Psychische Gesundheit in Wien subjektives Empfinden und psychosoziale Faktoren Mental Health in Vienna self-reported problems and psychosocial factors Bereichsleitung für Sozialund Gesundheitsplanung sowie Finanzmanagement IMPRESSUM IMPRESSUM KONZEPT BERICHTERSTELLUNG Mag. Monika CSITKOVICS Dr. Elfriede URBAS Dr. Elfriede URBAS STATISTISCHE AUSWERTUNGEN Dr. Richard KÖLTRINGER BEITRAG VON ENGLISCHE ÜBERSETZUNG Dr. Brigitte SCHMIDL-MOHL (7.5 Mobbing – ein Situationsbericht aus Wien) Mag. Sylvi RENNERT KORREKTORAT Mag. Linda STIFT PROJEKTKOORDINATION UND ENDREDAKTION Mag. Monika CSITKOVICS SEKRETARIAT Martina SCHEIBENHOFER GRAFISCHE PRODUKTION Bernhard AMANSHAUSER UMSCHLAGGESTALTUNG Mag. Robert SABOLOVIC MEDIENINHABER, HERAUSGEBER UND VERLEGER Stadt Wien Bereichsleitung für Sozial- und Gesundheitsplanung sowie Finanzmanagement Gesundheitsberichterstattung Schottenring 24, A-1010 Wien Tel.:+43-1-53114-76177 e-mail: bar@bgf.magwien.gv.at Hersteller: AV Astoria, Wien Vorgeschlagene Zitierweise: Stadt Wien(Hrsg.), Psychische Gesundheit in Wien. Autorin: URBAS, E. – Wien, 2004 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 5 VORWORT VORWORT Psychische Störungen zählen laut Weltgesundheitsor­ ganisation zu den häufigsten Krankheitsursachen: Rund ein Viertel der Bevölkerung ist im Laufe ihres Le­ bens davon betroffen. Um erstmals eine vertiefende Darstellung der psychi­ schen Gesundheit der Wienerinnen und Wiener zu er­ halten, wurde von der Stadt Wien die Studie„Psychi­ sche Gesundheit in Wien – subjektives Empfinden und psychosoziale Faktoren“ in Auftrag gegeben. Der Schwerpunkt dieser Studie liegt in der Analyse sub­ jektiv empfundener psychischer Beschwerden, die häu­ fig eine Vorstufe psychischer Störungen darstellen. Ne­ ben der Verbreitung dieser Beschwerden in verschiede­ nen Bevölkerungsgruppen werden auch deren Bestim­ mungsfaktoren sowie deren Auswirkungen auf indivi­ dueller und institutioneller Ebene beschrieben. Ein be­ sonderes Augenmerk gilt den – zunehmend an Bedeutung erlangenden – Belastungen Erwerbstätiger. Aus der vorliegenden Studie lässt sich ersehen, dass Frauen, ältere Menschen, Arbeitslose sowie Menschen mit niedriger Bildung und geringem Einkommen über­ durchschnittlich oft von psychischen Beschwerden be­ richten. Die wichtigsten Bestimmungsfaktoren für das Vorhandensein psychischer Beschwerden sind belas­ tende Lebensereignisse und eine geringe Lebenszufrie­ denheit. Eine bedeutsame Rolle spielen zudem die Be­ lastung durch Alltagsstress, eine stark eingeschränkte körperliche Fitness sowie ein niedriges Kohärenzge­ fühl, d. h. die Umwelt wird wenig stimmig und vorher­ sehbar wahrgenommen. Auch wirken sich berufliche Belastungen, vor allem Stress und Konflikte am Ar­ beitsplatz, ungünstig auf das psychische Wohlbefinden aus. Wienerinnen und Wiener mit psychischen Be­ schwerden beurteilen ihren Gesundheitszustand deut­ lich negativer als der Durchschnitt der Bevölkerung und nehmen auch mehr Leistungen des Gesundheits­ systems in Anspruch. Um psychisches Leid zu mildern, sollten die Tabuisie­ rung psychischer Probleme durchbrochen, das Wissen über diese Thematik in der Bevölkerung erhöht, Hemmschwellen bei der Inanspruchnahme adäquater Hilfe abgebaut und die vorhandenen Versorgungsan­ gebote vermehrt publik gemacht werden. Ich hoffe, dass der vorliegende Bericht, der eine Fülle von Ergebnissen bereithält, für Sie von Interesse ist. Wien, Dezember 2004 Dr. Hannes SCHMIDL Bereichsleiter für Sozial- und Gesundheitsplanung sowie Finanzmanagement PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 7 INHALT INHALT ZUSAMMENFASSUNG SUMMARY 1 EINLEITUNG 2 DATENGRUNDLAGE UND METHODIK 3 PSYCHISCHE BESCHWERDEN 3.1 HÄUFIGKEIT PSYCHISCHER BESCHWERDEN IM ÜBERBLICK 3.2 SCHLAFSTÖRUNGEN 3.3 MÜDIGKEIT 3.4 ANGST, NERVOSITÄT 3.5 MELANCHOLIE, DEPRESSION, UNGLÜCKLICHSEIN 3.6 NIEDERGESCHLAGENHEIT, KRAFTLOSIGKEIT 3.7 GEDÄCHTNISSCHWÄCHE, KONZENTRATIONSSTÖRUNGEN 3.8 EXKURS: ARBEITSLOSIGKEIT UND PSYCHISCHE BESCHWERDEN 3.9 INDEX PSYCHISCHER BESCHWERDEN 4 DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN 4.1 BELASTUNGEN/RESSOURCEN 4.2 EIN ERKLÄRUNGSMODELL PSYCHISCHER BESCHWERDEN 5 KOMORBIDITÄT PSYCHISCHER BESCHWERDEN 5.1 ZUSAMMENHÄNGE ZWISCHEN PSYCHISCHEN BESCHWERDEN 5.2 PSYCHISCHE BESCHWERDEN UND GESUNDHEITLICHES BEFINDEN 5.3 PSYCHISCHE BESCHWERDEN UND ERKRANKUNGSHÄUFIGKEIT 6 PSYCHISCHE BESCHWERDEN UND INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITSDIENSTEN 6.1 KONSULTATION VON ÄRZTINNEN FÜR ALLGEMEINMEDIZIN 6.2 FACHARZTKONSULTATIONEN 6.3 INANSPRUCHNAHME VON PSYCHOTHERAPEUTINNEN UND PSYCHOLOGINNEN 6.4 KRANKENHAUSAUFENTHALTE 7 BERUFLICHE BELASTUNGEN UND PSYCHISCHES BEFINDEN 7.1 EINLEITUNG 7.2 DEFINITORISCHE ASPEKTE 7.3 VERBREITUNG BERUFLICHER BELASTUNGEN 7.3.1 Regionale Unterschiede 7.3.2 Bildungs- und berufsgruppenspezifische Ausprägungen 7.3.3 Zeitliche Veränderungen 7.4 AUSWIRKUNGEN BERUFLICHER BELASTUNGEN 7.4.1 Individuelle Beanspruchungsfolgen 7.4.2 Auswirkungen beruflicher Belastungen auf Betriebe und Gesundheitssystem 23 28 35 47 51 52 55 61 65 70 75 81 86 88 93 95 120 127 127 129 131 135 135 137 139 140 145 147 148 149 152 153 155 158 158 167 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 11 INHALT 7.5 MOBBING – EIN SITUATIONSBERICHT 2004 AUS WIEN 7.5.1 Zur Begriffsbestimmung 7.5.2 Zur genauen Begriffsbestimmung von Mobbing 7.5.3 Wann kann Mobbing entstehen? 7.5.4 Zum Verlauf von Mobbing 7.5.5 Folgen für die Betroffenen/Opfer 7.5.6 Situation in Wien 7.5.7 Empfehlungen 7.5.8 Literatur 7.6 MÖGLICHKEITEN DER INTERVENTION 8 SCHLUSSFOLGERUNGEN TABELLENANHANG LITERATUR 174 175 176 177 178 178 179 181 181 182 187 191 197 12 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN TABLE OF CONTENTS TABLE OF CONTENTS GERMAN SUMMARY ENGLISH SUMMARY 1 INTRODUCTION 2 SAMPLE AND METHODS 3 SOME COMMON MENTAL AND BEHAVIOURAL DISORDERS 3.1 OVERVIEW: PREVALENCE OF MENTAL HEALTH PROBLEMS 3.2 SLEEP DISORDERS 3.3 TIREDNESS 3.4 ANXIETY, NERVOUSNESS 3.5 SADNESS, DEPRESSION, UNHAPPINESS 3.6 DEPRESSED MOOD, DECREASED ENERGY 3.7 MEMORY AND CONCENTRATION PROBLEMS 3.8 EXCURSUS: UNEMPLOYMENT AND MENTAL HEALTH PROBLEMS 3.9 INDEX OF MENTAL HEALTH PROBLEMS 4 DETERMINANTS OF MENTAL HEALTH PROBLEMS 4.1 BURDENS AND RESOURCES 4.2 A MODEL OF MENTAL HEALTH PROBLEMS 5 COMORBIDITY OF MENTAL HEALTH PROBLEMS 5.1 RELATIONSHIPS BETWEEN DIFFERENT MENTAL HEALTH PROBLEMS 5.2 MENTAL HEALTH PROBLEMS AND PHYSICAL WELLBEING 5.3 MENTAL HEALTH PROBLEMS AND FREQUENCY OF ILLNESS 6 MENTAL HEALTH PROBLEMS AND USE OF PUBLIC HEALTH SERVICES 6.1 CONSULTATION OF GENERAL PRACTICIONERS 6.2 CONSULTATION OF SPECIALISTS 6.3 CONSULTATION OF PSYCHOTHERAPISTS AND PSYCHOLOGISTS 6.4 HOSPITAL STAYS 7 WORK-RELATED STRESS AND MENTAL WELL-BEING 7.1 INTRODUCTION 7.2 DEFINITIONS 7.3 PREVALENCE OF WORK-RELATED STRESS 7.3.1 Regional variations 7.3.2 Variations according to level of education and profession 7.3.3 Variations across time 7.4 CONSEQUENCES OF WORK-RELATED STRESS 7.4.1 Individual consequences of work-related stress 7.4.2 Impact of work-related stress on companies and the piblic health care system 23 28 35 47 51 52 55 61 65 70 75 81 86 88 93 95 120 127 127 129 131 135 135 137 139 140 145 147 148 149 152 153 155 158 158 167 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 13 TABLE OF CONTENTS 7.5 MOBBING – THE SITUATION IN VIENNA 2004 7.5.1 General remarks on the definition 7.5.2 An exact definition of mobbing 7.5.3 Which situations can lead to mobbing?? 7.5.4 The typical course of a mobbing situation 7.5.5 Consequences for the victims 7.5.6 The situation in Vienna 7.5.7 Recommendations 7.5.8 Bibliography 7.6 POSSIBILITIES FOR INTERVENTION 8 CONCLUSIONS TABLES BIBLIOGRAPHY 174 175 176 177 178 178 179 181 181 182 187 191 197 14 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN GRAFIKVERZEICHNIS GRAFIKVERZEICHNIS 1 EINLEITUNG Grafik 1.1: Das Kontinuum depressiver Symptome in der Bevölkerung 37 3 PSYCHISCHE BESCHWERDEN Grafik 3.1: Grafik 3.2: Grafik 3.3: Grafik 3.4: Grafik 3.5: Grafik 3.6: Grafik 3.7: Grafik 3.8: Grafik 3.9: Grafik 3.10: Grafik 3.11: Grafik 3.12: Grafik 3.13: Grafik 3.14: Grafik 3.15: Grafik 3.16: Grafik 3.17: Grafik 3.18: Grafik 3.19: Grafik 3.20: Grafik 3.21: Grafik 3.22: Grafik 3.23: Grafik 3.24: Grafik 3.25: Grafik 3.26: Grafik 3.27: Grafik 3.28: Grafik 3.29: Grafik 3.30: Grafik 3.31: Grafik 3.32: Beschwerden in Wien und Österreich 1999 nach Geschlecht Psychische Beschwerden in Wien 1999–2001 nach Geschlecht Schlafstörungen in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Schlafstörungen in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht Schlafstörungen in Wien 1999–2001 nach Haushaltseinkommen pro Kopf und Geschlecht Schlafstörungen in Wien 1999–2001 nach Art des Wohnbezirkes und Geschlecht Schlafstörungenin Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht Maßnahmen gegen Schlafstörungen in Wien 1999–2001 nach Geschlecht Müdigkeit in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Müdigkeit in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht Müdigkeit in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht Maßnahmen gegen Müdigkeit in Wien 1999–2001 nach Geschlecht Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen in Wien 1999–2001 nach Haushaltseinkommen pro Kopf und Geschlecht Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht Maßnahmen gegen Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen in Wien 1999–2001 nach Geschlecht Melancholie, Depression, Unglücklichsein in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Melancholie, Depression, Unglücklichsein in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht Melancholie, Depression, Unglücklichsein in Wien 1999–2001 nach Haushaltseinkommen pro Kopf und Geschlecht Melancholie, Depression, Unglücklichsein in Wien 1999–2001 nach Art des Wohnbezirks und Geschlecht Melancholie, Depression, Unglücklichsein in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit in Wien 1999–2001 nach Haushaltseinkommen pro Kopf und Geschlecht Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit in Wien 1999–2001 nach Art des Wohnbezirks und Geschlecht Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht Maßnahmen gegen depressive Beschwerden in Wien 1999–2001 nach Geschlecht Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen in Wien 1999–2001 nach Haushaltseinkommen pro Kopf und Geschlecht Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht 53 54 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 15 GRAFIKVERZEICHNIS Grafik 3.33: Maßnahmen gegen Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen in Wien 1999–2001 nach Geschlecht Grafik 3.34: Beschwerden in Wien 1999 nach Erwerbsstatus und Geschlecht Grafik 3.35: Psychische Beschwerden(Index) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht 4 DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Grafik 4.1: Körperliche Gewalterfahrung als Kind in der Familie(oft, gelegentlich) in Wien nach höchster Bildung der Eltern und Geschlecht der Befragten Grafik 4.2: Life Event-Belastung(Index) in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht Grafik 4.3: Häufigkeit des Leidens unter Stress im Alltagsleben in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Grafik 4.4: Häufigkeit des Leidens unter Stress im Alltagsleben in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht Grafik 4.5: Häufigkeit des Leidens unter Stress im Alltagsleben in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht Grafik 4.6: Arbeitsstress(Index) in Wien 1999–2001 nach Geschlecht Grafik 4.7: Arbeitsstress(Index) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Grafik 4.8: Arbeitsstress(Index) in Wien 1999–2001 nach beruflicher Position und Geschlecht Grafik 4.9: Arbeitsstress(Index) in Wien 1999–2001 nach Branche und Geschlecht Grafik 4.10: Arbeitsstress(Index) in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht Grafik 4.11: Lebenszufriedenheit(Index) in Wien 1999–2001 nach Geschlecht Grafik 4.12: Lebenszufriedenheit(Index) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Grafik 4.13: Lebenszufriedenheit(Index) in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht Grafik 4.14: Lebenszufriedenheit(Index) in Wien 1999–2001 nach Familienstand(Index) und Geschlecht Grafik 4.15: Lebenszufriedenheit(Index) in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft(Index) und Geschlecht Grafik 4.16: Lebenszufriedenheit(Index) in Wien 1999–2001 nach psychischen Beschwerden(Index) und Geschlecht Grafik 4.17: Kohärenzgefühl(Index) in Wien 1999–2001 und Geschlecht Grafik 4.18: Kohärenzgefühl(Index) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Grafik 4.19: Kohärenzgefühl(Index) in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht Grafik 4.20: Kohärenzgefühl(Index) in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht Grafik 4.21: Körperliche Fitness(fit genug, um all das zu tun, was man tun möchte) in Wien 1999–2001 nach Geschlecht Grafik 4.22: Körperliche Fitness(fit genug, um all das zu tun, was man tun möchte) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Grafik 4.23: Körperliche Fitness(fit genug, um all das zu tun, was man tun möchte) in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht Grafik 4.24: Körperliche Fitness(fit genug, um all das zu tun, was man tun möchte) in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht 5 KOMORBIDITÄT PSYCHISCHER BESCHWERDEN Grafik 5.1: Anzahl der psychischen Beschwerden in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht 86 87 88 96 99 100 101 102 103 103 104 105 106 109 110 111 112 113 114 115 115 116 117 118 118 119 120 128 16 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN GRAFIKVERZEICHNIS 6 PSYCHISCHE BESCHWERDEN UND INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITSDIENSTEN Grafik 6.1: Häufigkeit der Konsultation von ÄrztInnen für Allgemeinmedizin in Wien 1999 nach Zahl der psychischen Beschwerden und Geschlecht Grafik 6.2: Häufigkeit der Konsultation von FachärztInnen in Wien 1999 nach der Zahl der psychischen Beschwerden und Geschlecht Grafik 6.3: Inanspruchnahme von PsychotherapeutInnen/PsychologInnen in Wien 1999–2001 nach psychischen Beschwerden Grafik 6.4: Häufigkeit der Krankenhausaufenthalte im letzten Jahr in Wien 1999 nach der Zahl der psychischen Beschwerden und Geschlecht 7 BERUFLICHE BELASTUNGEN UND PSYCHISCHES BEFINDEN Grafik 7.1: Grafik 7.2: Grafik 7.3: Grafik 7.4: Grafik 7.5: Grafik 7.6: Anzahl der beruflichen Belastungen in Wien 1999 nach Geschlecht Berufliche Belastungen in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht Berufliche Belastungen in Wien 1999 nach beruflicher Stellung und Geschlecht Berufliche Belastungen in Wien 1991 und 1999 nach Geschlecht Psychische Beschwerden in Wien 1999 nach Anzahl der beruflichen Belastungen Häufigkeit der Konsultation von FachärztInnen im letzten Jahr in Wien 1999 nach Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht 137 139 140 142 150 153 154 155 164 173 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 17 TABELLENVERZEICHNIS TABELLENVERZEICHNIS 1 EINLEITUNG Tabelle 1.1: Internationale Klassifikation psychischer und Verhaltensstörungen(ICD-10, Kapitel V(F)) Tabelle 1.2: Dimensionen und Indikatoren für psychische Gesundheit 36 43 3 PSYCHISCHE BESCHWERDEN Tabelle 3.1: Tabelle 3.2: Tabelle 3.3: Schlafstörungen und Einnahme ärztlich verordneter Medikamente gegen Schlafstörungen durch Betroffene in Wien 1999 nach Geschlecht Nervosität und Einnahme ärztlich verordneter Medikamente gegen Nervosität durch Betroffene in Wien 1999 nach Geschlecht Psychische Beschwerden(Index) in Wien 1999–2001 nach verschiedenen soziodemografischen Merkmalen 61 70 89 4 DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Tabelle 4.1: Tabelle 4.2: Tabelle 4.3: Tabelle 4.4: Tabelle 4.5: Tabelle 4.6: Tabelle 4.7: Tabelle 4.8: Körperliche Gewalterfahrung als Kind in der Familie in Wien nach Alter und Geschlecht Life Event-Belastung(Index) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Life Event-Belastung(Index) in Wien 1999–2001 nach Familienstand und Geschlecht Persönliche finanzielle Lage in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Gefühl der ungerechten Behandlung in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Gefühl der ungerechten Behandlung in Wien 1999–2001 nach Haushaltseinkommen pro Kopf und Geschlecht Bestimmungsfaktoren psychischer Beschwerden, Multiple Klassifikationsanalyse(MCA), Gesamterklärungsbeitrag= 27 Prozent Gruppenspezifischer Erwartungswert für psychische Beschwerden(Mittelwert) 96 97 98 107 108 108 121 123 5 KOMORBIDITÄT PSYCHISCHER BESCHWERDEN Tabelle 5.1: Tabelle 5.2: Tabelle 5.3: Tabelle 5.4: Psychische Beschwerden in Wien 1999 nach Geschlecht Zusammenhänge zwischen verschiedenen psychischen Beschwerden in Wien 1999 Subjektiver Gesundheitszustand in Wien 1999 nach psychischen Beschwerden und Geschlecht Erkrankungshäufigkeit in Wien 1999 nach psychischen Beschwerden und Geschlecht 127 129 130 132 6 PSYCHISCHE BESCHWERDEN UND INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITSDIENSTEN Tabelle 6.1: Tabelle 6.2: Tabelle 6.3: Häufigkeit der Konsultation von ÄrztInnen für Allgemeinmedizin in Wien 1999 nach psychischen Beschwerden und Geschlecht Häufigkeit der Konsultation von FachärztInnen in Wien 1999 nach psychischen Beschwerden und Geschlecht Häufigkeit der Krankenhausaufenthalte im letzten Jahr in Wien 1999 nach psychischen Beschwerden und Geschlecht 136 138 141 7 BERUFLICHE BELASTUNGEN UND PSYCHISCHES BEFINDEN Tabelle 7.1: Tabelle 7.2: Tabelle 7.3: Tabelle 7.4: Tabelle 7.5: Tabelle 7.6: Berufliche Belastungen in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht und in Österreich Zusammenhänge zwischen beruflichen Belastungen in Wien 1999 nach Geschlecht Anzahl der beruflichen Belastungen in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht Berufliche Belastungen in Wien 1991 und 1999 nach Bildung und Geschlecht Berufliche Belastungen in Wien 1991 und 1999 nach beruflicher Stellung und Geschlecht Folgen von Fehlbeanspruchung für Gesundheit, Wohlergehen und die Bewältigung von Arbeitsanforderungen 150 151 152 157 158 159 18 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN TABELLENVERZEICHNIS Tabelle 7.7: Selbsteinschätzung der Gesundheit in Wien 1999 nach der Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht Tabelle 7.8: Selbsteinschätzung der Gesundheit in Wien 1999 nach Art der beruflichen Belastung und Geschlecht Tabelle 7.9: Anzahl der psychischen Beschwerden in Wien 1999 nach der Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht Tabelle 7.10: Anzahl psychischer Beschwerden in Wien 1999 nach Art der beruflichen Belastungen und Geschlecht Tabelle 7.11: Psychische Beschwerden in Wien 1999 nach Art der beruflichen Belastungen und Geschlecht Tabelle 7.12:(Psycho)somatische Beschwerden in Wien 1999 nach Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht Tabelle 7.13: Rauchverhalten in Wien 1999 nach Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht Tabelle 7.14: Arbeitszufriedenheit in Wien 1999–2001 nach Arbeitsbelastung/Arbeitsstress und Geschlecht Tabelle 7.15: Erkrankungshäufigkeit im letzten Jahr in Wien 1999 nach Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht Tabelle 7.16: Erkrankungshäufigkeit im letzten Jahr in Wien 1999 nach Art der beruflichen Belastung und Geschlecht Tabelle 7.17: Häufigkeit der Konsultation eines Arztes/einer Ärztin für Allgemeinmedizin im letzten Jahr in Wien 1999 nach Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht Tabelle 7.18: Häufigkeit der Konsultation eines Arztes/einer Ärztin für Allgemeinmedizin im letzten Jahr in Wien 1999 nach Art der beruflichen Belastungen und Geschlecht 160 161 162 163 165 166 167 168 169 170 171 172 TABELLENANHANG Tabelle A 4.1: Zufriedenheit mit dem Leben insgesamt in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Tabelle A 5.1: Zahl der psychischen Beschwerden in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht Tabelle A 7.1: Häufigkeit der Konsultation von FachärztInnen im letzten Jahr in Wien 1999 nach Art der beruflichen Belastung und Geschlecht Tabelle A 7.2: Häufigkeit der Konsultation von FachärztInnen im letzten Jahr in Wien 1999 nach Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht 191 191 192 193 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 19 ZUSAMMENFASSUNG SUMMARY ZUSAMMENFASSUNG ZUSAMMENFASSUNG Psychische Störungen tragen entscheidend zur gesam­ ten Krankheitslast bei. Laut Weltgesundheitsorganisa­ tion erkranken über 25 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens(Lebensszeitprävalenz) an mindes­ tens einer klinisch bedeutsamen psychischen Störung, einschließlich Alkoholismus, etwa 10 Prozent der Be­ völkerung sind zu einem bestimmten Zeitpunkt (Punktprävalenz) betroffen. Das Risiko, psychisch zu erkranken, ist allerdings in der Bevölkerung ungleich verteilt. In Wien(und Österreich) fehlen zwar Studien zur Prä­ valenz psychischer Störungen, deren gesellschaftliche Bedeutung wird jedoch auch aufgrund verschiedener anderer Kennziffern deutlich: ● Ca. 7 Prozent der stationären Aufenthalte der Wohn­ bevölkerung Wiens sind auf psychische Störungen (Hauptdiagnose) zurückzuführen(Stand 2000). Die Zahl der psychiatrischen Hospitalisationen zeigt ei­ ne steigende Tendenz. ● 1,7 Prozent der Männer und 2,8 Prozent der Frauen ab 16 Jahren in Wien haben laut Wiener Gesund­ heits- und Sozialsurvey 2001 in den letzten drei Monaten vor der Befragung nach Eigenangaben von der Wiener Bevölkerung sogar eine(n) Psycho­ therapeuten/in bzw. Psychologen/in aufgesucht. ● In Österreich wurden im Jahr 1999 von niedergelas­ senen ÄrztInnen rund 6,2 Mio. Packungen Psycho­ pharmaka verordnet. Die verordnete Menge an Psychopharmaka, und darunter vor allem an Anti­ depressiva, zeigt eine stark steigende Tendenz. ● Im Jahr 2001 waren unter den Versicherten der Wie­ ner Gebietskrankenkasse 4,5 Prozent der Kranken­ standstage durch psychische Störungen bedingt. ● Österreichweit ist ca. ein Viertel der Neuzugänge an Pensionen durch geminderte Arbeitsfähigkeit bzw. durch dauernde Erwerbsunfähigkeit auf psy­ chische Erkrankungen zurückzuführen(Stand 2000). ● Suizide sind für einen beachtlichen Teil der poten­ ziell verlorenen Lebensjahre verantwortlich. Trotz rückläufiger Suizidsterblichkeit nehmen sich pro Jahr in Wien ca. 270 Menschen(Stand 2001) das Leben. Und zwar mehr Männer als Frauen. Eine besondere Risikogruppe sind auch ältere Men­ schen. Von den im Jahr 2001 in Wien war etwa je­ der fünfte an Suizid verstorbene Mann 65 Jahre oder älter, bei den Frauen etwa jede dritte. ● Obwohl in Österreich(selbst berichtete) psychi­ sche Gesundheitsprobleme(mit einer Punktprä­ valenz von ca. einem Fünftel Betroffener) etwas weniger häufig sind als im Durchschnitt der Euro­ päischen Union(mit nahezu einem Viertel Betrof­ fener), liegt Österreich(Stand 1999) beim Suizid bei beiden Geschlechtern sowohl in der Alters­ gruppe der unter als auch über 65-Jährigen deut­ lich über dem Durchschnitt der Europäischen Union(EU-15) 1 . Bei den älteren Menschen(d. h. den über 65-Jährigen) hat Österreich bei beiden Geschlechtern die höchste Selbstmordrate, und zwar ist diese sogar höher als in den zehn neuen Beitrittsländern. 2 ● Gleichzeitig fällt aber im internationalen Vergleich für Österreich bei psychischen Gesundheitsproble­ men eine vergleichsweise seltene Inanspruchnah­ me professioneller Hilfe durch PsychiaterInnen oder PsychologInnen auf. ● Aufgrund der großen Bedeutung psychischer Stö­ rungen und Probleme scheint eine systematische Bestandsaufnahme umso dringender. Die vorliegende Publikation bietet eine aktuelle Über­ sicht zu psychischen Beschwerden in der Wiener Be­ völkerung, d. h. selbst berichteten psychischen Pro­ blemen. Untersucht werden die Verbreitung psychi­ scher Beschwerden in verschiedenen Bevölkerungs­ gruppen, die Bestimmungsfaktoren psychischer Be­ schwerden sowie Auswirkungen psychischer Be­ schwerden auf individueller, institutioneller und Systemebene. Unter den Bestimmungsfaktoren von Bedeutung sind vor allem Belastungen und Ressour­ cen. Auch hier geht es vor allem darum festzustellen, wie diese in verschiedenen Bevölkerungsgruppen ver­ teilt sind. Besonderes Augenmerk im Rahmen des vorliegenden Berichts gilt des Weiteren den subjekti­ ven Belastungen Erwerbstätiger und deren Auswir­ kungen auf das psychische Befinden. Ein Thema, des­ sen Bedeutung sowohl unter individuellen als auch 1 Gemeint sind die 15 Staaten der Europäischen Union vor dem Beitritt der neuen Länder im Mai 2004. 2 Gemeint sind die zehn Staaten, die im Mai 2004 der Europäischen Union beigetreten sind. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 23 ZUSAMMENFASSUNG betriebs- und volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten zunehmend steigt und laut Expertenmeinung noch weiter ansteigen wird. Verbreitung psychischer Beschwerden Bei 9 Prozent der Wiener Bevölkerung findet sich ein hohes Ausmaß an psychischen Beschwerden, bei 30 Prozent ein mittleres. Am häufigsten sind Müdigkeit und Schlafstörungen, die jedoch nicht immer psychi­ schen Ursprungs sind. Bei den Männern folgen an drit­ ter Stelle Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit, bei den Frauen Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen. Frauen haben häufiger psychische Beschwerden als Männer. Besonders betroffen sind ältere Menschen(ab 75 Jahre). Aber auch bei den 45- bis 59-Jährigen, insbe­ sondere den Frauen, sind einzelne psychische Be­ schwerden überdurchschnittlich häufig. Als Ursachen sind psychosoziale Faktoren(Probleme älterer Arbeit­ nehmerinnen, Auszug der Kinder, vermehrtes Auftre­ ten von Krankheiten etc.) sowie die im Zusammenhang mit der Menopause stehenden hormonellen Verände­ rungen zu nennen. Im frühen Pensionsalter entspannt sich die Situation wieder etwas. Im hohen Alter(ab 75 Jahren) nehmen psychische Beschwerden allerdings wiederum merkbar zu. Auffallend ist ein hohes Ausmaß an psychischen Be­ schwerden bei Arbeitslosen. Durchgängige Bildungs­ und Einkommensunterschiede hinsichtlich des Auf­ tretens psychischer Beschwerden sind nur zum Teil, und wenn, dann eher bei den Frauen zu beobachten. Unter Einbeziehung des Ausmaßes psychischer Be­ schwerden(vgl. dazu die Ergebnisse zum Index psy­ chischer Beschwerden) treten Bildungs- und Ein­ kommensunterschiede(aber auch hier wiederum vor allem bei den Frauen) deutlich zutage: Je niedriger die Bildung und das Einkommen, desto häufiger fin­ det sich ein hohes Ausmaß psychischer Beschwer­ den. Zum Teil finden sich psychische Beschwerden gehäuft unter den in Arbeiterbezirken mit hohem Ausländer­ anteil lebenden Personen, interessanterweise aber ebenso unter den in Nobelbezirken Wohnenden. Einer der Gründe für das gehäufte Vorkommen psychischer Beschwerden in den Nobelbezirken ist die Alterszu­ sammensetzung bzw. das hohe Durchschnittsalter in diesen Bezirken. Auffallend ist des Weiteren die starke Verbreitung psy­ chischer Beschwerden unter österreichischen Staats­ bürgerInnen sowie unter Personen mit türkischer Staatsbürgerschaft, insbesondere den Frauen. Perso­ nen mit Staatsbürgerschaft eines Staates Ex-Jugoslawi­ ens dagegen geben nur vergleichsweise selten psychi­ sche Beschwerden an. Der überwiegende Teil der Betroffenen unternimmt nichts gegen psychische Beschwerden. Neben sonsti­ gen, nicht näher bezeichneten Maßnahmen, stehen in der Regel der Griff in die Hausapotheke und die Arzt­ konsultation im Vordergrund. Frauen sind eher bereit als Männer, etwas gegen bestehende Beschwerden zu unternehmen. Determinanten psychischer Beschwerden Unter Aspekten des Monitoring und unter Berücksich­ tigung theoretischer Ansätze sind vor allem Belastun­ gen(Stress, Mangellagen) und Ressourcen(soziale, personale) sowie Verhaltensweisen und Bewältigungs­ strategien(Coping 3 , Gesundheits- und Krankheitsver­ halten einschließlich der Inanspruchnahme professio­ neller Hilfe) für das Auftreten psychischer Beschwer­ den von Bedeutung. Es wurde daher zunächst unter­ sucht, wie Belastungen und Ressourcen(körperliche Gewalterfahrung in der Kindheit, Belastung durch Le­ bensereignisse, Alltags- und Arbeitsstress, persönliche finanzielle Lage, Lebenszufriedenheit, Kohärenzgefühl und körperliche Fitness) in der Bevölkerung verteilt sind. Im Anschluss daran wurde mittels multipler Klas­ sifikationsanalyse herausgefiltert, welche Faktoren ver­ antwortlich für das Ausmaß psychischer Beschwerden sind. Die vorliegende Analyse macht deutlich, dass Belastun­ gen und Ressourcen sozial ungleich verteilt sind. So etwa fühlen sich Frauen häufiger als Männer durch Lebens­ ereignisse belastet, leiden tendenziell häufiger unter All­ tags- und Arbeitsstress und leben häufiger unter schwie­ rigen finanziellen Bedingungen. Frauen sind auch weni­ ger mit ihrem Leben zufrieden als Männer, haben ein niedrigeres Kohärenzgefühl(Stimmigkeit mit sich und der Welt) und fühlen sich seltener körperlich fit als Män­ 3 Der Begriff des Coping zielt auf die individuelle Fähigkeit ab, mit belastenden Lebenssituationen umzugehen. 24 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN ZUSAMMENFASSUNG ner. Letztere erfahren allerdings in ihrer Kindheit häufi­ ger als Frauen körperliche Gewalt in der Familie. Besonderen Belastungen unterliegen alte Menschen, insbesondere ältere Frauen. Sie leiden überdurch­ schnittlich häufig unter schwierigen finanziellen Be­ dingungen, mangelnder körperlicher Fitness und sind wenig mit ihrem Leben zufrieden. Belastende Lebens­ ereignisse spielen bei ihnen ebenfalls eine nicht uner­ hebliche Rolle. Von den Familienstandsgruppen am meisten durch Le­ bensereignisse belastet fühlen sich die Geschiedenen, dies wirkt sich auch negativ auf ihre Lebenszufrieden­ heit aus. Am seltensten ist eine hohe Life Event-Belas­ tung unter Verheirateten, sie sind auch am meisten mit ihrem Leben zufrieden. Durchgängige Bildungsunterschiede hinsichtlich der untersuchten Belastungen bzw. Ressourcen sind nur zum Teil zu beobachten. Als stark bildungsabhängig er­ weist sich die körperliche Gewalterfahrung als Kind in der Familie: Je niedriger das Bildungsniveau der Eltern desto häufiger ist Gewalt gegenüber Kindern. Von den Bildungsgruppen am wenigsten mit ihrem Leben zu­ frieden sind Frauen mit Pflichtschulbildung, auch ihr Kohärenzgefühl ist vergleichsweise gering. Am häufigs­ ten unter Alltagsstress leiden die Akademikerinnen, Arbeitsstress hingegen findet sich am häufigsten bei den in Führungspositionen Tätigen, insbesondere den Frauen, aber auch Männer in unqualifizierten Berufen berichten überdurchschnittlich häufig über Arbeits­ stress. Nach Branchen ist Arbeitsstress besonders häu­ fig bei den im Baugewerbe und im Handel tätigen Män­ nern sowie bei Frauen im öffentlichen Dienst. Zu beobachten ist eine Ungleichverteilung von Belas­ tungen und Ressourcen zwischen österreichischen StaatsbürgerInnen und MigrantInnen. Insbesondere Frauen mit türkischer Staatsbürgerschaft fühlen sich überdurchschnittlich häufig durch Lebensereignisse belastet, leiden überdurchschnittlich häufig unter All­ tagsstress, sind nur wenig mit ihrem Leben zufrieden, haben ein niedriges Kohärenzgefühl und eine geringe körperliche Fitness. Arbeitsstress ist unter türkischen StaatsbürgerInnen sowie unter StaatsbürgerInnen der Staaten Ex-Jugoslawiens am verbreitetsten. Nach den Ergebnissen der multiplen Klassifikations­ analyse erweisen sich belastende Lebensereignisse und die Lebenszufriedenheit als die wichtigsten Bestim­ mungsfaktoren psychischen Befindens. Aber auch Ar­ beits- und Alltagsstress sowie Persönlichkeitsmerkma­ le, welche die Stimmigkeit mit der Welt und sich selbst – einschließlich dem eigenen Körper – signalisieren (wie das Kohärenzgefühl und körperliche Fitness), spielen eine wichtige Rolle. Psychische Beschwerden sind demnach vor allem bei hoher Belastung durch Le­ bensereignisse, hohem Arbeitsstress, bei sehr häufigem („oft“) Alltagsstress, niedriger Lebenszufriedenheit, stark eingeschränkter körperlicher Fitness(„selten“ bzw.„nie“ fit genug) und niedrigem Kohärenzgefühl zu erwarten. Personen, die mit ihrem Leben zufrieden sind, ein ho­ hes Kohärenzgefühl haben und körperlich fit sind, wo­ bei körperliche Fitness auch Aktivität und körperliches Wohlbefinden signalisiert, gelingt es anscheinend eher mit belastenden Situationen fertig zu werden, als jenen, denen es an den genannten Voraussetzungen fehlt. Als besondere Problemgruppe konnten anhand der multiplen Klassifikationsanlyse die über 75-jährigen Österreicherinnen mit Kleinstrenten, einer hohen Be­ lastung durch Lebensereignisse(wie etwa den Tod na­ he stehender Personen), einer niedrigen Lebenszufrie­ denheit, schlechter körperlicher Fitness, niedrigem Ko­ härenzgefühl und häufigem Alltagsstress identifiziert werden. Diese Bevölkerungsgruppe weist ein mehr als fünfmal höheres Niveau an psychischen Beschwerden als die untersuchte Gesamtpopulation auf. Auswirkungen psychischer Beschwerden Personen mit psychischen Beschwerden beurteilen ih­ ren Gesundheitszustand deutlich negativer als der Durchschnitt der Bevölkerung bzw. als Personen ohne Beschwerden und sind häufiger krank. Besonders deut­ lich wirkt sich Niedergedrücktheit(Depressionen) auf das gesundheitliche Befinden und die Erkrankungs­ häufigkeit aus. Zudem verschlechtert sich das gesund­ heitliche Befinden mit zunehmender Zahl psychischer Beschwerden. Personen mit psychischen Beschwerden sind nicht nur häufiger krank, sondern nehmen auch häufiger Leistungen des Gesundheitssystems in Anspruch. Sie konsultieren häufiger ÄrztInnen für Allgemeinmedi­ zin sowie FachärztInnen und haben auch häufiger Krankenhausaufenthalte als der Durchschnitt der BePSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 25 ZUSAMMENFASSUNG völkerung bzw. als Personen ohne entsprechende Be­ schwerden. Die Häufigkeit der Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten steigt in der Regel mit der Zahl der vorhandenen psychischen Beschwerden. Aller­ dings nimmt, selbst bei Vorhandensein schwerwie­ gender psychischer Beschwerden, nur ein Bruchteil psychotherapeutische bzw. psychologische Hilfe in Anspruch. Berufliche Belastungen und psychisches Befinden Untersucht werden des Weiteren die Auswirkungen beruflicher Belastungen auf das psychische Befinden. In einem ersten Schritt werden Ausmaß und Verbrei­ tung beruflicher Belastungen unter den Erwerbstätigen beschrieben und im Anschluss daran Auswirkungen beruflicher Belastungen auf personeller und institutio­ neller Ebene untersucht. Knapp 60 Prozent der Erwerbstätigen in Wien(Männer wie Frauen) fühlen sich(einer oder mehreren) berufli­ chen bzw. Zusatzbelastungen ausgesetzt. Über 40 Pro­ zent leiden unter starkem Zeitdruck, je ca. ein Fünftel berichtet über Belastungen aufgrund schwerer körper­ licher Arbeit und Konflikten am Arbeitsplatz. Jede/r achte Erwerbstätige leidet unter der Mehrfachbelas­ tung von Haushalt, Kindern und Beruf, ca. 2 Prozent berichten von einer Mehrfachbelastung durch Pflege­ fälle in der Familie und Beruf. Männer sind häufiger als Frauen Belastungen aufgrund schwerer körperlicher Arbeit und starkem Zeitdruck ausgesetzt, bei Frauen kommt die Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kinder und Beruf sowie durch Pflegefälle in der Familie und Beruf stärker zum Tragen. Belastungen aufgrund von Konflikten am Arbeitsplatz finden sich bei beiden Ge­ schlechtern in etwa gleich häufig. In Wien sind berufliche Belastungen insgesamt etwas seltener als im gesamten Bundesgebiet. Maßgebend da­ für dürften Unterschiede in der Struktur der Erwerbs­ tätigkeit und der Verfügbarkeit entlastender Angebote in den Bereichen Kinderbetreuung und Pflege sein. Auch Faktoren wie z. B. Unterschiede in der Pflegeori­ entierung spielen eine Rolle. Während in Wien die Be­ lastung aufgrund körperlicher Arbeit, die Mehrfachbe­ lastung durch Haushalt, Kinder und Beruf sowie durch Pflege naher Angehöriger und Beruf seltener ist, spielen Konflikte am Arbeitsplatz in Wien eine größere Rolle als im gesamten Bundesgebiet. Die Belastung aufgrund starken Zeitdrucks ist in Wien ähnlich häufig wie im gesamten Bundesgebiet. Die untersuchten Belastungsfaktoren sind je nach Bil­ dungsniveau und beruflicher Stellung unterschiedlich ausgeprägt, wobei zudem geschlechtsspezifische Aus­ prägungen zum Tragen kommen. So zeichnet sich z. B. bei den Männern insgesamt ein Trend der stärkeren Belastung in den höheren Bildungsgruppen ab, bei den Frauen eher in den mittleren. Belastung durch schwere körperliche Arbeit findet sich erwartungsgemäß am häufigsten bei Arbeitern und Ar­ beiterinnen. Starker Zeitdruck wird unter den männli­ chen Erwerbstätigen von Selbständigen und Angestell­ ten am meisten beklagt, unter den weiblichen von Facharbeiterinnen und Angestellten. Konflikte am Ar­ beitsplatz sind am häufigsten unter BeamtInnen und Angestellten. Die Mehrfachbelastung von Haushalt, Kinder und Beruf ist innerhalb der Berufsgruppen rela­ tiv gleichmäßig verteilt. Die Mehrfachbelastung durch Beruf und Pflegefälle ist unter Selbständigen, für wel­ che die Pflege naher Angehöriger und Beruf noch am ehesten zu vereinbaren sind, am häufigsten. Laut Mikrozensus ist in Wien(ebenso wie österreich­ weit) die Gesamtbelastung der Erwerbstätigen seit 1991 deutlich gestiegen. Ein solcher Anstieg ist nahezu in al­ len Bildungs- und Berufsgruppen zu beobachten. Zu­ nehmend beklagt wird vor allem der starke Zeitdruck. Verstärkt wahrgenommen werden aber auch Konflikte am Arbeitsplatz sowie die Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kinder und Beruf sowie durch die Pflege na­ her Angehöriger und Beruf. Obwohl Frauen in diesen Bereichen noch immer die Hauptlast tragen und auch wesentlich häufiger als Männer über diesbezügliche Belastungen berichten, werden im Vergleich zu etwa vor einem Jahrzehnt auch von den Männern vermehrt solche Mehrfachbelastungen angegeben. Allerdings noch immer deutlich seltener als von den Frauen. Die Vermutung, körperliche Belastungen würden unter den Erwerbstätigen in einem Ausmaß abnehmen, dass sie praktisch bedeutungslos werden, stellt sich auf­ grund der vorliegenden Ergebnisse als Fehlschluss her­ aus. Auch Belastungen aufgrund schwerer körperlicher Arbeit sind im Vergleich zu 1991 merkbar gestiegen. Die subjektiv empfundenen beruflichen Belastungen haben sowohl für die Betroffenen als auch für die Be­ triebe und das Gesundheitssystem bedeutsame Folgen. 26 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN ZUSAMMENFASSUNG Personen, die sich beruflichen Belastungen ausgesetzt fühlen, beurteilen ihren Gesundheitszustand deutlich negativer als Personen, die keine Belastungen angeben, wobei sich auch die Zahl der empfundenen beruflichen Belastungen auswirkt. Berufliche Belastungen wirken sich auch auf das psychische Wohlbefinden aus. Und zwar sind psychische Beschwerden umso häufiger, je mehr berufliche Belastungen vorhanden sind. Auffal­ lend ist, dass sich bei den Frauen berufliche Belastun­ gen noch deutlicher auf die Psyche auswirken als bei Männern. Frauen sind allerdings im Vergleich zu Män­ nern auch eher bereit, über ihre psychischen Probleme zu sprechen. Bei Vorhandensein beruflicher Belastun­ gen vermehrt zu beobachten sind Schlafstörungen, Schwäche/Müdigkeit, Nervosität, Niedergedrücktheit (Depressionen), aber auch(psycho)somatische Be­ schwerden wie Kreislaufstörungen, Herzbeschwerden, Kopfschmerzen/Migräne, Rücken- bzw. Kreuzschmer­ zen, Gelenks-, Nerven- und Muskelschmerzen an Hüf­ te, Bein bzw. Schulter, Arm. Erwerbstätige, die von be­ ruflichen Belastungen berichten, neigen zudem eher zu gesundheitsschädigendem Verhalten(wie z. B. Rau­ chen). Erwerbstätige, die beruflichen Belastungen unterlie­ gen, sind häufiger krank, d. h. vom Arbeitsplatz abwe­ send und nehmen auch häufiger Leistungen des Ge­ sundheitssystems(Arztbesuche, Krankenhausaufent­ halte etc.) in Anspruch. Mobbing – ein Situationsbericht aus Wien In den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde das zunehmend aggressive Verhalten zwischen Beschäftigten(Entwertung, persönliche Angriffe, Schi­ kanen, Ausgrenzung, Benachteiligung, Isolierung) erstmals erforscht. Die beschriebenen Verhaltenswei­ sen verfolgen das Ziel, die angegriffene Person aus dem Arbeitsverhältnis auszustoßen. Dieses Phänomen wur­ de als Mobbing bezeichnet. Auffallend in Mobbingver­ läufen ist die kühle, strategische Planung auf TäterIn­ nenseite und die hochgradige Emotionalisierung auf der Opferseite. Verursacht wird Mobbing auf der betrieblichen Ebene – durch„Organisationsstress“, mangelndes Führungs­ verhalten, durch die„exponierte Stellung“ des Betroffe­ nen(häufig: besonders engagierte MitarbeiterInnen) – und nicht durch die Persönlichkeit des Opfers. Mobbingvorgänge zeigen ein typisches Verlaufssche­ ma: Zu Beginn des Mobbingprozesses wird das Opfer zunehmend entwertet. Damit wird die Grundlage ge­ schaffen, spätere Aggressionen ohne Schuldgefühle durchführen zu können. Danach wird das Mobbingop­ fer isoliert und öffentlich lächerlich gemacht. In der Endphase erfolgt das Hinausdrängen der Zielperson durch Beschuldigungen, psychisch krank zu sein, durch Zwangsbegutachtungen oder durch körperliche Attacken. Die Betroffenen bilden im Mobbingverlauf zunehmend eine stressassoziierte Symptomatik aus: Konzentrati­ onsprobleme, Gedächtnisstörungen, Gedankenkreisen, Selbstunsicherheit, Selbstzweifel, Verzweiflung, Angst­ zustände, Überaktivität oder Rückzug, Depressivität, u. U. Aggressivität, Überempfindlichkeit, Selbstmord­ gedanken. Zudem kommt es im Mobbingverlauf auch häufig zu körperlichen Erkrankungen wie Bluthoch­ druck, Diabetes, Allergien, Asthma und Erkrankungen des Bewegungsapparates. Laut einer in den 90er Jahren in Österreich durchge­ führten Untersuchung beträgt die Betroffenheitsquote in Österreich 4,4 bis 7,8 Prozent. Geschlechtsspezifi­ sche Unterschiede wurden dabei nicht festgestellt. Der deutsche Mobbingreport(2000) kommt zu einer aktu­ ellen Mobbingquote von 2,7 Prozent sowie zu einer Ge­ samtmobbingquote(diese inkludiert alle jemals Ge­ mobbten) von 11 Prozent. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 27 SUMMARY SUMMARY Mental disorders contribute significantly to the overall burden of disease. According to the World Health Or­ ganization, more than 25 percent of all people are af­ fected by at least one clinically significant mental or be­ havioural disorder(including alcohol dependence) at some time during their lives(lifetime prevalence). They are present at any point in time in about 10 percent of the population(point prevalence). The risk of a mental disorder, however, is not equally distributed among the population. While there are no studies in Vienna(or Austria) on the prevalence of mental disorders, a number of other pa­ rameters make their impact on society evident: ● Approximately 7 percent of all hospital stays are due to mental disorders(main diagnosis only)(data for 2000). The number of hospitalisations due to mental disorders in Vienna is increasing. ● In the Vienna Health and Social Survey 2001, 1.7 percent of all men and 2.8 percent of all women in Vienna above age 16 reported that they had consult­ ed a psychotherapist or psychologist in the three months preceding the survey. ● In Austria in 1999, medical practicioners prescribed approx. 6.2 million packages of psychopharmaceuti­ cals. The number of psychopharmaceutical and, in particular, antidepressant, prescriptions is increas­ ing. ● In 2001, 4.5 percent of all sick leave days of persons insured with the Vienna Health Insurance Fund were due to mental disorders. ● Approximately a quarter of all new retirements due to reduced working capacity or occupational disabil­ ity are due to mental disorders(data for 2000). ● Suicides are responsible for a significant part of po­ tential lost life years. Despite an overall reduction in suicides still approximately 270 persons in Vienna (data for 2001) commit suicide every year, men more often than women. Elderly persons are a particular risk group. In 2001, approximately one in five of all male and one in three of all female suicides were in the age group 65 and above. ● Despite the fact that the rate of(self-reported) mental health problems in Austria is slightly lower(a point prevalence of approx. one in five) than the European Union average(nearly one in four), Austria(data for 1999) is significantly above the EU-15 average for suicides, for both genders in both the age groups be­ low and above 65 years. For the age group 65 years and above, Austria even has the highest suicide rate in the EU-15 4 for both genders; it even exceeds the average for the ten new EU member states 5 . ● At the same time, international comparison reveals that in Austria, psychiatrists and psychologists are consulted comparatively rarely. Due to the enormous significance of mental health problems and disorders a systematic review appears important. This publication provides an overview of the currently available data on self-reported mental disorders and mental health problems in Vienna. It dis­ cusses the prevalence of mental health problems in dif­ ferent population groups, their determinants, and their consequences at the individual, institutional and sys­ tem levels. Determinants of particular importance are burdens and resources. One of the goals of this report was to examine their distribution in different popula­ tion groups. Another focal point of this report is the stress experienced by economically active persons and its impact on their mental well-being. This topic has be­ come increasingly important for the individual person as well as for companies, employers and the national economy, and experts predict that this importance will continue to increase in the future. Mental health problems 9 percent of the Viennese population have severe and 30 percent have moderate mental health problems. Tiredness and sleep disturbances are the most common ones – these however do not always have psychological reasons- followed by depressive mood and decreased energy for men and anxiety, nervousness, restlessness and uneasiness for women. 4 This refers to the 15 European Union Member States prior to the accession of the new Member States in May 2004. 5 This refers to the 10 states that joined the European Union in May 2004. 28 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN SUMMARY Mental health problems are more common in women than in men. The rate is particularly high for elderly persons(75 and older), but the age group 45 to 59 also shows an above average prevalence for individual dis­ orders, in particular in women. The main causes are psychosocial factors(problems of older employees, chil­ dren leaving home, increased occurrence of illnesses, etc.) and hormonal changes occurring with meno­ pause. With retirement, the situation usually improves slightly, but in old age(from age 75 on) the prevalence of mental health problems increases again. Mental health problems are particularly common in unemployed persons. An overall relation between the level of education and income and mental health prob­ lems, however, cannot be observed; they are linked, in particular for women, but there is no complete correla­ tion. When the severity of mental health problems is taken into account(cf. results on the index of mental disorders), differences in education and income be­ come apparent(primarily for women): the lower the level of education and the income, the higher the prob­ ability of severe mental health problems. There is also a high prevalence of mental health problems in some parts of working-class districts with a large im­ migrant population, but it is also above average in the upper-class districts. One of the reasons for the high prev­ alence in the upper-class districts is the age structure – they have a comparatively high average age. The majority of persons with mental health problems do not try to treat them in any way. For those who do, self-medication and consulting a doctor, in addition to other, unspecified, measures, are the most common measures. Women are generally more prepared to try to do something against their mental health problems than men. Determinants of mental health problems Taking into account monitoring and different theoreti­ cal approaches, burdens(stress, deprivation) and re­ sources(social as well as personal), behaviour and cop­ ing strategies(coping with adverse circumstances, health and illness behaviour including the seeking of professional help) can be identified as important fac­ tors in the emergence of mental health problems. There­ fore the first section of the relevant chapter examines the distribution of burdens and personal resources among different population groups(physical abuse during childhood, life events, stress in everyday life and at the workplace, financial situation, satisfaction with one’s life, sense of coherence, and physical fitness). This is followed by a multiple classification analysis in order to determine which factors influence the severity of mental health problems. The analysis shows that the burdens and resources are not distributed equally. For example, women experi­ ence more stress from life events than men. They also suffer more from general and work-related stress and have to cope more frequently with difficult economic situations. Women are also less satisfied with their lives than men, have a lower sense of coherence and feel less physically fit. Men, on the other hand, have experi­ enced domestic violence during childhood more fre­ quently than women. Senior citizens, in particular women, experience an in­ creased burden. The proportion of elderly persons liv­ ing in difficult economic conditions is above average, they frequently do not feel physically fit and their satis­ faction with their life is very low. Adverse life events are also common. The marital status also plays a role: Divorced persons feel most burdened by negative life events. This also has a negative effect on their satisfaction with their life sit­ uation. A high life event burden is least common among married persons, and they also feel most satis­ fied with their lives. Differences in level of education can only partially be linked to these factors. Experiencing physical violence during childhood has a very strong correlation with ed­ ucation: the lower the level of education of the parents, the more frequent is physical abuse of the children. Women with compulsory education only are least satis­ fied with their lives and their sense of coherence is also relatively low. Female university graduates experience most stress in everyday life, while persons in executive positions(in particular women) and men in unskilled labour experience an above average level of work-relat­ ed stress. By professions, work-related stress is highest for men in the construction sector and in retail and women in civil service. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 29 SUMMARY There are significant differences in the distribution of burdens and resources among Austrian citizens and immigrants. Particularly women of Turkish nationali­ ty experience an above average burden by life events, their everyday stress levels are above average and they are not very satisfied with their lives. They also have a low sense of coherence and low physical fitness. Work­ related stress is particularly common among immi­ grants from Turkey and former Yugoslavia. The multiple classification analysis shows that adverse life events and satisfaction with one’s life are the most important determinants of mental well-being, but stress in everyday life and at the workplace, and per­ sonality traits that show that someone feels at ease with the world and themselves(including their own body), i.e. sense of coherence and physical fitness, play an im­ portant role as well. Mental health problems are to be expected most frequently when there is a high impact of negative life events, significant work-related stress, fre­ quent everyday stress(“frequently”), low life satisfac­ tion, very low physical fitness(“rarely” or“never” fit enough) and a low sense of coherence. Individuals who are satisfied with their life, have a high sense of coherence and are physically fit are apparently able to cope with difficult life situations better than oth­ ers. It should be noted that physical fitness is usually al­ so linked to physical activity and a sense of well-being, thus adding to the coping ability. Austrian citizens above age 75 with a minimum pen­ sion, a high impact of negative life events(such as death of family members or friends), low life satisfac­ tion, low physical fitness, low sense of coherence, and frequent everyday stress, were identified as a particular risk group in this multiple classification analysis. The level of mental health problems in this group is more than five times higher than the average. The impact of mental health problems Persons with mental health problems have a signifi­ cantly worse subjective state of health than the popula­ tion average or persons without mental disorders, and they are also more frequently physically ill. Depression has a particularly negative impact on physical well-be­ ing and frequency of illness. An increase in the number of mental health problems also decreases physical well­ being and increases the frequency of illness. Persons with mental health problems are not only ill more often, they also make more use of public health services. They consult general practitioners and spe­ cialists more often and are also more frequently in in­ patient treatment than the population average or per­ sons without mental health problems. The use of health services usually increases with the number of coexisting mental health problems. Only a minority, however, seek psychotherapeutic or psychological as­ sistance, even if the mental health problems are se­ vere. Work-related stress and mental well-being The report also discusses the impact of work-related stress on the mental well-being of economically active persons. First it describes the prevalence and severity of work-related stress among economically active per­ sons, followed by an analysis of their consequences at the personal and institutional level. Nearly 60 percent of all economically active persons in Vienna(men and women alike) report one or more work-related or other stress factors. More than 40 per­ cent feel strongly pressed for time, approximately one in five of both men and women feel burdened by heavy physical labour or conflicts at the workplace. One in eight have a dual workload trying to reconcile work, household and family, 2 percent have a dual workload due to a family member requiring nursing care. Men have a higher burden of heavy physical labour and time pressure than women, while women are more frequent­ ly affected by the dual workload of employment, chil­ dren and household, or family members in need of nursing care. Conflicts at the workplace are an equally common burden for both men and women. In Vienna, work-related stress is slightly less frequent than in Austria as a whole. This is probably due to dif­ ferences in the employment structure and the better availability of services such as childcare and nursing care. Other factors, such as differences in the way in which nursing care is provided, also play a role. In Vi­ enna, stress due to physical labour and dual workload are below the national average, while time pressure re­ lated stress is approximately the same as in Austria as a whole. Conflicts at the workplace are above the Austri­ an average. 30 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN SUMMARY The significance of the different stressors varies de­ pending on the level of education and the professional position. There are also gender-related differences. For men, stress is particularly high for those with a high lev­ el of education, while for women it is highest at the me­ dium level. Stress due to heavy physical labour is naturally highest among blue-collar workers(both men and women). High time pressure is most common among self-em­ ployed persons and white- collar workers for men, and skilled workers and white-collar workers for women. The dual workload of household, children and work varies little across the occupational groups. The dual workload of work and caring for a family member is highest among self-employed persons, which may be due to the fact that they have the flexibility necessary to facilitate the combination of these tasks at all. According to the Mikrozensus survey, the total stress for economically active persons has increased signifi­ cantly in Vienna(as in Austria overall) since 1991. This increase is visible for nearly all levels of education and occupational groups. In particular the high time­ pressure is experienced as negative. Conflicts at the workplace and dual workload, however, are also in­ creasingly seen as a problem. While women still carry the main burden of dual workload and also report this type of stress much more frequently than men, the dual workload has increased significantly for men as well over the last decade. The assumption that physical la­ bour would decrease so significantly among gainfully employed persons that it would all but cease to be a stressor has turned out to be false, as these results show. Strain due to physical labour has increased noticeably since 1991. Subjective work-related stress has serious consequenc­ es for the affected individuals, the companies and the public health care system alike. Persons who experi­ ence work-related stress have a significantly worse subjective state of health than others. The number of stressors is also a factor. Work-related stress also has an impact on mental health: mental health problems increase with the number of work-related stressors. This effect is stronger in women than in men. It should be noted that women are more prepared to speak about their mental health problems than men. Work­ related stress correlates with sleep disturbances, tired­ ness and fatigue, nervousness, depressed mood and de­ pression, but also with(psycho)somatic disorders such as circulatory problems, heart conditions, headaches/ migraine, backaches and pain in the lower back, pain in the joints, nerves and muscles of the hip, legs, shoul­ ders or arms. Economically active persons who report work-related stress also have a stronger tendency to indulge in negative health behaviour(such as smok­ ing). Economically active persons who experience work-re­ lated stress are also on sick leave more often and use public health services(physicians, inpatient treatment, etc.) more often than others. Mobbing – The situation in Vienna In the 1980s and 1990s, research began on the increas­ ingly aggressive behaviour among co-workers(discred­ iting, personal attacks, emotional abuse, marginaliza­ tion, discrimination, isolation). This behaviour aims at bullying the victim into leaving the workplace. The phe­ nomenon has been called“mobbing”. Characteristics of mobbing situations are the calculating, strategic plan­ ning by the aggressors and the extreme emotional reac­ tions of the victims. Mobbing is caused at the organizational level, by“or­ ganizational stress”, lack of leadership, the exposed po­ sition of the victim(they are often particularly commit­ ted and active employees), and has nothing to do with the personality of the victim. Mobbing situations follow a typical course: In the be­ ginning, the victim is progressively discredited. This lays the groundwork for later aggressions without feel­ ings of guilt on the aggressor’s side. The victim is then isolated and ridiculed publicly. Finally the victims are bullied into leaving the workplace by calling them men­ tally ill, through continuous(negative) appraisal of the person or their work or through physical attacks. Mobbing victims develop stress symptoms which in­ crease in severity as the mobbing continues: concentra­ tion and memory problems, thinking in circles, insecu­ rity, self-doubts, desperation, anxiety attacks, hyperac­ tivity or withdrawal, depressive moods, sometimes also aggression, hypersensitivity, or suicidal thoughts. So­ matic problems such as hypertension, diabetes, aller­ gies, asthma and disorders of the locomotor system also frequently occur in mobbing victims. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 31 SUMMARY A study conducted in Austria in the 1990s shows that the mobbing rate in Austria is between 4.4 and 7.8 percent. No gender-specific differences were found. The German Mobbingreport(2000) reports a current mob­ bing rate of 2.7 and a total mobbing rate(including mobbing in the past) of 11 percent. 32 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN I. EINLEITUNG INTRODUCTION I. EINLEITUNG 1 EINLEITUNG In diesem Abschnitt werden die Ziele und Inhalte des vorliegenden Berichts dargestellt. Um die gesellschaft­ liche Bedeutung psychischer Störungen und Probleme beurteilen zu können, wird zudem ein kurzer Überblick über deren Verbreitung in Wien bzw. Österreich gege­ ben. Dabei wird auf verschiedene epidemiologische Kennziffern zurückgegriffen. Vergleichswerte zwischen Österreich und den Ländern der Europäischen Union runden das Bild ab. Auch wird – neben der Diskussion definitorischer Aspekte – der theoretische Rahmen für die anschließende empirische Analyse psychischer Be­ schwerden in Wien abgesteckt. Ziele und Inhalte des vorliegenden Berichts Das Ziel des vorliegenden Berichts ist eine Sekundär­ analyse zu psychischen Beschwerden(wie Nervosität bzw. Angstzustände, Schlafstörungen, Melancholie bzw. Depression, Gedächtnisschwäche bzw. Konzent­ rationsstörungen) in der Wiener Bevölkerung. Mittels soziodemographischer Analyse wird zunächst versucht, Anhaltspunkte über die Verbreitung psychi­ scher Beschwerden in verschiedenen Bevölkerungs­ gruppen zu gewinnen. Soziodemografische Merkmale, die Berücksichtigung finden, sind Geschlecht, Alter, Er­ werbsstatus, berufliche Stellung, Einkommen, Famili­ enstatus, Staatsbürgerschaft, Art des Wohnbezirks. Diese Auswertung verfolgt das Ziel, Problemgruppen in der Wiener Bevölkerung zu identifizieren. tungen, Kohärenzgefühl, Lebenszufriedenheit etc.) in verschiedenen Bevölkerungsgruppen Wiens verteilt sind. Mittels multipler Klassifikationsanalyse wird im Weiteren der Erklärungsbeitrag, den soziodemografi­ sche Merkmale, Belastungen, Ressourcen und CopingStrategien für das Auftreten psychischer Beschwerden haben, bestimmt. Besonderes Augenmerk gilt im Rahmen des vorliegen­ den Berichts den Belastungen am Arbeitsplatz und de­ ren Auswirkungen auf das gesundheitliche, insbeson­ dere das psychische Befinden. Unter den mit der beruf­ lichen Tätigkeit verbundenen Stressoren werden unter anderem auch jene untersucht, die aus der Doppelbe­ lastung durch Beruf und Betreuungspflichten in der Fa­ milie(Kinder, Pflege Angehöriger) resultieren. Und zwar geht es zunächst darum, besondere Gefährdungen unter den verschiedenen Gruppen von Erwerbstätigen zu eruieren und in einem weiteren Schritt Zusammen­ hänge zwischen bestehenden, den beruflichen Alltag bestimmenden Stressfaktoren und Gesundheitsindika­ toren(insbesondere das Vorhandensein psychischer Beschwerden) zu analysieren. Eingehend erörtert wird auch das Problem des„Mob­ bing“. Neben der Begriffsbestimmung werden Ursa­ chen und Verlauf des Mobbing sowie Folgen für die Betroffenen diskutiert. Die Darstellung der Situation in Wien bildet die Grundlage für anschließende Emp­ fehlungen. Thematisiert werden des Weiteren Zusammenhänge zwischen psychischen Beschwerden und verschiede­ nen anderen Gesundheitsindikatoren(subjektiver Ge­ sundheitszustand, Zufriedenheit mit der Gesundheit, Erkrankungshäufigkeit) sowie zwischen psychischen Beschwerden und der Inanspruchnahme von Leistun­ gen des Gesundheitssystems(einschließlich Medikali­ sierung). Besondere Aufmerksamkeit gilt den Ursachen psychi­ scher Beschwerden, wobei vor allem auf sozialwissen­ schaftliche Erklärungsansätze Bezug genommen wird. 6 Zunächst wird untersucht, wie Belastungen und Res­ sourcen(körperliche Gewalterfahrung in der Kindheit, Life Events, Alltags- und Berufsstress, finanzielle Belas­ Aus der Analyse zu ziehende Schlussfolgerungen run­ den den Bericht ab. Geboten werden des Weiteren Kurzzusammenfassungen der Kapitel und eine Ge­ samtzusammenfassung. Definitorische Aspekte(psychische Gesund­ heit, psychische Störungen, psychische Beschwerden) Die Weltgesundheitsorganisation(WHO) versteht un­ ter psychischer Gesundheit einen Zustand des Wohlbe­ findens, in dem sich die Menschen ihrer eigenen Fähig­ keiten bewusst sind, mit normalen Stresssituationen umgehen, produktiv und erfolgreich arbeiten können und fähig sind, einen Beitrag zur Gemeinschaft zu leis6 Vgl. dazu den Abschnitt„Theoretische Überlegungen“. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 35 I. EINLEITUNG ten. 7 Zentrale Aspekte psychischer Gesundheit sind persönliches Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit, Selbstbewusstsein, Beziehungsfähigkeit, die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen und einer Arbeit nachgehen zu können, sowie zu gesellschaftlicher Partizipation. Psy­ chische Gesundheit ist das Ergebnis einer Reihe von Voraussetzungen, Interaktionen und Wechselwirkun­ gen mit individuellen und sozialen Ressourcen und Er­ fahrungen und bedeutet mehr als die bloße Abwesen­ heit psychischer Störungen. Während also psychische Gesundheit einen Zustand erfolgreichen mentalen Funktionierens bezeichnet, versteht man unter psychischen Störungen 8 klinisch feststellbare psychische oder Verhaltensprobleme, die mit Stress und/oder Einschränkungen der Funktions­ fähigkeit in einem oder mehreren Lebensbereichen verbunden sind oder mit einem signifikant erhöhtem Risiko einhergehen, Schmerz oder Beeinträchtigung, einen tiefgreifenden Verlust an Freiheit oder Lebens­ qualität zu erleiden oder zu sterben. 9 Psychische Gesundheit und psychische Störungen sind als Punkte auf einem Kontinuum zu verstehen, wobei es sich jedoch bei den psychischen Störungen nicht um bloße Variationen innerhalb des Bereichs des„Norma­ len“ handelt, sondern um abnorme oder pathologische Phänomene. Ein einmaliges Auftreten abnormen Ver­ haltens oder eine kurze Periode eines solchen Verhal­ tens signalisiert noch keine psychische Störung. Psy­ chische Störungen sind durch spezifische Symptome oder Zeichen charakterisiert und folgen, wenn keine Interventionen erfolgen, einem mehr oder weniger vor­ hersagbaren natürlichen Verlauf. Die Symptome müs­ sen je nach lebensgeschichtlicher Lage und soziokultu­ rellem Rahmen eine bestimmte Schwere, Dichte, Häu­ figkeit und Dauer aufweisen und zu persönlichem Lei­ den oder zur Beeinträchtigung des Funktionierens in einem oder mehreren Lebensbereichen führen. 10 Psychische Störungen sind, was deren Erscheinungsfor­ men als auch Ursachen betrifft, vielfältig. Zu den psy­ chischen Störungen zählen alle körperlich nicht be­ gründbaren psychischen Störungen, aber auch solche, die als Folge von körperlichen Erkrankungen vorlie­ gen. 11 Sie sind in der International Classification of Di­ seases-10(ICD-10) der WHO und im Diagnostic Statis­ tical Manual IV(DSM IV) der American Psychiatric As­ sociation aufgelistet. Die International Classification of Functioning, Disability and Health(ICF) dient der Be­ urteilung von Einschränkung und Behinderung auf­ grund psychischer Störungen. Die ICD-10 unterschei­ det im Kapitel V„Psychische und Verhaltensstörun­ gen“ zehn Hauptklassen psychischer Störungen. 12 Tabelle 1.1: Internationale Klassifikation psychischer und Verhaltensstörungen(ICD-10, Kapitel V[F]) F0 organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen F1 psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen F2 Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen F3 affektive Störungen F4 neurotische-, Belastungs- und somatoforme Störungen F5 Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen oder Faktoren F6 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen F7 Intelligenzminderung F8 Entwicklungsstörungen F9 Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend F99 nicht näher bezeichnete psychische Störungen Quelle: zitiert nach DGPPN(1997), S. 4. 7 WHO(2001a), S. 1. 8 Heute wird der in den operationalisierten Diagnosesystemen(ICD-10, DSM-IV) eingeführte Begriff der„psychischen Störungen“ jenem der„psychischen Krankheit“ vorgezogen, um eine Stigmatisierung der Betroffenen zu erschweren. Störung wird als neutraler bzw. weni­ ger negativ bewertend gesehen als dies für den Begriff Krankheit gilt. 9 WHO Glossary Onlineversion: http://wpro.who.int.multimedia/whd2001/Glossary.pdf 10 SCHARFETTER(2002); zitiert nach STADT WIEN(2004a), im Erscheinen. 11 Onlineversion, Psychische Störung Definition – Erklärung im Medizin Lexikon: http://medizinierboard.de/lexikon 12 Vgl. WHO(1992a). 36 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN I. EINLEITUNG Zusätzlich zur präzisen Definition dieser Störungen enthält Kapitel V(ebenso wie alle anderen Kapitel der ICD-10) klinische Beschreibungen und diagnostische Richtlinien sowie diagnostische Kriterien für die For­ schung. 13 Persönliche und soziale Umstände können zu einem er­ heblichen Leidensdruck führen. Jedoch sind, wie ge­ sagt, nicht alle menschlichen Leiden psychische Stö­ rungen. Die Europäische Union verwendet den Begriff seelisches Problem,„wenn erkennbare Anzeichen und Symptome nicht ausreichend stark oder anhaltend sind, um die Kriterien für eine seelische Erkrankung zu erfüllen.“ 14 So besteht ein Unterschied z. B. zwischen einer depressiven Stimmung und einer diagnostizier­ baren Depression. Grafik 1.1: Das Kontinuum depressiver Symptome in der Bevölkerung hoch normale Stimmungsschwankungen anhaltender Stimmungswandel anhaltender Stimmungswandel Beeinträchtigung täglicher Aktivitäten Häufigkeit in der Bevölkerung Quelle: WHO(2001). niedrig depressive Stimmung depressive Episode Ernsthaftigkeit der Symptome Depressive Episode In typischen depressiven Episoden leidet die Person an Stimmungsver­ schlechterung, Energieverlust und Aktivitätsabnahme. Die Fähigkeit zur Freude, Interessen und Konzentration sind reduziert. Selbst bei geringer Anstrengung entsteht Müdigkeit. Gewöhnlich treten auch Schlafstörungen und Appetitlosigkeit auf. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind beinahe immer reduziert und oft sind Schuldgefühle und Gefühle der Wertlosigkeit vorhanden. Abhängig von der Zahl und Ernsthaftigkeit der Symptome, kann eine depressive Episode als mild, mäßig oder schwer eingestuft werden. Milde depressive Episode Zwei oder drei der oben erwähnten Symptome sind in der Regel vorhanden. Die Person ist für gewöhnlich bedrückt, kann aber wahrscheinlich die meisten Aktivitäten weiterhin ausführen. Mäßige depressive Episode Vier oder mehr der oben erwähnten Symptome sind für gewöhnlich vorhanden und die Person hat wahrscheinlich große Schwierigkeiten, den gewohnten Aktivitäten nachzugehen. Schwere depressive Episode Eine Episode der Depression in der mehrere der oben erwähnten Symptome ausgeprägt sind und Leiden verursachen, typischerweise Verlust des Selbstwertgefühls und Gefühle der Wertlosigkeit oder Schuld. Selbstmord­ gedanken und suizidale Handlungen sind üblich. 13 WHO(1992b),(1993a). 14 Zitiert nach: http://europa.eu.int/comm/health/ph_determinants/life_style/mental_health_de PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 37 I. EINLEITUNG Bei den im vorliegenden Bericht zur Diskussion stehen­ den psychischen Beschwerden handelt es sich im Gegen­ satz zu psychischen Störungen nicht um ärztlich vali­ dierte Diagnosen, sondern um mehr oder weniger stark ausgeprägte, subjektiv empfundene Beeinträchtigungen des Wohlbefindens, die Befragte aufgrund vorgegebener Stimuli(Fragen) äußern(self-reported). Im Vorder­ grund steht bei den Beschwerden die Perspektive der Befragten und das, was sie fühlen. Psychische Be­ schwerden können beginnende, intermittierende oder residuale Zustände bekannter psychischer Störungen sein, aber auch(„komorbide“) Begleitsymptome ande­ rer psychischer oder somatischer Erkrankungen, mög­ licherweise teilweise auch eigenständige Krankheitszu­ stände. Sie sind deutlich häufiger als diagnostizierbare psychische Störungen und haben ernsthafte Konse­ quenzen sowohl im Hinblick auf individuelles Leiden als auch auf die begrenzten finanziellen Ressourcen des Gesundheitssystems. Sie sind primär ein Problem der allgemeinärztlichen Versorgung. Vorrangige Aufgabe niedergelassener ÄrztInnen ist es, unter Klagen über Beschwerden beginnende oder residuale psychische Störungen zu erkennen und einer präventiven oder ku­ rativen Behandlung zuzuführen bzw. komorbide psy­ chische Probleme bzw. Störungen bei der Behandlung somatischer Erkrankungen miteinzubeziehen. Die gesellschaftliche Bedeutung psychischer Störungen und Probleme Psychische Störungen und Probleme tragen erheblich zur gesamten Krankheitslast bei. Laut dem Gesund­ heitsbericht der Weltgesundheitsorganisation zur psy­ chischen Gesundheit(WHO, 2001) erkranken über 25 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an mindestens einer klinisch bedeutsamen psychischen Störung(einschließlich Alkoholismus)(Lebensszeit­ prävalenz), etwa 10 Prozent der Bevölkerung sind zu ei­ nem bestimmten Zeitpunkt(Punktprävalenz) betrof­ fen. Ein besonderes Risiko, psychisch zu erkranken, haben Gruppen mit schwierigen Lebensbedingungen (wie z. B. Menschen in extremer Armut, Kinder und Heranwachsende in zerbrochenen familiären Bezie­ hungen, vernachlässigte alte Menschen). Hoffnungslo­ sigkeit, Erfahrung von Gewalt, körperliche Erkrankun­ gen etc. spielen dabei eine bedeutsame Rolle. Die Weltgesundheitsorganisation erwartet für die Zu­ kunft eine weitere Zunahme psychischer Störungen und hat angesichts der sich dadurch ergebenden Her­ ausforderungen ihre Investitionen im Bereich der psy­ chischen Gesundheit deutlich erhöht. 15 Hinzuweisen ist auf eine hohe Prävalenz psychischer Störungen(wie z. B. von Depressionen) im Bereich der medizinischen Versorgung. So etwa leiden in internis­ tischen Krankenhausabteilungen etwa 30 bis 50 Pro­ zent der PatientInnen an psychischen Störungen, etwa 15 Prozent an Depressionen. Bei PatientInnen anderer Fachabteilungen wird eine ähnliche Häufigkeit vermu­ tet. Ergebnisse einer von der Weltgesundheitsorganisa­ tion(WHO) durchgeführten Studie zu psychischen Stö­ rungen in Hausarztpraxen zeigen, dass bei etwa 25 Pro­ zent der PatientInnen eine aktuelle psychische Störung besteht, jede/r zehnte PatientIn leidet an einer depres­ siven Episode. Etwa 15 Prozent der depressiven Episo­ den stehen in Zusammenhang mit einer körperlichen Erkrankung. 16 Auffallend ist eine hohe Komorbidität, d. h. ein häufi­ ges Zusammentreffen verschiedener Störungen bzw. Erkrankungen. So etwa sind Depressionen häufig von anderen psychischen Störungen und Problemen, wie Ängstlichkeit, Soziopathien, Medikamenten- oder Dro­ genmissbrauch begleitet. 17 Von PatientInnen, welche Alkohol- und Drogenberatungsstellen in Anspruch nehmen, haben zwischen 30 Prozent und 90 Prozent ei­ ne„duale Störung“. 18 Bei Personen mit Schizophrenie finden sich auch häufig(12–50 Prozent) alkoholbe­ dingte psychische Störungen. Auch physische und psychische Gesundheitsprobleme koexistieren häufig. Psychosomatische Erkrankungen, d. h. somatische Erkrankungen, bei deren Entstehung oder Verlauf psychische Faktoren eine wesentliche Rol­ le spielen, 19 sind stark verbreitet. Physische Gesund­ heitsprobleme, wie HIV, AIDS, Diabetes, Krebs können zum Auftreten von Depressionen beitragen oder aber 15 So wurde unter anderem ein„Department of Mental Health and Substance Dependence“ eingerichtet. 16 AROLT et al.(1995); AROLT(2000), S. 468; DGPPN(1997), S. 13. 17 ZIMMERMAN et al.(2000). 18 GOSSOP et al.(1998); RACHLIESEL et al.(1999). 19 DGPPN(1997), S. 5 f. 38 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN I. EINLEITUNG auch eine bereits bestehende Depression verstärken. 20 Laut einer repräsentativen Studie in den USA sind 79 Prozent aller psychisch Kranken von Komorbidität be­ troffen. 21 Die Komorbidität erhöht den Leidensdruck und hat bedeutende Implikationen für die Identifikati­ on, Behandlung und Rehabilitation. Einzelne für Wien(und Österreich) verfügbare Statisti­ ken wie die Spitalsentlassungsstatistik, die Statistik der Pensionierungen aufgrund geminderter Arbeitsfähig­ keit bzw. dauernder Erwerbsunfähigkeit, die Statistik der Todesursachen, bilden jeweils nur Teilaspekte zum Problembereich ab und weisen jeweils spezifische Ein­ schränkungen auf(siehe unten). Im Jahr 2000 waren(unter Berücksichtigung der Hauptdiagnosen) ca. 7 Prozent der stationären Aufent­ halte der Wohnbevölkerung Wiens auf psychische Stö­ rungen zurückzuführen, wobei bei den Männern Alko­ holabhängigkeit, schizophrene Psychosen, sonstige und affektive Psychosen, bei den Frauen affektive Psy­ chosen, senile und präsenile organische Psychosen, schizophrene Psychosen sowie Neurosen und Persön­ lichkeitsstörungen im Vordergrund standen. 22 gen/in aufgesucht. Am häufigsten wurden therapeuti­ sche bzw. psychologische Hilfe von Personen jünge­ ren und mittleren Alters beansprucht, von Jugendli­ chen bzw. jungen Erwachsenen und älteren Menschen dagegen eher selten. Während bei den Frauen die In­ anspruchnahme von PsychotherapeutInnen bzw. PsychologInnen mit zunehmender Bildung steigt, be­ steht bei den Männern(mit Ausnahme der niedrigs­ ten Bildungsschicht, die nur selten solche Hilfe in An­ spruch nimmt), kaum ein Unterschied zwischen den Bildungsgruppen. 23 Die gesamtgesellschaftliche Bedeutung psychischer Krankheiten zeigt sich u. a. in den darauf zurückzufüh­ renden Krankenständen bzw. Krankenstandstagen und den vorzeitigen Pensionierungen. Im Jahr 2001 waren unter den Versicherten der Wiener Gebietskranken­ kasse 1,7 Prozent der Krankenstandsfälle(insgesamt 12.740 Fälle) und 4,5 Prozent der Krankenstandstage (insgesamt 407.797 Tage) durch psychische Störungen bedingt. Im Jahr 2000 war österreichweit ca. jeder vier­ te Neuzugang an Pensionen der geminderten Arbeitsfä­ higkeit bzw. dauernden Erwerbsunfähigkeit auf psychi­ sche Störungen zurückzuführen. 24 Die Spitalsentlassungsstatistik repräsentiert allerdings nur das schwerere Spektrum der Krankheitsverläufe, da in den meisten Fällen keine stationäre Behandlung erforderlich ist. Nebendiagnosen werden bisher nicht ausgewiesen. Auch erlaubt die Spitalsentlassungssta­ tistik wegen der Mehrfachzählung bei mehreren Krankheitsepisoden pro Jahr keine exakte Schätzung der behandelten Prävalenz. Das Ausmaß der stationä­ ren Behandlung hängt zudem weitgehend vom Aus­ baugrad mit teilstationären und ambulanten Versor­ gungsmöglichkeiten ab. Laut Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001 ha­ ben nach Eigenangaben von der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren in den letzten drei Monaten vor der Be­ fragung 1,7 Prozent der Männer und 2,8 Prozent der Frauen eine(n) Psychotherapeuten/in bzw. Psycholo­ Psychische Störungen und Probleme stellen für Betroffe­ ne und deren Angehörige eine enorme Belastung dar und führen nicht selten zu Behinderung oder Tod. So etwa tragen laut WHO weltweit Depressionen neben der is­ chämischen Herzkrankheit am häufigsten zum Verlust gesunder bzw. behinderungsfreier Lebensjahre 25 bei. In Wien sind im Jahr 2001 101 Personen(80 Männer, 21 Frauen) an einer psychischen Krankheit(Hauptdia­ gnose und ohne Berücksichtigung von Suiziden) ge­ storben. Der Hauptgrund dafür, dass mehr Männer als Frauen an Krankheiten dieser Krankheitsgruppe ster­ ben, ist ihre vermehrte Sterblichkeit an Alkoholismus. Gleichzeitig haben sich 268 Menschen(158 Männer, 110 Frauen) das Leben genommen, das sind pro 100.000 20,6 Suizide bei den Männern und 13,1 bei den Frauen. Obwohl die Suizidsterblichkeit in den letzten 20 GEERLINGS et al.(2000). 21 KESSLER et al.(1994). 22 STADT WIEN(2004), S. 67 ff. 23 STADT WIEN(2004b), im Erscheinen. 24 STATISTIK AUSTRIA(Hrsg.)(2002), S. 328. 25 Die Maßzahl DALYs(Disability adjusted Life Years – um Behinderungen bereinigte Lebensjahre) berücksichtigt die aufgrund von Behinderung oder vorzeitiger Sterblichkeit verlorenen gesunden Lebensjahre. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 39 I. EINLEITUNG Jahrzehnten in Wien(und in Österreich) bei beiden Ge­ schlechtern insgesamt zurückging, ist der Anteil der von alten Menschen begangenen Suizide gestiegen. Von den im Jahr 2001 in Wien an Suizid Verstorbenen war etwa jeder fünfte Mann und jede dritte Frau 65 Jah­ re oder älter. 26 Medikalisierung Psychopharmaka verursachten in Österreich im Jahr 2001 Kosten von 150 Mio. Euro. Das sind 8,8 Prozent der gesamten Heilmittelkosten. Rund 80 Mio. davon entfie­ len auf Antidepressiva. Die Ausgaben für Psychophar­ maka sind in Österreich in den vergangenen Jahren merkbar gestiegen. Während der Aufwand für Heilmittel insgesamt von 2000 auf 2001 um 5,7 Prozent gestiegen ist, betrug bei Psychopharmaka der Anstieg nahezu 8 Prozent. 27 Für Antidepressiva haben sich die Ausgaben zwischen 1995 und 2002 mehr als verdoppelt. 28 Die jährlichen Zuwachsraten für Psychopharmaka ha­ ben sich von ca. 6 Prozent(1995/96) auf ca. 9 Prozent (1998/99) erhöht. Im Jahr 1999 verordneten die nieder­ gelassenen ÄrztInnen rund 6,2 Mio. Packungen Psy­ chopharmaka. Davon entfielen rund 45 Prozent auf Antidepressiva, nahezu 30 Prozent auf Tranquilizer und rund 15 Prozent auf Neuroleptika. 29 Besonders hoch waren die jährlichen Zuwachsraten bei den Anti­ depressiva. Zwischen 1991 und 2000 ist der Packungs­ absatz von Antidepressiva auf das Vierfache gestiegen, der Absatz von Tranquilizern blieb annähernd kon­ stant. 30 Frauen werden häufiger Antidepressiva ver­ ordnet als Männern, auch stieg bei den Frauen die Ver­ ordnungsmenge stärker als bei den Männern. 31 Analy­ sen von Daten der oberösterreichischen Gebietskran­ kenkasse zeigen, dass älteren Menschen, und hier wie­ derum insbesondere Frauen, häufiger als jüngeren An­ tidepressiva verordnet werden, wobei sich im Alter der Konsum verordneter Antidepressiva meist über einen längeren Zeitraum erstreckt, was bei jüngeren Patien­ tInnen deutlich seltener der Fall ist. Zu beobachten ist des Weiteren ein deutliches Stadt-Land-Gefälle, mit häufigerer Verordnung von Antidepressiva im städti­ schen Bereich. Der Verbrauch von Antidepressiva hängt außerdem von der beruflichen Stellung ab: Ar­ beiterInnen werden etwas seltener Antidepressiva ver­ schrieben als Angestellten. 32 Häufig werden bei psychischen Problemen mehrere Medikamente genommen. Laut SERMO-Studie haben 34,0 Prozent der Personen in Wien, die sich zum Zeit­ punkt der Befragung„niedergedrückt“ fühlten, regel­ mäßig Medikamente gegen Schlafstörungen genom­ men. In der Gesamtbevölkerung Wiens betrug dieser Anteil nur 6,8 Prozent. 31,7 Prozent der Betroffenen nahmen Medikamente gegen Nervosität(im Vergleich zu 2,6 Prozent der Wiener Gesamtbevölkerung), 24,2 Prozent gegen Kopfschmerzen(vs. 8,0 Prozent der Wiener Gesamtbevölkerung). 33 Zur psychischen Gesundheit in der Europäi­ schen Union Eine Eurobarometer-Erhebung 34 liefert Vergleichswer­ te zur psychischen Gesundheit in den Ländern der Eu­ ropäischen Union. Eine Auswertung auf der Ebene von Städten ist hier aus methodischen Gründen nicht mög­ lich. In Österreich ist(bei Männern wie Frauen) das psychische Wohlbefinden etwas ausgeprägter als im Durchschnitt der Europäischen Union(EU-15). 35 Ent­ sprechend finden sich gegenwärtige psychische Ge­ sundheitsprobleme in Österreich bei beiden Geschlech­ tern(vor allem aber bei den Frauen) etwas seltener. 36 Während in Österreich ein Fünftel(19,5 Prozent) über 26 STADT WIEN(2004b), im Erscheinen. 27 FISCHER et al.(2003). 28 MENTAL HEALTH IN AUSTRIA(2003). 29 KATSCHNIG et al.(2001), S. 92. f.; HOFMARCHER et al.(2003), S. 9 f. 30 KATSCHNIG et al.(2001), S. 98. 31 GLAESKE(2003), S. 23. 32 HOFMARCHER et al.(2003), S 10 ff. 33 FACT SHEETS(1998); zitiert nach SENIORENBERICHT(2000), S. 286 f. 34 Im Rahmen des Eurobarometer 58.2 wurden zwischen Oktober und Dezember 2002 insgesamt 16.000 Personen ab 15 Jahre mündlich befragt, mit Ausnahme von Luxemburg und Nordirland pro Land/ Region 1.000 Personen. Es handelte sich dabei um eine mehrstufige Zufallsauswahl. Die Rücklaufquote variierte zwischen 23 Prozent(Vereinigtes Königreich) und 84 Prozent(Frankreich). In Österreich lag sie bei 68 Prozent. 35 Gemeint sind die 15 Staaten der Europäischen Union vor dem Beitritt der neuen Länder im Mai 2004. 40 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN I. EINLEITUNG gegenwärtige psychische Gesundheitsprobleme berich­ tet, und zwar Frauen(mit 21,2 Prozent) der Tendenz nach(jedoch nicht signifikant) häufiger als Männer (17,0 Prozent), ist es im Durchschnitt der Europäischen Union nahezu ein Viertel(23,4 Prozent), und zwar Frauen(27,6 Prozent) signifikant häufiger als Männer (18,9 Prozent). Als Ursachen für die geschlechtsspezifischen Unter­ schiede werden psychosoziale Faktoren vermutet, wie etwa geschlechtsspezifische Unterschiede im Umgang mit psychischen Störungen und Problemen, Unter­ schiede in der Belastung durch Lebenslagen und gesell­ schaftliche Erwartungen, denen Frauen in vielen Fällen einfach nicht genügen können(z. B. Doppelbelastung durch Familie und Beruf; Belastungen durch die emoti­ onal-integrative Rolle der Ehefrau und Mutter, die an­ gesichts prekärer werdender Ehe- und Familienver­ hältnisse(Scheidungsrate) weiter zunehmen; starke Anforderungen aufgrund von immer häufiger werden­ den Pflegefällen in der Elterngeneration). 37 Auffallend für Österreich ist, dass einerseits ältere Menschen überdurchschnittlich häufig über psychi­ sche Gesundheitsprobleme berichten und dass ande­ rerseits bei psychischen Gesundheitsproblemen nur in unterdurchschnittlichem Maße professionelle Hilfe durch PsychiaterInnen oder PsychologInnen in An­ spruch genommen wird. Trotz der insgesamt positiven Situation, was das psy­ chische Wohlbefinden und psychische Gesundheits­ probleme anbelangt, und der insgesamt sinkenden Suizidsterblichkeit, liegt Österreich(Stand 1999) bei beiden Geschlechtern sowohl in der Altersgruppe der unter als auch über 65-Jährigen in der Suizidsterblich­ keit deutlich über dem Durchschnitt der Europäischen Union(EU-15). Bei den älteren Menschen(d. h. den über 65-Jährigen) hat Österreich bei beiden Geschlech­ tern sogar die von allen 15 Ländern der EU höchste Selbstmordrate. Die Selbstmordrate war 1999 bei den älteren Menschen in Österreich sogar höher als im Durchschnitt der zehn neuen Beitrittsländer. 38 Theoretische Überlegungen Laut Weltgesundheitsorganisation sind psychische Ge­ sundheit bzw. psychische Störungen das Resultat eines komplexen, dynamischen Zusammenspiels zwischen biologischen, psychologischen und sozialen Fakto­ ren. 39 Neben individuellen Aspekten spielen sozioöko­ nomische und soziokulturelle Faktoren eine Rolle. Die wissenschaftliche Forschung zu Genese und Thera­ pie hatte in letzter Zeit erhebliche Erkenntnisfortschrit­ te zu verzeichnen, vor allem was die psychologischen und sozialen Aspekte der Entstehung und Aufrechter­ haltung psychischer Störungen betrifft. Ebenso bedeu­ tungsvoll wie die Fortschritte in den Einzelbereichen (Psychopharmakologie, Molekularbiologie und-gene­ tik, Epidemiologie und Sozialwissenschaften, Psycho­ therapieforschung) sind die internationalen Bemühun­ gen um die Integration von biologischer, innerpsychi­ scher und sozialer Ebene. Das primär in der Schizo­ phrenieforschung entwickelte Vulnerabilitäts-StressKonzept hat inzwischen allgemeine Bedeutung für die Entstehung psychischer Erkrankungen gewonnen und sei daher kurz ausgeführt: 40 Bei vielen psychischen Störungen ist gut belegt, dass ei­ ne familiäre Belastung die Erkrankungswahrschein­ lichkeit erhöht. Forschungsergebnisse an eineiigen Zwillingen zeigen aber auch, dass bei psychischen Stö­ rungen wie Schizophrenie, Depressionen, Angststö­ rungen etc. neben der genetischen Komponente psy­ chosoziale Faktoren für die Entstehung und den Ver­ lauf von hoher Bedeutung sind. Darüber hinaus wird die Vulnerabilität, d. h. die Anfäl­ ligkeit für psychische Störungen im Erwachsenenalter, durch Entwicklungsschädigungen sowohl im somati­ schen(Geburtstrauma, somatische Erkrankungen un­ 36 Erhebungsinstrument für das psychische Wohlbefinden war die Energie- und Vitalitätsskala(EVI), für die psychischen Gesundheitspro­ bleme der 5-Item Mental Health Index(MHI-5). Beide Erhebungsinstrumente sind Teil des SF-36 Gesundheits-Survey-Instruments, das insgesamt acht Skalen zur Beurteilung des Gesundheitszustandes beinhaltet. Zur ausführlichen Darstellung der Methode siehe BULLIN­ GER, KIRCHBERGER(1998). 37 Dies lässt darauf schließen, dass sich die Prävalenzraten psychischer Störungen bei Frauen vermutlich nur dann senken lassen, wenn eine ganze Fülle von Lebensbedingungen durch strukturelle Maßnahmen umfassender Art umgestaltet würde. 38 Gemeint sind die zehn Staaten, die im Mai 2004 der Europäischen Union beigetreten sind. Vgl. dazu HOFMARCHER et al.(2003), S. 7 f. 39 WHO(2001). 40 Die Beschreibung orientiert sich im Wesentlichen an der Darstellung des Konzepts durch die DGPPN(1997), S. 10. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 41 I. EINLEITUNG ter Beteiligung des zentralen Nervensystems etc.) als auch psychischen Bereich(früher Verlust der Eltern, schwere Vernachlässigung, sexueller Missbrauch etc.) entscheidend mitbestimmt. Dem Ausbruch einer psychischen Störung geht meis­ tens eine belastende Lebenssituation voraus. Dabei kann es sich z. B. um eine körperliche Erkrankung, eine psychische Stresssituation(Ehekonflikt, Verlust einer nahe stehenden Person, Arbeitsplatzverlust etc.) han­ deln. Neben der konstitutionellen Vulnerabilität sind soziale Untersützung des Einzelnen und die individuelle Fähig­ keit, mit belastenden Lebenssituationen umzugehen ( Copingstrategien), entscheidend für die Manifestation einer psychischen Störung. Die psychische Störung selbst ist nur adäquat verstehbar, wenn man einerseits die neurobiologischen Fakto­ ren(wie eine Entgleisung von zentralnervösen Trans­ mittersystemen), und andererseits das durch die Er­ krankung selbst wiederum ausgelöste psychische Lei­ den und die daraus resultierenden interpersonellen und sozialen Probleme berücksichtigt. Entsprechend dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell ist davon auszuge­ hen, dass die biologischen Störungen nicht nur psychi­ sches Leiden und soziale Probleme bedingen, sondern letztere wiederum als„Stressoren“ die neurobiologi­ schen Auffälligkeiten intensivieren. Verlauf und Gefahr der Chronifizierung psychischer Erkrankungen hängen also entscheidend vom Wechselspiel somatischer, psy­ chischer und sozialer Aspekte ab. D. h. eine prinzipiell rasch korrigierbare neurobiologische Entgleisung kann sich durch schwere psychosoziale Stressfaktoren chro­ nifizieren. 41 Die dem vorliegenden Bericht zugrunde liegende Ana­ lyse der Determinanten psychischer Beschwerden stützt sich auf sozialwissenschaftliche Erklärungsan­ sätze, die zwar jeweils nur Aspekte bestimmter psychi­ scher Störungen und Probleme erklären, aber eine brauchbare Grundlage für deren Erforschung abgeben können. Unter Monitoring-Aspekten scheint für den Bereich psychischer Gesundheit bzw. psychischer Stö­ rungen ein auf dem Stresskonzept beruhendes theore­ tisches Modell bedeutsam, das vier zentrale Konzepte und verschiedene Subkonzepte aufweist 42 , nämlich: ● psychische Gesundheit(Diagnosen, Beschwerden) ● Belastungen(Stress, Mangellagen) ● Ressourcen(personale, soziale) ● Bewältigung und Verhalten(Coping, Gesundheits­ und Krankheitsverhalten einschließlich der Inan­ spruchnahme professioneller Hilfe). Unter Bezugnahme auf dieses theoretische Modell ge­ hen NIKLOWITZ& MEYER 43 von folgendem, der em­ pirischen Überprüfung zugänglichen Indikatorensys­ tem aus, das auch für die vorliegende Analyse for­ schungsleitend war: 41 DGPPN(1997), S. 10 ff. 42 Vgl. PEARLIN(1989); THOITS(1995); TURNER, LLOYD(1999); MEYER(2000). 43 NIKLOWITZ& MEYER(2001). 42 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN I. EINLEITUNG Tabelle 1.2: Dimensionen und Indikatoren für psychische Gesundheit Dimensionen Unterdimensionen Bereiche Indikatoren 1. Psychische Gesundheit 2. Belastungen 3. Ressourcen 4. Bewältigung und Verhalten Wohlbefinden(subjektive Lebensqualität, positive psychische Gesundheit) psychische Beschwerden und psychische Krankheit(negative psychische Gesundheit) Krankheitsfolgen sozialer Stress Mangellagen(strukturelle Benachteiligung) Umwelt personale Ressourcen soziale Ressourcen sozialer Status und Prestige Coping Gesundheits- und Krankheits­ verhalten Lebenszufriedenheit, Wellbeing, Happiness, Lebenssinn, Kohärenz­ gefühl(SOC=„sense of coherence“) leichte psychische Verstimmtheit, Nervosität, Depressi­ Beschwerden(subklinisch) vität, affektive und kognitive Beein­ trächtigungen etc. psychische Krankheit Diagnosen: Diagnosegruppen, (psychische Störungen nach Tracerdiagnosen, insbesondere ICD-10; DILLING et al. 1993): Affektstörungen(F3), Demenz(F00­ Diagnosen, Schweregrad, F03) substanzbedingte Störungen Chronizität (Alkohol, Drogen; F1) Schizo­ phrenien(F2), Rating des Schwere­ grads mit CGI in PSYREC*, Dauer und Anzahl der Behandlungen krankheitsbedingte Beeinträch­ in Arbeit, Beziehungen etc. tigungen Life Events, chronischer Stress, Biographie-, krankheits- und berufs­ tägliche Ärgernisse(„daily bezogen hassless“) Mangellagen in verschiedenen Einkommen, Arbeit, Wohnen, Bildung Lebensbereichen etc. Gewalt, Kriminalität, Immis­ Opfer von Gewalt, Befürchtungen, sionen Opfer eines Verbrechens zu werden subjektive Überzeugungen, Kompetenzerwartung, Kontrollüber­ Identität, Kenntnisse und Fähig­ zeugung(Mastery), Selbstwert­ keiten gefühl, Hardiness**, Kohärenzgefühl (SOC; vgl. oben: Wohlbefinden), kognitive und soziale Kompetenzen soziales Netz, soziale Unter­„objektive“ Vernetzung, subjektive, stützung erhaltene und geleistete Unter­ stützung (vgl. Mangellagen unter Belastungen) emotional-kognitiv, Handeln Copingskalen, subjektives Krank­ heitskonzept Gesundheitsverhalten, Stressmanagement, Entspannung Verhalten bei Beschwerden und etc., Selbstbehandlung(inkl. Medika­ Krankheit mente), Laiensystembehandlung, professionelle Behandlung *„Clinical Global Impressions“ entsprechend dem Manual zur Statistik der Psychiatrie-Patienten. ** Fähigkeit, Stresssituationen positiv zu sehen. Quelle: NIKLOWITZ, MEYER(2001), S. 13 f. Wichtige sozialwissenschaftliche Theorien, für deren Überprüfung Datenmaterial zur Verfügung steht, sind die Stresstheorie 44 , die Theorie der belastenden Lebensereignisse 45 und die Theorie der sog.„Daily Hassles“. 46 Erstere betont, dass psychische Störungen und Probleme besonders häufig dann auftreten, wenn sich Men­ schen mit aktuellen Ereignissen oder andauernden Be­ dingungen konfrontiert sehen, die zu Verlusten und 44 BRÜCKER(1994); KEUPP(1999). 45 FILIPP(1981); KEUPP(1999). 46 DELONGIS et al.(1982); WEYERER(1995). Vgl. dazu auch MINISTERIUM FÜR FRAUEN, JUGEND UND FAMILIE DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN(Hrsg.)(2000), S. 224 ff. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 43 I. EINLEITUNG Schäden führen bzw. geführt haben und„Stressoren“ darstellen, denen sie sich aufgrund wahrgenommener begrenzter Handlungsmöglichkeiten nicht gewachsen fühlen. Ähnlich geht auch die Theorie der belastenden Lebensereignisse davon aus, dass Menschen im Laufe des Lebens typischen Belastungen in Form von Ereig­ nissen(z. B. Krankheit, Tod des Partners, Verlust des Arbeitsplatzes, aber auch Heirat, Geburt eines Kindes, beruflicher Auf- und Abstieg) ausgesetzt werden, die sie zu einer drastischen Änderung ihres Rollenreper­ toires zwingen, die als stark belastend empfunden wird. Die Theorie der„Daily Hassles“ sieht bei grund­ sätzlich ähnlicher Argumentation wie die beiden ande­ ren Positionen die Ursache psychischer Störungen und Probleme in der zermürbenden Wirkung durch andau­ ernde, eher alltägliche Ärgernisse, Beschwernisse und Spannungen, die sich aus einer spezifischen Lebenslage (z. B. Armut) ergeben. Die Theorie der„Daily Hassles“ trägt zur Erklärung vie­ ler psychischer Probleme von Frauen bei: Charakteris­ tisch für die Lebenslage vieler Frauen und Mütter sind fortwährende tägliche Belastungen, die sich aufgrund der Bewältigung der gleichzeitigen Anforderungen durch Beruf, Haushalt und Kinder, das Ausgeliefertsein an die Zeitpläne des Partners und der Kinder, sowie der eventuell zu pflegenden Personen, bei zum Teil relativ unkooperativem Verhalten von Mann und Kindern, er­ geben. 47 Berufliche Anforderungen können sich zwar durchaus positiv auf das Allgemeinbefinden auswirken, können aber auch zu gegenteiligen Effekten führen. Ob Belas­ tungen zu gesundheitlichen Folgeschäden führen, hängt entscheidend von Umfang und Qualität verfüg­ barer Ressourcen und Bewältigungsstrategien ab. ROXBURGH verweist auf unterschiedliche Bewälti­ gungsstrategien von Männern und Frauen: Während Frauen, um ein Problem zu lösen, sich ständig damit beschäftigen, vermeiden es Männer eher, an das Pro­ blem zu denken. Während bei Frauen übermäßiger Stress häufiger zu Depression und Angst führt, reagie­ ren Männer(vor allem im Beruf) auf Stressoren häufi­ ger mit(Erhöhung des) Alkohol- und Drogenkon­ sum(s). Beide Reaktionsweisen stellen nach ROX­ BURGH signifikante Probleme für die Volksgesundheit dar. 48 Eine wichtige Rolle für die krank machende Wirkung von Belastungen spielt das Ausmaß ab, in dem Betrof­ fene soziale Unterstützung(emotionale Unterstützung durch Trost, instrumentelle Hilfe zur Beseitigung der Belastung, Bereitstellung von Informationen etc.) er­ halten. Frauen verfügen zwar in der Regel häufiger über größere soziale Netzwerke als Männer. Zu beobachten ist jedoch, dass Männer häufiger solche soziale Unter­ stützung erhalten, aber wenig Unterstützung leisten bzw. dabei nicht sehr erfolgreich sind. 49 Zudem fallen gesellschaftliche Reaktionen auf„abwei­ chendes“ Verhalten von Frauen häufig härter aus als auf jenes von Männern. Während auf entsprechende Verhaltensweisen von Männern(in der Familie oder in Betrieben) lange Zeit durch„normalisierende“ Inter­ pretationen oder Verleugnen durchaus„verständnis­ voll“ reagiert wird, ist dies bei vergleichbaren Verhal­ tensweisen von Frauen nicht so sehr der Fall. Bei Frau­ en besteht häufiger die Gefahr der Pathologisierung und der Einstufung als„psychisch krank“, ein Phäno­ men, das zum Teil auch für die häufigere Diagnose psy­ chischer Störungen bei Frauen verantwortlich gemacht wird. 50 Andererseits erhöht sich aber dadurch die Chance zu rechtzeitiger Behandlung, was wiederum zur Vermeidung stationärer Behandlung bzw. zur Verhin­ derung schwerwiegender Folgen(wie etwa einen Sui­ zid) beitragen kann. Suizide sind, wie sich zeigt, bei Frauen deutlich seltener. 47 Vgl. dazu u. a. die Studien von Susan ROXBURGH(1996). 48 Zitiert nach MINISTERIUM FÜR FRAUEN, JUGEND UND FAMILIE DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN(Hrsg.)(2000), S. 224 ff. 49 NESTMANN, SCHMERL(1991). 50 Vgl. dazu GESUNDHEITSBERICHT FÜR DEUTSCHLAND(1998), S. 220. 44 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN II. DATENGRUNDLAGE UND METHODIK SAMPLE AND METHODS II. DATENGRUNDLAGE UND METHODIK 2 DATENGRUNDLAGE UND METHODIK Trotz hoher Brisanz des Problems sind, wie erwähnt, zur Verfügung stehende statistische Angaben zu Präva­ lenz und Determinanten psychischer Störungen und Probleme eher rar. Um Hilfen für die Gesundheitspla­ nung zur Verfügung zu haben, ist es daher besonders wichtig, das vorhandene Datenmaterial zu nutzen bzw. in Zukunft Daten-Lücken zu schließen. Bei der vorlie­ genden Analyse psychischer Beschwerden handelt es sich um eine Sekundärauswertung. Zur Beurteilung der Datenqualität der verwendeten Erhebungen sind einige methodische Bemerkungen angebracht. Rezente Befra­ gungen, die Angaben zu psychischen Beschwerden ent­ halten, sind der Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001 sowie das Mikrozensus-Sonderprogramm vom September 1999„Fragen zur Gesundheit“. Um Ent­ wicklungstendenzen aufzuzeigen, kann außerdem auf Ergebnisse des Mikrozensus vom Dezember 1991, der sich ebenfalls mit diesem Problem befasste, zurückge­ griffen werden. Der Mikrozensus erlaubt zudem Ver­ gleiche zwischen Wien und den anderen Bundeslän­ dern bzw. dem gesamten Bundesgebiet. Beim Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey handelt es sich um eine mündliche Befragung. In zwei Befra­ gungswellen(Wintermonate der Jahre 1999/2000 und 2000/2001) wurden insgesamt 4.019 WienerInnen ab 16 Jahre(im Haushalt der Zielperson) befragt. Die Ziel­ population(Wiener Wohnbevölkerung) wurde nach der Methode der einfachen Zufallsauswahl unter Zuhil­ fenahme von Zählbezirken bestimmt. Die Ausgangs­ stichprobe umfasste 7.300 Personen, erreicht wurde ei­ ne Ausschöpfung von 55 Prozent. Der Großteil der Aus­ fälle(68 Prozent) war auf Verweigerung des Interviews zurückzuführen. Der Mikrozensus ist eine vierteljährlich durchgeführte Stichprobenerhebung in Privathaushalten, die durch Verordnung eingerichtet wurde. Das Sonderprogramm richtet sich an alle im Mikrozensus befragten Personen. Samplestruktur und-größe des Mikrozensus erlauben es, gesonderte Auswertungen auf Ebene der Bundes­ länder vorzunehmen. Für Wien wurden die Ergebnisse des Sonderprogramms„Fragen zur Gesundheit“ vor kurzem veröffentlicht. 51 Der Stichprobenplan des Mikrozensus ist seit 1994 durch ein zweistufiges Auswahlverfahren charakteri­ siert. Lediglich in Wien und in Vorarlberg erfolgt(wie vor 1994 für ganz Österreich) die Stichprobenziehung einstufig. 52 Als Auswahlrahmen für die Stichprobenzie­ hung diente 1999 die Wohnungszählung 1991, revidiert durch die laufende Wohnbaustatistik. Der Auswahlsatz für den Mikrozensus liegt bei 0,8 Prozent der öster­ reichischen Wohnungen; einbezogen wurden im Sep­ tember 1999 ca. 30.000 Wohnungen. Österreichweit wurden insgesamt 58.745 Personen befragt, darunter 5.866 in Wien. Hochgerechnet sind dies für das gesam­ te Bundesgebiet 7,99 Millionen, für Wien 1,58 Millio­ nen Befragte. Beim Mikrozensus handelt es sich um ei­ ne mündliche Befragung in Privathaushalten. Die An­ staltsbevölkerung, die etwa 1 Prozent der Bevölkerung ausmacht, wurde nicht befragt. Im Gegensatz zum Grundprogramm besteht für Son­ derprogramme des Mikrozensus keine Auskunfts­ pflicht, d. h. die Teilnahme daran ist freiwillig. In Wien war die Ablehnungsquote(mit 28,7 Prozent) etwas hö­ her als im gesamten Bundesgebiet(22,4 Prozent). Vor allem ältere Frauen haben die Befragung überdurch­ schnittlich häufig abgelehnt. Um die mit der Antwort­ verweigerung( total-non-response und item-non-re­ sponse) verbundenen Probleme zu beheben, wurde von der Statistik Austria eine Methode zur Imputation feh­ lender Werte entwickelt. Dabei wird mittels einer auf soziodemografischen Merkmalen basierenden Dis­ tanzfunktion der„ähnlichste“ Spender ermittelt, dar­ auf aufbauend werden die fehlenden Merkmale er­ gänzt. 53 Die Ergebnisse des Berichts basieren auf den imputierten Daten. Beim Mikrozensus sind auch so ge­ nannte Fremdauskünfte, d. h. Auskünfte durch andere Haushaltsmitglieder erlaubt. 1999 haben in Öster­ reich 58,5 Prozent über sich selbst Auskunft gegeben; in Wien waren es deutlich mehr, nämlich 67,6 Prozent. 51 Vgl. dazu STADT WIEN(2002b). 52 Nähere Informationen zum Stichprobenplan und zu organisatorischen Fragen des Mikrozensus sind einschlägigen Publikationen der Statistik Austria zu entnehmen(vgl. dazu u. a. ÖSTERREICHISCHES STATISTISCHES ZENTRALAMT[Hrsg.][1996a, 1999]). 53 Zur Erläuterung dieses Verfahrens vgl. ÖSTERREICHISCHES STATISTISCHES ZENTRALAMT(Hrsg.)(1996), S. 75 ff. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 47 II. DATENGRUNDLAGE UND METHODIK Die Ergebnisse der zur Diskussion stehenden empiri­ schen Erhebungen sind aufgrund der unterschiedli­ chen Samplestruktur und Bezugspopulationen sowie der unterschiedlichen Fragestellungen und Antwort­ vorgaben nicht direkt vergleichbar. Beiden Erhebun­ gen liegen Eigenangaben der Befragten(im Mikrozen­ sus teilweise auch Angaben anderer Haushaltsmitglie­ der) zugrunde, also keine ärztlich validierten Diagno­ sen. Trotz dieser Einschränkungen sind empirische Erhebungen wichtige Informationsquellen zum Krankheitsgeschehen, sie liefern uns Anhaltspunkte über die Verbreitung von Krankheiten und Beschwer­ den, für die ansonsten keine Informationen zur Verfü­ gung stehen. 48 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN MENTAL HEALTH PROBLEMS III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN INHALT 3 PSYCHISCHE BESCHWERDEN 3.1 HÄUFIGKEIT PSYCHISCHER BESCHWERDEN IM ÜBERBLICK 3.2 SCHLAFSTÖRUNGEN 3.3 MÜDIGKEIT 3.4 ANGST, NERVOSITÄT 3.5 MELANCHOLIE, DEPRESSION, UNGLÜCKLICHSEIN 3.6 NIEDERGESCHLAGENHEIT, KRAFTLOSIGKEIT 3.7 GEDÄCHTNISSCHWÄCHE, KONZENTRATIONSSTÖRUNGEN 3.8 EXKURS: ARBEITSLOSIGKEIT UND PSYCHISCHE BESCHWERDEN 3.9 INDEX PSYCHISCHER BESCHWERDEN Inhalt 51 52 55 61 65 70 75 81 86 88 50 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Zusammenfassung 3 PSYCHISCHE BESCHWERDEN Zusammenfassung Der vorliegende Abschnitt gibt einen Überblick über die Verbreitung psychischer Beschwerden in der Wiener Bevölkerung. Bei 9 Prozent der Wiener Bevölkerung findet sich ein hohes Ausmaß an psy­ chischen Beschwerden, bei 30 Prozent ein mittleres. Am häufigsten sind Müdigkeit und Schlafstörun­ gen. Bei den Männern folgen an dritter Stelle Nie­ dergeschlagenheit und Kraftlosigkeit; bei den Frau­ en Angst, Nervosität, Unruhe und Unbehagen. Frauen haben häufiger psychische Beschwerden als Männer. Besonders stark betroffen sind ältere Menschen(ab 75 Jahre). Aber auch bei den 45- bis 59-Jährigen, insbesondere den Frauen, sind einzel­ ne psychische Beschwerden überdurchschnittlich häufig. Als Ursachen kommen psychosoziale Fak­ toren(Probleme älterer Arbeitnehmerinnen, Aus­ zug der Kinder, vermehrtes Auftreten von Krank­ heiten etc.) sowie die im Zusammenhang mit der Menopause stehenden Veränderungen in Frage. Im frühen Pensionsalter entspannt sich die Situati­ on wieder etwas. Im hohen Alter(ab 75 Jahren) nehmen psychische Beschwerden allerdings wie­ der zu. Besonders häufig sind psychische Beschwerden bei Arbeitslosen. Durchgängige Bildungs- und Ein­ kommensunterschiede hinsichtlich des Auftretens psychischer Beschwerden sind nur zum Teil, und wenn, dann eher bei den Frauen zu beobachten. Berücksichtigt man jedoch das Ausmaß psychi­ scher Beschwerden(vgl. dazu die Ergebnisse zum Index psychischer Beschwerden) treten Bildungs­ und Einkommensunterschiede(aber auch hier wiederum vor allem bei Frauen) deutlich zutage. Zum Teil finden sich psychische Beschwerden auch gehäuft bei den in Arbeiterbezirken mit hohem Aus­ länderanteil lebenden Personen, aber auch in Nobel­ bezirken wohnhafte Personen haben überdurch­ schnittlich häufig psychische Beschwerden. Einer der Gründe für das gehäufte Vorkommen psychi­ scher Beschwerden in den Nobelbezirken ist die Al­ terszusammensetzung in diesen Bezirken bzw. das vergleichsweise hohe Durchschnittsalter. Summary This section provides an overview of the prevalence of mental health problems in Vienna. 9 percent of the Viennese population have severe and 30 percent have moderate mental health problems. Tiredness and sleep disturbances are the most common ones, followed by depressive mood and decreased energy for men and anxiety, nervousness, restlessness and uneasiness for women. Mental health problems are more common in wom­ en than in men. The rate is particularly high for eld­ erly persons(75 and older), but the age group 45 to 59 also shows an above average prevalence for indi­ vidual disorders, in particular in women. The main causes are psychosocial factors(problems of older employees, children leaving home, increased occur­ rence of illnesses, etc.) and changes occurring with menopause. With retirement, the situation usually improves slightly, but in old age(from age 75 on­ wards) the prevalence of mental health problems in­ creases again. Mental health problems are particularly common in unemployed persons. An overall relation between the level of education and income and mental health problems, however, cannot be observed; they are linked, in particular for women, but there is no com­ plete correlation. When the severity of mental health problems is taken into account(cf. results on the in­ dex of mental health problems), differences in edu­ cation and income become apparent(primarily for women): the lower the level of education and the in­ come, the higher the probability of a high level of mental health problems. There is also a high prevalence of mental health problems in some parts of working-class districts with a large immigrant population, but it is also above average in the upper-class districts. One of the reasons for the high prevalence in the upper-class districts is the age structure – the average age there is comparatively high. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 51 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Häufigkeit im Überblick Auffallend ist des Weiteren die starke Verbreitung psychischer Beschwerden unter österreichischen StaatsbürgerInnen sowie unter Personen mit tür­ kischer Staatsbürgerschaft, insbesondere den Frauen. Personen mit Staatsbürgerschaft eines Staates Ex-Jugoslawiens dagegen geben nur ver­ gleichsweise selten psychische Beschwerden an. Der überwiegende Teil der Betroffenen unter­ nimmt nichts gegen psychische Beschwerden. Ne­ ben sonstigen, nicht näher bezeichneten Maßnah­ men, stehen in der Regel der Griff in die Hausapo­ theke und die Arztkonsultation im Vordergrund. Frauen sind eher bereit als Männer, etwas gegen bestehende Beschwerden zu unternehmen. There is also a conspicuously high prevalence of mental health problems among Austrian and Turk­ ish citizens living in Vienna, in particular women, while immigrants from former Yugoslavia report comparatively few mental health problems. The majority of persons with mental health prob­ lems do not try to treat them in any way. For those who do, self-medication and consulting a doctor, in addition to other, unspecified, measures, are the most common measures. Women are generally more prepared to try to do something against their mental health problems than men. Einleitung Zur Charakterisierung der psychischen Gesundheit der Wiener Bevölkerung stehen Angaben zu psychischen Beschwerden aus Umfragen zur Verfügung. Im Unter­ schied zu psychischen Erkrankungen, d. h. diagnosti­ zierten psychischen Störungen, handelt es sich bei psy­ chischen Beschwerden im Wesentlichen um Kompo­ nenten des subjektiven Empfindens und Befindens. Be­ schwerden behindern zwar in der Regel die gewohnte Tätigkeit nicht, können aber das Wohlbefinden erheb­ lich beeinträchtigen. Der vorliegende Abschnitt gibt einen Überblick über die Verbreitung psychischer Beschwerden in der Wie­ ner Bevölkerung. 3.1 Häufigkeit psychischer Beschwerden im Überblick Angaben zur Verbreitung psychischer Beschwerden in der Wiener Bevölkerung liefern der Mikrozensus 1999 und der Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Aufgrund unterschiedlicher Methoden 54 sind jedoch die Ergebnisse beider Erhebungen kaum ver­ gleichbar. Unterschiede bestehen sowohl in der Art der erfassten Beschwerden sowie hinsichtlich des un­ tersuchten Zeitraums. Während im Mikrozensus nach dem Vorhandensein von Beschwerden(ohne zeitliche Eingrenzung) gefragt wurde, wurde im Wie­ ner Gesundheits- und Sozialsurvey das Vorhan­ densein von Beschwerden in den letzten zwei Wochen vor der Befragung erhoben und zusätzlich die Stärke der Beschwerden erfasst. Ergebnisse des Mikrozensus Im Mikrozensus erfasst wurden Schlafstörungen, Schwäche bzw. Müdigkeit, Nervosität und Niederge­ drücktheit(Depressionen). Ein Fünftel der in Privat­ haushalten lebenden Wiener Bevölkerung(19,8 Prozent) hat mindestens eine dieser Beschwerden. Am verbreitetsten sind Schlafstörungen, gefolgt(der Rangreihe nach) von Schwäche bzw. Müdigkeit, Nervo­ sität und Niedergeschlagenheit(Depressionen). Etwa jede/r zehnte WienerIn(10,6 Prozent) leidet unter Schlafstörungen, 9,2 Prozent berichten über Schwäche, Müdigkeit, 6,2 Prozent leiden unter Nervosität und 3,9 54 Unterschiede bestehen auch in der Sampleauswahl: Während im Mikrozensus keine Altersbegrenzung vorgenommen wurde, wurden im Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey Personen ab 16 Jahre befragt. 52 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Häufigkeit im Überblick Prozent unter Niedergedrücktheit(Depressionen). Frauen berichten häufiger über die genannten psychi­ schen Beschwerden als Männer. In Wien sind psychische Beschwerden der Tendenz nach häufiger als im gesamten Bundesgebiet. Nur bei Schlafstörungen ergeben sich für beide Geschlechter keine nennenswerte Unterschiede, bei Nervosität be­ steht für Männer kein bzw. kaum ein Unterschied. Grafik 3.1: Beschwerden in Wien und Österreich 1999 nach Geschlecht(in Prozent) Männer 14,0 Wien 12,0 Österreich 10,0 8,9 8,9 Prozent 8,0 6,8 6,3 6,0 4,9 5,1 4,0 3,3 2,7 2,0 0,0 Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit (Depressionen) Prozent 14,0 12,2 12,1 12,0 10,0 8,0 6,0 4,0 2,0 0,0 Schlafstörungen Frauen 11,3 9,4 7,5 7,0 Schwäche, Müdigkeit Nervosität Wien Österreich 4,5 4,0 Niedergedrücktheit (Depressionen) Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Ergebnisse des Wiener Gesundheits- und Sozialsurveys Im Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001 wur­ de(wie erwähnt) – neben dem Vorhandensein be­ stimmter psychischer Beschwerden in den letzten zwei Wochen vor der Befragung – erfasst, ob es sich dabei um starke oder leichte Beschwerden handelte. Danach führt(sowohl unter Berücksichtigung leichter als auch starker Beschwerden) Müdigkeit vor Schlaf­ störungen die Rangreihe der psychischen Beschwer­ den an. 55 Am dritthäufigsten sind bei Männern Nie­ 55 Die Unterschiede in Reihung und Häufigkeit psychischer Beschwerden zwischen den Erhebungen sind(abgesehen von der Frageformu­ lierung) auch aufgrund der unterschiedlichen Erhebungszeitpunkte zu erklären. Die Erhebung für den Wiener Gesundheits- und Sozial­ survey fand in den Wintermonaten statt, die Mikrozensus-Erhebung im Spätsommer. Die Werte im Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey sind auch insofern höher, als hier im Gegensatz zum Mikrozensus Kinder(bei denen psychische Beschwerden in der Regel seltener sind) nicht einbezogen sind. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 53 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Häufigkeit im Überblick dergeschlagenheit/Kraftlosigkeit; bei den Frauen Angst/Nervosität/Unruhe/Unbehagen. Während bei den Männern Melancholie/Depression/Unglücklich­ sein am seltensten sind, nehmen bei den Frauen Ge­ dächtnisschwäche/Konzentrationsstörungen den letz­ ten Rang ein. Grafik 3.2: Psychische Beschwerden(in den letzten zwei Wochen) in Wien 1999–2001 nach Geschlecht(Per­ sonen ab 16 Jahre, in Prozent)* Männer 30,0 ja gering 25,0 ja stark 20,0 15,0 13,9 10,0 7,6 5,0 7,1 5,6 4,3 3,9 4,4 3,6 0,0 2,7 1,8 1,2 1,4 Prozent Müdigkeit Schlafstörungen Nieder­ geschlagenheit, Kraftlosigkeit Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen Gedächtnis­ schwäche, Konzentrations­ störungen Melancholie, Depression, Unglücklichsein Prozent 30,0 25,0 20,0 13,7 15,0 10,0 5,0 11,4 0,0 10,3 8,7 Frauen 6,5 6,9 5,4 5,0 ja gering ja stark 5,4 4,9 4,1 2,3 Müdigkeit Schlafstörungen Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen Niederge­ schlagenheit, Kraftlosigkeit Melancholie, Depression, Unglücklichsein Gedächtnis­ schwäche, Konzentrations­ störungen * Sortiert nach dem Vorhandensein psychischer Beschwerden bei Männern und Frauen. Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Ebenso wie im Mikrozensus zeichnet sich auch im Wie- der Stärke psychischer Beschwerden, eine vermehrte ner Gesundheits- und Sozialsurvey, unabhängig von Betroffenheit der Frauen ab. 54 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Schlafstörungen 3.2 Schlafstörungen Ursachen und Verbreitung Laut Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey hatten von der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren 13,2 Prozent der Männer und 19,0 Prozent der Frauen in den letzten zwei Wochen vor der Befragung Schlafstörungen, 5,6 Prozent der Männer und 8,7 Prozent der Frauen berich­ teten von starken Schlafstörungen. ● psychologische(z. B. Ärger, Stress, familiäre oder berufliche Probleme) ● psychische(z. B. Depression, Manie) ● pharmakologische(z. B. Konsum von Kaffee, Alko­ hol, Nebenwirkung von Medikamenten wie Appe­ titzügler) oder ● organische(Epilepsie, ruheloses-Bein-Syndrom, Schmerzen, Herzkrankheiten, Schlafapnoe) Schlafstörungen treten häufig vorübergehend auf und sind als solche noch nicht als Störung zu bezeichnen. Besonders vor oder nach belastenden Ereignissen sind Schlafstörungen durchaus normal. Großer Leidensdruck entsteht, wenn sie sich über längere Zeit(Wo­ chen oder Monate) erstrecken und zu Müdigkeit, Leis­ tungs- und Konzentrationsminderung oder anderen Beschwerden führen. Zu unterscheiden ist zwischen Ein- und Durchschlaf­ störungen. Einschlafstörungen liegen vor, wenn mehr als eine halbe Stunde bis zum Einschlafen vergeht, Durchschlafstörungen, wenn die Betroffenen nach dem Aufwachen in der Nacht nach mehr als einer halben Stunde nicht wieder einschlafen können. Schlafstörun­ gen müssen zwar nicht immer psychischen Ursprungs sein, wirken sich aber deutlich auf das psychische Wohlbefinden aus. Als Ursachen kommen folgende Faktoren in Betracht: ● physikalische(z. B. Lärm, helles Licht) ● physiologische(z. B. Schichtarbeit) Auch die Angst vor der nächsten schlaflosen Nacht kann die Schlafstörung verstärken. Es ist vor allem wichtig herauszufinden, woher die Schlafstörungen rühren und die Ursachen, soweit dies möglich ist, zu beseitigen. Bei länger anhaltenden Schlafstörungen sollte eine Abklärung der Ursache(n) durch den Arzt erfolgen, da ein über längerer Zeit hin­ weg gestörter Schlaf zu gravierenden Folgen für die Be­ troffenen führen kann. In schwierigen Fällen können Untersuchungen im Schlaflabor weiterhelfen. Frauen leiden häufiger unter Schlafstörungen als Män­ ner. Dies trifft sowohl für starke als auch leichte Be­ schwerden und für alle Altersgruppen zu. Mit dem Al­ ter nehmen Schlafstörungen zu. Während in Wien von den 25- bis 44-Jährigen 9,2 Prozent der Männer und 10,0 Prozent der Frauen in den letzten zwei Wochen vor der Befragung Schlafstörungen hatten, war(en) von den 75-Jährigen und älteren ein Viertel der Männer und über 40 Prozent der Frauen betroffen. Auch starke Schlafstörungen werden mit dem Alter häufiger. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 55 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Schlafstörungen Grafik 3.3: Schlafstörungen(in den letzten zwei Wochen) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Per­ sonen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 50,0 40,0 ja gering ja stark 30,0 Prozent 20,0 10,8 10,0 6,2 3,6 6,5 0,0 2,2 3,0 16–24 25–44 45–59 8,4 10,2 60–74 Alter(Jahre) Frauen 50,0 40,0 10,4 14,2 75+ ja gering ja stark Prozent 30,0 20,0 10,0 6,2 4,2 0,0 16–24 15,8 6,6 3,4 25–44 10,3 9,6 45–59 Alter(Jahre) 15,4 60–74 19,8 21,5 75+ Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Sozioökonomische Ausprägungen Eine deutliche Bildungs- und Einkommensabhängigkeit ist lediglich bei den Frauen zu beobachten: Niedrig gebildete und einkommensmäßig schlechter gestellte Frauen leiden häufiger unter(starken) Schlafstörun­ gen. 56 56 Zu beachten ist, dass ältere Frauen gegenwärtig eine niedrigere Bildung und ein geringeres Einkommen haben. 56 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Schlafstörungen Grafik 3.4: Schlafstörungen(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht(Per­ sonen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 30,0 ja gering 25,0 ja stark 20,0 Prozent 15,0 10,0 5,0 0,0 5,0 3,8 Pflichtschule 7,9 7,7 7,7 5,1 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 10,7 2,7 Hochschule Prozent 30,0 25,0 20,0 10,3 15,0 10,0 14,4 5,0 0,0 Pflichtschule Frauen ja gering ja stark 10,3 10,5 7,7 6,4 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 9,1 3,7 Hochschule Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Von den Männern leiden jene mit Pflichtschulbildung am wenigsten unter Schlafstörungen. Männer mit niedriger Bildung verrichten häufig schwere körperliche Arbeit, was anscheinend dem Auftreten von Schlafstörungen entgegenwirkt. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 57 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Schlafstörungen Grafik 3.5: Schlafstörungen(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Haushaltseinkommen pro Kopf* und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 30,0 ja gering 25,0 ja stark 20,0 Prozent 15,0 10,0 8,7 5,0 6,3 0,0 Schicht 1 8,1 7,4 Schicht 2 6,5 3,5 Schicht 3 10,5 5,2 Schicht 4 Prozent 30,0 25,0 20,0 9,3 15,0 10,0 14,7 5,0 0,0 Schicht 1 Frauen 11,5 8,9 Schicht 2 9,3 6,4 Schicht 3 ja gering ja stark 7,7 5,9 Schicht 4 * Netto-Haushaltseinkommen pro Kopf(in Euro): Schicht 1= bis 727,–; Schicht 2= bis 1.308,–; Schicht 3= bis 2.180,–; Schicht 4= über 2.180.– . Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Im Einklang damit steht, dass Männer aus Arbeiterbe­ zirken am seltensten über Schlafstörungen berichten. Allerdings unterscheidet sich die Häufigkeit starker Schlafstörungen bei den Männern nicht nach der Art des Wohnbezirks. Bei Frauen sind Schlafstörungen (insgesamt) in allen Bezirksarten ähnlich häufig, starke Schlafstörungen finden sich allerdings(bedingt durch das höhere Durchschnittsalter) vermehrt bei Frauen in Nobelbezirken. 58 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Schlafstörungen Grafik 3.6: Schlafstörungen(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Art des Wohnbezirkes 57 und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 25,0 20,0 ja gering ja stark Prozent 15,0 10,0 7,6 9,5 11,4 5,6 5,0 5,6 5,4 5,8 5,2 0,0 Arbeiter-, Ausländer­ bezirk Arbeiter­ bezirk Mischbezirk Nobelbezirk Prozent 25,0 20,0 15,0 9,6 10,0 5,0 9,6 0,0 Frauen 12,2 9,8 8,8 7,3 ja gering ja stark 5,7 12,4 Arbeiter-, Ausländer­ bezirk Arbeiter­ bezirk Mischbezirk Nobelbezirk Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Am häufigsten sind Schlafstörungen(insgesamt) unter Männer wie Frauen mit österreichischer Staatsbürger­ schaft. Starke Schlafstörungen finden sich allerdings auch bei türkischen StaatsbürgerInnen sowie bei Frau­ en mit„anderer“ Staatsbürgerschaft überdurchschnitt­ lich häufig. Am seltensten kommen(starke) Schlafstö­ rungen bei Männern und Frauen mit Staatsbürger­ schaft der Staaten Ex-Jugoslawiens vor. 57 Für die regionale Gliederung innerhalb Wiens wurden anlog zum Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey(Stadt Wien[2001], S. 65) Bezirke mit vergleichbarer Bevölkerungsstruktur zusammengefasst. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 59 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Schlafstörungen Grafik 3.7: Schlafstörungen(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft 58 und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Prozent 16,0 14,0 12,0 10,0 8,0 8,0 6,0 4,0 6,0 2,0 0,0 Österreich 25,0 20,0 Männer 4,7 7,1 2,3 1,6 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft Frauen ja gering ja stark 8,8 3,7 andere ja gering ja stark Prozent 15,0 11,2 10,0 5,0 9,2 0,0 Österreich 6,4 4,9 0,6 7,2 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft 4,6 9,4 andere Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Mit Schlafstörungen einhergehend zu beobachten sind niedrige Lebenszufriedenheit, Belastung durch Le­ bensereignisse sowie geringe Einbindung in soziale Netze. 59 Schlafstörungen, insbesondere starke, kön­ nen die Lebenszufriedenheit erheblich beeinträchti­ gen, sie können aber auch Ausdruck niedriger Lebens­ zufriedenheit, z. B. aufgrund belastender Lebensereig­ nisse, sozialer Isolation oder schlechter körperlicher Verfassung sein. Maßnahmen Circa zwei Drittel der Männer und nahezu die Hälfte der Frauen haben nichts gegen ihre Schlafstörungen in den letzten zwei Wochen vor der Befragung unternom­ men. Im Vordergrund unter den Maßnahmen standen bei beiden Geschlechtern sonstige, nicht näher bezeich­ nete Maßnahmen und der Griff in die Hausapotheke, jedoch unterschiedlich gereiht. Frauen gehen wegen Schlafstörungen häufiger zum Arzt, nehmen häufiger Haus- und Naturheilmittel, greifen häufiger in die Hausapotheke oder zu sonstigen, nicht näher bezeich­ neten Maßnahmen. 58 Für die regionale Gliederung innerhalb Wiens wurden anlog zum Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey(Stadt Wien[2001], S. 65) Bezirke mit vergleichbarer Bevölkerungsstruktur zusammengefasst. 59 Vgl. dazu Tabellenband zum Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, Band 1, S. 35. 60 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Müdigkeit Grafik 3.8: Maßnahmen gegen Schlafstörungen(in den letzten zwei Wochen) in Wien 1999–2001 nach Geschlecht(Betroffene ab 16 Jahre, Mehrfachnennungen möglich, in Prozent) Prozent 80,0 70,0 67,5 Männer Frauen 60,0 50,0 47,8 40,0 30,0 20,0 10,0 7,3 10,4 6,0 3,5 17,6 4,3 10,0 9,7 10,5 13,4 1,2 0,8 0,0 nichts Arztbesuch traditionelle Hausmittel Naturheilmittel Hausapotheke nicht rezeptpflichtige Medikamente sonstiges Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Laut Mikrozensus haben von den Personen mit Schlaf- 13,5 Prozent vom Arzt verordnete Medikamente ge­ störungen in den letzten vier Wochen vor der Befragung nommen, und zwar Frauen etwas häufiger als Männer. Tabelle 3.1: Schlafstörungen und Einnahme ärztlich verordneter Medikamente gegen Schlafstörungen durch Betroffene(in den letzten vier Wochen) in Wien 1999 nach Geschlecht(in Prozent) Geschlecht Männer Frauen gesamt Personen in 1.000 749,3 830,4 1.579,7 davon haben Schlafstörungen in% Einnahme vom Arzt verordneter Medikamente gegen Schlafstö­ rungen durch Betroffene in% 8,9 11,5 12,2 14,9 10,6 13,5 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. 3.3 Müdigkeit Verbreitung Ebenso wie Schlafstörungen kann auch Müdigkeit un­ terschiedliche Ursachen haben. So zeigen sich etwa Zu­ sammenhänge zwischen Müdigkeit und Schlafstörun­ gen sowie zwischen Müdigkeit und Niedergeschlagen­ heit(Depressionen; vgl. dazu Abschnitt 9.1). Auch Le­ bensgewohnheiten, körperliche Erkrankungen etc. können eine Rolle spielen. Von der Wiener Bevölke­ rung ab 16 Jahren gaben für die letzten zwei Wochen vor der Befragung 21,0 Prozent der Männer und 25,2 Prozent der Frauen Müdigkeit an. 13,9 Prozent der Männer und 13,7 Prozent der Frauen berichteten über starke Müdigkeit. 60 60 Die hohen Werte sind, wie schon erwähnt, vor allem durch die Tatsache zu erklären, dass die Befragung in den Wintermonaten statt­ fand. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 61 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Müdigkeit Am meisten betroffen von Müdigkeit sind Personen mittleren und hohen Alters, aber auch jugendliche und junge erwachsene Frauen geben überdurchschnittlich häufig Müdigkeit an. Zu Beginn des Pensionsalters(60 bis 74 Jahre) ist bei beiden Geschlechtern ein Rückgang (starker) Müdigkeit zu beobachten. Starke Müdigkeit findet sich am häufigsten bei Männern wie Frauen im hohen Alter und bei Frauen in der Altersgruppe der 45­ bis 59-Jährigen, also der Zeit vor der Pensionierung. Ein Lebensabschnitt, der bei Frauen durch die Meno­ pause geprägt ist. Grafik 3.9: Müdigkeit(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 35,0 30,0 ja gering ja stark 25,0 Prozent 20,0 15,0 10,0 10,1 5,0 5,6 0,0 16–24 35,0 30,0 15,4 17,4 7,9 6,5 9,1 5,5 25–44 45–59 Alter(Jahre) Frauen 60–74 9,2 10,7 75+ ja gering ja stark Prozent 25,0 20,0 11,9 16,0 15,7 14,6 15,0 9,4 10,0 5,0 10,1 10,5 14,2 8,4 14,1 0,0 16–24 25–44 45–59 Alter(Jahre) 60–74 75+ Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Sozioökonomische Unterschiede Während sich bei den Männern kein nennenswerter Unterschied zwischen den Bildungsgruppen zeigt, ist (starke) Müdigkeit bei Frauen unter jenen mit höchster und niedrigster Bildung am häufigsten. 62 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Müdigkeit Grafik 3.10: Müdigkeit(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 35,0 30,0 ja gering ja stark 25,0 Prozent 20,0 15,0 12,0 10,0 5,0 8,3 0,0 Pflichtschule 14,2 15,0 13,5 6,9 6,5 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 7,5 Hochschule Frauen 35,0 30,0 ja gering ja stark Prozent 25,0 11,8 20,0 15,0 10,0 15,2 5,0 0,0 Pflichtschule 18,5 12,0 15,1 10,1 9,2 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 12,2 Hochschule Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Bei den Männern ist Müdigkeit in der Gruppe der ande­ ren sowie unter den österreichischen Staatsbürgern am häufigsten, starke Müdigkeit findet sich(mit Ausnah­ me der in Wien lebenden Staatsbürger aus Staaten ExJugoslawiens) bei allen Staatsbürgern ähnlich häufig. Von den Frauen leiden türkische Staatsbürgerinnen am häufigsten unter(starker) Müdigkeit, am wenigsten betroffen sind Staatsbürgerinnen aus Staaten Ex-Ju­ goslawiens. Frauen mit österreichischer und anderer Staatsbürgerschaft leiden in etwa gleich häufig an Mü­ digkeit. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 63 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Müdigkeit Grafik 3.11: Müdigkeit(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht (Personen ab 16 Jahre, in Prozent) 50,0 40,0 Männer ja gering ja stark 30,0 Prozent 20,0 10,0 0,0 14,3 7,2 Österreich 50,0 40,0 11,7 6,8 5,3 7,9 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft Frauen 15,7 7,7 andere ja gering ja stark Prozent 30,0 20,0 13,5 10,0 11,2 0,0 Österreich 21,8 11,5 16,8 10,2 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft 14,0 12,9 andere Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Maßnahmen Auch hier zeigt sich, ähnlich wie bei den Schlafstörun­ gen, dass der überwiegende Teil der Betroffenen(über 70 Prozent der Männer und nahezu zwei Drittel der Frauen) nichts gegen Müdigkeit unternimmt. Und zwar wird gegen Müdigkeit noch seltener als gegen Schlafstörungen etwas unternommen. Wenn über­ haupt, dann kommen am ehesten sonstige, nicht näher ausgewiesene Maßnahmen in Frage. Nur 3,5 Prozent der betroffenen Männer und 4,2 Prozent der Frauen su­ chen wegen solcher Beschwerden einen Arzt auf. Gene­ rell sind Frauen eher bereit, verschiedene Maßnahmen zu ergreifen. 64 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Angst, Nervosität Grafik 3.12: Maßnahmen gegen Müdigkeit(in den letzten zwei Wochen) in Wien 1999–2001 nach Geschlecht (Betroffene ab 16 Jahre, Mehrfachnennungen möglich, in Prozent) 80,0 71,2 70,0 64,2 60,0 Männer Frauen 50,0 Prozent 40,0 30,0 23,4 19,6 20,0 10,0 3,5 4,2 6,1 2,6 3,2 4,2 1,5 2,2 0,0 0,4 0,0 nichts Arztbesuch traditionelle Hausmittel Naturheilmittel Hausapotheke nicht rezeptpflichtige Medikamente sonstiges Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. 3.4 Angst, Nervosität Verbreitung Von der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren gaben 5,7 Prozent der Männer und 11,9 Prozent der Frauen Angst, Nervosität, Unruhe und Unbehagen in den letz­ ten zwei Wochen vor der Befragung an. Frauen sind insgesamt doppelt so häufig betroffen wie Männer, starke Beschwerden dieser Art kommen bei Frauen dreimal so häufig wie bei Männern vor. Im Altersgruppenvergleich nehmen Angst, Nervosität, Unruhe und Unbehagen mit zunehmendem Alter zu­ nächst etwas zu, im frühen Pensionsalter jedoch wieder etwas ab, gewinnen aber im hohen Alter von 75 und mehr Jahren wieder an Bedeutung. Bei den Frauen ge­ ben auch junge Frauen überdurchschnittlich häufig solche Beschwerden an. Am häufigsten unter Angst, Nervosität, Unruhe und Unbehagen leiden allerdings 45- bis 59-jährige Frauen, also zu Beginn und während der Menopause. Aber auch Männer sind in dieser Le­ bensphase vergleichsweise häufig betroffen. Als Ursa­ chen für die größere Anfälligkeit für psychische Be­ schwerden von Frauen während der Menopause gelten unter anderem hormonelle Einflüsse und soziale Fak­ toren. Unklar ist nach wie vor, ob die psychischen Sym­ ptome, über die Frauen nach der Menopause berichten, auf den Östrogenmangel zurückzuführen sind, oder ob sie eine Folge der veränderten Lebenssituation(Auszug der Kinder, Verlust des Partners etc.) sind. Die Angst vor dem Alleinsein, nicht selten gepaart mit finanziel­ len Ängsten, ist für viele Frauen(auch im hohen Alter) ein oft schwer zu bewältigendes Problem. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 65 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Angst, Nervosität Grafik 3.13: Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Prozent 16,0 14,0 12,0 10,0 8,0 6,0 4,0 3,9 2,0 3,2 0,0 0,7 1,9 16–24 25–44 Männer 4,1 3,2 2,4 2,2 45–59 60–74 Alter(Jahre) 6,4 0,9 75+ ja gering ja stark Prozent 16,0 14,0 12,0 10,0 7,6 8,0 6,0 4,0 5,4 2,0 0,0 16–24 Frauen 7,6 7,7 5,4 7,0 5,4 3,6 25–44 45–59 Alter(Jahre) 60–74 5,5 8,7 75+ ja gering ja stark Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Soziodemografische Unterschiede Beschwerden wie Angst, Nervosität, Unruhe und Unbe­ hagen folgen keinem einheitlichen Bildungstrend. Am häufigsten finden sich Beschwerden dieser Art insge­ samt bei Männern mit mittlerer Bildung und bei Frau­ en mit Pflichtschul- aber auch Hochschulbildung. Star­ ke Beschwerden dieser Art sind bei Frauen der nied­ rigsten Bildungsgruppe(Pflichtschule) am verbreitets­ ten. Die Einkommensunterschiede lassen vermuten, dass Existenzängste eine Rolle spielen. 66 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Angst, Nervosität Grafik 3.14: Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 16,0 14,0 ja gering ja stark 12,0 10,0 Prozent 8,0 6,0 4,0 4,8 2,0 1,3 0,0 Pflichtschule 3,4 4,9 2,1 1,8 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 2,0 1,8 Hochschule Prozent 16,0 14,0 12,0 5,1 10,0 8,0 6,0 4,0 8,6 2,0 0,0 Pflichtschule Frauen ja gering ja stark 7,0 6,7 5,3 3,3 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 8,9 4,6 Hochschule Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Festzustellen ist eine deutliche Einkommensabhängigkeit von Angst, Nervosität, Unruhe und Unbehagen: Je niedriger das Einkommen, desto häufiger sind solche Gefühle, auch starke Gefühle dieser Art folgen einem solchen Trend. Nur die höchste Einkommensgruppe weicht hier etwas ab. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 67 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Angst, Nervosität Grafik 3.15: Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Haus­ haltseinkommen pro Kopf* und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 20,0 ja gering ja stark 15,0 Prozent 10,0 6,3 5,0 4,1 0,0 Schicht 1 20,0 15,0 7,0 5,6 1,8 Schicht 2 3,1 1,3 Schicht 3 Frauen 1,2 2,6 Schicht 4 ja gering ja stark Prozent 10,0 6,9 8,6 6,2 11,1 5,0 0,0 Schicht 1 4,9 Schicht 2 4,1 Schicht 3 3,9 Schicht 4 * Netto-Haushaltseinkommen pro Kopf(in Euro): Schicht 1= bis 727,–; Schicht 2= bis 1.308,–; Schicht 3= bis 2.180,–; Schicht 4= über 2.180.– . Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Am häufigsten unter Angst, Nervosität, Unruhe und Unbehagen leiden von den Männern die in Wien leben­ den türkischen Staatsbürger, bei den Frauen jene mit „anderer“ Staatsbürgerschaft. Starke(s) Angst, Nervo­ sität, Unruhe, Unbehagen sind jedoch bei türkischen Migranten und Migrantinnen am verbreitetsten. Am seltensten berichten Staatsbürger und Staatsbürgerin­ nen aus Staaten Ex-Jugoslawiens von solchen Be­ schwerden. 68 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Angst, Nervosität Grafik 3.16: Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen(In den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Staats­ bürgerschaft und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Prozent 18,0 16,0 14,0 12,0 10,0 8,0 6,0 4,0 4,1 2,0 1,9 0,0 Österreich Männer 3,3 1,8 0,7 3,4 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft ja gering ja stark 3,4 1,0 andere Prozent 18,0 16,0 14,0 12,0 10,0 6,3 8,0 6,0 4,0 5,7 2,0 0,0 Österreich Frauen 5,9 7,8 2,2 0,5 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft ja gering ja stark 12,2 3,8 andere Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Maßnahmen Auch hier zeigt sich das gewohnte Bild: Frauen unterneh­ men häufiger etwas dagegen als Männer. Sie gehen öfter zum Arzt, greifen häufiger zu Naturheilmitteln oder in die Hausapotheke sowie zu sonstigen, nicht näher be­ zeichneten Maßnahmen. Kaum ein Geschlechtsunter­ schied besteht hinsichtlich des Einsatzes traditioneller Hausmittel bzw. nicht rezeptpflichtiger Medikamente, die insgesamt jedoch marginale Bedeutung haben. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 69 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Melancholie, Depression, Unglücklichsein Grafik 3.17: Maßnahmen gegen Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Geschlecht(Betroffene ab 16 Jahre, Mehrfachnennungen möglich, in Prozent) 70,0 62,2 60,0 Männer Frauen 50,0 48,0 Prozent 40,0 30,0 20,0 10,0 12,0 7,7 15,3 9,1 10,4 6,5 18,8 10,5 2,7 2,1 2,5 2,1 0,0 nichts Arztbesuch traditionelle Hausmittel Naturheilmittel Hausapotheke nicht rezeptpflichtige Medikamente sonstiges Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Laut Mikrozensus haben von den von Nervosität Be­ troffenen in den letzten vier Wochen vor der Befragung 16,4 Prozent vom Arzt verordnete Medikamente dagegen genommen, und zwar Frauen etwas häufiger als Männer. Tabelle 3.2: Nervosität und Einnahme ärztlich verordneter Medikamente gegen Nervosität durch Betroffene(in den letzten vier Wochen) in Wien 1999 nach Geschlecht(in Prozent) Geschlecht Männer Frauen gesamt Personen in 1.000 749,3 830,4 1.579,7 davon leiden unter Nervosität in% 4,9 7,5 6,3 Einnahme vom Arzt verordneter Me­ dikamente gegen Nervosität durch Betroffene in% 13,6 18,0 16,4 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. 3.5 Melancholie, Depression, Unglücklichsein Verbreitung Von der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren gaben 5,0 Prozent der Männer und 9,5 Prozent der Frauen für die letzten zwei Wochen vor der Befragung Melancholie, Depression und Unglücklichsein an. Starke Beschwer­ den dieser Art hatten 1,0 Prozent der Männer und 4,0 Prozent der Frauen. Ebenso wie andere psychische Be­ schwerden sind auch depressive Beschwerden bei Frauen vermehrt zu beobachten. Am häufigsten betroffen von Melancholie, Depression und Unglücklichsein sind ältere Menschen(75 und mehr Jahre). Bei den älteren Männern handelt es sich jedoch dabei durchgängig um leichte Beschwerden der genannten Art. Aber auch die 45- bis 59-Jährigen(be­ sonders deutlich ist dies bei den Frauen) geben über­ durchschnittlich häufig solche Beschwerden an. Auf vermutete Ursachen des gehäuften Auftretens psychi­ scher Beschwerden in dieser Lebensphase bei den Frauen wurde bereits verwiesen. Nicht unerwähnt blei­ 70 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Melancholie, Depression, Unglücklichsein ben sollte auch die relative starke Verbreitung depres- jungen erwachsenen Frauen. Beinahe jede zehnte junge siver Beschwerden unter weiblichen Jugendlichen und Frau berichtet über depressive Beschwerden. Grafik 3.18: Melancholie, Depression, Unglücklichsein(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Prozent 14,0 12,0 10,0 8,0 6,0 4,0 2,0 0,0 3,2 1,4 16–24 Männer 2,9 1,8 25–44 4,1 3,9 1,3 45–59 Alter(Jahre) 1,2 60–74 ja gering ja stark 6,5 0,0 75+ Prozent 14,0 12,0 10,0 8,0 6,0 4,0 2,0 0,0 5,1 4,4 16–24 Frauen 4,8 4,1 5,8 5,4 4,5 2,9 25–44 45–59 Alter(Jahre) 60–74 7,3 4,6 75+ ja gering ja stark Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Sozioökonomische Unterschiede Während sich bei den Männern kaum nennenswerte Bildungsunterschiede im Vorhandensein von Melan­ cholie, Depression und Unglücklichsein finden(ledig­ lich Männer mit Hochschul- bzw. Universitätsab­ schluss sind seltener betroffen), findet sich bei Frauen zumindest für starke depressive Beschwerden eine deutliche Bildungsabhängigkeit: Je niedriger die Bil­ dung, desto häufiger sind starke depressive Beschwer­ den. Leichte(s) Melancholie, Depression, Unglücklichsein ist interessanterweise jedoch unter höher gebilde­ ten Frauen etwas häufiger. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 71 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Melancholie, Depression, Unglücklichsein Grafik 3.19: Melancholie, Depression, Unglücklichsein(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Bil­ dung und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 12,0 10,0 ja gering ja stark 8,0 Prozent 6,0 4,0 4,0 2,0 1,6 0,0 Pflichtschule 3,8 4,0 1,6 1,3 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 1,9 0,7 Hochschule Prozent 12,0 10,0 8,0 4,7 6,0 4,0 5,6 2,0 0,0 Pflichtschule Frauen ja gering ja stark 4,3 7,0 6,2 4,9 2,7 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 2,5 Hochschule Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Zu beobachten sind deutliche Einkommensunterschie­ de im Vorkommen leichter und schwerer depressiver Beschwerden: Am meisten betroffen von Melancholie, Depression, Unglücklichsein sind die finanziell schlech­ ter gestellten Gruppen. So berichten Frauen der nied­ rigsten Einkommensschicht viermal so häufig über starke diesbezügliche Beschwerden wie Frauen der höchsten. Bei den Männern ist dieser Wert in der nied­ rigsten Einkommensschicht(bei allerdings vergleichs­ weise geringerem Niveau) achtmal so hoch wie in der höchsten. 72 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Melancholie, Depression, Unglücklichsein Grafik 3.20: Melancholie, Depression, Unglücklichsein(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Haushaltseinkommen pro Kopf* und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Prozent 16,0 14,0 12,0 10,0 8,0 6,0 3,9 4,0 2,0 4,2 0,0 Schicht 1 Männer ja gering ja stark 4,8 1,5 Schicht 2 3,0 0,7 Schicht 3 2,9 0,5 Schicht 4 Prozent 16,0 14,0 12,0 4,1 10,0 8,0 6,0 10,4 4,0 2,0 0,0 Schicht 1 Frauen 5,4 5,9 3,7 Schicht 2 3,1 Schicht 3 ja gering ja stark 1,9 2,6 Schicht 4 * Netto-Haushaltseinkommen pro Kopf(in Euro): Schicht 1= bis 727,–; Schicht 2= bis 1.308,–; Schicht 3= bis 2.180,–; Schicht 4= über 2.180.– . Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Dass Beschwerden wie Melancholie, Depression und Unglücklichsein bei beiden Geschlechtern in Nobelbe­ zirken am häufigsten sind, lässt sich aufgrund des höheren Durchschnittsalters in diesen Bezirken erklären. Vermehrt finden sich(insbesondere starke) Beschwerden dieser Art bei den in Arbeiterbezirken mit hohem Ausländeranteil lebenden Frauen. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 73 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Melancholie, Depression, Unglücklichsein Grafik 3.21: Melancholie, Depression, Unglücklichsein(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Art des Wohnbezirks und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 14,0 12,0 ja gering ja stark 10,0 Prozent 8,0 6,0 5,7 4,0 3,9 3,1 3,6 2,0 1,3 1,2 1,6 2,1 0,0 Arbeiter-, Ausländer­ bezirk Arbeiter­ bezirk Mischbezirk Nobelbezirk Prozent 14,0 12,0 10,0 8,0 5,1 6,0 4,0 2,0 4,8 0,0 Art des Wohnbezirks Frauen 4,6 6,1 4,0 3,3 ja gering ja stark 7,0 5,4 Arbeiter-, Ausländer­ bezirk Arbeiter­ bezirk Mischbezirk Nobelbezirk Art des Wohnbezirks Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Am häufigsten sind Melancholie, Depression und Unglücklichsein unter österreichischen StatatsbürgerInnen sowie unter Frauen mit„anderer“ Staatsbürger­ schaft. Interessant ist, dass StaatsbürgerInnen Ex-Ju­ goslawiens solche Gefühle nicht bzw. kaum kennen. 74 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit Grafik 3.22: Melancholie, Depression, Unglücklichsein(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Prozent 12,0 10,0 8,0 6,0 4,0 4,1 2,0 1,6 0,0 Österreich Männer 2,8 0,0 0,0 1,8 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft ja gering ja stark 1,3 0,5 andere Prozent 12,0 10,0 8,0 5,8 6,0 4,0 2,0 4,2 0,0 Österreich Frauen 2,8 5,6 1,7 0,0 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft ja gering ja stark 4,3 5,0 andere Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. 3.6 Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit Verbreitung 7,0 Prozent der Männer und 11,9 Prozent der Frauen fühlten sich in den letzten zwei Wochen vor der Befra­ gung niedergeschlagen und kraftlos, 3,0 Prozent der Männer und 5,0 Prozent der Frauen berichteten über starke Probleme dieser Art. Ebenso wie Melancholie, Depression und Unglücklichsein finden sich auch Nie­ dergeschlagenheit und Kraftlosigkeit am häufigsten bei älteren Menschen(75 und mehr Jahre), insbesondere den Frauen. Aber auch die 45- bis 59-Jährigen(Männer wie Frauen) berichten überdurchschnittlich häufig von solchen Beschwerden. Im frühen Pensionsalter dage­ gen werden bei beiden Geschlechtern solche Beschwer­ den wieder seltener. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 75 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit Grafik 3.23: Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 20,0 15,0 ja gering ja stark Prozent 10,0 6,5 5,0 4,2 3,2 0,0 1,6 0,4 2,8 3,7 2,8 16–24 25–44 45–59 60–74 Alter(Jahre) Frauen 20,0 4,7 2,8 75+ Prozent 15,0 10,0 5,4 5,0 3,7 0,0 16–24 7,7 7,0 6,7 3,8 25–44 6,7 45–59 Alter(Jahre) 3,1 60–74 Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. 6,4 9,3 75+ ja gering ja stark Sozioökonomische Ausprägungen Während Niedergeschlagenheit und Kraftlosigkeit bei den Männern mit Lehre und mittlerer Bildung am häufigsten sind, sind solche Beschwerden bei den Frauen in den niedrigen Bildungsgruppen am häufigsten. Bei Frauen werden sowohl leichte als auch starke Beschwerden dieser Art mit steigender Bildung in der Re­ gel seltener. 76 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit Grafik 3.24: Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Prozent 18,0 16,0 14,0 12,0 10,0 8,0 6,0 4,0 1,9 2,0 2,9 0,0 Pflichtschule 18,0 16,0 14,0 12,0 8,3 10,0 8,0 6,0 4,0 7,4 2,0 0,0 Pflichtschule Männer ja gering ja stark 4,8 5,6 3,7 2,1 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung Frauen 3,6 1,0 Hochschule ja gering ja stark 7,6 5,7 4,7 3,7 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 5,7 3,2 Hochschule Prozent Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Allerdings zeigt sich bei beiden Geschlechtern eine Einkommen, desto häufiger sind in der Regel Niederge­ deutliche Einkommensabhängigkeit: Je niedriger das schlagenheit bzw. Kraftlosigkeit. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 77 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit Grafik 3.25: Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Haushaltseinkommen pro Kopf* und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 20,0 ja gering ja stark 15,0 Prozent 10,0 6,1 5,0 4,8 0,0 Schicht 1 20,0 15,0 7,9 4,8 4,3 Schicht 2 4,4 1,2 Schicht 3 Frauen 3,1 2,3 Schicht 4 ja gering ja stark Prozent 10,0 5,0 10,7 0,0 Schicht 1 6,6 4,2 Schicht 2 6,9 4,2 Schicht 3 5,1 4,5 Schicht 4 * Netto-Haushaltseinkommen pro Kopf(in Euro): Schicht 1= bis 727,–; Schicht 2= bis 1.308,–; Schicht 3= bis 2.180,–; Schicht 4= über 2.180.– . Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Überdurchschnittlich häufig finden sich solche Be­ schwerden in Arbeiterbezirken mit hohem Ausländeranteil. Am meisten betroffen sind allerdings in den No­ belbezirken wohnende Frauen, ein Ergebnis, das auch bei anderen psychischen Beschwerden zu beobachten war und vor allem auf das höhere Durchschnittsalter in diesen Bezirken zurückzuführen ist. 78 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit Grafik 3.26: Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Art des Wohnbezirks und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Prozent 18,0 16,0 14,0 12,0 10,0 8,0 5,6 6,0 4,0 2,0 5,1 0,0 Männer 5,5 2,6 1,8 1,4 ja gering ja stark 3,5 3,1 Arbeiter-, Ausländer­ bezirk Arbeiter­ bezirk Mischbezirk Nobelbezirk Prozent 18,0 16,0 14,0 12,0 10,0 7,5 8,0 6,0 4,0 5,1 2,0 0,0 Art des Wohnbezirks Frauen 7,5 5,7 4,6 4,5 ja gering ja stark 8,2 7,9 Arbeiter-, Ausländer­ bezirk Arbeiter­ bezirk Mischbezirk Nobelbezirk Art des Wohnbezirks Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Österreichische StaatsbürgerInnen berichten häufiger von Niedergeschlagenheit bzw. Kraftlosigkeit als Personen mit anderer Staatsbürgerschaft. Am seltensten haben StaatsbürgerInnen von Staaten Ex-Jugoslawiens solche Beschwerden. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 79 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit Grafik 3.27: Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Staats­ bürgerschaft und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Prozent 14,0 12,0 10,0 8,0 6,0 4,7 4,0 2,0 3,0 0,0 Österreich Männer 3,4 0,0 1,9 1,5 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft ja gering ja stark 3,4 1,0 andere Prozent 14,0 12,0 10,0 7,3 8,0 6,0 4,0 2,0 5,3 0,0 Österreich Frauen 3,2 6,6 3,1 1,3 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft ja gering ja stark 6,0 3,0 andere Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Maßnahmen gegen depressive Beschwerden Insgesamt wird von Männern und Frauen gegen Me­ lancholie, Depression und Unglücklichsein häufiger et­ was unternommen als gegen Niedergeschlagenheit und Kraftlosigkeit. Im Vordergrund stehen bei beiden Ge­ schlechtern und beiden Arten von Beschwerden sonsti­ ge, nicht näher bezeichnete Maßnahmen. Zweithäu­ figste Maßnahme ist der Arztbesuch. Bei Männern ist allerdings bei Melancholie, Depression und Unglück­ lichsein der Griff in die Hausapotheke die zweithäufigs­ te Maßnahme. Auch bei depressiven Beschwerden sind Frauen eher als Männer bereit, etwas zu unternehmen. Sie gehen häufiger zum Arzt, nehmen häufiger traditionelle Hausmittel, Naturheilmittel, greifen auch häufiger in die Hausapotheke und unternehmen(bei Melancholie, Depression, Unglücklichsein) auch häufiger sonstige, nicht näher ausgewiesene Maßnahmen. Jedoch greifen Frauen bei depressiven Beschwerden seltener als Män­ ner bzw. kaum zu nicht rezeptpflichtigen Medikamen­ ten. 80 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen Grafik 3.28: Maßnahmen gegen depressive Beschwerden(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Geschlecht(Betroffene ab 16 Jahre, Mehrfachnennungen möglich, in Prozent) 70,0 63,1 60,0 51,2 50,0 Melancholie, Depression, Unglücklichsein Männer Frauen Prozent 40,0 30,0 20,0 20,0 15,4 16,9 11,8 10,0 9,4 6,1 1,9 3,0 5,2 6,4 2,0 0,0 0,0 nichts Arztbesuch traditionelle Hausmittel Naturheilmittel Hausapotheke nicht rezeptpflichtige Medikamente sonstiges Prozent 80,0 69,1 70,0 63,1 60,0 Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit Männer Frauen 50,0 40,0 30,0 20,0 16,3 15,0 10,0 9,5 6,6 5,2 1,9 4,9 2,8 8,9 5,1 2,3 1,7 0,0 nichts Arztbesuch traditionelle Hausmittel Naturheilmittel Hausapotheke nicht rezeptpflichtige Medikamente sonstiges Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. 3.7 Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen Verbreitung Von Gedächtnisschwäche bzw. Konzentrationsstörun­ gen waren von der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren in den letzten zwei Wochen vor der Befragung 5,7 Prozent der Männer und 7,1 Prozent der Frauen betroffen. 1,2 Prozent der Männer und 2,3 Prozent der Frauen berich­ teten über starke diesbezügliche Probleme. Gedächt­ nisschwäche bzw. Konzentrationsstörungen nehmen mit dem Alter zu. Von den 60- bis 74-Jährigen war jeder elfte Mann und jede zehnte Frau betroffen. Bei den 75­ Jährigen und Älteren steigt der Anteil bei den Männern auf ein Viertel(24,3 Prozent), bei den Frauen auf über ein Fünftel(21,3 Prozent). 8,6 Prozent der Männer und 6,5 Prozent der Frauen in diesem Alter berichteten über starke diesbezügliche Beeinträchtigungen. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 81 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen Grafik 3.29: Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 30,0 25,0 ja gering ja stark 20,0 15,7 15,0 Prozent 10,0 5,0 7,5 8,6 1,7 0,4 2,4 0,8 4,2 0,6 0,8 0,0 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ Alter(Jahre) Frauen 30,0 25,0 ja gering ja stark 20,0 Prozent 15,0 10,0 5,0 2,5 2,8 0,0 16–24 14,8 3,9 2,3 1,0 2,7 25–44 45–59 Alter(Jahre) 7,7 1,5 60–74 6,5 75+ Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Ob und inwieweit hier demenzielle Prozesse zugrunde liegen, lässt sich aufgrund der vorliegenden Daten nicht beantworten. Wie Untersuchungen zeigen, verbergen sich hinter einer vermeintlichen Gedächtnisschwäche häufig Konzentrationsstörungen und/oder mangelndes Training. Selbst im hohen Alter kann gezieltes Training zu einer Verbesserung der Situation beitragen. Sozioökonomische Unterschiede Gedächtnisschwäche bzw. Konzentrationsstörungen unterliegen keinem einheitlichen Bildungstrend. Am meisten betroffen sind Männer mit Lehre und mittlerer Bildung sowie Frauen mit Pflichtschulbildung. 82 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen Grafik 3.30: Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 12,0 ja gering 10,0 ja stark 8,0 Prozent 6,0 4,0 2,8 2,0 1,3 0,0 Pflichtschule 5,0 4,9 1,5 0,9 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 4,0 1,1 Hochschule Prozent 12,0 10,0 8,0 6,4 6,0 4,0 2,0 3,8 0,0 Pflichtschule Frauen ja gering ja stark 4,3 4,1 1,5 2,2 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 4,1 0,5 Hochschule Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnung. Die Einkommensunterschiede sind in etwa mit den Bil­ dungsunterschieden vergleichbar: Bei den Männern sind die mittleren Einkommensschichten(vor allem Schicht 2) am meisten von Gedächtnisschwäche bzw. Konzentrationsstörungen betroffen, bei den Frauen die Gruppe mit dem niedrigsten Einkommen. Am seltens­ ten finden sich solche Beschwerden unter Frauen der höchsten Einkommensschicht. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 83 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen Grafik 3.31: Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Haushaltseinkommen pro Kopf* und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 14,0 ja gering 12,0 ja stark 10,0 Prozent 8,0 6,0 4,0 1,0 2,0 2,4 0,0 Schicht 1 6,1 1,6 Schicht 2 4,0 0,7 Schicht 3 3,9 0,0 Schicht 4 14,0 12,0 10,0 5,4 8,0 Frauen ja gering ja stark Prozent 6,0 4,0 6,4 2,0 0,0 Schicht 1 5,3 1,7 Schicht 2 5,3 1,4 Schicht 3 2,1 1,0 Schicht 4 * Netto-Haushaltseinkommen pro Kopf(in Euro): Schicht 1= bis 727,–; Schicht 2= bis 1.308,–; Schicht 3= bis 2.180,–; Schicht 4= über 2.180.– . Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnung. Unter Berücksichtigung der Staatsbürgerschaft sind Gedächtnisschwäche bzw. Konzentrationsstörungen unter den österreichischen StaatsbürgerInnen am häu­ figsten, gefolgt von den türkischen sowie von Frauen mit„anderer“ Staatsbürgerschaft. Ausschlaggebend für die starke Verbreitung solcher Beschwerden unter den österreichischen StaatsbürgerInnen dürfte ihr hö­ heres Durchschnittsalter sein. Bei Berücksichtigung starker Beschwerden dieser Art zeigt sich allerdings ei­ ne vergleichsweise starke Betroffenheit unter türki­ schen StaatsbürgerInnen sowie insbesondere bei Frau­ en mit„anderer“ Staatsbürgerschaft. 84 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen Grafik 3.32: Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Männer 8,0 ja gering 7,0 ja stark 6,0 5,0 Prozent 4,0 4,9 3,0 2,0 1,0 1,2 0,0 Österreich 1,9 1,4 1,6 2,2 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft 1,7 1,5 andere Prozent 8,0 7,0 6,0 5,0 5,3 4,0 3,0 2,0 1,0 2,2 0,0 Österreich Frauen 2,7 2,2 2,7 0,9 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft ja gering ja stark 1,9 3,5 andere Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnung. Am Auftreten von Gedächtnisschwäche bzw. Konzen­ trationsstörungen häufig(mit)beteiligt sind Faktoren wie z. B. belastende Lebensereignisse. Dies scheint sich auch aufgrund der Ergebnisse des Wiener Gesund­ heits- und Sozialsurveys zu bestätigen: Je niedriger die Arbeitszufriedenheit, je geringer die Einbindung in so­ ziale Netze bzw. je größer die soziale Isolation und je stärker die Betroffenheit von belastenden Lebensereig­ nissen, desto höher ist der Anteil jener, die unter Ge­ dächtnisschwäche bzw. Konzentrationsstörungen lei­ den. 61 Maßnahmen Wie bei den anderen psychischen Beschwerden sind auch bei Problemen mit dem Gedächtnis und der Kon­ zentration Frauen eher bereit, etwas zu unternehmen. Im Vordergrund stehen bei beiden Geschlechtern sonstige, nicht näher ausgewiesene Maßnahmen, ge­ folgt bei den Männern vom Griff in die Hausapotheke und vom Arztbesuch, bei den Frauen ebenfalls, jedoch in einer anderen Reihenfolge. 61 Vgl. dazu Tabellenband zum Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, Band 1, S. 53. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 85 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Arbeitslosigkeit und psychische Beschwerden Grafik 3.33: Maßnahmen gegen Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Geschlecht(Betroffene ab 16 Jahre, Mehrfachnennungen möglich, in Pro­ zent) Prozent 90,0 80,0 76,3 70,0 64,8 60,0 Männer Frauen 50,0 40,0 30,0 20,0 20,1 13,4 11,4 10,0 0,0 4,2 1,9 0,6 3,9 0,9 6,5 6,0 0,0 0,0 nichts Arztbesuch traditionelle Hausmittel Naturheilmittel Hausapotheke nicht rezeptpflichtige Medikamente sonstiges Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. 3.8 Exkurs: Arbeitslosigkeit und psychische Beschwerden Wie aus verschiedenen Studien hervorgeht, beurteilen Arbeitslose ihren Gesundheitszustand deutlich negativer als Erwerbstätige. Arbeitslosigkeit wirkt sich nicht nur auf den somatischen Bereich, sondern auch auf die psychische Befindlichkeit aus. 86 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Arbeitslosigkeit und psychische Beschwerden Grafik 3.34: Beschwerden in Wien 1999 nach Erwerbsstatus und Geschlecht(Mehrfachnennungen möglich, in Prozent) Niedergedrücktheit (Depressionen) Nervosität Schwäche, Müdigkeit Schlafstörungen 0,0 Männer 7,5 7,7 2,2 6,9 4,7 10,4 11,8 10,9 6,2 14,2 15,6 7,4 5,0 10,0 15,0 Prozent in Pension arbeitslos erwerbstätig 20,0 25,0 Niedergedrücktheit (Depressionen) Nervosität Schwäche, Müdigkeit Schlafstörungen 6,5 5,4 4,2 7,1 Frauen 10,4 10,6 11,4 11,2 15,2 8,7 in Pension arbeitslos erwerbstätig 19,4 19,7 0,0 5,0 10,0 15,0 20,0 25,0 Prozent Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Wie sich anhand des Mikrozensus zeigt, leiden arbeits­ lose Männer in etwa doppelt so häufig wie erwerbstäti­ ge unter Schlafstörungen und Nervosität. Schwäche/ Müdigkeit finden sich bei ersteren nahezu doppelt, Niedergedrücktheit(Depressionen) dreieinhalb mal so häufig. Arbeitslose Frauen haben mehr als doppelt so häufig Schlafstörungen wie erwerbstätige und berich­ ten auch häufiger über Nervosität und Niedergedrückt­ heit(Depressionen). Kein Unterschied findet sich bei den Frauen allerdings bei Schwäche/Müdigkeit. Mögli­ cherweise wirkt sich bei erwerbstätigen Frauen(vor al­ lem bei Vorhandensein von Kindern und/oder anderen Betreuungsaufgaben) die Mehrfachbelastung in dieser Hinsicht ähnlich negativ wie die Arbeitslosigkeit aus. Ob und inwieweit gesundheitliche Beeinträchtigungen Ursache oder Folge von Arbeitslosigkeit sind, lässt sich aufgrund der vorliegenden Ergebnisse nicht beurteilen. Studien aus anderen Ländern zeigen, dass einerseits gesundheitlich beeinträchtigte Menschen ein höheres Risiko haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren bzw. schwerer in den Arbeitsmarkt zu integrieren sind. An­ dererseits sind die mit Arbeitslosigkeit einhergehenden Deprivationen Stressoren, die sich auf den Gesund­ heitszustand und die Psyche negativ auswirken. Psy­ chische Beschwerden wie Depressivität, Schlaflosigkeit, allgemeine Nervosität können bei länger anhaltender Arbeitslosigkeit auch zu körperlichen Beeinträchtigun­ gen führen. 62 62 KURELLA(1992), MASGF(1995), S. 522. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 87 III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Index psychischer Beschwerden 3.9 Index psychischer Beschwerden Um das Ausmaß psychischer Beschwerden und im An­ schluss daran deren Ursachen näher zu bestimmen, wurde, basierend auf den Ergebnissen des Wiener Ge­ sundheits- und Sozialsurveys, ein Index konstruiert, der sowohl die Zahl als auch die Stärke der psychischen Beschwerden mit einschließt. Berücksichtigt wurden folgende Beschwerden: Schlafstörungen; Müdigkeit; Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen; Melancholie, Depression, Unglücklichsein; Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit; Gedächtnisschwäche, Konzentrations­ störungen. Die Beschwerden wurden je nach Schwere­ grad unterschiedlich gewichtet(für leichte Beschwer­ den wurde 1 Punkt, für starke wurden 2 Punkte verge­ ben). Ein„niedriges“ Niveau psychischer Beschwerden (Punktwert 0) bedeutet, dass keine der untersuchten Beschwerden vorliegt, ein„mittleres“(Punktwert 1–3), dass mindestens eine leichte oder eine starke Be­ schwerde vorhanden ist, ein„hohes“ Ausmaß psychi­ scher Beschwerden(Punktwert 4–12) steht für ein dar­ über hinausgehendes Niveau. Die Reliabilität des Index ist ausreichend hoch(Cronbachs Alpha.70). Von der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren sind dem­ nach 61,0 Prozent beschwerdefrei, 30,0 Prozent haben ein mittleres Ausmaß psychischer Beschwerden und 9,0 Prozent ein hohes. Bei Frauen sind ein mittleres und hohes Niveau psychischer Beschwerden häufiger als bei Männern. Grafik 3.35: Psychische Beschwerden(Index)(in den letzten 2 Wochen) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) 100 5,9 11,7 9,0 hoch mittel 80 27,5 32,2 30,0 niedrig 60 Prozent 40 66,5 56,1 61,0 20 0 Männer Frauen gesamt Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Ausgeprägte psychische Beschwerden finden sich am häufigsten bei älteren, verwitweten Frauen, bei Frauen mit niedriger Bildung und niedrigem Einkommen, ar­ beitslosen Frauen und Pensionistinnen sowie bei öster­ reichischen Staatsbürgerinnen, bei Frauen aus Arbei­ terbezirken mit hohem Ausländeranteil, aber auch(be­ dingt durch das höhere Durchschnittsalter) aus Nobel­ bezirken. Unter den Berufstätigen ist ein hohes Be­ schwerdeniveau am häufigsten unter Arbeiterinnen bzw. Frauen in unqualifizierten Berufen. Bei Männern, deren Werte jedoch deutlich unter jenen der Frauen liegen, sind Arbeitslose, Pensionisten, Ver­ witwete, über 75-Jährige sowie jene mit niedrigem Ein­ kommen am häufigsten von psychischen Beschwerden betroffen. 88 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN III. PSYCHISCHE BESCHWERDEN Index psychischer Beschwerden Tabelle 3.3: Psychische Beschwerden(Index) in Wien 1999–2001(in den letzten 2 Wochen) nach verschiede­ nen soziodemografischen Merkmalen(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Merkmale absolut psychische Beschwerden in% niedrig mittel hoch Männer gesamt Alter 1.894 66,5 27,5 5,9 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ Familienstand 236 77,2 20,8 2,0 788 67,4 26,7 5,9 466 63,2 30,6 6,2 279 66,6 27,6 5,8 126 53,4 33,9 12,7 ledig 608 67,5 26,6 5,9 verheiratet 1.090 67,4 27,4 5,2 geschieden verwitwet 136 56,7 33,8 9,5 60 63,4 25,1 11,4 höchste Bildung Pflichtschule 368 71,6 22,3 6,1 Lehre 721 64,3 28,7 7,0 mittlere Ausbildung Hochschule 560 65,9 245 66,9 28,8 29,2 5,3 3,9 Netto-Haushaltseinkommen pro Kopf(in Euro) bis 727,­ bis 1.308,­ bis 2.180,­ über 2.180,­ Erwerbsstatus 222 63,4 629 60,1 560 70,7 196 72,6 28,1 32,2 24,6 23,3 8,6 7,7 4,7 4,2 voll beschäftigt teilzeit beschäftigt Hausfrau/-mann SchülerIn/StudentIn arbeitslos PensionistIn/RentnerIn 1.106 99 6 130 108 445 69,6 68,8 93,9 69,8 61,0 58,3 25,8 28,1 0,0 26,3 29,2 32,1 4,6 3,1 6,1 3,9 9,8 9,6 berufliche Stellung Arbeiter Angestellte Selbständige Lehrlinge Beamte, VB 404 65,4 827 65,6 191 64,9 63 86,9 272 66,0 27,6 28,3 30,4 10,4 28,3 7,0 6,1 4,7 2,8 5,7 berufliche Position unqualifiziert qualifiziert hoch qualifiziert Führungsposition 396 66,3 655 66,3 493 66,7 212 65,3 27,5 27,1 26,8 32,3 6,3 6,6 6,5 2,4 Staatsbürgerschaft Österreich Ex-Jugoslawien Türkei andere Art des Wohnbezirks 1.598 112 43 142 65,4 81,8 71,4 65,9 28,1 16,3 20,9 32,0 6,5 1,9 7,7 2,1 Arbeiter-, Ausländerbezirk Arbeiterbezirk Mischbezirk Nobelbezirk 529 63,6 29,1 7,3 714 69,8 25,9 4,3 529 65,4 29,0 5,5 122 64,8 23,9 11,3 absolut 2.125 psychische Beschwerden in% niedrig mittel hoch Frauen 56,1 32,2 11,7 219 63,0 26,6 10,4 839 63,1 28,9 8,0 521 52,5 36,1 11,4 319 50,7 36,8 12,6 226 40,0 34,0 26,0 578 59,6 29,8 10,5 959 58,6 32,2 9,1 285 51,7 34,0 14,3 303 45,7 34,8 19,5 611 53,7 29,3 16,9 520 58,4 30,6 11,0 779 57,5 33,6 8,9 215 52,6 38,9 8,6 310 47,2 31,7 21,1 764 56,5 31,7 11,8 546 58,5 32,1 9,4 121 62,0 32,4 5,6 718 60,5 31,2 8,3 310 63,1 30,8 6,1 249 56,9 33,7 9,4 155 57,3 31,0 11,7 87 54,7 26,1 19,2 606 47,0 34,6 18,4 387 51,2 31,3 17,5 1.058 58,5 31,1 10,5 141 56,3 34,5 9,2 19 78,1 13,9 8,0 247 53,6 36,3 10,1 743 54,1 32,1 13,9 711 58,0 30,2 11,8 286 59,3 33,7 7,0 111 52,7 37,2 10,1 1.794 55,4 32,0 12,5 100 69,9 28,7 1,4 71 51,8 38,2 10,0 159 57,3 33,1 9,6 527 56,9 29,5 13,6 764 58,9 32,4 8,7 654 53,2 34,0 12,8 180 52,9 32,5 14,6 Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 89 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN DETERMINANTS OF MENTAL HEALTH PROBLEMS IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN INHALT 4 DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN 4.1 BELASTUNGEN/RESSOURCEN 4.2 EIN ERKLÄRUNGSMODELL PSYCHISCHER BESCHWERDEN Inhalt 93 95 120 92 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Zusammenfassung 4 DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Zusammenfassung Dieser Abschnitt befasst sich mit den Ursachen psychischer Beschwerden. In einem ersten Schritt werden Belastungen und Ressourcen verschiede­ ner Bevölkerungsgruppen(körperliche Gewalter­ fahrung in der Kindheit, Life Events, Alltags- und Arbeitsstress, persönliche finanzielle Lage, Le­ benszufriedenheit, Kohärenzgefühl und körperli­ che Fitness) untersucht. Im Anschluss daran wird mittels multipler Klassifikationsanalyse versucht die Faktoren festzustellen, die maßgebend für das Ausmaß psychischer Beschwerden sind. Die vorliegende Analyse macht deutlich, dass Be­ lastungen und Ressourcen sozial ungleich verteilt sind. So fühlen sich Frauen etwas öfter als Männer durch Lebensereignisse belastet, leiden vermehrt unter Alltags- und Arbeitsstress und leben häufi­ ger unter schwierigen finanziellen Bedingungen. Frauen sind auch weniger mit ihrem Leben zufrie­ den als Männer, haben ein niedrigeres Kohärenz­ gefühl(Stimmigkeit mit sich und der Welt) und fühlen sich seltener körperlich fit als Männer. Letz­ tere erfahren allerdings in ihrer Kindheit häufiger körperliche Gewalt in der Familie. Besonderen Belastungen unterliegen alte Men­ schen, insbesondere ältere Frauen. Sie leben über­ durchschnittlich häufig unter schwierigen finanzi­ ellen Bedingungen, leiden unter mangelnder kör­ perlicher Fitness und sind wenig mit ihrem Leben zufrieden. Belastende Lebensereignisse spielen bei ihnen ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle. Am meisten durch Lebensereignisse stark belastet fühlen sich die Geschiedenen, dies wirkt sich auch negativ auf ihre Lebenszufriedenheit aus. Am sel­ tensten ist hohe Life Event-Belastung unter Ver­ heirateten, sie sind auch am meisten mit ihrem Le­ ben zufrieden. Durchgängige Bildungsunterschiede hinsichtlich der untersuchten Merkmale sind nur zum Teil zu beobachten. Summary This chapter discusses the causes of health problems. The first section examines burdens and personal re­ sources of different population groups(physical abuse during childhood, life events, stress in every­ day life and at the workplace, financial situation, satisfaction with one’s life, sense of coherence, and physical fitness). This is followed by a multiple clas­ sification analysis in order to determine which fac­ tors influence the severity of mental health prob­ lems. The analysis shows that the burdens and resources are not distributed equally. For example, women ex­ perience more stress from life events than men. They also suffer more from general and work-related stress and have to cope more frequently with difficult economic situations. Women are also less satisfied with their lives than men, have a lower sense of co­ herence and feel less physically fit. Men, on the other hand, have experienced domestic violence during childhood more frequently than women. Senior citizens, in particular women, experience an increased burden. The proportion of elderly persons living in difficult economic conditions is above aver­ age, they frequently do not feel physically fit and their satisfaction with their life is very low. Adverse life events are also common. Divorced persons feel most burdened by negative life events. This also has a negative effect on their satis­ faction with their life situation. A high life event bur­ den is least common among married persons, and they also feel most satisfied with their lives. Differences in level of education can only partially be linked to these factors. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 93 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Zusammenfassung Als stark bildungsabhängig erweist sich die kör­ perliche Gewalterfahrung als Kind in der Familie: Je niedriger das Bildungsniveau der Eltern desto häufiger ist Gewalt gegenüber Kindern. Von den Bildungsgruppen am wenigsten mit ihrem Leben zufrieden sind Frauen mit Pflichtschulbildung, auch ihr Kohärenzgefühl ist vergleichsweise ge­ ring. Am häufigsten unter Alltagsstress leiden die Akademikerinnen. Arbeitsstress findet sich am häufigsten bei den in Führungspositionen Täti­ gen, insbesondere den Frauen, aber auch Männer in unqualifizierten Berufen berichten überdurch­ schnittlich häufig von Arbeitsstress. Nach Bran­ chen am meisten unter Arbeitsstress leiden die im Baugewerbe und im Handel tätigen Männer sowie die Frauen im öffentlichen Dienst. Zu beobachten ist eine Ungleichverteilung von Be­ lastungen und Ressourcen zwischen österreichi­ schen StaatsbürgerInnen und MigrantInnen. Ins­ besondere Frauen mit türkischer Staatsbürger­ schaft fühlen sich überdurchschnittlich häufig durch Lebensereignisse belastet, leiden über­ durchschnittlich häufig unter Alltagsstress, sind nur wenig mit ihrem Leben zufrieden. Charakteris­ tisch für sie ist des Weiteren niedriges Kohärenz­ gefühl und geringe körperliche Fitness. Arbeits­ stress ist unter türkischen StaatsbürgerInnen so­ wie unter StaatsbürgerInnen der Staaten Ex-Jugos­ lawiens am verbreitetsten. Nach den Ergebnissen der multiplen Klassifikati­ onsanalyse erweisen sich belastende Lebensereig­ nisse und die Lebenszufriedenheit als wichtigste Bestimmungsfaktoren psychischen Befindens. Aber auch Arbeits- und Alltagsstress sowie Per­ sönlichkeitsmerkmale, welche Stimmigkeit mit der Welt und sich selbst – einschließlich dem eigenen Körper – signalisieren(wie Kohärenzgefühl und körperliche Fitness), spielen eine wichtige Rolle. Psychische Beschwerden sind demnach vor allem bei hoher Belastung durch Lebensereignisse, ho­ hem Arbeitsstress, bei sehr häufigem(„oft“) All­ tagsstress, niedriger Lebenszufriedenheit, stark eingeschränkter körperlicher Fitness(„selten“ bzw.„nie“ fit genug) und niedrigem Kohärenzge­ fühl zu erwarten. Experiencing physical violence during childhood has a very strong correlation with education: the lower the level of education of the parents, the more frequent is physical abuse of the children. Women with compulsory education only are least satisfied with their lives and their sense of coherence is also relatively low. Female university graduates experi­ ence most stress in everyday life, while persons in ex­ ecutive positions(in particular women) and men in unskilled labour experience an above average level of work-related stress. By professions, men in the construction sector and in retail and women in civil service experience the highest levels of work-related stress. There are significant differences in the distribution of burdens and resources among Austrian citizens and immigrants. Particularly women of Turkish na­ tionality experience an above average burden by life events, their everyday stress levels are above average and they are not very satisfied with their lives. They also have a low sense of coherence and low physical fitness. Work-related stress is particularly common among immigrants from Turkey and former Yugo­ slavia. The multiple classification analysis shows that ad­ verse life events and satisfaction with one’s life are the most important determinants of mental well-be­ ing, but stress in everyday life and at the workplace, and personality traits that show that someone feels at ease with the world and themselves(including their own body), i.e. sense of coherence and physical fitness, play an important role as well. Mental health problems are to be expected most frequently when there is a high impact of negative life events, signifi­ cant work-related stress, frequent everyday stress (“frequently”), low life satisfaction, very low physi­ cal fitness(“rarely” or“never” fit enough) and a low sense of coherence. 94 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Personen, die mit ihrem Leben zufrieden sind, ein hohes Kohärenzgefühl haben und körperlich fit sind, wobei körperliche Fitness auch Aktivität und körperliches Wohlbefinden signalisiert, gelingt es anscheinend eher mit belastenden Situationen fer­ tig zu werden als jenen, denen es an den genannten Voraussetzungen fehlt. Als besondere Problemgruppe konnten anhand der multiplen Klassifikationsanlyse die über 75­ jährigen Österreicherinnen mit Kleinstrenten, ei­ ner hohen Belastung durch Lebensereignisse(wie etwa den Tod nahe stehender Menschen), einer niedrigen Lebenszufriedenheit, schlechter körper­ licher Fitness, niedrigem Kohärenzgefühl und häu­ figem Alltagsstress identifiziert werden. Diese Be­ völkerungsgruppe weist ein mehr als fünfmal hö­ heres Niveau an psychischen Beschwerden auf als die untersuchte Gesamtpopulation. Individuals who are satisfied with their life, have a high sense of coherence and are physically fit are ap­ parently able to cope with difficult life situations bet­ ter than others. It should be noted that physical fit­ ness is usually also linked to physical activity and a sense of well-being, thus adding to the coping ability. Austrian citizens above age 75 with a minimum pension, a high impact of negative life events(such as death of family members or friends), low life sat­ isfaction, low physical fitness, low sense of coher­ ence, and frequent everyday stress, were identified as a particular risk group in this multiple classifica­ tion analysis. The level of mental health problems in this group is more than five times higher than the av­ erage. Unter Aspekten des Monitoring scheint(wie erwähnt) für den Bereich der psychischen Gesundheit/Krankheit ein auf dem Stresskonzept beruhendes theoretisches Modell bedeutsam, 63 das vier zentrale Konzepte und verschiedene Subkonzepte aufweist, nämlich: ● psychische Gesundheit(Diagnosen, Beschwerden) ● Belastungen(Stress, Mangellagen) ● Ressourcen(personale, soziale) ● Bewältigung und Verhalten(Coping 64 , Gesund­ heits- und Krankheitsverhalten einschließlich der Inanspruchnahme professioneller Hilfe) 4.1 Belastungen/Ressourcen Im folgenden Abschnitt wird zunächst untersucht, wel­ che Bevölkerungsgruppen besonderen Belastungen ausgesetzt sind bzw. welche über besondere Ressour­ cen verfügen, um dann in einem weiteren Schritt die Bedeutung der untersuchten Faktoren für das Auftre­ ten psychischer Beschwerden zu analysieren. Es zeigt sich, dass meist ein und dasselbe Merkmal(je nach Ausprägung) sowohl als Indikator für Belastungen als auch für Ressourcen fungieren kann. So etwa kann die persönliche finanzielle Lage in jenen Fällen, wo Perso­ nen kaum über das Notwendigste verfügen, zu einem Belastungsfaktor werden, wohingegen eine zufrieden­ stellende finanzielle Lage u. U. eine wichtige Ressource für positives psychisches Befinden ist. Untersucht wird im Folgenden die Verbreitung körperli­ cher Gewalterfahrungen in der Kindheit, belastender Le­ bensereignisse sowie Alltags- und Berufsstress innerhalb verschiedener Bevölkerungsgruppen. Zusätzlich werden Hinweise auf soziodemografische Ausprägungen in den Bereichen persönliche finanzielle Lage, Lebenszufrieden­ heit, Kohärenzgefühl und körperliche Fitness gegeben. Körperliche Gewalterfahrung in der Kindheit 16,6 Prozent der Männer und 14,0 Prozent der Frauen in Wien haben als Kind oft oder gelegentlich körperli­ che Gewalt in der Familie erfahren. Am häufigsten war dies in der Altersgruppe der heute 45- bis 59-Jährigen, also der unmittelbaren Nachkriegsgeneration, der Fall. 63 Vgl. PEARLIN(1989), THOITS(1995), TURNER, LLOYD(1999), MEYER(2000). 64 Der Begriff des Coping zielt auf die individuelle Fähigkeit ab, mit belastenden Lebenssituationen umzugehen. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 95 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Tabelle 4.1: Körperliche Gewalterfahrung als Kind in der Familie in Wien nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Alter(Jahre) 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ gesamt 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ gesamt absolut 230 781 459 279 126 1.874 209 829 521 318 223 2.099 als Kind körperliche Gewalt in der Familie erfahren in% oft gelegentlich selten nie trifft nicht zu Männer 4,1 6,8 8,4 70,5 10,2 4,4 11,3 18,4 61,4 4,5 9,2 13,9 15,5 57,6 3,8 4,6 13,1 14,1 66,7 1,5 3,8 3,8 12,8 77,2 2,4 5,5 11,1 15,5 63,5 4,4 Frauen 1,8 3,4 7,0 78,7 4,7 10,4 11,4 69,9 7,3 10,3 12,6 66,0 5,5 6,2 5,3 77,4 6,3 5,7 10,2 70,5 9,1 3,5 3,8 5,6 7,2 5,4 8,6 10,2 71,0 4,9 Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Gewalt gegenüber Kindern in der Familie kommt in al­ In allen Bildungsschichten sind außerdem Knaben len Bildungsschichten vor, in unteren jedoch häufiger. häufiger familiärer Gewalt ausgesetzt als Mädchen. Grafik 4.1: Körperliche Gewalterfahrung als Kind in der Familie(oft, gelegentlich) in Wien nach höchster Bil­ dung der Eltern und Geschlecht der Befragten(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Gewalterfahrung in der Kindheit – oft, gelegentlich 30,0 25,0 25,0 Männer Frauen 20,6 20,0 17,5 Prozent 15,0 13,6 11,2 10,5 11,7 10,0 9,1 5,0 0,0 Pflichtschule Lehre mittlere Ausbildung höchste Schulbildung der Eltern Hochschule Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, eigene Berechnungen. Gewalterfahrungen in der Kindheit bleiben für das spätere Leben nicht ohne Folgen. So bestehen Zusam­ menhänge zwischen Gewalterfahrungen in der Kind­ heit und der Lebenszufriedenheit. 23 Prozent der Per­ sonen mit niedriger Lebenszufriedenheit waren„oft“ oder„gelegentlich“ mit körperlicher Gewalt in der Kindheit konfrontiert im Vergleich zu 13 Prozent mit mittlerer und 12 Prozent mit hoher Lebenszufrieden­ heit. 65 Anzumerken ist, dass Personen, die als Kinder Gewalt in der Familie erfahren, meist auch in anderen 96 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Bereichen eine ungünstigere Ausgangssituation ha­ ben. Life Event-Belastung Als eine der Ursachen psychischer Störungen und Pro­ bleme gelten belastende Lebensereignisse, welche die Ressourcen der Betroffenen übersteigen. Im Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey wurde nach 14 ver­ schiedenen Lebensereignissen in den letzten beiden Jahren, wie z. B. schwere körperliche Krankheit, seeli­ sche Krisen, Trennungen, Tod, Gewalterfahrungen, so­ ziale und finanzielle Probleme, gefragt. Für jedes der angegebenen Ereignisse wurde anhand einer vierstufi­ gen Skala(mit den Ausprägungen„sehr“, ziemlich“, „wenig“,„gar nicht“) die individuell erlebte Belastung erfasst und aus der Zahl sowie der Belastung durch die Ereignisse die Life Event-Belastung berechnet. Von der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren fühlen sich 30,5 Prozent der Männer und 36,8 Prozent der Frauen stark durch Lebensereignisse belastet. Besonders be­ troffen ist die Altersgruppe der 24- bis 44-Jährigen, wo­ bei bei den Frauen die Unterschiede zwischen den Al­ tersgruppen relativ gering sind. Mittlere Life Event-Be­ lastung findet sich am häufigsten im höheren Alter(75 und mehr Jahre) sowie bei Frauen in der Menopause, d. h. der Altersgruppe der 45- bis 59-jährigen. Tabelle 4.2: Life Event-Belastung(Index) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Alter(Jahre) 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ gesamt 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ gesamt absolut 236 788 466 279 126 1.894 219 839 521 319 226 2.125 Life Event-Belastung(Index) in% niedrig mittel hoch Männer 51,1 25,3 23,6 32,3 31,4 36,4 34,4 37,1 28,5 35,6 39,6 24,7 26,1 47,4 26,5 35,2 34,3 30,5 Frauen 34,4 29,8 35,9 31,3 30,0 38,7 25,0 38,4 36,6 33,7 31,7 34,5 28,9 36,7 34,3 30,2 33,0 36,8 Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Geschiedene(Männer wie Frauen) und ledige Frauen geben überdurchschnittlich häufig hohe Life Event-Belastung an. Am seltensten findet sich hohe Belastung unter Verheirateten. Jedoch berichten Verheiratete (insbesondere Männer) überdurchschnittlich häufig über eine mittlere Belastung durch Lebensereignisse. 65 Vgl. dazu Tabellenband zum Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, S. 389. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 97 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Tabelle 4.3: Life Event-Belastung(Index) in Wien 1999–2001 nach Familienstand und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Familienstand absolut ledig verheiratet geschieden verwitwet gesamt ledig verheiratet geschieden verwitwet gesamt 608 1090 136 60 1894 578 959 285 303 2125 Life Event-Belastung(Index) in% niedrig mittel hoch Männer 36,1 29,9 34,0 35,8 37,6 26,6 26,6 26,1 47,2 34,2 38,1 27,7 35,2 34,3 30,5 Frauen 29,7 29,6 40,7 33,4 34,4 32,2 20,1 36,3 43,6 30,4 32,2 37,4 30,2 33,0 36,8 Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Auffallend ist die überaus hohe Life Event-Belastung unter Frauen mit türkischer Staatsbürgerschaft(aller­ dings ist mittlere Belastung bei ihnen nur selten). 43,8 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe fühlen sich stark durch Lebensereignisse belastet. Auch bei österreichi­ schen StaatsbürgerInnen sowie bei Personen mit„an­ derer“ Staatsbürgerschaft ist hohe(aber auch mittlere) Belastung durch Lebensereignisse überdurchschnitt­ lich häufig. Am wenigsten fühlen sich überraschender­ weise StaatsbürgerInnen aus Staaten Ex-Jugoslawiens durch Lebensereignisse belastet(starke Belastung ist bei ihnen am seltensten). 98 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.2: Life Event-Belastung(Index) in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht(Perso­ nen ab 16 Jahre, in Prozent) 100,0 80,0 31,3 Männer 16,1 29,7 22,9 hoch 33,5 mittel niedrig Prozent 60,0 36,2 27,4 23,4 40,0 61,0 20,0 32,5 42,9 43,1 Prozent 0,0 Österreich 100,0 80,0 37,5 60,0 34,0 40,0 20,0 28,5 0,0 Österreich Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft Frauen 24,8 43,8 26,8 20,7 48,3 35,5 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft andere hoch 33,3 mittel niedrig 31,4 35,2 andere Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Alltagsstress In der Stressforschung wurden bisher zahlreiche Kon­ zepte und Theorien entwickelt. Im Sinne der transakti­ onalen Sicht von LAZARUS und LAUNIER(1981) wird Stress als negativ erlebte Folge einer Diskrepanz zwi­ schen den auf einen Menschen einwirkenden Belas­ tungen und den individuell wahrgenommenen Bewäl­ tigungsmöglichkeiten und-fähigkeiten verstanden. Das heißt, Betroffene sehen sich vor Anforderungen gestellt, von denen sie glauben, dass sie ihre Leistungs­ möglichkeiten übersteigen oder nicht ausreichend for­ dern. Diese Anforderungen können von außen an sie herangetragen werden(z. B. enge Terminvorgaben) und/oder durch innere Wertmaßstäbe, persönliche Ansprüche oder Zielsetzungen(z. B. Perfektionismus, es allen recht machen zu wollen) erzeugt oder ver­ schärft werden. Alltagsstress wurde im Wiener Gesundheits- und Sozi­ alsurvey auf einer vierstufigen Skala erhoben. Mit dem Begriff„Alltagsstress“ verbindet sich die umgangs­ sprachliche Bedeutung von„Stress“, die mit den Be­ griffen„Zeitdruck“ und„Hektik“ gleichzusetzen ist. Alltagsstress ist weit verbreitet. Mehr als die Hälfte der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahre(Männer 53,2 Prozent, Frauen 55,9 Prozent) leidet im Alltag„oft“ oder„gele­ gentlich“ unter Stress, ein Fünftel(Männer 20,1 Pro­ zent, Frauen 21,2 Prozent)„oft“. Am häufigsten„ge­ stresst“ fühlen sich Personen mittleren Alters. Im Alter (vor allem mit der Pensionierung) verliert Stress zuse­ hends an Bedeutung. Dennoch fühlt sich z. B. in der Al­ tersgruppe zwischen 60 und 74 Jahren noch jede zehnte Frau in Wien„oft“ gestresst. Gerade in diesem Lebens­ abschnitt spielen bei Frauen Betreuungsaufgaben(Be­ treuung von Enkelkindern, Pflege von Familienmitglie­ dern) eine nicht unerhebliche Rolle. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 99 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.3: Häufigkeit des Leidens unter Stress im Alltagsleben in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht (Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Prozent 100,0 80,0 60,0 13,6 27,8 40,0 41,7 20,0 17,0 0,0 16–24 11,9 20,0 41,3 26,8 25–44 Männer 22,0 19,6 63,0 33,7 18,6 24,8 45–59 Alter(Jahre) 13,7 4,6 60–74 nie selten gelegentlich oft 72,3 20,4 6,6 0,7 75+ Prozent 100,0 80,0 60,0 40,0 20,0 0,0 4,1 25,2 7,9 17,6 45,3 46,8 23,9 16–24 29,2 25–44 Frauen 22,5 22,3 53,5 34,2 21,2 21,1 45–59 Alter(Jahre) 15,1 10,1 60–74 68,9 14,2 12,0 5,0 75+ nie selten gelegentlich oft Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, eigene Berechnungen. Alltagsstress unterliegt keinem einheitlichen Bildungs­ trend. Am meisten„gestresst“ fühlen sich Akademike­ rInnen. 62,0 Prozent der Akademiker und 68,9 Prozent der Akademikerinnen fühlen sich„oft“ oder„gelegentlich“ unter Stress. Während in der Regel Frauen häufi­ ger unter Alltagsstress leiden als Männer, sind in der niedrigsten Bildungsgruppe Männer häufiger betrof­ fen. 100 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.4: Häufigkeit des Leidens unter Stress im Alltagsleben in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) 100,0 80,0 60,0 19,8 22,0 Männer 24,0 33,9 20,9 19,9 nie 17,3 selten gelegentlich 20,8 oft Prozent 40,0 34,5 37,3 26,5 40,8 20,0 23,6 0,0 Pflichtschule 19,7 17,8 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 21,2 Hochschule Prozent 100,0 80,0 60,0 26,5 24,7 40,0 27,6 20,0 21,2 0,0 Pflichtschule Frauen 19,2 34,6 19,2 15,2 39,6 33,6 16,6 22,0 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 12,7 18,3 39,2 29,7 Hochschule nie selten gelegentlich oft Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, eigene Berechnungen. Unter Bezugnahme auf die Staatsbürgerschaft ist Alltagsstress am häufigsten unter türkischen StaatsbürgerInnen sowie unter Staatsbürgerinnen aus Staaten ExJugoslawiens. Über 70 Prozent der Männer und drei Viertel der Frauen mit türkischer Staatsbürgerschaft sowie drei Viertel der Frauen mit Staatsbürgerschaft eines Staates Ex-Jugoslawiens leiden„oft“ oder„gele­ gentlich“ unter Alltagsstress. Von den österreichischen StaatsbürgerInnen sind es dagegen lediglich jeweils knapp über die Hälfte. Auch„oftmaliger“ Stress ist unter türkischen StaatsbürgerInnen(insbesondere unter den Frauen) am häufigsten. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 101 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.5: Häufigkeit des Leidens unter Stress im Alltagsleben in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) 100,0 80,0 60,0 40,0 29,2 19,4 32,6 Männer 12,4 5,5 23,0 31,5 43,4 30,6 8,7 nie selten 26,4 gelegentlich oft 37,5 Prozent 20,0 18,8 0,0 Österreich 25,5 28,1 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft 27,4 andere 100,0 80,0 60,0 40,0 27,9 19,2 33,4 Frauen 2,6 22,9 0,6 24,0 9,5 21,4 38,1 47,5 39,6 nie selten gelegentlich oft Prozent 20,0 19,5 0,0 Österreich 37,3 27,1 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft 29,5 andere Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, eigene Berechnungen. Festzustellen sind Zusammenhänge zwischen Alltags­ stress und Lebenszufriedenheit. Während Personen mit niedriger Lebenszufriedenheit zu 30 Prozent angeben, „oft“ unter Stress zu stehen, sind es von den Personen mit hoher Lebenszufriedenheit lediglich 15 Prozent. 66 Arbeitsstress Untersuchungen verweisen auf Zusammenhänge zwi­ schen beruflichen Belastungen und psychischen bzw. (psycho)somatischen Beschwerden, 67 wobei nicht nur Über- sondern auch Unterforderung von Bedeutung ist. Arbeitsstress wurde im Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey daran gemessen, wie sich die Befragten nach der Arbeit fühlen. Und zwar wurde gefragt, wie häufig(Ausprägungen:„oft“,„gelegentlich“,„selten“, „nie“) die Tagesarbeit einem„nicht aus dem Kopf geht“, wie häufig Gefühle des Erschöpft- oder Müdeseins, des Unbefriedigt- oder Bedrücktseins und das Bedürfnis, früh ins Bett zu gehen und zu schlafen, sind. Von den Erwerbstätigen fühlen sich in Wien 30,8 Pro­ zent unter starkem Arbeitsstress. Während Frauen öf­ ter als Männer unter starkem Arbeitsstress stehen, be­ richten Männer der Tendenz nach häufiger von mäßi­ gem Arbeitsstress. 66 Vgl. dazu Tabellenband zum Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, Band 1, S. 13. 67 RICHTER(1997), HOYOS(1998), LEITNER(1999). 102 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.6: Arbeitsstress(Index) in Wien 1999–2001 nach Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Prozent 100,0 90,0 80,0 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0,0 30,8 39,2 30,0 gesamt 29,3 40,2 30,5 Männer 32,6 38,1 29,3 Frauen hoch mittel niedrig Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, eigene Berechnungen. Am ausgeprägtesten ist hoher Arbeitsstress(bei Männern wie Frauen) im mittleren Alter(25 bis 44 Jahre) sowie unter den 45- bis 59-Jährigen. Jüngere Männer und insbesondere ältere Frauen(60 und mehr Jahre), von denen allerdings nur mehr wenige im Arbeitspro­ zess stehen, geben überdurchschnittlich häufig mäßi­ gen Arbeitsstress an. Grafik 4.7: Arbeitsstress(Index) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) 100,0 80,0 20,8 Männer 31,4 28,8 hoch 24,1 mittel niedrig Prozent 60,0 45,1 39,9 39,9 38,9 40,0 20,0 34,2 0,0 16–24 100,0 80,0 60,0 18,4 38,2 40,0 20,0 43,4 0,0 16–24 28,6 32,3 25–44 45–59 Alter(Jahre) Frauen 34,5 33,1 35,2 39,1 31,8 26,5 25–44 45–59 Alter(Jahre) Prozent Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, eigene Berechnungen. 35,9 60+ 16,3 hoch mittel niedrig 68,4 15,3 60+ PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 103 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Von Arbeitsstress am meisten betroffen sind die in Führungspositionen tätigen Frauen. Ca. 40 Prozent von ihnen haben„hohen“ Arbeitsstress, im Vergleich dazu sind es von den in Führungspositionen tätigen Män­ nern lediglich ein Drittel. Männer und Frauen in un­ qualifizierten sowie Frauen in qualifizierten und hoch qualifizierten Positionen haben ähnlich häufig„hohen“ Arbeitsstress wie Männer in Führungspositionen, je­ doch etwas seltener mäßigen Arbeitsstress. Grafik 4.8: Arbeitsstress(Index) in Wien 1999–2001 nach beruflicher Position und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Prozent 100,0 90,0 80,0 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0,0 32,1 35,7 32,2 unqualifiziert Männer 26,3 29,6 40,8 42,1 32,9 28,3 qualifiziert hoch qualifiziert berufliche Position 32,9 41,7 25,4 Führungs­ position hoch mittel niedrig Prozent 100,0 90,0 80,0 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0,0 33,1 35,8 31,1 unqualifiziert Frauen 31,1 31,9 38,6 39,6 30,3 28,5 qualifiziert hoch qualifiziert berufliche Position 40,5 43,3 16,2 Führungs­ position hoch mittel niedrig Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, eigene Berechnungen. Am meisten unter starkem Arbeitsstress leiden die Männer im Baugewerbe und Handel sowie Frauen im öffentlichen Dienst. Männer im öffentlichen Dienst stehen deutlich seltener als Frauen unter starkem Stress, dafür aber häufiger unter mäßigem. Überdurchschnittlich häufig ist mäßiger Stress auch in Produktionsbetrieben. 104 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.9: Arbeitsstress(Index) in Wien 1999–2001 nach Branche und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) 100,0 Männer 27,0 29,3 28,6 23,1 80,0 42,2 40,2 hoch mittel niedrig Prozent 60,0 45,6 36,0 36,9 46,9 40,0 33,4 34,4 20,0 27,4 24,4 25,5 34,7 0,0 Produktion Baugewerbe Handel Verkehr Branche 100,0 Frauen 28,3 23,5 26,0 30,4 80,0 16,5 60,0 44,7 34,1 30,9 40,0 60,0 20,0 27,1 39,8 38,7 0,0 Produktion Baugewerbe Handel Verkehr Branche 34,5 30,0 Dienste privat Dienst öffentlich 31,3 38,3 38,7 39,0 30,0 22,7 Dienste privat Dienst öffentlich hoch mittel niedrig Prozent Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, eigene Berechnungen. Unter Stress bei der Arbeit leiden besonders Erwerbstätige mit Staatsbürgerschaft eines Staates Ex-Jugoslawiens und der Türkei. Über 60 Prozent der Migranten aus Ex-Jugoslawien und der Türkei sowie über die Hälfte der türkischen Staatsbürgerinnen und nahezu 40 Prozent der Frauen aus Ex-Jugoslawien berichten über starken Arbeitsstress. Unter den österreichischen StaatsbürgerInnen sind es dagegen lediglich etwas mehr als ein Viertel der Männer und nicht ganz ein Drittel der Frauen. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 105 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.10: Arbeitsstress(Index) in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Prozent 100,0 80,0 26,3 60,0 41,3 40,0 20,0 32,4 0,0 Österreich Männer 61,4 58,0 21,1 31,9 21,0 6,7 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft hoch mittel 28,8 niedrig 40,3 30,9 andere 100,0 80,0 31,5 Frauen 37,9 51,9 hoch mittel 35,9 niedrig Prozent 60,0 37,5 40,0 20,0 31,0 0,0 Österreich 49,3 34,5 12,8 13,6 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft 39,6 24,4 andere Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, eigene Berechnungen. Persönliche finanzielle Lage Verschiedene Untersuchungen verweisen auf Zusam­ menhänge zwischen Einkommen und Gesundheitszu­ stand. Niedrige Einkommensschichten haben einen schlechteren Gesundheitszustand als höhere, auch das Gesundheitsverhalten ist einkommensabhän­ gig. 68 Je nach Ausprägung kann die persönliche finan­ zielle Lage als Stressor oder Ressource für das Wohl­ befinden und die Gesundheit dienen. Knapp 30 Prozent und ein Viertel der weiblichen Wie­ ner Bevölkerung finden die eigene persönliche finanzi­ elle Lage als„sehr zufriedenstellend“, für 13,4 Prozent der Männer und 15,1 Prozent der Frauen sind die ver­ fügbaren finanziellen Mittel allerdings„ziemlich knapp“ oder reichen kaum für„das Notwendigste“. 68 KÖLTRINGER(1996). 106 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Tabelle 4.4: Persönliche finanzielle Lage in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Alter(Jahre) 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ gesamt 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ gesamt absolut 236 788 466 279 126 1.894 219 839 521 319 222 2.121 persönliche finanzielle Lage in% sehr zufriedenstellend es reicht ziemlich knapp Männer 16,3 59,4 19,6 25,4 58,5 13,8 30,6 57,5 10,4 42,7 53,2 3,6 35,7 60,7 3,7 28,8 57,8 11,5 Frauen 17,0 65,4 16,2 24,2 59,3 15,1 30,2 57,9 10,0 26,4 62,2 11,1 23,5 55,9 18,7 25,2 59,7 13,7 kaum das Notwendigste 4,6 2,2 1,4 0,4 0,0 1,9 1,4 1,4 2,0 0,3 2,0 1,4 Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Am häufigsten stark ökonomisch depriviert fühlen sich die jungen Männer und die älteren Frauen. Circa ein Viertel der 16- bis 24-jährigen Männer und ein Fünftel der 75-jährigen oder älteren Frauen sind der Ansicht, dass die ihnen zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel„ziemlich knapp“ sind oder kaum für„das Not­ wendigste“ reichen. Am positivsten beurteilen Männer ab 60 ihre finanzielle Situation(lediglich ca. 4 Prozent stark Deprivierte). Ökonomische Deprivation hängt häufig mit dem Ge­ fühl, ungerecht behandelt zu werden, zusammen. Von der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren haben 28,8 Pro­ zent der Männer und 30,7 Prozent der Frauen„oft“ oder„gelegentlich“ das Gefühl ungerechter Behand­ lung. Besonders ausgeprägt sind solche Gefühle unter den jüngeren Befragten, mit zunehmendem Alter wer­ den solche Gefühle(vor allem bei den Männern) selte­ ner. So etwa kommen solche Gefühle lediglich bei 11,0 Prozent der 75-jährigen und älteren Männer vor. Im­ merhin hat aber etwa jede vierte Frau in diesem Alter (25,1 Prozent)„oft“ oder„gelegentlich“ das Gefühl un­ gerechter Behandlung, wobei die triste Einkommensla­ ge älterer Frauen eine nicht unerhebliche Rolle spielt. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 107 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Tabelle 4.5: Gefühl der ungerechten Behandlung in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Alter(Jahre) 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ gesamt 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ gesamt absolut 236 788 466 279 126 1.894 219 839 521 319 222 2.121 Gefühl, ungerecht behandelt zu werden in% oft gelegentlich selten Männer 5,9 27,5 46,9 5,8 27,4 42,5 5,7 22,2 42,9 1,9 20,5 26,3 2,5 8,5 28,2 5,0 23,8 39,8 Frauen 8,3 31,5 44,2 5,4 26,5 43,4 6,7 23,6 37,8 6,7 18,5 28,1 6,5 18,6 24,9 6,4 24,3 37,8 nie 19,7 24,4 29,3 51,4 60,7 31,4 16,0 24,7 31,9 46,7 50,0 31,5 Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Es zeigt sich, dass das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, je nach Einkommen verschieden ausgeprägt ist. In einkommensmäßig benachteiligten Schichten sind solche Gefühle wesentlich häufiger als in privile­ gierten. Tabelle 4.6: Gefühl der ungerechten Behandlung in Wien 1999–2001 nach Haushaltseinkommen pro Kopf* und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) monatl. Haushaltsein­ kommen/EÄ Schicht 1 Schicht 2 Schicht 3 Schicht 4 gesamt Schicht 1 Schicht 2 Schicht 3 Schicht 4 gesamt absolut 222 629 560 196 1.894 310 764 546 121 2.121 Gefühl, ungerecht behandelt zu werden in% oft gelegentlich selten Männer 11,6 28,6 34,5 4,5 25,2 36,3 2,5 22,1 43,5 1,9 18,7 45,9 5,0 23,8 39,8 Frauen 16,1 31,8 27,4 5,1 25,0 41,3 4,2 21,5 40,1 2,6 18,9 42,3 6,4 24,3 37,8 nie 25,2 34,0 31,9 33,5 31,4 24,6 28,6 34,3 36,2 31,5 * Netto-Haushaltseinkommen pro Kopf(in Euro): Schicht 1= bis 727,–; Schicht 2= bis 1.308,–; Schicht 3= bis 2.180,–; Schicht 4= über 2.180.– . Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. 108 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Lebenszufriedenheit Ein wichtiges Korrelat der(psychischen) Gesundheit ist die Lebenszufriedenheit, wobei allerdings die Kau­ salrichtung nicht eindeutig feststeht: Einerseits kann es sein, dass Personen, die mit ihrem Leben zufrieden sind, auch gesünder sind, andererseits kann sich ein schlechter Gesundheitszustand auf die Lebenszufrie­ denheit negativ auswirken. Wechselwirkungen sind dabei nicht auszuschließen. Im Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey wurde die Lebenszufriedenheit anhand von fünf Items erfasst, und zwar wurde nach der Zufriedenheit mit dem Leben insgesamt, dem Familienleben, den Kontakten zu Freunden und Bekannten, der Freizeitgestaltung und der Gesundheit gefragt. Die Beurteilung erfolgte jeweils über eine vierstufige Skala mit den Ausprägungen „sehr“,„ziemlich“,„wenig“,„gar nicht“. Der Indikator Lebenszufriedenheit deckt also verschiedenste Lebens­ bereiche ab. 69 Männer sind insgesamt mit ihrem Leben zufriedener als Frauen. Circa 80 Prozent der Männer und etwa drei Viertel der Frauen geben hohe oder mittlere Lebenszu­ friedenheit an. Grafik 4.11: Lebenszufriedenheit(Index) in Wien 1999–2001 nach Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Pro­ zent) 100,0 38,0 39,1 37,0 80,0 hoch mittel niedrig Prozent 60,0 39,1 40,3 38,1 40,0 20,0 22,9 0,0 gesamt 20,6 Männer 24,9 Frauen Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Am meisten mit ihrem Leben zufrieden sind Männer im frühen Pensionsalter(60 bis 74 Jahre), mehr als die Hälfte dieser Männer ist hoch zufrieden. Bei den Män­ nern nimmt die Lebenszufriedenheit im mittleren Alter (45 bis 59 Jahre) zugunsten mittlerer Zufriedenheit et­ was ab, steigt aber wieder im frühen Pensionsalter(60 bis 74 Jahre) und wird im hohen Alter geringer. Bei den Frauen fällt vor allem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen(16 bis 24 Jahre) eine vergleichsweise niedrige Lebenszufriedenheit auf. Sie nimmt in der da­ rauffolgenden Altersgruppe etwas zu und bleibt dann in etwa auf diesem Niveau. Im hohen Alter von 75 und mehr Jahren kommt es allerdings bei den Frauen zu merkbaren Einbußen. 69 Ergebnisse zum Item„Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben insgesamt?“ finden sich im Anhang, Tabelle 4.1. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 109 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.12: Lebenszufriedenheit(Index) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) 100,0 80,0 39,1 Männer 31,9 38,7 56,2 48,5 hoch mittel niedrig Prozent 60,0 40,0 41,0 20,0 20,0 0,0 16–24 44,9 39,1 32,8 23,2 25–44 22,2 45–59 Alter(Jahre) 11,0 60–74 30,4 21,1 75+ 100,0 Frauen hoch 26,4 80,0 38,9 37,7 39,6 34,6 mittel niedrig Prozent 60,0 43,1 40,0 39,4 37,7 31,7 36,5 20,0 30,5 0,0 16–24 21,7 25–44 24,6 23,8 45–59 Alter(Jahre) 60–74 33,7 75+ Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Frauen mit Pflichtschulbildung sind am wenigsten mit ihrem Leben zufrieden, ca. 40 Prozent davon sind unzufrieden. Auffallend ist bei beiden Geschlechtern die Zunahme mittlerer Lebenszufriedenheit mit steigender Bildung, die in der Regel mit einer Abnahme hoher Le­ benszufriedenheit einhergeht. 110 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.13: Lebenszufriedenheit(Index) in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) 100,0 80,0 39,6 Männer 40,8 39,6 hoch 32,7 mittel niedrig Prozent 60,0 38,0 40,0 38,2 41,3 47,5 20,0 22,5 0,0 Pflichtschule 100,0 80,0 60,0 40,0 20,0 28,4 33,8 37,8 0,0 Pflichtschule 21,1 19,2 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung Frauen 42,9 41,0 19,7 Hochschule 32,6 hoch mittel niedrig 35,6 41,1 45,4 21,5 17,9 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 22,0 Hochschule Prozent Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Verheiratete(Männer wie Frauen) haben nicht nur eine vergleichsweise geringere Belastung durch Lebensereignisse, sondern sind von den Familienstandsgruppen auch am meisten mit ihrem Leben zufrieden. Am wenigsten mit ihrem Leben zufrieden sind die geschiedenen Männer und die verwitweten Frauen. Bei den verwitweten Männern zeichnet sich eine gewisse Pola­ risierung ab: Und zwar sind überdurchschnittlich viele nur wenig, ebenso aber überdurchschnittlich viele hoch zufrieden. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 111 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.14: Lebenszufriedenheit(Index) in Wien 1999–2001 nach Familienstand(Index) und Geschlecht(Per­ sonen ab 16 Jahre, in Prozent) 100,0 80,0 33,8 Männer 27,7 43,4 hoch mittel 41,0 niedrig Prozent 60,0 42,3 40,0 36,3 40,0 33,8 20,0 0,0 23,9 ledig 36,0 16,6 verheiratet geschieden Familienstand 25,2 verwitwet 100,0 80,0 33,6 Frauen 39,6 36,9 Prozent 60,0 39,6 40,0 34,8 39,9 20,0 0,0 26,7 ledig 20,4 28,3 verheiratet geschieden Familienstand Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. 35,0 32,4 32,7 verwitwet hoch mittel niedrig Von den in Wien lebenden StaatsbürgerInnen sind die österreichischen am meisten mit ihrem Leben zufrieden. Relativ zufrieden sind auch Männer mit Staatsbürgerschaft der Staaten Ex-Jugoslawiens. Unter den tür­ kischen Staatsbürgern findet sich ein hoher Anteil mit nur mäßiger Lebenszufriedenheit. 112 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.15: Lebenszufriedenheit(Index) in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft(Index) und Geschlecht (Personen ab 16 Jahre, in Prozent) 100,0 80,0 41,1 Männer 15,3 39,7 hoch 23,7 mittel niedrig Prozent 60,0 40,0 40,1 52,1 36,2 41,5 20,0 0,0 18,8 Österreich 100,0 80,0 39,3 60,0 40,0 38,2 20,0 22,4 0,0 Österreich 32,6 24,1 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft Frauen 25,0 8,0 42,4 35,3 49,6 39,6 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft 34,8 andere hoch 30,8 mittel niedrig 36,1 33,1 andere Prozent Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Besonders gering ist die Lebenszufriedenheit der Frau­ en mit türkischer Staatsbürgerschaft: Beinahe die Hälf­ te ist nicht mit ihrem Leben zufrieden. Anscheinend wird die kulturelle Entwurzelung, gepaart mit hoher Li­ ve Event-Belastung und mangelnder Integration für viele türkische Frauen zum Problem. Unterstützt wird diese Vermutung, wie später noch gezeigt wird, durch das niedrige Kohärenzgefühl dieser Gruppe von Frau­ en. Zu beobachten sind deutliche Zusammenhänge zwi­ schen Lebenszufriedenheit und psychischen Beschwer­ den. Männer wie Frauen mit einem hohen Ausmaß psychischer Beschwerden, wobei hier sowohl die Zahl als auch die Stärke der Beschwerden berücksichtigt sind, sind deutlich weniger mit ihrem Leben zufrieden als jene mit mittlerem und vor allem niedrigem Niveau an Beschwerden. 70 70 Die Beschreibung des Index psychischer Beschwerden findet sich im Abschnitt 4.2. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 113 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.16: Lebenszufriedenheit(Index) in Wien 1999–2001 nach psychischen Beschwerden(Index) und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) 60,0 50,0 43,6 40,6 40,0 30,0 20,0 15,8 10,0 Männer 42,1 31,7 26,2 49,9 30,3 19,8 niedrig mittel hoch Prozent 0,0 niedrig mittel hoch psychische Beschwerden(Index) Prozent 70,0 60,0 50,0 47,7 40,0 36,5 30,0 20,0 15,9 10,0 Frauen 45,4 28,2 26,5 60,3 27,2 12,5 0,0 niedrig mittel hoch psychische Beschwerden(Index) Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. niedrig mittel hoch Kohärenzgefühl(SOC) Als wichtige Ressource für das psychische Befinden gilt unter anderem das Kohärenzgefühl(SOC= sense of cohe­ rence). Es handelt es sich dabei um eine„generalisierte und überdauernde Auffassung von der Welt und dem da­ rin eingebetteten Leben“. 71 Und zwar drückt das Kohä­ renzgefühl das Ausmaß aus,„in dem jemand ein durch­ dringendes, überdauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass erstens die Anforderun­ gen aus der inneren oder äußeren Erfahrenswelt im Ver­ lauf des Lebens strukturiert, vorhersagbar und erklärbar sind(Verstehbarkeit), und dass zweitens die Ressourcen zur Verfügung stehen, die nötig sind, um den Anforde­ rungen gerecht zu werden(Bewältigbarkeit). Und drit­ tens, dass diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Investitionen und Engagement verdienen(Sinnhaf­ tigkeit).“ 72 Personen mit ausgeprägtem Kohärenzgefühl nehmen ihre Umwelt als stimmig und vorhersagbar wahr und vertrauen auf den(der jeweiligen Situation angemes­ senen) bestmöglichen Ausgang der Ereignisse. Insgesamt wurde dieses Konstrukt anhand von sieben Items erfasst (Ausprägungen:„oft“,„gelegentlich“,„selten“,„nie“), wie etwa dem Vorhandensein klarer Ziele und Zwecke, der Bedeutsamkeit und Sinnhaftigkeit des Lebens, dem Gefühl ungerechter Behandlung bzw. der Benachteiligung durch das Schicksal, dem Gefühl, in einer ungewöhnli­ chen Situation nicht zu wissen, was zu tun ist. Männer verfügen über ein etwas ausgeprägteres Kohä­ renzgefühl als Frauen, und zwar ist hohes und vor allem mittleres Kohärenzgefühl bei ihnen häufiger. 71 STADT WIEN(Hrsg.), 2001, S. 119. 72 ANTONOVSKY, 1993, S. 12; Übersetzung durch FRANKE& BRODA. 114 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.17: Kohärenzgefühl(Index) in Wien 1999–2001 und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) 100,0 29,3 30,3 28,3 80,0 hoch mittel niedrig Prozent 60,0 39,1 41,7 36,8 40,0 20,0 31,6 28,0 34,9 0,0 gesamt Männer Frauen Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Das Kohärenzgefühl nimmt bei beiden Geschlechtern mit dem Alter zu, bei den Männern jedoch deutlicher als bei den Frauen. Bei Frauen wird allerdings mittleres Kohärenzgefühl im hohen Alter(75 und mehr Jahre) wieder etwas seltener. Grafik 4.18: Kohärenzgefühl(Index) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Prozent 100,0 80,0 60,0 14,5 41,3 40,0 44,2 20,0 0,0 16–24 Männer 24,7 33,8 45,3 42,9 42,7 39,6 32,3 25–44 23,5 45–59 Alter(Jahre) 15,1 60–74 49,3 35,1 15,5 75+ hoch mittel niedrig Prozent 100,0 80,0 60,0 13,3 32,0 40,0 54,7 20,0 0,0 16–24 Frauen 24,9 32,1 35,9 39,9 34,1 38,2 35,2 33,8 25,9 25–44 45–59 Alter(Jahre) 60–74 36,1 34,1 29,8 75+ hoch mittel niedrig Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 115 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Das Kohärenzgefühl unterliegt keinem einheitlichen Bildungstrend. Auffallend ist jedoch der Mangel an Ko­ härenzgefühl in der niedrigsten Bildungsgruppe: 46,6 Prozent der Männer und 46,1 Prozent der Frauen mit Pflichtschulbildung haben ein niedriges Kohärenzge­ fühl, im Vergleich zu 23(Männer mit Lehrabschluss) bis 32 Prozent(Frauen mit Lehrabschluss) unter den anderen Bildungsgruppen. Grafik 4.19: Kohärenzgefühl(Index) in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) 100,0 80,0 20,4 Männer 35,3 30,5 hoch 30,2 mittel niedrig Prozent 33,0 60,0 40,0 41,7 46,8 42,8 46,6 20,0 0,0 Pflichtschule 23,0 22,6 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 27,0 Hochschule Prozent 100,0 80,0 60,0 22,3 31,6 40,0 46,1 20,0 0,0 Pflichtschule Frauen 36,1 30,0 31,8 40,9 hoch 20,6 mittel niedrig 48,9 32,1 29,2 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 30,6 Hochschule Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Türkische StaatsbürgerInnen(Männer 68,6 Prozent, Frauen 73,8 Prozent) sowie Frauen und Männer mit Staatsbürgerschaft von Staaten Ex-Jugoslawiens(Män­ ner 50,3 Prozent, Frauen 66,5 Prozent) haben über­ durchschnittlich häufig ein niedriges Kohärenzgefühl. Am besten schneiden die österreichischen Staatsbürge­ rInnen ab. Lediglich bei 24,5 Prozent der Männer und 31,2 Prozent der Frauen mit österreichischer Staats­ bürgerschaft ist das Kohärenzgefühl wenig ausgeprägt bzw. niedrig. 116 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.20: Kohärenzgefühl(Index) in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Prozent 100,0 80,0 33,0 60,0 42,5 40,0 20,0 24,5 0,0 Österreich Männer 3,0 16,5 28,4 33,2 68,6 50,3 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft 19,3 42,9 37,9 andere hoch mittel niedrig Prozent 100,0 80,0 30,1 60,0 38,7 40,0 20,0 31,2 0,0 Österreich Frauen 4,2 22,4 22,0 11,2 73,8 66,5 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft 22,4 37,8 39,7 andere hoch mittel niedrig Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Körperliche Fitness Körperliche Fitness ist unter anderem auch Ausdruck körperlicher Gesundheit und körperlichen Wohlbefin­ dens. Männer fühlen sich häufiger körperlich fit als Frauen. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 117 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Grafik 4.21: Körperliche Fitness(fit genug, um all das zu tun, was man tun möchte) in Wien 1999–2001 nach Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Prozent 100,0 90,0 80,0 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0,0 3,5 12,7 22,7 34,5 26,7 gesamt 4,2 11,7 20,7 34,8 28,6 Männer 2,8 13,6 24,4 nie selten gelegentlich oft immer 34,2 24,9 Frauen Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Am meisten körperlich fit fühlen sich Männer wie Frauen im mittleren Alter. Deutliche Einbußen finden sich erst im hohen Alter(ab 75 Jahre). Auffallend ist der vergleichsweise hohe Anteil junger Frauen(30,2 Prozent), die angeben, nur„gelegentlich“ fit genug zu sein, um all das zu tun, was sie möchten. Grafik 4.22: Körperliche Fitness(fit genug, um all das zu tun, was man tun möchte) in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) 100,0 80,0 60,0 40,0 4,2 13,2 23,1 2,9 10,6 19,9 Männer 5,7 12,2 19,6 4,0 8,4 18,7 33,2 38,1 36,6 33,7 7,2 20,9 29,6 16,9 nie selten gelegentlich oft immer Prozent 20,0 0,0 100,0 80,0 60,0 40,0 20,0 0,0 26,3 28,4 28,9 32,3 25,5 16–24 0,5 14,2 30,2 25–44 45–59 Alter(Jahre) 10,9 1,7 Frauen 2,4 12,8 22,1 24,3 60–74 4,5 14,0 24,4 30,1 40,5 33,5 32,7 75+ 7,8 24,4 27,8 18,6 25,0 24,8 27,0 24,4 21,4 16–24 25–44 45–59 Alter(Jahre) 60–74 75+ nie selten gelegentlich oft immer Prozent Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. 118 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Belastungen/Ressourcen Am wenigsten körperlich fit fühlen sich die niedrig Gebildeten: 41,0 Prozent der Männer und nahezu die Hälfte der Frauen(49,8 Prozent) mit Pflichtschulbildung fühlen sich nur„gelegentlich“ oder noch seltener ausreichend fit. Im Vergleich dazu sind es von den HochschulabsolventInnen lediglich 36,2 bzw. 36,4 Prozent. Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf das ge­ genwärtig niedrige Bildungsniveau vieler älterer Men­ schen(insbesondere der Frauen). Grafik 4.23: Körperliche Fitness(fit genug, um all das zu tun, was man tun möchte) in Wien 1999–2001 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) 100,0 80,0 60,0 40,0 3,9 11,5 25,5 31,8 Männer 5,0 10,7 3,1 11,4 20,8 19,4 36,0 35,6 4,8 15,3 16,0 33,7 nie selten gelegentlich oft immer Prozent 20,0 27,2 0,0 Pflichtschule 100,0 80,0 60,0 4,9 17,8 27,1 40,0 28,9 20,0 21,3 0,0 Pflichtschule 27,5 30,4 30,1 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung Frauen 2,4 12,9 2,1 11,2 25,5 21,9 Hochschule 12,1 0,8 23,4 nie selten gelegentlich oft immer 32,9 37,6 40,1 26,3 27,3 Lehre mittlere Ausbildung höchste Bildung 23,5 Hochschule Prozent Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Wie in vielen anderen der untersuchten Bereiche schneiden die türkischen StaatsbügerInnen auch in Bezug auf körperliche Fitness schlecht ab. Während sich von den österreichischen Staatsbürgern lediglich 35,9 Prozent nur„gelegentlich“ oder noch seltener ausreichend fit fühlen, sind es von den türkischen über die Hälfte(56,5 Prozent). Ähnlich verhält es sich bei den Frauen: 38,5 Prozent der österreichischen Staatsbürge­ rinnen berichten über solche Einbußen im Vergleich zu 64, 5 Prozent der türkischen. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 119 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Erklärungsmodell Grafik 4.24: Körperliche Fitness(fit genug, um all das zu tun, was man tun möchte) in Wien 1999–2001 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Prozent 100,0 90,0 80,0 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0,0 4,2 11,3 20,4 35,0 29,2 Männer 4,1 12,0 5,0 17,9 26,4 33,5 30,7 20,8 26,7 22,7 Österreich Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft 4,4 13,6 15,8 40,2 nie selten gelegentlich oft immer 26,0 andere Prozent 100,0 80,0 60,0 40,0 20,0 0,0 3,0 12,8 22,7 Frauen 11,4 0,0 5,6 22,7 41,9 35,2 26,2 Österreich 36,1 30,3 25,8 16,3 9,7 Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft 1,3 20,5 26,9 nie selten gelegentlich oft immer 28,8 22,5 andere Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. 4.2 Ein Erklärungsmodell psychischer Beschwerden Um weitere Hinweise auf die Ursachen psychischer Beschwerden zu erhalten, wird mittels multipler Klas­ sifikationsanalyse versucht festzustellen, welchen Faktoren(soziodemografische Merkmale, Belastun­ gen, Ressourcen und Bewältigungsstrategien) für das Ausmaß psychischer Beschwerden Erklärungswert zukommt. Signifikante Bestimmungsfaktoren psychischer Be­ schwerden sind laut multipler Klassifikationsanalyse ne­ ben soziodemografischen Merkmalen(Geschlecht, Alter, Staatsbürgerschaft, persönliche finanzielle Lage) die Be­ lastung durch Lebensereignisse(Life Event-Belastung), der Arbeits- und Alltagsstress, die Lebenszufriedenheit, die körperliche Fitness und das Kohärenzgefühl. Diese Faktoren erklären insgesamt 27 Prozent der Varianz. 120 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Erklärungsmodell Tabelle 4.7: Bestimmungsfaktoren psychischer Beschwerden, Multiple Klassifikationsanalyse(MCA), Gesamt­ erklärungsbeitrag= 27 Prozent Abhängige Variable psychische Beschwerden (Index) Faktoren Geschlecht Beta= ,058 männlich weiblich Alter Beta= ,117 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ Staatsbürgerschaft Beta= ,104 Österreich Ex-Jugoslawien Türkei andere persönliche finanzielle Lage Beta= ,093 sehr zufriedenstellend es reicht ziemlich knapp kaum das Notwendigste Lebensereignisse* Beta= ,179 niedrig mittel hoch Lebenszufriedenheit* Beta= ,171 niedrig mittel hoch Fit genug, um all das zu tun, was man tun möchte Beta= ,131 immer oft gelegentlich selten nie Arbeitsstress* Beta= ,129 niedrig mittel hoch nicht berufstätig Kohärenzgefühl* Beta= ,121 niedrig mittel hoch Leiden unter Alltagsstress Beta= ,120 oft gelegentlich selten nie (n) 1.894 2.125 455 1.627 987 598 353 3.392 212 114 301 1.075 2.370 507 67 1.308 1.351 1.359 920 1.572 1.527 1.072 1.386 911 511 140 663 868 683 1.805 1.272 1.571 1.176 831 1.363 811 1.014 Abweichung vom Ge­ samtmittelwert von 1,01 korrigiert nach Faktoren -,11 ,10 -,28 -,15 ,17 ,07 ,47 ,07 -,65 -,46 -,18 -,06 -,06 ,25 1,03 -,33 -,13 ,44 ,56 -,10 -,23 -,21 -,12 ,13 ,35 ,74 -,26 -,32 ,10 ,21 ,32 -,15 -,14 ,41 -,04 -,10 -,20 * In diesen Fällen handelt es sich um Indices. Die Beschreibung findet sich in Abschnitt 8.1. Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Anmerkung : Beta-Koeffizienten haben einen Wertebereich von 0(kein Erklärungsbeitrag) bis 1(perfekte Erklärung). Sie geben an, welchen Beitrag ein Faktor zur Erklärung der abhängigen Variable leistet. Das Modell weist nur statistisch hoch signifikante Bestimmungsfaktoren aus(P< 0,000). Die nach Faktoren korrigierten Abweichungen vom Gesamtmittelwert sind als Effekte interpretierbar. Sie geben an, wie sich die Zugehörigkeit zu einer Kategorie eines Faktors auswirkt – und zwar unter Konstanthaltung der anderen im Modell enthaltenen Faktoren. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 121 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Erklärungsmodell Keine nennenswerten zusätzlichen Effekte gehen von den Faktoren Familienstand, Schulbildung, Teilnahme am Erwerbsleben(wird zum Teil durch das Merkmal Arbeitsstress mit der Kategorie„nicht berufstätig“ ab­ gedeckt), Pro-Kopf-Haushaltseinkommen(wird durch die Einschätzung der persönlichen finanziellen Lage abgedeckt), Art des Wohnbezirks, körperliche Gewalt­ erfahrung in der Kindheit(wird durch den Index Le­ bensereignisse abgedeckt), Arbeitsbelastungen(wird durch den Index Arbeitsstress abgedeckt), Wohnzu­ friedenheit(wird durch den Index Lebenszufriedenheit abgedeckt), soziales Netz(wird ebenfalls durch den In­ dex Lebenszufriedenheit abgedeckt), Gesundheitsbe­ wusstsein(„Achten auf die eigene Gesundheit“), Ge­ sundheitsverhalten(„Aktivitäten, um gesund zu blei­ ben“) und Stressvermeidung(„versuche, Stress zu ver­ meiden“) aus. Copingstrategien spielen anscheinend insgesamt eine untergeordnete Rolle. Den höchsten Erklärungswert für das Ausmaß psychi­ scher Beschwerden haben die Belastung durch Lebens­ ereignisse und die Lebenszufriedenheit. Dem folgen dem Erklärungsbeitrag nach körperliche Fitness, Ar­ beitsstress, Kohärenzgefühl und Alltagsstress. Unter den soziodemografischen Merkmalen, denen geringe­ rer Erklärungswert als den eben genannten Faktoren zukommt, erweist sich das Alter als wichtigster Bestim­ mungsfaktor. Die Staatsbürgerschaft, die persönliche finanzielle Lage und vor allem das Geschlecht haben nur geringe Erklärungskraft. Betrachtet man die einzelnen Effekte, das heißt, die be­ reinigten, von den anderen(im Modell berücksichtig­ ten) Faktoren unabhängigen Abweichungen vom Ge­ samtmittelwert, so fällt auf, dass die Zusammenhänge zwischen den relevanten Bestimmungsfaktoren und dem Ausmaß psychischer Beschwerden meist nicht li­ near sind. Psychische Beschwerden sind lediglich bei hoher Live Event-Belastung, hohem Arbeitsstress, bei Nicht-Teil­ nahme am Erwerbsleben, bei sehr häufigem(„oft“) All­ tagsstress, niedriger Lebenszufriedenheit, stark einge­ schränkter körperlicher Fitness(„selten“ bzw.„nie“ fit genug) und niedrigem Kohärenzgefühl zu erwarten. Von den soziodemografischen Merkmalen wirken sich (unabhängig von den anderen Faktoren) vor allem ho­ hes Alter(75 und mehr Jahre), in etwas geringerem Ma­ ße das Lebensalter zwischen 45 und 59 Jahren(ältere ArbeitnehmerInnen, Menopause) und in weiter abge­ schwächter Form das frühe Pensionsalter(60 bis 74 Jah­ re) auf das Ausmaß psychischer Beschwerden aus. Ne­ gative Effekte auf das psychische Befinden hat des Wei­ teren sehr prekäre(„kaum das Notwendigste“) und in abgeschwächter Form auch ziemlich eingeschränkte („ziemlich knapp“) persönliche finanzielle Lage, weibli­ ches Geschlecht und österreichische Staatsbürgerschaft. Mittlere und vor allem geringe Belastung durch Le­ bensereignisse, niedriger und insbesondere mittlerer Arbeitsstress, gelegentlicher, seltener und gänzlich feh­ lender Alltagsstress, ausgeprägte körperliche Fitness („oft“ und vor allem„immer“ das tun zu können, was man will), mittlere und vor allem hohe Lebenszufrie­ denheit, hohes und mittleres Kohärenzgefühl, sehr zu­ friedenstellende und ausreichende(„es reicht“) per­ sönliche finanzielle Lage, jugendliches bzw. junges Er­ wachsenenalter sowie(abgeschwächt) mittleres Alter, „andere“ oder türkische Staatsbürgerschaft sowie vor allem die Staatsbürgerschaft eines der Staaten Ex-Ju­ goslawiens und männliches Geschlecht führen zu ge­ genteiligen Effekten, das heißt, wirken sich positiv auf das psychische Befinden aus, sind also wichtige Res­ sourcen zur Verhinderung psychischer Beschwerden. Stress(wie etwa Arbeits- und/oder Alltagsstress) ist al­ so keineswegs nur negativ zu sehen, sondern kann auch stimulierend wirken. Erst, wenn ein bestimmtes Maß überschritten wird und eine Überforderung eintritt, sind psychische Beschwerden zu erwarten. So wirkt sich ein mittleres Niveau an Arbeitsstress sogar ten­ denziell positiver auf das psychische Befinden aus als ein niedriges. Dies steht im Einklang mit den Ergebnis­ sen verschiedener Untersuchungen, dass sich nicht nur Über-, sondern auch Unterforderung auf das psychi­ sche Befinden auswirken. Nicht nur hohe Lebenszufriedenheit, sondern auch mittlere(zwar abgeschwächt) hat positive Effekte auf das psychische Befinden. Mittleres Kohärenzgefühl wirkt sich sogar eine Spur positiver auf das psychische Wohlbefinden aus als hohes. Auch körperliche Fitness ist(unabhängig vom Alter) ein wichtiger Bestimmungsfaktor. Sich nur„gelegent­ lich“,„selten“ und vor allem„nie“ fit genug fühlen, um das zu tun, was man möchte, erhöht das Ausmaß psy­ chischer Beschwerden kontinuierlich, wobei die stärks­ ten Effekte bei größtmöglicher Beeinträchtigung („nie“) zu erwarten sind. Je häufiger man sich körper­ 122 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Erklärungsmodell lich fit fühlt(wobei Abstufungen zwischen„oft“ und „immer“ zu beobachten sind), desto stärkere, positive Effekte auf das psychische Befinden sind zu erwarten. Maßgebend für das Ausmaß psychischer Beschwerden ist auch hohes Alter(75 und mehr Jahre), bei jüngeren Befragten sind eher gegenteilige Effekte zu erwarten. Die Effekte des Faktors Alter steigen von-,28 bei den 16- bis 24-Jährigen bis+,47 bei den 75-Jährigen und äl­ teren an, der Anstieg im Mittelbereich ist aber nicht kontinuierlich. Personen im Alter von 45 bis 59 Jahren (ältere ArbeitnehmerInnen, Menopause) weisen unter sonst gleichen Bedingungen ein etwas höheres Niveau psychischer Beschwerden auf(Effekt=+,17) als die 60- bis 74-Jährigen, d. h. die jüngeren PensionistInnen (Effekt=+,07). Mit dem Wegfall beruflicher Tätigkeit bzw. der Belastungen der vorangehenden Lebensphase scheint sich im frühen Pensionsalter das psychische Befinden wieder etwas zu stabilisieren, zumal sich der Großteil noch relativ guter körperlicher Gesundheit er­ freuen kann. Die persönliche finanzielle Lage wirkt sich vor allem dann auf die psychische Gesundheit negativ aus, wenn Menschen„kaum über das Notwendige“ verfügen, aber auch bei„ziemlich knappen“ Mitteln sind(geringere) Effekte zu erwarten. Positiv auf die psychische Gesund­ heit wirken sich eine„sehr zufriedenstellende“ finanzi­ elle Lage und das Gefühl, dass„es reicht“, aus, wobei zwischen beiden kein Unterschied besteht. Interessante Effekte ergeben sich für den Faktor Staatsbürgerschaft. In den vorigen Abschnitten wur­ de festgestellt, dass Belastungen und Ressourcen un­ ter den in Wien lebenden StaatsbürgerInnen ungleich verteilt sind. Besondere Defizite(in den Bereichen Le­ benszufriedenheit, Kohärenzgefühl und körperliche Fitness etc.) wurden für türkische StaatsbürgerInnen, insbesondere für die Frauen, festgestellt. Charakteris­ tisch für sie sind auch eine ausgeprägte Life Event-Be­ lastung und häufiger Alltagsstress. Jedoch erweist es sich unter sonst gleichen Bedingungen für das psychi­ sche Wohlbefinden durchaus günstig, AusländerIn, bzw. dem Erklärungswert nach gereiht, Staatsbürge­ rIn eines Staates Ex-Jugolawiens, türkische/r Staats­ bürgerIn oder StaatsbürgerIn eines anderen Staates zu sein. Lediglich für österreichische StaatsbürgerIn­ nen ergeben sich negative Effekte. Wahrscheinlich spielen hier kulturelle Besonderheiten oder das Be­ wusstsein ausländischer StaatsbürgerInnen, die ge­ genwärtige Situation auch wieder verlassen zu kön­ nen und gegebenenfalls zurückzukehren, eine Rolle. Unter der Annahme der Gültigkeit des Modells können die ausgewiesenen Effekte zum Gesamtmittel des Index „psychische Beschwerden“ addiert werden. Auf diese Weise ist es möglich, besonders belastete Bevölke­ rungsgruppen zu identifizieren. Den Extremfall bilden über 75-jährige Österreicherinnen mit Kleinstrenten, einer hohen Belastung durch Lebensereignisse(wie et­ wa den Tod nahe stehender Personen), einer niedrigen Lebenszufriedenheit, schlechter körperlicher Fitness, niedrigem Kohärenzgefühl und häufigem Alltagsstress. Für diese Bevölkerungsgruppe kann aus dem Modell folgender Erwartungswert(Mittelwert) prognostiziert werden: Tabelle 4.8: Gruppenspezifischer Erwartungswert für psychische Beschwerden(Mittelwert) Faktor Gesamtmittelwert Geschlecht Alter Staatsbürgerschaft persönliche finanzielle Lage Lebensereignisse Lebenszufriedenheit fit genug Arbeitsstress Kohärenzgefühl Leiden unter Alltagsstress prognostizierter Erwartungswert Ausprägung (allgemeines Niveau) weiblich 75+ Österreich kaum das Notwendigste hoch niedrig nie nicht berufstätig niedrig oft (gruppenspezifisches Niveau) Effekt 1,01 +,10 +,47 +,07 +1,03 +,44 +,56 +,74 +,21 +,32 +,41 5,36 Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 123 IV. DETERMINANTEN PSYCHISCHER BESCHWERDEN Erklärungsmodell Diese Bevölkerungsgruppe weist also ein mehr als fünf­ mal höheres Niveau an psychischen Beschwerden auf als die untersuchte Gesamtpopulation(Erwartungs­ wert von 5,36 versus 1,01). Zusammenfassend kann gesagt werden: Psychisches Befinden spielt sich im Wesentlichen zwischen den Po­ len Belastung durch Lebensereignisse und Lebenszu­ friedenheit ab. Aber auch Arbeits- und Alltagsstress so­ wie Persönlichkeitsmerkmale, welche Stimmigkeit mit der Welt und sich selbst – einschließlich dem eigenen Körper – signalisieren(wie Kohärenzgefühl und kör­ perliche Fitness), spielen eine wichtige Rolle. Das heißt, Personen, die mit ihrem Leben zufrieden sind, körper­ lich fit sind, wobei körperliche Fitness auch Aktivität und körperliches Wohlbefinden signalisieren, und im Einklang mit sich selbst und der Welt stehen, gelingt es anscheinend eher, mit belastenden Situationen fertig zu werden, als jenen, denen es an den genannten Vor­ aussetzungen fehlt. Zu beachten ist allerdings, dass Be­ lastungen nicht nur zum Entstehen psychischer Leiden beitragen können, sondern dass psychische Leiden auch zusätzliche Belastungen(wie z. B. soziale Isolati­ on, sozioökonomische Probleme) nach sich ziehen können. 124 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN V. KOMORBIDITÄT PSYCHISCHER BESCHWERDEN COMORBIDITY OF MENTAL HEALTH PROBLEMS V. KOMORBIDITÄT PSYCHISCHER BESCHWERDEN INHALT 5 KOMORBIDITÄT PSYCHISCHER BESCHWERDEN 5.1 ZUSAMMENHÄNGE ZWISCHEN PSYCHISCHEN BESCHWERDEN 5.2 PSYCHISCHE BESCHWERDEN UND GESUNDHEITLICHES BEFINDEN 5.3 PSYCHISCHE BESCHWERDEN UND ERKRANKUNGSHÄUFIGKEIT Inhalt 127 127 129 131 126 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN V. KOMORBIDITÄT PSYCHISCHER BESCHWERDEN Zusammenhänge 5 KOMORBIDITÄT PSYCHISCHER BESCHWERDEN Zusammenfassung Die vorliegende Analyse macht deutlich, dass häufig mehrere psychische Beschwerden gleichzeitig vor­ handen sind. Vor allem bei Frauen und älteren Men­ schen ist dies vermehrt zu beobachten. Vielfach fin­ den sich zusätzlich zu vorhandenen psychischen Be­ schwerden auch somatische Erkrankungen. Personen mit psychischen Beschwerden beurteilen ihren Gesundheitszustand deutlich negativer als der Durchschnitt der Bevölkerung bzw. als Perso­ nen ohne Beschwerden und sind häufiger krank. Besonders deutlich wirkt sich Niedergedrücktheit (Depressionen) auf das gesundheitliche Befinden und die Erkrankungshäufigkeit aus. Zudem ver­ schlechtert sich das gesundheitliche Befinden und erhöht sich die Erkrankungshäufigkeit mit zuneh­ mender Zahl psychischer Beschwerden. Summary This analysis shows that mental health problems of­ ten occur together in an individual. Comorbidity is particularly common in women and elderly persons. It is also common for physical and mental health problems to occur together. Persons with mental health problems have a signifi­ cantly worse subjective state of health than the pop­ ulation average or persons without mental mental health probelms, and they are also more frequently physically ill. Depression has a particularly negative impact on physical well-being and frequency of ill­ ness. An increase in the number of mental health problems also decreases physical well-being and in­ creases the frequency of illness. 5.1 Zusammenhänge zwischen psychischen Beschwerden Häufig treten mehrere psychische Beschwerden zusammen auf. Auch die Ergebnisse anderer Studien verweisen auf das gleichzeitige Auftreten verschiedener psychischer Beschwerden. So z. B. gaben laut SERMOStudie 30,8 Prozent der Personen, die sich zum Zeitpunkt der Befragung„niedergedrückt“ fühlten, Schlafstörungen, 24,3 Prozent Nervosität und 34,3 Prozent Schwäche an. Bei der restlichen Bevölkerung waren es jeweils weniger als 10 Prozent. 73 Bei Frauen und mit fortschreitendem Alter ist das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer psychischer Be­ schwerden vermehrt zu beobachten. In Wien haben laut Mikrozensus 5,4 Prozent der Männer und 8,9 Prozent der Frauen zwei oder mehr psychische Beschwerden. Tabelle 5.1: Psychische Beschwerden in Wien 1999 nach Geschlecht(absolut, in Prozent) Zahl der vorhandenen psychischen Beschwerden keine eine zwei drei vier gesamt gesamt Personen in 1.000 in% 1.267,0 198,1 79,5 23,6 11,5 80,2 12,5 5,0 1,5 0,7 1.579,7 100 Männer Personen in 1.000 in% 624,1 84,5 30,6 6,8 3,3 83,3 11,3 4,1 0,9 0,4 749,3 100 Frauen Personen in 1.000 642,9 113,6 48,9 16,8 8,1 830,4 in% 77,4 13,7 5,9 2,0 1,0 100 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. 73 SCHMEISER-RIEDER et al.(1997). PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 127 V. KOMORBIDITÄT PSYCHISCHER BESCHWERDEN Zusammenhänge Im Alter von 45 bis 59 Jahren finden sich bereits bei 7,5 Prozent der Männer und 12,1 Prozent der Frauen zwei oder noch mehr Beschwerden, im hohen Alter(75 und mehr Jahre) beträgt dieser Anteil bei den Männern 14,1 und bei den Frauen 15,3 Prozent. Grafik 5.1: Anzahl der psychischen Beschwerden in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht(in Prozent*) 100,0 80,0 60,0 Männer drei oder mehr zwei eine keine Prozent 40,0 20,0 0,0 0–14 15–29 30–44 45–59 60–74 75+ gesamt Alter(Jahre) Frauen 100,0 80,0 60,0 drei oder mehr zwei eine keine 40,0 Prozent 20,0 0,0 0–14 15–29 30–44 45–59 60–74 Alter(Jahre) * Die genauen Werte sind der Tabelle 5.1 im Anhang zu entnehmen. 75+ gesamt Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Vor allem Niedergedrücktheit(Depressionen), Schwä­ che und Müdigkeit gehen(laut Mikrozensus) häufig Hand in Hand, aber auch zwischen den anderen psy­ chischen Beschwerden finden sich signifikante Korre­ lationen. Bei den Frauen sind die Zusammenhänge zwi­ schen den verschiedenen Beschwerden in der Regel et­ was ausgeprägter als bei den Männern. 128 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN V. KOMORBIDITÄT PSYCHISCHER BESCHWERDEN Gesundheitliches Befinden Tabelle 5.2: Zusammenhänge zwischen verschiedenen psychischen Beschwerden in Wien 1999(Korrelationen/ nach PEARSON) Korrelationen(Pearson) Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) Schlaf­ störungen gesamt 0,27 0,28 0,22 Männer 0,24 0,16 0,20 Frauen 0,28 0,35 0,23 Schwäche, Müdigkeit Nervosität 0,24 0,32 0,28 0,21 0,32 0,29 0,26 0,33 0,28 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Vielfach finden sich zusätzlich zu psychischen Beschwer­ älteren Frauen wirken sich gesundheitliche Probleme den auch somatische Erkrankungen. Vor allem bei den deutlich auf die psychische Befindlichkeit aus. 74 5.2 Psychische Beschwerden und gesundheitliches Befinden Neben den objektiven, d. h. auf medizinischen Definiti­ onen bzw. Befunden beruhenden Gesundheitsindika­ toren, kommt subjektiven Indikatoren große Bedeu­ tung zu. Subjektive Gesundheitseinschätzungen(wie z. B. die Beurteilung der Gesundheit durch die Betroffe­ nen) sind unter anderem deswegen bedeutsam, weil ih­ nen meist eine ganzheitliche Sichtweise zugrunde liegt, die sowohl physische, psychische und soziale Aspekte umfasst. 75 Außerdem hat sich in verschiedenen pros­ pektiven Studien der subjektive Gesundheitszustand als starker, unabhängiger Prädiktor für Mortalität er­ wiesen. 76 Auch gesundheitsökonomische Analysen greifen vermehrt auf subjektive Gesundheitsindikato­ ren zurück. 77 Im Folgenden seien anhand des Mikrozensus 1999 die Zusammenhänge zwischen psychischen Beschwerden und dem gesundheitlichen Befinden, d. h. der Selbstein­ schätzung der Gesundheit untersucht. Die Ergebnisse unterstreichen, dass sich psychische Beschwerden ne­ gativ auf die Selbsteinschätzung der Gesundheit auswir­ ken. Vor allem Niedergedrücktheit(Depressionen) wirkt sich deutlich auf das gesundheitliche Befinden aus. Nur 3,4 Prozent bzw. 4,4 Prozent der Männer und Frauen, die sich niedergedrückt fühlen, geben„sehr gu­ ten“ Gesundheitszustand an, im Gegensatz zu 35,6 Pro­ zent bzw. 31,1 Prozent, die nicht von solchen Beschwer­ den betroffen sind. 30,8 Prozent der Männer und 27,9 Prozent der Frauen, die unter Niedergedrücktheit(De­ pressionen) leiden, gaben schlechte Gesundheit („schlecht“ und„sehr schlecht“ zusammengefasst) an, während jene, die keine Beschwerden dieser Art nann­ ten, lediglich zu 5,3 bzw. 6,1 Prozent von schlechter Ge­ sundheit berichteten. Aber auch Schwäche, Müdigkeit, Nervosität und Schlafstörungen wirken sich negativ auf das gesundheitliche Befinden aus. Was Ursache und Wirkung ist, lässt sich hier jedoch nicht eindeutig bele­ gen. So z. B. kann es durchaus sein, dass ein schlechter (somatischer und/oder psychischer) Gesundheitszu­ stand zu vermehrten psychischen Beschwerden führt. 74 Stadt Wien(1997). 75 HUNT(1988), S. 23 ff. 76 BOSMA, APPELS(1996), IDLER, BENJAMINI(1997). 77 Vgl. dazu LEIDL(2000), SCHWARTZ, WALTER(2000). PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 129 V. KOMORBIDITÄT PSYCHISCHER BESCHWERDEN Gesundheitliches Befinden Tabelle 5.3: Subjektiver Gesundheitszustand in Wien 1999 nach psychischen Beschwerden und Geschlecht (Personen ab 15 Jahre, in Prozent) psychische Beschwerden gesamt Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) Anzahl psychischer Beschwerden gesamt Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) Anzahl psychischer Beschwerden gesamt Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) Anzahl psychischer Beschwerden Personen ab 15 Jahre in 1.000 Beurteilung des Gesundheitszustandes(in%) sehr gut gut mittel­ mäßig schlecht sehr schlecht gesamt 1.339,6 33,0 41,5 18,7 5,3 1,4 nein 1.188,6 35,6 43,0 16,1 4,1 ja 151,1 12,0 30,3 39,3 15,0 1,2 3,3 nein 1.206,2 35,6 42,5 16,4 4,5 ja 133,5 9,7 32,6 39,3 13,2 1,0 5,3 nein 1.247,3 34,7 41,9 17,7 4,5 ja 92,4 9,7 36,5 32,8 16,8 1,2 4,3 nein 1.281,9 34,3 42,1 17,9 4,6 ja 57,8 4,0 29,8 37,1 20,2 1,1 8,8 keine 1.055,7 38,7 43,2 14,0 3,3 0,8 eine 177,4 14,6 40,6 31,6 10,4 2,9 zwei 73,4 8,5 27,8 48,7 12,0 3,1 drei 22,2 6,0 24,9 40,1 19,1 9,8 vier 11,0 0,0 24,8 21,5 42,8 11,0 Männer 626,5 34,4 42,3 17,1 4,8 1,4 nein 567,8 36,4 43,5 15,1 3,9 ja 58,7 15,4 30,5 36,9 13,4 1,2 3,9 nein 578,5 36,5 43,0 15,2 4,2 ja 48,0 9,6 33,8 39,5 12,2 1,1 5,0 nein 591,7 35,7 42,6 16,4 4,1 ja 34,8 11,5 37,1 28,2 16,4 1,1 6,8 nein 603,3 35,6 42,8 16,3 4,2 1,1 ja 23,2 3,4 28,4 37,5 20,1 10,7 keine 513,3 39,2 43,7 13,2 3,2 0,7 eine 74,9 14,5 41,8 30,4 9,7 zwei 28,6 11,0 24,2 48,0 12,8 drei 6,4 6,5 26,8 41,2 15,7 3,5 4,0 9,7 vier 3,3 0,0 24,6 6,9 48,4 20,1 Frauen 713,1 31,7 40,9 20,2 5,8 1,4 nein 620,8 35,0 42,5 17,1 4,2 ja 92,3 9,9 30,2 40,9 16,1 1,2 3,0 nein 627,6 34,7 42,1 17,6 4,7 ja 85,5 9,7 31,9 39,2 13,7 0,9 5,5 nein 655,6 33,8 41,3 18,8 4,8 ja 57,6 8,6 36,2 35,5 16,9 1,3 2,7 nein 678,5 33,1 41,4 19,3 5,0 ja 34,6 4,4 30,8 36,9 20,3 1,1 7,6 keine 542,4 38,2 42,7 14,8 3,4 eine 102,5 14,6 39,7 32,4 10,8 zwei 44,8 6,9 30,1 49,1 11,4 drei 15,7 5,9 24,1 39,6 20,5 vier 7,7 0,0 24,9 27,8 40,4 0,8 2,5 2,5 9,9 7,0 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. 130 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN V. KOMORBIDITÄT PSYCHISCHER BESCHWERDEN Erkrankungshäufigkeit Auch die Zahl der psychischen Beschwerden wirkt sich auf das gesundheitliche Befinden aus: Je mehr psychische Beschwerden vorhanden sind, desto schlechter wird der eigene Gesundheitszustand beurteilt. Von Männern und Frauen, die vier psychische Beschwerden haben, beurteilte niemand den eigenen Gesundheitszustand als„sehr gut“. Jeder fünfte Mann und jede zehnte Frau mit vier psychischen Beschwerden gab„sehr schlechte“ Gesundheit an im Vergleich zu 0,7 Prozent der Männer und 0,8 Prozent der Frauen ohne psychi­ sche Beschwerden bzw. im Vergleich zu 3,5 Prozent der Männer und 2,5 Prozent der Frauen mit lediglich einer psychischen Beschwerde. 5.3 Psychische Beschwerden und Erkrankungshäufigkeit Mit psychischen Beschwerden einher geht auch eine vermehrte Erkrankungshäufigkeit. Auch hier wirkt sich Niedergedrücktheit(Depressionen) am stärksten aus. Von den Personen mit solchen psychischen Beschwerden waren im Jahr vor der Befragung zwei Drittel der Männer und knapp zwei Drittel der Frauen mindestens einmal krank, 20,4 Prozent dieser Männer und 16,5 Prozent dieser Frauen dreimal oder öfter. Dagegen waren von den Personen, die sich nicht niedergedrückt fühlten, mehr als die Hälfte der Männer(53,6 Prozent) und Frauen(52,6 Prozent) im Jahr vor der Befragung nie krank und lediglich 4,6 Prozent der Männer und 5,9 Prozent der Frauen dreimal oder öfter. Die Erkrankungshäufigkeit unterscheidet sich außerdem je nach Zahl der vorhandenen psychischen Beschwerden. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 131 V. KOMORBIDITÄT PSYCHISCHER BESCHWERDEN Erkrankungshäufigkeit Tabelle 5.4: Erkrankungshäufigkeit in Wien 1999 nach psychischen Beschwerden und Geschlecht(in Prozent) psychische Beschwerden gesamt Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) Anzahl psychischer Beschwerden gesamt Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) Anzahl psychischer Beschwerden gesamt Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) Anzahl psychischer Beschwerden nein ja nein ja nein ja nein ja keine eine zwei drei vier nein ja nein ja nein ja nein ja keine eine zwei drei vier nein ja nein ja nein ja nein ja keine eine zwei drei vier Personen in 1.000 gesamt 1.579,7 1.411,9 167,8 1.434,7 145,0 1.480,5 99,2 1.517,8 61,9 1.267,0 198,1 79,5 23,6 11,5 Männer 749,3 682,4 66,9 698,0 51,3 712,7 36,6 724,7 24,6 624,1 84,5 30,6 6,8 3,3 Frauen 830,4 729,5 100,9 736,7 93,7 767,7 62,6 793,1 37,3 642,9 113,6 48,9 16,8 8,1 Wie oft erkrankt im letzten Jahr?(in%) nie 1-mal 2-mal öfter 52,4 31,2 10,6 5,8 54,7 30,0 10,3 5,1 33,5 41,6 13,3 11,6 53,6 31,1 10,2 5,1 40,4 32,7 14,1 12,8 53,3 31,1 10,4 5,1 38,9 32,5 13,0 15,6 53,1 31,3 10,3 5,3 36,0 28,1 17,8 18,1 56,2 29,9 9,8 4,1 36,6 38,5 13,7 11,3 39,1 32,6 13,5 14,8 41,3 32,2 11,6 14,9 25,4 35,3 21,4 17,9 53,0 31,6 10,3 5,1 55,2 30,1 10,2 4,5 30,2 46,7 11,6 11,4 53,8 31,5 10,1 4,6 41,6 33,2 13,2 12,0 53,5 31,9 10,1 4,6 43,7 26,7 14,8 14,9 53,6 31,7 10,1 4,6 34,1 28,6 17,0 20,4 56,4 30,2 9,7 3,7 34,4 42,2 13,4 10,0 40,3 30,0 12,7 17,0 44,3 33,8 8,0 13,9 24,3 30,8 25,8 19,1 51,9 30,9 10,9 6,4 54,2 29,8 10,4 5,6 35,6 38,3 14,4 11,7 53,5 30,7 10,4 5,5 39,8 32,4 14,6 13,2 53,2 30,4 10,8 5,6 36,1 35,9 12,0 16,0 52,6 31,0 10,5 5,9 37,3 27,8 18,4 16,5 56,0 29,7 9,9 4,4 38,2 35,6 13,9 12,2 38,4 34,1 14,1 13,4 40,1 31,5 13,0 15,3 25,9 37,1 19,6 17,4 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. 132 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VI. PSYCHISCHE BESCHWERDEN UND INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITSDIENSTEN MENTAL HEALTH PROBLEMS AND USE OF PUBLIC HEALTH SERVICES VI. INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITSDIENSTEN Inhalt INHALT 6 PSYCHISCHE BESCHWERDEN UND INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITSDIENSTEN 6.1 KONSULTATION VON ÄRZTINNEN FÜR ALLGEMEINMEDIZIN 6.2 FACHARZTKONSULTATIONEN 6.3 INANSPRUCHNAHME VON PSYCHOTHERAPEUTINNEN UND PSYCHOLOGINNEN 6.4 KRANKENHAUSAUFENTHALTE 135 135 137 139 140 134 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VI. INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITSDIENSTEN AllgemeinmedizinerInnen 6 PSYCHISCHE BESCHWERDEN UND INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITS­ DIENSTEN Zusammenfassung Personen mit psychischen Beschwerden sind nicht nur häufiger krank, sondern nehmen auch häufiger Leistungen des Gesundheitssystems in Anspruch. Sie konsultieren häufiger ÄrztInnen für Allgemein­ medizin sowie FachärztInnen und haben auch häu­ figer Krankenhausaufenthalte als der Durchschnitt der Bevölkerung bzw. als Personen ohne entspre­ chende Beschwerden. Die Häufigkeit der Inan­ spruchnahme von Gesundheitsdiensten steigt in der Regel mit der Zahl der vorhandenen psychi­ schen Beschwerden. Allerdings nimmt, selbst bei Vorhandensein schwerwiegender psychischer Be­ schwerden, nur ein Bruchteil psychotherapeuti­ sche bzw. psychologische Hilfe in Anspruch. Summary Persons with mental health problems are not only ill more often, they also make more use of public health services. They consult general practitioners and spe­ cialists more often and are also more frequently in inpatient treatment than the population average or persons without mental health problems. The use of health services usually increases with the number of coexisting mental health problems. Only a minority, however, seek psychotherapeutic or psychological assistance, even if their problems are severe. Einleitung Dieser Abschnitt befasst sich mit den Auswirkungen psychischer Beschwerden auf die Inanspruchnahme von Leistungen des Gesundheitssystems. Untersucht werden Primärarzt- und Facharztkonsultationen, die Inanspruchnahme von PsychotherapeutInnen bzw. PsychologInnen und Krankenhausaufenthalte. Heran­ gezogen werden Mikrozensus-Ergebnisse(Primär­ und Facharztkonsultationen, Krankenhausaufenthal­ te) sowie Ergebnisse des Wiener Gesundheits- und So­ zialsurveys(Inanspruchnahme von Psychotherapeu­ tInnen bzw. PsychologInnen). 6.1 Konsultation von ÄrztInnen für Allgemeinmedizin Personen mit psychischen Beschwerden(Männer wie Frauen) gehen deutlich häufiger zum Arzt für Allge­ meinmedizin als der Durchschnitt der Bevölkerung bzw. als Personen ohne die jeweiligen Beschwerden. Vor allem oftmalige(öfter als zweimal) Konsultationen sind deutlich häufiger. Besonders bei Niedergedrückt­ heit(Depressionen) werden AllgemeinmedizinerInnen überdurchschnittlich oft konsultiert. Während von den Männern insgesamt 37,0 Prozent pro Jahr dreimal oder öfter einen Arzt bzw. eine Ärztin für Allgemeinmedizin aufsuchen, sind es von den Männern, die sich niederge­ drückt fühlen, 67,5 Prozent. Bei den Frauen erhöht sich der entsprechende Wert von 42,0 auf 68,4 Prozent. Zu beachten ist dabei, dass psychische Beschwerden, vor allem Niedergedrücktheit, nicht selten mit somatischen Erkrankungen einhergehen. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 135 VI. INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITSDIENSTEN AllgemeinmedizinerInnen Tabelle 6.1: Häufigkeit der Konsultation von ÄrztInnen für Allgemeinmedizin in Wien 1999 nach psychischen Beschwerden und Geschlecht(in Prozent) psychische Beschwerden gesamt Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) gesamt Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) Personen in Konsultation von ÄrztInnen für Allgemeinmedizin(in%) 1.000 nie 1-mal 2-mal öfter Männer 749,3 28,2 18,4 16,4 37,0 nein 682,4 29,6 18,7 16,0 35,7 ja 66,9 13,7 15,1 20,2 51,0 nein 698,0 29,1 19,2 16,0 35,7 ja 51,3 15,7 7,6 22,0 54,7 nein 712,7 28,7 19,0 16,4 35,9 ja 36,6 17,6 7,5 15,4 59,5 nein 724,7 29,0 18,7 16,3 36,0 ja 24,6 4,5 9,2 18,9 67,5 Frauen 830,4 25,7 15,9 16,3 42,0 nein 729,5 27,5 16,8 16,5 39,1 ja 100,9 12,4 9,5 15,2 63,0 nein 736,7 26,8 17,3 16,6 39,3 ja 93,7 17,1 5,3 14,3 63,3 nein 767,7 26,7 16,5 16,3 40,5 ja 62,6 13,4 9,2 16,3 61,1 nein 793,1 26,6 16,2 16,4 40,8 ja 37,3 5,9 9,7 15,9 68,4 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Eine wichtige Rolle für die Häufigkeit der Konsultation von AllgemeinmedizinerInnen spielt die Zahl der vor­ handenen Beschwerden, wobei allerdings ab drei Be­ schwerden oftmalige Konsultationen wieder etwas sel­ tener werden. Von den Personen mit drei psychischen Beschwerden konsultierten im Jahr vor der Befragung 76,4 Prozent der Männer und 83,2 Prozent der Frauen dreimal oder öfter ÄrztInnen für Allgemeinmedizin, während dies bei den Beschwerdefreien lediglich bei 34,1 Prozent der Männer und 36,8 Prozent der Frauen der Fall war. 136 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VI. INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITSDIENSTEN Facharztkonsultationen Grafik 6.1: Häufigkeit der Konsultation von ÄrztInnen für Allgemeinmedizin in Wien 1999 nach Zahl der psychi­ schen Beschwerden und Geschlecht(in Prozent) Prozent 100,0 90,0 80,0 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0,0 34,1 15,7 19,5 30,7 keine 100,0 90,0 80,0 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0,0 36,8 16,5 17,7 28,9 keine Männer 47,4 54,3 83,7 76,4 18,5 24,9 16,0 7,7 18,1 13,1 8,9 0,0 7,5 eine zwei drei Zahl der psychischen Beschwerden Frauen 17,7 5,8 0,0 vier 57,3 53,7 83,3 82,8 öfter 2-mal 1-mal nie öfter 2-mal 1-mal nie 14,7 21,5 11,9 8,9 16,1 15,9 8,2 0,0 8,5 eine zwei drei Zahl der psychischen Beschwerden 9,4 5,1 2,7 vier Prozent Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. 6.2 Facharztkonsultationen Personen mit psychischen Beschwerden suchen auch häufiger als der Bevölkerungsdurchschnitt bzw. als Personen ohne die jeweiligen Beschwerden FachärztIn­ nen auf. Ebenso wie bei der Konsultation von Allge­ meinmedizinerInnen sind auch die Konsultationen von FachärztInnen bei Niedergedrücktheit(Depressionen) deutlich ausgeprägter als bei anderen Beschwerden. 28,7 Prozent der Männer und 26,6 Prozent der Frauen, die sich niedergedrückt fühlen, gaben oftmalige(drei­ mal oder öfter) Facharztkonsultationen an, im Ver­ gleich zu 14,0 Prozent der Männer bzw. 14,1 Prozent der Frauen in Wien insgesamt. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 137 VI. INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITSDIENSTEN Facharztkonsultationen Tabelle 6.2: Häufigkeit der Konsultation von FachärztInnen* in Wien 1999 nach psychischen Beschwerden und Geschlecht(in Prozent) psychische Beschwerden gesamt Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) gesamt Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) Personen in 1.000 Männer 749,3 nein 682,4 ja 66,9 nein 698,0 ja 51,3 nein 712,7 ja 36,6 nein 724,7 ja 24,6 Frauen 830,4 nein 729,5 ja 100,9 nein 736,7 ja 93,7 nein 767,7 ja 62,6 nein 793,1 ja 37,3 Konsultation von FachärztInnen(in%) nie 1-mal 2-mal öfter 58,6 17,9 9,5 14,0 59,5 17,9 48,9 18,2 9,6 13,0 8,7 24,2 59,1 18,0 9,1 13,7 50,9 16,1 14,2 18,9 58,7 18,0 9,3 14,0 55,6 15,4 13,9 15,1 59,2 17,9 9,4 13,5 39,7 18,2 13,5 28,7 60,1 16,3 9,5 14,1 60,9 16,1 54,3 17,5 9,7 13,2 8,3 19,9 60,9 16,5 9,3 13,2 53,9 14,4 11,1 20,6 60,7 16,4 9,3 13,6 53,5 14,6 12,2 19,6 60,5 16,5 52,4 11,1 9,5 13,5 9,8 26,6 * Ausgenommen InternistInnen. Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Ebenso wie bei der Konsultation von Allgemeinmedizi­ nerInnen ist auch jene von FachärztInnen mit zuneh­ mender Zahl der Beschwerden deutlich erhöht. Auch hier zeigt sich ab drei Beschwerden ein Rückgang häu­ figer Konsultationen. 138 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VI. INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITSDIENSTEN Psychotherapien Grafik 6.2: Häufigkeit der Konsultation von FachärztInnen* in Wien 1999 nach der Zahl der psychischen Beschwerden und Geschlecht(in Prozent) Prozent 100,0 90,0 80,0 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0,0 12,9 9,2 17,8 60,1 keine 100,0 90,0 80,0 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0,0 12,4 9,4 16,4 61,8 keine Männer 17,8 19,4 35,3 9,1 12,3 22,2 7,7 31,0 60,7 50,9 19,5 14,2 eine zwei drei Zahl psychischer Beschwerden Frauen 18,0 18,7 32,7 10,0 10,0 17,7 11,6 11,3 13,9 54,2 59,7 42,1 eine zwei drei Zahl psychischer Beschwerden 32,7 0,0 23,6 öfter 2-mal 1-mal nie 43,6 vier öfter 19,5 2-mal 1-mal 9,7 nie 18,4 52,4 vier Prozent * Ausgenommen InternistInnen. Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. 6.3 Inanspruchnahme von PsychotherapeutInnen und PsychologInnen Obwohl psychische Störungen weit verbreitet sind, sucht nur ein Teil der Betroffenen professionelle Hilfe. Studien zeigen, dass die Hauptlast der Behandlung von Menschen mit psychischen Gesundheitsbeeinträchti­ gungen in Österreich von den praktischen ÄrztInnen getragen wird, während insbesondere in Schweden, Dänemark, Frankreich und den Benelux-Staaten Per­ sonen mit psychischen Problemen deutlich häufiger SpezialistInnen in Anspruch nehmen. 78 Zwar steigt, wie sich aufgrund von Ergebnissen des Wiener Gesundheits- und Sozialsurveys zeigt, bei bei­ den Geschlechtern mit zunehmendem Leidensdruck die Bereitschaft zur Inanspruchnahme von Psychothe­ rapeutInnen und/oder PsychologInnen. Jedoch neh­ men selbst bei ausgeprägten psychischen Beschwerden nur etwa 9,9 Prozent der Männer und 7,8 Prozent der Frauen psychotherapeutische bzw. psychologische Hil­ fe in Anspruch.(Zur Konstruktion des Index psychi­ scher Beschwerden siehe Abschnitt 8.1). 78 Eurobarometer 58.2, zitiert nach HOFMARCHER(2003), S. 6. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 139 VI. INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITSDIENSTEN Krankenhausaufenthalte Grafik 6.3: Inanspruchnahme von PsychotherapeutInnen/PsychologInnen in Wien 1999–2001 nach psychi­ schen Beschwerden(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) 12,0 Männer 9,9 Frauen 10,0 Männer gesamt 7,8 Frauen gesamt 8,0 Prozent 6,0 4,0 2,0 1,0 0,8 4,2 2,1 0,0 niedrig mittel hoch Index psychische Beschwerden Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. 6.4 Krankenhausaufenthalte Personen mit psychischen Beschwerden haben häufi­ ger Krankenhausaufenthalte als der Bevölkerungs­ durchschnitt bzw. Personen ohne entsprechende Be­ schwerden. Sowohl Art als auch Zahl vorhandener Be­ schwerden wirken sich(bei Männern wie Frauen) auf die Häufigkeit der Krankenhausaufenthalte aus. Am deutlichsten sind die Zusammenhänge zwischen Nie­ dergedrücktheit(Depressionen) und der Häufigkeit von Krankenhausaufenthalten. 140 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VI. INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITSDIENSTEN Krankenhausaufenthalte Tabelle 6.3: Häufigkeit der Krankenhausaufenthalte im letzten Jahr in Wien 1999 nach psychischen Beschwer­ den und Geschlecht(in Prozent) psychische Beschwerden gesamt Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) gesamt Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) Personen in 1.000 Männer 749,3 nein 682,4 ja 66,9 nein 698,0 ja 51,3 nein 712,7 ja 36,6 nein 724,7 ja 24,6 Frauen 830,4 nein 729,5 ja 100,9 nein 736,7 ja 93,7 nein 767,7 ja 62,6 nein 793,1 ja 37,3 Wie oft erkrankt im letzten Jahr?(in%) nie 1-mal 2-mal öfter 53,0 31,6 10,3 5,1 55,2 30,1 10,2 4,5 30,2 46,7 11,6 11,4 53,8 31,5 10,1 4,6 41,6 33,2 13,2 12,0 53,5 31,9 10,1 4,6 43,7 26,7 14,8 14,9 53,6 31,7 10,1 4,6 34,1 28,6 17,0 20,4 51,9 30,9 10,9 6,4 54,2 29,8 10,4 5,6 35,6 38,3 14,4 11,7 53,5 30,7 10,4 5,5 39,8 32,4 14,6 13,2 53,2 30,4 10,8 5,6 36,1 35,9 12,0 16,0 52,6 31,0 10,5 5,9 37,3 27,8 18,4 16,5 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Während von beschwerdefreien Personen lediglich 3,7 Prozent der Männer und 4,4 Prozent der Frauen dreimal oder öfter im Krankenhaus waren, waren es von den Personen mit vier psychischen Beschwerden 19,1 Prozent der Männer und 17,4 Prozent der Frauen. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 141 VI. INANSPRUCHNAHME VON GESUNDHEITSDIENSTEN Krankenhausaufenthalte Grafik 6.4: Häufigkeit der Krankenhausaufenthalte im letzten Jahr in Wien 1999 nach der Zahl der psychischen Beschwerden und Geschlecht(in Prozent) 100,0 80,0 60,0 3,7 9,7 30,2 10,0 13,4 42,2 Männer 17,0 12,7 30,0 13,9 8,0 33,8 19,1 25,8 öfter 2-mal 1-mal nie Prozent 40,0 30,8 56,4 20,0 40,3 44,3 34,4 24,3 0,0 100,0 80,0 60,0 40,0 20,0 keine 4,4 9,9 29,7 eine zwei drei Zahl der psychischen Beschwerden Frauen 12,2 13,4 15,3 13,9 14,1 13,0 35,6 34,1 31,5 56,0 38,2 38,4 40,1 vier 17,4 19,6 37,1 25,9 öfter 2-mal 1-mal nie Prozent 0,0 keine eine zwei drei Zahl der psychischen Beschwerden vier Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. 142 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN UND PSYCHISCHES BEFINDEN WORK-RELATED STRESS AND MENTAL WELL-BEING VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN INHALT 7 BERUFLICHE BELASTUNGEN UND PSYCHISCHES BEFINDEN 7.1 EINLEITUNG 7.2 DEFINITORISCHE ASPEKTE 7.3 VERBREITUNG BERUFLICHER BELASTUNGEN 7.3.1 Regionale Unterschiede 7.3.2 Bildungs- und berufsgruppenspezifische Ausprägungen 7.3.3 Zeitliche Veränderungen 7.4 AUSWIRKUNGEN BERUFLICHER BELASTUNGEN 7.4.1 Individuelle Beanspruchungsfolgen 7.4.2 Auswirkungen beruflicher Belastungen auf Betriebe und Gesundheitssystem 7.5 MOBBING – EIN SITUATIONSBERICHT 2004 AUS WIEN 7.5.1 Zur Begriffsbestimmung 7.5.2 Zur genauen Begriffsbestimmung von Mobbing 7.5.3 Wann kann Mobbing entstehen? 7.5.4 Zum Verlauf von Mobbing 7.5.5 Folgen für die Betroffenen/Opfer 7.5.6 Situation in Wien 7.5.7 Empfehlungen 7.5.8 Literatur 7.6 MÖGLICHKEITEN DER INTERVENTION Inhalt 145 147 148 149 152 153 155 158 158 167 174 175 176 177 178 178 179 181 181 182 144 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Zusammenfassung 7 BERUFLICHE BELASTUNGEN UND PSYCHISCHES BEFINDEN Zusammenfassung Der vorliegende Abschnitt befasst sich mit den Auswirkungen beruflicher Belastungen Erwerbs­ tätiger auf das psychische Befinden. In einem ers­ ten Schritt werden Ausmaß und Verbreitung be­ ruflicher Belastungen unter den Erwerbstätigen beschrieben und im Anschluss daran Auswirkun­ gen beruflicher Belastungen auf personeller und institutioneller Ebene untersucht. Die Analyse ba­ siert vorwiegend auf Mikrozensus-Daten. Knapp 60 Prozent der Erwerbstätigen in Wien (Männer wie Frauen) fühlen sich(einer oder meh­ reren) beruflichen bzw. Zusatzbelastungen ausge­ setzt. Über 40 Prozent leiden unter starkem Zeit­ druck, je ca. ein Fünftel berichtet über Belastungen aufgrund schwerer körperlicher Arbeit und Kon­ flikten am Arbeitsplatz. Jede/r achte Erwerbstätige leidet unter der Mehrfachbelastung von Haushalt, Kindern und Beruf, ca. 2 Prozent berichten von ei­ ner Mehrfachbelastung durch Pflegefälle in der Fa­ milie und Beruf. Männer sind häufiger als Frauen Belastungen aufgrund schwerer körperlicher Ar­ beit und starkem Zeitdruck ausgesetzt, bei Frauen kommt die Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kinder und Beruf sowie durch Pflegefälle in der Familie und Beruf stärker zum Tragen. Belastun­ gen aufgrund von Konflikten am Arbeitsplatz fin­ den sich bei beiden Geschlechtern in etwa gleich häufig. In Wien sind berufliche Belastungen insgesamt et­ was seltener als im gesamten Bundesgebiet. Maßge­ bend dafür dürften Unterschiede in der Struktur der Erwerbstätigkeit und der Verfügbarkeit entlasten­ der Angebote in den Bereichen Kinderbetreuung und Pflege sein. Auch Faktoren wie z. B. Unterschie­ de in der Pflegeorientierung spielen eine Rolle. In Wien ist die Belastung aufgrund körperlicher Ar­ beit, die Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kinder und Beruf sowie durch Pflege naher Angehöriger und Beruf seltener. Die Belastung aufgrund starken Zeitdrucks ist in Wien ähnlich häufig wie im gesam­ ten Bundesgebiet. Dagegen spielen Konflikte am Ar­ beitsplatz in Wien eine größere Rolle als im gesam­ ten Bundesgebiet. Summary This chapter discusses the impact of work-related stress on the mental well-being of economically ac­ tive persons. The first part describes the prevalence and severity of work-related stress among economi­ cally active persons, the second analyses their conse­ quences at the personal and institutional level. The analysis is based mainly on data from the Mikro­ zensus survey. Nearly 60 percent of all economically active persons in Vienna(men and women alike) reported one or more work-related or other stress factors. More than 40 percent feel strongly pressed for time, approxi­ mately one in five of both men and women feel bur­ dened by heavy physical labour or conflicts at the workplace. One in eight have a dual workload trying to reconcile work, household and family, 2 percent have a dual workload due to a family member re­ quiring nursing care. Men have a higher burden of heavy physical labour and time pressure than wom­ en, while women are more frequently affected by the dual workload of employment, children and house­ hold, or family members in need of nursing care. Conflicts at the workplace are an equally common burden for both men and women. In Vienna, work-related stress is slightly less fre­ quent than in Austria as a whole. This is probably due to differences in the employment structure and the better availability of services such as childcare and nursing care. Other factors, such as differences in the way in which nursing care is provided, also play a role. In Vienna, stress due to physical labour and dual workload are below the national average, while time pressure related stress is approximately the same as in Austria as a whole. Conflicts at the workplace are above the Austrian average. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 145 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Zusammenfassung Die untersuchten Belastungsfaktoren sind je nach Bildungsniveau und beruflicher Stellung unter­ schiedlich ausgeprägt, zudem kommen ge­ schlechtsspezifische Ausprägungen zum Tragen. So zeichnet sich z. B. bei den Männern insgesamt ein Trend der stärkeren Belastung in den höheren Bildungsgruppen ab, bei den Frauen eher in den mittleren. Belastung durch schwere körperliche Arbeit findet sich erwartungsgemäß am häufigsten bei Arbeitern und Arbeiterinnen. Starker Zeitdruck wird unter den männlichen Erwerbstätigen von Selbständigen und Angestellten am meisten beklagt, unter den weiblichen von Facharbeiterinnen und Angestell­ ten. Konflikte am Arbeitsplatz sind am häufigsten unter BeamtInnen und Angestellten. Die Mehr­ fachbelastung von Haushalt, Kinder und Beruf ist innerhalb der Berufsgruppen relativ gleichmäßig verteilt. Die Mehrfachbelastung durch Beruf und Pflegefälle ist unter Selbständigen, für welche wahrscheinlich die Pflege naher Angehöriger und Beruf noch am ehesten zu vereinbaren sind, am häufigsten. Laut Mikrozensus ist in Wien(ebenso wie öster­ reichweit) die Gesamtbelastung der Erwerbstätigen seit 1991 deutlich gestiegen. Ein solcher Anstieg ist nahezu in allen Bildungs- und Berufsgruppen zu beobachten. Zunehmend beklagt wird vor allem der starke Zeitdruck. Verstärkt wahrgenommen werden auch Konflikte am Arbeitsplatz sowie die Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kinder und Beruf und die Mehrfachbelastung durch Pflege na­ her Angehöriger und Beruf. Obwohl Frauen in die­ sen Bereichen noch immer die Hauptlast tragen und wesentlich häufiger als Männer über diesbe­ zügliche Belastungen berichten, werden im Ver­ gleich zu etwa vor einem Jahrzehnt auch von den Männern vermehrt solche Mehrfachbelastungen angegeben. Allerdings noch immer deutlich selte­ ner als von den Frauen. Die Vermutung, körperli­ che Belastungen würden unter den Erwerbstätigen in einem Ausmaß abnehmen, dass sie praktisch be­ deutungslos werden, stellt sich aufgrund der vorlie­ genden Ergebnisse als Fehlschluss heraus. Auch Belastungen aufgrund schwerer körperlicher Ar­ beit sind im Vergleich zu 1991 merkbar gestiegen. The significance of the different stressors varies de­ pending on the level of education and the profes­ sional position. There are also gender-related differ­ ences. For men, stress is particularly high for those with a high level of education, while for women it is highest at the medium level. Stress due to heavy physical labour is naturally highest among blue-collar workers(both men and women). High time pressure is most common among self-employed persons and white-collar workers for men, and skilled workers and white-col­ lar workers for women. The dual workload of house­ hold, children and work varies little across the occu­ pational groups. The dual workload of work and caring for a family member is highest among self­ employed persons, which may be due to the fact that they have the flexibility necessary to facilitate the combination of these tasks at all. According to the Mikrozensus survey, the total stress for economically active persons has increased signif­ icantly in Vienna(as in Austria overall) since 1991. This increase is visible for nearly all levels of educa­ tion and occupational groups. In particular the high time-pressure is experienced as negative. Conflicts at the workplace and dual workload, however, are also increasingly seen as a problem. While women still carry the main burden of dual workload and al­ so report this type of stress much more frequently than men, the dual workload has increased signifi­ cantly for men as well over the last decade. The as­ sumption that physical labour would decrease so significantly among gainfully employed persons that it would all but cease to be a stressor has turned out to be false, as these results show. Strain due to physical labour has increased noticeably since 1991. 146 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Einleitung Die subjektiv empfundenen beruflichen Belastun­ gen haben sowohl für die Betroffenen als auch für die Betriebe und das Gesundheitssystem gravie­ rende Folgen. Personen, die sich beruflichen Belastungen ausge­ setzt fühlen, beurteilen ihren Gesundheitszustand deutlich negativer als Personen, die keine Belas­ tungen angeben, wobei sich auch die Zahl der empfundenen beruflichen Belastungen auswirkt. Berufliche Belastungen wirken sich auch auf das psychische Wohlbefinden aus. Und zwar sind psy­ chische Beschwerden umso häufiger, je mehr be­ rufliche Belastungen vorhanden sind. Bei den Frauen wirken sich berufliche Belastungen noch deutlicher auf die Psyche als bei Männern aus. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass Frau­ en im Vergleich zu Männern eher bereit sind, über ihre psychischen Probleme zu sprechen. Bei Vor­ handensein beruflicher Belastungen vermehrt zu beobachten sind Schlafstörungen, Schwäche/Mü­ digkeit, Nervosität, Niedergedrücktheit(Depressi­ onen), aber auch(psycho)somatische Beschwer­ den wie Kreislaufstörungen, Herzbeschwerden, Kopfschmerzen/Migräne, Rücken- bzw. Kreuz­ schmerzen, Gelenks-, Nerven- und Muskel­ schmerzen an Hüfte, Bein bzw. Schulter, Arm. Er­ werbstätige, die von beruflichen Belastungen be­ richten, neigen zudem eher zu gesundheitsschädi­ gendem Verhalten(wie z. B. Rauchen). Erwerbstätige, die beruflichen Belastungen unter­ liegen, sind häufiger krank, d. h. vom Arbeitsplatz abwesend und nehmen auch häufiger Leistungen des Gesundheitssystems in Anspruch. Subjective work-related stress has serious conse­ quences for the affected individuals, the companies and the public health care system alike. Persons who experience work-related stress have a significantly worse subjective state of health than others. The number of stressors is also a factor. Work-related stress also has an impact on mental health: mental health problems increase with the number of work-related stressors. This effect is stronger in women than in men. It should be noted that women are more prepared to speak about their mental health problems than men. Work-related stress correlates with sleep disturbances, tiredness and fatigue, nervousness, depressed mood and de­ pression, but also with(psycho)somatic disorders such as circulatory problems, heart conditions, headaches/ migraine, backaches and pain in the lower back, pain in the joints, nerves and muscles of the hip, legs, shoulders or arms. Economically active persons who report work-related stress also have a stronger tendency to indulge in negative health be­ haviour(such as smoking). Economically active persons who experience work­ related stress are also on sick leave more often and use public health services more than others. 7.1 Einleitung Berufliche Belastungen und deren Folgen rücken zu­ nehmend ins Zentrum des Interesses. Betroffene, Be­ triebe, Gesundheitsdienste und nicht zuletzt Kostenträ­ ger sind jeweils aus eigener Sicht mit dieser Thematik konfrontiert. Neue Technologien, der Einsatz hochentwickelter Technik, verstärkte Arbeitsteiligkeit, Rationalisierung und Flexibilisierung betrieblicher Prozesse sowie massiver Zeitdruck prägen den Arbeitsalltag vieler Men­ schen und stellen immer höhere Anforderungen. Die genannten Faktoren können sich nicht nur auf die Be­ wältigung von Arbeitsaufgaben, sondern auch auf das Wohlbefinden und die Gesundheit der Beschäftigten negativ auswirken. 79 Verwiesen wird vor allem auf eine deutliche Zunahme der in Zusammenhang mit der be­ ruflichen Tätigkeit stehenden psychischen Belastun­ gen. 80 Experten gehen zudem von einer weiteren ZuPSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 147 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Definitorische Aspekte nahme beruflicher Stressoren aus, wobei sich die Pro­ blematik vor dem Hintergrund des Abbaus von Ar­ beitsplätzen und der tristen Situation am Arbeitsmarkt zunehmend zu verschärfen scheint. Nicht nur Fusionen, auch rapide Expansionen werden von ArbeitnehmerInnen als sehr belastend erlebt und wirken sich negativ auf das gesundheitliche Befinden aus. So z. B. zeigt eine Studie eines britisch-schwedi­ schen Forscherteams 81 – einbezogen waren in den Jah­ ren 1991 bis 1996 24.036 ArbeitnehmerInnen(unter 65 Jahren) aus allen Tätigkeitsbereichen im öffentlichen Dienst und in der Privatwirtschaft –, dass Arbeitneh­ merInnen expandierender Betriebe ein deutlich höhe­ res Risiko haben, für längere Zeit bzw. chronisch krank zu werden. Und zwar handelte es sich dabei um Krank­ heitsbilder wie Depression, Wirbelsäulenschäden oder andere mit Stress in Zusammenhang stehende chroni­ sche Krankheiten. Rasche Expansion von Betrieben bedeutet für die Mit­ arbeiterInnen nicht(wie erwartet) Sicherheit, sondern führt, ähnlich wie Kündigungen 82 , zu Instabilität im Betrieb und fördert so die Unsicherheit unter den Mit­ arbeiterInnen. Vor allem Probleme der Unternehmen bei der Suche nach qualifiziertem Personal für die ge­ änderten Anforderungen dürften zu Stressoren für die vorhandenen MitarbeiterInnen werden: Sie haben Angst, das in der Übergangsphase erhöhte Arbeitspen­ sum nicht zu bewältigen. Mehrarbeit, sich ständig än­ dernde Anforderungen, mangelnde Unterstützung so­ wie wenig familienfreundliche Bedingungen hinterlas­ sen ihre Spuren. Letzteres betrifft vor allem Frauen. Entsprechend waren Frauen auch doppelt so oft krank gemeldet wie Männer. Im Folgenden werden anhand der Ergebnisse des Mi­ krozensus mit der beruflichen Tätigkeit verbundene Stressoren, darunter auch jene, die aus der Mehrfach­ belastung durch Beruf und Betreuungspflichten(Kin­ der, Pflege Angehöriger) resultieren, analysiert. Dabei geht es zunächst darum, Gefährdungen unter den ver­ schiedenen Gruppen von Erwerbstätigen zu eruieren und in einem weiteren Schritt Auswirkungen bestehen­ der, den beruflichen Alltag bestimmender Stressoren auf die psychische Gesundheit und andere Gesund­ heitsindikatoren zu analysieren. Im Einzelnen wird versucht, folgende Fragen zu klären: ● Welche Gruppen von Erwerbstätigen unterliegen vermehrt beruflichen Stressoren? ● Welche regionalen Unterschiede sind zu beobach­ ten? ● Welche Veränderungen sind im Zeitvergleich hin­ sichtlich der Belastung der Erwerbstätigen und bei verschiedenen Gruppen von Erwerbstätigen festzu­ stellen? ● Welche Zusammenhänge bestehen zwischen beruf­ lichen Stressoren und dem psychischen Befinden sowie anderen Gesundheitsindikatoren? 7.2 Definitorische Aspekte „Stress“(auch Stressor genannt) wurde ursprünglich als eine äußere Einwirkung auf den Menschen verstan­ den, die zu körperlichen, psychischen und verhaltens­ bezogenen Reaktionen führt. Das moderne Stressver­ ständnis sieht nicht nur die Außeneinwirkung, sondern auch die menschliche Reaktion darauf, also das Bewälti­ gungsverhalten. Entscheidend für die Stressfolgen ist demnach das Verhältnis zwischen Wirkung und Bewäl­ tigung. Entsprechend unterscheidet die Arbeitspsycho­ logie zwischen Belastung und Beanspruchung. Psychi­ sche Belastung entsteht durch das Zusammenwirken ob­ jektiv fassbarer Belastungsfaktoren bzw. der„Gesamt­ heit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwir­ ken.“ 83 Demgegenüber wird unter psychischer Bean­ spruchung die„unmittelbare(nicht die langfristige) Auswirkung der psychischen Belastung im Individuum in Abhängigkeit von seinen jeweiligen überdauernden oder augenblicklichen Voraussetzungen, einschließlich der individuellen Bewältigungsstrategien“ 84 verstan­ 79 RICHTER(1997), HOYOS(1998), RICHTER, WEISSGERBER, FRITSCHE(1995), LEITNER(1999). 80 WILKENING(1998). 81 WESTERLUND(2004). 82 ArbeitnehmerInnen schrumpfender Unternehmen haben z. B. ein doppelt so hohes Herzinfarktrisiko wie andere ArbeitnehmerInnen. 83 DIN EN ISO 10075-1, Ergonomic principles related to mental work load – Part 1: General terms and definitions/German version. 84 Ebda. 148 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Verbreitung den. Die psychische Beanspruchung ist also das Resultat der bewussten oder unbewussten Verarbeitung der Be­ lastung bzw. die individuelle Reaktion einer Person, die sich von den Reaktionen anderer Menschen erheblich unterscheiden kann. Die Stressreaktion hängt in hohem Maße von der Persönlichkeit bzw. der persönlichen Be­ lastbarkeit ab. Ein und dieselbe objektive Anforderung kann bei verschiedenen Personen zu unterschiedlichen Beanspruchungen führen. Je nach Belastung und sub­ jektiver Verarbeitung sind kurz- und langfristige, nega­ tive oder positive Beanspruchungsfolgen zu erwarten. Stressoren bzw. Belastungsmomente, welche die Ge­ sundheit gefährden können, nennt die Arbeitsmedizin „Gesundheitsgefährdungen“, tatsächlich entstandene Störungen„arbeitsbedingte Erkrankungen“, die bisher allerdings bei uns keine administrativen Folgen nach sich ziehen. Dazu kommen die Berufskrankheiten, die meldepflichtig bzw. feststellungspflichtig sind und de­ ren Folgen in der Rechtsprechung geregelt sind. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Belastungen bzw. Gesundheitsgefährdungen am Arbeitsplatz einzuteilen, wobei sowohl Über- als auch Unterforderung(in quan­ titativer und/oder qualitativer Hinsicht) belastend sein und Stress hervorrufen können. 85 Unterscheiden lässt sich außerdem zwischen Belastungen, die sich in allen Berufen finden, und berufstypischen Belastungen. Ar­ beitsbezogene Stressoren, die Belastungsreaktionen hervorrufen können, resultieren aus: ● der Arbeitsaufgabe(Monotonie, Zeit- bzw. Termin­ druck, körperliche Belastungen(wie Heben schwe­ rer Lasten, einseitige Muskelbelastungen), Kom­ plexität, Kompliziertheit, belastende Gefühlsmo­ mente(wie z. B. Aggression, Schuld, Scham bei „Emotionsarbeit“, belastende menschliche Proble­ me von Kunden, unzufriedene Kunden, eigene mo­ ralische Bedenken), ● den Umgebungsbedingungen(Probleme mit Ar­ beitseinrichtungen und Materialien wie Lärm, Hit­ ze, Dämpfe, Chemikalien, Gestank, Lichtverhältnis­ se, Schmutz, ungünstige ergonomische Verhältnis­ se,(Unfall)Gefahren, Techno-Stress aufgrund komplizierter Maschinen, Informationsüberflu­ tung, virtuelles Arbeiten), ● der betrieblichen Organisation(Probleme der Ar­ beitsorganisation und-abläufe wie Schichtarbeit, unregelmäßige Arbeitszeit, strukturelle Verände­ rungen, häufig wechselnde Techniken, Prozesse und Organisationsformen, Erfolgs- und Entschei­ dungsdruck, Treffen von Entscheidungen ohne ausreichende Informationsgrundlage, unklare Kompetenzregelungen bzw. Unklarheiten hinsicht­ lich der zugewiesenen Rolle, Rollenkonflikte, unsi­ cherer Arbeitsplatz) und ● den sozialen und persönlichen Verhältnissen(Be­ triebsklima, Vorgesetztenverhalten, konflikthafte Beziehung zu Vorgesetzten, KollegInnen, Mitarbei­ terInnen, KundInnen(Autorität, Ungerechtigkeit, Konkurrenz, Neid, Unaufrichtigkeit, Mobbing), Stressoren der eigenen Berufskarriere, eigene Un­ zufriedenheit). Belastungen der genannten Art können sich auf das ge­ sundheitliche Befinden negativ auswirken und führen nicht selten zu psychischen, psychosomatischen oder somatischen Reaktionen bzw. in der Folge auch zu Er­ krankungen. 7.3 Verbreitung beruflicher Belastungen Wie Umfragen zeigen, sind berufliche Belastungen bzw. Stress am Arbeitsplatz weit verbreitet. Im Mikro­ zensus wurden subjektiv empfundene Belastungen Er­ werbstätiger erfasst. Und zwar wurde nach der Belas­ tung durch schwere körperliche Arbeit, starken Zeit­ druck, Konfliktsituationen am Arbeitsplatz, durch Be­ ruf und sonstige Verpflichtungen(Haushalt, Kinderer­ ziehung, Pflegeaufgaben) gefragt. Knapp 60 Prozent der Erwerbstätigen in Wien(Männer wie Frauen) be­ richten von(einer oder mehreren) beruflichen Belas­ tungen. Österreichweit ist der Anteil Betroffener der Tendenz nach höher(63,2 Prozent). Am häufigsten be­ klagt wird von den Erwerbstätigen in Wien(und öster­ reichweit) der starke Zeitdruck. An zweiter und dritter Stelle folgen in Wien Belastungen aufgrund schwerer körperlicher Arbeit und Konflikte am Arbeitsplatz. Die Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kinder und Beruf und vor allem durch die Pflege Angehöriger und Beruf dagegen spielen insgesamt eine vergleichsweise geringe Rolle. 85 Vgl. RICHTER(1997). PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 149 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Verbreitung Tabelle 7.1: Berufliche Belastungen in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht und in Österreich(Erwerbstätige, in Prozent, Mehrfachnennungen möglich) Alter 15 bis 29 30 bis 44 45 bis 59 60 und mehr gesamt 15 bis 29 30 bis 44 45 bis 59 60 und mehr gesamt Wien Österreich Erwerbs­ tätige in 1.000 89,3 187,1 122,7 7,0 406,2 66,5 155,1 90,3 1,8 313,6 719,8 3.533,4 schwere nichts davon körperliche Arbeit starker Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und durch­ Pflegefälle in schnittl. Zahl der der Familie Belastungen in%, Mehrfachnennungen möglich Männer 46,6 23,0 37,3 16,1 41,2 22,5 43,6 17,7 33,9 22,4 48,3 19,5 35,2 10,4 47,3 24,2 3,1 7,9 6,3 7,2 0,5 0,80 0,9 0,93 3,6 1,00 0,0 0,89 40,1 22,4 43,7 18,0 6,4 1,6 0,92 Frauen 53,3 11,0 32,9 17,3 6,9 1,6 0,70 36,8 16,7 40,6 17,8 28,5 2,3 1,06 39,1 18,3 40,6 18,8 13,9 5,2 0,97 51,3 0,0 34,0 29,3 14,6 0,0 0,78 41,1 15,9 39,0 18,1 19,7 2,9 0,95 gesamt 40,5 19,5 41,6 18,0 12,2 2,2 0,94 36,8 25,4 41,3 15,2 14,5 3,1 0,99 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Geschlechtsunterschiede Erwerbstätige Frauen in Wien fühlen sich insgesamt ähnlich häufig beruflichen Belastungen ausgesetzt wie Männer. Die durchschnittliche Zahl der beruflichen Be­ lastungen ist jedoch bei den Frauen der Tendenz nach höher(vgl. dazu Tabelle 7.1). Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass Frauen tendenziell häufiger gleichzeitig von mehreren, d. h. drei oder mehr Belas­ tungen betroffen sind. Grafik 7.1: Anzahl der beruflichen Belastungen in Wien 1999 nach Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Prozent 100,0 90,0 80,0 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0,0 5,7 1,6 17,8 34,4 40,5 gesamt Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. 5,1 1,3 17,9 35,6 40,1 Männer 6,5 1,9 17,6 32,9 vier oder mehr drei zwei eine keine Belastung 41,1 Frauen 150 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Verbreitung Am häufigsten treten von den im Mikrozensus erhobe- starker Zeitdruck und Konflikte am Arbeitsplatz zu­ nen beruflichen Belastungen bei Männern wie Frauen sammen auf. Tabelle 7.2: Zusammenhänge zwischen beruflichen Belastungen in Wien 1999 nach Geschlecht(Korrelatio­ nen nach PEARSON) Belastung durch starken Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und Pflegefälle in der Familie starken Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und Pflegefälle in der Familie schwere körperliche Arbeit starker Zeitdruck Männer 0,12 0,09 0,29 0,05 0,07 0,00 0,07 Frauen 0,15 0,16 0,34 0,08 0,07 0,05 0,09 Konflikte am Arbeitsplatz 0,13 0,00 0,05 0,04 Haushalt, Kinder und Beruf 0,16 0,10 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Zu beobachten sind deutliche geschlechtsspezifische Un­ terschiede, sowohl was die Rangfolge als auch die Aus­ prägung der einzelnen beruflichen Belastungen betrifft. Von beiden Geschlechtern am häufigsten beklagt wird der starke Zeitdruck, die Rangfolge der anderen erfass­ ten Belastungen ist je nach Geschlecht verschieden: Bei den Männern nimmt schwere körperliche Arbeit den zweiten Rang ein, gefolgt von Konflikten am Arbeits­ platz. Bei den Frauen ist die Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kinder und Beruf am zweithäufigsten, ge­ folgt von Konflikten am Arbeitsplatz und schwerer kör­ perlicher Arbeit(vgl. dazu Tabelle 7.1). Frauen sind zwar seltener als Männer Belastungen auf­ grund schwerer körperlicher Arbeit und starkem Zeit­ druck ausgesetzt, dafür aber deutlich häufiger der Mehrfachbelastung durch Haushalt und Beruf sowie durch Beruf und Pflegefälle in der Familie. Belastungen aufgrund von Konflikten am Arbeitsplatz sind bei bei­ den Geschlechtern gleich häufig. Altersunterschiede Während sich hinsichtlich der Zahl der beruflichen Be­ lastungen kein einheitlicher Alterstrend zeigt, sind für einzelne berufliche Belastungen durchaus altersspezifi­ sche Ausprägungen zu beobachten(vgl. dazu Tabelle 7.1). PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 151 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Verbreitung Tabelle 7.3: Anzahl der beruflichen Belastungen in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Alter(Jahre) 15 bis 29 30 bis 44 45 bis 59 60 und mehr gesamt 15 bis 29 30 bis 44 45 bis 59 60 und mehr gesamt Personen in 1.000 89,3 187,1 122,7 7,0 406,2 66,5 155,1 90,3 1,8 313,6 keine 46,6 41,2 33,9 35,2 40,1 53,3 36,8 39,1 51,3 41,1 Anzahl der beruflichen Belastungen(in%) eine zwei drei Männer 30,8 18,6 35,3 15,1 38,9 21,9 46,8 11,7 3,7 6,6 3,8 6,4 35,6 17,9 5,1 Frauen 29,1 13,5 2,6 32,8 20,3 8,2 36,0 16,5 6,3 34,1 0,0 14,6 32,9 17,6 6,5 vier oder mehr 0,2 1,8 1,5 0,0 1,3 1,4 2,0 2,1 0,0 1,9 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Belastungen durch schwere körperliche Arbeit finden sich bei den Männern(mit Ausnahme der 60-Jährigen und älteren) in nahezu allen Altersgruppen gleich häu­ fig, bei den Frauen nehmen sie(sieht man von der Aus­ nahmestellung der 60-Jährigen und älteren, die nur mehr zu geringen Anteilen berufstätig sind, ab) mit zu­ nehmendem Alter etwas zu. Starker Zeitdruck wird von den Männern mit zunehmendem Alter häufiger als be­ lastend empfunden, wobei allerdings in den Alters­ gruppen ab 45 Jahren kaum mehr ein Unterschied be­ steht. Bei den Frauen nimmt die Belastung aufgrund starken Zeitdrucks im mittleren Alter(30 bis 44 Jahre) zu und bleibt dann bei den 45- bis 59-jährigen auf die­ sem Niveau. 86 Konflikte am Arbeitsplatz werden von Männern mit zunehmendem Alter häufiger erwähnt, bei den Frauen sind sie(sieht man von der Ausnahme­ stellung der 60-jährigen und älteren ab) in allen Alters­ gruppen ähnlich häufig. Die Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kinder und Beruf ist erwartungsgemäß bei Frauen im Alter zwischen 30 und 44 Jahren am häufigs­ ten, Mehrfachbelastung durch Pflegefälle in der Familie und Beruf in der Altersgruppe der 45- bis 59-Jährigen. Dies lässt darauf schließen, dass in diesem Lebensab­ schnitt Eltern bzw. Elternteile vermehrt pflegebedürftig werden. 7.3.1 Regionale Unterschiede In Wien ist der Anteil der Erwerbstätigen, die sich be­ ruflichen Belastungen ausgesetzt fühlen, insgesamt et­ was niedriger als im gesamten Bundesgebiet, auch wer­ den in Wien durchschnittlich weniger Belastungen ge­ nannt. Während die Rangreihe der mit der beruflichen Tätigkeit verbundenen Belastungen mit jener des ge­ samten Bundesgebiets vergleichbar ist, bestehen deut­ liche Unterschiede in der Häufigkeit der einzelnen Be­ lastungen. Maßgebend dafür dürften Unterschiede in der Struktur der Erwerbstätigen und der Verfügbarkeit entlastender Angebote sein(vgl. dazu Tabelle 7.1). So etwa fällt in Wien berufliche Belastung durch kör­ perliche Arbeit weniger ins Gewicht. Während die Be­ lastung aufgrund starken Zeitdrucks in Wien ähnlich häufig wie im gesamten Bundesgebiet ist, spielen in Wien Konflikte am Arbeitsplatz eine größere Rolle. Da­ gegen wird die Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kinder und Beruf und durch Pflege von Angehörigen und Beruf in der Bundeshauptstadt seltener erwähnt. Zum einen scheint das vergleichsweise gut ausgebaute Betreuungsnetz für Kinder und Behinderte bzw. Pflege­ bedürftige in Wien eine gewisse Entlastung zu bieten, zum anderen ist im großstädtischen Bereich mit gerin­ gerer Kinderzahl unter den Berufstätigen sowie einer 86 Bei den 60-jährigen und älteren Frauen ist ein rückläufiger Trend zu beobachten. Allerdings gehen, wie erwähnt, in diesem Alter nur mehr wenige Frauen einer beruflichen Tätigkeit nach. 152 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Verbreitung geringeren Pflegeorientierung, d. h. Bereitschaft zur Übernahme einer Pflege alter Menschen, zu rechnen. 7.3.2 Bildungs- und berufsgruppenspezifi­ sche Ausprägungen Abgesehen von regionalen Besonderheiten sind die be­ rufliche Belastung insgesamt sowie die einzelnen Be­ lastungsfaktoren je nach Bildungsniveau und berufli­ cher Stellung verschieden ausgeprägt, wobei gleichzei­ tig geschlechtsspezifische Ausprägungen zum Tragen kommen. So zeichnet sich z. B. bei den Männern insge­ samt ein Trend der häufigeren Belastung in den höhe­ ren Bildungsgruppen ab, bei den Frauen eher in den mittleren. Grafik 7.2: Berufliche Belastungen in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent*, Mehrfachnennungen möglich) Männer 60,0 50,0 40,0 30,0 Pflichtschule Lehre BMS AHS BHS Hochschule Prozent 20,0 10,0 0,0 nichts davon schwere körperliche Arbeit starker Zeitdruck Haushalt, Kinder und Beruf Konflikte am Arbeitsplatz Beruf und Pflegefälle in der Familie Prozent Frauen 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0,0 Pflichtschule Lehre BMS AHS BHS Hochschule nichts davon schwere körperliche Arbeit starker Zeitdruck Haushalt, Kinder und Beruf Konflikte am Arbeitsplatz Beruf und Pflegefälle in der Familie * Die genauen Werte sind Tabelle 7.4 zu entnehmen. Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Am häufigsten durch schwere körperliche Arbeit belastet fühlen sich erwartungsgemäß Erwerbstätige mit niedrigem Bildungsniveau, starker Zeitdruck hingegen wird vermehrt von den höher Gebildeten als belastend erwähnt. Von Konflikten am Arbeitsplatz am häufigs­ ten betroffen sind Erwerbstätige mit mittlerer Bildung. Auch die Mehrfachbelastung von Haushalt, Kinder und Beruf, die in allen Bildungsgruppen bei Frauen verPSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 153 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Verbreitung mehrt zum Tragen kommt, ist in den mittleren Bil­ dungsgruppen am ausgeprägtesten. Die höher gebilde­ ten Frauen verfügen(abgesehen von durchschnittlich geringerer Kinderzahl) auch häufiger über entspre­ chende finanzielle Ressourcen, um sich hier Entlastung zu verschaffen. Auffallend ist die geringe Betroffenheit durch die Mehrfachbelastung von Haushalt, Kinder und Beruf in den niedrigeren Bildungsgruppen. Belastung durch schwere körperliche Arbeit wird er­ wartungsgemäß am häufigsten von Arbeitern und Ar­ beiterinnen erwähnt. Von starkem Zeitdruck am häu­ figsten berichten unter den Männern die Selbständigen und Angestellten, unter den Frauen die Facharbeiterin­ nen und Selbständigen. Von Konflikten am Arbeits­ platz am meisten betroffen sind die Beamten und Be­ amtinnen, gefolgt, unabhängig vom Geschlecht, von den Angestellten. Die Mehrfachbelastung von Haus­ halt, Kinder und Beruf ist(sieht man von den(Fach)ar­ beiterInnen ab) innerhalb der Berufsgruppen relativ gleichmäßig verteilt. Die Mehrfachbelastung durch Be­ ruf und Pflegefälle in der Familie kommt am häufigsten bei den Selbständigen zum Tragen. Möglicherweise sind für Selbständige Beruf und Pflege naher Angehöri­ ger noch am ehesten zu vereinen. Grafik 7.3: Berufliche Belastungen in Wien 1999 nach beruflicher Stellung und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent*, Mehrfachnennungen möglich) Männer 60,0 50,0 40,0 Selbständige Angestellte Beamte Facharbeiter sonstige Arbeiter Prozent 30,0 20,0 10,0 0,0 nichts davon schwere körperliche Arbeit starker Zeitdruck Haushalt, Kinder und Beruf Konflikte am Arbeitsplatz Beruf und Pflegefälle in der Familie Prozent Frauen 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0,0 * Die genauen Werte sind Tabelle 7.5 zu entnehmen. Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. nichts davon schwere körperliche Arbeit starker Zeitdruck Haushalt, Kinder und Beruf Konflikte am Arbeitsplatz Beruf und Pflegefälle in der Familie Selbständige Angestellte Beamte Facharbeiter sonstige Arbeiter 154 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Verbreitung 7.3.3 Zeitliche Veränderungen Vielfach wurde vermutet, dass sich mit den Veränderun­ gen in der Arbeitswelt(Entwicklung zur Dienstleistungs­ gesellschaft, Automatisierung bzw. Einführung neuer In­ formationstechnologien, Rationalisierungsmaßnahmen und Reorganisationsprozesse) auch die Arbeitsbelastun­ gen verändern. Und zwar ging man davon aus, dass der „Belastungsstrukturwandel“ mit einem Bedeutungsver­ lust von Problemen„eindeutiger und direkter körperli­ cher Schädigung“ verbunden sei und psychische und so­ ziale Beeinträchtigungen„und deren somatische Kon­ version zunehmend[…] bedeutsamer“ werden. 87 Der Vergleich der Mikrozensus-Ergebnisse der Jahre 1991 und 1999 zeigt, dass sich der Anteil der Beschäf­ tigten, die sich Belastungen ausgesetzt fühlen, seit 1991 deutlich vergrößert hat. Zunehmend beklagt wird vor allem der starke Zeitdruck. Dies lässt sich so interpre­ tieren, dass – jedenfalls aus der Sicht der Beschäftigten –„die technischen Neuerungen bzw. die mit ihnen ver­ bundenen, einhergehenden sonstigen(z. B. arbeitsor­ ganisatorischen) Veränderungen[…] zu mehr Stress und Hektik(führen).“ 88 Grafik 7.4: Berufliche Belastungen in Wien 1991 und 1999 nach Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent, Mehrfachnennungen möglich) Prozent 60 55,6 Männer 50 40,1 40 43,7 32,5 30 22,4 20 16,0 18,0 12,0 10 6,4 1,2 0 1991 1999 0,6 1,6 nichts davon schwere körperliche Arbeit starker Zeitdruck Haushalt, Kinder und Beruf Konflikte am Arbeitsplatz Beruf und Pflegefälle in der Familie Prozent 70 60 57,3 50 41,1 40 30 20 10 0 Frauen 39,0 28,1 15,9 9,3 18,1 8,7 19,7 15,8 1991 1999 1,9 2,9 nichts davon schwere körperliche Arbeit starker Zeitdruck Haushalt, Kinder und Beruf Konflikte am Arbeitsplatz Beruf und Pflegefälle in der Familie Quelle: Mikrozensus 1991 und 1999; eigene Berechnungen. 87 MARSTEDT(1994). 88 JAUFMANN, KISTLER(1993). PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 155 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Verbreitung Dazu kommt, dass Arbeit und Beruf ihren zentralen Wert für die Bedürfnisbefriedigung keineswegs verlo­ ren haben. Die berufliche Tätigkeit hat nicht nur mate­ rielle Auswirkungen, sondern auch eine identitäts- und persönlichkeitsstiftende Funktion. Im Zuge des„Wer­ tewandels“ sind immaterielle und geistige Ansprüche an die Arbeit wie persönliche Entfaltung, Anerken­ nung, Kommunikation und Partizipation gestiegen. 89 Diesen veränderten kulturellen Anforderungen ent­ sprechen Tendenzen in den Belastungsveränderungen im Zuge neuer Produktionskonzepte: Zunahme von Handlungsspielräumen und ein Autonomiegewinn las­ sen sich zumindest für einen Teil der Beschäftigten konstatieren. Allerdings gehen mit diesen positiven Veränderungen simultan auch Leistungsverdichtun­ gen und eine Zunahme psychischer Beanspruchung einher, ein Prozess, der als„Innervierung der Arbeit“ bezeichnet wird. 90 Unterstützt wird diese Annahme u. a. durch die Tatsache, dass Erwerbstätige zunehmend über Belastungen aufgrund von starkem Zeitdruck und Konflikten am Arbeitsplatz berichten. Verstärkt wahrgenommen wird im Vergleich zu 1991 auch die Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kinder und Beruf sowie durch Beruf und Pflegearbeit in den Familien. Obwohl Frauen noch immer die Hauptlast in diesen Bereichen tragen und auch wesentlich häufiger als Männer über diesbezügliche Belastungen berichten, werden im Vergleich zu etwa vor einem Jahrzehnt auch von den Männern vermehrt solche Belastungen ange­ geben. Allerdings noch immer deutlich seltener als von den Frauen. Die anfangs aus dem Belastungswandel abgeleitete An­ nahme, dass die Gesamtbelastung sinken wird, stellt sich ebenso wie die Annahme, körperliche Belastungen würden in einem Ausmaß abnehmen, dass sie prak­ tisch bedeutungslos würden, als Fehlschluss heraus. Bei beiden Geschlechtern sind die untersuchten Belas­ tungsfaktoren, auch die Belastung aufgrund schwerer körperlicher Arbeit, gegenüber 1991 deutlich gestiegen. Der Anstieg beruflicher Belastungen ist in nahezu allen Bildungs- und Berufsgruppen zu beobachten. Dies zeigt sich sowohl aufgrund der im Zeitvergleich stei­ genden Anteile der Erwerbstätigen, die über Belastun­ gen berichten, als auch aufgrund der Zunahme der Häufigkeit einzelner Belastungsfaktoren. Einzig unter Hochschul- bzw. Universitätsabsolventinnen sind die Anteile jener, die sich keinen Belastungen ausgesetzt fühlen, nahezu konstant geblieben. Bemerkenswert ist, dass selbst die Belastung durch schwere körperliche Arbeit(mit Ausnahme bei den Männern mit berufsbildender mittlerer Schule) bei bei­ den Geschlechtern in allen Bildungsgruppen zugenom­ men hat. Auch starker Zeitdruck wird(mit wenigen Ausnahmen) im Vergleich zu 1991 von den verschiede­ nen Bildungsgruppen zunehmend als Belastung er­ wähnt. Lediglich bei den Männern mit berufsbildender höherer Schule und bei den Hochschul- bzw. Universi­ tätsabsolventinnen kam es zu keinen wesentlichen Ver­ änderungen. 89 OPPOLZER(1994). 90 MARSTEDT(1994). 156 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Verbreitung Tabelle 7.4: Berufliche Belastungen in Wien 1991 und 1999 nach Bildung und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent, Mehrfachnennungen möglich) abgeschlossene Bildung Pflichtschule Lehre BMS AHS BHS Hochschule Pflichtschule Lehre BMS AHS BHS Hochschule Pflichtschule Lehre BMS AHS BHS Hochschule Pflichtschule Lehre BMS AHS BHS Hochschule nichts davon 59,6 54,0 51,5 56,4 40,9 53,2 45,0 37,8 47,4 36,8 34,0 34,5 57,0 52,4 47,8 51,8 57,5 41,2 43,8 36,5 39,2 27,6 33,6 40,6 schwere körper­ liche Arbeit starker Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und Pfle­ gefälle in der Familie in%, Mehrfachnennungen möglich Männer 1991 29,8 17,4 2,1 0,9 0,0 18,7 33,0 11,5 0,6 0,4 16,0 37,2 18,0 3,0 1,1 6,4 36,2 23,4 0,6 0,0 5,7 53,7 22,0 3,1 2,8 1,0 43,9 12,8 3,1 1,8 Männer 1999 34,2 29,2 10,1 5,6 2,8 30,5 43,4 18,5 6,9 1,5 16,7 42,1 28,0 8,3 0,0 14,1 53,2 18,5 8,3 3,3 12,0 55,1 26,2 6,8 2,4 8,1 53,7 18,4 8,6 1,5 Frauen 1991 23,0 21,1 4,2 13,1 8,2 32,7 9,1 16,5 8,6 35,6 13,2 24,2 6,7 26,5 8,7 21,9 5,4 32,2 10,2 22,6 3,5 45,7 18,0 30,3 2,8 1,8 3,4 0,0 1,4 4,3 Frauen 1999 27,9 30,2 11,9 17,7 21,0 40,8 18,3 23,3 10,9 41,2 21,6 25,4 12,4 48,2 21,8 28,3 11,2 46,0 22,8 25,9 9,8 44,1 17,8 22,0 3,6 2,0 4,4 2,8 1,6 5,8 Quelle: Mikrozensus 1991 und 1999; eigene Berechnungen. Ebenfalls zugenommen hat unabhängig vom Ge­ schlecht in nahezu allen Bildungsgruppen die Belas­ tung aufgrund von Konflikten am Arbeitsplatz. Ledig­ lich bei Männern mit Abschluss einer allgemeinbilden­ den höheren Schule zeigt sich ein rückläufiger Trend, bei den Frauen ist unter Hochschul- bzw. Universitäts­ absolventinnen das Belastungsniveau in diesem Be­ reich(allerdings ausgehend von einem vergleichsweise hohen Niveau) nahezu konstant geblieben. Die Mehr­ fachbelastung durch Haushalt, Kinder und Beruf ist bei beiden Geschlechtern nahezu durchgängig in allen Bil­ dungsgruppen(Ausnahme: Hochschul- bzw. Universi­ tätsabsolventinnen) gestiegen. Auch Belastungen auf­ grund von Beruf und Pflegefällen in der Familie haben, vor allem bei den Frauen, unabhängig vom Bildungsni­ veau zugenommen. Abweichend vom generellen Trend einer deutlichen Zunahme der beruflichen Belastungen unter den ein­ zelnen Berufsgruppen, war der Anstieg der Belastung aufgrund starken Zeitdrucks zwischen 1991 und 1999 bei den männlichen Beamten relativ gering. Belastun­ gen aufgrund von Konflikten am Arbeitsplatz sind nur unter den weiblichen Selbständigen nahezu gleich häu­ fig geblieben, in allen anderen Berufsgruppen(bei bei­ den Geschlechtern) zum Teil merkbar gestiegen. Die Mehrfachbelastung durch Beruf, Haushalt und Kinder war zwar bei den weiblichen Selbständigen, den Beam­ tinnen und Facharbeiterinnen rückläufig, ist aber bei PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 157 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen den weiblichen Angestellten und Arbeiterinnen gestiegen. Auch was die Belastungen durch Beruf und Pflegefälle in der Familie betrifft, sind(für männliche Beamte und Facharbeiterinnen) Ausnahmen vom generellen Trend eines Belastungsanstiegs zu verzeichnen. Aufgrund der Tatsache, dass es sich hier um meist nur we­ nige Fälle handelt, sind die Ergebnisse jedoch mit ge­ wisser Vorsicht zu betrachten. Tabelle 7.5: Berufliche Belastungen in Wien 1991 und 1999 nach beruflicher Stellung und Geschlecht (Erwerbstätige, in Prozent, Mehrfachnennungen möglich) berufliche Stellung Selbständige Angestellte Beamte Facharbeiter sonstige Arbeiter Selbständige Angestellte Beamte Facharbeiter sonstige Arbeiter Selbständige Angestellte Beamte Facharbeiter sonstige Arbeiter Selbständige Angestellte Beamte Facharbeiter sonstige Arbeiter nichts davon 51,4 55,4 54,5 54,0 57,0 37,9 40,6 39,9 42,3 36,8 46,6 55,8 56,2 45,2 62,2 33,7 39,8 40,9 32,1 45,5 schwere körperliche Arbeit starker Zeitdruck Konflikte am Arbeits­ platz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und Pflegefälle in der Familie in%, Mehrfachnennungen möglich Männer 1991 7,3 45,6 11,3 0,7 1,6 5,5 37,8 15,2 1,1 0,3 10,8 34,4 18,6 1,4 2,0 30,9 28,6 7,7 2,1 0,0 33,6 19,9 5,0 1,2 0,0 Männer 1999 21,4 51,9 13,8 6,3 3,3 10,3 47,9 20,8 6,7 1,2 18,2 38,5 25,5 7,0 1,6 35,1 41,1 15,2 4,5 0,7 41,4 38,5 12,6 7,2 2,6 Frauen 1991 6,4 39,6 7,8 24,9 5,1 31,5 8,8 15,4 5,5 29,8 19,2 26,6 15,1 31,5 6,0 13,2 24,3 17,3 4,6 9,2 3,7 1,9 0,7 5,0 1,5 Frauen 1999 8,2 54,0 7,7 20,6 13,2 39,2 21,3 21,5 10,2 39,7 22,8 20,2 18,7 55,3 16,5 10,6 30,1 33,2 11,2 15,1 8,5 2,3 4,5 0,0 3,1 Quelle: Mikrozensus 1991 und 1999; eigene Berechnungen. 7.4 Auswirkungen beruflicher Belastungen Im Folgenden werden Auswirkungen beruflicher Belas­ tungen auf die psychische Befindlichkeit der Betroffe­ nen und andere Gesundheitsindikatoren untersucht. Andauernde berufliche Belastungen können sich je­ doch nicht nur für die MitarbeiterInnen von Unterneh­ men negativ auswirken, sondern auch für die Unter­ nehmen. Hinzuweisen ist des Weiteren auf die daraus erwachsenden Konsequenzen für das Gesundheits­ und Sozialsystem und deren Kostenträger. 7.4.1 Individuelle Beanspruchungsfolgen Ständiger Stress am Arbeitsplatz kann Wohlbefinden und Lebensqualität erheblich schmälern, mittel- bis langfristig ist mit Beeinträchtigungen der psychischen und/oder körperlichen Gesundheit zu rechnen. So etwa gaben in einer Erhebung der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Ländern der Europäischen Union im Jahr 1996 28 158 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen Prozent der Beschäftigten gesundheitliche Beschwer­ den durch Stress am Arbeitsplatz an. 91 Sind Menschen über Wochen, Monate oder auch Jahre hindurch mit Arbeitsanforderungen konfrontiert, die sie unter- oder überfordern, entsteht ein chronischer Stresszustand. Beispiele für berufsbedingte Gesund­ heitsstörungen, die unter dem Begriff„Stressfolgen“ zusammengefasst werden, und die sich im Erleben und Verhalten zeigen können, sind Nervosität, Unruhe, Ge­ hetztsein, Gereiztheit, aggressive Spannung, Gefühlsla­ bilität, Erschöpfung, Depression, Angst, Schlafstörun­ gen, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Störungen, Rü­ ckenschmerzen, Tinnitus, Müdigkeit, Konzentrations­ störung, Leistungs- und Motivationsminderung, Ver­ zweiflung, Lethargie, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, sozialer Rückzug und kritisches Gesundheitsverhalten (z. B. Alkohol- bzw. Nikotinmissbrauch). Längerfristige körperliche Folgen von Stress sind unter anderem Blut­ hochdruck, anhaltende erhöhte Muskelanspannung mit Schmerzen im Rücken-, Schulter- und Nackenbe­ reich oder Organschädigungen(Herzinfarkt, Magenge­ schwür, Schlaganfall). Tabelle 7.6: Folgen von Fehlbeanspruchung für Gesundheit, Wohlergehen und die Bewältigung von Arbeitsan­ forderungen(nach STROBEL, v. KRAUSE, 1997) kurzfristige Folgen Ermüdung, Monotonie, Sättigung Gefühle der inneren Anspannung Konzentrationsprobleme Nervosität, Angst Ärger, Wut mittel- bis langfristige Folgen Ängstlichkeit Folgen hinsichtlich der Bewältigung von Arbeitsaufgaben Leistungsschwankungen Unzufriedenheit Resignation Depression allgemeine Beeinträchtigung des Wohlbefindens Einschlafschwierigkeiten kritisches Gesundheitsver­ halten psychosomatische Erkran­ kungen Abnahme der Qualität der Arbeitsverrichtung kurzsichtige Entscheidungen Verschlechterung der sensu­ motorischen Koordination Konflikte mit Vorgesetzten und KollegInnen Rückzugsverhalten Zunahme von Fehlzeiten Quelle: LEITNER(o. J.), S. 5. Es gibt vermehrte Anzeichen dafür, dass Angst in der Ar­ beitswelt eine große Rolle spielt. Dies kann sich im Sinne einer allgemeinen Ängstlichkeit zeigen, welche die Leis­ tung und Kreativität beeinträchtigt, sehr viel Energie ver­ schlingt und zu Erschöpfung führt. Nicht selten treten auch Angststörungen mit Krankheitswert(wie Panikstö­ rung, generalisierte Angststörung und Phobie) auf. Besondere Bedeutung kommt depressiven Zuständen zu. Depressive Menschen haben meist Schwierigkeiten, die geforderte Arbeitsleistung zu erbringen und werden auch oft krankgeschrieben. Nicht selten verbirgt sich hinter einer körperlichen Diagnose, wie etwa einer „Kreislaufstörung“, eine Depression. Nicht erkannte Depressionen werden auch nicht behandelt. Depressive Menschen fühlen sich als Versager, machen sich Vor­ würfe, was die Befindlichkeit weiter beeinträchtigt; es entsteht ein Teufelskreis. Eine besondere Form der De­ pression ist das so genannte Burn-out-Syndrom, bei dem das depressive Bild mit einem Gefühl der Sinnlo­ sigkeit einhergeht: ArbeitnehmerInnen sehen in ihren ursprünglichen Arbeitsidealen keinen Sinn mehr, der 91 Amtliche Mitteilungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin(1997). PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 159 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen frühere, meist sehr hohe Arbeitseinsatz kommt ihnen fremd bzw. sinnlos vor. Nicht selten greifen die Men­ schen bei solchen Störungen zu Suchtmitteln wie Medi­ kamenten, Nikotin oder Alkohol, was die Situation wei­ ter verschlimmert. Zustände der genannten Art wirken sich negativ auf die Arbeitsleistung aus, d. h. nicht nur die ArbeitnehmerInnen, sondern auch die Betriebe lei­ den darunter. Abgesehen von vermehrten Fehlzeiten sind Auswirkungen auf das zwischenmenschliche Ver­ halten, die Kooperation, die Einsatzbereitschaft, Kolle­ gialität im und Solidarität zum Betrieb zu beobachten. Bei der Analyse und Interpretation der Auswirkungen beruflicher Belastungen auf verschiedene Gesundheits­ indikatoren ist zu beachten, dass vorhandene gesund­ heitliche Einschränkungen die Belastbarkeit im Beruf merkbar reduzieren können und so die Sensibilität ge­ genüber Belastungen erhöhen können, was sich ihrer­ seits wiederum negativ auf die Gesundheit und das Ge­ sundheitsverhalten auswirken kann. Subjektives gesundheitliches Befinden Die Ergebnisse des Mikrozensus verdeutlichen, dass Personen, die sich beruflichen Belastungen ausgesetzt fühlen, ihren Gesundheitszustand negativer beurteilen, als Personen, die keine Belastungen angeben, wobei auch die Zahl der empfundenen beruflichen Belastun­ gen eine Rolle spielt. So etwa reduziert sich bei den Männern der Anteil jener, die sich„sehr guten“ Ge­ sundheitszustand zuschreiben, bereits bei nur einer empfundenen beruflichen Belastung um etwa 30 Pro­ zent. Bei drei Belastungen verringert sich dieser Anteil um ca. 60 Prozent. Ähnlich nimmt auch bei den Frauen der Anteil jener mit„sehr guter“ Gesundheit mit stei­ gender Zahl beruflicher Belastungen merkbar ab, wo­ hingegen die Anteile mit„mittelmäßiger“ oder „schlechter“ Gesundheit steigen. Tabelle 7.7: Selbsteinschätzung der Gesundheit in Wien 1999 nach der Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Anzahl der Belastungen Personen ab 15 Jahre in 1.000 keine eine zwei drei vier oder mehr gesamt 162,9 144,6 72,5 20,7 5,4 406,2 keine eine zwei drei vier oder mehr gesamt 128,7 103,3 55,3 20,3 5,9 313,6 sehr gut 47,9 34,3 32,7 19,7 23,5 38,6 43,0 38,5 33,0 28,6 11,0 38,2 Beurteilung des Gesundheitszustandes in% gut mittelmäßig schlecht Männer 39,9 10,2 48,8 13,6 45,0 16,5 56,8 20,7 32,5 38,6 1,7 2,1 5,9 2,8 5,4 44,8 13,4 2,7 Frauen 42,4 12,4 1,8 42,1 15,0 3,2 42,1 21,1 3,8 43,9 19,2 8,3 34,3 36,0 18,7 42,2 15,7 3,4 sehr schlecht 0,2 1,2 0,0 0,0 0,0 0,5 0,4 1,1 0,0 0,0 0,0 0,5 Quelle: Mikrozensus 1999, eigene Berechnungen. Und zwar sind negative Auswirkungen auf die Selbst­ einschätzung der Gesundheit unabhängig von der Art der beruflichen Belastungen zu beobachten. Besonders negativ wirken sich bei den Männern schwere körperli­ che Arbeit, die Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kinder und Beruf sowie durch Beruf und Pflegefälle in der Familie, bei den Frauen die Mehrfachbelastung durch Beruf und Pflegefälle in der Familie sowie Belas­ tungen aufgrund schwerer körperlicher Arbeit auf den subjektiven Gesundheitszustand aus. So sind die Antei­ le jener, die sich lediglich mittelmäßige oder noch schlechtere Gesundheit zuschreiben, bei Vorhan­ densein der genannten Belastungsfaktoren deutlich er­ höht. 160 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen Tabelle 7.8: Selbsteinschätzung der Gesundheit in Wien 1999 nach Art der beruflichen Belastung und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Belastung durch schwere körperliche Arbeit starken Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und Pflegefälle in der Familie gesamt schwere körperliche Arbeit starken Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und Pflegefälle in der Familie gesamt Personen ab 15 Jahre in 1.000 nein 315,4 ja 90,8 nein 228,7 ja 177,5 nein 333,1 ja 73,1 nein 380,4 ja 25,8 nein 399,7 ja 6,5 406,2 nein 263,8 ja 49,8 nein 191,5 ja 122,2 nein 257,0 ja 56,6 nein 252,0 ja 61,6 nein 304,4 ja 9,2 313,6 Beurteilung des Gesundheitszustandes in% sehr gut gut mittelmäßig schlecht sehr schlecht Männer 41,0 45,4 10,9 30,3 42,4 22,3 2,2 4,4 43,9 41,4 12,5 31,8 49,1 14,6 1,8 3,9 40,7 43,2 13,1 29,0 51,8 15,1 2,4 4,1 39,3 44,6 12,8 28,6 46,6 22,4 2,7 2,3 38,8 44,8 13,2 28,8 44,5 26,7 2,7 0,0 38,6 44,8 13,4 2,7 Frauen 40,3 43,1 13,7 27,2 37,1 26,2 2,4 8,4 39,7 43,5 13,7 35,9 40,2 18,7 2,5 4,7 40,3 41,5 14,9 28,8 45,3 19,3 2,6 6,6 39,4 41,6 15,3 33,4 44,5 17,4 3,0 4,7 38,8 41,9 15,5 21,3 50,6 20,1 3,2 8,0 38,2 42,2 15,7 3,4 0,5 0,7 0,4 0,6 0,6 0,0 0,6 0,0 0,5 0,0 0,5 0,4 1,2 0,6 0,5 0,7 0,0 0,7 0,0 0,6 0,0 0,5 Quelle: Mikrozensus 1999, eigene Berechnungen. Psychische Beschwerden Auch das psychische Wohlbefinden wird durch emp­ fundene berufliche Belastungen erheblich gestört. Auch hier gilt: Je mehr berufliche Belastungen verspürt werden, desto häufiger sind psychische Beschwerden. Während z. B. von den Männern, die keine beruflichen Belastungen nannten, lediglich 12,6 Prozent über eine oder mehrere psychische Beschwerde(n) berichten, waren es von jenen mit zwei beruflichen Belastungen bereits 20,9 Prozent. Bei vier oder mehr beruflichen Be­ lastungen geben mehr als ein Viertel der Männer(27,6 Prozent) eine oder mehrere psychische Beschwerde(n) an. Besonders deutlich wirken sich berufliche Belas­ tungen bei den Frauen auf das psychische Wohlbefin­ den aus: Während von den weiblichen Erwerbstätigen, die keine beruflichen Belastungen nannten, lediglich 14,2 Prozent unter einer oder mehreren psychischen Beschwerde(n) leiden, gaben bei zwei beruflichen Be­ lastungen bereits mehr als ein Viertel(27,9 Prozent) und bei vier und mehr beruflichen Belastungen ca. 40 Prozent der Frauen eine oder mehrere psychische Be­ schwerde(n) an. Insbesondere bei den Frauen geht mit zunehmender Zahl beruflicher Belastungen häufig auch eine erhöhte Mehrfachbeeinträchtigung durch psychische Beschwerden einher. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 161 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen Tabelle 7.9: Anzahl der psychischen Beschwerden in Wien 1999 nach der Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Anzahl der Belastungen Personen in 1.000 keine eine zwei drei vier oder mehr gesamt keine eine zwei drei vier oder mehr gesamt 162,9 144,6 72,5 20,7 5,4 406,2 128,7 103,3 55,3 20,3 5,9 313,6 keine Männer 87,4 85,4 79,1 74,5 72,4 84,3 Frauen 85,8 77,3 72,1 70,3 60,8 79,1 Anzahl der psychischen Beschwerden eine zwei drei oder mehr 10,5 1,7 9,6 4,6 14,8 4,3 22,9 1,5 16,5 6,5 11,7 3,3 0,4 0,4 1,8 1,1 4,5 0,7 10,3 2,0 14,1 6,4 14,6 9,1 18,9 3,2 24,9 10,0 13,1 4,9 1,9 2,2 4,2 7,5 4,3 2,8 Quelle: Mikrozensus 1999, eigene Berechnungen. Die Tatsache, dass Frauen bei beruflichen Belastungen insgesamt häufiger von psychischen Beschwerden be­ richten, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass Frauen in der Regel eher bereit sind als Männer, über psychische Beschwerden zu sprechen bzw. sie anzuge­ ben. Am deutlichsten auf das psychische Befinden bzw. das Auftreten psychischer Beschwerden wirken sich bei den Männern die Mehrfachbelastung durch Pflegefälle in der Familie und Beruf, Konflikte am Arbeitsplatz und die Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kinder und Beruf aus, bei den Frauen die Mehrfachbelastung durch Pflegefälle in der Familie und Beruf sowie schwe­ re körperliche Arbeit. Auch hier zeigt sich, dass sich insgesamt bei den Frauen berufliche Belastungsfakto­ ren stärker als bei den Männern auf das psychische Be­ finden auswirken. 162 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen Tabelle 7.10: Anzahl psychischer Beschwerden in Wien 1999 nach Art der beruflichen Belastungen und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Belastung durch schwere körperliche Arbeit starken Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und Pflegefälle in der Familie gesamt schwere körperliche Arbeit starken Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und Pflegefälle in der Familie gesamt Personen in 1.000 Männer nein 315,4 ja 90,8 nein 228,7 ja 177,5 nein 333,1 ja 73,1 nein 380,4 ja 25,8 nein 399,7 ja 6,5 406,2 Frauen nein 263,8 ja 49,8 nein 191,5 ja 122,2 nein 257,0 ja 56,6 nein 252,0 ja 61,6 nein 304,4 ja 9,2 313,6 Anzahl psychischer Beschwerden keine eine zwei drei oder mehr 84,8 11,6 82,9 11,8 86,2 10,7 82,0 13,0 86,2 10,4 76,0 17,6 84,9 11,3 76,5 17,5 84,7 11,3 63,1 31,5 84,3 11,7 3,0 4,0 2,8 3,9 2,9 4,8 3,1 5,1 3,2 5,4 3,3 0,6 1,4 0,4 1,2 0,5 1,6 0,7 1,0 0,7 0,0 0,7 81,3 12,1 67,6 18,6 82,5 11,7 73,8 15,5 80,7 12,7 71,7 15,3 80,1 12,4 75,0 16,0 79,5 13,0 67,0 16,3 79,1 13,1 4,2 8,9 3,8 6,7 4,2 8,5 4,8 5,5 4,8 8,6 4,9 2,4 4,8 2,0 4,1 2,4 4,6 2,7 3,4 2,7 8,0 2,8 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Mit zunehmender Zahl beruflicher Belastungen steigt der Anteil der von psychischen Beschwerden Betroffe­ nen, vor allem Schwäche/Müdigkeit nehmen insbeson­ dere bei den Frauen merkbar zu. Während bei den Frauen mit zunehmender Zahl beruflicher Belastungen auch die Anteile der von Schlafstörungen, Nervosität und Niedergedrücktheit(Depressionen) Betroffenen nahezu kontinuierlich steigen, ist dies bei den Männern nicht so durchgängig und im selben Ausmaß der Fall. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 163 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen Grafik 7.5: Psychische Beschwerden in Wien 1999 nach Anzahl der beruflichen Belastungen(Erwerbstätige, in Prozent) Prozent Männer 18,0 16,0 14,0 12,0 12,0 10,5 10,0 8,0 7,4 7,46,5 6,0 4,0 2,0 15,6 13,3 10,1 5,0 4,3 8,9 5,6 2,9 4,5 2,3 11,1 3,9 2,3 2,0 1,2 0,0 Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit (Depressionen) Frauen 25,0 23,0 20,0 18,1 15,0 14,2 12,0 14,8 12,6 10,4 9,8 10,0 8,1 7,0 5,0 14,7 12,8 11,8 9,4 9,3 10,3 8,9 2,9 3,2 2,3 vier oder mehr drei zwei eine keine Belastung vier oder mehr drei zwei eine keine Belastung Prozent 0,0 Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit (Depressionen) Quelle: Mikrozensus 1999, eigene Berechnungen. Unabhängig von der Art der beruflichen Belastung gilt mit wenigen Ausnahmen: Erwerbstätige(Männer wie Frauen), die über berufliche Belastungen berichten, ha­ ben häufiger Schlafstörungen, leiden häufiger unter Schwäche/Müdigkeit, Nervosität sowie Niederge­ drücktheit(Depressionen). Die Unterschiede sind, vor allem bei den Männern, zum Teil zwar nicht sehr aus­ geprägt, jedoch durchgängig zu beobachten. Zu den Ausnahmen: Männer, die durch schwere körperliche Arbeit belastet sind, leiden verständlicherweise selte­ ner unter Schlafstörungen als jene, die keine solche be­ rufliche Belastung verspüren. Männer, die einer Mehr­ fachbelastung durch Beruf und Pflegefälle in der Fami­ lie unterliegen, leiden seltener unter Nervosität als jene, die keine solche Belastung angeben. Hier schränkt al­ lerdings die geringe Fallzahl die Zuverlässigkeit der Er­ gebnisse ein. 164 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen Tabelle 7.11: Psychische Beschwerden in Wien 1999 nach Art der beruflichen Belastungen und Geschlecht (Erwerbstätige, in Prozent) Belastung durch schwere körperliche Arbeit starken Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf u. Pflegefälle in der Familie gesamt schwere körperliche Arbeit starken Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf u. Pflegefälle in der Familie gesamt Personen in 1.000 Schlafstörungen Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrückt­ heit (Depressionen) Mehrfachnennungen möglich, in% Männer nein 315,4 7,7 6,0 4,1 1,7 ja 90,8 6,5 7,0 6,9 3,9 nein 228,7 7,0 4,9 4,0 1,6 ja 177,5 8,1 7,8 5,6 2,9 nein 333,1 7,4 4,8 3,9 1,9 ja 73,1 7,8 12,6 8,4 3,6 nein 380,4 7,4 5,7 4,7 2,0 ja 25,8 7,8 13,5 5,3 3,9 nein 399,7 7,2 6,0 4,8 2,1 ja 6,5 20,9 16,0 0,0 5,4 406,2 7,5 6,2 4,7 2,2 Frauen nein 263,8 8,2 10,7 5,8 ja 49,8 13,4 17,1 17,0 3,8 7,0 nein 191,5 8,1 9,6 5,6 ja 122,2 10,4 14,9 10,7 2,9 6,6 nein 257,0 8,8 10,4 6,3 ja 56,6 9,6 17,5 13,2 3,6 8,0 nein 252,0 8,9 11,2 7,4 3,6 ja 61,6 9,4 13,8 8,5 7,3 nein 304,4 ja 9,2 8,6 21,9 11,6 16,5 7,6 4,1 8,0 14,0 313,6 9,0 11,7 7,6 4,4 Quelle: Mikrozensus 1999, eigene Berechnungen. (Psycho)somatische Beschwerden Auch(psycho)somatische Beschwerden, wie Kreislauf­ störungen, Herzbeschwerden, Kopfschmerzen/Migrä­ ne, Rücken- bzw. Kreuzschmerzen, Gelenks-, Nervenund Muskelschmerzen an Hüfte, Bein bzw. an Schulter, Arm treten bei beruflichen Belastungen vermehrt zuta­ ge. Eine kontinuierliche Zunahme der genannten Be­ schwerden mit der Zahl der beruflichen Belastungen ist allerdings nur zum Teil zu beobachten. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 165 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen Tabelle 7.12:(Psycho)somatische Beschwerden in Wien 1999 nach Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Anzahl der Belastungen keine eine zwei drei vier oder mehr gesamt keine eine zwei drei vier oder mehr gesamt Personen in 1.000 162,9 144,6 72,5 20,7 5,4 749,3 128,7 103,3 55,3 20,3 5,9 830,4 davon haben folgende Beschwerden(Mehrfachnennungen möglich, in%) Kreislauf­ störungen Herzbe­ schwerden Kopfschmer­ zen, Migräne Magen-, Ver­ dauungsbe­ schwerden Rücken-, Kreuz­ schmerzen Gelenks-, Nerven-, Muskel­ schmerzen (Hüfte, Bein) Gelenks-, Nerven-, Muskel­ schmerzen (Schulter, Arm) Männer 4,7 1,8 11,9 5,5 2,6 11,8 7,7 3,9 10,5 12,7 1,1 29,2 12,9 11,6 18,0 1,6 15,5 5,6 4,8 3,7 23,5 9,9 7,3 6,5 27,9 9,0 8,6 4,6 39,7 12,7 11,4 0,0 12,0 4,5 9,0 7,5 4,3 12,8 4,0 19,3 9,1 6,8 Frauen 9,4 1,3 14,0 3,0 14,8 6,7 4,1 13,5 1,9 20,7 6,8 23,3 8,5 9,1 17,6 2,5 22,2 10,8 31,5 13,4 8,2 22,9 0,9 39,0 9,1 37,4 12,2 10,2 23,1 10,8 24,2 8,4 29,2 13,6 7,9 12,8 4,1 15,9 5,5 21,7 11,8 9,2 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Gesundheitsverhalten(Beispiel: Rauchen) Am Beispiel des Rauchverhaltens lässt sich zudem nachweisen, dass berufliche Belastungen in der Regel auch mit gesundheitsschädigendem Verhalten einher­ gehen: Insbesondere bei Zusammentreffen mehrerer beruflicher Belastungen nimmt der Anteil der täglichen RaucherInnen deutlich zu. Erwerbstätige(vor allem die Männer), die von beruflichen Belastungen berichten, sind außerdem deutlich seltener Ex-Raucher. Dies lässt vermuten, dass Aufhörversuche bei vorhandenen be­ ruflichen Belastungen nicht nur seltener in Angriff ge­ nommen werden, sondern möglicherweise auch häufi­ ger scheitern. 166 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen Tabelle 7.13: Rauchverhalten in Wien 1999 nach Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht(Erwerbs­ tätige, in Prozent) Anzahl der Belastungen Personen in 1.000 gelegent­ lich keine eine zwei drei vier oder mehr gesamt keine eine zwei drei vier oder mehr gesamt 162,9 144,6 72,5 20,7 5,4 406,2 128,7 103,3 55,3 20,3 5,9 313,6 8,4 9,5 5,1 4,5 10,7 8,0 10,9 9,5 7,5 8,0 7,3 9,6 täglich 52,3 49,9 50,8 64,9 71,2 52,1 43,6 41,5 47,8 40,2 54,8 43,7 Rauchen von Zigaretten(in%) darunter täglich bis täglich 11 täglich mehr 10 bis 20 als 20 Männer 32,5 10,6 9,2 23,5 14,4 12,0 26,3 11,7 12,9 32,8 15,0 17,0 41,2 20,2 9,8 28,3 12,5 11,3 Frauen 27,0 11,0 22,7 12,6 25,2 14,5 16,2 15,0 37,1 9,9 5,7 6,2 8,1 9,0 7,8 24,7 12,4 6,5 aufgehört 13,8 12,8 13,3 7,6 4,9 12,9 8,6 12,7 9,0 13,7 6,2 10,3 nie geraucht 25,4 27,8 30,8 23,0 13,2 26,9 36,9 36,2 35,7 38,1 31,7 36,4 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. 7.4.2 Auswirkungen beruflicher Belastun­ gen auf Betriebe und Gesundheits­ system Auswirkungen auf betrieblicher Ebene Neben der gesundheitlichen Beeinträchtigung der Er­ werbstätigen sind durch negative Beanspruchungsfolgen auch ernstzunehmende Konsequenzen für die Unter­ nehmen und deren Wirtschaftlichkeitsziele zu erwar­ ten. 92 Beobachtet wurde unter anderem ein Absinken der Arbeitsleistung. 93 Stressfolgen beeinträchtigen die er­ folgreiche Erfüllung von Arbeitsanforderungen und wir­ ken sich negativ auf die Arbeitszufriedenheit aus. So etwa ist laut Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey unter Per­ sonen mit hoher Arbeitsbelastung die Arbeitszufrieden­ heit deutlich niedriger als unter jenen mit mittlerer und vor allem niedriger Arbeitsbelastung. Die subjektive Ar­ beitsbelastung wurde anhand von 18 Einzelitems erho­ ben, die verschiedene Belastungssituationen bei der Ar­ beit beschreiben. Als Beispiele seien Lärm, Monotonie, Zeitdruck, hohe Verantwortung und häufige Konflikte genannt. Erfasst wurde die Intensität dieser Belastungen (Ausprägungen:„stark“,„gering“,„gar nicht“). 92 WEISSGERBER, STROBEL(1999). 93 RICHTER(1997). PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 167 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen Tabelle 7.14: Arbeitszufriedenheit in Wien 1999–2001 nach Arbeitsbelastung/Arbeitsstress und Geschlecht (Erwerbstätige, in Prozent) Arbeitsbelastung, Arbeitsstress gesamt Arbeitsbelastung niedrig mittel hoch Arbeitsstress niedrig mittel hoch gesamt Arbeitsbelastung niedrig mittel hoch Arbeitsstress niedrig mittel hoch Befragte Arbeitszufriedenheit in% niedrig mittel hoch Männer 1.192 31,0 33,7 35,3 311 24,1 32,9 43,1 441 24,2 33,8 42,0 434 42,1 34,4 23,4 364 25,5 31,9 42,6 477 26,2 36,1 37,7 348 43,5 32,4 24,2 Frauen 1.005 32,3 36,5 31,2 418 22,9 36,3 40,8 343 34,2 37,2 28,6 239 45,9 36,0 18,1 298 24,7 36,9 38,4 379 25,9 37,3 36,8 327 46,2 35,4 18,4 Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; eigene Berechnungen. Ebenso negativ wirkt sich subjektiver Arbeitsstress auf die Arbeitszufriedenheit aus. Dieser Indikator wurde aus vier Items gebildet und schließt Aspekte wie Nicht­ Abschalten-Können nach der Arbeit, Erschöpfung und Bedrücktheit aufgrund der täglichen Arbeitssituation mit ein. Erfasst wurde die Häufigkeit solcher Stressmo­ mente(Ausprägungen:„oft“,„gelegentlich“,„selten“, „nie“). Ein Teil der Fehlbeanspruchungen kann von den Be­ schäftigten kurzzeitig kompensiert werden. Auch wenn dadurch die Leistung auf den ersten Blick stabil zu blei­ ben scheint, sind längerfristig Leistungseinbußen zu erwarten. Diese können, bedingt durch häufige Erkran­ kungen und Rückzugstendenzen, vor allem zu erhöh­ ten Fehlzeiten führen. 94 Dies bestätigt sich auch im Mi­ krozensus: In jenen Fällen, wo berufliche Belastungen empfunden werden, sind Erkrankungen, die zur Unter­ brechung der beruflichen Tätigkeit führen, deutlich häufiger. Und zwar nehmen in der Regel solche Erkran­ kungsfälle mit zunehmender Zahl empfundener beruf­ licher Belastungen zu. 94 HOCKEY(1997). 168 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen Tabelle 7.15: Erkrankungshäufigkeit im letzten Jahr in Wien 1999 nach Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Anzahl der Belastungen keine eine zwei drei vier oder mehr gesamt keine eine zwei drei vier oder mehr gesamt Personen in 1.000 Wie oft erkrankt im letzten Jahr?(in%) nie 1-mal 2-mal öfter Männer 162,9 53,5 34,0 10,2 2,2 144,6 54,8 32,2 8,7 4,3 72,5 56,6 29,8 9,9 3,7 20,7 48,2 37,1 8,8 5,9 5,4 38,6 4,5 24,7 32,1 406,2 54,1 32,4 9,8 3,8 Frauen 128,7 58,3 30,1 8,1 3,5 103,3 40,2 42,3 13,8 3,8 55,3 50,8 29,4 12,2 7,6 20,3 45,6 34,7 8,5 11,2 5,9 18,7 33,3 31,5 16,4 313,6 49,4 34,4 11,2 5,1 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Die Analyse der Auswirkungen der einzelnen unter­ suchten beruflichen Belastungen auf die Erkrankungs­ häufigkeit zeigt, dass vor allem schwere körperliche Ar­ beit, Konflikte am Arbeitsplatz und die Mehrfachbelas­ tung durch Haushalt Kinder und Beruf sowie durch Pflegefälle in der Familie und Beruf zu erhöhten Fehl­ zeiten führen. Belastungen aufgrund starken Zeit­ drucks führen lediglich bei den Frauen(nicht aber bei den Männern) zu vermehrter Erkrankungshäufigkeit bzw. häufigeren Fehlzeiten. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 169 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen Tabelle 7.16: Erkrankungshäufigkeit im letzten Jahr in Wien 1999 nach Art der beruflichen Belastung und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Belastung durch schwere körperliche Arbeit starken Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und Pflegefälle in der Familie gesamt schwere körperliche Arbeit starken Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und Pflegefälle in der Familie gesamt Personen in 1.000 Männer nein 315,4 ja 90,8 nein 228,7 ja 177,5 nein 333,1 ja 73,1 nein 380,4 ja 25,8 nein 399,7 ja 6,5 406,2 Frauen nein 263,8 ja 49,8 nein 191,5 ja 122,2 nein 257,0 ja 56,6 nein 252,0 ja 61,6 nein 304,4 ja 9,2 313,6 Wie oft erkrankt im letzten Jahr?(in%) nie 1-mal 2-mal öfter 55,7 32,1 9,6 48,5 33,3 10,5 2,7 7,7 51,8 34,7 10,2 57,0 29,4 9,2 3,4 4,4 54,8 32,2 9,7 51,0 32,9 10,2 3,3 5,9 54,3 33,1 9,3 3,4 51,4 22,0 16,6 10,0 54,0 32,5 58,6 23,2 9,9 3,6 3,2 15,0 54,1 32,4 9,8 3,8 50,7 34,9 10,1 42,5 31,7 16,9 4,3 9,0 52,9 33,1 10,1 44,0 36,3 12,7 3,9 6,9 50,1 34,5 11,0 46,2 33,7 11,8 4,3 8,4 51,2 34,0 10,3 42,1 36,0 14,5 4,5 7,4 50,0 34,1 11,0 4,8 31,2 41,4 14,5 12,8 49,4 34,4 11,2 5,1 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Die Tatsache, dass auch aus der Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kinder und Beruf sowie durch Beruf und Pflegefälle in der Familie vermehrte Fehlzeiten re­ sultieren, zeigt einmal mehr, wie wichtig es auch in Be­ zug auf die Wirtschaftlichkeit von Unternehmen ist, hier Maßnahmen zu forcieren, die zur Entlastung der Betroffenen führen. Auswirkungen auf das Gesundheitssystem Empfundene berufliche Belastungen haben aufgrund der daraus resultierenden gesundheitlichen Einbußen auch eine vermehrte Inanspruchnahme von Leistun­ gen des Gesundheitssystems zur Folge. Wie bereits in den Eingangskapiteln gezeigt wurde, haben psychische Erkrankungen, die zum Teil als Resultat bestehender Arbeitsbedingungen zu werten sind, wesentlichen An­ teil an vorzeitigen Pensionierungen. Anhand des Mikrozensus wird deutlich, dass Erwerbs­ tätige, die unter beruflichen Belastungen leiden, auch häufiger Ärzte bzw. Ärztinnen für Allgemeinmedizin und zum Teil auch Fachärzte bzw. Fachärztinnen kon­ sultieren als Personen, die keine Belastungen verspü­ ren(vgl. dazu Tabelle 7.1 im Anhang). Und zwar nimmt die Häufigkeit der Konsultation von Allgemein­ medizinerInnen in der Regel mit der Zahl der empfun­ denen beruflichen Belastungsfaktoren zu. 170 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen Tabelle 7.17: Häufigkeit der Konsultation eines Arztes/einer Ärztin für Allgemeinmedizin im letzten Jahr in Wien 1999 nach Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Anzahl der Belastungen Personen in 1.000 keine eine zwei drei vier oder mehr gesamt keine eine zwei drei vier oder mehr gesamt 162,9 144,6 72,5 20,7 5,4 406,2 128,7 103,3 55,3 20,3 5,9 313,6 Häufigkeit der Konsultation des Arztes für Allgemeinmedizin(in%) nie 1-mal 2-mal öfter Männer 33,2 18,0 18,6 30,2 27,0 21,6 17,4 34,0 23,7 25,0 20,8 30,6 25,6 13,2 14,0 47,1 17,1 10,3 28,9 43,6 28,7 20,2 18,5 32,7 Frauen 29,7 19,3 16,6 34,5 15,8 20,2 22,9 41,1 18,1 21,4 23,1 37,4 20,8 9,9 17,7 51,7 6,7 10,8 23,2 59,3 22,1 19,2 20,0 38,8 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Eine solche vermehrte Konsultation von ÄrztInnen für Mikrozensus erhobenen beruflichen Belastungen festAllgemeinmedizin ist unabhängig von der Art der im zustellen. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 171 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen Tabelle 7.18: Häufigkeit der Konsultation eines Arztes/einer Ärztin für Allgemeinmedizin im letzten Jahr in Wien 1999 nach Art der beruflichen Belastungen und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Belastung durch schwere körperliche Arbeit starken Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und Pflegefälle in der Familie gesamt schwere körperliche Arbeit starken Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und Pflegefälle in der Familie gesamt Personen in 1.000 Männer nein 315,4 ja 90,8 nein 228,7 ja 177,5 nein 333,1 ja 73,1 nein 380,4 ja 25,8 nein 399,7 ja 6,5 406,2 Frauen nein 263,8 ja 49,8 nein 191,5 ja 122,2 nein 257,0 ja 56,6 nein 252,0 ja 61,6 nein 304,4 ja 9,2 313,6 Häufigkeit der Konsultation des Arztes für Allgemeinmedizin(in%) nie 1-mal 2-mal öfter 28,9 20,6 18,8 31,6 27,8 18,6 17,4 36,3 30,9 19,0 18,0 32,1 25,8 21,8 19,1 33,3 30,4 19,8 18,1 31,7 20,8 21,9 20,3 37,1 29,2 20,0 18,4 32,3 21,1 22,4 19,0 37,5 28,8 20,4 18,5 32,4 21,2 9,0 18,8 51,1 28,7 20,2 18,5 32,7 23,3 19,6 20,0 37,2 15,8 16,8 20,2 47,2 25,1 19,4 18,3 37,3 17,4 18,9 22,6 41,1 22,9 19,8 19,5 37,7 18,3 16,3 22,1 43,3 23,7 19,7 19,5 37,1 15,6 17,1 21,9 45,4 22,2 19,2 19,8 38,8 16,9 20,4 24,7 38,0 22,1 19,2 20,0 38,8 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Wichtigste AnsprechpartnerInnen sind bei den aus beruflichen Belastungen resultierenden Beanspruchungs­ folgen die AllgemeinmedizinerInnen. Eine vermehrte Konsultation von FachärztInnen ist erst bei Vorhan­ densein einer Vielzahl(vier oder mehr) beruflicher Be­ lastungen festzustellen. 172 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Auswirkungen Grafik 7.6: Häufigkeit der Konsultation von FachärztInnen* im letzten Jahr in Wien 1999 nach Anzahl der beruf­ lichen Belastungen und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent**) 100,0 80,0 Männer öfter 2-mal 1-mal nie 60,0 Prozent 40,0 20,0 0,0 keine eine zwei drei vier oder gesamt mehr Berufsbelastungen 100,0 Frauen 80,0 60,0 40,0 öfter 2-mal 1-mal nie Prozent 20,0 0,0 keine eine zwei drei vier oder gesamt mehr Berufsbelastungen * Mit Ausnahme von InternistInnen. ** Die genauen Werte sind der Tabelle 7.2 im Anhang zu entnehmen. Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 173 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Mobbing 7.5 Mobbing – ein Situationsbericht 2004 aus Wien Dr. Brigitte SCHMIDL-MOHL Zusammenfassung In den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhun­ derts wurde das zunehmend aggressive Verhalten zwischen Beschäftigten(Entwertung, persönliche Angriffe, Schikanen, Ausgrenzung, Benachteiligung, Isolierung) erstmals erforscht. Die beschriebenen Verhaltensweisen verfolgen das Ziel, die angegriffe­ ne Person aus dem Arbeitsverhältnis auszustoßen. Dieses Phänomen wurde als Mobbing bezeichnet. Auffallend in Mobbingverläufen ist die kühle, strate­ gische Planung auf TäterInnenseite und die hoch­ gradige Emotionalisierung auf der Opferseite. Verursacht wird Mobbing auf der betrieblichen Ebene – durch„Organisationsstress“, durch man­ gelndes Führungsverhalten, durch die„exponierte Stellung“ des Betroffenen(häufig: besonders enga­ gierte MitarbeiterInnen) – und nicht durch die Persönlichkeit des Opfers. Mobbingvorgänge zeigen ein typisches Verlaufs­ schema: Zu Beginn des Mobbingprozesses wird das Opfer zunehmend entwertet. Damit wird die Grundlage geschaffen, spätere Aggressionen ohne Schuldgefühle durchführen zu können. Danach wird das Mobbingopfer isoliert und öffentlich lä­ cherlich gemacht. In der Endphase erfolgt das Hin­ ausdrängen der Zielperson durch Beschuldigun­ gen, psychisch krank zu sein, durch Zwangsbegut­ achtungen oder durch körperliche Attacken. Die Betroffenen bilden im Mobbingverlauf zu­ nehmend eine stressassoziierte Symptomatik aus: Konzentrationsprobleme, Gedächtnisstörungen, Gedankenkreisen, Selbstunsicherheit, Selbstzweifel, Verzweiflung, Angstzustände, Überaktivität oder Rückzug und Depressivität; u. U. Aggressivität, Überempfindlichkeit und Selbstmordgedanken. Zu­ dem kommt es im Mobbingverlauf auch häufig zu körperlichen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Di­ abetes, Allergien, Asthma und Erkrankungen des Bewegungsapparates. Summary: Excursus: Mobbing – The situa­ tion in Vienna In the 1980s and 1990s, research began on the in­ creasingly aggressive behaviour among co-workers (discrediting, personal attacks, emotional abuse, marginalization, discrimination, isolation). This behaviour aims at bullying the victim into leaving the workplace. The phenomenon has been called “mobbing”. Characteristics of mobbing situations are the calculating, strategic planning by the aggres­ sors and the extreme emotional reactions of the vic­ tims. Mobbing is caused at the organizational level, by “organizational stress”, lack of leadership, the ex­ posed position of the victim(they are often particu­ larly committed and active employees), and has nothing to do with the personality of the victim. Mobbing situations follow a typical course: In the beginning, the victim is progressively discredited. This lays the groundwork for later aggressions with­ out feelings of guilt on the aggressor’s side. The vic­ tim is then isolated and ridiculed publicly. Finally the victims are bullied into leaving the workplace by calling them mentally ill, through continuous(nega­ tive) appraisal of the person or their work or through physical attacks. Mobbing victims develop stress symptoms which in­ crease in severity as the mobbing continues: concen­ tration and memory problems, thinking in circles, insecurity, self-doubts, desperation, anxiety attacks, hyperactivity or withdrawal, depressive moods, sometimes also aggression, hypersensitivity, or sui­ cidal thoughts. Somatic problems such as hyperten­ sion, diabetes, allergies, asthma and disorders of the locomotor system also frequently occur in mobbing victims. 174 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Mobbing Laut einer in den 90er Jahren in Österreich durch­ geführten Untersuchung beträgt die Betroffen­ heitsquote in Österreich 4,4 bis 7,8 Prozent. Ge­ schlechtsspezifische Unterschiede wurden dabei nicht festgestellt. Der deutsche Mobbingreport (2000) kommt zu einer aktuellen Mobbingquote von 2,7 Prozent sowie zu einer Gesamtmobbing­ quote(diese inkludiert alle jemals Gemobbten) von 11 Prozent. A study conducted in Austria in the 1990s shows that the mobbing rate in Austria is between 4.4 and 7.8 percent. No gender-specific differences were found. The German Mobbingreport(2000) reports a current mobbing rate of 2.7 and a total mobbing rate (including mobbing in the past) of 11 percent. 7.5.1 Zur Begriffsbestimmung Der Begriff Mobbing wurde erstmalig von dem schwe­ dischen Arzt Peter Paul HEINEMANN verwendet, um in einer Studie über Jugendliche und deren Gruppen­ verhalten gewaltsame Rituale zu beschreiben. 95 In den 80er und 90er Jahren griff Heinz LEYMANN, der Forschungsleiter am schwedischen Reichsinstitut für Arbeitswissenschaften, diesen Begriff auf. Er bezeichne­ te damit ein Phänomen, das quer durch alle beschäftig­ ten Gruppen unserer Arbeitswelt zu beobachten war: zunehmend schien aggressives Verhalten zwischen den Beschäftigten eine Rolle zu spielen. Seine Untersu­ chungsgruppe stellte fest, dass alle Arbeitsbereiche durch persönliche Angriffe, Schikanen, Ausgrenzungen und massive Benachteiligungen geprägt waren, wo­ durch systematisch und zielgerichtet einzelne Personen isoliert und zermürbt wurden. LEYMANN untersuchte einerseits die Konsequenz für die betroffenen Personen, andererseits die betriebs­ und volkswirtschaftlichen Kosten, die er in Milliarden­ höhe ansetzte. In Skandinavien wurden Studien in ein­ zelnen Unternehmen(Kindergärten, Sägemühlen, Stahlwerke) sowie in Organisationen gemacht. In den von LEYMANN veröffentlichten Studien(1990, 1992, 1995) zeigte sich ein sehr heterogenes Bild bezüglich der Betroffenenquote: Im niedrigsten Fall lag sie bei 1,7 Prozent und im höchsten Fall bei 22 Prozent. Mobbing schien die griffigste Bezeichnung für die Verhaltens­ phänomene, die LEYMANN in der Arbeitswelt vorfand. Der Begriff leitet sich nicht – wie die meisten Autoren annehmen – vom englischen„to mob“: anpöbeln, attackieren, sondern vom schwedischen„mobba“ ab. „Mobba“ bedeutet angreifen, schikanieren. Im eng­ lischsprachigen Raum sind die Begriffe„bullying“ und „harassement“ gebräuchlich, während der Begriff „mobbing“ meist unbekannt ist. LEYMANN formulierte eine noch immer gängige Defi­ nition dessen, was Mobbing von anderen Konflikttypen unterscheidet. Er entwickelte einen Fragebogen mit 45 Items, der die verschiedenen Mobbingstrategien auf­ zeigt. 1992 veröffentlichte LEYMANN das Ergebnis einer re­ präsentativen Erhebung zum Thema Mobbing in Schwe­ den. Es wurden 2.500 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren befragt. Das Ergebnis zeigte, dass 3,5 Prozent der in Schweden Erwerbstätigen gemobbt wurden. In der Folge machte LEYMANN diese Forschungsergebnisse nicht nur in Skandinavien, sondern auch im deutsch­ sprachigen Raum bekannt. Seit Anfang der 90er Jahre ist das Thema im deutschsprachigen Raum zu einem kon­ troversiellen Diskussionsgegenstand geworden. Die erste Mobbinguntersuchung in Österreich wurde von Klaus NIEDL Anfang der 90er Jahre durchgeführt. NIEDL war Wirtschaftswissenschafter und untersuchte zwei Einrichtungen: ein privates Forschungsinstitut(in dem 251 Beschäftigte befragt wurden) und eine öffent­ liche Krankenanstalt(in der 1.264 Beschäftigte befragt wurden). Die Untersuchungen fanden 1992 und 1993 statt und wurden von NIEDL 1995 veröffentlicht. Sie ergaben, dass auch im deutschsprachigen Raum bzw. in Österreich Mobbing existiert und zwar mit einer Be­ troffenheitsquote von 4,4 bis 7,8 Prozent. In der damali­ gen Studie wurde festgestellt, dass Frauen und Männer 95 HEINEMANN(1976). PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 175 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Mobbing gleichermaßen betroffen sind. Die Gefahr, gemobbt zu werden, erwies sich jedoch in bestimmten Lebensaltern unterschiedlich hoch: Besondere Gefahr schien für Be­ troffene zwischen 21 und 30 Jahren zu bestehen, dann wieder zwischen dem 51. und 60. Lebensjahr. Nach diesen Studien von NIEDL konnte in Österreich keine weitere definierte Mobbinguntersuchung mehr gemacht werden. Es existiert nur noch eine Diplomar­ beit zur Situation der Lehrer, die sich mit diesem Phä­ nomen auseinandersetzt. 96 Im Gegensatz dazu wurden in der Bundesrepublik Deutschland Ende der 90er Jahre mehrere Studien ver­ öffentlicht, vor allem von ZAPF 97 , MINKEL(1996) und KULLA et al.(1997). Dies waren jedoch keine bundes­ weit repräsentativen Erhebungen. Deutlich ablesbar waren jedoch Gemeinsamkeiten in der Häufigkeit von Mobbinghandlungen und gravierende gesundheitliche Folgen für die Mobbingbetroffenen. 2002 wurde von MESCHKUTAT, STACKELBECK und LANGENHOFF in der Bundesrepublik„Der Mobbing­ report“, eine Repräsentativstudie für die Bundesrepub­ lik Deutschland, veröffentlicht. Es wurde ermittelt, mit welchen Feindseligkeiten Betroffene konfrontiert wur­ den, wie oft sie attackiert wurden, wie lange der Ge­ samtprozess dauerte und welche Betroffenheitsquote bestand. Darüber hinaus wurde den Bewältigungsfor­ men und Bewältigungsstrategien der Betroffenen nach­ gegangen. In der Studie wurde versucht, mobbingbe­ günstigende innerbetriebliche Faktoren herauszuarbei­ ten und Motive festzustellen. Abschließend wird im Mobbingreport eine dezidierte Empfehlung zur Prä­ vention abgegeben. Insgesamt waren bis zum Stichtag, dem 9. August 2001, für den deutschen Mobbingreport 1.317 verwertbare Fragebögen beurteilt. 7.5.2 Zur genauen Begriffsbestimmung von Mobbing Konflikte am Arbeitsplatz und deren Bewältigung durch die Betroffenen sind inhärenter Bestandteil jedes Arbeitslebens. Diese allgemeine Erfahrung führt häufig dazu, dass in der öffentlichen Rezeption Vorgänge, die heute mit dem Etikett Mobbing versehen werden, als durch das Opfer hervorgerufen betrachtet werden. „Dieser/Diese ist eben nicht konfliktfähig“, hört man oft. Häufig wird sogar eine primär gestörte Persönlich­ keit oder psychische Erkrankung als Ursache für das Auftreten von Mobbing angenommen: Einerseits ver­ dächtigt man die TäterInnen psychisch abnorm und ei­ gentlich„böse“ zu sein, andererseits werden die Opfer oft als primär gestört betrachtet. Diese Ansichten be­ gründen sich in den seltensten Fällen auf realer Erfah­ rung oder gar auf wissenschaftliche Untersuchungen, sondern entsprechen Vorstellungen, die davon ausge­ hen, dass„niemand nur zufällig zum Opfer wird“ und „Täter grundsätzlich böse sind“. Wissenschaftlich ge­ sehen weiß man seit den Experimenten der 70er Jahre (Millgrim-Experiment, Stanford-Experiment), dass die überwiegende Mehrzahl der Menschen unter besonde­ ren gruppendynamischen Voraussetzungen zu Täte­ rInnen werden können und die Opferrolle meist durch die Umstände und nicht die Persönlichkeit der Betrof­ fenen definiert wird. Die seit den 80er Jahren zum Thema Mobbing durchge­ führten Untersuchungen zeigen ein entsprechendes Bild. Menschen, die bis zu einem bestimmten Zeit­ punkt gut zusammenarbeiten konnten, und Personen, die niemals in Frage gestellt worden waren(„der Kolle­ ge ist o.k.“), entwickeln ab einem bestimmten Punkt eine Dynamik, in der ein/e MitarbeiterIn zunehmend in einen so genannten Sündenbock-Status gerät, während sich die übrigen Kollegen immer aggressiver dem Hin­ ausdrängen und Vernichten dieses Sündenbocks wid­ men. Ein interessantes Faktum ist die Veränderung der Ansichten und Haltungen über die gemobbte Person, die sich im Laufe des Mobbingvorganges verändert. Häufig ist die/der ArbeitskollegIn vor Beginn der Mob­ bingabläufe ein anerkanntes Mitglied der Arbeitsgrup­ pe. Während des Mobbingverlaufes beginnen sich My­ then über diese Person zu bilden, die schließlich zu ei­ ner extrem veränderten Wahrnehmung der Person führen.(Von„Er/Sie ist in Ordnung“ über„Der Kolle­ ge/Die Kollegin ist aber schon anstrengend“ bis zu„Die Person muss ja psychisch krank sein.“) Das Phänomen Mobbing lässt sich im Gesamtverlauf (von Beginn bis Ende des Verlaufs) von üblichen Kon­ fliktverläufen durchaus unterscheiden: Ein eskalierender Konflikt, mit dem Mobbing oft selbst von Fachleuten gleichgesetzt wird, ist von beiden Seiten meist mit einem 96 TRAMPITSCH, F.(1996), Mobbing am Arbeitsplatz Schule, Universität Klagenfurt. 97 ZAPF(1996); ZAPF, RENNER et al.(1996); ZAPF, BÜHLER(1998); ZAPF, WEINDL(1998); ZAPF, OSTERWALDER(1998). 176 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Mobbing Höchstmaß an emotionaler Beteiligung geführt. Auffal­ lend in Mobbingverläufen ist die kühle, strategische Pla­ nung auf TäterInnenseite und die hochgradige Emotio­ nalisierung bzw. die zunehmende Emotionalisierung auf Betroffenenseite. Dies scheint einer der Gründe zu sein, warum TäterInnen wesentlich„glaubwürdiger“ bzw. „sympathischer“ wirken als Betroffene/Opfer. Definition Unter Mobbing wird eine konfliktbelastete Kommunika­ tion am Arbeitsplatz unter KollegInnen oder zwischen Vorgesetzten und Untergebenen verstanden, bei der die angegriffene Person unterlegen ist und von einer oder mehreren Personen systematisch und während längerer Zeit mit dem Ziel und/oder Effekt des Ausstoßens aus dem Arbeitsverhältnis direkt oder indirekt angegriffen wird und dies als Diskriminierung empfindet. 98 LEYMANNS Definition aus dem Jahr 1995 scheint trotz mehrfacher Versuche anderer Autoren, griffigere Defi­ nitionen zu finden, noch immer die brauchbarste zu sein. Sie enthält vier grundlegende Unterscheidungs­ merkmale zwischen Mobbingvorgehen und Konfliktge­ schehen: 1. Es wird bei Mobbing die angegriffene Person als unterlegen definiert; in Konflikten sind die Kontra­ henten häufig durchaus gleichwertig. 2. Die Angriffe erfolgen beim Mobbing systematisch, während durch die Emotionalisierung beider Kon­ trahenten im Konflikt sehr oft unsystematische An­ griffe von beiden Seiten abgegeben werden. 3. Auch die etwas schwammige Definition„während längerer Zeit“(LEYMANN hatte primär einen Zeit­ rahmen von sechs Monaten vorgeschlagen, dies wurde jedoch im Laufe der weiteren Forschung ver­ worfen) hilft beim Abgrenzen von punktförmigen Konflikten oder einzelnen kommunikativen„Aus­ rutschern“. 4. Die Beschreibung, dass Mobbing immer mit dem Ziel und/oder Effekt des Ausstoßes aus dem Ar­ beitsverhältnis einhergehe, erscheint als der we­ sentlichste Unterschied zu Alltagskonflikten, schlechtem Führungsverhalten oder auch gezielter sexueller Belästigung. Insgesamt lässt sich sagen, dass Mobbing als Spezialform aggressiven Grup­ penverhaltens unter speziellen stressreichen Situa­ tionen verstanden werden kann. 7.5.3 Wann kann Mobbing entstehen? Der deutsche Mobbingreport weist darauf hin,„dass Fakten, die den Nährboden für Mobbing bilden kön­ nen, auf der betrieblichen Ebene Aspekte der Arbeits­ organisationen, der Arbeitsgestaltung, Reorganisation, das Führungsverhalten und die Organisationskultur“ sind. Diese Faktoren sind in der Regel entscheidend beim Entstehen von Mobbing. Persönliche Disposition aller beteiligten Personen, wie Wertvorstellungen oder persönliches Verhaltensrepertoire, können unter Um­ ständen dazu beitragen, wie mit Schwierigkeiten am Arbeitsplatz umgegangen wird. Dies steht im Gegen­ satz zu landläufigen Meinungen über die„Selbstverur­ sachung“ von Mobbing. ZAPF hat in einem Artikel 1999 festgestellt, dass Mob­ bing sehr oft durch falsches Verständnis von Führungs­ verhalten gefördert wird: Die Managementstrategien der 90er Jahre betrachteten das Untermauern der eige­ nen Machtposition durch Schikanen gegenüber Mitar­ beiterInnen, das Verdecken eigener Unzulänglichkei­ ten, die Etablierung eines Sündenbocks, die direkte Weitergabe des Drucks von oben oder auch den Abbau von persönlichen Frustrationen als durchaus legitim. Insgesamt kann man sagen, dass sich hier vier Katego­ rien – in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit – als Verur­ sacherprinzipien herauskristallisiert haben: 1. Der so genannte„Organisationsstress“, das sind ar­ beitsorganisatorische Defizite, informelle Personal­ politik, geplanter Personalabbau, Firmenfusionie­ rungen, aber auch intransparente Entscheidungs­ prozesse. 2. Mangelndes Führungsverhalten bzw. mangelnde Handlungskompetenz Vorgesetzter bei sozialen Konflikten. 3. Die so genannte schwache oder besonders exponierte Stellung des Betroffenen im gesamten gruppendyna­ mischen Prozess. Dabei ist unter„sozial schwach“ oder„exponierte Stellung“ nicht eine persönliche Schwäche des Betroffenen gemeint, häufig sind be­ sonders engagierte und innovative Mitarbeiter in die­ ser so genannten exponierten Stellung, wenn sie neue Ideen ohne entsprechende Förderung und Stützung der Vorgesetztenebene zu verwirklichen suchen. 4. Personelle Disposition aller beteiligten Individuen kann(auch nach dem deutschen Mobbingreport) 98 LEYMANN(1995). PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 177 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Mobbing zwar dazu beitragen, wie mit Schwierigkeiten am Arbeitsplatz umgegangen wird, sind jedoch als ei­ gentlicher„Mobbinggrund“ zu vernachlässigen. Innerhalb der beschriebenen organisatorischen Stress­ situationen kommt es bei Einzelpersonen oder einer Kleingruppe scheinbar zu subjektiven Bedrohungs­ phantasien: Es wurden Motive wie Angst um den Ar­ beitsplatz oder die eigene Position, aber auch Angst, dass der soziale Status, das soziale Ansehen gefährdet sein könnte, festgestellt. Phantasierte Handlungs- und Entscheidungseinschränkungen oder die Befürchtung, Sicherheit und Anerkennung könnten gefährdet sein, dienen manchmal als subjektive Motivation für den Be­ ginn von Mobbinghandlungen. 7.5.4 Zum Verlauf von Mobbing Die gruppendynamischen Vorgänge, die als Mobbing bezeichnet werden können, zeigen über eine größere Zeitspanne hinweg ein typisches Verlaufsschema. Dies ist von mehreren Autoren beschrieben worden. Eine dieser Einteilungen ist nach BJÖRNQUIST durch drei Phasen gekennzeichnet. 1. Phase: Es beginnt mit indirekt schwer fassbaren Methoden der Aggression. Das Opfer wird zunehmend entwertet, schließlich auch für die bestehende Lage verantwort­ lich gemacht. 2. Phase: Nun findet direkte Aggression statt: Alle hacken auf dem Sündenbock herum. Das Opfer wird entwertet, isoliert, öffentlich lächerlich gemacht, und es kommt zu Gewaltandrohungen. Wesentlich ist in Phase 2, dass die vorangegangene Entwertung der betroffenen Person den anderen die Möglichkeit gibt, ohne Schuldgefühle aggressive Handlungen durchzuführen. 3. Phase: Es wird versucht, die Zielperson hinauszudrängen. Man beschuldigt sie, psychisch krank zu sein, unterzieht sie Zwangsbegutachtungen, in manchen Fällen kommt es sogar zu direkten körperlichen Attacken. Die Betroffenen haben im Verlauf des scheinbaren Kon­ fliktes alle ihre im bisherigen Leben erworbenen Kon­ fliktmanagementstrategien, Coping-Strategien und Be­ wältigungsmuster durchprobiert und werden im Ver­ lauf der Zeit zunehmend erschöpfter, verletzlicher und angespannter. Ihre Möglichkeiten, die Attacken durch persönliche Verhaltensstrategien zu kompensieren und mit der verletzenden Situation zurechtzukommen, nehmen im Verlauf der Zeit ab. Die Betroffenen bilden zunehmend eine stressassozierte Symptomatik aus. 7.5.5 Folgen für die Betroffenen/Opfer Gegen Ende eines Mobbinggeschehens zeigen betroffene Personen in der Regel eine außerordentlich starke Beein­ trächtigung ihres Befindens. Vereinfacht formuliert, Mobbing bewirkt Dauerstress, der zum Verlust von Ge­ sundheitspotenzialen und schließlich zum sozialen Aus­ schluss führt. Für den Laien erkennbar zeigt der Ge­ mobbte nach einer gewissen Zeit Konzentra­ tionsprobleme, manchmal Gedächtnisstörungen, neigt zum Gedankenkreisen mit Inhalten der durchgemachten Erlebnisse und zeigt entweder offensives„dauernd darü­ ber reden Wollen“ oder deutlichen sozialen Rückzug. Das Opfer zeigt immer stärkere Selbstunsicherheit und äußert Selbstzweifel oder Gefühle der Verzweiflung. Öf­ fentliche Weinkrämpfe können vorkommen, depressive Symptomatik wird selbst für den Laien sichtbar. Ande­ rerseits können gereizte, aggressive Stimmungen auftre­ ten. Das betroffene Opfer kann rastlos wirken und Hektik ausstrahlen. Es wirkt überempfindlich und übersensibel, manchmal auch paranoid. Geäußerte Suizidgedanken müssen unbedingt ernst genommen werden. Aus medizinischer Sicht können psychiatrische Krank­ heitsbilder wie akute Belastungsreaktion(ICD-10 ) auftreten. Dies ist eine vorübergehende psy­ chische Störung, die einen beträchtlichen Schweregrad erreichen kann und stellt so etwas Ähnliches wie einen psychischen Schockzustand dar. Dieser Zustand kann vom Betroffenen normalerweise innerhalb weniger Ta­ ge selbst bewältigt werden. Die Leitsymptome sind nach anfänglicher Betäubung panische Angstzustände mit vegetativen Zeichen(Herzklopfen, schwitzen, zittern), Ärger, Verzweiflung, Überaktivität oder Rückzug, manchmal auch Bewusstseinseinengung, Unfähigkeit, Reize zu verarbeiten und Desorientiertheit. Weiters kann eine so genannte Anpassungsstörung (ICD-10) entstehen. Diese folgt bei prädispo­ nierten Personen entscheidenden Lebensveränderun­ gen und hat emotionale Beeinträchtigung zur Folge, die auch die soziale Funktion und die allgemeine Leis­ tungsfähigkeit behindert. Wesentliches Leitsymptom 178 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Mobbing ist das Gefühl, unmöglich zurechtzukommen, voraus­ zuplanen oder in der gegenwärtigen Situation weiterzu­ machen. Es sind bereits Einschränkungen in der Be­ wältigung der alltäglichen Routinen feststellbar und der Betroffene leidet an Angst vor Kontrollverlust(z. B. vor Gewaltausbrüchen). Am häufigsten findet sich jedoch die posttraumatische Belastungsstörung(ICD-10). Länger andau­ ernde Mobbingverläufe sind ebenso traumatisierend wie Flugzeugabstürze, Vergewaltigungen und Erdbe­ ben. Die Symptome gleichen einander: Alpträume, Flashbacks, Teilnahmslosigkeit der Umgebung gegen­ über, Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerung hervorrufen, akute Ausbrüche von Angst oder auch Aggression, übermäßige Schreckhaftigkeit, vegetative Übererregbarkeit mit Vigilanzsteigerung, aber auch depressive Reaktionen und Gefühlsabstump­ fung können auftreten. Aufgrund des langandauernden Verlaufes, den Mob­ bingvorgänge häufig zeigen, und des jahrelangen Lei­ densweges, den Mobbingopfer durchmachen, ist die posttraumatische Störung nach Mobbing oft schlechter behandelbar als nach anderen so genannten großen Traumata. In nicht wenigen Fällen führt bei Mobbingopfern die Traumatisierung schließlich zu einer perma­ nenten Persönlichkeitsveränderung und ist auch unter Beruhigung der Situation(Frühpension) nicht mehr rückgängig zu machen. Häufig kommt es im Mobbingverlauf auch zum Auftre­ ten von körperlichen Erkrankungen. Man findet ge­ häuft Bluthochdruck, den Ausbruch von diabetischer Erkrankung oder Atemwegserkrankungen und allergi­ sche Erkrankungen wie Asthma. Schmerzsyndrome – vor allem den Schultergürtel und die Wirbelsäule be­ treffend – finden sich gehäuft. All dies zeigt auf, welch volkswirtschaftlichen Schaden ein aggressives gruppendynamisches Phänomen wie Mobbing anrichten kann. Schätzungen in diesem Be­ reich und phantasievolle Rechnungen existieren(z. B. 72.000 Euro Kosten/Mobbingfall laut ÖGB Aussendun­ gen) und haben mit Sicherheit bereits in den 90er Jah­ ren die deutsche Wirtschaft in einigen Bereichen zum Umdenken motiviert. Der finanzielle Verlust durch qualifizierte Arbeitskräfte, die hinausgedrängt wurden, die verlorene Arbeitszeit, die durch das Planen von Mobbingstrategien zustande kommt, als auch die Fluktuation an MitarbeiterInnen führte dazu, dass große Betriebe wie VW Gegenstrate­ gien einleiteten. Eine erste Betriebsvereinbarung gegen Mobbing wurde von VW 1996 ins Leben gerufen. Darin wird nicht nur ein Bekenntnis zum„Nicht-Mobben“ ab­ gelegt, sondern auch klargestellt, welchen Beschwerde­ weg Betroffene/Opfer gehen müssen und können, um zu ihrem Recht zu kommen. Dies war im deutschsprachi­ gen Raum richtungsweisend für den künftigen Umgang zur Kontrolle des Phänomens Mobbing. Viele Mobbingbetroffene sind jedoch in einer Situation, in der sie weder klare Vorgehensschritte noch irgend­ welche Unterstützung durch den Betrieb/die Organisa­ tion erfahren. In manchen Fällen sind so grobe arbeits­ rechtliche Verletzungen als Mobbingstrategie ange­ wandt worden, dass Gewerkschaften oder Arbeiter­ kammer die Betroffenen/Opfer mittels Rechtshilfe un­ terstützen. Immer wieder gehen solche Prozesse jedoch nicht zugunsten der Betroffenen/des Opfers aus(unter Umständen bedeutet dies den letzten Schritt einer nachhaltigen Traumatisierung). 7.5.6 Situation in Wien Seit dem Jahr 1995 konnte keine einzige mobbingspezi­ fische Untersuchung in einem Betrieb in Österreich bzw. Wien gemacht werden. Firmen genauso wie öf­ fentliche Institutionen schmetterten das Ansinnen nach einer Untersuchung, ob in ihrem Betrieb gemobbt würde, mit der Begründung ab, dass„so etwas in ihrem Einflussbereich nicht vorkäme“. Das Thema wurde zwar von den Medien begeistert aufgegriffen, trug aber eher zur Verwässerung des Begriffs bei. SMUTNY und HOPF beschreiben dies in ihrem neu erschienenen Buch„Ausgemobbt!“ folgendermaßen: „Nicht schon jede Differenz am Arbeitsplatz jede Spannung jeder Streit jeder böse Scherz jede Unverschämtheit jede Intrige jede Tuschelei ist bereits Mobbing.“ Diese Verwässerung des Begriffes führte dazu, dass vie­ le mit dem Problem befasste Arbeitsmediziner, Ge­ werkschafter und Personalvertreter sich immer wieder schwer tun, Mobbing nicht den Betroffenen anzulasten. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 179 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Mobbing Allerdings muss festgestellt werden, dass vor allem im Bereich Personalvertretung und Gewerkschaft viele Schulungen zum Thema Mobbing stattfanden. Dies trug mit Sicherheit zu einer größeren Aufmerksamkeit gegenüber dem Thema Mobbing bei. Schuldigen und ähnlichem greifen. Es ist daher zu be­ grüßen, dass seit einiger Zeit in Graz und nun auch in Wien Ausbildungsseminare zum Mobbingberater an­ geboten werden, allerdings müsste die Qualität dieser Ausbildung selbst noch evaluiert werden. Seit Ende der 90er Jahre kam es zunehmend zur Ein­ richtung von Mobbingberatungsstellen in öffentlichen und privaten Institutionen. Beispiele sind die Mob­ bingberatung des ÖGB, das Zentrum für Mobbingbera­ tung und Konfliktlösung am Arbeitsplatz von der Ar­ beiterkammer und die Beratungsstellen an den Wiener Universitäten(z. B. Beratungsstelle der Universität Wien gegen sexuelle Belästigung und Mobbing für Uni­ versitätsangehörige in der Maria-Theresien-Str.3/1). Auch die Wiener Ärztekammer bietet unter einem Na­ men und einer Telefonnummer Mobbingberatung an. Eine angebliche Mobbingberatungsstelle an der Univer­ sitätsklinik für Psychiatrie hat nie existiert und zieht sich als Falschinformation durch diverse Broschüren. Alle diese Beratungsstellen geben nur sehr vage an, in wel­ chem Ausmaß sie kontaktiert werden. Bisher wurden keine Statistiken über Klientenkontakte oder Verlaufsbe­ richte von betreuten Mobbingfällen veröffentlicht. Zusätzlich zum institutionellen Bereich existiert in Wien eine Vielzahl von in Privatordinationen tätigen Psy­ chotherapeutInnen und ÄrztInnen, die Mobbingbera­ tung und-behandlung anbieten. Dazu kommen ver­ schiedene Firmen im Bereich Organisationsberatung und-entwicklung, die unter dem Stichwort Mobbing Seminare für Firmen und Institutionen anbieten. Ins­ gesamt ist festzustellen, dass der Anbietermarkt für die Betroffenen unübersichtlich ist, die Zusammenarbeit mit den öffentlichen Institutionen für manche sehr be­ friedigend, für andere nachhaltig unbefriedigend ver­ läuft. Statistiken über die Kundenzufriedenheiten sind bisher nicht veröffentlicht. Insgesamt fällt auf, dass alle Aussagen über Mobbing in Österreich einerseits auf den alten Arbeiten von Klaus NIEDL fußen, andererseits die Kenntnisse einzelner Mobbingberater aus ihrem persönlichen Erfahrungs­ bereich stammen. Ein weiteres Problem ist die nicht nachvollziehbare Kenntnislage der selbsternannten Mobbingberater, da davon ausgegangen werden muss(Hinweis durch Ein­ zelaussagen Betroffener), dass einige Berater zu grenz­ wissenschaftlichen Methoden wie Auspendeln des Ende der 90er Jahre wurden in Wien erstmalig Versu­ che, Mobbing mittels Betriebsvereinbarung in den Griff zu bekommen, unternommen(Betriebsvereinbarung der CA 1999/2000). Im Jahr 2003 wurde im Bundesmi­ nisterium für Soziales die erste Betriebsvereinbarung gegen Mobbing unter dem Namen„Fair play“ ins Le­ ben gerufen. Dies ist insofern als Meilenstein zu be­ trachten, da es sich österreichweit um die erste Be­ triebsvereinbarung gegen Mobbing im öffentlichen Dienst handelt. Inwieweit dieses Pilotprojekt auch für weitere öffentliche Betriebe als Vorbild dienen kann, wird die Zukunft weisen. Zusammenfassend lässt sich die Situation in Wien fol­ gendermaßen beschreiben: Als einzige wissenschaftli­ che Untersuchung liegt die Veröffentlichung von NIEDL aus dem Jahr 1995 vor, die von einer Betroffenheitsquo­ te von 4,4 bis 7,8 Prozent der Befragten ausging. Dies wurde in keiner weiteren Untersuchung in Wien oder Österreich verifiziert oder falsifiziert. Zum Vergleich bleiben nur die Daten aus dem deutschen Mobbingre­ port des Jahres 2002, der die Mobbingquote für Deutschland differenziert aufschlüsselt. Dort wird zwi­ schen aktueller Mobbingquote, die„nur“ bei 2,7 Pro­ zent liegt und der Mobbingquote der Erwerbstätigen des gesamten Jahrs 2000, die bereits bei 5,5 Prozent liegt, unterschieden. Zusätzlich wird im deutschen Mobbing­ report noch eine so genannte Gesamtmobbingsquote der Erwerbstätigen angeführt, die bei 11 Prozent liegt (die gesamte Betroffenheitsquote beinhaltet alle jemals gemobbten Befragten). Der deutsche Mobbingreport zeigt auf, dass zwischen den einzelnen Ländern und Kulturkreisen sehr wohl Unterschiede bestehen. Im deutschen Mobbingreport finden sich eindeutige Unterschiede zu den Arbeiten von NIEDL, aber auch zu LEYMANN. Im deutschen Mobbingreport wird z. B. erstmalig von einer höheren Quote weiblicher Opfer gesprochen. Die Wiener Situation betreffend ist daher anzumerken, dass die Daten von NIEDL zwar als Richtschnur dienen können, jedoch dringend einer weiteren Überprüfung bedürfen. 180 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Mobbing Die Schaffung von Mobbingberatungseinrichtungen ist mit Sicherheit ein wichtiger Schritt, um die Betroffenen aus der Hilflosigkeit und Isolation ihrer Situation her­ auszuholen. Allerdings bedarf es erstens qualifizierter Berater und zweitens eines genauen Evaluierens von Klientenkontakten, dokumentierten Fällen und Ver­ läufen. Nur auf diese Weise können die Einrichtungen verbessert und die Effektivität für die Hilfesuchenden gesteigert werden. Da viele Mobbingbetroffene/Opfer zusätzlich an psy­ chischen und körperlichen Erkrankungen leiden, ist ei­ ne qualifizierte ärztliche und psychotherapeutische Be­ handlung der Betroffenen zu gewährleisten. Die Listen der Behandelnden, die in verschiedenen Mobbingbera­ tungsstellen aufliegen und weitergegeben werden, soll­ ten daher nur qualifizierte MedizinerInnen und Thera­ peutInnen, die über Mobbing und seine Folgen Be­ scheid wissen, beinhalten. 7.5.7 Empfehlungen Aufgrund des unbefriedigenden Datenstandes wäre es wünschenswert, nach dem Vorbild des deutschen Mob­ bingreportes eine wienweite Mobbingstudie durchzu­ führen. Mithilfe einer sauberen Datenlage ließen sich gezielt unterstützende Maßnahmen für die Betroffe­ nen/Opfer finden oder auch die Entwicklung präventi­ ver Strategien vorantreiben. Eine zentrale Erfassung aller existierenden Mobbingbe­ ratungsstellen wäre wünschenswert und sollte über In­ ternet abrufbar sein. Für die Qualität einer Mobbingbe­ ratungsstelle sollten klare Kriterien erarbeitet werden. Wesentlich scheint eine genaue Definition des Profils und der Angebotsleistung sowie ein genaues Dokumen­ tieren der Klientenkontakte, so dass die entsprechenden Zahlen statistisch ausgewertet werden können. Information und Schulung scheint in allen internatio­ nalen Publikationen an erster Stelle der Präventivmaß­ nahmen zu stehen. Daher wären qualifizierte Aufklä­ rung und Schulung, beginnend beim Führungsperso­ nal, insgesamt jedoch alle Mitarbeiter betreffend, von äußerster Dringlichkeit. Eine der wichtigsten Eingriffsmöglichkeiten in negati­ ves gruppendynamisches Geschehen obliegt den Mitar­ beiterInnen in Führungspositionen. Ein klares und glaubwürdiges Bekenntnis einer Führungsperson, Mobbing in ihrem Einflussbereich nicht zu dulden, stellt eine der wesentlichsten Präventivmaßnahmen dar. Gleichzeitig muss darauf hingewiesen werden, dass gerade Mobbingstrategien immer wieder als Füh­ rungsverhalten Anwendung finden. Es erscheint offen­ bar wesentlich leichter, einen Mitarbeiter durch indi­ rekte Methoden loszuwerden, als klare konfrontative Strategien zu wählen. Ein weiterer wichtiger Schritt kann das Abschließen ei­ ner Betriebsvereinbarung gegen Mobbing darstellen. Für den Mitarbeiter wird damit die Situation klarer, er ist sich seiner Rechte und Pflichten bewusst und kann im Rahmen der in der Betriebsvereinbarung beschrie­ benen Vorgangsweise versuchen, zu seinem Recht zu kommen. Es ist hier jedoch nochmals darauf hinzuweisen, dass Mobbing auch aus wirtschaftspolitischer Perspektive betrachtet werden muss. Ständig wachsende Ansprü­ che an qualifizierte Tätigkeiten und andauernde Rufe nach Personalabbau und Einsparungen stellen den Nährboden für Spannungen und die Entwicklung nega­ tiver, aggressiver gruppendynamischer Verläufe im Ar­ beitsbereich dar. Bei Umstrukturierungen, geplanten Massenentlassungen, Fusionierungen oder auch Ver­ änderungen der Organisationsstruktur scheint es – nach internationalen Erfahrungen des letzten Jahr­ zehnts – sinnvoll zu sein, Mobbingpräventivmaßnah­ men durch Aufklärung, Schulung und das Bestehen auf Einhalten einer firmeninternen Ethik(siehe z. B. Ver­ haltenskodex der Europäischen Zentralbank 2001 her­ ausgegeben) einzuhalten. 7.5.8 Literatur ESSER, WOLMERATH, NIEDL, Mobbing(1999), ÖGB Verlag, Wien. KOLODEJ, Mobbing(1999), WUV Universitätsverlag, Wien. LEYMANN, Mobbing(1993/2002), Wunderlich, Rein­ bek bei Hamburg. LEYMANN, Der neue Mobbing-Bericht(1995), Ro­ wohlt, Reinbek bei Hamburg. NESTLER, Mobbing am Arbeitsplatz(2001), Linde Verlag, Wien. MESCHKUTAT, B.; STACKELBECK, M.; LANGENHOFF, G., Der Mobbing-Report(eine Repräsentativstudie für die Bundesrepublik Deutschland), Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 181 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Interventionsmöglichkeiten 7.6 Möglichkeiten der Intervention Erforderlich zur Belastungsreduktion und Gesund­ heitsförderung der Erwerbstätigen sind sowohl inner­ als auch außerbetriebliche Maßnahmen. Und zwar geht es um die Beseitigung potenziell krankmachen­ der Arbeitsbedingungen, die über eine Bereitstellung von Angeboten zur körperlichen Entlastung(z. B. er­ gonomische Maßnahmen im Bereich der Bildschirm­ arbeit) hinausgehen, sowie die Förderung von Res­ sourcen, die bei der Bewältigung von Arbeitsanforde­ rungen unterstützen bzw. dazu beitragen, die Wir­ kung negativer, potenziell stressauslösender Einflüs­ se zu reduzieren. Untersuchungen zeigen, dass Erwerbstätige gesund­ heitsfördernde Faktoren wie sinnvolle Arbeit, Aner­ kennung der Leistungen, das Gefühl der Integration, fachliche Kompetenz der Vorgesetzten(wie das Erken­ nen von Fähigkeiten und Qualitäten der MitarbeiterIn­ nen) als besonders wichtig erachten. Als Schwachstel­ len im Betrieb werden unter anderem zu wenig ab­ wechslungsreiche Arbeit, fehlende Möglichkeiten, eige­ ne Ideen einzubringen, mangelnde Förderung der per­ sönlichen Entwicklung, mangelnde Information über wichtige Ereignisse im Betrieb genannt. 99 Wichtige Ansatzpunkte für die Reduktion von Belas­ tungen und die Gesundheitsförderung in den Betrieben liegen in der Optimierung ● der Arbeitsbedingungen(Arbeitsplatzgestaltung, Arbeitsorganisation, Förderung der Kompetenzen der MitarbeiterInnen etc.) ● des Führungsverhaltens sowie ● in der Bereitstellung entlastender Angebote(Hilfe­ stellung und kompetente Beratung bei Mobbing, Bereitstellung von der Arbeitszeit angepassten Kin­ derbetreuungsplätzen etc.). Optimierung der Arbeitsbedingungen Neuere Forschungsansätze, wie etwa die Salutogene­ se 100 , rücken entlastende gesundheitsschützende Ar­ beitsbedingungen und gesundheitsförderliche Ressour­ cen, die helfen, die Arbeitsanforderungen zu bewältigen bzw. die Wirkung negativer, potenziell stressauslösen­ der Einflüsse zu reduzieren, in den Mittelpunkt. Dazu zählen nach RICHTER und HACKER(1998) die Bereit­ stellung bzw. Ausweitung stressreduzierender ● organisatorischer(Arbeitsgestaltung, Beteiligung der MitarbeiterInnen etc.), ● sozialer(fachliche und emotionale Unterstützung) und ● personaler Ressourcen(Qualifizierung von Mitar­ beiterInnen in fachlicher und sozialer Hinsicht). Organisatorische Maßnahmen zur Gesundheitsförde­ rung: Zur Aufrechterhaltung der psychischen Gesund­ heit der Beschäftigten bedarf es eines Umdenkens in vielen Betrieben. Die Zufriedenheit und das Wohlbefin­ den der MitarbeiterInnen sind nicht nur für das Errei­ chen betriebswirtschaftlicher Ziele, sondern auch unter gesundheitlichen Aspekten von großer Bedeutung. Nach HACKER(1998) lässt sich das Wohlbefinden der MitarbeiterInnen am ehesten durch„vollständige Ar­ beitstätigkeiten“, durch Einräumung von Handlungs­ spielräumen und Entscheidungsmöglichkeiten bei der Aufgabenerfüllung erreichen.„Vollständige Arbeitstä­ tigkeiten“ schließen neben ausführenden Funktionen auch Vorbereitungsfunktionen(das Aufstellen von Zie­ len, das Entwickeln von Vorgehensweisen, das Aus­ wählen zweckmäßiger Vorgehensvarianten), Organisa­ tionsfunktionen(das Abstimmen der Aufgaben mit an­ deren Menschen) und Kontrollfunktionen(Rückmel­ dungen über das Erreichen der gesetzten Ziele) mit ein. Das bewusste Fördern der Zufriedenheit und des Wohl­ befindens der MitarbeiterInnen ist auch für die Erhal­ tung der Arbeitsfähigkeit im Alter von Bedeutung. Es wird häufig beklagt, dass es älteren ArbeitnehmerIn­ nen an entsprechender Motivation fehle. Die Wirt­ schaft wird in Zukunft auf das Erfahrungswissen und die Arbeitskraft der älteren MitarbeiterInnen immer weniger verzichten können. Gefordert ist in diesem Zu­ sammenhang vor allem die Führungsebene. Wie Un­ tersuchungen zeigen, ist laut Selbsteinschätzung der Befragten vor allem die ihnen zugeteilte Arbeit das Pro­ blem. Im Alter werden die individuellen Unterschiede größer, gefragt sind individuelle Lösungen und Flexibi­ lität in punkto Arbeitszeit und-einteilung. Eine Ausbil­ dung der Manager über Altern und Beruf scheint daher vordringlich. So etwa zeigte sich im Rahmen eines Pro­ 99 Zitiert nach Neue Zürcher Zeitung(18. März 2004), S. 48. 100 ANTONOVSKY(1997). Die Salutogenese geht von der Frage aus, welche Faktoren uns gesund erhalten bzw. machen. 182 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Interventionsmöglichkeiten jekts in Finnland, wo den Führungsgremien entspre­ chende Kenntnisse vermittelt wurden, dass das Erfah­ rungs- und Handlungswissen älterer MitarbeiterInnen sinnvoll genutzt werden kann. 101 In organisatorischer Hinsicht bedeutsam ist vor allem die Einbeziehung der MitarbeiterInnen in Problemfin­ dungs- und Lösungsprozesse. Das Erfahrungswissen der MitarbeiterInnen über Arbeitsaufgaben, Arbeitsab­ lauf und Arbeitsbedingungen ist für die gesundheits­ förderliche Arbeitsgestaltung, für Schwachstellenana­ lysen und darauf aufbauende Verbesserungen der Ar­ beitsbedingungen besonders wichtig. Die Mitarbeite­ rInnen sind ExpertInnen für ihren Arbeitsbereich, sie sind am besten mit den Arbeitsabläufen und den dar­ aus resultierenden psychischen Belastungen vertraut. Die Einbeziehung der MitarbeiterInnen in Problemfin­ dungs- und Lösungsprozesse(Gesundheitszirkel etc.) hilft nicht nur, betriebliche Abläufe und Prozesse trans­ parent zu machen und das Betriebsklima zu verbes­ sern, sondern ist auch für die Akzeptanz von Innovati­ onen von Bedeutung. 102 Förderung und Pflege sozialer Ressourcen: Soziale Un­ terstützung durch Vorgesetzte und KollegInnen ist ein wichtiger„Puffer“ gegen Stress. Ein demokratischer, mitarbeiter- und partizipationsorientierter Führungs­ stil fördert konstruktive Arbeitsbeziehungen, die Zu­ friedenheit der MitarbeiterInnen und trägt zur Reduk­ tion beruflicher Belastungen bei. Wichtige Bestandteile einer für beide Seiten zufriedenstellenden Arbeitsbe­ ziehung sind: ● Die Vereinbarung konkreter, realistischer Arbeits­ ziele(unter Beteiligung der MitarbeiterInnen). Dies gibt den MitarbeiterInnen Sicherheit bei der Aufga­ benerfüllung, ermöglicht Erfolgserlebnisse und setzt Energie und Kreativität frei. ● Die fachliche und emotionale Unterstützung bei der Aufgabenerledigung. MitarbeiterInnen, die in schwierigen Arbeitssituationen unterstützt werden, Fehler zugeben können, bewerten die an sie gestell­ ten Anforderungen als weniger belastend. ● Ein ausreichendes Feed-back über Arbeitsergebnis­ se in persönlichen Gesprächen. Die Anerkennung und Würdigung positiven Verhaltens, wobei nicht nur besondere Anstrengungen und Arbeitsergeb­ nisse, sondern auch Dauerleistungen zu berücksich­ tigen sind, wirken stressreduzierend. Rückmeldun­ gen liefern den MitarbeiterInnen wichtige Informa­ tionen, fördern die Arbeitsmotivation, schaffen Ver­ haltenssicherheit und eröffnen Lernchancen. ● Die regelmäßige Kommunikation und Information der MitarbeiterInnen. Eine transparente betriebliche Informationspolitik, eine Atmosphäre gegenseitiger Offenheit, das Eingehen auf Belange der Mitarbeite­ rInnen(Kritik, Verbesserungsideen etc.) fördern die Arbeitszufriedenheit und wirken stressreduzierend. Zufriedene und motivierte MitarbeiterInnen haben eine höhere Produktivität und weniger Fehlzeiten und sind auch eher fähig und bereit, bis zum Errei­ chen des Pensionsalters zu arbeiten. 103 Förderung und Pflege personaler Ressourcen: Um Über­ bzw. Unterforderung vorzubeugen, ist es wichtig, Mit­ arbeiterInnen entsprechend ihren Leistungsvorausset­ zungen und Qualifikationen einzusetzen. Unmittelbare Vorgesetzte sind aufgrund des ständigen Kontakts mit den MitarbeiterInnen am ehesten in der Lage, ange­ messene Arbeitsanforderungen zu entwickeln. Bei Ge­ fahr der Überforderung sind Qualifizierungsschritte einzuleiten. Die Teilnahme an Seminaren zur Erweite­ rung fachlicher Kompetenzen(z. B. EDV) und sozialer Fähigkeiten(z. B. Zeitmanagement, Gesprächsführung, Umgang mit Konflikten, Entspannungstechniken) hilft, individuelle Ressourcen zu erweitern. Im Rahmen betrieblicher und außerbetrieblicher Weiterbildungs­ maßnahmen lassen sich auch Fähigkeiten der Mitar­ beiterInnen zur Stressprävention und zum Stressma­ nagement fördern. Optimierung des Führungsverhaltens Konflikte mit Vorgesetzten werden häufig als besonders belastend erlebt und führen zur Zunahme psychischer Beschwerden bzw. von Fehlzeiten. Studien zeigen, dass ArbeitnehmerInnen, die häufig Schwierigkeiten und Är­ ger mit Vorgesetzten haben, überdurchschnittlich häu­ fig psychische Beschwerden haben. 104 Die Zufriedenheit mit Vorgesetzten ist außerdem wichtigster Einflussfak­ tor auf die Arbeitsplatzzufriedenheit. 105 101 Zitiert nach Neue Zürcher Zeitung(18. März 2004), S. 48. 102 STADLER, BEER(1998). 103 Siehe dazu LEITNER,(o. J.), S. 7. 104 SEIBEL, LÜHRING(1984). PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 183 VII. BERUFLICHE BELASTUNGEN Interventionsmöglichkeiten Mitentscheidend für das Wohlbefinden der Mitarbeite­ rInnen und die Bewältigung belastender Arbeitsaufga­ ben ist die soziale Unterstützung durch KollegInnen und Vorgesetzte. Befriedigende soziale Beziehungen wirken als„Puffer“ gegen Stress am Arbeitsplatz und tragen zur Reduktion des Erkrankungsrisikos bei. Eine entscheidende Rolle spielt auch der Führungsstil: Wäh­ rend ein partizipativer Führungsstil belastungs- und fehlzeitenreduzierend wirkt, ist ein autoritärer mit ver­ mehrten Fehlzeiten verbunden. Zu den Aufgaben der Führungskräfte gehört die Gestal­ tung von Arbeitsaufgaben, des Arbeitsablaufs und der Arbeitsorganisation. Viele Führungskräfte sind sich nicht bewusst, dass sie damit die Belastungssituation der MitarbeiterInnen entscheidend mitbestimmen. Ar­ beitspsychologische und arbeitsmedizinische Erkennt­ nisse zu den Ursachen und Bedingungen psychischer Belastungen am Arbeitsplatz sind für Führungskräfte besonders wichtig. Die Förderung gesundheitsbezoge­ ner Wissens- und Handlungskompetenzen von Füh­ rungskräften bedarf nach STADLER, STROBEL und HOYOS(2000) einer verstärkten ● Sensibilisierung von Führungskräften für Fragen der Gesundheitsförderung und Belastungsreduzie­ rung ● Information von Führungskräften(Vermittlung ar­ beitswissenschaftlicher Erkenntnisse zur Belas­ tungsreduzierung) und ● Motivation von Führungskräften(Anregung zur Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse im be­ trieblichen Alltag). Schaffung außerbetrieblicher Angebote Vorrangig ist auch die Schaffung entlastender Angebo­ te für die Gesundheitsförderung nicht nur innerhalb sondern auch außerhalb von Betrieben. Dazu zählen qualitativ hochwertige Beratungsangebote bei berufli­ chen Problemen(wie z. B. bei Mobbing) ebenso wie die Bereitstellung von Angeboten, um die mit der Mehr­ fachbelastung von Beruf und Betreuungs- bzw. Pfle­ geaufgaben verbundenen Stressoren zu minimieren. Es sind, wie sich aufgrund des Mikrozensus zeigt, noch immer vor allem Frauen, die die Belastungen von Haushalt, Kinder und Beruf bzw. von Beruf und Pflege naher Angehöriger(oder sogar von beidem) tragen. Wie der Vergleich zwischen Wien und dem gesamten Bundesgebiet zeigt, finden sich solche Stressoren dort seltener, wo ein gut ausgebautes Betreuungsnetz exis­ tiert. Erforderlich sind vermehrte Anstrengungen zur Entlastung Betroffener(z. B. durch Recht auf Elternteil­ zeit für alle Eltern, Anpassung der Öffnungszeiten von Kindergärten an die Arbeitszeiten, optimale Betreuung von Schulkindern, Hilfen bei der Betreuung pflegebe­ dürftiger und alter Menschen wie z. B. eine den Arbeits­ zeiten angepasste Tages- oder Nachtbetreuung). 105 HOLZER(1993). 184 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN VIII. SCHLUSSFOLGERUNGEN CONCLUSIONS VIII. SCHLUSSFOLGERUNGEN 8 SCHLUSSFOLGERUNGEN Psychische Gesundheitsprobleme stellen eine enorme Herausforderung in unserer Gesellschaft dar. Ansatz­ punkte für eine Optimierung – um Leid zu verhindern bzw. zu mildern, aber auch unter Kostengesichtspunk­ ten – wären: Verbesserung von Lebenschancen und -bedingungen besonders deprivierter Gruppen Wie gezeigt wurde, sind stark deprivierte Gruppen wie etwa arbeitslose Menschen sowie von Altersarmut Be­ troffene besonders anfällig für psychische Beschwer­ den. Abgesehen von dem dadurch verursachten menschlichen Leid bei den Betroffenen und ihren An­ gehörigen sind damit auch(z. B. aufgrund vermehrter Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte) erhebliche ge­ samtgesellschaftliche Kosten verbunden. Im Sinne neuer Ansätze der Gesundheitsförderung wie etwa der Salutogenese scheint es zur Verbesserung der psychi­ schen(aber auch somatischen) Gesundheit vordring­ lich, alles zu unternehmen, die Lebenschancen und-be­ dingungen stark deprivierter Gruppen zu verbessern. Erforderlich sind vermehrte Anstrengungen zur Besei­ tigung von Arbeitslosigkeit ebenso wie Maßnahmen, die Altersarmut verhindern. Aufklärung der Bevölkerung Die Tabuisierung psychischer Störungen zeigt sich am (Ver-)Schweigen und der Unwissenheit großer Bevöl­ kerungsteile über dieses Thema. Psychische Störungen und Probleme sind, wie erwähnt, weit verbreitet. Der Großteil der Bevölkerung ist, berücksichtigt man allein die Lebenszeitprävalenz psychischer Störungen(ohne Einbeziehung psychischer Probleme unterhalb der kli­ nischen Manifestation), irgendwann im Leben mit psy­ chischen Problemen in der näheren Umgebung(Fami­ lienmitglieder, FreundInnen, ArbeitskollegInnen etc.) konfrontiert. Auch die Erfahrung schwerer psychischer Störungen und deren Konsequenzen wie Suizidversuch oder Suizid bleiben den meisten Menschen, sei es im Bekannten- und/oder Familienkreis, oft nicht erspart. Dem steht ein hohes Maß an Unwissen über psychische Krankheiten, deren Symptome und insbesondere de­ ren Behandlungsnotwendigkeiten gegenüber. Kein an­ derer Gesundheitsbereich ist so durch Vorurteile und Unkenntnis geprägt. Vor dem Hintergrund der hohen Prävalenz erscheint es als eine wichtige gesundheitspo­ litische Aufgabe, den Menschen handlungsrelevantes Wissen im Umgang mit psychischen Erkrankungen zu vermitteln. Letzteres ist eine Grundvoraussetzung, da­ mit Früherkennung und mit der Zeit auch die Präventi­ on psychischer Störungen zum Tragen kommen. Prävention Erforderlich für präventive Maßnahmen ist es zu­ nächst, Risikogruppen zu spezifizieren. Auffallend ist eine unterschiedliche Prävalenz psychischer Störungen und Probleme bei Männern und Frauen. Obwohl Frau­ en vermehrt über psychische Probleme berichten, ist die Selbstmordrate bei Männern deutlich höher. Dies lässt vermuten, dass Frauen häufiger über psychische Probleme sprechen und daher auch psychische Störun­ gen bei ihnen eher diagnostiziert werden, was die Chance, dass sie auch einer Behandlung zugeführt wer­ den, erhöht. Zu den Risikogruppen zählen auch Jugendliche, Frauen in der Menopause und ältere Menschen. Vor allem die überdurchschnittlich hohe Suizidrate älterer Menschen sollte im Hinblick auf Selbstmordprävention zu denken geben. Psychische Probleme treten allerdings nicht nur in bestimmten Lebensphasen besonders in Erschei­ nung, sondern auch Lebensumstände und Lebens­ ereignisse spielen eine wichtige Rolle. Besonderen Be­ lastungen unterliegen neben arbeitslosen Menschen und von Armut bzw. Obdachlosigkeit Betroffenen auch Drogenabhängige und MigrantInnen. Eine Stützung bei belastenden Lebensereignissen(wie z. B. sexuellem Missbrauch, Tod des Partners oder der Partnerin, eventuell auch bei Scheidung oder Migration) scheint daher besonders wichtig. Auch Suizidprävention bei Jugendlichen ist als gesund­ heitspolitische Aufgabe zu verstehen, wobei sowohl primär- als auch sekundärpräventive Konzepte zu ent­ wickeln sind. Zur generellen Prävention kann man vor allem die Schule als Ort des sozialen Lernens einbezie­ hen. Im Bundesländervergleich verfügt Wien über ein gut ausgebautes Netz an Angeboten zur Kriseninter­ vention, angebracht ist vor allem eine zurückhaltende Berichterstattung bei Selbstmorden in den Medien. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 187 VIII. SCHLUSSFOLGERUNGEN Stärkung der Kompetenz von Allgemeinme­ Optimierung der Versorgung von Menschen dizinerInnen mit psychischen Problemen Wie gezeigt wurde, sind ÄrztInnen für Allgemeinmedi­ zin in der Regel die ersten(und nicht selten die einzi­ gen) AnsprechpartnerInnen bei psychischen Proble­ men. Ein Problem ist die meist mangelnde Krankheits­ einsicht sowie die noch immer bestehende Scheu vieler Betroffener, professionelle Hilfe in Anspruch zu neh­ men. Hier geht es vor allem darum, den Betroffenen diese Scheu zu nehmen. Wichtig ist, dass Hilfesuchen­ de im Rahmen der primären Versorgung motiviert werden, professionelle Hilfe aufzusuchen und auch an die richtige Stelle weitergeleitet werden. Eine exakte Di­ agnose ist Voraussetzung für eine optimale Behand­ lung. Die Konsequenzen verspäteter Behandlung psy­ chischer Störungen reichen von der Chronifizierung psychischer Erkrankungen, zum Auftreten zusätzlicher (auch somatischer) Erkrankungen bis hin zum Suizid. Sie machen sich aber auch in einer erhöhten Inan­ spruchnahme medizinischer Dienstleistungen und in erhöhten Invalidisierungsrisiken bemerkbar. Wichtig ist es, die Kompetenz von AllgemeinmedizinerInnen hinsichtlich des Erkennens beginnender psychischer Erkrankungen und Probleme sowie in Fragen der Sui­ zidprävention und Krisenintervention zu stärken. Interventionsmöglichkeiten zum Abbau beruflicher Belastungen Wie gezeigt wurde, tragen berufliche Belastungen er­ heblich zum Auftreten psychischer Beschwerden bei. Wichtige Ansatzpunkte für die Gesundheitsförderung und Reduktion von Belastungen in den Betrieben lie­ gen in der Optimierung der Arbeitsbedingungen(Ar­ beitsplatzgestaltung, Arbeitsorganisation, Förderung der Kompetenzen der MitarbeiterInnen etc.), des Füh­ rungsverhaltens sowie in der Bereitstellung entlasten­ der Angebote(Hilfestellung und kompetente Beratung bei Mobbing, Bereitstellung von der Arbeitszeit ange­ passten Kinderbetreuungsplätzen etc.). Als vordringliche Maßnahme gilt die Optimierung der Versorgung psychisch kranker Menschen. Abgesehen von der zu leistenden Aufklärungsarbeit, um Hemm­ schwellen bei der Inanspruchnahme adäquater Hilfe abzubauen, geht es vor allem um die Bereitstellung ei­ nes differenzierten Angebots zur optimalen Versor­ gung psychisch kranker Menschen. Wichtig ist vor al­ lem eine dem individuellen Bedarf angepasste Versor­ gung in Gemeindenähe. Besondere Beachtung gilt in diesem Zusammenhang auch der Versorgung psy­ chisch kranker alter Menschen sowie der Rehabilitati­ on psychisch Kranker und deren beruflicher Wieder­ eingliederung. In diesem Zusammenhang verwiesen sei auf den Psychiatrieplan, der die Optimierung der Versorgung psychisch kranker Menschen zum Gegen­ stand hat. Verbesserung der Datenlage Psychische Störungen und Probleme gehören zu den Themen, die bisher in Forschung und Gesundheitsbe­ richterstattung wenig Beachtung finden. Aufgrund ih­ rer großen Bedeutung ist es vordringlich, die vorhan­ denen Wissenslücken zu schließen. Eine wichtige Ba­ sis bilden epidemiologische Daten. Ergebnisse zum Ausmaß, die Ursachen und Folgen psychischer Stö­ rungen und Probleme können unter anderem als Grundlage für die Evaluation von Maßnahmen ver­ wendet werden. Allerdings ist die Datenlage in Wien (aber auch österreichweit) sehr begrenzt. Um klinisch aussagekräftige und vergleichbare Daten zur Epidemi­ ologie psychischer Störungen zur Verfügung zu haben, wäre ein„Mental-Health-Update“ im Rahmen einer Gesundheitsbefragung unter Einbeziehung anerkann­ ter Messinstrumente zur Erfassung psychischer Stö­ rungen ideal. 188 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN TABELLENANHANG TABLES TABELLENANHANG TABELLENANHANG Tabelle A 4.1: Zufriedenheit mit dem Leben insgesamt in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Perso­ nen ab 16 Jahre, in Prozent) Alter(Jahre) 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ gesamt 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ gesamt mit dem Leben insgesamt zufrieden(in%) sehr ziemlich wenig gar nicht Männer 41,1 48,4 37,2 56,3 44,2 49,7 60,6 37,1 57,6 35,1 9,0 5,4 4,8 1,6 7,3 1,5 1,1 1,2 0,6 0,0 44,2 49,5 5,3 1,0 Frauen 29,7 58,0 41,1 51,3 42,5 47,6 44,3 50,0 49,2 41,6 9,4 5,8 7,4 5,7 7,7 2,8 1,2 2,5 0,0 1,4 41,9 49,9 6,7 1,5 Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Tabelle A 5.1: Zahl der psychischen Beschwerden in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) Alter(Jahre) Personen in 1.000 bis 14 15 bis 29 30 bis 44 45 bis 59 60 bis 74 75 und mehr gesamt bis 14 15 bis 29 30 bis 44 45 bis 59 60 bis 74 75 und mehr gesamt 122,8 140,2 208,5 160,1 83,4 34,3 749,3 117,2 145,2 205,7 168,5 110,8 83,0 830,4 Anzahl der psychischen Beschwerden(in%) keine eine zwei drei od. mehr Männer 90,3 7,8 86,5 10,0 83,7 11,2 79,6 12,9 78,4 14,2 71,6 14,3 1,6 2,6 3,8 5,9 5,2 9,5 0,3 0,9 1,3 1,6 2,1 4,6 83,3 11,3 4,1 1,4 Frauen 85,7 9,5 3,5 84,4 10,2 2,7 82,5 10,9 4,7 71,2 16,8 7,6 69,3 18,2 8,7 64,4 20,3 10,5 1,3 2,7 1,8 4,5 3,8 4,8 77,4 13,7 5,9 3,0 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 191 TABELLENANHANG Tabelle A 7.1: Häufigkeit der Konsultation von FachärztInnen* im letzten Jahr in Wien 1999 nach Art der beruf­ lichen Belastung und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Belastung durch schwere körperliche Arbeit starken Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und Pflegefälle in der Familie gesamt schwere körperliche Arbeit starken Zeitdruck Konflikte am Arbeitsplatz Haushalt, Kinder und Beruf Beruf und Pflegefälle in der Familie gesamt Personen in Häufigkeit der Konsultation von FachärztInnen(in%) 1.000 nie 1-mal 2-mal öfter Männer nein 315,4 61,9 17,1 ja 90,8 60,5 18,6 8,9 12,2 7,2 13,7 nein 228,7 63,9 15,1 ja 177,5 58,6 20,3 9,3 11,6 7,4 13,6 nein 333,1 63,4 16,4 8,1 12,1 ja 73,1 53,1 21,9 10,4 14,6 nein 380,4 61,6 17,3 ja 25,8 61,6 19,1 8,6 12,5 6,2 13,1 nein 399,7 61,5 17,5 8,4 12,6 ja 6,5 64,3 14,2 14,6 6,9 406,2 61,6 17,4 8,5 12,5 Frauen nein 263,8 62,2 17,4 ja 49,8 59,1 17,7 8,4 12,0 5,4 17,8 nein 191,5 63,0 16,5 ja 122,2 59,7 19,0 7,9 12,6 7,9 13,4 nein 257,0 63,3 17,1 7,2 12,3 ja 56,6 54,4 19,1 10,8 15,6 nein 252,0 61,8 16,7 ja 61,6 61,4 20,8 7,9 13,6 7,8 10,0 nein 304,4 61,8 17,3 ja 9,2 60,0 23,1 7,9 13,0 7,5 9,3 313,6 61,7 17,5 7,9 12,9 * Mit Ausnahme von InternistInnen. Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. 192 PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN TABELLENANHANG Tabelle A 7.2: Häufigkeit der Konsultation von FachärztInnen* im letzten Jahr in Wien 1999 nach Anzahl der beruflichen Belastungen und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) Anzahl der Belastungen keine eine zwei drei vier oder mehr gesamt keine eine zwei drei vier oder mehr gesamt Personen in 1.000 162,9 144,6 72,5 20,7 5,4 406,2 128,7 103,3 55,3 20,3 5,9 313,6 Häufigkeit der Konsultation von FachärztInnen(in%) nie 1-mal 2-mal öfter Männer 64,7 15,1 9,0 11,2 60,8 17,7 8,3 13,2 58,9 20,2 8,0 12,9 57,8 16,7 10,2 15,3 38,3 44,2 0,0 17,5 61,6 17,4 8,5 12,5 Frauen 63,5 16,3 7,6 12,6 61,0 17,9 8,8 12,3 63,0 17,2 5,8 14,0 59,8 16,3 9,0 14,9 28,8 44,0 12,0 15,2 61,7 17,5 7,9 12,9 * Mit Ausnahme von InternistInnen. Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. 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PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN WIEN 201 AKTUELLE PUBLIKATIONEN DER WIENER GESUNDHEITSBERICHTERSTATTUNG RECENT PUBLICATIONS OF VIENNA HEALTH REPORTING Jährlich erscheinender allgemeiner Gesundheitsbericht, zuletzt: Annual health report, most recent: Gesundheitsbericht Wien 2002 Vienna Health Report 2002 Verschiedene Schwerpunktberichte und Studien Different focal studies and reports S1/2001 Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey Vienna Health and Social Survey S2/2002 Mikrozensus 1999 – Ergebnisse zur Gesundheit in Wien Microcensus 1999 – Results on Health in Vienna S3/2003 Lebensstile in Wien Lifestyles in Vienna B1/2003 Lebenserwartung und Mortalität in Wien Life Expectancy and Mortality B2/2004 Chronische Krankheiten in Wien Chronic diseases in Vienna Zielgruppenspezifische Berichte Reports on specific target groups Wiener Männergesundheitsbericht 1999 Vienna Men’s Health Report 1999 Wiener Kindergesundheitsbericht 2000 Vienna Children’s Health Report 2000 Wiener Jugendgesundheitsbericht 2002 Vienna Youth Health Report 2002 Mehrsprachige Broschüren Multilingual publications Deutsch: Gesundheit in Wien Lebenserwartung und Mortalität in Wien und Österreich – Internationaler Vergleich English: Health in Vienna Life Expectancy and Mortality in Vienna and Austria – An International Comparison Français: Espérance de vie et mortalité à Vienne et en Autriche – Comparaison internationale Italiano: Speranza di vita e mortalità a Vienna e in Austria – Confronto internazionale Zum Bestellen und Herunterladen unter/ order or download: www.wien.at/who/berichte/index.htm