance/Critical Governance-Studies, feministische Staats-, Demokratie- und Institutionentheorie, Politik und Emotionen. Jüngste Publikation: Geschlecht als Natur und das Ende der Gleichheit. Rechte Angriffe auf Gender als Element autoritärer politischer Konzepte, in: Femina Politica 27(1), S. 47-61, gemeinsam mit Stefanie Mayer und Edma Ajanovic. 36 Birgit Sauer #MeToo. Sexualisierte Gewalt in der öffentlich-politischen Debatte Einleitung Unter dem Hashtag#MeToo startete die US-Schauspielerin Alyssa Milano im Oktober 2017 eine virtuelle Bewegung, um zu dokumentieren, wie viele Frauen weltweit Opfer sexueller Gewalt werden. Die Kampagne, die die sexuelle Gewalt des Filmproduzenten Harvey Weinstein zum Anlass nahm, wollte zeigen, dass sexuelle Gewalttäter Macht über weibliche Körper und über Frauen ausüben und dass sexuelle Gewalt nach wie vor eine zentrale Komponente im Geschlechterverhältnis ist. Die Räume sexueller Gewalt zeichnen sich durch Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse sowie Hierarchien aus und sind in patriarchal-kapitalistischen Ländern somit vielfältig, und in all diesen Räumen brach die#-Bewegung hervor – in der Filmbranche, der bildenden Kunst, im Theater, der Musikbranche, der Oper und in Orchestern, in der Literatur, der Politik, in Universitäten, im Sport und Journalismus sowie in der Architektur. Existierende Gesetze gegen sexuelle Gewalt greifen nur sehr zögerlich: Täter-Opfer-Umkehr, das ‚victim blaming‘ oder die Kultur des Beschweigens von sexueller Gewalt machen die nach wie vor existierenden Lücken in der Gesetzgebung, aber auch im öffentlichen Umgang mit sexueller Gewalt sichtbar. Die Vorstellung, dass es sich bei sexueller Gewalt um Kavaliersdelikte handele, ist weit verbreitet. Darauf reagierte die#MeToo-Bewegung und versuchte die Aufmerksamkeit für Gesetzeslücken und vor allem für die unhinterfragten Alltagspraxen sexueller Gewalt zu erhöhen. 37 Es gibt eine lange MeToo-Vorgeschichte auf der ganzen Welt. Der Kampf der zweiten Frauenbewegung gegen geschlechtsbasierte und sexuelle Gewalt gegen Frauen begann in den 1970er-Jahren. Im Jahr 2006 startete die afro-amerikanische Aktivistin Tarana Burke die Bewegung Me Too, um Bewusstsein für sexuelle Gewalt gegen afro-amerikanische Frauen und ‚native women‘ in den USA zu schaffen. Der erste Twitter-„Aufschrei“ gegen sexualisierte Gewalt im deutschsprachigen Raum – die von Anne Wizorek initiierte Kampagne als Reaktion auf den sexuellen Übergriff des Politikers Rainer Brüderle gegen die Journalistin Laura Himmelreich im Jahr 2013 – wurde allerdings in der männlichen(Medien-)Öffentlichkeit verharmlost und lächerlich gemacht, so dass#Aufschrei bald verhallte. Auch#Ausnahmslos, von derselben Akteurin im Januar 2016, nach sexuellen Übergriffen in der Sylvester-Nacht ins Leben gerufen, um auf die Gefahr rassistischer Stereotypisierung in Debatten um sexuelle Gewalt hinzuweisen, konnte nicht wie #MeToo eine so lange Zeit in den Medien und in der politischen Öffentlichkeit bleiben. Was ist bei#MeToo also anders? Ist es die Kombination aus Sex, Crime und Prominenz, die die Bewegung so erfolgreich machte? Oder haben die Entwicklungen der vergangenen Jahre den öffentlich-politischen Diskurs um sexuelle Gewalt verändert, so dass die Unantastbarkeit männlichsexueller Hegemonie und Gewalt gegen Frauen öffentlich debattierbar und rechtlich sanktionierbar wurde? Kann #MeToo also sexuelle Gewaltkonstellationen verändern und zu einem neuen„Geschlechtervertrag“ führen, wie Susan Vahabzadeh(2018) in der Süddeutschen Zeitung forderte, zu einem Vertrag, der zur„Entgiftung“ von Männlichkeit und des Geschlechterverhältnisses beiträgt? Oder perpetuiert #MeToo die patriarchal-kapitalistischen Gewaltverhältnisse? Reproduziert die#-Bewegung die Konstellation heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit, führt gar zu einer Verstärkung von Maskulinität, weil sie spezifische Ausschlüsse konstruiert? Frauen schreiben sich mit#MeToo in eine Gruppe der Opfer 38 sexueller Gewalt ein. Ist dieses Bekenntnis als Opfer das Problem der Kampagne? Alle diese Fragen kann mein Text nicht beantworten. Mein Anspruch ist es,#MeToo als eine globale soziale Bewegung zu beschreiben, mit einer Perspektive auf Affekte, die in sexualisierte Gewaltverhältnisse ebenso eingelassen sind wie in die Anti-Gewaltund#MeToo-Kampagne, um so die Möglichkeiten und Grenzen der Bewegung auszuloten. Im ersten Schritt werde ich die affektiven Strukturen sexueller Gewalt aufzeigen, dann#MeToo als affizierende Bewegung und das politische Potenzial einer solchen Bewegung darstellen. Im Anschluss daran werde ich die affektiven Reaktionen gegen#MeToo und schließlich die Problemzonen von#MeToo diskutieren. Affektive Strukturen sexueller Gewalt Affekte modulieren zum einen Macht- und Gewaltverhältnisse und machen zum anderen eine körperliche Dimension von Macht, Herrschaft und Gewalt sichtbar. Sexuelle Gewalt ist nicht nur in kapitalistisch-patriarchale und sexistische Strukturen eingebettet; sie beruht auch auf einer affektiven Struktur, auf einer„structure of feeling“(Williams 2004). Alle gesellschaftlichen Räume sind von sexueller Gewalt und von einer daran geknüpften Affektstruktur bzw. von sexistischen affektiven Geografien(Grossberg 2010) durchzogen. Macht und Herrschaft im Geschlechterverhältnis wie auch im System sexueller Gewalt basieren auf einer„Ökonomie der Affekte“(Ahmed 2010), auf einer bestimmten Produktion, Zirkulation und Verteilung von Affekten, auf Affektenteignung und Affektakkumulation. Die Gewalterfahrungen von Frauen sind zwar ganz unterschiedlich, doch die Bekenntnisse weisen auf die mit sexueller Gewalterfahrung verbundene Affektstruktur bzw. affektive Kultur hin – auf Scham und Beschweigen, auf Beschämung und Hysterisierung der Gewaltbetroffenen(Frevert 2018). Viele der 39 gewalttätigen Übergriffe fanden in der Vergangenheit statt, in den 1970er- und 1980er-Jahren. So lange brauchte es, bis Frauen sich, oftmals animiert durch die#MeToo-Kampagne prominenter Vorbilder, getrauten, ihre Gewalterfahrung öffentlich zu machen. Diese Zeitverzögerung erklärt sich nicht zuletzt dadurch, dass die Frauen in der Zeit, als die Gewaltakte stattfanden, nicht ernst genommen wurden, da ein öffentlicher Diskurs über erfahrene sexuelle Gewalt nicht möglich war: Es herrschte ein Konsens, dass Frauen gewaltvolle Übergriffe selbst wollten bzw. teilweise selbst daran schuld seien. Sie wurden daher von niemandem unterstützt – im Gegenteil, die Täter wurden geschützt. Die Frauen saßen lange Jahre in der Angst-Falle – sie mussten befürchten, dass, wenn sie redeten, sie dann erst recht gedemütigt, erniedrigt und aus der Karrierebahn geworfen würden. Sexuelle Gewalttäter wiederum konnten darauf vertrauen, dass ihnen nichts passieren würde, dass sie für ihre Tat nicht öffentlich beschämt, dass sie niemand zur Verantwortung ziehen würde. Die affektive Herrschaftsstruktur erlaubte ihnen, Frauen einzuschüchtern und zu erpressen. Diese Affektstruktur macht die Offenlegung der sexuellen Gewaltherrschaft des deutschen Film- und Fernsehproduzenten Dieter Wedel deutlich. Seine sexuellen Gewaltübergriffe wurden mehr als 40 Jahre beschwiegen. Ein Mitarbeiter aus dem Umfeld des Fernsehsenders Wedels sagte anonym in einem Interview:„Wenn Ute Christensen[eine der Schauspielerinnen, die die durch Wedel erfahrene sexuelle Gewalt im Zuge von#MeToo veröffentlichte, B.S.] damals an die Presse gegangen wäre – ich glaube nicht, dass sie Gehör gefunden hätte.“ Denn: Wedel war damals ein„Fernsehgott“(zit. in: Süddeutsche Zeitung 26.12.2017). Das Umfeld des Gewaltsystems wusste stets über die Gewaltattacken Bescheid, half aber weder den gewaltbetroffenen Frauen, noch unternahm es aus Angst und Feigheit etwas gegen die Struktur, die die Gewalt ermöglichte. #MeToo als affzierende Bewegung Doch Affekte perpetuieren nicht nur gewaltförmige Herrschaftsverhältnisse. Affekte können auch widerspenstiges 40 Potenzial mobilisieren.#MeToo besitzt eine doppelte Affektdimension: die Bearbeitung eines individuellen Traumas und die Skandalisierung und Veränderung eines affektiven Systems, einer affektiven Kultur sexueller Gewalt.#MeToo lässt sich daher als„Affektivismus“, eine Kombination aus Aktivismus und Affekt bezeichnen(Niccollini 2018). Affektivismus wird viral, verbreitet sich rasch, vor allem über soziale Medien. Hollywood-Schauspielerinnen bezichtigten im Oktober 2017 den Filmproduzenten Harvey Weinstein in der New York Times und dem New Yorker der sexuellen Gewalt. Im Dezember 2017 hatten sich bereits 70 Frauen öffentlich gemeldet, inzwischen sind es mehr als 100, die bekannt gemacht haben, von Weinstein sexuell belästigt oder vergewaltigt worden zu sein. Diese öffentlichen Bekenntnisse lösten eine globale Lawine des ‚me too‘ – des: ‚Auch ich bin von sexueller Gewalt betroffen‘ – aus. #MeToo wurde rasch viral: Innerhalb von 24 Stunden, nachdem Alyssa Milano den#MeToo kreiert hatte, wurde er weltweit über eine halbe Million Mal gepostet(Wexler et al. 2018: 5). Eine globale Bewegung war gleichsam über Nacht entstanden. Im November 2017 waren es mehr als 2,3 Mio. Tweets aus 85 Ländern(ebd.: 6). Am 1.10.2017 erreichte das globale Interesse laut Google Trends mit 100 Punkten einen Höhepunkt; am 21.1.2018 lag die Aufmerksamkeit noch bei 50 Punkten und im Mai 2018 noch immer bei 20 Punkten. In Schweden war die Aufmerksamkeit mit 100 Punkten am höchsten, in Österreich erreichte sie 12 Punkte, in Deutschland 6, in den USA 5 und in Frankreich 3 Punkte. 1 Auch die anderen Medien griffen die Meldungen auf, so dass #MeToo eine atemberaubende Geschwindigkeit, einen affektiven und affizierenden, gleichsam ansteckenden Sog rund um den Globus entwickelte. Die Bewegung verbreitete sich auch im globalen Süden, wo Frauen weit mehr riskieren als im Norden, wenn sie über sexuelle Gewalt reden, z.B. in Indien, wo Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind(Wie die Welt 2018), oder im Senegal und in Nigeria, wo sich Frauen um den Preis an#MeToo beteiligten, 1 https://trends.google. com/trends/explore?geo=US&q=%2Fg%2F11cmqpfzm8 41 dass sie dafür öffentlich kritisiert wurden(Peyton 2017). Auch in China kam#MeToo an, obwohl die Nutzung von Twitter zur Mobilisierung für#MeToo kriminalisiert wurde. Was kennzeichnet den affektiven Sog der#MeTooBewegung? Vor allem ging es jenen Frauen, die sich#MeToo anschlossen, darum, die Masse der von sexueller Gewalt betroffenen Frauen aufzuzeigen.#MeToo wollte aber auch Täter benennen, Gewalttäter öffentlich beschuldigen und bloßstellen, also naming and shaming betreiben. Darüber hinaus wollte#MeToo Gewalthandeln beenden und forderte daher Konsequenzen für die Täter, z.B. die Entlassung aus dem Berufsumfeld oder/und eine Strafverfolgung. Das ist auch teilweise gelungen. Die„Academy of Motion Picture Arts and Sciences“ schmiss Weinstein im Oktober 2017 raus. Am 25.5.2018 wurde er verhaftet, allerdings auf Kaution freigelassen und im August wurde Anklage wegen Frauenhandels erhoben, bislang ohne Verhandlung. Peter Pilz trat nach sexuellen Belästigungsvorwürfen am 4.11.2017 vom Vorsitz der ‚Liste Pilz‘ zurück und sein Nationalratsmandat nicht an. Am 23.5.2018 sprach ihn die Staatsanwaltschaft von den Vorwürfen sexueller Gewalt frei, und er zog in den Nationalrat ein. Im November 2017 trat der konservative Verteidigungsminister Großbritanniens, Michael Fallon, zurück, nachdem er zugegeben hatte, die Journalistin Julia Hartley-Brewer im Jahr 2002 sexuell belästigt zu haben. Im Januar 2018 legte Dieter Wedel die Intendanz der Hersfelder Festspiele zurück. Der Fernsehsender SAT1 aber fand keine Bestätigungen für die Anschuldigungen gegen Wedel; die Staatsanwaltschaft ermittelt nach wie vor. Doch Frauen wollen nicht allein oder in erster Linie die Strafverfolgung ihrer Peiniger – sie wissen, dass viele der Taten bereits verjährt sind oder dass eine Strafverfolgung nicht erfolgreich sein wird. Das naming and shaming von Gewalttätern ist nur eine Dimension der Bewegung. Mindestens ebenso wichtig ist die Herstellung von Gemeinsamkeit, von Verbindung und Verbundenheit zwischen Frauen. Twitter und andere Onlinemedien eröffnen einen affektiven globalen Raum des Austausches und der „connectivity“, der Verbundenheit und Solidarität(Bennet/Segeberg 42 2012). Dass sich so viele Frauen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zu Wort melden, ist auch einem ‚Ich bin nicht alleine‘ geschuldet.#MeToo wurde so zu einer globalen affektiven Bewegung, die im virtuellen Raum über große räumliche und zeitliche Distanzen hinweg affektive Gemeinschaft herstellt. #MeToo schlägt zudem eine Gegenökonomie der Affekte vor, um die existierende Kultur der Scham und des Schweigens der Überlebenden zu verändern. Denn#MeToo erlaubt ‚Anonymität‘ in einer globalen Bewegungsmasse und zugleich das Heraustreten aus dem Nebel des gewaltförmigen Vergessens. Die Bewegung schützt Frauen, die sich endlich trauen, ihre Gewalterfahrung öffentlich zu machen. Zudem entsteht die Verbindung zwischen den Frauen nicht allein im Opfersein, sondern vielmehr darin, die Scham zu überwinden, also im Wagnis, das Vergessene und Verdrängte individuell und kollektiv zu bearbeiten. Auch die Begründerin der ursprünglichen MeToo-Bewegung, Tarana Burke, twitterte: „It’s beyond a hashtag. It’s the start of a larger conversation and a movement for radical community healing.“(Wexler et al. 2018: 5) Die#MeToo-Bewegung ermöglicht Öffentlichkeit für Gewalt, die Frauen zum Zeitpunkt, als der Gewaltakt geschah, verleugnen und verdrängen mussten, weil sie nicht gehört worden wären. Das Reden über erfahrene sexuelle Gewalt ist ein Tabu, denn eine maskulinistische Öffentlichkeit macht bestimmte Gegebenheiten unsag- und unfühlbar(Niccolini 2018: 111). Darüber zu reden und die verdrängten Gefühle öffentlich zu machen, ist ein Bruch des Unfühlbarkeitstabus und eine Unterbrechung der Affektökonomie sexueller Gewalt. Dies ist ein Akt der Emanzipation, der SelbstHeraushebung aus dem Opferstatus und somit politisches Handeln: #MeToo mobilisiert politische Affektivität. Das Veröffentlichen von Gewalterfahrungen ist ein politischer Akt der affektiven Transformation – von Scham in Stärke und Solidarität. Das öffentliche Reden kann daher auch die affektiven Strukturen, die feeling structures sexueller Gewalt verändern. Zumindest gelang es#MeToo, die universelle Affektstruktur 43 sexueller Gewalt und gewalttätiger Affektivität zu decouvrieren. Der affektive Sog der#MeToo-Debatte, der den Erfolg der Bewegung ausmacht, ist somit nicht nur die affektive Dimension des Voyeurismus, also nicht allein die Frage: Welcher Prominente wird heute als Schwein enttarnt? Viel wichtiger ist, dass#MeToo die affektive Kultur, die affektive Ökonomie sexueller Gewalt verändern kann. Die#Bewegung hat durchaus das Potenzial einer neuen feministischen Bewegung, die in den weißen Zentren der westlichen Kulturindustrie besonders intensiv rezipiert wird und dort, aber auch darüber hinaus, etwas zu verändern vermag. Affekte der Ablehnung: Reaktionen und Deutungsmuster Die Reaktionen der beschuldigten Männer waren nahezu alle gleich: Sie stritten ab, leugneten die Taten, konnten sich, wie Peter Pilz, nicht erinnern. Der ÖSV reagierte barsch und ablehnend auf die Gewaltvorwürfe: Peter Schröcksnadel, Präsident des ÖSV, schikanierte das Opfer Werdenigge, als sie die Gewaltvorfälle öffentlich machte. Dustin Hofmanns Anwalt reagierte mit dem Vorwurf, das seien„verleumderische Unwahrheiten“ (FAZ, 16.12.2018). Dieter Wedel wies die Anschuldigungen als unbegründet zurück. Das öffentliche Reden über sexuelle Gewalt provozierte eine maskulinistische Gefühlsregel, nämlich die der Abwehr. Der „feminist killjoy“, die feministische Spielverderberin ruiniere mit der Veröffentlichung sexueller Gewalttaten die Atmosphäre„and exposes the bad feelings that get hidden, displaced, or negated“ (Ahmed 2010: 65). Frauen wurden als ‚Spaßbremsen‘ diffamiert, als Störenfriede und Nestbeschmutzerinnen behandelt. Eine affektive anti-feministische Paranoia griff um sich. Immer wenn die Grenze zwischen öffentlich und privat, zwischen(vermeintlich) rational und affektiv überschritten wird, entstehen affektive Räume und Intensitäten, die neue Affekte wie Abwehr und Diffamierung, die Hysterisierung von Frauen oder rassistische und klassistische Ausgrenzungen, den Vorwurf 44 der Lustfeindlichkeit und das Bedauern, dass Männer Opfer von Verleumdungen wurden, provozieren. Diese Abwehrgesten sind affektive Modi, um die Entgrenzung des vermeintlich Privaten und Intimen zu bearbeiten. Dies war und ist die große Herausforderung der feministischen Bewegung überhaupt, die aber bei der Frage von sexueller Gewalt besonders deutlich wird, weil sie eine so unmittelbar individuelle und intim-körperliche Ebene besitzt. Ziel dieser Gegenreaktionen war die Delegitimierung von #MeToo und die Wiederherstellung einer affektiven Kultur des Beschweigens sexueller Gewalt sowie der Trennung von öffentlich und privat/intim. Schwächen und Grenzen der#MeToo-Bewegung Auch wenn#MeToo erfolgreich ist, lässt doch das #MeToo-Bekenntnis affektive Konstellationen entstehen, die dem Kampf gegen sexuelle Gewalt entgegenarbeiten. Ich sehe drei Problembereiche: Erstens arbeitet die Bewegung möglicherweise einer (weiteren) Individualisierung von sexueller Gewalt in die Hände, weil in der öffentlichen Debatte einzelne Frauen und Männer ins Rampenlicht gezerrt werden(Brunner/Klappeer 2018). Daher muss immer wieder an die langen Kämpfe gegen sexuelle und geschlechtsbasierte Gewalt angeknüpft werden. Die zweite Frauenbewegung und die frühe Frauenforschung verorteten Männergewalt gegen Frauen bereits seit den 1970er-Jahren in patriarchalen Strukturen(vgl. u.a. Hagemann-White 1989) und in staatlich legitimierten Gewaltverhältnissen: Die systematische physische, aber auch ökonomische, soziale und reproduktive Unsicherheit und potenzielle Gewaltbetroffenheit von Frauen wurden als zentrale Dimensionen moderner Staaten verstanden: Das physische staatliche Gewaltmonopol sei ein„Mythos“(Rumpf 1995: 235), denn es garantierte Frauen im Nahraum der so genannten Privat- und Intimsphäre nicht jene Sicherheit, aus der es eigentlich seine Rechtfertigung bezog. 45 Dies griff die#MeToo-Bewegung durchaus auf: Sie schuf affektives Bewusstsein für die patriarchalen hierarchischen Gewaltstrukturen durch die Erweiterung des diskursiven und affektiven Raums um die Initiative„Time’s Up“: Am 1. Januar 2018 veröffentlichten mehr als 300 Schauspielerinnen einen Brief in der New York Times zur Gründung einer Initiative gegen sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz:„We want women from the factory floor to the floor of the Stock Exchange to feel linked as sisters as we shift the paradigm of workplace culture.“ 2 Zweitens: Friederike Kuster(2017) thematisierte auf dem Blog der Zeitschrift ‚Feministische Studien‘ im November 2017 das„Zusammenspiel von Aufdeckung und Verdeckung“: Ist#MeToo Ausweis von Heuchelei, da die Frauen durch ihr langes Schweigen am System sexueller Gewalt mitgemacht haben? Bestärkt#MeToo dadurch den Opferstatus von Frauen und patriarchalen Verhältnissen? Ich halte dies in der Tat für eine Leerstelle in der öffentlichen Debatte um#MeToo, die es nötig macht, aus feministischer Perspektive diese Herrschaftsverstrickungen denk- und diskutierbar zu machen, ohne anti-feministischen Debatten in die Hände zu spielen. Dazu bedarf es eines neuen Blicks auf Geschlechterherrschaft: Jede Herrschaft fußt auf einem hegemonialen Konsens gesellschaftlicher Kräfte, an dem auch Frauen beteiligt sind. Die Frage nach Unterwerfung unter patriarchale Verhältnisse und affektive Regeln der Gewalt ist also eine Frage von Kräfteverhältnissen und nicht von feministischer Moral. Dass das gesellschaftliche Kräftepotenzial von Frauen geringer ist als jenes institutionalisierter patriarchaler Kräfte, ist offensichtlich. Aber dennoch: Frauen spielen mit im Kräftespiel, und sie unterwerfen sich. Dies zu betonen ist wichtig, um agency und Veränderungspotenzial wahrnehmen zu können.#MeToo sollte eigentlich#fuckyou heißen, so schlägt Kuster vor, um nicht vornehmlich den gemeinsamen Opferstatus zu zelebrieren, sondern um ein aggressives empowerment von Frauen zu 2 https://www.timesupnow. ermöglichen und Männer nicht einzubeziehen in die affektive com/ Gemeinschaft – nicht einmal als Täter. 46 Der dritte Problembereich bezieht sich auf die Subjektpositionen, die die#-Bewegung schafft. Wer darf in der #MeToo-Bewegung öffentlich sprechen, wer wird gehört und wer nicht?#MeToo hat einen race-Bias: Es sind weiße Prominente, die die Bewegung, die Neugier des Publikums am Laufen halten, sowohl auf der Seite der Gewaltbetroffenen wie der Täter. Schwarze Frauen erhalten diese Aufmerksamkeit nicht. Sie sind im öffentlichen Diskurs vielmehr sexualisiert, und ihre Sexualität ist rassialisiert(Wexler et al. 2018: 9f.). Deshalb gilt ihnen und ihren Gewalterfahrungen die öffentliche Empathie nicht ungeteilt. Schwarze Frauen haben nicht so leicht Zugang zu„Glaubwürdigkeit, Sympathie und öffentlicher Wut“ wie weiße prominente Frauen(Wexler et al. 2018: 9). Die#-Bewegung „macht Schwarze Frauen stumm“(https://destee.com/threads/ when-metoo-excludes-me), so US-amerikanische Aktivistinnen. Diese fordern, dass schwarze Frauen mehr„Respekt und Sichtbarkeit“ in der#MeToo-Bewegung verdient haben, auch von den weißen ‚Schwestern‘. Die mediale Debatte um#MeToo negiert auch in Europa den Zusammenhang von rassistischen Formen sexueller Gewalt. Durch die Gewaltübergriffe in der Kölner Sylvesternacht 2015/16 war das Thema sexualisierte Gewalt in Europa in neuer Art und Weise auf der Tagesordnung: Was dort Frauen an sexuellen Übergriffen widerfuhr, war nach damaligem deutschem und österreichischem Recht gar nicht strafbar(Hark/Villa 2017: 10). Das„Ereignis Köln“(Dietze 2016b) diente als Katalysator, um die bereits auf den Weg gebrachte Reform des Sexualstrafrechts zugunsten gewaltbetroffener Frauen zu beschleunigen. Dieser Erfolg hat aber seine Ambivalenzen, nämlich die rassifizierenden und rassistischen Einschreibungen in die Debatten um sexuelle Gewalt. Muslimische junge Männer wurden zum„Sexmob“ stilisiert und damit als ‚Andere‘ konstruiert(Dietze 2016a). Sexualisierte Gewalt sei ein Problem migrantischer Männer, die aufgrund ihrer sexuellen Rückständigkeit und sexuellen Aggressivität nicht nach Europa passten. Sexuelle Gewalt diente in der Post-Köln-Debatte zum einen dem politischen ‚Othering‘, also der Legitimierung exklusiv-rassistischer Politiken, zum 47 anderen aber auch dazu, den Blick vor der eigenen sexualisierten Gewaltkultur zu verschließen(Dietze 2016b: 94). In diesen Kontext brach die#MeToo-Debatte ein und zeigte die Gewalt westlicher Gesellschaften. Dennoch kann#MeToo nicht davon losgelöst betrachtet werden, sondern muss vielmehr kritisch auf rassistische Effekte hin betrachtet werden. Die#MeTooBewegung muss also intersektional sensibilisiert werden. Nur wenn sie sich einem intersektionalen Gewaltbegriff(Sauer 2011) öffnet, kann die Bewegung einen Beitrag zur umfassenden Kritik von sexueller Gewalt leisten. Umgekehrt kann dann sexuelle Gewalt nicht so einfach für rassistische Zwecke gekapert werden, wie dies in der Folge von Köln geschah. Dies sollte in der öffentlichen Debatte um#MeToo prominenter gemacht werden, sonst produziert sie giftige Affekte. Ich denke, dass die#MeToo-Bewegung in der Lage ist, die Affektstruktur sexueller Gewalt zu transformieren, also Geschlechterhierarchien zu kritisieren und aufzubrechen. Allerdings müssen dazu sowohl die Handlungsfähigkeit von Frauen, ihre affektiven Verstrickungen in Gewaltkulturen als auch die intersektionale Dimension von Gewaltdiskursen und affektiven Gewalträumen immer wieder kritisch thematisiert werden. 48 Literatur: Ahmed, Sara 2010: Promises of happiness, Durham, NC: Duke University Press Bennet, W. Lance/Segerberg, A. 2012: The logic of connective actions: Digital media and the personalization of contentious politics, in: Information, Communication& Society, 15, S. 739-768 Brunner, Claudia/Klapeer, Christine M. 2018: Gender? Trouble! Unbehagliche Eindrücke angesichts aktueller Debatten über Gewalt und Geschlecht, in: femina politica 1, S. 133-137 Dietze, Gabriele 2016a: Ethnosexismus. Sex-Mob-Narrative um die Kölner Sylvesternacht, in: movements 2(1), S. 177185(www.movements-journal.org) Dietze, Gabriele 2016b: Das ‚Ereignis Köln‘, in: femina politica 1, S. 93-102 Frevert, Ute 2018: Die Scham ist Komplizin der Männer, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.1.2018 Grossberg, Lawrence 2010: We gotta get out of this place. Rock, die Konservativen und die Postmoderne, Wien: Löcker Hagemann-White, Carol 1989: Gewalt gegen Frauen. In: Bundeskriminalamt(Hrsg.): Symposium: Polizei und Gewalt. Wiesbaden: Bundeskriminalamt. S. 127-138 Hark, Sabine/Villa, Paula-Irene 2017: Unterscheiden und herrschen. Ein Essay zu den ambivalenten Verfechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart, Bielefeld: transcript Kuster, Friederike 2017:#metoo – Das Zusammenspiel von Aufdeckung und Verdeckung, http://blog.feministischestudien.de/2017/11/1667/ Niccolini, Alyssa D. 2018: ‚The Rape Joke‘: censorship, affective activism, and feeling subjects, in: Journal of Gender Studies, 27:1, S. 102-113 Peyton, Nellie 2017:#MeToo challenges taboo against admitting sexual abuse in Africa, Reuters, 20.10., https://www. reuters.com/article/us-africa-women-sexcrimes Rumpf, Mechthild 1 995: Staatsgewalt, Nationalismus und Krieg. Ihre Bedeutung für das Geschlechterverhältnis. In: Kreisky, Eva/Sauer, Birgit(Hrsg.): Feministische Standpunkte in der Politikwissenschaft. Eine Einführung. Frankfurt am Main/New York: Campus, S. 223-254 Sauer, Birgit 2011: Migration, Geschlecht, Gewalt. Überlegungen zu einem intersektionellen Gewaltbegriff, in: Gender, H. 2. 2011, S. 44-60 Vahabzadeh, Susan 2018:#MeToo-Debatte: Von der Apartheidskommission lernen, in: Süddeutsche Zeitung, 19.1. Wexler, Lesley/Robbennolt, Jennifer/Murphy, Colleen 2018:#MeToo, Time’s Up, and theories of justice, in: University of Illinois College of Law Legal Studies Research Paper No. 18-14, https://papers.ssrn.com/sol3/papers. cfm?abstract_id=3135442 Wie die Welt über#MeToo diskutiert, SZ. De, 15.1.2018(http://www.sueddeutsche.de/leben/sexuelle-gealt-wie-die welt http://www.yesmagazine.org/people-power/me-too-creator-tarana-burke-reminds-us-this-is-about-black-and-brownsurvivors-20180104 Williams, Raymond 1977: Structures of feeling. In: Ders. Marxism and Literature, Oxford/New York: Oxford University Press, S. 128-136. 49 Gerhard Wagner, MSc studierte Internationale Betriebswirtschaftslehre und Socio-Ecological Economics and Policy an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sein breites gesellschaftspolitisches Engagement erstreckt sich über mehrere Vereine und Initiativen. Als bekennender Feminist gründete er im Februar 2016 den Verein HeForShe Vienna mit und steht diesem seither als ehrenamtlicher Obmann vor. 50 Gerhard Wagner Männer, wir müssen reden Kaum ein anderes Thema hat die internationale Gleichstellungslandschaft in den vergangenen Jahren so stark angeregt wie die#MeToo-Bewegung. Unter dem gleichnamigen Hashtag berichteten Tausende Frauen über ihre Betroffenheit von sexu eller Belästigung sowie sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz, in der Familie, im gesellschaftlichen Alltag. Selten zuvor gab es seit den Frauenbewegungen der 1970er-Jahre eine derart starke globale Solidarität von Frauen untereinander.#MeToo war damit der Auslöser für eine Normenkaskade 1 , eine scheinbar plötzliche, aber nachhaltige Veränderung unseres Sitten- und Wertekodex, für ein kollektives Nachdenken darüber, wie wir miteinander – aber insbesondere wie wir Männer mit Frauen – umgehen. Hinter diesem scheinbar plötzlichen Umschwung stehen jedoch schleichende Entwicklungen und ein jahrzehntelanger Kampf von Frauen gegen eine tief in unserem androzentristischen 2 System verwurzelte Belästigungskultur. Bei diesem Umschwung handelt es sich aber nur um einen Etappensieg, denn der Gegenwind ist stark und kommt von allen Seiten – von Männern ebenso wie von Frauen. Beide Perspektiven müssen näher betrachtet und ernst genommen werden, um die Komplexität des Themas erfassen zu können. Ich werde mich jedoch aus zweierlei Gründen bewusst der männlichen Perspektive widmen: Zum einen sind die Männer sowohl das Problem als auch Teil der Lösung. Zum anderen ist es mir aus meiner männlichen Lebensrealität heraus unmöglich eine qualifizierte Einschätzung der weiblichen Perspektive abzugeben. Von einem#aufschrei zum Nächsten Schon im Jahr 2013 gab es mit#aufschrei eine inhalts 1 Williams, Joan C., Lebsock, Suzanne(2018): Was#MeToo für Unternehmen bedeutet. Harvard Business Manager, Mai 2018. S.22. 2 Androzentrismus bezeichnet die gesellschaftliche Ausrichtung an dem Männlichen. Der Mann bzw. das Männliche stehen im Zentrum der Strukturen sowie Prozesse und stellen die gesellschaftliche Norm dar, alles Nicht-Männliche wird als Abweichung von dieser Norm verstanden(vgl. Rosenberger, Sieglinde K., Sauer, Birgit(2004)(Hg.): Politikwissenschaft und Geschlecht. Konzepte – Verknüpfungen – Perspektiven. UTB, Wien. S.252. 51 3 Vgl. Caspari, Lisa in ZEIT ONLINE(23.01.2014): Der #aufschrei und seine Folgen. Online: https://www. zeit.de/politik/deutschland/2014-01/sexismus-debatte-folgen[letzter Aufruf: 14.08.2018]. 4 In Anlehnung an Antonio Gramscis Hegemonie-Konzept bezeichnet die hegemoniale Männlichkeit nach Raewyn W. Connell jene in einer Gesellschaft vorherrschende Form von Männlichkeit, der sich alle anderen Männlichkeitskonzepte sowie alles Nicht-Männliche unterordnen. Diese Vorherrschaft ist das Resultat eines permanenten Institutionalisierungs- und Reproduktionsprozesses der hegemonialen Machtverhältnisse in Form von gesellschaftlichen Strukturen, Praktiken, Organisationen, Normen, Kulturen etc. Dadurch fndet die Hegemonie Eingang in Denk- und Handlungsmuster und kommt einem stillschweigenden Konsens über das erwünschte Zusammenleben gleich. Die eigentliche Herrschaft erscheint daher nicht als solche, sondern wird so zu einer scheinbar bewusst gefassten inneren Überzeugung. 5 Bourdieu, Pierre(2016): Die männliche Herrschaft. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. 3. Aufage, S.63. gleiche Bewegung im deutschsprachigen Raum 3 . Auslöser war damals ein Artikel der Journalistin Laura Himmelreich, in dem sie den damaligen Spitzenkandidaten der FDP für die deutsche Bundestagswahl 2013, Rainer Brüderle, beschuldigte, ihr gegenüber sexuell übergriffig geworden zu sein. Was folgte war eine breite Sexismus-Debatte in Deutschland und der Twitter-Hashtag#aufschrei. Dieser Aufschrei begrenzte sich auf den deutschsprachigen Raum und klang im darauffolgenden Jahr größtenteils wieder ab. Etwa vier Jahre später ertönt ein neuerlicher Aufschrei. Diesmal jedoch stärker und lauter, er geht um die Welt, getragen vom Hashtag#MeToo. Die globale Resonanz hat mehrere Gründe, unter anderem hat in unserer Gesellschaft ein Hollywood-Skandal ein weitaus höheres Multiplikationspotenzial als ein Vorfall im deutschen Bundeswahlkampf. Generell scheinen der Kontext und die strukturellen Voraussetzungen für die Breitenwirksamkeit der #MeToo-Bewegung jedoch förderlicher gewesen zu sein als vier Jahre zuvor für die#aufschrei-Debatte. Der jahrzehntelange harte Kampf der Frauenbewegung hat eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der#MeToo-Bewegung geschaffen: Frauen wurde erstmals rund um den Globus zugehört, wenn sie über sexuelle Belästigung und Übergriffe berichteten – viel wichtiger, ihren Schilderungen wurde Glauben geschenkt. In Windeseile solidarisierten sich Millionen von Frauen aber auch Männer und brachten weltweit in vielen Bereichen die gesellschaftlichen Strukturen ins Wanken. Eine Belästigungskultur mit System Denn genau dort, tief in unseren gesellschaftlichen Strukturen verwurzelt, liegt die Ursache für unsere Belästigungskultur. Die Unterordnung alles Nicht-Männlichen, und damit insbesondere der Frauen, unter die Dominanz der hegemonialen Männlichkeit 4 ist die Kernidee unseres androzentrischen Systems, das sich durch aktive sowie passive Unterordnungsmechanismen selbst reproduziert und legitimiert. Pierre Bourdieu spricht in diesem Zusammenhang von der„symbolischen Gewalt“ 5 und meint damit eine männliche Herrschaft, die ihre Wirkung„nicht in der reinen Logik des erkennenden Bewußtseins[sic!], sondern durch 52 die Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsschemata, die für die[sic!] Habitus konstitutiv sind“ 6 entfaltet. Die symbolische Gewalt ist also weder eine bewusst noch vorsätzlich ausgeübte Form der Gewalt, sondern ein hierarchisches Dominanzverhältnis, das sich in unseren gesellschaftlichen Strukturen, in unserer Sprache, in unseren erlernten Verhaltensweisen und in unserer gesamten Kultur widerspiegelt. Durch diese vollständige Internalisierung und tiefe Verankerung wird dieses Machtverhältnis zur objektiven, gesellschaftlichen Norm und in der Regel stillschweigend akzeptiert – sowohl von den Unterwerfenden als auch den Unterworfenen. Dies führt auch dazu, dass sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt als eine Ausprägungsform dieser symbolischen männlichen Gewalt und als Mittel, die eigene Machtposition gegenüber Frauen zu erhalten, weiterhin ausgeübt werden. Michael Kimmel 7 nennt drei Gründe, die dafür verantwortlich sind, dass sexuelle Belästigung in unserer Gesellschaft nach wie vor zum Alltag gehört: Erstens sind Männer aufgrund ihrer gesellschaftlichen Machtposition von ihrem Anrecht auf Frauen überzeugt. Zweitens rechnen sie damit, dass ihre Handlungen nicht oder nur sehr begrenzt sanktioniert werden, da sich Frauen infolge ihrer Unterordnung in dem System von symbolischer Gewalt der Ungerechtigkeit der Belästigung oftmals gar nicht bewusst sind und selbst wenn sie sich darüber beschweren würden, wären Männer aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen im Vorteil. Drittens vertrauen Männer auf die Unterstützung der anderen Männer, die zumeist in Form eines komplizenhaften Schweigens 8 zutage tritt. „Hexenjagd“ und#NotAllMen – die männliche Antwort auf#MeToo Die Belästiger sind sich demnach in den meisten Fällen keiner Schuld bewusst, gehört dieses Verhalten ihrer Wahrnehmung nach doch ganz einfach zum Männlich-Sein. Diese Uneinsichtigkeit ist symptomatisch und zeigt sich auch beim wohl prominentesten#MeToo-Fall, dem ehemaligen Hollywood-Filmmogul und Epizentrum der#MeToo-Bewegung Harvey Weinstein, 6 ebd., S.70. 7 Vgl. Kimmel, Michael (2018): Wie Männer Haltung zeigen. Ein Leitfaden, wie Männer zu Verbündeten werden können im Kampf gegen Sexismus. Harvard Business Manager, Mai 2018. S.32. 8 Vgl. Connell, Raewyn W.(2005): Masculinities. Polity Press, Cambridge. 2. Aufage. 53 9 Vgl. Die Presse (05.06.2018): Weinstein plädiert auf„nicht schuldig“. Online: https:// diepresse.com/home/leben/ mensch/5441474/Weinstein-plaediert-auf-nichtschuldig[letzter Aufruf: 14.08.2018]. 10 Vgl. The Guardian (08.10.2016):‘You can do anything‘: Trump brags on tape about using fame to get women. Online: https://www.theguardian. com/us-news/2016/oct/07/ donald-trump-leaked-recording-women[letzter Aufruf: 14.08.2018]. 11 Flossmann, Gabriele in KURIER(09.02.2018): Michael Haneke:„Hexenjagd im Mittelalter belassen“. Online: https://kurier.at/ kultur/michael-haneke-hexenjagd-im-mittelalter-belassen/310.169.980[letzter Aufruf: 14.08.2018]. 12 Der Begriff Norm ist hier neben einer geschlechtsbezogenen, in seiner gesamt-gesellschaftspolitischen Bedeutung zu verstehen. Das hegemonial Männliche umfasst in diesem Kontext auch sozioökonomische Machtverhältnisse wie z.B. die Expansion des frühen Kapitalismus, von vorwiegend städtischen Männern zu Lasten der ländlichen Bevölkerung. Die Folge war eine Verelendung und Marginalisierung der ländlichen(weiblichen) Bevölkerung, wodurch sie zu einer der Hauptzielgruppen der Hexenverfolgung wurde(vgl. Thomas, Keith(1971). Das Wissen der Hebammen und Frauen über Verhütung, der in seiner ersten Anhörung vor Gericht auf„nicht schuldig“ plädierte 9 . Ich wage zu behaupten: Männer wie Harvey Weinstein wissen genau was sie tun und dass sie mit ihrem Verhalten klare Grenzen überschreiten, jedoch fühlen sie sich in ihrer männlichen Machtposition geschützt und unantastbar. Diese Annahme wird auch durch die heimlich mitgeschnittene und im Zuge von#MeToo veröffentlichte Aussage des nunmehrigen US-Präsidenten Donald Trump untermauert, in der er auf dem Weg zu einem Treffen mit der amerikanischen Schauspielerin und Model Arianne Zucker stolz meinte:„I’ve got to use some Tic Tacs just in case I start kissing her. You know I’m automatically attracted to beautiful – I just start kissing them. It’s like a magnet. Just kiss. I don’t even wait.“ Und„when you’re a star, they let you do it. You can do anything. Grab’em by the pussy. You can do anything“ 10 . Die Belästiger sehen sich durch anschließende Beschuldigungen schnell verfolgt und stilisieren sich gerne als Opfer einer medialen und vor allem feministischen„Hexenjagd“, wie es der österreichische Oscar-Preisträger und Filmemacher Michael Haneke in einem Kurier-Interview 11 formulierte. Er sprach von einem„männerhassende[n] Puritanismus“, einer„Vorverurteilungshysterie“ und einer„völlig unreflektierte[n] Gehässigkeit, die[...] das Leben von Menschen zerstört“. Die Wogen schlugen in Reaktion auf sein Interview hoch. Hanekes Aussagen sind zweifellos Ausdruck einer unreflektierten Abwehrhaltung und insbesondere der Vergleich der#MeToo-Bewegung mit einer mittelalterlichen Hexenjagd ist schlicht falsch. Abgesehen davon, dass die mediale Berichterstattung und die neuzeitliche juristische Aufarbeitung der Fälle nicht mit den Folterpraktiken des Mittelalters und der darauf folgenden Verbrennung auf dem Scheiterhaufen verglichen werden können, fehlt es den zugrundeliegenden Motiven an jeglicher Vergleichbarkeit. Bei der mittelalterlichen Hexenverfolgung handelte es sich allem voran um einen Mechanismus zur Festigung der hegemonialen androzentrischen Dominanz über alles Nicht-Männliche. Menschen, insbesondere Frauen, die nicht der Norm 12 entsprachen oder sich dieser nicht bereitwillig fügen wollten, wurden kurzerhand der Hexerei beschuldigt. Die Hexenjagd war also eine Jagd auf gesellschaftliche Randgruppen, die die männliche Dominanz 54 zu gefährden drohten. 13 Belästiger sind jedoch keine Randgruppe, sondern finden sich quer durch die Gesellschaft. Sexuelle Beläs tigung gefährdet auch nicht die männliche Dominanz, sondern soll diese vielmehr sicherstellen. Daher entbehrt der Vergleich der#MeToo-Bewegung mit einer Hexenjagd jeglicher Grundlage. Hanekes Kritik trifft jedoch einen wichtigen Punkt, denn es gilt bei einer sachlichen Diskussion auch festzuhalten, dass die Art der medialen Berichterstattung der#MeToo-Bewegung mitunter schadet. Der Fokus der Medien auf prominente Einzelfälle und Beschuldigungen mächtiger Männer – oft ohne sorgfältige Vorab-Recherchen, für die in der schnelllebigen Medienwelt immer weniger Zeit bleibt – drängt die eigentliche Botschaft von#MeToo, nämlich dass diese Belästigungskultur strukturelle Ursachen hat, in den Hintergrund. Online formierte sich fast zeitgleich zu#MeToo eine Gegenbewegung unter dem Hashtag#NotAllMen, die vor allem argumentierte, dass nicht alle Männer Harvey Weinsteins seien und die scheinbare Pauschalisierung einer kollektiven Vorverur teilung aller Männer gleichkäme. Dies ist wichtig dahingehend, dass natürlich nicht alle Männer Täter sind. Im Grunde handelt es sich um einen Teil der Männer, genauer noch, um eine bestimmte Form von toxischer Männlichkeit, nämlich jene hegemoniale Männlichkeit, die das männliche Dominanzprinzip zum Dogma erklärt. Der Großteil der Männer schämt sich wahrscheinlich für das Fehlverhalten dieser Gruppe, kann sich mit diesem Verhalten nicht identifizieren, und ein Teil dieser Männer fühlt sich durch die scheinbare Pauschalisierung und Vorverurteilung im Zuge von#MeToo ungerecht behandelt und diskriminiert. Eine ablehnende Haltung gegenüber der#MeToo-Bewegung bis hin zu Wut gegen den Feminismus allgemein sind spürbare Folgen. Doch steht hinter all diesen emotionalen Reaktionen meist nichts anderes als Verunsicherung und Angst. 14 Angst vor dem eigenen Fehlverhalten und möglichen Konsequenzen. Verunsicherung darüber, was noch erlaubt ist und was nicht. Aber auch Angst davor, Teile der eigenen Männlichkeit einzubüßen und die eigene Stellung gegenüber anderen Männern zu gefährden, wenn Mann sich mit den Frauen solidarisiert. Abtreibungen und Geburt, war den männlichen Herrschern und Adeligen ein Dorn im Auge(vgl. Bauer, Leonhard, Matis, Herbert (1989): S.306.). Die Motive für die Hexenverfolgung des Mittelalters sind vielschichtig, gemein ist allen, die zugrundeliegende Geschlechterhierarchie in der damaligen Gesellschaft. 13 Vgl. Opitz-Belakhal, Claudia(2008): Frauen- und geschlechtergeschichtliche Perspektiven der Hexenforschung. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum. net. Online: https:// www.historicum.net/ purl/44zpt/[letzter Aufruf: 14.08.2018]. 14 Kimmel, Michael (2018): Wie Männer Haltung zeigen. Ein Leitfaden, wie Männer zu Verbündeten werden können im Kampf gegen Sexismus. Harvard Business Manager, Mai 2018. S.33. 55 Von einem komplizenhaften Schweigen zu einem komplizenhaften Aufbegehren #MeToo bringt viele Männer in Bedrängnis. Sich zu solidarisieren gefährdet die eigene Männlichkeit. Sich über#MeToo zu echauffieren erweckt den Anschein einer Mittäterschaft. Die Kompromisslösung vieler Männer ist daher betretenes Schweigen, wenn sie in ihrem Umfeld Sexismus und sexuelle Belästigung wahrnehmen. Doch es ist gerade dieses Schweigen, das uns Männer zu Komplizen der Täter macht. Durch unser komplizenhaftes Schweigen tragen wir eine enorme Mitschuld an der Belästigungskultur in unserer Gesellschaft, denn dadurch geben wir den Tätern zu verstehen, dass wir ihr Verhalten gutheißen oder zumindest tolerieren und nicht sanktionieren. Um unserer Belästigungskultur ein für alle Mal ein Ende zu setzen, müssen insbesondere wir Männer entschlossen gegen jegliche Form des sexuellen Machtmissbrauchs und des Sexismus auftreten. Wir müssen aufstehen und unsere Stimme erheben, Täter auf ihr Fehlverhalten und ihre Grenzüberschreitungen hinweisen und klarstellen, dass wir ein solches Verhalten nicht gutheißen. Wir müssen endlich damit aufhören, betreten zu schweigen, während wir unser Gewissen damit beruhigen, selbst kein aktiver Täter zu sein. Dies erfordert Mut und Courage, ironischerweise zwei männlich konnotierte Eigenschaften. Alleine die Stimme zu erheben kann beängstigend klingen, vor allem wenn Mann dies in einer Gruppe von Männern macht. Gemeinsam mit Gleichgesinnten ist diese Hürde leichter zu nehmen. Es gilt also Komplizen der anderen Art zu finden. Mit vereinten Kräften können wir das komplizenhafte Schweigen in ein komplizenhaftes Aufbegehren wandeln, uns unserer Mitschuld entledigen und unseren Teil zu einer gerechteren und gleichgestellten Gesellschaft frei von Sexismus und sexueller Gewalt beitragen. Aufbegehren mit HeForShe Vienna Eine Plattform dafür bieten unter anderen die beiden öster reichischen Vereine HeForShe Graz und HeForShe Vienna, den der 56 Autor mitbegründet hat und dem er als ehrenamtlicher Obmann vorsteht. Im Sinne der UN Women HeForShe-Kampagne 15 verfolgen die beiden Vereine das Ziel, Männer zu ermutigen, aufzustehen und sich stark zu machen für die Gleichstellung der Geschlechter und damit auch gegen unsere Belästigungskultur. HeForShe Vienna versteht sich als Brückenbauerin zwischen den Geschlechtern sowie als Plattform für einen offenen Dialog, um so Kräfte zu bündeln und Synergien zu schaffen. Unsere Schwerpunkte liegen auf der Bewusstseinsbildung und der Sensibilisierungsarbeit für Geschlechterthemen mittels Online-Kampagnen sowie durch vielfältige Veranstaltungen und Aktivitäten. Dadurch möchten wir die breite Bevölkerung ansprechen, vor allem Männer aber auch Frauen quer durch die Gesellschaft in ihren spezifischen Lebensrealitäten abholen und als MitstreiterInnen gewinnen. Denn nur gemeinsam können wir eine echte Veränderung und eine tatsächliche Gleichstellung der Geschlechter erreichen. 15 Siehe: www.heforshe. org; www.heforshe-vienna.at; www.heforshe-graz. at(20.10.2018) Literatur Bourdieu, Pierre (2016): Die männliche Herrschaft. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. 3. Aufage. Bauer, Leonhard, Matis, Herbert (1989): Geburt der Neuzeit. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH& Co. KG, München. 2. Aufage. Caspari, Lisa in ZEIT ONLINE (23.01.2014): Der#aufschrei und seine Folgen. Online: https://www.zeit.de/politik/ deutschland/2014-01/sexismus-debatte-folgen[letzter Aufruf: 01.08.2018]. Connell, Raewyn W. (2005): Masculinities. Polity Press, Cambridge. 2. Aufage. Die Presse (05.06.2018): Weinstein plädiert auf„nicht schuldig“. Online: https://diepresse.com/home/leben/ mensch/5441474/Weinstein-plaediert-auf-nicht-schuldig[letzter Aufruf: 01.08.2018]. Flossmann, Gabriele in KURIER(09.02.2018): Michael Haneke:„Hexenjagd im Mittelalter belassen“. Online: https:// kurier.at/kultur/michael-haneke-hexenjagd-im-mittelalter-belassen/310.169.980[letzter Aufruf: 01.08.2018]. Kimmel, Michael (2018): Wie Männer Haltung zeigen. Ein Leitfaden, wie Männer zu Verbündeten werden können im Kampf gegen Sexismus. Harvard Business Manager, Mai 2018. Opitz-Belakhal, Claudia (2008): Frauen- und geschlechtergeschichtliche Perspektiven der Hexenforschung. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum. net. Online: https://www.historicum.net/purl/44zpt/[letzter Aufruf: 14.08.2018]. Rosenberger, Sieglinde K., Sauer, Birgit (2004)(Hg.): Politikwissenschaft und Geschlecht. Konzepte – Verknüpfungen – Perspektiven. UTB, Wien. The Guardian (08.10.2016):‘You can do anything‘: Trump brags on tape about using fame to get women. Online: https://www.theguardian.com/us-news/2016/oct/07/donald-trump-leaked-recording-women[letzter Aufruf: 02.08.2018]. Thomas, Keith (1971): Religion and the Decline of Magic. Oxford University Press, London. Williams, Joan C., Lebsock, Suzanne (2018): Was#MeToo für Unternehmen bedeutet. Harvard Business Manager, Mai 2018. 57