Chronische Krankheiten in Wien Chronic Diseases in Vienna IMPRESSUM IMPRESSUM PROJEKTLEITUNG UND PROJEKTKOORDINATION Dr. Eleonore BACHINGER, MSc KONZEPT UND BERICHTERSTELLUNG Dr. Elfriede URBAS Mag. Jeannette KLIMONT BEITRÄGE VON ao.Univ.-Prof. Dr. Beate WIMMER-PUCHINGER 1) & Mag. Susanne GULD 1) (Brustkrebs-Früherkennungsprogramm) Univ.-Doz. Dr. Andreas ZOUBEK 2) & Univ.-Prof. Dr. Helmut GADNER 2) (Krebs bei Kindern) Mag. Gaby SONNBICHLER 3) (Wiener Krebshilfe) REDAKTION UND WISSENSCHAFTLICHES LEKTORAT Dr. Eleonore BACHINGER, MSc ENGLISCHE ÜBERSETZUNG Mag. Sigrid SZABÓ Sylvi RENNERT KORREKTORAT Mag. Linda STIFT GRAFISCHE PRODUKTION Bernhard AMANSHAUSER UMSCHLAGGESTALTUNG Mag. Robert SABOLOVIC UMSCHLAGFOTOS(von li. n. re.) Mag. Sonja STELLUTI Dr. Eleonore BACHINGER Gai JEGER MEDIENINHABER, HERAUSGEBER UND VERLEGER Stadt Wien Bereichsleitung für Sozial- und Gesundheitsplanung sowie Finanzmanagement Gesundheitsberichterstattung Schottenring 24, A-1010 Wien Tel.:+43-1-53114-76177 e-mail: bar@bgf.magwien.gv.at Hersteller: Astoria Druck Vorgeschlagene Zitierweise: Stadt Wien(Hrsg.), Chronische Krankheiten in Wien. Autorinnen: URBAS, E.; KLIMONT, J.; BACHINGER, E. – Wien, 2004 1) Fonds Soziales Wien, Abteilung Frauengesundheit. 2) St. Anna Kinderspital. 3) Wiener Krebshilfe. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 5 EDITORIAL EDITORIAL Der vorliegende Bericht zur Verbreitung chronischer Krankheiten in Wien folgt dem Bericht zur Lebenserwar­ tung und Mortalität in Wien. In diesem Bericht wird, nach einem allgemeinen Überblick über die Gesundheit der Wienerinnen und Wiener, ausführlich auf Verbreitung, Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und mögliche Prä­ ventionsmaßnahmen ausgewählter chronischer Krank­ heiten eingegangen. Dazu zählen heute insbesondere Krebserkrankungen, Krankheiten des Bewegungsappara­ tes(wie Dorsopathien, rheumatoide Arthritis, Arthrose, Osteoporose), psychische Störungen und Krankheiten des Nervensystems(insbesondere Depressionen und De­ menz), Krankheiten der Atmungsorgane(chronische Bronchitis und Asthma), Ernährungs- und Stoffwechsel­ krankheiten(vor allem Diabetes) und Inkontinenz. Viele dieser Krankheiten sind verbunden mit der verlängerten Lebensdauer des Menschen. Den vorgestellten Kapiteln liegen zahlreiche Sonderaus­ wertungen und bisher noch nicht veröffentlichte Daten zugrunde, insbesondere zur Krebsinzidenz, zur Spitals­ entlassungsstatistik und zur Todesursachenstatistik. Ebenso wurden eigene Auswertungen zum Sonderpro­ gramm des Mikrozensus 1999„Fragen zur Gesundheit“ vorgenommen und für diesen Bericht analysiert. Im Be­ reich der Mortalität berücksichtigt wurde vor allem auch die„vorzeitige Sterblichkeit“ aufgrund verschiedener Dia­ gnosen. Um Entwicklungstendenzen in verschiedenen Bereichen aufzuzeigen, wurden auch Zeitvergleiche vor­ genommen. Der Vergleich zwischen Wien und Österreich gibt Aufschluss über regionale Besonderheiten. Es ist Anliegen und Aufgabe der Wiener Gesundheitsbe­ richterstattung einen umfassenden Überblick über die Ge­ sundheit der Wiener Bevölkerung und das Wiener Gesund­ heitswesen zu geben. Der benutzer- und lesefreundliche Aufbau unserer Berichte soll den Erwartungen und Anfor­ derungen der verschiedenen und sehr unterschiedlichen Zielgruppen gerecht werden. Diese umfassen das Fachpu­ blikum aus den Bereichen Medizin und Gesundheitswis­ senschaften, GesundheitspolitikerInnen und andere Ent­ scheidungsträgerInnen im Gesundheitswesen, ExpertIn­ nen aus dem Bereich Gesundheitsverwaltung und Sozial­ versicherung, Studierende sowie interessierte Laien. Die Wiener Gesundheitsberichterstattung veröffentlicht neben dem jährlichen allgemeinen Gesundheitsbericht zahlreiche themen- und zielgruppenspezifische Berichte, wie z. B. den Frauen-, Männer-, Senioren-, Kinder- und Ju­ gendgesundheitsbericht. Unter den letzten Publikationen der Wiener Gesundheitsberichterstattung sind auch zwei Studien, die vor allem auf Sonderauswertungen aktueller Gesundheitsbefragungen beruhen. Dies ist zum einen der Bericht zu den Ergebnissen des Mikrozensus 1999 zu Fra­ gen zur Gesundheit, zum andern der Bericht zu Lebenssti­ len, basierend auf den Auswertungen des Wiener Gesund­ heits- und Sozialsurveys. Des Weiteren liegen auch Bro­ schüren zur gesundheitlichen Lage und Versorgung der Wiener Bevölkerung sowie zur Lebenserwartung und Mortalität im internationalen Vergleich vor. Alle Berichte erhalten Sie kostenlos unter bar@bgf.magwien.gv.at so­ wie unter www.wien.gv.at/who/berichte/index.htm (siehe auch S. 305). Wien, März 2004 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN Dr. Hannes SCHMIDL Bereichsleiter für Sozial- und Gesundheitsplanung sowie Finanzmanagement 7 VORWORT VORWORT Der Lebensstil in den fortgeschrittenen Industriegesell­ schaften und die zunehmende Lebenserwartung haben in den letzten Jahrzehnten zu deutlichen Veränderungen im Morbiditäts- und Mortalitätsspektrum geführt. Chro­ nisch-degenerative Krankheiten(allen voran Herz-Kreis­ lauf-Erkrankungen, Krebs und Atemwegserkrankungen) prägen gegenwärtig das Krankheitsgeschehen. Dazu kom­ men Immunschwächen bzw. Fehlsteuerungen des Im­ munsystems(Allergien, etc.), psychosomatische Erkran­ kungen, stressartige Belastungen, Depressionen und Suchterkrankungen. Insbesondere bei älteren Menschen kommt es sehr häufig zu einem gleichzeitigen Auftreten mehrerer Krankheiten(Multimorbidität). Diese Entwicklung stellt das Gesundheitssystem in fachli­ cher, organisatorischer und finanzieller Hinsicht vor enorme Anforderungen. Die Fortschritte der Medizin ver­ helfen vielen chronisch Kranken zu mehr Lebensqualität und häufig auch zu einer Verlängerung der Lebensspan­ ne. Um ihre Krankheit bewältigen und trotz gesundheitli­ cher Einschränkungen ein selbstbestimmtes Leben füh­ ren zu können, brauchen chronisch kranke Menschen vermehrte medizinische, rehabilitative, soziale und psy­ chologische Betreuung sowie angemessene Information. Natürlich erzeugt diese positive Entwicklung, gemeinsam mit der immer deutlicher werdenden demographischen Verschiebung, auch einen enormen Kostendruck auf das Gesundheitssystem, der den Prognosen nach noch weiter zunehmen wird. Der vorliegende Bericht gibt einen umfassenden Über­ blick über die Verbreitung chronischer Erkrankungen in Wien und die sich in diesem Bereich abzeichnenden Ent­ wicklungstendenzen. Eine systematische Bestimmung des Gesundheitszustandes, insbesondere des Ausmaßes chronischer Erkrankungen und der daraus resultierenden Folgen für die Betroffenen, ist eine wichtige Vorausset­ zung für die Entwicklung von Maßnahmen zur positiven Beeinflussung der Gesundheit der Bevölkerung. Vor allem ermöglicht dies die Entwicklung von Strategien der Ge­ sundheitsvorsorge und Früherkennung und hilft, Ge­ sundheitsziele festzulegen, an denen sich die Wirksamkeit von Maßnahmen bewerten lässt. Vor allem der Verhaltens­ prävention kommt beim Versuch der Eindämmung chronischer Krankheiten große Bedeutung zu. In Wien wurde aus diesem Grunde bereits 2001 das Gesundheits­ förderungsprogramm„Ein Herz für Wien“ initiiert, das neben der Reduktion von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch auf einen Rückgang anderer chronischer Krankhei­ ten abzielt. Anstrengungen zur vermehrten Inanspruch­ nahme von Vorsorgeuntersuchungen sind eine weitere Maßnahme zur Früherkennung und vor allem Reduktion von Folgekrankheiten. Ganz allgemein können mit Hilfe der gewonnenen Ergebnisse Gesundheitsförderungs­ projekte und Präventionsprogramme – wie„Ein Herz für Wien“,„Gesunde Ernährung“, das Brustkrebs-Früh­ erkennungsprogramm„Die Klügere sieht nach“, das Un­ fallverhütungsprogramm„Sicher gehen über 60“ sowie entsprechende Informationstage – noch gezielter gesetzt werden. Wien, März 2004 Prim. Dr. Elisabeth PITTERMANN-HÖCKER Amtsführende Stadträtin für Gesundheit und Soziales CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 9 INHALT INHALT ZUSAMMENFASSUNG SUMMARY 1 EINLEITUNG 2 DATENGRUNDLAGE UND METHODIK 3 ÜBERBLICK ÜBER DIE GESUNDHEIT IN WIEN 3.1 SUBJEKTIVER GESUNDHEITSZUSTAND, BESCHWERDEN 3.1.1 Geschlechts- und Altersunterschiede im gesundheitlichen Befinden 3.1.2 Soziokulturelle Unterschiede im gesundheitlichen Befinden 3.2 KRANKENHAUSAUFENTHALTE 3.3 MORTALITÄT 3.3.1 Potenziell verlorene Lebensjahre 4 CHRONISCHE ERKRANKUNGEN 4.1 MERKMALE CHRONISCHER ERKRANKUNGEN 4.2 VERBREITUNG CHRONISCHER ERKRANKUNGEN 4.2.1 Morbidität nach Krankheitsgruppen 4.2.2 Einzelerkrankungen 4.3 SOZIOÖKONOMISCHE AUSPRÄGUNGEN 5 AUSGEWÄHLTE CHRONISCHE KRANKHEITEN 5.1 KRANKHEITEN DES HERZ-KREISLAUF-SYSTEMS 5.1.1 Koronare Herzkrankheit(Akuter Myokardinfarkt) 5.1.2 Zerebrovaskuläre Erkrankungen(Schlaganfall) 5.2 BÖSARTIGE NEUBILDUNGEN(KREBS) 5.2.1 Entwicklungstendenzen bei einzelnen Krebserkrankungen 5.2.2 Ausgewählte Krebserkrankungen Brustkrebs Prostatakrebs Lungenkrebs Kolorektalkrebs Gebärmutterkörper- und Gebärmutterhalskrebs 5.2.3 Krebs bei Kindern und Jugendlichen 5.2.4 Krebserkrankungen aus ganzheitlicher Sicht – die Wiener Krebshilfe 5.2.5 Zukunftsperspektiven und Handlungsbedarf 5.3 KRANKHEITEN DES BEWEGUNGSAPPARATES 5.3.1 Dorsopathien 5.3.2 Rheumatoide Arthritis 5.3.3 Arthrose 5.3.4 Osteoporose 5.4 PSYCHISCHE STÖRUNGEN/ERKRANKUNGEN, KRANKHEITEN DES NERVENSYSTEMS 5.4.1 Depression 5.4.2 Demenz 5.5 KRANKHEITEN DER ATMUNGSORGANE 5.5.1 Chronische Bronchitis 5.5.2 Asthma 25 30 37 41 47 48 51 56 64 69 79 85 86 87 90 91 95 105 105 107 115 122 132 140 142 152 159 167 175 183 193 199 202 2 03 211 2 16 223 232 235 2 46 252 256 2 62 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 13 INHALT 5.6 ERNÄHRUNGS- UND STOFFWECHSELKRANKHEITEN 5.6.1 Diabetes mellitus(Zuckerkrankheit) 5.7 SONSTIGE CHRONISCHE ERKRANKUNGEN 5.7.1 Inkontinenz SCHLUSSFOLGERUNGEN LITERATUR 268 270 281 281 289 299 14 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN CONTENTS SUMMARY 1 INTRODUCTION 2 SAMPLE SIZE AND METHODOLOGY 3 SURVEY OF THE HEALTH STATUS OF THE VIENNESE POPULATION 3.1 SUBJECTIVE STATE OF HEALTH, DISORDERS 3.1.1 Gender and age-related differences in subjective state of health 3.1.2 Sociocultural differences in subjective state of health 3.2 HOSPITAL STAYS 3.3 MORTALITY 3.3.1 Potential years of life lost 4 CHRONIC DISEASES 4.1 CHARACTERISTICS OF CHRONIC DISEASES 4.2 PREVALENCE OF CHRONIC DISEASES 4.2.1 Morbidity of different groups of diseases 4.2.2 Individual diseases 4.3 SOCIOECONOMIC CONSEQUENCES 5 SELECTED CHRONIC DISEASES 5.1 CARDIOVASCULAR DISEASES 5.1.1 Coronary heart diseases(acute myocardial infarction) 5.1.2 Cerebrovascular diseases(stroke) 5.2 MALIGNANT NEOPLASMS(CANCER) 5.2.1 Developments and trends in individual cancer types 5.2.2 Selected cancer types Cancer of the mammary gland Cancer of the prostate Lung cancer Cancer of the colorectum Cancer of the body of the uteras and the cervix 5.2.3 Cancer in children and adolescents 5.2.4 A holistic view on cancer – Wiener Krebshilfe 5.2.5 Perspectives and challenges 5.3 DISEASES OF THE LOCOMOTOR SYSTEM 5.3.1 Dorsopathies 5.3.2 Rheumatoid arthritis 5.3.3 Arthrosis 5.3.4 Osteoporosis 5.4 MENTAL AND NEUROLOGICAL DISORDERS 5.4.1 Depression 5.4.2 Dementia 5.5 DISEASES OF THE RESPIRATORY ORGANS 5.5.1 Chronic bronchitis 5.5.2 Asthma CONTENTS 30 37 41 47 48 51 56 64 69 79 85 86 87 90 91 95 105 105 107 115 122 132 140 142 152 159 167 175 183 193 199 202 2 03 211 216 2 23 232 2 35 246 252 256 2 62 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 15 CONTENTS 5.6 NUTRITIONAL AND METABOLIC DISEASES 5.6.1 Diabetes mellitus 5.7 OTHER CHRONIC DISEASES 5.7.1 Incontinence CONCLUSIONS BIBLIOGRAPHY 268 270 281 281 289 299 16 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN GRAFIKVERZEICHNIS GRAFIKVERZEICHNIS 3 ÜBERBLICK ÜBER DIE GESUNDHEIT IN WIEN Grafik 3.01: Beschwerden in Wien 1999 nach Geschlecht 51 Grafik 3.02: Durchschnittliche Zahl der Beschwerden in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht 52 Grafik 3.03: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 und 1991 nach Alter und Geschlecht 56 Grafik 3.04: Häufigste Beschwerden in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht 58 Grafik 3.05: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 nach beruflicher Stellung und Geschlecht 59 Grafik 3.06: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht 61 Grafik 3.07: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 nach Erwerbsstatus und Geschlecht 62 Grafik 3.08: Stationäre Aufenthalte von in Wien wohnhaften Personen im Jahr 2000 nach Alter und Geschlecht 65 Grafik 3.09: Anteile der Hauptdiagnosen(Krankheitsgruppen, ICD-9/BMAGS) an den stationären Aufenthalten der in Wien wohnhaften Personen im Jahr 2000 nach Geschlecht 68 Grafik 3.10: Gestorbene in Wien 2001 nach Alter und Geschlecht(pro 1.000) 70 Grafik 3.11: Gestorbene in Wien 2001 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) 70 Grafik 3.12: Entwicklung der Sterblichkeit in Wien 1980–2001 nach Geschlecht 71 Grafik 3.13: Todesursachen(Krankheitsgruppen, ICD-9) in Wien 2001 nach Alter und Geschlecht 73 Grafik 3.14: Sterblichkeit in Wien 1980–2001 nach Gruppen von Todesursachen(ICD-9) und Geschlecht 74 Grafik 3.15: Potenziell verlorene Lebensjahre(pro 100.000) in Wien und Österreich 1980–2001 nach Geschlecht 80 Grafik 3.16: Potenziell verlorene Lebensjahre(pro 100.000) in Wien und Österreich 2001 nach Krankheitsgruppen(ICD-9) und Geschlecht 80 Grafik 3.17: Potenziell verlorene Lebensjahre in Wien 1980–2001 nach Gruppen von Todesursachen(ICD-9) und Geschlecht 81 4 CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Grafik 4.01: Prävalenz chronischer Erkrankungen 1999 nach Bundesland und Geschlecht Grafik 4.02: Chronische Krankheiten in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Grafik 4.03: Chronische Erkrankungen in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht Grafik 4.04: Häufigste chronische Erkrankungen bei Männern und Frauen in Wien 1999 nach Bildung Grafik 4.05: Chronische Erkrankungen in Wien 1999 nach beruflicher Stellung und Geschlecht Grafik 4.06: Chronische Erkrankungen in Wien 1999 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht Grafik 4.07: Chronische Erkrankungen erwerbstätiger und arbeitsloser Männer in Wien 1999 Grafik 4.08: Chronische Erkrankungen erwerbstätiger und arbeitsloser Frauen in Wien 1999 88 89 96 97 98 100 101 102 5 AUSGEWÄHLTE CHRONISCHE KRANKHEITEN Grafik 5.01: Sterblichkeit an Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems(ICD-9<390–459>) in Wien und in Österreich seit 1980 Grafik 5.02: Prävalenz von Herzinfarkt in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht Grafik 5.03: Prävalenz von Herzinfarkt in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht Grafik 5.04: Stationäre Aufenthalte aufgrund von akutem Myokardinfarkt(ICD-9<410>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen nach Geschlecht 1990, 1995, 2000 Grafik 5.05: Sterblichkeit an akutem Myokardinfarkt(ICD-9<410>) in Wien und Österreich 1980–2001 nach Geschlecht Grafik 5.06: Hirngefäßerkrankungen(Schlaganfall) in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht Grafik 5.07: Hirngefäßerkrankungen(Schlaganfall) in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht Grafik 5.08: Stationäre Aufenthalte mit der Hauptdiagnose zerebrovaskuläre Erkrankungen (ICD-9/BMAGS<430–438>) von in Wien wohnhaften Personen nach Alter und Geschlecht Grafik 5.09: Stationäre Aufenthalte aufgrund zerebrovaskulärer Krankheiten(ICD-9/BMAGS<430–438>) von in Wien und in Österreich wohnhaften Personen 1990, 1995 und 2000 106 109 110 111 113 117 117 118 119 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 17 GRAFIKVERZEICHNIS Grafik 5.10: Sterblichkeit an zerebrovaskulären Erkrankungen(ICD-9<430–438>) in Wien und in Österreich seit 1980(5-Jahresabstände) nach Geschlecht 120 Grafik 5.11: Krebserkrankungen in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren 1999–2001 nach Alter und Geschlecht 124 Grafik 5.12: Krebsneuerkrankungen(alle Lokalisationen) in Wien im Jahr 2000 nach Alter und Geschlecht 125 Grafik 5.13: Krebsneuerkrankungen in Wien 2000 nach Alter und Geschlecht 126 Grafik 5.14: Entwicklung der Krebsinzidenz(alle Lokalisationen) in Wien und Österreich seit 1987 nach Geschlecht 127 Grafik 5.15: Krebs-Erkrankungsstadien(alle Neuerkrankungen) zum Zeitpunkt der Diagnose in Österreich 1990 und 2000 129 Grafik 5.16: Stationäre Aufenthalte aufgrund bösartiger Neubildungen(ICD-9/BMAGS<140–208>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen 1900, 1995, 2000 130 Grafik 5.17: Sterblichkeit an bösartigen Neubildungen(ICD-9<140–208>) in Wien und in Österreich 1980–2001 nach Geschlecht 131 Grafik 5.18: Verstorbene an bösartigen Neubildungen in Wien 2001 nach Alter 131 Grafik 5.19: Potenziell verlorene Lebensjahre infolge bösartiger Neubildungen(pro 100.000) in Wien und Österreich 1980–2001 nach Geschlecht 132 Grafik 5.20: Entwicklung der häufigsten Krebsneuerkrankungen(ICD-10) bei Männern in Wien seit 1983 136 Grafik 5.21: Entwicklung der häufigsten Krebsneuerkrankungen(ICD-10) bei Frauen in Wien seit 1983 137 Grafik 5.22: Entwicklung der Mortalität für ausgewählte Krebsarten(ICD-9) in Wien seit 1980(5-Jahresabstände) nach Geschlecht 138 Grafik 5.23: Neuerkrankungen an Brustkrebs(ICD-10) bei Frauen in Wien 2000 nach Alter 144 Grafik 5.24: Entwicklung der Neuerkrankungen an Brustkrebs bei Frauen(ICD-10) in Wien und Österreich seit 1983 144 Grafik 5.25: Krebs-Erkrankungsstadium bei Brustkrebs(ICD-10) zum Zeitpunkt der Diagnose 1990 und 2000 in Österreich(Prozent) 146 Grafik 5.26: Stationäre Aufenthalte von Frauen mit der Hauptdiagnose Brustkrebs(ICD-9/BMAGS<174>) 1990, 1995, 2000 147 Grafik 5.27: Sterbefälle an Brustkrebs bei Frauen in Wien 2001 nach Alter 147 Grafik 5.28: Entwicklung der Mortalität an Brustkrebs bei Frauen in Österreich und Wien 1980–2001 148 Grafik 5.29: Steigerung der Mammographien von 1999–2001 150 Grafik 5.30: Neuerkrankungen an Prostatakrebs(ICD-10) 2000, bei Männern nach Bundesländern (pro 100.000, rohe Rate) 153 Grafik 5.31: Alter der in Wien im Jahr 2000 neu an Prostatakrebs(ICD-10) erkrankten Männer 153 Grafik 5.32: Neuerkrankungen an Prostatakrebs bei Männern(ICD-10) in Wien und Österreich seit 1983 154 Grafik 5.33: Krebs-Erkrankungsstadien(zum Zeitpunkt der Diagnose) bei Prostatakrebs(ICD-10) in Österreich 1990 und 2000 155 Grafik 5.34: Stationäre Aufenthalte mit der Hauptdiagnose Prostatakrebs(ICD-9/BMAGS<185>) von in Wien und Österreich wohnhaften Männern 1990, 1995, 2000 156 Grafik 5.35: Sterbefälle an Prostatakrebs bei Männern in Wien im Jahr 2001 nach Alter 157 Grafik 5.36: Entwicklung der Mortalität an Prostatakrebs(ICD-9<185>) bei Männern in Wien und Österreich seit 1980 157 Grafik 5.37: Neuerkrankungen an Lungenkrebs(ICD-10) in Wien 2000 nach Alter und Geschlecht 161 Grafik 5.38: Neuerkrankungen an Lungenkrebs(ICD-10) in Wien und Österreich seit 1983 nach Geschlecht 162 Grafik 5.39: Stationäre Aufenthalte aufgrund von Lungenkrebs(ICD-9/BMAGS<162>) in Wien und Österreich 1990, 1995, 2000 nach Geschlecht 164 Grafik 5.40: Sterbefälle an Lungenkrebs(ICD-9<162>) in Wien 2001 nach Alter und Geschlecht 164 Grafik 5.41: Mortalität an Lungenkrebs(ICD-9<162>) in Wien und Österreich seit 1980(5-Jahresabstände) nach Geschlecht 165 Grafik 5.42: Neuerkrankungen an bösartigen Neubildungen des Kolorektums(ICD-10) in Wien 2000 nach Alter 169 Grafik 5.43: Neuerkrankungen an bösartigen Neubildungen des Kolorektums(ICD-10) in Wien und in Österreich seit 1983 nach Geschlecht 170 18 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN GRAFIKVERZEICHNIS Grafik 5.44: Stationäre Aufenthalte aufgrund des kolorektalen Karzinoms(ICD-9/BMAGS<153,154>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen 1990, 1995, 2000 171 Grafik 5.45: Mortalität am kolorektalen Karzinom(ICD-9<153,154>) in Wien und Österreich seit 1980(5-Jahresabstände) nach Geschlecht 172 Grafik 5.46: Inzidenz und Mortalität am kolorektalen Karzinom(ICD-9<153,154>) in den Ländern der Europäischen Union nach Geschlecht 1997 173 Grafik 5.47: Neuerkrankungen an bösartigen Neubildungen des Gebärmutterhalses(ICD-10) und des Gebärmutterkörpers(ICD-10) von Frauen in Wien im Jahr 2000 nach Alter 177 Grafik 5.48: Neuerkrankungen an bösartigen Neubildungen des Gebärmutterhalses(ICD-10) und des Gebärmutterkörpers(ICD-10) bei Frauen in Wien und Österreich seit 1983 178 Grafik 5.49: Stationäre Aufenthalte aufgrund bösartiger Neubildungen des Gebärmutterhalses (ICD-9/BMAGS<180>) und des Gebärmutterkörpers(ICD-9/MBAGS<182>) von in Wien und Österreich wohnhaften Frauen 1990, 1995, 2000 179 Grafik 5.50: Mortalität an bösartigen Neubildungen des Gebärmutterhalses(ICD-9<180>) und des Gebärmutterkörpers(ICD-9<179,182>) bei Frauen in Wien und in Österreich seit 1980 180 Grafik 5.51: Neuerkrankungen(pro 100.000) bei Kindern und Jugendlichen in Österreich 2000 nach Alter und Geschlecht 186 Grafik 5.52: Entwicklung der Heilungschancen von Kindern und Jugendlichen mit bösartigen Erkrankungen seit 1940 189 Grafik 5.53: Rücken-, Kreuzschmerzen in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht 206 Grafik 5.54: Rücken-, Kreuzschmerzen in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht 207 Grafik 5.55: Rücken-, Kreuzschmerzen in Wien 1999 nach Berufsgruppen und Geschlecht 207 Grafik 5.56: Stationäre Aufenthalte aufgrund von Krankheiten der Wirbelsäule und des Rückens (ICD-9<720-724>) von in Wien wohnhaften Personen im Jahr 2000 nach Geschlecht 209 Grafik 5.57: Gelenkrheumatismus in der in Privathaushalten lebenden Wiener Bevölkerung 1999 nach Alter und Geschlecht 213 Grafik 5.58: Gelenkrheumatismus in der in Privathaushalten lebenden Wiener Bevölkerung 1999 nach Bildung und Geschlecht 213 Grafik 5.59: Schmerzen an Armen, Händen, Beinen, Knien, Hüften oder Gelenken in Wien in den zwei Wochen vor der Befragung 1999–2001 nach Alter und Geschlecht 218 Grafik 5.60: Stationäre Aufenthalte aufgrund von Arthrose(ICD-9<715>) von in Wien und in Österreich wohnhaften Personen im Jahr 2000 nach Geschlecht 220 Grafik 5.61: Stationäre Aufenthalte von den in Wien wohnhaften Personen aufgrund von Arthrose (ICD-9/BMAGS<715>) im Jahr 2000 nach Alter und Geschlecht 220 Grafik 5.62: Stationäre Aufenthalte von in Wien und Österreich wohnhaften Personen ab 50 Jahre aufgrund von Osteoporose und deren Folgen(ICD-9/BMAGS<733, 737, 805, 808, 812, 813, 820, 821, 823>) und hüftgelenksnahen Frakturen(ICD-9/BMAGS<820>) 1990, 1995, 2000 nach Geschlecht 227 Grafik 5.63: Stationäre Aufenthalte aufgrund hüftgelenksnaher Frakturen(ICD-9/BMAGS<820>) von in Wien wohnhaften Personen nach Alter und Geschlecht 228 Grafik 5.64: Sterblichkeit von Personen ab 50 Jahren aufgrund hüftgelenksnaher Frakturen(ICD-9<820>) in Wien und Österreich seit 1980(5-Jahresabstände) nach Geschlecht 229 Grafik 5.65: Niedergedrücktheit(Depressionen) in Wien und Österreich 1999, Privathaushalte 237 Grafik 5.66: Niedergeschlagenheit(Depressionen) in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht, Privathaushalte 238 Grafik 5.67: Niedergeschlagenheit(Depressionen) in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht, Privathaushalte 238 Grafik 5.68: Depressive Beschwerden(Niedergeschlagenheit, etc.) in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren (Privathaushalte) 1999–2001 nach Alter und Geschlecht 240 Grafik 5.69: Nervosität und Angstzustände in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren(Privathaushalte) 1999–2001 nach Alter und Geschlecht 241 Grafik 5.70: Stationäre Aufenthalte aufgrund depressiver Erkrankungen(ICD-9/BMAGS<296, 301, 309, 311>, 40 Prozent von<300>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen im Jahr 2000 nach Geschlecht 242 Grafik 5.71: Alter der aufgrund depressiver Erkrankungen(ICD-9/BMAGS<296, 301, 309, 311>, 40 Prozent von<300>) im Jahr 2000 von in Wien wohnhaften stationär Behandelten nach Geschlecht 243 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 19 GRAFIKVERZEICHNIS Grafik 5.72: Sterblichkeit aufgrund von Selbstmord und Selbstbeschädigung(ICD-9) in Wien und Österreich seit 1980(5-Jahresabstände) nach Geschlecht 244 Grafik 5.73: Prognostizierte Entwicklung der Demenzerkrankungen(allgemein und insbesondere vom Typ Alzheimer) für über 64-Jährige und über 84-Jährige in Österreich bis 2010 und 2050 248 Grafik 5.74: Stationäre Aufnahmen aufgrund von Altersdemenz(ICD-9/BMAGS<290, 331>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen im Jahr 2000 249 Grafik 5.75: Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren (Privathaushalte) 1999–2001 nach Alter und Geschlecht 249 Grafik 5.76: Chronische Krankheiten der Atmungsorgane in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren (Privathaushalte) 1999–2001 nach Alter und Geschlecht 253 Grafik 5.77: Stationäre Aufenthalte mit der Hauptdiagnose Krankheiten der Atmungsorgane (ICD-9/BMAGS<460-519>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen im Jahr 2000 253 Grafik 5.78: Sterblichkeit aufgrund von Krankheiten der Atmungsorgane(ICD-9<460-519>) in Wien und Österreich 2001 nach Geschlecht 254 Grafik 5.79: Sterblichkeit an chronischer Bronchitis, Emphysem und Asthma(ICD-9<490-493>) 2001 nach Bundesländern 255 Grafik 5.80: Chronische Bronchitis(Lebenszeitprävalenz) in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren (Privathaushalte) nach Alter und Geschlecht 258 Grafik 5.81: Chronische Bronchitis(Lebenszeitprävalenz) in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren (Privathaushalte) nach Bildung und Geschlecht 258 Grafik 5.82: Stationäre Aufenthalte mit der Hauptdiagnose chronische Bronchitis(ICD-9/BMAGS<490, 491>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen im Jahr 2000 nach Geschlecht 260 Grafik 5.83: Sterblichkeit an chronischer Bronchitis(ICD-9<490, 491>) in Wien und Österreich seit 1980 (5-Jahresabstände) nach Geschlecht 261 Grafik 5.84: Asthma in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren(Privathaushalte) 1999–2001 nach Alter und Geschlecht 263 Grafik 5.85: Asthma in der Wiener Bevölkerung 1999–2001 nach Netto-Haushaltseinkommen/EÄ 264 Grafik 5.86: Stationäre Aufenthalte mit der Hauptdiagnose Asthma(ICD-9/BMAGS<493>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen 1990, 1995, 2000 265 Grafik 5.87: Sterbefälle an Asthma(ICD-9<430>) in Wien 2001 nach Alter und Geschlecht 266 Grafik 5.88: Sterblichkeit an Asthma(ICD-9<493>) in Wien und Österreich seit 1980(5-Jahresabstände) nach Geschlecht 266 Grafik 5.89: Zuckerkrankheit bei Personen ab 16 Jahren in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht 273 Grafik 5.90: Zuckerkrankheit in Wien 1999–2001 nach Haushaltseinkommen und Geschlecht 274 Grafik 5.91: Sterbefälle an Diabetes mellitus(ICD-9<250>) in Wien 2001 nach Alter und Geschlecht 276 Grafik 5.92: Sterbefälle an Diabetes mellitus(ICD-9<250>) in Wien und Österreich seit 1980 276 Grafik 5.93: Inkontinenz in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren 1999–2001 nach Alter und Geschlecht 282 Grafik 5.94: Inkontinenz in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren 1999–2001 nach Netto-Haushaltseinkommen und Geschlecht 283 20 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN TABELLENVERZEICHNIS TABELLENVERZEICHNIS 3 ÜBERBLICK ÜBER DIE GESUNDHEIT IN WIEN Tabelle 3.01: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht, in Österreich gesamt Tabelle 3.02: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 nach Zahl der Beschwerden und Geschlecht Tabelle 3.03: Zufriedenheit mit der Gesundheit in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Tabelle 3.04: Beschwerden der Wiener Bevölkerung 1999 nach Alter und Geschlecht Tabelle 3.05: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1991 und 1999 nach Geschlecht Tabelle 3.06: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht Tabelle 3.07: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 nach Art des Wohnbezirkes und Geschlecht Tabelle 3.08: Beschwerden in Wien 1999 nach Erwerbstatus und Geschlecht Tabelle 3.09: Spitalsaufenthalte von in Wien und Österreich wohnhaften Personen 1990, 1995 und 2000 nach Geschlecht Tabelle 3.10: Stationäre Aufenthalte von in Wien wohnhaften Personen im Jahr 2000 nach Hauptdiagnose und Geschlecht Tabelle 3.11: Stationäre Aufenthalte von in Wien wohnhaften Personen im Jahr 1990, 1995, 2000 nach Hauptdiagnose Tabelle 3.12: Sterblichkeit in Wien 2001 nach Todesursachen(Hauptdiagnose) und Geschlecht Tabelle 3.13: Sterbefälle infolge Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems(ICD-9<390–459>) in Wien 2001 nach Geschlecht Tabelle 3.14: Sterbefälle infolge bösartiger Neubildungen(ICD-9<140–208>) in Wien 2001 nach Geschlecht Tabelle 3.15: Sterbefälle infolge Verletzungen und Vergiftungen(ICD-9) in Wien 2001 nach Geschlecht Tabelle 3.16: Sterbefälle infolge Krankheiten der Verdauungsorgane(ICD-9<520–579>) in Wien 2001 nach Geschlecht Tabelle 3.17: Sterbefälle infolge von Krankheiten der Atmungsorgane(ICD-9<460–519>) in Wien 2001 nach Geschlecht 49 50 53 54 55 57 60 63 66 67 69 72 75 76 77 78 78 4 CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Tabelle 4.01: Chronische Krankheiten und dadurch bedingte Einschränkung in Wien 1999–2001 Tabelle 4.02: Chronische Krankheiten in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht Tabelle 4.03: Chronische Erkrankungen von Männern 1999 in Österreich und in Wien nach Alter Tabelle 4.04: Chronische Erkrankungen von Frauen 1999 in Österreich und in Wien nach Alter Tabelle 4.05: Häufigste chronische Erkrankungen Erwerbstätiger in Wien 1999 nach beruflicher Stellung und Geschlecht 5 AUSGEWÄHLTE CHRONISCHE KRANKHEITEN Tabelle 5.01: Krebsinzidenz(alle Lokalisationen) in Wien seit 1990(5-Jahresabstände) nach Alter und Geschlecht Tabelle 5.02: Krebsneuerkrankungen bei Männern im Jahr 2000 in Wien(absolut, in Prozent, standardisierte Raten pro 100.000) und Österreich Tabelle 5.03: Krebsneuerkrankungen bei Frauen im Jahr 2000 in Wien(absolut, in Prozent, standardisierte Raten pro 100.000) und Österreich Tabelle 5.04: Übersicht über Inzidenz, Mortalität und stationäre Aufenthalte für ausgewählte Krebslokalisationen in Wien und Österreich Tabelle 5.05: Neuerkrankungen an Brustkrebs bei Frauen(ICD-10) in Wien seit 1990 (5-Jahresabstände) nach Alter 90 91 93 94 99 128 133 134 141 145 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 21 TABELLENVERZEICHNIS Tabelle 5.06: Neuerkrankungen an Prostatakrebs bei Männern in Wien seit 1990(5-Jahresabstände) nach Alter(standardisierte Raten pro 100.000) 155 Tabelle 5.07: Neuerkrankungen an Lungenkrebs(ICD-10) in Wien seit 1990(5-Jahresabstände) nach Alter und Geschlecht(standardisierte Raten pro 100.000) 163 Tabelle 5.08: Neuerkrankungen an bösartigen Neubildungen des Kolorektums(ICD-10) in Wien seit 1990(5-Jahresabstände) nach Alter und Geschlecht 170 Tabelle 5.09: Neuerkrankungen an bösartigen Neubildungen des Gebärmutterhalses(ICD-10) und des Gebärmutterkörpers bei Frauen(ICD-10) in Wien seit 1990(5-Jahresabstände) nach Alter 178 Tabelle 5.10: Krebsneuerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen im Jahr 2000 in Österreich nach Alter und Lokalisation(absolut, in Prozent); in Österreich und Wien nach Alter 185 Tabelle 5.11: Häufigste Diagnosegruppen bei Krebserkrankungen von Kindern 187 Tabelle 5.12: Krebsneuerkrankungen(pro 100.000) bei Kindern und Jugendlichen in Österreich und Wien 2000 188 Tabelle 5.13: Überlebenswahrscheinlichkeit nach Krebsbehandlung bei Kindern 190 Tabelle 5.14: Leistungsangebot der Wiener Krebshilfe 193 Tabelle 5.15: Stationäre Aufenthalte von in Wien wohnhaften Personen aufgrund von Krankheiten der Atmungsorgane(ICD-9/BMAGS<460–519>) im Jahr 2000 nach Geschlecht 254 Tabelle 5.16: Sterblichkeit aufgrund von Diabetes mellitus(ICD-9<250>) in Wien seit 1980(5-Jahresabstände) nach Geschlecht(absolut, pro 100.000, standardisierte Raten pro 100.000) 275 Tabelle 5.17: Stationäre Aufenthalte aufgrund von Diabetes mellitus(ICD-9/BMAGS<250>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen 1990, 1995, 2000 279 22 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN ZUSAMMENFASSUNG SUMMARY ZUSAMMENFASSUNG ZUSAMMENFASSUNG Der vorliegende Bericht bietet einen systematischen Überblick über chronische Erkrankungen in Wien. Um ihren Stellenwert besser beurteilen zu können, wird zu­ nächst die Gesundheitssituation der Wiener Bevölke­ rung insgesamt beschrieben. Im Anschluss daran wer­ den Ergebnisse von Gesundheitsbefragungen zur Ver­ breitung chronischer Krankheiten in verschiedenen Bevölkerungsgruppen diskutiert. Schließlich erfolgt ei­ ne detaillierte Darstellung ausgewählter chronischer Krankheiten anhand verschiedener Kennziffern. Eine Diskussion der sich daraus ableitenden Herausforde­ rungen an das Gesundheitssystem rundet den Bericht ab. Gesundheit in Wien im Überblick Rund drei Viertel der Wiener Bevölkerung erfreuen sich guter Gesundheit, über vier Fünftel geben an, mit ihrer Gesundheit zufrieden zu sein. In den letzten zehn Jahren ist zudem auch noch eine Verbesserung des ge­ sundheitlichen Befindens festzustellen. Vor allem älte­ re Frauen beurteilen im Vergleich zu noch vor einem Jahrzehnt ihre Gesundheit positiver. Nach wie vor be­ stehen allerdings Unterschiede im gesundheitlichen Befinden zwischen verschiedenen sozialen Gruppen. Personen mit niedriger Bildung, ArbeiterInnen, Mig­ rantInnen und vor allem Arbeitslose weisen vermehrt gesundheitliche Defizite auf. Die Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes hängt weitgehend vom Vorhandensein von Be­ schwerden ab. Trotz generell positiver Beurteilung des Gesundheitszustandes sind Beschwerden in der Wiener Bevölkerung relativ häufig. Mehr als die Hälf­ te der Wienerinnen und Wiener gibt eine oder mehre­ re Beschwerde(n) an. Am häufigsten werden Rücken­ bzw. Kreuzschmerzen sowie Kopfschmerzen bzw. Mi­ gräne genannt. Jeder fünfte Wiener und ebenso viele Wienerinnen leidet bzw. leiden unter Rücken- bzw. Kreuzschmerzen, jeder achte Wiener und jede sechste Wienerin unter Kopfschmerzen bzw. Migräne. Die Zahl der Spitalsaufenthalte der Wiener Wohnbe­ völkerung ist in den letzten Jahren gestiegen. Großteils, wenngleich nicht ausschließlich, ist dieser Anstieg je­ doch auch auf die Einführung des Verrechnungssys­ tems der leistungsorientierten Krankenanstaltenfinan­ zierung(LKF) im Jahr 1997 zurückzuführen. Diese Än­ derung führte zum einen zu einer Verkürzung der Ver­ weildauern, zum andern zu einem Anstieg von Kurzund Mehrfachaufenthalten. Besonders deutlich wirkt sich diese Umstellung bei den therapieaufwendigen chronischen Erkrankungen aus. Bei den psychischen Erkrankungen kommt darüber hinaus noch der Effekt einer Verlagerung vom ambulanten Spitalsbereich in den stationären hinzu. Diese Umstände machen einen direkten Vergleich in der Entwicklung der Spitalsauf­ enthalte schwierig. Häufigste Gründe für Spitalsaufenthalte sind Krankhei­ ten des Herz-Kreislauf-Systems, gefolgt von Krebser­ krankungen; dritthäufigster Grund sind Krankheiten des Bewegungsapparats. Diese drei Krankheitsgruppen waren im Jahr 2000 für rund 40 Prozent der stationären Aufenthalte der Wiener Wohnbevölkerung verantwort­ lich. Die im Vergleich zum gesamten Bundesgebiet häufigeren Krankenhausaufenthalte der Wohnbevöl­ kerung Wiens sind vorwiegend auf den höheren Alten­ anteil und die damit einhergehende höhere Erkran­ kungshäufigkeit zurückzuführen. Im Gegensatz zum Anstieg der Spitalsaufenthalte ist die Sterblichkeit in den letzten Jahrzehnten deutlich ge­ sunken. Die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkran­ kungen wurde in Wien bei beiden Geschlechtern seit 1980 um über 40 Prozent, die Sterblichkeit an bösarti­ gen Neubildungen(Krebserkrankungen) bei den Män­ nern um etwa ein Viertel, bei den Frauen um etwa ein Fünftel reduziert. Eine wichtige Rolle im Bereich der Herz-Kreislauf-Mortalität spielen nach wie vor Herzin­ farkte und Schlaganfälle. Häufigste Ursache der Krebs­ sterblichkeit sind(unter den Einzeldiagnosen) bei den Männern der Lungenkrebs, bei den Frauen der Brust­ krebs. Trotz des deutlichen Rückgangs ist die Sterblichkeit in Wien nach wie vor höher als im gesamten Bundesge­ biet, auch die„vorzeitige Sterblichkeit“(d. h. die Sterb­ lichkeit vor dem 70. Lebensjahr) ist in Wien höher. Am meisten tragen Herz-Kreislauf- und Krebserkrankun­ gen zur vorzeitigen Sterblichkeit bei. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 25 ZUSAMMENFASSUNG Chronische Erkrankungen Internationalen Schätzungen zufolge zeigen chronische Erkrankungen in unserer Gesellschaft eine stark stei­ gende Tendenz, wobei der Lebensstil in fortgeschritte­ nen Industriegesellschaften(ungesunde Ernährung, wenig Bewegung, Rauchen, übermäßiger Alkoholkon­ sum, etc.) für die Zunahme vieler chronischer Erkran­ kungen eine wichtige Rolle spielt. Trotz durchwegs positiver Beurteilung des Gesund­ heitszustandes und merkbarer Verbesserungen im ge­ sundheitlichen Befinden, sind chronische Erkrankun­ gen in Wien weit verbreitet. Nahezu ein Drittel der Wie­ ner Bevölkerung ist(Eigenangaben zufolge) chronisch krank. In Wien ist der Anteil chronisch Kranker etwas höher als im gesamten Bundesgebiet. Nur Oberöster­ reich weist höhere Erkrankungsraten auf. Von chroni­ schen Krankheiten am meisten verschont ist die Bevöl­ kerung Vorarlbergs und Salzburgs. Frauen sind(unter anderem aufgrund ihres höheren Durchschnittsalters) etwas häufiger chronisch krank als Männer. Vermehrt von chronischen Krankheiten betroffen sind ältere Menschen: Ab einem Lebensalter von 75 und mehr Jahren ist in Wien etwa jede/r Zweite chronisch krank. Zudem treten im höheren Alter meist mehrere chronische Krankheiten gleichzeitig auf(Mul­ timorbidität). Aber auch bei Kindern und Jugendlichen finden sich chronische Erkrankungen(darunter Schä­ den an der Wirbelsäule, Asthma, rheumatische Erkran­ kungen, Krebs). Obwohl in der Behandlung chronischer Erkrankungen in letzter Zeit erhebliche Fortschritte erzielt wurden, die zu einer Verbesserung des subjektiven gesundheit­ lichen Befindens und der Lebensqualität chronisch kranker Menschen geführt haben, fühlen sich rund drei Viertel der chronisch Kranken durch ihre Krankheit in den alltäglichen Handlungen eingeschränkt. Ältere chronisch Kranke finden sich mit chronischen Krank­ heiten anscheinend eher ab: Sie empfinden die Krank­ heit seltener als Belastung als jüngere. Die führenden Krankheitsgruppen unter den chroni­ schen Krankheiten sind Krankheiten des Bewegungs­ apparats und des Kreislaufsystems. Bei den Männern folgen an dritter Stelle Krankheiten der Atmungsorga­ ne(Rauchen!), bei den Frauen Krankheiten des Ner­ vensystems und der Sinnesorgane. Im Vergleich dazu sind Krebserkrankungen selten, jedoch insgesamt fol­ genschwerer. Unter den Einzeldiagnosen sind Blut­ hochdruck und Schäden an der Wirbelsäule am ver­ breitetsten, an dritter Stelle folgt bei den Männern die Zuckerkrankheit, bei den Frauen Gelenkserkrankun­ gen vor allem an Hüfte oder Bein. Ebenso wie das gesundheitliche Befinden sind auch chronische Krankheiten sozial ungleich verteilt. Neben Bildungsunterschieden sind Unterschiede je nach be­ ruflicher Tätigkeit zu beobachten. So etwa leiden Be­ amte männlichen Geschlechts häufiger als andere Be­ rufsgruppen an Bluthochdruck, Facharbeiter am häu­ figsten unter Schäden an der Wirbelsäule. Insbesondere ist in diesem Zusammenhang auch auf die prekäre Gesundheitssituation arbeitsloser Men­ schen hinzuweisen. Sie sind nicht nur häufiger chro­ nisch krank, auch Multimorbidität, also das gleichzeiti­ ge Vorhandensein mehrerer chronischer Erkrankun­ gen, spielt bei ihnen eine größere Rolle. Neben Selekti­ onseffekten(gesundheitlich beeinträchtigte Menschen werden eher arbeitslos) sind hier auch Kausaleffekte wirksam(Arbeitslosigkeit bzw. die damit verbundenen Stressoren machen krank bzw. führen zur Verschlech­ terung bereits bestehender Krankheiten). Chronische Krankheiten sind nicht nur behandlungs­ intensiv und führen zu häufigen stationären Aufenthal­ ten, sie sind volkswirtschaftlich auch insofern von Be­ deutung als damit häufig Arbeitsausfälle(aufgrund von Arztbesuchen, Krankenständen, vorzeitigen Pensionie­ rungen) verbunden sind. Eine dominierende Rolle spielen in diesem Zusammenhang Krankheiten des Be­ wegungsapparats. Aber auch psychische Erkrankun­ gen, Krankheiten des Kreislaufsystems und Krebser­ krankungen sind häufige Gründe für vorzeitige Pensio­ nierungen. Gleichzeitig werden vor allem bei den chro­ nischen Krankheiten auch die Grenzen der symptom­ und nicht ursachenorientierten Schulmedizin deutlich. Ausgewählte chronische Erkrankungen Im vorliegenden Bericht detailliert beschrieben werden folgende chronische Krankheiten: im Bereich der Herz­ Kreislauf-Erkrankungen der akute Myokardinfarkt und zerebrovaskuläre Erkrankungen(Schlaganfälle), unter den Krankheiten des Bewegungsapparats Dorso­ pathien, rheumatoide Arthritis, Arthrose und Osteopo­ rose. Stellvertretend für chronische Krankheiten der 26 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN ZUSAMMENFASSUNG Atmungsorgane wird auf chronische Bronchitis und Asthma eingegangen. Unter den Ernährungs- und Stoff­ wechselerkrankungen wird die häufigste Krankheit in­ nerhalb dieser Krankheitsgruppe, der Diabetes mellitus ausführlicher behandelt. Berücksichtigt werden des Weiteren psychische Erkrankungen und Krankheiten des Nervensystems(Depression, Demenz). Besondere Aufmerksamkeit gilt den Krebserkrankungen, wobei die häufigsten Lokalisationen(Prostatakrebs, Brust­ krebs, Lungenkrebs, Darmkrebs, Gebärmutterkörperund Gebärmutterhalskrebs) detaillierter dargestellt werden. Ein weiterer Schwerpunkt sind Krebserkran­ kungen bei Kindern und Jugendlichen. Um einen Einblick in die mit chronischen Erkrankun­ gen verbundenen Spezifika und Probleme zu geben, wird im Folgenden lediglich auf einige ausgewählte chronische Krankheiten, nämlich Krebserkrankungen, Diabetes mellitus und Osteoporose, Bezug genommen. Hinsichtlich der anderen im Bericht inkludierten Krankheiten sei auf die zusammenfassende Darstel­ lung zu Beginn der einzelnen Kapitel verwiesen. Krebserkrankungen Laut Eigenangaben sind in Wien derzeit etwa 14.000 Personen an Krebs erkrankt. Pro Jahr ist in Wien mit mehr als 7.000 Neuerkrankungen zu rechnen. Männer haben ein etwa um die Hälfte höheres Risiko neu an Krebs zu erkranken als Frauen. Während Männer in Wien ein gering über dem österreichischen Durch­ schnitt liegendes Neuerkrankungsrisiko aufweisen, liegt jenes der Frauen knapp unter dem ÖsterreichWert. Ab einem Lebensalter von 45 Jahren beginnt das Risiko, an einer bösartigen Neubildung zu erkranken, bei beiden Geschlechtern deutlich zu steigen. Während sich in Wien die Rate der Neuerkrankungen an Krebs bei den Männern in den vergangenen Jahr­ zehnten nur geringfügig verändert hat, waren Krebser­ krankungen bei den Frauen leicht rückläufig. Die häufigsten Krebsneuerkrankungen sind(unter den Einzeldiagnosen) bei den Männern das Prostata­ karzinom(mit über 850 Neuerkrankungen in Wien im Jahr 2000), der Lungenkrebs(über 600 Neuerkran­ kungen), bösartige Neubildungen des Kolorektums (v. a. Dickdarm)(über 450 Neuerkrankungen) und der Harnblase(etwa 300 Neuerkrankungen). Bei den Frau­ en sind der Brustkrebs(über 900 Neuerkrankungen), bösartige Neubildungen des Kolorektums(über 500 Neuerkrankungen), Lungenkrebs(über 300 Neuer­ krankungen) und Krebs des Gebärmutterkörpers(etwa 180 Neuerkrankungen) 1 am häufigsten. Krebserkrankungen verursachten im Jahr 2000 ähnlich viele stationäre Aufenthalte wie Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems. Etwa jeder achte stationäre Aufenthalt in der Wiener Bevölkerung war auf eine Krebserkrankung zurückzuführen. Wie erwähnt, wir­ ken sich vor allem bei den therapieintensiven Krebser­ krankungen die Mehrfachaufenthalte mit verkürzten Verweildauern statistisch aus. Ursachen und Verlauf von Krebserkrankungen sind je nach Lokalisation verschieden. Neben genetischen Faktoren spielt der Lebensstil(ungesunde Ernährung, wenig Bewegung, Rauchen, übermäßiger Alkoholkon­ sum, etc.) für eine Reihe von Krebserkrankungen eine bedeutsame Rolle. Entscheidend für die Chancen auf Heilung ist das Stadium, in dem die Erkrankung ent­ deckt wird. Die Daten des Österreichischen Krebsregis­ ters zeigen, dass Krebserkrankungen gegenwärtig häu­ figer in einem früheren Stadium entdeckt werden als noch vor einem Jahrzehnt. Dazu beigetragen haben vor allem vermehrte Vorsorge und verbesserte Früherken­ nungsmöglichkeiten. Früherkennung und effizientere Behandlung erhöhen die Heilungschancen bzw. tragen zur Verlängerung der Lebenserwartung bei. Damit konnte auch die Sterblichkeit infolge von Krebs in den letzten Jahrzehnten deutlich reduziert werden. Trotzdem sind Krebserkrankungen, neben Krankhei­ ten des Herz-Kreislauf-Systems, die bei weitem das Gros aller Sterbefälle ausmachen, zweithäufigste To­ desursache. 2001 waren Krebserkrankungen in Wien für über ein Viertel der Sterbefälle von Männern und über ein Fünftel der Sterbefälle von Frauen das Grund­ leiden. Ebenso wie das Erkrankungsrisiko liegt auch die Krebssterblichkeit der Männer deutlich über jener der Frauen. Altersstrukturbereinigt war die Sterblichkeit im Jahr 2001 um etwa die Hälfte höher als jene der Frauen. Auch die„vorzeitige Sterblichkeit“ aufgrund von Krebs, also die Sterblichkeit vor dem 70. Lebens­ jahr, ist bei den Männern höher. 1 Zusätzlich sind 115 Frauen neu am Gebärmutterhalskrebs erkrankt. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 27 ZUSAMMENFASSUNG Die meisten Krebssterbefälle bei den Männern verursa­ chen(der Reihe nach) Lungenkrebs, das kolorektale Karzinom und Prostatakrebs. Bei den Frauen sind Brustkrebs, Lungenkrebs und Kolorektalkrebs die füh­ renden Einzeldiagnosen im Bereich der Krebssterblich­ keit. Häufigste Krebserkrankungen bzw. Krebs­ sterbefälle(Einzeldiagnosen) Lungenkrebs: Hauptursache für den Lungenkrebs ist das Rauchen. In Wien ist aufgrund der hohen Rauche­ rInnenquoten die Rate der Neuerkrankungen an Lun­ genkrebs deutlich höher als im gesamten Bundesge­ biet. Während bei den Männern in den letzten Jahr­ zehnten Neuerkrankungen an Lungenkrebs rückläufig waren, sind sie bei den Frauen gestiegen. Diese gegen­ läufige Entwicklung hat zu einer Verringerung des Ab­ stands zwischen den Geschlechtern geführt. Brustkrebs heute früher erkannt wird als noch vor ei­ nem Jahrzehnt, was zur Verbesserung der Heilungs­ chancen führt. Zur Früherkennung von Brustkrebs wurde in Wien entsprechend den Empfehlungen der Europäischen Union ein Brustkrebs-Früherkennungs­ programm gestartet, aufgrund dessen positive Auswir­ kungen erzielt werden konnten. So z. B. wurden mit diesem Programm viele Frauen, die längere Zeit nicht bei der Brustkrebs-Früherkennungsuntersuchung wa­ ren, zur Teilnahme motiviert. Brustkrebs ist(ebenso wie andere Krebserkrankungen) sehr behandlungsintensiv. Im Jahr 2000 waren 4 Pro­ zent der stationären Aufenthalte der weiblichen Wohn­ bevölkerung Wiens auf Brustkrebs zurückzuführen. Obwohl die Erkrankungsrate in Wien(altersstruktur­ bereinigt) etwas niedriger als im gesamten Bundesge­ biet ist, ist die Sterblichkeit an Brustkrebs nach wie vor etwas höher. Stationäre Aufenthalte aufgrund von Lungenkrebs sind bei beiden Geschlechtern im letzten Jahrzehnt gestie­ gen, in Wien jedoch deutlicher als im gesamten Bun­ desgebiet. Die altersstrukturbereinigte Rate der statio­ nären Aufenthalte aufgrund von Lungenkrebs ist in Wien(vor allem bedingt durch die höheren Erkran­ kungsraten) bei den Männern um etwa die Hälfte, bei den Frauen um nahezu zwei Drittel höher als im gesam­ ten Bundesgebiet. Nicht nur Neuerkrankungen, auch die Sterblichkeit an Lungenkrebs ist in Wien deutlich höher als im gesam­ ten Bundesgebiet. Parallel zu den geschlechtsspezifi­ schen Trends bei den Neuerkrankungen ist die alters­ strukturbereinigte Mortalität in den letzten Jahrzehn­ ten bei den Männern gesunken, bei den Frauen jedoch gestiegen. Brustkrebs ist(unter den Einzeldiagnosen) die häu­ figste Krebsneuerkrankung und häufigste Ursache der Krebssterblichkeit von Frauen. Als Risikofaktoren für Brustkrebs gelten genetische, hormonelle, Ernährungs­ und Umweltfaktoren sowie medizinische und biologi­ sche Faktoren. Auch psychische Faktoren können eine Rolle spielen. Gegenwärtig ist mit ca. 950 Neuerkran­ kungen und ca. 400 Sterbefällen in Wien zu rechnen. Altersstrukturbereinigt war im Jahr 2000 die Rate der Neuerkrankungen an Brustkrebs in Wien der Tendenz nach niedriger als im gesamten Bundesgebiet. Ver­ mehrtes Screening trägt wesentlich dazu bei, dass Diabetes mellitus(Zuckerkrankheit) International ist eine Zunahme der Erkrankungen an Diabetes mellitus zu beobachten, wobei vor allem die Zahl der Typ-2-Diabetiker(ehemals„Altersdiabetes“) rasant steigt. Gründe für die Zunahme sind der ver­ mehrte Wohlstand, welcher die Entstehungsfaktoren von Diabetes(wie Übergewichtigkeit, Bewegungsman­ gel, etc.) begünstigt, die steigende Lebenserwartung, die vermehrte Früherkennung durch Screening sowie die bessere medizinische Versorgung, die zur Erhö­ hung der Lebenserwartung von DiabetikerInnen führt. Die Weltgesundheitsorganisation(WHO) rechnet auch weiterhin mit einer steigenden Zahl an Diabetes-Kran­ ken(vor allem jener vom Typ 2). Nach den Ergebnissen des Wiener Gesundheits- und Sozialsurveys 2001 leiden in Wien von den Personen ab 16 Jahren 3,4 Prozent der Männer und 4,3 Prozent der Frauen an Diabetes mellitus. Zu rechnen ist jedoch mit einer relativ hohen Dunkelziffer. So kam zum Beispiel eine Studie in Deutschland zu dem Ergebnis, dass in der Altersgruppe zwischen 55 und 74 Jahren bei 8 Pro­ zent ein bislang unbekannter Diabetes mellitus diag­ nostiziert wurde, wobei der Anteil des bislang unent­ deckten Diabetes mellitus ähnlich hoch wie der bereits diagnostizierte war. Ein schlecht eingestellter oder nicht entdeckter Diabetes mellitus kann jedoch zu er­ heblichen, nicht wieder gut zu machenden Folgeschä­ den führen. 28 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN ZUSAMMENFASSUNG Die Prävalenz der Zuckerkrankheit(vor allem vom Typ 2) nimmt im Alter deutlich zu. Frauen sind(unter an­ derem aufgrund ihres höheren Durchschnittsalters) häufiger als Männer von Diabetes mellitus betroffen. verschont: Je ein Fünftel der 50-jährigen und älteren Wiener Wohnbevölkerung, die aufgrund von Osteopo­ rose oder Oberschenkelhalsbrüchen stationär aufge­ nommen wurden, betraf Männer. In der Statistik wird Diabetes mellitus in seiner Bedeu­ tung sowohl hinsichtlich der stationären Aufenthalte als auch als Todesursache stark unterschätzt. Am To­ tenschein wird zum Beispiel bei Herzinfarkt oder Schlaganfall Diabetes nur als Begleitkrankheit ange­ führt. Das bedeutet, dass in der Todesursachenstatis­ tik, wo derzeit nur das Grundleiden für Auswertungen zur Verfügung steht, Diabetes in diesen Fällen nicht be­ rücksichtigt wird. Bei den stationären Aufenthalten der Wiener Wohnbevölkerung waren im Jahr 2000 2,2 Pro­ zent der Aufenthalte auf Diabetes mellitus zurückzu­ führen. Osteoporose Osteoporose ist eine Krankheit, die insbesondere Frau­ en betrifft. Sie beruht auf einer Verringerung der Kno­ chenmasse und-festigkeit, die durch ein Missverhält­ nis zwischen Knochenaufbau und-abbau entsteht. Die Folge ist eine Reduktion der mechanischen Belastbar­ keit der Knochen, wodurch es leicht zu Knochenbrü­ chen und-verformungen kommen kann. Besonders gravierend für die Betroffenen sind die durch die ver­ ringerte Knochendichte hervorgerufenen Oberschen­ kelhalsbrüche, die(im Gegensatz zu anderen osteopo­ rosebedingten Frakturen) fast ausschließlich im Kran­ kenhaus behandelt werden. Zur Zeit gibt es keine gesicherten Angaben zur Präva­ lenz der verschiedenen Formen von Osteoporose. Die (geschätzten) aufgrund von Osteoporose erforderli­ chen stationären Aufenthalte zeigen bei der 50-jährigen und älteren Wohnbevölkerung Wiens eine stark stei­ gende Tendenz. Obwohl Osteoporose weitgehend als Frauenkrankheit gilt, bleiben auch Männer nicht davon Auffallend ist, dass seit 1990 stationäre Aufenthalte aufgrund von Oberschenkelhalsfrakturen in der Alters­ gruppe der 50-Jährigen und Älteren bei den Männern (ausgehend von einem niedrigeren Niveau) deutlicher als bei den Frauen gestiegen sind. Im Gegensatz zu den steigenden stationären Aufenthalten aufgrund von Oberschenkelhalsfrakturen ist jedoch die Mortalität aufgrund solcher Frakturen(zumindest bei den Frau­ en) rückläufig. Herausforderungen an das Gesundheits­ system Chronische Erkrankungen stellen für Gesundheitssys­ teme sowohl hinsichtlich Prävention und Früherken­ nung als auch in Hinblick auf Behandlungsaufwand ei­ ne besondere Herausforderung dar. Im Bereich der Prävention etwa sind vor allem Maßnahmen der Ver­ haltens- und Verhältnisprävention gefragt(siehe sozia­ le Ungleichverteilung vieler chronischer Erkrankun­ gen). Die Früherkennung chronischer Erkrankungen trägt wesentlich zur Milderung des Krankheitsverlaufes bzw. zur Verhinderung von Folgekrankheiten bei. Früherkennung kann zudem zu einer Verbesserung der Heilungschancen beitragen. Was die Behandlung chronischer Erkrankungen anbelangt, so geht es nicht nur darum, den Zugang der Betroffenen zu den vorhan­ denen Behandlungsmöglichkeiten zu sichern. Primäres Ziel muss es auch sein, die PatientInnen zu befähigen, ihre Krankheit und die damit verbundenen Einschrän­ kungen bestmöglich zu managen(Empowerment) und ihre Mitarbeit(Compliance) zu sichern. Von besonde­ rer Bedeutung sind den individuellen Gegebenheiten angepasste Behandlungspläne unter Rückgriff auf die Grundlagen einer„evidence based medicine“. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 29 SUMMARY SUMMARY The present report offers a systematic overview of chronic diseases in Vienna. To permit a better evaluation of their significance, the overall state of health of the Viennese population is described as a first step. This is followed by a discussion of the findings of health surveys conducted to assess the prevalence of chronic diseases amongst var­ ious population groups. Finally, selected chronic diseases are presented in detail by means of a variety of charac­ teristic figures. The report concludes with a discussion of the resulting challenges for the public healthcare system. Survey of the health status of the Viennese population About three fourths of the Viennese population are in good health; over four fifths report to be satisfied with their state of health. Moreover, the health status has im­ proved over the past decade. Above all elderly women take a more positive view of their state of health than ten years ago. However, marked divergences in health status still exist between different social groups. Persons with a lower level of education, workers, migrants, and above all unemployed persons have increasing health deficits. A person’s assessment of his or her health status is largely dependent on the perceived ailments . Despite a general­ ly positive self-assessment, complaints about the health status are relatively frequent amongst Vienna’s popula­ tion. Over half of the city’s residents report to suffer from one or more ailments. The most frequently stated ail­ ments include backache or lumbago as well as headache or migraine. One in five Viennese suffers from backache or lumbago, while one in eight males as well as one in six females are affected by frequent headaches or migraine. Over the past few years, the number of hospital stays of Vienna’s residents has increased. This increase is mark­ edly, albeit not entirely, due to the introduction of the performance-oriented inpatient reimbursement system as a basis for hospital funding(German acronym“LKF”) on 1 January 1997. This has led to generally shorter hos­ pital stays on the one hand and to an increase in the number of short-term and multiple hospital stays on the other. This change is most clearly reflected with respect to the therapy-intensive chronic diseases. In the field of mental disorders, this is compounded by the shift from outpatient to inpatient wards. These circumstances make it hard to directly compare the developments in the field of hospital stays in general. The most frequent causes of hospital stays are cardiovas­ cular diseases followed by carcinomas; the third most fre­ quent cause are diseases of the locomotor system. In 2000, approx. 40 percent of all inpatient hospital stays of the Viennese population were due to these three groups of diseases. The fact that hospital stays occur more fre­ quently amongst Vienna’s residential population than in Austria as a whole is largely due to the higher share of elderly persons and the related higher morbidity rates. Contrary to the increase in hospital stays, the past dec­ ades have entailed a marked reduction in mortality . The mortality rate caused by cardiovascular diseases was cut by over 40 percent for both sexes since 1980, while the rate of mortality due to malignant neoplasms (carcinoma) receded by roughly one fourth in men and about one fifth in women. Cardiac infarctions and stroke continue to play an important role in the field of cardio­ vascular mortality rates. The most frequent lethal types of cancer(single diagnoses) are lung cancer in men and cancer of the mammary gland in women. Despite this marked reduction, mortality rates are still higher in Vienna than in Austria as a whole; by the same token,“premature mortality”(i.e. death before age 70) in Vienna also exceeds the rates for Austria in general. Cardiovascular diseases and cancer contribute most to premature mortality rates. Chronic diseases According to international estimates, chronic diseases are dramatically on the rise in our society; in this, the lifestyles of highly-developed industrial societies(un­ healthy nutrition, lack of physical exercise, smoking, ex­ cessive alcohol consumption, etc.) play a key role in the increased incidence of many chronic diseases. Despite a generally positive evaluation of the popula­ tion’s health status and noticeable improvements in the residents’ self-assessment of their health condition, chronic diseases are widespread in Vienna. According to data supplied by respondents, almost one third of the Vi­ ennese population suffer from one or more chronic dis­ 30 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN SUMMARY eases. In Vienna, chronic diseases occur with above-av­ erage frequency compared to Austria as a whole. The on­ ly federal province with a higher rate of chronically ill persons is Upper Austria, while the federal provinces of Salzburg and Vorarlberg are least affected by chronic diseases. Also due to their higher average age, women suffer from chronic diseases slightly more often than men. Chronic diseases tend to increase gradually with age: starting at age 75 and above, about one in two Viennese is afflicted with one or more chronic complaints. Moreover, persons of advanced age often suffer from more than just one chronic disease(multimorbidity). But chronic diseases are also identified in children and adolescents(including spinal column damage, asthma, rheumatic diseases, cancer). Although considerable progress was achieved in recent years concerning the treatment of chronic diseases, en­ tailing an improvement of the subjective health assess­ ment and the quality of life of chronically ill persons, about three fourths of the chronically ill feel that the dis­ ease restricts their everyday life and activities. It seems that older persons thus afflicted tend to come to terms with their situation more easily: they experience their disorder less frequently as a stressor than younger pa­ tients. Broken up into groups of diseases, the highest incidence amongst chronic diseases concerns diseases of the loco­ motor system and circulatory system. The third position is taken by diseases of the respiratory organs(smoking!) in men and by diseases of the nervous system and sensory organs in women. In comparison, carcinomas are less frequent, albeit generally accompanied by more serious consequences. Amongst single diagnoses, hypertension and spinal column damage are most widespread; the third place is taken by diabetes in men and degenerative joint diseases, mostly of the hips and legs, in women. Special mention should in this context be made of the precarious health status of unemployed persons, who not only are more often chronically ill, but quite frequently suffer from multimorbidity, i.e. are affected by more than one chronic disease. In addition to selection effects(per­ sons with health impairments tend to lose their job more easily), causal effects come into play here as well(unem­ ployment and the related stressors cause illness and lead to the deterioration of existing diseases). Chronic diseases are not only therapy-intensive and en­ tail frequent hospitalisation; they also place a burden on the economy, since they often correlate with a loss of work-time(due to consultations, sick-leave, early retire­ ment). In this connection, diseases of the locomotor sys­ tem assume crucial significance. But mental disorders, circulatory diseases, and cancer are other frequent rea­ sons for early retirement. At the same time, it is above all chronic diseases that reveal the limits of – symptom-ori­ ented, not cause-oriented – traditional medicine. Selected chronic diseases The present report offers a detailed description of the fol­ lowing chronic diseases: acute myocardial infarction and cerebrovascular diseases(stroke) in the field of cardio­ vascular diseases; amongst diseases of the locomotor sys­ tem, the focus is on dorsopathies, rheumatoid arthritis, arthrosis and osteoporosis. Chronic bronchitis and asth­ ma are dealt with as cases in point regarding chronic dis­ eases of the respiratory organs. Of nutritional and meta­ bolic diseases, the most frequent disease within this group, diabetes mellitus, is covered at greater length. Moreover, mental disorders and diseases of the nervous system(depression, dementia) are covered. Another fo­ cus is on carcinomas, with a detailed presentation of the most frequent localisations(cancer of the prostate, of the mammary gland, of the lungs, of the intestine, of the body of the uterus and of the cervix), additionally cancer in children and adolescents. Just like health status and frequency of disorders, chron­ ic diseases, too, present an unequal social distribution. In addition to differences in the level of education, there are above all differences related to occupation. While e.g. male civil servants suffer more frequently from hy­ pertension than any other occupational group, spinal column damage is most often observed amongst skilled workers. To offer insights into the specifics and problems related to chronic diseases, the following section will exclusively cover a few selected chronic diseases, i.e. carcinoma, dia­ betes mellitus and osteoporosis. With respect to the other diseases included in the report, please refer to the sum­ mary presentation at the beginning of the individual chapters. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 31 SUMMARY Carcinoma According to data supplied by respondents, approx. 14,000 persons in Vienna suffer from cancer. Every year, more than 7,000 new cases can be expected. The morbid­ ity risk of men is about 50 percent higher than that of women. While men in Vienna present a risk of develop­ ing cancer that is slightly above the Austrian average, that of women is just below the overall Austrian rate. From age 45 on, the risk of developing a malignant neo­ plasm rises markedly in both sexes. While the rate of new cases has changed only marginally over the past decades with regard to men, it has declined slightly in women. the chances of cure and contribute towards lengthening the patient’s life expectancy. As a result, mortality rates due to cancer were markedly reduced over the past decades. Despite this, cancer is the second most frequent cause of death after cardiovascular diseases, which account for the overwhelming majority of deaths. In 2001, cancer was the primary disease in one fourth of male deaths and over one fifth of female deaths in Vienna. Like the morbidity risk, the mortality rate of men is markedly higher than that of women. Adjusted for age structure, the male mortality rate of 2001 was by about 50 percent higher than its female counterpart. Pre­ mature mortality due to cancer, i.e. death before age 70, is also more frequent in men. Amongst single diagnoses, the most frequent malig­ nant neoplasms diagnosed in men are cancer of the prostate(with over 850 new cases recorded in Vienna in 2000), of the lungs(more than 600 new cases), of the colorectum(above all of the colon)(more than 450 new cases), and of the bladder(approx. 300 new cases). In women, cancer of the mammary gland(more than 900 new cases), of the colorectum(over 500 new cases), of the lungs(in excess of 300 new cases), and of the body of the uterus(approx. 180 new cases) 1 are the most frequent malignant neoplasms. In 2000, carcinomas caused a similar number of inpa­ tient hospital stays as cardiovascular diseases. About one in eight inpatient hospital stays of Viennese residents was due to some type of carcinoma. As already men­ tioned above, the fact that hospital stays tend to occur more frequently but are shorter was particularly reflected in the statistics for carcinoma, a therapy-intensive type of disease. The causes and progress of the various types of cancer depend on the localisation of the disease. In addition to genetic factors, lifestyles(unhealthy nutrition, lack of physical exercise, smoking, excessive alcohol consump­ tion, etc.) play a key role in the incidence of various types of carcinoma. The stage at which the disease is diagnosed is decisive for the patient’s chances of being cured. The data of the Austrian Cancer Register show that carcino­ mas are currently identified more frequently at an earlier stage than even one decade ago. This is largely due to in­ tensified screening and improved early detection meth­ ods. Early detection and more efficient therapies increase Most cancer deaths in men are caused(in ranking order) by lung cancer, carcinoma of the colorectum, and cancer of the prostate. In women, the top single diagnoses in the field of cancer-related mortality are cancer of the mam­ mary gland, lung cancer, and carcinoma of the colorec­ tum. Most frequent types of carcinoma and can­ cer-related deaths(single diagnoses) Lung cancer : Smoking is the main cause of lung cancer. Due to the high rate of smokers amongst the Viennese population, the rate of new lung cancer cases is markedly higher for Vienna than for Austria as a whole. While new diagnoses of lung cancer in men have decreased over the past decades, the rate has increased for women. This re­ verse development has reduced the gender-gap. The number of inpatient hospital stays due to lung can­ cer has increased for both sexes over the past decade, and the growth was more pronounced for Vienna than for Austria as a whole. Adjusted for age structure, the rate of inpatient hospital stays attributable to lung cancer in Vi­ enna is approximately 50 percent above the Austrian av­ erage for men(largely due to the higher morbidity rates), and almost two thirds higher for women. Not only new cases, but also mortality rates attributable to lung cancer are noticeably higher in Vienna than on a national scale. In parallel to the sex-specific tendencies in the new cases, age-adjusted mortality rates have de­ creased over the past decades for men but increased for women. 32 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN SUMMARY Amongst single diagnoses, cancer of the mammary gland is the single most frequent malignant neoplasm and most frequent cause of cancer-related death in wom­ en. Genetic, hormonal, nutritional, and environmental elements as well as medical and biological characteristics are considered risk factors for cancer of the mammary gland. At the moment, approx. 950 new cases and ap­ prox. 400 deaths occur annually in Vienna. Adjusted for age structure, the rate of new cases of cancer of the mam­ mary gland in 2000 was lower in Vienna than in Austria as a whole. Intensified screening contributes markedly to the earlier detection of cancer of the mammary gland than even one decade ago, which improves the patients’ chances of being cured. To improve the early diagnosis of cancer of the mammary gland in Vienna, the city launched an early diagnosis programme for cancer of the mammary gland in keeping with the recommendations of the European Union. This has had positive effects. For example, many women who for some time had not taken part in screenings facilities were thus motivated to par­ ticipate. Like many other types of carcinoma, cancer of the mam­ mary gland is very therapy-intensive. In 2000, 4 percent of all inpatient hospital stays of female residents of Vien­ na were in fact due to cancer of the mammary gland. While the morbidity rate in Vienna is lower, women die of cancer of the mammary gland more frequently in Vi­ enna than in Austria as a whole(data adjusted for age structure). Diabetes mellitus The number of diabetes mellitus cases is increasing inter­ nationally; above all, the prevalence of type 2 diabetes (formerly called“maturity-onset diabetes”) is on a dra­ matic rise. Reasons for this increase include greater pros­ perity, which favours the development of diabetes(con­ tributing factors include overweight, lack of physical ex­ ercise, etc.), longer life expectancy, intensified early de­ tection due to screening as well as improved medical care, which lengthens the lifespan of diabetics. The World Health Organization(WHO) assumes that the number of persons suffering from diabetes(above all type 2 diabetes) will continue to rise in the future. The 2001 Vienna Health and Social Survey revealed that 3.4 percent of men and 4.3 percent of women living in Vi­ enna aged over 16 suffer from diabetes mellitus. Howev­ er, a certain number of unrecorded cases, where diabetes has not yet been diagnosed, is likely. For example, a Ger­ man study found that formerly undetected diabetes mel­ litus was diagnosed in 8 percent of the study participants aged between 55 and 74, which makes the share of for­ merly undetected diabetes mellitus cases roughly as large as that of the already diagnosed cases. Badly stabilised or undetected diabetes mellitus may entail considerable, ir­ revocable secondary damage. The prevalence of diabetes(chiefly type 2 diabetes) in­ creases markedly with age. Inter alia due to their higher average age, women are more often affected by diabetes mellitus than men. Diabetes is by far underrated in the statistics with respect to its significance both for inpatient hospital stays and as a cause of death. For example, death certificates mention diabetes only as an associated disease in case of cardiac infarction or stroke. This means that diabetes is not con­ sidered in the cause-of-death statistics, where only the primary disease is recorded. In 2000, 2.2. percent of all inpatient hospital stays of Viennese residents were caused by diabetes mellitus. Osteoporosis Osteoporosis is a disease that affects women in particu­ lar. It results from a reduction of the bone mass and bone strength, which is the consequence of an imbalance be­ tween bone formation and bone destruction. This entails a reduction in the ability of the bones to withstand me­ chanic stress, which may easily lead to fractures and bone deformations. A particularly grave factor for these patients are femoral neck fractures caused by reduced bone density; contrary to other fractures resulting from osteoporosis, these are practically always treated in hos­ pital. At the moment, there are no completely reliable data concerning the prevalence of the different types of oste­ oporosis. The(estimated) inpatient hospital stays neces­ sitated by osteoporosis present a dramatically rising ten­ dency for Vienna’s residential population aged 50 and above. Although osteoporosis is largely considered a “women’s disease”, men are also affected: one fifth of in­ patient hospital stays related to osteoporosis and femoral neck fractures of Viennese residents over 50 concerned men. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 33 SUMMARY It is striking that inpatient hospital stays due to femoral neck fractures in the group aged 50 and above have in­ creased more noticeably in men than in women since 1990(starting at a lower rate). Contrary to the increas­ ing number of inpatient hospital stays due to femoral neck fractures, however, mortality rates due to such frac­ tures are decreasing(at least in women). Challenges for the public healthcare system Chronic diseases constitute a particular challenge for the public healthcare system with respect to both pre­ vention and early detection on the one hand and ther­ apy input on the other hand. In the field of prevention , for example, what is called for are above all measures of both behaviour-based prevention and prevention based on a modification of adverse structures(cf. the unequal social distribution of many chronic diseases). Early detection of chronic diseases contributes mark­ edly towards alleviating the progress of the respective disease and preventing sequelae. Moreover, early de­ tection can contribute towards improving the chances of cure. With respect to the treatment of chronic dis­ eases, the objective lies not only in securing access to the available therapy methods for all patients. A pri­ mary goal must also lie in enabling patients to manage their disease and the related restrictions(empower­ ment) and in ensuring their co-operation(patient compliance). Special attention must be paid to therapy plans that take account of each patient’s individual sit­ uation by following the principles of evidence-based medicine. 34 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN I. EINLEITUNG INTRODUCTION I. EINLEITUNG 1 EINLEITUNG Der Lebensstil in den fortgeschrittenen Industriege­ sellschaften und die zunehmende Lebenserwartung haben in den letzten Jahrzehnten zu deutlichen Ver­ änderungen im Morbiditäts- und Mortalitätsspekt­ rum geführt. Chronisch-degenerative Krankheiten (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Atemwegser­ krankungen, etc.) prägen gegenwärtig das Krank­ heitsgeschehen. Dazu kommen Immunschwächen bzw. Fehlsteuerungen des Immunsystems(Allergien, etc.), psychosomatische Erkrankungen, stressartige Belastungen, Depressionen und Suchterkrankungen. Diese Entwicklung stellt das Gesundheitssystem in fachlicher, organisatorischer und finanzieller Hin­ sicht vor enorme Anforderungen. Die Fortschritte der Medizin verhelfen vielen chronisch Kranken zu mehr Lebensqualität, verstärken aber den Kostendruck. Um ihre Krankheit bewältigen und trotz gesundheitli­ cher Einschränkungen ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, brauchen chronisch kranke Men­ schen vermehrte medizinische, rehabilitative, soziale und psychologische Betreuung sowie angemessene Information. Der vorliegende Bericht gibt einen systematischen Überblick über die Verbreitung chronischer Erkran­ kungen in Wien und die sich in diesem Bereich ab­ zeichnenden Entwicklungstendenzen. Eine systemati­ sche Bestimmung des Gesundheitszustandes, insbe­ sondere des Ausmaßes chronischer Erkrankungen und daraus resultierender Folgen für die Betroffenen, ist ei­ ne wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von Maßnahmen zur positiven Beeinflussung der Gesund­ heit der Bevölkerung. Vor allem ermöglicht dies die Entwicklung von Strategien der Gesundheitsvorsorge und Früherkennung und hilft, Gesundheitsziele 2 fest­ zulegen, an denen sich die Wirksamkeit von Maßnah­ men bewerten lässt. Die vorliegende Studie bietet neben Angaben zur Inzi­ denz und Prävalenz chronischer Erkrankungen auch Angaben zu Spitalsaufenthalten und zur Sterblichkeit infolge chronischer Erkrankungen. Ebenso berücksich­ tigt werden neben regionalen Gegebenheiten Alters-, Geschlechts- und Schichtunterschiede. Zeitvergleiche geben darüber hinaus nicht nur Aufschluss über bishe­ rige Entwicklungen, sondern liefern zugleich Hinweise auf zu erwartende Trends und somit auf vorrangige ge­ sundheitspolitische Ziele und Maßnahmen. Neben einem generellen Überblick über die Gesundheit der Wiener Bevölkerung und die Verbreitung chroni­ scher Erkrankungen in Wien bietet der Bericht eine de­ taillierte Darstellung ausgewählter chronischer Erkran­ kungen. Bezug genommen wird auf häufig auftretende chronische Erkrankungen bzw. solche, von denen(auf­ grund internationaler Vorausschätzungen) zu erwar­ ten ist, dass sie in Zukunft weiter an Bedeutung gewin­ nen und daher vermehrten Handlungsbedarf nach sich ziehen werden. Die detaillierte Beschreibung einzelner chronischer Er­ krankungen umfasst das Krankheitsbild(Entstehung, Symptome, Beschwerden, kritische Phasen im Krank­ heitsverlauf, Folgekrankheiten, etc.), Risiko- und Ein­ flussfaktoren, Möglichkeiten der Prävention, Behand­ lung, Therapie und Rehabilitation sowie – soweit empi­ rische Informationen vorliegen – Krankheitsfolgen (Bedarf an Hilfe, Krankenstände, vorzeitige Pensionie­ rungen, etc.). Abschließend wird auf den Bedarf an ge­ sundheitspolitischen Maßnahmen verwiesen. 2 Unter Gesundheitszielen versteht man quantifizierbare Ziele für bestimmte Bereiche, die innerhalb eines bestimmten Zeitraumes erreicht werden sollten. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 37 II. DATENGRUNDLAGE UND METHODIK SAMPLE SIZE AND METHODOLOGY II. DATENGRUNDLAGE UND METHODIK 2 DATENGRUNDLAGE UND METHODIK Datengrundlage des vorliegenden Berichts bilden Ge­ sundheitssurveys, die Inzidenzstatistik des Österreichi­ schen Krebsregisters, die Statistik der Krankenanstal­ ten und die Statistik der Todesursachen. Vergleichsda­ ten aus anderen Ländern positionieren Wien bzw. Ös­ terreich im europäischen Vergleich und runden das Bild ab. Zur Beurteilung der Datenqualität sind einige methodi­ sche Bemerkungen notwendig. Rezente Befragungen zur gesundheitlichen Lage der Wiener Bevölkerung sind das im Rahmen des Mikrozensus September 1999 durchgeführte Sonderprogramm„Fragen zur Gesund­ heit“ und der Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Beim Mikrozensus handelt es sich um eine vierteljähr­ lich durchgeführte Stichprobenerhebung in Privat­ haushalten, die durch Verordnung eingerichtet wurde. Das Sonderprogramm richtet sich an alle im Mikrozen­ sus befragten Personen. Samplestruktur und-größe des Mikrozensus erlauben es, gesonderte Auswertun­ gen auf Ebene der Bundesländer vorzunehmen. Für Wien wurden die Ergebnisse des Sonderprogramms „Fragen zur Gesundheit“ vor kurzem veröffentlicht. 3 Der Stichprobenplan des Mikrozensus ist seit 1994 durch ein zweistufiges Auswahlverfahren charakteri­ siert. Lediglich in Wien und in Vorarlberg erfolgt(wie vor 1994 für ganz Österreich) die Stichprobenziehung einstufig. 4 Als Auswahlrahmen für die Stichprobenzie­ hung diente 1999 die Wohnungszählung 1991, revi­ diert durch die laufende Wohnbaustatistik. Der Aus­ wahlsatz für den Mikrozensus liegt bei 0,8 Prozent der österreichischen Wohnungen; einbezogen wurden im September 1999 ca. 30.000 Wohnungen. Österreich­ weit wurden insgesamt 58.745 Personen befragt, dar­ unter 5.866 in Wien. Hochgerechnet sind dies für das gesamte Bundesgebiet 7,99 Millionen, für Wien 1,58 Millionen Befragte. Beim Mikrozensus handelt es sich um eine mündliche Befragung in Privathaushalten. Die Anstaltsbevölkerung, die etwa 1 Prozent der Bevölke­ rung ausmacht, wurde nicht befragt. Im Gegensatz zum Grundprogramm besteht für Son­ derprogramme des Mikrozensus keine Auskunfts­ pflicht, d. h. die Teilnahme daran ist freiwillig. In Wien war die Ablehnungsquote(mit 28,7 Prozent) etwas hö­ her als im gesamten Bundesgebiet(22,4 Prozent). Vor allem ältere Frauen haben die Befragung überdurch­ schnittlich häufig abgelehnt. Um die mit der Antwort­ verweigerung( total-non-response und item-non-re­ sponse) verbundenen Probleme zu beheben, wurde von der Statistik Austria eine Methode zur Imputation feh­ lender Werte entwickelt. Dabei wird mittels einer auf soziodemografischen Merkmalen basierenden Dis­ tanzfunktion der„ähnlichste“ Spender ermittelt, dar­ auf aufbauend werden die fehlenden Merkmale er­ gänzt. 5 Die Ergebnisse des Berichts basieren auf den imputierten Daten. Beim Mikrozensus sind auch so ge­ nannte Fremdauskünfte, d. h. Auskünfte durch andere Haushaltsmitglieder erlaubt. 1999 haben in Österreich 58,5 Prozent über sich selbst Auskunft gegeben; in Wi­ en waren es deutlich mehr, nämlich 67,6 Prozent. Beim Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey han­ delt es sich ebenfalls um eine mündliche Befragung. In zwei Befragungswellen(Wintermonate der Jahre 1999/ 2000 und 2000/2001) wurden insgesamt 4.019 Wiene­ rInnen ab 16 Jahre(im Haushalt der Zielperson) be­ fragt. Die Zielpopulation(Wiener Wohnbevölkerung) wurde nach der Methode der einfachen Zufallsauswahl unter Zuhilfenahme von Zählbezirken bestimmt. Die Ausgangsstichprobe umfasste 7.300 Personen, erreicht wurde eine Ausschöpfung von 55 Prozent. Der Großteil der Ausfälle(68 Prozent) war auf Verweigerung des In­ terviews zurückzuführen. Die Ergebnisse der zur Diskussion stehenden empiri­ schen Erhebungen sind aufgrund der unterschiedli­ chen Samplestruktur und Bezugspopulationen sowie aufgrund der unterschiedlichen Fragestellungen und Antwortvorgaben nicht direkt vergleichbar. Da es sich sowohl beim Gesundheits- und Sozialsurvey als auch beim Mikrozensus um eine Bevölkerungsauswahl han­ delt, ist insbesondere bei Krankheiten, von denen nur Bruchteile der Bevölkerung betroffen sind, mit Unge­ 3 Vgl. dazu Stadt Wien(2002), Mikrozensus 1999. 4 Nähere Informationen zum Stichprobenplan und zu organisatorischen Fragen des Mikrozensus sind einschlägigen Publikationen der Statistik Austria zu entnehmen: Vgl. dazu u. a. Österreichisches Statistisches Zentralamt(1996a, 1999). 5 Zur Erläuterung dieses Verfahrens vgl. Österreichisches Statistisches Zentralamt(1996), S. 75 ff. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 41 II. DATENGRUNDLAGE UND METHODIK nauigkeiten zu rechnen. Beiden Erhebungen liegen Ei­ genangaben der Befragten(im Mikrozensus teilweise auch Angaben anderer Haushaltsmitglieder) zugrunde, also keine ärztlich validierten Diagnosen. Trotz dieser Einschränkungen sind empirische Erhebungen wichti­ ge Informationsquellen zum Krankheitsgeschehen, sie liefern uns Anhaltspunkte über die Verbreitung von Krankheiten, für die ansonsten keine Informationen zur Verfügung stehen. Auswertungen nach den Merkmalen Bildung und Ein­ kommen beziehen sich im vorliegenden Bericht auf Personen ab einem bestimmten Alter. Um von abge­ schlossener Bildung ausgehen zu können, werden für Auswertungen nach dem Merkmal Bildung lediglich Personen ab einem Alter von 30 Jahren herangezogen. Auswertungen nach dem Merkmal Einkommen bezie­ hen sich auf Personen ab 45 Jahren, da anzunehmen ist, dass es ab diesem Alter bereits zu einer Konsolidierung der Einkommenssituation gekommen ist. Eine weitere wichtige Datenquelle zur Charakterisie­ rung des Gesundheitszustandes der Wiener Bevölke­ rung ist die Inzidenzstatistik des Österreichischen Krebsregisters der Statistik Austria, welche Auswer­ tungen nach Geschlecht, Alter und Tumorstadium zu­ lässt. Neben Regionalvergleichen sind hier auch Zeit­ vergleiche möglich. Trotz der vom Gesetz her vorgege­ benen Meldepflicht kann es vereinzelt zur Unterlas­ sung der Meldepflicht bzw. zu verspätetem Einlangen von Meldungen von Krebsneuerkrankungen kommen. Um die Vollständigkeit und Qualität der Daten zu ver­ bessern, werden(durch Abgleichung der Daten des Krebsregisters mit den Daten aus der Todesursachen­ statistik) die so genannten DCO-Fälle(Death Certificate Only) ermittelt. Eine niedrige DCO-Rate gilt internatio­ nal als Indikator für hohe Datenqualität. Die Krebsneu­ erkrankungen liegen bereits in der ICD-10(d. h. der 10. Revision der International Classification of Diseases) vor. Bei den letztverfügbaren Daten zur Krebsinzidenz handelt es sich um vorläufige(Stand: September 2003). 6 Die Statistik der stationär behandelten PatientIn­ nen lässt zwar keine Rückschlüsse auf das Ausmaß der Gesamtmorbidität einer Bevölkerung zu, liefert aber dennoch wichtige Hinweise auf das Krankheits- und Leistungsgeschehen. Es handelt sich dabei um eine fall­ bezogene Statistik, d. h. eine Person, die mehrmals während eines Jahres stationär aufgenommen wird, wird bei jedem Aufenthalt gesondert registriert. Für Auswertungen stehen Angaben zur Hauptdiagnose bei der Entlassung(nicht aber zu den zusätzlich behandel­ ten Erkrankungen) sowie zur Dauer der stationären Aufenthalte zur Verfügung. Möglich sind regionale, ge­ schlechts- und altersspezifische Differenzierungen. Re­ gionale Auswertungen sind unter Bezugnahme auf Krankenanstalten(und deren Zuordnung zu den Bun­ desländern) und/oder dem Wohnort der behandelten Personen möglich. Da im vorliegenden Bericht die Ge­ sundheitssituation der Wiener Bevölkerung im Mittel­ punkt der Betrachtung steht und nicht das Leistungs­ geschehen in den Wiener Krankenanstalten, gilt unser Hauptaugenmerk der Inanspruchnahme stationärer Leistungen durch die Wiener Bevölkerung(in den ös­ terreichischen Krankenanstalten). Eine weitere wichtige Datenquelle des vorliegenden Be­ richts ist die Statistik der Todesursachen . Sie gibt Auskunft über das zum Tod führende Grundleiden. Zu­ sätzliche Diagnosen stehen für Auswertungen derzeit nicht zur Verfügung, sodass der Multimorbidität(die vor allem bei älteren Menschen eine große Rolle spielt) nicht Rechnung getragen werden kann. Möglich sind regionale, geschlechts- und altersspezifische Differen­ zierungen sowie Zeitvergleiche. Die Todesursachen lie­ gen, ebenso wie die Diagnosen der Spitalsentlassungs­ statistik, noch in der Version ICD-9 vor. Da Krankheiten(vor allem chronische) weitgehend al­ tersabhängig sind, sind bei Zeitvergleichen, ebenso wie bei regionalen und internationalen Vergleichen, Unter­ schiede in der Alterstruktur zu beachten. Um den Ein­ fluss der unterschiedlichen Alterstruktur auszuschal­ ten, werden altersstrukturbereinigte bzw. altersstandar­ disierte Raten berechnet. Um dies am Beispiel der Mor­ talität zu verdeutlichen: Die Sterbehäufigkeiten in den einzelnen Altersgruppen werden auf eine Referenzbe­ völkerung bezogen, deren Altersaufbau für alle in den Vergleich einbezogenen Jahre oder Regionen bzw. Län­ der konstant gehalten wird. Die so berechnete alters­ standardisierte Sterbeziffer widerspiegelt dann nur noch Änderungen der Sterblichkeit. Als Referenzbevöl­ kerung dient im vorliegenden Bericht(mit Ausnah­ men) die Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Da in 6 Daten zu Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen – Stand: November 2003. 42 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN II. DATENGRUNDLAGE UND METHODIK den jeweiligen Altersgruppen für Männer und Frauen gleiche Gewichte verwendet werden, lassen diese stan­ dardisierten Sterbeziffern keine unmittelbaren Rück­ schlüsse mehr auf die Zahl der gestorbenen Männer und Frauen zu. Rohe und standardisierte Raten sind Maßzahlen, die sich auf die Bevölkerung beziehen. Die Mortalitätsraten und die Raten der stationären Aufenthalte basieren auf der von der Statistik Austria berechneten Wohnbevöl­ kerung der zur Diskussion stehenden Regionen(z. B. Wien, Österreich, etc.) im Jahresdurchschnitt gemäß Bevölkerungsfortschreibung. 7 Die auf der Basis der Volkszählung 2001 korrigierten Bevölkerungsdaten la­ gen zum Zeitpunkt, als mit der Datenanalyse begonnen wurde, noch nicht aufbereitet vor, und konnten daher nicht berücksichtigt werden. Die altersstandardisierten Raten der Krebsinzidenz basieren jedoch bereits auf den an die Ergebnisse der Volkszählung 2001 ange­ passten Bevölkerungszahlen. Die standardisierten Ra­ ten zur Altersgliederung der alle Lokalisationen umfas­ senden Krebserkrankungen und der detailliert be­ schriebenen Krebserkrankungen(Mamma-, Prostata-, Lungenkarzinom, etc.) sowie die rohen Raten wurden noch auf der Basis der Bevölkerungsfortschreibung vor Einbeziehung der Volkszählungsergebnisse des Jahres 2001 berechnet. Die Abweichungen, die durch Heran­ ziehung der Bevölkerungszahlen nach Einbeziehung der Volkszählungsergebnisse 2001 entstehen, sind je­ doch nur geringfügig und zum Teil kaum merkbar. 7 Die Mortalitätsraten und die Raten der stationären Aufenthalte sind somit ident mit den von der Statistik Austria im Jahrbuch der Gesundheitsstatistik 2002 publizierten Zahlen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 43 III. GESUNDHEIT IN WIEN HEALTH STATUS OF THE VIENNESE POPULATION III. GESUNDHEIT IN WIEN INHALT 3 ÜBERBLICK ÜBER DIE GESUNDHEIT IN WIEN 3.1 SUBJEKTIVER GESUNDHEITSZUSTAND, BESCHWERDEN 3.1.1 Geschlechts- und Altersunterschiede im gesundheitlichen Befinden 3.1.2 Soziokulturelle Unterschiede im gesundheitlichen Befinden 3.2 KRANKENHAUSAUFENTHALTE 3.3 MORTALITÄT 3.3.1 Potenziell verlorene Lebensjahre Inhalt 47 48 51 56 64 69 79 46 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Zusammenfassung 3 ÜBERBLICK ÜBER DIE GESUNDHEIT IN WIEN Zusammenfassung Etwa drei Viertel der Wiener Bevölkerung erfreut sich guter Gesundheit, über 80 Prozent sind mit ih­ rer Gesundheit zufrieden. Insgesamt hat sich das gesundheitliche Befinden im letzten Jahrzehnt (wenn auch nicht in allen Bevölkerungsgruppen) verbessert. Vor allem ältere Frauen beurteilen im Vergleich zu noch vor einem Jahrzehnt ihre Ge­ sundheit positiver. Allerdings bestehen nach wie vor deutliche Unterschiede im Gesundheitszustand zwischen verschiedenen sozialen Gruppen. So wei­ sen Personen mit niedriger Bildung, ArbeiterIn­ nen, MigrantInnen und vor allem Arbeitslose Defi­ zite im Bereich der Gesundheit auf. Das gesundheitliche Befinden hängt weitgehend von(der Zahl der) vorhandenen Beschwerden ab. Trotz generell positiver Selbsteinschätzung der Ge­ sundheit sind Beschwerden in der Wiener Bevölke­ rung relativ häufig. Mehr als die Hälfte der Wiene­ rinnen und Wiener gibt gesundheitliche Beschwer­ den an. Am häufigsten sind Rücken- bzw. Kreuz­ schmerzen sowie Kopfschmerzen oder Migräne. Jede/r fünfte Wiener/in hat Rücken- bzw. Kreuz­ schmerzen, jeder achte Wiener und jede sechste Wienerin leidet unter Kopfschmerzen oder Migrä­ ne. Selbst Kinder und Jugendliche haben bereits zum Teil solche Beschwerden. Zum Beispiel leidet jeder siebente Bub und jedes achte Mädchen in Wien unter Kopfschmerzen oder Migräne. Die Zahl der Spitalsaufenthalte der Wiener Bevöl­ kerung ist im letzten Jahrzehnt, vor allem seit der Einführung des Verrechnungssystems der lei­ stungsorientierten Krankenhausfinanzierung am 1. Jänner 1997, merkbar gestiegen. Mit dieser Än­ derung kam es(insbesondere bei den chronischen Krankheiten) zu einem deutlichen Anstieg von Mehrfachaufenthalten, bei gleichzeitiger Redukti­ on der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer. Summary: Survey of the health status of the Viennese population About three fourths of the Viennese population are in good health; over 80 percent are satisfied with their state of health. All in all, the state of health has improved over the past decade(albeit not in all population groups). Above all elderly women take a more positive view of their health status than ten years ago. However, marked divergences in health status still exist between different social groups. For example, persons with a lower level of education, workers, migrants, and above all unemployed per­ sons have health deficits. The subjective health status is largely dependent on the number of perceived ailments . Despite a gener­ ally positive self-assessment, complaints about the health status are relatively frequent amongst the Viennese population. Over half of the city’s resi­ dents report to suffer from some type of ailment. The most frequently stated ailments include back­ ache or lumbago as well as headache or migraine. One in five Viennese suffers from backache or lum­ bago, while one in eight males as well as one in six females are affected by headache or migraine. Even a number of children and adolescents report such ailments. For example, one in seven boys and one in eight girls in Vienna suffer from frequent headaches or migraine. Over the past decade, the number of hospital stays of Viennese residents has increased markedly, above all since the introduction of the performance­ oriented inpatient reimbursement system as a basis for hospital funding on 1 January 1997. This has lead to a visible increase in multiple hospital stays (in particular for chronic diseases), while the aver­ age length of stay decreased simultaneously. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 47 III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand Unter der Wiener Bevölkerung sind stationäre Auf­ enthalte häufiger als im gesamten Bundesgebiet. Detaillierte Analysen allerdings zeigen, dass die häufigeren stationären Aufenthalte in Wien vor­ wiegend auf den höheren Altenanteil und die damit verbundene größere Erkrankungshäufigkeit zu­ rückzuführen sind. Die häufigsten Gründe für Spitalsaufenthalte sind Krankheiten des Kreislaufsystems, bösartige Neu­ bildungen(Krebserkrankungen) und Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes. Im Jahr 2000 waren ca. 40 Prozent der stationären Aufenthalte der Wiener Bevölkerung auf diese Krankheiten zurückzuführen. Verbesserte Lebensbedingungen und Fortschritte in der Medizin haben zu einer deutlichen Redukti­ on der Sterblichkeit in den letzten Jahrzehnten geführt. Die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Er­ krankungen konnte bei beiden Geschlechtern um mehr als 40 Prozent reduziert werden. Die Sterb­ lichkeit an bösartigen Neubildungen ist bei den Männern um etwa ein Viertel, bei den Frauen um etwa ein Fünftel zurückgegangen. Eine wichtige Rolle im Bereich der Herz-Kreislauf-Mortalität spielen nach wie vor Herzinfarkte und Schlaganfäl­ le. Häufigste Todesursache im Bereich der Krebs­ sterblichkeit ist bei den Männern der Lungenkrebs, bei den Frauen der Brustkrebs. Trotz des Rück­ gangs der Sterblichkeit an Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen tragen diese Krankheitsgrup­ pen dennoch am häufigsten zur„vorzeitigen Sterb­ lichkeit“(d. h. zum Sterben vor dem 70. Lebens­ jahr) bei. In Wien ist die vorzeitige Sterblichkeit insgesamt, insbesondere aber auch die vorzeitige Sterblichkeit an Herz-Kreislauf- und Krebserkran­ kungen höher als im gesamten Bundesgebiet. The frequency of inpatient hospital stays in Vienna is above the national average. However, detailed analyses have shown that the greater frequency of inpatient hospital stays in Vienna is largely due to the higher share of elderly persons and the related greater frequency of diseases per se. The most frequent causes of hospital stays are circu­ latory diseases, malignant neoplasms(carcinomas) and diseases of the skeleton, muscles and connec­ tive tissue. In 2000, approx. 40 percent of all inpa­ tient hospital stays of the Viennese population were due to these diseases. Improved living conditions and medical progress have entailed a marked reduction in mortality over the past decades. The mortality rate caused by cardiovascular diseases was cut by over 40 percent for both sexes. The rate of mortality due to malig­ nant neoplasms has receded by roughly one fourth in men and about one fifth in women. Cardiac inf­ arctions and strokes continue to play an important role in the field of cardiovascular mortality rates. The most frequent lethal types of cancer are carci­ noma of the lungs in men and carcinoma of the mammary gland in women. Despite the reduction in mortality rates from cardiovascular diseases and cancer, these types of diseases continue to contrib­ ute most to“premature mortality”(i.e. death before age 70). In Vienna, the premature mortality rate is higher than for Austria in general; this goes both for premature mortality as such and for premature mortality due to cardiovascular diseases and can­ cer. 3.1 Subjektiver Gesundheitszustand, Beschwerden Zur besseren Beurteilung des Stellenwerts chronischer Erkrankungen zunächst ein genereller Überblick über die Gesundheitssituation der Wiener Bevölkerung. Zur Charakterisierung der Gesundheitssituation der Bevöl­ kerung können neben den„klassischen“ Krankheits­ und Sterblichkeitsmaßen subjektive Indikatoren(wie die Selbsteinschätzung der Gesundheit, die Zufrieden­ heit mit der Gesundheit, Beschwerden) herangezogen werden. Subjektive Indikatoren sind vor allem deswe­ gen von Interesse, weil ihnen meist eine ganzheitliche Sichtweise zugrunde liegt, die sowohl physische, psy­ chische und soziale Aspekte umfasst. 8 48 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand 1999 gaben von der in Privathaushalten lebenden Wie­ ner Bevölkerung ab 15 Jahren ca. drei Viertel zumin­ dest gute Gesundheit(„sehr gut“ und„gut“ zusam­ mengefasst) an, ein Drittel der Befragten beurteilte ih­ ren Gesundheitszustand sogar als„sehr gut“. Knapp ein Fünftel gab„mittelmäßige“ Gesundheit an, ca. 7 Prozent bezeichneten ihren Gesundheitszustand als „schlecht“ oder„sehr schlecht“. Die Wiener Bevölke­ rung unterscheidet sich hierin nur unwesentlich von je­ ner des gesamten Bundesgebiets. 9 Tabelle 3.01: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht, in Österreich gesamt(Personen ab 15 Jahre, Privathaushalte, in Prozent) Alter 15 bis 29 30 bis 44 45 bis 59 60 bis 74 75 und mehr gesamt 15 bis 29 30 bis 44 45 bis 59 60 bis 74 75 und mehr gesamt Wien Österreich Personen ab 15 Jahre in 1.000 140,2 208,5 160,1 83,4 34,3 626,5 145,2 205,7 168,5 110,8 83,0 713,1 1.339,6 6.592,0 sehr gut gut Männer 51,3 37,8 38,7 43,5 27,3 43,9 17,2 46,0 13,7 36,6 34,4 42,3 Frauen 49,3 36,8 40,9 41,5 23,4 45,9 16,0 42,6 16,2 34,3 31,7 40,9 gesamt 33,0 41,5 34,3 39,2 mittelmäßig Prozent schlecht sehr schlecht 7,6 2,6 14,3 2,8 21,4 5,9 26,1 8,2 31,8 12,8 17,1 4,8 0,7 0,7 1,5 2,5 5,1 1,4 11,4 2,5 13,3 3,3 22,3 7,1 30,9 9,1 33,7 10,5 20,2 5,8 0,0 0,9 1,3 1,5 5,4 1,4 18,7 5,3 1,4 20,4 4,9 1,2 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Der Großteil der Wienerinnen und Wiener beurteilt ih­ ren Gesundheitszustand nicht nur positiv, sondern ist damit weitgehend zufrieden. Circa ein Drittel der Wie­ ner Bevölkerung(ab 16 Jahren) ist„sehr zufrieden“, mehr als vier Fünftel sind„sehr“ oder„ziemlich“ zu­ frieden. 10 Trotzdem sind in der Wiener Bevölkerung Beschwerden relativ häufig. Im Mikrozensus 1999 gab von der in Privathaushalten lebenden Wiener Bevölke­ rung mehr als die Hälfte(55,1 Prozent; Männer 48,7 Prozent, Frauen 60,8 Prozent) eine oder mehrere Be­ schwerde(n) an. Beschwerden und gesundheitliches Befinden Das gesundheitliche Befinden hängt in hohem Maße vom Vorhandensein von Beschwerden oder Schmerzen ab. Besonders ungünstig wirkt sich das Vorhandensein mehrerer Beschwerden aus. Während(laut Mikrozen­ sus) von den Beschwerdefreien mehr als die Hälfte (Männer 53,8 Prozent; Frauen 53,2 Prozent) über„sehr gute“ Gesundheit berichten, reduziert sich dieser Anteil bei Vorhandensein einer Beschwerde um die Hälfte (Männer 27,0 Prozent; Frauen 27,7 Prozent). Bei vier und mehr Beschwerden fühlen sich nur mehr 6,2 Prozent der Männer und 8,4 Prozent der Frauen„sehr“ gesund. 8 HUNT(1988), S. 23 ff. 9 Stadt Wien(2002), Mikrozensus 1999, S. 86. 10 Stadt Wien(2001), Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, S. 175. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 49 III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand Tabelle 3.02: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 nach Zahl der Beschwerden und Geschlecht (Personen ab 15 Jahre, Privathaushalte, in Prozent) Zahl der Beschwerden keine eine zwei drei vier und mehr gesamt keine eine zwei drei vier und mehr gesamt keine eine zwei drei vier und mehr gesamt Personen ab 15 J. in 1.000 551,4 266,3 177,9 118,8 225,2 1.339,6 280,3 125,0 86,5 50,2 84,5 626,5 271,1 141,3 91,4 68,6 140,7 713,1 Beurteilung des Gesundheitszustandes sehr gut gut mittelmäßig schlecht Prozent gesamt 53,5 39,5 5,9 0,7 27,4 50,8 17,9 3,5 21,6 45,8 24,6 5,9 15,5 42,2 31,5 9,5 7,6 32,1 39,9 16,0 33,0 41,5 18,7 5,3 Männer 53,8 40,5 4,7 0,6 27,0 52,4 16,9 3,2 19,4 44,1 28,0 5,8 17,9 39,0 31,3 10,2 6,2 33,3 39,1 16,9 34,4 42,3 17,1 4,8 Frauen 53,2 38,4 7,1 0,8 27,7 49,4 18,8 3,8 23,6 47,4 21,3 6,1 13,7 44,5 31,6 9,0 8,4 31,3 40,4 15,5 31,7 40,9 20,2 5,8 sehr schlecht 0,5 0,4 2,1 1,3 4,5 1,4 0,5 0,6 2,7 1,5 4,5 1,4 0,4 0,3 1,6 1,2 4,5 1,4 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Mit Beschwerden verbinden sich(im Gegensatz zu Krankheiten) Komponenten des individuellen Emp­ findens und Befindens. Unterschieden wird zwischen Allgemeinbeschwerden(wie z. B. Schwäche oder Mü­ digkeit, Schlafstörungen), körpernahen Beschwerden (wie z. B. Rücken- oder Kreuzschmerzen, Gelenks-, Nerven und Muskelschmerzen), psychisch körperna­ hen Beschwerden(z. B. Nervosität) und psychischen Beschwerden(Niedergedrücktheit bzw. Depressio­ nen). 11 Am verbreitetsten in der Wiener Bevölkerung sind Rü­ cken- bzw. Kreuzschmerzen. 12 1999 war ca. ein Fünftel der in Privathaushalten lebenden Personen(Männer 19,3 Prozent; Frauen 21,7 Prozent) davon betroffen. Abgesehen davon lässt sich über Studiengrenzen hin­ weg(aufgrund unterschiedlicher Vorgaben) keine ein­ heitliche Rangreihe von Beschwerden zeichnen. Am zweithäufigsten sind laut Mikrozensus Kopfschmerzen bzw. Migräne, an dritter Stelle folgen bei den Frauen Kreislaufstörungen, bei den Männern Gelenks-, Ner­ ven- und Muskelschmerzen(Hüfte, Bein). 11 Vgl. dazu Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 59. 12 Vgl. dazu die Mitte der 90er Jahre durchgeführte SERMO-Studie(SCHMEISER-RIEDER et al.[1997]), den Mikrozensus 1999(Stadt Wien[2002]) und den Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001(Stadt Wien[2001]). 50 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand Grafik 3.01: Beschwerden* in Wien 1999 nach Geschlecht(Mehrfachnennungen möglich, in Prozent) Rücken-, Kreuzschmerzen Kopfschmerzen, Migräne Gelenks-, Nerven-, Muskel­ schmerzen(Hüfte, Bein) Schlafstörungen Wetterempfindlichkeit Kreislaufstörungen Schwäche, Müdigkeit Gelenks-, Nerven-, Muskel­ schmerzen(Schulter, Arm) Sehstörungen Schwindel Nervosität Allergien Beinleiden Herzbeschwerden Husten Magen-, Verdauungsbeschwerden Zahnschmerzen, schlechte Zähne Atembeschwerden Niedergedrücktheit(Depressionen) Hörstörungen sonstige Gehbehinderung Hauterkrankungen Übelkeit, Appetitlosigkeit Unterleibsschmerzen 9,1 8,9 8,0 7,5 6,8 6,8 5,2 6,3 5,2 7,1 7,5 4,9 5,1 4,6 7,2 4,5 4,1 4,3 4,8 4,1 5,5 4,0 3,6 3,5 4,3 3,4 4,5 3,3 3,5 3,2 3,0 2,6 2,8 2,4 2,2 1,5 2,4 1,4 1,6 9,2 12,8 11,8 12,2 12,0 12,8 11,3 15,9 0,0 5,0 10,0 15,0 Prozent * Sortiert nach den häufigsten Beschwerden der Männer. 21,7 19,3 Frauen Männer 20,0 25,0 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Die Art der vorherrschenden Beschwerden hängt zum Teil auch von der Jahreszeit ab. So z. B. waren laut Wie­ ner Gesundheits- und Sozialsurvey 2001(die Befragun­ gen fanden in den Wintermonaten statt) bei Männern neben Schmerzen im Rücken- oder Lendenbereich (27,1 Prozent) und im Schulter- oder Nackenbereich (24,5 Prozent), Verkühlung, Schnupfen und Husten (22,0 Prozent) sowie Müdigkeit(21,7 Prozent) am häu­ figsten. Bei Frauen waren neben Schmerzen im Schul­ ter- oder Nackenbereich(33,5 Prozent) sowie im Rü­ cken- oder Lendenbereich(32,1 Prozent), Schmerzen bei Armen, Händen, Beinen, Knien, Hüften und Gelen­ ken(28,9 Prozent), Kopfschmerzen(26,1 Prozent) und Müdigkeit(25,2 Prozent) am häufigsten. 13 3.1.1 Geschlechts- und Altersunterschiede im gesundheitlichen Befinden Geschlechtsunterschiede Laut Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001 stu­ fen Frauen ihre Gesundheit im Vergleich zu Männern negativer ein; sie sind auch weniger mit ihrer Gesund­ heit zufrieden. Allerdings ist der Abstand zwischen den Geschlechtern nicht sehr groß. So erreichten auf einer von 0(„denkbar schlechtester„) bis 100(„denkbar bes­ ter Gesundheitszustand“) reichenden Skala Männer in Wien im Durchschnitt 73,9, Frauen 71,2 Punkte. 14 13 Stadt Wien(2001), Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, S. 185 ff. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 51 III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand Die Ergebnisse des Mikrozensus 1999 zeigen, dass Frau­ en nicht nur über einen etwas schlechteren Gesund­ heitszustand berichten, sondern auch häufiger und un­ ter durchschnittlich mehr Beschwerden leiden. Von der in Privathaushalten lebenden Wiener Bevölkerung lit­ ten 1999 48,7 Prozent der Männer und 60,8 Prozent der Frauen unter einer oder mehreren Beschwerde(n). Männer gaben durchschnittlich 1,4, Frauen im Durch­ schnitt 1,8 Beschwerden an. Bereits bei Kindern beste­ hen geschlechtsspezifische Ausprägungen im gesund­ heitlichen Befinden. Männer lernen anscheinend bereits in der Kindheit, Beschwerden bzw. Schmerzen zu unter­ drücken. In dieses Bild passt auch der riskantere Um­ gang männlicher Jugendlicher mit Körper und Gesund­ heit. Geschlechtsspezifisch geprägte Gesundheitskon­ zepte beeinflussen nicht nur das subjektive Erleben, sondern wirken sich in der Folge auch auf ärztliche Dia­ gnosen und therapeutische Entscheidungen aus. Grafik 3.02: Durchschnittliche Zahl der Beschwerden in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht durchschnittliche Zahl 3,50 Frauen 3,00 Männer 2,50 2,97 2,43 2,25 2,76 2,00 1,45 2,09 1,50 1,16 1,28 1,66 1,00 1,22 0,50 0,81 1,00 0,00 bis 14 15–29 30–44 45–59 Alter in Jahren 60–74 75+ Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Frauen leiden an nahezu allen Arten von Beschwerden häufiger als Männer(lediglich bei Herz- und Zahnbe­ schwerden zeigte sich(im Mikrozensus 1999) kaum ein Unterschied). Bei Frauen gehäuft zu beobachten sind psychisch körpernahe und psychische Beschwerden. So leiden Frauen deutlich häufiger als Männer unter Schlafstörungen, Wetterempfindlichkeit, Schwäche bzw. Müdigkeit, Nervosität,„Kreislaufstörungen“(Hit­ zegefühl, Wallungen, kalte Hände, kalte Füße), Kopf­ schmerzen bzw. Migräne. Für Männer ist Gesundheit anscheinend(noch immer) eher mit Leistungsfähigkeit und Funktionieren des Körpers assoziiert; dies ist mög­ licherweise mitbedingt durch ihre zum Teil stärkere körperliche Beanspruchung. Altersunterschiede Mit zunehmendem Alter verschlechtert sich das ge­ sundheitliche Befinden. Anhand des Mikrozensus 1999 lässt sich ein deutliches Absinken„sehr guten“ gesund­ heitlichen Befindens ab dem 45. Lebensjahr beobach­ ten. Während in Wien beinahe 90 Prozent der 15- bis 29-Jährigen von zumindest guter Gesundheit berichte­ ten, sank dieser Wert bei den 45- bis 59-Jährigen auf rund 70 Prozent, bei den 75-Jährigen und älteren auf 50 Prozent. Oder: Während 25- bis 44-jährige Männer durchschnittlich 77,3 und Frauen 77,2 Skalenpunkte erzielten(der Wert 100 repräsentiert den bestmögli­ chen Gesundheitszustand), lag der Punktwert der 60­ bis 74-jährigen Männer bei 70,1 und jener der Frauen bei 65,8. Ab 75 Jahren sinkt der Wert nochmals deutlich ab(Männer 61,2, Frauen 56,4 Punkte), wobei sich auf­ grund der Unterschiede in der Alterszusammenset­ 14 Die Zahlen beziehen sich auf die Bevölkerung ab 16 Jahren. Vgl. dazu Stadt Wien(2001), Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, S. 178. 52 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand zung der Abstand zwischen den Geschlechtern ab die- sem Alter vergrößert. Auch die Zufriedenheit mit der Gesundheit nimmt mit zunehmendem Alter ab, bei den Frauen aufgrund des höheren Durchschnittsalters deutlicher als bei den Männern. Tabelle 3.03: Zufriedenheit mit der Gesundheit in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Alter(Jahre) 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ gesamt 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ gesamt sehr 37,3 33,4 33,5 30,5 23,9 32,8 27,9 38,6 31,3 29,2 22,4 32,6 Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Gesundheit?(Prozent) ziemlich wenig Männer 53,3 8,6 55,4 10,1 48,7 13,7 55,0 12,6 51,9 13,2 53,1 11,4 Frauen 55,4 15,9 48,9 10,0 48,1 12,6 48,8 16,6 43,9 18,5 48,8 13,1 gar nicht 1,9 1,1 4,1 1,9 11,0 2,7 0,8 2,5 8,0 5,5 15,2 5,5 Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Trägt man dem Einfluss der unterschiedlichen Alters­ struktur der Geschlechter durch Einbeziehung einer Al­ tersstandardisierung Rechnung, so verringert sich der Geschlechtsunterschied in der Beurteilung des subjek­ tiven Gesundheitszustandes(vgl. dazu Tabelle 3.05). Mit der im Alter insgesamt negativeren Beurteilung der Gesundheit einher geht eine Zunahme von tatsächli­ chen Beschwerden. Und zwar treten im höheren Alter meist mehrere Beschwerden gleichzeitig auf(Be­ schwerdenvielfalt). Während in Wien Männer und Frauen mittleren Alters(30 bis 44 Jahre) durchschnitt­ lich 1,2 bzw. 1,5 Beschwerden angaben, hatten 75-jäh­ rige und ältere Männer durchschnittlich 2,8, Frauen durchschnittlich 3,0 Beschwerden. Gleichzeitig steigt der Anteil der Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, ihr Leben selbständig zu führen. 15 Je nach Alter stehen außerdem unterschiedliche Be­ schwerden im Vordergrund. Buben bzw. Burschen(bis 14 Jahre) leiden – der Rangreihe nach – am häufigsten unter Kopfschmerzen bzw. Migräne(14,4 Prozent), Rücken- und Kreuzschmerzen(7,4 Prozent), Schlafstö­ rungen(6,6 Prozent), Allergien(5,6 Prozent), Wetter­ empfindlichkeit(5,7 Prozent) und Schwindel(5,5 Pro­ zent). Im mittleren Alter(30 bis 44 Jahre) dominieren bei den Männern Rücken- und Kreuzschmerzen(19,3 Prozent), Kopfschmerzen bzw. Migräne(13,1 Prozent), Schlafstörungen(8,7 Prozent) und Wetterempfindlich­ keit(7,1 Prozent). Männer im hohen Alter(75 und mehr Jahre) berichten am häufigsten über Gelenks-, Nerven und Muskelschmerzen(Hüfte, Bein)(22,6 Pro­ zent), Rücken- und Kreuzschmerzen(21,3 Prozent), Herzbeschwerden(19,3 Prozent), Schwäche, Müdigkeit (17,3 Prozent) und Schwindel(16,1 Prozent). Bei den Mädchen(bis 14 Jahre) sind Kopfschmerzen bzw. Migräne(12,5 Prozent), Rücken- und Kreuz­ schmerzen(10,5 Prozent), Husten(7,7 Prozent) und Schlafstörungen(7,3 Prozent) am häufigsten. Bei Frau­ 15 Stadt Wien(2001), Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, S. 190. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 53 III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand en im mittleren Alter(30 bis 44 Jahre) stehen Rückenund Kreuzschmerzen(21,3), Kopfschmerzen bzw. Mig­ räne(18,3 Prozent), Kreislaufstörungen(11,9 Prozent) und Schwäche, Müdigkeit(9,8 Prozent) im Vorder­ grund. Die älteren Frauen(75 Jahre und älter) leiden am häufigsten unter Rücken- und Kreuzschmerzen (28,2 Prozent), Wetterempfindlichkeit(22,3 Prozent), Schlafstörungen(21,2 Prozent) sowie Gelenks-, Nerven und Muskelschmerzen(v. a. Hüfte und Bein)(20,2 Pro­ zent). Tabelle 3.04: Beschwerden der Wiener Bevölkerung 1999 nach Alter und Geschlecht(Mehrfachnennungen möglich, in Prozent) Männer Frauen Altersgruppen(Jahre) 0–14 15–29 30–44 45–59 60–74 75+ 0–14 15–29 30–44 45–59 60–74 75+ Personen in 1.000 122,8 140,2 208,5 160,1 83,4 34,3 117,2 145,2 205,7 168,5 110,8 83,0 davon haben Beschwerden(Mehrfachnennungen möglich, Prozent) keine Schlafstörungen Wetterempfindlichkeit Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) Schwindel Kreislaufstörungen Übelkeit, Appetitlosigkeit Kopfschmerzen, Migräne Sehstörungen Hörstörungen Zahnschmerzen, schlechte Zähne Husten Herzbeschwerden Atembeschwerden Magen-, Verdauungsbeschwerden Unterleibsschmerzen Rücken-, Kreuzschmerzen Gelenks-, Nerven-, Muskelschmerzen (Hüfte, Bein) Gelenks-, Nerven-, Muskelschmerzen (Schulter, Arm) Gehbehinderung Beinleiden Beschwerden durch Hauterkrankungen Beschwerden durch Allergien sonstige 62,8 57,3 51,8 38,3 27,5 22,2 59,9 52,4 45,1 30,5 28,9 22,5 6,6 6,3 8,7 10,5 11,5 15,4 7,3 7,2 7,6 16,5 18,8 21,2 5,7 5,6 7,1 9,0 13,2 15,2 6,0 7,4 9,3 16,5 14,8 22,3 2,7 5,8 6,7 8,0 8,6 17,3 6,9 9,2 9,8 13,3 12,5 18,9 1,4 4,3 4,7 7,3 6,5 4,9 4,3 5,1 5,6 10,9 11,2 9,4 1,2 1,9 3,1 3,9 5,1 10,6 2,3 3,4 3,3 6,3 5,9 6,8 5,5 4,0 4,8 3,6 6,6 16,1 3,5 3,2 5,6 7,3 10,1 18,3 4,5 5,5 6,4 8,3 13,8 14,6 5,9 10,2 11,9 17,0 14,2 18,9 1,1 1,1 1,2 1,5 0,8 6,2 3,3 2,0 1,8 2,0 1,5 5,1 14,4 12,7 13,1 13,0 11,0 10,0 12,5 15,9 18,3 20,2 13,5 10,0 3,5 3,1 3,4 6,4 10,8 12,4 3,8 4,1 3,7 6,5 10,0 14,8 1,1 1,4 2,4 2,7 8,3 12,0 2,2 1,1 2,3 2,7 5,9 11,2 2,5 3,6 4,1 3,0 4,5 2,7 4,1 3,7 3,5 3,8 3,6 3,0 3,9 4,4 2,6 5,4 4,6 5,5 7,7 5,9 2,5 5,5 4,5 3,0 1,4 1,0 2,6 4,6 11,8 19,3 0,5 0,6 1,0 4,8 8,6 15,9 1,9 2,8 2,5 3,4 6,1 10,1 4,2 3,2 2,7 4,4 6,8 6,8 1,6 1,3 4,0 4,8 8,2 9,9 3,9 4,0 5,4 6,8 7,1 5,4 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 1,9 1,4 2,4 1,5 0,8 1,2 7,4 14,8 19,3 29,4 24,2 21,3 10,5 12,9 21,3 27,8 31,3 28,2 2,6 6,1 6,4 12,9 17,7 22,6 5,5 8,2 6,9 15,5 20,1 20,2 1,8 3,8 6,8 10,5 10,5 11,3 5,1 5,0 5,3 12,6 16,1 15,6 0,1 1,0 1,4 3,0 5,3 11,9 0,6 0,3 1,0 2,3 4,5 13,5 1,4 2,8 3,1 5,5 9,1 15,3 3,1 3,6 4,6 8,4 11,9 16,6 0,9 1,7 1,4 2,0 1,2 1,5 4,0 2,6 1,1 2,6 2,1 1,5 5,6 4,0 4,7 4,6 4,3 3,7 4,6 6,1 5,1 6,6 3,6 3,1 2,1 1,5 1,6 2,7 5,7 6,7 1,9 2,1 2,5 3,3 3,5 5,8 durchschnittliche Zahl der Beschwerden 0,81 1,00 1,22 1,66 2,09 2,76 1,16 1,28 1,45 2,25 2,43 2,97 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Zeitliche Veränderungen im gesundheit­ lichen Befinden Im letzten Jahrzehnt ist es insbesondere bei den Frauen zu einer Verbesserung des gesundheitlichen Befindens gekommen. Der Anteil der Frauen mit„sehr guter“ Ge­ sundheit ist in den 90er Jahren altersstandardisiert um 6,1 Prozentpunkte gestiegen, dagegen hat jener mit „mittelmäßiger“ um 3,3 Prozentpunkte abgenommen. Bei den Männern fiel die Veränderung geringer aus: Der Anteil mit„sehr guter“ Gesundheit ist um 1,1 Pro­ zentpunkte gestiegen, jener mit„mittelmäßiger“ hat um 2,1 Prozentpunkte abgenommen. 54 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand Tabelle 3.05: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1991 und 1999 nach Geschlecht(in Prozent und altersstandardisiert*)(Personen ab 15 Jahre, Privathaushalte, in Prozent) Geschlecht gesamt altersstandardisiert* Männer altersstandardisiert* Frauen altersstandardisiert* sehr gut gut 28,7 41,5 29,2 41,6 33,8 40,9 32,3 40,6 24,6 42,0 26,5 42,7 1991 mittel­ mäßig 21,8 21,6 18,8 19,9 24,2 22,8 schlecht sehr schlecht sehr gut 6,5 1,5 33,0 6,1 1,5 33,0 5,1 1,5 34,4 5,4 1,8 33,3 7,7 1,6 31,7 6,6 1,3 32,6 gut 41,5 41,5 42,3 42,0 40,9 41,1 1999 mittel­ mäßig 18,7 18,7 17,1 17,8 20,2 19,5 schlecht sehr schlecht 5,3 1,4 5,3 1,4 4,8 1,4 5,3 1,6 5,8 1,4 5,5 1,3 * Altersstandardisierung nach der„direkten Methode“; Standardbevölkerung sind alle im Mikrozensus 1999 erfassten Personen. Eine Altersstan­ dardisierung wird durchgeführt, um den unterschiedlichen Altersaufbau der Bevölkerung auszuschalten und so einen strukturbereinigten Ver­ gleich zu ermöglichen. Quelle: Mikrozensus 1991 und 1999; eigene Berechnungen. Detaillierte Analysen zeigen, dass vor allem ältere Frauen an guter Gesundheit gewonnen haben: Seit 1991 ist bei Frauen ab 75 Jahren der Anteil mit zumindest guter Gesundheit(„sehr gut“ und„gut“ zusammengefasst) um etwa drei Viertel gestiegen. Bei den Männern fiel der Anstieg etwas geringer aus. Dagegen hat sich bei den jüngeren Kohorten(15 bis 29 Jahre) der subjektive Gesundheitszustand seit 1991 etwas verschlechtert. Es bleibt abzuwarten, wie sich dieser Trend weiter entwickeln wird, ebenso wie die gesundheitliche Situation der jüngeren Kohorten, wenn diese älter werden. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 55 III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand Grafik 3.03: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 und 1991 nach Alter und Geschlecht(Perso­ nen ab 15 Jahre, Privathaushalte, in Prozent) Männer 100 80 60 1999 sehr gut/ gut 1991 mittelmäßig 1991 sehr gut/ gut 1999 mittelmäßig 1991 sehr schlecht/ schlecht 1999 sehr schlecht/ schlecht Prozent 40 20 0 15–29 100 80 60 40 20 0 15–29 30–44 45–59 Alter Frauen 30–44 45–59 Alter 60–74 60–74 75+ 75+ 1999 sehr gut/ gut 1991 mittelmäßig 1999 mittelmäßig 1991 sehr schlecht/ schlecht 1991 sehr gut/ gut 1999 sehr schlecht/ schlecht Prozent Quelle: Mikrozensus 1991 und 1999; eigene Berechnungen. 3.1.2 Soziokulturelle Unterschiede im gesundheitlichen Befinden Soziale Lebensumstände und Gesundheit sind eng mit­ einander verbunden. Je höher die Bildung, je höher das Einkommen und je höher die berufliche Position, desto positiver wird die eigene Gesundheit beurteilt und des­ to größer ist die Zufriedenheit damit. Gesundheitlich am meisten benachteiligt sind Personen mit Pflichtschule als höchstem Bildungsabschluss, Personen der untersten Einkommensgruppen und angelernte Kräf­ te. 16 Während in Wien 83,3 Prozent der Männer und 85,4 Prozent der Frauen mit Hochschul- bzw. Universi­ tätsabschluss bzw. 80,6 Prozent der Männer und 79,2 Prozent der Frauen mit allgemeinbildender höherer Schule von zumindest guter Gesundheit berichteten, war dies nur bei 60,0 Prozent der Männer und 54,9 Pro­ zent der Frauen mit Pflichtschulbildung der Fall. 17 16 Stadt Wien(2001), Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey, S. 180 f. 17 Stadt Wien(2002), Mikrozensus 1999, S. 89. 56 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand Tabelle 3.06: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 30 Jahre, Privathaushalte, in Prozent) Bildung Pflichtschule Lehre BMS AHS BHS Hochschule gesamt Pflichtschule Lehre BMS AHS BHS Hochschule gesamt Personen ab 30 J. in 1.000 79,2 202,4 29,7 48,5 45,6 80,9 486,3 170,3 157,4 84,6 53,8 43,9 57,9 567,9 sehr gut gut Männer 26,5 33,5 26,5 43,1 34,8 47,5 31,1 49,5 25,4 53,8 39,4 43,9 29,5 43,6 Frauen 18,3 36,6 25,7 43,5 30,3 47,7 34,9 44,3 33,9 39,8 41,0 44,4 33,1 45,1 mittelmäßig Prozent schlecht sehr schlecht 26,9 8,8 4,3 22,5 7,0 1,0 14,5 1,8 1,5 16,8 1,5 1,1 17,5 2,4 1,0 11,6 3,8 1,3 19,9 5,4 1,6 31,8 10,2 22,5 6,9 16,9 4,5 16,7 2,1 20,2 4,3 9,5 4,1 20,6 6,4 3,0 1,4 0,7 2,0 1,9 1,0 1,8 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Höher gebildete Personen sind auch häufiger be­ schwerdefrei. Während ab einem Lebensalter von 30 Jahren 41,3 Prozent der Männer mit Pflichtschulbil­ dung und 36,1 Prozent mit Lehrabschluss keine Be­ schwerden haben, sind es bei den Hochschulabsolven­ ten 45,0 Prozent. Noch deutlicher als bei den Männern ist die Bildungsabhängigkeit bei den Frauen: 30,7 Pro­ zent der Frauen mit Pflichtschulbildung und 31,2 Pro­ zent mit Abschluss einer Lehre haben keine Beschwer­ den im Vergleich zu 43,1 Prozent der Hochschulabsol­ ventinnen. Auch Rangreihe und Prävalenz der Beschwerden unter­ scheiden sich je nach Bildungsgrad(wie sich anhand der sechs häufigsten Beschwerden zeigt). Niedrig gebil­ dete Personen leiden(von Ausnahmen abgesehen) häufiger an Kopfschmerzen bzw. Migräne, Schlafstö­ rungen, Gelenks-, Nerven- und Muskelschmerzen an Hüfte oder Bein sowie an Wetterempfindlichkeit als höher gebildete. Rücken- bzw. Kreuzschmerzen und Kreislaufstörungen finden sich zum Teil aber auch bei Personen mit mittlerer und höherer Bildung relativ häufig. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 57 III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand Prozent Rücken-, Kreuzschmerzen Kopfschmerzen, Migräne Schlafstörungen Gelenks-, Nerven-, Muskelschmerzen (Hüfte, Bein) Wetterempfindlichkeit Kreislauf­ störungen Grafik 3.04: Häufigste Beschwerden in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 30 Jahre, Privat­ haushalte, Mehrfachnennungen möglich, in Prozent) Männer 35,0 Pflichtschule Lehre 30,0 BMS AHS BHS Hochschule 25,0 20,0 15,0 10,0 5,0 0,0 Frauen 35,0 30,0 Pflichtschule Lehre BMS AHS 25,0 BHS Hochschule 20,0 15,0 10,0 5,0 0,0 Prozent Rücken-, Kreuzschmerzen Kopfschmerzen, Migräne Schlafstörungen Gelenks-, Nerven-, Muskelschmerzen (Hüfte, Bein) Wetterempfindlichkeit Kreislauf­ störungen Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Arbeiter(beiderlei Geschlechts) beurteilen ihre Ge­ sundheit deutlich negativer als andere Berufsgruppen. 28,7 Prozent der Arbeiter und 33,0 Prozent der Arbeite­ rinnen in Wien berichten von mittelmäßiger oder schlechter Gesundheit im Vergleich zu 13,9 Prozent der männlichen und 15,2 Prozent der weiblichen Angestell­ ten und 17,5 Prozent der männlichen und 15,6 Prozent der weiblichen Beamten. 18 18 Stadt Wien(2002), Mikrozensus 1999, S. 90. 58 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand Grafik 3.05: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 nach beruflicher Stellung und Geschlecht (Erwerbstätige ab 15 Jahre, Privathaushalte, in Prozent) Männer 70 60 50 40 sehr gut gut mittelmäflig schlecht sehr schlecht P roz ent 30 20 10 0 Selbständige Mithelfende Angestellte Beamte Fac harbei ter s ons ti ge Arbeiter Lehrlinge P roz ent Frauen 70 60 50 40 30 20 10 0 sehr gut gut mittelmäflig schlecht sehr schlecht Selbständige Mithelfende Angestellte Beamtinnen Fac h­ arbeiterinnen s ons ti ge Arbeiterinnen Lehrlinge Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Entsprechend beurteilen in den so genannten Arbeiter­ bezirken Wiens wohnhafte Personen ihre Gesundheit deutlich negativer als Personen in so genannten Misch­ bezirken. Des weiteren ist zwischen Arbeiterbezirken mit hohem und niedrigem Ausländeranteil zu unter­ scheiden. Während in Arbeiterbezirken mit hohem Ausländeranteil 27,7 Prozent der Männer und 30,6 Pro­ zent der Frauen mittelmäßige oder noch schlechtere Gesundheit angeben, sind es in den Arbeiterbezirken mit niedrigem Ausländeranteil 23,3 Prozent der Män­ ner und 26,6 Prozent der Frauen. Auffallend ist die ver­ gleichsweise ungünstige Gesundheitseinschätzung in den so genannten„Nobelbezirken“. Ausschlaggebend dafür dürfte das höhere Durchschnittsalter in diesen Bezirken sein. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 59 III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand Tabelle 3.07: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 nach Art des Wohnbezirkes und Geschlecht (Personen ab 15 Jahre, Privathaushalte, in Prozent) Art des Wohnbezirkes Personen ab 15 J. in 1.000 Arbeiterbezirk mit hohem Ausländeranteil Arbeiterbezirk Mischbezirk Nobelbezirk gesamt 170,7 223,1 182,8 50,0 626,5 Arbeiterbezirk mit hohem Ausländeranteil Arbeiterbezirk Mischbezirk Nobelbezirk gesamt 185,7 257,9 210,2 59,4 713,1 sehr gut Männer 32,5 31,4 39,2 37,0 34,4 Frauen 31,5 29,3 34,8 31,8 31,7 gut mittemäßig schlecht sehr schlecht Prozent 39,8 21,7 4,0 2,0 45,3 17,0 5,7 0,6 41,5 14,2 3,5 1,7 40,2 12,8 8,4 1,6 42,3 17,1 4,8 1,4 38,0 22,8 6,4 1,4 44,0 19,9 5,5 1,2 40,9 17,3 5,5 1,4 36,5 22,9 5,8 2,9 40,9 20,2 5,8 1,4 Quelle: Mikrozensus 1999. Gesundheitlich benachteiligt sind auch MigrantInnen, vor allem wenn man bedenkt, dass MigrantInnen ein niedrigeres Durchschnittsalter als österreichische StaatsbürgerInnen haben. 19 Aber auch innerhalb der Gruppe der MigrantInnen gibt es Unterschiede. Wäh­ rend sich von den österreichischen StaatsbürgerInnen in Wien 76,5 Prozent der Männer und 72,2 Prozent der Frauen zumindest guter Gesundheit erfreuen, sind die Prozentwerte bei StaatsbürgerInnen aus einem der Staaten Ex-Jugoslawiens etwas geringer(Männer 73,4 Prozent, Frauen 70,5 Prozent) 20 und bei den türkischen StaatsbürgerInnen sinken die Werte sogar auf 67,1 Pro­ zent bei den Männern und 61,0 Prozent bei den Frau­ en. 21 Interessanterweise findet sich aber bei Staatsbür­ gerInnen Ex-Jugoslawiens der von allen Gruppen höchste Anteil mit„sehr guter“ und der niedrigste mit „guter“ Gesundheit. Am positivsten stuft die heteroge­ ne Gruppe mit„anderer“ Staatsbürgerschaft ihre Ge­ sundheit ein. 19 Vgl. z. B. SPRINGER-KREMSER et al.(1989), CSITKOVITS et al.(1997). 20 Stadt Wien(2002), Mikrozensus 1999, S. 93. 21 Jedoch schränkt die geringe Befragtenzahl die Zuverlässigkeit der Ergebnisse ein. 60 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand Grafik 3.06: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht (Personen ab 15 Jahre, Privathaushalte, in Prozent) Männer sehr schlecht 100 schlecht mittelmäßig gut 80 sehr gut 60 40 20 P roz ent 0 Österreich Ex-Jugoslawien Türkei Frauen 100 80 60 40 andere sehr schlecht schlecht mittelmäßig gut sehr gut P roz ent 20 0 Österreich Ex-Jugoslawien Türkei andere Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit Anhand verschiedener Indikatoren zeigt sich durch­ gängig ein schlechterer Gesundheitszustand von Ar­ beitslosen. 22 Mit Arbeitslosigkeit verbundene Stresso­ ren(finanzielle Schwierigkeiten, Prestige- und Status­ verlust, mangelnde Zukunftsperspektiven, etc.), wel­ che die Ressourcen des Individuums übersteigen, wirken sich auf die Gesundheit negativ aus. Im Vorder­ grund stehen dabei meist nicht so sehr spezifische Krankheiten, sondern Befindlichkeitsstörungen und psychosomatische Symptome. Depressivität, Ängst­ lichkeit, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, allgemeine Nervo­ sität und Konzentrationsstörungen können bei länger anhaltender Arbeitslosigkeit zu körperlichen Beein­ trächtigungen führen bzw. sich negativ auf den Verlauf bestehender Krankheiten auswirken. 23 Arbeitslose Personen beurteilen ihre Gesundheit deut­ lich negativer als erwerbstätige. Arbeitslose Männer ge­ ben„gute“ oder„sehr gute“ Gesundheit sogar noch sel­ tener als Pensionisten an. 22 MARTIKAINEN(1990). 23 KURELLA(1992), MASGF(1995), S. 522. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 61 III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand Grafik 3.07: Beurteilung des Gesundheitszustandes in Wien 1999 nach Erwerbsstatus und Geschlecht(Perso­ nen ab 15 Jahre, Privathaushalte, in Prozent) Männer sehr schlecht 100 schlecht mittelmäßig 80 gut sehr gut 60 P roz ent 40 20 0 erwerbstätig arbeitslos in Pension im Haushalt Frauen Schüler, Studenten 100 80 60 sehr schlecht schlecht mittelmäßig gut sehr gut P roz ent 40 20 0 erwerbstätig arbeitslos in Pension im Haushalt Schüler, Studenten Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Auch berichten Arbeitslose(Männer wie Frauen) im Vergleich zu Erwerbstätigen deutlich häufiger über Be­ schwerden. Während von den Erwerbstätigen 49,1 Prozent der Männer und 43,1 Prozent der Frauen be­ schwerdefrei sind, sind es von den Arbeitslosen lediglich 42,8 Prozent der Männer und 33,1 Prozent der Frauen. 62 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Subjektiver Gesundheitszustand Tabelle 3.08: Beschwerden in Wien 1999 nach Erwerbstatus und Geschlecht(Mehrfachnennungen möglich, in Prozent) Beschwerden erwerbs­ tätig Männer arbeitslos in Pension erwerbs­ tätig Frauen arbeitslos in Pension im Haus­ halt Personen in 1.000 407,0 37,7 129,0 332,4 21,7 216,9 82,4 folgende Beschwerden wurden genannt(Mehrfachnennungen möglich, Prozent) keine Schlafstörungen Wetterempfindlichkeit Schwäche, Müdigkeit Nervosität Niedergedrücktheit(Depressionen) Schwindel Kreislaufstörungen Übelkeit, Appetitlosigkeit Kopfschmerzen, Migräne Sehstörungen Hörstörungen Zahnschmerzen, schlechte Zähne Husten Herzbeschwerden Atembeschwerden Magen-, Verdauungsbeschwerden Unterleibsschmerzen Rücken-, Kreuzschmerzen Gelenks-, Nerven-, Muskelschmerzen (Hüfte, Bein) Gelenks-, Nerven-, Muskelschmerzen (Schulter, Arm) Gehbehinderung Beinleiden Beschwerden durch Hauterkrankungen Beschwerden durch Allergien sonstige 49,1 42,8 25,7 7,4 15,6 14,2 7,0 8,8 14,3 6,2 10,9 11,8 4,7 10,4 6,9 2,2 7,7 7,5 4,0 6,6 8,6 6,0 15,9 13,7 1,0 2,2 2,7 12,6 16,8 11,5 3,3 8,5 11,4 2,4 2,6 8,2 3,5 4,6 4,1 3,9 6,2 4,7 2,5 4,1 14,4 2,4 4,6 7,3 3,3 7,2 8,8 --21,7 25,9 24,5 8,1 9,4 20,0 6,8 11,6 11,7 1,3 5,2 7,8 3,4 4,9 10,5 1,6 0,0 1,6 4,3 1,9 4,2 1,8 2,9 5,8 43,1 33,1 25,9 39,6 8,7 19,7 19,4 16,4 10,0 18,0 17,9 13,3 11,2 11,4 15,2 8,2 7,1 10,6 10,4 7,3 4,2 5,4 6,5 3,6 4,8 5,0 12,6 10,6 13,1 10,0 17,0 12,9 2,1 1,3 2,5 2,1 19,0 17,0 12,6 18,1 4,6 5,9 11,7 3,8 2,1 3,3 7,5 3,1 3,7 7,2 3,2 3,4 4,3 1,3 3,8 6,7 1,8 5,2 11,0 2,7 3,2 4,2 6,6 4,4 5,8 10,0 6,6 3,6 1,9 2,5 1,2 0,7 21,9 22,2 29,9 21,9 8,5 6,3 20,5 14,4 6,6 10,0 16,5 1,0 0,0 7,6 4,7 8,5 13,8 1,6 1,8 2,3 6,3 2,9 3,5 2,3 2,3 4,6 8,7 2,8 7,5 1,7 5,4 4,6 durchschnittliche Zahl der Beschwerden 1,22 1,94 2,36 1,61 1,92 2,64 1,88 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Arbeitslose Männer haben etwa doppelt so häufig Schlafstörungen, Probleme mit Nervosität, Atembe­ schwerden, Magen- und Verdauungsbeschwerden, so­ wie Gelenks-, Nerven- und Muskelschmerzen an Schulter und Arm als erwerbstätige.„Kreislauf-“ und Sehstörungen sind bei arbeitslosen Männern zweiein­ halb mal häufiger, Niedergedrücktheit(Depressionen) dreieinhalb mal und Gehbehinderungen viermal häu­ figer als bei erwerbstätigen. Nur Hauterkrankungen und Allergien finden sich bei erwerbstätigen Männern häufiger als bei arbeitslosen. Arbeitslose Frauen leiden zwar ebenfalls häufiger unter einer Reihe von Be­ schwerden als erwerbstätige, jedoch nicht so durch­ gängig wie die Männer. Vor allem Schlafstörungen, Wetterempfindlichkeit, Probleme mit den Zähnen, Herzbeschwerden, Magen- und Verdauungsbeschwer­ den, Gelenks-, Nerven- und Muskelschmerzen an Schulter, Arm und Bein sind bei arbeitslosen Frauen häufiger zu beobachten. Inwieweit Arbeitslosigkeit Ursache für bzw. Folge von gesundheitlichen Defiziten ist, lässt sich anhand der vorliegenden Daten nicht klären. Längsschnittstudien verweisen auf eine Verschlechterung des gesundheitli­ chen Befindens bei Personen, die ihren Arbeitsplatz ver­ loren haben und eine Verbesserung nach dem Wieder­ eintritt ins Berufsleben. 24 Eine Studie 25 kam zu dem Er­ gebnis, dass arbeitslose Personen bereits vor Eintritt der CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 63 III. GESUNDHEIT IN WIEN Krankenhausaufenthalte Arbeitslosigkeit gesundheitlich benachteiligt sind und dass es arbeitlosen Personen mit besserem Gesundheitszustand eher gelingt, wieder eine Beschäftigung zu finden. Ergebnisse dieser Art dürfen allerdings nicht über die Bedeutung psychosozialer Beeinträchtigungen aufgrund von Arbeitslosigkeit hinwegtäuschen. 3.2 Krankenhausaufenthalte Hinweise auf die Morbidität der Bevölkerung gibt u. a. die Spitalsentlassungsstatistik. Zu bedenken ist, dass lediglich ein Teil der Krankheiten und auch nicht jede Krankheitsepisode stationär behandelt wird. Die Zahl der Spitalsaufenthalte hängt außerdem nicht nur vom Krankheitsgeschehen, sondern auch von anderen Fak­ toren, wie etwa der Einweisungspraxis der niedergelas­ senen Ärzte, dem Vorhandensein alternativer ambu­ lanter und teilstationärer Angebote, von Rehabilitati­ ons- und Pflegeeinrichtungen ab. Auch organisatori­ sche Maßnahmen, wie die Einführung des Verrech­ nungssystems der leistungsorientierten Krankenhaus­ finanzierung(LKF) am 1. Jänner 1997, welches eine Abrechnung nach Diagnosefallpauschalen anstatt der früheren Pflegetagsabgeltung vorsieht, wirken sich auf das Leistungsgeschehen aus. 26 Vor allem bei den chro­ nischen Krankheiten ist die Zunahme von Spitalsauf­ enthalten in den letzten Jahren zu einem großen Teil auf den mit dieser Umstellung verbundenen sprung­ haften Anstieg von Mehrfachaufenthalten(mit gleich­ zeitig niedrigerer durchschnittlicher Aufenthaltsdauer) zurückzuführen. Diese Mehrfachaufenthalte sind zum einen durch eine Verlagerung von Behandlungsfällen der ambulanten Spitalsversorgung in den stationären Bereich bedingt, zum andern durch vermehrte inter­ mittierende Kurzaufenthalte anstatt von Aufenthalten mit längerer Verweildauer. Dies betrifft insbesondere den psychiatrischen Bereich 27 , die onkologische Ver­ sorgung, Diabetes und andere therapieaufwendige chronische Erkrankungen. Aufgrund der Spitalsstatis­ tik können daher für die Übergangsjahre keine zuver­ lässigen Aussagen zur Entwicklung des Krankheitsge­ schehens gemacht werden. Geschlechts- und altersspezifische Unter­ schiede Im Jahr 2000 wurden für die Wohnbevölkerung Wiens 481.764 stationäre Aufenthalte verzeichnet(Männer 203.359, Frauen 278.405). 28 Frauen sind(sowohl abso­ lut als auch bezogen auf die Bevölkerung) häufiger in stationärer Behandlung als Männer. Bevölkerungsbe­ zogen(pro 100.000) entspricht dies einer Rate von 26.613 stationären Aufenthalten bei den Männern und 32.967 Aufenthalten bei den Frauen(also nahezu um ein Viertel mehr). Verantwortlich für die häufigeren stationären Aufenthalte von Frauen sind vor allem Schwangerschaft und Geburt sowie die höhere Lebens­ erwartung von Frauen. Schaltet man den aus dem un­ terschiedlichen Altersaufbau der Geschlechter resultie­ renden Einfluss mittels Altersstandardisierung aus, so verringert sich der Unterschied zwischen Männern und Frauen auf 6,4 Prozent. Mit zunehmendem Alter nehmen Krankenhausaufent­ halte(darunter auch Mehrfachaufenthalte) zu. Wäh­ rend im jüngeren und mittleren Alter Frauen(bedingt durch Schwangerschaft und Geburt) höhere stationäre Aufenthaltsraten als Männer haben, sind sie in der Kindheit und im höheren Alter bei den Männern höher. Aufgrund des höheren Frauenanteils unter den Älteren werden jedoch absolut mehr ältere Frauen als Männer stationär behandelt. 24 STARRIN, SVENSSON, WINTERSBERGER(1989). 25 ELKELES, SEIFERT(1992). 26 Stadt Wien(2002), Gesundheitsbericht Wien 2002, S. 114 f. 27 Im Bereich der Psychiatrie ist ab 2003 aufgrund einer nochmaligen gesetzlichen Änderung wiederum ein Rückgang der Aufenthaltsraten zu erwarten. 28 In den Wiener Krankenanstalten wurden im Jahr 2000 552.146 stationäre Behandlungsfälle registriert. 64 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Krankenhausaufenthalte Grafik 3.08: Stationäre Aufenthalte von in Wien wohnhaften Personen im Jahr 2000 nach Alter und Geschlecht (pro 100.000) Alter (Jahre) 85 u. mehr 75–84 65–74 55–64 45–54 35–44 25–34 15–24 5-14 bis 4 0 Frauen Männer 20.000 40.000 60.000 80.000 stationäre Aufenthalte pro 100.000 100.000 120.000 Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Entwicklung der stationären Aufenthalte Die Zahl der Spitalsaufenthalte der Wiener Bevölke­ rung ist im letzten Jahrzehnt um mehr als 40 Prozent gestiegen. Welche Rolle dabei eine generelle Zunahme des Krankheitsgeschehens und/oder vermehrte Mög­ lichkeiten,(vor allem chronische) Krankheiten zu be­ handeln, spielen, ist ohne eingehende Analysen nicht zu beantworten. Der enorme Anstieg stationärer Auf­ enthalte zwischen 1995 und 2000(in Wien Zunahme um 27,3 Prozent) dürfte jedenfalls vorwiegend auf die Einführung des Verrechnungssystems der leistungso­ rientierten Krankenanstaltenfinanzierung(LKF) zu­ rückzuführen sein. Damit verbunden war(wie er­ wähnt) zum einen die deutliche Zunahme von Mehr­ fachaufenthalten, zum andern eine deutliche Redukti­ on der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer pro Behandlungsfall. 29 Im Vergleichszeitraum 1990 bis 1995 war dieser Anstieg jedenfalls wesentlich geringer (Wien: plus 11,1 Prozent). Eine detaillierte Analyse der für die steigende Zahl der Spitalsaufenthalte aus­ schlaggebenden Prozesse könnte hier wichtige Auf­ schlüsse liefern. Österreichweit war(insbesondere nach 1995) der An­ stieg der Spitalsaufenthalte etwas moderater. Insge­ samt ist die Zahl der stationären Aufenthalte der öster­ reichischen Bevölkerung seit 1990 um ein knappes Drittel(31,7 Prozent)(in Wien um 41,4 Prozent) gestie­ gen. Vor allem zwischen 1995 und 2000 ist der Unter­ schied relativ deutlich: Während in diesem Zeitraum in Wien ein Anstieg um 27,3 Prozent zu verzeichnen war, betrug der Vergleichswert für Österreich nur 19,7 Pro­ zent. Zwischen 1990 und 1995 war in Österreich ein An­ stieg um 10,0 Prozent(in Wien um 11,1 Prozent) zu verzeichnen. 29 Vgl. dazu Stadt Wien(2002), Gesundheitsbericht Wien 2002, S. 115, Grafik 31. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 65 III. GESUNDHEIT IN WIEN Krankenhausaufenthalte Tabelle 3.09: Spitalsaufenthalte von in Wien und Österreich wohnhaften Personen 1990, 1995 und 2000 nach Geschlecht(absolut, rohe und standardisierte Raten* pro 100.000) stationäre Auf­ enthalte gesamt Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen 1990 340.739 141.569 199.170 20.118,0 24.282,9 18.489,3 20.076,8 in Wien wohnhaft in Österreich wohnhaft 1995 2000** 1990 1995 2000** absolut 378.485 158.917 219.568 481.764 203.359 278.405 1.752.310 791.117 961.193 1.927.695 866.949 1.060.746 2.307.177 1.040.176 1.267.001 pro 100.000 21.186,0 26.061,7 26.612,5 32.966,5 21.319,1 23.919,8 22.216,2 25.595,9 26.394,4 30.388,5 standardisierte Raten* pro 100.000 19.292,0 20.662,3 23.301,9 24.785,1 20.070,4 20.480,1 20.498,7 21.192,7 23.341,8 24.284,4 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). ** Ab 1997 Verrechnungssystem nach Diagnosefallpauschalen(leistungsorientierte Krankenanstaltenfinanzierung, LKF) anstatt bisheriger Ver­ rechnung nach Pflegetagsabgeltungen. Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. 1990 und 1995 war die(rohe und altersstandardisierte) Rate stationärer Aufnahmen(pro 100.000) in Wien bei den Männern niedriger als in Österreich. Bei den Frau­ en lag zu beiden Zeitpunkten in Wien die rohe Rate(be­ dingt durch den hohen Altenanteil, der vor allem in den 90er Jahren sehr ausgeprägt war) zwar über dem öster­ reichischen Durchschnitt, die altersstrukturbereinigte Rate war jedoch sogar niedriger als in Österreich. Die Vermutung, dass das vermehrte Angebot an statio­ nären Einrichtungen in Wien zu häufigeren stationären Aufenthalten in der Wiener Bevölkerung führt, trifft nur für das Jahr 2000 für Frauen in abgeschwächter Form zu. Die rohe Rate stationärer Aufenthalte ist, be­ dingt durch den höheren Altenanteil und die damit ver­ bundene höhere Erkrankungshäufigkeit, in Wien zwar höher als im gesamten Bundesgebiet. Der altersstruk­ turbereinigte Vergleich macht jedoch deutlich, dass le­ diglich bei der weiblichen Bevölkerung Wiens ein(ge­ ringer) Überhang an stationären Aufenthalten besteht. Die männliche Wohnbevölkerung Wiens hatte auch im Jahr 2000 eine niedrigere altersstrukturbereinigte Rate stationärer Aufenthalte als jene Österreichs. Aufenthaltsgründe(Hauptdiagnosen) Die Aufenthaltsgründe lassen sich am besten durch das relative Gewicht der Krankheitsgruppen nach der Inter­ national Classification of Diseases(ICD) beschreiben. Für das Jahr 2000(dem letzten verfügbaren Berichts­ jahr) liegen die Diagnosen in der ICD-9 vor. 30 Häufigste Gründe für stationäre Aufenthalte sind Krankheiten des Kreislaufsystems und Neubildun­ gen 31 : Im Jahr 2000 waren je 14,9 Prozent der Spi­ talsaufenthalte der Wiener Bevölkerung auf diese bei­ den Krankheitsgruppen zurückzuführen. Am dritthäu­ figsten waren Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes(9,6 Prozent), gefolgt von Ver­ letzungen und Vergiftungen(7,8 Prozent), Krankheiten des Nervensystems und der Sinnesorgane(7,5 Pro­ zent), der Verdauungs-(7,2 Prozent) und Atmungsor­ gane(7,1 Prozent) sowie psychiatrische Erkrankungen (6,9 Prozent). Über drei Viertel(75,9 Prozent) der Krankenhausaufenthalte von in Wien wohnhaften Per­ sonen waren auf die genannten Krankheitsgruppen zu­ rückzuführen. 30 Ab dem Berichtsjahr 2001 erfolgt die Umstellung auf die ICD-10. 31 Bei den Neubildungen handelt es sich zu 98 bis 99 Prozent um bösartige. 66 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Krankenhausaufenthalte Tabelle 3.10: Stationäre Aufenthalte von in Wien wohnhaften Personen im Jahr 2000 nach Hauptdiagnose und Geschlecht(absolut, in Prozent) Krankheitsgruppe alle Diagnosen<001–999, V01–V99> I. Infektiöse und parasitäre Krankheiten<001–139> II. Neubildungen<140–239> III. Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten<240–279> IV. Krankheiten des Blutes<280–289> V. Psychiatrische Krankheiten<290–319> VI. Krankheiten des Nervensystems<320–389> VII. Krankheiten des Kreislaufsystems<390–459> VIII. Krankheiten der Atmungsorgane<460–519> IX. Krankheiten der Verdauungsorgane<520–579> X. Krankheiten der Harn- und Geschlechtsorgane<580–629> XI. Komplikationen der Schwangerschaft etc.<630–676> XII. Krankheiten der Haut und des Unterhautgewebes<680–709> XIII. Krankheiten d. Skeletts, Muskeln, Bindegewebes<710–739> XIV. Kongenitale Anomalien<740–759> XV. Perinatale Affektionen<760–779> XVI. Symptome und schlecht bezeichnete Affektionen<780–799> XVII. Verletzungen und Vergiftungen XVIII. Verschiedene Anlässe zur Spitalsbehandlung Geschlecht Männer Frauen 203.359 5.645 31.647 7.557 1.939 15.592 14.784 34.695 18.101 16.826 11.026 – 3.045 15.126 1.381 1.248 6.110 18.413 224 278.405 5.750 40.298 10.293 2.544 17.774 21.332 36.872 16.151 17.910 19.515 24.987 3.408 30.977 1.057 951 8.768 19.350 468 stationäre Aufenthalte insgesamt 481.764 11.395 71.945 17.850 4.483 33.366 36.116 71.567 34.252 34.736 30.541 24.987 6.453 46.103 2.438 2.199 14.878 37.763 692 Prozent 100,0 2,4 14,9 3,7 0,9 6,9 7,5 14,9 7,1 7,2 6,3 5,2 1,3 9,6 0,5 0,5 3,1 7,8 0,1 Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Die Aufenthaltsgründe von Männern und Frauen sind verschieden: Während in Wien im Jahr 2000 bei den Männern Krankheiten des Kreislaufsystems häufigster Aufenthaltsgrund waren, waren es bei den Frauen Neu­ bildungen. Am zweithäufigsten waren bei den Män­ nern Neubildungen, gefolgt von Verletzungen und Ver­ giftungen, sowie Krankheiten der Atmungsorgane. Bei den Frauen bildeten Krankheiten des Kreislaufsystems den zweithäufigsten Aufenthaltsgrund, gefolgt von Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Binde­ gewebes, Verletzungen und Vergiftungen sowie Gebur­ ten bzw. Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt. Jeder elfte Krankenhausaufenthalt von Wiener Frauen war auf Schwangerschaft oder Geburt zurückzuführen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 67 III. GESUNDHEIT IN WIEN Krankenhausaufenthalte Grafik 3.09: Anteile der Hauptdiagnosen(Krankheitsgruppen, ICD-9/BMAGS) an den stationären Aufenthalten der in Wien wohnhaften Personen im Jahr 2000 nach Geschlecht(in Prozent)* I. Infektiöse und parasitäre Krankheiten 001–139 II. Neubildungen 140–239 III. Ernährungs- u. Stoffwechselkrankheiten 240–279 IV. Krankheiten des Blutes 280–289 V. Psychiatrische Krankheiten 290–319 VI. Krankheiten des Nervensystems 320–389 VII. Krankheiten des Kreislaufsystems 390–459 VIII. Krankheiten der Atmungsorgane 460–519 IX. Krankheiten der Verdauungsorgane 520–579 X. Krankheiten der Harn- u. Geschlechtsorgane 580–629 XI. Komplikationen d. Schwangerschaft etc. 630–676 XII. Krankheiten d. Haut u. d. Unterhautgewebes 680–709 XIII. Krankheiten d. Skeletts, Muskeln, Bindegewebes 710–739 XIV. Kongenitale Anomalien 740–759 XV. Perinatale Affektionen 760–779 XVI. Symptome u. schlecht bezeichnete Affektionen 780–799 XVII. Verletzungen und Vergiftungen E800–E999 XVIII. Verschiedene Anlässe z. Spitalsbehandlung V01–V99 2,8 2,1 3,7 3,7 1,0 0,9 0,0 1,5 1,2 0,7 0,4 0,6 0,3 3,0 3,1 0,1 0,2 7,7 6,4 7,3 7,7 5,8 6,4 5,4 7,0 8,9 8,3 9,0 7,4 9,1 7,0 15,6 14,5 17,1 13,2 11,1 Männer Frauen 0,0 2,0 4,0 6,0 8,0 10,0 12,0 14,0 16,0 18,0 Prozent * Die Werte für Männer und Frauen ergeben jeweils 100 Prozent. Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Entwicklungstendenzen Ein Vergleich der Gründe für stationäre Aufenthalte ist insofern schwierig, als Änderungen bei der Codierung der Hauptdiagnosen vorgenommen wurden. So z. B. hat die Zahl der stationären Aufenthalte der Krankheits­ gruppe„verschiedene Anlässe zur Spitalsbehandlung“ zwischen 1990 und 2000 abgenommen, dagegen sind Aufenthalte aufgrund der Krankheitsgruppe„Sympto­ me und schlecht bezeichnete Affektionen“ gestiegen. Ebenso wie bei den stationären Aufenthalten insgesamt sind(durch die Einführung des Verrechnungssystems der leistungsorientierten Krankenhausfinanzierung (LKF)) auch bei einzelnen Krankheitsgruppen zwi­ schen 1995 und 2000 deutlichere Zuwächse als zwi­ schen 1990 und 1995 zu verzeichnen. Besonders deut­ lich gestiegen sind zwischen 1995 und 2000 stationäre Aufenthalte aufgrund psychiatrischer Krankheiten und Krankheiten des Blutes. Auch die Zahl der Behand­ lungsfälle aufgrund von Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten, Krankheiten des Nervensys­ tems und Neubildungen hat merkbar zugenommen. Bei diesen Behandlungsfällen handelt es sich überwie­ gend um Mehrfachaufnahmen. 68 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Mortalität Tabelle 3.11: Stationäre Aufenthalte von in Wien wohnhaften Personen im Jahr 1990, 1995, 2000 nach Haupt­ diagnose(absolut; Steigerung in Prozent) Hauptdiagnose(Krankheitsgruppe) alle Diagnosen<001–999, V01–V99> I. Infektiöse und parasitäre Krankheiten<001–139> II. Neubildungen<140–239> III. Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten<240–279> IV. Krankheiten des Blutes<280–289> V. Psychiatrische Krankheiten<290–319> VI. Krankheiten des Nervensystems<320–389> VII. Krankheiten des Kreislaufsystems<390–459> VIII. Krankheiten der Atmungsorgane<460–519> IX. Krankheiten der Verdauungsorgane<520–579> X. Krankheiten der Harn- und Geschlechtsorgane<580–629> XI. Komplikationen der Schwangerschaft, im Wochenbett, bei der Entbindung<630–676> XII. Krankheiten der Haut und des Unterhautgewebes <680–709> XIII. Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Binde­ gewebes<710–739> XIV. Kongenitale Anomalien<740–759> XV. Perinatale Affektionen<760–779> XVI. Symptome und schlecht bezeichnete Affektionen <780–799> XVII. Verletzungen und Vergiftungen XVIII. Verschiedene Anlässe zur Spitalsbehandlung 1990 1995 2000 340.739 378.485 481.764 7.980 41.157 12.073 2.265 14.630 19.235 54.760 25.699 31.261 27.908 10.877 50.259 12.195 2.470 17.564 24.934 60.716 27.425 31.771 27.104 11.395 71.945 17.850 4.483 33.366 36.116 71.567 34.252 34.736 30.541 27.088 26.006 24.987 8.070 5.753 6.453 26.149 2.097 1.823 31.296 2.373 1.789 46.103 2.438 2.199 7.703 28.869 1.972 12.036 32.532 1.385 14.878 37.763 692 Steigerung(Prozent) 1990– 1995– 1990– 1995 2000 2000 11,1 27,3 41,4 36,3 4,8 42,8 22,1 43,1 74,8 1,0 46,4 47,9 9,1 81,5 97,9 20,1 90,0 128,1 29,6 44,8 87,8 10,9 17,9 30,7 6,7 24,9 33,3 1,6 9,3 11,1 –2,9 12,7 9,4 –4,0 –3,9 –7,8 –28,7 12,2 –20,0 19,7 47,3 76,3 13,2 2,7 16,3 –1,9 22,9 20,6 56,3 12,7 –29,8 23,6 16,1 –50,0 93,1 30,8 –64,9 Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Zu einer Reduktion der stationären Aufenthalte kam es zwischen 1995 und 2000(abgesehen von der Gruppe „Verschiedene Anlässe zur Spitalsbehandlung“) ledig­ lich bei Geburten, Komplikationen der Schwanger­ schaft und bei der Entbindung bzw. im Wochenbett. 3.3 Mortalität Die Sterblichkeit hängt von verschiedenen Faktoren ab, wobei genetische, lebensstil- und umweltbezogene sowie gesamtgesellschaftliche Einflüsse eine Rolle spielen. Geschlechts- und Altersunterschiede 2001 starben in Wien 16.943 Personen(Männer 7.255, Frauen 9.688). Das sind 10,6 Sterbefälle pro 1.000 Ein­ wohner(Männer 9,5, Frauen 11,5). 32 Die Sterblichkeit sinkt von vergleichsweise hohen Werten im ersten Le­ bensjahr auf ein Minimum im Alter zwischen 5 und 14 Jahren, bevor sie dann kontinuierlich zunimmt. Der Grund, warum anteilig mehr Frauen als Männer ver­ sterben, obwohl ihre Lebenserwartung höher ist und in einzelnen Altersgruppen die Sterblichkeit der Männer höher ist, liegt darin, dass die Gesamtsterblichkeit von den Mortalitätsverhältnissen in den oberen Altersgrup­ pen dominiert wird. 32 Die standardisierte Sterblichkeit der Männer war allerdings erheblich höher als jene der Frauen(siehe Abschnitt„Entwicklung der Mor­ talität“ weiter unten). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 69 III. GESUNDHEIT IN WIEN Mortalität Grafik 3.10: Gestorbene in Wien 2001 nach Alter und Geschlecht(pro 1.000) 400,0 350,0 gesamt Männer Frauen Gestorbene pro 1.000 300,0 250,0 200,0 150,0 100,0 50,0 0,0 unter 1* 1–4 5–9 95+ 10–14 15–19 20–24 25–29 30–34 35–39 40–44 45–49 50–54 55–59 60–64 65–69 70–74 75–79 80–84 85–89 90–94 * Gestorbene auf 1.000 Lebendgeborene. Quelle: Magistratsabteilung 66 – Statistisches Amt der Stadt Wien; Statistik Austria. Fast zwei Drittel der in Wien im Jahr 2001 Verstorbe­ nen(63,9 Prozent) waren 75 Jahre oder älter, vier Fünf­ tel(79,1 Prozent) hatten ein Alter von mindestens 65 Jahren erreicht. Während nahezu die Hälfte(45,2 Pro­ zent) der verstorbenen Frauen 85 Jahre und älter war, hat von den verstorbenen Männern lediglich ein Fünf­ tel(20,8 Prozent) dieses hohe Alter erreicht. 7,4 Pro­ zent der verstorbenen Männer waren jünger als 45 Jahre, hingegen betrug dieser Prozentwert bei den Frauen nur 2,7 Prozent. 33 Grafik 3.11: Gestorbene in Wien 2001 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) Männer 0,3% 0,8% 1,8% 19,0% 0,8% 1,5% 3,9% 8,0% 27,6% 15,9% 20,3% unter 1* 1–14 15–24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85–94 95+ Frauen 0,1% 0,2% 0,4% 6,6% 0,4% 1,5% 3,8% 6,7% 38,6% 11,3% 30,3% Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Entwicklung der Sterblichkeit Da die Sterblichkeit nicht nur von den altersspezifischen Sterblichkeiten, sondern auch vom Altersaufbau der jeweiligen Bevölkerung bestimmt wird, ist die rohe Sterbeziffer(Gestorbene pro 100.000 der jeweiligen Be­ völkerung) für Zeitvergleiche nicht geeignet. Auch kommt aufgrund der rohen Sterbeziffer die Übersterblichkeit der Männer nicht zum Ausdruck. Daher wer­ den dem Zeitvergleich altersstrukturbereinigte bzw. standardisierte Werte zugrunde gelegt. 34 33 Vgl. dazu Stadt Wien(2003), Lebenserwartung und Mortalität in Wien, S. 104. 70 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Mortalität Die Sterblichkeit ist in den vergangenen Jahrzehnten in Wien, ebenso wie im gesamten Bundesgebiet bei bei­ den Geschlechtern deutlich gesunken. Während 1980 die standardisierte Sterberate pro 100.000 in Wien bei den Männern bei 1.068,1 und bei den Frauen bei 645,7 lag, verringerte sie sich im Jahr 2001 bei den Männern auf 658,6 und bei den Frauen auf 404,6. Dies bedeutet einen Rückgang der Sterblichkeit um nahezu 40 Pro­ zent(Männer: minus 38,3 Prozent, Frauen minus 37,3 Prozent). Trotz des tendenziell stärkeren Rückgangs der standardisierten Sterblichkeit der Männer lag diese 2001 um nahezu zwei Drittel(62,8 Prozent) über jener der Frauen. Grafik 3.12: Entwicklung der Sterblichkeit in Wien 1980–2001 nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Rate pro 100.000 1.200 1.068,1 1.000 1.033,6 800 645,7 600 616,2 400 200 990,1 949,0 585,3 558,6 868,0 821,8 509,5 481,7 810,8 748,0 479,7 434,4 682,9 658,6 641,1 613,0 417,8 404,6 386,3 367,2 Wien/Männer Österreich/Männer Wien/Frauen Österreich/Frauen 0 1980 1985 1990 1995 2000 2001 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. In Wien ist die Sterblichkeit bei beiden Geschlechtern höher als bundesweit. 2001 betrug(altersstandardi­ siert) der Abstand zwischen Wien und Österreich bei den Männern 7,4 Prozent, bei den Frauen 10,2 Prozent. Todesursachen(Diagnosegruppen) Für die Gesundheitspolitik und Gesundheitsplanung bedeutsam ist die ursachenspezifische Mortalität. Das Spektrum der Todesursachen wird anhand des relati­ ven Gewichts der Krankheitsgruppen nach der Interna­ tional Classification of Diseases(ICD) beschrieben. Für 2001(dem letzten verfügbaren Berichtsjahr) liegen die Todesursachen in der Version der ICD-9 vor. 35 Das Spektrum der Todesursachen hat sich mit der Zu­ nahme der Lebenserwartung erheblich verändert. Standen zu Beginn dieses Jahrhunderts noch die Infek­ tionskrankheiten im Vordergrund, so sind es heute vor allem Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems und bösartige Neubildungen. Während z. B. 1900 in Wien noch knapp ein Drittel aller Todesfälle auf Infektions­ krankheiten zurückzuführen war(wobei vor allem die Tuberkulose im Vordergrund stand), 36 waren 2001 in­ fektiöse und parasitäre Krankheiten nur mehr für 0,4 Prozent aller Sterbefälle verantwortlich. 34 Zur Methode der Altersstandardisierung vgl. die Erläuterungen im Abschnitt 2. Datengrundlage und Methodik. 35 Ab dem Berichtsjahr 2002 erfolgt die Umstellung auf die ICD-10. 36 Vgl. JUNKER(1998), S. 36 ff.; zitiert nach Stadt Wien(2003), Lebenserwartung und Mortalität in Wien, S. 117. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 71 III. GESUNDHEIT IN WIEN Mortalität Tabelle 3.12: Sterblichkeit in Wien 2001 nach Todesursachen(Hauptdiagnose) und Geschlecht(absolut, in Prozent, standardisierte Raten* pro 100.000) Todesursachen, Hauptgruppen Insgesamt<001–999> I. Infektiöse und parasitäre Krankheiten<001–139> II. Neubildungen<140–239> III. Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten<240–279> IV. Krankheiten des Blutes<280–289> V. Psychiatrische Krankheiten<290–319> VI. Krankheiten des Nervensystems<320–389> VII. Krankheiten des Kreislaufsystems<390–459> VIII. Krankheiten der Atmungsorgane<460–519> IX. Krankheiten der Verdauungsorgane<520–579> X. Krankheiten der Harn- und Geschlechtsorgane <600–629> XI. Todesursachen der Müttersterblichkeit<630–676> XII. Krankheiten der Haut und des Unterhautgewebes<680– 709> XIII. Krankheiten des Bewegungsapparates<710–739> XIV. Kongenitale Anomalien<740–759> XV. Perinatale Affektionen<760–779> XVI. Symptome und schlecht bezeichnete Affektionen <780–799> XVII. Verletzungen und Vergiftungen Sterbefälle absolut 16.943 76 4.085 404 22 101 278 9.173 709 754 210 1 4 24 40 56 136 870 in Prozent aller Sterbefälle Männer Frauen 100,0 100,0 0,5 0,4 26,8 22,1 2,3 2,4 0,1 0,1 1,1 0,2 1,7 1,6 48,3 58,5 4,4 4,0 5,1 4,0 1,1 1,4 0,0 0,0 0,0 0,0 0,1 0,1 0,4 0,1 0,5 0,2 0,5 1,0 7,1 3,7 standardisierte Sterbe­ ziffer* pro 100.000 Männer Frauen 658,6 404,6 3,2 177,1 15,5 0,7 7,7 11,3 301,3 28,0 34,8 3,0 116,0 10,2 0,7 1,7 7,2 189,2 16,5 21,1 6,4 4,7 0,0 0,1 0,2 0,2 0,8 0,8 5,4 3,1 8,9 4,3 3,4 3,5 54,2 22,4 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Häufigste Todesursache sind gegenwärtig die Krank­ heiten des Kreislaufsystems. In Wien waren 2001 mehr als die Hälfte(54,1 Prozent) aller Todesfälle(Männer 48,3 Prozent, Frauen 58,5 Prozent) dadurch bedingt. Insgesamt starben 3.504 Männer und 5.669 Frauen an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Die zweithäufigste Todesursache sind Neubildungen (fast ausschließlich bösartige Neubildungen, also Krebs). 2001 war nahezu jeder vierte Todesfall in Wien (24,1 Prozent) auf eine Krebserkrankung zurückzufüh­ ren. Insgesamt starben 4.085 Personen an Neubildun­ gen, wobei diese als Todesursache bei den Männern (mit einem Anteil von 26,8 Prozent) eine größere Rolle als bei den Frauen(mit einem Anteil von 22,1 Prozent) spielen. 37 Insgesamt waren 78,2 Prozent aller Todesfäl­ le auf diese beiden Krankheitsgruppen zurückzuführen (Männer 75,1 Prozent, Frauen 80,6 Prozent). Dritthäufigste Todesursache sind Verletzungen und Vergiftungen mit insgesamt 870 Toten(5,1 Prozent), gefolgt von Krankheiten der Verdauungsorgane mit 754 Todesfällen(4,5 Prozent) und Krankheiten der At­ mungsorgane(709 Tote bzw. 4,2 Prozent der Todesfäl­ le), sowie Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (404 Tote bzw. 2,4 Prozent der Todesfälle). Bei den Männern sind(ebenso wie in der Gesamtbevöl­ kerung) Verletzungen und Vergiftungen dritthäufigste Todesursache(7,1 Prozent). Der Rangreihe nach folgen Krankheiten der Verdauungsorgane(5,1 Prozent), Krankheiten der Atmungsorgane(4,4 Prozent) und Er­ nährungs- und Stoffwechselkrankheiten(2,3 Prozent). Bei den Frauen stehen an dritter Stelle Krankheiten der Atmungsorgane gleichauf mit den Krankheiten der Verdauungsorgane(jeweils 4,0 Prozent aller Todesfäl­ le), gefolgt von Verletzungen und Vergiftungen(3,7 37 An bösartigen Neubildungen starben in Wien 2001 4.018 Personen(Männer 1.915, Frauen 2.103), das sind 26,4 Prozent der verstorbe­ nen Männer und 21,7 Prozent der verstorbenen Frauen. 72 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Mortalität Prozent) sowie Ernährungs- und Stoffwechselkrank­ heiten(2,4 Prozent). Die(standardisierte) Sterblichkeit der Männer liegt bei den meisten Krankheitsgruppen über jener der Frauen. Besonders krass ist die Übersterblichkeit der Männer an Krankheiten des Kreislaufsystems, Krankheiten der Atmungsorgane(vor allem bedingt durch Rauchen), psychiatrischen Erkrankungen(vor allem zurückzu­ führen auf Alkoholabhängigkeit) sowie Verletzungen und Vergiftungen. Lediglich bei den Krankheiten des Blutes und der blutbildenden Organe, den Krankheiten der Haut und des Unterhautzellgewebes, den Krank­ heiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewe­ bes, sowie den Symptomen und schlecht bezeichneten Affektionen ist die Sterblichkeit von Männern und Frauen gleich hoch. Je nach Alter der Verstorbenen stehen unterschiedliche Todesursachen im Vordergrund. Während sich in den ersten Lebensjahren eine Vielzahl von Todesursachen findet(es überwiegt die Kategorie„sonstige“), domi­ nieren ab einem Alter von 15 Jahren nur mehr wenige Gruppen. Grafik 3.13: Todesursachen(Krankheitsgruppen, ICD-9) in Wien 2001 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) Alter (Jahre) Männer 85+ 75–85 65–75 55–65 45–55 35–45 25–35 15–25 5–15 Bösartige Neubildungen 140–208 Krankheiten des Herz-Kreislauf­ systems 390–459 Krankheiten der Atmungs­ organe 460–519 Krankheiten der Verdauungs­ organe 520–579 Verletzungen und Vergiftungen E800–E999 sonstige Krankheiten 001–139, 210–389,580–799 unter 5 0 20 40 60 80 100 Prozent Alter (Jahre) 85+ 75–85 65–75 55–65 45–55 35–45 25–35 15–25 5–15 unter 5 0 20 Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Frauen 40 60 Prozent Bösartige Neubildungen 140–208 Krankheiten des Herz-Kreislauf­ systems 390–459 Krankheiten der Atmungs­ organe 460–519 Krankheiten der Verdauungs­ organe 520–579 Verletzungen und Vergiftungen E800–E999 sonstige Krankheiten 001–139, 210–389,580–799 80 100 Der überwiegende Teil der 2001 in Wien im Alter von 15 bis 24 Jahren Verstorbenen starb aufgrund von Verlet­ zungen und Vergiftungen(Männer 70,0 Prozent, Frau­ en 61,9 Prozent). Mit zunehmendem Alter gewinnen Herz-Kreislauf-Erkrankung und bösartige Neubildun­ gen als Todesursache an Bedeutung. So starb von den im Alter von 65 bis 74 Jahren verstorbenen Männern na­ hezu die Hälfte(45,7 Prozent) an einer Herz-KreislaufCHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 73 III. GESUNDHEIT IN WIEN Mortalität Erkrankung und ein Drittel(33,0 Prozent) an einer bös­ artigen Neubildung. Von den in diesem Alter verstorbe­ nen Frauen verstarben 44,6 Prozent an einer Herz­ Kreislauf-Erkrankung und 35,2 Prozent an einer bösar­ tigen Neubildung. Im hohen Alter geht die Sterblichkeit infolge Krebs zurück, während Herz-Kreislauf-Erkran­ kungen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Bei 54,8 Prozent der im Alter zwischen 75 und 84 Jahren verstor­ benen Männern war eine Herz-Kreislaufkrankheit, bei 25,2 Prozent eine bösartige Neubildung Todesursache. Von den in diesem Alter verstorbenen Frauen starben 57,1 Prozent an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung und 24,0 Prozent an einer bösartigen Neubildung. Entwicklung der ursachenspezifischen Mortalität(Diagnosegruppen) Der in den letzten Jahrzehnten zu beobachtende Rück­ gang der Sterblichkeit ist vor allem auf den Rückgang der Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkran­ kungen zurückzuführen. Altersstrukturbereinigt ging in Wien die Sterblichkeit aufgrund dieser Krankheits­ gruppe seit 1980 um mehr als 40 Prozent(Männer 42,7 Prozent, Frauen 42,3 Prozent) zurück. Grafik 3.14: Sterblichkeit in Wien 1980–2001 nach Gruppen von Todesursachen(ICD-9) und Geschlecht (standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 600,0 500,0 400,0 300,0 200,0 100,0 0,0 1980 Männer 1985 1990 1995 2000 2001 Herz-KreislaufErkrankungen 390–459 Bösartige Neubildungen 140–208 Verletzungen und Vergiftungen E800–E999 Krankheiten der Verdauungsorgane 520–579 Krankheiten der Atmungsorgane 460–519 Ernährungs- und Stoffwechseler­ krankungen 240–279 standardisierte Raten pro 100.000 350,0 300,0 250,0 200,0 150,0 100,0 50,0 0,0 1980 Frauen 1985 1990 1995 2000 2001 Herz-KreislaufErkrankungen 390–459 Bösartige Neubildungen 140–208 Verletzungen und Vergiftungen E800–E999 Krankheiten der Verdauungsorgane 520–579 Krankheiten der Atmungsorgane 460–519 Ernährungs- und Stoffwechseler­ krankungen 240–279 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Die Krebssterblichkeit konnte seit 1980 bei den Männern um ein Viertel(25,3 Prozent), bei den Frauen um mehr als ein Fünftel(21,5 Prozent) reduziert werden. Aber auch bei anderen Krankheitsgruppen ist(ausge­ hend von einem niedrigeren Niveau) die Sterblichkeit seit 1980 gesunken. So etwa konnte die Sterblichkeit 74 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Mortalität aufgrund von Krankheiten der Verdauungsorgane bei den Männern um mehr als die Hälfte(55,9 Prozent), bei den Frauen um nahezu die Hälfte(46,0 Prozent) ge­ senkt werden. Auch die Sterblichkeit aufgrund von Krankheiten der Atmungsorgane wurde seit 1980 bei den Männern um mehr als die Hälfte(52,3 Prozent), bei den Frauen um 43,1 Prozent reduziert. Allerdings ist bei den Frauen die Sterblichkeit aufgrund von Krankheiten der Atmungsorgane im Jahr 2000 etwas gestiegen. Die Sterblichkeit aufgrund von Verletzungen und Vergiftungen ist bei den Frauen(ausgehend von einem niedrigeren Niveau) stärker(47,6 Prozent) als bei den Männern(39,3 Prozent) gesunken. Gestiegen ist(vor allem bei den Männern) die Sterb­ lichkeit aufgrund von Ernährungs- und Stoffwechsel­ krankheiten. Und zwar kam es zwischen 1980 und 2001 bei den Männern zu einem Anstieg um 40,7 Prozent, bei den Frauen um 11,8 Prozent. Der Höhepunkt, der bei den Männern 1995 zu beobachten war, scheint nun­ mehr überschritten. Häufigste Todesursachen(Einzeldiagnosen) Im folgenden wird auf die innerhalb der einzelnen Krankheitsgruppen vorherrschenden Todesursachen (Einzeldiagnosen) näher eingegangen. Unter den Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems dominieren chronisch ischämische Herzkrankheiten, akuter Myokardinfakt, sonstige Formen von Herz­ krankheiten und sonstige Hirngefäßkrankheiten. Tabelle 3.13: Sterbefälle infolge Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems(ICD-9<390–459>) in Wien 2001 nach Geschlecht(absolut, in Prozent) gesamt Männer Frauen Todesursachen Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems <390–459> Anzahl der Ster­ befälle in Prozent aller an Krankheiten d. HerzKreislauf-Systems Verstorbenen Anzahl der Ster­ befälle in Prozent aller an Krankheiten d. HerzKreislauf-Systems Verstorbenen Anzahl der Ster­ befälle in Prozent aller an Krankheiten d. HerzKreislauf-Systems Verstorbenen 9.173 100,0 3.504 100,0 5.669 100,0 rheumatische Herzkrankheiten<390–8> Bluthochdruck mit Herzkrankheit<402> Bluthochdruck mit Herz- und Nieren­ krankheiten<404> akuter Myokardinfarkt<410> chronische ischämische Herzkrank­ heiten<412–4> sonstige ischämische Herzkrankheiten <411> Krankheiten des Lungenkreislaufs <415–7> sonstige Formen von Herzkrankheiten <420–9> Gehirnblutung und Subarachnoidal­ blutung<430,1> sonstige Hirngefäßkrankheiten<432–8> Bluthochdruck ohne Herzbeteiligung <401,3,5> Arteriosklerose<440> sonstige arterielle Krankheiten<441–8> Krankheiten der Venen und Lymph­ gefäße<451–7> sonstige Kreislaufkrankheiten<458,9> 36 555 8 1.964 2.045 21 146 2.192 281 1.124 84 374 167 175 1 0,4 9 6,1 152 0,1 2 21,4 1.007 22,3 840 0,2 7 1,6 42 23,9 739 3,1 118 12,3 322 0,9 46 4,1 72 1,8 92 1,9 55 0,0 1 0,3 27 4,3 403 0,1 6 28,7 957 24,0 1.205 0,2 14 1,2 104 21,1 1.453 3,4 163 9,2 802 1,3 38 2,1 302 2,6 75 1,6 120 0,0 0 0,5 7,1 0,1 16,9 21,3 0,2 1,8 25,6 2,9 14,1 0,7 5,3 1,3 2,1 0,0 Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 75 III. GESUNDHEIT IN WIEN Mortalität Diese Krankheiten waren bei vier Fünftel(79,9 Pro­ zent) der an Krankheiten des Herz-Kreislauf-Sys­ tems Verstorbenen(Männer 83,4 Prozent, Frauen 77,9 Prozent) die zum Tod führenden Grundleiden. Während Frauen am häufigsten an sonstigen Formen von Herzkrankheiten(25,6 Prozent) und chronisch ischämischen Herzkrankheiten(21,3 Prozent) ver­ starben, standen bei den Männern der akute Myo­ kardinfarkt(28,7 Prozent) und die chronisch ischä­ mischen Herzkrankheiten(24,0 Prozent) im Vorder­ grund. Fasst man die bösartigen Neubildungen zu Gruppen zusammen, so sind Krebserkrankungen der Verdau­ ungsorgane für die meisten Krebssterbefälle verant­ wortlich. Über ein Drittel aller Krebssterbefälle von Männern(34,3 Prozent) und Frauen(33,9 Prozent) sind dadurch bedingt. Tabelle 3.14: Sterbefälle infolge bösartiger Neubildungen(ICD-9<140–208>) in Wien 2001 nach Geschlecht (absolut, in Prozent) gesamt Männer Frauen Todesursachen Anzahl der Ster­ befälle in Prozent aller an bösartigen Neubildungen Verstorbenen Anzahl der Ster­ befälle in Prozent aller an bösartigen Neubildungen Verstorbenen Anzahl der Ster­ befälle in Prozent aller an bösartigen Neubildungen Verstorbenen Bösartige Neubildungen(B.N.) <140–208> 4.018 100,0 1.915 100,0 2.103 100,0 B.N. der Lippe, der Mundhöhle und des Rachens <140–9> B.N. der Speiseröhre<150> B.N. des Magens<151> B.N. des Dünndarmes einschl. des Duodenums <152> B.N. des Dickdarmes<153> B.N. des Rektums<154> B.N. der Leber<155> B.N. der Gallenblase und-gänge<156> B.N. der Bauchspeicheldrüse<157> sonst. B.N. der Verdauungsorgane, Bauchfell <158,9> B.N. des Kehlkopfes<161> B.N. der Luftröhre, Bronchien und Lunge<162> sonst. B.N. der Atmungs- und intrathorakalen Organe<160,3–5> B.N. der Knochen und des Bindegewebes<170,1> B.N. der Haut<172,3> B.N. der Brustdrüse<174,5> B.N. der Gebärmutter, ausgen. Zervix<179,82> B.N. der Zervix uteri<180> B.N. des Ovariums und sonstiger Adnexe<183> B.N. der Prostata<185> sonst. B.N. der Geschlechtsorgane<181,4,6,7> B.N. der Harnblase<188> B.N. der Niere und sonstiger Harnorgane<189> B.N. des Zentralnervensystems<191,2> B.N. der Schilddrüse<193> B.N. sonstiger und nicht näher bezeichneter Sitze <190,4–9> Leukämie<204–8> sonst. B.N. des Lymph- und hämatopoetischen Gewebes<200–3> 94 73 180 10 401 172 129 102 278 29 34 779 13 30 66 417 87 12 121 201 28 131 104 90 18 81 132 206 2,3 1,8 4,5 0,2 10,0 4,3 3,2 2,5 6,9 0,7 0,8 19,4 0,3 0,7 1,6 10,4 2,2 0,3 3,0 5,0 0,7 3,3 2,6 2,2 0,4 2,0 3,3 5,1 63 3,3 51 2,7 96 5,0 6 0,3 175 9,1 85 4,4 84 4,4 36 1,9 117 6,1 7 0,4 28 1,5 498 26,0 9 0,5 16 0,8 37 1,9 2 0,1 0 0,0 0 0,0 0 0,0 201 10,5 5 0,3 80 4,2 59 3,1 50 2,6 6 0,3 26 1,4 73 3,8 105 5,5 31 1,5 22 1,0 84 4,0 4 0,2 226 10,7 87 4,1 45 2,1 66 3,1 161 7,7 22 1,0 6 0,3 281 13,4 4 0,2 14 0,7 29 1,4 415 19,7 87 4,1 12 0,6 121 5,8 0 0,0 23 1,1 51 2,4 45 2,1 40 1,9 12 0,6 55 2,6 59 2,8 101 4,8 Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. 76 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Mortalität Von den Einzelerkrankungen ist bei den Männern der Lungenkrebs(mit 26,0 Prozent aller Krebssterbefälle), gefolgt vom Prostatakrebs(10,5 Prozent) häufigste Ur­ sache der Krebssterblichkeit. Bei den Frauen ist die häufigste, zum Tod führende Einzelerkrankung der Brustkrebs(19,7 Prozent), gefolgt vom Lungenkrebs (13,4 Prozent). Betrachtet man jedoch bösartige Neu­ bildungen des Dickdarms und Rektums als Einheit, so ist das kolorektale Karzinom bei Männern(13,5 Pro­ zent) und Frauen(14,8 Prozent) zweithäufigste Todes­ ursache im Rahmen der Krebssterblichkeit. Von den Verletzungen und Vergiftungen mit Todes­ folge sind 30,8 Prozent auf Suizid und 28,3 Prozent auf Stürze(diese vor allem bei älteren Menschen) zurück­ zuführen. 13,2 Prozent dieser Gruppe von Todesursa­ chen entfallen auf Verkehrsunfälle, 8,6 Prozent auf Ver­ giftungsunfälle(vorwiegend aufgrund von Drogen). Tabelle 3.15: Sterbefälle infolge Verletzungen und Vergiftungen(ICD-9) in Wien 2001 nach Geschlecht(absolut, in Prozent) gesamt Männer Frauen Todesursachen in Prozent in Prozent al­ in Prozent Anzahl der aller an Ver­ Anzahl der ler an Verlet­ Anzahl der aller an Ver­ Sterbe­ letzungen u. Sterbe­ zungen u. Sterbe­ letzungen u. fälle Vergiftungen fälle Vergiftungen fälle Vergiftungen Verstorbenen Verstorbenen Verstorbenen Verletzungen, Vergiftungen 870 100,0 514 100,0 356 100,0 Kraftfahrzeugunfälle im Verkehr Kraftfahrzeugunfälle außerhalb des Verkehrs sonstige Transportmittelunfälle Unfälle durch Vergiftungen Unfälle durch Sturz Unfälle durch Feuer und Flammen Unfälle durch Ertrinken und Untergehen sonstige Unfälle Selbstmord und Selbstbeschädigung Mord, Totschlag und vorsätzliche Verletzung sonstige Gewalteinwirkungen 98 2 15 75 246 15 10 83 268 27 31 11,3 66 0,2 2 1,7 10 8,6 56 28,3 118 1,7 8 1,1 4 9,5 56 30,8 158 3,1 14 3,6 22 12,8 32 0,4 0 1,9 5 10,9 19 23,0 128 1,6 7 0,8 6 10,9 27 30,7 110 2,7 13 4,3 9 9,0 0,0 1,4 5,3 36,0 2,0 1,7 7,6 30,9 3,7 2,5 Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Bei den Männern sind(der Rangreihe nach) Selbst­ mord, Unfälle durch Sturz, Verkehrsunfälle, Unfälle durch Vergiftungen und sonstige Unfälle am häufigs­ ten, bei den Frauen Unfälle durch Sturz, Selbstmord bzw. Selbstbeschädigung und Verkehrsunfälle. Unter den Krankheiten der Verdauungsorgane ist die durch Alkoholkonsum bedingte Leberzirrhose häu­ figste Todesursache. 60 Prozent der an einer Krankheit der Verdauungsorgane verstorbenen Männer und 40 Prozent der Frauen sind an chronischer Leberkrank­ heit oder-zirrhose verstorben. Angemerkt sei, dass auch drei Viertel der Todesfälle von Männern infolge psychiatrischer Krankheiten auf Alkoholabhängigkeit zurückzuführen sind. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 77 III. GESUNDHEIT IN WIEN Mortalität Tabelle 3.16: Sterbefälle infolge Krankheiten der Verdauungsorgane(ICD-9<520–579>) in Wien 2001 nach Geschlecht(absolut, in Prozent) Todesursachen Krankheiten der Verdauungsorgane<520–579> Magen- und Duodenalgeschwür<531–3> Appendizitis<540–543> Darmverschluss und Eingeweidebruch <550–3,60> Magen-, Darm-, Bauchfell<534–7,55–8,62– 9,78–9> chronische Leberkrankheit und-zirrhose<571> Gallensteinleiden und-blasenentzündung <574,5> sonstige Verdauungskrankeiten<520– 30,70,2,3,6,7> gesamt Männer Frauen Anzahl der Ster­ befälle in Prozent aller an KH der Ver­ dauungsorgane Verstorbenen Anzahl der Ster­ befälle in Prozent aller an KH der Ver­ dauungsorgane Verstorbenen Anzahl der Ster­ befälle in Prozent aller an KH der Ver­ dauungsorgane Verstorbenen 754 100,0 367 100,0 387 100,0 77 10,2 41 11,2 36 2 0,3 2 0,5 0 9,3 0,0 45 6,0 14 3,8 31 8,0 182 24,1 49 13,4 133 34,4 374 49,6 219 59,7 155 40,1 13 1,7 4 1,1 9 2,3 61 8,1 38 10,4 23 5,9 Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Unter den Krankheiten der Atmungsorgane sind bei Asthma führende Todesursache. beiden Geschlechtern Bronchitis, Emphysem und Tabelle 3.17: Sterbefälle infolge von Krankheiten der Atmungsorgane(ICD-9<460–519>) in Wien 2001 nach Geschlecht(absolut, in Prozent) Todesursachen Krankheiten der Atmungsorgane<460–519> akute Infektionen der Atmungsorgane<460–6> Pneumonie<480–6> Grippe<487> Bronchitis, Emphysem und Asthma<490–3> sonstige Atmungskrankheiten<470–8,94–519> gesamt Männer Frauen Anzahl der Sterbe­ fälle in Prozent aller an KH der Atmungsorgane Verstorbenen Anzahl der Sterbe­ fälle in Prozent aller an KH der Atmungsorgane Verstorbenen Anzahl der Sterbe­ fälle in Prozent aller an KH der Atmungsorgane Verstorbenen 709 100,0 319 100,0 390 100,0 4 0,6 0 0,0 4 1,0 173 24,4 53 16,6 120 30,8 1 0,1 1 0,3 0 0,0 307 43,3 154 48,3 153 39,2 224 31,6 111 34,8 113 29,0 Quelle: Statistik Austria. 43,3 Prozent der an Krankheiten der Atmungsorgane Verstorbenen verstarben an Bronchitis, Emphysem und Asthma, Männer(48,3 Prozent) häufiger als Frau­ en(39,2 Prozent). Nahezu ein Drittel(31,6 Prozent) der an Krankheiten der Atmungsorgane Verstorbenen ver­ starb an sonstigen Atmungskrankheiten, ein Viertel (24,4 Prozent) an Pneumonie. Während bei den Män­ nern sonstige Atmungskrankheiten den zweiten Rang einnehmen, ist es bei den Frauen die Pneumonie. Führende Todesursache innerhalb der Gruppe der Er­ nährungs- und Stoffwechselerkrankungen ist der Diabe­ tes mellitus. Er ist für rund 90 Prozent(88,1 Prozent) der Sterbefälle infolge Ernährungs- und Stoffwechsel­ krankheiten verantwortlich(Männer 83,5 Prozent, Frauen 91,5 Prozent). 78 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Mortalität Sozioökonomische Unterschiede in der Sterblichkeit Ebenso wie die Gesundheit variiert auch die Sterblich­ keit je nach sozialer Schichtzugehörigkeit. Dies lässt sich anhand einer Reihe von Indikatoren(Bildung, Be­ rufsstand, Einkommen, etc.) nachweisen. So etwa zeig­ ten sich bei im Alter zwischen 65 und 89 Jahren verstor­ benen SeniorInnen in Wien signifikante Unterschiede in der Sterblichkeit je nach Bildung. 38 In den 80er Jah­ ren hatten Männer mit Pflichtschulbildung im Ver­ gleich zu Hochschulabsolventen eine um 48 Prozent hö­ here Sterblichkeit. Die Übersterblichkeit sinkt mit jeder zusätzlichen Bildungsstufe, bei Männern mit Lehrab­ schluss auf 41 Prozent, bei Absolventen einer berufsbil­ denden mittleren Schule auf 15 Prozent und bei Absol­ venten einer allgemein- oder berufsbildenden höheren Schule auf 12 Prozent. Bei den Frauen waren die Unter­ schiede noch größer: Das Sterberisiko von Pflichtschul­ absolventinnen war im Vergleich zu Hochschulabsol­ ventinnen um 70 Prozent erhöht, jenes von Frauen mit Lehrabschluss um 56 Prozent. Frauen mit Abschluss ei­ ner berufsbildenden mittleren Schule hatten ein um 49 Prozent, und jene mit abgeschlossener berufs- oder all­ gemeinbildender Schule ein um 33 Prozent höheres Sterberisiko als Hochschulabsolventinnen. Über die Ursachen der sozialen Unterschiede in der Sterblichkeit gibt es bisher nur wenig gesicherte Ergeb­ nisse. Die Hypothesen reichen von benachteiligenden pränatalen und frühkindlichen Einflüssen auf den Ge­ sundheitszustand und in weiterer Folge auf die Lebens­ erwartung in den unteren sozialen Schichten, über so­ ziale Unterschiede im Gesundheitsverhalten und im Zugang zu Gesundheitsdiensten, bis hin zu Unterschie­ den in den Arbeitsbedingungen und im Risiko von Ar­ beitslosigkeit. 3.3.1 Potenziell verlorene Lebensjahre Sterbefälle in einem niedrigen Lebensalter gelten als besonders tragisch. Das Konzept der„potenziell verlo­ renen Lebensjahre“ rückt daher die Todesfälle in den unteren und mittleren Altersgruppen in das Zentrum des Interesses. Und zwar wird bei Sterbefällen, die vor einem bestimmten(vorgegebenen) Alter eingetreten sind, die verbleibende, eben„verlorene“ Zeitspanne bis zu diesem Alter errechnet, und diese Zeit über alle diese „vorzeitigen“ Sterbefälle aufsummiert. Die in der OECD und WHO vertretenen Länder haben sich darauf ver­ ständigt, Sterbefälle unter 70 Jahren als ungewöhnlich anzusehen und mit Hilfe des Indikators„verlorene Le­ bensjahre durch Tod unter 70 Jahren pro 100.000 der Bevölkerung“ gesondert darzustellen. Dieses Konzept wertet Sterbefälle vor dem vorgegebenen Alter umso stärker, je früher sie sich im Lebenslauf ereignen, wäh­ rend Sterbefälle nach dem vorgegebenen Alter unbe­ rücksichtigt bleiben. In Wien fielen im Jahr 2001 mehr als ein Viertel(26,6 Prozent) aller Todesfälle in das für die verlorenen Le­ bensjahre festgelegte Altersspektrum von unter 70 Jah­ ren(Männer 39,5 Prozent, Frauen 16,9 Prozent). Entwicklung der potenziell verlorenen Lebensjahre Nicht nur die Sterblichkeit generell, auch die vorzeitige Sterblichkeit bzw. der Verlust an Lebensjahren hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zusehends verringert. So etwa sank 2001 in Wien dieser Wert bei Männern auf nahezu zwei Drittel des Wertes von 1980, für Frauen war er nur mehr etwa halb so hoch wie noch vor zwei Jahrzehnten. Männer sind gegenüber Frauen erheblich benachteiligt. Die vorzeitige Sterblichkeit der Wiener Männer lag 2001 um über 80 Prozent über jener der Frauen. Österreichweit war der Abstand noch größer: Die Zahl der verlorenen Lebensjahre war hier(allerdings bei niedrigeren Werten) bei den Männern doppelt so hoch wie bei den Frauen. Insgesamt ist die Zahl der potenziell verlorenen Lebensjahre in Wien bei beiden Geschlech­ tern höher als bundesweit. 38 DOBLHAMMER-REITER(1997), S. 59–72. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 79 III. GESUNDHEIT IN WIEN Mortalität potenziell verlorene Lebensjahre pro 100.000 Grafik 3.15: Potenziell verlorene Lebensjahre(pro 100.000) in Wien und Österreich 1980–2001 nach Geschlecht(unter 70-Jährige, alle Todesursachen) 12.000 10.000 8.000 6.000 10.244 10.171 6.043 4.000 5.107 2.000 9.861 9.200 5.244 4.405 8.518 7.668 4.578 3.764 7.895 6.972 4.275 3.289 6.491 6.423 5.920 5.707 3.528 3.467 2.979 2.834 Wien/Männer Österreich/Männer Wien/Frauen Österreich/Frauen 0 1980 1985 1990 1995 2000 2001 Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Potenziell verlorene Lebensjahre nach Krankheitsgruppen Hauptverantwortlich für das„Sterben vor der Zeit“ sind Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, bösarti­ ge Neubildungen(Krebserkrankungen) sowie Verlet­ zungen und Vergiftungen. Im Jahr 2001 führten Krank­ heiten des Herz-Kreislauf-Systems in Wien bei den Männern zu 1.694 potenziell verlorenen Lebensjahren pro 100.000. Bösartige Neubildungen verursachten (pro 100.000) 1.543, Verletzungen und Vergiftungen 1.438 potenziell verlorene Lebensjahre. Bei den Frauen waren bösartige Neubildungen häufigste Todesursache Nummer eins in jungen Jahren(sie verursachten 1.228 potenziell verlorene Lebensjahre pro 100.000), gefolgt von sonstigen Krankheiten(686 pro 100.000) und Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems(669 pro 100.000). Männer sterben an allen Krankheitsgruppen häufiger„vor der Zeit“ als Frauen. Österreichweit ist die„vorzeitige Sterblichkeit“ bei bei­ den Geschlechtern durchgängig für alle Krankheits­ gruppen deutlich niedriger als in Wien. Grafik 3.16: Potenziell verlorene Lebensjahre(pro 100.000) in Wien und Österreich 2001 nach Krankheitsgrup­ pen(ICD-9) und Geschlecht(unter 70-Jährige) potenziell verlorene Lebensjahre pro 100.000 7.000 6.000 5.000 4.000 3.000 2.000 1.000 0 1.438 1.143 446 159 1.694 1.543 Männer Wien 1.661 948 430 127 1.243 1.299 Männer Österreich 493 686 252 138 669 1.228 Frauen Wien 489 533 174 84 512 1.041 Frauen Österreich Verletzungen und Vergiftungen E800– E999 sonst. Krankheiten 001–139, 210–389, 580–799 Krankheiten der Verdauungsorgane 520–579 Krankheiten der Atmungsorgane 460–519 Krankheiten d. HerzKreislauf-Systems 390–459 Bösartige Neubildungen 140–208 Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. 80 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN III. GESUNDHEIT IN WIEN Mortalität Im Verlauf der letzten beiden Jahrzehnte ist die vorzei­ tige Sterblichkeit bei nahezu allen Krankheitsgruppen kontinuierlich gesunken. Lediglich bei den Männern hat zwischen 1980 und 1985 die Zahl der potenziell ver­ lorenen Lebensjahre aufgrund von Herz-Kreislauf-Er­ krankungen noch zugenommen, und auch bei den bös­ artigen Neubildungen ist sie zwischen 2000 und 2001 gestiegen. Ebenso kam es bei der Gruppe der„sonsti­ gen Krankheiten“ zwischen 1980 und 1985, zwischen 1990 und 1995 und zwischen 2000 und 2001 zu einer Zunahme der vorzeitigen Sterblichkeit bei den Män­ nern. Bei den Frauen ist zwischen 1990 und 1995 die Zahl der potenziell verlorenen Lebensjahre aufgrund von bösar­ tigen Neubildungen und Krankheiten der Verdauungs­ organe gestiegen. Die Zahl der potenziell verlorenen Le­ bensjahre aufgrund von Krankheiten der Atmungsor­ gane hat zwischen 1980 und 1985 sowie zwischen 1990 und 2000 ebenfalls zugenommen, allerdings wurde 2001 das Niveau von 1995 wieder erreicht. Grafik 3.17: Potenziell verlorene Lebensjahre in Wien 1980–2001 nach Gruppen von Todesursachen(ICD-9) und Geschlecht(pro 100.000; unter 70-Jährige) potenziell verlorene Lebensjahre pro 100.000 10.000 8.000 6.000 4.000 2.000 Männer Verletzungen und Vergiftungen E800–E999 sonst. Krankheiten 001–139,210–389, 580–799 Krankheiten der Verdauungsorgane 520–579 Krankheiten der Atmungsorgane 460–519 Krankheiten d. HerzKreislauf-Systems 390–459 Bösartige Neubildungen 140–208 10.000 8.000 6.000 4.000 2.000 Frauen 0 1980 1985 1990 1995 2000 2001 0 1980 1985 1990 1995 2000 2001 Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Zwischen 2000 und 2001 sind bei den Frauen potenziell verlorene Lebensjahre aufgrund von Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems gestiegen, auch bei den sonstigen Krankheiten zeigen sich bei den Frauen Abwei­ chungen vom generellen Trend. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 81 IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN CHRONIC DISEASES IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN INHALT 4 CHRONISCHE ERKRANKUNGEN 4.1 MERKMALE CHRONISCHER ERKRANKUNGEN 4.2 VERBREITUNG CHRONISCHER ERKRANKUNGEN 4.2.1 Morbidität nach Krankheitsgruppen 4.2.2 Einzelerkrankungen 4.3 SOZIOÖKONOMISCHE AUSPRÄGUNGEN Inhalt 85 86 87 90 91 95 84 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Zusammenfassung 4 CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Zusammenfassung Eigenangaben zufolge ist in Wien etwa jede/r Dritte chronisch krank, Frauen der Tendenz nach häufi­ ger als Männer. In Wien sind chronische Krankhei­ ten überdurchschnittlich häufig, nur in Oberöster­ reich sind mehr Menschen chronisch krank als in Wien. Am wenigsten von chronischen Krankheiten betroffen ist die Bevölkerung Vorarlbergs und Salz­ burgs. Chronische Erkrankungen nehmen im Alter deut­ lich zu, ab einem Lebensalter von 75 und mehr Jah­ ren ist in Wien etwa jede/r Zweite chronisch krank. Zudem treten im höheren Alter meist mehrere chronische Krankheiten gleichzeitig auf(Multimor­ bidität). Rund drei Viertel der chronisch Kranken fühlen sich durch ihre Krankheit in den alltäglichen Handlungen eingeschränkt, wobei jüngere chro­ nisch Kranke die Krankheit häufiger als Belastung empfinden als ältere. Nach Krankheitsgruppen sind unter den chroni­ schen Krankheiten(bei beiden Geschlechtern) Krankheiten des Bewegungsapparats und des Kreislaufsystems führend. Am dritthäufigsten sind bei den Männern Krankheiten der Atmungsorga­ ne, bei den Frauen Krankheiten des Nervensystems und der Sinnesorgane. Selbst Jugendliche und jun­ ge Erwachsene leiden bereits häufig unter chroni­ schen Krankheiten des Bewegungsapparats. Von den Einzelerkrankungen sind in der Wiener Bevölkerung Bluthochdruck und Schäden an der Wirbelsäule am verbreitetsten. An dritter Stelle folgt bei den Männern die Zuckerkrankheit, bei den Frauen Gelenkserkrankungen an Hüfte oder Bein. Ebenso wie das gesundheitliche Befinden und das Auftreten von Beschwerden sind auch chronische Erkrankungen sozial ungleich verteilt . Neben Bildungsunterschieden sind vor allem auch Un­ terschiede nach beruflicher Tätigkeit zu beobach­ ten. Summary: Chronic diseases According to data supplied by respondents, roughly one third of the Viennese population suffer from one or more chronic diseases; this tendency is more strongly developed in women than in men. In Vien­ na, chronic diseases occur with above-average fre­ quency. The only federal province with a higher rate of chronically ill persons is Upper Austria, while the federal provinces with the lowest rate of chronic diseases are Salzburg and Vorarlberg. Chronic diseases tend to increase markedly with age ; starting at age 75 and above, about one in two Viennese are afflicted with one or more chronic dis­ orders. Moreover, persons of advanced age often suffer from more than just one chronic disease (multimorbidity). About three fourths of the chron­ ically ill feel that the disease restricts their everyday life and activities; in this, younger persons with chronic diseases experience their ailments as a stressor more frequently than older patients. Broken up into groups of diseases , the highest inci­ dence amongst chronic diseases(for both sexes) concerns diseases of the locomotor system and cir­ culatory system. The third position is taken by dis­ eases of the respiratory organs in men and by dis­ eases of the nervous system and sensory organs in women. Even adolescents and young adults already suffer frequently from chronic diseases of the loco­ motor system. Amongst individual complaints , hypertension and spinal column damage are most widespread in the Viennese population. The third place is taken by diabetes in men and degenerative joint diseases of the hips or legs in women. Just like health status and frequency of disorders, chronic diseases, too, present an unequal social distribution . In addition to differences in the level of education, there are above all noticeable differ­ ences related to occupation. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 85 IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Merkmale Während etwa männliche Beamte von allen Be­ rufsgruppen am häufigsten unter Bluthochdruck leiden, dominieren bei Facharbeitern Wirbelsäu­ lenschäden. Gesondert hinzuweisen ist auf die prekäre Gesund­ heitssituation arbeitsloser Menschen . Sie sind nicht nur häufiger chronisch krank, sondern wei­ sen nicht selten gleich mehrere chronische Krank­ heiten auf. While e.g. male civil servants suffer more frequently from hypertension than any other occupational group, spinal column damage is most often ob­ served amongst skilled workers. Special mention should at this point be made of the precarious health status of unemployed persons , who not only are more often chronically ill, but quite frequently suffer from more than one chronic disease. 4.1 Merkmale chronischer Erkrankungen Unter chronischen Erkrankungen versteht man Krankheiten, die eines oder mehrere der folgenden Charakte­ ristika aufweisen: Sie sind lang andauernd, hinterlas­ sen eine Behinderung, sind verursacht durch eine nicht reversible pathologische Veränderung, erfordern eine spezielle Schulung des Patienten für seine Rehabilitati­ on, oder lassen eine lange Zeit der Beaufsichtigung, Be­ obachtung oder Pflege erwarten. 39 SCHULZ und HELLHAMMER 40 beschreiben die Cha­ rakteristik chronischer Krankheiten anhand folgender Parameter: 1. Ursachen: Auslöser chronischer Krankheiten ist in der Regel nicht eine einzige Ursache, meist sind mehrere(innere und äußere) Faktoren verantwort­ lich. Der Großteil der chronischen Krankheiten steht in engem Zusammenhang mit Lebensstil und Verhalten. 2. Dauer und Vorhersagbarkeit: Im Gegensatz zu Infektionskrankheiten, die zumeist rasch auftreten, kurz andauern und einen relativ gut vorhersagba­ ren Verlauf nehmen, entwickeln sich chronische Krankheiten langsam. Sie sind zunächst nur latent, ihr Ausbruch erfolgt meist schubweise. Chronische Krankheiten sind von langer Dauer(oft das ganze Leben), ihr Verlauf ist schwer vorauszusagen. Er kann chronisch-progredient(fortschreitend, sich verschlechternd), chronisch-rezidivierend(immer wiederkehrend) oder chronisch-stabil(gleichblei­ bend) sein. 3. Behandlungsunsicherheit: Der Verlauf chroni­ scher Krankheiten wird durch ein komplexes Zusammenspiel somatischer und psychosozialer Fak­ toren bestimmt. Behandlungserfolge hängen in ho­ hem Maße von der aktiven Mitwirkung der Patien­ tInnen bei der Behandlung und Therapie ab. 4. Nicht-Heilung: Eine vollständige Heilung ist bei chronischen Krankheiten zumeist nicht möglich, er­ forderlich ist in der Regel eine lebenslange Behandlung. Bis vor wenigen Jahren waren chronische Er­ krankungen im manifesten Stadium nicht bzw. nur selten einer wirksamen Therapie zugänglich. Meist lösen chronische Erkrankungen Folgekrankheiten aus, die zusätzlichen Behandlungsbedarf nach sich ziehen und zu Behinderungen und Invalidität füh­ ren. Vorrangiges Ziel der medizinischen, pflegerischen und psychosozialen Betreuung ist es, den Pati­ entInnen trotz vorhandener Einschränkungen zu größtmöglicher Lebensqualität zu verhelfen. 5. Kosten: Die Behandlung chronischer Krankheiten dauert lange, erfordert speziell ausgebildetes Personal sowie häufig teure Medikamente und Geräte. Sie verursacht erhebliche Kosten sowohl für die Betroffenen als auch für das Gesundheits- und Sozialsystem. 6. Belastung: Aufgrund der ständigen Bedrohung durch die Krankheit und ihrer Folgen, der Unbe­ 39 TIMMRECK(Hrsg.)(1982), Dictionary of Health Services Management:“they are permanent, leave residual disability, are caused by nonreversible pathological alteration, require special training of the patient for rehabilitation, or may be expected to require a long period of supervision, observation, or care.” 40 SCHULZ, HELLHAMMER(1998). 86 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Verbreitung stimmtheit des weiteren Verlaufs sowie der Ein­ schränkungen, die durch die Krankheit entstehen, sind chronische Krankheiten nicht nur für die Be­ troffenen, sondern auch ihr soziales Umfeld(Fami­ lie, Angehörige, etc.) sehr belastend. Eigenangaben zufolge ist in Wien derzeit etwa jeder Dritte chronisch krank. 41 Vermutet wird, dass chroni­ sche Erkrankungen in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen werden. 42 Ausschlaggebend dafür sind die weiterhin ansteigende Lebenserwartung, der Lebensstil in unserer Gesellschaft(ungesunde Ernährung, wenig Bewegung bei sitzender beruflicher Tätigkeit, Rauchen, Alkoholkonsum, etc.), steigende Umweltbelastungen und vermehrte psychosoziale Belastungen. Dazu kommt, dass sich aufgrund des medizinischen Fort­ schritts die Lebenserwartung chronisch kranker Men­ schen erhöht, wodurch Zahl und Anteil der Betroffenen in der Bevölkerung ebenfalls steigen. Zu den häufigsten chronischen Krankheiten zählen in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften Herz­ Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, bleibende Schädigun­ gen nach Schlaganfällen und Unfällen, rheumatische Erkrankungen, chronischer Kopfschmerz, Diabetes mellitus, Multiple Sklerose, chronisches Nierenversa­ gen, chronische Erkrankungen der Atemwege, Krank­ heiten des Magen-Darm-Traktes, Tinnitus, HIV, Le­ berzirrhose, Epilepsie, chronische psychiatrische Er­ krankungen(wie Schizophrenie, Depression) und Suchterkrankungen(Alkohol-, Drogen- und Medika­ mentenabhängigkeit). 4.2 Verbreitung chronischer Erkrankungen Einleitung In Wien mangelt es(ebenso wie in anderen Bundeslän­ dern) an systematischen Informationen über das Aus­ maß chronischer Erkrankungen. Gesetzliche Vorgaben für die statistische Erfassung chronischer Krankheiten (wie z. B. bei den Todesursachen) fehlen. Regelmäßig erfasst werden in Österreich lediglich die Neuerkran­ kungen an bösartigen Neubildungen durch das Öster­ reichische Krebsregister der Statistik Austria und regi­ onale Krebsregister. Die Diagnosen- und Leistungsstatistik der österreichi­ schen Krankenanstalten, die fallbezogen geführt wird, gibt lediglich Auskunft über stationär behandelte (chronische) Erkrankungen. Für den ambulanten Be­ reich gibt es bisher keine Routinestatistik, die Hinweise zur Verbreitung chronischer Krankheiten und Ent­ wicklungstendenzen geben könnte. Anhaltspunkte über die Verbreitung chronischer Er­ krankungen in der Wiener Bevölkerung geben zur Zeit lediglich Gesundheitsbefragungen. Rezente Befragun­ gen, die Auskunft über die Prävalenz chronischer Er­ krankungen in Wien geben, sind der Mikrozensus 1999 und der Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Diesen Erhebungen liegen Angaben der Befragten und nicht ärztlich validierte Diagnosen zugrunde. Abgesehen von der punktuellen Erfassung chronischer Erkrankungen im Rahmen von Gesundheitssurveys be­ darf es zur Überwachung des Krankheitsgeschehens kontinuierlicher, systematischer Informationen. Eben­ so wie für Krebserkrankungen wäre auch für andere Er­ krankungen(z. B. Herzinfarkt, Diabetes mellitus, rheu­ matische Erkrankungen) eine systematische Bestands­ aufnahme unter Bezugnahme auf medizinisch vorgege­ bene Kriterien vordringlich. Prävalenz chronischer Erkrankungen Zur Ermittlung der Prävalenz chronischer Erkrankun­ gen(Zahl der Erkrankten zum Befragungszeitpunkt) wurde im Mikrozensus 1999 den Befragten eine Liste mit 30 verschiedenen Krankheiten(einschließlich „sonstiger“) vorgegeben. Nicht inkludiert waren Ver­ letzungen und Verletzungsfolgen. Die Befragten wur­ den gebeten, jene Erkrankungen anzugeben, an denen sie„dauernd(chronisch)“ leiden. Möglich waren maxi­ mal vier Nennungen. Im Wiener Gesundheits- und So­ zialsurvey 2001 wurde der Begriff chronische Erkran­ kungen weiter gefasst. Hier wurde nach dem Vorhan­ 41 Vgl. Stadt Wien(2001) Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001; Stadt Wien(2002), Mikrozensus 1999. 42 SALEWSKI(1997). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 87 IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Verbreitung densein andauernder Krankheit, sowie nach Folgeer­ scheinungen von Verletzungen, Behinderung oder anderen anhaltenden Leiden gefragt. betroffen sind, ist aufgrund der Einbeziehung von Ver­ letzungen(von denen Männer insgesamt häufiger als Frauen betroffen sind) zu erklären. Im Mikrozensus gaben von den in Privathaushalten le­ benden Personen in Wien 28,0 Prozent der Männer und 31,2 Prozent der Frauen eine(oder mehrere) chronische Erkrankung(en) an. Aufgrund des Wiener Gesundheits­ und Sozialsurveys, dem die Angaben der Wiener Bevöl­ kerung ab 16 Jahren zugrunde liegen, ergab sich bei den Männern eine Prävalenz von 29,3 Prozent, bei den Frau­ en 29,7 Prozent. Die Tatsache, dass(im Gegensatz zum Mikrozensus) Männer und Frauen nahezu gleich häufig Regionale Unterschiede In Wien sind chronische Erkrankungen überdurch­ schnittlich häufig. Nur in Oberösterreich sind die Anteile chronisch Kranker bei beiden Geschlechtern höher. Männer im Burgenland, der Steiermark und Niederös­ terreich sind ähnlich häufig chronisch krank wie jene in Wien. Am seltensten finden sich chronische Krankheiten bei beiden Geschlechtern in Vorarlberg und Salzburg. Grafik 4.01: Prävalenz chronischer Erkrankungen 1999 nach Bundesland und Geschlecht(in Prozent) 35,0 31,4 30,0 32,2 30,8 30,0 31,3 31,2 28,0 25,0 24,4 24,0 24,0 25,1 20,0 24,9 22,7 19,9 25,1 22,2 19,5 19,7 Männer Frauen Österreich/Männer Österreich/Frauen Prozent 15,0 10,0 5,0 0,0 Burgen­ land Kärnt en Nieder­ österreich Ober­ öst erreic h Salzburg St eier­ m ark Tirol Vorarl­ berg Wien Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Altersunterschiede Im Alter nehmen chronische Krankheiten zu. Während laut Mikrozensus von den 15- bis 29-Jährigen 18,3 Pro­ zent der Männer und 20,2 Prozent der Frauen von chro­ nischer Krankheit betroffen sind, steigt der Anteil der chronisch Kranken in der Altersgruppe der 45- bis 59­ Jährigen bei den Männern auf 35,5 Prozent bzw. bei den Frauen auf 41,0 Prozent. Im Alter von 75 und mehr Jahren ist bereits jede(r) Zweite(Männer 54,4 Prozent, Frauen 52,5 Prozent) chronisch krank. 43 Charakteristisch im Alter ist das gleichzeitige Vorhan­ densein mehrerer chronischer Erkrankungen(Multi­ morbidität). So gaben im Mikrozensus(bei vier mögli­ chen Nennungen) im Alter von 15 bis 29 Jahren Männer durchschnittlich 0,23, Frauen durchschnittlich 0,31 chronische Erkrankungen an, im Alter von 33 bis 44 Jah­ ren hatten Männer bereits durchschnittlich 0,52, Frauen durchschnittlich 0,68 chronische Erkrankungen. Ab ei­ nem Lebensalter von 75 und mehr Jahren waren Männer durchschnittlich von 0,98, Frauen von 1,03 chronischen Erkrankungen betroffen. Multimorbidität tritt also un­ abhängig vom Lebensalter bei Frauen vermehrt auf. 43 Ein Grund für den etwas geringeren Anteil chronisch kranker Frauen im höheren Alter liegt daran, dass chronische Leiden aufgrund von Verletzungen und Behinderungen, die bei älteren Frauen relativ häufig sind, im Mikrozensus nicht berücksichtigt sind. Außerdem wurde(wie erwähnt) im Mikrozensus die in Pensionisten- und Pflegeheimen lebende Bevölkerung(also vorwiegend chronisch kranke, multimorbide, ältere Frauen mit Behinderung) nicht erfasst. 88 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Verbreitung Geht man von einem erweiterten Begriff chronischer Krankheiten aus und bezieht man(wie im Wiener Ge­ sundheits- und Sozialsurvey) auch Leiden aufgrund von Verletzungen und Behinderungen mit ein, so sind im jüngeren und mittleren Alter Männer häufiger als Frauen von chronischen Leiden betroffen. Im hohen Alter, wo bei den Frauen die im Zusammenhang mit Osteoporose stehenden Frakturen(wie etwa Ober­ schenkelhalsbrüche) eine nicht unerhebliche Rolle spielen, sind dagegen chronische Leiden(im weiten Sinne) bei Frauen häufiger anzutreffen. So gaben von den 45- bis 59-Jährigen 38,1 Prozent der Männer, aber lediglich 30,7 Prozent der Frauen chronische Leiden an. Dieser Anteil steigt in der Altersgruppe der 75-Jährigen und Älteren bei den Männern auf 59,0 Prozent, bei den Frauen auf 62,4 Prozent. Grafik 4.02: Chronische Krankheiten in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 Männer Frauen 55,8 54,3 59,0 62,4 38,1 30,7 Prozent 20,0 10,6 10,0 7,1 16,5 15,9 0,0 16–24 25–44 45–59 Alter(Jahre) 60–74 75+ Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Einschränkungen aufgrund chronischer Erkrankungen Ca. drei Viertel der chronisch Kranken fühlen sich durch die Krankheit in den alltäglichen Handlungen „sehr“ eingeschränkt, und zwar jüngere chronisch Kranke häufiger als ältere. Die Frage, ob chronische Erkrankungen bei jüngeren Befragten schwerwiegen­ der als bei älteren sind, oder ob es älteren Befragten besser als jüngeren gelingt, chronische Krankheit(en) zu akzeptieren und/oder die damit verbundenen Ein­ schränkungen zu kompensieren, lässt sich anhand der vorliegenden Daten nicht beantworten. Wahr­ scheinlich spielen bei älteren Menschen auch das Wegfallen von Verpflichtungen(wie z. B. berufliche Tä­ tigkeit, Versorgung von Kindern) sowie eine im Alter generell höhere Akzeptanz von Krankheit und Behin­ derung eine Rolle. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 89 IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Verbreitung Tabelle 4.01: Chronische Krankheiten und dadurch bedingte Einschränkung in Wien 1999–2001(Personen ab 16 Jahre, in Prozent) Alter(Jahre) Anteil jener, die unter andauernder Krankheit leiden(Prozent) ja nein 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ gesamt 7,1 92,9 16,5 83,5 38,1 61,9 55,8 44,2 59,0 41,0 29,3 70,7 16–24 25–44 45–59 60–74 75+ gesamt 10,6 89,4 15,9 84,1 30,7 69,3 54,3 45,7 62,4 37,6 29,7 70,3 Sind Sie daher in Ihren alltäglichen Handlungen eingeschränkt? (Prozent*) sehr ziemlich wenig gar nicht Männer 6,8 0,4 0,0 13,2 2,8 0,4 29,7 7,1 0,7 40,2 9,8 4,3 34,0 18,5 6,4 0,0 0,0 0,7 1,5 0,0 21,8 5,6 1,4 0,4 Frauen 10,1 0,5 14,5 1,3 22,0 6,2 38,8 10,4 38,6 12,8 0,0 0,2 1,6 4,9 8,0 0,0 0,0 0,9 0,3 3,1 22,1 5,0 2,1 0,6 * Die Prozentwerte bei dieser Frage summieren sich auf den Anteil der chronisch Kranken in der ersten Spalte. Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. 4.2.1 Morbidität nach Krankheitsgruppen Im Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001 wur­ den die angegebenen chronischen Erkrankungen zu Krankheitsgruppen zusammengefasst. Demnach sind bei beiden Geschlechtern Krankheiten des Bewegungs­ apparates(Männer 9,1 Prozent, Frauen 12,3 Prozent) und des Kreislaufsystems(Männer 6,7 Prozent, Frauen 5,8 Prozent) am häufigsten. An dritter Stelle finden sich bei den Männern Krankheiten der Atmungsorgane(4,5 Prozent), gefolgt von Krankheiten des Nervensystems bzw. der Sinnesorgane(4,0 Prozent), Krankheiten der Verdauungsorgane(3,6 Prozent) und Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten(3,4 Prozent). Bei den Frauen sind Krankheiten des Nervensystems bzw. der Sinnes­ organe(4,4 Prozent) am dritthäufigsten, gefolgt von Krankheiten der Atmungsorgane(4,2 Prozent), Ernäh­ rungs- und Stoffwechselkrankheiten(4,0 Prozent) so­ wie Krankheiten der Verdauungsorgane(2,9 Prozent). Männer leiden häufiger als Frauen an Krankheiten des Kreislaufsystems, der Atmungs-, Verdauungs-, Uroge­ nitalorgane, Verletzungen und Vergiftungen sowie sonstigen Erkrankungen. Frauen sind häufiger als Männer von Neoplasien, Ernährungs- und Stoffwech­ selkrankheiten, psychiatrischen Erkrankungen, Krank­ heiten des Nervensystems und der Sinnesorgane, der Haut bzw. Subcutis und des Bewegungsapparats be­ troffen. Abgesehen von einer generellen Zunahme chronischer Erkrankungen im Alter, stehen je nach Alter unter­ schiedliche Krankheitsgruppen im Vordergrund. So sind bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen(16 bis 24 Jahre) und im mittleren Alter(24 bis 44 Jahre) chro­ nische Krankheiten der Atmungsorgane und des Bewe­ gungsapparats am häufigsten. Bei den 45- bis 59-Jähri­ gen und den 60-Jährigen und Älteren sind neben Krankheiten des Bewegungsapparats Krankheiten des Kreislaufsystems führend, wobei der Anteil der Betrof­ fenen ab 60 Jahren erheblich steigt. Jeder fünfte Mann und jede siebente Frau ab 60 leidet unter einer oder mehreren Krankheit(en) des Kreislaufsystems, jeder sechste Mann und etwa jede vierte Frau ist von einer oder mehreren Krankheit(en) des Bewegungsapparats betroffen. Bei Männern ab 60 sind Krankheiten des Kreislaufsystems am häufigsten, bei den Frauen dieser Altersgruppe dominieren Krankheiten des Bewegungs­ apparats. 90 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Verbreitung Ab einem Lebensalter von 60 Jahren nehmen chroni­ sche Leiden erheblich zu. So sind bei 60-jährigen und älteren Männern Neoplasien achtmal, Erkrankungen des Kreislaufsystems dreimal, Ernährungs- und Stoff­ wechselkrankheiten mehr als doppelt so häufig wie in der vorangehenden Altersgruppe der 45- bis 59-Jähri­ gen. Im Vergleich zu den 45- bis 59-Jährigen Frauen lei­ den Frauen ab 60 Jahren mehr als viermal so häufig an Verletzungen/Vergiftungen, nahezu dreimal so häufig an Erkrankungen des Bewegungsapparates und Kreis­ laufsystems und in etwa doppelt so häufig an Ernäh­ rungs- und Stoffwechselkrankheiten. 44 Tabelle 4.02: Chronische Krankheiten in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahre, Mehrfachnennungen möglich, in Prozent) Krankheiten 16–24 Männer(Prozent) Neoplasien endokrinologische Ernährungs-/Stoffwechsel-Krankheiten psychiatrische Krankheiten Nervensystem/Sinnesorgane Kreislaufsystem Atmungsorgane Verdauungsorgane Urogenitalorgane Haut, Subcutis Bewegungsapparat Verletzungen/Vergiftungen sonstige 0,0 1,0 0,0 1,2 0,2 1,6 0,9 0,0 0,0 2,1 0,4 0,0 Frauen(Prozent) Neoplasien endokrinologische Ernährungs-/Stoffwechsel-Krankheiten psychiatrische Krankheiten Nervensystem/Sinnesorgane Kreislaufsystem Atmungsorgane Verdauungsorgane Urogenitalorgane Haut, Subcutis Bewegungsapparat Verletzungen/Vergiftungen sonstige 0,0 0,7 0,2 1,3 0,0 3,5 0,0 0,4 1,6 2,7 0,0 0,6 25–44 0,1 0,4 0,3 1,7 1,7 3,7 2,5 0,3 1,4 5,0 2,4 0,5 0,5 1,2 0,2 1,7 1,4 2,7 1,3 0,4 1,6 4,5 1,5 0,4 Alter(Jahre) 45–59 0,4 4,5 0,5 6,2 6,3 5,7 4,3 1,3 0,9 12,4 4,0 2,1 2,0 4,8 0,6 4,8 5,4 4,3 3,1 0,9 1,7 12,8 1,1 1,5 60+ 3,7 9,2 0,0 7,5 20,8 6,4 6,3 2,4 2,0 17,4 4,9 2,0 2,0 8,8 0,8 9,6 15,2 6,5 6,2 1,5 1,1 27,8 4,9 1,3 gesamt 0,9 3,4 0,3 4,0 6,7 4,5 3,6 0,9 1,3 9,1 3,1 1,1 1,2 4,0 0,5 4,4 5,8 4,2 2,9 0,8 1,5 12,3 2,1 0,9 Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. 4.2.2 Einzelerkrankungen Die Ergebnisse des Mikrozensus und des Wiener Ge­ sundheits- und Sozialsurvey zur Prävalenz einzelner chronischer Erkrankungen unterscheiden sich zum Teil. Dies liegt(wie erwähnt) an der unterschiedlichen Samplestruktur und Fragestellung(einschließlich vor­ gegebener Antwortmöglichkeiten). Während im Mi­ krozensus nach Krankheiten, unter denen die Befrag­ ten„dauernd leiden“(möglich waren maximal vier Nennungen) gefragt wurde, wurde im Wiener Gesund­ heits- und Sozialsurvey nach chronischen Krankheiten gefragt, an denen die Befragten„augenblicklich“ lei­ den. Zusätzlich wurde im Wiener Gesundheits- und So­ zialsurvey die Lebenszeitprävalenz(d. h. das Auftreten von Krankheiten im Verlauf des Lebens) ermittelt. Der Mikrozensus bezieht sich auf Personen in Privathaus­ halten(ohne Altersbeschränkung), im Wiener Gesund­ 44 Stadt Wien(2001), Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, S. 197 f. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 91 IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Verbreitung heits- und Sozialsurvey wurden Personen ab 16 Jahren befragt. Aufgrund dieser Prämissen ergab sich im Wiener Ge­ sundheits- und Sozialsurvey z. B. für Bluthochdruck (bei Personen ab 16 Jahren) eine Punktprävalenz von 12,1 Prozent bei den Männern und 21,5 Prozent bei den Frauen. Laut Mikrozensus sind von der in Privathaus­ halten lebenden Bevölkerung deutlich weniger, näm­ lich 7,2 Prozent der Männer und 7,0 Prozent der Frauen („dauernd“) von Bluthochdruck betroffen. Im folgenden werden die Ergebnisse des Mikrozensus 1999 dargestellt. Die hier vorgelegte Liste von 30 chro­ nischen Krankheiten deckt anscheinend das Krank­ heitsspektrum relativ gut ab. Nur zwischen 1,7 Prozent der Wiener und 2,6 Prozent der Wienerinnen erwähn­ ten sonstige chronische Erkrankungen. Unter dieser Rubrik finden sich Krebserkrankungen, die im Mikro­ zensus nicht gesondert erfasst wurden(da ohnehin Da­ ten aus dem Österreichischen Krebsregister der Statis­ tik Austria zur Verfügung stehen). Auch psychiatrische Erkrankungen wurden nicht gesondert erfasst. Wegen der noch immer bestehenden Tabuisierung dieser Krankheitsgruppe erwartete man sich(auch aufgrund der besonderen Interviewsituation) keine zuverlässi­ gen Angaben. Die häufigste chronische Einzelerkrankung bei der in Privathaushalten lebenden Bevölkerung in Wien ist der erhöhte Blutdruck. Jeder vierzehnte Wiener und eben­ so viele Wienerinnen sind von Bluthochdruck betrof­ fen. Die zweithäufigste chronische Erkrankung sind Schäden an der Wirbelsäule. Jeder achtzehnte Mann und jede vierzehnte Frau in Wien leidet daran. An drit­ ter Stelle findet sich bei den Männern die Zuckerkrank­ heit(Diabetes mellitus), gefolgt von Gelenkserkran­ kungen(an Hüfte, Bein), anderen Herzerkrankungen und Lungenasthma. Bei den Frauen am dritthäufigsten sind Gelenkserkran­ kungen(Hüfte, Bein), gefolgt von niedrigem Blutdruck, anderen Herzerkrankungen und Zuckerkrankheit. Dia­ betes mellitus ist demnach in Wien bei den Männern die dritthäufigste, bei den Frauen die sechsthäufigste chronische Krankheit. 92 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Verbreitung Tabelle 4.03: Chronische Erkrankungen von Männern 1999 in Österreich und in Wien nach Alter(Mehrfach­ nennungen möglich, in Prozent) Österreich Wien chronische Erkrankungen Männer davon im Alter von Männer 0–14 15–29 30–44 45–59 60–74 75+ Personen in 1.000 3.857,2 749,3 122,8 140,2 208,5 160,1 83,4 34,3 davon haben( bis zu vier Nennungen möglich, Prozent) Zuckerkrankheit(Diabetes mellitus) erhöhter Blutdruck niedriger Blutdruck Herzinfarkt andere Herzerkrankungen Hirngefäßerkrankungen(Schlaganfall) Venenentzündungen,-thrombosen, Krampfadern Augenkrankheiten Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten(auch Schwerhörigkeit) Erkältungskrankheiten, Grippe, Angina, Bronchitis chronische Bronchitis, Lungenemphysem Lungenasthma Lungenentzündung Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre andere Magenkrankheiten(z. B. Gastritis) Darmerkrankungen Gallenblasenentzündungen, Gallensteine Leberkrankheiten Nierensteine, Nierenentzündung Stoffwechselstörungen(z. B. Gicht) Hautallergien sonstige Hautkrankheiten Schäden an der Wirbelsäule Gelenkserkrankungen(Hüfte, Bein) Gelenkserkrankungen(Schulter, Arm) Gefäßstörungen an den Beinen Gelenksrheumatismus Nervenentzündungen, Neuralgien, Ischias sonstige chronische Krankheiten keine 2,0 4,9 0,8 0,5 1,9 0,5 0,8 1,1 1,5 0,6 1,6 1,4 0,0 0,5 1,0 0,4 0,1 0,5 0,3 0,8 1,4 0,8 5,5 3,2 1,5 0,9 0,9 0,5 2,2 74,5 2,7 1,1 1,1 2,0 3,1 7,4 6,9 7,2 4,7 1,9 4,3 8,9 20,6 15,1 0,6 0,0 0,0 0,3 1,2 1,8 0,7 0,4 0,0 0,0 0,3 0,3 2,2 0,9 2,4 0,5 1,4 1,3 2,2 6,1 11,7 0,5 0,0 0,0 0,1 0,9 0,8 4,4 1,0 0,4 1,2 0,5 0,5 2,1 3,7 1,4 0,6 0,5 0,9 2,0 3,3 4,8 1,4 0,8 1,6 1,0 1,5 1,7 2,8 0,2 0,0 0,3 0,1 0,4 0,3 0,0 1,3 1,3 0,5 1,3 1,5 2,0 2,4 1,9 1,9 2,7 1,1 1,3 2,9 4,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,1 0,0 0,0 0,6 0,0 0,0 1,2 0,5 1,7 0,0 1,2 0,3 0,7 1,3 2,1 1,1 2,4 0,4 0,3 0,1 0,3 0,3 1,2 1,6 0,1 0,0 0,0 0,0 0,3 0,3 0,5 0,4 0,0 0,2 0,5 0,6 0,3 1,5 0,4 0,0 0,6 0,3 0,8 0,4 0,5 0,8 1,2 0,1 0,6 0,7 0,9 2,5 1,6 1,2 1,8 1,6 1,6 2,0 0,6 1,0 1,3 1,3 0,8 0,9 0,9 1,5 5,7 2,9 3,7 4,8 8,5 9,7 6,2 2,7 1,1 1,1 1,5 3,9 6,2 7,9 1,6 1,4 0,7 0,9 2,9 3,0 1,4 1,1 1,1 0,4 1,1 0,9 2,1 2,0 0,4 0,0 0,0 0,6 0,4 1,0 1,3 0,3 0,0 0,2 0,1 0,7 0,8 0,0 1,7 1,0 1,1 1,9 2,5 2,1 1,5 72,0 83,5 81,7 76,8 64,5 52,4 45,6 durchschnittliche Zahl der Erkrankungen 0,38 0,41 0,23 0,23 0,31 0,52 0,85 0,89 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Frauen sind von nahezu allen erfassten chronischen Krankheiten häufiger betroffen als Männer. Lediglich erhöhter Blutdruck, Herzinfarkt, Hirngefäßerkrankun­ gen(Schlaganfall), Lungenasthma und sonstige Haut­ krankheiten finden sich bei Männern häufiger. Keine oder kaum merkbare Geschlechtsunterschiede sind bei Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren, anderen Magenkrankheiten, Darmerkrankungen, Gallenblasen­ entzündungen bzw. Gallensteinen, Leberkrankheiten, Nierensteinen bzw. Nierenentzündung und Stoffwech­ selstörungen(Gicht) zu beobachten. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 93 IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Verbreitung Tabelle 4.04: Chronische Erkrankungen von Frauen 1999 in Österreich und in Wien nach Alter(Mehrfachnen­ nungen möglich, in Prozent) Österreich Wien chronische Erkrankungen Frauen davon im Alter von Frauen 0–14 15–29 30–44 45–59 60–74 75+ Personen in 1.000 4.100,9 830,4 117,2 145,2 205,7 168,5 110,8 83,0 davon haben(bis zu vier Nennungen möglich, Prozent) Zuckerkrankheit(Diabetes mellitus) erhöhter Blutdruck niedriger Blutdruck Herzinfarkt andere Herzerkrankungen Hirngefäßerkrankungen(Schlaganfall) Venenentzündungen,-thrombosen, Krampfadern Augenkrankheiten Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten(auch Schwerhörigkeit) Erkältungskrankheiten, Grippe, Angina, Bronchitis chronische Bronchitis, Lungenemphysem Lungenasthma Lungenentzündung Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre andere Magenkrankheiten(z. B. Gastritis) Darmerkrankungen Gallenblasenentzündungen, Gallensteine Leberkrankheiten Nierensteine, Nierenentzündung Stoffwechselstörungen(z. B. Gicht) Hautallergien sonstige Hautkrankheiten Schäden an der Wirbelsäule Gelenkserkrankungen(Hüfte, Bein) Gelenkserkrankungen(Schulter, Arm) Gefäßstörungen an den Beinen Gelenksrheumatismus Nervenentzündungen, Neuralgien, Ischias gynäkologische Erkrankungen sonstige chronische Krankheiten keine 2,3 6,4 2,5 0,2 2,2 0,4 2,0 1,7 1,5 0,5 1,6 1,2 0,0 0,5 1,1 0,5 0,5 0,2 0,3 0,8 1,8 0,6 5,7 3,9 2,3 1,6 2,1 0,9 0,3 2,8 70,7 2,9 0,8 1,1 2,3 2,4 6,4 6,5 7,0 2,7 1,6 3,4 9,6 14,4 16,3 3,4 2,0 3,6 3,3 4,9 2,8 2,5 0,2 0,0 0,0 0,0 0,1 0,6 0,9 2,9 2,1 0,7 1,1 2,2 6,1 9,9 0,2 0,0 0,0 0,1 0,0 0,8 0,8 1,9 0,3 0,4 1,0 2,9 4,3 3,7 2,1 2,0 1,0 1,6 1,6 3,4 4,6 1,9 1,4 2,3 1,1 1,9 3,3 2,0 0,6 1,0 0,6 0,3 1,1 0,2 0,0 1,7 2,1 1,1 1,4 2,1 1,5 2,1 1,2 0,3 2,0 0,7 1,3 1,2 2,2 0,1 0,0 0,0 0,0 0,0 0,4 0,3 0,7 0,7 0,4 0,4 1,0 0,9 0,7 1,2 0,9 0,9 1,1 1,7 1,8 1,1 0,5 0,0 0,3 0,3 1,0 0,7 0,3 0,3 0,0 0,2 0,0 0,6 0,7 1,0 0,5 0,5 0,1 0,1 0,6 0,0 1,9 0,5 0,0 0,2 0,6 0,3 0,2 2,2 0,9 0,3 0,4 0,5 0,7 2,2 2,1 2,1 2,2 2,5 1,5 2,8 1,6 1,6 0,6 0,0 0,8 0,4 0,8 0,5 0,8 6,9 2,7 4,1 5,1 9,1 12,8 9,7 4,0 0,2 2,0 1,9 5,1 8,5 9,5 2,8 0,2 0,8 2,2 4,3 4,9 5,2 2,1 1,3 1,1 0,9 2,4 4,7 3,8 2,4 1,6 0,9 1,3 2,7 4,8 5,1 0,9 0,0 1,0 0,7 1,1 1,1 1,6 0,2 0,0 0,0 0,4 0,4 0,2 0,3 2,6 1,9 1,1 2,7 3,3 2,9 3,9 68,8 84,3 79,8 77,9 59,0 52,1 47,5 durchschnittliche Zahl der Erkrankungen 0,48 0,55 0,27 0,31 0,37 0,68 0,94 1,03 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Regionale Unterschiede Wien weist im Vergleich zu Gesamtösterreich bei bei­ den Geschlechtern eine höhere Prävalenz von Zucker­ krankheit, erhöhtem Blutdruck, anderen Herzerkran­ kungen, Augenkrankheiten und Gefäßstörungen an den Beinen auf. Bei den Männern dominiert Wien des weiteren bei den anderen Hauterkrankungen, Lungen­ asthma, Venenentzündungen bzw. Thrombosen, ande­ ren Magenkrankheiten und Gefäßstörungen an den Beinen. Bei den Frauen finden sich in Wien zusätzlich häufiger niedriger Blutdruck, Augenkrankheiten, Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten(auch Schwerhörigkeit), Leberkrankheiten, Nierensteine(Nierenentzündung), Hautallergien, Schäden an der Wirbelsäule, Gelenkser­ krankungen(Schulter, Arm), Gefäßstörungen an den Beinen und Gelenksrheumatismus. 45 Hingegen leiden im Vergleich zu Gesamtösterreich Wiener Männer seltener an niedrigem Blutdruck, Herz­ infarkt, chronischen Erkältungskrankheiten, chroni­ scher Bronchitis bzw. Lungenemphysem, Gelenkser­ 94 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Sozioökonomische Ausprägungen krankungen an Hüfte oder Bein, Gelenksrheumatis­ mus, Nervenentzündung und sonstigen chronischen Krankheiten als dies österreichweit der Fall ist. Bei den Wiener Frauen sind Hirngefäßerkrankungen(Schlag­ anfall), Gallenblasenentzündungen bzw. Gallensteine und sonstige chronische Erkrankungen seltener als bei österreichischen Frauen insgesamt. Altersunterschiede Generell ist bei der Prävalenz chronischer Erkrankungen von einer Altersabhängigkeit auszugehen. So etwa neh­ men vor allem Zuckerkrankheit, erhöhter Blutdruck, an­ dere Herzkrankheiten, Hirngefäßerkrankungen(Schlag­ anfall), Venenentzündung(Thrombosen, Krampf­ adern), Augenkrankheiten, Gelenkserkrankungen und Gefäßstörungen an den Beinen mit dem Alter zu. Bei einzelnen chronischen Krankheiten(wie etwa bei Herzinfarkten, Schäden an der Wirbelsäule, Leberkrank­ heiten) ist zwar ein Ansteigen mit dem Alter zu beobach­ ten, im hohen Alter sind diese Krankheiten aber wieder leicht rückläufig. Möglicherweise spielen hier Selektions­ mechanismen eine Rolle. Das heisst, Personen, die an be­ stimmten Krankheiten(z. B. Herzinfarkt) leiden, sterben vor Erreichen eines hohen Alters. Bei den Hochaltrigen handelt es sich um Personen, die bisher weitgehend von solchen Krankheiten verschont blieben und es wahr­ scheinlich auch in Zukunft bleiben. Keinem(einheitlichen) Alterstrend unterliegen Hautal­ lergien und chronische Erkältungskrankheiten(Grip­ pe, Angina, Bronchitis). Je nach Alter stehen außerdem unterschiedliche chro­ nische Krankheiten im Vordergrund. So etwa sind bei Kindern(bis 14 Jahre) erhöhter Blutdruck und Schäden an der Wirbelsäule am häufigsten, bei den Buben ge­ folgt von Lungenasthma, bei den Mädchen gefolgt von Hautallergien. Im mittleren Alter(30 bis 44 Jahre) machen sich bei den Männern hauptsächlich Schäden an der Wirbel­ säule, erhöhter Blutdruck und Zuckerkrankheit be­ merkbar, im hohen Alter(75 und mehr Jahre) sind er­ höhter Blutdruck, andere Herzerkrankungen sowie Ge­ lenkserkrankungen an Hüfte oder Bein am verbreitets­ ten. Frauen sind(ebenso wie die Männer) im mittleren Al­ ter am häufigsten von Schäden der Wirbelsäule und er­ höhtem Blutdruck betroffen, jedoch gefolgt von niedri­ gem Blutdruck und sonstigen chronischen Erkrankun­ gen. Die häufigsten chronischen Erkrankungen im ho­ hen Alter(75 und mehr Jahre) sind bei den Frauen erhöhter Blutdruck, Schäden an der Wirbelsäule sowie Gelenkserkrankungen(Hüfte, Bein). 4.3 Sozioökonomische Ausprägungen Lebensumstände und Lebensstile sozioökonomisch benachteiligter Schichten begünstigen das Auftreten (bestimmter) chronischer Erkrankungen. Auch die Art der beruflichen Tätigkeit sowie soziokulturelle Milieus wirken sich auf das Krankheitsgeschehen aus. Bildungsunterschiede Personen mit niedriger Bildung sind häufiger chro­ nisch krank als höher gebildete. Während(von den über 30-Jährigen) 38,1 Prozent der Männer und 43,6 Prozent der Frauen mit Pflichtschulbildung eine(bzw. mehrere) chronische Erkrankung(en) haben, sind es etwa von den HochschulabsolventInnen lediglich 26,6 Prozent bzw. 21,0 Prozent. Auch in diesem Zusammen­ hang ist auf die Altersabhängigkeit vieler chronischer Erkrankungen hinzuweisen, ebenso wie die Tatsache, dass ältere Menschen gegenwärtig ein vergleichsweise niedrigeres Bildungsniveau haben. Mit Ausnahme der Absolventinnen allgemeinbildender höherer Schulen und von Hochschulen sind Frauen quer durch alle Bil­ dungsschichten häufiger chronisch krank als Männer. 45 Hingewiesen sei auf die Tatsache, dass bei Krankheiten, die relativ selten vorkommen, mit eingeschränkter Zuverlässigkeit der Ergeb­ nisse gerechnet werden muss. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 95 IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Sozioökonomische Ausprägungen Grafik 4.03: Chronische Erkrankungen in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 30 Jahre, Privathaushalte, in Prozent) Prozent 50,0 45,0 43,6 40,0 38,1 35,0 30,0 25,0 20,0 15,0 10,0 5,0 0,0 41,0 37,0 35,0 36,3 34,6 28,4 28,4 26,1 Männer Frauen 26,6 21,0 Pflichtschule Lehre BMS BHS AHS Hochschule höchste Bildung Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Die Pävalenz der bei Männern und Frauen sechs häu­ bensalter von 30 Jahren in den einzelnen Bildungsgrup­ figsten chronischen Erkrankungen ist ab einem Le­ pen wie folgt: 96 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Sozioökonomische Ausprägungen Grafik 4.04: Häufigste chronische Erkrankungen bei Männern und Frauen in Wien 1999 nach Bildung(Perso­ nen ab 30 Jahre, Privathaushalte, Mehrfachnennungen möglich, in Prozent) Männer 14 12 Pflichtschule Lehre BMS 10 AHS BHS 8 Hochschule Prozent 6 4 2 0 erhöhter Blutdruck Schäden an der Wirbelsäule Zuckerkrankheit Gelenkserkrankungen (Hüfte, Bein) andere Herz­ erkrankungen Lungenasthma Prozent Frauen 14 Pflichtschule 12 Lehre BMS 10 AHS BHS Hochschule 8 6 4 2 0 erhöhter Blutdruck Schäden an der Wirbelsäule Zuckerkrankheit Gelenkserkrankungen (Hüfte, Bein) andere Herz­ erkrankungen Lungenasthma Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Eine deutliche Bildungsabhängigkeit ist sowohl bei Männern als auch bei Frauen für Zuckerkrankheit, Ge­ lenkserkrankungen an Hüfte oder Bein und die Katego­ rie andere Herzerkrankungen zu beobachten. Das heißt, chronische Krankheiten dieser Art treten ver­ mehrt in den unteren Bildungsschichten auf. Erhöhter Blutdruck findet sich bei den Männern am häufigsten unter den Absolventen einer allgemeinbildenden oder berufsbildenden höheren Schule sowie einer berufsbil­ denden mittleren Schule, bei den Frauen sind jene mit niedriger Bildung(Pflichtschule, Lehre) am häufigsten von Bluthochdruck betroffen. Schäden an der Wirbel­ säule sind(bei Männern und Frauen) in den unteren Bildungsschichten sowie bei den Männern unter Hoch­ schulabsolventen, bei den Frauen unter Absolventin­ nen berufsbildender mittlerer Schulen, am verbreitets­ ten. Abgesehen vom Bildungsniveau wirkt sich auch die Art der beruflichen Tätigkeit auf die Prävalenz chronischer Krankheiten aus. BeamtInnen, ArbeiterInnen und FacharbeiterInnen sind am häufigsten chronisch krank, und zwar Frauen jeweils häufiger als Männer. Am seltensten sind(aufgrund ihrer Jugend) Lehrlinge chronisch krank sowie bei den Männern die Selbstän­ digen, bei den Frauen die Angestellten. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 97 IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Sozioökonomische Ausprägungen Grafik 4.05: Chronische Erkrankungen in Wien 1999 nach beruflicher Stellung und Geschlecht(Erwerbstätige, in Prozent) 35,0 30,0 27,1 25,0 20,8 20,0 24,0 24,3 29,3 30,6 27,3 26,2 27,9 28,6 18,9 Männer Frauen Prozent 15,0 10,0 8,8 5,0 0,0 Selbständige Angestellte Beamte Facharbeiter sonstige Arbeiter Lehrlinge Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Die Berufsgruppen unterscheiden sich sowohl hin­ sichtlich der Rangreihe der chronischen Erkrankungen als auch hinsichtlich deren Häufigkeit. Bei den Män­ nern sind zwar in allen Berufsgruppen erhöhter Blut­ druck und Schäden an der Wirbelsäule(wenn auch teil­ weise unterschiedlich gereiht) die häufigsten chroni­ schen Erkrankungen, die weitere Rangfolge ist jedoch je nach Berufsgruppe verschieden. Während bei den Selbständigen die Zuckerkrankheit an dritter Stelle steht, sind es bei den Angestellten die sonstigen chroni­ schen Krankheiten, bei den Beamten andere Herzer­ krankungen, bei den Arbeitern Gelenkserkrankungen an Hüfte oder Bein und bei den Facharbeitern Gelenks­ erkrankungen an Schulter oder Arm. Weibliche Angestellte, Beamtinnen und Arbeiterinnen leiden am häufigsten unter Schäden an der Wirbelsäu­ le, weibliche Selbständige und Facharbeiterinnen unter Bluthochdruck. Bei den weiblichen Angestellten, den Beamtinnen und Arbeiterinnen folgen erhöhter oder niedriger Blutdruck, bei den Selbständigen niedriger Blutdruck und chronische Hals-, Nasen- und Ohren­ krankheiten(einschließlich Schwerhörigkeit), bei den Facharbeiterinnen Gelenkserkrankungen an Hüfte oder Bein und chronische Bronchitis bzw. Lungenem­ physem. Die in der Wiener Bevölkerung häufigste chronische Erkrankung ist der Bluthochdruck. Die höchste Prä­ valenz dieser Erkrankung findet sich in der erwerbstä­ tigen Bevölkerung bei den Männern unter den Beamten und Arbeitern, bei den Frauen unter Facharbeiterinnen und Selbständigen. Die zweithäufigste chronische Krankheit, Schäden an der Wirbelsäule , sind bei den Männern unter den Facharbeitern und den Beamten am häufigsten, bei den Frauen unter den Beamtinnen und Arbeiterinnen. 98 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Sozioökonomische Ausprägungen Tabelle 4.05: Häufigste chronische Erkrankungen Erwerbstätiger* in Wien 1999 nach beruflicher Stellung und Geschlecht( Mehrfachnennungen möglich, in Prozent) Männer Frauen häufigste chronische Erkrankung in% häufigste chronische Erkrankung Selbständige erhöhter Blutdruck 5,7 erhöhter Blutdruck Schäden an der Wirbelsäule 3,8 niedriger Blutdruck Zuckerkrankheit 3,0 Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten(auch Schwerhörigkeit) Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten(auch Schwerhörigkeit) 2,7 Gelenkserkrankungen(Hüfte, Bein) Augenkrankheiten 1,6 Schäden an der Wirbelsäule niedriger Blutdruck 1,4 Gefäßstörungen an den Beinen Angestellte Schäden an der Wirbelsäule erhöhter Blutdruck sonstige chronische Krankheiten Gelenkserkrankungen(Hüfte, Bein) Venenentzündungen,-thrombosen, Krampfadern andere Magenkrankheiten(z. B. Gastritis) 5,9 Schäden an der Wirbelsäule 4,6 erhöhter Blutdruck 1,9 niedriger Blutdruck 1,7 sonstige chronische Krankheiten 1,5 Gelenkserkrankungen(Schulter, Arm) 1,4 Hautallergien BeamtInnen erhöhter Blutdruck Schäden an der Wirbelsäule andere Herzerkrankungen Gelenkserkrankungen(Hüfte, Bein) sonstige Hautkrankheiten chronische Bronchitis, Lungenemphysem 7,8 Schäden an der Wirbelsäule 6,7 niedriger Blutdruck 3,6 erhöhter Blutdruck 3,6 Venenentzündungen,-thrombosen, Krampfadern 2,1 Augenkrankheiten 2,1 Hautallergien FacharbeiterInnen Schäden an der Wirbelsäule erhöhter Blutdruck Gelenkserkrankungen(Schulter, Arm) sonstige chronische Krankheiten Zuckerkrankheit Gelenkserkrankungen(Hüfte, Bein) 7,6 erhöhter Blutdruck 4,9 Gelenkserkrankungen(Schulter, Arm) 3,2 chronische Bronchitis, Lungenemphysem 2,5 Zuckerkrankheit 2,4 Gelenksrheumatismus 2,1 Schäden an der Wirbelsäule sonstige ArbeiterInnen erhöhter Blutdruck Schäden an der Wirbelsäule Gelenkserkrankungen(Hüfte, Bein) Hautallergien andere Magenkrankheiten(z. B. Gastritis) Gelenkserkrankungen(Schulter, Arm) 6,5 Schäden an der Wirbelsäule 6,3 erhöhter Blutdruck 3,5 niedriger Blutdruck 3,2 Zuckerkrankheit 2,1 chronische Bronchitis, Lungenemphysem 1,9 Gelenksrheumatismus in% 7,1 5,3 3,7 3,3 3,1 3,0 4,9 3,4 2,7 2,5 2,2 2,1 9,4 6,2 4,2 4,2 3,9 3,2 12,7 9,4 6,6 5,8 4,7 3,6 7,9 4,3 3,4 2,8 2,5 2,4 * Sortiert nach Berufsgruppen. Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Chronische Erkrankungen bei MigrantInnen Während MigrantInnen ihren Gesundheitszustand (mit Ausnahmen) schlechter als österreichische Staats­ bürgerInnen beurteilen, zeichnet sich für chronische Erkrankungen eher das Gegenteil ab. Chronische Er­ krankungen finden sich am häufigsten bei Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Am zweithäu­ figsten betroffen sind Männer und Frauen mit Staats­ bürgerschaft eines Staates Ex-Jugoslawiens. Am sel­ tensten chronisch krank sind Personen mit„anderer“ Staatsbürgerschaft. Bei der Interpretation dieser Ergebnisse ist jedoch zu bedenken, dass die Unterschiede in der Altersstruktur zwischen österreichischen StaatsbürgerInnen und PerCHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 99 IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Sozioökonomische Ausprägungen sonen anderer Staatsbürgerschaft eine bedeutende Rol­ le spielen. Inwieweit MigranntInnen von den negativen Folgen des in unserer Gesellschaft vorherrschenden Lebensstils und damit auch von chronischen Erkrankun­ gen bisher noch eher verschont geblieben sind, kann aufgrund der Daten nicht beurteilt werden. Grafik 4.06: Chronische Erkrankungen in Wien 1999 nach Staatsbürgerschaft und Geschlecht(in Prozent) 35,0 31,3 30,0 29,4 25,0 20,0 15,0 28,2 23,6 23,0 21,9 18,7 15,4 Männer Frauen Prozent 10,0 5,0 0,0 Österreich Ex-Jugoslawien Türkei Staatsbürgerschaft andere Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Der Einfluss von Arbeitslosigkeit Arbeitslosigkeit wirkt sich(wie gezeigt wurde) auf die Gesundheit negativ aus. Auch chronische Erkrankun­ gen finden sich bei Arbeitslosen häufiger als bei Er­ werbstätigen. Während 1999 von den Erwerbstätigen in Wien ca. ein Viertel der Männer und Frauen eine (oder mehrere) chronisch(e) Krankheiten angaben, waren es von den arbeitslosen Männern und Frauen je­ weils ein Drittel. Arbeitslose leiden nicht nur häufiger, sondern durchschnittlich auch an mehreren chroni­ schen Erkrankungen als Erwerbstätige. Während er­ werbstätige Männer(bei vier möglichen Nennungen) durchschnittlich 0,33 chronische Erkrankungen anga­ ben, hatten arbeitslose Männer im Schnitt 0,50. Ar­ beitslose Frauen gaben durchschnittlich 0,55 chroni­ sche Erkrankungen an, erwerbstätige lediglich 0,38. Es wird vermutet, dass hier Wechselwirkungsprozesse ei­ ne Rolle spielen. Zum einen ist das Risiko für gesund­ heitlich beeinträchtigte Personen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, deutlich höher als für gesunde Menschen. Ebenso ist es für erstere schwieriger, wieder einen Ar­ beitsplatz zu finden. Zum andern sind auch direkte Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf den Gesund­ heitszustand nicht auszuschließen. Vor allem trägt Ar­ beitslosigkeit zur Verstärkung beginnender oder zur Verschlechterung bestehender Krankheiten bei. Arbeitslose Männer leiden häufiger als erwerbstätige an einer Reihe chronischer Erkrankungen. So finden sich Leberkrankheiten, Zuckerkrankheit, Gelenkser­ krankungen an Hüfte oder Bein, andere Herzerkran­ kungen, sonstige chronische Krankheiten, Lungen­ asthma, Nierensteine bzw. Nierenentzündung, andere Magenkrankheiten(Gastritis, etc.), chronische Bron­ chitis bzw. Lungenemphysem, Gefäßstörungen an den Beinen, Herzinfarkt, Gelenksrheumatismus, Magenund Zwölffingerdarmgeschwüre, sonstige Hautkrank­ heiten, Hirngefäßerkrankungen(Schlaganfall) und Darmerkrankungen bei arbeitslosen Männern häufiger als bei erwerbstätigen. 100 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Sozioökonomische Ausprägungen Grafik 4.07: Chronische Erkrankungen* erwerbstätiger und arbeitsloser Männer in Wien 1999(Mehrfachnen­ nungen möglich, in Prozent) Männer Schäden an der Wirbelsäule erhöhter Blutdruck Leberkrankheiten Zuckerkrankheit Gelenkserkrankungen(Hüfte, Bein) andere Herzerkrankungen sonstige chronische Krankheiten Lungenasthma Nierensteine, Nierenentzündung andere Magenkrankheiten(z. B. Gastritis) chronische Bronchitis, Lungenemphysem Gefäßstörungen an den Beinen Herzinfarkt Gelenksrheumatismus Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre sonstige Hautkrankheiten Hautallergien Hirngefäßerkrankungen(Schlaganfall) Darmerkrankungen Gelenkserkrankungen(Schulter, Arm) Nervenentzündungen, Neuralgien, Ischias Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten(auch Schwerhörigkeit) 0,2 1,6 2,1 2,8 1,2 2,8 1,5 2,7 1,3 2,6 0,1 1,3 1,0 2,3 2,2 0,1 0,3 0,7 0,7 0,8 1,5 1,4 1,3 1,2 1,2 1,6 1,9 1,2 0,2 0,2 0,9 0,7 1,5 0,2 0,5 1,2 3,9 3,9 3,7 Augenkrankheiten 0,9 Venenentzündungen,-thrombosen, Krampfadern 0,8 niedriger Blutdruck 0,6 Stoffwechselstörungen(z. B. Gicht) 0,5 Erkältungskrankheiten, Grippe, Angina, akute Bronchitis 0,4 0,0 1,0 2,0 3,0 4,0 Prozent 5,4 5,5 6,4 6,1 arbeitslos erwerbstätig 5,0 6,0 7,0 * Sortiert nach den häufigsten chronischen Erkrankungen arbeitsloser Männer. Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Arbeitslose Frauen berichten häufiger als erwerbstätige über sonstige chronische Krankheiten, erhöhten Blutdruck, Schäden an der Wirbelsäule, andere Herzerkrankungen, niedrigen Blutdruck, Nervenentzündung(Neuralgien, Ischias), Gelenksrheumatismus, Gelenkserkrankungen an Schulter oder Arm, chroni­ sche Bronchitis bzw. Lungenemphysem, Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre, Venenentzündungen (Thrombosen, Krampfadern) und gynäkologische Er­ krankungen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 101 IV. CHRONISCHE ERKRANKUNGEN Sozioökonomische Ausprägungen Grafik 4.08: Chronische Erkrankungen* erwerbstätiger und arbeitsloser Frauen in Wien 1999(Prozent, Mehr­ fachnennungen möglich) Frauen sonstige chronische Krankheiten erhöhter Blutdruck Schäden an der Wirbelsäule 1,9 3,9 andere Herzerkrankungen niedriger Blutdruck 0,9 Nervenentzündungen, Neuralgien, Ischias Gelenksrheumatismus Gelenkserkrankungen(Schulter, Arm) chronische Bronchitis, Lungenemphysem Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre Venenentzündungen,-thrombosen, Krampfadern Zuckerkrankheit Stoffwechselstörungen(z. B. Gicht) Gelenkserkrankungen(Hüfte, Bein) gynäkologische Erkrankungen Darmerkrankungen Gefäßstörungen an den Beinen 0,7 1,5 1,9 1,5 2,3 0,4 1,3 1,1 1,9 1,9 0,9 0,7 0,9 2,1 0,9 0,2 0,7 0,5 1,1 sonstige Hautkrankheiten 0,3 Hautallergien 2,1 Nierensteine, Nierenentzündung 0,1 Leberkrankheiten 0,2 Gallenblasenentzündungen, Gallensteine 0,1 andere Magenkrankheiten(z. B. Gastritis) 1,3 Lungenasthma 1,1 3,2 3,3 3,0 3,0 4,7 4,2 Erkältungskrankheiten, Grippe, Angina, akute Bronchitis 0,5 Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten(auch Schwerhörigkeit) 1,5 Augenkrankheiten 1,5 0,0 1,0 2,0 3,0 4,0 5,0 Prozent * Sortiert nach den häufigsten chronischen Erkrankungen arbeitsloser Frauen. 7,3 7,2 6,8 5,9 6,4 arbeitslos erwerbstätig 6,0 7,0 8,0 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Die aufgrund von Arbeitslosigkeit bzw. im Vorfeld von Arbeitslosigkeit auftretenden gesundheitlichen Störungen sowie deren individuelle und gesamtgesellschaftliche Auswirkungen werden zur Zeit viel zu wenig be­ dacht und sind bislang kaum ins Blickfeld arbeitsmarkt-, sozial- und gesundheitspolitischer Überlegun­ gen gerückt. 102 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE CHRONISCHE KRANKHEITEN SELECTED CHRONIC DISEASES V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Inhalt INHALT 5 AUSGEWÄHLTE CHRONISCHE KRANKHEITEN 5.1 KRANKHEITEN DES HERZ-KREISLAUF-SYSTEMS 5.1.1 Koronare Herzkrankheit(Akuter Myokardinfarkt) 5.1.2 Zerebrovaskuläre Erkrankungen(Schlaganfall) 5.2 BÖSARTIGE NEUBILDUNGEN(KREBS) 5.2.1 Entwicklungstendenzen bei einzelnen Krebserkrankungen 5.2.2 Ausgewählte Krebserkrankungen Brustkrebs Prostatakrebs Lungenkrebs Kolorektalkrebs Gebärmutterkörper- und Gebärmutterhalskrebs 5.2.3 Krebs bei Kindern und Jugendlichen 5.2.4 Krebserkrankungen aus ganzheitlicher Sicht – die Wiener Krebshilfe 5.2.5 Zukunftsperspektiven und Handlungsbedarf 5.3 KRANKHEITEN DES BEWEGUNGSAPPARATES 5.3.1 Dorsopathien 5.3.2 Rheumatoide Arthritis 5.3.3 Arthrose 5.3.4 Osteoporose 5.4 PSYCHISCHE STÖRUNGEN/ERKRANKUNGEN, KRANKHEITEN DES NERVENSYSTEMS 5.4.1 Depression 5.4.2 Demenz 5.5 KRANKHEITEN DER ATMUNGSORGANE 5.5.1 Chronische Bronchitis 5.5.2 Asthma 5.6 ERNÄHRUNGS- UND STOFFWECHSELKRANKHEITEN 5.6.1 Diabetes mellitus(Zuckerkrankheit) 5.7 SONSTIGE CHRONISCHE ERKRANKUNGEN 5.7.1 Inkontinenz 105 105 107 115 122 132 140 142 152 159 167 175 183 193 199 202 203 211 216 223 232 235 246 252 256 262 268 270 281 281 104 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems 5 AUSGEWÄHLTE CHRONISCHE KRANKHEITEN Im Folgenden werden einzelne chronische Erkrankun­ gen näher beschrieben. Dargestellt werden Krankheits­ bild(Entstehung, Ursachen, Symptome, Folgen, etc.), Verbreitung, Möglichkeiten der Prävention, Therapie und Rehabilitation, stationäre Aufenthalte und Morta­ lität. Die Vielfalt chronischer Erkrankungen macht eine Auswahl erforderlich. Beschrieben werden Erkrankun­ gen, die gegenwärtig das Krankheitsgeschehen domi­ nieren und/oder in Zukunft vermutlich zunehmende Bedeutung erlangen werden. Der Lebensstil in unserer Gesellschaft und die steigende Lebenserwartung erhö­ hen die Anfälligkeit für eine Reihe chronischer Erkran­ kungen. Eine Gegensteuerung, die ihr Auftreten ver­ hindert oder zumindest hinauszuschieben vermag, ist daher vorrangig. 5.1 Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems Zusammenfassung Chronische Krankheiten des Herz-Kreislauf-Sy­ stems sind in westlichen Industriegesellschaften heute weit verbreitet. Insbesondere sind davon Personen im höheren Lebensalter betroffen. Im Jahr 2000 waren knapp 15 Prozent der Spitalsauf­ enthalte von in Wien wohnhaften Personen auf diese Krankheitsgruppe zurückzuführen. Trotz des deutlichen Rückganges der Herz-Kreis­ lauf-Mortalität in den vergangenen Jahrzehnten verursacht diese Krankheitsgruppe insgesamt nach wie vor die meisten Sterbefälle . Im Jahr 2001 sind in Wien 9.203 Menschen an Herz-Kreislauf-Er­ krankungen gestorben. Dies entspricht etwas mehr als der Hälfte aller Todesfälle. Damit ist in Wien die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen hö­ her als in den anderen Bundesländern bzw. im ge­ samten Bundesgebiet. Den größten Anteil unter den chronischen Herz­ Kreislauf-Erkrankungen nehmen dabei die koro­ naren Herzkrankheiten(darunter insbesondere der akute Myokardinfarkt ) sowie die zerebrovas­ kulären Erkrankungen(vor allem Schlaganfall ) ein. Summary: Cardiovascular diseases In modern-day western industrial nations, chronic diseases of the cardiovascular system are wide­ spread, affecting above all senior citizens. In 2000, close to 15 percent of all hospital stays of Viennese residents were due to this type of disease. Despite the marked reduction in cardiovascular mortality achieved in the past decades, this catego­ ry of diseases still continues to cause the greatest number of deaths . In 2001, 9,203 persons in Vien­ na died of cardiovascular diseases, which corre­ sponds to slightly over half of all deaths. Thus cardi­ ovascular mortality is higher in Vienna than in the other federal provinces and in Austria as a whole. The biggest share amongst chronic cardiovascular diseases is attributable to coronary heart diseases (including, above all, acute myocardial infarc­ tion ) as well as to cerebrovascular diseases(above all stroke ). Wie bereits gezeigt wurde, sind chronische Krankhei­ ten des Herz-Kreislauf-Systems in Wien stark verbrei­ tet, wobei der Anteil der Betroffenen mit zunehmen­ dem Alter deutlich steigt. Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems binden auch einen erheblichen Teil der stationären Leistungen. Im Jahr 2000 waren insgesamt 14,9 Prozent der stationä­ ren Aufenthalte von in Wien wohnhaften Personen (Männer 17,1 Prozent, Frauen 13,2 Prozent) auf diese CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 105 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems Krankheitsgruppe zurückzuführen. Ingesamt waren für die Wiener Bevölkerung 71.567 stationäre Aufent­ halte(Männer 34.695, Frauen 36.872) aufgrund von Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems erforderlich. In der Statistik der Krankenstandsfälle fallen Krankhei­ ten dieser Krankheitsgruppe aufgrund des hohen Durchschnittsalters der Betroffenen weniger ins Ge­ wicht. Dennoch waren unter den Versicherten der Wie­ ner Gebietskrankenkasse im Jahr 2001 2,9 Prozent aller Krankenstandsfälle auf Herz- und Gefäßerkrankungen zurückzuführen. Ingesamt wurden 21.925 Kranken­ standsfälle(Männer 10.137, Frauen 11.788) aufgrund von Herz-Kreislauf-Krankheiten verbucht. 46 In Österreich waren im Jahr 2000 12,6 Prozent der Neu­ zugänge an Pensionen der geminderten Arbeitsfähig­ keit bzw. der dauernden Erwerbsunfähigkeit auf Krankheiten des Kreislaufsystems zurückzuführen. Insgesamt handelte es sich dabei um 2.242 Neuzugänge (Männer 1.742, Frauen 500). Mortalität Obwohl die Mortalität an Krankheiten des Herz-Kreis­ lauf-Systems in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken ist, verursacht diese Krankheitsgruppe nach wie vor die meisten Sterbefälle. Im Jahr 2001 sind in Wien 9.203 Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankun­ gen gestorben. Das sind etwas mehr als die Hälfte(54,3 Prozent) aller Todesfälle in Wien. In Wien ist die Sterb­ lichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen höher als in den anderen Bundesländern und im gesamten Bundes­ gebiet. Die standardisierte Sterblichkeit an Herz-Kreis­ lauf-Erkrankungen lag im Jahr 2001 in Wien bei den Männern um 15 Prozent, bei den Frauen um nahezu ein Zehntel über dem österreichischen Durchschnitt. 47 Grafik 5.01: Sterblichkeit an Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems(ICD-9<390–459>) in Wien und in Öster­ reich seit 1980(5-Jahresabstände, standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 600,0 526,2 500,0 400,0 481,2 327,8 300,0 316,7 200,0 100,0 516,5 444,0 298,6 283,9 446,7 366,7 259,3 232,0 385,3 341,0 237,4 216,3 310,9 301,3 282,3 192,4 262,1 189,2 184,1 172,8 Wien/Männer Österreich/Männer Wien/Frauen Österreich/Frauen 0,0 1980 1985 1990 1995 2000 2001 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Unter den chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind – sowohl zahlenmäßig als auch hinsichtlich der für die Betroffenen erwachsenden Folgen – vor allem die koronare Herzkrankheit(darunter insbesondere der akute Myokardinfarkt) sowie zerebrovaskuläre Erkran­ kungen(vor allem Schlaganfall) von Bedeutung. 46 Stadt Wien(2002), Gesundheitsbericht Wien 2002, S. 107. 47 Im Vergleich mit den anderen Ländern der Europäischen Union liegt Österreich hinsichtlich der Mortalität an Herz-Kreislauf-Erkran­ kungen bei beiden Geschlechtern eher im oberen Bereich. Vgl. dazu Stadt Wien(2003), Lebenserwartung und Mortalität in Wien und Österreich – Internationaler Vergleich, S. 34. 106 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems 5.1.1 Koronare Herzkrankheit(Akuter Myokardinfarkt) Zusammenfassung Laut Mikrozensus sind in Wien 0,4 Prozent der Männer und 0,2 Prozent der Frauen von Herzin­ farkt betroffen, wobei im Alter zwischen 60 und 74 Jahren der Anteil der Betroffenen vor allem bei den Männern deutlich steigt. Am häufigsten erleiden Personen mit Pflichtschulbildung sowie Männer mit mittlerer Bildung und Universitätsabschluss einen Herzinfarkt. Im Jahr 2000 waren in der Wohnbevölkerung Wiens ca. 2.500 stationäre Aufenthalte auf akuten Myokardinfarkt zurückzuführen. Insgesamt war die Rate der stationären Aufenthalte aufgrund von akutem Myokardinfarkt in den letzten 10 Jahren rückläufig. Bei den Frauen ist allerdings seit 1995 wieder ein geringer Anstieg zu beobachten. Dieser Rückgang ist unter anderem auf eine verbesserte Vorsorge sowie sinkende Hospitalisierung auf­ grund von Reinfarkten(d. h. erneuten Infarkten) zurückzuführen. Obwohl die Sterblichkeit an akutem Myokardin­ farkt in den letzten Jahrzehnten deutlich gesunken ist, war in Wien im Jahr 2001 etwa jeder neunte Sterbefall durch Herzinfarkt bedingt. Gründe für den Rückgang der Infarktsterblickeit werden so­ wohl im Greifen der Primär- und Sekundärpräven­ tion als auch in Verbesserungen der Notfall- und Intensivmedizin(Verbesserung der Akutversor­ gung des Myokardinfarkts, Fortschritte der Kar­ diochirurgie und invasiven Kardiologie) gesehen. Trotz einer Vielzahl von Maßnahmen ist die Sterb­ lichkeit an akutem Myokardinfarkt in Wien noch immer um nahezu ein Drittel höher als im gesam­ ten Bundesgebiet. Deshalb zielt auch das auf vier Jahre anberaumte Wiener Gesundheitsförderungsprogramm 2001, das eine Vielzahl von Projekten umfasst, schwer­ punktmäßig auf die Prävention von Herz-Kreis­ lauf-Erkrankungen ab. Summary: Coronary heart disease(acute myocardial infarction) According to Mikrozensus data, 0.4 percent of men and 0.2 percent of women in Vienna are affected by myocardial infarction, with the proportion of pa­ tients increasing significantly between ages 60 and 74 particularly for men. By level of education, the groups with the highest proportion of myocadial in­ farction are persons with compulsory schooling and men with secondary schooling and a university de­ gree. In 2000, approximately 2,500 inpatient hospital stays of Viennese residents were due to acute myo­ cardial infarction. Overall, the rate of inpatient hos­ pital stays has declined over the past decade. For women, however, a slight increase has been per­ ceived since 1995. The overall reduction can be at­ tributed to increased prevention and the decreasing hospitalisation rate for reinfarctions(i.e. new inf­ arctions occurring after the initial infarction), among other factors. Although acute myocardial infarction mortality rates have decreased significantly over the last dec­ ades, one in nine deaths in Vienna in 2001 were due to myocardial infarction. The reduction of inf­ arction mortality is assigned to effective primary and secondary prevention measures on the one hand and improved emergency and intensive care medicine(improved acute treatment of myocardial infarction, progress in the fields of cardiosurgery and invasive cardiology) on the other. Despite a great number of measures, acute myocardial inf­ arction mortality in Vienna is still nearly one third above the Austrian average. Therefore, the four-year Vienna Health Promotion Programme 2001, which comprises a large number of different projects, places special emphasis on the prevention of cardiovascular diseases. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 107 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems Einleitung Die koronare Herzkrankheit ist in unserer Gesellschaft derzeit die bedeutendste zum Tod führende Krank­ heit. 48 Hervorzuheben ist dabei vor allem die primäre Koronarinsuffizienz, die durch Koronarsklerose, also eine verminderte Blutversorgung des Herzmuskels auf­ grund pathologischer Veränderungen der Koronarar­ terien, entsteht. Die koronare Herzkrankheit kann mehrere Verlaufsformen(in unterschiedlicher Ausprä­ gung und zeitlicher Folge) annehmen: ● klinisch stumme koronare Herzkrankheit ● akuter Myokardinfarkt ● stabile Angina pectoris ● instabile Angina pectoris ● Herzinsuffizienz ● Reizbildungs-/Reizleitungsstörungen 49 Myokardinfarkt Der Herzmuskel(Myokard) wird über ein dichtes Netz von Herzkranzarterien mit Sauerstoff versorgt. Durch die Unterbrechung der Sauerstoffzufuhr im arteriellen System kommt es zu einem Missverhältnis zwischen Sauerstoffangebot und-bedarf(Ischämie). Stirbt auf­ grund der Ischämie ein Teil des Herzmuskels ab, spricht man von einem Myokardinfarkt. Meist sind mehrere Krankheitsprozesse am akuten Verschluss einer Koronararterie beteiligt. Ausschlagge­ bend ist eine allmähliche, zum Teil sich über Jahrzehn­ te erstreckende Verengung der Herzkranzgefäße. Durch einen arteriosklerotischen Gefäßwandprozess verdickt die Innenwand der Arterien zunehmend. Die­ ser pathologische Umbau der Gefäßwand stört das Zu­ sammenspiel zwischen Blutsystem und Gefäßwand nachhaltig und fördert die Bildung von Embolien und Koronarthrombosen. Besondere Gefahr besteht, wenn die Koronarsklerose aufbricht. Die nachfolgende In­ timablutung 50 kann eine überschießende Reaktion des Gerinnungssystems hervorrufen, welche die vorge­ schädigten Herzkranzgefäße mit Koronarthrombosen verschließt(etwa 90 Prozent der Herzinfarkte sind dar­ auf zurückzuführen). Seltener ist die Unterversorgung des Herzmuskels mit Blut aufgrund von Krämpfen der Muskelschicht in der Arterie. Nach der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisa­ tion(WHO) müssen für die Diagnose eines Herzin­ farkts folgende Kriterien erfüllt sein: eine spezifische Veränderung im Elektrokardiogramm(EKG), ein An­ stieg von Enzymen im Blut, die beim Zellniedergang von Myokardgewebe entstehen, und eine charakteristi­ sche Brustschmerz-Symptomatik. In der Mehrzahl der Fälle treten bereits mehrere Mona­ te vor Auftreten des Infarkts krankheitsspezifische Symptome – vor allem Brustschmerz(Angina pectoris) – auf. Eine ohne Belastung auftretende Angina pectoris gilt als Anzeichen für einen besonders schweren Ver­ lauf. Weitere frühe Symptome sind Kurzatmigkeit und nächtliche Anfälle kardial bedingter Luftnot. Bei ca. ei­ nem Drittel der KoronarpatientInnen kündigt sich der Infarkt bis zu einem halben Jahr vorher mit relativ un­ spezifischen Zeichen(wie Erschöpfung, Schlaflosigkeit und tiefe Resignation) an. Nicht selten verstreicht wert­ volle Zeit, bis ein Arzt aufgesucht wird. 51 Risikofaktoren Wesentlich beteiligt am Entstehen der koronaren Herz­ krankheit ist der Lebensstil in fortgeschrittenen Indus­ triegesellschaften. Somatische koronare Risikofak­ toren sind Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte, Diabetes und Übergewicht. Eine Rolle spielen auch der Plasmafi­ brinspiegel und der genetische Risikofaktor Lp a, ebenso wie die so genannten „unabänderlichen“ Risi­ kofaktoren (Alter, familiäre Belastung, Geschlecht). Auch psychosoziale Belastungen und körperliche Inaktivität gelten als Risikofaktoren. Eine Häufung von Risikofaktoren erhöht die Wahr­ scheinlichkeit des Auftretens einer koronaren Herz­ krankheit entsprechend. Da sich Männer vermehrt den für die koronare Herzkrankheit bekannten Risikofakto­ ren(wie Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, unge­ sunde Ernährung, etc.) aussetzen, haben sie auch ein erhöhtes Infarktrisiko. Untersuchungen zeigten, dass 48 KAROFF(2000), S. 432. 49 KAROFF(2000), S. 432. 50 Intima(auch Tunica intima) ist die innerste Schicht der Gefäßwand der Arterien, Venen und Lymphgefäße. 51 Vgl. dazu Deutscher Gesundheitsbericht(1998), S. 161 f. 108 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems 39 Prozent der Männer, die einen Herzinfarkt erleiden, übergewichtig sind. 52 Risikofaktoren für die koronare Herzkrankheit sind in der Wiener Bevölkerung weit verbreitet. Laut Mikro­ zensus 1999 raucht bzw. rauchen von den in Privat­ haushalten lebenden Personen in Wien nahezu die Hälfte der Männer(47,8 Prozent) und 40,2 Prozent der Frauen täglich Zigaretten. Jeder zehnte Mann und jede zwanzigste Frau raucht mehr als 20 Zigaretten pro Tag. 58,3 Prozent der Männer und 67,0 Prozent der Frauen mangelt es an intensiver körperlicher Freizeitbetäti­ gung. 53 21,8 Prozent der Männer und 18,3 Prozent der Frauen haben Übergewicht(BMI 27 und mehr). Von starkem Übergewicht(BMI 30 und mehr) sind beide Geschlechter ähnlich häufig betroffen(Männer 8,2 Pro­ zent, Frauen 8,7 Prozent). Der Anteil der(starken) RaucherInnen liegt in Wien deutlich, der Anteil der in der Freizeit körperlich Inakti­ ven leicht über dem Bundesdurchschnitt. Auch Blut­ hochdruck ist in der Wiener Bevölkerung(insbesondere bei den Männern) überdurchschnittlich häufig: Nach Eigenangaben haben von den in Privathaushalten le­ benden Personen in Wien 7,2 Prozent der Männer und 7,0 der Frauen chronisch erhöhten Blutdruck, im ge­ samten Bundesgebiet sind es 4,9 Prozent(Männer) bzw. 6,4 Prozent(Frauen). Übergewicht(sowohl in seiner mäßigen als auch extremen Form) ist in Wien etwas sel­ tener als im Bundesdurchschnitt. Gesundheitspolitisch zu bedenken geben sollte vor allem die im Vergleich zu 1991 feststellbare starke Zunahme des Anteils der Rau­ cherinnen in der weiblichen Wiener Bevölkerung. Verbreitung des akuten Myokardinfarkts In verschiedenen Ländern(z. B. Deutschland, Schweiz) gibt es seit langem Herzinfarktregister, die Aufschluss über die Inzidenz des Myokardinfarkts so­ wie über das Verhältnis zwischen überlebten und töd­ lichen Myokardinfarkten geben. In Wien stehen Daten zur Prävalenz des Myokardinfarktes nur aufgrund von (eigenen) Angaben in Gesundheitssurveys zur Verfü­ gung. Männer erleiden insgesamt häufiger Herzinfarkte als Frauen. So gaben im Mikrozensus 1999 von den in Pri­ vathaushalten lebenden Personen in Wien 0,4 Prozent der Männer und 0,2 Prozent der Frauen Herzinfarkt an, 54 wobei der Anteil der Betroffenen im Alter zwi­ schen 60 und 74 Jahren auf 2,2 Prozent bei den Män­ nern und 0,6 Prozent bei den Frauen steigt. Grafik 5.02: Prävalenz von Herzinfarkt in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) 2,5 2,2 Männer Frauen 2,0 Männer gesamt Frauen gesamt 1,5 Prozent 1,0 0,5 0,0 0,0 0,0 bis 29 0,3 0,0 30–44 0,3 0,1 45–59 Alter 0,9 0,9 0,6 60–74 75+ Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. 52 Mens’s Health Review(1996); zitiert nach Stadt Wien(1999), Wiener Männergesundheitsbericht, S. 102. 53 Stadt Wien(2002), Mikrozensus 1999, S. 50 ff. 54 Im Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001 gaben(von der Bevölkerung ab 16 Jahren) 1,9 Prozent der Männer und 2,8 Prozent der Frauen Herzinfarkt bzw. Angina pectoris an. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 109 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems Am häufigsten betroffen sind Männer und Frauen mit Pflichtschulbildung. Relativ häufig sind Herzinfarkte aber auch bei Männern mit berufsbildender mittlerer Schule sowie mit Universitäts- bzw. Hochschulab­ schluss. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf die Tatsache, dass bei letzteren der Berufsstress(sei es in Form starken Zeitdrucks bei Hochschulabsolventen oder in Form von Konflikten am Arbeitsplatz bei Ab­ solventen berufsbildender mittlerer Schulen) eine ver­ gleichsweise große Rolle spielt. 55 Grafik 5.03: Prävalenz von Herzinfarkt in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 30 Jahre, Privathaushalte, in Prozent) 1,6 1,4 1,4 1,2 Männer Frauen Prozent 1,0 0,8 0,7 0,6 0,4 0,2 0,0 Pflicht­ schule 0,9 0,5 0,4 0,3 0,1 0,0 Lehre BMS AHS höchste Schulbildung 0,0 0,0 BHS 0,7 0,0 Hochschule Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Prävention Zur Verringerung des akuten Myokardinfarkts und sei­ ner Folgen sind sowohl Primär- als auch Sekundärprä­ vention wichtig. Eigenverantwortliches Handeln kann wesentlich zur Vorbeugung der koronaren Herzkrank­ heit und damit von Herzinfarkt beitragen. Im Vorder­ grund steht im Bereich der Prävention die Änderung des Lebensstils. Die Beseitigung bzw. Reduktion beeinfluss­ barer Risikofaktoren, wie vor allem Nichtrauchen, ab­ wechslungsreiches und fettreduziertes Essen, Gewichts­ reduktion, regelmäßige Kontrolle des Blutdrucks, Be­ handlung von Bluthochdruck, körperliche Aktivität (Sport zweimal pro Woche je eine halbe Stunde), geziel­ te Stressbewältigung und Pflege sozialer Kontakte(vor allem Pflege von Freundschaften) tragen zur Senkung des Herzinfarktrisikos bei. Durch Gewichtsreduktion lassen sich positive Effekte auf Lipidstoffwechsel und Blutdruck erzielen. Auch konsequente medikamentöse Interventionen helfen, Todesfälle aufgrund kardiovas­ kulärer Ursachen zu verringern. Stationäre Aufenthalte Die koronare Herzkrankheit und der akute Myokardin­ farkt spielen eine bedeutende Rolle im Bereich der sta­ tionären medizinischen Versorgung. Was jedoch den Myokardinfarkt betrifft, ist anzumerken, dass nur ein Teil der InfarktpatientInnen das Krankenhaus lebend erreicht. So etwa ereignen sich bei den Männern ca. zwei Drittel aller durch Herzinfarkt bedingten Todes­ fälle außerhalb des Spitals. 56 Im Jahr 2000 wurden für die Wohnbevölkerung Wiens 2.436 stationäre Aufenthalte(Männer 1.368, Frauen 1.068) mit der Hauptdiagnose akuter Myokardinfarkt verzeichnet, das sind 0,5 Prozent der stationären Auf­ enthalte bzw. 15,8 Prozent der aufgrund ischämischer Herzkrankheiten stationär Behandelten. Für in Öster­ reich wohnhafte Personen wurden 12.357 stationäre Aufenthalte(Männer 7.239, Frauen 5.118) aufgrund von akutem Myokardinfarkt verbucht. Damit waren in Wien pro 100.000 Bevölkerung 179,0 stationäre Auf­ 55 Stadt Wien(2002), Mikrozensus 1999. 56 Stadt Wien(1999), Wiener Männergesundheitsbericht, S.103. 110 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems enthalte von Männern und 126,5 von Frauen aufgrund von akutem Myokardinfarkt zu verzeichnen. Für die Wohnbevölkerung Österreichs war die rohe Rate der stationären Aufenthalte bei den Männern tendenziell höher(183,7 pro 100.000), bei den Frauen hingegen et­ was niedriger(122,8 pro 100.000). Die standardisierte Rate der stationären Aufnahmen aufgrund des akuten Myokardinfarkts war in Wien (ebenso wie im gesamten Bundesgebiet) im letzten Jahrzehnt bei den Männern rückläufig. Bei den Frauen ist es zwischen 1990 und 1995 zwar zu einem leichten Rückgang der stationären Aufenthalte gekommen, seit­ her ist jedoch ein leichtes Ansteigen der Aufnahmera­ ten zu beobachten. Grafik 5.04: Stationäre Aufenthalte aufgrund von akutem Myokardinfarkt(ICD-9<410>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen nach Geschlecht 1990, 1995, 2000(standardisierte Raten pro 100.000) standardisierte Rate pro 100.00 200,0 150,0 100,0 50,0 185,2 162,7 69,7 60,5 138,2 134,2 49,9 49,5 133,8 129,1 55,2 52,2 Wien/Männer Österreich/Männer Wien/Frauen Österreich/Frauen 0,0 1990 1995 2000 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Dieser Rückgang lässt sich zum Teil mit der sinkenden Hospitalisierungsrate aufgrund von Reinfarkten(d. h. erneuten Infarkten) erklären. 57 47,7 Prozent der in den österreichischen Krankenan­ stalten wegen eines akuten Myokardinfarkts stationär behandelten Männer und 18,4 Prozent der Frauen wa­ ren unter 65 Jahre. Die durchschnittliche Aufenthalts­ dauer betrug bei den Männern 16,4, bei den Frauen 21,1 Tage. 58 17,6 Prozent der in Österreichischen Kran­ kenanstalten wegen eines Herzinfarkts stationär Aufge­ nommenen verstarben, wobei die Sterblichkeit bei den Männern(mit 13,9 Prozent) deutlich niedriger war als bei den Frauen(23,0 Prozent). Letzteres steht im Ein­ klang mit aus Infarktregistern für Westdeutschland hochgerechneten Daten, die zeigen, dass die 28-Tages­ Sterblichkeit bei Frauen(insbesondere jüngeren Al­ ters 59 ) deutlich höher als bei Männern ist. Akutbehandlung des Myokardinfarkts Die Prognose beim Herzinfarkt hängt wesentlich von der Zeitspanne zwischen dem Auftreten der ersten In­ farktbeschwerden und dem Beginn der kardiologi­ schen Behandlung ab. Fortschritte im Bereich der in­ terventionellen Kardiologie und der antithromboti­ schen Therapie haben die Interventionsmöglichkeiten wesentlich verbessert. Moderne Operationstechniken ermöglichen eine Optimierung der herzchirurgischen Maßnahmen. Entsprechend ist auch die durchschnittli­ che Aufenthaltsdauer nach Herzinfarkt, nach BypassOperation und nach PTCA(perkutane transluminale 57 Stadt Wien(1999), Wiener Männergesundheitsbericht, S. 102. 58 Statistik Austria(2002), S. 197. 59 Stadt Wien(1999), Wiener Männergesundheitsbericht, S. 103. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 111 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems Angioplastie) deutlich gesunken. Die Verfeinerung und Erweiterung der invasiven kardiologischen Interventi­ onstechniken trägt zur Reduzierung der herzchirurgi­ schen Eingriffe bei. Komplikationen nach überlebtem Infarkt Der überlebte Herzinfarkt bringt verschiedene Kompli­ kationen mit sich. Die irreversible Schädigung des Herzmuskels führt zu verminderter Auswurfleistung des Herzens. Der Grad dieser Einschränkung ist für den weiteren Verlauf entscheidend. Rhythmusstörungen (aufgrund einer erhöhten elektrischen Instabilität des Reizleitungssystems) sind eine zusätzliche Gefahren­ quelle. Langfristig kann sich eine Herzmuskelinsuffizi­ enz ausbilden. Dabei ist die Pumpleistung des Herzens so schwach, dass es zu keiner ausreichenden Blutver­ sorgung des Organismus und damit zum Abbau der körperlichen Leistungsfähigkeit, zu Müdigkeit und Atemnot kommt. Bei jedem zehnten Patienten entwi­ ckelt sich eine Herzinsuffizenz, bei jedem vierten kann dies Anlass zu einer Bypass-Operation sein. In gravie­ renden Fällen ist eine Herztransplantation erforderlich. Die Sterblichkeit ist relativ hoch. 60 Ergebnissen aus Deutschland zufolge liegt die Wahr­ scheinlichkeit eines erneuten Infarkts im ersten halben Jahr bei rund fünf Prozent. Nach dieser Zeitspanne nimmt das Risiko deutlich ab. Um einen Reinfarkt zu vermeiden, müssen – abgesehen von der lebenslangen medikamentösen Behandlung – vor allem die beseitig­ baren Risikofaktoren ausgeschlossen werden. Rund 40 Prozent der PatientInnen klagen bereits im ersten hal­ ben Jahr nach dem Infarkt erneut über einschlägige Be­ schwerden. Ein Fünftel der Patienten leidet unter einer Postinfarktdepression, welche nicht nur die Lebens­ qualität mindert, sondern auch den somatischen Ver­ lauf negativ beeinflusst. 61 Rehabilitation Eine unmittelbar einsetzende Rehabilitation kann er­ heblich zur Verkürzung der Gesamtbehandlungszeit beitragen. Wichtig ist, dass sich rehabilitative Maßnah­ men an den Bedürfnissen der PatientInnen orientieren. Die Rehabilitation umfasst somatische, psychosoziale, sozialmedizinische und edukative Aspekte und erfor­ dert die Zusammenarbeit verschiedener Professionen. Individualisierung und Flexibilisierung der Rehabilita­ tion tragen zur Reduktion der Gesamtbehandlungszeit bei. Ziele der Rehabilitation sind die Senkung der Morta­ lität und des kardiovaskulären Risikoprofils sowie die Verhinderung von Restenosen. Im Vordergrund steht die Krankheitsbewältigung, die Verbesserung der Le­ bensqualität und, abhängig vom Alter der PatientIn­ nen, die berufliche Wiedereingliederung. Dabei ist eine den individuellen Therapie- und Rehabilitationszielen angepasste Rehabilitationsdauer einer generellen Ver­ kürzung der Verweildauern vorzuziehen. Wichtig ist auch die Kooperation zwischen Akut- und Rehabilitati­ onsbereich. Teilstationäre und ambulante Angebote leisten darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zur Ver­ kürzung der stationären Rehabilitation. Eine konsequente, intensive Nachsorge trägt bei Perso­ nen im erwerbsfähigen Alter wesentlich zur Wiederauf­ nahme der beruflichen Tätigkeit bzw. zur Verhinde­ rung vorzeitiger Pensionierung bei. Die Therapie sollte sich am individuellen Bedarf der PatientInnen orientie­ ren. Vorraussetzung für den Rehabilitationserfolg sind eine adäquate Ausbildung des beteiligten Personals ebenso wie die intensive Zusammenarbeit aller am Be­ handlungsprozess Beteiligten. Bewährt haben sich auch ambulante Herzgruppen. Die Teilnahme an sol­ chen Gruppen über einen längeren Zeitraum hinweg vermag die Lebenserwartung deutlich zu erhöhen. 62 Mortalität Im Jahr 2001 sind in Wien 1.964 Personen(Männer 1.007, Frauen 957) an akutem Myokardinfarkt gestor­ ben. Das sind 11,2 Prozent der Verstorbenen bzw. 21,4 Prozent der an Herz-Kreislauf-Erkrankungen Verstor­ benen. Dies entspricht einer rohen Rate(pro 100.000) von 131,5 Sterbefällen aufgrund eines Herzinfarkts bei Männern und 113,6 bei Frauen. In den letzten Jahrzehnten ist die Mortalität infolge des akuten Myokardinfarkts deutlich gesunken. Als Grün­ de dafür werden das Greifen der Primär- und Sekun­ 60 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 162. 61 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 162. 62 KAROFF(2000), S. 438. 112 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems därprävention, Verbesserungen der Notfall- und Inten­ sivmedizin(Verbesserung der Akutversorgung des Myokardinfarkts, Fortschritte der Kardiochirurgie und der invasiven Kardiologie) genannt. Es wird vermutet, dass insbesondere die verbesserte Primärprävention (zunehmendes Gesundheitsbewusstsein, Bekämpfung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhte Cho­ lesterinwerte, etc.) zur Verringerung des Schweregrads der Krankheit und somit auch der Letalitätsrate geführt hat. 63 Ausgehend von einem höheren Niveau war bei den Männern der Rückgang der Mortalität wesentlich ausgeprägter als bei den Frauen. Bei den Wiener Frau­ en ist jedoch neuerdings ein Ansteigen der Mortalität zu beobachten, welcher möglicherweise auf den star­ ken Anstieg des Anteils der Raucherinnen zurückzu­ führen ist. Grafik 5.05: Sterblichkeit an akutem Myokardinfarkt(ICD-9<410>) in Wien und Österreich 1980–2001 nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 180,0 160,0 164,5 140,0 120,0 129,9 100,0 80,0 64,4 60,0 40,0 51,9 20,0 0,0 1980 152,7 123,8 56,0 48,8 1985 140,0 102,7 54,2 42,6 1990 123,1 89,2 50,4 37,7 1995 92,4 90,3 74,1 69,3 37,1 39,9 31,6 30,4 2000 2001 Wien/Männer Österreich/Männer Wien/Frauen Österreich/Frauen * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Langzeitstudien, welche Änderungen im Bereich der Risikofaktoren für koronare Herzkrankheit, Inzidenz, Schweregrad der Erkrankungen und Letalität berück­ sichtigen, könnten hier wichtige Aufschlüsse liefern. Wien weist im Vergleich zum gesamten Bundesgebiet eine höhere Sterblichkeit an Herzinfarkten auf. Im Jahr 2001 lag die altersstandardisierte Sterblichkeit in Wien bei beiden Geschlechtern um ca. 30 Prozent über dem österreichischen Durchschnitt(Männer 30,3 Prozent, Frauen 31,3 Prozent). Handlungsbedarf Anstrengungen der Gesundheitspolitik wären primär auf flächendeckende präventive und kurative Maßnahmen zu richten, welche die Risikofaktoren für die koronare Herzkrankheit verringern und so dazu beitragen, das Krankheitsbild einzudämmen. Die Prävention von Herz­ Kreislauf-Erkrankungen ist einer der Schwerpunkte des Wiener Gesundheitsförderungsprogramms 2001. 64 Im Jahr 2001 gab Gesundheitsstadträtin Prim. Dr. Elisabeth PITTERMANN-HÖCKER im Rahmen eines Herz-InfoTages für die Wiener Bevölkerung den Startschuss für das mehrjährige Programm des Gesundheits- und Sozi­ alwesens„Ein Herz für Wien“. Ziel dieses Programms ist es, die Prävalenz der Risikofaktoren für Herz-KreislaufErkrankungen durch Lebensstiloptimierung der Bevöl­ kerung zu reduzieren. Dieses Programm umfasst eine Reihe von Projekten, wie Herzenquete und Herzskrip­ tum, Herz- und Seele-Enquete, Congress of the European Society of Cardiology, Herz-Info-Tage, Herzbroschüren, „Herz für Wien“-Messestand,„Herz für Wien“-Home­ page, Herzbox in Wiener Apotheken, Walking miles, 63 The Aric investigators(1990); zitiert nach Stadt Wien(1999), Wiener Männergesundheitsbericht, S.102. 64 Vgl. dazu Stadt Wien(2003), Lebensstile in Wien, Exkurs 2: Gesundheitsförderungsprogramm„Ein Herz für Wien“, S. 263–269. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 113 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems Stadtwanderclub, Heart Market und Heart Cooking, Herzkochbuch,„Wien isst gesund“, Herzspiel, Blut­ druckmessen in der Leopoldstadt, Herzinfo im Super­ markt, Altern mit Hirn und Herz, Blutdruckprojekt am Arbeitsplatz. Konkretes Ziel dieses auf vier Jahre ange­ legten Programms ist es, das Bewusstsein für diese Pro­ blematik zu erhöhen und zu einem gesünderen Lebens­ stil innerhalb der Bevölkerung beizutragen. 65 Besonders zu berücksichtigen im Rahmen von Präven­ tionsprogrammen sind Gruppen mit steigendem Risi­ ko, wie etwa Frauen im jüngeren Erwachsenenalter. Auch eine verbesserte Früherkennung und Therapie von HochrisikopatientInnen sowie die Verringerung der Zeitspanne zwischen Krankheitsbeginn und Be­ handlung trägt zur Senkung der Sterblichkeit bei. 65 Vgl. Stadt Wien(2003), Lebenserwartung und Mortalität in Wien, S. 206. Eine detaillierte Darstellung der einzelnen Programme ist dem Bericht„Lebensstile in Wien“, hrsg. von der Stadt Wien(2003), zu entnehmen. 114 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems 5.1.2 Zerebrovaskuläre Erkrankungen(Schlaganfall) Zusammenfassung Schlaganfälle sind insofern von erheblicher ge­ sundheitspolitischer Bedeutung als sie, abgesehen von letalen Ausgängen, zu mehr oder weniger schweren Beeinträchtigungen führen können und in vielen Fällen Pflegebedürftigkeit nach sich zie­ hen. International wird die Prävalenz von Schlaganfäl­ len pro 100.000 auf etwa 500 bis 800 Betroffene ge­ schätzt. Der Mikrozensus weist für Wien(bezogen auf die in Privathaushalten lebende Bevölkerung) vor allem bei den Frauen eine deutlich niedrigere Prävalenz aus. Allerdings finden sich in Wien viele ältere Schlaganfallpatientinnen mangels familiärer Betreuung in Heimen. Im Jahr 2000 waren 2,6 Prozent der stationären Aufenthalte der Wohnbevölkerung Wiens durch zerebrovaskuläre Erkrankungen bedingt. Stationä­ re Aufenthalte mit der Hauptdiagnose zerebrovas­ kuläre Erkrankungen zeigen dabei eine steigende Tendenz. Hingegen ist die Sterblichkeit aufgrund zerebrovaskulärer Erkrankungen rückläufig. Män­ ner haben jedoch bei Überleben der Akutphase ei­ nes Schlaganfalles eine nach wie vor schlechtere Prognose als Frauen. Aufgrund der zu erwartenden demographischen Entwicklung ist mit einer weiteren Zunahme von zerebrovaskulären Erkrankungen und Schlaganfäl­ len zu rechnen. Prävention zur Verhinderung von Schlaganfällen durch Ausschaltung von Risikofak­ toren sind ebenso bedeutsam wie Maßnahmen der Sekundärprävention und zur Rehabilitation von SchlaganfallpatientInnen. Besonders bewährt ha­ ben sich in diesem Zusammenhang die auf Schlag­ anfallrehabilitation spezialisierten Stroke-Units. Solche Betten stehen derzeit in Wien bereits in ver­ schiedenen Spitälern zur Verfügung. Bis zum Jahr 2005 ist ein weiterer Ausbau geplant. Summary: Cerebrovascular diseases (stroke) Strokes play a considerable role in public health policy, as they can- apart from their potentially le­ thal outcome – lead to mild or severe disabilities and patients often require nursing care. Internationally, the prevalence of strokes is estimat­ ed at 500 to 800 per 100,000 persons. The Mikroz­ ensus data for Vienna(population living in private households) indicate a significantly lower preva­ lence, especially for women. However, many elderly stroke patients in Vienna live in nursing homes be­ cause they have no family members who could pro­ vide the necessary care. In 2000, 2.6 percent of the inpatient hospital stays of Viennese residents were due to cerebrovascular diseases. Inpatient hospital stays with cerebrovas­ cular diseases as primary diagnosis are on the in­ crease, while cerebrovascular disease mortality is declining. Men still have a worse prognosis than women after surviving the acute stage of a stroke. Due to the anticipated demographic developments, a further increase in cerebrovascular diseases and strokes is to be expected. Stroke prevention meas­ ures such as the reduction of risk factors are equally important as secondary prevention and rehabilita­ tion measures for stroke patients. In this context, the“stroke units” specialised on stroke rehabilita­ tion have proved valuable. Currently, several hospi­ tals in Vienna already have such units and their number is to be increased by 2005. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 115 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems Einleitung Die bedeutendste klinische Manifestation der zerebro­ vaskulären Erkrankungen, d. h. der gefäßbedingten Krankheiten des Zentralnervensystems, ist der Schlag­ anfall(zerebrovaskulärer Insult, Apoplex). Es handelt sich dabei um eine plötzliche(„schlagartige“) Durch­ blutungsstörung einer Hirnregion, die je nach Umfang und Lokalisation zu mehr oder weniger schweren Be­ einträchtigungen führt. Grund des Schlaganfalls ist in rund 80 Prozent der Fälle eine Durchblutungsminde­ rung(Ischämie). Wichtigste Ursachen sind arteriosklerotische Veren­ gungen der großen hirnversorgenden Arterien, ver­ schleppte Blutgerinsel am Herzen(kardiale Embolie) und Störungen der kleinen Blutgefäße im Gehirn(Mi­ kroangiopathie). In rund 20 Prozent der Fälle basiert die gestörte Hirndurchblutung auf einer Blutung im Gehirn bzw. in Hohlräumen im Gehirn. Wichtige Symptome des Schlaganfalls sind Läh­ mungserscheinungen an Gliedmaßen, meist einer Kör­ perhälfte, zum Teil auch auf beiden. Hinzu können Sprach- oder Sprechstörungen, Einschränkungen des Gesichtsfeldes, Gefühls- und Schluckstörungen, Schwindel und andere Ausfälle kommen. In schweren Fällen kommt es zu Bewusstseinsstörungen. Der Erfolg der Schlaganfallbehandlung hängt im We­ sentlichen von Ausmaß und Ort der Hirnschädigung ab. Die Überlebenschancen sowie die Wahrscheinlich­ keit, Hirn- und Folgeschäden gering zu halten, steigen, je früher die Behandlung beginnt. Risikofaktoren Der wichtigste Risikofaktor für Schlaganfälle ist Blut­ hochdruck . Gefährdet sind außerdem DiabetikerIn­ nen, RaucherInnen und Personen mit übermäßigem Alkoholkonsum. Ebenso von Bedeutung sind erhöhte Cholesterinwerte, wenngleich diese eine geringere Rol­ le als beim Herzinfarkt spielen. Mit einem erhöhten Ri­ siko verbunden sind des Weiteren hohe Fibrinogenund Homozysteinspiegel, hohe Leukozytenzahlen, Übergewicht und Bewegungsmangel. Auch Infektio­ nen, insbesondere chronische, werden als Risikofakto­ ren diskutiert, ihr Einfluss ist aber bislang nicht gesi­ chert. Das Risiko steigt bei gleichzeitigem Vorhan­ densein mehrerer der genannten Faktoren. Verbreitung Die Anzahl der Menschen, die jährlich einen Schlagan­ fall erleiden(Inzidenz), kann nur geschätzt werden. Trotz verbesserter Therapie der Hypertonie(Bluthoch­ druck) ist aufgrund des steigenden Anteils älterer Men­ schen mit einer Zunahme der Zahl der Betroffenen zu rechnen. Die Prävalenz(Zahl der mit den Folgen eines Schlagan­ falls lebenden Menschen) schwankt in internationalen Studien zwischen etwa 500 und 800 je 100.000 Einwoh­ ner. 66 Im Mikrozensus 1999 gaben in Wien von der in Privathaushalten lebenden Bevölkerung 0,5 Prozent der Männer und 0,2 Prozent der Frauen Hirngefäßer­ krankungen(Schlaganfall) an. Österreichweit waren 0,5 Prozent der Männer und 0,4 Prozent der Frauen be­ troffen. Die im internationalen Vergleich(in Wien und Österreich) etwas niedrigere Rate(vor allem der Frau­ en) erklärt sich aufgrund der dem Mikrozensus zugrun­ deliegenden Grundgesamtheit(Personen in Privathaus­ halten). Nicht selten landen SchlaganfallpatientInnen (vor allem ältere, weiblichen Geschlechts) in den Pflege­ heimen. Während bei den Männern meist die Partnerin die Pflege und Betreuung übernimmt, sind Frauen bei starken Beeinträchtigungen häufig zur Übersiedelung ins Pflegeheim gezwungen. In Wien ist zudem der An­ teil der PflegeheimbewohnerInnen überdurchschnitt­ lich hoch. Hirngefäßerkrankungen(Schlaganfälle) betreffen vor allem ältere Menschen. Von den 75-Jäh­ rigen und Älteren gaben von den in Privathaushalten Lebenden 4,4 Prozent der Männer und 0,8 Prozent der Frauen Hirngefäßerkrankungen an. 66 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 166. 116 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems Grafik 5.06: Hirngefäßerkrankungen(Schlaganfall) in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) Prozent 5,0 4,5 4,0 3,5 3,0 2,5 2,0 1,5 1,0 0,5 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,1 0,1 0–14 15–29 30–44 0,9 0,8 0,8 0,0 45–59 60–74 4,4 0,8 75+ Männer Frauen Österreich/Männer Österreich/Frauen Alter Quelle: Mikrozensus 1999. Sowohl die Risikofaktoren für Hirngefäßerkrankungen als auch deren Verbreitung sind sozial ungleich verteilt. Niedrig gebildete Personen erleiden häufiger einen Schlaganfall als höher gebildete. Am häufigsten betroffen sind Männer mit Lehrabschluss und Frauen mit Pflichtschulbildung.(In diesem Zusammenhang ist jedoch zu bedenken, dass ältere Personen generell ein niedrigeres Bildungsniveau haben.) Grafik 5.07: Hirngefäßerkrankungen(Schlaganfall) in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 30 Jahren, in Prozent) 1,4 1,3 1,2 1,0 1,0 Männer Frauen Prozent 0,8 0,7 0,6 0,4 0,2 0,0 0,8 0,4 0,2 0,6 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 Pflicht­ schule Lehre BMS AHS BHS Hoch­ schule höchste abgeschlossene Bildung Quelle: Mikrozensus 1999. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 117 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems Stationäre Aufenthalte Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung werden nur 90 Prozent aller SchlaganfallpatientInnen im Kran­ kenhaus behandelt, der Rest zu Hause oder in Pfleghei­ men. Für die Wohnbevölkerung Wiens wurden im Jahr 2000 13.731 Spitalsaufenthalte mit der Hauptdiagnose zerebrovaskuläre Krankheiten(Männer 5.938, Frauen 7.793) verzeichnet. Das sind 2,9 Prozent der stationä­ ren Aufenthalte. Pro 100.000 waren 777,1 stationäre Aufenthalte von in Wien wohnhaften Männern und 922,8 von in Wien wohnhaften Frauen auf zerebrovas­ kuläre Erkrankungen zurückzuführen. Während sowohl absolut als auch bezogen auf die Be­ völkerung mehr Frauen als Männer wegen zerebro­ vaskulärer Erkrankungen stationär behandelt wer­ den, kehrt sich aufgrund der Altersstandardisierung das Geschlechtsverhältnis um. Dies lässt sich folgen­ dermaßen erklären: Wie die Altersaufgliederung der stationär behandelten Wiener und Wienerinnen zeigt, spielt der Alterseinfluss für stationäre Aufenthalte aufgrund zerebrovaskulärer Erkrankungen bei den Frauen eine wesentlich größere Rolle als bei den Män­ nern. Oder anders ausgedrückt: Die wegen zerebro­ vaskulärer Erkrankungen stationär behandelten Frauen sind im Vergleich zu den Männern durchwegs älter. Schaltet man den aus dem unterschiedlichen Al­ tersaufbau der Geschlechter resultierenden Einfluss mittels Altersstandardisierung aus, so kehrt sich hier das Geschlechterverhältnis um. Demzufolge sind(al­ tersstrukturbereinigt) Männer häufiger aufgrund ze­ rebrovaskulärer Erkrankungen in stationärer Be­ handlung als Frauen. Grafik 5.08: Stationäre Aufenthalte mit der Hauptdiagnose zerebrovaskuläre Erkrankungen(ICD-9/BMAGS <430–438>) von in Wien wohnhaften Personen nach Alter und Geschlecht(in Prozent) Männer 0,3% 12,1% 0,6% 3,8% 9,8% 25,2% 22,0% 26,1% bis 24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ 0,4% 25,9% Frauen 1,3% 4,2% 6,5% 8,9% 35,1% 17,8% Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Die altersstandardisierte Rate stationärer Aufenthalte aufgrund zerebrovaskulärer Erkrankungen ist(sowohl für die Wohnbevölkerung Wiens als auch Österreichs) in den 90er Jahren bei beiden Geschlechtern deutlich gestiegen. Im Jahr 2000 war die standardisierte Rate der stationären Aufenthalte aufgrund zerebrovaskulä­ rer Erkrankungen in der Wohnbevölkerung Wiens bei beiden Geschlechtern sogar tendenziell niedriger als je­ ne der Wohnbevölkerung Österreichs. 118 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems standardisierte Raten pro 100.000 Grafik 5.09: Stationäre Aufenthalte aufgrund zerebrovaskulärer Krankheiten(ICD-9/BMAGS<430–438>) von in Wien und in Österreich wohnhaften Personen 1990, 1995 und 2000(standardisierte Raten* pro 100.000) 600,0 500,0 400,0 300,0 200,0 453,3 441,2 316,2 290,1 485,0 477,4 332,1 332,4 560,9 549,9 411,7 407,3 Österreich/Männer Wien/Männer Österreich/Frauen Wien/Frauen 100,0 0,0 1990 1995 2000 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer für zerebro­ vaskuläre Krankheiten ist im letzten Jahrzehnt deutlich gesunken. Im Jahr 2000 betrug sie in den Wiener Kran­ kenanstalten bei Männern 15,6 Tage. Frauen mit dieser Hauptdiagnose lagen durchschnittlich länger im Kran­ kenhaus, ihre Aufenthaltsdauer betrug 26,9 Tage. In der langen Aufenthaltsdauer der Frauen widerspiegelt sich ihre ungünstige Versorgungssituation. 7,6 Prozent der mit dieser Hauptdiagnose in Wien stationär Behan­ delten sind im Krankenhaus verstorben(Männer 6,3 Prozent; Frauen 8,6 Prozent). 67 Folgen Die durch Schlaganfälle hervorgerufenen Schädigun­ gen bilden sich meist nicht vollständig zurück. Nicht selten führen Lähmungen und Sprachstörungen zur Aufgabe der Erwerbstätigkeit und/oder zu Hilfs- bzw. Pflegebedürftigkeit. Funktionseinbußen lassen sich in der Regel zumindest teilweise beheben oder kompen­ sieren. Erforderlich sind krankengymnastische, ergotherapeutische und bei Sprachstörungen auch logopä­ dische Behandlung. Die therapeutischen Maßnahmen müssen so früh wie möglich, also noch im Kranken­ haus, eingeleitet werden. Aber auch nach der Entlas­ sung aus dem Krankenhaus bzw. der Rehabilitati­ onseinrichtung brauchen viele PatientInnen weiterhin ambulante Therapie und Unterstützung. In der Regel bedürfen PatientInnen nach einem Schlaganfall mehr­ jährige Betreuung. Können bestimmte Funktionen von PatientInnen nicht wiederhergestellt werden, müssen Wohnung bzw. Arbeitsplatz behindertengerecht gestal­ tet werden. Voraussetzung für den Heilungserfolg ist die aktive Beteiligung der PatientInnen an allen Maß­ nahmen. Behindertenverbände und Selbsthilfegruppen leisten wichtige Unterstützung. Die weitere Lebenser­ wartung von SchlaganfallpatientInnen ist erheblich re­ duziert. Allein wegen der einschneidenden individuel­ len Krankheitsfolgen sind ausreichende Rehabilitati­ onsmaßnahmen besonders wichtig. Mortalität Im Jahr 2001 sind in Wien 1.405 Personen(440 Män­ ner, 965 Frauen) an einer zerebrovaskulären Krankheit verstorben. Das sind 8,3 Prozent der insgesamt im Jahr 2001 Verstorbenen. Auch hier zeigt sich(ähnlich wie bei den stationären Aufenthalten) das Phänomen, dass die rohe Sterberate(Gestorbene pro 100.000) der Frau­ en deutlich über jener der Männer liegt(Männer 57,5, Frauen 114,6 Verstorbene pro 100.000), die Altersstan­ dardisierung jedoch das Gegenteil zutage bringt(Män­ ner 38,2, Frauen 33,3 Verstorbene pro 100.000). Ebenso wie die Sterblichkeit an akutem Myokardin­ farkt ist auch die standardisierte Sterblichkeit an zereb67 Statistik Austria(2002), Jahrbuch der Gesundheitsstatistik, S. 221. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 119 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems rovaskulären Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten in Wien und Österreich(vor allem bei den Männern, ausgehend von einem vergleichsweise hohen Niveau im Jahr 1980) kontinuierlich gesunken. Dies führte zu einer zunehmenden Angleichung der Sterblichkeit der Geschlechter. Männer haben jedoch bei Überleben der Akutphase eines Schlaganfalles nach wie vor eine schlechtere Prognose in Bezug auf Mortalität und Rezi­ divrisiko als Frauen. 68 Grafik 5.10: Sterblichkeit an zerebrovaskulären Erkrankungen(ICD-9<430–438>) in Wien und in Österreich seit 1980(5-Jahresabstände) nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 140,0 120,0 100,0 129,5 121,9 99,5 119,0 104,3 86,2 Österreich/Männer Österreich/Frauen Wien/Männer Wien/Frauen 80,0 91,4 60,0 40,0 90,6 75,1 84,6 64,5 67,5 62,0 59,1 53,0 53,9 49,1 44,5 39,7 39,8 44,2 38,2 34,3 33,3 20,0 0,0 1980 1985 1990 1995 2000 2001 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Handlungsbedarf Aufgrund der demographischen Entwicklung ist mit ei­ ner Zunahme zerebrovaskulärer Erkrankungen bzw. von Schlaganfällen zu rechnen. Die WHO geht davon aus, dass im Jahr 2020 in den entwickelten Ländern bei den Disability-Adjusted Life Years(das ist die Summe aus verlorenen Lebensjahren und Krankheitsjahren) ischämische Herzerkrankungen und Schlaganfälle auf den Plätzen eins und zwei, gefolgt von unipolaren De­ pressionen auf Rang drei, Krebserkrankungen von Tra­ chea, Bronchien und Lunge auf Platz vier und Straßen­ verkehrsunfällen auf Platz fünf stehen werden. 69 Primäre Prävention, Vorsorgeuntersuchungen, Be­ handlung von Risikofaktoren, rechtzeitige Diagnose, Therapie und Rehabilitation können bei konsequenter Durchführung sowohl die Inzidenz des Schlaganfalls verringern als auch seine medizinischen und sozialen Folgen abschwächen. 70 Die wichtigste primärpräventive Maßnahme besteht darin, Bluthochdruck zu erkennen und zu senken. Cho­ lesterinarme Ernährung, Vermeidung von übermäßi­ gem Alkoholkonsum, Verzicht auf das Rauchen, regel­ mäßiges Betreiben von Sport und Normalgewicht tra­ gen zur Vorbeugung von Schlaganfällen bei. Bei Diabe­ tikern bedarf es der regelmäßigen ärztlichen Kontrolle. Besonders wichtig ist es, dass bei Warnsignalen – wie z. B. vorübergehendes Taubheitsgefühl oder Schwäche in Arm oder Bein, Sprachstörungen oder unerklärliche Kopfschmerzen – sofort ein Arzt konsultiert wird. Die Maßnahmen der Sekundärprävention nach einer vorübergehenden Durchblutungsstörung oder einem leichten Schlaganfall hängen von dessen Ursache ab (Medikamente, Operation einer verengten Arterie am Hals). Zusätzliche Verbesserungen sind möglich, wenn PatientInnen mit einer vorübergehenden Durchblu­ tungsstörung oder mit Gefäßveränderungen der hirn­ zuführenden Arterien erfasst und behandelt werden. 68 Zitiert nach Stadt Wien(1999), Wiener Männergesundheitsbericht, S. 106. 69 WHO(1998). 70 BINDER et al.(1990); zitiert nach Stadt Wien(1999), Wiener Männergesundheitsbericht, S. 106. 120 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems Da überwiegend PatientInnen jenseits des 65. Lebens­ jahres von Schlaganfällen betroffen sind, gehört die Be­ handlung von SchlaganfallpatientInnen und deren Re­ habilitation zu den wichtigsten Aufgaben der Geriatrie. Die Rehabilitation von Schlaganfallpatienten sollte schon im Krankenhaus beginnen. Behandlungseinhei­ ten, die speziell auf das Krankheitsbild spezialisiert sind – so genannte„Stroke Units“ – ermöglichen(vor allem in den ersten Tagen) eine intensive Überwachung der Patienten, eine verbesserte Behandlung und eine Vermeidung von Komplikationen bzw. deren frühe Therapie. Besonders bedeutsam ist die in diesen Be­ handlungseinheiten früh einsetzende, optimale thera­ peutische Betreuung. In Stroke Units stehen speziali­ sierte, interdisziplinäre Teams zur raschen und spezifi­ schen Betreuung von SchlaganfallpatientInnen zur Verfügung. Die Vorteile dieser Behandlungseinheiten sind durch Studien eindeutig belegt: Weniger Patien­ tInnen versterben nach Schlaganfällen, es müssen we­ niger in einem Pflegeheim untergebracht werden bzw. können mehr nach Hause entlassen werden. Die Ver­ weildauer im Krankenhaus wird verringert, die Le­ bensqualität der Patienten verbessert sich deutlich. 71 In Wien stehen derzeit Stroke Unit-Betten in verschie­ denen Krankenanstalten(Krankenhaus Lainz, Wilhel­ minenspital, Otto Wagner-Spital(vormals Maria The­ resien-Schlössel), Neurologisches Krankenhaus Rosen­ hügel) zur Verfügung. Ein weiterer Ausbau von Stroke Units kann die Prognose von SchlaganfallpatientInnen deutlich verbessern. Bis zum Jahr 2005 ist für Wien eine Ausweitung auf weitere Krankenanstalten(Allgemei­ nes Krankenhaus, Kaiser-Franz-Josef-Spital, Rudolf­ stiftung, Donauspital, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder) geplant. Wichtig ist, dass ein nahtloser Über­ gang von Krankenhausbehandlung in die stationäre und ambulante Rehabilitation sichergestellt ist. Ein Zu­ sammenwirken der verschiedenen, an einer umfassen­ den Rehabilitation beteiligten Berufsgruppen(ein­ schließlich„Case management“) können nicht nur im stationären, sondern auch im ambulanten Bereich we­ sentlich zu einer Effizienzsteigerung beitragen. 72 71 MEIER-BAUMGARTNER(1991). 72 GRUNDBÖCK et al.(2000). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 121 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) 5.2 Bösartige Neubildungen(Krebs) Zusammenfassung Krebserkrankungen gehören zusammen mit den Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den bedeutend­ sten chronischen Erkrankungen. Laut Eigenanga­ ben sind in Wien ca. 14.000 Personen von Krebs­ erkrankungen betroffen. Pro Jahr ist in Wien zur Zeit mit etwa 7.100 Neuerkrankungen zu rech­ nen, wobei das Erkrankungsrisiko der Männer höher ist als jenes der Frauen. Des Weiteren be­ steht eine deutliche Altersabhängigkeit. Ab einem Lebensalter von 45 Jahren beginnt das Risiko, an einer bösartigen Neubildung zu erkranken, deut­ lich zu steigen. Auch hinsichtlich der Entwicklung der Erkrankungsraten zeigen sich deutliche ge­ schlechtsspezifische Unterschiede. Während sich in den vergangenen Jahrzehnten bei den Männern die altersstrukturbereinigte Rate der Neuerkran­ kungen an Krebs nur geringfügig verändert hat, verlief sie bei den Frauen leicht rückläufig. Im Jahr 2000 war in der Wiener Bevölkerung etwa jeder achte stationäre Aufenthalt durch eine Krebserkrankung bedingt. Wie die Analyse der Tumorstadien bei der Ersterkennung zeigt, wer­ den Krebserkrankungen heute früher erkannt als noch vor einem Jahrzehnt. Früherkennung trägt zusammen mit den effizienteren Behandlungs­ möglichkeiten zur Verbesserung der Heilungs­ chancen bei. Dieser Umstand wirkt sich stati­ stisch auch in vermehrten stationären Aufenthal­ ten aus. Den gestiegenen stationären Aufenthalten auf­ grund von Krebserkrankungen steht jedoch eine sinkende Mortalität gegenüber. Dennoch sind bösartige Neubildungen nach Herz-Kreislauf-Er­ krankungen nach wie vor zweithäufigste Todesur­ sache, wobei bei den Männern die Krebssterblich­ keit deutlich höher ist als bei den Frauen. Männer sterben außerdem häufiger als Frauen an bösarti­ gen Neubildungen„vor der Zeit“. Das heißt, die Zahl der aufgrund der Krebsmortalität potenziell verlorenen Lebensjahre ist bei Männern deut­ lich höher. Summary: Malignant neoplasms(cancer) Together with cardiovascular diseases, the various types of cancer are amongst the most frequent chronic diseases. According to data supplied by re­ spondents, approx. 14,000 persons in Vienna are afflicted with carcinoma. Every year, roughly 7,100 new cases can be expected, with the morbid­ ity risk of men being higher than that of women. Moreover, the incidence of cancer is clearly related to age as well.From age 45 on, the risk of develop­ ing a malignant neoplasm rises markedly. Fur­ thermore, there are noticeable gender-specific dif­ ferences regarding the development of morbidity rates. While the rate of new cases, adjusted for age structure, has changed only marginally over the past decades with regard to men, it has declined slightly in women. In 2000, roughly one in eight inpatient hospital stays of Viennese residents was due to some type of cancer. The analysis of tumour stages at the mo­ ment of initial diagnosis shows that carcinomas are today diagnosed earlier than even one decade ago. Together with more efficient therapy meth­ ods, early diagnosis contributes towards improv­ ing the cure rate. This fact is also statistically re­ flected in the form of increased inpatient hospital stays. The greater number of inpatient hospital stays caused by carcinoma is balanced by a decreasing mortality rate . Still, malignant neoplasms con­ tinue to be the second most frequent cause of deathafter cardiovascular diseases; in this, cancer mortality in men is markedly higher than in wom­ en. Moreover, men tend to die more often prema­ turely of malignant neoplasms than women. This means that the number of potentially productive years of life lost attributable to cancer-related mortality is markedly higher in men. 122 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) Die häufigsten Krebsneuerkrankungen bei den Männern sind(der Rangreihe nach) das Prosta­ takarzinom, der Lungenkrebs, bösartige Neubil­ dungen des Kolorektums(Darmkrebs) und der Harnblase. Bei den Frauen sind der Brustkrebs, bösartige Neubildungen des Kolorektums, Lun­ genkrebs und Gebärmutter(hals)krebs die häufig­ sten Neuerkrankungen. In der Krebssterblichkeit sind bei den Männern (der Reihe nach) Lungenkrebs, das kolorektale Karzinom und Prostatakrebs führend, bei den Frauen Brustkrebs, Lungenkrebs und Kolorektal­ krebs. Amongst new cases, the most frequent malignant neoplasms diagnosed in men are(in ranking or­ der) cancer of the prostate, of the lungs, of the colorectum(intestinal cancer), and of the bladder. In women, cancer of the mammary gland, of the colorectum, of the lungs, of the uterus, and of the cervix are the most frequent malignant neoplasms. With respect to cancer-related mortality , the most frequent causes of death in men are(in rank­ ing order) cancer of the lungs, of the colorectum, and of the prostate; in women, they are cancer of the mammary gland, of the lungs, and of the color­ ectum. Einleitung Bei den bösartigen Neubildungen handelt es sich um ei­ ne heterogene Gruppe von Krankheiten, die durch un­ kontrollierte Vermehrung befallener Zellen charakteri­ siert ist. Ursachen und Verlauf unterscheiden sich je nach Art der Krebserkrankung. In der Regel entstehen Krebserkrankungen durch das Zusammenspiel mehre­ rer Faktoren, wobei exogene(Lebensstil, Umweltfakto­ ren, etc.) und endogene Faktoren(genetische, hormo­ nelle, immunologische, etc.) eine Rolle spielen. Ein großer Teil der Krebserkrankungen in industriellen Ländern ist zumindest teilweise exogenen Faktoren (vor allem dem Lebensstil) zuzuschreiben. Dies bedeu­ tet, dass es im Prinzip möglich wäre, viele Krebserkran­ kungen(durch Beseitigung von Risikofaktoren) zu ver­ hindern. Eine wichtige Rolle unter den vermeidbaren Risikofaktoren spielen das Rauchen und die Ernäh­ rung. Bei der Ernährung muss insbesondere zwischen Faktoren, die zu einem erhöhten Erkrankungsrisiko führen(übermäßige Kalorienzufuhr, hoher Fettkon­ sum, etc.), und protektiven Faktoren(wie Antioxydan­ zien) unterschieden werden. Umweltfaktoren(wie z. B. die Schadstoffbelastung der Luft) mögen zwar eine Rei­ he von anderen Krankheiten verursachen, doch sind sie vermutlich nur für einen geringen Teil der Krebser­ krankungen verantwortlich. Prävalenz In Wien mangelt es(ebenso wie in Österreich) bisher an umfassenden Daten zu Prävalenz, Ursachen und Therapierbarkeit bösartiger Neubildungen. Datenquel­ len zu Krebserkrankungen sind der Wiener Sozial- und Gesundheitssurvey 2001, die Spitalsentlassungs- und Todesursachenstatistik sowie vor allem das Öster­ reichische Krebsregister, das Auskunft über die Inzi­ denz(Neuerkrankungen an Krebs) gibt. Eigenangaben zufolge leiden von der Wiener Bevölke­ rung ab 16 Jahren 1,2 Prozent der Männer und 1,0 Pro­ zent der Frauen an Krebserkrankungen. 73 Dies wären (hochgerechnet) für Wien ca. 14.000 Krebskranke. 74 Bei beiden Geschlechtern besteht eine deutliche Alters­ abhängigkeit, wobei insbesondere ältere Menschen von Krebserkrankungen betroffen sind. Während bei Män­ nern(mit 4,0 Prozent Betroffenen) der Höchststand in der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen ist, liegt das Maximum bei den Frauen(mit 3,8 Prozent Betroffe­ nen) bei den 75-Jährigen und Älteren. 73 Stadt Wien(2001), Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, S. 201. 74 Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Aufgrund des Stichprobenfehlers sowie der Tatsache, dass es sich hier um Selbstangaben von Laien handelt, ist jedoch mit Ungenauigkeiten zu rechnen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 123 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) Grafik 5.11: Krebserkrankungen in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) Alter 75+ 60–74 0,8 45–59 0,4 25–44 0,5 0,1 16–24 0,0 0,0 0,0 1,0 2,8 2,0 2,0 3,0 Prozent 3,8 4,0 Frauen Männer 4,0 5,0 Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Inzidenz Die Krebsneuerkrankungen(Lokalisation und Histolo­ gie) werden vom Österreichischen Krebsregister der Statistik Austria seit Sommer 2002 in der ICD-O(Onko­ logie)-2 kodiert. Dafür musste die gesamte Krebsda­ tenbank von der ICD-9, die bisher für die Kodierung der Lokalisation verwendet wurde, und der ICD-O-1, die für die Kodierung der Histologie verwendet wurde, auf die ICD-O-2 umgestellt werden. Dies wurde mit ei­ nem Programm der IARC(International Agency for Research on Cancer) durchgeführt. Vorteil der ICD-O-2 gegenüber der ICD-9 und ICD-O-1 ist, dass diese Klas­ sifikation eine genauere Zuordnung der Tumore er­ möglicht, da sie wesentlich ausführlicher ist. Um Ver­ gleiche mit den Todesursachendaten oder anderen Morbiditätsdaten durchführen zu können, wird für Auswertungen – ebenfalls mit einem Programm der IARC – die ICD-O-2 auf die ICD-10 umgeschlüsselt. So­ mit liegt nun die gesamte Zeitreihe der Krebsinzidenz (seit 1983) in der ICD-10 vor. Ebenso neu gegenüber der alten Zeitreihe ist, dass nun das Datum der Diagnosesicherung als Inzidenzdatum verwendet wird. Ist dieses nicht verfügbar, wird das Datum des ersten Spitalsaufenthalts oder, bei einem Sterbefall, das Todesdatum als Inzidenzdatum verwen­ det. Bisher wurde das Datum der Spitalsentlassung oder das Todesdatum als Inzidenzdatum genommen. In den letzten Jahren wurden zudem zahlreiche Quali­ tätsverbesserungsprojekte durchgeführt. So zum Bei­ spiel wurde intensiv an der Recherche von DCO(Death Certificate Only)-Fällen gearbeitet, also von Sterbefäl­ len an Krebs, welche zuvor nicht dem Krebsregister ge­ meldet wurden. Eine intensive Zusammenarbeit mit zahlreichen Pathologien erhöhte die Meldefrequenz ebenfalls. Aufgrund dieser Projekte konnte die Qualität der Statistik der Krebserkrankungen weiter verbessert werden. Neuerkrankungen: Im Jahr 2000 sind in Wien(ein­ schließlich DCO-Fälle) 7.087 Personen(3.550 Männer, 3.537 Frauen) neu an Krebs erkrankt(Stand: Septem­ ber 2003). Österreichweit wurden 34.401 Neuerkran­ kungen(Männer 17.830, Frauen 16.571) registiert. 75 Ein Fünftel aller in Österreich gemeldeten Krebsneuer­ krankungen(20,6 Prozent) entfielen auf die Bundes­ hauptstadt. Dies ist unter anderem durch den relativ hohen Anteil älterer Menschen in Wien bedingt. Männer haben ein höheres Risiko an einer bösartigen Neubildung zu erkranken als Frauen. Im Jahr 2000 sind in Wien pro 100.000 464,6 Männer und 418,8 Frauen neu an Krebs erkrankt(rohe Rate). Gemessen an der standardisierten Rate(also unter Ausklammerung von Alterseffekten) war in Wien das Inzidenzrisiko der Männer(mit 341,7 Neuerkrankungen pro 100.000) um mehr als die Hälfte(53,2 Prozent) höher als jenes der 75 Nicht inkludiert sind Personen mit Carcinoma in situ und sonstige bösartige Neubildungen der Haut. 124 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) Frauen(223,1 Neuerkrankungen pro 100.000). Öster­ reichweit war der Abstand zwischen den Geschlechtern etwas geringer. Das Inzidenzrisiko der Männer lag hier um 43,9 Prozent über jenem der Frauen. Vergleicht man die altersstrukturbereinigte Rate der Neuerkrankungen in Wien und Österreich, so lag Wien bei den Männern knapp über dem österreichischen Durchschnitt(334,1), bei den Frauen knapp darunter (232,1). Von Krebserkrankungen betroffen sind(wie betont) vor allem ältere Menschen, bei Kindern ist Krebs ver­ gleichsweise selten. Von den im Jahr 2000 in Wien ge­ meldeten Fällen waren 0,3 Prozent der männlichen und 0,2 Prozent der weiblichen Erkrankten unter 15 Jahre alt. 83,5 Prozent der neu erkrankten Männer und 82,5 Prozent der neu erkrankten Frauen waren 55 Jahre oder älter. 27,8 Prozent der betroffenen Männer und 43,3 Prozent der betroffenen Frauen hatten ein Lebensalter von 75 oder mehr Jahren. Grafik 5.12: Krebsneuerkrankungen(alle Lokalisationen) in Wien im Jahr 2000 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) Männer 0,3% 0,3% 7,0% 20,8% 1,1% 3,1% 11,6% 29,4% 26,3% 0–14 15–24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–85 85+ Frauen 0,4% 0,2% 14,3% 1,5% 5,0% 10,4% 29,0% 18,3% 20,9% Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Im Alter von 45 Jahren beginnt das Risiko, an Krebs zu erkranken, deutlich zu steigen. Während im Jahr 2000 von den 25- bis 34-Jährigen(altersstandardisiert) 27,7 Männer und 36,5 Frauen pro 100.000 neu an Krebs er­ krankt sind, waren es von den 45- bis 54-Jährigen be­ reits 392,0 Männer und 340,9 Frauen. Die Neuerkran­ kungsrate der 65- bis 74-Jährigen erreichte bei den Männern einen Wert von 2.039,3, bei den Frauen einen Wert von 994,2, und stieg bei den 85-jährigen und älte­ ren Männern auf 2.870,5, bei den Frauen dieses Alters auf 1.768,2. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 125 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) Grafik 5.13: Krebsneuerkrankungen in Wien 2000 nach Alter und Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 85+ 75–84 65–74 994,2 55–64 45–45 35–44 25–34 bis 24 643,6 1.021,3 340,9 392,0 135,7 80,8 36,5 27,7 9,3 10,7 0,0 1000,0 1.768,2 1.639,3 2.039,3 2000,0 Alter(Jahre) 2.870,5 2.671,8 3000,0 Frauen Männer 4000,0 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Während im Lebensalter von 25 bis 44 Jahren die Neu­ erkrankungsrate der Frauen etwas über jener der Män­ ner liegt, erkranken ab dem Alter von 45 Jahren Män­ ner häufiger an Krebs als Frauen. Entwicklung der Inzidenz In der alle Lokalisationen umfassenden Krebsinzidenz der Männer gab es in den letzten Jahrzehnten nur ge­ ringfügige Veränderungen. Bundesweit war bis 1997 ein leichter Anstieg der Neuerkrankungen zu verzeich­ nen, in Wien verlief die Entwicklung bei den Männern relativ gleichförmig. 1997 stieg in Wien die Inzidenz der Männer, seither ist sie aber sowohl in Österreich als auch in Wien rückläufig. 76 Während altersstrukturbe­ reinigt die Krebsinzidenz in Wien bis Anfang der 90er Jahre über dem Österreich-Durchschnitt lag, ist es seit­ her zu einer Angleichung gekommen, erst neuerdings liegt die altersstrukturbereinigte Rate in Wien wieder­ um geringfügig über dem österreichischen Durch­ schnitt. Bei den Frauen war die Krebsinzidenz sowohl in Wien als auch im gesamten Bundesgebiet leicht rückläufig. Während bis 1991 die Inzidenzrate in Wien höher war als im gesamten Bundesgebiet, liegt sie seither(mit Ausnahme des Jahres 1997) knapp darunter. 76 Bei den Angaben zu den letzten drei Jahren handelt es sich um vorläufige Zahlen. 126 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) standardisierte Raten pro 100.000 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 Grafik 5.14: Entwicklung der Krebsinzidenz(alle Lokalisationen)* in Wien und Österreich seit 1987 nach Geschlecht(standardisierte Raten** pro 100.000) 400,0 350,0 300,0 250,0 200,0 150,0 100,0 50,0 0 Wien/Männer Österreich/Männer Österreich/Frauen Wien/Frauen * Alle Lokalisationen inklusive DCO-Fälle, ohne Carcinoma in situ-Fälle und ab 1994 ohne nicht melanotische Hautkrebse. ** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Der Altersgruppenvergleich zeigt, dass die(alters­ standardisierte) Krebsinzidenz in Wien seit 1990 bei jüngeren Personen und Personen mittleren Alters(und zwar bei Männern bis 44 Jahre, bei Frauen bis 54 Jahre) ebenso wie bei Personen im hohen Alter(und zwar bei Männern ab 75 Jahren, bei Frauen ab 65 Jahren) rück­ läufig war.(Bei den 75- bis 84-jährigen Frauen stag­ nierte die Inzidenzrate zwischen 1995 und 2000.) Wäh­ rend die Rate der Neuerkrankungen bei den 45- bis 54­ jährigen Männern nach einem vorangegangenen Rück­ gang seit 1995 stieg, ist bei den Männern in den Alters­ gruppen zwischen 55 und 74 Jahren seit 1990 eine kon­ tinuierliche Zunahme der Neuerkrankungen zu beob­ achten. Bei den Frauen kam es in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen nach einer zunächst rückläufigen Tendenz seit 1995 zu einem Anstieg der Inzidenz. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 127 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) Tabelle 5.01: Krebsinzidenz(alle Lokalisationen)* in Wien seit 1990(5-Jahresabstände) nach Alter und Geschlecht(standardisierte Raten** pro 100.000) Alter(Jahre) bis 24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ Wien gesamt pro 100.000 standardisierte Rate** pro 100.000 Verhältnis Männer: Frauen(=100%) Österreich gesamt standardisierte Rate** pro 100.000 Verhältnis Wien: Österr.(=100%) 1990 19,5 48,8 109,3 355,4 905,6 1894,2 3112,8 3780,6 Männer** 1995 16,6 44,0 95,0 345,2 935,6 1917,5 2888,4 3615,1 2000 10,7 27,7 80,8 392,0 1021,3 2039,3 2671,8 2870,5 1990 16,5 50,2 161,8 381,7 743,5 1177,5 1750,5 2233,3 Frauen** 1995 14,0 42,5 145,0 376,2 616,9 1070,6 1638,1 2055,3 2000 9,3 36,5 135,7 340,9 643,6 994,2 1639,3 1768,2 483,2 345,5 132,8 448,9 338,1 144,2 464,6 341,7 153,2 518,6 260,1 446,1 234,4 418,8 223,1 324,0 106,6 338,6 99,9 334,1 102,3 243,3 106,9 248,5 94,3 232,1 96,1 * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle, ab 1994 ohne nicht-melanotische Hautkrebse. ** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Wie der Vergleich der Tumorstadien bei der Ersterken­ nung zeigt, werden Krebserkrankungen heute auf­ grund verbesserter Vorsorge früher erkannt als noch vor einem Jahrzehnt. Die Früherkennung trägt wesent­ lich zur Verbesserung der Heilungschancen bei, da mehr Fälle bereits im Vorstadium(Carcinoma in situ) erkannt werden, also lokalisiert(auf das Ursprungsor­ gan beschränkt) und regionalisiert(Tumorausbreitung in unmittelbares benachbartes Gewebe und/oder in re­ gionale Lymphkoten, jedoch keine Fernmetastasen). Bei der Ersterkennung nachgewiesene Fernmetastasen (disseminiert) wurden hingegen seltener. Rückläufig sind auch die so genannten DCO-Fälle(Death Certifica­ te Only). Ein geringer Anteil an solchen Fällen gilt als Indikator für die Qualität der Daten in Bezug auf Voll­ ständigkeit. 128 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) Grafik 5.15: Krebs-Erkrankungsstadien(alle Neuerkrankungen) zum Zeitpunkt der Diagnose in Österreich 1990 und 2000(in Prozent) Prozent 35 30 25 20 15 10 5 3,9 4,2 32,0 30,1 22,3 22,2 15,2 11,7 15,3 11,7 1990 2000 16,9 14,4 0 Carcinoma in situ lokalisiert regionalisiert disseminiert unbekannt Death Certificate Only Tumorstadium Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Folgen von Krebserkrankungen Krebserkrankungen sind für die Betroffenen mit viel Leid, finanziellen Problemen, Verlust des Arbeitsplat­ zes, Verlust der Arbeitsfähigkeit, bis hin zur Gefahr so­ zialer Isolation verbunden. Sie verursachen auch hohe gesamtgesellschaftliche und Gesundheitskosten. Im Jahr 2000 wurden für die Wohnbevölkerung Wiens 61.724 stationäre Aufenthalte aufgrund von Krebser­ krankungen verzeichnet(Männer 27.990, Frauen 33.734). Das entspricht 12,8 Prozent aller stationären Aufenthalte der Wohnbevölkerung Wiens. Pro 100.000 waren 3.662,9 Krankenhausaufenthalte von Männern und 3.994,5 Aufenthalte von Frauen auf bösartige Neu­ bildungen zurückzuführen(rohe Rate). Während die rohe Rate der durch Krebs bedingten stationären Auf­ enthalte bei den Frauen höher als bei den Männern ist, kehrt sich aufgrund der Altersstandardisierung das Ge­ schlechterverhältnis um. Dies lässt darauf schließen, dass der Überhang an stationären Aufenthalten bei den Frauen vorwiegend auf Unterschiede in der Altersstruk­ tur zwischen den Geschlechtern zurückzuführen ist. Sowohl in Wien als auch bundesweit ist die altersstruk­ turbereinigte Rate der stationären Aufenthalte bei bei­ den Geschlechtern deutlich gestiegen. 77 In Wien war im Jahr 2000 die Rate der stationären Aufenthalte mit der Hauptdiagnose Krebs bei beiden Geschlechtern etwas höher als im gesamten Bundesgebiet. 77 Die Einführung des Verrechnungssystems der leistungsorientierten Krankenhausfinanzierung(LKF) im Jahr 1997 trug ebenfalls zum Anstieg der stationären Aufenthalte insbesondere bei den therapieintensiven Krebserkrankungen bei. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 129 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) Grafik 5.16: Stationäre Aufenthalte aufgrund bösartiger Neubildungen(ICD-9/BMAGS<140–208>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen 1900, 1995, 2000(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 3500,0 3000,0 2500,0 2000,0 1500,0 1000,0 1687,0 1523,0 1454,2 1287,6 2063,9 2000,7 1676,7 1565,9 2885,2 2686,0 2261,7 2043,3 Wien/Männer Wien/Frauen Österreich/Männer Österreich/Frauen 500,0 0,0 1990 1995 2000 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Kosten: Abgesehen von den Behandlungskosten ent­ stehen auch Kosten aufgrund von Arbeitsunfähigkeit, Hilfs- und Pflegebedürftigkeit. Im Jahr 2001 waren in Wien unter den Versicherten der Wiener Gebietskran­ kenkasse 8.712 Krankenstandsfälle(Männer 3.308, Frauen 5.404) aufgrund gut- und bösartiger Neubil­ dungen zu verzeichnen. Dies entspricht 1,1 Prozent al­ ler Krankenstandsfälle. 78 In Österreich war im Jahr 2000 jeder neunte Neuzugang (10,9 Prozent) an Pensionen der geminderten Arbeits­ fähigkeit bzw. der dauernden Erwerbsunfähigkeit auf eine bösartige Neubildung zurückzuführen. Konkret handelte es sich um insgesamt 1.939 Neuzugänge (Männer 1.073, Frauen 866). 79 Trotz verbesserter Frühdiagnose- und Therapiemög­ lichkeiten ist zur Zeit eine vollständige Heilung bei Krebserkrankungen selten. Darüber hinaus tragen die für die Betroffenen mitunter sehr belastenden Behand­ lungsmethoden(Chemotherapien, Bestrahlungsthera­ pien, Hormontherapien,[Radikal-]Operationen) mit ihren Nebenwirkungen zu einer erhöhten Morbidität (Sekundärerkrankungen) bei und können zu schweren psychischen und physischen Beeinträchtigungen füh­ ren. Die Behandlungserfolge bestehen jedoch in der Linderung von Schmerzen und teilweise – je nach Krebserkrankung und Behandlungserfolg – in der Er­ höhung der Lebensqualität für die Betroffenen sowie gegebenenfalls auch in der Lebensverlängerung. 80 Mortalität Obwohl die Sterblichkeit an bösartigen Neubildungen in den letzten Jahrzehnten erheblich zurückgegangen ist, sind sie nach wie vor für einen erheblichen Teil der Todesfälle verantwortlich und stehen in der Rangreihe der Todesursachen nach der Herz-Kreislauf-Mortalität an zweiter Stelle. Im Jahr 2001 waren in Wien mehr als ein Viertel(26,4 Prozent) der Todesfälle von Männern und mehr als ein Fünftel(21,7 Prozent) der Todesfälle von Frauen durch bösartige Neubildungen bedingt. Insgesamt sind in dem genannten Jahr 4.018 Personen(1.915 Männer, 2.103 Frauen) in Wien an Krebs gestorben. Bezogen auf die Wiener Bevölkerung(pro 100.000) entspricht dies einer rohen Rate von 250,0 Männern und 249,7 Frauen, die an einer Krebserkrankung verstorben sind. Im Ge­ gensatz zur rohen Rate bringt aber die altersstruktur­ bereinigte Rate die Übersterblichkeit der Männer an bösartigen Neubildung besonders deutlich zum Aus­ druck. Die Sterblichkeit der Männer ist mit 174,5 Ver­ storbenen pro 100.000 demnach um mehr als die Hälfte 78 Stadt Wien(2002), Gesundheitsbericht Wien 2002, S. 107. 79 Statistik Austria(2002), Jahrbuch der Gesundheitsstatistik, S. 328 f. 80 Vgl. dazu Stadt Wien(2003), Lebenserwartung und Mortalität in Wien, S. 215. 130 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) (52,4 Prozent) höher als jene der Frauen(114,4 Ver­ storbene pro 100.000). Österreichweit ist die standardisierte Krebssterblichkeit bei beiden Geschlechtern etwas niedriger als in Wien. Der Abstand zwischen den Geschlechtern ist jedoch größer: Die Sterblichkeit der Männer ist österreichweit um 61,0 Prozent höher als jene der Frauen. Obwohl sich bei den Krebsneuerkrankungen die alters­ strukturbereinigte Rate bei den Wiener Männern in den letzten Jahrzehnten kaum verändert hat, ist bei der Sterblichkeit ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. Bei den Frauen steht dem leichten Rückgang der Rate der Neuerkrankungen ebenfalls eine rückläufige Ten­ denz bei der Krebssterblichkeit gegenüber. standardisierte Rate (pro 100.000) Grafik 5.17: Sterblichkeit an bösartigen Neubildungen(ICD-9<140–208>) in Wien und in Österreich 1980– 2001 nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) 250,0 233,5 200,0 217,7 145,9 150,0 133,0 100,0 218,8 204,6 142,1 127,5 213,7 203,0 131,6 123,3 200,3 188,3 132,0 117,1 181,7 174,5 170,4 166,3 120,4 114,5 107,7 103,3 Wien/Männer Österreich/Männer Wien/Frauen Österreich/Frauen 50,0 0,0 1980 1985 1990 1995 2000 2001 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Der Vergleich der Altersstruktur der an bösartigen Neubildungen verstorbenen Männer und Frauen ver­ deutlicht, dass Männer häufiger als Frauen in einem jüngeren Alter an Krebs sterben. Über ein Drittel(36,6 Prozent) der im Jahr 2001 in Wien verstorbenen Män­ ner, aber lediglich ein Viertel(26,0 Prozent) der Frauen war unter 65 Jahre alt. 38,3 Prozent der verstorbenen Männer, aber mehr als die Hälfte der verstorbenen Frauen(55,7 Prozent) hatten ein Lebensalter von 75 und mehr Jahren erreicht. Grafik 5.18: Verstorbene an bösartigen Neubildungen in Wien 2001 nach Alter(in Prozent) Männer 0,2% 11,9% 0,2% 0,6% 2,5% 9,7% 26,4% 23,1% 25,4 bis 14 15–24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ Frauen 0,1% 0,1% 22,2% 0,3% 2,6% 7,9% 15,0% 33,5% 18,3% Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 131 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) Vorzeitige Sterblichkeit Entsprechend den obigen Ausführungen ist – unter Bezugnahme auf die Sterblichkeit vor dem 70. Le­ bensjahr – die Zahl der potenziell verlorenen Le­ bensjahre (pro 100.000) bei den Männern deutlich erhöht. Sowohl in Wien als auch in Österreich war im Jahr 2001 die Zahl der potenziell verlorenen Lebens­ jahre bei den Männern um etwa ein Viertel höher als bei den Frauen. Grafik 5.19: Potenziell verlorene Lebensjahre infolge bösartiger Neubildungen(pro 100.000) in Wien und Österreich 1980–2001 nach Geschlecht(unter 70-Jährige) 2.000 1.800 1.600 1.400 1.200 1.804 1.701 1.529 1.360 1.000 800 600 400 200 0 1980 1.744 1.608 1.492 1.274 1.733 1.442 1.399 1.201 1985 1990 1.543 1.465 1.335 1.164 1995 1.543 1.412 1.307 1.299 1.305 1.094 1.228 1.041 Wien/Männer Österreich/Männer Wien/Frauen Österreich/Frauen 2000 2001 Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. In Wien ist die vorzeitige Sterblichkeit bei beiden Ge­ schlechtern höher als im gesamten Bundesgebiet. Im Jahr 2001 war die Zahl der potenziell verlorenen Le­ bensjahre bei beiden Geschlechtern um nahezu ein Fünftel höher als in Österreich. Bundesweit kam es in den letzten Jahrzehnten bei beiden Geschlechtern zu ei­ nem kontinuierlichen Rückgang der vorzeitigen Sterb­ lichkeit aufgrund bösartiger Neubildungen. Auch in Wien kam es zu einem Rückgang, dieser zeichnet sich jedoch nicht so geradlinig ab wie die Entwicklung im gesamten Bundesgebiet. 5.2.1 Entwicklungstendenzen bei einzel­ nen Krebserkrankungen Geschlechtsspezifische Ausprägungen Je nach dem ob von Gruppen von Krebserkrankungen oder von Einzelerkrankungen ausgegangen wird, ergibt sich eine unterschiedliche Rangreihe von Krebsneuer­ krankungen. Häufigste Einzelerkrankungen bei den Männern Die häufigste Einzelerkrankung ist bei den Männern gegenwärtig das Prostatakarzinom . Im Jahr 2000 war in Wien bei den Männern nahezu ein Viertel(24,0 Pro­ zent) aller Neuerkrankungen auf dieses Karzinom zu­ rückzuführen. Diese Zahl signalisiert jedoch nicht un­ bedingt einen tatsächlichen Anstieg der Prostata­ krebsinzidenz, sondern zeigt eher die Auswirkungen vermehrter Vorsorgeuntersuchungen und daraus re­ sultierender häufigerer Diagnosen(„Screening Ef­ fekt“). In der Mehrzahl der Fälle führt diese Erkran­ kung auch nicht zum späteren Tod. 81 Am zweithäufigsten sind bei den Männern Neuerkran­ kungen an Lungenkrebs (17,2 Prozent), gefolgt von bösartigen Neubildungen des Kolorektums 82 (13,0 Prozent) und der Harnblase (8,2 Prozent). Zusammen machen die genannten Krebsarten nahezu zwei Drittel (62,4 Prozent) aller Krebsneuerkrankungen bei den Männern aus. 81 Siehe Stadt Wien(2002), Gesundheitsbericht Wien 2002, S. 95 und S. 99 f. sowie Stadt Wien(2003), Lebenserwartung und Mortalität in Wien, S. 140 f. 82 Es handelt sich hier um bösartige Neubildungen des Kolons und Rektums; wird gemeinhin auch als Darmkrebs bezeichnet. 132 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) Tabelle 5.02: Krebsneuerkrankungen* bei Männern im Jahr 2000 in Wien(absolut, in Prozent**, standardi­ sierte Raten*** pro 100.000) und Österreich(standardisierte Raten*** pro 100.000) Krebslokalisation ICD-10 B.N.**** der Lippe, der Mundhöhle und des Pharynx C00-C14 B.N. der Verdauungsorgane C15-C26 B.N. des Ösophagus C15 B.N. des Magens C16 B.N. des Dünndarms C17 B.N. des Dickdarms C18 B.N. des Rektums und des Anus C19-C21 B.N. der Leber und der intrahepatischen Gallengänge C22 B.N. der Gallenblase und Gallenwege C23, C24 B.N. des Pankreas C25 B.N. der Atmungsorgane und sonstiger intrathorakaler Organe C30-C39 B.N. des Larynx C32 B.N. der Luftröhre, Bronchien und der Lunge C33-C34 B.N. des Knochens und des Gelenkknorpels C40-C41 Bösartiges Melanom der Haut C43 B.N. mesotheliales Gewebe und Weichteilgewebe C45-C49 B.N. der Brustdrüse[Mamma] C50 B.N. der männlichen Genitalorgane C60-C63 B.N. der Prostata C61 B.N. der Harnorgane C64-C68 B.N. der Niere, ausgenommen Nierenbecken C64 B.N. der Harnblase C67 B.N. Auge, Gehirn und sonstiger Teile des Zentralnervensystems C69-C72 B.N. des Zentralnervensystems C70-C72 B.N. der Schilddrüse und sonstiger endokriner Drüsen C73-C75 B.N. der Schilddrüse C73 B.N. ungenau bezeichneter, sekundärer und nicht näher bezeichneter Lokalisationen C76-C80 B.N. des lymphatischen, blutbildenden u. verwandten Gewebes C81-C96 Hodgkin-Lymphom C81 Non-Hodgkin-Lymphom C82-C85 Leukämie C90-C95 sonstige u. nicht näher bezeichnete B.N. d. lymphatischen, blutbildenden u. verwandten Gewebes C88, C96 B.N. als Primärtumoren an mehreren Lokalisationen C97 Bösartige Neubildungen insgesamt C00-C43, C45-C97 Absolut 143 908 49 120 10 292 170 99 36 130 670 49 610 4 85 37 7 925 852 466 146 292 46 46 26 25 Wien Österreich standard. standard. Prozent** Rate*** Rate*** pro 100.000 pro 100.000 4,0 14,2 12,7 25,6 85,2 87,6 1,4 5,0 4,8 3,4 11,2 14,0 0,3 1,0 0,9 8,2 27,3 27,8 4,8 16,1 18,6 2,8 9,2 9,2 1,0 3,2 2,2 3,7 12,0 10,0 18,9 65,5 54,0 1,4 4,9 4,6 17,2 59,5 48,2 0,1 0,7 0,9 2,4 8,1 8,1 1,0 3,8 3,2 0,2 0,6 0,8 26,1 88,5 95,8 24,0 79,9 87,9 13,1 44,0 35,9 4,1 14,1 12,6 8,2 27,2 21,9 1,3 4,6 6,2 1,3 4,6 6,1 0,7 2,6 3,2 0,7 2,5 2,9 22 0,6 2,0 4,1 211 5,9 22,0 21,6 13 0,4 1,6 1,9 92 2,6 9,7 8,8 106 3,0 10,6 10,8 – – 3.550 – – 100,0 – – 341,7 – – 334,1 * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. ** Da sowohl einzelne Lokalisationen als auch Gruppen von Lokalisationen angeführt sind, ergibt die Summe mehr als 100 Prozent. *** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standard­ bevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). **** B.N.= Bösartige Neubildung Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Häufigste Einzelerkrankungen bei den Frauen Die häufigste Krebsneuerkrankung bei den Frauen ist der Brustkrebs . Im Jahr 2000 war in Wien mehr als ein Viertel aller Krebsneuerkrankungen von Frauen(26,4 Prozent) auf das Mammakarzinom zurückzuführen. Am zweithäufigsten sind bei den Frauen bösartige Neu­ bildungen des Kolorektums 83 (14,6 Prozent), gefolgt von Lungen(8,9 Prozent) und Gebärmutterkrebs 84 (8,8 Prozent). Diese vier Krebsarten waren im Jahr 2000 für mehr als die Hälfte(58,7 Prozent) aller Krebs­ neuerkrankungen von Frauen verantwortlich. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 133 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) Tabelle 5.03: Krebsneuerkrankungen* bei Frauen im Jahr 2000 in Wien(absolut, in Prozent**, standardisierte Raten*** pro 100.000) und Österreich(standardisierte Raten*** pro 100.000) Krebslokalisation ICD-10 B.N.**** der Lippe, der Mundhöhle und des Pharynx C00-C14 B.N. der Verdauungsorgane C15-C26 B.N. des Ösophagus C1) B.N. des Magens C16 B.N. des Dünndarms C17 B.N. des Dickdarms C18 B.N. des Rektums und des Anus C19-C21 B.N. der Leber und der intrahepatischen Gallengänge C22 B.N. der Gallenblase und Gallenwege C23, C24 B.N. des Pankreas C25 B.N. der Atmungsorgane und sonstiger intrathorakaler Organe C30-C39 B.N. des Larynx C32 B.N. der Luftröhre, Bronchien und der Lunge C33-C34 B.N. des Knochens und des Gelenkknorpels C40-C41 Bösartiges Melanom der Haut C43 B.N. mesotheliales Gewebe und Weichteilgewebe C45-C49 B.N. der Brustdrüse[Mamma] C50 B.N. der weiblichen Genitalorgane C51-C58 B.N. der Zervix uteri C53 B.N. der anderen Teile der Gebärmutter C54, C55 B.N. des Ovars C56 B.N. sonstiger u. nicht näher bezeichneter weiblicher Genitalorgane C51, C52, C57, C58 B.N. der Harnorgane C64-C68 B.N. der Niere, ausgenommen Nierenbecken C64 B.N. der Harnblase C67 B.N. Auge, Gehirn und sonstiger Teile des Zentralnervensystems C69-C72 B.N. des Zentralnervensystems C70-C72 B.N. der Schilddrüse und sonstiger endokriner Drüsen C73-C75 B.N. der Schilddrüse C73 B.N. ungenau bezeichneter, sekundärer und nicht näher bezeichneter Lokalisationen C76-C80 B.N. des lymphatischen, blutbildenden und verwandten Gewebes C81-C96 Hodgkin-Lymphom C81 Non-Hodgkin-Lymphom C82-C85 Leukämie C90-C95 sonstige u. nicht näher bezeichnete B.N. d. lymphatischen, blutbildenden und verwandten Gewebes C88, C96 B.N. als Primärtumoren an mehreren Lokalisationen C97 Bösartige Neubildungen insgesamt C00-C43, C45-C97 absolut 72 970 16 115 11 335 180 56 69 186 328 8 314 3 74 33 935 463 115 177 131 Wien Österreich standard. standard. Prozent** Rate***pro Rate***pro 100.000 100.000 2,0 5,2 3,5 27,4 50,9 51,0 0,5 1,0 0,7 3,3 5,7 8,0 0,3 0,7 0,6 9,5 16,9 17,1 5,1 10,7 10,3 1,6 2,7 3,0 2,0 3,5 3,2 5,3 9,7 7,9 9,3 21,7 16,4 0,2 0,7 0,7 8,9 20,6 15,3 0,1 0,4 0,5 2,1 5,3 7,5 0,9 2,0 2,6 26,4 64,5 69,0 13,1 32,6 38,7 3,3 9,5 9,4 5,0 11,8 14,3 3,7 9,2 11,9 40 1,1 2,1 3,0 235 6,6 13,3 12,8 86 2,4 5,0 6,5 128 3,6 7,1 5,6 56 1,6 3,4 4,3 51 1,4 3,2 4,1 81 2,3 6,8 7,4 78 2,2 6,6 7,0 43 1,2 1,6 2,7 244 6,9 15,3 15,7 13 0,4 1,1 1,3 103 2,9 5,8 6,8 128 3,6 8,3 7,6 – – 3.537 – – 100,0 – – 223,1 – – 232,1 * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. ** Da sowohl einzelne Lokalisationen als auch Gruppen von Lokalisationen angeführt sind, ergibt die Summe mehr als 100 Prozent. *** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standard­ bevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). **** B.N.= Bösartige Neubildung Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. 83 Es handelt sich hier um bösartige Neubildungen des Kolons und Rektums; wird gemeinhin auch als Darmkrebs bezeichnet. 84 Gebärmutterkörper- und Gebärmutterhalskrebs. 134 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) Neben den jeweils geschlechtsspezifisch dominieren­ den Krebserkrankungen(Prostatakrebs bei den Män­ nern und Brustkrebs bei den Frauen) gibt es auch deut­ liche Unterschiede bei verschiedenen Lokalisationen zwischen Männern und Frauen. Diese scheinen groß­ teils auf Lebensstilfaktoren zurückzuführen sein. Im Jahr 2000 war z. B. in Wien die standardisierte Rate der Neuerkrankungen an Lungenkrebs bei den Männern etwa dreimal mal so hoch wie bei den Frauen, die Neu­ erkrankungsrate an Kehlkopfkrebs erreichte bei den Männern das Siebenfache der Frauen. Die Inzidenz an bösartigen Neubildungen von Lippe, Mundhöhle und Rachen war bei den Männern fast dreimal so hoch wie bei den Frauen. Diese Erkrankungen sind überwiegend eine direkte Folge des Rauchens. Aber auch andere Or­ gane stehen im Zusammenhang mit dem Tabakkon­ sum, wie etwa Blase, Niere, Bauchspeicheldrüse und Magen. 85 So war auch in Wien im Jahr 2000 die Inzi­ denz von Blasenkrebs bei den Männern nahezu vier­ mal, die Neuerkrankungsrate an Magenkrebs doppelt so hoch wie bei Frauen. Auch andere Krebsarten, wie Bauchspeicheldrüsen- und Nierenkrebs, traten bei den Wiener Männern häufiger auf. Neuerkrankungen an Schilddrüsenkrebs waren hingegen bei Frauen etwa zweieinhalb mal so häufig wie bei den Männern. Altersunterschiede Die für Krebserkrankungen insgesamt zu beobachten­ de Altersabhängigkeit trifft nicht für alle Krebsarten gleichermaßen zu. Die verbreitetsten Krebserkrankun­ gen bei Kindern sind Leukämien und Gehirntumore. Im Jahr 2000 machten in Österreich beide Lokalisatio­ nen zusammen die Hälfte aller Krebsneuerkrankungen bei Kindern aus. Die Hodgkinsche Krankheit ist typisch für junge Erwachsene; auch Hodenkrebs tritt eher bei jüngeren Männern auf. 86 Bei den Frauen nimmt die Inzidenz von Brustkrebs mit dem Alter deutlich zu. Gebärmutterhalskrebs ist in der Altersgruppe zwischen 75 und 84 Jahren am verbrei­ tetsten. Früher war diese Krebserkrankung auch im jüngeren und mittleren Alter relativ häufig. Screening (Krebsabstrich) hat jedoch signifikant dazu beigetra­ gen, das Risiko bei jungen Frauen und Frauen im mitt­ leren Alter zu reduzieren. Sozioökonomische Unterschiede Untersuchungen in anderen Ländern verweisen auf deutliche schichtspezifische Unterschiede im Risiko, an verschiedenen Krebsarten zu erkranken. So etwa finden sich Speiseröhrenkrebs, Magen- und Gebärmut­ terkrebs vermehrt bei Personen mit niedrigem sozioö­ konomischen Status. Dies gilt auch für Lungenkrebs bei den Männern: In Finnland etwa ist die Prävalenz von Lungenkrebs bei Männern mit Pflichtschulbildung viermal höher als bei Akademikern. Bei den Frauen war bis in die 70er Jahre Lungenkrebs in der höchsten sozi­ alen Schicht am verbreitetsten, seither kam es zu einem Anstieg in den unteren sozialen Schichten. Darm-, Brust-, Gebärmutter-, Prostata- und Hodenkrebs fin­ den sich hingegen eher bei Personen mit hohem sozia­ len Status. 87 Verantwortlich für die Unterschiede in der Erkran­ kungshäufigkeit zwischen verschiedenen sozioökono­ mischen Gruppen sind zum Teil die bestehenden Un­ terschiede in den Rauchgewohnheiten, im Alkoholkon­ sum, in den Ernährungsgewohnheiten, sowie im Sexu­ al- und Reproduktionsverhalten. Entwicklung der Neuerkrankungen Während es in Wien in der altersstrukturbereinigten, alle Lokalisationen umfassenden Krebsinzidenz der Männer in den letzten zehn Jahren kaum Veränderun­ gen gab, hat sich die Inzidenz einzelner Krebserkran­ kungen erheblich verändert. Stark zugenommen hat bei den Männern seit Anfang der 90er Jahre die Rate der Neuerkrankungen an Prostatakrebs, aber auch Neuerkrankungen an Harnblasenkrebs sind seit Mitte der 90er Jahre wieder gestiegen. Zum Teil lassen sich diese Zunahmen durch verbesserte Früherkennung und diagnostische Methoden erklären(siehe oben). Da­ gegen sind bösartige Neubildungen der Lunge bei Män­ nern rückläufig. 1996 übertraf die Inzidenz von Prosta­ takrebs in Wien zum erstenmal jene des Lungenkreb­ ses, die bis dahin die häufigste Krebslokalisation bei Männern war. Bösartige Neubildungen des Kolons sind ab Mitte der 90er Jahre bei den Männern gestiegen, sind jedoch nunmehr rückläufig(hier könnten unter Umständen Veränderungen in den Ernährungsge­ 85 JHA& CHALOUPKA(Hrsg.)(2000), S. 23. Siehe auch Stadt Wien(2002), Gesundheitsbericht Wien 2002, S. 101 ff. 86 Vgl. Abschnitt„Krebs bei Kindern und Jugendlichen“ weiter unten. 87 AROMAA et al.(1999), S. 113. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 135 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) wohnheiten eine Rolle spielen). Auch die Inzidenz von Magenkrebs hat sich kontinuierlich verringert. Die Entwicklung des Speiseröhrenkrebses sowie von Krebserkrankungen der Lippe und des Kehlkopfes verliefen eher uneinheitlich, zeigen jedoch nunmehr eine sinkende Tendenz. Hauptursache für den Rückgang der Neuerkrankungen an Lungen-, Lippen- und Kehlkopf­ krebs bei den Männern ist die Reduktion des Tabak­ konsums. standardisierte Rate pro 100.000 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 Grafik 5.20: Entwicklung der häufigsten Krebsneuerkrankungen*(ICD-10) bei Männern in Wien seit 1983 (standardisierte Raten** pro 100.000) 90,0 B.N. der Prostata C61 80,0 B.N. d. Luftröhre, Bronchien 70,0 u. d. Lunge C33–C34 B.N. des Dickdarmes C18 60,0 B.N. der Harnblase C67 B.N. des Rektums und 50,0 des Anus C19–C21 B.N. der Niere, ausgen. 40,0 Nierenbecken C64 30,0 B.N. d. Lippe, d. Mundhöhle u. d. Pharynx C00–C14 20,0 B.N. des Pankreas C25 B.N. des Magens C16 10,0 Leukämie C90–C95 0 * Inklusive DCO-Fälle, ohne Carcinoma in situ-Fälle. ** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Die Zunahme von Neuerkrankungen an Gehirntumo­ ren lässt sich zum Teil durch verbesserte diagnostische Methoden erklären. Ursachen für Hautmelanome, die in Wien Anfang der 90er Jahre bei den Männern etwas zurückgegangen sind, sind exzessives Sonnenbaden und Sonnenbrände. Auch bei den Frauen zeigen sich(neben der in den letz­ ten Jahren rückläufigen Tendenz in der altersstruktur­ bereinigten, alle Lokalisationen umfassenden Krebsin­ zidenz) je nach Lokalisation unterschiedliche Trends. Die häufigste Krebserkrankung bei den Frauen, nämlich Brustkrebs, ist in Wien bis 1994 zwar leicht gesunken, bis 1997 dann aber wieder gestiegen. Seither zeigt sich eine sinkende Tendenz, die aber in letzter Zeit(im Zu­ sammenhang mit der Einführung des systematischen Brustkrebs-Screenings) wieder zu steigen beginnt. Die Raten der Neuerkrankungen an Gebärmutter- und Eier­ stockkrebs konnten aufgrund bestehender Vorsorge­ maßnahmen gesenkt werden. Magenkrebs hat(wie bei den Männern) abgenommen. Die Rate der Neuerkran­ kungen an Speiseröhrenkrebs blieb(von Schwankun­ gen abgesehen) annähernd gleich, bösartige Neubildun­ gen des Kolons sind vor allem Anfang der 90er Jahre zu­ rückgegangen. Bei Nieren- und Harnblasenkrebs, Haut­ melanomen und Tumoren des zentralen Nervensystems zeigt sich kein einheitlicher Trend. Im Gegensatz zu den Männern sind die Neuerkrankungen an Lungenkrebs bei Frauen aufgrund des zunehmenden Raucherinnen­ anteils kontinuierlich gestiegen. Während sich 1987 die altersstrukturbereinigte Inzidenz des Lungenkrebses in Wien bei den Männern noch auf das Vierfache jener der Frauen belief, verringerte sich seither der Abstand zwi­ schen den Geschlechtern. Im Jahr 2000 war die Rate der Neuerkrankungen bei den Männern nur mehr knapp dreimal so hoch wie jene der Frauen. Ausschlaggebend dafür war die konträre Entwicklung bei den Rauchge­ wohnheiten der Geschlechter(Verringerung des Anteils der Raucher bei den Männern und Zunahme des Rau­ cherinnenanteils bei den Frauen). 88 Neuerkrankungen an Gallenblasenkrebs sind bei den Frauen seit Anfang der 90er Jahre rückläufig. 88 Siehe auch Stadt Wien(2002), Gesundheitsbericht Wien 2002, S. 101 ff. 136 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) standardisierte Raten pro 100.000 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 Grafik 5.21: Entwicklung der häufigsten Krebsneuerkrankungen*(ICD-10) bei Frauen in Wien seit 1983(stan­ dardisierte Raten** pro 100.000) 90,0 B.N. der Brustdrüse 80,0 [Mamma] C50 B.N. d. Luftröhre, Bronchien 70,0 u. d. Lunge C33–C34 B.N. des Dickdarmes C18 60,0 B.N. d. and. Teile d. Gebärmutter C54, C55 50,0 B.N. d. Rektums u.d. Anus C19–C21 40,0 B.N. der Zervix uteri C53 B.N. des Pankreas C25 30,0 B.N. des Ovars C56 20,0 B.N. der Harnblase C67 B.N. des Magens C16 10,0 B.N. d. Niere, ausgen. Nierenbecken C64 0 * Inklusive DCO-Fälle, ohne Carcinoma in situ-Fälle. ** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Entwicklung der Krebsmortalität Die meisten Krebssterbefälle verursacht bei den Män­ nern der Lungenkrebs, bei den Frauen der Brustkrebs. Die zweithäufigste Todesursache im Rahmen der Krebssterblichkeit ist bei den Männern das kolorektale Karzinom(Kolon und Rektum, vor allem jedoch Ko­ lon/Dickdarm), gefolgt vom Prostatakrebs. Bei den Frauen ist mittlerweile der Lungenkrebs die zweithäu­ figste Ursache der Krebssterblichkeit, gefolgt vom ko­ lorektalen Karzinom(vor allem Dickdarm). In Wien stellt sich die Entwicklung der Mortalität an bösartigen Neubildungen für ausgewählte Krebser­ krankungen bei Männern und Frauen folgendermaßen dar: CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 137 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) Grafik 5.22: Entwicklung der Mortalität für ausgewählte Krebsarten(ICD-9) in Wien seit 1980(5-Jahresab­ stände) nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Rate pro 100.000 70,0 60,0 65,7 50,0 40,0 30,0 22,4 20,0 20,9 12,4 10,0 6,6 2,4 0,0 1980 59,2 19,9 18,9 11,3 6,5 4,0 1985 Männer 56,7 53,2 47,2 46,9 21,5 19,8 10,7 7,2 5,5 1990 18,6 17,8 9,0 6,6 4,5 1995 18,9 16,9 15,6 15,4 8,0 7,5 5,9 2,1 6,5 3,3 2000 2001 B.N. d. Luftröhre, Bronchien u. Lunge 162 B.N. der Prostata 185 B.N. des Dickdarmes 153 B.N. des Rektums 154 Leukämie 204–8 B.N. der Haut 172,3 standardisierte Raten pro 100.000 35,0 30,0 28,2 25,0 20,0 15,3 15,0 10,0 12,5 7,3 5,0 5,9 5,6 4,3 1,8 0,0 1980 28,8 15,3 13,6 9,8 6,5 4,1 2,8 1,9 1985 Frauen 28,5 13,7 13,5 7,1 6,9 4,0 2,3 2,2 1990 27,0 17,9 12,8 5,2 4,6 3,5 2,9 1,7 1995 23,1 24,0 18,9 17,8 10,3 10,6 6,2 4,9 2,6 3,9 0,9 5,1 4,1 1,6 3,2 0,8 2000 2001 B.N. der Brustdrüse 174,5 B.N. d. Luftröhre, Bronchien u. Lunge 162 B.N. des Dickdarmes 153 B.N. d. Gebärmutter, ausgen. Zervix 179,82 B.N. des Rektums 154 Leukämie 204–8 B.N. der Haut 172,3 B.N. der Zervix uteri 180 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Während bei den Männern die Mortalität an Lungen­ krebs in den letzten Jahrzehnten rückläufig war, kam es bei den Frauen zu einem Anstieg. Verantwortlich da­ für sind(wie erwähnt) die Veränderungen in den Rauchgewohnheiten. Trotz der Verbesserung der Situ­ ation bei der männlichen und der Verschlechterung bei der weiblichen Bevölkerung bestehen jedoch nach wie vor beachtliche Unterschiede in der Lungenkrebsmor­ talität zwischen den Geschlechtern. Die Mortalität am Prostatakarzinom scheint nach einer rückläufigen Tendenz bis 1990 nunmehr zu stagnieren. Bei den Frauen konnte die Mortalität am Mammakarzinom vor allem in den 90er Jahren deutlich gesenkt werden, ist aber im letzten Berichtsjahr wieder etwas gestiegen. Generell rückläufig ist bei beiden Geschlechtern die Mortalität an bösartigen Neubildungen des Dickdarms und Rektums . Die Sterblichkeit infolge bösartiger Neu­ bildungen der Haut ist bei den Männern bis 1990 deut­ lich gestiegen, war nach 1995 wieder rückläufig und hat zwischen 2000 und 2001 wieder zugenommen. Bei den Frauen war bis 1995 ein Ansteigen der Hautkrebsmorta­ lität zu beobachten, seither kam es jedoch wieder zu ei­ nem Rückgang. Die Mortalität aufgrund von Leukämi­ en hat sich bei beiden Geschlechtern im Zeitverlauf nicht wesentlich verändert. Gesenkt werden konnte auf­ grund bestehender Vorsorgemaßnahmen die Mortalität von Frauen infolge bösartiger Neubildungen des Gebär­ mutterkörpers und des Gebärmutterhalses. 138 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) Risikofaktoren für Krebserkrankungen An der Entstehung von Krebs sind sowohl genetische Faktoren als auch Lebensstil- und Umweltfaktoren (Rauchen, Ernährungsgewohnheiten, Alkoholkonsum, Sexual- und Reproduktionsverhalten, Mikroben, Kar­ zinogene und Strahlung) beteiligt. Veränderungen in diesen Faktoren wirken sich auf die Krebsinzidenz aus. Unter den Lebensstil- und Umweltfaktoren sind einige Risikofaktoren von besonderem Einfluss. Brustkrebs und anderer Krebsarten erhöhen. Körperli­ che Aktivität kann helfen, das Risiko von Dickdarmund möglicherweise auch von Brustkrebs zu verrin­ gern. Regelmäßige Bewegung kann, durch ihren güns­ tigen Einfluss auf Übergewicht, helfen das Risiko von Ei­ erstock-, Nieren- und Brustkrebs zu senken. Methoden der Speisenzubereitung und-lagerung ha­ ben einen Einfluss auf das Risiko von Krebserkrankun­ gen des Verdauungssystems. Exzessiver Salzgebrauch wird mit Magenkrebs in Zusammenhang gebracht. Rauchen gilt als der bedeutendste Risikofaktor für Krebs. Es wird geschätzt, dass über 90 Prozent aller Er­ krankungen an Lungenkrebs dem Rauchen zuzuschrei­ ben sind. Allerdings dauert es in der Regel relativ lange, bis sich ein Lungenkarzinom entwickelt. Mikroben , also Bakterien und Viren, nehmen bei der Entstehung von Krebs eine wichtigere Rolle ein als ur­ sprünglich angenommen wurde. Helicobacter pylori zum Beispiel gilt als Verursacher von Magenkrebs und das Papilloma Virus ist wahrscheinlich die Hauptursa­ che des Gebärmutterhalskrebses. Hepatitis B und C sind als Verursacher von Leberkrebs bekannt. Das reduzierte Infektionsniveau ist eine der Ursachen für den Rück­ gang von Magenkrebs. Ein besseres Verständnis der Rolle der Mikroben beim Entstehen von Krebserkran­ kungen öffnet neue Perspektiven für die Prävention. Ernährung, Alkoholkonsum, Bewegungsmangel und Übergewicht spielen eine zentrale Rolle in der Verursachung von Krebs. Es wird geschätzt, dass über ein Drittel aller Krebserkrankungen auf Ernährungs­ faktoren zurückzuführen sind, wenngleich schlüssige Beweise dafür bisher noch fehlen. Ernährung: Gemüse und Obst bieten Schutz gegen Mund-, Speiseröhren-, Magen-, Rektum-, Kolon-, Harnblasen-, Bauchspeicheldrüsen- und Gebärmutter­ halskrebs. Die zugrundeliegenden Mechanismen sind jedoch noch nicht ganz bekannt. Antioxydanzien wie Vitamin C und E, Carotinoide und Selenium sind schützende Nährstoffe. Pflanzliche Faserstoffe schüt­ zen vor Dickdarmkrebs. Übermäßiger Konsum tieri­ scher Proteine und Fette erhöht das Risiko des Entste­ hens von Darm- und Prostatakrebs. Rasches Wachs­ tum während der Adoleszenz, das wahrscheinlich auf eine hohe Energieaufnahme in Kombination mit Bewe­ gungsmangel zurückzuführen ist, kann das Risiko von Etwa fünf Prozent aller Krebserkrankungen sind wahr­ scheinlich in Verbindung mit Alkoholkonsum zu se­ hen. Übermäßiger Alkoholkonsum in Kombination mit Rauchen erhöht das Risiko einer Krebserkrankung im oberen Teil des Verdauungstrakts. Sogar kleine Men­ gen von Alkohol können Dickdarm-, Bauchspeichel­ drüsen-, Leber- und Brustkrebs verursachen. Es wird geschätzt, dass je nach Industrialisierungsni­ veau der betroffenen Region zwischen zwei bis fünf Prozent der Krebserkrankungen auf die Arbeitsum­ welt zurückzuführen sind. Dieser Anteil ist in den letz­ ten Jahren wahrscheinlich zurückgegangen und es wird erwartet, dass sich dieser Trend fortsetzt. Reproduktionsverhalten und hormonelle Fakto­ ren: Niedriges Alter bei der ersten Geburt und eine gro­ ße Anzahl von Schwangerschaften schützen vor Brust­ krebs, Eierstockkrebs und Krebs des Gebärmutterkör­ pers, während eine große Anzahl von Menstruationszy­ klen(frühe Pubertät und späte Menopause) das Risiko dieser Krebserkrankungen erhöht. Die zunehmende Inzidenz von Brustkrebs und Krebs des Gebärmutter­ körpers ist wahrscheinlich durch Veränderungen in diesen Faktoren mitbegründet. Die zunehmende Inzidenz von Hautmelanomen wird auf exzessives Sonnenbaden von Personen bzw. Be­ völkerungen zurückgeführt, die nicht an die Sonne ge­ wöhnt sind, sowie auf mangelnden Hautschutz. Die Ozonproblematik hat bereits zu einer Zunahme der ul­ travioletten Strahlung geführt. Es ist daher zu vermu­ ten, dass das Risiko an Hautkrebs zu erkranken, in Zu­ kunft noch steigen wird. Radioaktive Strahlung verursacht ebenfalls Krebs. Untersucht werden Zusammenhänge zwischen Einat­ men von Radium und Lungenkrebs. Moderne BaumeCHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 139 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) thoden und schlechte Belüftung können das Radiumni­ veau in der Innenluft erhöhen. Experten sind der Meinung, dass die Luftverschmut­ zung aufgrund des Verkehrs, der Industrie und der Energieproduktion das Risiko von Lungenkrebs bis zu einem gewissen Ausmaß erhöht.(In Finnland ist je­ doch der Lungenkrebs dort am verbreitetsten, wo die Luft am saubersten ist.) Im Vergleich zum Rauchen hat jedoch die Luftverschmutzung nur geringen Einfluss auf die Entwicklung eines Lungenkarzinoms. Ein Faktor, der in letzter Zeit zunehmende Aufmerk­ samkeit gewonnen hat, ist die Qualität des Trinkwas­ sers . Die Chlorhaltigkeit des Oberflächenwassers pro­ duziert mutagene Komponenten, die z. B. die Inzidenz der Krebserkrankungen der Harnorgane leicht erhö­ hen. Es wird geschätzt, dass psychische Faktoren für ca. 20 Prozent der Inzidenz von Krebserkrankungen verant­ wortlich sind. Auch die Ergebnisse des Wiener Gesund­ heits- und Sozialsurveys 2001 zeigen, dass psychische Faktoren im Zusammenhang mit Krebserkankungen eine Rolle spielen: Personen mit belastenden Lebens­ ereignissen geben häufiger Krebserkrankungen an als Personen, die keine diesbezüglichen Belastungen ha­ ben. 89 5.2.2 Ausgewählte Krebserkrankungen In den folgenden Abschnitten wird auf gehäuft auftre­ tende Krebserkrankungen, deren Verbreitung, Ursa­ chen bzw. Risikofaktoren, mögliche präventive und sonstige Maßnahmen sowie auf die Sterblichkeit infol­ ge dieser Erkrankungen eingegangen. Besonderes Au­ genmerk gilt den bestehenden Entwicklungstendenzen in den Bereichen Inzidenz, stationäre Aufenthalte und Mortalität. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über Kennzif­ fern zu den Lokalisationen, die in den folgenden Ab­ schnitten detailliert beschrieben werden. 89 Stadt Wien(2002), Tabellenband zum Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, Band 1, S. 65. 140 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Bösartige Neubildungen(Krebs) Tabelle 5.04: Übersicht über Inzidenz, Mortalität und stationäre Aufenthalte für ausgewählte Krebslokalisatio­ nen in Wien und Österreich Lokalisation Brustkrebs Neuerkrankungen Sterblichkeit stationäre Aufenthalte Prostatakrebs Neuerkrankungen Sterblichkeit stationäre Aufenthalte Lungenkrebs Neuerkrankungen Sterblichkeit stationäre Aufenthalte Kolorektalkrebs(Darmkrebs) Neuerkrankungen Sterblichkeit stationäre Aufenthalte Gebärmutterkörperkrebs Neuerkrankungen Sterblichkeit stationäre Aufenthalte Gebärmutterhalskrebs Neuerkrankungen Sterblichkeit stationäre Aufenthalte Brustkrebs Neuerkrankungen Sterblichkeit stationäre Aufenthalte Prostatakrebs Neuerkrankungen Sterblichkeit stationäre Aufenthalte Lungenkrebs Neuerkrankungen Sterblichkeit stationäre Aufenthalte Kolorektalkrebs(Darmkrebs) Neuerkrankungen Sterblichkeit stationäre Aufenthalte Gebärmutterkörperkrebs Neuerkrankungen Sterblichkeit stationäre Aufenthalte Gebärmutterhalskrebs Neuerkrankungen Sterblichkeit stationäre Aufenthalte Erhebungs­ jahr absolut(Personen/Fälle)* Männer Frauen Wien rohe Rate(pro 100.000)** Männer Frauen standard. Rate(pro 100.000)*** Männer Frauen 2000 2001 2000 2000 2001 2000 2000 2001 2000 2000 2001 2000 2000 2001 2000 2000 2001 2000 – – – 852 201 2.382 610 498 5.396 462 260 5.264 – – – – – – 935 415 11.202 – – – 314 281 2.621 515 313 4.506 177 87 818 115 12 825 Österreich – – – 116,7 26,2 311,7 79,8 65,0 706,1 60,5 33,9 688,9 – – – – – – 110,7 49,3 1,337,1 – – – 37,2 33,4 310,4 61,0 37,2 533,6 21,0 10,3 96,6 13,6 1,4 97,7 – – – 79,9 16,9 223,3 59,5 46,9 524,2 43,4 22,9 507,2 – – – – – – 64,5 19,9 924,6 – – – 20,6 17,8 206,1 27,6 14,8 320,2 11,8 5,1 58,6 9,5 0,8 67,9 2000 2001 2000 2000 2001 2000 2000 2001 2000 2000 2001 2000 2000 2001 2000 2000 2001 2000 – – – 4.838 1.184 11.513 2.593 2.258 19.094 2.524 1.243 21.348 – – – – – – 4.489 1.572 36.652 – – – 1.069 937 7.914 2.317 1.205 15.341 1.016 351 3.415 524 124 2.920 – – – 124,9 29,9 292,1 65,8 57,1 484,5 64,0 31,4 541,7 – – – – – – 107,7 37,6 879,0 – – – 25,6 22,4 189,8 55,6 28,8 367,9 24,4 8,4 81,8 12,6 3,0 70,0 – – – 87,9 19,5 204,0 48,2 39,9 354,2 46,4 21,3 390,4 – – – – – – 69,0 24,0 634,5 – – – 15,3 12,0 126,6 27,4 12,4 224,3 14,3 4,1 50,3 9,4 1,8 52,3 * Neuerkrankungen(Inzidenz) und Sterblichkeit(Mortalität): Per- sonen; stationäre Aufenthalte: Fälle. ** Rohe Rate: Pro 100.000 des jeweiligen Geschlechts. Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. *** Standardisierte Rate: Altersstandardisiert nach 5-jährigen Alters­ gruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 141 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Brustkrebs Brustkrebs Zusammenfassung Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung der Frauen. In Wien sind im Jahr 2000 935 Frauen neu an Brustkrebs erkrankt. Die altersstandardisierte Rate der Neuerkrankungen an Brustkrebs war in Wien der Tendenz nach niedriger als im gesamten Bundesgebiet. Aufgrund des vermehrten Scree­ nings wird Brustkrebs heute früher erkannt als noch vor einem Jahrzehnt, was die Heilungschan­ cen verbessert. In jungen Jahren tritt Brustkrebs vergleichsweise selten auf. Am meisten betroffen sind Frauen zwischen 75 und 84 Jahren. Im Jahr 2000 waren 4,0 Prozent der stationären Aufenthal­ te der weiblichen Wohnbevölkerung Wiens durch Brustkrebs bedingt. Die standardisierte Rate der stationären Aufenthalte aufgrund von Brustkrebs hat sich seit 1990 mehr als verdoppelt. Entgegen der niedrigeren Erkrankungsrate in Wien sterben (altersstrukturbereinigt) in Wien Frauen häufiger an Brustkrebs als in Österreich. Zur Früherkennung von Brustkrebs wurde in Wien entsprechend den Empfehlungen der Europäi­ schen Union ein Brustkrebs-Früherkennungspro­ gramm gestartet, aufgrund dessen positive Aus­ wirkungen erzielt wurden. Viele Frauen, die länge­ re Zeit nicht bei der Brustkrebs-Früherkennungs­ untersuchung waren, konnten damit zur Teilnah­ me motiviert werden. Summary: Cancer of the mammary gland (breast cancer) Cancer of the mammary gland is the single most fre­ quent type of cancer in women. In 2000, 935 women in Vienna were newly diagnosed with cancer of the mammary gland. The age-standardised rate of new cases of cancer of the mammary gland presented a downward tendency in Vienna compared to the na­ tional average. Due to increased screening, cancer of the mammary gland is today diagnosed at an earlier stage than was the case even one decade ago, which improves the chances of cure. Cancer of the mam­ mary gland is relatively rare in younger women, af­ fecting mostly females aged between 75 and 84. In 2000, 4.0 percent of all inpatient hospital stays of Vi­ enna’s female residential population were attributa­ ble to cancer of the mammary gland. The standard­ ised rate of inpatient hospital stays caused by cancer of the mammary gland has more than doubled since 1990. While the morbidity rate in Vienna is lower, women die of cancer of the mammary gland more frequently in Vienna than in Austria as a whole(da­ ta adjusted for age structure). To improve the early diagnosis of cancer of the mammary gland in Vienna, the city launched an early diagnosis programme for cancer of the mam­ mary gland in keeping with the recommendations of the European Union. This has had positive effects. Many women who for some time had not taken part in screenings were thus motivated to participate. Einleitung Brustkrebs ist in den westlichen Ländern die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Er kommt auch bei Män­ nern vor, ist aber eher selten. Ausschlaggebend für die Prognose des Mammakarzinoms sind der Lymphkno­ tenstatus, die Tumorgröße und der Malignitätsgrad. Früherkennung ist daher besonders wichtig. Sind zum Zeitpunkt der Diagnose noch keine Fernmetastasen (Tochtergeschwülste des Tumors) nachweisbar, können mit den derzeitigen Behandlungsmöglichkeiten rund 75 Prozent der Patientinnen eine Behandlung um fünf und etwa 50 Prozent um zehn Jahre überleben. 90 Bei Fernmetastasen ist eine Heilung derzeit nicht mög­ lich. Junge Patientinnen(unter 40 Jahre) haben häufig aggressivere Tumoren und dementsprechend eine schlechtere Prognose. Beim primär metastasierenden Mammakarzinom handelt es sich um eine unheilbare Erkrankung; hier steht bei der Behandlung die Lebens­ qualität im Vordergrund. 90 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 173. 142 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Brustkrebs Risikofaktoren Als Risikofaktoren für Brustkrebs gelten genetische, hormonelle, Ernährungs- und Umweltfaktoren sowie medizinische und biologische Faktoren. Genetische Faktoren: Frauen, in deren Familie Brustkrebs bereits gehäuft aufgetreten ist, haben ein erhöhtes Risiko, selbst daran zu erkranken. Insbeson­ dere bei Erkrankung der Mutter, der Großmutter mütterlicherseits oder einer Schwester ist das Risiko deutlich erhöht. Ein noch höheres Risiko haben Frau­ en, deren Verwandte vor dem 45. Lebensjahr an beid­ seitigem Brustkrebs erkrankt sind. Etwa ein Viertel aller Frauen, bei denen Brustkrebs vor dem 40. Le­ bensjahr diagnostiziert wurde, haben eine Mutation in einem der beiden Gene BRCA1 und BRCA2. Frauen mit Genmutation erkranken mit hoher Wahrschein­ lichkeit an Brustkrebs, und zwar häufig vor dem 50. Lebensjahr. 91 Hormonelle Faktoren: Zahlreiche Faktoren verwei­ sen auf eine Schlüsselrolle von Ovarialhormonen. Frauen mit frühem Beginn der Menstruation, später Erstschwangerschaft oder Kinderlosigkeit sowie spät einsetzender Menopause(nach dem 55. Lebensjahr) haben ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Kinderlose Frauen haben ein höheres Risiko an Brustkrebs zu er­ kranken als Frauen mit einem Kind. Frauen, die ihr erstes Kind nach dem 35. Lebensjahr geboren haben, haben allerdings ein noch höheres Risiko als kinder­ lose Frauen. Auch bei Einnahme der Pille(orale Kon­ trazeption) ist das Risiko leicht erhöht. Das relative Risiko geht jedoch nach dem Absetzen der Pille zu­ rück und ist zehn Jahre nach Absetzen der Pille nicht mehr vorhanden. Eine mehrjährige Hormonsubsti­ tution erhöht ebenfalls das Brustkrebsrisiko. Ernährung: Häufiger Konsum von frischem Gemüse und Obst senkt das Brustkrebsrisiko, regelmäßiger Al­ koholkonsum erhöht es. Fettleibigkeit(und fettreiche Ernährung) sind als potenzieller Risikofaktor für Brustkrebs umstritten. Es gibt Anzeichen, dass diese Faktoren nicht unmittelbar, sondern in Wechselwir­ kung mit hormonellen Faktoren und einer vorwiegend sitzenden Lebensweise an der Entstehung von Brust­ krebs beteiligt sind. Umweltfaktoren: Im Brustfettgewebe von Frauen mit Mammakarzinom wurden erhöhte Konzentrationen an Umweltgiften(Polychlorbiphenyle und Pestizide) fest­ gestellt. Auch erhöhte Strahlenbelastung erhöht das Brustkrebsrisiko, insbesondere, wenn Frauen vor dem 20. Lebensjahr Radioaktivität ausgesetzt waren. Die Häufigkeit medizinisch-therapeutisch induzierter Mammakarzinome wird auf ein Prozent geschätzt. Medizinische und biologische Faktoren: Frauen, bei denen mehr als 75 Prozent der Brust eine erhöhte Ge­ webedichte aufweisen, und Frauen, die eine wuchernde gutartige Brusterkrankung hatten, haben ebenfalls ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Verbreitung Gegenwärtig ist in Wien etwa jede vierte Krebsneuer­ krankung von Frauen durch Brustkrebs bedingt. Nach den beim Österreichischen Krebsregister eingegange­ nen Meldungen sind im Jahr 2000 in Wien 935(Öster­ reich 4.489) Frauen neu an Brustkrebs erkrankt. Das entspricht in Wien 110,7 Neuerkrankungen(in Öster­ reich 107,7) pro 100.000. Altersstrukturbereinigt(d. h. unter Ausschaltung des Einflusses des unterschiedli­ chen Altersaufbaus der Bevölkerungen) gab es aller­ dings in Wien weniger Neuerkrankungen(64,5 pro 100.000) als im gesamten Bundesgebiet(69,0 pro 100.000). Dies bestätigt sich auch im längerfristigen Vergleich: Im Durchschnitt der Jahre 1990–2000 lag die standardisierte Inzidenz pro 100.000 in Wien bei 66,2, im gesamten Bundesgebiet bei 69,6(siehe Tabelle 5.04 auf Seite 141). Im jüngeren Lebensalter tritt Brustkrebs selten auf. In Wien waren im Jahr 2000 1,6 Prozent der neu Er­ krankten unter 35 Jahre alt. Etwas mehr als ein Fünf­ tel der erkrankten Frauen war zwischen 55 und 64 Jahre alt, ein Fünftel zwischen 65 und 74 Jahre. Etwa jede dritte neu an Brustkrebs erkrankte Frau war 75 Jahre oder älter. 91 Zitiert nach Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 175. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 143 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Brustkrebs Grafik 5.23: Neuerkrankungen an Brustkrebs*(ICD-10) bei Frauen in Wien 2000 nach Alter(in Prozent) 0,1% 10,4% 1,5% 7,8% 23,5% 14,0% 19,8% 22,9% bis 24 25–34 35–44 45–45 55–64 65–74 75–84 85+ * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Entwicklung der Brustkrebsinzidenz Die Neuerkrankungen an Brustkrebs waren in Wien seit Ende der 80er Jahre bis etwa Mitte der 90er Jahre rückläufig, sind aber bis 1997 wieder gestiegen. Seither zeigt sich jedoch wieder eine rückläufige Tendenz, scheint aber jetzt(bedingt durch das MammographieVorsorgeprogramm) wieder zu steigen. Ein vorüberge­ hendes Ansteigen der Inzidenz ist international bei Einführung systematischer Vorsorgeprogramme mit Mammographie zu beobachten(siehe unten). Während in Wien bis 1990 die altersstandardisierte In­ zidenz an Brustkrebs höher als bundesweit war, ist sie (mit Ausnahme des Jahres 1997) seither niedriger. standardisierte Raten pro 100.000 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 Grafik 5.24: Entwicklung der Neuerkrankungen an Brustkrebs* bei Frauen(ICD-10) in Wien und Öster­ reich seit 1983(standardisierte Raten** pro 100.000) 90,0 Österreich 80,0 Wien 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0 * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. ** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. 144 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Brustkrebs Seit 1990 ist in Wien(altersstrukturbereinigt) die Brustkrebsinzidenz um 6,3 Prozent zurückgegangen, in Österreich(ausgehend von einem niedrigeren Niveau) um 11,3 Prozent gestiegen. Der Rückgang in Wien be­ trifft jedoch nicht alle Altersgruppen gleichermaßen. Betroffen waren lediglich Frauen zwischen 45 und 54, sowie zwischen 65 und 74 Jahren und im hohen Alter (ab 85 Jahren). Bei den 55- bis 64-Jährigen war die standardisierte Rate zunächst rückläufig, ist dann aber wieder gestiegen. Dieser Anstieg lässt sich(wie er­ wähnt) zum Teil durch verbesserte Früherkennung er­ klären. Tabelle 5.05: Neuerkrankungen an Brustkrebs* bei Frauen(ICD-10) in Wien seit 1990(5-Jahresab­ stände) nach Alter(standardisierte Raten** pro 100.000) Alter(Jahre) Bis 24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ Wien gesamt Pro 100.000 standardisierte Rate** pro 100.000 Österreich gesamt standardisierte Rate** pro 100.000 Verhältnis Wien: Österreich(=100%) 1990 0,3 5,8 51,5 165,9 201,6 284,2 328,4 357,4 122,4 68,8 62,0 111,0 1995 0,0 11,5 64,2 146,1 168,4 252,0 329,5 351,6 109,6 64,5 70,7 91,2 2000 0,4 9,3 55,9 120,7 212,4 250,5 347,6 339,6 110,7 64,5 69,0 93,5 * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. ** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Vorsorgemaßnahmen tragen wesentlich dazu bei, dass Brustkrebs heute früher erkannt wird als noch vor ei­ nem Jahrzehnt, was sich wiederum positiv auf die Hei­ lungschancen auswirkt. Und zwar werden Erkrankun­ gen häufiger bereits im Vorstadium(Carcinoma in situ) und in einem Stadium, in dem sie noch auf das Ur­ sprungsorgan beschränkt sind(lokalisiert) erkannt. Im Gegenzug wurde der Anteil regionalisierter Erkrankun­ gen(Tumorausbreitung in unmittelbares benachbartes Gewebe und/oder in regionale Lymphknoten, jedoch keine Fernmetastasen), ebenso wie der Anteil jener Fäl­ le, bei denen bei der Ersterkennung bereits Fernmetas­ tasen nachzuweisen waren(disseminiert), verringert. In methodischer Hinsicht zu erwähnen ist die Verrin­ gerung der DCO-Fälle(„Death Certificate Only“). Eine niedrige DCO-Rate gilt als Indikator für eine gute Da­ tenqualität. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 145 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Brustkrebs Grafik 5.25: Krebs-Erkrankungsstadium bei Brustkrebs(ICD-10) zum Zeitpunkt der Diagnose 1990 und 2000 in Österreich(Prozent*) 50 44,3 40 39,6 33,0 30 29,5 1990 2000 Prozent 20 10 4,4 1,1 0 9,1 6,5 8,9 5,9 11,5 6,3 Carcinoma in situ lokalisiert regionalisiert disseminiert unbekannt Death Certificate Only * Die Anteile der Stadien eines Jahres ergeben 100 Prozent. Tumorstadium Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Stationäre Aufenthalte Brustkrebs verursacht nicht nur viel Leid, sondern ist mit erheblichen individuellen und gesamtgesellschaftli­ chen Kosten verbunden. Im Jahr 2000 waren 4,0 Prozent aller Spitalsaufenthalte der in Wien und 2,9 Prozent der in Österreich wohnhaften Frauen durch Brustkrebs be­ dingt. Insgesamt handelte es sich für Wien um 11.202, für Österreich um 36.652 stationäre Aufenthalte auf­ grund einer Brustkrebserkrankung. Bezogen auf die weibliche Bevölkerung waren in Wien mehr stationäre Aufenthalte(1.337,1 pro 100.000) als in Österreich (879,0 pro 100.000) aufgrund von Brustkrebs zu ver­ zeichnen. Die standardisierte Rate der stationären Auf­ enthalte mit der Hauptdiagnose Brustkrebs war in Wien beinahe um die Hälfte(45,7 Prozent) höher als im ge­ samten Bundesgebiet(siehe Tabelle 5.04 auf Seite 141). Seit 1990 hat sich die standardisierte Rate der stationä­ ren Aufenthalte mit der Hauptdiagnose Brustkrebs für Wien mehr als verdoppelt, für das gesamte Bundesge­ biet war der Anstieg etwas moderater(plus 78,2 Pro­ zent). 146 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Brustkrebs Grafik 5.26: Stationäre Aufenthalte von Frauen mit der Hauptdiagnose Brustkrebs(ICD-9/BMAGS<174>) 1990, 1995, 2000(standardisierte Raten* pro 100.000) 1000 924,6 800 695,3 standardisierte Rate (pro 100.000) 600 402,3 400 356,0 200 0 1990 472,6 1995 634,5 Wien Österreich 2000 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Mortalität Im Jahr 2001 sind in Wien 415 Frauen an Brustkrebs gestorben(Österreich: 1.572). Damit war in Wien die Sterberate deutlich höher als im gesamten Bundesge­ biet(Wien 49,3, Österreich 37,6 Sterbefälle pro 100.000). Dies lässt sich zum Teil(aber nicht zur Gän­ ze) durch den unterschiedlichen Altersaufbau erklären. Altersstrukturbereinigt ist die Brustkrebs-Mortalität in Wien noch immer um ein Fünftel höher als im gesam­ ten Bundesgebiet(Wien 19,9, Österreich 24,0 Sterbefäl­ le pro 100.000).(Siehe Tabelle 5.04 auf Seite 141) Ein Drittel(33,7 Prozent) der im Jahr 2000 in Wien ver­ storbenen Frauen war unter 55 Jahre alt. Mehr als die Hälfte(51,6 Prozent) war 75 Jahre oder älter, fast ein Viertel(22,2 Prozent) 85 Jahre oder älter. Grafik 5.27: Sterbefälle an Brustkrebs bei Frauen in Wien 2001 nach Alter(in Prozent) 22,2% 29,4% 0,2% 3,9% 0,0% 12,5% 17,1% 14,7% bis 24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Während die altersstrukturbereinigte Sterblichkeit an Brustkrebs in Wien zwischen 1980 und 1990 relativ konstant blieb, ist sie zwischen 1990 und 2000 gesun­ ken. Insbesondere zwischen 1995 und 2000 ging sie er­ heblich zurück. 2001 war jedoch wieder ein leichter An­ stieg zu beobachten. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 147 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Brustkrebs Grafik 5.28: Entwicklung der Mortalität an Brustkrebs bei Frauen in Österreich und Wien 1980–2001(standar­ disierte Raten* pro 100.000) standardisierte Rate (pro 100.000) 35,0 30,0 28,2 28,8 28,5 27,0 25,0 20,0 22,9 15,0 24,9 25,1 23,1 24,0 24,3 21,3 19,9 10,0 Wien 5,0 Österreich 0,0 1980 1985 1990 1995 2000 2001 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Während seit Anfang der 90er Jahre die Rate der Neu­ erkrankungen in Wien unter dem österreichischen Durchschnitt lag, ist die Brustkrebsmortalität in Öster­ reich deutlich niedriger als in Wien. Der Abstand hat sich jedoch zunehmend verringert – ein Trend, der im Jahr 2001 durch das Ansteigen der Brustkrebsmortali­ tät in Wien und dem weiteren Rückgang im gesamten Bundesgebiet allerdings unterbrochen wurde. Neuerkrankungen und Mortalität im europäischen Vergleich Aufgrund von Vergleichsdaten des Jahres 1997 hat Ös­ terreich eine unter dem Europäischen Durchschnitt lie­ gende Neuerkrankungsrate an Brustkrebs. Dennoch liegt die Sterblichkeit an Brustkrebs in etwa im Europä­ ischen Durchschnitt. 1997 waren in Österreich pro 100.000 Frauen 90,1 Neuerkrankungen zu verzeichnen, in der EU waren es durchschnittlich 97,2. 92 Unterschie­ de zwischen den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union spiegeln neben Background-Risiken die unter­ schiedlichen Vorsorgemaßnahmen wider. 93 Mit der Einführung eines Mammographie-Vorsorgepro­ gramms ist stets ein vorübergehender Anstieg der Brustkrebs-Inzidenz zu beobachten. Die höchste Neu­ erkrankungsrate hatten 1997 die Niederlande(120,0 Neuerkrankungen pro 100.000), wo zuvor ein Vorsor­ geprogramm eingeführt wurde, die niedrigsten Raten berichteten Spanien und Griechenland(70,0 bzw. 70,6 Neuerkrankungen pro 100.000). 94 Österreich lag 1997 hinsichtlich der Brustkrebs-Morta­ lität(28,8 Sterbefälle pro 100.000) im EU-Durchschnitt (29,0 Sterbefälle pro 100.000). Am höchsten war die Brustkrebsmortalität in Dänemark(40,6 Sterbefälle pro 100.000), am niedrigsten in Griechenland(21,6 Sterbefälle pro 100.000). Maßnahmen der primären und sekundären Prävention Im Bereich der primären Prävention empfohlen wird eine fettarme, obst- und gemüsereiche Kost, Gewichts­ kontrolle(starke Gewichtszunahme nach der Jugend erhöht das Brustkrebsrisiko), wenig Alkohol und regel­ mäßige Bewegung. Positiv wären eine frühe erste Schwangerschaft oder verlängerte Stillzeiten. Zu ver­ meiden sind unnötige Strahlenbelastungen. Ein wirksamer Weg im Kampf gegen den Brustkrebs liegt in der sekundären Prävention, d. h. der Früherken­ nung von Brustkrebs. In Österreich haben alle kran­ 92 Die Inzidenzraten des internationalen Vergleichs basieren noch auf der alten Standardbevölkerung der WHO. Sie sind höher als die auf der Basis der neuen Standardbevölkerung der WHO berechneten Raten, auf die wir uns im vorliegenden Bericht stützen. 93 Empfehlungen zur Krebsvorsorge in der Europäischen Union(1999), S. 4 f. 94 Vgl. dazu Statistik Austria(2002), Jahrbuch der Gesundheitsstatistik, S. 393 f. 148 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Brustkrebs kenversicherten Frauen ab dem 30. Lebensjahr An­ spruch auf eine jährliche Untersuchung auf Brustkrebs nach dem gesetzlichen Krebsfrüherkennungspro­ gramm. Die Untersuchung besteht aus Inspektion, Ab­ tasten und Anleitung zur Brustselbstuntersuchung. Die Mammographie kann als Abklärungsdiagnostik oder bei einem erhöhten Brustkrebsrisiko eingesetzt wer­ den. Sie ist flächendeckend verfügbar. Mehrere Studien in Schweden konnten bei 50- bis 69­ jährigen Frauen, denen Vorsorgeuntersuchungen mit Mammographie angeboten wurde, einen Rückgang der Brustkrebsmortalität um 30 Prozent feststellen. 95 Neuere Daten aus Schweden zeigen auch bei 40- bis 49-jährigen Frauen, denen solche Vorsorgeuntersuchungen angebo­ ten wurden, eine Verringerung der Brustkrebsmortali­ tät. Bei dieser Altersgruppe tritt jedoch der Nutzen erst später ein und das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist erheb­ lich ungünstiger als in der höheren Altersgruppe. 96 Unter Bezugnahme auf diese Resultate empfiehlt die Europäische Union für Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren ein systematisches, auf allen Ebenen qualitätsgesichertes Früherkennungsprogramm mit Mammographie. Bei Frauen im Alter von 40 bis 49 Jah­ ren werden Mammographie-Vorsorgeuntersuchungen aufgrund ihrer geringen Aussagekraft für diese Alters­ gruppe und nicht unbeträchtlicher negativer Wirkun­ gen nur unter besonderen qualitätssichernden Maß­ nahmen empfohlen. Systematische Brustkrebsvorsorge ist eine multidiszip­ linäre Maßnahme, die Qualität des gesamten Prozesses (Aufforderung, Diagnose, Beurteilung verdächtiger Lä­ sionen, Behandlung und Nachsorge) muss sicherge­ stellt sein. Aus- und Weiterbildung des gesamten betei­ ligten Personals muss Pflicht sein. Erforderlich sind Mechanismen der Qualitätsüberwachung, qualitativ hochwertige radiologische Untersuchungen sowie die zentralisierte Auswertung der dezentral geführten Mammographien durch Experten. Entsprechend den Empfehlungen der Europäischen Union wurde in Wien im Jahr 2000 ein BrustkrebsFrüherkennungsprogramm gestartet. Ergebnisse die­ ses Programms liegen bereits vor. 97 Auch in anderen Bundesländern sind derartige, auf Modellregionen be­ grenzte Projekte im Gespräch. 98 Behandlung Die international gut koordinierte Therapieforschung konnte wichtige Erkenntnisse für erfolgreiche Behand­ lungsverfahren des Mammakarzinoms gewinnen. Im Gegensatz zur früher durchgeführten Totalentfernung der Brust sind heute in vielen Fällen brusterhaltende Operationen mit anschließender Bestrahlung möglich, ohne dass sich dadurch die Überlebenszeiten verkür­ zen. Bei immer mehr Patientinnen kann auf eine Ent­ fernung aller Lymphdrüsen in der Achselgegend ver­ zichtet werden. Die zusätzliche Strahlentherapie ver­ bessert die Überlebenschancen. Heute erhalten fast alle Patientinnen zusätzlich eine unterstützende Therapie. Programme für die onkologische Nachsorge ein­ schließlich der psychosozialen Betreuung der Betroffe­ nen sind beim Mammakarzinom von besonderer Be­ deutung. Zusätzlich zur psychologischen Betreuung vor Ort(z. B. in den onkologischen Stationen) existie­ ren in Wien mehrere Beratungszentren für Frauen so­ wie Frauenselbsthilfegruppen, die psychosoziale Be­ treuung anbieten. Hier finden auch Frauen, die familiär belastet sind, entsprechende Beratung und Hilfe. 95 NYSTRÖM et al.(1993) 96 LARSSON et al.(1997); Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 177. 97 Siehe Abschnitt zum Wiener Brustkrebs-Früherkennungsprogramm 2000–2002 weiter unten. 98 Mündliche Mitteilung des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 149 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Brustkrebs Das Wiener Brustkrebs-Früherkennungsprogramm 2000–2002„Die Klügere sieht nach“ ao. Univ.-Prof. Dr. Beate WIMMER-PUCHINGER& Mag. Susanne GULD, Fonds Soziales Wien, Abteilung Frauengesundheit Das Wiener Brustkrebs-Früherkennungsprogramm „Die Klügere sieht nach“ fand von 2000–2002 im Rah­ men des Wiener Frauengesundheitsprogramms unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. WIMMER-PUCHIN­ GER als Initiative der Wiener Gesundheitspolitik, in Kooperation mit dem Wiener Krankenanstaltenver­ bund, der Wiener Ärztekammer und der Wiener Ge­ bietskrankenkasse statt. 99 In einer interdisziplinären Strategiegruppe wurden als Ziele des Programms die Steigerung der Inanspruch­ nahme der Mammographie in Wien, Qualitätssiche­ rung der Mammographie, Etablierung von Dokumen­ tation und Evaluation, Verbesserung der Kommunika­ tions- und Vernetzungsstrukturen sowie die Verbesse­ rung des Informationsstands bezüglich Brustkrebs definiert. Das Programm orientierte sich in seiner Umsetzung grundsätzlich an den EU-Richtlinien, allerdings wur­ den die dezentralen Versorgungsstrukturen stärker eingebunden, da seitens der niedergelassenen Radio­ logInnen und Institute Bereitschaft bestand, Kriterien zur Qualitätssicherung(wie die Zahl der Mammogra­ phien pro Jahr, Feedback-Veranstaltungen und Quali­ tätszirkel, Teilnahme an Weiterbildungs- und Infor­ mationsveranstaltungen) festzulegen und umzuset­ zen. 194.000 Wienerinnen zwischen 50 und 69 Jahren wur­ den persönlich zur Brustkrebs-Früherkennungsunter­ suchung(Mammographie, Tastuntersuchung und bei Bedarf Ultraschall) bei qualitätsgesicherten Einrich­ tungen und niedergelassenen RadiologInnen eingela­ den. Für weitere Informationen zum Thema Brustkrebs und Mammographie wurden den Einladungen mehr­ sprachige Folder beigelegt und ein mehrsprachiges In­ fo-Service-Telephon als Gratis-Hotline installiert. Bei Verdachtsbefunden erfolgte eine Weiterbetreuung der Frauen durch – ebenfalls qualitätsgesicherte – Brust­ ambulanzen. Ergebnisse Die Zahl der Mammographien in der Zielgruppe konn­ te um 20 Prozent, von 47 Prozent im Jahr 1999 auf 67 Prozent im Jahr 2001 gesteigert werden, wobei die Teil­ nahmerate der Frauen, die länger als fünf Jahre nicht bei der Früherkennungsuntersuchung waren, einen be­ sonderen Anstieg verzeichnete. Grafik 5.29: Steigerung der Mammographien von 1999–2001 16.000 14.000 12.000 Untersuchungsscheck Krankenschein 10.000 8.000 6.000 4.000 2.000 0 1999 2000 +39,2% +19,1% 2001 Quelle: Wiener Brustkrebs-Früherkennungsprogramm 2002. 99 Projektteam: Univ.-Prof. Dr. Thomas HELBICH; Univ.-Prof. Dr. Ernst KUBISTA; Prim. Univ.-Prof. Dr. Heinrich SALZER. 150 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Brustkrebs Der Vergleich der 4. Quartale in der Zielgruppe zeigt ei­ nen sehr bemerkenswerten Trend in der Inanspruch­ nahme der Brustkrebs-Früherkennungsuntersuchung. Die Differenzierung in Untersuchungen mittels Unter­ suchungsscheck und Krankenschein erlaubt es, den Anstieg an Untersuchungen anzuführen, die durch das Programm initiiert worden sind. Von 65.940 Frauen konnten im Rahmen des Pro­ gramms verwertbare Datensätze zur Längserfassung gewonnen werden. Generell liegen die medizinischen Ergebnisse auf dem Niveau der Vergleichsdaten der Europäischen Union. Gerade in der Früherkennung ist die Qualität der Diagnose von gut- und bösartigen Ver­ änderungen von großer Bedeutung. Oft lässt sich dies erst nach einem operativen Eingriff genau differenzie­ ren. Beim Wiener Programm ist die besonders gute Übereinstimmung von prä- und postoperativer Diag­ nose hervorzuheben. So lag das Verhältnis von gutarti­ gen zu tatsächlich bösartigen Veränderungen nach der Operation bei 0,5: 1. Dies bedeutet, dass die„FalschPositiv Rate“ sehr niedrig liegt und somit die Zahl an Operationen, die nicht unbedingt notwendig wären, ge­ senkt werden konnte. Aussicht auf Heilung und brust­ erhaltende, weniger invasive operative Therapien sind bei kleinen und lokal begrenzten Karzinomen um vieles erhöht. Die vorliegenden Ergebnisse des Wiener Pro­ gramms, die 26,1 Prozent der gefundenen Karzinome als<10mm ausweisen und 53,6 Prozent der Karzinome <15mm, sind als sehr erfolgreich zu bewerten. Dem entspricht auch der negative Lymphknotenbefund bei 73 Prozent aller operierten Fälle. Die aktuellen Ergebnisse internationaler Langzeitstudi­ en 100 unterstreichen die Bedeutung des Mammogra­ phie-Screenings zur Senkung der Brustkrebsmortalität. Gemessen an seinen Zielsetzungen ist das Wiener Brustkrebs-Früherkennungsprogramm sehr erfolg­ reich und stellt somit einen wichtigen Beitrag zur Ver­ besserung des Angebots an Früherkennungsuntersu­ chungen in Wien dar. 100 De KONING(2003), TABAR(2003). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 151 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Prostatakrebs Prostatakrebs Zusammenfassung Der Prostatakrebs zählt seit einigen Jahren zu den häufigsten Krebsneuerkrankungen der Männer. Im Jahr 2000 wurden in Wien 852 Neuerkrankun­ gen registriert. Zwischen den Bundesländern diffe­ rieren die Neuerkrankungen – teilweise bedingt durch Screeningeffekte – erheblich. Im Spitzenfeld lagen Tirol, Burgenland und Oberösterreich; die Neuerkrankungsrate in Wien lag unter dem öster­ reichischen Durchschnitt. Die Ursache für die stei­ genden Neuerkrankungsraten an Prostatakrebs lie­ gen vermutlich im vermehrten Screening. Wie die Analyse der Tumorstadien bei der Ersterkennung zeigt, wird Prostatakrebs heute in früheren Stadien als noch vor einem Jahrzehnt erkannt. Allerdings führt diese Krebserkrankung selten zum Tod. Im Jahr 2000 waren 1,2 Prozent der stationären Aufenthalte der männlichen Wohnbevölkerung Wiens auf das Prostatakarzinom zurückzuführen. Die standardisierte Rate der stationären Aufenthal­ te zeigt in Wien(und Österreich) eine stark stei­ gende Tendenz. Während stationäre Aufenthalte aufgrund von Prostatakrebs bei der männlichen Wohnbevölkerung Wiens häufiger sind als in Österreich, ist die Sterblichkeit am Prostatakarzi­ nom in Wien niedriger. Summary: Cancer of the prostate For some years, cancer of the prostate has been one of the most frequent malignant neoplasms diagnosed in men. In 2000, 852 new cases were recorded in Vien­ na. There are considerable differences between the federal provinces with respect to new cases; this is partly due to the effects of screening. The highest number of new cases was diagnosed in Tyrol, Bur­ genland and Upper Austria, while the rate of new cases recorded in Vienna was below the Austrian av­ erage. The cause for the rising rates of diagnosed can­ cer of the prostate probably lies in intensified screen­ ing activities. An analysis of tumour stages at the mo­ ment of diagnosis shows that cancer of the prostate is today diagnosed earlier than even one decade ago. However, this type of carcinoma is rarely lethal. In 2000, 1.2 percent of all inpatient hospital stays of Vienna’s male residential population were attribut­ able to cancer of the prostate. The standardised rate of inpatient hospital stays caused by cancer of the prostate presents a strongly increasing tendency in Vienna(and Austria as a whole). While inpatient hospital stays due to cancer of the prostate are more frequent for male residents of Vienna than in Aus­ tria as a whole, mortality caused by cancer of the prostate is lower in the capital. Einleitung Der Prostatakrebs zählt seit einigen Jahren bei Män­ nern zu den häufigsten bösartigen Neuerkrankungen. Die Prostata ist eine männliche Geschlechtsdrüse, die sich unter der Blase vor dem Mastdarm befindet. Das Prostatakarzinom wächst meist langsam. In den frühen Stadien verursacht es normalerweise keine Beschwer­ den. Erste Anzeichen, die aber auch bei einer gutartigen Erkrankung(benigne Hyperplasie) auftreten, sind eine gestörte Blasenentleerung sowie Blut im Urin oder Blut im Sperma. Typisch sind ein schwacher oder unterbre­ chender Harnstrahl, häufiges Urinieren(vor allem in der Nacht) und Schmerzen oder Brennen beim Wasser­ lassen. Beschwerden treten erst auf, wenn der Tumor eine bestimmte Größe überschritten oder Metastasen gebildet hat. Typisch für Metastasen sind rheumatische oder ischiasähnliche Schmerzen, die durch Knochen­ metastasen im Bereich der unteren Wirbelsäule her­ vorgerufen werden können. Als Risikofaktoren werden genetische, individuelle(se­ xuelle Aktivität, Übergewicht, fettreiche Ernährung) und berufsbedingte Faktoren(Cadmium) genannt. Diese Faktoren können jedoch nur einen kleinen Teil der Erkrankungen erklären. Verbreitung In Wien entfiel im Jahr 2000 nahezu ein Viertel aller Krebsneuerkrankungen von Männern auf das Prostata­ karzinom. Insgesamt kam es zu 852 Neuerkrankungen 152 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Prostatakrebs (Österreich 4.838). Das sind in Wien 116,7 bzw. in Österreich 124,9 Neuerkrankungen pro 100.000. Ebenso wie die rohe Rate ist auch die altersstrukturbereinigte Rate in Wien(79,9 Neuerkrankungen pro 100.000) niedriger als im gesamten Bundesgebiet(87,9 Neuerkrankungen pro 100.000).(Siehe Tabelle 5.04 auf Seite 141) Festzustellen sind beachtliche Unterschiede zwischen den Bundesländern, mit Tirol, Burgenland und Oberösterreich im Spitzenfeld, Kärnten und Steiermark im unteren Bereich. Grafik 5.30: Neuerkrankungen an Prostatakrebs(ICD-10) 2000, bei Männern nach Bundesländern(pro 100.000, rohe Rate) 180 160 157,5 140 120 100 136,5 146,6 110,4 101,8 160,7 110,3 116,7 80 72,8 60 40 20 0 Burgen­ land Kärnten Nieder­ österreich Ober­ österreich Salzburg Steiermark Tirol Vorarlberg Wien Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister. Altersstruktur der neu Erkrankten Prostatakrebs tritt eher im fortgeschrittenen Alter auf. Von den in Wien im Jahr 2000 neu am Prostata­ karzinom Erkrankten waren lediglich 5,7 Prozent un­ ter 55 Jahre. Ein deutlicher Anstieg der Neuerkran­ kungen ist zwischen dem 55. und 64. Lebensjahr zu beobachten. Am häufigsten vertreten ist die Alters­ gruppe der 65- bis 74-Jährigen; etwa jeder dritte neu an Prostatakrebs erkrankte Mann fiel in diese Alters­ gruppe. Zwei Drittel der neu Erkrankten waren 65 Jahre oder älter. Grafik 5.31: Alter der in Wien im Jahr 2000 neu an Prostatakrebs(ICD-10) erkrankten Männer(in Pro­ zent) 0,0% 0,0% 8,6% 0,1% 5,6% 21,8% 27,7% 36,2% bis 24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 153 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Prostatakrebs Aufgrund der steigenden Lebenserwartung ist damit zu rechnen, dass die Zahl der Erkrankungsfälle in den nächsten Jahren weiter steigt. 101 Entwicklung der Neuerkrankungen Die Neuerkrankungen an Prostatakrebs sind in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Während in den 80er Jahren nur ein leichtes Ansteigen zu verzeichnen war, kam es in Wien nach der Anfang der 90er Jahre rück­ läufigen Tendenz ab 1993 und insbesondere zwischen 1996 und 1998 zu einem deutlichen Anstieg – ein Trend, der auch bundesweit zu beobachten war. So et­ wa ist in Wien zwischen 1993 und 1998 die standardi­ sierte Inzidenz um 82,9 Prozent gestiegen. Eine wesent­ liche Ursache dafür liegt im vermehrten Screening. Grafik 5.32: Neuerkrankungen an Prostatakrebs* bei Männern(ICD-10) in Wien und Österreich seit 1983(standardisierte Raten** pro 100.000) 100,0 90,0 80,0 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 – Österreich Wien standardisierte Raten pro 100.000 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. ** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Wien-Österreich-Vergleich: Während in den 80er Jahren und Anfang der 90er Jahre die standardisierte Inzidenz in Wien in etwa im österreichischen Durch­ schnitt lag, befand sie sich(mit Ausnahme der Jahre 1997 und 1998) seither unter dem Österreich-Wert. Altersgruppen-Vergleich: Die Gegenüberstellung der Jahre 1990 und 2000 zeigt, dass die standardisierte In­ zidenz vor allem bei den 55- bis 64-Jährigen stark ge­ stiegen ist. In dieser Altersgruppe hat sich die standar­ disierte Erkrankungsrate mehr als verdreifacht. Aber auch bei den 65- bis 74-Jährigen war ein deutlicher An­ stieg zu verzeichnen. Dagegen waren Neuerkrankun­ gen bei den 85-jährigen oder älteren Männern seit 1995 rückläufig. Dies gilt als Indiz, dass das Ansteigen der Inzidenz in den letzten Beobachtungsjahren zumindest teilweise auf vermehrte Vorsorgeuntersuchungen zu­ rückzuführen ist. 101 BOYLE et al.(1999). 154 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Prostatakrebs Tabelle 5.06: Neuerkrankungen an Prostatakrebs* bei Männern in Wien seit 1990(5-Jahresabstände) nach Alter(standardisierte Raten** pro 100.000) Alter(Jahre) bis 24 25–34 35–44 45–45 55–64 65–74 75–84 85+ Wien gesamt pro 100.000 standardisierte Rate** pro 100.000 Österreich gesamt standardisierte Rate** pro 100.000 Verhältnis Wien: Österr.(=100%) 1990 0,0 0,0 0,9 10,0 71,4 371,4 688,8 913,8 74,7 48,8 47,6 102,5 1995 0,0 0,6 0,0 18,4 147,6 459,1 652,5 925,4 83,3 59,7 68,3 87,4 2000 0,0 0,0 0,8 45,0 259,6 602,0 674,1 836,0 116,7 79,9 87,9 90,9 * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. ** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Ebenso wie beim Brustkrebs der Frauen trägt auch beim Prostatakrebs vermehrte Vorsorge dazu bei, dass Prostatakrebs heute in früheren Stadien als noch vor ei­ nem Jahrzehnt erkannt wird. So z. B. werden im Ver­ gleich zu 1990 heute mehr Fälle erkannt, die auf das Ur­ sprungsorgan beschränkt(lokalisiert) sind. Dagegen wurden die bei der Ersterkennung regionalisierten Er­ krankungen(Tumorausbreitung in unmittelbares be­ nachbartes Gewebe und/oder in regionale Lymphko­ ten, jedoch keine Fernmetastasen) sowie jene mit nach­ gewiesenen Fernmetastasen(disseminiert) seltener. Positiv in methodischer Hinsicht ist die rückläufige DCO-Rate(Death Certificate Only). Wie bereits er­ wähnt, gilt eine niedrige Rate als Indiz für hohe Daten­ qualität im Sinne der Vollständigkeit der Daten. Grafik 5.33: Krebs-Erkrankungsstadien(zum Zeitpunkt der Diagnose) bei Prostatakrebs(ICD-10) in Österreich 1990 und 2000(in Prozent) 60,0 50,6 50,0 40,4 40,0 1990 2000 Prozent 30,0 20,0 10,0 0,7 0,2 0,0 21,2 23,1 14,8 14,4 12,0 4,7 11,3 6,6 Carcinoma in situ lokalisiert regionalisiert disseminiert unbekannt Death Certificate Only Tumorstadium Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 155 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Prostatakrebs Stationäre Aufenthalte Im Jahr 2000 waren 1,2 Prozent der stationären Aufent­ halte der männlichen Wohnbevölkerung Wiens bzw. 1,1 Prozent jener Österreichs auf Prostatakrebs zurück­ zuführen. Insgesamt handelte es sich dabei für Wien um 2.382, für Österreich um 11.513 stationäre Aufent­ halte. 102 In Wien waren pro 100.000 311,7 stationäre Aufenthalte mit der Hauptdiagnose Prostatakrebs zu verzeichnen, im gesamten Bundesgebiet waren es mit 292,1 pro 100.000 etwas weniger. Auch die altersstan­ dardisierte Rate der stationären Aufenthalte lag in Wi­ en mit 223,3 pro 100.000 über dem österreichischen Durchschnitt(204,0 pro 100.000).(Siehe Tabelle 5.04 auf Seite 141) Die stationären Aufenthalte mit der Hauptdiagnose Prostatakrebs sind im letzten Jahrzehnt deutlich gestie­ gen, in Wien(mit einer Zunahme der standardisierten Rate um 69,6 Prozent) etwas mehr als in Österreich (mit einem Plus von 31,0 Prozent). Während 1990 und 1995 die standardisierte Rate der stationären Aufent­ halte in Wien noch unter dem österreichischen Durch­ schnitt lag, liegt sie nunmehr darüber. standardisierte Reaten pro 100.000 Grafik 5.34: Stationäre Aufenthalte mit der Hauptdiagnose Prostatakrebs(ICD-9/BMAGS<185>) von in Wien und Österreich wohnhaften Männern 1990, 1995, 2000(standardisierte Raten* pro 100.000) 250,0 200,0 223,3 204,0 150,0 100,0 155,7 131,7 158,5 150,7 50,0 0,0 1990 1995 Wien Österreich 2000 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Durch die starke Altersbezogenheit des Prostatakarzi­ noms werden bei einem weiteren Anstieg der Lebens­ erwartung, ebenso aber durch vermehrte Vorsorge sta­ tionäre Behandlungen in Zukunft weiter steigen. Bei ei­ ner drastischen Zunahme der Nachweisrate wird es auch mehr Radikaloperationen geben. Mortalität Im Jahr 2001 sind in Wien 201 Männer an Prostata­ krebs verstorben(Österreich: 1.184). Dies entspricht in Wien 26,2, in Österreich 29,9 Verstorbenen pro 100.000. In Wien war die Mortalität(rohe und alters­ strukturbereinigte Rate) am Prostatakarzinom niedri­ ger als im gesamten Bundesgebiet(siehe Tabelle 5.04 auf Seite 141). Von den im Jahr 2001 in Wien an Prostatakrebs ver­ storbenen Männern waren über zwei Drittel(68,1 Pro­ zent) 75 Jahre oder älter, ein knappes Drittel(30,3 Pro­ zent) hatte das 85. Lebensjahr erreicht bzw. überschrit­ ten. 102 Die durchschnittliche Behandlungsdauer bei Prostatakrebs betrug in den Wiener Krankenanstalten im Jahr 2000 8,5 Tage. 156 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Prostatakrebs Grafik 5.35: Sterbefälle an Prostatakrebs bei Männern in Wien im Jahr 2001 nach Alter(in Prozent) 0,0% 0,5% 4,0% 30,3% 27,4% bis 44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. 37,8% Die altersstrukturbereinigte Mortalität an Prostatakrebs nahm in Wien zwischen 1980 und 1995 einen wellenförmigen Verlauf, scheint sich aber seither bei einem Wert von unter 20 Sterbefällen pro 100.000 einzu­ pendeln. In Österreich ist sie zwischen 1985 und 1990 gestiegen, seit 1995 kam es zu einem Rückgang. Grafik 5.36: Entwicklung der Mortalität an Prostatakrebs(ICD-9<185>) bei Männern in Wien und Österreich seit 1980(5-Jahresabstände)(standardisierte Raten* pro 100.000) 25,0 22,4 20,0 20,2 15,0 20,4 18,9 22,1 21,5 22,4 17,8 20,9 19,5 18,9 16,9 standard. Rate (pro 100.000) 10,0 5,0 0,0 1980 1985 1990 1995 Österreich Wien 2000 2001 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle Statistik Austria; eigene Berechnungen. In Wien ist seit 1985 die Mortalität niedriger als in Österreich, möglicherweise bedingt durch vermehrte Vor­ sorge. Allerdings fehlen bisher gesicherte Nachweise über die Auswirkungen der Vorsorge auf die Prostatakrebsmortalität(siehe unten). Inzidenz und Mortalität an Prostatakrebs im EU-Vergleich Bezogen auf das Jahr 1997 liegt Österreich bei den Neu­ erkrankungen an Prostatakrebs(altersstandardisiert 103 mit 94,8 Neuerkrankungen pro 100.000) weit über dem Europäischen Durchschnitt(69,2). Die im europäischen 103 Referenzbevölkerung für die Standardisierung war die alte Standardbevölkerung der WHO, die zu wesentlich höheren Werten führt als die neue Version. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 157 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Prostatakrebs Vergleich höchste Inzidenz findet sich in Finnland (116,0), die niedrigste in Griechenland(41,4). Die große Differenz zwischen den europäischen Ländern wider­ spiegelt nicht nur Unterschiede bei der Exposition ge­ genüber Risikofaktoren, sondern auch im Hinblick auf medizinische Verfahrensweisen. Diese Annahme wird durch die wesentlich geringere Spannweite bei der Mor­ talität gestützt. Diese ist in Schweden mit 37,6 Sterbefäl­ len pro 100.000 am höchsten und in Griechenland mit 16,6 am niedrigsten. Österreich lag 1997 mit 29,0 Ster­ befällen etwas über dem EU-Durchschnitt(25,8). Der in einigen anderen europäischen Ländern ebenfalls beobachtete Anstieg der Inzidenz wird den vermehrten Vorsorgeaktivitäten – wie z. B. spontan durchgeführten Tests auf das prostataspezifische Antigen(PSA) – zuge­ schrieben. 104 Prävention Dadurch, dass es keine gesicherten verhaltensbeding­ ten Risikofaktoren für das Prostatakarzinom gibt, kommt Maßnahmen der primären Prävention nur ge­ ringe Bedeutung zu. Empfohlen werden kann lediglich eine gesunde Lebensweise, insbesondere eine ausge­ wogene, fettarme Ernährung. Da das Prostatakarzinom eine im Vergleich zu anderen Tumoren relativ gute Prognose aufweist, wenn es in ei­ nem frühen Stadium erkannt wird, spielt die sekundäre Prävention eine wichtige Rolle. Sie umfasst die regel­ mäßige Teilnahme an Früherkennungsprogrammen, die eine Befragung nach Symptomen und das Abtasten beinhalten(vgl. dazu die Empfehlungen der Wiener Krebshilfe). In 90 Prozent der Fälle geht das Karzinom von der peripheren Zone aus, wo es mit dem Finger leicht abgetastet werden kann. Diskutiert werden auch die Ultraschalluntersuchung und der prostataspezifi­ sche Antigen-Test(PSA-Test). Hier empfiehlt sich al­ lerdings eine Nutzen-Risikoabschätzung. Über rektale Untersuchungen hinaus genießt die Pros­ tatakrebsvorsorge bisher in der Europäischen Union 105 keine Akzeptanz, d. h. Effektivität und Wert eines gene­ rellen PSA-Screenings sind bisher umstritten. Jedoch werden zunehmend mehr Untersuchungen spontan durchgeführt. Abgesehen von den Kosten eines gene­ rellen PSA-Screenings, kann es leicht zu falsch-positi­ ven Befunden kommen, die abgeklärt werden müssen. Nicht zu unterschätzen sind dabei die psychologischen Effekte eines erhöhten PSA-Wertes und die Morbidität, die mit der für eine Abklärung erforderlichen Biopsie einhergehen kann. Auch die Möglichkeit einer erhöh­ ten Mortalität aufgrund von Behandlungsfolgen muss in Betracht gezogen werden. 106 1994 wurde in der Europäischen Union eine groß ange­ legte Studie über systematische Vorsorgeuntersuchun­ gen bei Prostatakrebs eingeleitet, an der insgesamt sie­ ben Mitgliedsstaaten teilnehmen. Mit Hilfe dieser Stu­ die soll getestet werden, ob bei Männern, die zehn Jahre lang beobachtet werden, nach zwei systematischen Vorsorgeuntersuchungen eine Verringerung der Pros­ tatakrebsmortalität(um 20 Prozent) erreicht werden kann. Die Ergebnisse werden für 2008 erwartet. Diese Studie hat sich mit der Studie des US-amerikanischen National Cancer Institute über Prostata-, Lungen-, Ko­ lon- und Ovarialkrebsvorsorge zusammengeschlossen, auch eine gemeinsame Auswertung ist geplant. 107 Die Daten bieten eine ausgezeichnete Gelegenheit für die Evaluation der Untersuchungsverfahren, möglicher Überdiagnosen, der Lebensqualität, etc. Statt eines generellen Screenings für Männer zwischen dem 50. und 75. Lebensjahr wird zur Zeit eine individu­ ell abgestimmte Untersuchung, eventuell in Jahresab­ ständen, empfohlen. Patienten mit familiärer Vorge­ schichte sollten bereits mit ca. 40 Jahren mit dieser Un­ tersuchung beginnen. 108 104 Empfehlungen zur Krebsvorsorge in der Europäischen Union(1999), S. 8. 105 Empfehlungen zur Krebsvorsorge in der europäischen Union(1999), S. 8. 106 Siehe auch Stadt Wien(2002), Gesundheitsbericht Wien 2002, S. 99 f. sowie Stadt Wien(2003), Lebenserwartung und Mortalität in Wien, S. 140 ff. 107 AUVINEN et al.(1996). 108 Stadt Wien(1999), Wiener Männergesundheitsbericht, S. 115. 158 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Lungenkrebs Lungenkrebs Zusammenfassung Neuerkrankungen: Lungenkrebs ist in Wien zur Zeit bei den Männern die zweithäufigste, bei den Frauen die dritthäufigste Krebsneuerkrankung. Im Jahr 2000 war in Wien bei den Männern nahezu je­ de fünfte, bei den Frauen etwa jede elfte Krebsneu­ erkrankung durch Lungenkrebs bedingt. Insge­ samt sind in Wien im Jahr 2000 ca. 900 Personen neu an Lungenkrebs erkrankt. Hauptursache für den Lungenkrebs ist das Rauchen. Aufgrund der hohen RaucherInnenquoten ist in Wien die Rate der Neuerkrankungen an Lungenkrebs deutlich höher als im gesamten Bundesgebiet. Während bei den Männern in den letzten Jahrzehnten Neuer­ krankungen rückläufig waren, sind sie bei den Frauen gestiegen. Diese gegenläufige Entwicklung hat zu einer Verringerung des Abstands zwischen den Geschlechtern geführt. Aufgrund häufigerer Neuerkrankungen sind für die Wohnbevölkerung Wiens auch mehr stationä­ re Aufenthalte erforderlich. Die altersstrukturbe­ reinigte Rate der stationären Aufenthalte aufgrund von Lungenkrebs ist für Wien bei den Männern um etwa die Hälfte, bei den Frauen um nahezu zwei Drittel höher als im gesamten Bundesgebiet. Sta­ tionäre Aufenthalte aufgrund von Lungenkrebs sind bei beiden Geschlechtern im letzten Jahrzehnt gestiegen, in Wien jedoch deutlicher als im gesam­ ten Bundesgebiet. Nicht nur die Anzahl an Neuerkrankungen, auch die Sterblichkeit an Lungenkrebs ist in Wien deut­ lich höher als im gesamten Bundesgebiet. Insge­ samt sind in Wien im Jahr 2001 498 Männer und 281 Frauen an Lungenkrebs gestorben. Parallel zu den geschlechtsspezifischen Trends bei den Neuer­ krankungen ist die altersstrukturbereinigte Morta­ lität in den letzten Jahrzehnten bei den Männern gesunken, bei den Frauen jedoch gestiegen. Summary: Lung cancer New cases : In Vienna, lung cancer is currently the second most frequent malignant neoplasm diag­ nosed in men, and the third most frequent carcino­ ma diagnosed in women. In 2000, almost one in five new cancer cases in men and approx. one in eleven new cancer cases in women recorded in Vi­ enna were due to lung cancer. All in all, approx. 900 persons in Vienna were newly diagnosed with lung cancer in 2000. Smoking is the main cause of lung cancer. Due to the high rate of smokers amongst the Viennese population, the rate of new lung cancer cases is markedly higher for Vienna than for Austria as a whole. While new diagnoses have decreased for men over the past decades, the rate has increased for women. This reverse develop­ ment has reduced the gender gap. Due to the higher incidence of new cases, more in­ patient hospital stays were likewise necessary for Vienna’s residential population. Adjusted for age structure, the rate of inpatient hospital stays attrib­ utable to lung cancer in Vienna is approximately 50 percent above the Austrian average for men, and almost two thirds higher for women. Inpatient hos­ pital stays caused by lung cancer have increased over the past decade for both sexes; this increase has been more marked Vienna than for Austria as a whole. Not only new cases, but also mortality rates attrib­ utable to lung cancer are noticeably higher in Vien­ na than on a national scale. All in all, 498 men and 281 women died of lung cancer in Vienna in 2001. In parallel to the sex-specific tendencies in new di­ agnoses, age-adjusted mortality rates, have de­ creased over the past decades for men but increased for women. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 159 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Lungenkrebs Einleitung Hauptursache für den Lungenkrebs(Lungenkarzinom, Bronchialkarzinom) ist das Rauchen. Die Prognose beim Bronchialkarzinom ist nach wie vor sehr schlecht. Dies liegt an unzureichenden Früherkennungsmöglich­ keiten dieses Tumors, vor allem aber an der biologi­ schen Aggressivität, insbesondere des kleinzelligen Bronchialkarzinoms. Für letzteres beträgt die mittlere Überlebenszeit weniger als drei Monate. Für die Prog­ nose des Bronchialkarzinoms ist neben der Unterschei­ dung nach dem Tumortyp(kleinzelliges oder nicht kleinzelliges Bronchialkarzinom) die genaue Lokalisa­ tion des Primärtumors ausschlaggebend. Gerade beim Bronchialkarzinom kommt es häufig zu Metastasen in anderen Organen. Risikofaktoren Rauchen ist ein Risikofaktor für alle histologischen Typen des Lungenkrebses, insbesondere für das kleinzellige Karzinom. Das Risiko an Lungenkrebs zu erkranken steigt mit der täglichen und kumulierten Tabakdosis. RaucherInnen weisen im Vergleich zu NichtraucherInnen ein etwa zehnfach erhöhtes Risi­ ko auf. Bei einem Konsum von mehr als 20 Zigaretten täglich ist das Risiko etwa zwanzigfach höher. Selbst eine geringe tägliche Tabakmenge erhöht das Lun­ genkrebsrisiko signifikant. Wer das Rauchen ein­ stellt, kann das Lungenkrebsrisiko entscheidend sen­ ken. Fünf Jahre nach Ende des Rauchens ist das Risi­ ko an Lungenkrebs zu erkranken nur noch halb so hoch, nach zehn Jahren beträgt es nur noch ein Zehn­ tel des Ausgangswertes. Das Risiko wird allerdings nie wieder so gering sein wie das einer Person, die niemals geraucht hat. Auch Pfeifen- und Zigarren­ rauchen sind mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko verbunden. Passivrauchen gilt ebenfalls schon seit langem als ge­ sicherter Risikofaktor für Lungenkrebs. Studien zeigen, dass sich das Lungenkrebsrisiko um 30–40 Prozent er­ höht, wenn man langandauernd dem Passivrauchen ausgesetzt war, z. B. durch einen rauchenden Partner oder durch Exposition am Arbeitsplatz(v. a. im Gastge­ werbe). Neben dem erhöhten Lungenkrebsrisiko ist insbesondere auch das Risiko einer Herz-Kreislauf-Er­ krankung oder einer Erkrankung der Atmungsorgane (Bronchitis, Asthma, etc.) für PassivraucherInnen deutlich erhöht. Berufsbedingte Faktoren: Berufsgruppen, die Schad­ stoffen wie Asbest, Arsen, Nickel, Chrom, Kadmium und Radon in unterschiedlicher Mischung ausgesetzt sind(z. B. Beschäftigte in Eisen- und Stahlhütten, Stra­ ßenbauarbeiter) haben ebenfalls ein erhöhtes Lungen­ krebsrisiko. Auch Schadstoffe wie Dioxin, Dieselruß und künstliche Mineralfasern gelten als Risikofakto­ ren. Umweltfaktoren: Die genannten Schadstoffe kommen in geringer Konzentration auch in der Luft vor. Ihr Ein­ fluss ist jedoch schwer abzuschätzen(im verschmutzte­ ren städtischen Bereich wird auch häufiger geraucht). Ein Teil der Krebssterbefälle wird auf das Edelgas Ra­ don, dem Betroffene in geschlossenen Räumen ausge­ setzt sind, zurückgeführt. Radon, das radioaktive Strahlung freisetzt, findet sich auch in der Umwelt. Sei­ ne Intensität hängt von der geographischen Beschaf­ fenheit ab und ist regional unterschiedlich. Ernährung: Trotz gleichen Tabakkonsums ist in Japan die Lungenkrebssterblichkeit bei Männern niedriger als in westlichen Industrienationen. Auch in Ländern wie Griechenland oder Italien ist trotz der hohen Rau­ cherquoten das Lungenkrebsrisiko niedriger. Es wird vermutet, dass Ernährungsgewohnheiten zum Teil für diese Unterschiede verantwortlich sind. Für die medi­ terranen Länder wird häufig das Olivenöl genannt(An­ tioxydantien). Schützende Wirkung wird(aufgrund von Betakarotin) auch dem Verzehr von Karotten und grünem Blattgemüse zugeschrieben. Betakarotinreiche Ernährung senkt allerdings die Lungenkrebsinzidenz nicht generell, bei Rauchern scheint jedoch der Gemü­ severzehr stärkeren Schutz zu bewirken. 109 Verbreitung Lungenkrebs ist zur Zeit bei den Männern die zweit­ häufigste, bei den Frauen die dritthäufigste Krebsneu­ erkrankung. Im Jahr 2000 war in Wien bei den Män­ nern nahezu jede fünfte(17,2 Prozent), bei den Frauen etwa jede elfte(8,9 Prozent) Krebsneuerkrankung auf Lungenkrebs zurückzuführen. Insgesamt sind im Jahr 2000 in Wien 924 Personen(610 Männer, 314 Frauen) neu an Lungenkrebs erkrankt, im gesamten Bundesge­ 109 Vgl. dazu u. a. Gesundheitsbericht für Deutschland 1998, S. 180. 160 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Lungenkrebs biet gab es 3.689 Neuerkrankungen(2.593 Männer, 1.069 Frauen). In Wien ist die Lungenkrebsinzidenz deutlich höher als im gesamten Bundesgebiet. Pro 100.000 sind in Wien im Jahr 2000 79,8 Männer und 37,2 Frauen neu an Lungen­ krebs erkrankt, im gesamten Bundesgebiet waren es le­ diglich 65,8 Männer und 25,6 Frauen(rohe Rate). Die al­ tersstrukturbereinigte Rate weist für Wien pro 100.000 59,5 Neuerkrankungen von Männern und 20,6 Neuer­ krankungen von Frauen aus, für das gesamte Bundesge­ biet kam es pro 100.000 zu 48,2 Neuerkrankungen von Männern und 15,3 von Frauen(siehe Tabelle 5.04 auf Sei­ te 141). Eine der Ursachen für diese Unterschiede ist der hohe Anteil an RaucherInnen bzw. an starken Rauche­ rInnen(mehr als 20 Zigaretten pro Tag) in Wien. Altersstruktur der neu Erkrankten Lungenkrebs tritt gehäuft ab dem 45. Lebensjahr auf, lediglich 3,0 Prozent der im Jahr 2000 in Wien neu an Lungenkrebs erkrankten Männer und 3,8 Prozent der Frauen waren unter 45 Jahre alt. Während der größte Teil der neu erkrankten Männer im Lebensalter von 55 bis 64 Jahren stand, war unter den neu erkrankten Frauen die Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen am häufigsten vertreten. Möglicherweise spielt für das spä­ tere Auftreten von Lungenkrebs bei Frauen ihre gerin­ gere Tabakdosis eine Rolle. Auch haben Frauen histo­ risch gesehen erst etwas später zu rauchen begonnen als Männer. 110 Grafik 5.37: Neuerkrankungen an Lungenkrebs*(ICD-10) in Wien 2000 nach Alter und Geschlecht (in Prozent) Männer Frauen 0,0% 3,1% 16,6% 0,2% 2,8% 17,9% 27,7% 31,8% bis 24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ 0,0% 13,1% 0,6% 3,2% 15,6% 22,3% 24,8% 20,4% * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Entwicklung der Neuerkrankungen Sieht man von der Ausnahmestellung einzelner Jahre ab, so ging seit Beginn der 80er Jahre sowohl in Wien als auch in Österreich bei den Männern die Rate der Neuerkrankungen an Lungenkrebs kontinuierlich zu­ rück. In Wien verlief allerdings die Entwicklung weni­ ger konstant als im gesamten Bundesgebiet. So etwa kam es hier zwischen 1990 und 1993 zu einem Anstieg, auch im Jahr 2000 ist die Rate der Neuerkrankungen im Vergleich zum Vorjahr wieder gestiegen. Der insgesamt rückläufigen Tendenz der Neuerkran­ kungen bei den Männern steht bei den Frauen(in Wien und bundesweit) eine steigende Tendenz bei den Neu­ erkrankungen gegenüber. Die gegenläufige Entwick­ lung bei Männern und Frauen führte zu einer zuneh­ menden Verringerung des Geschlechterunterschieds in der Lungenkrebsinzidenz. Während 1983 in Wien die standardisierte Inzidenz der Männer mehr als vierein­ halb mal so hoch wie jene der Frauen war, war sie 1990 nur mehr etwa dreimal, im Jahr 2000 nur mehr etwa zweieinhalb mal so hoch. 110 Vgl. dazu Statistik Austria(2002), Rauchgewohnheiten, S. 42 ff. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 161 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Lungenkrebs standardisierte Raten pro 100.000 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 Grafik 5.38: Neuerkrankungen an Lungenkrebs*(ICD-10) in Wien und Österreich seit 1983 nach Geschlecht(standardisierte Raten** pro 100.000) 90,0 Wien/Männer 80,0 Österreich/Männer 70,0 Wien/Frauen Österreich/Frauen 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0 * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. ** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Zwischen 1990 und 1995 waren in Wien bei den Män­ nern Neuerkrankungen vorwiegend bei den älteren(ab 75 Jahren) rückläufig, bei den jüngeren sind sie noch gestiegen. Zwischen 1995 und 2000 war die standardi­ sierte Rate der Neuerkrankungen in nahezu allen Al­ tersgruppen rückläufig. Nur bei den 45- bis 64-jährigen und den 75- bis 84-jährigen Männern kam es noch zu einem Anstieg. Bei den Frauen ist die Rate der Neuerkrankungen zwi­ schen 1990 und 1995 in allen Altersgruppen(mit Aus­ nahme der 35- bis 44-jährigen) gestiegen. Zwischen 1995 und 2000 war vor allem bei den jüngeren Frauen (bis 54 Jahre) ein Anstieg der Neuerkrankungen zu be­ obachten, bei den 85-jährigen und älteren Frauen kam es zu keiner Veränderung. Bei den 55- bis 64-jährigen, sowie den 75- bis 84-jährigen Frauen nahm die Neuer­ krankungsrate ab. 162 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Lungenkrebs Tabelle 5.07: Neuerkrankungen an Lungenkrebs*(ICD-10) in Wien seit 1990(5-Jahresabstände) nach Alter und Geschlecht(standardisierte Raten** pro 100.000) Alter(Jahre) bis 24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ Wien gesamt pro 100.000 standardisierte Rate** pro 100.000 Verhältnis Männer: Frauen(=100%) Österreich gesamt standardisierte Rate** pro 100.000 Wien: Österreich(=100%) Verhältnis Männer: Frauen(=100%) 1990 0,0 0,0 17,7 81,7 188,5 340,5 481,0 598,6 Männer** 1995 1,1 0,6 16,6 87,6 201,7 369,7 350,1 412,6 2000 0,0 0,6 12,7 103,2 212,3 335,1 360,5 217,3 85,1 60,6 324,1 79,3 60,1 264,8 79,8 59,5 288,8 56,3 107,6 457,7 52,7 114,0 387,5 48,2 123,4 315,0 1990 0,0 0,8 11,5 23,7 61,6 99,7 130,5 127,7 38,2 18,7 Frauen** 1995 0,6 0,0 5,4 39,6 88,4 101,7 155,3 140,7 2000 0,0 1,3 7,7 45,1 62,9 104,3 112,1 141,8 41,9 37,2 22,7 20,6 12,3 152,0 13,6 166,9 15,3 134,6 * Einschließlich DCO-, ohne Caricoma in Situ-Fälle. ** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Stationäre Aufenthalte Aufgrund häufigerer Neuerkrankungen an Lungen­ krebs in Wien sind mehr stationäre Aufenthalte erfor­ derlich. Lungenkrebs war im Jahr 2000 für 1,7 Prozent der stationären Aufenthalte der Wohnbevölkerung Wiens und 1,2 Prozent jener Österreichs verantwort­ lich. Insgesamt wurden für Wien 8.017 stationäre Auf­ enthalte(Männer 5.396, Frauen 2.621) mit der Haupt­ diagnose Lungenkrebs verzeichnet, für das gesamte Bundesgebiet 27.008(Männer 19.094, Frauen 7.914). Bezogen auf die Bevölkerung kam es in Wien pro 100.000 bei den Männern zu 706,1 und bei den Frauen zu 310,4 stationären Aufenthalten. Österreichweit wa­ ren es deutlich weniger und zwar bei den Männern 484,5, bei den Frauen 189,8 pro 100.000. Die alters­ strukturbereinigte Rate der stationären Aufenthalte aufgrund von Lungenkrebs ist in Wien bei den Män­ nern um etwa die Hälfte(48,0 Prozent), bei den Frauen um nahezu zwei Drittel(62,8 Prozent) höher als im ge­ samten Bundesgebiet(siehe Tabelle 5.04 auf Seite 141). Die standardisierte Rate der stationären Aufenthalte ist bei beiden Geschlechtern im letzten Jahrzehnt gestie­ gen, in Wien jedoch deutlicher als im gesamten Bun­ desgebiet. Bei den Frauen ist sie in Wien im Jahr 2000 auf das Dreieinhalbfache, im gesamten Bundesgebiet auf das Dreifache des Ausgangswertes des Jahres 1990 gestiegen. Bei den Männern hat sich die standardisierte Rate der stationären Aufenthalte in Wien mehr als ver­ doppelt, in Österreich ist sie um knapp 80 Prozent ge­ stiegen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 163 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Lungenkrebs Grafik 5.39: Stationäre Aufenthalte aufgrund von Lungenkrebs(ICD-9/BMAGS<162>) in Wien und Österreich 1990, 1995, 2000 nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 600,0 500,0 400,0 524,2 Wien/Männer Österreich/Männer Wien/Frauen Österreich/Frauen 300,0 200,0 100,0 0,0 227,5 200,6 60,0 43,4 1990 276,8 231,0 115,6 67,4 1995 354,2 206,1 126,6 2000 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Mortalität Entsprechend höher ist in Wien auch die Sterblichkeit an Lungenkrebs. Im Jahr 2001 waren in Wien 6,9 Pro­ zent der Sterbefälle von Männern und 2,9 Prozent jener der Frauen auf Lungenkrebs zurückzuführen. Im ge­ samten Bundesgebiet war Lungenkrebs für 6,5 Prozent der Todesfälle von Männern und 2,3 Prozent jener von Frauen verantwortlich. Insgesamt sind in Wien im Jahr 2001 498 Männer und 281 Frauen an Lungenkrebs gestorben, in Österreich 2.258 Männer und 937 Frauen. Pro 100.000 sind damit in Wien 65,0 Männer und 33,4 Frauen an Lungenkrebs gestorben. Im gesamten Bundesgebiet ist die(rohe) Sterberate deutlich niedriger(Männer 57,1, Frauen 22,4). Dies gilt auch für die altersstrukturbereinigte Sterblichkeit(siehe unten, Grafik 5.41, sowie Tabelle 5.04 auf Seite 141). Altersstruktur der Verstorbenen Der überwiegende Teil der im Jahr 2001 in Wien an Lungenkrebs verstorbenen Männer(61,0 Prozent) war zwischen 55 und 74 Jahre alt, 22,9 Prozent waren 75 Jahre oder älter. Bei den Frauen verlagert sich die Sterblichkeit(ebenso wie die Inzidenz) an Lungenkrebs etwas weiter nach hinten: 47,7 Prozent der an Lungen­ krebs verstorbenen Frauen waren zwischen 55 und 74 Jahre, 38,1 Prozent waren 75 Jahre oder älter. Grafik 5.40: Sterbefälle an Lungenkrebs(ICD-9<162>) in Wien 2001 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) Männer 0,0% 3,8% 19,1% 0,2% 1,4% 14,5% 31,1% 29,9% bis 24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ Frauen 0,0% 13,2% 0,0% 3,2% 11,0% 24,9% 24,2% 23,5% Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. 164 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Lungenkrebs Entwicklung der Sterblichkeit Die altersstrukturbereinigte Mortalität ist in den letzten Jahrzehnten(ebenso wie die Neuerkrankungen) bei den Männern in Wien und im gesamten Bundesgebiet gesunken. Bei den Frauen ist sie(sowohl in Wien als auch österreichweit) bis zum Jahr 2000 gestiegen. 2001 war die altersstrukturbereinigte Rate schwach rückläu­ fig. Es scheint sich hier jedoch eher um ein zufälliges Absinken als um einen anhaltenden Trend zu handeln. Grafik 5.41: Mortalität an Lungenkrebs(ICD-9<162>) in Wien und Österreich seit 1980(5-Jahresabstände) nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 70,0 65,7 60,0 50,0 57,2 40,0 30,0 20,0 12,5 10,0 8,3 0,0 1980 59,2 54,0 13,6 9,1 1985 56,7 51,4 13,5 9,9 1990 53,2 45,9 17,9 10,9 1995 47,2 46,9 41,1 39,9 18,9 17,8 13,0 12,0 2000 2001 Wien/Männer Österreich/Männer Wien/Frauen Österreich/Frauen * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Differenzierte Analysen der altersspezifischen Mortali­ tät an Lungenkrebs zeigen, dass Kohorteneffekte bei solchen Abweichungen eine nicht unbedeutsame Rolle spielen. So z. B. zeigen jene Kohorten, die in ihren for­ mativen Jahren vermehrte Möglichkeiten hatten, mit dem Rauchen zu beginnen(wie z. B. Jugendliche unter den Bedingungen erhöhter Prosperität der Nachkriegs­ zeit), zeigen im weiteren Verlauf eine höhere Mortali­ tät, als jene Kohorten, für die das Rauchen nicht er­ schwinglich war. 111 Neuerkrankungen und Mortalität im Europäischen Vergleich 1997 lag die standardisierte Rate der Neuerkrankun­ gen 112 in Österreich(mit 67,9 Neuerkrankungen pro 100.000 bei den Männern und 19,4 Neuerkrankungen pro 100.000 bei den Frauen) über dem Europäischen Durchschnitt(Männer 75,7, Frauen 17,0 Neuerkran­ kungen pro 100.000). Die Mortalität an Lungenkrebs lag jedoch bei den Män­ nern mit 58,6 Verstorbenen pro 100.000 deutlich unter dem Durchschnitt der Europäischen Union(68,6 Ver­ storbene pro 100.000). Bei den Frauen lag sie(mit 16,0 Verstorbenen pro 100.000) knapp darüber(Europäi­ sche Union: 15,0 Verstorbene pro 100.000). Die standardisierte Inzidenz schwankte 1997 in der EU bei den Männern zwischen 31,4 und 107,0 Neuerkran­ kungen pro 100.000, bei den Frauen zwischen 6,9 und 42,1 pro 100.000. Die Mortalität variierte bei den Män­ nern zwischen 33,0 bis 101,5 Verstorbenen pro 100.000, bei den Frauen von 6,2 bis 41,9 Verstorbenen pro 100.000. Die meisten Neuerkrankungen und die höchste Morta­ lität hatten bei den Männern Belgien, die Niederlande und Luxemburg, bei den Frauen Dänemark und das Vereinigte Königreich(Großbritannien und Nordir­ land). Am geringsten war das Risiko an Lungenkrebs 111 Vgl. dazu Statistik Austria(2002), Rauchgewohnheiten. 112 Es handelt sich um altersstandardisierte Werte, die sich auf die alte Standardbevölkerung der WHO beziehen. Sie sind daher etwas höher als die aufgrund der neuen Standardbevölkerung berechneten. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 165 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Lungenkrebs zu erkranken und zu sterben für Männer in Schweden und Portugal, für Frauen in Spanien und Portugal. Prävention Primäre Prävention: Bei keiner anderen Krebserkran­ kung könnten durch wirksame Prävention mehr Er­ krankungs- und Todesfälle vermieden werden als beim Lungenkrebs. Wirksamste Maßnahme ist die Vermei­ dung des Rauchens. Vor allem Kinder und Jugendliche sind vor dem Tabakkonsum zu schützen, da in dieser frühen und prägenden Zeit der Grundstein für die spä­ tere, oft Jahrzehnte dauernde„Raucherkarriere“ gelegt wird. 113 Die zahlenmäßig größte und bisher völlig ver­ nachlässigte Zielgruppe wären jedoch all jene, die be­ reits mit dem Rauchen begonnen bzw. eine Abhängig­ keit entwickelt haben. Neben den bereits bestehenden Maßnahmen(Werbeverbote, Verbote des Rauchens in öffentlichen Gebäuden, etc.) wären daher Programme, die zur Beendigung des Rauchens beitragen, verstärkt zu unterstützten. In diesem Sinne sind auch die von der Europäischen Union gesetzten Maßnahmen(z. B. ein­ dringliche Warnhinweise auf den Zigarettenpackun­ gen) zu verstehen. Risikofaktoren wie Radon und Schadstoffe am Arbeitsplatz lassen sich durch präventi­ ve Maßnahmen ebenfalls reduzieren. Sekundäre Prävention: Es wird zwar über Möglichkei­ ten der Früherkennung des Bronchialkarzinoms disku­ tiert, bislang lässt sich aber die Wirksamkeit allgemei­ ner Screenings mit zytologischen Untersuchungen oder radiologischen Thoraxkontrollen nicht belegen. Gegen die Einführung solcher Untersuchungen sprechen die erheblichen Kosten und vor allem die Strahlenbelas­ tung, denen nicht Erkrankte ausgesetzt wären. Da die Ursachen des Bronchialkarzinoms überwiegend bekannt sind, ließe sich die Krankheitshäufigkeit durch Vorbeugung zweifellos verringern. Bei Männern sind bereits erste Ansätze zu erkennen. Demgegenüber wer­ den bei den Frauen die Auswirkungen des verstärkten Nikotinkonsums zunehmend sichtbar. 113 Vgl. dazu Statistik Austria(2002), Rauchgewohnheiten, S. 42 ff. 166 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Kolorektalkrebs Kolorektalkrebs Zusammenfassung Neuerkrankungen: Darmkrebs bzw. Krebser­ krankungen von Kolon und Rektum sind derzeit in Wien bei den Männern die dritthäufigste, bei den Frauen die zweithäufigste Krebsneuerkrankung. Im Jahr 2000 entfielen in Wien bei den Männern 13,0 Prozent, bei den Frauen 14,6 Prozent aller Krebsneuerkrankungen auf das kolorektale Karzi­ nom. Insgesamt sind in diesem Jahr 977 Personen neu an Darmkrebs erkrankt. Altersstrukturberei­ nigt erkranken mehr Männer als Frauen am kolo­ rektalen Karzinom. In Wien sind(altersstandardisiert) weniger Män­ ner am kolorektalen Karzinom erkrankt als im ge­ samten Bundesgebiet, bei den Frauen bestand kaum ein Unterschied. Während die standardisier­ te Rate der Neuerkrankungen bei den Männern in Wien in den letzten Jahrzehnten relativ großen Schwankungen unterlag, waren Neuerkrankungen von Frauen insgesamt eher rückläufig. Stationäre Aufenthalte der Wohnbevölkerung Wiens aufgrund von Kolorektalkrebs haben sich seit 1990 nahezu verdoppelt. 114 Mortalität: Wie bei anderen bösartigen Tumoren hängt auch beim kolorektalen Karzinom die Pro­ gnose vom Tumorstadium ab. Das kolorektale Kar­ zinom ist zur Zeit in Wien bei den Männern die zweithäufigste, bei den Frauen die dritthäufigste Krebstodesursache. Im Jahr 2001 waren in Wien 3,4 Prozent aller Sterbefälle auf Kolorektalkrebs zu­ rückzuführen. Insgesamt sind in diesem Jahr in Wien 573 Personen an Darmkrebs gestorben. Al­ tersstandardisiert sterben in Wien mehr Männer und Frauen am kolorektalen Karzinom als in Österreich. Aufgrund des verstärkten Rückgangs der Mortalität in den vergangenen Jahren in Wien kam es allerdings zu einer zunehmenden Anglei­ chung. Summary: Cancer of the colorectum New cases: At the moment, intestinal cancer and carcinoma of the colon and rectum are the third most frequent type of cancer in Viennese men and the second most frequent type of cancer in Viennese women. In 2000, 13.0 percent of all new cancer cas­ es diagnosed in Viennese males concerned cancer of the colorectum; for women, the rate was 14.6 per­ cent. All in all, 977 persons in Vienna were newly diagnosed with intestinal cancer in that year. Ad­ justed for age structure, the incidence of cancer of the colorectum is higher for men than for women. In Vienna, fewer men developed cancer of the color­ ectum than in Austria as a whole(age-standard­ ised data), whereas the difference with respect to women was marginal. While the standardised rate of new cases in Viennese males was subject to rela­ tively marked variations over the past decades, the number of new cases diagnosed in women tended to decrease. Inpatient hospital stays of Viennese residents caused by cancer of the colorectum have nearly doubled since 1990. 114 Mortality : As with other malignant tumours, the patient’s prognosis in case of cancer of the colorec­ tum depends on the stage to which the tumour has progressed. At the moment, cancer of the colorec­ tum is the second most frequent cause of death in Viennese males and the third most frequent cause of death in Viennese females. In 2001, 3.4 percent of all deaths in Vienna were due to cancer of the color­ ectum. All in all, 573 persons in Vienna died of in­ testinal cancer in that year. Age-standardised data show that more men and women die of cancer of the colorectum in Vienna than in Austria as a whole. However, the stronger decrease in mortality in Vienna over the past few years has reduced this difference. 114 Diese Zunahme kann nicht zur Gänze auf die Umstellung auf das neue Verrechnungssystem der Krankenanstalten mit 1.1.1997 zurück­ geführt werden. This increase is not entirely attributable to the introduction of the new reimbursement system for Vienna’s hospitals, which took effect as per 1 January 1997. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 167 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Kolorektalkrebs Definition Karzinome des Kolons und Rektums entstehen auf ähnliche Weise und werden deshalb unter dem Begriff „kolorektales Karzinom“ zusammengefasst. Das kolo­ rektale Karzinom(Darmkrebs) entsteht vor allem im Dickdarm, und zwar im Kolon(dem Hauptanteil des Dickdarms), oder im Rektum(Mast- bzw. Enddarm). Es entwickelt sich aus zunächst gutartigen Neubildun­ gen der Schleimhaut. keltem oder Geräuchertem werden verantwortlich ge­ macht. Der entscheidende Faktor scheint jedoch der mangelhafte Fasergehalt(Ballaststoffe) der Nahrung zu sein. Epidemiologische Studien zeigen, dass das Krebsrisiko bei regelmäßigem Verzehr von Gemüse und ausreichender Aufnahme von Faser- und Ballast­ stoffen um bis zu 50 Prozent sinkt. Fleisch, Proteine und Fett erhöhen das Erkrankungsrisiko, während Kalzium, Vitamin D und Milch als Schutzfaktoren gel­ ten. Anzeichen kolorektaler Karzinome sind okkultes Blut im Stuhl, Darmkrämpfe, plötzliche Veränderungen in den Stuhlgewohnheiten, Wechsel zwischen Durchfällen und Verstopfung, Blähungen, Schmerzen und eventuell Gewichtsverlust. Blutauflagerungen im Stuhl werden oft vorschnell mit Hämorrhoiden in Zusammenhang gebracht. Die meisten kolorektalen Karzinome werden erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Risikofaktoren Kolorektale Karzinome entstehen aus einer komplexen Wechselwirkung zwischen Umweltfaktoren, vererbba­ rer Empfindlichkeit und individuellem Verhalten. Genetische Faktoren: Ein Teil der kolorektalen Karzi­ nome ist erblich bedingt, verstärkt wurde dies in Fällen beobachtet, die vor dem 50. Lebensjahr auftraten. Beim kolorektalen Karzinom sind mehrere vererbbare direk­ te Gendefekte bekannt, wie z. B. die familiäre adenoma­ töse Polyposis(FAP) 115 oder das Gardner-Syndrom. Beide Erkrankungen sind durch viele im Dickdarm vorhandene Polypen gekennzeichnet, die bösartig ent­ arten können. Chronische Darmerkrankungen: Dazu zählen die Co­ litis ulcerosa und der Morbus Crohn. Beide Erkrankun­ gen sind hinsichtlich der Symptomatik(andauernde Durchfälle, häufige Stuhlgänge und Blutauflagerungen auf dem Stuhl) ähnlich und treten schon im Jugendoder Kindesalter auf. Ernährung: Eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Kolorektalkrebs spielen Ernährungsfaktoren. Fettreiche und faserarme(ballaststoffarme) Nahrung begünstigen die Entstehung des kolorektalen Karzi­ noms. Auch der Genuss von stark Gesalzenem, Gepö­ Auch körperliche Inaktivität und„sitzende Tätigkeit“ erhöhen das Erkrankungsrisiko. Ein schwacher bis mä­ ßiger Zusammenhang besteht zwischen übermäßigem Alkoholkonsum und dem Auftreten des kolorektalen Karzinoms. Das Rauchen von Zigarren und Pfeife scheint ebenso das Risiko zu erhöhen, dagegen hat Zi­ garettenrauchen nur geringen Einfluss. Daneben werden auch bestimmte Schadstoffe am Ar­ beitsplatz (wie Asbest, Pestizide und Herbizide) mit dem kolorektalen Karzinom in Verbindung gebracht. Verbreitung In Wien entfielen im Jahr 2000 bei den Männern 13,0 Prozent, bei den Frauen 14,6 Prozent aller Krebsneuer­ krankungen auf das kolorektale Karzinom. Darmkrebs ist damit in Wien bei den Männern die dritthäufigste, bei den Frauen die zweithäufigste Krebsneuerkran­ kung. Insgesamt sind in Wien 977 Personen(462 Männer, 515 Frauen) am kolorektalen Karzinom erkrankt. Dies entspricht einer rohen Rate von 60,5 Männern und 61,0 Frauen(pro 100.000), die an Darmkrebs erkrankten. Während jedoch gemessen an der rohen Rate Männer und Frauen ein ähnlich hohes Erkrankungsrisiko zu haben scheinen, zeigt sich bei Ausschaltung des Alters­ effektes, dass Neuerkrankungen an Darmkrebs bei Männern häufiger vorkommen als bei Frauen. Die standardisierte Rate der Neuerkrankungen pro 100.000 lag in Wien bei den Männern bei 43,4, bei den Frauen bei 27,6(siehe Tabelle 5.04 auf Seite 141). Wien-Österreich-Vergleich: Insgesamt kam es 2000 in Österreich zu 4.841 Neuerkrankungen an Darmkrebs (2.524 Männer, 2.317 Frauen). 115 Der Gendefekt kann auch spontan entstehen. 168 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Kolorektalkrebs Bei den Männern zeigt sich(sowohl unter Berücksichti­ gung der rohen als auch der standardisierten Rate), dass Neuerkrankungen in Wien seltener sind als im ge­ samten Bundesgebiet. In Österreich war bei den Män­ nern eine rohe Rate von 64,0 Neuerkrankungen pro 100.000 zu verzeichnen, altersstandardisiert waren es pro 100.000 46,4 Neuerkrankungen. Bei den Frauen zeigt sich anhand der rohen Rate zu­ nächst eine größere Erkrankungshäufigkeit in Wien. Für Österreich betrug die rohe Rate für Frauen 55,6 Neuerkrankungen pro 100.000. Altersstrukturbereinigt ist allerdings kaum ein Unterschied zwischen Wien und Österreich(27,4 Neuerkrankungen pro 100.000) zu bemerken. Die höhere rohe Rate der Neuerkrankungen an Darmkrebs in Wien ist daher vor allem auf das hö­ here Durchschnittsalter der Frauen in Wien zurückzu­ führen(vgl. Übersichtstabelle 5.04 auf Seite 141). Altersstruktur der neu Erkrankten Das kolorektale Karzinom tritt meist erst ab dem 50. Lebensjahr auf, erblich bedingte Formen jedoch bereits früher. Im Jahr 2000 waren in Wien 11,0 Prozent der an Kolorektalkrebs erkrankten Männer und 8,9 Prozent der Frauen unter 45 Jahre alt. Am häufigsten fanden sich unter den neu erkrankten Männern 65- bis 74-Jäh­ rige, bei den Frauen war die Altersgruppe der 75-bis 85-Jährigen am stärksten vertreten. Mehr als ein Drittel der neu erkrankten Männer und über die Hälfte der Frauen waren 75 Jahre oder älter. Grafik 5.42: Neuerkrankungen an bösartigen Neubildungen des Kolorektums*(ICD-10) in Wien 2000 nach Alter(in Prozent) Männer Frauen 0,0% 8,9% 0,2% 2,8% 8,0% 25,5% 25,1% 29,4% * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. bis 24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ 0,4% 0,0% 20,6% 2,3% 6,2% 13,2% 35,5% 21,7% Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Entwicklung der Neuerkrankungen Die Inzidenz hat bei den Männern in Österreich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen. In Wien gab es bei den Männern relativ große Schwan­ kungen. Bei den Frauen kam es in Wien ebenso wie ös­ terreichweit zu einem Rückgang der Neuerkrankun­ gen. Während Ende der 80er Jahre bis etwa Mitte der 90er Jahre die altersstrukturbereinigte Inzidenz bei Männern und Frauen in Wien noch deutlich über dem Bundesdurchschnitt lag, ist seither(vor allem bei den Frauen) eine Angleichung zu beobachten. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 169 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Kolorektalkrebs standardisierte Rate pro 100.000 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 Grafik 5.43: Neuerkrankungen an bösartigen Neubildungen des Kolorektums*(ICD-10) in Wien und in Österreich seit 1983 nach Geschlecht(standardisierte Raten** pro 100.000) 60,0 Österreich/Männer Wien/Männer 50,0 Wien/Frauen Österreich/Frauen 40,0 30,0 20,0 10,0 0 * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. ** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Die standardisierte Rate der Neuerkrankungen an bösartigen Neubildungen des Kolorektums war in Wien zwischen 1995 und 2000 bei den Männern in allen Altersgruppen rückläufig, lediglich bei den 45- bis 54-jährigen und bei den 85-jährigen und älteren ist sie gestie­ gen. Bei den Frauen war in dieser Zeitspanne die Inzi­ denz bei den Frauen ab 55 Jahren rückläufig, nicht aber bei den jüngeren. Tabelle 5.08: Neuerkrankungen an bösartigen Neubildungen des Kolorektums*(ICD-10) in Wien seit 1990(5-Jahresabstände) nach Alter und Geschlecht(standardisierte Raten** pro 100.000) Alter(Jahre) bis 24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ Wien gesamt pro 100.000 standardisierte Rate** pro 100.000 Verhältnis Männer: Frauen(=100%) Österreich gesamt standardisierte Rate** pro 100.000 Verhältnis Wien: Österr.(=100%) Verhältnis Männer: Frauen(=100%) 1990 0,3 5,7 11,2 46,8 141,1 334,1 506,0 660,8 75,6 53,5 153,7 47,6 112,4 154,0 Männer 1995 0,0 1,3 9,8 19,0 146,0 270,8 566,6 388,6 61,5 46,2 157,7 47,7 96,9 157,9 2000 0,0 0,6 9,4 35,1 126,1 267,7 426,4 475,9 60,5 43,4 157,2 46,4 93,5 169,3 1990 0,0 0,8 2,7 33,1 102,5 196,3 373,5 455,0 86,0 34,8 Frauen 1995 0,4 0,7 5,3 24,2 73,5 177,4 314,5 454,2 69,2 29,3 2000 0,0 1,3 9,2 29,7 67,9 148,8 295,3 372,4 61,0 27,6 30,9 112,6 30,2 27,4 97,0 100,7 * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. ** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. 170 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Kolorektalkrebs Stationäre Aufenthalte Im Jahr 2000 waren 2,0 Prozent der stationären Aufent­ halte der in Wien und 1,6 Prozent der in Österreich wohnhaften Personen durch Kolorektalkrebs bedingt. Für die Wohnbevölkerung Wiens wurden 9.770 statio­ näre Aufenthalte mit der Hauptdiagnose Kolorektal­ krebs(Männer 5.264, Frauen 4.506) verzeichnet, für je­ ne Österreichs 36.689(Männer 21.348, Frauen 15.341). Frauen haben seltener Spitalsaufenthalte aufgrund bösartiger Neubildungen des Kolorektums als Männer. In Wien sind jedoch stationäre Aufenthalte mit dieser Hauptdiagnose häufiger als österreichweit, dies zeigt sich sowohl aufgrund der rohen als auch der alters­ strukturbereinigten Raten. Pro 100.000 waren in Wien bei den Männern 688,9 Spitalsaufenthalte aufgrund von Kolorektalkrebs, bei den Frauen etwas weniger, nämlich 533,6 zu verbuchen. In Österreich war die rohe Rate der Spitalsaufenthalte deutlich niedriger(Männer 541,7, Frauen 367,9 pro 100.000).(Siehe Übersichtsta­ belle 5.04 auf Seite 141) Stationäre Aufenthalte aufgrund von Kolorektalkrebs sind seit 1990 in Wien, aber auch österreichweit bei bei­ den Geschlechtern kontinuierlich gestiegen. Bei beiden Geschlechtern kam es in Wien und bundesweit in etwa zu einer Verdoppelung der Aufnahmen. Grafik 5.44: Stationäre Aufenthalte aufgrund des kolorektalen Karzinoms(ICD-9/BMAGS<153,154>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen 1990, 1995, 2000(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 600,0 500,0 400,0 300,0 200,0 100,0 0,0 229,8 197,4 154,2 126,2 1990 423,8 328,8 241,4 182,0 1995 507,2 390,4 320,2 224,3 2000 Wien/Männer Österreich/Männer Wien/Frauen Österreich/Frauen * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Mortalität Wie bei anderen bösartigen Tumoren hängt auch beim kolorektalen Karzinom die Prognose vom Tumorstadi­ um ab. In Wien waren im Jahr 2001 3,4 Prozent, in Ös­ terreich 3,3 Prozent der Sterbefälle auf diese Krebsart zurückzuführen. Das kolorektale Karzinom ist in Wien bei den Männern(nach dem Lungenkrebs) die zweit­ häufigste, bei den Frauen(nach Brust- und Lungen­ krebs) die dritthäufigste Krebstodesursache. Im Jahr 2001 sind in Wien 573 Personen(260 Männer, 313 Frauen) an Darmkrebs gestorben, in Österreich 2.448 (1.243 Männer, 1.205 Frauen). Während in Wien gemessen an der rohen Rate mehr Frauen(37,2 Sterbefälle pro 100.000) als Männer(33,9 Sterbefälle pro 100.000) sterben, ist dies österreichweit umgekehrt(Männer 31,4, Frauen 28,8 Verstorbene pro 100.000). Schaltet man jedoch mittels Altersstandardisierung den aus dem unterschiedlichen Altersaufbau der Ge­ schlechter resultierenden Einfluss aus, so sterben so­ wohl in Wien als auch im gesamten Bundesgebiet mehr Männer als Frauen am kolorektalen Karzinom. Die Sterblichkeit am Kolorektalkarzinom ist in Wien bei beiden Geschlechtern höher als im gesamten Bundesgebiet(siehe Tabelle 5.04 auf Seite 141). AufCHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 171 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Kolorektalkrebs grund des Rückgangs der Sterblichkeit dieser es jedoch zu einer zunehmenden Angleichung(siehe Krebserkrankung in Wien im letzten Jahrzehnt kam folgende Grafik). Grafik 5.45: Mortalität am kolorektalen Karzinom(ICD-9<153,154>) in Wien und Österreich seit 1980(5-Jah­ resabstände) nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 35,0 30,0 33,3 25,0 27,8 20,0 22,6 15,0 17,8 10,0 31,2 25,8 21,8 17,1 30,4 27,6 26,7 20,6 25,0 17,4 16,9 15,3 23,7 22,9 21,7 21,3 15,2 14,8 13,2 12,4 Wien/Männer Österreich/Männer Wien/Frauen Österreich/Frauen 5,0 0,0 1980 1985 1990 1995 2000 2001 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Neuerkrankungen und Mortalität im EU-Vergleich Darmkrebs stellt in vielen europäischen Ländern eines der großen Gesundheitsprobleme dar. Österreich liegt jedoch(mit Stand 1997) sowohl bei den Neuerkran­ kungen als auch bei der Mortalität am kolorektalen Karzinom bei beiden Geschlechtern über dem Europäi­ schen Durchschnitt. 116 Die höchste Neuerkrankungsra­ te fand sich 1997 bei den Männern(der Rangreihe nach) in Irland, Österreich, Deutschland und den Nie­ derlanden, die niedrigste in Griechenland. Bei den Frauen lagen Dänemark, Deutschland, Irland, die Nie­ derlande und Luxemburg im Spitzenfeld, die niedrigste Inzidenz hatte(wie bei den Männern) Griechenland (siehe folgende Grafik). Die Mortalität an bösartigen Neubildungen des Kolo­ rektums war bei den Männern in Dänemark und Irland am höchsten, in Griechenland(ebenso wie die Inzi­ denz) am niedrigsten. Bei den Frauen hatte Dänemark die höchste, Griechenland die niedrigste Mortalität (siehe folgende Grafik). 116 Die standardisierten Raten basieren noch auf der alten Standardbevölkerung der WHO und sind dadurch höher als die dem Bericht zugrundeliegenden. 172 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Kolorektalkrebs Grafik 5.46: Inzidenz und Mortalität am kolorektalen Karzinom(ICD-9<153,154>) in den Ländern der Europäi­ schen Union nach Geschlecht 1997(standardisierte Raten* pro 100.000) 70,0 60,0 62,4 57,7 55,1 50,0 Männer 65,9 64,2 60,8 58,9 60,5 55,4 55,6 53,3 56,2 47,1 Inzidenz Mortalität Inzidenz/EU-Durchschnitt Mortalität/EU-Durchschnitt 40,0 30,0 20,0 10,0 38,8 35,2 32,0 26,0 25,6 27,6 33,3 33,0 24,6 28,2 28,2 29,0 26,0 27,1 17,7 12,9 20,1 0,0 Belgien Dänemark Deutschland Finnland Frankreich Griechenland Irland Italien Luxemburg Niederlande Österreich Portugal Schweden Spanien Groß­ britannien (UK) Frauen 70,0 60,0 50,0 47,8 39,4 40,0 42,3 34,0 42,2 41,0 41,9 39,5 35,7 36,0 34,1 33,7 36,2 30,0 20,0 10,0 29,7 27,3 21,7 21,6 19,1 15,4 21,9 13,1 9,7 22,8 15,3 19,0 18,2 16,5 15,3 16,0 17,5 0,0 Inzidenz Mortalität Inzidenz/EU-Durchschnitt Mortalität/EU-Durchschnitt Belgien Dänemark Deutschland Finnland Frankreich Griechenland Irland Italien Luxemburg Niederlande Österreich Portugal Schweden Spanien Großbritannien (UK) * Als Standardbevölkerung wurde die Europäische Standardbevölkerung der WHO verwendet. Quelle: Statistik Austria. Prävention Primäre Präventionsmaßnahmen beschränken sich beim kolorektalen Karzinom auf vernünftige Ernäh­ rung mit ausreichend Ballaststoffen(viel Obst und Gemüse) und möglichst wenig Fett. Ballaststoffreiche Nahrung verkürzt die Stuhlpassage und damit die Kontaktzeit karzinogener Stoffe an der Darmwand. Empfohlen wird eine vernünftige Lebensweise mit re­ gelmäßiger körperlicher und sportlicher Aktivität, mäßigem Alkoholkonsum und Verzicht auf Tabakwa­ ren. Die sekundäre Prävention bedeutet Früherkennung bzw. rechtzeitige Diagnose des kolorektalen Karzi­ noms. Wie bei anderen Krebserkrankungen ist auch beim kolorektalen Karzinom die Früherkennung für die Prognose entscheidend. Ein gängiges Verfahren zur Frühdiagnose ist der Test auf verborgenes(okkultes) Blut im Stuhl. Markersubstanzen, die für eine Primäroder Frühdiagnostik einsetzbar wären, gibt es derzeit nicht. Tumoren im Rektum können durch Austasten entdeckt werden. Die Verdachtsdiagnose wird in erster Linie durch eine Endoskopie geklärt. Besondere Maß­ nahmen gelten für Hochrisikogruppen, wie z. B. Patien­ tInnen mit Colitis(Entzündung des Dickdarms), früheCHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 173 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Kolorektalkrebs rem kolorektalen Karzinom, Familienvorgeschichte mit kolorektalem Karzinom oder weiblichem Genital­ krebs, PatientInnenen mit familiärer adenomatöser Polyposis(FAP). Die Wiener Krebshilfe empfiehlt den Okkulttest(Test auf verborgenes Blut im Stuhl) und zwar jährlich ab dem 40. Lebensjahr. Ab dem 50. Lebensjahr wird zu­ sätzlich alle 5–7 Jahre eine Koloskopie(rektale Unter­ suchung mittels eines speziellen Endoskops) empfoh­ len. Bei dieser Untersuchung ist auch eine Biopsie(Ent­ nahme verdächtigen Gewebes) möglich. Als generelle Screening Methode ist die Koloskopie je­ doch umstritten, da Darmuntersuchungen leicht zu Verletzungen und eventuell unnötigen Operationen mit einschneidenden Operationsfolgen führen können. (Siehe auch die im folgenden angeführten Empfehlun­ gen der EU). Mehrere Studien 117 haben belegt, dass sich die Sterb­ lichkeit an Darmkrebs durch systematische Früherken­ nung senken lässt. Der Test auf okkultes Blut im Stuhl ist als einziges Vorsorgeverfahren auf Bevölkerungs­ ebene umfassend evaluiert worden. Eine Metaanalyse aller auf Zufallsauswahl basierenden Studien zum Test auf okkultes Blut im Stuhl ergab eine Verringerung der Darmkrebsmortalität um 16 Prozent. 118 In England und Schottland haben im Jahr 2000 regional begrenzte Pilotprogramme zur Vorsorge mit dem Test auf okkul­ tes Blut im Stuhl begonnen; weitere Pilotprojekte sind geplant. Es wurden auch komplexere Tests auf okkultes Blut im Stuhl, insbesondere immunologische Tests ent­ wickelt. 119 Diese sind sensitiver; ihre Spezifität ist auf Bevölkerungsebene jedoch nicht ausreichend nachge­ wiesen. Unter Bezugnahme auf diese Ergebnisse emp­ fiehlt die Europäische Union Darmkrebs-Vorsorgepro­ gramme auf Bevölkerungsebene ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Vorsorgeprogramme sollten den Test auf ok­ kultes Blut im Stuhl verwenden; die Koloskopie sollte der weiteren Untersuchung der Fälle mit positivem Testergebnis vorbehalten bleiben. Die Vorsorgeunter­ suchungen sollten Männern und Frauen im Alter von 50 bis etwa 74 Jahren angeboten werden und alle ein bis zwei Jahre stattfinden. 120 Therapie und Prognose Der Erfolg therapeutischer Bemühungen und die Le­ bensqualität nach der Diagnose eines kolorektalen Kar­ zinoms wird wesentlich von der Tumorausbreitung zum Zeitpunkt der Primärdiagnose bestimmt. Bei einer Früherkennung ist die Prognose gut, allerdings sind diese Fälle relativ selten. Zu den Aufgaben der Tumornachsorge gehören psychosoziale Maßnahmen, die Be­ handlung der Operationsfolgen, insbesondere die Be­ treuung der PatientInnen mit künstlichem Darmaus­ gang sowie die Qualitätskontrolle des chirurgischen Eingriffs. Behandlung in Rehabilitationseinrichtungen wäre wünschenswert. Trotz der Fortschritte bei Diag­ noseverfahren und Therapien bleiben die FünfjahresÜberlebensraten gering. 117 HARDCASTLE et al.(1996); KRONBERG et al.(1996); KEWENTER et al.(1994); TAZI et al.(1997); FAIVRE et al.(1999). 118 TOWLER et al.(1998). 119 SAITO et al.(1995); CASTIGLIONE et al.(1996). 120 Empfehlungen zur Krebsvorsorge in der Europäischen Union(1999). 174 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Gebärmutterkrebs Gebärmutterkörper- und Gebärmutterhalskrebs Zusammenfassung Unter den krebsartigen Veränderungen der Gebär­ mutter(Uterus) zu differenzieren sind der Krebs des Gebärmutterkörpers(Corpuskarzinom), der im Gebärmutterkörper entsteht, und der Gebär­ mutterhalskrebs(Zervixkarzinom). Beide Arten von Tumoren unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Ursachen und ihrer Verbreitung. Neuerkrankungen: Der Gebärmutterhalskrebs war in Wien im Jahr 2000 für 3,3 Prozent, der Krebs des Gebärmutterkörpers für 5,0 Prozent aller Krebsneuerkrankungen von Frauen verantwort­ lich. In Absolutzahlen bedeutet das, dass in diesem Jahr 197 Wienerinnen an Gebärmutterkörper- und 115 neu an Gebärmutterhalskrebs erkrankt sind. Altersstrukturbereinigt sind im Jahr 2000 in Wien weniger Frauen an bösartigen Neubildungen des Gebärmutterkörpers als in Österreich erkrankt; Neuerkrankungen an Gebärmutterhalskrebs waren ähnlich häufig. Im Gegensatz zum Gebärmutterhalskrebs tritt der Krebs des Gebärmutterkörpers meist erst in einem höheren Alter auf, und zwar vorwiegend in oder nach der Menopause. Etwa jede zweite in Wien im Jahr 2000 neu an Gebärmutterkörperkrebs er­ krankte Frau war zwischen 55 und 74 Jahre alt. Die standardisierte Inzidenz an bösartigen Neubil­ dungen des Gebärmutterkörpers ist in Wien seit 1983 um zwei Drittel, jene an bösartigen Neubil­ dungen des Gebärmutterhalses auf über die Hälfte des Ausgangswertes gesunken. Auch die Sterb­ lichkeit war bei beiden Krebsarten in den letzten Jahrzehnten rückläufig, nicht zuletzt dank Vorsor­ ge- bzw. Früherkennungsmaßnahmen. Summary: Cancer of the body of the uterus and of the cervix Amongst the various types of cancerous alterations of the uterus it is necessary to differentiate between cancer of the body of the uterus(corpus carcino­ ma), which develops in the body of the uterus, and cancer of the cervix(cervical carcinoma). Both types of tumour present differences regarding their causes and incidence. New cases : In 2000, cervical cancer in Vienna caused 3.3 percent, and corpus carcinoma, 5.0 per­ cent of all new cases of cancer diagnosed in women. In absolute figures, this means that 197 Viennese women were diagnosed with corpus carcinoma and 115 with cervical carcinoma in that year. Adjusted for age structure, these data show that in 2000 few­ er women developed malignant neoplasms of the body of the uterus in Vienna than in Austria as a whole; the incidence of new cases of cervical cancer was roughly equal. Contrary to cervical cancer, corpus carcinoma tends to occur later in life, mainly during or after menopause. Roughly one in two Viennese women newly diagnosed with corpus carcinoma in 2000 were aged between 55 and 74. Since 1983, the standardised incidence of malig­ nant neoplasms of the body of the uterus has de­ creased in Vienna by two thirds, while the compa­ rable figure for malignant neoplasms of the cervix has dropped to slightly less than half of the original rate. Mortality rates, too, have gone down over the past decades for both types of cancer, which is in no small measure due to screening and early diagno­ sis. Einleitung Krebsartige Veränderungen der Gebärmutter(Uterus) werden nach ihren Entstehungsorten eingeteilt. Zu un­ terscheiden sind der Krebs des Gebärmutterkörpers(Corpuskarzinom), der im Gebärmutterkörper entsteht, und der Gebärmutterhalskrebs(Zervixkarzinom). Das Cor­ puskarzinom entwickelt sich aus der Schleimhaut, dem so genannten Endometrium, und wird daher auch als Endometriumkarzinom bezeichnet. Bösartige Tumoren CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 175 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Gebärmutterkrebs im Bereich des Gebärmutterkörpers und des Gebärmut­ terhalses unterscheiden sich in mehrfacher Hinsicht. Risikofaktoren Die Risikofaktoren für Gebärmutterhalskrebs und bös­ artige Neubildungen des Gebärmutterkörpers sind ver­ schieden. Wichtigste Ursache für Gebärmutterhals­ krebs ist eine Infektion mit dem humanen Papilloma­ virus(HPV). Die humanen Papillomaviren können ver­ schiedene Erkrankungen hervorrufen, Untergruppen dieser Viren können Krebs auslösen. Im genitalen Be­ reich erfolgt die Übertragung hauptsächlich über den Geschlechtsverkehr. Infektionen mit genitalen HPVTypen sind häufig, meistens heilen sie ohne das Auftre­ ten von Beschwerden aus. Frauen mit frühem ersten Geschlechtsverkehr haben ein deutlich höheres Erkrankungsrisiko als Frauen, die erst später sexuell aktiv werden. Bei früher sexueller Aktivität scheint das Gewebe am Gebärmutterhals für eine Infektion besonders empfänglich zu sein. Auch bei häufig wechselnden Sexualpartnern ist(bei unge­ schütztem Verkehr) das Infektionsrisiko erhöht. Als krankheitsbegünstigend werden eine frühe erste Schwangerschaft und seltenere Teilnahme an einer Krebsvorsorge angesehen. Frauen, die mehr als acht Jahre lang die Antibabypille einnehmen, haben ebenfalls ein erhöhtes Risiko für Zervixkarzinom. Vermutet wird, dass die Einnahme der Pille die Aktivität von HPV erhöht, wenn bereits ei­ ne Infektion stattgefunden hat. Als weitere Risikofaktoren gelten der Zigarettenkon­ sum, eine bestimmte genetische Disposition, erworbe­ ne Immunschwächen und häufige Infekte im Genital­ bereich(z. B. genitale Herpesinfektionen). Der in vielen Studien dokumentierte Einfluss des Rauchens wird hingegen meist nicht als eigenständiger Einflussfaktor gesehen. Frauen aus unteren sozialen Schichten er­ kranken häufiger an einem Zervixkarzinom als Frauen aus mittleren und oberen sozialen Schichten. Beim Krebs des Gebärmutterkörpers ist eine Beteili­ gung des HPV-Virus relativ selten. Ein erhöhtes Krank­ heitsrisiko wurde bei Übergewicht, Bluthochdruck, Di­ abetes mellitus(Zuckerkrankheit) und Unfruchtbar­ keit(Infertilität) beobachtet. Als Ursache wird für die meisten Karzinome des Corpus uteri ein Einfluss des Östrogens auf die Gebärmutterschleimhaut angesehen. Bei Frauen mit spät einsetzender Menopause, bei Frau­ en ohne Schwangerschaft, bei Fettleibigkeit oder bei langzeitiger Einnahme von Östrogentabletten besteht ein Östrogenspiegel und eine Östrogenwirkung auf das Endometrium, die das Normale übersteigt. Symptome Frühformen des Gebärmutterhalskarzinoms verursa­ chen kaum Beschwerden. Eine unregelmäßige Blutung, insbesondere nach dem Geschlechtsverkehr, übelrie­ chender blutiger Ausfluss oder unklare Bauch- und Kreuzschmerzen können spätere Hinweise sein. Das wichtigste Symptom beim Corpuskarzinom ist(vor allem bei Frauen in der Menopause) die vaginale Blu­ tung. Darüber hinaus gibt es meist keine Beschwerden. Ein erster Hinweis können Beckenschmerzen sein. Erst bei Fortschreiten des Tumors kann es zu Harnblutun­ gen, Harnwegsinfekten oder auch einer Stauung der Niere mit Rückenschmerzen kommen. Verbreitung Der Gebärmutterhalskrebs war in Wien im Jahr 2000 für 3,3 Prozent aller Krebsneuerkrankungen von Frauen bzw. für ein Viertel aller Neuerkrankungen im Bereich der weiblichen Genitalorgane verantwortlich. Der Krebs des Gebärmutterkörpers ist hingegen häufiger: 5,0 Prozent aller Krebsneuerkrankungen von Frauen bzw. nahezu 40 Prozent aller Neuerkrankungen an Kar­ zinomen im Bereich der weiblichen Genitalorgane wa­ ren auf ein Corpuskarzinom zurückzuführen. Laut österreichischem Krebsregister sind in Wien im Jahr 2000 177 Frauen neu am Gebärmutterkörperkrebs (Österreich: 1.016) und 115 am Gebärmutterhalskrebs (Österreich: 524) erkrankt. Zusammen machten beide Krebsarten in Wien 8,8 Prozent aller gemeldeten Krebsneuerkrankungen von Frauen aus. Von 100.000 Frauen erkrankten somit in Wien 21,0 an Gebärmutterkörper- und 13,6 an Gebärmutterhals­ krebs. Österreichweit war die rohe Rate für bösartige Neubildungen des Gebärmutterkörpers mit 24,4 Neu­ erkrankungen pro 100.000 etwas höher, dagegen jene für Gebärmutterhalskrebs mit 12,6 Neuerkrankungen pro 100.000 etwas niedriger(siehe Tabelle 5.04 auf Sei­ te 141). 176 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Gebärmutterkrebs Altersstrukturbereinigt ist die Inzidenz an Gebärmutterkörperkrebs in Wien mit 11,8 Neuerkrankungen pro 100.000 ebenfalls etwas niedriger als im gesamten Bundesgebiet(14,3 Neuerkrankungen pro 100.000), bei den Neuerkrankungen an Gebärmutterhalskrebs be­ steht altersstrukturbereinigt kaum ein Unterschied (Wien 9,5, Österreich 9,4 Neuerkrankungen pro 100.000). Altersstruktur der neu Erkrankten Der größte Teil der im Jahr 2000 in Wien an bösartigen Neubildungen des Gebärmutterhalses erkrankten Frauen war zwischen 45 und 54 Jahre alt. Etwa jede vierte neu erkrankte Frau war unter 45 Jahre alt. Grafik 5.47: Neuerkrankungen an bösartigen Neubildungen des Gebärmutterhalses(ICD-10) und des Gebärmutterkörpers*(ICD-10) von Frauen in Wien im Jahr 2000 nach Alter(in Pro­ zent) Gebärmutterhalskrebs C53 Gebärmutterkörperkrebs C54, C55 0,0% 5,2% 7,0% 18,3% 16,5% 13,9% 16,5% 22,6% bis 24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ 0,0% 6,2% 0,6% 3,4% 9,0% 26,0% 26,6% 28,2% * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. Inkludiert sind beim Krebs des Gebärmutterkörpers hier auch bösartige Neubildungen nicht näher bezeichneter Teile der Gebärmutter(ICD-10). Es handelt sich dabei jedoch lediglich um wenige Fälle. Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Im Gegensatz zum Gebärmutterhalskrebs tritt das Corpuskarzinom meist in einem höheren Alter und zwar vorwiegend in oder nach der Menopause auf. Etwa jede zweite neu daran erkrankte Frau war zwischen 55 und 74 Jahre. Während unter den an Gebärmutterhalskrebs neu Erkrankten viele jüngere Frauen waren, war dies bei bösartigen Neubildungen des Gebärmutterkörpers deutlich seltener der Fall. Lediglich 13 Prozent waren unter 45 Jahre. Entwicklung der Inzidenz In Wien ist die altersstrukturbereinigte Inzidenz seit 1983 bei bösartigen Neubildungen des Gebärmutter­ körpers um zwei Drittel, bei bösartigen Neubildungen des Gebärmutterhalses auf über die Hälfte des Ausgangswertes gesunken. Während in Österreich die Inzi­ denz bei beiden Krebsarten relativ kontinuierlich zurückging, zeigt sich für Wien ein eher wellenförmiger Verlauf. Der Rückgang der Inzidenz ist vor allem auf die Verbesserung der Diagnostik in den Vorstadien der Erkrankung zurückzuführen. Vor allem die Inzidenz am Gebärmutterhalskrebs scheint in letzter Zeit aber wieder zu steigen. Es bleibt abzuwarten, ob es sich hier um ein zufälliges Ansteigen oder um einen längerfristi­ gen Trend handelt. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 177 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Gebärmutterkrebs Grafik 5.48: Neuerkrankungen an bösartigen Neubildungen des Gebärmutterhalses(ICD-10) und des Gebärmutterkörpers(ICD-10)* bei Frauen in Wien und Österreich seit 1983(standar­ disierte Raten** pro 100.000) 25,0 Österreich/Gebärmutter­ körperkrebs C54, C55 20,0 Wien/ Gebärmutter­ körperkrebs C54, C55 Österreich/Gebärmutter­ halskrebs C53 15,0 Wien/Gebärmutter­ halskrebs C53 10,0 standardisierte Raten pro 100.000 5,0 – 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. ** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Die altersgruppenspezifische standardisierte Inzidenz entwickelte sich in Wien im letzten Jahrzehnt wie folgt: Tabelle 5.09: Neuerkrankungen an bösartigen Neubildungen des Gebärmutterhalses(ICD-10) und des Gebärmutterkörpers bei Frauen(ICD-10)* in Wien seit 1990(5-Jahresabstände) nach Alter(standardisierte Raten** pro 100.000) Alter(Jahre) bis 24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ Wien gesamt pro 100.000 standardisierte Rate** pro 100.000 Österreich gesamt standardisierte Rate** pro 100.000 Verhältnis Wien: Österr.(=100%) Gebärmutterhalskrebs 1990 1995 2000 0,6 0,4 10,8 5,4 31,6 20,2 19,8 19,3 26,9 11,3 23,8 18,4 28,3 11,4 29,8 22,6 0,0 5,9 14,6 25,1 18,7 20,8 33,1 22,2 17,6 11,0 13,0 8,4 13,6 9,5 14,5 11,4 89,7 73,7 9,4 101,1 Gebärmutterkörperkrebs 1990 1995 2000 0,0 0,4 0,0 0,8 0,7 0,6 2,5 5,3 4,6 22,9 11,7 15,0 61,5 26,2 46,8 76,6 71,4 67,1 96,0 60,1 72,4 123,4 67,4 36,3 30,7 19,2 21,0 15,2 10,0 11,8 15,5 14,8 14,3 98,1 67,6 82,5 * Einschließlich DCO-, ohne Carcinoma in situ-Fälle. ** Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. 178 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Gebärmutterkrebs Die Inzidenz an Gebärmutterhalskrebs war(abgesehen von den 45- bis 54-Jährigen, bei denen es zu keiner Ver­ änderung kam) zwischen 1990 und 1995 in allen Alters­ gruppen rückläufig. Zwischen 1995 und 2000 nahm sie lediglich bei jüngeren Frauen(35 bis 44 Jahre) ab, bei den älteren(45 bis 84 Jahre) jedoch wieder zu. Bei den Hochaltrigen(85 und mehr Jahre) kam es zu keiner merkbaren Veränderung. Die Entwicklung der Neuerkrankungen an bösartigen Neubildungen des Gebärmutterkörpers verlief zum Teil ähnlich. Und zwar gingen zwischen 1990 und 1995 bei den Frauen ab 45 Jahren die Neuerkrankungen zum Teil deutlich zurück, bei den 35- bis 44-Jährigen nah­ men sie jedoch zu. Seit 1995 verlief die Entwicklung eher uneinheitlich. Während die Neuerkrankungen bei den 65- bis 74-Jährigen und den Hochaltrigen(85 Jahre und älter) abnahmen, haben sie bei den 45- bis 64-Jäh­ rigen zugenommen. Stationäre Aufenthalte Für die weibliche Wohnbevölkerung Wiens wurden im Jahr 2000 825 stationäre Aufenthalte aufgrund von Ge­ bärmutterhalskrebs und 818 aufgrund von bösartigen Neubildungen des Gebärmutterkörpers verzeichnet. In der Wohnbevölkerung Österreichs kam es zu 2.920 sta­ tionären Aufenthalten aufgrund von Gebärmutterhals­ krebs und zu 3.415 aufgrund von bösartigen Neubil­ dungen des Gebärmutterkörpers. Das sind für beide Krebsarten zusammen in Wien und in Österreich je 0,3 Prozent der stationären Aufenthalte der jeweiligen Wohnbevölkerung. Pro 100.000 Frauen waren in Wien 97,7 stationäre Auf­ enthalte aufgrund von Gebärmutterhalskrebs und 96,6 aufgrund von Gebärmutterkörperkrebs zu verzeich­ nen. In Österreich war die rohe Rate der stationären Aufenthalte aufgrund dieser Krebsarten niedriger(Ge­ bärmutterhalskrebs 70,0, bösartige Neubildungen des Gebärmutterkörpers 81,8 stationäre Aufenthalte pro 100.000) als in Wien. Dies bestätigt sich auch aufgrund altersstrukturbereinigter Werte(siehe Tabelle 5.04 auf Seite141). Grafik 5.49: Stationäre Aufenthalte aufgrund bösartiger Neubildungen des Gebärmutterhalses(ICD-9/BMAGS <180>) und des Gebärmutterkörpers(ICD-9/MBAGS<182>) von in Wien und Österreich wohnhaf­ ten Frauen 1990, 1995, 2000(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 80,0 70,0 61,2 60,0 59,0 56,3 50,0 40,0 46,6 30,0 54,9 47,2 42,7 45,2 Wien/Gebärmutter­ halskrebs 180 67,9 Wien/Gebärmutter­ körperkrebs 182 58,6 Österreich/Gebärmutter­ 52,3 halskrebs 180 50,3 Österreich/Gebärmutter­ körperkrebs 182 20,0 10,0 0,0 1990 1995 2000 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. In Wien verlief die Entwicklung der stationären Auf­ enthalte mit den Diagnosen Gebärmutterkörper- und Gebärmutterhalskrebs anders als im gesamten Bundes­ gebiet. Und zwar waren für die weibliche Wohnbevöl­ kerung Wiens(unter Berücksichtigung altersstandar­ disierter Werte) für beide Krebsarten die stationären Aufenthalte bis 1995 rückläufig. 1995 hatte Wien bei beiden Krebsarten die bisher niedrigste Inzidenz. Seit CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 179 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Gebärmutterkrebs 1995 sind die stationären Aufenthalte wieder deutlich gestiegen. In Österreich stieg die Rate der stationären Aufenthalte aufgrund bösartiger Neubildungen des Ge­ bärmutterkörpers leicht, für den Gebärmutterhals­ krebs war sie schwach rückläufig. Mortalität Im Jahr 2001 sind in Wien 87 Frauen am Corpuskarzi­ nom und 12 an Gebärmutterhalskrebs gestorben. Ös­ terreichweit verstarben 351 Frauen am Corpuskarzi­ nom und 124 an Gebärmutterhalskrebs. Das sind für beide Krebsarten zusammen 1,0 Prozent der in Wien und 1,2 Prozent der in Österreich verstorbenen Frauen. Pro 100.000 Frauen starben in Wien im Jahr 2001 10,3 an Gebärmutterkörper- und 1,4 an Gebärmutterhals­ krebs. In Österreich war die Sterblichkeit am Corpus­ karzinom(8,4 Verstorbene pro 100.000) etwas niedri­ ger, jene an Gebärmutterhalskrebs(3,0 Verstorbene pro 100.000) höher als in Wien. Dies bestätigt sich auch aufgrund altersstrukturbereinigter Raten(siehe Tabelle 5.04 auf Seite 141). Bei beiden Krebsarten war die Sterblichkeit in den letz­ ten Jahrzehnten rückläufig. Dies ist vor allem den er­ folgreichen Früherkennungsmaßnahmen zuzuschrei­ ben. In Wien verlief der Rückgang der Sterblichkeit an bösartigen Neubildungen des Gebärmutterkörpers nicht so kontinuierlich wie im gesamten Bundesgebiet. Hier zeigt sich eine gewisse Parallele zu den Neuerkran­ kungen. Grafik 5.50: Mortalität an bösartigen Neubildungen des Gebärmutterhalses(ICD-9<180>) und des Gebärmut­ terkörpers(ICD-9<179,182>) bei Frauen in Wien und in Österreich seit 1980(5-Jahresabstände) (standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 12,0 10,0 9,8 Wien/B.N. des Gebärmutter­ körpers<179,82> Österreich/B.N. des Gebärmutter­ körpers<179,82> Wien/B.N. der Zervix uteri<180> 8,0 7,6 7,8 7,1 Österreich/B.N. der Zervix uteri<180> 6,2 6,0 5,9 5,7 5,2 5,1 5,6 4,3 4,0 5,2 3,7 3,2 4,8 3,3 4,1 2,0 2,8 2,0 1,8 2,2 1,7 0,8 0,0 0,9 1980 1985 1990 1995 2000 2001 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Inkludiert sind bei den bösartigen Neubildungen des Gebärmutterkörpers auch bösartige Neubildungen nicht näher bezeichneter Teile der Gebärmutter(ICD-9<179>). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Inzidenz und Mortalität in der Europäischen Union In der Inzidenz und Mortalität spiegeln sich sowohl Ri­ sikofaktoren als auch die in den vergangenen Jahrzehn­ ten getroffene Vorsorge wider. 1997 war die Inzidenz beim Gebärmutterhalskrebs in Portugal und Dänemark am höchsten, am niedrigsten in Luxemburg und Finn­ land. Österreich lag knapp über dem Europäischen Durchschnitt, zählte aber bei der Sterblichkeit an Ge­ bärmutterhalskrebs zu den negativen Spitzenreitern. Die höchste Sterblichkeit hatten Dänemark, Portugal und Österreich, die niedrigste Luxemburg und Finn­ land. Neuerkrankungen am Krebs des Gebärmutterkörpers waren in Luxemburg, Schweden und Finnland am häu­ figsten. Luxemburg und Finnland hatten zusammen mit Belgien auch die höchste Sterblichkeit. Am nied­ rigsten waren die Inzidenz und Sterblichkeit in Grie­ chenland. Österreich lag sowohl bei den Neuerkran­ 180 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Gebärmutterkrebs kungen und bei der Mortalität am Gebärmutterkrebs Empfehlungen der Europäischen Union an die über dem Europäischen Durchschnitt. 121 Mitgliedsstaaten Prävention Da der Gebärmutterhalskrebs durch ein Virus verur­ sacht wird und über Vorstufen entsteht, sind primäre und sekundäre Prävention sinnvoll und wichtig. Erstere zielt auf Verhinderung von HPV-Infektionen. Dazu können(vor allem bei häufig wechselnden Partnern) Barrieremethoden(wie z. B. Kondome) beitragen. Zur sekundären Prävention empfiehlt sich die regelmäßige Vorsorgeuntersuchung beim Frauenarzt. Untersu­ chungsmethode für das Zervixkarzinom ist der zytolo­ gische Abstrich. Mit dieser Methode können die meis­ ten Vorstadien der Zervixkarzinome entdeckt und ei­ ner Therapie zugeführt werden. Ein Problem ist jedoch die hohe Fehlerrate des Zelltests. Frauen müssen auf die Unsicherheit des Tests hingewiesen werden und Qualitätssicherung in den zytologischen Labors wäre besonders wichtig. Die Österreichische Krebshilfe empfiehlt, den Krebsab­ strich(PAP) im Rahmen der gynäkologischen Untersu­ chung zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs ab dem 20. Lebensjahr einmal jährlich durchführen zu lassen. Zur Zeit laufen Forschungsbemühungen zur Optimie­ rung der Vorsorge. Das zytologische Screening(Ab­ strich) soll mit Tests kombiniert werden, die eine HPVInfektion nachweisen können. Ein anderer Ansatz ist die Prüfung von Impfstoffen, die eine HPV-Infektion und damit den wichtigsten Verursacher des Zervixkar­ zinoms verhindern könnten. Auch beim Corpuskarzinom können nur regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim Frauenarzt, insbeson­ dere bei vaginalen Blutungen während der Menopause zu einer frühen Diagnose und damit zu einer effektiven Therapie mit guten Heilungschancen führen. Die Wirksamkeit systematischer Vorsorgeprogramme zur Bekämpfung des Gebärmutterhalskrebses mittels zytologischem Abstrich wurde bereits in mehreren Ländern nachgewiesen. 122 Sofern alle Frauen daran teilnehmen und alle erkannten Läsionen angemessen behandelt werden, lassen sich bei Durchführung von Zervixabstrichen im Abstand von drei Jahren schät­ zungsweise 90 Prozent der Zervixkarzinome verhü­ ten. 123 Entspechend empfiehlt die Europäischen Union, quali­ tätsgesicherte, den Europäischen Leitlinien entspre­ chende systematische Vorsorgeprogramme alle drei bis fünf Jahre, vorzugsweise bei Frauen zwischen 30 und 60 Jahren durchzuführen. Bei Frauen über 60 ist der Schutzeffekt gering, vor allem, wenn in der Vergangen­ heit die Untersuchungen negativ ausgefallen sind. Für Frauen, bei denen die Untersuchungen stets negativ ausfallen, kommen auch größere Zeitabstände in Be­ tracht. Häufigere Untersuchungen erhöhen das Risiko der Überbehandlung von Läsionen, die sich sonst von selbst zurückbilden würden. Prognose Die Fehlbildung der Zervix und das Carcinoma in situ (Oberflächenkarzinom) gelten als Krebsvorstufen, die in ein invasives Zervixkarzinom übergehen können (was allerdings sehr lange dauert). Im Vorstadium(in situ) kann man das Zervixkarzinom in nahezu allen Fällen heilen. Auch im sehr frühen Tumorstadium gibt es sowohl beim operativen Vorgehen als auch bei einer alleinigen Strahlentherapie eine Heilungschance(min­ desten fünf Jahre nach Diagnose ohne Tumor) von 85­ 90 Prozent. Hat der Tumor allerdings bereits die Be­ ckenwand erreicht, so sinkt die Heilungschance auf ca. 30–40 Prozent. Eine ganz schlechte Prognose haben Frauen mit Fernmetastasen oder mit Beteiligung von Nachbarorganen. Frauen, die jünger als 35 Jahre alt sind, müssen allerdings auch bei frühen Tumorstadien mit einem Wiederauftreten des Tumors rechnen. 121 Vgl. dazu Statistik Austria(2002), S. 391 ff. 122 HAKAMA(1982); LÄÄRA et al.(1987); SASIENI, ADAMS(1999). 123 IARC Working group on Evaluation of Cervical Cancer Screening Programms(1986). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 181 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Gebärmutterkrebs Wie Untersuchungen zeigen, haben sich die Überle­ bensraten der Erkrankten, nicht zuletzt zurückzufüh­ ren auf die Früherkennungsprogramme, zusehends verbessert. Von PatientInnen, die zwischen 1978 und 1985 in zwölf europäischen Ländern erkrankten, wird für den Zeitraum von 1978–1980 eine durchschnittli­ che relative 5-Jahres-Überlebensrate von 56 Prozent angegeben. Im letzten Teil des Beobachtungszeitraums (1983–1985) hat sich die Rate auf 60 Prozent verbes­ sert. 124 Für die Erkrankten ist die psychosoziale Betreu­ ung besonders wichtig. Auch beim Krebs des Gebärmutterkörpers ist im sehr frühen Tumorstadium mit guten Heilungschancen zu rechnen. Hat der Tumor allerdings bereits die ge­ samten Wandschichten der Gebärmutter durchwach­ sen, aber noch nicht die Nachbarorgane erreicht (Darmschleimhaut oder Blasenschleimhaut), sind die Heilungschancen geringer. Ganz schlechte Prognose haben Frauen mit Fernmetastasen oder mit Beteiligung von Nachbarorganen. 124 BERRINO et al.(1995). 182 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krebs bei Kindern und Jugendlichen 5.2.3 Krebs bei Kindern und Jugendlichen Univ.-Doz. Dr. Andreas ZOUBEK und Univ.-Prof. Dr. Helmut GADNER, St. Anna Kinderspital 125 Zusammenfassung Die Ursachen der Krebsentstehung im Kindesal­ ter sind noch weitgehend unbekannt. Die Häufig­ keit von Krebserkrankungen im Kindes- und Ju­ gendalter blieb in den letzten Jahrzehnten kon­ stant. Insgesamt nehmen unter den bei Kindern und Jugendlichen auftretenden Krebserkrankun­ gen Leukämien den ersten Rang ein, gefolgt von bösartigen Hirntumoren und Lymphomen. Bei Kleinkindern unter fünf Jahren zählen österreich­ weit vor allem Leukämien, Erkrankungen der Niere(Nephroblastome) sowie bösartige Neubil­ dungen im Gehirn zu den häufigsten Erkrankun­ gen. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen treten Hodgkin-Lymphome, bösartige Erkran­ kungen der Knochen bzw. des Bindegewebes, bösartige Hirntumoren sowie bösartige Neubil­ dungen der Keimdrüsen(Hoden) gehäuft auf. Kinder mit Krebserkrankungen haben heute in un­ serem Land eine Heilungschance von annähernd 75 Prozent. Dieser Erfolg beruht wesentlich auf den seit 25 Jahren kontinuierlich durchgeführten The­ rapieoptimierungsstudien der deutsch-österreichi­ schen Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie(GPOH). Eine risikoadaptierte Thera­ pie und die Weiterentwicklung durch die randomi­ sierte Prüfung neuer Therapieoptionen begründet die ständige Verbesserung der Behandlung und führte zu neuen und weiterführenden wissen­ schaftlichen Erkenntnissen. Summary: Cancer in children and adoles­ cents The causes of the development of cancer in children are still largely unknown. The frequency of cancer­ ous diseases in children and adolescents has re­ mained relatively constant over the past decades. Overall, the type of cancer most frequently diag­ nosed in children and adolescents is leukaemia, fol­ lowed by malignant brain tumour and lymphoma. For children aged under five years, the various types of leukaemia as well as renal cancers(neph­ roblastoma) and malignant neoplasms of the brain are the types of cancer most often observed in Aus­ tria. Conversely, Hodgkin’s lymphoma, malignant neoplasms of the bone/connective tissue, malignant neoplasms of the brain and germ cell(testicular) tumours occur predominantly in adolescents and young adults. Cure rates for Austrian children with cancer have been increased to around 75 percent. This success is mainly attributable to 25 years of treatment-opti­ mising studies within the framework of the Ger­ man/Austrian Society of Paediatric Oncology and Haematology(GPOH). Risk-adapted treatment and further developments due to the randomised evaluation of new therapy options have led to a continuous improvement of therapy and generated new and relevant scientific knowledge. Einleitung Die intensiven Forschungsbemühungen in der Vergan­ genheit haben zu einem verbesserten Verständnis von Vorgängen auf zellulärem Niveau geführt, welche die Entstehung einer krebsartigen Entartung plausibel ma­ chen. Über die Ursachen der Krebsentstehung im Kin­ desalter ist aber immer noch wenig bekannt. Eine be­ deutende Rolle scheinen genetische Faktoren zu spie­ len. Durch Untersuchungen in Gegenden verstärkter radioaktiver Belastung wurde zudem nachgewiesen, dass diese für den Menschen(Erwachsene und Kinder) ein höheres Risiko darstellt, an Blutkrebs oder an Schilddrüsenkrebs zu erkranken. Anderen Umweltno­ 125 Sonderauswertung der Daten des Österreichischen Krebsregisters durch die Berichterstellerinnen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 183 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krebs bei Kindern und Jugendlichen xen kommt bei der Krebsentstehung im Kindesalter ge­ ringere Bedeutung zu. Inzidenz und Spektrum bösartiger Erkrankungen des Einflusses anderer Arten der Umweltbelastung auf den kindlichen Organismus ist(wegen der frühzeitigen Inzidenz kindlicher bösartiger Erkrankungen) eine Zu­ nahme von Krebs bei Kindern vorerst nicht abzuleiten. Die Häufigkeit von Krebserkrankungen im Kindesund Jugendalter blieb in Mitteleuropa in den vergange­ nen Jahrzehnten relativ konstant. Allerdings war zehn Jahre nach dem Atomreaktorunfall von Tschernobyl in den angrenzenden Regionen ein signifikanter Zuwachs von Schilddrüsenkarzinomen bei Kindern zu beobach­ ten. Die allgegenwärtige Sorge, dass es nach dieser Ka­ tastrophe zu einer Erhöhung der Inzidenz bösartiger Erkrankungen(insbesondere Leukämie) bei Kindern in Österreich bzw. Wien kommen könnte, hat sich er­ freulicherweise bisher nicht bestätigt. Auch aufgrund Im Jahr 2000 wurden(mit Stand November 2003) dem Österreichischen Krebsregister der Statistik Austria bei den unter 15-Jährigen in Österreich 173 Tumorerkran­ kungsfälle gemeldet, 41 entfielen auf Wien. Österreich­ weit waren demnach ca. 13 von 100.000 Kindern vom Auftreten bösartiger Neubildungen betroffen, in Wien ca. 17. 126 In Westeuropa und in den USA ist die Inzi­ denz von Malignomen während der ersten 14 Lebens­ jahre mit 12 bis 14 Erkrankungen pro 100.000 Kinder und Jahr ähnlich hoch wie in Österreich. 126 Es handelt sich um vorläufige Daten. Die hohe Neuerkrankungsrate in Wien ist auf die weit über dem österreichischen Durchschnitt lie­ gende Neuerkrankungsrate bei den unter 5-Jährigen zurückzuführen. Es scheint sich hier um eine zufällige Abweichung zu handeln, möglicherweise spielen auch Screening-Effekte eine gewisse Rolle. 184 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krebs bei Kindern und Jugendlichen Tabelle 5.10: Krebsneuerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen im Jahr 2000 in Österreich nach Alter und Lokalisation(absolut, in Prozent); in Österreich und Wien nach Alter(absolut, pro 100.000) absolut Prozent ICD-10 Lokalisation Alter in Jahren ge­ Alter in Jahren ge­ 0–4 5-9 10–14 15–19 samt 0–4 5-9 10–14 15–19 samt Österreich C16 Magen C17 Dünndarm, einschließlich Zwölffingerdarm C18 Dickdarm C22 Leber und intrahepatische Gallengänge C34 Bronchien und Lunge C37 Thymus C38 Herz, Mediastinum und Pleura C40 Knochen und Gelenkknorpel der Extremitäten C41 Knochen und Gelenkknorpel sonstigen und nicht näher bezeichneter Lokalisationen C43 Bösartiges Melanom der Haut C47 Periphere Nerven und autonomes Nervensystem C48 Retroperitoneum und Peritoneum C49 sonstige. Bindegewebe und andere Weichteilgewebe C53 Zervix uteri C56 Ovar C61 Prostata C62 Hoden C64 Niere, ausgenommen Nierenbecken C67 Harnblase C69 Auge und Augenanhangsgebilde C70 Meningen C71 Gehirn C72 Rückenmark, Hirnnerven und andere Teile des ZNS C73 Schilddrüse C74 Nebenniere C75 Sonst. endokrine Drüsen und verwandte Strukturen C76 Sonst. und ungenau bezeichnete Lokalisationen C81 Hodgkin-Krankheit[Lymphogranulomatose] C83 Diffuses Non-Hodgkin-Lymphom C84 Periphere und kutane T-Zell-Lymphome C85 sonstige und nicht näher bezeichneter Typen des Non-Hodgkin-Lymphoms C91 Lymphatische Leukämie C92 Myeloische Leukämie C95 Leukämie nicht näher bezeichneten Zelltyps C96 sonstige und nicht näher bezeichneter B.N. des lymphatischen, blutbildenden u. verwandten Gewebes –1 –1 –– 11 –– –– –– –2 11 –1 2– 2– 21 –– –1 –– –1 81 –– 11 1– 16 14 3– 1– 3– –1 2– –2 –2 –– 33 21 11 24 1– 1– – 1 2 – 2,0 – 1,0 0,7 – – 1 – 2,0 – – 0,4 3 2 5 – – 5,7 2,1 1,9 – – 2 1,4 2,0 – – 0,7 1 – 1 – – 1,9 – 0,4 – 1 1 – – – 1,0 0,4 – 1 1 – – – 1,0 0,4 6 5 13 – 4,1 11,3 5,2 4,8 3 6 11 1,4 2,0 5,7 6,2 4,1 1 6 8 – 2,0 1,9 6,2 3,0 1 – 3 2,8 – 1,9 – 1,1 – – 2 2,8 – – – 0,7 4 1 8 2,8 2,0 7,5 1,0 3,0 – 1 1 – – – 1,0 0,4 1 4 6 – 2,0 1,9 4,1 2,2 – 1 1 – – – 1,0 0,4 – 9 10 – 2,0 – 9,3 3,7 – 1 10 11,3 2,0 – 1,0 3,7 – 3 3 – – – 3,1 1,1 – – 2 1,4 2,0 – – 0,7 – 1 2 1,4 – – 1,0 0,7 9 11 50 22,5 28,6 17,0 11,3 18,5 2 – 5 4,2 – 3,8 – 1,9 2 10 13 1,4 – 3,8 10,3 4,8 – – 3 4,2 – 0,0 – 1,1 3 – 4 – 2,0 5,7 – 1,5 – 1 3 2,8 – – 1,0 1,1 5 13 20 – 4,1 9,4 13,4 7,4 2 3 7 – 4,1 3,8 3,1 2,6 – 1 1 – – – 1,0 0,4 3 5 14 4,2 6,1 5,7 5,2 5,2 4 7 43 29,6 22,4 7,5 7,2 15,9 3 2 11 2,8 8,2 5,7 2,1 4,1 – 1 2 1,4 – – 1,0 0,7 – – 1 1,4 – – – 0,4 Österreich(absolut, Summe Prozent) Neuerkrankungen pro 100.000 71 49 53 97 270 100 100 100 100 100 17,00 10,37 11,32 19,96 14,64 Wien(absolut) Neuerkrankungen pro 100.000 25 9 7 16 57 32,68 10,57 8,86 20,25 17,83 Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 185 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krebs bei Kindern und Jugendlichen Berücksichtigt man auch die Jugendlichen bis zum voll­ endeten 19. Lebensjahr, ergibt das für Österreich im Jahr 2000 eine errechnete Größe von 270 Neuerkran­ kungen bzw. ca. 15 Neuerkrankungen pro 100.000. Von diesen entfielen 57 Neuerkrankungen auf Wien, das entspricht etwa 18 Neuerkrankungen pro 100.000 Kin­ der und Jugendliche bis 19 Jahre. Die höchste Erkrankungsrate im Jahr 2000 findet sich in Österreich im Jugendalter(15–19 Jahre) mit ca. 20 Neuerkrankungen pro 100.000, sowie im Säuglings­ bzw. Kleinkindalter(0–4 Jahre) mit 17 Neuerkrankun­ gen pro 100.000. Die Häufigkeit nimmt in der darauf­ folgenden Altersgruppe(5-9 Jahre) auf ca. 10 Neuer­ krankungen pro 100.000 ab und steigt bei den 10- bis 14-Jährigen auf etwa 11 Neuerkrankungen pro 100.000. In Wien fand sich im Jahr 2000 die höchste Erkran­ kungsrate bei den 0- bis 4-Jährigen(ca. 33 Neuerkran­ kungen pro 100.000), gefolgt von der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen, deren Neuerkrankungsrate(mit ca. 20 Neuerkrankungen pro 100.000), ebenso wie jene der 5- bis 9-Jährigen(ca. 10 bis 11 Neuerkrankungen pro 100.000) im österreichischen Durchschnitt liegt. Die Neuerkrankungsrate der 10- bis 14-Jährigen ist in Wien (mit ca. 9 Neuerkrankungen pro 100.000) etwas niedri­ ger als im gesamten Bundesgebiet. Wie sich für das Jahr 2000 für Österreich zeigt, erkran­ ken bis zu einem Alter von 19 Jahren männliche Kinder und Jugendliche insgesamt etwas häufiger als weibliche an Tumoren. Dies ist vor allem auf die vermehrte Er­ krankungshäufigkeit männlicher Jugendlicher(15 bis 19 Jahre) zurückzuführen. Im Säuglings- und Kindesal­ ter(0 bis 14 Jahre) dagegen erkranken tendenziell mehr weibliche als männliche Kinder. Grafik 5.51: Neuerkrankungen(pro 100.000) bei Kindern und Jugendlichen in Österreich 2000 nach Alter und Geschlecht 30,0 25,0 24,5 20,0 17,7 16,4 17,0 15,0 10,0 12,3 10,9 9,9 10,4 10,4 11,3 20,0 15,4 15,2 13,9 14,6 männlich weiblich gesamt pro 100.000 5,0 0,0 0–5 5–10 10–14 15–20 Alter(Jahre) total Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. Das Spektrum der malignen Erkrankungen bei Kin­ dern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert. Im Jahresbericht 2000 des Deutschen Kin­ derkrebsregisters in Mainz werden für die Altersgrup­ pe 0 bis 15 Jahre 34,3 Prozent Leukämien angegeben, gefolgt von ZNS-Tumoren(16,5 Prozent), Lymphomen (11,4 Prozent), Tumoren des sympathischen Nerven­ systems(7,6 Prozent), Weichteiltumoren(insbesonde­ re Rhabdomyosarkome, 6,6 Prozent), Nephroblasto­ men(6,4 Prozent), Knochentumoren(5,1 Prozent), Keimzelltumoren(3,9 Prozent), retikuloendothelialen Neubildungen(3,4 Prozent) und sonstigen Diagnosen (4,8 Prozent). 186 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krebs bei Kindern und Jugendlichen Tabelle 5.11: Häufigste Diagnosegruppen* bei Krebserkrankungen von Kindern Diagnosegruppen Leukämien ZNS-Tumoren Lymphome Tumoren des sympathischen Nervensystems Weichteiltumoren Nierentumoren Knochentumoren Keimzelltumoren Retikuloendotheliale sonstige Diagnosegruppen gesamt Häufigkeit 34,9% 16,0% 10,9% 7,7% 6,9% 6,4% 5,2% 3,6% 3,5% 4,9% 100% * Relative Häufigkeit der 1980–1990 gemeldeten PatientInnen nach den häufigsten Diagnosegruppen(nur PatientInnen unter 15 Jahre). Quelle: Deutsches Krebsregister, Jahresbericht 1994. Auch in Österreich war die Leukämie(ICD-10, Nr. C90­ C95), allerdings mit einem etwas geringeren Anteil (26,6 Prozent bzw. 46 Neuerkrankungen) in der Alters­ gruppe der unter 15-Jährigen, im Jahr 2000 die häufigs­ te Form bösartiger Neubildungen. Bezogen auf 100.000 Kinder in dieser Altersgruppe waren dies drei bis vier Kinder(3,38). Hinzu kommen vor allem die weitver­ breiteten ZNS-Tumoren und Lymphome. Jenseits des 10. Lebensjahres sind die relativen Häufig­ keiten der Diagnosegruppen gegenüber den darunter liegenden Altersgruppen deutlich verändert. Die bis zum 4. Lebensjahr am häufigsten diagnostizierten aku­ ten lymphoblastischen Leukämien sowie Neuroblasto­ me nehmen ab. Die am nächsthäufigsten diagnostizier­ ten Nephroblastome stellen bei den über 10-Jährigen nur mehr eine Rarität dar. Dafür präsentieren sich stär­ ker die Tumoren des Skelett- und Muskelsystems, die malignen Lymphome und die Keimzelltumoren(Ho­ den). Dieser Trend setzt sich in der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen fort. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 187 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krebs bei Kindern und Jugendlichen Tabelle 5.12: Krebsneuerkrankungen(pro 100.000) bei Kindern und Jugendlichen in Österreich und Wien 2000 ICD-10 Lokalisation C16 Magen C17 Dünndarm, einschließlich Zwölffingerdarm C18 Dickdarm C22 Leber und intrahepatische Gallengänge C34 Bronchien und Lunge C37 Thymus C38 Herz, Mediastinum und Pleura C40 Knochen und Gelenkknorpel der Extremitäten C41 Knochen u. Gelenkknorpel sonstiger und nicht näher bezeichneter Lokalisationen C43 Bösartiges Melanom der Haut C47 periphere Nerven und autonomes Nervensystem C48 Retroperitoneum und Peritoneum C49 sonstige Bindegewebe und andere Weichteilgewebe C53 Zervix uteri C56 Ovar C61 Prostata C62 Hoden C64 Niere, ausgenommen Nierenbecken C67 Harnblase C69 Auge und Augenanhangsgebilde C70 Meningen C71 Gehirn C72 Rückenmark, Hirnnerven und andere Teile des ZNS C73 Schilddrüse C74 Nebenniere C75 sonstige endokrine Drüsen und verwandte Strukturen C76 sonstige und ungenau bezeichnete Lokalisationen C81 Hodgkin-Krankheit[Lymphogranulomatose] C83 diffuses Non-Hodgkin-Lymphom C84 periphere und kutane T-Zell-Lymphome C85 sonstige und nicht näher bezeichnete Typen des Non-HodgkinLymphoms C91 lymphatische Leukämie C92 myeloische Leukämie C95 Leukämie nicht näher bezeichneten Zelltyps C96 sonstige und nicht näher bezeichnete bösartige Neubildungen des lymphatischen, blutbildenden u. verwandten Gewebes gesamt Österreich Wien Altersgruppen Altersgruppen gesamt gesamt 0–14 15–19 0–14 15–19 0,07 0,21 0,11 ––– 0,07 – 0,05 – – – 0,22 0,41 0,27 – – – 0,15 – 0,11 – – – 0,07 – 0,05 – – – – 0,21 0,05 – – – – 0,21 0,05 – – – 0,59 1,03 0,70 0,83 1,27 0,94 0,37 1,23 0,60 0,42 2,53 0,94 0,15 1,23 0,43 – 1,27 0,31 0,22 – 0,16 0,83 – 0,63 0,15 – 0,11 0,42 – 0,31 0,52 0,21 0,43 0,83 – 0,63 – 0,21 0,05 – – – 0,15 0,82 0,33 0,42 1,27 0,63 – 0,21 0,05 – – – 0,07 1,85 0,54 – 3,80 0,94 0,66 0,21 0,54 1,25 – 0,94 – 0,62 0,16 – – – 0,15 – 0,11 0,83 – 0,63 0,07 0,21 0,11 – 1,27 0,31 2,87 2,26 2,71 3,74 1,27 3,13 0,37 – 0,27 0,83 – 0,63 0,22 2,06 0,70 – – – 0,22 – 0,16 0,83 – 0,63 0,29 – 0,22 – – – 0,15 0,21 0,16 – – – 0,52 2,67 1,08 0,42 1,27 0,63 0,29 0,62 0,38 0,42 1,27 0,63 – 0,21 0,05 – 1,27 0,31 0,66 1,03 0,76 1,25 – 0,94 2,65 1,44 2,33 2,91 1,27 2,50 0,66 0,41 0,60 0,42 1,27 0,63 0,07 0,21 0,11 0,42 1,27 0,63 0,07 – 0,05 – – – 12,74 19,96 14,64 17,03 20,25 17,83 Quelle: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister; eigene Berechnungen. In einer vom National Cancer Institute in Bethesda (Nordamerika) veröffentlichten Statistik wurden mali­ gne Lymphome am häufigsten diagnostiziert, gefolgt von akuten Leukämien, Keimdrüsentumoren und ZNS-Tumoren. Schilddrüsentumoren und Melanome erreichen in dieser Altersgruppe bereits Inzidenzen von 8 bzw. 6 Prozent. Während in der Altersgruppe unter 15 Jahren die nicht-epithelialen Krebsformen 92 Pro­ zent aller Krebserkrankungen einnehmen, kommt es in den folgenden 5 Jahren zu einer deutlichen Zunahme der für das Erwachsenenalter typischen epithelialen Karzinome, mit Überschneidung der Inzidenzlinien bei ca. 15 Jahren. 188 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krebs bei Kindern und Jugendlichen Entwicklung der Krebstherapie und Heilungs­ chancen Die Krebsbehandlung im Kindesalter war in den ver­ gangenen Jahrzehnten unerwartet erfolgreich. Rein chirurgische Maßnahmen haben in den 1940er Jahren Heilungsraten bei einzelnen soliden Tumoren und Lymphomen bis zu 20 Prozent erbracht. Nach Einfüh­ rung der Strahlentherapie in den 1950er Jahren kam es besonders bei strahlenempfindlichen Tumoren, wie Morbus Hodgkin oder Nephroblastom(Wilmstumor), zu einer dramatischen Verbesserung der Prognose. Diese erreichte bei der Mehrzahl der Krankheitsbilder erst ab den 1960er Jahren und im besonderen Maße in den letzten zwei Jahrzehnten durch die Einführung und Optimierung der zytostatischen Chemotherapie eine neue Dimension. Grafik 5.52: Entwicklung der Heilungschancen von Kindern und Jugendlichen mit bösartigen Erkrankungen seit 1940 Prozent 100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000 Morbus Hodgkin Wilmstumor akute lymphoblastische Leukämie Non-Hodgkin-Lymphom Osteosarkom Neuroblastom akute myeloische Leukämie Quelle: Deutsches Krebsregister, Mainz 2000. Während der 1980er Jahre kam es insgesamt zu einer eindrucksvollen Verbesserung der Prognose, die für Tumoren des zentralen Nervensystems, Rhabdomyo­ sarkome und Lymphome statistisch signifikant war. Es gibt allerdings signifikante geschlechtsspezifische Unterschiede in der Prognose: Mädchen haben eine bessere Heilungschance bei den akuten lymphoblasti­ schen Leukämien, ZNS-Tumoren und dem Neuroblas­ tom, während Knaben nach Rhabdomyosarkom oder Keimzelltumor eine bessere Überlebenschance auf­ weisen. Für die Mehrheit der betroffenen PatientInnen ist die Heilung von der Krankheit zu einer Realität geworden. Es gelingt heute drei von vier Kindern, die an Krebs er­ krankt sind, dauerhaft zu heilen. Nach einer vom Deut­ schen Kinderkrebsregister im Jahr 2000 veröffentlich­ ten Analyse, bei der die Daten von 26.609 zwischen 1980 und 2000 erkrankten Kindern unter 15 Jahren be­ rücksichtigt wurden, beträgt die Überlebenswahr­ scheinlichkeit nach 5 Jahren insgesamt 74 Prozent und nach 10 Jahren 70 Prozent. Die Ergebnisse variieren al­ lerdings bei den einzelnen Diagnosen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 189 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krebs bei Kindern und Jugendlichen Tabelle 5.13: Überlebenswahrscheinlichkeit* nach Krebsbehandlung bei Kindern Diagnosen Retinoblastome(Netzhauttumoren) Hodgkin-Krankheit Nephroblastome(Wilms-Tumoren) Keimzellentumoren Non-Hodgkin-Lymphome lymphatische Leukämie Astrozytome(Hirntumoren) Neuroblastome(Nebennierentumoren) Osteosarkome(Knochentumoren) Rhabdomyosarkome(Weichteilsarkome) Ewing Knochensarkome akute nicht-lymphozytische Leukämie primitive Tumoren des Neuroektoderms alle Diagnosen Anzahlkrankheitsfreie Überlebenswahr­ der scheinlichkeit Überlebenswahrscheinlichkeit Fälle 3 Jahre 5 Jahre 10 Jahre 15 Jahre 3 Jahre 5 Jahre 10 Jahre 15 Jahre 449 1.462 1.661 899 1.768 7.945 1.855 2.423 763 1.004 542 1.509 1.148 – 87 80 81 80 77 72 61 63 58 61 42 51 – 86 80 78 79 72 68 69 58 55 55 40 46 – 83 79 76 76 68 61 67 54 53 51 38 40 – 97 97 96 82 97 95 93 78 87 86 85 75 89 87 86 75 83 82 81 67 85 81 76 57 78 76 74 56 70 65 63 53 75 67 62 51 69 64 60 51 71 63 58 37 49 45 44 37 58 52 43 96 92 84 83 79 74 68 62 61 58 57 42 38 26.609 70 66 63 62 78 74 70 68 * 3- , 5-, 10-, und 15-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit und Wahrscheinlichkeit rezidivfreien Überlebens(Sterbetafelverfahren für die häu­ figsten Diagnosen[1980–2000]). Quelle: Deutsches Kinder-Krebsregister, Mainz 2000(mit Ergänzungen). Kinder und Jugendliche mit malignen Erkrankungen werden in Deutschland und Österreich zumeist nach einheitlichen Therapieplänen behandelt, die von der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatolo­ gie(GPOH) entwickelt, zertifiziert und regelmäßig an den aktuellen Stand der Wissenschaft angepasst wer­ den. Grundlagen für die Anpassung und Neufassung der Pläne sind neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die Biologie der Erkrankungen oder die Wir­ kungsweise von Einzelkomponenten der Therapie, aber auch die Ergebnisse, die mit den vorhergehenden Protokollen erzielt wurden. Die daraus resultierenden neuen Pläne zielen also darauf ab, die bisher erreichten Ergebnisse entweder im Hinblick auf die Heilungsrate und/oder auf die Verringerung von akuten oder späten unerwünschten Folgen der Behandlung zu verbessern. Es handelt sich bei dieser Entwicklung daher um einen stetigen Optimierungsprozess. Hierzu sind kontrollier­ te klinische Studien notwendig, die wegen der Selten­ heit der Krebserkrankungen bei Kindern multizent­ risch angelegt sein müssen. Solche Therapieoptimie­ rungsstudien(TOS) beinhalten die für die Behandlung notwendigen Therapiepläne. Neben den Fortschritten in der Chemotherapie, der Strahlentherapie und der Chirurgie, sowie der überschaubaren Anzahl von Neu­ erkrankungen pro Jahr, haben die interdisziplinäre Zu­ sammenarbeit und der hohe Standard an Kompetenz in einer Reihe spezialisierter Zentren wesentlich zur Verbesserung der Heilungschancen beigetragen. Die meisten Kinder und Jugendlichen mit einer Krebser­ krankung sind seit vielen Jahren in kooperative Studien auf nationaler als auch internationaler Ebene einge­ bunden, wodurch landesweit Chancengleichheit ge­ wahrt wird. Die erfolgreiche Behandlung bösartiger Erkrankungen am Beispiel der akuten lymphoblastischen Leukämie Unter den Leukämieformen des Kindesalters liegt die akute lymphoblastische Leukämie mit 80 bis 85 Pro­ zent an erster Stelle, gefolgt von der akuten myeloi­ schen Leukämie mit 15 bis 20 Prozent und den sehr sel­ tenen chronischen Leukämien mit etwa 2 bis 5 Prozent (adulter Typ= Philadelphia Chromosom positive CML, bzw. juveniler Typ= Juvenile myelomonozytische Leu­ kämie). Kinder mit akuter lymphoblastischer Leukämie(ALL), können heute unter kontrollierten Studienbedingungen fast zu 90 Prozent geheilt werden. Grundlagen der mo­ dernen ALL Behandlung im Kindesalter sind die in den späten 1960er Jahren von Dr. PINKEL in den USA ent­ wickelte„total therapy“, sowie die maximal intensivier­ 190 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krebs bei Kindern und Jugendlichen te Induktionsbehandlung nach dem Riehm’schen BFMKonzept(BFM für die Städte Berlin, Frankfurt, Münster als erste Anwendungsstellen dieses Protokolls). 127 Mitte der 1970er Jahre entstand in Österreich das so ge­ nannte KMK-Behandlungsprotokoll(benannt nach den Pädiatern KURZ(Innsbruck), MUTZ(Graz) und KREPLER(Wien)). Dieses weitgehend an die Erfah­ rungen von Donald PINKEL angelehnte Konzept, brachte auch in Österreich den langersehnten Durch­ bruch in der Behandlung der ALL und es konnten erst­ mals langdauernde Remissionen und damit Heilungen bei 37 Prozent der Kinder erreicht werden. Von den in der Zeit von 1973–79 behandelten Kindern(vor der BFM-orientierten Therapie) sind ca. 53 Prozent heute noch am Leben. Nach Einführung der BFM-Therapie wurden zwischen 1979 und 1984 insgesamt 330 Patien­ ten behandelt, die nunmehr, nach den„life-table“­ Analysen berechnet, eine 74-prozentige Wahrschein­ lichkeit haben, geheilt zu sein. Von den in neueren Stu­ dien zwischen 1986 bis einschließlich 1995 analysierten, insgesamt 565 behandelten PatientInnen haben 87 Pro­ zent eine krankheitsfreie Überlebenserwartung. Diese guten Gesamtergebnisse sind möglich, weil 85 bis 90 Prozent der Patienten nach einer mittleren Beobach­ tungszeit von 4 Jahren mit einer zu 84- bzw. 86-prozen­ tigen Wahrscheinlichkeit in erster Remission bleiben, während nur 10 bis 15 Prozent der ALL-Fälle sich als Hochrisikoleukämien präsentieren, mit einer nur 41­ prozentigen anhaltenden Remissions-Wahrscheinlich­ keit. In der neuesten Studie(ALL-BFM 2000) für kindliche ALL wird übrigens erstmals in einer Kooperation zwi­ schen Deutschland, Italien und Österreich eine neue auf molekulargenetischer Grundlage beruhende Strati­ fizierung der ALL prospektiv angewendet, wobei die PatientInnen nach dem MRD(minimal residual di­ sease)-Gehalt im Knochenmark zu festgelegten Zeit­ punkten stratifiziert behandelt werden. Mit diesem Vorgehen hofft man, noch eindeutiger zwischen HöchstrisikopatientInnen und solchen mit mittlerem oder niedrigem Risiko unterscheiden zu können. Darüber hinaus sollte auch die heute immer mehr Be­ deutung erlangende Möglichkeit der Stammzelltrans­ plantation bei kindlichen Malignomen erwähnt wer­ den. Bis zum Frühjahr 2003 sind an der Stammzell­ transplantationsstation im St. Anna Kinderspital insge­ samt 550 Transplantationen durchgeführt worden, wobei die PatientInnen vor allem aus dem ostöster­ reichischen Raum und aus dem angrenzenden Ausland für diese Therapiemaßnahme zugewiesen wurden. Ne­ ben dem Standardangebot der HLA-identen Geschwis­ tertransplantation und der autologen Transplantation werden auch auf fundierter Begleitforschung beruhen­ de alternative Transplantationsformen angeboten (Fremdspender- bzw. haploidente Stammzelltrans­ plantation). Somit ist das St. Anna Kinderspital auch zu einem international anerkannten Kompetenzzentrum für pädiatrische Stammzelltransplantation geworden. Eine erfolgreiche, moderne Behandlung von an Krebs erkrankten Kindern und Jugendlichen kann jedoch nur durch begleitende Forschungsaktivitäten betrie­ ben werden, die nicht nur zellbiologische Begleit- und Basisforschung, sondern auch die Dokumentation und Auswertung der Behandlung in den schon erwähnten Therapieoptimierungsstudien umfassen. Damit wird für alle in Österreich an Krebs erkrankten Kinder und Jugendliche eine optimale Therapiesteuerung und Qualitätskontrolle gewährleistet. Diese Leistung er­ bringt das durch private Spenden geführte For­ schungsinstitut für Krebskranke Kinder im St. Anna Kinderspital(CCRI) für alle krebskranken Kinder Ös­ terreichs unentgeltlich. Schlussfolgerungen Die Vorteile in der Krebsbehandlung von Kindern und Jugendlichen liegen darin, dass 1. das Spektrum der Erkrankungen ein ganz spezifi­ sches ist(92 Prozent aller Krebserkrankungen sind nicht-epitheliale Krebsformen, im Gegensatz zu den Erkrankungen im Erwachsenenalter); 2. die überschaubare, relativ geringe Anzahl von Er­ krankungen pro Jahr die Möglichkeit eröffnet, sich diesen Patienten mit größerer Intensität zu wid­ men, nicht nur was das Medizinische, sondern auch was die psychosoziale Begleitung betrifft; 127 Diese wurde von Dr. RIEHM an der Kinderklinik der Freien Universität Berlin in den 70er Jahren eingeführt. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 191 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krebs bei Kindern und Jugendlichen 3. der kindliche Organismus offensichtlich mit einer höheren Kapazität ausgestattet ist, zytotoxische Substanzen zu tolerieren(möglicherweise durch die höhere Erneuerungspotenz der Zellen beson­ ders vulnerabler Organe); 4. die frühe Einbindung der PatientInnen in prospek­ tive, zum Teil randomisierte nationale und interna­ tionale Studien ermöglicht hat, eine systematische Krebstherapie mit bestimmten Zielvorgaben zu realisieren. Die aus diesen Studien gewonnenen Ergebnisse können wiederum in neue Studien Eingang finden und damit sukzessive einen Behandlungsfortschritt herbeiführen. Daraus ergibt sich, dass verschiedene neuartige An­ wendungsformen von bekannten Zytostatika erprobt, aber auch neue wirksame Medikamente zum Einsatz kommen können. Eine weitere wesentliche Ursache für die Behandlungserfolge ist die Erkenntnis, dass die ver­ schiedenen Therapiemodalitäten je nach Bedarf und individuellen Vorgaben unterschiedlich gewichtet in­ einander greifen müssen. Man hat gelernt, effektiv aku­ te und späte Nachwirkungen der Therapie zu minimie­ ren oder zu verhindern. Durch Konzeption neuer Be­ handlungsprotokolle wird auch laufend der Versuch unternommen, die Therapiedauer und-intensität an den gegebenen Fall anzupassen. Das gelingt allerdings nur dort, wo die Zentralisierung der PatientInnen in einzelne Behandlungszentren erfolgt ist, wo ein ent­ sprechendes Team sich über lange Zeit konsolidieren und die Behandlungskompetenzen erarbeiten konnte, um den vielschichtigen Problemen optimal Rechnung tragen zu können. 192 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Wiener Krebshilfe 5.2.4 Krebserkrankungen aus ganzheitlicher Sicht – die Wiener Krebshilfe Mag. Gaby SONNBICHLER, Wiener Krebshilfe Pro Jahr erkranken rund 7.000 Wienerinnen und Wie­ ner an Krebs. Die medizinische Behandlung bei Krebs entspricht im europäischen Vergleich einem sehr ho­ hen Standard. Neben der rein medizinischen Seite be­ trifft eine Krebserkrankung aber das gesamte Le­ bensumfeld eines Menschen. Der folgende Beitrag befasst sich mit dem Thema „Krebserkrankungen in Wien“ aus ganzheitlicher Sicht: ● Der Bereich Leistungsangebot der Wiener Krebs­ hilfe zeigt das konkrete Hilfs- und Beratungs­ angebot für Wiener KrebspatientInnen auf. ● Der Bereich Lebensqualität setzt sich damit aus­ einander, welche Veränderungen ein Leben mit Krebs mit sich bringen und welche strukturellen Bewältigungsmechanismen vom Einzelnen gefor­ dert sind. ● Der Bereich Vorsorge und Früherkennung be­ fasst sich mit der Möglichkeit, sein persönliches Ri­ siko, an Krebs zu erkranken, einzuschränken. Leistungsangebot der Wiener Krebshilfe 2002 haben sich insgesamt 2.886 KrebspatientInnen und Angehörige mit einem konkreten Anliegen an das Beratungszentrum der Wiener Krebshilfe gewandt. Tabelle 5.14: Leistungsangebot der Wiener Krebshilfe Art des Kontaktes Telefonisch Persönlich 72% 28% Bekanntheit Schon einmal angerufen Mundpropaganda Arzt Sonstiges/ Unbekannt 18% 9% 7% 61% Kontaktaufnahme Betroffener Verwandter Bekannte Sonstige 51% 24% 2% 23% Geschlecht Weiblich Männlich Unbekannt 43% 26% 31% Bundesländer Wien Niederösterreich Andere Bundesländer 67% 6% 27% Gesprächsinhalte(mit Mehrfachauswahl) Risikofaktoren/Krebsprävention Diagnostik/Untersuchungen Behandlung Nachsorge Psychosoziales Andere 7% 6% 17% 2% 34% 34% Fortsetzung CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 193 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Wiener Krebshilfe Tabelle 5.14:(Fortsetzung) Leistungsangebot der Wiener Krebshilfe Tumorart Brust Lunge Dickdarm Prostata Leukämien Maligne Lymphome Mastdarm/Rectum, Anus Andere 20% 7% 6% 3% 2% 2% 2% 20% Die Wiener Krebshilfe bietet PatientInnen und Ange­ hörigen folgende Leistungsbereiche kostenfrei an: Medizinische Beratung FachärztInnen aus Wiener Spitälern beraten ehrenamt­ lich, erklären mit viel Zeit und Ruhe Diagnosen, Befun­ de und Therapiepläne oder hören aufmerksam zu und versuchen zu unterstützen. Wer im Einzelfall berät, wird mit der Krebshilfe-Beraterin vereinbart. Psychosoziale Beratung Die Psychologinnen der Wiener Krebshilfe sind nach An­ meldung jederzeit bereit für ein persönliches Gespräch, in dem Entlastung gefunden oder neue Wege in Krisensi­ tuationen aufgezeigt werden können. Alte Kräfte neu entdecken, Kurzentspannungs-Methoden erlernen, die Angst vor der Behandlung verlieren, wieder Mut schöp­ fen, oder einfach mit jemandem sprechen, der nicht zum Freundeskreis oder zur Familie gehört, das alles können Wünsche für ein solches Gespräch sein. Psychologische Hilfe daheim Vielen Menschen mit einer Krebserkrankung ist es vo­ rübergehend aufgrund körperlicher Einschränkungen oder psychischer Krisen(z. B. Panikattacken, Angstzu­ stände) nicht möglich, die eigene Wohnung zu verlas­ sen. Oft ist der Kontaktverlust mit Gefühlen der Wert­ losigkeit und Einsamkeit verbunden. Ein Psychologe/ eine Psychologin der Wiener Krebshilfe besucht Pati­ entInnen in ihrer vertrauten Umgebung und erarbeitet mit ihnen Wege aus der Isolation. Mama hat Krebs Mütter/Väter(oder andere nahe Verwandte) minder­ jähriger Kinder fühlen sich oft damit überfordert, ihren Kindern„die Wahrheit“ zu sagen. Wir helfen an Krebs erkrankten Eltern, Kindern ihre Erkrankung verständ­ lich zu machen und beraten und unterstützen die Fami­ lien in dieser schwierigen Situation. Ernährungsberatung Was tut gut während der Therapie, was kann ich essen, um mich wieder zu kräftigen, was kann ich tun, wenn nichts mehr schmeckt und nichts im Magen bleibt? In­ dividuell all diese Fragen mit einer Ernährungsberate­ rin zu besprechen, gibt vielen PatientInnen wieder Mut und Sicherheit, selbst etwas zu ihrer Genesung beitra­ gen zu können. Komplementärmedizinische Beratung Viele Medikamente und Methoden werden Krebspati­ entInnen zur Heilung oder zur Unterstützung angebo­ ten. Sie kommen nicht aus dem Bereich der so genann­ ten„Schulmedizin“. Hier zu entscheiden, was wirklich unterstützt und was Scharlatanerie oder gar gefährlich ist, fällt nicht leicht. Sich hierin kompetent und indivi­ duell beraten zu lassen, schützt oft vor bösen Überra­ schungen. Krebs& Beruf Zur körperlichen und psychischen Not durch die Krebserkrankung gesellt sich oft auch ein finanzieller Engpaß. Die krankheitsbezogenen Ausgaben sind hoch. Der Verdienst sinkt oder fällt kündigungsbedingt ganz weg. Eine individuelle Beratung schützt oft vor Kündigungsangst oder Notstand bzw. kann helfen, ei­ nen neuen Arbeitsplatz zu finden. Therapeutische Gruppen Die therapeutischen Gruppen helfen KrebspatientIn­ nen und Angehörigen, sich besser in ihrem Lebensab­ schnitt nach der Diagnose Krebs zurecht zu finden. 194 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Wiener Krebshilfe Kreative Beschäftigung, Entspannungsübungen und maßvolles Bewegungstraining tragen nachweislich da­ zu bei, physisch und psychisch gestärkt mit der Krank­ heit leben zu lernen. Vorträge Fachspezifische Vorträge in den Bereichen Vorsorge/ Früherkennung und Therapien sind eine wichtige Ori­ entierungshilfe und bieten einen aktuellen Überblick zu bestimmten Themen nach neuesten medizinischen Standards. Selbsthilfegruppen Die Vernetzung zu Selbsthilfegruppen ist eine wichtige Ergänzung im psychosozialen Angebot. Selbsthilfe­ gruppen fördern die Kommunikation der PatientInnen untereinander und sind ein bedeutender Schritt in Richtung Patientenautonomie. Die Wiener Krebshilfe Die Anzahl der PatientInnen und Angehörigen, die sich mit einem konkreten Anliegen an die Wiener Krebshilfe wenden, ist in den letzten Jahren in etwa konstant ge­ blieben. Das Angebot der Wiener Krebshilfe hat sich je­ doch in diesem Zeitraum stark differenziert. Neben psy­ chologischer Hilfestellung und medizinischer Informa­ tion haben sich folgende Beratungsfelder herausdiffe­ renziert: arbeitsrechtliche Unterstützung in Form des Projekts„Krebs und Beruf“; psychologische Hilfestel­ lung für KrebspatientInnen im häuslichen Bereich; psy­ chologische Hilfestellung für an Krebs erkrankte Eltern und deren Kinder in ihrer speziellen Familiensituation; spezielle psychologische Unterstützung Angehöriger von KrebspatientInnen. Wiener Krebshilfe 1180 Wien, Theresiengasse 46/Ecke Kreuzgasse Beratungszentrum: Mo, Mi: 9.00–14.00 Uhr; Di, Do: 14.00–19.00 Uhr Tel. 01/408 70 48, Fax: 01/408 22 41 E-mail: beratung@krebshilfe.com Büro: Mo–Do: 9.00–14.00 Uhr; Fr 9.00–13.00 Uhr Tel. 01/402 19 22(Office); Fax: 01/408 22 41 E-mail: service@krebshilfe.com Internet: www.krebshilfe.com Lebensqualität bei Krebs Der Begriff der Lebensqualität – in letzter Zeit zum Schlagwort in der Medizin geworden – hat eine körper­ liche, eine seelische und eine soziale Dimension. Die Be­ urteilung der eigenen Lebensqualität ist eine Frage, die nur der Patient/die Patientin beantworten kann, denn eine schwere Erkrankung wie Krebs kann durchaus in­ dividuell sehr unterschiedlich erlebt werden. Gerade im Bereich der Lebensqualität begegnen Krebs­ patientInnen einer Reihe von Vorurteilen. Es herrscht vielfach die Meinung, dass die Lebensqualität eines Krebspatienten zwangsläufig schlecht sein muss. Tatsächlich gibt es Phasen in der Krankengeschichte, die besonders krisengefährdet sind. Dazu zählen der Zeitpunkt der Diagnosestellung oder das Auftreten bzw. Fortschreiten der Symptomatik. Wie sich eine Krebserkrankung auf die Lebensqualität auswirkt, hängt vor allem davon ab, wie der Patient es schafft, seine Erkrankung zu bewältigen. Krankheitsbewältigung Natürlich bedeutet die Diagnose Krebs zu allererst eine Bedrohung. Viele PatientInnen beschreiben das Gefühl als„Fall aus der Wirklichkeit“. Das eigene Leben und alles, was bislang selbstverständlich dazu gehörte, ist mit einem Mal in Frage gestellt. Der Patient muss sich in irgendeiner Weise mit dieser Bedrohung auseinan­ der setzen, muss Möglichkeiten finden, mit der neuen Situation umzugehen, sich neu orientieren. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 195 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Wiener Krebshilfe In den meisten Fällen sind tatsächlich viele Lebensbe­ reiche in Frage gestellt: Werde ich wieder gesund, wie geht mein Partner/meine Partnerin mit meiner Er­ krankung um, wie verkraften die Kinder meine Krankheit, werde ich fähig sein, meinen Beruf weiter­ hin auszuüben, etc. oder dem Fatigue-Syndrom(Müdigkeit, Erschöpfung) im Zuge einer Krebserkrankung hat große Fortschritte gemacht. In vielen Spitälern stehen auch PsychologIn­ nen oder SozialarbeiterInnen zur Verfügung, um Pati­ entInnen zu helfen, mit ihren seelischen und/oder sozi­ alen Belastungen besser umzugehen. Die Auseinandersetzung mit einer Lebenskrise, wie eine Krebserkrankung sie ist, ist von Mensch zu Mensch un­ terschiedlich. So wie die individuelle Situation, in der je­ mand erkrankt, unterschiedlich ist – unterschiedliches Alter, verschiedenartige Lebensumstände, individueller Umgang mit schwierigen Lebenssituationen, unter­ schiedliche Prognose – so individuell unterschiedlich re­ agieren Menschen auf ihre Krebserkrankung. Psychosoziale Unterstützung bei Krebs Außerhalb der Krankenanstalten, deren psychosoziale Betreuung auf den Zeitraum des stationären Aufent­ halts beschränkt ist, gibt es psychosoziale Beratungs­ stellen, an die sich KrebspatientInnen und Angehörige in jeder Phase der Erkrankung wenden können(siehe Wiener Krebshilfe). Hilfreiche Bewältigungsmechanismen Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht – wissen­ schaftlich ist diese Theorie nicht nachweisbar – dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale die Entstehung von Krebs begünstigen. Ebenso wenig gibt es wissen­ schaftliche Belege dafür, dass eine bestimmte Art des Umgangs mit der Krebserkrankung(z. B. kämpferisch, verdrängend, etc.) besonders günstig oder gar lebens­ verlängernd wirkt. Krankheitsbewältigung ist ein Pro­ zess mit immer neuen Anforderungen und impliziert daher im Verlauf sehr unterschiedliche Bewältigungs­ mechanismen. Allerdings legen die Ergebnisse neuerer Untersuchun­ gen die Schlussfolgerung nahe, dass jenen PatientInnen die Auseinandersetzung mit ihrer Erkrankung besser gelingt, die es schaffen, flexibel auf die Erfordernisse der Situation zu reagieren. Konkret kann das bedeuten: sich aktiv über die eigenen Behandlungsmöglichkeiten zu informieren, sich mit den eigenen Ängsten ausein­ anderzusetzen, sich Hilfe in Gesprächen zu suchen, Un­ terstützung von Angehörigen anzunehmen, sich realis­ tische Ziele zu stecken, etc. Lebensqualität und medizinische Behandlung Die medizinische Behandlung von Krebs kann sehr be­ lastend sein. In jüngster Zeit hat der Begriff der Lebens­ qualität auch in die Medizin verstärkt Einzug gehalten und so setzt man zunehmend auf Behandlungsmetho­ den, die die Lebensqualität so wenig wie möglich ein­ schränken. Die ergänzende Behandlung von Schmerz Bei seelischen Problemen, die in Zusammenhang mit der Erkrankung auftreten, kann psychologische oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden. Es ist in diesem Zusammenhang ratsam, vor Beginn der Behandlung die Kostensituation abzuklären (z. B. teilweise Kostenübernahme durch die Kranken­ kasse). Die psychosozialen Beratungsstellen geben auch hier kompetent Auskunft. Eine gern angenommene Hilfestellung für Krebspati­ entInnen – und Angehörige – stellen Selbsthilfegrup­ pen dar. Hier finden PatientInnen zusammen, um ge­ meinsam die eigene Krankheit besser bewältigen zu lernen und anderen Hilfestellung zu geben. Informati­ onsaustausch und Gespräche entlasten, machen Mut und helfen bei der Krankheitsbewältigung. Hilfe bei Familie und Freundeskreis Eine der wichtigsten Unterstützungsformen ist aber si­ cher die Hilfe des eigenen sozialen Umfelds, also Part­ ner, Familie, Freundeskreis, Berufskollegen, etc. Zen­ tral ist dabei die Rolle der Familie. Auch für Angehörige ist die Situation sehr komplex. Sie finden sich als Mitbetroffene meist in einer Doppelrolle zwischen hilfreicher Unterstützung und eigener Belas­ tung wieder. Eine offene Kommunikation über die Er­ krankung fällt oft schwer. Tatsächlich ist jedoch ein ehrliches miteinander-Reden für den Betroffenen und seine Angehörigen entlastend und entspannend, wäh­ rend Schweigen aus vermeintlicher gegenseitiger Rück­ sichtnahme die Situation erschweren kann. 196 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Wiener Krebshilfe Vorsorge und Früherkennung Der Glaube, dass man an Krebs erkrankt, weil man et­ was in seinem Leben psychisch nicht verkraftet hat, ist wissenschaftlich nicht erhärtet, dennoch hält er sich hartnäckig. Umgekehrt denken immer noch viele, ein Packerl Zigaretten täglich oder häufig fettes Fleisch zu konsumieren sei schon nicht so schlimm für die Ge­ sundheit. Tatsache ist, dass mehr als ein Drittel aller Krebser­ krankungen durch eine gesundheitsbewusste Lebens­ weise vermieden werden könnten und ein weiterer ho­ her Prozentsatz aufgrund gezielter Früherkennungs­ maßnahmen geheilt werden könnte. Krebsvorsorge durch gesunden Lebensstil Gerade im Bereich Vorsorge und Früherkennung hat man viele Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden und die eigene Gesundheit positiv zu steuern. Folgende Maßnahmen sind Bestandteil des Europäi­ schen Kodex zur Krebsbekämpfung und reduzieren nachweislich das Risiko, an Krebs zu erkranken: ● Verzicht auf Rauchen Das Krebsrisiko steigt mit jeder gerauchten Zigarette. Die Sterblichkeit für jede Krebsart ist bei Rau­ cherInnen zweimal, bei starken RaucherInnen dreibis viermal so hoch wie für NichtraucherInnen; Für Lungenkrebs ist das Risiko bei RaucherInnen zehn­ mal, bei starken RaucherInnen sogar 15- bis 25-mal höher. ● Mäßiger Alkoholkonsum Exzessiver Alkoholkonsum bedeutet ein erhöhtes Krebsrisiko für die Atemwege und den oberen Ver­ dauungstrakt(Luftröhre, Speiseröhre, Kehlkopf) sowie die Leber. Studien belegen, dass dieses Krebsrisiko mit dem Alkoholgehalt der konsumier­ ten Getränke steigt. Alkohol selbst ist nicht krebserregend, schwächt aber das Immunsystem und för­ dert die schädliche Wirkung bestimmter Kanzero­ gene. ● Täglich frisches Obst und Gemüse sowie bal­ laststoffreiche Getreideprodukte Wissenschaftler sagen aus, dass 30–40 Prozent aller Krebserkrankungen auf falsche Ernährung zurückzuführen sein dürften. Natürliche Verbindun­ gen, zu denen Vitamin C und E, verschiedene Carotinoide sowie Polyphenole zählen, verleihen un­ seren Lebensmitteln gesundheitsförderndes Potenzial und können Krebs vorbeugen. Diese Substanzen werden hauptsächlich über diverses Obst und Gemüse, Vollkornprodukte(Vollkorn­ brot, Getreideflocken) und Nüsse aufgenommen. Zahlreiche Ernährungs- und Gesundheitsinstituti­ onen – so auch die Österreichische Krebshilfe – empfehlen, fünfmal am Tag Obst und Gemüse zu essen. Je frischer und weniger verarbeitet, desto besser. ● Vermeiden von Übergewicht – mehr körperli­ che Bewegung Übergewicht und Fehlernährung begünstigen die Entwicklung verschiedener Krebsarten. Übergewicht, das meist mit einem erhöhten Konsum an Fetten einhergeht, erhöht das Risiko für Darm-, Brust-, Gallenblasen- und Gebärmutterkrebs. Übergewicht wird als eigenständiger Risikofaktor für das Entstehen verschiedener ernährungsabhän­ giger Erkrankungen wie Krebs angesehen, wenn das Körpergewicht 20–30 Prozent über dem Nor­ malgewicht liegt. Gezieltes und regelmäßiges körperliches Training (wirksam sind Ausdauersportarten wie Laufen, Radfahren oder Schwimmen) hilft Übergewicht abzubauen und stärkt das Immunsystem. ● Vermeiden intensiver Sonnenbestrahlung – speziell bei Kindern Der Schutz der Haut ist bei jedem Menschen unter­ schiedlich. Es ist eindeutig erwiesen, dass Menschen, die leicht Sonnenbrand bekommen und nie braun werden, ein wesentlich höheres Hautkrebsri­ siko tragen als Personen, die nie Sonnenbrand be­ kommen und immer braun werden. Es gibt also individuelle genetische Faktoren von Sonnenschutz. Wichtig ist die Bestimmung des eigenen Hauttyps (gemeinsam mit dem Hautarzt) und die Verwen­ dung von Sonnenschutzcremen mit entsprechen­ dem Sonnenschutzfaktor. Der wirksamste Schutz ist jedenfalls nach wie vor der Schatten. Kein noch so wirksames Sonnenschutzmittel kann den Schat­ ten ersetzen. Besonders Kinder sollen nicht der prallen Mittagshitze zwischen 11.00 und 15.00 Uhr ausgesetzt werden. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 197 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Wiener Krebshilfe Wirksame Früherkennungsmaßnahmen Das Tückische an einer Krebserkrankung ist, dass man sie über Jahre latent in sich tragen kann, ohne Sympto­ me zu haben und ohne sich krank zu fühlen. Nur rund 30–50 Prozent aller PatientInnen leiden zum Zeitpunkt der Diagnose an Schmerzen. Gerade deshalb kommt Früherkennungsuntersuchun­ gen eine entscheidende Bedeutung zu. Ihr Ziel ist es, Krebs bereits in einem Stadium festzustellen, in dem die Krankheit noch lokal begrenzt ist. Auch sind die Heilungschancen größer, je kleiner der Tumor ist. Für jene Krebsarten, bei denen eine Früherkennung möglich ist, wurde von Experten aufgrund wissenschaft­ licher Erkenntnisse festgelegt, wann und wie oft eine Früherkennungsuntersuchung sinnvoll ist. Die entspre­ chenden Richtlinien werden von den Gesundheitsbehör­ den, den medizinischen Fachgesellschaften sowie der Österreichischen Krebshilfe 128 vorgegeben und basieren auf dem Programm„Europa gegen den Krebs“. Brustkrebs ● Selbstuntersuchung der Brust: Beobachtung und Abtastung der Brüste und Achselhöhlen vor dem Spiegel, im Stehen und im Liegen. Dieser Test sollte einmal monatlich, am besten knapp nach dem En­ de der Regelblutung durchgeführt werden(ab dem 20. Lebensjahr). ● Tastuntersuchung durch den Arzt: Funktioniert im Prinzip wie eine Selbstuntersuchung. Im Rahmen der gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung durch den Arzt zweimal jährlich durchführen lassen(ab dem 20. Lebensjahr). ● Mammographie: Röntgenuntersuchung der Brust. Damit können auch kleine Tumore, die noch nicht tastbar sind, festgestellt werden. Mammographie ist ab dem 40. Lebensjahr mindestens alle einein­ halb Jahre unbedingt anzuraten. Gebärmutterhalskrebs ● Im Rahmen der gynäkologischen Untersuchung sollte der Krebsabstrich(PAP) zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs einmal jährlich ab dem 20. Lebensjahr durchgeführt werden. Prostatakrebs ● Tastuntersuchung durch den Arzt: einmal jährlich für Männer über 45 Jahren. ● Blutabnahme zur Bestimmung des Tumormarkers PSA: Männer über 45 Jahre einmal jährlich. Hodenkrebs ● Regelmäßige Selbstuntersuchung durch Abtasten der Hoden alle vier Wochen. Darmkrebs ● Okkulttest: Untersuchung auf verborgenes Blut im Stuhl. Dieser Test kann, wenn er regelmäßig durch­ geführt wird, die Gefahr, an Darmkrebs zu sterben, bis zu einem Drittel senken. Empfohlen jährlich ab dem 40. Lebensjahr. ● Koloskopie: Rektale Untersuchung mittels eines speziellen Endoskops, das unter anderem mit ei­ ner Lichtquelle und einer kleinen Optik ausgestat­ tet ist. Damit lässt sich die Darmschleimhaut be­ gutachten; während der Untersuchung ist auch die Entnahme von verdächtigem Gewebe(Biop­ sie) möglich, das anschließend unter dem Mikros­ kop beurteilt wird. Empfohlen ab dem 50. Lebens­ jahr alle 5–7 Jahre. Hautkrebs ● Selbstuntersuchung: Mit Hilfe guten Lichts, einem großen Ganzkörperspiegel, einem Handspiegel, zwei Stühle, einem Fön. ● Untersuchung des ganzen Körpers(auch Fußsoh­ len, Fersen, zwischen den Zehen und unter den Fuß- und Fingernägeln). Die Kopfhaut wird mit Hilfe eines Föns begutachtet, um jede Stelle sicht­ bar zu machen. Die Stühle werden benötigt, um die Genitalien zu untersuchen(nacheinander beide Beine auf den Stuhl legen). 128 Österreichische Krebshilfe. 198 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krebs: Handlungsbedarf 5.2.5 Zukunftsperspektiven und Handlungsbedarf Prognose Die Prognose von KrebspatientInnen hat sich, wie Stu­ dien aus dem In- und Ausland zeigen, kontinuierlich verbessert. 129 Verantwortlich für die insgesamt bei Krebserkrankungen gestiegenen Überlebensraten sind das Ansteigen von Krebserkrankungen mit guter Prog­ nose, vermehrte Vorsorge bzw. Screening(wodurch Krebserkrankungen früher entdeckt werden) sowie die Verbesserung der Behandlungsmethoden. Deutliche Verbesserungen sind vor allem in der Prognose von Krebserkrankungen der Harnorgane und der männli­ chen Genitale sowie von Hautmelanomen und Lym­ phomen zu beobachten. Voraussagen über die zukünftige Entwicklung von Krebserkrankungen in anderen Ländern(z. B. in Finn­ land) gehen davon aus, dass es bei den Männern insge­ samt zu keiner Zunahme der Krebsmorbidität kommen wird. Bei den Frauen wird ein leichter Anstieg erwartet. Bei den meisten Krebserkrankungen werden sich die bestehenden Trends kaum verändern. Erwartet wird bei beiden Geschlechtern ein weiterer Rückgang der Neuerkrankungen an Magenkrebs. Bei den Männern wird des Weiteren mit einem Rückgang der Inzidenz an Lungenkrebs, jedoch einer weiteren Zunahme von Pro­ statakrebs gerechnet. Bei den Frauen wird eine Zunah­ me der lebensstilbezogenen Krebserkrankungen prog­ nostiziert: Brustkrebs wird wahrscheinlich bald für ein Drittel der gesamten Krebsmorbidität bei Frauen ver­ antwortlich sein, auch die Inzidenz von Lungenkrebs wird bei ihnen weiter steigen. Für Gebärmutterhals­ krebs wird eine(im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren geringere) Abnahme prognostiziert. Auch wenn sich die altersstandardisierte Rate der Krebsinzidenz in Zukunft nicht wesentlich verändert, ist aufgrund der steigenden Zahl älterer Menschen mit einer Zunahme der Zahl der Krebserkrankungen zu rechnen. Die vorliegenden Schätzungen deuten aller­ dings darauf hin, dass die Inzidenz von Krebserkran­ kungen mit schlechter Prognose(Lungen-, Magen- und Speiseröhrenkrebs) in Zukunft sinken und ein größerer Anteil an Krebserkrankungen heilbar sein wird. Letzte­ res lässt vermuten, dass die Diagnose und Behandlung von Krebs in Zukunft mehr Ressourcen als gegenwärtig binden wird. 130 Maßnahmen zur Reduktion von Krebsinzi­ denz und-mortalität Am ehesten lässt sich die Krebsinzidenz durch Präven­ tion, d. h. Beseitigung von Risikofaktoren, reduzieren. Veränderungen im Gesundheitsverhalten, insbesonde­ re hinsichtlich Ernährung, körperlicher Aktivität, Son­ nenbaden, Rauchen, Alkoholkonsum, effizienter Kon­ trolle von Infektionen, könnten die Rate der Neuer­ krankungen deutlich verringern. Nicht zu vernachlässi­ gen bei der Entstehung und Entwicklung von Krebs sind psychische Faktoren. Da sich Krebserkrankungen in der Regel erst nach ge­ raumer Zeit entwickeln, schlagen sich Veränderungen im Gesundheitsverhalten erst nach längerer Zeit in den Krebsstatistiken nieder. Auch wenn es bisher keine An­ zeichen für die Verringerung der Krebsinzidenz gibt, ist vermutlich aufgrund früher Diagnose, verbesserter di­ agnostischer Methoden und verbesserter Behand­ lungsmethoden mit einer Verringerung der Krebsmor­ talität zu rechnen. Bisher fehlt jedoch der Nachweis, ob sich die Krebsmortalität tatsächlich reduzieren lässt und nicht bloß die Überlebenszeit vom Zeitpunkt der Diagnose an verlängert wird. Bei einigen Krebserkrankungen(z. B. Hodenkrebs, Lymphome und Leukämie der Kinder) ist die Verbes­ serung der Überlebensraten eindeutig der verbesserten Behandlung zuzuschreiben. In den meisten Fällen ist die Verbesserung der Überlebensraten durch das Zu­ sammenwirken verschiedener Faktoren zu erklären. Die Diagnose der Erkrankung zu einem frühen Zeit­ punkt und bessere, vor allem die Entwicklung kombi­ nierter Therapien spielen eine wichtige Rolle bei den zukünftigen Bemühungen, die Krebsmortalität zu re­ duzieren. Die Inzidenz und Mortalität von Gebärmutterhalskrebs konnte in den letzten Jahrzehnten durch vermehrte Vorsorge signifikant reduziert werden. Ohne Screening wäre aufgrund des Ansteigens von Virusinfektionen 129 AROMAA et al.(1999); VUTUC et al.(2002 a). 130 AROMAA et al.(1999), S. 116. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 199 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krebs: Handlungsbedarf (HPV) unter jungen Frauen mit einer zunehmenden Inzidenz zu rechnen. Untersuchungen in Finnland zei­ gen, dass Brustkrebs-Screening signifikant dazu bei­ trägt, die Mortalität bei den 50–59 jährigen Frauen zu senken. Die Motivierung der Bevölkerung zur Prävention von Krebserkrankungen einschließlich der Teilnahme an Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung ist daher be­ sonders bedeutsam. In mehreren europäischen Ländern (z. B. Großbritannien und Schweden) sind seit einigen Jahren systematische Programme zur Krebsfrüherken­ nung durch Mammographie bei Frauen zwischen 50 und 69 Jahren als Standard implementiert. Auch Wien hat im Rahmen des Wiener Frauengesundheitspro­ gramms im Jahr 2000(aufgrund internationaler Emp­ fehlungen und vergleichbarer Projekte im Ausland) das Brustkrebs-Früherkennungsprogramm„Die Klügere sieht nach“ als Pilotprojekt bei Frauen im Alter von 50 bis 69 Jahren implementiert. Abgesehen vom eigentli­ chen Ziel der Früherkennung von Brustkrebs und da­ mit einer Verringerung der Mortalität verfolgte dieses Programm folgende Ziele: ● Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema Brustkrebs ● Erhöhung des Wissensstandes der Frauen über die Mammographie und die Risikofaktoren für die Ent­ stehung von Brustkrebs ● Erhöhung der Inanspruchnahme der Mammogra­ phie-Vorsorgeuntersuchungen bei 50- bis 69-jähri­ gen Frauen ● Erstmalige qualitätsgesicherte Durchführung und Evaluation eines Brustkrebs-Früherkennungspro­ gramms ● Verbesserung der strukturellen Vernetzung(zwi­ schen intra- und extramuralem Bereich, Selbsthil­ fegruppen, psychosozialen Betreuungsinstitutio­ nen) ● Verbesserung der Kommunikationsstrategien, so­ wohl auf interdisziplinärer Ebene(RTAs, Radiolo­ gInnen, GynäkologInnen, ChriurgInnen, etc.) als auch der Arzt/Ärztin-Patientin-Kommunikation ● Etablierung von Dokumentation und Evaluation entsprechend der EU-Empfehlungen zur Mammo­ graphie Von besonderer Bedeutung sind gesicherte For­ schungsergebnisse über die Ursachen von Krebser­ krankungen, die Auswirkungen von Screenings sowie über die Effizienz der Behandlung von Krebserkran­ kungen(einschließlich psychologischer Betreuung von KrebspatientInnen). Die Ursachenforschung liefert Hinweise auf Möglichkeiten der Prävention und den Einsatz von Screenings. Krebsvorsorgeuntersuchungen sollten gesunden Menschen nur dann angeboten wer­ den, wenn sie nachweislich die krankheitsspezifische Inzidenz und Mortalität senken, wenn Vorteile und Ri­ siken bekannt sind und das Kosten-Nutzen-Verhältnis akzeptabel ist. So ist derzeit der Wert eines generellen PSA-Screenings und der Koloskopie noch weitgehend umstritten. Auch ein Übermaß an Mammographien kann sich unter Umständen negativ auswirken. Onkologische Versorgung in Wien Angesichts der zu erwartenden demographischen Ent­ wicklung ist mit einem zunehmendem Bedarf an Ein­ richtungen und personellen Ressourcen, die sich mit der Früherkennung, Diagnostik, Therapie und nach­ sorgenden Betreuung von bösartigen Neubildungen befassen, zu rechnen. Programme und Einrichtungen, die zur Aufklärung der Bevölkerung und zur Präventi­ on von Krebserkrankungen beitragen, sind gefragt. Die besten Erfolge bei der Behandlung von Krebser­ krankungen sind dort zu erzielen, wo die Therapie durch operative Onkologie, Radioonkologie und inter­ nistische(medikamentöse) Onkologie in einem engen und kooperativen Verbundsystem gewährleistet ist (bestmögliche Kooperation aller an der Betreuung von Krebskranken beteiligten Berufsgruppen, nicht nur der medizinischen Fachdisziplinen). Es bedarf einer engen Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen prakti­ schen ÄrztInnen und FachärztInnen, den onkologisch ausgebildeten ÄrztInnen im ambulanten, semistatio­ nären und stationären Versorgungsbereichen, den Be­ rufen der allgemeinen und spezialisierten onkologi­ schen Krankenpflege, der psychosozialen Betreuung und anderer spezialisierter Berufsgruppen. Der Österreichische Krankenanstaltenplan sieht in den Krankenanstalten den Ausbau eines dreistufigen Mo­ dells vor: ● Das onkologische Zentrum widmet sich der hämato­ logisch-onkologischen Forschung und Ausbildung sowie der Betreuung seltener onkologischer Er­ krankungen, die mit hohem diagnostischen und therapeutischen Aufwand verbunden sind. In der Regel nehmen Krankenanstalten der Spitzenver­ sorgung auch Schwerpunktversorgungsfunktionen 200 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krebs: Handlungsbedarf wahr, sodass sie als onkologische Zentren in Frage kommen. ● Unter onkologischem Schwerpunkt versteht man Einrichtungen, die einer definierten Region zuge­ ordnet sind. Sie dienen als Koordinationsstelle für die onkologische Versorgung einer Region und ko­ operieren eng mit den onkologischen Zentren, den Standardkrankenanstalten, den niedergelassenen ÄrztInnen und den ambulanten Diensten. ● Internistische Fachabteilung mit Onkologie: Neben den für die Standardkrankenanstalten vorgesehe­ nen Fachabteilungen, Ambulanzen und Instituten ist eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe einzurich­ ten, die auch Ansprechstelle für onkologische Pro­ bleme innerhalb der Krankenanstalt und für nie­ dergelassene ÄrztInnen sein soll. Der Aufbau dieser gestuften onkologischen Versor­ gungsstruktur soll laut Krankenanstaltenplan bis zum Jahr 2005 abgeschlossen sein. Onkologische Zentren in Wien sind das Allgemeine Krankenhaus, das Kaiser­ Franz-Josef-Spital, das Krankenhaus Lainz, das Wilhel­ minenspital und das Donauspital. Ein onkologischer Schwerpunkt befindet sich im Hanusch-Krankenhaus und in der Rudolfstiftung. Palliativmedizinische Einrichtungen dienen der Versorgung unheilbar kranker und sterbender Men­ schen. Diese Einrichtungen bieten ganzheitliche Be­ treuung der PatientInnen und tragen so zur Erhöhung der Lebensqualität bei. Entsprechende Betreuungsan­ gebote außerhalb des stationären Bereichs und die Ver­ netzung der Angebote(z. B. Mobiles Hospizteam der Caritas) ermöglichen selbst bei schwerkranken Men­ schen eine Entlassung in die vertraute Umgebung. Die Betreuung erfolgt durch ein palliativmedizinisch quali­ fiziertes, interdisziplinär zusammengesetztes Team, das neben den körperlichen auch die seelischen, spiri­ tuellen und sozialen Bedürfnisse der PatientInnen be­ rücksichtigt. Der Österreichische Krankenanstaltenplan sieht für Wien bis 2005 die Errichtung von 97 palliativmedizini­ schen Betten vor, zum Teil bestehen solche Einrichtun­ gen bereits. Standorte sind das Allgemeine Kranken­ haus, das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern (bisher: Hospiz der Caritas Socialis), das Krankenhaus Lainz(bisher: Hospiz des Geriatriezentrums am Wienerwald), das Krankenhaus St. Elisabeth, das Wil­ helminenspital, die Krankenanstalt des Göttlichen Hei­ lands(bisher: Hospiz St. Raphael), das Donauspital und das Sozialmedizinische Zentrum Baumgartner Hö­ he – Otto Wagner-Spital. Die Stationen(mit acht bis vierzehn Betten) sind innerhalb von bzw. im Verbund mit Akutkrankenanstalten zu planen. 131 131 Österreichischer Krankenanstalten- und Großgeräteplan, Stand 1.1.2002; zitiert nach Stadt Wien(2003), Lebenserwartung und Mortali­ tät in Wien, S. 221 ff. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 201 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates 5.3 Krankheiten des Bewegungsapparates Zusammenfassung Krankheiten des Bewegungsapparates sind weit verbreitet und ziehen nicht nur einen erheblichen Behandlungs- und Rehabilitationsbedarf nach sich, sondern sind auch für einen nicht unerhebli­ chen Anteil an den Krankenständen und vorzeiti­ gen Pensionierungen verantwortlich. Zu den häu­ figsten Krankheiten dieser Gruppe zählen Dorso­ pathien, rheumatoide Arthritis, Arthrose und Osteoporose. Summary: Diseases of the locomotor system Diseases of the locomotor system are widespread and not only entail a considerable demand for ther­ apy and rehabilitation measures, but also cause a significant number of sick-leaves and cases of early retirement. The most frequent diseases within this group include various types of dorsopathy, rheuma­ toid arthritis, arthrosis, and osteoporosis. Verbreitung Krankheiten des Bewegungsapparates sind von großer gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Aufgrund ihrer weiten Verbreitung ziehen sie einen erheblichen Be­ handlungs- bzw. Rehabilitationsbedarf nach sich und sind für einen nicht unerheblichen Teil an Krankenstän­ den und vorzeitigen Pensionierungen verantwortlich. Für die Versicherten der Wiener Gebietskrankenkas­ se wurden im Jahr 2001 insgesamt 109.369 Kranken­ standsfälle (Männer 56.142, Frauen 53.227) auf­ grund von Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes, bei einer durchschnittlichen Kran­ kenstandsdauer von 19,1 Tagen pro Fall(Männer 18,0, Frauen 20,2 Tage) registriert. Das sind insge­ samt 14,3 Prozent aller Krankenstandsfälle, wobei bei den Männern der Anteil(15,7 Prozent) etwas höher war als bei den Frauen(13,1 Prozent). ArbeiterInnen hatten im Vergleich zu Angestellten einen beinahe doppelt so hohen Anteil an Krankstandsfällen, die durch Krankheiten des Bewegungsapparates verur­ sacht waren(19,9 Prozent versus 10,4 Prozent). 132 Dies lässt sich als Hinweis auf eine unterschiedliche Risikokonstellation in verschiedenen sozialen Grup­ pen interpretieren. Gravierender ist die Situation, wenn man sich die durch Krankheiten des Bewegungsapparates verursachten Krankenstandstage vergegenwärtigt. Im Jahr 2001 waren in Wien insgesamt 2.086.531 Krankenstandstage (Männer 1.009.956, Frauen 1.076.575) dadurch be­ dingt. Das entspricht 23,1 Prozent aller Kranken­ standstage(Männer 23,0 Prozent, Frauen 23,1 Pro­ zent). Wiederum war bei den ArbeiterInnen der Anteil (mit 27,8 Prozent) deutlich höher als bei den Angestell­ ten(18,5 Prozent). 133 Des Weiteren ist ein beachtlicher Teil der Pensionen der geminderten Arbeitsfähigkeit bzw. der dauernden Erwerbsunfähigkeit auf Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes zurückzuführen. In Österreich war im Jahr 2000(ohne Versicherungsan­ stalt des öffentlichen Notariats) mehr als ein Viertel (27,0 Prozent) aller Neuzugänge an Pensionen der ge­ minderten Arbeitsfähigkeit bzw. der dauernden Er­ werbsunfähigkeit durch Krankheiten des Bewegungs­ apparates bedingt. Insgesamt handelte es sich um 4.812 Neuzugänge(Männer 3.310, Frauen 1.502). Aufgrund ihrer Verbreitung bzw. der aus diesen Krank­ heiten erwachsenden Folgen stehen in den folgenden Abschnitten Dorsopathien, rheumatoide Arthritis, Ar­ throse und Osteoporose im Vordergrund. 132 Stadt Wien(2002), Gesundheitsbericht Wien 2002, S. 107 ff. 133 Stadt Wien(2002), Gesundheitsbericht Wien 2002, S. 106 ff. 202 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates 5.3.1 Dorsopathien Zusammenfassung Unter Dorsopathien versteht man eine Reihe von Krankheiten, die Knochen, Gelenke, Bindegewebe, Muskeln oder Nerven des Rückenmarks betreffen können und sich in Rückenschmerzen äußern. Unterschieden wird zwischen spezifischen und un­ spezifischen Rückenschmerzen. Spezifische Rü­ ckenschmerzen sind auf eine umschriebene kör­ perliche Erkrankung bzw. einen biologischen Pro­ zess(z. B. eine Entzündung) zurückzuführen. Rückenschmerzen sind nicht nur in Wien, sondern in ganz Österreich weit verbreitet. Nahezu ein Fünftel der Wiener Männer und etwas über ein Fünftel der Wiener Frauen leiden an Rücken­ schmerzen. Gehäuft finden sich Rückenschmerzen bei den 45- bis 59-jährigen Frauen, was mit dem Beginn der Menopause bzw. der tatsächlichen Me­ nopause in Zusammenhang gebracht wird. Aber auch Jugendliche bzw. junge Erwachsene berichten häufig über Rückenschmerzen. Während ältere Menschen häufiger von schwer­ gradigen, das heißt schmerzhaften und behindern­ den Rückenschmerzen betroffen sind, handelt es sich bei jüngeren vorwiegend um Beschwerden leichteren Grades. Rückenschmerzen sind in allen Berufsgruppen relativ häufig. Differenzierungen nach dem Schweregrad der Beschwerden zeigen je­ doch, dass Personen in unqualifizierten Berufen häufiger unter starken Rückenschmerzen leiden als Personen in qualifizierten Berufen bzw. in Füh­ rungspositionen. Im Jahr 2000 waren 3,3 Prozent der stationären Aufenthalte der Wohnbevölkerung Wiens durch Krankheiten der Wirbelsäule und des Rückens be­ dingt. Krankenhausaufenthalte aufgrund von Krankheiten der Wirbelsäule und des Rückens sind im vergangenen Jahrzehnt(sowohl in Wien als auch in Österreich) deutlich gestiegen. Summary: Dorsopathies The blanket term“dorsopathy“ denotes a number of diseases that may affect bones, joints, connective tissue, muscles or nerves of the spinal marrow and may moreover result in backache . A distinction should be made between specific and unspecific backache. Specific backache may be attributed to a localised physical disease or a biological process (e.g. an inflammation). Backache is widespread, not only in Vienna, but in the whole of Austria. Almost one fifth of Viennese males and slightly over one fifth of Viennese fe­ males suffer from backache. Backache is particular­ ly frequent in women aged 45 to 59, a fact related to the beginning of menopause or actual menopause. However, many adolescents and young adults, too, report frequent backaches. While elderly persons are more often affected by se­ vere(i.e. painful and disabling) backache, younger patients mainly report less marked complaints. Backache is relatively frequent in all occupational groups. However, when distinguishing between the severity of the complaints, it is noticeable that per­ sons in unskilled occupations are more often affect­ ed by intense backache than persons in skilled jobs or executive positions. In 2000, 3.3 percent of all inpatient hospital stays of Viennese residents were caused by diseases of the spinal column and back. Hospital stays due to dis­ eases of the spinal column and back have increased markedly over the past decade(both in Vienna and in Austria as a whole). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 203 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Einleitung Unter Dorsopathien versteht man eine Reihe unter­ schiedlicher Krankheiten, die Knochen, Gelenke, Bin­ degewebe, Muskeln oder Nerven des Rückenmarks be­ treffen können und sich in Rückenschmerzen äußern. Es handelt sich dabei um eine Gesundheitsstörung, die häufig Rehabilitationsmaßnahmen erfordert und nicht selten zu Arbeitsunfähigkeit führt. Formen und Ursachen Zu unterscheiden ist zwischen spezifischen und unspe­ zifischen Rückenschmerzen. Spezifische Rücken­ schmerzen lassen sich auf eine umschriebene körperli­ che Erkrankung bzw. einen biologischen Prozess(etwa eine Entzündung) zurückführen. Zumindest ist die anatomische Quelle der Schmerzen(z. B. Nervengewe­ be, Bandscheibe, Wirbelgelenke, Muskulatur) bekannt. Dies ist jedoch nur bei etwa 20 Prozent aller Rücken­ schmerzen der Fall. 134 Den größten Teil der Dorsopathien nehmen jedoch un­ spezifische Rückenschmerzen ein. Das heißt, bei et­ wa 80 Prozent aller Rückenschmerzen lässt sich keine eindeutige körperliche Ursache finden. Unspezifische Rückenschmerzen, vor allem chronischer Art, treten häufig in Verbindung mit anderen Beschwerden(z. B. Kopf-, Nacken-, Brust-, Leibschmerzen), körperlichen Missempfindungen(z. B. steife und schwere Extremi­ täten, Herzbeschwerden, Schwindel, Abgeschlagen­ heit), einer allgemeinen Überempfindlichkeit und psy­ chischen Störungen auf. Damit gehen zum Teil be­ stimmte gesundheitsbezogene Überzeugungen einher („mir kann keiner helfen“), die bis zum sozialen Rück­ zug und problematischen Verhaltensweisen(körperli­ che Inaktivität, häufiger Konsum von Schmerzmitteln, ständige Arztbesuche, etc.) führen können. Man spricht in solchen Fällen von einer„Ausweitung“ der Rückenschmerzen. Risikofaktoren Rückenschmerzen und deren Chronifizierung können unterschiedliche Ursachen haben. Auslöser können or­ thopädisch-rheumatologische Krankheiten, Verletzun­ gen, Erkrankungen innerer Organe, bösartige Neubil­ dungen(Krebs), gynäkologische Störungen oder Er­ krankungen des Rückenmarks sein. Neben biomecha­ nischen Belastungen können auch psychische und soziale Faktoren eine Rolle spielen. Biologische Risikofaktoren sind Wirbeldeformitäten, Gefügestörungen und degenerative Veränderungen an Wirbelkörpern, Wirbelgelenken und Bandscheiben. Für entzündliche Erkrankungen der Wirbelsäule(z. B. Morbus Bechterew) und die Degeneration der Band­ scheiben scheinen genetische Faktoren eine Rolle zu spielen. Auch bei Schwangerschaften treten häufig vor­ übergehend Rückenschmerzen auf. Bei Frauen in und nach den Wechseljahren können Osteoporose der Wir­ belkörper oder weichteilrheumatische Störungen zu Rückenschmerzen führen. Untersuchungen zeigen, dass im Röntgenbild fassbare Veränderungen der Wirbelsäule nur bei einem geringen Teil der Rückenschmerzen eine Rolle spielen, insbeson­ dere gilt dies für altersabhängige Abnutzungserscheinun­ gen an den Bandscheiben, Wirbelkörpern und kleinen Wirbelgelenken, für das Wirbelgleiten sowie für den Kno­ chenschwund an der Wirbelsäule. 135 Auch funktionelle Veränderungen wie muskuläre Schwächen und Unausge­ glichenheiten oder Bewegungsstörungen(Blockierun­ gen) konnten bisher nicht eindeutig als wesentliche Ursa­ chen von Rückenschmerzen identifiziert werden. 136 Verhaltensbezogene Risikofaktoren (wie Überge­ wicht, Rauchen) scheinen ebenfalls nur eine geringe Rolle zu spielen. Größere Bedeutung kommt den Arbeitsbedingungen und der Arbeitszufriedenheit zu. Subjektiv wahrge­ nommene Belastungen am Arbeitsplatz(etwa aufgrund ergonomischer Gegebenheiten) und die Arbeitszufrie­ denheit bzw. Faktoren, welche die Arbeitszufriedenheit beeinflussen, spielen für das Auftreten von Rücken­ schmerzen eine bedeutende Rolle. Je selbständiger, ab­ wechslungsreicher, anerkannter und belohnender die berufliche Tätigkeit ist, umso seltener sind Rücken­ schmerzen. 134 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 200. 135 Befunde dieser Art lassen die große Anzahl von Röntgenuntersuchungen ungerechtfertigt erscheinen. 136 Die oft vermuteten und mit bildgebenden Verfahren gesuchten Bandscheibenvorfälle erklären wahrscheinlich weniger als zehn Prozent der Rückenschmerzen. 204 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Psychosoziale Risikofaktoren : Zusammen mit Rü­ ckenschmerzen häufig zu beobachten sind niedrige Le­ benszufriedenheit und psychosoziale Belastungen(wie empfundener Stress, seelische Konflikte, Niederge­ schlagenheit bzw. Depressivität, schlechte subjektive Gesundheit). Diese Faktoren sind jedoch sozial un­ gleich verteilt. So zeigte sich im Wiener Gesundheits­ und Sozialsurvey, dass Personen mit niedriger Lebens­ qualität und belastenden Lebensereignissen deutlich häufiger starke Rückenschmerzen haben als Personen mit hoher Lebensqualität und geringen Lebensbelas­ tungen. 137 Rückenschmerzen spielen(wie erwähnt) für Arbeitsun­ fähigkeit(Krankenstände, vorzeitige Pensionierungen, etc.) eine nicht unerhebliche Rolle. Dabei wird gelegent­ lich unterstellt, dass sozialrechtliche und gesellschaftli­ che Bedingungen zur Verbreitung unspezifischer Be­ schwerdekomplexe beitragen. Ein empirisch gesicherter Nachweis dafür steht bisher allerdings noch aus. Auch therapeutische oder präventive Maßnahmen können unter Umständen zur Verschärfung des Pro­ blems beitragen. Gängige Vorbeugungs- und Behand­ lungsmaßnahmen sind in ihrer Wirksamkeit kaum ge­ sichert – wie z. B. im Bereich der Prävention Kräfti­ gungs- und Fitnessprogramme oder ambulant durch­ geführte Rückenschulen, oder im Bereich der Therapie bestimmte Formen der Krankengymnastik und längere Bettruhe. Verlauf von Rückenschmerzen Beim überwiegenden Teil der Fälle klingen akut begin­ nende Rückenschmerzen innerhalb von Tagen bis we­ nigen Wochen wieder ab. Eine etwas schlechtere Prog­ nose haben Rückenschmerzen, die in die Beine bis un­ terhalb der Knie(Ischias) ausstrahlen oder eine spezifi­ sche Ursache haben. Typisch für den anfänglichen Verlauf von Rückenschmerzen ist ihr episodischer Charakter. Der raschen Besserung folgt früher oder später eine erneute und oft schleichende Verschlechte­ rung. Mit der Zeit werden die beschwerdefreien Inter­ valle immer kürzer und die Beschwerden können unter Umständen täglich auftreten. In diesen Fällen ist mit einer„Ausweitung“ der Rückenschmerzen zu rechnen. Jene Fälle, in denen eine akut aufgetretene Rücken­ schmerzepisode nicht von selbst aufhört, sondern sich primär chronifiziert, sind jedoch eher selten. 138 Risikofaktoren für das erstmalige Auftreten von Rü­ ckenschmerzen, ihre Häufigkeit, die Dichte und Dauer von Rückfällen, die Chronifizierung und„Ausweitung“ lassen sich bisher nicht unterscheiden. Verbreitung Rückenschmerzen sind in Wien(und Österreich) weit verbreitet. Von den im Mikrozensus 1999 befragten, in Privathaushalten lebenden Personen in Wien berichte­ ten 19,3 Prozent der Männer und 21,7 Prozent der Frauen über Rückenschmerzen. Österreichweit waren je 20,7 Prozent der Männer und Frauen davon betroffen (im Vergleich zu Wien also etwas mehr Männer und et­ was weniger Frauen). In allen Altersgruppen berichten Frauen häufiger über Rückenschmerzen als Männer. Am verbreitetsten sind Rückenschmerzen bei den 45- bis 59-jährigen Frauen. Dies steht wahrscheinlich mit dem Beginn der Meno­ pause bzw. der Menopause selbst in Zusammenhang. Der Anteil der Rückenschmerzgeplagten steigt zu­ nächst mit dem Alter, nimmt nach der Pensionierung etwas ab, im hohen Alter aber wieder zu. Aber auch Ju­ gendliche und junge Erwachsene berichten häufig über Rückenschmerzen. Von den 15- bis 29-Jährigen ist in Wien jeder elfte Mann und jede neunte Frau von Rü­ ckenschmerzen betroffen. 137 Stadt Wien(2002), Tabellenband zum Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, S. 25. 138 Zitiert nach Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 200. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 205 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Grafik 5.53: Rücken-, Kreuzschmerzen in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) Prozent 40,0 35,0 30,0 25,0 20,0 15,0 10,0 5,0 0,4 0,9 0,0 0–14 36,9 27,1 21,6 30,0 22,8 31,8 27,8 18,5 10,8 9,2 15–29 30–44 45–59 Alter(Jahre) 60–74 75+ Männer Frauen Frauen gesamt Männer gesamt Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Ebenso wie in deutschen Untersuchungen 139 bestätigt sich im Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey, dass ältere Menschen häufiger schwergradige, das heißt schmerzhafte und behindernde Rückenschmerzen ha­ ben. Hingegen handelt es sich bei jüngeren Menschen vorwiegend um Beschwerden leichteren Grades. Von der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren berichteten 27 Prozent der Männer und 32 Prozent der Frauen über Schmerzen und Beschwerden im Rücken- oder Len­ denbereich in den zwei Wochen vor der Befragung. Bei 10 Prozent der Männer und 17 Prozent der Frauen han­ delte es sich um starke Schmerzen. Während aber von den 25- bis 44-Jährigen 7 Prozent der Männer und 11 Prozent der Frauen starke Schmerzen angaben, waren es von den 75-Jährigen und Älteren 22 Prozent der Männer und 31 der Frauen. 140 Die Häufigkeit insbesondere schwerer Rückenschmer­ zen ist sozial ungleich verteilt. 141 Zwar finden sich Rü­ ckenschmerzen quer durch alle Bildungsschichten. Am häufigsten betroffen sind jedoch Männer mit niedriger Bildung(Pflichtschule, Lehre). Am seltensten haben AbsolventInnen allgemeinbildender höherer Schulen sowie Universitäts- bzw. HochschulabsolventInnen solche Beschwerden. 139 RKI, Gesundheitssurveys, zitiert nach Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 201. 140 Stadt Wien(2002), Tabellenband zum Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. 141 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 203. 206 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Grafik 5.54: Rücken-, Kreuzschmerzen in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 30 Jahre, in Prozent) 35,0 30,8 30,0 26,0 25,0 20,0 15,0 31,8 30,9 30,3 25,0 23,3 21,5 20,6 16,0 23,4 19,6 Frauen Männer Prozent 10,0 5,0 0,0 Pflichtschule Lehre BMS AHS BHS höchste abgeschlossene Bildung Hoch­ schule Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Eine der Ursachen für die stärkere Betroffenheit niedrig gebildeter Männer liegt in ihren Arbeitsbedingungen (statische Belastungen, schweres Heben, bestimmte Zwangshaltungen wie gleichzeitiges Bücken und Ver­ drehen, sich ständig wiederholende Bewegungen, Vib­ rationen, etc.). Langjährige schwere körperliche Arbeit in ungünstiger Zwangshaltung ist als Risikofaktor für bandscheibenbedingte Berufserkrankungen der Len­ denwirbelsäule anerkannt. Diskutiert werden aber zu­ nehmend auch die Auswirkungen langjähriger sitzen­ der beruflicher Tätigkeit. Unter den männlichen Erwerbstätigen sind Rücken­ schmerzen am häufigsten bei den Arbeitern. Ähnlich häufig betroffen sind aber auch Beamte. Mit nur mini­ malem Abstand folgen Facharbeiter und Selbständige. Am seltensten finden sich Rückenschmerzen bei Ange­ stellten. Unter erwerbstätigen Frauen am meisten be­ troffen sind Selbständige und Beamtinnen. Ebenso wie bei den Männern geben auch bei Frauen Angestellte am seltensten Rückenschmerzen an. Arbeiterinnen und Facharbeiterinnen nehmen eine mittlere Position ein. Insgesamt sind jedoch die Unterschiede zwischen den Berufsgruppen eher gering. Grafik 5.55: Rücken-, Kreuzschmerzen in Wien 1999 nach Berufsgruppen und Geschlecht(in Prozent) 30,0 27,6 25,0 23,3 20,0 20,5 20,6 25,7 24,0 23,1 23,2 24,0 23,4 Frauen Männer Prozent 15,0 10,0 5,0 0,0 Selbst­ ständige Angestellte BeamtInnen Fach­ arbeiterInnen sonstige ArbeiterInnen Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Stellung im Beruf CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 207 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Differenzierungen hinsichtlich des Schweregrads der Beschwerden bringen deutlichere Unterschiede zutage. Während von den Personen mit unqualifizierter beruf­ licher Position 19 Prozent über starke Schmerzen oder Beschwerden im Rücken- oder Lendenbereich(in den vergangenen zwei Wochen vor der Befragung) berich­ teten, waren es von den in Führungspositionen Tätigen lediglich 10 Prozent. 142 Die Frage, ob Rückenschmerzen in den letzten Jahr­ zehnten zugenommen haben, lässt sich aufgrund der vorliegenden Erhebungen nicht beantworten. Man könnte vermuten, dass aufgrund des technologischen Fortschritts(sieht man von einzelnen Bereichen wie et­ wa dem Pflegebereich ab) Arbeitsplätze mit andauern­ den und starken Beanspruchungen des Rückens eher seltener werden und es dadurch zu einer Verringerung von Rückenschmerzen kommt. Zeitvergleiche zeigen jedoch, dass Erwerbstätige im Vergleich zu noch vor ei­ nem Jahrzehnt vermehrt Belastungen aufgrund schwe­ rer körperlicher Arbeit angeben. 143 Dieses Ergebnis lässt sich dahingehend interpretieren, dass körperliche Belastungen(möglicherweise aufgrund des stärkeren Leistungsdrucks) heute verstärkt wahrgenommen wer­ den. Leistungen des Gesundheitssystems Rückenschmerzen spielen in der ambulanten medizini­ schen Versorgung eine bedeutende Rolle. So zeigen Er­ hebungen in Deutschland, dass bei etwa 5 Prozent aller Konsultationen von niedergelassenen ÄrztInnen Rü­ ckenschmerzen oder Beschwerden in der unteren Rü­ ckenregion das Hauptanliegen waren. Rückenbe­ schwerden stellen hier nach Husten, Schwindel und Kopfschmerzen den vierthäufigsten Grund für Arztbe­ suche dar. Zudem sind sie für über ein Viertel aller Konsultationen von Orthopäden verantwortlich. Des Weiteren verweist die EVaS-Studie auf die große Be­ deutung von Röntgenuntersuchungen und Injektionen in der orthopädischen Behandlung. 144 Im Jahr 2000 waren 3,3 Prozent der stationären Aufent­ halte der Wohnbevölkerung Wiens und 3,5 Prozent der stationären Aufenthalte der Wohnbevölkerung Öster­ reichs auf Krankheiten der Wirbelsäule und des Rü­ ckens zurückzuführen. Insgesamt waren in Wien 15.773 stationäre Aufenthalte(Männer 5.661, Frauen 10.112), im gesamten Bundesgebiet 81.846(Männer 35.344, Frauen 46.502) durch Krankheiten dieser Art bedingt. Dies entspricht in Wien bei den Männern einer rohen Rate von 740,8, bei den Frauen 1197,4 stationä­ ren Aufenthalten pro 100.000. Während in Wien die ro­ he Rate bei den Männern niedriger war als im gesamten Bundesgebiet(Österreich: 896,9 stationäre Aufenthalte pro 100.000), war sie bei den Frauen etwas höher(Ös­ terreich: 1.115,3 pro 100.000). Altersstrukturbereinigt waren jedoch auch bei den Frauen stationäre Aufent­ halte aufgrund von Krankheiten der Wirbelsäule und des Rückens in Wien seltener als im gesamten Bundes­ gebiet. Frauen wurden(gemessen an der rohen und standardisierten Rate) im Jahr 2000 häufiger als Män­ ner aufgrund von Krankheiten der Wirbelsäule und des Rückens stationär behandelt. 142 Stadt Wien(2001), Tabellenband zum Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, S. 25. 143 Stadt Wien(2002), Mikrozensus 1999, S. 58. 144 Zitiert nach Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 202. 208 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Grafik 5.56: Stationäre Aufenthalte aufgrund von Krankheiten der Wirbelsäule und des Rückens(ICD-9<720­ 724>) von in Wien wohnhaften Personen im Jahr 2000 nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten (pro 100.000) 900,0 800,0 700,0 600,0 500,0 400,0 300,0 200,0 100,0 0,0 766,2 567,4 Wien 775,2 718,2 Frauen Männer Österreich * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Sowohl in Wien als auch in Österreich sind Kranken­ hausaufenthalte aufgrund von Krankheiten der Wirbel­ säule und des Rückens im vergangenen Jahrzehnt deut­ lich gestiegen, bei den Frauen noch mehr als bei den Männern. Dieser Anstieg ist offenbar nicht nur bedingt durch die Umstellung auf LKF(siehe oben). Neben Krankenhausaufenthalten erfordern Rückenbeschwer­ den vielfach auch stationäre Heilbehandlungen(Ku­ ren). Ziele und Handlungsbedarf Im Bereich präventiver Maßnahmen ist neben der Verhaltens- vor allem die Verhältnisprävention vor­ rangig. Verhältnisprävention in der Arbeitswelt bedeu­ tet Vermeidung biomechanischer, aber auch psychoso­ zialer Risiken. Besonderes Augenmerk ist auf die Qualität der Ver­ sorgung zu richten: Zur diagnostischen Abklärung von Rückenschmerzen gibt es international anerkannte Qualitätsstandards. Um gezielte Überweisungen vor­ nehmen zu können, wird anhand von Filterfragen und -untersuchungen versucht, unter der Vielzahl akuter Rückenschmerzen die sehr seltenen Fälle herauszufin­ den, die durch spezifische und gefährliche Krankheits­ prozesse verursacht sind – wie entzündliche und bös­ artige Erkrankungen an der Wirbelsäule, Verletzungs­ folgen, bestimmte Schädigungen des Rückenmarks, oder Erkrankungen innerer Organe mit Übergriff auf die Wirbelsäule. Festgelegt wurden so genannte Warn­ signale, die eine konsequente Abklärung der Ursachen erfordern. Klinische, evidenzbasierte Leitlinien tragen wesentlich dazu bei, abwendbare gefährliche und chro­ nifizierende Verläufe rechtzeitig zu erkennen, Rönt­ genaufnahmen der Wirbelsäule(die zur Strahlenexpo­ sition beitragen und mit erheblichen Kosten verbunden sind) selektiv einzusetzen und eine Medikalisierung unkomplizierter Rückenschmerzen mit guter Spontan­ prognose zu verhindern. Chronisch invalidisierende Verläufe erfordern eine in­ tensive multimodale und funktionsorientierte Rehabi­ litation . Interdisziplinäre Rehabilitationseinrichtun­ gen mit schmerztherapeutisch weitergebildeten Ärz­ tInnen, Sozial- und ArbeitsmedizinerInnen, Physio­ und SporttherapeutInnen sowie PsychologInnen und SozialpädagogInnen können hier wichtige Dienste leis­ ten. Zielführend für die Behandlung unspezifischer Rü­ ckenschmerzen ist es, sie als eigenständige komplexe Störung zu betrachten. Dies erleichtert eine realistische Abschätzung ihres aktuellen Schweregrades, ihres Chronifizierungsstadiums und ihrer Prognose. Für Therapie und Prognose von Bedeutung ist, ob sich die Betroffenen noch„eingeschränkt gesund“ oder schon „körperlich krank“ fühlen, ob sie von ihrer Umwelt als Kranke behandelt werden und ob sie sich wie Kranke verhalten. Weltweit zeichnet sich bei akuten unspezifiCHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 209 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates schen Formen ein Trend zur Entmedikalisierung(d. h. zur Zurückhaltung bei der Verabreichung von Injektio­ nen und Medikamenten) ab. Leichtere episodische Rü­ ckenschmerzen(simple back pain) werden zunehmend als eine Variante„bedingten Gesundseins“ angesehen. Neben der Verringerung der Erwartungshaltung hin­ sichtlich medizinischer Interventionen(z. B. der Ver­ abreichung von Injektionen) geht es hier vor allem dar­ um, die Selbsteffektivität der Betroffenen zu stärken. Wichtig ist in diesen Fällen die Beruhigung und Ermu­ tigung der Betroffenen, weiter aktiv zu sein und den ge­ wohnten Beschäftigungen nachzugehen. Von Nutzen wären Forschungen , welche unter Be­ rücksichtigung volkswirtschaftlicher Parameter Ver­ sorgungsprozesse evaluativ begleiten. Regionale und internationale Vergleiche der primär- und fachärztli­ chen Behandlung und der Indikationen zum operati­ ven Eingreifen könnten wichtige Aufschlüsse liefern. Studien zeigen, dass die Raten von Wirbelsäulenopera­ tionen bei Bandscheibenvorfällen, etc. international und regional recht unterschiedlich und zum Teil unan­ gemessen sind. 210 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates 5.3.2 Rheumatoide Arthritis Zusammenfassung Die rheumatoide Arthritis ist eine rheumatisch entzündliche Erkrankung, die internationalen An­ gaben zufolge zwischen 0,5 und 1 Prozent der Be­ völkerung betrifft, Frauen häufiger als Männer. Nach Eigenangaben sind von der in Privathaushal­ ten lebenden Wiener Bevölkerung 1,5 Prozent (Männer: 0,4 Prozent; Frauen: 2,4 Prozent) von „Gelenkrheumatismus“ betroffen. Österreichweit wurde eine Prävalenz von 1,5 Prozent festgestellt (Männer: 0,9 Prozent; Frauen: 1,2 Prozent). Mit zu­ nehmendem Alter wird, vor allem bei den Frauen, Gelenkrheumatismus häufiger. Gelenkrheumatis­ mus kommt aber auch bei Kindern vor. Die Ursache für die rheumatoide Arthritis ist noch nicht vollständig geklärt. Eine Rolle dürften jedoch genetische Faktoren und autoimmunologische(ge­ gen körpereigene Gewebe gerichtete) Prozesse spielen. Typische Symptome sind nächtliche und morgendliche Schmerzen der Fingergelenke(meist symmetrisch) sowie eine über 15 Minuten anhal­ tende Morgensteifigkeit dieser Gelenke. In der Fol­ ge kommt es häufig zum Befall weiterer Gelenke, zu Gelenksverformungen und(seltener) zu Organbe­ teiligungen(Augen, Speichel- und Tränendrüsen, Haut, Herz, Lunge). Entscheidend für die Lebens­ qualität der Betroffenen ist der frühzeitige Beginn einer adäquaten Therapie. Um verspätete ArztKonsultationen zu vermeiden, bedarf es vermehr­ ter Aufklärung der Bevölkerung(ein Beispiel dafür ist etwa der„Rheumatag“ in Wien). Summary: Rheumatoid arthritis Rheumatoid arthritis is a rheumatic inflammation which according to international data affects be­ tween 0.5 and 1 percent of the population and is more frequent in women than in men. According to data supplied by respondents, 1.5 per­ cent(0.4 percent of men and 2.4 percent of women) of all persons living in private households in Vienna are affected by joint rheumatism. The prevalence for Austria as a whole is 1.5 percent(men: 0.9 per­ cent, women: 1.2 percent). With the onset of old age, joint rheumatism occurs more frequently, above all in women; however, joint rheumatism is also diagnosed in children. The causes of rheumatoid arthritis are not yet en­ tirely clear. However, it is believed that genetic fac­ tors and auto-immunological processes(= processes directed against endogenous tissue)are an impor­ tant factor. Typical symptoms include nocturnal and matutinal pains in the finger joints(usually symmetrically) as well as matutinal stiffness of these joints for a period exceeding 15 minutes. In due course, other joints are affected as well, joints be­ come deformed, and(this occurs more rarely) or­ gans may be involved, too(eyes, salivary and lac­ rimal glands, skin, heart, lungs). A decisive factor for the quality of life of these patients is the early admin­ istration of adequate therapy. The population needs to be informed in depth in order to avoid the belated consultation of a specialist(an example of such an activity is the Viennese“Rheumatism Day”). Einleitung Bei der rheumatoiden Arthritis handelt es sich um die häufigste entzündlich-rheumatische Erkrankung. Sie manifestiert sich vor allem(jedoch nicht ausschließ­ lich) an den Gelenken, und zwar bevorzugt an den klei­ nen peripheren Gelenken etwa der Hände und Vorfüße, kann aber auch innere Organe, Augen und Haut befal­ len. Ursache(n) und Entstehung der rheumatoiden Arthri­ tis sind nicht endgültig geklärt. Vermutet wird, dass ein exogenes Antigen bei genetisch vordisponierten Perso­ nen zu einer chronifizierenden Entzündung führt. Ty­ pisch für die rheumatoide Arthritis sind Gelenkschmer­ zen in der Nacht und am Morgen, Morgensteifigkeit der Gelenke(mehr als 15 Minuten), Schwellung der Gelenke (vor allem der Fingergrund- und Fingermittelgelenke), allgemeines Krankheitsgefühl, Müdigkeit und ErschöpCHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 211 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates fung. Im Frühstadium sind meist nur wenige Gelenke betroffen. Nach einer gewissen Zeit entwickelt sich fast immer eine so genannte Polyarthritis , d. h. eine Ent­ zündung vieler großer und kleiner Gelenke des Körpers mit häufigem Befall der Hand- und Fingergelenke. Fast nie betroffen ist(mit Ausnahme des Kopf-Halsgelenks) die Wirbelsäule. Im weiteren Krankheitsverlauf kann es zu typischen Veränderungen der Gelenke kommen: Abrutschen der Finger nach außen, Schwanenhalsde­ formität(Abknicken des letzten Fingerglieds nach un­ ten), Knopflochdeformität(Nachobentreten des Finger­ knöchels), Rheumaknoten(Wachsen von gummiarti­ gen Knoten an den Streckseiten der Gelenke). Aber nicht nur Gelenke, sondern auch Lunge, Herz, Augen, Mund, Haut können betroffen sein. Diagnose Für die Diagnose der rheumatoiden Arthritis bedarf es mehrerer Befunde. Zur Vereinheitlichung der Diagnose hat das American College of Rheumatology(ACR) be­ reits 1987 folgende Diagnosekriterien aufgestellt: ● Morgensteifigkeit der Gelenke(mindestens eine Stunde dauernd und über einen Zeitraum von län­ ger als sechs Wochen) ● Arthritis mit tastbarer Schwellung in drei oder mehr Gelenkregionen(länger als sechs Wochen) ● Arthritis an Hand- oder Fingergelenken(länger als sechs Wochen) ● Symmetrische Arthritis(gleichzeitig, beidseits der­ selben Gelenkregion; länger als sechs Wochen) ● Rheumaknoten ● Rheumafaktornachweis im Blut 145 ● Typische Röntgenveränderungen(gelenknahe Os­ teoporose und/oder Erosionen) Von diesen sieben Kriterien für die Diagnose einer rheu­ matoiden Arthritis müssen mindestens vier erfüllt sein. Verbreitung Internationalen Studien zufolge wird für Erwachsene eine Prävalenz für die rheumatoide Arthritis von 0,5 bis 1 Prozent angegeben. In einer Stichprobe von Ver­ sicherten der AOK Dortmund fand sich in den Jahren 1988–1990 eine Prävalenz von maximal 0,8 Prozent. 146 Frauen erkranken häufiger als Männer an rheumatoi­ der Arthritis, und zwar im Verhältnis 3:1. Zum Teil tritt die Krankheit bei Frauen im Zuge hormoneller Umstellungen auf. Rheumatoide Arthritis kann in je­ dem Lebensalter, sogar im Kleinkindalter, auftreten. Im Mikrozensus 1999 gaben von der in Privathaushal­ ten lebenden Wiener Bevölkerung 1,5 Prozent(Män­ ner: 0,4 Prozent; Frauen: 2,4 Prozent)„Gelenkrheuma­ tismus“ an. Österreichweit ergab sich eine Prävalenz von 1,5 Prozent(Männer: 0,9 Prozent; Frauen: 1,2 Pro­ zent). Da es sich hier um Eigenangaben der Befragten und nicht um ärztlich validierte Diagnosen handelt (wobei mit dem Begriff„Gelenkrheumatismus“ unter­ schiedliche Vorstellungen verknüpft sein können), sind Umfrageergebnisse mit gewisser Vorsicht zu be­ handeln. Frauen sind häufiger als Männer von Gelenkrheumatis­ mus betroffen. Während bei den Männern in Wien die Prävalenz von Gelenkrheumatismus niedriger ist als im gesamten Bundesgebiet, sind Frauen in Wien doppelt so häufig von Gelenkrheumatismus betroffen als der Durchschnitt der österreichischen Frauen. Mit zunehmendem Alter wird, vor allem bei den Frau­ en, Gelenkrheumatismus häufiger. Gelenkrheumatis­ mus kommt aber auch bei Kindern(insbesondere je­ nen weiblichen Geschlechts) vor. 145 Allerdings ist der Rheumafaktor nur bei ca. 80 Prozent der PatientInnen mit rheumatoider Arthritis nachweisbar und kann auch bei einigen anderen Krankheiten ebenso wie bei Gesunden vorliegen. 146 IHLE, HARTLAPP(1996); zitiert nach RASPE(2000), S. 461. 212 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Grafik 5.57: Gelenkrheumatismus in der in Privathaushalten lebenden Wiener Bevölkerung 1999 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) 6,0 Männer 5,0 5,1 4,8 Frauen Frauen gesamt Männer gesamt 4,0 Prozent 3,0 2,7 2,0 1,6 1,0 0,0 0,0 0–14 0,9 0,0 15–29 1,3 0,6 0,4 30–44 45–59 Alter(Jahre) 1,0 60–74 1,3 75+ Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Differenziert nach dem Bildungsniveau sind Personen mit mittlerer Bildung(berufsbildende mittlere Schule) sowie Personen mit Pflichtschule oder Lehre als höchstem Bildungsabschluss am meisten von Gelenkrheu­ matismus betroffen. Bei den Frauen ist die Krankheit in allen Bildungsschichten häufiger als bei den Männern. Grafik 5.58: Gelenkrheumatismus in der in Privathaushalten lebenden Wiener Bevölkerung 1999 nach Bildung und Geschlecht(Personen ab 30 Jahre, in Prozent) Prozent 5,0 4,5 4,0 3,5 3,2 3,0 2,5 2,0 1,5 1,0 0,7 0,5 0,0 Pflichtschule 4,7 3,1 1,8 0,9 1,8 1,3 0,4 0,0 Lehre BMS AHS BHS höchste abgeschlossene Bildung 1,6 0,2 Hoch­ schule Männer Frauen Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. In den letzten vier Wochen vor der Befragung führte ner und 0,8 Prozent der Frauen zur Unterbrechung der Gelenkrheumatismus in Wien bei 0,2 Prozent der Män- gewohnten Tätigkeit bzw. zu Bettlägrigkeit. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 213 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Prävention und Behandlung der rheuma­ toiden Arthritis Prävention scheint bei der rheumatoiden Arthritis we­ nig aussichtsreich. Enorme Fortschritte in der Entwick­ lung neuerer, zielgerichteter Therapien erlauben es heute, viele der unterschiedlichen rheumatischen Er­ krankungen, so auch die rheumatoide Arthritis, sehr gut zu therapieren. Ausschlaggebend für das Schicksal des Patienten sind eine frühe und richtige Diagnose so­ wie eine konsequente Frühtherapie unter fachärztlicher Betreuung. Untersuchungen zeigen, dass rund ein Viertel der Betroffenen wegen ihrer rheumatischen Be­ schwerden noch nie beim Arzt waren. Etwa ein weiteres Viertel ließ mehr als ein Jahr bis zum ersten Arztbesuch verstreichen. Eine verspätete Arzt-Konsultation kann bei einer Reihe rheumatischer Erkrankungen sehr ge­ fährlich werden. An den Gelenken entstandene Schä­ den lassen sich meist nicht wieder beheben. 147 Die konsequente Frühbehandlung hat wesentlichen Anteil am bestehenden Trend zum leichteren Verlauf der Krankheit. Je früher mit einer konsequenten(medi­ kamentösen, gelegentlich auch chirurgischen) Behand­ lung begonnen wird, desto eher lassen sich Erwerbsfä­ higkeit und Unabhängigkeit von der Hilfe anderer er­ halten. Den Betroffenen bleiben so unnötige Schmer­ zen und„maligne“ Verläufe mit früher Bettlägrigkeit oder Bindung an den Rollstuhl erspart. Neben verschie­ denen therapeutischen Möglichkeiten(etwa im Bereich der Schmerztherapie) tragen vor allem auch die heuti­ gen chirurgischen Möglichkeiten des Gelenkersatzes zu dieser Verbesserung bei. Lebensgefährliche Formen von Rheuma mit Beteiligung innerer Organe oder mit der allmählichen Zerstörung von entzündeten Gelen­ ken lassen sich durch frühe Behandlung meist verhin­ dern oder zumindest erheblich verzögern. neben medikamentösen, chirurgischen, physio- und ergotherapeutischen auch pflegerische, pädagogische, psychologische und sozialmedizinische Aspekte um­ fasst, sind auch Krankenpflegepersonal, Sozialarbeite­ rInnen, PsychologInnen und PädagogInnen einzube­ ziehen. Adäquate Hilfsmittel können wesentlich dazu beitragen, dass Tätigkeiten des täglichen Lebens selbst bei schwerer Krankheit noch ausgeführt werden kön­ nen und die Selbständigkeit erhalten bleibt. Zwar kommen auch gutartige Verläufe der rheumatoi­ den Arthritis vor, in der Regel ist diese Krankheit je­ doch durch einen allmählich fortschreitenden Verlauf gekennzeichnet. In Fällen, in denen keine Heilung möglich ist, zielt die Behandlung auf die Stabilisierung des Zustands der Kranken, die Linderung der Schmer­ zen, die(präventive) Verlangsamung des Fortschrei­ tens der Krankheit sowie die medizinische, berufliche und soziale Rehabilitation. Mit den heutigen Medika­ menten kann man zwar bei der Mehrzahl der PatientIn­ nen den Verlauf bremsen und Entzündungen und Schmerzen über lange Zeit gut kontrollieren, trotzdem besteht ein gewisses Risiko für Invalidität. Bei Patien­ tInnen mit schweren Verläufen ist außerdem mit ver­ kürzter Lebenserwartung zu rechnen. Studien in Deutschland 148 zeigen, dass die von Primär­ ärztInnen(AllgemeinmedizinerInnen) betreuten Rheumakranken nur selten(in 15 Prozent) mit einer aktiven Physiotherapie behandelt werden. Hingegen beträgt der Anteil bei den fachrheumatologisch behan­ delten PatientInnen etwa 80 Prozent. Rheumakranke sind bei speziell ausgebildeten FachärztInnen am bes­ ten aufgehoben. Wichtig ist, dass der Zugang zu diesen SpezialistInnen sichergestellt ist. Selbsthilfegruppen, wie die Österreichische Rheumaliga, können hier bera­ tend unterstützen. Die rheumatoide Arthritis ist eine multifokale Erkran­ kung, immer„brennt“ es zugleich an mehreren Stellen (im körperlichen, sozialen und/oder psychischen Be­ reich). Die Therapie von PatientInnen mit rheumatoi­ der Arthritis erfordert große Erfahrung. Wichtig ist vor allem die Zusammenarbeit verschiedener Professionen (internistisch ausgebildete RheumatologInnen, Ortho­ pädInnen, KrankengymnastikerInnen, Ergotherapeu­ tInnen) im interdisziplinären Team. Da die Therapie Handlungsbedarf Um die Idealforderungen an die Früherkennung und Therapie rheumatischer Erkrankungen zu erfüllen, be­ darf es der ● Aufklärung der Bevölkerung , bei rheumatischen Erkrankungen so früh wie möglich einen Arzt bzw. eine Ärztin aufzusuchen. Rheuma wird häufig ver­ 147 Zitiert nach„Aktuelle Presseinformation, Statement von Prim. Univ.-Doz. Dr. Attila DUNKY“. 148 IHLE, HARTLAPP(1996). 214 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates harmlost, was zu verspäteten Arzt-Konsultationen führt. Bei vielen rheumatischen Erkrankungen han­ delt es sich jedoch um sehr ernste, zum Teil lebens­ bedrohende Erkrankungen(meist Autoimmun­ erkrankungen). Ein Schritt in Richtung Aufklärung ist der so genannte„Rheumatag“ in Wien, wo ent­ sprechende Informationen über die Krankheit und Behandlungsmöglichkeiten geboten werden. ● Eine bedarfs- und zielorientierte, multiprofessi­ onelle, integrierte Versorgung hat im Fall der rheumatoiden Arthritis besonderes Gewicht. Vor­ rangig sind entsprechende Versorgungsstrukturen (Rheumatologen, Krankenhausbetten und Rheuma­ zentren). In Österreich ist die Rheumatologie eine noch relativ junge Fachrichtung(sie besteht hier erst seit den frühen 90er Jahren). International wird eine vorläufige Anhaltszahl von einem Rheu­ matologen/einer Rheumatologin pro 150.000 Ein­ wohnerInnen vorgegeben. Eine unzureichende fachärztliche Versorgung kann dazu führen, dass PatientInnen mit rheumatischen Erkrankungen nicht oder nur ungenügend behandelt werden und so Schmerzen oder Nebeneffekte ihrer Krankheit, die vielleicht vermeidbar wären, erdulden müssen. Wien hat im Vergleich zum ländlichen Raum si­ cherlich Vorteile, sowohl was die Rheumazentren, die fachärztliche Betreuung als auch die ergothera­ peutische, psychologische, pädagogische und sozi­ ale Versorgung der Kranken betrifft. Rehabilitati­ ons- und sozialmedizinische Beratungsangebote sind in der ambulanten rheumatologischen Versor­ gung ebenso wichtig wie Angebote der strukturier­ ten PatientInnenschulung. In Deutschland sind re­ gionale Rheumazentren zu einem wichtigen Ele­ ment in der Versorgung von PatientInnen mit rheumatoider Arthritis geworden; sie ergänzen und koordinieren dort die defizitäre fachärztliche Ver­ sorgung dieser Kranken. ● Die Versorgungsqualität lässt sich durch Quali­ tätssicherung (wie Indikationskataloge für Über­ weisungen, diagnostische bzw. therapeutische Leit­ linien, Qualitätszirkel, Audit-Systeme, Anhalts­ punkte für die Zusammenarbeit, regionale Vernet­ zung von Einrichtungen) und Evaluation der Qualitätssicherungsmaßnahmen optimieren. Dabei zu berücksichtigen sind die Grundsätze und Me­ thoden der„evidenzbasierten Medizin“. Vielfach sind Hausärzte und Hausärztinnen die ersten An­ sprechpartnerInnen, welche die Verantwortung für die Basisdiagnostik und die Weiterleitung zu Spezi­ alistInnen bzw. Spezialeinrichtungen tragen. ● Eine besondere Herausforderung ergibt sich auf­ grund der in mehreren Ländern nachgewiesenen Tatsache, dass sozial schlechter gestellte Kranke schwerere Krankheitsverläufe zeigen. ● Um einer Verschlechterung des Krankheitsbildes im Erwachsenenalter vorzubeugen, müssen chroni­ sche Krankheiten im Kindesalter besonders sorg­ fältig behandelt werden. Um ein möglichst norma­ les und beschwerdefreies Leben führen zu können, müssen die Kinder(abgesehen von der Behandlung der Symptome) lernen, mit ihrer Krankheit richtig umzugehen. Das Österreichische Jugendrotkreuz (ÖJRK) veranstaltet jedes Jahr in den Sommerferi­ en Therapiecamps für rheumakranke Kinder und Jugendliche. Schwerpunkte der Rheuma-Therapie­ ferien sind Physio- und Ergotherapie. Daneben gibt es jede Menge Tipps und Tricks, die helfen, die Ge­ lenke zu schonen und den Alltag zu erleichtern. Ak­ tive Freizeitgestaltung mit persönlichkeitsbilden­ den Spielen hilft den Kindern, ihr Selbstvertrauen zu stärken und blockierte Fähigkeiten zu aktivie­ ren. Das Gemeinschaftsgefühl unter Gleichaltrigen mit demselben Handicap wirkt zusätzlich heilend. Es gibt verschiedene Institutionen , die sich mit den Fragen der Behandlung und Versorgung Rheumakran­ ker beschäftigen: Die Österreichische Gesellschaft für Rheumatologie(ÖGR) ist eine wissenschaftliche Verei­ nigung von ÄrztInnen, die mit den praktischen und theoretischen Aspekten der Rheumatologie befasst sind. Für Anfragen von PatientInnen und Interessier­ ten steht die Österreichische Rheumaliga zur Verfü­ gung. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 215 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates 5.3.3 Arthrose Zusammenfassung Arthrosen gehören zu den häufigsten und kostenintensivsten chronischen Krankheiten von Er­ wachsenen, insbesondere im höheren Lebensalter. Es handelt sich dabei um degenerative Gelenks­ erkrankungen . Vorkommen und Häufigkeit von Arthrose lassen sich aus repräsentativen Untersu­ chungen nur annähernd schätzen. Schmerzen an Gliedmaßen und Gelenken sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Im Wiener Ge­ sundheits- und Sozialsurvey haben von der Bevöl­ kerung ab 16 Jahren 19,8 Prozent der Männer und 28,9 Prozent der Frauen angegeben, in den beiden Wochen vor der Befragung Schmerzen an Armen, Händen, Beinen, Knien, Hüften oder Gelenken ver­ spürt zu haben. Auch wenn daraus keine Angaben zur Prävalenz von Arthrosen abgeleitet werden können, zeigt sich, dass Abnützungserscheinungen von Gliedmaßen und Gelenken mit zunehmendem Alter an Bedeutung gewinnen. Gelenksschmerzen sind außerdem in unteren Einkommensschichten häufiger als in höheren. Arthrose hat insofern große volkswirtschaftliche Bedeutung, als sie eine der führenden Krankheits­ gruppen bei den Krankenstandstagen, Frühpensio­ nierungen, Rehabilitationsmaßnahmen und Kran­ kenhausbehandlungen ist. Gelenkserkrankungen zählen neben Rückenbeschwerden, Herzerkran­ kungen und psychischen Erkrankungen zu den Hauptursachen von Frühpensionierungen. Im Jahr 2000 waren 17,5 Prozent der durch Krank­ heiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindege­ webes verursachten stationären Aufenthalte der Wohnbevölkerung Wiens durch Arthrosen be­ dingt. Insgesamt wurden von der Wohnbevölke­ rung Wiens 8.055 PatientInnen(2.400 Männer, 5.655 Frauen) aufgrund von Arthrose stationär be­ handelt. Die standardisierte Rate stationärer Aufenthalte mit dieser Hauptdiagnose zeigt eine steigende Ten­ denz. Summary: Arthrosis Arthroses – which are degenerative joint diseases – are amongst the most frequent and cost-intensive chronic diseases in adults, in particular in ad­ vanced age. The prevalence and frequency of ar­ throses may only be estimated on the basis of repre­ sentative evaluations. Pains in the limbs and joints are widespread amongst the population. The Vienna Health and Social Survey revealed that 19.8 percent of men and 28.9 percent of women aged over 16 reported pains in the arms, hands, legs, knees, hips or joints in the two weeks preceding the survey. Even if this does not permit any conclusions regarding the preva­ lence of arthroses, it is evident that attrition effects in the limbs and joints play an ever greater role with the onset of age. Moreover, arthritic pains oc­ cur more frequently in lower than in higher income strata. The economic effects of arthrosis are massive, as this is one of the leading groups of diseases causing sick-leaves, cases of early retirement, rehabilitation measures, and hospital therapies. In addition to backache, heart disease, and mental disorders, de­ generative joint diseases are amongst the main causes of early retirement. In 2000, 17.5 percent of all inpatient hospital stays of Viennese residents attributable to diseases of the skeleton, muscles and connective tissue were caused by arthroses. All in all, 8,055 patients(2,400 men, 5,655 women) living in Vienna were administered inpatient therapy because of arthroses. The standardised rate of inpatient hospital stays due to this primary diagnosis presents an upward trend. 216 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Einleitung Arthrosen(genauer Osteoarthrosen) gehören zu den häufigsten und kostenintensivsten chronischen Krankheiten von Erwachsenen(vor allem) höheren Lebensalters. Es handelt sich dabei um degenerative Gelenkserkrankungen, d. h. um eine mechanische Ab­ nutzung des Gelenkknorpels und der gelenkbildenden Binde- und Stützgewebe, wodurch sich der darunter liegende Knochen und die Gelenkkapsel verändern. Da Abbauerscheinungen im Bereich der Gelenke auch zum natürlichen Alterungsprozess gehören, lassen sich Arthrosekrankheit und Alterungserscheinungen schwer voneinander abgrenzen. Die Arthrose verläuft schubweise, zwischen den Beschwerden( aktivierte bzw. dekompensierte Form der Arthrose) gibt es im­ mer wieder relativ beschwerdefreie Zeiten( stumme bzw. kompensierte Arthrose). Die Krankheit ist im allgemeinen fortschreitend und nicht heilbar. Sie macht sich vor allem durch Gelenksschmerzen, die auch ohne Belastung auftreten, und ei­ ne Einschränkung der Beweglichkeit bemerkbar. Im weiteren Verlauf kann es zu zunehmender körperlicher Funktionseinschränkung und sogar zu Behinderung kommen. Auftretende Ruheschmerzen führen häufig zu Durchschlafstörungen. Grundsätzlich kann jedes Gelenk von einer Arthrose betroffen sein. Wegen der hohen mechanischen Belas­ tung sind jedoch vor allem die großen Gelenke der Bei­ ne(Hüft- und Kniegelenke) und die Wirbelsäule am meisten gefährdet. Relativ häufig sind auch Arthrosen der Fingergelenke. Wenn Hüft-, Knie- und Fingerge­ lenke betroffen sind, spricht man von einer generali­ sierten Arthrose . Unterschieden werden primäre und sekundäre Krank­ heitsformen. Bei den primären Formen ist die Krank­ heitsursache nicht bekannt, vermutet wird unter ande­ rem eine genetische Veranlagung. Neben den großen Gelenken der Arme und Beine sind vor allem die Fin­ gergelenke betroffen. Die sekundären Arthrosen ent­ stehen meist im Anschluss an eine mechanische Ge­ lenkschädigung, z. B. nach Unfällen, Knochenbrüchen oder extremer körperlicher beruflicher Belastung(z. B. bei Landwirten, Berg- und Bauarbeitern). Auch bei übergewichtigen Personen mit erhöhter mechanischer Gelenkbelastung, sowie bei Achsfehlstellungen der Bei­ ne und angeborenen Fehlbildungen kann es zu einer Arthrose kommen. Bei Kindern treten Arthrosen so gut wie nie auf. Bei Ju­ gendlichen und jungen Erwachsenen sind sie eher sel­ ten und wenn, dann nur sekundär nach vorübergehen­ der Gelenkschädigung(z. B. nach einer Sportverlet­ zung). Im höheren Lebensalter sind sie jedoch sehr häufig. Die Diagnose orientiert sich zunächst an den typischen Beschwerden der Betroffenen und an der körperlichen Untersuchung, welche in der Regel durch eine Rönt­ genuntersuchung gesichert wird. Oft haben Betroffene im Röntgen arthrosklerotische Veränderungen, jedoch keine Beschwerden(„stumme“ Arthrose). Therapie: Die Krankheit wird zunächst mit Medika­ menten gegen die Schmerzen sowie mit Physiotherapie bzw. Krankengymnastik behandelt. Mit Fortschreiten der Krankheit sind Krankenhausaufenthalte für inten­ sive rehabilitative Maßnahmen oder eine Operation notwendig. Operative Verfahren reichen von der Ge­ lenkspiegelung(Arthroskopie) bis zum künstlichen Gelenkersatz. Die Arthrose ist der bei weitem häufigste Grund für Gelenkersatzoperationen der Hüft- und Kniegelenke. Neue Ansatzpunkte liefert möglicherwei­ se der biologische Knorpelersatz bzw. die Anregung des Knorpelwachstums. Risikofaktoren Ursache der Arthrose ist wahrscheinlich eine mechani­ sche Überlastung der Gelenkteile. Gesicherte Risikofak­ toren sind: Alter, Übergewicht, Gelenkfehlstellung, vo­ rangegangene entzündliche Gelenkserkrankung, Ge­ lenkknorpelverkalkung, wiederholte(meist beruflich bedingte), körperliche Belastung. Wahrscheinlich spie­ len auch Gelenkinstabilität, Überbeanspruchung und Vererbung(generalisierte Osteoarthrose) eine Rolle. Vermutet wird, dass Arthrose auch durch sportliches Laufen, Erhöhung der Harnsäure sowie bei Frauen durch frühe Entfernung der Gebärmutter und durch Hormoneinnahme nach der Menopause verursacht werden kann. Als Ursache gelten auch Gelenkverletzungen. Menis­ kus- und Bänderverletzungen im Bereich des Kniege­ lenks sowie gelenknahe Knochenbrüche führen häufig CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 217 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates später zu einer Arthrose. Dies gilt auch für die wieder­ holte einseitige Belastung bestimmter Gelenke bei be­ stimmten Berufsgruppen. Landwirte, Bergbauarbeiter und ähnliche Berufsgruppen haben im Vergleich zu körperlich wenig belastenden Berufen ein deutlich er­ höhtes Erkrankungsrisiko für Arthrose an Hüften und Knien. Viele Risikofaktoren lassen sich vermeiden bzw. mil­ dern, wenn sie rechtzeitig erkannt werden, so dass das Auftreten einer sekundären Arthrose zumindest zeit­ lich verzögert werden kann. Verbreitung Vorkommen und Häufigkeit von Arthrose lassen sich aufgrund repräsentativer Untersuchungen nur annä­ herungsweise schätzen. Angaben aufgrund von Befra­ gungen sind von eingeschränkter Aussagefähigkeit, da die Diagnose der Arthrose grundsätzlich durch bildgebende Verfahren(Röntgen) gesichert werden muss. Schmerzen an Gliedmaßen und Gelenken sind in der Bevölkerung relativ stark verbreitet. Nach Angaben in Deutschland machen Arthrosen mindestens 40 Pro­ zent aller Gelenkleiden aus. 149 Im Wiener Gesund­ heits- und Sozialsurvey 2001 haben von der Bevölke­ rung ab 16 Jahren 19,8 Prozent der Männer und 28,9 Prozent der Frauen angegeben, in den beiden Wochen vor der Befragung Schmerzen an Armen, Händen, Bei­ nen, Knien, Hüften oder Gelenken verspürt zu haben. Auch wenn daraus keine Angaben zur Prävalenz von Arthrosen abgeleitet werden können, zeigt sich hier deutlich, dass Abnützungserscheinungen an Gliedma­ ßen und Gelenken mit zunehmendem Alter an Bedeu­ tung gewinnen. Auch sind sie in unteren Einkom­ mensschichten häufiger. Grafik 5.59: Schmerzen an Armen, Händen, Beinen, Knien, Hüften oder Gelenken in Wien in den zwei Wochen vor der Befragung 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(Personen ab 16 Jahren, nur Privathaus­ halte, in Prozent) 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 13,1 10,0 8,9 35,4 22,9 13,3 16,0 44,8 31,0 54,2 44,2 Männer Frauen Frauen gesamt Männer gesamt Prozent 0,0 16–24 25–44 45–59 Alter(Jahre) 60–74 75+ Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Die Angaben zur Prävalenz von Arthrosen in anderen Ländern hängen unter anderem von den jeweiligen, den Erhebungen zugrundeliegenden Krankheitskriteri­ en(Beschwerden und/oder Diagnose aufgrund von Röntgen) ab. Repräsentative Erhebungen, bei denen ei­ ne Diagnosesicherung durch Röntgenbilder vorgenom­ men wurde, existieren zur Zeit nur in wenigen Ländern (wie Großbritannien, Schweden, Niederlande, USA). In zwei US-amerikanischen Surveys wurde festgestellt, dass etwa ein Drittel der US-Bevölkerung zwischen 25 und 74 Jahren röntgenologische arthrosetypische Ver­ änderungen an mindestens einem Gelenk hatte. 150 149 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 195. 150 LAWRENCE et al.(1989). 218 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Aufgrund repräsentativer, im Rahmen von Gesund­ heitssurveys zwischen 1990 und 1992 durchgeführter Untersuchungen wird geschätzt, dass in Deutschland etwa 6 Prozent der Bevölkerung(das sind etwa 5 Milli­ onen Menschen) unter arthrosebedingten Beschwer­ den leiden, und zwar Frauen häufiger als Männer. Die Zahl der Betroffenen steigt deutlich mit zunehmendem Alter. 151 Unter der Annahme, dass das alters- und ge­ schlechtsspezifische Vorkommen der Arthrose in Zu­ kunft gleich bleibt, wird in Deutschland aufgrund der sich verändernden Altersstruktur der Bevölkerung bis zum Jahr 2010 mit einer Zunahme der Zahl der von manifester Arthrose Betroffenen um 15 Prozent ge­ rechnet. Stationäre Aufenthalte Arthrose hat insofern große volkswirtschaftliche Be­ deutung als sie eine der führenden Krankheitsgruppen bei den Krankenstandstagen, Frühpensionierungen, Rehabilitationsmaßnahmen und Krankenhausbehand­ lungen darstellt. Gelenkserkrankungen zählen neben Rückenbeschwerden, Herzerkrankungen und psychi­ schen Erkrankungen zu den Hauptursachen von Früh­ pensionierungen. 152 Mit einem Anteil von 1,7 Prozent(Wien) bzw. 1,9 Pro­ zent(Österreich) an allen stationären Aufenthalten der jeweiligen Wohnbevölkerung gehören Arthrosen zu den federführenden Einzeldiagnosen. Im Jahr 2000 wa­ ren 17,5 Prozent der durch Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes verursachten stati­ onären Aufenthalte der Wohnbevölkerung Wiens durch Arthrosen bedingt. Insgesamt wurden 8.055 Pa­ tientInnen(2.400 Männer, 5.655 Frauen) aufgrund von Arthrose stationär behandelt. Für die Wohnbevölke­ rung Österreichs wurden 44.151 stationäre Aufenthalte (Männer 15.601, Frauen 28.550) mit dieser Hauptdiag­ nose registriert. In vielen Fällen ist der stationäre Auf­ enthalt mit einem operativen Eingriff verbunden. Die durchschnittliche Verweildauer betrug im Jahr 2000 bei dieser Diagnose in den österreichischen Kranken­ anstalten 16,8 Tage(Männer 16,0, Frauen 17,3 Tage). Aufgrund der stärkeren Betroffenheit der Frauen sind bei ihnen Krankenhausaufenthalte aufgrund von Arth­ rose häufiger als bei Männern. Für die Wiener Bevölke­ rung wurden im Jahr 2000 pro 100.000 314,1 stationäre Aufenthalte von Männern und 669,6 von Frauen mit dieser Hauptdiagnose verzeichnet(rohe Rate). Die standardisierte Rate stationärer Aufenthalte der Frau­ en aufgrund von Arthrose war um mehr als die Hälfte (57,1 Prozent) höher als jene der Männer. Für die Wohnbevölkerung Österreichs war die rohe Ra­ te stationärer Aufenthalte aufgrund von Arthrosen bei beiden Geschlechtern etwas höher als in Wien(Männer 395,9, Frauen 684,8 stationäre Aufenthalte pro 100.000). Auch die altersstrukturbereinigten Werte be­ stätigen diesen Trend. Die für das gesamte Bundesge­ biet höheren Werte sind möglicherweise durch Unter­ schiede in der Berufsstruktur zu erklären. Im letzten Jahrzehnt ist die standardisierte Rate stationärer Auf­ enthalte deutlich gestiegen. 151 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 195. 152 Zitiert nach Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 194. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 219 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Grafik 5.60: Stationäre Aufenthalte aufgrund von Arthrose(ICD-9<715>) von in Wien und in Österreich wohnhaften Personen im Jahr 2000 nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten (pro 100.000) 450,0 400,0 350,0 300,0 250,0 200,0 150,0 100,0 50,0 0,0 Wien Frauen Männer Österreich * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Die weiblichen Arthrose-Patienten sind durchwegs älter als die männlichen. Während von den männlichen Patienten etwa ein Viertel ein Lebensalter von 75 und mehr Jahren aufwies, waren es von den weiblichen nahezu 40 Prozent. 27,7 Prozent der Patienten aber nur 19,1 Prozent der Patientinnen waren zwischen 55 und 64 Jahre alt. Grafik 5.61: Stationäre Aufenthalte von den in Wien wohnhaften Personen aufgrund von Arthrose (ICD-9/BMAGS<715>) im Jahr 2000 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) Männer 0,1% 4,4% 21,4% 0,3% 1,0% 4,2% 13,1% 27,8% 27,7% 0–14 15–24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ Frauen 0,2% 0,0% 6,3% 0,7% 2,0% 8,5% 32,7% 19,1% 30,5% Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung ist auch hierzulande mit einer Zunahme der Arthrose-Kranken zu rechnen. Allerdings haben sich die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten in den letzten Jahren ent­ scheidend weiterentwickelt. Auch präventive Maßnah­ men sind teilweise möglich. 220 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Folgen für die Betroffenen Die Lebensqualität der von Arthrose Betroffen wird durch Schmerzen und Funktionseinschränkungen er­ heblich beeinträchtigt. Insbesondere im höheren Alter ist die Fähigkeit zur unabhängigen Lebensführung ge­ fährdet. Bis vor wenigen Jahrzehnten musste man bei Arthrosen an den Beinen mit eingeschränkter Mobilität rechnen, zumindest war man auf einen Gehstock ange­ wiesen. Abnützungsschäden an Schulter, Hand- und Fingergelenken sind zwar weniger sichtbar, beein­ trächtigen aber ebenfalls die notwendigen(vor allem schwereren) täglichen Verrichtungen. Die Funktions­ behinderung eines Gelenkes kann zwar teilweise durch veränderte Bewegungsmuster beim Greifen und Laufen ausgeglichen werden, führt aber meist zu unnatürlicher Belastung anderer Gelenke, was neue Gelenkleiden nach sich ziehen kann. Der Rückgang augenfälliger Erkrankungsbilder ist zum einen auf die heute vorhandenen technischen Hilfsmit­ tel zurückzuführen, zum anderen auf die Weiterent­ wicklung der medizinischen Behandlungs- und Reha­ bilitationsverfahren. Einen entscheidenden Durch­ bruch für die Schmerzbekämpfung und den Funktions­ erhalt von Hüft- und Kniegelenk hat der künstliche Gelenkersatz gebracht. Nach Daten des schwedischen Hüft-Endoprothesen-Registers ist der Grund für einen Hüftgelenksersatz bei 78 Prozent eine primäre Arthro­ se, bei 11 Prozent eine sekundäre Arthrose nach Unfall bzw. Verletzung und bei 7 Prozent ein entzündlich rheumatisches Gelenkleiden. 153 Die operativen Therapiemöglichkeiten führen jedoch nicht selten zu neuen Krankheitsarten, die im wesentli­ chen Folgezustände der operativen Behandlungen sind. Darunter sind etwa schwer behandelbare Infektionen oder Prothesenlockerungen, die weitere Operationen (Wechsel der künstlichen Gelenkprothesen) nach sich ziehen. Eine regelmäßige Nachsorge, verbunden mit zeitgemäßem Qualitätsmanagement, um Komplikatio­ nen und beeinflussbare Risikofaktoren(Prothesende­ sign, Operationstechniken) herauszufinden, sind hier besonders bedeutsam. Degenerative Gelenkserkrankungen an sich verursa­ chen keine Todesfälle. Allerdings können Todesfälle als Behandlungsfolge auftreten, etwa infolge Komplikatio­ nen nach Operationen oder aufgrund von Medika­ mentnebenwirkungen. Nach Operationen zur Implan­ tation eines künstlichen Hüftgelenkersatzes sterben (laut schwedischem Register) in den ersten 30 Tagen etwa 1 Prozent der Operierten, bei den Hochbetagten steigt dieses Risiko auf 8 Prozent. Arthrosen sind, wie Erhebungen in Deutschland zei­ gen, zusammen mit anderen, zum Teil verwandten Er­ krankungen des Muskel- und Skelettsystems in der di­ agnosebezogenen Rehabilitationsstatistik und in der ambulanten Versorgung führend. Knie, Bein-, Hand-, Finger- und Schulterbeschwerden fanden sich unter den 20 häufigsten Hauptanliegen für einen Arztbesuch. In gut einem Viertel wurden Orthopäden aufgesucht. Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Binde­ gewebes waren mit 14 Prozent aller Arztkontakte die führende Krankheitsgruppe. Kostentragend sind des Weiteren die erforderlichen Heil- und Hilfsmittel, Krankengymnastik und Massagen sowie Sachleistun­ gen wie z. B. Schuhanpassungen und Gehstöcke. 154 Prävention Arthrose ist kein schicksalhaftes Leiden. Faktoren, die als Auslöser der Arthrose gelten(z. B. Übergewicht) lassen sich beeinflussen. Prävention bei der primären Arthrose besteht im Erkennen und Vermeiden eines Missverhältnisses zwischen mechanischer Belastbar­ keit eines Gelenks und tatsächlicher Belastung. Sekun­ däre Arthrosen lassen sich durch Vermeidung von Ge­ lenkverletzungen, von Übergewicht sowie durch Ver­ minderung von berufsbedingten, sich wiederholenden Gelenkbelastungen durch ergonomische Maßnahmen verhindern. Gelenkschutz am Arbeitsplatz bedeutet Er­ kennen gelenkschädigender Einflüsse und ergono­ misch sinnvolle Arbeitsplatzgestaltung unter Einbezie­ hung arbeitsmedizinischer Expertise. Dies kann durch die Ausbildung und den Einsatz arbeitsmedizinisch ge­ schulter KrankengymnastikerInnen(entsprechend den skandinavischen ArbeitsphysiotherapeutInnen) unter­ stützt werden. Auch die Vorstufen zu Gelenkschäden (Präarthrosen) sind behandlungsbedürftig. Dazu gehören die operati­ ve Behandlung einer Verletzung(z. B. Meniskusscha153 MALCHAU et al.(1993). 154 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 97. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 221 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates den), die konservative oder operative Behandlung einer beginnenden Arthrose, die Ultraschallreihenuntersu­ chung der Hüften neugeborener Kinder oder die Be­ handlung von Stoffwechselstörungen. halt der unabhängigen Lebensführung der älteren Menschen bei. Mit einem Verhaltens- und Trainings­ programm können Beschwerden reduziert und eine Leistungssteigerung erzielt werden. Eine bereits bestehende Arthrose ist bislang nicht heil­ bar. Ein Screening gilt insofern als problematisch, als Röntgenuntersuchungen erforderlich sind. Eingriffe unter Zuhilfenahme von Gelenksspiegelungen(Arthro­ skopien) lassen sich an vielen Gelenken erfolgreich durchführen. Diese sind als so genannte minimal-inva­ sive Verfahren auch bei älteren Menschen meist nur mit einem kurzen Krankenhausaufenthalt verbunden. Neue Verfahren lassen für die Zukunft auf Alternativen zum künstlichen Gelenkersatz hoffen. Ein weiteres Hauptaugenmerk gilt der Prävention der körperlichen und sozialen Konsequenzen der Arth­ rose. Die optimierte Behandlung und die am Ergebnis orientierte Rehabilitation trägt entscheidend zum Er­ Die Arthrose gehört zu den bedeutendsten Krankheiten unserer Zeit. Infolge der sich verschiebenden Alters­ struktur ist künftig mit einer weiteren Zunahme der Betroffenen zu rechnen, was eine steigende Zahl an Operationen nach sich ziehen wird. Aufgrund des Feh­ lens epidemiologischer Daten können bislang jedoch keine gesicherten Angaben über die Prävalenz der Ar­ throsekrankheit und deren Folgen gemacht werden. Untersuchungen zur Verbreitung der Arthrose sind ebenso wie Angaben zu den Behandlungsergebnissen dringend erforderlich. Prothesenregister, wie sie in den skandinavischen Ländern existieren, ermöglichen eine Verlaufskontrolle und bilden die Grundlage für ein mo­ dernes, ergebnisorientiertes Qualitätsmanagement in diesem Bereich. 222 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates 5.3.4 Osteoporose Zusammenfassung Osteoporose beruht auf einer Verringerung der Knochenmasse und-festigkeit, die durch ein Missverhältnis zwischen Knochenaufbau und-ab­ bau entsteht. Diese führt zu einer Reduktion der mechanischen Belastbarkeit der Knochen, wodurch es leicht zu Knochenbrüchen und-verformungen kommen kann. Zu unterscheiden sind primäre und sekundäre Formen der Osteoporose. Die wichtig­ sten Formen sind die postklimakterische und die Altersosteoporose. Zur Zeit gibt es für Wien(und Österreich) keine gesicherten Angaben zur Präva­ lenz der verschiedenen Formen von Osteoporose. Nach vorgenommener Schätzung wurden im Jahr 2000 für die Wohnbevölkerung Wiens ab 50 Jahre 11.611 stationäre Aufenthalte(Männer 2.253, Frau­ en 9.358) aufgrund von Osteoporose verzeichnet. Besonders gravierend für die Betroffenen sind die durch die verringerte Knochendichte hervorgerufe­ nen Oberschenkelhalsbrüche , die(im Gegensatz zu anderen osteoporosebedingten Frakturen) fast ausschließlich im Krankenhaus behandelt werden. Im Jahr 2000 war knapp ein Drittel der osteoporose­ bedingten Krankenhausaufenthalte der Wohn­ bevölkerung Wiens auf Oberschenkelhalsbrüche zurückzuführen. Obwohl Osteoporose weitgehend als Frauenkrankheit gilt, bleiben auch Männer nicht davon verschont: Je ein Fünftel der in der Wiener Bevölkerung ab 50 Jahre auf Osteoporose und Ober­ schenkelhalsbrüche zurückzuführenden stationä­ ren Aufenthalte betraf Männer. Die aufgrund von Osteoporose erforderlichen sta­ tionären Aufenthalte zeigen bei der 50-jährigen und älteren Wohnbevölkerung Wiens eine stark steigende Tendenz. Auffallend ist, dass stationäre Aufenthalte aufgrund von Oberschenkelhalsfrak­ turen in dieser Altersgruppe bei den Männern seit 1990(ausgehend von einem niedrigeren Niveau) deutlicher als bei den Frauen gestiegen sind. Im Gegensatz zu den steigenden stationären Aufent­ halten aufgrund von Oberschenkelhalsfrakturen ist jedoch die Mortalität aufgrund solcher Frakturen (zumindest bei den Frauen) rückläufig. Summary: Osteoporosis Osteoporosis results from a reduction of the bone mass and bone strength, which is the consequence of an imbalance between bone formation and bone destruction. This entails a reduction in the ability of the bones to withstand mechanic stress, which may easily lead to fractures and bone deformations. A distinction must be made between primary and sec­ ondary types of osteoporosis. The most important types are post-climacteric osteoporosis and geriatric osteoporosis. At the moment, there are no totally re­ liable data regarding the prevalence of the different forms of osteoporosis available for Vienna(and Austria). According to an estimate conducted for 2000, 11,611 inpatient hospital stays related to osteoporo­ sis were recorded in Vienna for patients aged over 50(2,253 stays of men, 9,358 stays of women). A particularly grave factor for patients are femoral neck fractures caused by reduced bone density; contrary to other fractures resulting from oste­ oporosis, these are practically always treated in hospital. In 2000, slightly under one third of oste­ oporosis-related hospital stays of Viennese resi­ dents were due to femoral neck fractures. Although osteoporosis is largely considered a“women’s dis­ ease”, men are also affected: one fifth of inpatient hospital stays related to osteoporosis and femoral neck fractures of Viennese residents over 50 con­ cerned men. For Viennese residents aged 50 and above, the in­ patient hospital stays necessitated by osteoporosis are increasing dramatically. It is striking that inpa­ tient hospital stays due to femoral neck fractures in this age group have increased more noticeably in men than in women since 1990(starting at a lower rate). Contrary to the increasing number of inpa­ tient hospital stays due to femoral neck fractures, however, mortality rates due to such fractures are decreasing(at least in women). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 223 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Einleitung Die Osteoporose beruht auf einer Verringerung der Knochenmasse und-festigkeit. Dadurch reduziert sich die mechanische Belastbarkeit der Knochen, wodurch es leicht zu Knochenbrüchen und-verformungen kom­ men kann. Nach der Skelettreife wird das Knochengewebe regel­ mäßig auf- und abgebaut. Die Geschwindigkeit dieses Prozesses, des so genannten Knochenumsatzes, verän­ dert sich im Laufe des Lebens. Je schneller der Kno­ chenumsatz, desto rascher verringert sich die Kno­ chenmasse. Vor allem bei Menschen in der zweiten Le­ benshälfte ist(bedingt durch die hormonellen Umstel­ lungen) die Bilanz des Umbauprozesses mehr oder weniger stark negativ. Zu unterscheiden sind primäre und sekundäre For­ men der Osteoporose. Im Vordergrund steht hier die so genannte Involutions-Osteoporose, eine Form der durch das Altern bedingten Rückbildung. Diese wird in einen Typ I(postmenopausal) und Typ II(im hö­ heren Alter) unterteilt, beide sind jedoch nicht scharf zu trennen. Bei vergleichsweise jüngeren Menschen (Typ I) treten vermehrt Wirbelsäulenbrüche auf, bei älteren Menschen(Typ II) vor allem Oberschenkel­ halsbrüche. Da früher entsprechende diagnostische Möglichkeiten fehlten, beinhaltete der Osteoporosebegriff ursprüng­ lich eine bereits eingetretene Fraktur(Bruch). Mit Ver­ fügbarkeit der Knochendichtemessung wurde die Defi­ nition erweitert. Es wurden Grenzwerte für die„nor­ male“ Knochendichte festgelegt, die sich auf die Dich­ teverteilung bei Gesunden stützen. Die WHO unter­ scheidet zwischen Osteopenie(niedrige Knochenmas­ se), Osteoporose und manifester Osteoporose. Nach den Richtlinien der WHO liegt bei Frauen Osteoporose vor, wenn die Knochendichte mehr als 2,5 Standardabwei­ chungen unterhalb des Normwertes gesunder junger erwachsener Frauen liegt. 155 Eine schwere bzw. klinisch manifeste Osteoporose liegt vor, wenn die Knochen­ dichte mehr als 2,5 Standardabweichungen unterhalb des Normwertes liegt und bereits Frakturen eingetreten sind. Für Männer wurden bislang keine entsprechen­ den Werte definiert. Das osteoporosebedingte Frakturrisiko lässt sich an­ hand der Knochendichte bzw. des Knochenmineralge­ halts bestimmen. Viele Menschen mit verminderter Knochendichte erleiden lebenslang keinen Knochen­ bruch. Sinkt der Wert der Knochendichte um eine Standardabweichung unter den Mittelwert gesunder junger Frauen, so erhöht sich das Frakturrisiko um das 1,5- bis 3-fache, sinkt er um zwei Standardabweichun­ gen, so beträgt das Frakturrisiko bei Frauen in der Me­ nopause 60 Prozent. Beschwerden treten erst aufgrund von Knochenbrü­ chen auf. Diese betreffen vorwiegend die Wirbelsäule, Arme(Unterarm) und Beine. Im Vordergrund stehen dabei akute oder chronische Schmerzzustände mit un­ terschiedlich ausgeprägten Bewegungseinschränkun­ gen. Eine schwere und besonders bei alten Menschen häufige Folge des Knochenschwundes sind Oberschen­ kelhalsbrüche. Auslöser sind oft einfache Stürze(z. B. in der Wohnung), zum Teil handelt es sich um so ge­ nannte Fragilitätsfrakturen. Vor allem im hohen Alter führen Oberschenkelhalsbrüche häufig zu Pflegebe­ dürftigkeit. Auch die Sterblichkeit der Betroffenen ist erhöht. Ursachen und Risikofaktoren Das Entstehen von Osteoporose und damit das Risiko von Frakturen wird von körpereigenen Vorgängen be­ einflusst, die anlage- oder alterungsbedingt sind. Zu­ sätzlich gibt es eine Reihe anderer Risikofaktoren. Das Risiko an Osteoporose zu erkranken, steigt mit dem Alter. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Bei Frauen ist die Ursache für die primäre Osteoporose vor allem die Menopause(infolge des Wegfalls der kno­ chenschützenden Östrogene). Die bei den Männern verantwortlichen Faktoren sind noch weitgehend uner­ forscht. Diskutiert werden ähnliche Risikofaktoren wie für Frauen. Bei Männern ist die sekundäre Osteoporo­ se, die meist durch Erkrankungen oder Therapien be­ dingt ist, häufiger. Weitere Risikofaktoren bei Frauen sind eine an sich niedrige Knochendichte, die Hormonsituation(früher Eintritt der Menopause), helle Hautfarbe, eine familiä­ re Disposition(durch Osteoporose bedingte Frakturen der Eltern), Bewegungsarmut, ungünstige Ernährung 155 WHO(1994), Technical Report 843, Tabelle 1; zitiert nach PREISINGER(2000), S. 224 ff. 224 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates (z. B. niedrige Kalzium- und Vitamin-D-Zufuhr), Rau­ chen, übermäßiger Alkoholkonsum, einige Medika­ mente(wie Kortison), Fehlbildungen, graziler Körper­ bau bzw. geringes Körpergewicht und eine frühere Fraktur aufgrund von Osteoporose. Vor allem bei hüft­ gelenksnahen Frakturen, die vorwiegend durch Stürze im hohen Alter verursacht sind, sind zusätzliche Fakto­ ren wie reduzierte Balancefähigkeit, verringerte Mus­ kelkraft, Beeinträchtigung des Sehvermögens, Inaktivi­ tät, körperliche Beeinträchtigung(z. B. nicht alleine vom Sessel aufstehen zu können), vorangegangene Knochenbrüche, Sensibilitätsstörungen, schlechter All­ gemeinzustand und hohe Ruheherzfrequenz mitbetei­ ligt. Die Rüstigkeit der Betroffenen wirkt sich nicht nur auf das Sturzrisiko, sondern auch auf den Sturz- und Heilungsverlauf aus. Verbreitung Zur Zeit gibt es für Wien(und Österreich) keine gesi­ cherten Angaben zur Häufigkeit der verschiedenen Formen von Osteoporose. Nach US-amerikanischen Studien weisen 54 Prozent aller menopausalen Frauen eine Osteopenie und 30 Prozent eine Osteoporose auf. Etwa 20 Prozent der an Osteoporose erkrankten Perso­ nen sind Männer. 156 Da die Verringerung der Knochen­ masse allein noch keine Beschwerden verursacht, sind viele Betroffene nicht in ärztlicher Behandlung. Relativ vollständig erfasst werden lediglich Personen mit hüft­ gelenksnahen Frakturen, da diese fast ausschließlich im Krankenhaus behandelt werden müssen. Dies gilt jedoch nicht für andere Arten von Knochenbrüchen wie z. B. am Unterarm oder an der Wirbelsäule. Vor al­ lem von Wirbelfrakturen Betroffene gehen häufig nicht zum Arzt. Oft werden solche Brüche erst später zufällig entdeckt. Schätzung der stationären Behandlungsfälle Die Zahl der jährlich aufgrund von Osteoporose not­ wendigen stationären Behandlungsfälle lässt sich nur näherungsweise angeben. Eine Schätzung deutscher Experten stützt sich auf folgende Diagnosen der ICD-9: 733, 737, 805, 808, 812, 813, 820, 821, 823. 157 Diese Diagnosen bzw. Frakturen sind jedoch meist nur zum Teil auf Osteoporose zurückzuführen. So zeigte sich in der Europäischen vertebralen(= die Wirbel be­ treffenden) Osteoporosestudie(EVOS), dass für Wir­ belkörperdeformitäten(unspezifische Verformungen der Wirbelkörper) neben Osteoporose(vor allem bei Männern) auch andere degenerative Prozesse(frühere Unfälle oder Erkrankungen im Jugendalter) als Ursa­ chen in Frage kommen. Und zwar lässt sich dies da­ durch belegen, dass nur bei den Frauen der Anteil der Betroffenen deutlich mit dem Alter steigt, nicht jedoch bei den Männern. Außerdem zeigt sich eine hohe Prä­ valenz in den jüngeren Altersgruppen. Auch bei Frauen sind nicht alle Wirbelkörperdeformitäten auf Osteopo­ rose zurückzuführen. 158 Da die von den deutschen Experten herangezogenen Diagnosen vor allem bei jüngeren Personen kaum oder nur in seltenen Fällen auf Osteoporose zurückzuführen sind, werden im Folgenden lediglich Personen ab ei­ nem Lebensalter von 50 Jahren in die Analyse einbezo­ gen. Bei den Ergebnissen ist im Auge zu behalten, dass selbst bei älteren Personen nicht immer Osteoporose im Spiel sein muss. Es handelt sich hier(wie betont) nur um eine vage Schätzung. Für die oben angeführten Diagnosen wurden für die 50­ jährige und ältere Wohnbevölkerung Wiens im Jahr 2000 11.611 stationäre Aufenthalte(Männer 2.253, Frauen 9.358) verzeichnet. Insgesamt waren dies be­ achtliche 2,4 Prozent der stationären Aufenthalte der Wohnbevölkerung Wiens. Die Diagnose Oberschenkel­ halsbruch lag 3.522 dieser Aufenthalte(Männer 756, Frauen 2.766) zugrunde. Obwohl Osteoporose weitge­ hend als Frauenkrankheit gilt, betraf jeweils etwa ein Fünftel der geschätzten stationären Aufenthalte auf­ grund von Osteoporose und aufgrund von Oberschen­ kelhalsfrakturen Männer. 159 156 Zitiert nach PREISINGER(2000), S. 226. 157 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 206. Bei den einbezogenen Diagnosen handelt es sich um sonstige Affektionen der Kno­ chen und Knorpel(733), Wirbelsäulenverbiegungen(darunter fällt auch die Haltungskypnose der Jugendlichen)(737), Fraktur der Wir­ belsäule ohne Angabe einer Rückenmarksschädigung(805), Beckenbruch(808), Fraktur des Oberarmknochens(812), Fraktur der Speiche und Elle(813), Oberschenkelhalsbrüche(820), Fraktur sonstiger nicht näher bezeichneter Teile des Femur(Oberschenkelkno­ chen)(821), Fraktur des Schienbeinknochens und des Wadenbeins(823). 158 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 206. 159 Vgl. dazu u. a. auch PERIS et al.(1996); zitiert nach Stadt Wien(1999), Wiener Männergesundheitsbericht. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 225 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Insgesamt kam es in Wien unter der Bevölkerung ab 50 Jahren pro 100.000 zu geschätzten 968,8 stationären Aufenthalten von Männern und 2.935,0 von Frauen aufgrund von Osteoporose, sowie zu 325,1 stationären Aufenthalten von Männern und 867,5 von Frauen auf­ grund von Oberschenkelhalsbrüchen(rohe Rate). 160 Altersstrukturbereinigt ist der Abstand zwischen den Geschlechtern, vor allem bei den Oberschenkelhals­ frakturen, geringer: Die standardisierte Rate der statio­ nären Aufenthalte aufgrund von Osteoporose und de­ ren Folgen war im Jahr 2000 in der Wiener Bevölkerung ab 50 Jahren bei den Frauen mehr als doppelt so hoch als bei den Männern. Bei den Oberschenkelhalsbrü­ chen hatten Frauen eine um etwas mehr als die Hälfte (55,1 Prozent) höhere standardisierte Rate stationärer Aufenthalte als Männer. 161 Bezogen auf die 50-Jährigen und Älteren hatte die Wohnbevölkerung Wiens im Jahr 2000(gemessen an der rohen und standardisierten Rate) häufiger statio­ näre Aufenthalte aufgrund von Osteoporose und Ober­ schenkelhalsbrüchen als die Wohnbevölkerung Öster­ reichs. Bei den Männern sind die Unterschiede zwi­ schen Wien und Österreich geringer als bei den Frauen. Die aufgrund von Osteoporose und Oberschenkelhals­ frakturen erforderlichen stationären Aufenthalte zei­ gen eine stark steigende Tendenz, wobei die standardi­ sierte Rate bei den Oberschenkelhalsfrakturen in der Altersgruppe der 50-Jährigen und Älteren bei den Män­ nern(ausgehend von einem niedrigeren Niveau) deut­ licher stieg als bei den Frauen. Seit Einführung des Verrechnungssystems der leis­ tungsorientierten Krankenhausfinanzierung sind je­ doch stationäre Aufenthalte aufgrund von Osteoporose noch mehr gestiegen als vorher. Bei den Oberschenkel­ halsfrakturen ist dies weniger offensichtlich. Interes­ santerweise waren die standardisierten Raten der stati­ onären Aufenthalte aufgrund von Oberschenkelhals­ frakturen bei den Männern in Österreich und bei den Frauen in Wien(nach einem Anstieg zwischen 1990 und 1995) zwischen 1995 und 2000 sogar der Tendenz nach rückläufig. 162 160 In Österreich betrug die rohe Rate stationärer Aufenthalte aufgrund von Osteoporose bei den Männern 878,9, bei den Frauen 2209,1 pro 100.000, aufgrund von Oberschenkelhalsbrüchen bei den Männern 266,0, bei den Frauen 710,2 pro 100.000. 161 Die Verringerung des Abstands zwischen den Geschlechtern aufgrund der Standardisierung ist folgendermaßen zu erklären: Osteopo­ rose und insbesondere Oberschenkelhalsfrakturen treten vor allem bei älteren Menschen zutage, unter anderem aufgrund ihres höheren Durchschnittsalters vermehrt bei Frauen. Schaltet man mittels Standardisierung den unterschiedlichen Altersaufbau der Geschlechter aus, so verringert sich naturgemäß der Geschlechtsunterschied. 162 Ob und inwieweit dieses Ergebnis als Hinweis darauf zu werten ist, dass schwere Formen der Osteoporose aufgrund vermehrter Präven­ tion und verbesserter Therapie zum Teil rückläufig sind, lässt sich ohne weitere Analyse nicht beantworten. 226 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Grafik 5.62: Stationäre Aufenthalte von in Wien und Österreich wohnhaften Personen ab 50 Jahre aufgrund von Osteoporose und deren Folgen(ICD-9/BMAGS<733, 737, 805, 808, 812, 813, 820, 821, 823>) und hüftgelenksnahen Frakturen(ICD-9/BMAGS<820>) 1990, 1995, 2000 nach Geschlecht (standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 2500,0 Männer ab 50 J. 2000,0 1500,0 1000,0 500,0 0,0 709,5 595,5 231,4 203,5 1990 777,3 716,2 267,7 243,8 1995 934,5 856,9 299,3 247,3 2000 Wien/Osteoporose Österreich/Osteoporose Wien/hüftgelenks­ nahe Frakturen Österreich/hüftgelenks­ nahe Frakturen 2500,0 2000,0 1500,0 1000,0 500,0 0,0 Frauen ab 50 J. 2189,4 1336,4 1133,7 413,1 350,4 1990 1573,4 1320,9 475,5 398,3 1995 1612,6 464,2 412,6 2000 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Aufgrund der Expertenschätzung in Deutschland zeigte sich, dass rund 90 Prozent der jährlich wegen Osteopo­ rose bzw. deren Folgen notwendigen stationären Be­ handlungsfälle wegen einer Fraktur erfolgten. Am häu­ figsten waren hüftgelenksnahe Frakturen und Fraktu­ ren am Unterarm. Hüftgelenksnahe Frakturen waren bei den Männern für 38 Prozent, bei den Frauen für 46 Prozent der wegen Osteoporose erforderlichen statio­ nären Aufenthalte verantwortlich. In Wien war im Jahr 2000 bei den Männern ein Drittel(33,6 Prozent), bei den Frauen etwas weniger als ein Drittel(29,6 Prozent) der stationären Aufenthalte aufgrund von Osteoporose auf hüftgelenksnahe Frakturen zurückzuführen. Das Risiko von 50-jährigen Frauen, bis zum Tod eine hüftgelenksnahe Fraktur zu erleiden, wird in Deutsch­ land auf 18 Prozent geschätzt, für eine Wirbelkörper­ fraktur und eine Unterarmfraktur auf je ca. 16 Prozent und für alle Frakturen zusammen auf ca. 40 Prozent. Für die Männer beträgt das Risiko einer hüftgelenksna­ hen Fraktur ca. 6 Prozent, für eine Wirbelkörperfraktur ca. 5 Prozent, für eine Unterarmfraktur ca. 3 Prozent und für alle Frakturen zusammen ca. 13 Prozent. 163 Die Altersgliederung der aufgrund von Oberschenkel­ halsfrakturen im Jahr 2000 stationär behandelten Wie­ nerinnen und Wiener bestätigt, dass es sich hier um ei­ ne Diagnose handelt, die vor allem ältere Menschen be­ trifft. Hochaltrige Frauen erleiden überaus häufig das Schicksal einer solchen Fraktur. Über die Hälfte der stationär wegen eines Oberschenkelhalsbruches aufge­ nommenen Wiener(51,9 Prozent) und mehr als 80 Prozent der Wienerinnen(81,3 Prozent) waren 75 Jah­ re oder älter. 163 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 206. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 227 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Grafik 5.63: Stationäre Aufenthalte aufgrund hüftgelenksnaher Frakturen(ICD-9/BMAGS<820>) von in Wien wohnhaften Personen nach Alter und Geschlecht(in Prozent) Männer 1,1% 0,9% 24,7% 2,0% 3,8% 8,6% 13,3% 27,2% 18,4% Frauen 0–14 15–24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ 0,1% 0,1% 43,2% 0,1% 0,4% 1,7% 4,5% 11,7% 38,1% Quelle: Statistik Austria. Die Zahl der Spitalsaufenthalte aufgrund von Ober­ schenkelhalsbrüchen nimmt im höheren Alter deutlich zu. Während im Jahr 2000 in Wien für die 60- bis 74­ jährigen Männer eine rohe Rate von 313,9 stationären Aufenthalten aufgrund von Oberschenkelhalsbrüchen zu verzeichnen war, waren es bei den 75- bis 84-jähri­ gen bereits 794,8 und bei den 85-jährigen und älteren Männern 2.487,5(pro 100.000) Fälle. Bei den Frauen ist der Anstieg noch deutlicher: Für die 65- bis 74-jährigen Frauen waren pro 100.000 480,7 Fälle zu verzeichnen, für die 75- bis 84-jährigen 1.663,0 und für die 85-Jähri­ gen und älteren 4.483,1. Der steile Anstieg der Häufig­ keit osteoporosebedingter Frakturen mit dem Alter wird auch anhand von Untersuchungen in anderen Ländern deutlich. Allerdings ist das Inzidenzrisiko für die einzelnen osteoporosebedingten Frakturen je nach Lebensalter verschieden. Unterarmfrakturen zeigen die höchste Inzidenz um das 50., Wirbelkörperfrakturen um das 60. und hüftgelenksnahe Frakturen um das 70. Lebensjahr. 164 Mortalität Von der Bevölkerung ab 50 Jahre sind in Wien im Jahr 2001 insgesamt 78 Personen(36 Männer, 43 Frauen) aufgrund hüftgelenksnaher Frakturen gestorben. Das entspricht bei den Männern 15,4 und bei den Frauen 13,2 Verstorbenen(pro 100.000). Österreichweit waren 308 Sterbefälle(99 Männer, 209 Frauen) mit dieser Di­ agnose zu verzeichnen. Dies entspricht bei den Män­ nern 8,3, bei den Frauen 13,9 Verstorbenen(pro 100.000). Wenngleich sowohl in Wien als auch in Ös­ terreich mehr Frauen als Männer aufgrund hüftge­ lenksnaher Frakturen sterben, so ist die Sterblichkeit der Männer an hüftgelenksnahen Frakturen in Wien (aufgrund der rohen und altersstrukturbereinigten Ra­ te) und in Österreich(aufgrund der altersstandardi­ sierten Rate) höher als jene der Frauen. Während stationäre Aufenthalte aufgrund hüftgelenks­ naher Frakturen im letzten Jahrzehnt gestiegen sind, haben(mit Ausnahme bei den Männern in Wien) hüft­ gelenksnahe Frakturen als Todesursache an Bedeutung verloren. In Wien war bei den Frauen der Rückgang der Sterblichkeit nicht so kontinuierlich wie im gesamten Bundesgebiet. Bei den Männern war bis 1990 die Mor­ talität rückläufig, von 1990 auf 1995 ist die Sterblichkeit jedoch wieder gestiegen und scheint sich nunmehr bei einem Wert von etwa 12,7 Sterbefällen pro 100.000 ein­ zupendeln. 164 LIPPINCOTT, WILKINS(1999). 228 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Grafik 5.64: Sterblichkeit von Personen ab 50 Jahren aufgrund hüftgelenksnaher Frakturen(ICD-9<820>) in Wien und Österreich seit 1980(5-Jahresabstände) nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 35,0 30,0 29,0 25,0 20,8 20,022,0 19,6 15,0 10,0 5,0 0,0 1980 27,4 21,7 17,0 9,6 1985 16,9 13,6 11,4 7,5 1990 Wien/Männer Österreich/Männer Österreich/Frauen Wien/Frauen 13,1 12,2 9,9 8,1 1995 13,4 12,7 8,1 6,8 6,7 7,3 6,3 5,6 2000 2001 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Die Verringerung der Sterblichkeit an hüftgelenksna­ hen Frakturen vor allem bei den Frauen ist unter ande­ rem den verstärkten Rehabilitationsbemühungen zu­ zuschreiben. Bei den Männern erhöht sich mit der zu­ nehmenden Lebenserwartung das Risiko von Ober­ schenkelhalsfrakturen. 165 Das höhere Alter wirkt sich zudem negativ auf den Verlauf der Erkrankung aus – ein Aspekt, dem im Rahmen der Männergesundheit Beachtung zukommen sollte. Folgen Die langzeitigen Folgen von Wirbelkörper- und hüftge­ lenksnahen Frakturen sind nicht nur volkswirtschaft­ lich bedeutsam, sondern beeinträchtigen auch die Le­ bensqualität der Betroffenen. Sie führen zu lang andau­ ernden Schmerzen und schränken die Beweglichkeit ein. Auch die Sterblichkeit ist, insbesondere bei hüftge­ lenksnahen Frakturen, erhöht. Allerdings ist der allge­ meine Gesundheitszustand bei der Mehrzahl der Be­ troffenen aufgrund anderer Erkrankungen bereits vor der Fraktur unbefriedigend. Hüftgelenksnahe Fraktu­ ren führen häufig zu Immobilisation, zum Verlust der Selbständigkeit und zu Pflegebedürftigkeit. Ein Teil der von hüftgelenksnahen Frakturen Betroffenen hat be­ reits vorher in einem Pflegeheim gewohnt. Ein Teil der PatientInnen kommt nach der Krankenhausentlassung in ein Pflegeheim. 166 Prävention, Früherkennung und Therapie Die primäre Prävention der Osteoporose sollte bereits in der frühen Jugend beginnen. Bewegung, gewichtsbe­ lastende körperliche Aktivität, sportliche Betätigung, ausgewogene, kalzium- und Vitamin-D-reiche Ernäh­ rung, Vermeidung von Nikotin, übermäßigem Kaffeeund Alkoholgenuss, Kochsalz und tierischem Eiweiß tragen zum Knochenaufbau bei und wirken sich später positiv auf die Knochendichte aus. Präventive Maßnah­ men dieser Art sind auch im Alter bedeutsam. Bei Frauen während und nach der Menopause können Kalzium- und Vitamin-D-Substitution, ebenso wie die Hormonersatztherapie den Knochenabbauprozess gün­ stig beeinflussen. Letztere erhöht jedoch das Risiko für andere Erkrankungen(wie Brustkrebs, Thrombosen). Daher ist es besonders wichtig, dass ein individuelles Therapiekonzept(z. B. unter Rückgriff auf natürliche Substanzen) erarbeitet und verordnet wird. 165 EU(1988), zitiert nach Stadt Wien(1999), Wiener Männergesundheitsbericht, S. 212. 166 Vgl. dazu Stadt Wien(1997), Wiener Seniorengesundheitsbericht, S. 103 ff. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 229 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates Durch gezielte Diagnostik und frühzeitige Behand­ lung entsprechender Risikogruppen mit Medikamen­ ten, Bewegungstraining, Empfehlung regelmäßiger Spaziergänge(wobei sich Sonnenlicht positiv aus­ wirkt), gesunde, kalziumreiche und Vitamin-D-reiche Ernährung, etc. können die Folgen von Osteoporose ge­ mildert und Kosten eingespart werden. Vor allem bei älteren Menschen kommt dem frühzeitigen Erkennen und Vorbeugen einer Fallneigung(z. B. durch ein Anti­ sturztraining) große Bedeutung zu. Die Therapie der klinisch-manifesten Osteoporose hat drei Ziele: ● Schmerzlinderung ● Verbesserung der Knochenfestigkeit ● Verbesserung der für die Bewältigung des Alltags erforderlichen Leistungsfähigkeit Das in Zusammenarbeit zwischen der Stadt Wien und dem Institut Sicher Leben seit 1996 in Wien laufende Unfallverhütungsprojekt für SeniorInnen „Sicher gehen über 60“ zielt auf jene älteren Menschen, die häu­ fig schwerwiegende Unfälle im Heim- und Freizeitbe­ reich erleiden. Mittels Informationsmaßnahmen sollen sowohl die SeniorInnen selbst als auch die betreuenden Personen(z. B. Heimhilfen, Angehörige) zu mehr Si­ cherheitsdenken motiviert werden. Die beiden Schwer­ punkte sind einerseits die Beseitigung von„Stolperfal­ len“ in der eigenen Wohnung, und andererseits die Förderung der Beweglichkeit und Motilität. Einrichtungen und Leistungen Erforderlich sind medizinische und nicht-medizinische Leistungsangebote. Je nach Schmerzintensität sind unterschiedliche thera­ peutische Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, darun­ ter Methoden der physikalischen Medizin, wie Elektro­ stimulation, Thermotherapie, Massage, Miederversor­ gung, Übungs- oder Trainingstherapie sowie der Ein­ satz von Medikamenten. Zur Verbesserung der Knochenstärke bzw. zur Reduktion der Frakturen ste­ hen neben der Hormonersatztherapie verschiedene an­ dere Möglichkeiten(Gabe von Kalzium- und VitaminD-Präparaten) zur Verfügung. Die medikamentöse Therapie kann durch ein„gewichtsbelastendes“ medi­ zinisches Übungs- oder Trainingsprogramm zur Ver­ meidung des Knochenabbaus unterstützt werden. Rehabilitation spielt bei osteoporosebedingten Frak­ turen, vor allem bei Oberschenkelhalsfrakturen, eine wichtige Rolle. Um bei Frakturen die Leistungsfähig­ keit zu erhalten bzw. zu verbessern, ist eine frühe Re­ mobilisierung besonders bedeutsam. Diese kann, z. B. nach Wirbelkörperfrakturen, durch eine kurzzeitige Miederversorgung unterstützt werden. Ein regelmäßi­ ges, medizinisch kontrolliertes Training zur Verbesse­ rung bzw. zum Erhalt des Körperbewusstseins, der Muskelkraft- und der Balance- und Koordinierungsfä­ higkeit hilft, das Sturz- und das Frakturrisiko beim äl­ teren Menschen zu reduzieren. Die Angst vor einem er­ neuten Sturz, die Ungeschicklichkeit verstärkt, lässt sich durch Übungen und Training, aber auch durch Be­ ratung über Sturzvermeidung(Beseitigung von Sturz­ fallen in der Wohnung, Visuskontrolle, etc.), und ver­ schiedene Hilfsmittel(z. B. Geh-Hilfen- oder Hüftpro­ tektorenversorgung) verringern. Zu den medizinischen Einrichtungen und Leistun­ gen , die in Wien zum Teil bereits bestehen, gehören Spezialambulanzen mit dem Schwerpunkt„Osteopo­ rose“. Für die Rehabilitation von PatientInnen mit osteopo­ rosebedingten Frakturen(insbesondere Schenkelhals­ frakturen) sind spezielle Einrichtungen, wie geriatri­ sche Rehabilitationskliniken, Tageskliniken oder am­ bulante multidisziplinäre Rehabilitationsteams, erfor­ derlich. Das Rehabilitationsteam umfasst ÄrztInnen, Pflegepersonal, Physio- und ErgotherapeutInnen, psy­ chologische Betreuung, Wohnungsberatung, etc. Für die Behandlung von Schenkelhalsfrakturen gibt es Qua­ litätssicherungsprogramme; Qualitätskontrollen sind auch für die Betreuung im ambulanten Bereich erfor­ derlich. Eine wichtige Rolle bei der Betreuung spielen nicht­ medizinische Einrichtungen , wie z. B. Selbsthilfe­ gruppen. Sie informieren die Bevölkerung und die be­ reits Betroffenen über die Krankheit, über medizini­ sche Einrichtungen, über präventive Maßnahmen, etc. und bieten Kontaktaufnahme und Informationsaus­ tausch mit Betroffenen. Zusätzlich sind flächendeckend nicht-medizinische, in ihrer gesundheitsfördernden Qualität kontrollierte Ein­ richtungen(wie Trainingszentren, Fitness- und Well­ nessbetriebe, Gymnastikgruppen,„Gesundheitsküchen“ in Restaurants, etc.) gefordert. Das Wiener Gesund­ heitsförderungsprogramm beinhaltet unter anderem 230 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten des Bewegungsapparates wichtige Aktivitäten in Bezug auf Osteoporose, was z. B. Ernährung, Bewegung und Rauchen betrifft. Gesundheitspolitische Überlegungen Mit der zu erwartenden demographischen Entwicklung und insbesondere mit der Zunahme des Anteils der Hochaltrigen, die am häufigsten von Osteoporose be­ troffen sind, rechnet die Europäische Union mit einem jährlichen Anstieg der Oberschenkelhalsfrakturen zwi­ schen 0,5 und 3 Prozent; gleichzeitig wird sich laut Europäischer Union der Abstand zwischen Männern und Frauen verringern. 167 Unter Berücksichtigung der Empfehlungen der Europäischen Union scheinen folgende Maßnahmen be­ deutsam: ● Eine umfassende Aufklärung der Bevölkerung (Gesundheitserziehung in den Schulen, Informati­ onskampagnen, Veranstaltungen zum Thema wie z. B. die„Osteoporosetage“) kann das Bewusstsein der Bevölkerung für Osteoporose schulen und zu­ mindest einen Teil zu einer Umstellung der Lebens­ gewohnheiten(in Bezug auf Ernährung, Training, Verzicht auf so genannte Genussmittel, Erkennen von Risikofaktoren) bewegen. Ein flächendeckendes Angebot von Einrichtungen zur Gesundheitsförderung, geschultes Personal in Trainings- und Fit­ nessbetrieben, Ernährungsberatung, gesundheitso­ rientierte Gastbetriebe, etc. können ebenfalls unter­ stützend wirken. ● Vorrangig ist die Qualitätssicherung in Einrichtun­ gen, die sich mit der Problematik und den Folgen von Osteoporose auseinandersetzen(Prävention, Früherkennung, Risikoabklärung, gezieltes thera­ peutisches Vorgehen und Rehabilitation). Eine rechtzeitige Diagnosestellung und gezielte Therapie können viele Knochenbrüche mit allen ihren negativen Folgen(einschließlich der damit verbunde­ nen Kosten) verhindern. Dazu gehören Weiterbildungsprogramme für ÄrztInnen und andere Be­ rufsgruppen im Bereich der Osteoporosebetreuung, optimierte Diagnosemöglichkeiten, eine Vereinheitlichung von Diagnostik und Therapie von OsteoporosepatientInnen im Sinne der Qualitätssiche­ rung und, vor allem bei bestehenden Brüchen, eine an Qualitätskriterien ausgerichtete Rehabilitation. Die jährliche Zahl der Oberschenkelfrakturen wird (laut Europäischer Union) deutlich steigen(insbesondere bei den Männern), sodass sich das Verhält­ nis der Oberschenkelfrakturen zwischen Männern und Frauen verringern wird. Der Trend wird sich bis 2035 fortsetzen, ab diesem Zeitpunkt wird es diesen Berechnungen zufolge wieder zu einem An­ stieg der Inzidenz bei Frauen kommen. Der Anteil der Betten , welcher für PatientInnen mit Ober­ schenkelhals- und Wirbelfrakturen benötigt wird, beträgt heute 0,88 Prozent; erwartet wird ein Ansteigen auf 1,97 Prozent. 168 ● Ein erheblicher Teil der Kosten entfällt auf die Krankenhausbehandlung. Vermutlich ließe sich ein Teil der für die Therapie der manifesten Osteoporo­ se heute erforderlichen Kosten vermeiden, wenn die Möglichkeiten zur Prävention und Frühbehand­ lung gezielter genützt würden. Interventionspro­ gramme zur Vermeidung hüftgelenksnaher Frak­ turen zeigen unter anderem, dass sich die Ausga­ ben für die stationäre Behandlung wirksam senken lassen. ● Wichtig ist auch vermehrte Forschung zum Thema Osteoporose: Grundlagenforschung, epidemiologische Studien, vergleichende Therapiestudien und Studien über gesundheitsökonomische Aspekte fehlen bisher weitgehend. 167 EU(1998), zitiert nach Stadt Wien(1999), Wiener Männergesundheitsbericht. 168 EU(1998). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 231 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen 5.4 Psychische Störungen/Erkrankungen, Krankheiten des Nervensystems Zusammenfassung Psychische Erkrankungen manifestieren sich im Erleben, Befinden und Verhalten und können die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Angehö­ rigen erheblich beeinträchtigen. Wie große inter­ nationale Studien zeigen, sind psychische Störun­ gen in der Allgemeinbevölkerung relativ weit ver­ breitet. Das wirkliche Ausmaß ist jedoch aufgrund der vorherrschenden Tabuisierung schwer zu er­ fassen. Da für den ambulanten Bereich entsprechende In­ formationen weitgehend fehlen, kann nur auf die eingeschränkte Aussagekraft von Leistungsdaten im stationären Bereich zurückgegriffen werden. Im Vordergrund unter den stationär behandelten psy­ chischen Störungen und psychiatrischen Krank­ heiten stehen schizophrene Psychosen, Alkoholab­ hängigkeit, affektive Psychosen, senile und präse­ nile organische Psychosen, sonstige Psychosen, Neurosen und Persönlichkeitsstörungen sowie Me­ dikamentenabhängigkeit. Während bei den Frauen affektive, senile und präsenile organische Psycho­ sen, Neurosen und Persönlichkeitsstörungen einen breiteren Raum einnehmen, spielt bei den Män­ nern die Alkoholabhängigkeit eine dominierende Rolle. In der stationären Versorgung spielen psychische Störungen aber auch als Nebendiagnosen bzw. als zusätzliche Erkrankungen eine äußerst wichtige Rolle. Auch wirken sich psychische Erkrankungen und Probleme nicht nur auf das Entstehen, son­ dern meist auch auf den Verlauf somatischer Er­ krankungen negativ aus. Summary: Mental disorders Mental disorders manifest themselves in the per­ son’s range of experiences, overall condition and behaviour and may severely impair the quality of life of these patients and their relatives. Large-scale international studies show that mental disorders are relatively widespread amongst the population in general. However, their real prevalence is diffi­ cult to assess due to the fact that such disorders are largely considered a social taboo. Since there is a pervasive lack of information re­ garding outpatient services, recourse must by force be made to performance data of the inpatient sec­ tor, which are conclusive only to a limited degree. The most frequent mental disorders and psychiatric diseases treated in inpatient wards are schizo­ phrenic psychoses, alcohol dependence, affective psychoses, senile and pre-senile organic psychoses, other types of psychoses, neuroses, personality dis­ orders, and drug dependence. While affective, senile and pre-senile organic psychoses, neuroses and per­ sonality disorders dominate in women, alcohol de­ pendence is most frequently observed in men. In inpatient care, however, mental disorders also play an extremely important role as secondary di­ agnoses and complicating diseases. Moreover, men­ tal disorders and problems have a negative effect, not only on the emergence, but also on the progress of somatic diseases. Definition Psychische Erkrankungen manifestieren sich im Erle­ ben, Befinden und Verhalten und können die Lebens­ qualität der Betroffenen und ihrer Angehörigen er­ heblich beeinträchtigen. Um Vorannahmen über die Entstehungsweise zu vermeiden, geht die neue Inter­ national Classification of Diseases(ICD-10) vom Krank­ heitsbegriff ab und verwendet statt dessen den Begriff der psychischen Störungen. Die Weltgesundheitsorga­ nisation(WHO) definiert psychische Störungen als „klinisch bedeutsame Verhaltensmuster oder psychi­ sche Syndrome, die bei einer Person auftreten und mit momentanem Leiden oder mit einem stark erhöhten 232 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen Risiko einhergehen, Schmerz oder Beeinträchtigung zu erleiden oder zu sterben“. 169 Prävalenz Das Ausmaß psychischer Störungen ist schwer zu er­ fassen. Die auf Selbstangaben der Befragten beruhen­ den Gesundheitssurveys scheinen(unter anderem auf­ grund der noch immer bestehenden Tabuisierung) das Problem bei weitem zu unterschätzen. Wie große inter­ nationale Studien zeigen, sind psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung relativ weit verbreitet. Nach deutschen und US-amerikanischen Studien leiden im zeitlichen Querschnitt(7-Tage- bzw. Punktprävalenz) etwa 15 bis 20 Prozent der Erwachsenen an mindestens einer klinisch bedeutsamen psychischen Störung(ein­ schließlich Alkoholismus), bei etwa 25 bis 30 Prozent tritt eine solche Störung im Laufe des Lebens auf(Le­ benszeitprävalenz). 170 dauer führten, ist kein direkter Vergleich der Aufent­ haltszahlen zu den Vorjahren möglich. 171 Interessant ist jedoch der im Vergleich zu Österreich deutlich höhe­ re Anstieg bei den Spitalsaufenthalten aufgrund psy­ chischer und psychiatrischer Erkrankungen in Wien. Im Jahr 2000 betrug die altersstrukturbereinigte Rate bei den in Wien wohnhaften Männern 1.839,5 pro 100.000, bei den Frauen 1.623,2. Im Vordergrund unter den stationär behandelten psy­ chischen Störungen oder Krankheiten stehen schizo­ phrene Psychosen, Alkoholabhängigkeit, affektive Psy­ chosen, senile und präsenile organische Psychosen, sonstige Psychosen, Neurosen und Persönlichkeitsstö­ rungen sowie Medikamentenabhängigkeit. Während bei den Frauen affektive, senile und präsenile organi­ sche Psychosen, Neurosen und Persönlichkeitsstörun­ gen einen breiteren Raum einnehmen, spielt bei den Männern die Alkoholabhängigkeit eine größere Rolle. Stationäre Versorgung Die Bedeutung, die psychische Erkrankungen bzw. Stö­ rungen auch hierzulande haben, wird aufgrund von Leistungsdaten deutlich. Allerdings fehlen für den am­ bulanten Bereich in Wien(und Österreich) entspre­ chende Informationen. Psychische Störungen spielen in der stationären Ver­ sorgung aber auch als Nebendiagnosen bzw. als zusätz­ liche Erkrankungen eine äußerst wichtige Rolle(siehe unten). Auch wirken sich psychische Erkrankungen und Probleme nicht nur auf das Entstehen, sondern meist auch auf den Verlauf somatischer Erkrankungen negativ aus. Im Jahr 2000 waren 6,9 Prozent der stationären Aufent­ halte der in Wien wohnhaften, und 5,3 Prozent der in Österreich wohnhaften Personen auf psychische Stö­ rungen zurückzuführen. Insgesamt wurden für die Wohnbevölkerung Wiens 33.366 stationäre Aufenthal­ te(Männer 15.592, Frauen 17.774) aufgrund dieser Di­ agnosegruppe verzeichnet; für die österreichische Be­ völkerung waren es 124.360 stationäre Aufenthalte (Männer 58.970, Frauen 65.382). Da die Einführung des Verrechnungssystems der leis­ tungsorientierten Krankenanstaltenfinanzierung(LKF) ab 1997 bei den psychischen und psychiatrischen Krankheiten nicht nur zu einer Verlagerung vom am­ bulanten Spitalsbereich in den stationären, sondern auch zu vermehrten, intermittierenden stationären Aufenthalten mit kürzerer durchschnittlicher Verweil­ Krankenstände, vorzeitige Pensionierungen Die Tragweite psychischer Störungen wird auch daran offensichtlich, dass diese bei Krankenständen und vor allem bei vorzeitigen Pensionierungen eine bedeutende Rolle spielen. In Wien waren im Jahr 2001 unter den Versicherten der Wiener Gebietskrankenkasse 1,7 Pro­ zent der Krankenstandsfälle und 4,5 Prozent der Kran­ kenstandstage durch psychische Störungen bedingt. Insgesamt wurden aufgrund solcher Diagnosen 12.740 Krankenstandsfälle verzeichnet, wobei Männer fast doppelt so viele Krankenstände aufgrund psychischer Störungen aufwiesen als Frauen(Männer 8.320, Frauen 4.420). Die durchschnittliche Dauer pro Kranken­ standsfall betrug unter den Versicherten der Wiener Gebietskrankenkasse 32,0 Tage(Männer 33,3, Frauen 31,3). 172 169 Zitiert nach der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde(1997), S. 3. 170 FICHTER, M.M.(1990), ROBINS; L.N., REGIER, D.A.(1991); zitiert nach AROLT, V.(2000), S. 468. 171 Ab 2003 ist im Bereich der Psychiatrie im Zuge einer nochmaligen gesetzlichen Änderung wiederum ein Rückgang der Aufenthaltsraten zu erwarten. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 233 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen Psychische Störungen sind außerdem ein häufiger Grund für vorzeitige Pensionierungen. In Österreich war im Jahr 2000 nahezu ein Viertel(24,1 Prozent) der Neuzugänge an Pensionen der geminderten Arbeitsfä­ higkeit bzw. dauernden Erwerbsunfähigkeit durch sol­ che Diagnosen bedingt. 173 Insgesamt handelte es sich um 4.303 Neuzugänge(Männer 2.242, Frauen 2.061). 174 Mortalität Im Jahr 2001 sind in Wien 101 Personen(80 Männer, 21 Frauen) aufgrund psychischer bzw. psychiatrischer Krankheiten(Hauptdiagnose) verstorben, in Öster­ reich waren es 456 Personen(346 Männer, 110 Frau­ en). Zusätzlich haben sich 268 Personen(158 Männer, 110 Frauen) das Leben genommen. Einer der Haupt­ gründe für die höhere Sterblichkeit der Männer an psychischen bzw. psychiatrischen Krankheiten ist ihre vermehrte Sterblichkeit an Alkoholismus. Die Todes­ ursachenstatistik verleitet insofern zu einer Unter­ schätzung des Problems, als psychische Erkrankungen auch als Begleitkrankheit Einfluss auf die Sterblichkeit haben. Im Folgenden werden Probleme und Besonderheiten psychischer Störungen am Beispiel von Depressionen erörtert. 172 Stadt Wien(2002), Gesundheitsbericht Wien 2002, S. 106 ff. 173 Statistik Austria(2002), Jahrbuch der Gesundheitsstatistik, S. 328. 174 Statistik Austria(2002), Jahrbuch der Gesundheitsstatistik, S. 328. 234 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Depression 5.4.1 Depression Zusammenfassung Bei der Depression handelt es sich um eine Störung des Gefühls- und Gemütslebens, die vor allem durch Verstimmung, Traurigkeit und Niederge­ schlagenheit charakterisiert ist. Im Mikrozensus 1999 gaben von der in Privathaushalten lebenden Bevölkerung in Wien 3,3 Prozent der Männer und 4,5 Prozent der Frauen Niedergedrücktheit(De­ pressionen) an. In Österreich waren es etwas weni­ ger. Frauen geben häufiger depressive Stimmun­ gen an, und mit dem Alter nimmt der Anteil der Betroffenen zu. Depressionen sind häufig von an­ deren Erkrankungen und Beschwerden begleitet. Vor allem bei älteren Frauen wirken sich gesund­ heitliche Probleme deutlich auf die Psyche aus. Nach vorgenommener Schätzung entfallen ca. 1,6 Prozent der stationären Aufenthalte der Wohnbe­ völkerung Wiens auf depressive Erkrankungen. Frauen sind häufiger aufgrund von Depressionen in stationärer Behandlung als Männer. Dies ist un­ ter anderem auch auf geschlechtsspezifische Un­ terschiede in der Diagnose und bei der Einwei­ sungspraxis zurückzuführen. Ein Teil aller Suizide ist auf Depressionen zurück­ zuführen. Es wird geschätzt, dass sich etwa 3 bis 4 Prozent der Erkrankten im weiteren Verlauf das Leben nehmen. Eine Rolle spielt dabei der Schwe­ regrad der Erkrankung. Im Jahr 2001 haben sich in Wien 268 Personen das Leben genommen, wobei Männer eher zum Suizid neigen als Frauen. In Wien ist die Suizidsterblichkeit bei den Männern niedriger, bei den Frauen etwas höher als in Öster­ reich. Summary: Depression Depression is an emotional and mood disturbance that is largely characterised by feelings of moodi­ ness, sadness and despondency. In the 1999 micro­ census, 3.3 percent of men and 4.5 percent of wom­ en living in private households in Vienna reported to suffer from dejectedness(depression); the Austri­ an average was slightly lower. Women report de­ pressive moods more often than men, and the share of persons thus affected increases with age. Depres­ sion is often accompanied by other diseases and ail­ ments. Health problems have a strong effect on the psyche above all in elderly women. According to an estimate conducted in Vienna, ap­ prox. 1.6 percent of all inpatient hospital stays of Viennese residents are caused by depressive disor­ ders. Women are treated for depression more fre­ quently on inpatient wards than men. Inter alia, this is a consequence of sex-specific differences in diagnostic and hospitalisation practices. A certain number of suicides may be attributed to depression. It is estimated that 3 to 4 percent of all persons suffering from depression commit suicide at some point. The severity of their disease plays a role in this development. In 2001, 268 persons commit­ ted suicide in Vienna; men present a stronger ten­ dency to commit suicide than women. In Vienna, suicide-related mortality amongst men is lower, and for women, somewhat higher, than in Austria as a whole. Einleitung, Definition Bei der Depression handelt es sich um eine Störung des Gefühls- und Gemütslebens, die durch Verstimmung, Traurigkeit und Niedergeschlagenheit charakterisiert ist. Weitere Anzeichen sind Freudlosigkeit, Antriebsminderung(Initiativhemmung, Interessensverar­ mung), erhöhte Ermüdbarkeit, motorische Verlang­ samung, kognitive Einschränkungen und vegetative Störungen. Der Behandlungsbedarf richtet sich nach Intensität, Dauer und Häufigkeit der genannten Sym­ ptome. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 235 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Depression Die international gebräuchlichen Systematiken ICD-10 (International Classification of Diseases) und DSM-III-R (Diagnostic Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychiatric Association) unterscheiden zwi­ schen: ● eigentlichen depressiven Episoden(ICD-10) bzw. major depression(DSM-III-R) ● dysthymen Störungen ● kurzfristigen depressiven Anpassungsstörungen und ● wiederkehrenden kurzen Depressionen(brief re­ current depression) Depressive Episoden (major depression) sind durch Verlust von Interesse bzw. Freude an fast allen Aktivi­ täten charakterisiert. Zusätzliche Merkmale sind Appe­ tit- und Schlafstörungen, Gewichtsveränderungen, psychomotorische Unruhe oder Gehemmtheit, vermin­ derte Energie, innere Leere, Willens-, Denk- und An­ triebshemmung, Konzentrationsschwierigkeiten, Ge­ fühle der Ausweg- und Wertlosigkeit, Angst, Schuldge­ fühle, Selbstmordgedanken und-versuche. In schwe­ ren Fällen treten Wahnideen, Halluzinationen oder depressiver Stupor(„Erstarrung“) hinzu. Unbehandelt können depressive Episoden mehrere Monate dauern. Sie lassen sich jedoch bei adäquater(medikamentöser) Therapie entscheidend verkürzen. Wiederholungsrisi­ ko und Schwere der Erkrankung nehmen mit steigen­ dem Alter zu. Dysthymien sind leichtere, jedoch chronifizierte For­ men der depressiven Verstimmung. Die Symptome sind ähnlich wie bei der depressiven Episode, jedoch schwächer ausgeprägt und nicht von Wahnsymptomen und Halluzinationen begleitet. Anpassungsstörungen sind übertriebene oder fehlan­ gepasste Reaktionen auf psychosoziale Belastungsfak­ toren. Wiederkehrende kurze Depressionen sind intensive, kurzfristige und klinisch relevante Phasen der Verstim­ mung. Sie sind vor allem wegen der damit einherge­ henden Suizidversuche von Bedeutung. Risikofaktoren und Ursachen depressiver Störungen Entstehung und Ursachen depressiver Störungen sind komplex und nur teilweise bekannt. Es wird angenom­ men, dass das Zusammenwirken genetischer, neurobi­ ologischer und psychosozialer Faktoren Depressionen auslöst und aufrechterhält. Ein deutlich erhöhtes Risiko an Depressionen zu er­ kranken findet sich bei Personen mit depressiv er­ krankten Angehörigen ersten Grades. Auch Unter­ schiede in der Erkrankungshäufigkeit von ein- und zweieiigen Zwillingen lassen vermuten, dass Verer­ bung eine Rolle spielt. Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale (wie Übervor­ sichtigkeit, Gewissenhaftigkeit, Suche nach sozialer Anerkennung und Unterstützung) scheinen ebenfalls eine Rolle zu spielen. Als besondere Risikomerkmale gelten Angst- und Suchterkrankungen. Risikofaktoren in psychosozialer Hinsicht, wenn auch in ihrer Bedeutung umstritten, sind gravierende Stö­ rungen der Primärsozialisation(vor allem frühe Ver­ luste und schwere Beziehungsstörungen). Akute Belas­ tungsfaktoren(Lebenskrisen, Verlusterlebnisse wie Trennung oder Scheidung, Einsamkeit, das Fehlen ei­ ner vertrauensvollen Beziehung zu Familienmitglie­ dern, FreundInnen oder ArbeitskollegInnen gelten ebenso als Risikofaktoren wie Arbeitslosigkeit und fi­ nanzielle Not. Insgesamt leiden Verheiratete seltener unter Depressionen als Geschiedene und getrennt Le­ bende. Verlust eines Elternteiles durch Scheidung wirkt sich bei Frauen negativ auf die Qualität der Partnerbe­ ziehung aus und fördert die Depressionsneigung. Die Frage, ob Depressionen im Alter gehäuft auftreten, wird in der Literatur unterschiedlich beantwortet. Em­ pirisch lässt sich ein gehäuftes Auftreten bestimmter Symptome depressiver Störungen bei älteren Men­ schen beobachten. Soziale Schicht und ethnische Zugehörigkeit schei­ nen keine Rolle für das Auftreten von Depressionen zu spielen. Verbreitung Schätzungen gehen von einer Punktprävalenz(Be­ standshäufigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt) der eigentlichen Depression(major depression) von ca. 3 Prozent, der Dysthymie von ca. 2 Prozent, der Anpas­ sungsstörung und der depressiven Störung von je 1 Prozent aus. Die Lebenszeitprävalenz(Anteil derer, die 236 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Depression jemals im Leben betroffen waren) wird bei der„major depression“ mit 10 Prozent, bei der Dysthymie mit 3 bis 4 Prozent und bei der Anpassungsstörung mit 5 Pro­ zent angegeben. 175 Deutlich höher ist die Prävalenz von Depressionen (aber auch anderer psychischer Störungen) im Bereich der medizinischen Versorgung. So etwa leiden in inter­ nistischen Krankenhausabteilungen etwa 30 bis 50 Pro­ zent der PatientInnen an psychischen Störungen, etwa 15 Prozent an Depressionen. Bei PatientInnen anderer Fachabteilungen wird eine ähnliche Häufigkeit vermu­ tet. Bei etwa 25 Prozent der PatientInnen in Hausarzt­ praxen besteht eine aktuelle psychische Störung, bei 10 Prozent eine Depression. 176 Frauen haben häufiger Depressionen als Männer; ihr Erkrankungsrisiko ist etwa doppelt bis dreimal so hoch. Allerdings muss in diesem Zusammenhang er­ wähnt werden, dass Frauen auch eher bereit sind als Männer, über ihre Ängste und Stimmungsschwankun­ gen zu sprechen. Dies kann dazu beitragen, dass Frau­ en eher als„neurotisch“ und„depressiv“ eingestuft werden. Gerade in diesem Bereich kommt es sehr häu­ fig zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Di­ agnose, der Medikamentation sowie der Einweisungs­ praxis. Im Mikrozensus 1999 gaben von den in Privathaushal­ ten lebenden Personen in Wien 3,3 Prozent der Männer und 4,5 Prozent der Frauen Niedergedrücktheit(De­ pressionen) an. Im gesamten Bundesgebiet ist der An­ teil der Betroffenen bei beiden Geschlechtern niedriger (Männer 2,7 Prozent, Frauen 4,0 Prozent). Grafik 5.65: Niedergedrücktheit(Depressionen) in Wien und Österreich 1999, Privathaushalte(in Prozent) 5,0 4,0 3,3 3,0 2,7 4,5 4,0 Wien Österreich Prozent 2,0 1,0 0,0 Männer Frauen Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Mit dem Alter zeigt sich ein Ansteigen der von Depres­ sion Betroffenen. Während sich von den 45- bis 59-Jäh­ rigen 3,9 Prozent der Männer und 6,3 Prozent der Frau­ en niedergeschlagen fühlten, waren es von den 75-Jäh­ rigen und Älteren 10,6 Prozent der Männer und 6,8 Prozent der Frauen. Während also in allen Altersgruppen unter 75 Jahren Frauen häufiger als Männer von Niedergedrücktheit be­ richten, ist dies bei den 75-Jährigen und Älteren nicht der Fall. Hier könnte allerdings die Sampleauswahl beim Mikrozensus(nur Personen in Privathaushalten, ohne Anstalten) eine Rolle spielen. Die SERMO-Studie berichtet, dass sich von den 60-Jährigen und Älteren Frauen häufiger als Männer niedergedrückt fühlten. 177 175 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 220. 176 AROLT et al.(1995); AROLT(2000), S. 468. 177 SCHMEISER-RIEDER et al.(1997). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 237 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Depression Grafik 5.66: Niedergeschlagenheit(Depressionen) in Wien 1999 nach Alter und Geschlecht, Privathaushalte (in Prozent) Alter (Jahre) 75+ 60–74 45–59 30–44 15–29 0–14 0,0 6,8 3,9 3,3 3,1 3,4 1,9 2,3 1,2 2,0 4,0 5,9 5,1 6,3 6,0 Prozent 8,0 Frauen 10,6 Männer 10,0 12,0 Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. Als Ursachen für die größere Anfälligkeit für Depressionen bei den Frauen gelten unter anderem hormonelle Einflüsse und soziale Faktoren. So fällt zum Beispiel im Mikrozensus in der Altersgruppe der 45- bis 59-Jährigen ein deutlicher Anstieg des Anteils von Frauen auf, die sich niedergedrückt fühlen. Unklar ist nach wie vor, ob die psychischen Symptome, über die Frauen nach der Menopause berichten, auf den Östrogenmangel zurückzuführen sind, oder ob sie eine Folge der veränderten Lebenssituation(Auszug der Kinder, Verlust des Partners, etc.) sind. Die Angst vor dem Alleinsein, nicht selten gepaart mit finanziellen Ängsten, ist für viele Frauen ein oft schwer zu bewältigendes Problem. Auch wenn sich keine lineare Beziehung zwischen dem Bildungsniveau und dem Gefühl der Niedergeschla­ genheit nachweisen lässt, findet sich eine solche Grundstimmung am häufigsten bei niedrig gebildeten Personen. Am seltensten berichten Männer mit Hoch­ schulabschluss und Frauen mit Lehrabschluss von Nie­ dergeschlagenheit. Grafik 5.67: Niedergeschlagenheit(Depressionen) in Wien 1999 nach Bildung und Geschlecht, Privathaushalte (in Prozent) 8,0 7,0 6,8 7,6 6,0 5,0 4,0 3,8 3,2 3,0 2,0 5,2 5,3 5,8 4,1 5,6 4,3 4,1 1,7 Männer Frauen Prozent 1,0 0,0 Pflichtschule Lehre BMS AHS BHS höchste abgeschlossene Bildung Hoch­ schule Quelle: Mikrozensus 1999; eigene Berechnungen. 238 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Depression Komorbidität Depressionen sind häufig von anderen Erkrankungen und Beschwerden, wie Ängstlichkeit, Soziopathien, Medikamenten- oder Drogenmissbrauch begleitet. 178 Vor allem bei den älteren Frauen wirken sich gesund­ heitliche Probleme deutlich auf die Psyche aus. 179 So gehen nach den Ergebnissen der SERMO-Studie mit „Niedergedrücktheit“ meist auch noch andere Be­ schwerden einher. 30,8 Prozent der Personen, die sich zum Zeitpunkt der Befragung„niedergedrückt“ fühl­ ten, gaben Schlafstörungen, 24,3 Prozent Nervosität und 34,3 Prozent Schwäche an. Bei der restlichen Be­ völkerung waren es jeweils weniger als 10 Prozent. 180 Frauen nehmen nicht nur häufiger Psychotherapien in Anspruch als Männer, sondern nehmen auch häufiger Psycholeptika und andere Medikamente ein, die das Zentralnervensystem beeinflussen. Nachgewiesen wur­ den Zusammenhänge zwischen Depression und regel­ mäßigem Medikamentenkonsum. Aufgrund der SER­ MO-Studie zeigte sich, dass 34,0 Prozent der Personen in Wien, die sich zum Zeitpunkt der Befragung„nieder­ gedrückt“ fühlten, regelmäßig Medikamente gegen Schlafstörungen nehmen.(Bezogen auf die Gesamtbe­ völkerung Wiens betrug dieser Anteil nur 6,8 Prozent.) 31,7 Prozent der Betroffenen nahmen Medikamente gegen Nervosität(im Vergleich zu 2,6 Prozent der Wie­ ner Gesamtbevölkerung), 24,2 Prozent gegen Kopf­ schmerzen(vs. 8,0 Prozent der Wiener Gesamtbevölke­ rung). 181 Im Wiener Gesundheits- und Sozialsuvey 2001 wurden verschiedene in Zusammenhang mit Depressionen ste­ hende Beschwerden erfasst. Auch hier berichteten Frauen(bezogen auf die letzten zwei Wochen vor der Befragung) vermehrt über solche Beschwerden(Män­ ner 5,0 Prozent, Frauen 9,5 Prozent). Möglicherweise liegt ein Grund für die vergleichsweise hohen Werte da­ rin, dass die Befragung in den Wintermonaten(Dezem­ ber bis Februar bzw. März) stattfand. 178 Stadt Wien(1999), Wiener Männergesundheitsbericht. 179 Stadt Wien(1997), Wiener Seniorengesundheitsbericht 1997. 180 SCHMEISER-RIEDER et al.(1997). 181 Fact sheets(1998); zitiert nach Seniorenbericht(2000), S. 286 f. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 239 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Depression Grafik 5.68: Depressive Beschwerden(Niedergeschlagenheit, etc.) in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren (Privathaushalte) 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) Alter (Jahre) gesamt 75+ 60–74 45–59 25–44 16–24 0 Männer 7,0 5,7 5,0 7,6 7,3 6,5 6,0 5,4 5,2 6,5 5,4 7,0 5,8 4,7 2,0 3,9 4,7 10,2 5 10 Prozent 15 Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen Melancholie, Depression, Unglücklichsein 20 Alter (Jahre) gesamt 75+ 60–74 45–59 25–44 16–24 0 Frauen 11,9 12,0 9,5 9,8 8,6 15,7 14,1 11,9 13,3 14,5 14,6 10,4 9,0 8,6 10,7 9,1 9,5 13,0 Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit Angst, Nervosität, Unruhe, Unbehagen Melancholie, Depression, Unglücklichsein 5 10 15 Prozent 20 Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Am häufigsten über Melancholie, Depression und Un­ glücklichsein berichteten die 75-Jährigen und Älteren (Männer 6,5 Prozent; Frauen 11,9 Prozent). Aber auch die 45- bis 59-Jährigen gaben überdurchschnittlich häufig solche Gefühle an(Männer 5,4 Prozent; Frauen 10,4 Prozent). Niedergeschlagenheit und Kraftlosigkeit finden sich bei den 45- bis 59-jährigen Männern und bei den 75-jähri­ gen und älteren Frauen am häufigsten, aber auch die 45- bis 59-jährigen Frauen nennen diese Beschwerden überdurchschnittlich häufig. Frauen ab etwa dem 45. Lebensjahr leiden zudem überdurchschnittlich häufig unter Angst, Nervosität, Unruhe und Unbehagen. Auch Nervosität gepaart mit Angstzuständen ist(vor allem bei älteren) Frauen überdurchschnittlich häufig. Insgesamt gaben 4,7 Prozent der Männer und 6,9 Pro­ zent der Frauen solche Symptome an. Bei beiden Ge­ schlechtern nehmen Nervosität und Angstzustände mit dem Alter deutlich zu. Von den 60-jährigen und älteren Frauen war etwa jede neunte betroffen(10,7 Prozent), von den Männern in diesem Alter etwa jeder vierzehnte (7,2 Prozent). 240 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Depression Grafik 5.69: Nervosität und Angstzustände in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren(Privathaushalte) 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) 12 10,7 10 8,5 8 Prozent 6 4,1 4 2 2,6 0 16–24 4,2 5,7 4,0 25–44 45–59 Alter(Jahre) 7,2 Frauen Männer 60+ Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Insgesamt sind psychische Beschwerden bei älteren Menschen relativ häufig. Es ist anzunehmen, dass sol­ che Probleme mit der zu erwartenden demographi­ schen Entwicklung weiter an Bedeutung gewinnen. Mit den im Alter vermehrt auftretenden gerontopsychiatri­ schen Störungen kommen auf das Betreuungspersonal oft nur schwer zu bewältigende Anforderungen zu, vor allem dann, wenn die entsprechende Ausbildung im Umgang mit solchen Störungen bzw. Erkrankungen fehlt. Prävention und Behandlung Der Mangel an Kenntnissen über(das Zusammenwir­ ken von) Faktoren, die am Entstehen von Depressionen beteiligt sind, wirkt sich negativ auf die Möglichkeiten der Primärprävention aus. Besondere Bedeutung kommt daher der Sekundärprävention zu, das heißt, dem Erkennen beginnender Störungen und der recht­ zeitigen Behandlung depressiver Erkrankungen. Be­ sonders wichtig ist, dass HausärztInnen eine beginnen­ de Depression erkennen und PatientInnen einer frühen Behandlung zuführen. Gerade für beginnende Störun­ gen gibt es differenzierte Behandlungsmöglichkeiten, die dazu beitragen, das Entstehungsrisiko schwerer de­ pressiver Erkrankungen und das Suizid-Risiko zu sen­ ken. Es wird geschätzt, dass mehr als die Hälfte aller Depressionen nicht diagnostiziert wird. Auch wird nur ein Teil der Depressionen einer Behand­ lung zugeführt. Ideal wäre eine Kombination von medi­ kamentöser und psychotherapeutischer Therapie. Da­ durch lassen sich der Leidensdruck und das Risiko ei­ ner neuerlichen Erkrankung am ehesten senken. Die kombinierte Therapie wird jedoch bisher relativ selten genutzt. Stationäre Aufenthalte In Anlehnung an den Deutschen Gesundheitsbericht 182 wurden zur Ermittlung der durch Depressionen verur­ sachten stationären Aufenthalte die ICD-9-Nummern 296, 301, 309, 311 sowie 40 Prozent der unter der Num­ mer 300 registrierten Fälle 183 zusammengefasst. Nach dieser Schätzung entfielen im Jahr 2000 je 1,6 Prozent der stationären Aufenthalte der in Wien bzw. Öster­ reich wohnhaften Personen auf depressive Erkrankun­ gen. Insgesamt wurden für die Wohnbevölkerung Wiens 7.543(Männer 2.701, Frauen 4.842), für jene Ös­ terreichs 35.790(Männer 11.931, Frauen 23.859) stati­ onäre Aufenthalte aufgrund depressiver Erkrankungen errechnet. Pro 100.000(rohe Rate) wurden in Wien im Jahr 2000 353,5 stationäre Aufenthalte von Männern und 573,4 stationäre Aufenthalte von Frauen aufgrund von De­ pressionen verbucht. Im gesamten Bundesgebiet waren 182 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 221. 183 Es handelt sich hier um affektive Psychosen(296), neurotische Störungen(300), Persönlichkeitsstörungen(301), Anpassungsstörungen (309), nicht anderweitig klassifizierte depressive Störungen(311). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 241 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Depression es bei den Männern 302,8, bei den Frauen 572,3 statio­ näre Aufenthalte pro 100.000. Frauen sind(gemessen an der rohen und standardisierten Rate) häufiger auf­ grund von Depressionen in stationärer Behandlung als Männer. Während in Wien im Jahr 2000 Männer häufiger auf­ grund von Depressionen in stationärer Behandlung waren als im gesamten Bundesgebiet, war die rohe Rate der stationären Aufenthalte bei den Frauen in Wien und Österreich nahezu gleich. Interessanterweise wa­ ren jedoch altersstrukturbereinigt(d. h. unter Ausschaltung von Altersstruktureffekten) im gesamten Bundesgebiet mehr Frauen aufgrund von Depressio­ nen in stationärer Behandlung als in Wien. Hier könnte unter anderem auch die Tatsache eine Rol­ le spielen, dass sich im Bereich der ambulanten psychi­ atrischen Versorgung in Wien mehr Möglichkeiten bie­ ten als in den Bundesländern(vor allem in ländlichen Regionen). Dies ließe sich auch als Hinweis auf die Be­ deutung gemeindenaher ambulanter und teilstationä­ rer psychiatrischer Versorgungsstrukturen zur Entlas­ tung des stationären Bereichs interpretieren. Grafik 5.70: Stationäre Aufenthalte aufgrund depressiver Erkrankungen(ICD-9/BMAGS<296, 301, 309, 311>, 40 Prozent von<300>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen im Jahr 2000 nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) 600 500 467,2 485,9 Frauen Männer standardisierte Raten (pro 100.000) 400 327,6 300 274,3 200 100 0 Wien Österreich * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Das Alter der aufgrund depressiver Erkrankungen sta­ tionär Behandelten ist breit gefächert. Von den im Jahr 2000 stationär Aufgenommenen der Wohnbevölke­ rung Wiens war etwa jeder fünfte Mann und etwa jede neunte Frau unter 25 Jahre alt. Etwa jeder fünfte statio­ när aufgenommene Mann war zwischen 35 und 44 Jah­ re, etwa jeder siebente 65 Jahre oder älter. Bei den Frau­ en fällt vor allem der hohe Anteil von 55- bis 74-Jähri­ gen auf, also von Frauen während oder nach der Meno­ pause. Ältere Menschen(ab 75 Jahre) machen, trotz ihrer hohen Depressionsneigung, unter den aufgrund von Depressionen stationär Aufgenommenen nur ei­ nen Bruchteil aus. Dies legt die Vermutung nahe, dass im Alter das Vorhandensein psychischer Störungen entweder nicht erkannt wird und/oder sich die Chan­ cen auf therapeutische Hilfe verringern. 242 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Depression Grafik 5.71: Alter der aufgrund depressiver Erkrankungen(ICD-9/BMAGS<296, 301, 309, 311>, 40 Prozent von<300>) im Jahr 2000 von in Wien wohnhaften stationär Behandelten nach Geschlecht(in Pro­ zent) Männer Frauen 2,5% 2,9% 9,5% 7,0% 11,8% 12,5% 16,4% 14,6% 22,8% bis 14 15–24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–84 85+ 3,8% 11,2% 17,8% 2,8% 8,7% 13,5% 14,3% 15,8% 12,1% Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Folgen von Depressionen Folge- und Begleitkrankheiten depressiver Erkran­ kungen werden häufig unterschätzt. Viele PatientInnen leiden an zusätzlichen psychischen Erkrankungen. Auch PatientInnen mit somatischen chronischen Er­ krankungen haben häufig Depressionen. So wurde fest­ gestellt, dass bei ca. 15 Prozent der internistischen und chirurgischen PatientInnen eine depressive Störung vorliegt, bei neurologischen PatientInnen sogar in ca. 30 bis 35 Prozent der Fälle. 184 wegen einer schweren Depression stationär behandelt wurden bzw. werden, liegt das Suizidrisiko bei 15 Pro­ zent. 185 Im Jahr 2001 haben sich in Wien 268 Personen(158 Männer, 110 Frauen) das Leben genommen. Das ent­ spricht bei den Männern einer Suizidrate von 20,6, bei den Frauen 13,1 Suiziden pro 100.000. In ganz Öster­ reich kam es zu 1.489 Suiziden(Männer 1.081, Frauen 408). Das entspricht bei den Männern einer Suizidrate von 27,3, bei den Frauen 9,8(pro 100.000). Nicht selten führen Depressionen zum Suizid . Es wird geschätzt, dass sich etwa 3 bis 4 Prozent der Erkrankten im weiteren Verlauf das Leben nehmen. Ein wichtiger Risikofaktor für einen Suizid bzw. eine suizidale Hand­ lung ist der Schweregrad der depressiven Erkrankung. Dies gilt insbesondere für das Auftreten von Wahn­ ideen und Halluzinationen, aber auch für manisch-de­ pressive Mischzustände. Ein hohes Suizid-Risiko ha­ ben PatientInnen, die schon einmal versucht haben, sich das Leben zu nehmen, sowie PatientInnen mit Su­ izid(versuchen) naher Angehöriger. Bei Personen, die Aufgrund der rohen als auch der altersstrukturberei­ nigten Raten wird deutlich, dass Männer häufiger als Frauen durch eigene Hand sterben. Männer in Wien weisen jedoch eine niedrigere Suizidrate auf als Män­ ner im gesamten Bundesgebiet, bei den Frauen in Wien ist die Rate dagegen etwas höher. In den letzten Jahrzehnten ist in Wien(ebenso wie in Österreich insgesamt) die Suizidsterblichkeit bei bei­ den Geschlechtern gesunken. 184 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 221. 185 SCHMIDTKE et al.(1996). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 243 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Depression Grafik 5.72: Sterblichkeit aufgrund von Selbstmord und Selbstbeschädigung(ICD-9) in Wien und Österreich seit 1980(5-Jahresabstände) nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 40,0 34,9 35,0 34,1 30,0 25,0 20,0 15,2 15,0 10,0 11,6 5,0 0,0 1980 36,6 33,1 16,3 12,3 1985 30,1 27,2 29,6 26,4 11,7 10,0 1990 8,7 8,0 1995 24,5 22,8 20,3 16,5 7,8 8,8 7,7 7,0 2000 2001 Österreich/Männer Wien/Männer Wien/Frauen Österreich/Frauen * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; die Berechnung basiert auf der Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Ansprüche an eine zeitgemäße Versorgung Bei der psychiatrischen Versorgung ergibt sich das Pro­ blem, dass die Zahl der stationären psychiatrischen Betten im Zuge der Psychiatriereform reduziert wurde, gleichzeitig aber die stationären Aufnahmen(bei einer Reduktion der Verweildauer) gestiegen sind(vgl. oben). Eine zeitgemäße psychiatrische Versorgung er­ fordert ein gemeindenahes und flexibles, an den Be­ dürfnissen der PatientInnen orientiertes Ineinander­ greifen verschiedener Institutionen im ambulanten, teilstationären und stationären Bereich, die der Be­ handlung, Rehabilitation und Pflege, aber auch der Be­ friedigung sozialer Bedürfnisse akut und chronisch psychisch kranker Menschen dienen. 186 Im Rahmen des Österreichischen Krankenanstaltenplans 2001 wur­ de die Planung von Standorten und Kapazitäten der stationären psychiatrischen Versorgung mit der Vor­ gabe verknüpft, die ambulante psychiatrische Versor­ gung bedarfsgerecht auszubauen. Dabei werden fol­ gende Anforderungen an die Strukturen gestellt: ● Bedarfs- und Bedürfnisgerechtigkeit ● Gemeindenähe und-integration ● „ambulant vor stationär“ ● Integration in die Grundversorgung ● Qualitätssicherung ● Regionalisierung, Vollversorgung und Vernetzung ● Partizipation 187 Bis zum Jahr 2005 sind in Wien 911 Betten der stationä­ ren psychiatrischen Versorgung geplant. Wünschens­ wert wäre eine Überleitung aus der vollstationären in eine teilstationäre, d. h. in der Regel tagesklinische Be­ handlung(Verzahnung von voll-, teilstationärer und ambulanter Versorgung). Die ambulante Versorgung erfolgt durch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte (NervenärztInnen, PsychotherapeutInnen, Hausärz­ tInnen) sowie dafür qualifizierte PsychologInnen. Zur Betreuung chronisch Kranker, deren Lebensqualität oft in mehrfacher Hinsicht eingeschränkt ist, sollten be­ treute Wohnmöglichkeiten(Wohngemeinschaften, Heime) mit fachlich qualifizierter Betreuung zur Verfü­ gung stehen. Tagesstätten, ambulante Pflege, Ergothe­ rapie und Sozialarbeit sind weitere wichtige Hilfen. Ab­ gestufte Möglichkeiten zur beruflichen(Re)-Integrati­ on bzw. Weiterqualifizierung sollten das Angebot er­ gänzen. 186 Vgl. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde(1997), S. 31 ff.; Gesundheitsbericht für Deutschland (1998), S. 222. 187 Österreichischer Krankenanstalten- und Großgeräteplan, Stand 1.1.2002; vgl. dazu auch Stadt Wien(2003), Lebenserwartung und Mor­ talität, S. 235 f. 244 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Depression Die Dezentralisierung stationärer, teilstationärer und ambulanter Angebote kann sich unter Umständen für den Patienten/die Patientin als unübersichtlich erwei­ sen und damit eine effiziente Inanspruchnahme ver­ hindern. Hilfreich kann sich hier ein(e) Case-Mana­ ger(in) erweisen. Bisher wird die Kooperation mit an­ deren Berufsgruppen(SozialarbeiterIn, PsychologIn) zu wenig genutzt. Auch eine Schwerpunktbildung im Sinne von psychiatrisch-psychotherapeutischen oder sozialpsychiatrischen Praxen findet sich bisher kaum (Gruppenpraxen unterlagen bis vor kurzem Niederlas­ sungsbeschränkungen). Die derzeit gängige Praxis­ form wird dem psychotherapeutischen Behandlungs­ bedarf, insbesondere älterer Depressiver, kaum ge­ recht. Nur selten überweisen Ärzte und Ärztinnen für Allgemeinmedizin bei Vorhandensein depressiver Störungen zu FachärztInnen. 188 Die psychiatrische Epidemiologie hat bisher in Öster­ reich nur geringen Stellenwert. Diese wäre aber Vor­ aussetzung für die Entwicklung bedarfsgerechter psy­ chiatrischer Versorgungsstrukturen. Auch gibt es kaum Studien zur Evaluation psychiatrischer Behand­ lungsmethoden. Eine evidenzbasierte Evaluation von Versorgungsleis­ tungen schafft eine andere(wenn auch nicht unbedingt gegensätzliche) Perspektive als die grundsätzlich von Klientel- und Profitinteressen bestimmten Strategien – etwa von Krankenkassen, Ärzteverbänden oder Kran­ kenhausbetreibern. Nach wie vor besteht erheblicher Be­ darf an psychiatrischer Versorgungsforschung(Struk­ turdaten, Frage der Effektivität von Versorgungssyste­ men auf stationärer, teilstationärer und ambulanter Ebene). Auch das kontinuierliche Qualitätsmanage­ ment gewinnt in den Versorgungsinstitutionen zuneh­ mend an Bedeutung. 188 Stadt Wien(1997), Wiener Seniorengesundheitsbericht, S. 99. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 245 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Demenz 5.4.2 Demenz Zusammenfassung Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung, bei der es zur Beeinträchtigung intellektueller Funktio­ nen(Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffas­ sung, Rechen- und Lernfähigkeit, Sprache, Urteils­ vermögen) und zu zunehmender Abhängigkeit von der Hilfe anderer Menschen kommt. Die Prävalenz der Demenzerkrankungen in Wien(und Öster­ reich) kann zur Zeit nur ausgehend von Ergebnis­ sen internationaler Studien geschätzt werden, wo­ bei die Zahl der Betroffenen mit zunehmendem Al­ ter deutlich steigt(bei den 85-Jährigen und Älteren wird der Anteil auf etwa 35 Prozent geschätzt). Ins­ gesamt wird für Wien(ebenso wie für Österreich) in Zukunft ein deutliches Ansteigen demenzieller Erkrankungen erwartet. Die zunehmende Bedeutung der Altersdemenz wird auch aufgrund der Spitalsentlassungsstatistik der letzten Jahre deutlich. Ein Vergleich der rohen und altersstandardisierten Raten bei den stationä­ ren Aufenthalten lässt darauf schließen, dass zwar auch in Zukunft mehr Frauen als Männer aufgrund von Altersdemenz stationär aufgenommen werden müssen, dass sich aber das Problem mit zuneh­ mender Lebenserwartung auch bei den Männern verschärfen wird. Studien belegen, dass Gedächtnisschwäche und Konzentrationsstörungen im höheren Alter erheb­ lich zunehmen. Von den 75-jährigen und älteren Befragten in Wien klagte ein Viertel der Männer (24,3 Prozent) und mehr als ein Fünftel der Frauen (21,3 Prozent) über Gedächtnisschwäche und Kon­ zentrationsstörungen. Ob und inwieweit hier be­ reits demenzielle Prozesse vorliegen, lässt sich nicht beantworten. Abgesehen von den Folgen für die Betroffenen und deren Angehörige sind demenzielle Erkrankungen auch von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung, da sie hohen Betreuungsbedarf nach sich ziehen. Ein qualifizierter Umgang mit Demenzkranken(etwa durch Einsatz von Validation) kann zu einer deutli­ chen Erleichterung für die Betroffenen und das Be­ treuungspersonal beitragen. Summary: Dementia Dementia is a progressive disease that gradually en­ tails an impairment of the intellectual functions (memory, thought processes, orientation, appre­ hension, arithmetic and learning abilities, lan­ guage, power of judgment) as well as increasing de­ pendence on the help of others. Currently the preva­ lence of dementia cases in Vienna(and Austria) may only be estimated on the basis of the findings of international studies; the number of persons thus afflicted increases markedly with age(the share amongst persons aged 85 and above is currently es­ timated at approx. 35 percent). All in all, a signifi­ cant increase in the number of dementia-related diseases is expected in the future both for Vienna and for Austria as a whole. The growing importance of senile dementia has also become apparent through the hospital discharge statistics of the last years. While the number of fe­ male inpatients suffering from senile dementia will continue to outweigh that of men, a comparison of raw and age-standardised data regarding inpatient hospital stays permits the conclusion that the prob­ lem will intensify also with respect to men as a re­ sult of their increasing life expectancy. Studies have shown that defective memory and con­ centration problems increase considerably with ad­ vanced age. Of the Viennese respondents aged 75 and above, one fourth of men(24.3 percent) and over one fifth of women(21.3 percent) reported de­ fective memory and concentration problems. Whether and to what degree this is connected to de­ mentia-related processes cannot, however, be ascer­ tained. Apart from the consequences for the persons thus afflicted and their relatives, dementia-related dis­ eases are also of importance for society at large, since they entail a high demand for patient care. Qualified care and assistance for dementia patients (e.g. through validation) can significantly ease the stress on both patients and caregivers. 246 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Demenz Definition, Erscheinungsformen Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung, bei der es zur Beeinträchtigung intellektueller Funktionen(Ge­ dächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechenund Lernfähigkeit, Sprache, Urteilsvermögen) und zu zunehmender Abhängigkeit von der Hilfe anderer Menschen kommt. Der Verlauf der Demenzerkrankung ist zudem durch Persönlichkeitsveränderungen(Ver­ schlechterung der emotionalen Kontrolle, des Sozial­ verhaltens, der Motivation) sowie durch Beeinträchti­ gungen in den Aktivitäten des täglichen Lebens(Wa­ schen, Hygiene, Ankleiden, Essen, etc.) bis hin zur voll­ ständigen Immobilisation charakterisiert. Zu unterscheiden ist zwischen primären und sekundä­ ren Demenzen. Primäre Demenzen sind durch eigen­ ständige Gehirnerkrankungen, degenerativer oder vas­ kulärer Art, bedingt. Dazu zählen Morbus Alzheimer (AD), die senile Demenz vom Alzheimer Typ(SDAT) und die vaskuläre Demenz. Bei den sekundären De­ menzen liegt die Ursache außerhalb des Gehirns(wie z. B. akuter Sauerstoffmangel, Vergiftungen mit Alko­ hol oder Drogen, Mangelerscheinungen), führt aber in weiterer Folge zu Schädigungen des Gehirns. Primäre Demenzen: Die Alzheimer’sche Erkran­ kung hat oft einen genetischen Hintergrund, die invol­ vierten Mechanismen sind jedoch noch nicht zur Gänze geklärt. Die vaskuläre Demenz entsteht nach einem einmaligen ausgeprägten Hirninfarkt oder nach wie­ derholten kleineren Hirninfarkten(Multiinfarkt-De­ menz). Risikofaktoren der Multiinfarkt-Demenz sind Bluthochdruck, starkes Rauchen, Diabetes und Über­ gewicht – im Prinzip also die selben Faktoren wie für Herz-Kreislauf-Erkrankungen(insbesondere Schlagan­ fälle). Die Demenz vom Alzheimer Typ(deren Ursachen nicht genau feststehen) ist für ca. 60 Prozent aller Demenzer­ krankungen verantwortlich; der Anteil der vaskulären Demenz, die mit Arteriosklerose in Zusammenhang steht, beträgt etwa 25 bis 30 Prozent. Verbreitung Die Prävalenz der Demenzerkrankungen in Wien(und Österreich) kann zur Zeit nur ausgehend von Ergebnis­ sen internationaler Studien geschätzt werden. In einer umfassenden Bevölkerungsstudie in Finnland 189 wurde die Prävalenz mäßiger und schwerer Demenz in der finnischen Bevölkerung ermittelt. Diese lag bei der Be­ völkerung unter 65 Jahren bei 0,2 bis 0,3 Prozent, in der Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen bei 4 Prozent, bei den 75- bis 84-Jährigen bei über 10 Prozent und in der Altersgruppe der über 85-Jährigen bei über 35 Pro­ zent. 190 Die Studie liefert Hinweise darauf, dass De­ menz unter Personen mit niedriger Bildung verbreite­ ter ist als unter Personen mit höherem Bildungsniveau. Einschätzungen dieser Art können jedoch durch die Tatsache beeinflusst sein, dass Personen mit höherer Bildung die Krankheit besser bewältigen bzw. mit der Erkrankung besser umgehen können. Andere Studien rechnen für den Europäischen Raum mit 4 Prozent De­ menzkranken bei den 70- bis 74-Jährigen, ansteigend auf 13 Prozent bei den 80- bis 84-Jährigen und auf 35 Prozent bei den 95-Jährigen und Älteren. 191 Zukünftige Entwicklung von Demenzerkran­ kungen Da Demenzerkrankungen im Alter zunehmen, ist auf­ grund der steigenden Zahl betagter und hochbetagter Menschen in Zukunft mit einem Ansteigen demenziel­ ler Erkrankungen zu rechnen. In den OECD-Ländern wird von einer Zunahme von 6,14 Millionen Demenz­ kranken zur Jahrtausendwende auf 12,3 Millionen im Jahr 2050 gerechnet. 192 HAIDINGER et al. 193 haben, ausgehend von den Ergeb­ nissen internationaler Studien, die Entwicklung der Demenzerkrankungen in Österreich bis 2050 berech­ net. Die Prävalenz wird für das Jahr 2010 bei den über 64-Jährigen auf 1.267 Fälle, bei den über 84-Jährigen auf 501 Fälle pro 100.000 der Gesamtbevölkerung ge­ schätzt. Im Jahr 2050 wird sie bei den über 64-Jährigen schon bei 2.509 und bei den über 84-Jährigen bei 1.227 Fällen pro 100.000 der Gesamtbevölkerung liegen. Die 189 Mini-Finland Health-Survey 1978–1990. 190 Zitiert nach AROMAA et al.(1999), S. 137. 191 HOFMANN et al.(1991). 192 WETTSTEIN(1991). 193 HAIDINGER et al.(1992). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 247 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Demenz Prävalenz der senilen Demenz vom Alzheimer Typ und der Alzheimer Demenz wird nach den Berechnungen von HAIDINGER et al. im Jahr 2010 bei den über 64­ Jährigen auf 760 Fälle, bei den über 84-Jährigen auf 301 Fälle pro 100.000 der Gesamtbevölkerung geschätzt. Im Jahr 2050 wird sie bei den über 64-Jährigen bereits auf 1.505 Fälle und bei den über 84-Jährigen auf 736 Fälle pro 100.000 der Gesamtbevölkerung ansteigen. 194 Grafik 5.73: Prognostizierte Entwicklung der Demenzerkrankungen(allgemein und insbesondere vom Typ Alz­ heimer) für über 64-Jährige und über 84-Jährige in Österreich bis 2010 und 2050 3.000 2.500 2.000 1.500 über 64-Jährige Demenz­ erkrankungen davon: senile Demenz (Alzheimer) 3.000 2.500 2.000 1.500 über 84-Jährige Prävalenz (Fälle pro 100.000 der Gesamtbevölkerung) 1.000 1.000 500 500 0 2010 2050 0 2010 2050 Quelle: HAIDINGER et al.(1992); gerundete Werte. Stationäre Aufenthalte Die zunehmende Bedeutung der Altersdemenz im letz­ ten Jahrzehnt wird unter anderem aufgrund der Spitals­ entlassungsstatistik deutlich. Im Jahr 2000 waren 1,1 Prozent der stationären Aufenthalte der Wohnbevölke­ rung Wiens und 0,7 Prozent jener Österreichs auf Al­ tersdemenz zurückzuführen. Insgesamt wurden für Wien 5.229 stationäre Aufenthalte(Männer 1.437, Frauen 3.795), für das gesamte Bundesgebiet 16.561 Aufenthalte(Männer 5.453, Frauen 11.108) mit der Hauptdiagnose Altersdemenz registriert. Das ent­ spricht in Wien einer rohen Rate von 187,7 stationären Aufenthalten pro 100.000 bei den Männern und 449,4 pro 100.000 bei den Frauen. Österreichweit war die ro­ he Rate mit 138,4 bei den Frauen und 266,4 bei den Männern niedriger als in Wien. Auch altersstandardi­ siert sind in Wien stationäre Aufenthalte aufgrund von Altersdemenz häufiger als im gesamten Bundesgebiet. Während die rohe Rate der stationären Aufenthalte aufgrund von Altersdemenz bei den Frauen deutlich höher als bei den Männern ist, besteht im altersstruk­ turbereinigten Vergleich kaum mehr ein Unterschied zwischen den Geschlechtern. Dies lässt darauf schlie­ ßen, dass zwar auch in Zukunft mehr Frauen als Män­ ner aufgrund von Altersdemenz stationär aufgenom­ men werden müssen, dass sich aber das Problem mit zunehmender Lebenserwartung auch bei den Männern verschärfen wird. Im Vergleich zu 1990 hat sich für die Wohnbevölke­ rung Wiens die alterstrukturbereinigte Rate stationärer Aufenthalte aufgrund von Altersdemenz bei den Män­ nern verdreifacht, bei den Frauen ist sie nicht ganz auf das Vierfache gestiegen. Für in Österreich wohnhafte Personen hat sie sich bei den Frauen mehr als verdop­ pelt, bei den Männern ist sie nicht ganz auf das Doppel­ te gestiegen. 194 HAIDINGER et al.(1992); zitiert nach Stadt Wien(1999), Wiener Männergesundheitsbericht, S. 216. 248 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Demenz Grafik 5.74: Stationäre Aufnahmen aufgrund von Altersdemenz(ICD-9/BMAGS<290, 331>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen im Jahr 2000(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten (pro 100.000) 160,0 140,0 120,0 100,0 138,1 125,7 94,0 96,1 Frauen Männer 80,0 60,0 40,0 20,0 0,0 Wien Österreich * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; die Berechnung basiert auf der Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Gedächtnisschwäche und Konzentrationsstörungen im Alter Studien belegen, dass Gedächtnisschwäche und Kon­ zentrationsstörungen mit zunehmendem Alter deutlich steigen. Von den 75-jährigen und älteren Befragten in Wien klagte ein Viertel der Männer(24,3 Prozent) und ein Fünftel der Frauen(21,3 Prozent) über Gedächtnis­ schwäche und Konzentrationsstörungen. Ob und inwieweit dem auch demenzielle Prozesse zugrunde lie­ gen, lässt sich nicht beantworten. Grafik 5.75: Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren(Privat­ haushalte) 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) 30 Männer Frauen 25 24,3 21,3 20 Prozent 15 10 5,2 5 0 2,4 16–24 3,3 3,2 25–44 6,7 4,8 45–59 Alter(Jahre) 9,2 8,3 60–74 75+ Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 249 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Demenz Konzentration und Gedächtnis lassen sich auch im Al­ ter trainieren. Gedächtnistrainingskurse für ältere Menschen sind zum Teil bereits Standardprogramm in den Heimen und den Institutionen der Erwachsenen­ bildung. Bisherige Studien konnten klar belegen, dass durch Gedächtnistraining und Konzentrationsübun­ gen wirksame Abhilfe geleistet und Abbauprozessen vorgebeugt werden kann. 195 Als besonders vorteilhaft erwies sich die Kombination von Gedächtnis- und Be­ wegungstraining. Auch in diesem Bereich ist Aufklä­ rung wichtig. Handlungsbedarf Prävention Das Alter ist einer der wenigen bekannten Risikofakto­ ren für die Alzheimer’sche Erkrankung. Mit Ausnahme von Gehirnverletzungen sind ihre Ursachen kaum zu verhindern. Die Symptome der Krankheit können je­ doch gelindert werden durch medikamentöse Therapie und verschiedene Formen der Beschäftigungstherapie bzw. des Umgangs mit den PatientInnen. Es scheint unwahrscheinlich, dass in absehbarer Zukunft die Risi­ kofaktoren reduziert werden können oder eine Heilung der Krankheit herbeigeführt werden kann. Daher ist auch keine signifikante Änderung in den Inzidenz-Ra­ ten der Alzheimer Erkrankung und verwandter De­ menzformen zu erwarten. Die Risikofaktoren für die vaskuläre Demenz sind die gleichen wie für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bzw. Schlaganfälle(Bluthochdruck, starkes Rauchen, Diabe­ tes, Übergewicht). Das Auftreten dieser Risikofaktoren ließe sich durchaus beeinflussen. Es wird vermutet, dass die Inzidenz der vaskulären Demenz aufgrund präventiver Maßnahmen seit einiger Zeit auch gesun­ ken ist. Dieser grundsätzlich positive Trend kann je­ doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zahl der PatientInnen aufgrund der Alterung der Bevölkerung dennoch weiter steigen wird. Diagnose und Therapie von Demenzerkrankungen Um das Fortschreiten der Erkrankung hinauszuschie­ ben, sind eine frühe Diagnose sowie eine früh einset­ zende Therapie(Medikamente, Gedächtnistraining, etc.) von großer Bedeutung. Spezialeinrichtungen wie zum Beispiel Gedächtnisambulanzen bieten wichtige Hilfestellungen in den Bereichen Diagnose, Beratung, Therapie und Behandlung von Demenzerkrankungen. Bedarf an institutioneller Hilfe Da die Zahl der Demenzkranken mit dem Anwachsen der älteren Bevölkerung beachtlich zunehmen wird, wird auch der Bedarf an institutioneller Hilfe für De­ menzpatientInnen steigen. Früher ging man von einer Dauer der Alzheimer’schen Erkrankung von etwa 7 bis 8 Jahren, der vaskulären Demenz von etwa 5 bis 6 Jahren aus. Mit der Verbesserung der allgemeinen Gesundheit von DemenzpatientInnen und aufgrund der verbesser­ ten Behandlungsmöglichkeiten ist heute zu erwarten, dass die Alzheimer Demenz im Durchschnitt etwa 10 Jahre und die vaskuläre Demenz etwa 8 Jahre dauert. Bei Demenz lässt sich(vor allem im fortgeschrittenen Stadium) eine Heimunterbringung kaum vermeiden. Allein Lebende, bei denen eine Demenzerkrankung auftritt, müssen bereits in Heimen untergebracht wer­ den, bevor sie regelmäßige Hilfe bei den Aktivitäten des täglichen Lebens brauchen. Die Stützung pflegender Angehöriger(durch Bereitstel­ lung ambulanter Dienste wie etwa Hauskrankenpflege, Heimhilfe, Beratungsangebote) kann helfen, dass De­ menzpatientInnen(zumindest eine Zeit lang) zu Hause gepflegt werden können. Entlastend für die Pflegenden sind kurzfristige Betreuungsmöglichkeiten(z. B. Kurz­ zeitpflege, Urlaubspflege, Tagesbetreuung). Eine zeitwei­ se Entlastung kann wesentlich dazu beitragen, die Insti­ tutionalisierung hinauszuschieben oder zu vermeiden. Qualifizierung des Personals im Umgang mit DemenzpatientInnen Vielversprechend in der Betreuung von Demenzkran­ ken ist der Einsatz von Validation – ein Ansatz, der von Noami FEIL in den USA entwickelt wurde. Validation ist einerseits eine grundsätzliche Haltung zum Phäno­ men der Verwirrtheit, andererseits eine konkrete Um­ gangsform mit Verwirrten und Demenzkranken. Vali­ dation zielt vor allem darauf ab, die hinter dem verwirr­ ten Verhalten liegenden Gefühle zu verstehen, wodurch es leichter gelingt, das Verhalten der Verwirrten, ihre Erlebens- und Sichtweise zu akzeptieren. Evaluations­ 195 OSWALD, RÖDEL(1995). 250 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Psychische Störungen: Demenz ergebnisse zeigen, dass Validation nicht nur für die Be­ troffenen, sondern auch für die BetreuerInnen Entlas­ tung bringt. 196 Beratung pflegender Angehöriger Ein Problem ist nicht nur der hohe Hilfebedarf von De­ menten, der vor allem mit dem Fortschreiten der Krankheit deutlich steigt. Schwierigkeiten entstehen oft durch falsches Verhalten der Angehörigen. Die Patien­ tInnen reagieren dann gereizt und aggressiv oder dep­ ressiv und ziehen sich zurück. 197 Helfen können hier Aufklärung und Beratung pflegender Angehöriger. Auch Selbsthilfegruppen leisten einen wichtigen Bei­ trag zur Bewältigung der Schwierigkeiten bei der Pflege von Demenzkranken. Forschung Forschungsbemühungen wären vermehrt auf die Ursa­ chen der Demenz, die Linderung der Symptome sowie die Verbesserung der Behandlung und vor allem auch auf die Unterstützung von DemenzpatientInnen zu richten. 196 WIEGELE et al.(1999). 197 ERMINI-FÜNFSCHILLING(1995). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 251 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane 5.5 Krankheiten der Atmungsorgane Zusammenfassung Nach Eigenangaben leiden von der Wiener Bevöl­ kerung ab 16 Jahren 4,5 Prozent der Männer und 4,2 Prozent der Frauen an chronischen Krankhei­ ten der Atmungsorgane. Dieser Prozentsatz steigt jedoch mit zunehmendem Alter. Vermutlich auf­ grund des höheren RaucherInnenanteils werden in Wien mehr stationäre Aufenthalte aufgrund von Krankheiten der Atmungsorgane verzeichnet als in Österreich. Ein Fünftel dieser Spitalsaufenthalte ist auf chronische Bronchitis zurückzuführen, mehr als 5 Prozent auf Asthma. Im Jahr 2001 sind in Wien 709 Personen(319 Män­ ner, 390 Frauen) an der Hauptdiagnose Krankhei­ ten der Atmungsorgane verstorben. Die Sterblich­ keit an Krankheiten der Atmungsorgane ist in den letzten beiden Jahrzehnten(insbesondere bei den Männern) deutlich gesunken. Die Mortalität an den unspezifischen Lungenerkrankungen(chroni­ sche Bronchitis, Emphysem und Asthma) ist dabei in Wien höher als in den anderen Bundesländern, bzw. im Osten Österreichs höher als im Westen. Er­ kennbar ist hier eine gewisse Parallele zur Präva­ lenz des Rauchens. Summary: Diseases of the respiratory organs According to data supplied by respondents, 4.5 per­ cent of Viennese males and 4.2 percent of Viennese females aged over 16 suffer from chronic diseases of the respiratory organs. However, this percentage in­ creases with the onset of age. It is probably due to the higher share of smokers that inpatient hospital stays due to diseases of the respiratory organs are more frequent in Vienna than in Austria as a whole. One fifth of these hospital stays is caused by chronic bronchitis; more than five percent by asth­ ma. In 2001, 709 persons(319 men, 390 women) died in Vienna as a result of diseases of the respiratory or­ gans. The mortality rate due to diseases of the respi­ ratory organs has markedly decreased over the past two decades(in particular for men). Mortality re­ lated to unspecific lung diseases(chronic bronchi­ tis, emphysema, and asthma) is higher in Vienna than in the other federal provinces; likewise, it is higher in the east of Austria than in the west. To a certain degree, this parallels the prevalence of smoking. Verbreitung Nach Eigenangaben leiden von der Wiener Bevölke­ rung ab 16 Jahren 4,5 Prozent der Männer und 4,2 Pro­ zent der Frauen an chronischen Krankheiten der At­ mungsorgane. Dieser Prozentsatz steigt bei den 75-Jäh­ rigen und Älteren auf 7,2 Prozent bei den Männern und 7,6 Prozent bei den Frauen. Von den Jugendlichen und jungen Erwachsenen(16 bis 24 Jahre) sind 1,6 Prozent der Männer und 3,5 Prozent der Frauen betroffen(siehe Grafik 5.76). Chronische Krankheiten der Atmungsorgane finden sich vermehrt bei Männern mit mittlerer und Frauen mit niedriger Bildung. Sie sind häufig mit niedriger Le­ bensqualität gekoppelt. 252 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane Grafik 5.76: Chronische Krankheiten der Atmungsorgane in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren (Privathaushalte) 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) Prozent 8,0 7,0 6,0 5,0 4,0 3,5 3,0 2,0 1,6 1,0 3,7 2,7 5,7 4,3 6,0 5,7 7,2 7,6 Männer Frauen Männer gesamt Frauen gesamt 0,0 16–24 25–44 45–59 Alter 60–74 75+ Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Stationäre Aufenthalte Die stationären Aufenthalte aufgrund von Krankheiten der Atmungsorgane zeigen eine leicht steigende Ten­ denz. Im Jahr 2000 waren Krankheiten der Atmungsor­ gane für je 7,1 Prozent der stationären Aufenthalte der in Wien und in Österreich wohnhaften Personen ver­ antwortlich, wobei es in Wien(gemessen an der stan­ dardisierten Rate) zu etwas mehr Aufenthalten als im gesamten Bundesgebiet kam(die standardisierte Rate war in Wien bei den Männern um 6,0 Prozent, bei den Frauen um 12,5 Prozent höher). Grafik 5.77: Stationäre Aufenthalte mit der Hauptdiagnose Krankheiten der Atmungsorgane(ICD-9/BMAGS <460–519>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen im Jahr 2000(standardisierte Raten* pro 100.000) 3.000,0 2.500,0 2.000,0 2.485,0 1.910,2 2.344,4 1.698,6 Frauen Männer 1.500,0 standardisierte Raten (pro 100.000) 1.000,0 500,0 0,0 Wien Österreich * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 253 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane Ein Fünftel(20,5 Prozent) der stationären Aufenthalte Atmungsorgane des Jahres 2000 waren durch chroni­ der Wiener Bevölkerung aufgrund von Krankheiten der sche Bronchitis bedingt, 5,4 Prozent durch Asthma. Tabelle 5.15: Stationäre Aufenthalte von in Wien wohnhaften Personen aufgrund von Krankheiten der Atmungsorgane(ICD-9/BMAGS<460–519>) im Jahr 2000 nach Geschlecht(absolut, in Prozent) Hauptdiagnose ICD-9/BMAGS Krankheiten der Atmungsorgane<460–519> darunter: chronische Bronchitis<490,491> Emphysem<492> Asthma<493> sonst. chron.-obstruktive Lungen-Kh.<494–496> Männer absolut% 18.101 100,0 3.770 240 812 172 20,8 1,3 4,5 1,0 Frauen absolut% 16.151 100,0 3.268 278 1.026 218 20,2 1,7 6,4 1,3 gesamt absolut% 34.252 100,0 7.038 518 1.838 390 20,5 1,5 5,4 1,1 Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Mortalität Im Jahr 2001 sind in Wien 709 Personen(319 Männer, 390 Frauen) an der Hauptdiagnose Krankheiten der At­ mungsorgane verstorben, das sind 0,4 Prozent der ins­ gesamt in Wien Verstorbenen. Im gesamten Bundesge­ biet kam es zu 3.914 Sterbefällen(0,5 Prozent der Ver­ storbenen). Altersstrukturbereinigt ist die Mortalität an Krankhei­ ten der Atmungsorgane bei den Männern in Wien etwas niedriger als im gesamten Bundesgebiet, bei den Frauen bestand kaum ein Unterschied. Die Sterblichkeit an Krankheiten der Atmungsorgane ist in Wien bei beiden Geschlechtern deutlich gesunken. Bei den Männern ist der Rückgang(ausgehend von einem höheren Niveau) jedoch deutlicher ausgeprägt als bei den Frauen. Grafik 5.78: Sterblichkeit aufgrund von Krankheiten der Atmungsorgane(ICD-9<460–519>) in Wien und Österreich 2001 nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 70,0 58,7 60,0 57,7 50,0 40,0 28,9 30,0 28,0 20,0 10,0 59,4 53,0 25,9 24,5 45,3 38,4 19,6 18,1 37,4 35,4 15,9 14,5 35,0 33,1 31,9 19,2 28,0 16,5 17,0 16,0 Österreich/Männer Wien/Männer Wien/Frauen Österreich/Frauen 0,0 1980 1985 1990 1995 2000 2001 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. 254 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane Die Mortalität an den unspezifischen Lungenerkran­ kungen(chronische Bronchitis, Emphysem und Asth­ ma) ist in Wien höher als in den anderen Bundesländern. Regional zeigt sich im Osten Österreichs eine höhere Sterblichkeit an unspezifischen Lungenerkran­ kungen als im Westen. Erkennbar ist hier eine gewisse Parallele zur Prävalenz des Rauchens. Grafik 5.79: Sterblichkeit an chronischer Bronchitis, Emphysem und Asthma(ICD-9<490-493>) 2001 nach Bundesländern(pro 100.000) 25,0 20,0 14,3 15,0 15,3 14,5 19,1 10,0 9,1 5,0 8,9 7,9 8,2 4,0 0,0 Burgen­ land Kärnten Nieder­ österreich Ober­ österreich Salzburg Steiermark Tirol Vorarlberg Wien Quelle: Statistik Austria. Etwa die Hälfte(50,2 Prozent) der in Wien 2001 an un­ spezifischen Lungenerkrankungen(Bronchitis, Em­ physem und Asthma) Verstorbenen waren Männer. Über 80 Prozent der Verstorbenen(Männer wie Frau­ en) waren 65 Jahre oder älter. Spezifika chronischer Erkrankungen der Atmungsor­ gane(Ursachen, Risikofaktoren, Epidemiologie) wer­ den im Folgenden am Beispiel der chronischen Bron­ chitis und des Asthmas dargestellt. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 255 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane: Bronchitis 5.5.1 Chronische Bronchitis Zusammenfassung Die chronische Bronchitis spielt aufgrund ihrer Verbreitung und ihrer Folgekrankheiten eine be­ deutende Rolle. Sie ist vorwiegend durch exogene Noxen(Tabakrauch) verursacht. Sie ist Ursache der chronisch obstruktiven Bronchitis und des ob­ struktiven Lungenemphysems. Die Raucherbron­ chitis verstärkt die Morbidität an wiederholten In­ fekten(vor allem bei rauchenden PatientInnen mit Asthma bronchiale) und steht in Zusammenhang mit dem Lungenkrebs. Im Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001 wurde in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren für chronische Bronchitis bei den Männern eine Le­ benszeitprävalenz von 5,3 Prozent, bei Frauen von 4,4 Prozent ermittelt. Männer sind demnach(unter anderem aufgrund des höheren Raucheranteils) häufiger von chronischer Bronchitis betroffen. Die Lebenszeitprävalenz nimmt mit dem Alter zu. Stationäre Aufenthalte mit der Hauptdiagnose chronische Bronchitis zeigen eine steigende Ten­ denz, vor allem bei den Frauen(vermutlich eine Auswirkung des vermehrten Rauchens). In der Todesursachenstatistik spielt chronische Bronchitis als solche eine eher untergeordnete Rol­ le. Meist sind es die Folgen der chronischen Bron­ chitis(wie z. B. Lungenemphysem, Lungenkrebs), die zum Tod führen. Der Entstehung der chronischen Bronchitis und ih­ rer Folgekrankheiten kann am besten durch Nicht­ rauchen sowie durch Verbesserung der Atemluft (Rauchverbote) vorgebeugt werden. Symptomori­ entierte medikamentöse und physikalische Thera­ pien sind nur zu Beginn der Erkrankung erfolg­ reich. Im fortgeschrittenen Stadium ist die chroni­ sche Bronchitis unheilbar, eine Lebensverlänge­ rung lässt sich am ehesten mittels SauerstoffLangzeittherapie erreichen. Summary: Chronic bronchitis Due to its widespread nature and sequelae, chronic bronchitis plays an important role amongst diseas­ es. Largely caused by exogenous noxae(tobacco smoke), it is the cause of chronic obstructive bron­ chitis and of obstructive pulmonary emphysema. Smoker’s cough intensifies morbidity from multiple infections(especially in smoking patients with bronchial asthma) and is related to lung cancer. The 2001 Vienna Health and Social Survey re­ vealed a lifetime prevalence for chronic bronchitis of 5.3 percent in men and 4.4 percent in women amongst Viennese residents aged over 16. Thus men are more frequently affected by chronic bron­ chitis than women(also due to the higher share of male smokers). Lifetime prevalence increases with age. Inpatient hospital stays based on a primary diagno­ sis of chronic bronchitis are on the increase, above all in women(probably an effect of the growing number of female smokers). In the cause-of-death statistics, chronic bronchitis as such plays a rather minor role. Mostly, it is the consequences of chronic bronchitis(e.g. pulmonary emphysema, lung cancer) that prove lethal. The emergence of chronic bronchitis and its seque­ lae may be best prevented by not smoking and by improving the ambient air(ban on smoking). Symptom-oriented drug and physical therapies are successful only in the first stages of the disease. In its advanced stages, chronic bronchitis is incurable; the patient’s life can best, if at all, be lengthened by means of long-term oxygen therapy. 256 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane: Bronchitis Einleitung Die chronische Bronchitis gehört(ebenso wie Asthma bronchiale und Emphysem) nach der ICD-9 zu den un­ spezifischen Lungenerkrankungen. Es handelt sich da­ bei um eine chronische Erkrankung der Atemwege, die (laut WHO) gekennzeichnet ist durch übermäßige Schleimproduktion im Bronchialbaum sowie andau­ ernden und immer wieder auftretenden Husten(mit oder ohne Auswurf) an den meisten Tagen von drei oder mehr aufeinanderfolgenden Monaten innerhalb von zwei Jahren. Die chronische Bronchitis ist eine typische Raucher­ krankheit, die großteils vermeidbar wäre. Die meisten starken Raucher mit einer„Raucherkarriere“ 198 von mehr als 10 Jahren haben eine chronische Bronchitis. Weitere Risikofaktoren sind Umweltschadstoffe(wie z. B. Schwefeldioxid), Arbeitsplatzbedingungen(orga­ nischer und anorganischer Staub bzw. chemische Sub­ stanzen) und genetische Faktoren. Bei der chronischen Bronchitis zu unterscheiden ist zwischen der nicht obstruktiven(einengenden) chroni­ schen Bronchitis(simple chronic bronchitis) und der chronisch obstruktiven Bronchitis mit Einengung des Bronchialbaums. Die einfache, nicht obstruktive chronische Bronchi­ tis entsteht durch Einatmen von Schadstoffen(Tabak­ rauch, Staub am Arbeitsplatz oder Luftverschmut­ zung). Rauchen kann die durch berufliche Exposition oder Luftbelastung bedingte chronische Bronchitis ver­ schlimmern. Die ständige Überlastung des Luftfilters Lunge führt langfristig zum Zusammenbruch des Selbstreinigungsmechanismus in den Bronchien, so­ dass es zu vermehrter Schleimsekretion sowie zur Ver­ minderung der Zellen, die der Entsorgung der eingeat­ meten Schadstoffe dienen, kommt. Eingeatmete Schad­ stoffe und Krankheitserreger können so ihre Wirkung stärker entfalten. Chronisches Husten(das vor allem in den frühen Morgenstunden auftritt) kann die Sekret­ entsorgung aus dem Bronchialbaum nur unvollkom­ men übernehmen. Die einfache chronische Bronchitis führt zu vermehrten Infektionen, auch das Risiko an Lungenentzündung zu sterben ist erhöht. Etwa 15 bis 20 Prozent der PatientInnen mit chroni­ scher Bronchitis entwickeln im Verlauf der Erkrankung eine obstruktive Ventilationsstörung. Ursache der chronisch obstruktiven Bronchitis ist eine chroni­ sche Entzündung der Bronchien. Diese führt zu Störun­ gen beim Gasaustausch in der Lunge, sodass es zu Sau­ erstoffmangel in den arteriellen Gefäßen kommt. Im weiteren Verlauf kann es zu Veränderungen der Lun­ genbläschen kommen(Emphysem), wodurch sich die für den Gasaustausch zur Verfügung stehende Oberflä­ che vermindert. Beide Mechanismen führen zu chro­ nisch obstruktiven Lungenbelüftungs- und Durchblu­ tungsstörungen mit nachfolgender Rechtsherzbelas­ tung. PatientInnen mit chronisch obstruktiver Bron­ chitis sterben vorwiegend an chronischer Rechtsherzbelastung, oft in Verbindung mit einem Versagen der Atemmuskulatur. Verbreitung Die chronische Bronchitis spielt aufgrund ihrer Ver­ breitung und ihrer Folgekrankheiten eine bedeutende Rolle. Im Mikrozensus 1999 gaben von der in Privat­ haushalten lebenden Bevölkerung in Wien 1,3 Prozent der Männer und 1,7 Prozent der Frauen„chronische Bronchitis, Lungenemphysem“ an. Österreichweit wa­ ren je 1,6 Prozent der Männer und Frauen betroffen. Die Lebenszeitprävalenz für chronische Bronchitis be­ trägt nach Eigenangaben(Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001) in Wien in der Bevölkerung ab 16 Jahren bei Männern 5,3 Prozent, bei Frauen 4,4 Pro­ zent. In beiden Fällen handelt es sich wohlgemerkt um subjektive Angaben, die nicht durch ärztliche Diagno­ sen validiert sind. Männer sind also(unter anderem aufgrund des höhe­ ren Raucheranteils) häufiger von chronischer Bronchi­ tis betroffen. Auch Befragungsergebnisse zu Bronchi­ tisbeschwerden in Deutschland verweisen, neben einer steigenden Tendenz, auf eine stärkere Betroffenheit von Männern. 199 198 Statistik Austria(Hrsg.)(2002b), Rauchgewohnheiten. 199 RKI, Gesundheitssurvey, zitiert nach Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 232. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 257 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane: Bronchitis Die Lebenszeitprävalenz für chronische Bronchitis nimmt im Alter zu und ist bei den Männern im hohen Alter von 75 und mehr Jahren sowie in der Altersgruppe zwischen 45 und 49 Jahren am höchsten. Bei den Frauen sind die 60- bis 74-Jährigen am meisten betrof­ fen. Zu untersuchen wäre, inwieweit hier kohortenspezifische Ausprägungen in den Rauchgewohnheiten eine Rolle spielen. Grafik 5.80: Chronische Bronchitis(Lebenszeitprävalenz) in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren (Privathaushalte) nach Alter und Geschlecht(in Prozent) 8,0 7,0 7,1 Männer 7,0 6,5 Frauen 6,0 4,9 5,8 5,4 Männer gesamt 5,6 Frauen gesamt 5,0 Prozent 4,0 3,7 3,0 2,8 2,0 1,0 0,0 16–24 2,6 25–44 45–59 Alter(Jahre) 60–74 75+ Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Am höchsten ist die Lebenszeitprävalenz der chroni- bei Frauen in den niedrigen Bildungsgruppen. schen Bronchitis bei Männern mit mittlerer Bildung, Grafik 5.81: Chronische Bronchitis(Lebenszeitprävalenz) in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren (Privathaushalte) nach Bildung und Geschlecht(in Prozent) 7,0 6,0 5,2 4,8 5,0 4,0 5,2 4,8 6,5 4,1 4,8 Männer Frauen Prozent 3,0 2,0 1,3 1,0 0,0 Pflichtschule Lehre mittlere Ausbildung höchste abgeschlossene Schulbildung Universität Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. 258 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane: Bronchitis Gesundheitliche Folgen Die einfache chronische Bronchitis führt zu einem relativ geringen Leidensdruck. Dieser beginnt erst mit der obs­ truktiven Bronchitis, also mit fortschreitender Atem­ wegseinengung. Eine weiter anhaltende intensive Be­ lastung führt zu Umbauprozessen in den Bronchien und der Lunge, wodurch es zu Atemnot bei Alltagsakti­ vitäten(Belastungsatemnot) und später zu Atemnot in Ruhe kommt. Folgekrankheiten der chronischen Bronchitis – wie Bronchialobstruktion, Lungenemphysem oder Lungen­ krebs – treten in der Regel erst in der zweiten Lebens­ hälfte auf. Eine Frühdiagnose wäre durch Erfassung der Atemwegsobstruktion und des Rauchverhaltens bei PatientInnen mit chronischen Bronchitissymptomen möglich. Die PatientInnen mit chronischer Bronchitis und Lungenkrebs sterben im Mittel im Alter von etwa 65 Jahren. densdruck nicht mehr beeinflussen; auch die Überle­ benschancen lassen sich trotz Therapie kaum mehr er­ höhen. Eine weitere Folge der chronischen Bronchitis ist die hohe Infektanfälligkeit. Virusinfektionen kön­ nen eine bestehende chronische Bronchitis erheblich verschlechtern, da sie die Reinigungsfunktionen der Bronchien weiter einschränken. Sehr häufig ver­ schlimmert sich die chronische Bronchitis in den Win­ termonaten. Stationäre Aufenthalte Im Jahr 2000 entfielen 1,2 Prozent der stationären Auf­ enthalte der in Wien und 1,0 Prozent der in Österreich wohnhaften Personen auf chronische Bronchitis. Ins­ gesamt wurden für die Wohnbevölkerung Wiens 7.038 stationäre Aufenthalte(Männer 3.770, Frauen 3.268) mit dieser Hauptdiagnose verzeichnet. In Österreich waren es insgesamt 23.233 stationäre Aufenthalte (Männer 13.408, Frauen 9.825). Da Rauchen Hauptursache der chronischen Bronchitis ist, haben viele PatientInnen mit chronischer Bronchi­ tis Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, wo­ durch sich die Symptome der Bronchial- und Lungen­ funktionsstörungen weiter verschlimmern. Bei Rau­ cherInnen, die im Alter zwischen 40 und 50 Jahren ih­ ren Zigarettenkonsum beenden, entwickelt sich der weitere Lungenfunktionsverlust wie bei Personen, die niemals geraucht haben. Wird das Rauchen jedoch erst bei Ruheatemnot eingestellt, lässt sich der Lei­ Pro 100.000(rohe Rate) waren für Wien 493,4 stationä­ re Aufenthalte von Männern und 387,0 von Frauen zu verzeichnen. In Österreich war die rohe Rate der statio­ nären Aufenthalte niedriger als Wien(Männer 340,2, Frauen 235,6). Sowohl in Wien als auch bundesweit sind stationäre Aufenthalte mit der Hauptdiagnose chronische Bron­ chitis seit 1990 gestiegen, in Wien jedoch(insbesonde­ re seit 1995) bei beiden Geschlechtern deutlicher. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 259 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane: Bronchitis Grafik 5.82: Stationäre Aufenthalte mit der Hauptdiagnose chronische Bronchitis(ICD-9/BMAGS<490, 491>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen im Jahr 2000 nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Rate (pro 100.000) 450,0 400,0 350,0 300,0 250,0 200,0 150,0 100,0 50,0 0,0 418,1 268,1 Wien 271,0 152,4 Frauen Männer Österreich * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Mortalität Nach Obduktionsstatistiken großer Kliniken haben 8 Prozent der verstorbenen Männer und 1 Prozent der verstorbenen Frauen eine chronisch obstruktive Bron­ chitis bei gleichzeitig mehr oder weniger ausgeprägtem Emphysem mit Cor pulmonale(Formwandel des Her­ zens durch Verengung der Lungenstrombahn). Dieser Anteil scheint sich weiter zu erhöhen. 200 In der Todesursachenstatistik spielt chronische Bron­ chitis als solche eine eher untergeordnete Rolle. Häufi­ ger sind es die Folgen der chronischen Bronchitis(wie z. B. Lungenemphysem, Lungenkrebs), die zum Tod führen. Im Jahr 2001 sind in Wien 70 Personen(24 Männer, 46 Frauen) an chronischer Bronchitis verstor­ ben, im gesamten Bundesgebiet waren es 360 Personen (179 Männer, 181 Frauen). Die rohe Sterbeziffer für chronische Bronchitis lag 2001 in Wien bei den Män­ nern bei 3,1 pro 100.000, bei den Frauen bei 5,5.(Öster­ reich: Männer 4,5; Frauen 4,3). Der Anteil der an chronischer Bronchitis Verstorbenen ging(anhand der standardisierten Sterbeziffern) in den letzten 20 Jahren deutlich zurück. Schwierig zu inter­ pretieren ist der Anstieg der Mortalität an chronischer Bronchitis bei den Frauen in Österreich zwischen 1980 und 1985. Möglicherweise wirkte sich hier die erhöhte Schadstoffbelastung am Arbeitsplatz in den 50er, 60er und auch noch 70er Jahren aus; es kann sich hier aber auch um eine zufällige Schwankung handeln. 200 Zitiert nach Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 232. 260 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane: Bronchitis Grafik 5.83: Sterblichkeit an chronischer Bronchitis(ICD-9<490, 491>) in Wien und Österreich seit 1980(5­ Jahresabstände) nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Rate pro 100.000 16,0 14,0 12,0 10,6 10,0 15,1 10,5 Österreich/Männer Wien/Frauen Wien/Männer Österreich/Frauen 8,0 8,9 6,0 3,8 4,0 2,0 2,6 0,0 1980 6,0 4,2 3,1 1985 4,0 3,2 2,5 1990 4,5 3,9 2,0 1,6 1995 3,8 2,9 3,4 2,2 2,1 1,8 2,0 1,5 2000 2001 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Prävention und Therapie Da Tabakrauchen die häufigste Ursache für chronische Bronchitis ist, ist Tabakabstinenz die wirksamste Prä­ vention. Der Verschlimmerung einer bestehenden chronischen Bronchitis aufgrund von Infektionen kann man durch regelmäßige Grippeschutzimpfungen vor­ beugen. Therapeutische Schwerpunkte zur Minderung von Bronchitisbeschwerden sind atemphysiotherapeuti­ sche Maßnahmen und Antibiotika beim Auftreten bak­ terieller Infekte. Es besteht jedoch nach wie vor ein er­ heblicher Forschungsbedarf auf dem Gebiet der chro­ nisch obstruktiven Atemwegserkrankungen. Viele der eingesetzten schleimlösenden Medikamente, die das Abhusten erleichtern sollen, sind in ihrer Wirkung um­ stritten; mehr Nutzen bieten medikamentöse Therapi­ en zur Erweiterung der Atemwege. Im fortgeschritte­ nen Stadium ist die chronische Bronchitis unheilbar, eine Lebensverlängerung lässt sich unter Umständen mittels Sauerstoff-Langzeittherapie erreichen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 261 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane: Asthma 5.5.2 Asthma Zusammenfassung Asthma ist eine chronische entzündliche Erkran­ kung der Atemwege, die sich durch pfeifende Atem­ geräusche, Kurzatmigkeit, Brustenge und Husten (vor allem in der Nacht und am frühen Morgen) bemerkbar macht. Zu unterscheiden sind das aller­ gische und nicht-allergische Asthma bronchiale. Eigenangaben zufolge waren von der Wiener Be­ völkerung ab 16 Jahren 3,4 Prozent der Männer und 3,0 Prozent der Frauen irgendwann in ihrem Leben von Asthma betroffen. Zum Zeitpunkt der Befragung gaben 2,1 Prozent der Männer und 2,8 Prozent der Frauen an, Asthma zu haben. Neben älteren Personen sind auch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene häufig betroffen. Unter so­ zioökonomischen Gesichtspunkten findet sich Asthma am häufigsten in der niedrigsten Einkom­ mensschicht. Dies kann unter anderem auf eine ungünstige Wohnsituation zurückzuführen sein. Summary: Asthma Asthma is a chronic inflammatory disease of the respiratory tract that is characterised by wheezing breathing, shortness of breath, stenothorax and coughing(above all during the night-hours and in the early morning). A distinction must be made be­ tween allergic and non-allergic bronchial asthma. According to data supplied by respondents, 3.4 per­ cent of Viennese males and 3.0 percent of Viennese females aged over 16 were affected by asthma at some point in their lives. 2.1 percent of male re­ spondents and 2.8 percent of female respondents re­ ported to suffer from asthma at the moment of the survey. In addition to elderly persons, children, ad­ olescents and young adults are likewise often afflict­ ed with asthma. Viewed from a socio-economic an­ gle, it is evident that asthma is most frequent in the lowest income bracket. This may be inter alia due to the unfavourable housing situation of this stratum of the population. Einleitung Asthma ist eine chronische entzündliche Erkrankung der Atemwege. Symptome sind pfeifende Atemgeräu­ sche, Kurzatmigkeit, Brustenge und Husten(vor allem in der Nacht und am frühen Morgen). Aufgrund der Entzündung reagieren die Atemwege auf eine Vielzahl von Reizen. Damit einher geht eine Atemwegsobstruk­ tion, bei der sich die Atemwege einengen. Diese kann sich entweder spontan oder nach medikamentöser Be­ handlung zurückbilden. Zu unterscheiden sind das allergische und nicht-all­ ergische Asthma bronchiale . Während ersteres(vor allem bei familiärer Disposition) in der Kindheit und Jugend aufgrund von Allergenbelastung auftritt, ma­ nifestiert sich das nicht-allergische Bronchialasthma in der Regel erst im Erwachsenenalter(ab 30 Jahren). Eine familiäre Vorbelastung ist bei dieser Form sel­ ten. 201 Zu Asthmaanfällen kann es durch körperliche Belas­ tung(Anstrengungsasthma), Überempfindlichkeit auf Hyperventilation(vermehrte Atmung ohne körperliche Belastung), Einnahme von Medikamenten(Analgeti­ ka-Asthma), durch das Einatmen von hyper- und hy­ poosmolaren Lösungen sowie durch Nebel kommen. Unter den Luftschadstoffen der Außenluft kann vor al­ lem Schwefeldioxid zu massiven Atemwegsverengun­ gen führen. Stickstoffdioxid beeinflusst die Lungen­ funktion zwar nur geringfügig, kann aber die allergenspezifische Empfindlichkeit erhöhen. Asthmatiker und unter Heuschnupfen Leidende können auch auf Ozon reagieren. Die Sterblichkeit bei Asthmatikern steigt, wenn an Vortagen die Luftverschmutzung besonders hoch war. 201 Vgl. dazu Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 227. 262 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane: Asthma Risikofaktoren Asthmatische Erkrankungen sind zu einem großen Teil genetisch bedingt und treten in Familien gehäuft auf. Wichtige Risikofaktoren für die spätere Entwicklung eines Asthma bronchiale sind der Kontakt mit dem Al­ lergen der Hausstaubmilbe und Passivrauchen in früher Kindheit. Als mögliche Asthma-Auslöser gelten auch die Beschaffenheit der Innenraumluft (feuchte Häuser, offene Gasherde, Luftbefeuchter). Erhöhte Luftfeuchtigkeit und Schimmel sind auch im Erwach­ senenalter Risikofaktoren. Asthmatische Beschwerden empfänglicher Kinder können sich durch Konfronta­ tion mit Allergenen(vor allem Tierepithelien) ver­ schlechtern. Verrauchte Räume können auch bei Er­ wachsenen negative Auswirkungen auf das Krankheits­ bild zeigen. Auch bestimmte Stoffe am Arbeitsplatz (z. B. Tierepi­ thelien, Mehle, Metalle oder hochkonzentrierte Gase und Dämpfe) können die Krankheit auslösen oder ein bestehendes Asthma verschlimmern. Gegenwärtig sind mehr als 200 Auslöser berufsbedingter asthmatischer Erkrankungen bekannt. Die Rolle der Ernährung ist noch nicht vollständig ge­ klärt. Stillen vermindert jedoch allergische Sensibilisie­ rungen und frühkindliche obstruktive Bronchitiden. Auch die eigenständige Bedeutung sozialer Faktoren ist nicht gesichert. Es wird vermutet, dass häufige In­ fekte in früher Kindheit das Risiko späterer allergi­ scher Atemwegserkrankungen senken(Stärkung des Immunsystems). Verbreitung und soziale Unterschiede Von der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren waren Ei­ genangaben zufolge 3,4 Prozent der Männer und 3,0 Prozent der Frauen irgendwann in ihrem Leben von Asthma betroffen(Lebenszeitprävalenz). Zum Zeit­ punkt der Befragung hatten 2,1 Prozent der Männer und 2,8 Prozent der Frauen Asthma(Punktpräva­ lenz). Ein einheitlicher Alterstrend ist in der Prävalenz von Asthma nicht zu sehen. Am häufigsten betroffen sind bei den Männern die 45- bis 59-Jährigen, bei den Frau­ en die 60-Jährigen und Älteren sowie die jungen Frauen zwischen 16 und 24 Jahren. Grafik 5.84: Asthma in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren(Privathaushalte) 1999–2001 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) Prozent 4,5 4,0 3,4 3,5 3,0 2,5 2,9 2,4 3,9 2,0 1,6 1,5 1,8 1,8 1,9 1,0 0,5 0,0 16–24 25–44 45–59 60+ Alter(Jahre) Männer Frauen Frauen gesamt Männer gesamt Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Asthma gilt als die häufigste chronische Erkrankung im Kindesalter. Es wird geschätzt, dass zwischen 5 und 15 Prozent aller Kinder davon betroffen sind, Knaben häufiger als Mädchen. Bei älteren Kindern ist der Ge­ schlechterunterschied geringer, im Erwachsenenalter überwiegt dann der Anteil erkrankter Frauen. Bei 30 Prozent der kindlich Erkrankten tauchen bereits Symp­ tome bis zum ersten Lebensjahr auf und bis zum fünf­ ten Lebensjahr entwickeln 80 bis 90 Prozent der Patien­ tInnen die Krankheit. Je später das erstmalige AuftauCHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 263 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane: Asthma chen ist, desto wahrscheinlicher ist eine allergische Komponente im Krankheitsgeschehen. 202 Unter sozioökonomischen Gesichtspunkten findet sich Asthma am häufigsten in der niedrigsten Einkom­ mensschicht(Männer 5,1 Prozent, Frauen 3,5 Prozent), am seltensten in der höchsten(Männer 0,8 Prozent, Frauen 1,8 Prozent). Ein Grund für das gehäufte Vor­ kommen in einkommensmäßig schlechter gestellten Schichten dürfte in den schlechteren Wohnverhältnis­ sen liegen, und zwar sowohl hinsichtlich Schadstoffex­ position als auch Qualität des Wohnraums. Grafik 5.85: Asthma in der Wiener Bevölkerung 1999–2001 nach Netto-Haushaltseinkommen/EÄ*(Personen ab 45 Jahren, Privathaushalte, in Prozent) 6,0 5,1 5,0 Frauen Männer Prozent 4,0 3,5 3,0 2,8 2,5 2,6 2,0 1,6 1,8 1,0 0,8 0,0 Schicht 1 Schicht 2 Schicht 3 Netto-Haushaltseinkommen/EÄ Schicht 4 * Netto-Haushaltseinkommen pro Erwachsenenäquivalent nach EU-Skala(in ATS): Schicht 1= bis 10.000,–; Schicht 2= bis 18.000,–; Schicht 3= bis 26.000,–; Schicht 4= über 26.000,– Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Asthma tritt bei Personen mit niedriger Lebensqualität nahezu doppelt so häufig auf wie bei Personen mit ho­ her. Allerdings kann sich auch ein bestehendes Asthma negativ auf die Lebensqualität auswirken. Zudem ha­ ben Personen mit einer Häufung negativer Lebens­ ereignisse nahezu doppelt so häufig Asthma wie jene, die von negativen Lebensereignissen weitgehend ver­ schont blieben. 203 ist schlechter, wenn in der Familie asthmatische Er­ krankungen vorhanden sind, gleichzeitig mit dem Asthma Allergien und Ekzeme auftreten, eine ausge­ prägte Symptomatik bei Krankheitsbeginn besteht, und entweder aktives Rauchen oder Passivrauchen der Fall ist. Bei den an Asthma erkrankten Erwachsenen kommt es nur selten zu einer Spontanheilung(die Wahrscheinlichkeit liegt unter 20 Prozent). Folgen für die Betroffenen Bei einem Großteil der von Asthma betroffenen Kinder vergehen die Beschwerden mit dem Heranwachsen. Doch selbst nach mehrjähriger Beschwerdefreiheit rea­ gieren die Atemwege überempfindlich. Circa ein Drittel der im Jugendalter beschwerdefrei gewordenen Asth­ matiker erleidet später einen Rückfall. 204 Die Prognose Stationäre Aufenthalte Im Jahr 2000 sind je 0,4 Prozent der stationären Auf­ enthalte der Wohnbevölkerung Wiens und Österreichs auf Asthma zurückzuführen. Die Zahl der stationären Aufenthalte mit Hauptdiagnose Asthma betrug in Wien 1.836(Männer 812, Frauen 1.026), in Österreich 8.271 (Männer 4.172, Frauen 4.099). Gemessen an der rohen 202 Zitiert nach medicine-worldwide.de 203 Stadt Wien(2002), Tabellenband zum Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey. 204 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 228. 264 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane: Asthma Rate haben in Wien Frauen häufiger stationäre Aufent­ halte aufgrund von Asthma als Männer(121,5 gegenü­ ber 106,3 pro 100.000), im gesamten Bundesgebiet ist es gerade umgekehrt(Männer 105,9, Frauen 98,3 pro 100.000). Altersstrukturbereinigt besteht jedoch in Wien kaum ein Unterschied zwischen den Aufnahme­ raten von Männern und Frauen, im gesamten Bundes­ gebiet ist die standardisierte Rate der stationären Auf­ enthalte bei den Frauen(ebenso wie die rohe Rate) niedriger als jene der Männer. Stationäre Aufenthalte aufgrund von Asthma sind bei den Männern in Wien und bei beiden Geschlechtern in Österreich im letzten Jahrzehnt gesunken. In Wien ist bei den Frauen(nach ebenfalls sinkender Tendenz zwischen 1990 und 1995) ein schwacher Anstieg zu verzeichnen. Grafik 5.86: Stationäre Aufenthalte mit der Hauptdiagnose Asthma(ICD-9/BMAGS<493>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen 1990, 1995, 2000(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 160,0 140,0 120,0 100,0 80,0 134,3 126,8 109,4 94,8 124,0 121,4 104,1 92,1 109,0 108,8 107,3 91,8 Wien/Frauen Wien/Männer Österreich/Männer Österreich/Frauen 60,0 40,0 20,0 0,0 1990 1995 2000 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Mortalität Die Auswirkung von Asthma auf die Sterblichkeit ist gering. Verglichen mit gleichaltrigen Gesunden versterben zur Zeit maximal 2 Prozent mehr Asthmatiker. 205 In Wien verstarben im Jahr 2001 44 Personen an Asthma(17 Männer, 27 Frauen), österreichweit waren es 185 Personen(92 Männer, 93 Frauen). Von den in Wien verstorbenen Männern waren 75,1 Prozent über 65 Jahre alt, von den Frauen 62,5 Prozent. 205 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 229. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 265 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane: Asthma Grafik 5.87: Sterbefälle an Asthma(ICD-9<430>) in Wien 2001 nach Alter und Geschlecht(in Prozent) 43,8% Männer 12,5% 12,5% 25–44 45–64 65–74 75+ 50,0% Frauen 0,0% 37,5% Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. 31,3% 12,5% Im Jahr 2001 waren in Wien bei den Männern 1,5 Ster­ befälle pro 100.000 zu verzeichnen, bei den Frauen wa­ ren es noch weniger(0,4 pro 100.000). Die standardi­ sierte Rate der Männer war annähernd mit jener in Ös­ terreich(1,4 pro 100.000) vergleichbar, bei den Frauen war sie in Österreich etwas höher(0,9 Sterbefälle pro 100.000). Während die Sterblichkeit an Asthma zwi­ schen 1980 und 1985 österreichweit bei beiden Ge­ schlechtern und in Wien bei den Männern noch gestie­ gen ist, ging sie seither(insbesondere bei den Män­ nern) deutlich zurück. Bei den Frauen war in Wien zwi­ schen 1990 und 2000 ein Anstieg zu beobachten, 2001 war die Sterberate der Frauen jedoch wieder rückläufig. Da es sich in Wien jedoch um sehr wenige Sterbefälle handelt, sind zufallsbedingte Schwankungen nicht aus­ zuschließen. Grafik 5.88: Sterblichkeit an Asthma(ICD-9<493>) in Wien und Österreich seit 1980(5-Jahresabstände) nach Geschlecht(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Raten pro 100.000 8,0 7,0 6,1 6,0 5,0 4,3 4,0 3,0 3,0 2,0 2,3 1,0 0,0 1980 7,5 5,6 3,0 3,0 1985 5,1 2,8 1,9 1,3 1990 3,6 2,7 1,6 1,5 1995 1,7 1,6 1,6 1,0 1,5 1,4 0,9 0,4 2000 2001 Wien/Männer Österreich/Männer Österreich/Frauen Wien/Frauen * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Prävention, Therapie und Rehabilitation Vorbeugung ist bei Asthma besonders wichtig, da et­ wa die Hälfte aller asthmatischen Erkrankungen bei Be­ rücksichtigung des vorhandenen Wissens über Risiko­ faktoren(wie Kontakt mit dem Allergen der Haus­ staubmilbe und Passivrauchen im frühen Kindesalter) vermieden werden könnten. Die Komplexität des Krankheitsbildes erfordert eine differenzierte fachärztliche Diagnose und Therapie . Es hat sich gezeigt, dass unter Berücksichtigung des subjektiven Krankheitsempfindens der Betroffenen und grober klinischer Parameter(Anamnese, Abhör­ befund) der Schweregrad der Krankheit häufig unter­ schätzt wird. Der objektive Zustand lässt sich durch wiederholte Lungenfunktionsuntersuchungen abklä­ 266 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Krankheiten der Atmungsorgane: Asthma ren. Eine ausreichend lange medikamentöse Behand­ lung kann verhindern, dass sich die Krankheit akut ver­ schlimmert und PatientInnen ambulant notfallbehan­ delt bzw. ins Krankenhaus aufgenommen werden müs­ sen. Die National Institutes of Health(Bethesda/USA) stell­ ten 1995 einen Asthma-Managementplan auf, der fol­ gende Schritte umfasst: 1. Aufklärung und Instruierung der PatientInnen(um ihre aktive Beteiligung am Asthma-Management zu sichern) 2. Ermittlung und Beobachtung des Schweregrads der asthmatischen Erkrankung(Erfassung der Symp­ tomatik und Messung der Lungenfunktion) 3. Vermeidung bzw. Kontrolle der Asthmaauslöser (nichtpharmakologische Sekundärprävention) 4. Erarbeitung von Behandlungsplänen für die Lang­ zeitbehandlung 5. Erarbeitung von Plänen zur Behandlung von Ver­ schlimmerungen sowie 6. regelmäßige Nachsorge Die optimierte Rehabilitation(unter fachärztlicher Be­ treuung oder in spezialisierten Fachkliniken) gilt als wichtiger Bestandteil eines modernen Asthma-Ma­ nagements. Ziel der Rehabilitation ist es, durch Verbes­ serung der Atemfunktion, die Selbständigkeit der Pati­ entInnen zu erhalten, die Fortsetzung der beruflichen Tätigkeit zu sichern bzw. bei Bedarf die Grundlage für eine Umschulung zu legen. Wichtig ist die Stärkung der Kompetenz der PatientInnen im Umgang mit der Krankheit. Dazu bedarf es einer angemessenen medi­ kamentösen, physikalischen, Bewegungs- und Physio­ therapie, vor allem aber der PatientInnenschulung. dem vermuten, dass Asthma nicht ausreichend thera­ piert wird. Nicht adäquate Therapie gilt als eigenstän­ diger Risikofaktor für die Asthmasterblichkeit. Ob und inwieweit auch in Wien bzw. Österreich solche Defizite bestehen, wäre durchaus untersuchenswert. Erste Auf­ schlüsse könnte ein Sterblichkeitsvergleich mit ande­ ren Ländern bringen. Um die Inzidenz von und die Sterblichkeit an Asthma zu senken, ist es notwendig, die bestehenden präventi­ ven Möglichkeiten für das Auftreten und die Ver­ schlimmerung der Krankheit zu nutzen, den Wissens­ stand bei nicht pneumologisch ausgebildeten ÄrztIn­ nen und PatientInnen zu verbessern und die Forschung in Epidemiologie, Pathogenese, Diagnostik und Thera­ pie der Erkrankung voranzutreiben. Therapieformen bei Kindern und Jugend­ lichen Um einer Verschlechterung des Krankheitsbildes im Erwachsenenalter vorzubeugen, bedürfen chronische Krankheiten im Kindesalter besonders sorgfältiger Behandlung. Neben der Behandlung der Symptome müssen die Kinder lernen, mit ihrer Krankheit richtig umzugehen, um ein möglichst normales und be­ schwerdefreies Leben führen zu können. Zu diesem Zweck veranstaltet das Österreichische Jugendrot­ kreuz(ÖJRK) jedes Jahr in den Sommerferien Thera­ piecamps für asthmakranke Kinder und Jugendliche. Unbeschwertes Spielen und Spaß mit Gleichaltrigen und beste medizinische Betreuung sollen dazu beitra­ gen, dass die Krankheit für einige Wochen zur Nor­ malität wird und die Kinder körperlich und psychisch gestärkt werden. Handlungsbedarf Untersuchungen in Deutschland zeigen, dass Asthma im Primärbereich häufig unterschätzt wird. Der Ver­ gleich der Therapiekosten nach den Empfehlungen der internationalen Konsensus-Konferenz zur Diagnose und Behandlung des Asthmas aus dem Jahr 1993 mit den Angaben der deutschen Atemwegsliga lässt außer­ Im Rahmen des Asthmacamps wird neben Atemthera­ pie ein vielfältiges Sportprogramm geboten. Sportliche Betätigung stärkt die Lungen und verbessert die Kon­ dition. Das Risiko von Asthma-Anfällen verringert sich. Die professionelle Betreuung durch Fachleute stellt sicher, dass Kinder und Jugendliche lernen, die eigenen körperlichen Grenzen am Therapiecamp aus­ zuloten. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 267 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten 5.6 Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten Zusammenfassung Zu den Ernährungs- und Stoffwechselkrankhei­ ten zählen insbesondere Diabetes mellitus, Krankheiten der Schilddrüse, Mangelernährung, Adipositas und Stoffwechselstörungen. Nach Ei­ genangaben sind in Wien 3,4 Prozent der Männer und 4,0 Prozent der Frauen von chronischen Er­ nährungs- und Stoffwechselkrankheiten betrof­ fen; dieser Anteil ist jedoch bei älteren Menschen deutlich höher. Jährlich werden in Wien rund 400 Todesfälle durch diese Krankheitsgruppe verur­ sacht. Da es sich jedoch sehr häufig um Begleiter­ krankungen handelt, wird das tatsächliche Aus­ maß in der Statistik bei weitem unterschätzt. Die bedeutendste Krankheit innerhalb dieser Gruppe ist der Diabetes mellitus(Zuckerkrankheit). Summary: Nutritional and metabolic diseases The group of nutritional and metabolic diseases mainly comprises diabetes mellitus, diseases of the thyroid gland, malnutrition, adiposity and meta­ bolic disorders. According to data supplied by the respondents, 3.4 percent of men and 4.0 percent of women in Vienna suffer from chronic nutritional and metabolic diseases, although this share is markedly higher in elderly persons. Every year, ap­ prox. 400 deaths are caused in Vienna by this group of diseases. However, since these are very often as­ sociated diseases, their actual extent is largely ne­ glected by the statistics. The most important disease within this group is diabetes mellitus. Definition und Verbreitung Nach Eigenangaben sind in Wien 3,4 Prozent der Män­ ner und 4,0 Prozent der Frauen von chronischen Er­ nährungs- und Stoffwechselkrankheiten betroffen, die­ ser Anteil ist jedoch bei älteren Menschen deutlich hö­ her. 206 Zu den Ernährungs- und Stoffwechselerkrankungen zählen nach der ICD-9(International Classification of Diseases) ● Diabetes mellitus(Zuckerkrankheit) ● Krankheiten der Schilddrüse ● sonstige Störungen der Blutglukose-Regulation und der inneren Sekretion des Pankreas(Bauch­ speicheldrüse) ● Krankheiten sonstiger endokriner Drüsen ● Mangelernährung und sonstige ernährungsbeding­ te Mangelzustände ● Adipositas(Fettsucht) und sonstige Überernäh­ rung sowie ● Stoffwechselstörungen Die bedeutendste Krankheit dieser Gruppe ist der Dia­ betes mellitus. Ernährungs- und Stoffwechselkrankhei­ ten finden sich, bedingt durch die dominierende Rolle des Typ-2-Diabetes(ehemals„Altersdiabetes“), ver­ mehrt bei Frauen und älteren Menschen. 207 Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten verursach­ ten im Jahr 2000 in der Wohnbevölkerung Wiens 3,7 Prozent der stationären Aufenthalte bzw. insgesamt 17.850 Behandlungsfälle . In Österreich waren im Jahr 2000 2,8 Prozent aller Neu­ zugänge an Pensionen der geminderten Arbeitsfähig­ keit bzw. der dauernden Erwerbsunfähigkeit(bzw. 506 Neuzugänge) durch Ernährungs- und Stoffwechsel­ krankheiten bedingt. 208 Aufgrund des hohen Anteils äl­ terer Betroffener führen Ernährungs- und Stoffwech­ selkrankheiten vergleichsweise selten zur Beeinträchti­ gung der beruflichen Tätigkeit. Im Jahr 2001 waren 0,6 Prozent aller Krankenstandsfälle und 1,1 Prozent al­ ler Krankenstandstage der Versicherten der Wiener Gebietskrankenkasse durch Diabetes bedingt. 209 206 Vgl. dazu Stadt Wien(2002), Tabellenband zum Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, S. 66. 207 Stadt Wien(2002), Tabellenband zum Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, Band 1. 208 Ohne Versicherungsanstalt des österreichischen Notariats. 268 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten führten im Jahr 2001 in Wien zu 404 Todesfällen , das sind 2,4 Prozent aller Todesfälle in Wien. Allerdings wird die Mortalität aufgrund von Ernährungs- und Stoffwech­ selkrankheiten in der Todesursachenstatistik, die nur das Grundleiden ausweist, unterschätzt, da sich die häufigste Krankheit innerhalb dieser Krankheitsgrup­ pe, der Diabetes mellitus, deutlich auf die Herz-Kreis­ lauf-Mortalität(Herzinfarkt, Schlaganfälle, etc.) aus­ wirkt. In Wien ist die Mortalität an Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten höher als im gesamten Bun­ desgebiet. Während in Wien 2001 altersstrukturberei­ nigt pro 100.000 15,5 Sterbefälle von Männern und 10,2 von Frauen zu verzeichnen waren, sind im gesamten Bundesgebiet pro 100.000 11,1 Männer und 8,5 Frauen an Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten gestor­ ben(nicht eingerechnet ist hier, wie betont, die diabe­ tesbedingte Herz-Kreislauf-Mortalität). Im Folgenden sei auf die häufigste(chronische) Er­ krankung innerhalb der Krankheitsgruppe der Ernäh­ rungs- und Stoffwechselerkrankungen, nämlich auf den Diabetes mellitus, näher eingegangen. 209 Es handelt sich hier um 4.278 Krankenstandsfälle(Männer 2.165, Frauen 2.113) und 96.504 Krankenstandstage(Männer 47.492, Frauen 48.522). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 269 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten 5.6.1 Diabetes mellitus(Zuckerkrankheit) Zusammenfassung Der Diabetes mellitus ist innerhalb der Gruppe der Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten die so­ zialmedizinisch bedeutendste chronische Krank­ heit. Neben den Haupttypen(Diabetes vom Typ 1 und 2) werden mehrere Sonderformen unterschie­ den. Die Prävalenz von Diabetes mellitus wird in den westlichen Industrienationen gegenwärtig auf 4–5 Prozent geschätzt, wobei der Hauptanteil auf Dia­ betes vom Typ 2(früher„Altersdiabetes“) entfällt und ca. 10 Prozent auf Diabetes vom Typ 1. In Wien wären dies ca. 64.000 bis 80.000 Betroffene. Nach den Ergebnissen des Wiener Gesundheits­ und Sozialsurveys leiden in Wien von den Perso­ nen ab 16 Jahren 3,4 Prozent der Männer und 4,3 Prozent der Frauen an Diabetes mellitus. Zu rech­ nen ist jedoch mit einer gewissen Dunkelziffer, bei denen Diabetes noch nicht als Erkrankung diagno­ stiziert wurde. Frauen sind(aufgrund ihres höheren Alters) häufi­ ger als Männer von Diabetes mellitus betroffen. Die Prävalenz der Zuckerkrankheit nimmt im Alter deutlich zu, vorwiegend zurückzuführen auf das vemehrte Auftreten des Diabetes mellitus vom Typ 2. Im Jahr 2000 waren 2,2 Prozent der stationären Aufenthalte der Wohnbevölkerung Wiens auf Dia­ betes mellitus zurückzuführen. Diabetes wird je­ doch in der Statistik sowohl in seiner Bedeutung hinsichtlich stationärer Aufenthalte als auch als Todesursache bei weitem unterschätzt. International ist eine Zunahme der Erkrankungen an Diabetes mellitus zu beobachten, vor allem die Zahl der Typ-2-Diabetiker(ehemals„Altersdiabe­ tes“) steigt rasant. Die Weltgesundheitsorganisati­ on(WHO) geht davon aus, dass die Zahl der Diabe­ tes-Kranken(vor allem jener vom Typ 2), auch in Zukunft weiter steigen wird. Summary: Diabetes mellitus Within the group of nutritional and metabolic dis­ eases, diabetes mellitus is the chronic disease with the gravest socio-medical consequences. In addition to the main types of diabetes(type 1 and type 2), several special types can be distinguished as well. At the moment, the prevalence of diabetes mellitus in western industrialised countries is estimated at 4 to 5 percent, with the main share attributable to type 2 diabetes(formerly called“maturity-onset di­ abetes”) and only approx. 10 percent due to type 1 diabetes. In Vienna, this would correspond to ap­ prox. 64,000 to 80,000 persons. The Vienna Health and Social Survey revealed that 3.4 percent of men and 4.3 percent of women living in Vienna aged over 16 suffer from diabetes mellitus. However, a certain number of unrecorded cases, where diabetes has not yet been diagnosed, is likely. Due to their higher average age, women are more often affected by diabetes mellitus than men. The prevalence of diabetes increases markedly with age, which is above all due to the growing frequency of type 2 diabetes. In 2000, 2.2. percent of all inpatient hospital stays of Viennese residents were caused by diabetes melli­ tus. However, diabetes is by far underrated in the statistics with respect to its significance both for in­ patient hospital stays and as a cause of death. Internationally speaking, the number of diabetes mellitus cases is increasing; above all, the preva­ lence of type 2 diabetes(formerly called“maturity­ onset diabetes”) is on a dramatic rise. The World Health Organization(WHO) assumes that the number of persons suffering from diabetes(above all type 2 diabetes) will continue to rise in the fu­ ture. 270 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten Einleitung Der Diabetes mellitus(Zuckerkrankheit) ist die sozialmedizinisch bedeutendste chronische Krankheit inner­ halb der Gruppe der Ernährungs- und Stoffwechsel­ krankheiten. Es handelt sich dabei um Störungen des Glukose(=Traubenzucker)stoffwechsels, die eine dau­ erhafte Erhöhung der Zuckerkonzentration im Blut (Hyperglykämie) bewirken. Dafür können verschiedene Ursachen verantwortlich sein: Während beim Typ-1-Diabetes kein eigenes In­ sulin mehr gebildet wird(absoluter Insulinmangel), ist beim Typ-2-Diabetes zwar genügend Insulin vorhan­ den, dieses kann aber entweder nicht in ausreichender Menge freigesetzt werden oder seine volle Wirksamkeit an den Körperzellen nicht entfalten(relativer Insulin­ mangel). Das Hormon Insulin wird in der Bauchspei­ cheldrüse gebildet und nimmt eine zentrale Rolle in der Regulation des menschlichen Stoffwechsels, vor allem aber des Glukosestoffwechsels ein. 210 das Risiko auf etwa 10 bis 25 Prozent. Geschwister von diabetischen Kindern haben ein eigenes Erkrankungs­ risiko von mindestens 10 Prozent. Eine Heilung des Typ-1-Diabetes ist nicht möglich, die Erkrankung kann nur symptomatisch behandelt werden. Ursache des Typ-2-Diabetes ist eine angeborene oder erworbene Unempfindlichkeit gegenüber Insulin(= Insulinresistenz), die aufgrund schlechter Ernäh­ rungsgewohnheiten(ständige übermäßige Nahrungs­ zufuhr) hervorgerufen wird. Dadurch kommt es zu ei­ nem chronischen Überangebot an Glukose im Blut und einem ständig erhöhten Insulinspiegel, wodurch Sensibilität und Anzahl der Insulinrezeptoren an den Körperzellen sinken. Das freigesetzte Insulin reicht nicht mehr aus, den Glukoseüberschuss abzubauen, d. h. es kommt zu einem relativen Insulinmangel, neues Insulin muss freigesetzt werden. Die lang an­ haltende vermehrte Beanspruchung der Inselzellen führt schließlich zu ihrer Erschöpfung und damit zum Diabetes mellitus. Auch von der Entstehung her handelt es sich beim Di­ abetes vom Typ 1 und 2 um unterschiedliche Erkran­ kungen. Beim Typ-1-Diabetes , der in der Regel in ei­ nem frühen Alter beginnt(er wurde früher auch als ju­ veniler[=jugendlicher] Diabetes bezeichnet), handelt es sich um eine Art Autoimmunerkrankung, die durch Erbfaktoren und Virusinfektionen begünstigt wird. Auslösende Viren sind vor allem Masern-, Mumpsund Grippeviren. Solche Virusinfekte können bei prä­ disponierten Personen zu einer Autoimmunreaktion führen, bei der Antikörper gegen körpereigenes Gewe­ be, in diesem Fall gegen die Inselzellen des Pankreas, gebildet werden. Die Erkrankung tritt erst in Erschei­ nung, wenn etwa 80 Prozent dieser Zellen zerstört sind. Der Krankheitsprozess schreitet fort, bis alle Inselzellen zerstört sind und kein Eigeninsulin mehr produziert werden kann. Beim Typ-1-Diabetes liegt von Anfang an ein echter(absoluter) Insulinmangel vor. Eine Besse­ rung der Symptome ist daher nur durch Verabreichung von Insulin möglich. Der Typ-1-Diabetes wird mit ei­ ner Wahrscheinlichkeit von 3 bis 5 Prozent von der Mutter oder dem Vater auf die nachfolgende Genera­ tion vererbt. Sind beide Eltern Typ-1-Diabetiker, steigt Neben dem klassischen Typ 1 oder 2 gibt es noch meh­ rere Sonderformen des Diabetes : ● LADA (latent autoimmune diabetes with adult on­ set) ist eine Sonderform des Typ-1-Diabetes, die je­ doch später als der übliche Typ-1-Diabetes auftritt. Ebenso wie beim Typ-1-Diabetes besteht auch hier ein absoluter Insulinmangel, im Serum sind Auto­ antikörper gegen Inselzellbestandteile nachweis­ bar. ● MODY (maturity onset diabetes of the young) be­ ruht auf einem genetischen Defekt der Beta-Zelle. Diese Sonderform manifestiert sich typischerweise im Kindes- oder frühen Erwachsenenalter bei Nor­ malgewichtigen und betrifft etwa zwei Prozent aller DiabetikerInnen. Diabetesspezifische Autoantikör­ per lassen sich nicht nachweisen. Typisch ist bei den erstgradig Verwandten einer Familie die Verer­ bung über drei Generationen. ● Auch Bauchspeicheldrüsenerkrankungen, Infektio­ nen oder Schädigungen durch Medikamente kön­ nen zu einem Diabetes führen. Der pankreoprive Diabetes wird sekundär durch eine Schädigung der Bauchspeicheldrüse hervorgerufen. Dadurch 210 Da für alle Diabetesformen eine Insulintherapie notwendig werden kann, wurde die früher gebräuchliche Einteilung in IDDM(insulin dependent diabetes mellitus) und NIDDM(non insulin dependent diabetes mellitus) aufgegeben. Auch die Unterteilung des Diabetes Typ 2(früher Typ II) nach dem Vorliegen einer Übergewichtigkeit(Typ IIa= ohne Adipositas, Typ IIb= mit Adipositas) ist nicht mehr gebräuchlich. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 271 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten kommt es zu einem sekundären Mangel an Insulin und damit zu einer diabetischen Stoffwechsellage. Eine Insulintherapie ist erforderlich. Ursachen für einen kompletten Ausfall der Bauchspeicheldrüse können eine Bauchspeicheldrüsenentzündung (=Pankreatitis) aufgrund von chronischem Alko­ holmissbrauch oder Gallensteinen sein oder Bauch­ speicheldrüsengeschwülste(Tumoren), bei denen die Bauchspeicheldrüse operativ entfernt werden muss. ● Auch die besonderen hormonellen Bedingungen der Schwangerschaft können einen Diabetes melli­ tus auslösen. Der Gestationsdiabetes verschwin­ det jedoch nach der Entbindung meist wieder, tritt aber im höheren Alter oft erneut und dauerhaft auf. Betroffen sind ca. fünf Prozent aller Schwangeren. Ein bestehender, schlecht eingestellter Diabetes mellitus kann ebenso wie ein schlecht behandelter Gestationsdiabetes zu negativen Auswirkungen auf das ungeborene Kind führen(erhöhte Fehlgebur­ tenrate, erhöhte Sterblichkeit des Kindes, erhöhtes Geburtsgewicht, vergrößerte, aber unreife innere Organe, die Neigung zum Abfallen des Blutzuckers und verringerte Kalziumwerte im Blut). absoluten Insulinmangels oft bereits bei der Erstmani­ festation zu verschiedenen Komplikationen. Verbreitung International ist eine Zunahme der Erkrankungen an Diabetes mellitus zu beobachten, vor allem die Zahl der Typ-2-Diabetiker(ehemals„Altersdiabetes“) steigt ra­ sant. Gründe für die Zunahme sind der vermehrte Wohlstand, der die Entstehungsfaktoren von Diabetes (wie Übergewichtigkeit, Bewegungsmangel) begüns­ tigt, die steigende Lebenserwartung, die Tatsache, dass Diabetes durch Screening heute früher entdeckt wird, sowie die bessere medizinische Versorgung, die zur Er­ höhung der Lebenserwartung von DiabetikerInnen führt. Die Weltgesundheitsorganisation(WHO) geht davon aus, dass die Zahl der Diabetes-Kranken(vor allem je­ ner vom Typ 2), auch in Zukunft weiter steigen wird. Laut WHO leiden derzeit weltweit 135 Millionen Men­ schen an Diabetes mellitus, bis zum Jahr 2025 wird ein Ansteigen der Zahl der Betroffenen auf 300 Millionen prognostiziert. 211 Symptome Symptome eines manifesten Diabetes sind starker Durst, Müdigkeit, vermehrtes Wasserlassen, Juckreiz, Heißhunger, Sehstörungen und Infektanfälligkeit. Die­ se Symptome können sowohl einzeln als auch in Kom­ bination je nach Ausprägung und Dauer des vorhande­ nen Insulinmangels mehr oder weniger stark vorhan­ den sein. Der Typ-2-Diabetes verläuft zu Beginn häufig völlig be­ schwerdefrei und wird daher oft nur„zufällig“ bei Rou­ tineuntersuchungen entdeckt. Viele PatientInnen mit Typ-2-Diabetes haben so geringe Beschwerden, dass sie keinen Arzt aufzusuchen. Auch beim Typ-1-Diabe­ tes dauert es oft Monate bis zum Auftreten der ersten Symptome. Sie sind allerdings in der Regel heftiger als beim Diabetes vom Typ 2. So kommt es aufgrund des Laut WHO beträgt die Prävalenz des Diabetes mellitus in den westlichen Industrienationen gegenwärtig fünf Prozent. In Deutschland wird die Prävalenz auf 4–5 Prozent geschätzt(darunter ca. 10 Prozent Typ-1-Dia­ betes). 212 In Wien wären dies 64.000 bis 80.000 Perso­ nen. 213 Neuere Expertenschätzungen gehen für Öster­ reich von einer Prävalenz von 5 bis 7 Prozent bzw. ca. 500.000 Betroffenen aus. Etwa 90 Prozent der Diabeti­ kerInnen erkranken erst im Laufe des mittleren bzw. höheren Lebensalters(Typ-2-Diabetes,„Altersdiabe­ tes“). 214 Nach den Ergebnissen des Wiener Gesundheits- und Sozialsurveys leiden in Wien von den Personen ab 16 Jahren 3,4 Prozent der Männer und 4,3 Prozent der Frauen an Diabetes mellitus. 215 Im Mikrozensus 1999, wo keine Alterseingrenzung vorgenommen wurde, ga­ ben von der in Privathaushalten lebenden Bevölkerung 211 WHO(1997). 212 Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 238. 213 Stadt Wien(1997), Gesundheitsbericht für Wien 1997, S. 59. 214 Vgl. dazu G. SCHERNTHALER, www.austria.com. Allerdings gibt es auch im Hinblick auf die Anteile der Typ-1- und Typ-2-Diabetes variierende Angaben. 215 Stadt Wien(2001), Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, S. 202 f. 272 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten in Wien 2,7 Prozent der männlichen und 2,9 Prozent der weiblichen Bevölkerung Zuckerkrankheit an. Auf­ grund des Auswahlverfahrens(Privathaushalte) dürfte hier allerdings das Problem etwas unterschätzt sein, da in Wien der Anteil der in Pensionisten- und Pflegehei­ men lebenden älteren Menschen(vorwiegend Frauen) relativ hoch ist. Zu rechnen ist außerdem mit einer gewissen Dunkelzif­ fer, da es viele Betroffene gibt, bei denen der Diabetes noch nicht so ausgeprägt ist, dass er bereits als Erkran­ kung diagnostiziert wurde. Im Rahmen einer neueren Studie in der Region Augsburg, bei der in den Jahren 1999–2001 ca. 1.300 nach dem Zufallsprinzip ausge­ wählte Personen zwischen 55 und 74 Jahren getestet wurden, wurde bei 8,2 Prozent der Studienteilnehme­ rInnen ein bislang unbekannter Diabetes mellitus diag­ nostiziert. Der bislang unentdeckte Diabetes mellitus war in dieser Altersgruppe genau so häufig wie der be­ reits diagnostizierte(8,4 Prozent). Auch zeigte sich, dass bereits mittels einfacher Messung des morgendli­ chen Nüchternblutzuckers etwa 60 Prozent der uner­ kannten Erkrankungsfälle diagnostiziert werden könn­ ten. 216 Frauen erkranken insgesamt häufiger als Männer an Diabetes mellitus. Ein Grund für den Geschlechtsunter­ schied ist die höhere Lebenserwartung der Frauen. Die Prävalenz der Zuckerkrankheit nimmt im Alter deut­ lich zu. Während in Wien von jüngeren Personen(bis 44 Jahre) weniger als 1 Prozent betroffen sind, sind von den 45- bis 59-Jährigen bereits 3,9 Prozent der Männer und 3,6 Prozent der Frauen erkrankt, von den 75-Jähri­ gen und Älteren steigt der Anteil Diabetes-Kranker bei den Männern auf 11,8 Prozent und bei den Frauen auf 15,4 Prozent. 217 Grafik 5.89: Zuckerkrankheit bei Personen ab 16 Jahren in Wien 1999–2001 nach Alter und Geschlecht (Privathaushalte, in Prozent) Prozent 18 16 14 12 10 8 6 4 2 0,3 0,2 0 16–24 15,4 10,6 9,7 11,8 3,9 3,6 0,2 0,7 25–44 45–59 Alter(Jahre) 60–74 75+ Männer Frauen Frauen gesamt Männer gesamt Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Während in den Altersgruppen zwischen 45 und 74 Jahren Diabetes mellitus bei Männern häufiger als bei Frauen ist, sind im hohen Alter(ab 75 Jahren) Frauen häufiger betroffen. Diabetes mellitus ist(insbesondere bei Frauen) in sozi­ al benachteiligten Schichten häufiger. So etwa haben in Wien von den Personen ab 45 Jahren in der untersten Einkommensschicht Männer und Frauen fast fünfmal so häufig Diabetes wie in der obersten(unterschiedli­ che Ernährungsgewohnheiten). 218 Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auch auf die ungünstige Ein­ kommenssituation vieler älterer Frauen. 216 KORA-Studie(2000). 217 Stadt Wien(2001), Wiener Gesundheits- und Sozialurvey 2001, S. 202. 218 Stadt Wien(2001), Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001, S. 203. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 273 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten Grafik 5.90: Zuckerkrankheit in Wien 1999–2001 nach Haushaltseinkommen* und Geschlecht(Personen ab 45 Jahren, Privathaushalte, in Prozent) 20 15,4 15 Männer Frauen Prozent 10 7,6 5 0 Schicht 1 8,3 8,2 9,5 6,7 Schicht 2 Schicht 3 Haushaltseinkommen/EÄ 3,3 1,7 Schicht 4 * Netto-Haushaltseinkommen pro Erwachsenenäquivalent nach EU-Skala(ATS): Schicht 1= bis 10.000,–; Schicht 2= bis 18.000,-; Schicht 3= bis 26.000,–; Schicht 4= über 26.000,–. Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Gesundheitliche Folgen Vor wenigen Jahrzehnten standen unter den durch Di­ abetes hervorgerufenen Gesundheitsproblemen noch die akute Stoffwechselentgleisung(Hyperglykämie), Übersäuerung des Organismus(diabetische Ketoazido­ se) und Entgleisung des Mineralstoffwechsels(beson­ ders Kaliummangel) im Vordergrund. Diese Kompli­ kationen müssen stationär behandelt werden. Sie kön­ nen unter Eintrübung des Bewusstseins(diabetisches Koma) zum Tod führen. Eine andere, häufig vorkommende akute Störung ist die Unterzuckerung(Hypoglykämie), welche durch eine Überdosierung von Insulin oder durch ungenügende Zufuhr an Kohlehydraten entsteht. In schweren Fällen droht(unter Bewusstseinsverlust und Krämpfen) Le­ bensgefahr. Komplikationen dieser Art lassen sich heu­ te medizinisch gut beherrschen und durch qualifizierte Schulung von DiabetikerInnen weitgehend vermeiden. Im Vordergrund der Folgeerkrankungen von Diabetes mellitus stehen heute die chronischen Gefäß- und Nervenschädigungen . Sie treten vor allem bei unbe­ friedigender Stoffwechselkontrolle und-einstellung, ungesunder Ernährung(zu viel Fett, Zucker und Ener­ gie, zu wenig Faserstoffe) und Bewegungsmangel zuta­ ge. Chronisch erhöhte Blutzuckerwerte führen zu Strukturveränderungen an den kleinen Blutgefäßen (=diabetische Mikroangiopathie) und in der Folge zu schwerwiegenden Erkrankungen. ● Diabetische Retinopathie: Die diabetesbedingten Gefäßveränderungen führen zu Durchblutungsstö­ rungen der Netzhaut der Augen. Die Folge sind Veränderungen des Augenhintergrundes mit Nar­ benbildungen, die zu Sehstörungen bis hin zur Er­ blindung führen können. Die diabetische Retinopa­ thie ist in Europa und den USA die häufigste Erblin­ dungsursache bei Menschen zwischen dem 20. und 65. Lebensjahr. ● Diabetische Nephropathie: Die diabetische Mi­ kroangiopathie und die damit verbundenen Durch­ blutungsstörungen schädigen auch die Nieren. Und zwar kann es zu chronischem Nierenversagen kom­ men, wodurch eine regelmäßige künstliche Blutwä­ sche(=Dialyse) erforderlich wird. Die Schädigung der Nieren führt zu hohem Blutdruck(=Hyperto­ nus), der in der Regel medikamentös behandelt werden muss. ● Diabetische Neuropathie: Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte schädigen vor allem die periphe­ ren Nerven, wodurch es zu Empfindungs- und Sen­ sibilitätsstörungen kommt(z. B. Störung der Tem­ peraturwahrnehmung). Häufig klagen PatientIn­ nen über brennende Schmerzen in den Füßen(= burning feet syndrome). ● Diabetischer Fuß: Die verminderte Durchblutung und die Schädigung der Nerven(verbunden mit 274 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten Gefühlsstörungen in den Füßen) führen zu offenen, schlecht heilenden Wunden und Geschwüren(=di­ abetische Gangrän) verbunden mit einem erhöhten Amputationsrisiko. ● Durch Diabetes mellitus kommt es aber auch zu Veränderungen an den großen Blutgefäßen(= dia­ betische Makroangiopathie ). Es handelt sich hier um Arteriosklerose. Chronisch erhöhte Blutzucker­ werte sind vor allem in Verbindung mit erhöhten Blutfettwerten, hohem Blutdruck und Übergewicht ein wesentlicher Risikofaktor für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Besonders ungünstig wirkt sich bei Diabetikern zusätzliches Risikoverhalten(wie Niko­ tin- und/oder übermäßiger Alkoholkonsum) aus. ● Diabetes mellitus kann auch zu Störungen der Li­ bido und Erektionsproblemen führen, er gilt als Hauptgrund für die männliche Impotenz. Schlecht eingestellte Diabetiker sind außerdem besonders anfällig für Infektionen(Hauteiterungen, Pilzer­ krankungen und Harnwegsinfekte). Auch Gefäßund Nervenschädigungen begünstigen Infektionen. ● Auf mögliche Folgen des Diabetes bei Schwangeren ( Gestationsdiabetes ) wurde bereits verwiesen (siehe oben). Mortalität Die Prognose bei Diabetes hängt vom Diabetestyp, dem Alter bei der Diagnose, der Qualität der Versorgung so­ wie der Mitwirkung der PatientInnen ab. Manifestiert sich z. B. der Typ-1-Diabetes um das 10. Lebensjahr, kann es zu einer Lebensverkürzung von durchschnitt­ lich 15–18 Jahren kommen. Haupttodesursache bei Typ-1-DiabetikerInnen sind die chronischen Nieren­ schädigungen. Beim Typ-2-Diabetes wird der Verlauf der Erkrankung hauptsächlich durch die Folgen der Gefäßschäden bestimmt. Etwa drei Viertel der Patien­ tInnen sterben an so genannten vaskulären Komplika­ tionen. Die Prognose der Typ-2-Diabetiker lässt sich durch Umstellung der Ernährungsweise und gezielte Bewegungstherapie, die sich positiv auf das Körperge­ wicht auswirken, erheblich verbessern. Diabetes mellitus wird in der Statistik in seiner Bedeu­ tung als Todesursache bei weitem unterschätzt. Im Fal­ le eines Herzinfarkts oder eines Schlaganfalles scheint z. B. Diabetes am Totenschein nur als Begleitkrankheit auf. In der Todesursachenstatistik, wo derzeit nur das Grundleiden für Auswertungen zur Verfügung steht, wird Diabetes in diesen Fällen nicht berücksichtigt. In Wien waren im Jahr 2001 2,1 Prozent der Sterbefälle auf Diabetes mellitus zurückzuführen(in Österreich 2,0 Prozent). Insgesamt sind in Wien 356 Personen(142 Männer, 214 Frauen und in Österreich 1.460 Personen) an Diabetes mellitus gestorben. Dies entspricht in Wien bei den Männern einer rohen Sterberate(Gestorbene pro 100.000) von 18,5, bei den Frauen einer Rate von 25,4. Während absolut und pro 100.000 mehr Männer als Frauen sterben, ist die altersstrukturbereinigte Sterblichkeit der Männer an Diabetes mellitus höher als jene der Frauen. Mit der Standardisierung wird der aus dem unterschiedlichen Altersaufbau der Geschlechter resultierende Einfluss auf die Sterblichkeit bereinigt. Tabelle 5.16: Sterblichkeit aufgrund von Diabetes mellitus(ICD-9<250>) in Wien seit 1980(5-Jahresabstände) nach Geschlecht(absolut, pro 100.000, standardisierte Raten* pro 100.000) Geschlecht Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen 1980 1985 1990 1995 absolut 98 93 83 103 193 176 176 156 pro 100.000 14,3 13,7 11,8 13,7 22,7 21,4 21,5 18,5 standardisierte Raten* pro 100.000 8,5 8,5 7,6 9,5 7,9 6,8 6,7 6,0 2000 156 232 20,4 27,5 14,2 8,4 2001 142 214 18,5 25,4 12,2 8,1 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 275 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten 2,1 Prozent der im Jahr 2001 in Wien an Diabetes ver­ storbenen Männer und 0,5 Prozent der Frauen waren unter 45 Jahre alt. 14,8 Prozent der verstorbenen Män­ ner aber nur 6,5 Prozent der Frauen waren zwischen 45 und 64 Jahre. 22,5 Prozent der verstorbenen Männer, aber nur 9,3 Prozent der Frauen waren zwischen 65 und 75 Jahre alt. Dagegen waren von den verstorbenen Frauen fast 40 Prozent 85 Jahre oder älter, von den Männern jedoch nur 22 Prozent. Grafik 5.91: Sterbefälle an Diabetes mellitus(ICD-9<250>) in Wien 2001 nach Alter und Geschlecht(in Pro­ zent) Männer 0,0% 23,2% 0,7% 0,0% 1,4% 3,5% 11,3% 37,3% 22,5% 0–14 15–24 25–34 35–44 45–54 55–64 65–74 75–85 85+ Frauen 0,0% 0,0% 0,5% 0,0% 2,8% 3,7% 9,3% 39,7% 43,9% Quelle. Statistik Austria; eigene Berechnungen. Von 1985 bis 1995 war die altersstrukturbereinigte Sterblichkeit an Diabetes mellitus in Österreich bei beiden Geschlechtern höher als in Wien. Seither ist jedoch die Mortalitätsrate in Wien bei beiden Geschlechtern gestiegen und liegt nunmehr über dem ÖsterreichWert. Bei den Frauen ist allerdings der Abstand sehr gering. Grafik 5.92: Sterbefälle an Diabetes mellitus(ICD-9<250>) in Wien und Österreich seit 1980(5-Jahresab­ stände)(standardisierte Raten* pro 100.000) standardisierte Rate (pro 100.000) 16,0 14,0 12,0 10,0 9,2 8,6 8,0 8,5 7,9 6,0 4,0 10,8 10,0 8,5 6,8 14,4 13,3 7,6 6,7 12,5 10,5 9,5 6,0 14,2 12,2 9,6 9,5 8,4 8,1 7,3 7,5 Wien/Männer Österreich/Männer Wien/Frauen Österreich/Frauen 2,0 0,0 1980 1985 1990 1995 2000 2001 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. 276 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten Prävention Wichtig zur Eindämmung der Krankheit und ihrer Fol­ gen sind Maßnahmen der primären, sekundären und tertiären Prävention. Die Erkenntnisse über die Zusam­ menhänge von Störungen des Blutzuckerstoffwechsels und der sich daraus entwickelnden Spätfolgen haben Ansätze zur Prävention und Behandlung eröffnet. Dia­ betes mellitus ist heute sehr gut therapierbar, sodass sich die unmittelbaren Folgen des Insulinmangels aus­ gleichen und Spätschäden verhindert oder zumindest minimiert werden. Primäre Prävention: Das Risiko für einen Typ-1-Dia­ betes lässt sich, soweit er auf Virusinfektionen zurück­ zuführen ist, durch entsprechende Impfungen vermei­ den. Dem Typ-2-Diabetes kann am ehesten durch ver­ nünftige Ernährung, Vermeidung von Übergewicht und ausreichende Bewegung vorgebeugt werden. Über­ gewichtigkeit spielt in Wien, aber auch österreichweit, eine große Rolle. Laut Mikrozensus 1999 sind in Wien von den in Privathaushalten lebenden Personen ab 20 Jahren 8,2 Prozent der Männer und 8,7 Prozent der Frauen stark übergewichtig. 13,6 Prozent der Männer und 9,6 Prozent der Frauen(ab 20 Jahren) haben mäßi­ ges Übergewicht(BMI 27–<30 kg/m 2 ). Der prozentuel­ le Anteil der(stark) Übergewichtigen nimmt generell mit dem Alter zu. Gegenüber 1991 ist in Wien der An­ teil der Personen mit starkem und vor allem mäßigem Übergewicht, nicht zuletzt aufgrund verschiedener durchgeführter Kampagnen(Gesundheitstage, Ernäh­ rungsberatung,„Ein Herz für Wien“, etc.), etwas ge­ sunken. 219 Schutz vor Folgekrankheiten des Diabetes mellitus bietet eine optimale Blutzuckereinstellung. Nach den Ergebnissen der Diabetes Control and Complications Trial Research Group kann beim Typ-1-Diabetes durch optimierte Stoffwechselkontrolle das Fortschrei­ ten der diabetischen Netzhauterkrankung im Vergleich zur konventionellen Behandlung um 80 Prozent verrin­ gert werden. Auch das Risiko einer diabetischen Neu­ ropathie lässt sich um 40 bis 50 Prozent senken. 220 Fuß­ probleme und Beinamputationen lassen sich durch Vermittlung von Wissen über die richtige Fußpflege, frühe differenzierte Behandlung von Geschwüren und anderen diabetesbedingten Fußproblemen vermeiden. Beim Typ-2-Diabetes lassen sich Folgekrankheiten vor allem durch eine Änderung des Lebensstils(Gewichts­ reduktion, Verzicht auf faserarme, zuckerreiche Nah­ rungsmittel, die den Blutzucker stark erhöhen, ange­ messene körperliche Aktivität) und eine lebenslange Therapie(Medikamente) vermeiden. Im Verlauf der Erkrankung kann es zur„Erschöpfung“ der Inselzellen kommen, wodurch eine Insulinbehandlung notwendig wird. Für alle Diabetes-Kranken von besonderer Bedeutung ist eine regelmäßige, den vorgegebenen Qualitätskrite­ rien entsprechende ärztliche Kontrolle. Therapie Qualifizierte Betreuung trägt dazu bei, Folgekrankhei­ ten zu verhindern bzw. die Lebensqualität, die Fähig­ keit, einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen und die Lebenserwartung von DiabetikerInnen zu verbessern. Unumgänglicher Bestandteil der Therapie ist die inter­ disziplinär angelegte DiabetikerInnenschulung . Sie vermittelt relevantes Wissen über die Erkrankung und ihre Behandlung, insbesondere die Bestimmung des Blutzuckerspiegels, den Umgang mit Medikamenten (vor allem Insulin), die Ernährung und Möglichkeiten zur Vermeidung von Folgeschäden sowie praktische Fertigkeiten(Injektionstechniken, Selbstkontrollen, Dosisanpassung, etc.) und stärkt dadurch die Kompe­ tenz der Betroffenen. Auf diese Weise lassen sich Kran­ kenhausaufenthalte, Arbeitsunfähigkeitszeiten und In­ validität vermeiden bzw. zumindest reduzieren. Damit solche Versorgungsangebote allen DiabetikerInnen zu­ gute kommen, bedarf es eines qualitativ hochstehen­ den, flächendeckenden Angebots. Solche Schulungen werden von zahlreichen Stellen angeboten, die Kosten dafür übernimmt die Krankenkasse. Niedergelassene ÄrztInnen, Diabetes-Ambulanzen, Schwerpunktpra­ xen und Selbsthilfegruppen informieren über die Kurs­ angebote. Von besonderer Bedeutung(insbesondere für Diabeti­ kerInnen vom Typ 2) ist die diabetesgerechte Ernäh­ rung . Viel Obst und Gemüse, fettarme Kost, Vollkorn­ produkte, ausreichende Trinkmenge und regelmäßige Bewegung helfen, das Körpergewicht zu senken und die 219 Stadt Wien(2002), Mikrozensus 1999, S. 53 ff. 220 Zitiert nach Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 242. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 277 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten Zuckerwerte im Blut zu verbessern. Viele PatientInnen können so ihren Tabletten- bzw. Insulinbedarf deutlich reduzieren. Medikamentöse Behandlung : Beim Typ-1-Diabetes ist aufgrund des absoluten Insulinmangels sofort eine Insulinbehandlung erforderlich. Bei PatientInnen mit Diabetes vom Typ 2 geht es zunächst um eine Umstel­ lung der Ernährung und die Reduktion des Körperge­ wichts. Gelingt es nicht, den Blutzuckerspiegel ent­ scheidend zu senken, ist eine medikamentöse Therapie möglich. Liegt trotz Einnahme oraler Antidiabetika ei­ ne diabetische Stoffwechsellage vor, ist eine zusätzliche Gabe von Insulin notwendig. Meistens erfolgt dies etwa 5 bis 10 Jahre nach Feststellung des Diabetes. Später wird auf alleinige Insulintherapie umgestellt. Versorgung und Therapie von DiabetikerInnen sind sehr komplex. Nicht nur somatische, sondern auch psychosoziale und edukative Aspekte spielen dabei ei­ ne Rolle. Erforderlich sind die Zusammenarbeit in in­ terdisziplinären Teams (bestehend aus ärztlichem und nicht-ärztlichem Personal). Es geht vor allem dar­ um, Motivation und Mitarbeit der PatientInnen auf­ rechtzuerhalten, sie bei beruflichen und familiären Problemen zu unterstützen und Angebote zur Selbst­ hilfe bereitzustellen. Wichtig ist die systematische Fortbildung des involvierten ärztlichen und nichtärztlichen Personals. Qualität und Effizienz von Thera­ pien sind jeweils zu prüfen(Evaluation). Gesundheitspolitische und wirtschaftliche Bedeutung Aufgrund der Notwendigkeit einer jahrelangen Be­ handlung und der schwerwiegenden Folgen verur­ sacht Diabetes nicht nur individuelles Leid, sondern auch erhebliche Kosten(ambulante Behandlung, Krankenhausaufenthalte, Rehabilitationsmaßnah­ men, Laboruntersuchungen, Medikamente, Injekti­ onshilfen, Blutzuckerkontrollgeräte, Schulungsmaß­ nahmen). Zusätzlich entstehen Kosten aufgrund von Arbeitsunfähigkeit, reduzierter Leistungsfähigkeit, Umschulungsmaßnahmen, vorzeitiger Pensionie­ rung, etc. Damit PatientInnen nicht ständig aus ihrem sozialen Bezug und dem Arbeitsprozess herausgeris­ sen werden, sind den Bedürfnissen der PatientInnen angepasste Versorgungseinrichtungen besonders be­ deutsam. Die Form der Leistungserbringung(ambu­ lant, teilstationär oder stationär) wirkt sich auch auf die Kosten aus. Differenzierte Behandlungsmethoden (verbunden mit einer zielführenden PatientInnen­ schulung) haben zu guten, langfristigen Erfolgen ge­ führt. Diabetes spielt sowohl in der ambulanten als auch in der stationären medizinischen Versorgung eine große Rolle. Laut einer Erhebung in Deutschland gehört Dia­ betes zu den 20 häufigsten„gravierenden“ und„chro­ nischen“ Hauptdiagnosen im ambulanten Bereich. 221 Im Mikrozensus 1999 gaben von den in Privathaushal­ ten lebenden Personen in Wien 3,2 Prozent der Männer und 2,6 Prozent der Frauen an, in den letzten vier Wo­ chen vor der Befragung Medikamente gegen Zucker­ krankheit genommen zu haben. Im gesamten Bundes­ gebiet waren es etwas weniger(Männer 2,3 Prozent, Frauen 2,4 Prozent). Der Konsum an Medikamenten gegen Zuckerkrankheit nimmt mit dem Alter deutlich zu. Von den 75-Jährigen und Älteren hatten in Wien 7,0 Prozent der Männer und 7,7 Prozent der Frauen Medi­ kamente gegen Zuckerkrankheit eingenommen. Diabetes mellitus führt zu häufigen stationären Auf­ enthalten (auch Wiederaufnahmen). Im Jahr 2000 wa­ ren 2,2 Prozent der stationären Aufenthalte der Wohn­ bevölkerung Wiens und 2,0 Prozent jener Österreichs auf Diabetes mellitus zurückzuführen. In absoluten Zahlen waren dies für die Wohnbevölkerung Wiens 10.822 stationäre Aufenthalte(Männer 5.008, Frauen 5.814); für die österreichische Bevölkerung betrug die Zahl der stationären Aufenthalte 46.927(Männer 22.368, Frauen 24.559). Die durchschnittliche Aufent­ haltsdauer bei Diabetes mellitus betrug im Jahr 2000 in den österreichischen Krankenanstalten 12,9 Tage (Männer 11,6, Frauen 14,0). Auch im Bereich der stationären Versorgung gilt(ähn­ lich wie für die Sterblichkeit), dass die in der Statistik zu Diabetes mellitus ausgewiesenen Zahlen das Pro­ blem nur annähernd charakterisieren. Nicht inkludiert sind stationäre Aufenthalte, bei denen Diabetes melli­ tus zusätzlich zu einer anderen Erkrankung behandelt wird, oder durch Diabetes verursachte Aufenthalte wie z. B. Schlaganfälle oder Herzinfarkte. 221 EVaS-Studie; zitiert nach Gesundheitsbericht für Deutschland(1998), S. 240. 278 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten Tabelle 5.17: Stationäre Aufenthalte aufgrund von Diabetes mellitus(ICD-9/BMAGS<250>) von in Wien und Österreich wohnhaften Personen 1990, 1995, 2000(absolut, pro 100.000, standardisierte Raten* pro 100.000) Geschlecht Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen Wien 1990 1995 2000** 1990 absolut 2.685 3.859 2.748 3.607 5.008 5.814 12.946 18.511 pro 100.000 381,6 470,5 366,3 428,1 655,4 688,4 348,9 460,7 standardisierte Raten* pro 100.000 296,0 243,5 289,4 235,6 487,9 370,3 296,3 268,5 Österreich 1995 14.243 17.409 365,0 420,1 300,8 247,8 2000** 22.368 24.559 567,6 589,0 431,7 334,9 * Altersstandardisiert nach 5-jährigen Altersgruppen; Standardbevölkerung der WHO(World Health Statistics Annual 2001 – Onlineversion). ** Der starke Anstieg seit 1995 ist großteils auf die Umstellung auf LKF(Verrechnungssystem der leistungsorientierten Krankenanstaltenfinanzie­ rung, ab 1.1.1997) zurückzuführen. Quelle: Statistik Austria; eigene Berechnungen. Frauen haben absolut und bezogen auf die Bevölkerung etwas häufiger stationäre Aufenthalte aufgrund von Di­ abetes mellitus als Männer. Im Jahr 2000 belief sich die rohe Rate der stationären Aufenthalte in Wien bei den Männern auf 655,4, bei den Frauen auf 688,4(pro 100.000). Die altersstrukturbereinigte Rate ist aller­ dings(ebenso wie bei der Mortalität) bei den Frauen niedriger als bei den Männern. Im Vergleich zu den Werten für Österreich lag die altersstrukturbereinigte Rate der stationären Aufnahmen aufgrund von Diabe­ tes mellitus in Wien im Jahr 2000 bei beiden Geschlech­ tern deutlich über dem österreichischen Durchschnitt. Handlungsbedarf Große Bedeutung kommt primärpräventiven Maß­ nahmen (Vermeidung von Übergewicht, ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung) zu. Gesundheits­ erziehung, Aufklärung der Bevölkerung können dazu beitragen. Beides sollte bereits in einem frühen Alter ansetzen. Wie Untersuchungen zeigen, ist jedoch vor­ handenes Wissen noch kein Garant für gesundheitsbe­ wusstes Verhalten. 222 Positive Anreize können hier je­ doch unterstützend wirken. Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt sind sekundärpräventive Maßnahmen zur Früherkennung von Dia­ betes(im Sinne eines Screenings). Wie die vorhin zi­ tierte Erhebung in der Region Augsburg gezeigt hat, kommt es sehr häufig vor, dass Diabetes nicht erkannt und daher auch nicht behandelt wird. Viele Betroffene leiden zum Zeitpunkt der Diagnose bereits an Spät­ schäden(Gefäßverkalkung, Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen, Nerven- und Netzhautschäden, etc.). Maßnahmen zur Früherkennung von Diabetes sind da­ her besonders bedeutsam. Im Bereich der Tertiärprävention , d. h. der Behand­ lung von Diabetes und seiner Folgeschäden, gilt das Hauptaugenmerk der Qualitätssicherung . Die Ge­ sundheitsversorgung der Diabetes-Kranken stellt hohe Ansprüche und erfordert spezialisierte Einrichtungen im ambulanten und stationären Bereich sowie interdis­ ziplinär zusammengesetzte Teams. Strukturierte Be­ handlungs- und Schulungsprogramme tragen wesent­ lich dazu bei, Komplikationen zu minimieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu steigern. Ein wichtiger Bereich im Rahmen der Optimierung der Versorgung von DiabetikerInnen ist die Prävention 222 Vgl. dazu Stadt Wien(2003), Lebensstile in Wien. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 279 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten von Spätkomplikationen . Dabei geht es vor allem da­ rum, die bestehenden Möglichkeiten zur Vermeidung von Fuß-, Augen- und Nierenkomplikationen durch qualifizierte und routinemäßige Kontrollen optimal zu nutzen. Besonderer Beachtung bedürfen auch die spe­ ziellen Probleme und Erfordernisse von schwangeren und jugendlichen DiabetikerInnen. Neben der medizi­ nischen ist hier auch die psychologische Betreuung von großer Bedeutung. Eine schlechte Stoffwechsellage führt zu wiederholten Krankenhausaufenthalten. Die Folge sind reduzierte Leistungsfähigkeit und negativ gestimmte psychische Befindlichkeit. Bei schlecht eingestellten PatientIn­ nen erhöhen sich aufgrund der schweren Folgekrank­ heiten des Diabetes die Kosten drastisch. DiabetesManagement bedarf daher entsprechender Qualitäts­ sicherung . Wichtig sind entsprechende Spezialein­ richtungen(z. B. Diabetes-Schwerpunktpraxen) und eine flächendeckende Schulung von ÄrztInnen vor­ wiegend im ambulanten Bereich. Es zeigt sich, dass die Praxis der ambulanten Versorgung von Diabetike­ rInnen gegenüber Empfehlungen von Fachgremien Defizite aufweist: Wichtige Monitoringmaßnahmen (wie HbA1-Messung, Stoffwechselselbstkontrollen, Retinopathiediagnostik, regelmäßige Kontrolle der Füße) haben bisher noch nicht den Stellenwert, der ihnen eigentlich zukommen müsste. Auch die Schu­ lung von DiabetikerInnen und Angehörigen in regio­ nal verteilten Schulungszentren, in denen verschiede­ ne Professionen zusammenarbeiten, bedarf der Qua­ litätssicherung. Ein wichtiger Stellenwert im Zuge der Qualitätssiche­ rung kommt der Beobachtung bestehender Entwick­ lungen bzw. zur Evaluation von Maßnahmen zu. Dazu bedarf es der Verbesserung der Datenlage . In Wien wurde 1995 das DiabCare Office Vienna – Verein für Qualitätssicherung bei Diabetesbehandlungen ins Leben gerufen, das in das europäische„DiabCare Quality Net­ work“ eingebunden ist, das sich insbesondere der Qua­ litätssicherung widmet. 223 Eine weitere(bundesweite) Initiative, das„Diabetes Forum Austria“ bietet eine Plattform, von der aus die Betreuung der Zuckerkranken außerhalb der Spitäler bundesweit entscheidend verbessert werden soll. Dazu soll im Rahmen eines international einzigartigen Pro­ jekts ein Netzwerk von 700 niedergelassenen ÄrztInnen in ganz Österreich gebildet werden. 224 Bei rund 10.000 DiabetikerInnen sollen der Ist-Zustand der Diabetes­ therapie und Komplikationen erhoben werden. Es wird versucht, die Betroffenen umfassend so zu betreuen, dass mit einem drastischen Rückgang aller DiabetesKomplikationen gerechnet werden kann. Alle Befunde und Daten werden wissenschaftlich analysiert. Folgende Gesundheitsziele bieten Handlungsansätze: ● Medizinische Ziele: die Verringerung der durch Diabetes bedingten Komplikationen(Reduzierung erhöhter Blutzuckerspiegel zur Senkung der Augen-Netzhautschäden, der Gefährdung durch dia­ betische Nierenschäden, der diabetischen Fußpro­ bleme und des Herz-Kreislauf-Risikos). ● Strategisches Ziel: die Verbesserung der Versor­ gung von DiabetikerInnen(z. B. vernetzte Versor­ gungsformen, Schwerpunktpraxen, etc.), optimier­ te Behandlung entsprechend den neuesten Er­ kenntnissen und die Unterstützung der Selbstbe­ handlung der Erkrankten durch qualitativ hoch­ wertige Schulung. ● Unterstützend ist die Datenlage über diabetische PatientInnen(Patienten- und nicht Fallzahlen, Wiederaufnahmeraten) zu verbessern und die Auf­ klärung und Forschung im Bereich Diabetes zu fördern. 223 Vgl. dazu Stadt Wien(1997), Wiener Gesundheitsbericht 1997, S. 63. 224 Geplant ist eine enge Zusammenarbeit der führenden DiabetologInnen mit Gefäß-, Herz- und NierenspezialistInnen, AugenärztInnen, NeurologInnen und anderen Fachleuten bis hin zur Psychiatrie und Sozialmedizin. 280 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Sonstige chronische Erkrankungen 5.7 Sonstige chronische Erkrankungen Als weitere chronische Erkrankung, die vorwiegend, je­ doch nicht ausschließlich, ältere Menschen betrifft, wird im Folgenden das Krankheitsbild der Inkonti­ nenz, insbesondere deren Formen, Ursachen, Verbrei­ tung und Folgen für die Betroffenen beschrieben. 5.7.1 Inkontinenz Zusammenfassung Inkontinenz, d. h. unkontrollierter Harn- und/oder Stuhlverlust, spielt vor allem in der Geriatrie eine große Rolle. Untersuchungen zeigen, dass Harn­ verlust nicht nur im hohen Alter und nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern eine Rolle spielt. Allerdings weichen vorliegende Schätzun­ gen sowie Erhebungen(vor allem auch aufgrund der noch immer bestehenden Tabuisierung des Problems) erheblich voneinander ab. Im Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001 gaben von der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren 0,7 Prozent der Männer und 2,3 Prozent der Frauen in den letzten zwei Wochen vor der Befragung Inkontinenz an. Im höheren Alter nimmt der Anteil der Betroffenen deutlich zu. Früherkennung und daran anschlie­ ßende Therapie könnten wesentlich dazu beitra­ gen, das Problem zu beheben bzw. zu mildern. Summary: Incontinence Incontinence, i.e. the uncontrollable loss of urine and/or faeces(urinary and/or faecal incontinence), is prevalent above all in geriatrics. Studies have shown that urine loss occurs with some frequency, not only in old age and not only in women, but also in men. However, available estimates and studies diverge markedly(also because of the still existing social taboo surrounding the problem). The 2001 Vienna Health and Social Survey revealed that 0.7 percent of men and 2.3 percent of women living in Vienna and aged over 16 reported to have suffered from incontinence in the two weeks preceding the survey. In advanced age, the share of persons thus afflicted increases markedly. Early diagnosis and subsequent therapy can contribute significantly to­ wards eliminating or alleviating the problem. Einleitung Inkontinenz(unkontrollierter Harn- und/oder Stuhl­ verlust) stellt vor allem in der Geriatrie eine große Her­ ausforderung dar. Sie betrifft vor allem ältere Men­ schen(insbesondere Frauen), tritt aber auch im mittle­ ren Lebensalter auf. Bisher gibt es kaum verlässliche Daten über Inzidenz und Prävalenz der Inkontinenz. Die vorliegenden Schätzungen weichen zum Teil erheb­ lich voneinander ab. Formen der Harninkontinenz Wenn von Inkontinenz die Rede ist, so ist in der Regel Harninkontinenz gemeint, die auch das Gros der In­ kontinenzfälle ausmacht. Die häufigsten Formen der Harninkontinenz bei älteren Personen sind die Stressund Dranginkontinenz bzw. eine Mischform beider. Ursache der Stressinkontinenz ist eine Beckenboden­ schwäche oder eine direkte Schädigung des Schließmus­ kels. Aufgrund zerebraler, degenerativer oder krankhaf­ ter Veränderungen kann es beim älteren Menschen zu einem Kontrollverlust über die Blasenfunktion und da­ her zu Dranginkontinenz kommen. Eine Überlaufin­ kontinenz liegt bei chronisch erhöhtem Blasenauslasswiderstand(z. B. durch Prostatavergrößerung) oder bei Blasenmuskelschwäche vor. Die neurogene Harnin­ kontinenz(Reflexinkontinenz) , bei der die Betroffe­ nen aufgrund fehlenden Harndranggefühls keine Kon­ trolle über ihre Harnblase haben, ist auf Läsionen im Gehirn oder Rückenmark zurückzuführen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 281 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Sonstige chronische Erkrankungen Verbreitung der(Harn)inkontinenz Laut Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001 wa­ ren von der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren Eigen­ angaben zufolge 0,7 Prozent der Männer und 2,3 Pro­ zent der Frauen in den letzten zwei Wochen vor der Befragung von Inkontinenz betroffen. Dieser Anteil nimmt im höheren Alter deutlich zu. Während von den 45- bis 59-Jährigen 0,9 Prozent der Männer und 2,1 Prozent der Frauen Kontinenzprobleme hatten, waren es von den 60- bis 74-Jährigen 1,2 Prozent der Männer und 4,4 Prozent der Frauen, von den 75-Jäh­ rigen und Älteren 4,1 Prozent der Männer und 9,7 Prozent der Frauen. Grafik 5.93: Inkontinenz in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren 1999–2001 nach Alter und Geschlecht (Privathaushalte, in Prozent) 12,0 Männer 10,0 9,7 Frauen Frauen gesamt Männer gesamt 8,0 Prozent 6,0 4,0 2,0 0,3 0,0 0,0 16–24 0,1 0,2 25–44 2,1 0,9 45–59 Alter 4,4 1,2 60–74 4,1 75+ Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. Bei mündlichen Befragungen ist jedoch, vor allem auf­ grund der nach wie vor bestehenden Tabuisierung des Problems, mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen. Dazu kommen Abgrenzungsprobleme: So bezeichne­ ten sich zum Beispiel in Untersuchungen bis zu ein Drittel der Betroffenen nicht als inkontinent, obwohl sie die Frage nach Urinverlusten bejahten. 225 Internationale Studien gehen demnach von höheren Werten aus. So etwa berichtet THOM 226 aufgrund der Durchsicht verschiedener Studien, dass ab dem 60. Le­ bensjahr 12 bis 42 Prozent der Frauen und 11 bis 34 Prozent der Männer an Inkontinenz leiden. Tägliche Inkontinenz ist allerdings wesentlich seltener, ihre Prä­ valenz beträgt bei Männern ab dem 60. Lebensjahr 2 bis 11 Prozent. HAMPEL et al. 227 analysierten 48 epidemi­ ologische Studien, die zwischen 1954 und 1995 publi­ ziert wurden. Von den unter 30-Jährigen gaben im Durchschnitt 5,1 Prozent der Frauen einen mehr oder weniger regelmäßigen Harnverlust an, von den 30- bis 60-Jährigen nahezu ein Viertel(24,5 Prozent, die Pro­ zentsätze variierten zwischen 14 und 41 Prozent). Stu­ dien, welche objektive und subjektive Parameter kom­ binieren, kommen zu geringeren Anteilen von Betroffe­ nen, als solche, die nur Symptome erfragen. MALMS­ TEN et al. 228 kamen aufgrund einer Erhebung bei Männern ab dem 45. Lebensjahr in Schweden zu dem Ergebnis, dass die Inkontinenzrate linear von 3,6 Pro­ zent bei den 45-Jährigen bis zu 28,2 Prozent bei den über 90-Jährigen steigt. Aufschlüsse über die Verbreitung von Harninkonti­ nenz im Wiener Raum liefert auch eine im Rahmen der Gesundenuntersuchung durchgeführte Studie. 229 Zwi­ 225 Zitiert nach Stadt Wien(1999), Wiener Männergesundheitsbericht, S. 220. 226 THOM(1988). 227 HAMPEL et al.(1997). 228 MALMSTEN et al.(1997). 229 MADERSBACHER et al.(1999); TEMML et al.(2000). 282 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Sonstige chronische Erkrankungen schen Mai 1998 und April 1999 wurde Personen, die an der Gesundenuntersuchung teilnahmen, ein Fragebo­ gen(Bristol-Luts-Fragebogen) 230 vorgelegt. Harnin­ kontinenz wurde als unwillkürlicher Harnverlust in­ nerhalb der letzten vier Wochen definiert. Das Durch­ schnittsalter der untersuchten Frauen betrug 49,7, je­ nes der Männer 48,6 Jahre. 26,3 Prozent der weiblichen Befragten und 5,0 Prozent der Männer gaben eine Harninkontinenz an. Bei beiden Geschlechtern steigt der Anteil der Betroffenen mit zunehmendem Lebens­ alter. Während von den 20- bis 29-jährigen Frauen 4,1 Prozent betroffen waren, waren es von den 60- bis 69­ jährigen 36,9 Prozent, von den 70-jährigen und älteren 36,0 Prozent. Männer waren seltener betroffen. Von den 20- bis 29-jährigen Männern waren 1,7 Prozent in­ kontinent, von den 60- bis 69-jährigen 7,6 Prozent, von den 70-jährigen und älteren 15,6 Prozent. Nach den aufgrund dieser Ergebnisse vorgenommenen Extrapo­ lationen waren in Wien etwa 200.000 Personen(darun­ ter ca. 180.000 Frauen) von Harninkontinenz betroffen, in Österreich nahezu eine Million Menschen. Harn­ stressinkontinenz war bei Frauen in allen Altersgruppen deutlich häufiger als bei Männern, Dranginkonti­ nenz war bei beiden Geschlechtern in etwa gleich häu­ fig. Dauer und Frequenz der Harninkontinenz waren bei den betroffenen Männern und Frauen annähernd gleich. 17,6 Prozent der Frauen und 22,0 Prozent Män­ ner gaben an, erst relativ kurz(weniger als ein Jahr) an einer Harninkontinenz zu leiden, bei 43,7 Prozent bzw. 32,2 Prozent bestand dieser Zustand bereits länger als drei Jahre. Ein Drittel der Inkontinenten(Frauen 33,4 Prozent, Männer 33,1 Prozent) berichtete von täglicher Harninkontinenz. Sozioökonomische Faktoren Frauen sind quer durch alle Einkommensschichten in etwa gleich häufig von Inkontinenz betroffen. Die An­ teile der Betroffenen liegen je nach Einkommens­ schicht zwischen 2,3 und 3,0 Prozent. Bei den Männern ist die unterste Einkommensschicht etwas mehr betrof­ fen als die darüber liegenden. Grafik 5.94: Inkontinenz in der Wiener Bevölkerung ab 16 Jahren 1999–2001 nach Netto-Haushaltseinkom­ men* und Geschlecht(Personen ab 45 Jahre, Privathaushalte, in Prozent) 3,5 3,0 3,0 Männer Frauen 2,8 2,5 2,2 2,0 2,0 Prozent 1,5 1,1 1,0 0,7 0,5 0,5 0,6 0,0 Schicht 1 Schicht 2 Schicht 3 Netto-Haushaltseinkommen Schicht 4 * Netto-Haushaltseinkommen pro Erwachsenenäquivalent nach EU-Skala(in ATS): Schicht 1= bis 10.000,–; Schicht 2= bis 18.000,–; Schicht 3= bis 26.000,–; Schicht 4= über 26.000,–. Quelle: Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey 2001. 230 JACKSON et al.(1996). CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 283 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Sonstige chronische Erkrankungen Tabuisierung des Problems der Harninkontinenz Auswirkungen der Harninkontinenz auf die Lebensqualität Nach wie vor wird das Problem der Harninkontinenz weitgehend tabuisiert, vielfach herrscht in der Bevölke­ rung die Meinung, dass es sich hier um eine natürliche Alterserscheinung handelt. So kam eine Untersuchung der Wiener Universitätsklinik für Physikalische Medi­ zin und des Instituts für Sozialmedizin der Universität Wien zum Ergebnis, dass 75 Prozent der von Harnin­ kontinenz betroffenen Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren wegen ihrer Harninkontinenz noch nie einen Arzt aufgesucht haben. 231 Auch in der im Rah­ men der Gesundenuntersuchung in Wien durchgeführ­ ten Erhebung 232 standen von den Betroffenen nur 5,1 Prozent der Frauen und 16,1 Prozent der Männer in ärztlicher Behandlung. Dies unterstreicht die Notwen­ digkeit verstärkter Öffentlichkeitsarbeit in diesem Be­ reich. Eine Untersuchung von Personen im Rahmen von Arztkonsultationen verdeutlicht das Problem. In 347 Arztpraxen(niedergelassene praktische ÄrztInnen, InternistInnen, UrologInnen) wurden die ÄrztInnen gebeten, jeweils die nächsten 20 über 50-jährigen Pa­ tientInnen, die in die Sprechstunde kamen, intensiv in Hinblick auf Harninkontinenz zu befragen und zu untersuchen(die Grundgesamtheit umfasste ca. 7.000 PatientInnen). Nach dieser Erhebung leidet von den über 50-Jährigen, die sich in ambulanter Behandlung befinden, jede/r zweite unter Harninkontinenz(Män­ ner 41 Prozent, Frauen 65 Prozent). Von den 50- bis 59-Jährigen waren es 27 Prozent, von den 80- bis 84­ Jährigen 73 Prozent. Vor allem PatientInnen im Alter von 50 bis 75 Jahren vermieden es, über das Problem zu sprechen. Knapp die Hälfte(44,1 Prozent) hat dar­ über noch nie mit dem Arzt gesprochen, obwohl bei etwa 70 Prozent die Harninkontinenz seit über einem Jahr bestand. 233 Selbst innerhalb der Wissenschaft wurde Harninkonti­ nenz lange Zeit als Beschwerde abgetan und nicht als eine der Behandlung zugängliche Krankheit gesehen. Die vorhin zitierte, im Rahmen der Gesundenuntersu­ chung durchgeführte Erhebung 234 gibt Aufschluss über Folgen der Harinkontinenz für die Betroffenen: 65,7 Prozent der Frauen und 58,3 Prozent der Männer mit Inkontinenz fühlten sich durch Harnverlust in ihrer Le­ bensqualität beeinträchtigt. 18,3 Prozent der betroffe­ nen Frauen und 16,6 Prozent der Männer berichteten über mäßige bis schwere Beeinträchtigung ihrer Le­ bensqualität. Ein Drittel(34,3 Prozent) der inkontinen­ ten Frauen und 41,7 Prozent der Männer fühlten keine Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität. Harnstressin­ kontinenz beeinträchtigt Frauen mehr als Männer (Frauen 86,1 Prozent, Männer 39,1 Prozent). Die Be­ einträchtigung durch Dranginkontinenz war bei beiden Geschlechtern ähnlich(Frauen 62,5 Prozent, Männer 57,5 Prozent). 30,4 Prozent der Frauen und 29,8 Pro­ zent der Männer fühlten sich durch die Dranginkonti­ nenz mäßig oder schwer beeinträchtigt. Weniger gravierend scheinen(dieser Untersuchung zufolge) die Auswirkungen der Harninkontinenz auf das Sexualleben. 74,9 Prozent der Frauen und 69,5 Pro­ zent der Männer gaben keine Beeinträchtigung an, 6,4 Prozent der Frauen und 10,2 Prozent der Männer fühl­ ten sich mittelmäßig oder schwer beeinträchtigt. Zwi­ schen der Beeinträchtigung der Lebensqualität und des Sexuallebens besteht ein enger Zusammenhang. Risikofaktoren der Inkontinenz Als Risikofaktoren für Harninkontinenz erwiesen sich aufgrund der Wiener Studie 235 bei den Frauen das Le­ bensalter, der Body-Mass-Index, das Harndranggefühl und das Gefühl einer unvollständigen Blasenentleerung sowie vorangegangene gynäkologisch-operative Ein­ griffe. Die höchste Korrelation bestand für den Nüch­ ternblutzucker. Risikofaktoren bei den Männern waren das Lebensalter, Harndranggefühl, Nykturie(nächtli­ ches Wasserlassen), das Gefühl der unvollständigen Blasenentleerung und eines abgeschwächten Harn­ strahls. Keinen Einfluss auf das Auftreten von Harnin­ 231 UHER et al.(1995). 232 MADERSBACHER et al..(2000). 233 Zitiert nach Seniorenbericht(2000), S. 282. 234 MADERSBACHER et al.(2000). 235 MADERSBACHER et al..(2000). 284 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Sonstige chronische Erkrankungen kontinenz hatten Trink- und Rauchgewohnheiten so­ wie der Bildungsgrad. Inkontinenz gilt vor allem als Frauenproblem. Trotz­ dem ist Inkontinenz auch bei Männern ein nicht zu un­ terschätzendes Problem. Insgesamt nehmen urologi­ sche Probleme bei Männern mit dem Alter zu. Vor al­ lem bei Prostataoperationen(Prostatektomie) ist Harninkontinenz häufig. 20 bis 30 Prozent der Männer erleben nach einer Prostatektomie irgendeine Form der Inkontinenz. Die Angaben variieren je nach Untersu­ chungsmethode. 236 BATES et al. 237 untersuchten mit­ tels standardisiertem Fragebogen 89 Patienten(im Al­ ter zwischen 49 bis 75 Jahren) nach Prostatektomien. Während vor der Operation keiner der Patienten in­ kontinent war, waren es nach der Totalprostatektomie 69 Prozent. 34 Prozent der Betroffenen fühlten sich durch die Inkontinenz in ihrer Lebensqualität beein­ trächtigt. Eine ausgeprägte Inkontinenz führt vor allem bei älte­ ren Menschen häufig zu erheblichen psychosozialen Problemen, wie Scham und Schuldgefühle(vor allem unsere Erziehung zur Reinlichkeit wirkt sich hier aus), Verlust an Selbstachtung, Beziehungsstörungen, sozi­ aler Rückzug, Vereinsamung und Depressionen. Da­ mit einher gehen Immobilität und geistiger Abbau, so­ wie eine rasche Verschlechterung bestehender Erkran­ kungen. Inkontinenz ist für viele alte Menschen der Grund für den Eintritt bzw. die Einweisung in ein Pfle­ geheim. So etwa schätzt FÜSGEN, dass ca. ein Viertel der Alten- und Pflegeheimeinweisungen entweder di­ rekt oder indirekt durch Inkontinenz bedingt ist. 238 Ei­ ne Erhebung in den Pflegeheimen in der Steiermark kam zu dem Ergebnis, dass die Hälfte der Bewohne­ rInnen inkontinent ist. 239 Beim älteren Menschen kann der Übertritt ins Heim(vor allem, wenn er un­ freiwillig erfolgt) leicht eine Inkontinenz auslösen bzw. bestehende Schwierigkeiten verstärken. Abgese­ hen von den Kosten einer Heimpflege bzw. einer durch Inkontinenz erschwerten Pflege, sind jene für Hilfs­ mittel zu erwähnen, wobei sich hier ein beachtlicher Markt auftut. Im höheren Alter spielen Erkrankungen wie etwa Hirn­ leistungsstörungen, Medikamenteneinnahme, Ein­ schränkungen der Mobilität für das Auftreten von In­ kontinenz eine Rolle. Je mehr Erkrankungen vorhan­ den sind, desto eher ist mit Inkontinenz zu rechnen, bei mittleren und schweren Demenzen und/oder einem hohen Grad an Pflegebedürftigkeit besteht mit hoher Wahrscheinlichkeit eine ausgeprägte Inkontinenz. 240 Auch psychische Belastungen(z. B. Konflikte mit Fami­ lienmitgliedern, Tod des Partners/der Partnerin, un­ freiwillige Übersiedelung ins Pflegeheim, Kranken­ hausaufenthalte) können beim älteren Menschen In­ kontinenz hervorrufen, mit verursachen bzw. ein be­ stehendes Kontinenzproblem verstärken. Mitbeteiligt am Auftreten bzw. an der Verschlechterung einer In­ kontinenz können auch bauliche Gegebenheiten(z. B. schlechte Erreichbarkeit oder Kennung der Toilette, schlechte Ausstattung, ungenügende Temperierung der Toilette), mangelnde Unterweisung(z. B. ungenü­ gendes Einüben des Weges zur Toilette bei Dementen und Sehbehinderten), schlecht zu öffnende oder unzu­ reichende Kleidung, sowie mangelnde oder inadäquate Hilfsmittel(unstabile oder zu wenige Toilettenstühle, unzureichende Inkontinenzhilfsmittel) sein. Möglichkeiten der Früherkennung Prävention und Rehabilitation Angesichts der Folgen für die Betroffenen sind, wie dies die Weltgesundheitsorganisation fordert, breite Prä­ vention, Früherkennung und Rehabilitation der Inkon­ tinenz vordringliche gesundheits- und sozialpolitische Aufgaben. Bei rechtzeitigem Erkennen des Problems lassen sich die häufigsten Formen der Inkontinenz, nämlich die Drang- und Stressinkontinenz, gut thera­ pieren. Möglichkeiten zur Prävention, Früherkennung und Rehabilitation werden bisher noch immer viel zu wenig genutzt. Eine Rolle spielt dabei, dass sie nicht im vollen Umfang bekannt sind und/oder in ihrer Bedeu­ tung nicht richtig eingeschätzt werden. Eine schwedi­ sche Studie zeigt, dass bei älteren PatientInnen in 86 Prozent der Fälle durch therapeutische Maßnahmen entweder eine volle Heilung oder eine erhebliche Besse­ rung der Inkontinenz erreicht werden konnte. 241 Im 236 BROWN et al.(1998). 237 BATES et al.(1998). 238 FÜSGEN(1992), S. 9. 239 PAZOUREK(1989), S. 136. 240 FÜSGEN(1992), S. 10. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 285 V. AUSGEWÄHLTE KRANKHEITEN Sonstige chronische Erkrankungen Rahmen der Therapie eingesetzt werden können physi­ kalische(Beckenboden-, Miktions242 und Toiletten­ training, autogenes Training), medikamentöse und chirurgische Maßnahmen(z. B. neue Verankerung nach Uterussenkung). Ein frühzeitiger Beginn der Be­ handlung reduziert auch Kosten sowie Folgekosten, in­ dem Sekundärerkrankungen vermieden werden. 243 HausärztInnen, die wichtige Ansprechpersonen für äl­ tere Menschen in Sachen Gesundheit sind, sind gefor­ dert, durch regelmäßiges, einfühlsames Erfragen allfäl­ liger Miktionsprobleme(ev. mit fachärztlicher Unter­ stützung) frühzeitig zu einer exakten Diagnose beizu­ tragen und einer Therapie zuzuführen. Auch von ÄrztInnen wird das Problem noch immer tabuisiert und Kontinenzprobleme nicht selten auf das Alter und die Geburten geschoben. Dies hat zur Konsequenz, dass sie unbehandelt bleiben. Die systematische(und all­ jährlich zu widerholende) Frage nach ev. Ausschei­ dungsproblemen sollte – ähnlich wie Fragen nach Blut­ druck, Zucker oder Schlafstörungen – selbstverständli­ cher Teil des Anamnesegesprächs sein. Wien bietet im Rahmen der Mobilen Hauskrankenpfle­ ge Inkontinenzberatungsstellen, die als Drehscheibe zu den niedergelassenen praktischen ÄrztInnen, Fachärz­ tInnen und Fachambulatorien fungieren und so wichti­ ge Aufgaben erfüllen. Auch im Krankenhaus wird auf das Problem der In­ kontinenz nicht immer angemessen reagiert. Bei den betroffenen PatientInnen handelt es sich großteils um multimorbide ältere Menschen, die wegen einer ande­ ren Krankheit im Krankenhaus behandelt werden. In­ kontinenz wird dabei nicht selten als reines„Pflegepro­ blem“ abgetan, Beratung und mögliche(physio)thera­ peutische oder sonstige Maßnahmen werden vernach­ lässigt. Nach wie vor spielen in Krankenanstalten und Pflegeheimen katheterinduzierte Harnwegsinfektionen eine Rolle. Viele alte Menschen in Krankenanstalten und Pflegeheimen werden inkontinent, besonders ge­ fährdet sind verwirrte und demente PatientInnen. Auch wenn ambulante Dienste, Krankenhaus- und Heimträger Schulungen zum Thema Inkontinenz bie­ ten, scheitert die Umsetzung des Gehörten bzw. Gelern­ ten am Zeitmangel sowie daraus resultierender Über­ lastung des Pflegepersonals. Um Inkontinenz frühzeitig zu erkennen, ihre Häufig­ keit und Schwere mit präventiven Maßnahmen zu ver­ ringern und mit geeigneten Therapien und Pflegemaß­ nahmen eine sinnvolle Rehabilitation zu ermöglichen, ist ein enges Zusammenwirken von Pflegepersonal, ÄrztInnen, Physio- und Ergo- bzw. StomatherapeutIn­ nen(falls vorhanden) im Sinne der Betroffenen unver­ zichtbar. Unter den therapeutischen Maßnahmen sind – in Abstimmung mit der Form der Inkontinenz und den individuellen Gegebenheiten – physikalische Maß­ nahmen(Beckenboden-, Miktions- und Toilettentrai­ ning, autogenes Training, Psychosomatik, Biofeed­ back), medikamentöse(z. B. Spasmolytika bei Drang­ inkontinenz) und chirurgische Therapien(z. B. neue „Verankerung“ nach Uterussenkung) zum Einsatz zu bringen. 241 Zitiert nach FÜSGEN(1992). 242 Miktion= Wasserlassen, Blasenentleerung. 243 BÖHMER(1998). 286 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN SCHLUSSFOLGERUNGEN CONCLUSIONS SCHLUSSFOLGERUNGEN SCHLUSSFOLGERUNGEN Zusammenfassung Insbesondere in den wohlstandsgeprägten und al­ ternden westlichen Industriegesellschaften sind chronische Krankheiten heute weit verbreitet und binden auch einen beträchtlichen Teil der Ressour­ cen. Schätzungen zufolge ist in Zukunft mit einer weiteren Zunahme von chronischen Krankheiten (einschließlich Folgekrankheiten und Behinderun­ gen) zu rechnen, welche die Gesundheitssysteme vor gewaltige Herausforderungen stellen werden. Maßnahmen zur Reduktion chronischer Erkran­ kungen und deren Folgen sollten daher vordringli­ che gesundheitspolitische Ziele darstellen. Zu die­ sen Maßnahmen zählen vor allem die Primär­ prävention, die Vorsorge und Früherkennung(Se­ kundärprävention) sowie die Behandlung von chronischen Krankheiten(Tertiärprävention). Summary: Conclusions Chronic diseases are widespread above all in the af­ fluent and aging western industrialised societies; they also tie up a significant part of financial and manpower resources. According to estimates, it can be expected that chronic diseases(including seque­ lae and resulting disabilities) will continue to in­ crease further, which will pose immense challenges for public healthcare systems. For this reason, measures designed to reduce chronic diseases and their consequences should become key priority ob­ jectives of health policy. These measures include above all primary prevention, screening, and early diagnosis(secondary prevention) and the treat­ ment of chronic diseases(tertiary prevention). Schon heute stellen chronische Erkrankungen eine gro­ ße Herausforderung für die Gesundheitssysteme dar. Laut Weltgesundheitsorganisation(WHO) werden sie in Zukunft noch weiter an Bedeutung gewinnen. Die WHO schätzt, dass chronische Erkrankungen im Jahr 2020 weltweit über zwei Drittel aller Krankheitsfälle ausmachen und Hauptursache von Behinderung und Tod sein werden. 244 Chronische Krankheiten und die zum Teil damit verbundene Invalidisierung wirken sich vor allem auf die individuelle Lebensqualität aus und verursachen viel menschliches Leid. Der meist komple­ xe und sich auf lange Zeit erstreckende Betreuungsbe­ darf führt aber auch zu erheblichen Kosten. Maßnah­ men zur Reduktion chronischer Erkrankungen und de­ ren Folgen sollten daher vordringliche gesundheitspoli­ tische Ziele darstellen. Zu diesen Maßnahmen zählen vor allem die Primärprävention, die Vorsorge und Früh­ erkennung(Sekundärprävention) sowie die Behand­ lung von chronischen Krankheiten(Tertiärprävention). Primärprävention Angesichts der demographischen Entwicklung und dem damit verbundenen erhöhten Betreuungsbedarf ist mit stark ansteigenden Kosten für das Gesundheits­ system zu rechnen. Um diese zumindest etwas zu redu­ zieren gilt es, alle Maßnahmen der Gesundheitsförde­ rung und Prävention, die dazu beitragen, chronische Krankheiten zu vermeiden oder hinauszuschieben, zu nutzen. Im Bereich der Primärprävention zu unter­ scheiden ist zwischen der Verhaltens- und der Verhält­ nisprävention. Verhaltensprävention Verhaltensprävention zielt darauf ab, die Bevölkerung zur Verhaltensänderung zu bewegen.(Mit)verantwort­ lich für viele chronische Erkrankungen ist, wie gezeigt wurde, der in unserer Gesellschaft vorherrschende Le­ bensstil. Ungesunde Ernährung, Übergewicht, Bewe­ gungsarmut, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, etc. tragen zum Entstehen einer Reihe chronischer Er­ krankungen bei, insbesondere Herzinfarkt, zerebrovas­ kuläre Erkrankungen(Schlaganfall), verschiedene Krebserkrankungen, chronische Bronchitis und Diabe­ tes mellitus. Auch psychische Erkrankungen(z. B. Alko­ holismus und andere Suchtkrankheiten) sind zum Teil lebensstilbedingt. 244 WHO(2001), S. 947–948. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 289 SCHLUSSFOLGERUNGEN Zur Eindämmung chronischer Krankheiten kommt da­ her der Verhaltensprävention große Bedeutung zu. In Wien wurde aus diesem Grunde im Jahr 2001 das Ge­ sundheitsförderungsprogramm„Ein Herz für Wien“ initiiert, das neben der Reduktion von Herz-KreislaufErkrankungen auch auf einen Rückgang anderer chro­ nischer Krankheiten abzielt. Dieses Programm umfasst eine Reihe von Projekten, die schwerpunktmäßig fol­ gende Zwecke erfüllen: 245 ● Informationsvermittlung bzw. Aufklärung der Be­ völkerung über gesunde Lebensweise und Risiko­ faktoren. In diesem Zusammenhang sind z. B. die Herzenquete, die Herz- und Seele-Enquete, Aktivi­ täten im Rahmen des Kardiologenkongresses 2003, das Herzskriptum, die Herz-Info-Tage, die Män­ ner- und Frauengesundheitstage, oder die Osteopo­ rose- und Rheumatage zu erwähnen. ● Animation der Bevölkerung zu einem gesünderen Lebensstil. Beispiele für solche Projekte sind die Er­ richtung von Walking Miles, Heart Market und Heart Cooking, Herzkochbuch,„Wien isst gesund“, etc. ● Zielgruppenorientierte Aktivitäten, wie z. B. Blut­ druckmessen in der Leopoldstadt, Altern mit Hirn und Herz oder das Blutdruckprojekt am Arbeits­ platz, runden die Palette von Projekten zur Lebens­ stiloptimierung ab. 246 Verhältnisprävention Eine wichtige Rolle im Bereich chronischer Erkrankun­ gen spielt die Verhältnisprävention. Diese umfasst Maßnahmen, welche auf eine Verbesserung von Le­ bensumständen abzielen. Wie gezeigt wurde, sind chronische Erkrankungen und deren Folgen sozial un­ gleich verteilt, wobei die formale Bildung, die Teilnah­ me am Erwerbsleben, die berufliche Tätigkeit, etc. Ein­ flussfaktoren darstellen. Deprivierende Lebensum­ stände führen nicht selten zu nihilistischen Einstellun­ gen gegenüber der Gesundheit, zu Risikoverhalten und zu geringer Inanspruchnahme von Vorsorge- bzw. Früherkennungsmaßnahmen und kurativen Leistun­ gen. Soziale Ungleichheit betrifft außerdem nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder. Wichtige Rollen im Leben der Menschen spielen die Arbeit und die Arbeitsplätze . Möglichkeiten der Prä­ vention in dieser Hinsicht wurden bisher noch viel zuwenig beachtet. Nicht nur ungesunde Ernährung, Rau­ chen, etc. wirken sich negativ auf die Gesundheit aus; auch eine ständige ungünstige(meist einseitige) Belas­ tung des Rückens bei der Arbeit, Stress am Arbeitsplatz und andere arbeitsplatzspezifische Faktoren können zu schwerwiegenden Krankheiten führen. Mit Stress am Arbeitsplatz ist nicht nur eine zu hohe Arbeitsbelastung gemeint, sondern vor allem auch psychischer Stress, zum Beispiel aufgrund eines schlechten Arbeitsklimas. Mobbing ist in vielen Betrieben ein ernstes Problem. Verhaltensweisen wie ungesunde Ernährung, Rauchen, etc. sind daher häufig nur Symptome, deren Ursachen meist woanders liegen. Je gesundheitsförderlicher die Strukturen und Prozesse eines Unternehmens sind, desto gesünder und leistungsfähiger sind auch die Mit­ arbeiterInnen. Eine befriedigende Arbeit fördert das Wohlbefinden des Einzelnen, und wer gern zur Arbeit geht, wer sich wohl fühlt, bei dem wirken sich auch be­ lastende Phasen(wie Über- oder Unterforderung) nicht sofort negativ auf die Gesundheit aus. Betriebliche Gesundheitspolitik sollte also über die Anschaffung ergonomischer Stühle und die Bereitstel­ lung eines gesunden Kantinenessens hinausgehen und bei den Ursachen für Unzufriedenheit im Beruf anset­ zen – wie etwa Unternehmenskultur, mangelndem Führungsverhalten, Misstrauen, mangelnden Möglich­ keiten der aktiven Mitgestaltung des Arbeitsalltags. Fehlzeiten und Frühverrentung sind zum erheblichen Teil arbeitsbedingt. Das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, tagtäglich sinnlose Arbeit zu verrichten, mangelnde Herausforderung und Perspektive machen krank. Aus Abwehrhaltung versuchen viele, die Arbeit nur als Job zu sehen und vorwiegend in die Freizeit zu investieren. Die daraus resultierende Frustration wirkt sich nicht nur negativ auf die Qualität der Arbeit aus, sondern führt auch zu seelischen Verstimmungen, die chronisch werden können, und zu häufigen Kranken­ ständen. Chronische Krankheiten, die vor allem bei äl­ teren MitarbeiterInnen zu langen Fehlzeiten führen, entwickeln sich über längere Zeit. Die Beschäftigten fühlen sich schlecht behandelt, zu wenig anerkannt. Die Arbeit macht keine Freude, die Beschäftigten schaffen das vorgegebene Pensum nicht mehr, der Erfolg bleibt aus. Innere Kündigung wird zur Abwehrhaltung bzw. zum Schutz. 245 Die Projekte zielen sowohl auf Informationsvermittlung als auch auf Animation zu gesünderer Lebensweise ab. 246 Eine detaillierte Darstellung der verschiedenen Projekte findet sich in Stadt Wien(2003), Lebensstile in Wien, S. 263 ff. 290 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN SCHLUSSFOLGERUNGEN Betriebliche Gesundheitspolitik hat also nicht nur für das Gesundheits-, sondern auch das Sozialsystem gro­ ße Bedeutung. Durch Fehlzeiten bzw. Krankenstände und vorzeitige Pensionierung gehen nicht nur dem Ge­ sundheitssystem, sondern auch dem Sozialsystem im­ mense Summen verloren. Bereits vor der Frühpensio­ nierung fallen für die Behandlung arbeitsbedingter Krankheiten enorme Kosten an. Wissenschaftliche Er­ kenntnisse, wie solche krankheitsbedingten Ausfälle vermieden werden können, finden in den Unterneh­ men bisher wenig Beachtung. Im Vordergrund stehen heute Einsparungen im Sinne von„Verjüngung und Verschlankung“. Das Augenmerk richtet sich nicht darauf, Arbeitsunfähigkeit zu vermeiden, sondern es wird nach Möglichkeiten gesucht, sich von älteren Mit­ arbeiterInnen zu trennen(selbst wenn diese noch rela­ tiv jung sind). Damit jedoch ältere Menschen(auch an­ gesichts der zu erwartenden demographischen Ent­ wicklung) in die Lage versetzt werden, länger im Be­ rufsleben zu bleiben, bedarf es zum Beispiel auch ihrer Motivation zur Weiterbildung. Gesondert hinzuweisen ist auf die Situation arbeitslo­ ser Menschen . Arbeitslosigkeit und Gesundheit sind eng miteinander verbunden. Gesundheitlich beein­ trächtigte ArbeitnehmerInnen unterliegen aufgrund der vorherrschenden betrieblichen Entlassungs- und Einstellungspraktiken einem besonders hohen Risiko, arbeitslos zu werden bzw. bleiben aufgrund verminder­ ter Chancen einer beruflichen Wiedereingliederung überdurchschnittlich lange arbeitslos( Selektionseffek­ te). Zudem wirkt sich Arbeitslosigkeit(vor allem lang dauernde) ebenfalls negativ auf die psychosoziale und/ oder somatische Gesundheit aus bzw. verstärkt beste­ hende Gesundheitsprobleme( Kausaleffekte). So zeigt sich, dass Arbeitslose überdurchschnittlich häufig rau­ chen und seltener als Erwerbstätige Vorsorgeuntersu­ chungen nutzen. Auch Kinder von arbeitslosen Eltern oder Elternteilen nutzen Vorsorgeuntersuchungen sel­ tener als jene von erwerbstätigen. Die aufgrund von Arbeitslosigkeit bzw. im Vorfeld von Arbeitslosigkeit auftretenden gesundheitlichen Störun­ gen sowie deren individuelle und gesamtgesellschaftli­ che Auswirkungen werden zur Zeit viel zu wenig be­ dacht und sind bislang kaum ins Blickfeld arbeits­ markt-, sozial- und gesundheitspolitischer Überlegun­ gen gerückt. Es handelt sich dabei jedoch um ein Problem, das nicht nur im Rahmen der Gesundheitspo­ litik zu lösen sein wird. Neben Maßnahmen zur Verrin­ gerung von Arbeitslosigkeit(z. B. durch gerechtere Verteilung der Arbeit) sind hier auch Regelungen vor­ rangig, die verhindern, dass sich aus kurzfristigen be­ ruflichen Umbrüchen längerfristige und zum Teil schwer umkehrbare Prozesse sozialer Ausgrenzung he­ rausbilden. Ebenso bedarf es(wie betont) gesundheits­ fördernder Maßnahmen in Betrieben, die ein„Abrut­ schen“ in die Krankheit verhindern bzw. bei vorhande­ nen gesundheitlichen Beeinträchtigungen stützend wirken(z. B. Beratungsangebote bei Mobbing). Interventionsmaßnahmen der Arbeits- und Sozial­ politik zur Begrenzung der schädigenden Einflüsse von Arbeitslosigkeit verfolgen zwei Ziele: Die Erleichterung einer Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt und die psychosoziale Stabilisierung in der Arbeitslosigkeit. Zur Verringerung des psychosozialen Stresses, der mit dem Verlust des Arbeitsplatzes einhergeht, sind Konzepte gesellschaftlicher Begleitung, die Unterstützung bei be­ ruflichen Übergängen bieten, wichtig. Diese sollten be­ reits frühzeitig, etwa bei Betriebsschließungen einsetzen und als integrierte Beratung von entlassenden Organi­ sationen, Arbeitsverwaltung, Weiterbildung und sozia­ len Diensten zunehmend selbstverständlich werden. Gleichzeitig bedarf es, um berufliche Umbrüche zu be­ wältigen, der Förderung individueller Kompetenzen und Ressourcen. Besonders Langzeitarbeitslosen und gesundheitlich Beeinträchtigten sind angemessene Re­ integrationschancen zu eröffnen(z. B. durch öffentlich geförderte Beschäftigung, Begleitung bis zur Wiederbe­ schäftigung). Interventionsmaßnahmen bedürfen der prozess- und ergebnisorientierten Evaluation, wobei (um einen gezielten Ressourceneinsatz zu gewährleis­ ten) auch gesundheitliche Auswirkungen zu berück­ sichtigen sind. Wichtig ist die Qualifikation der Mitar­ beiterInnen der Arbeits-, Gesundheits- und Sozialver­ waltung im Hinblick auf gesundheitliche Probleme und der Bewältigung der Situation der Arbeitslosigkeit. Sekundäre Prävention: Vorsorge und Früherkennung Eine wichtige Rolle im Bereich chronischer Erkrankun­ gen spielt die sekundäre Prävention, also das frühzeiti­ ge Erkennen von Erkrankungen, bestenfalls in einem Vorstadium. In Vorsorgeuntersuchungen werden ge­ sunde Menschen, die bis dahin noch keine Symptome gezeigt haben, auf mögliche Erkrankungen hin unter­ sucht. Eine möglichst früh einsetzende Behandlung er­ höht die Heilungschancen, kann zur Verzögerung der CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 291 SCHLUSSFOLGERUNGEN Verschlechterung einer Erkrankung bzw. zur Vermei­ dung eventueller Folgekrankheiten beitragen. Nicht selten werden chronische Krankheiten erst viel zu spät entdeckt. Studien in Deutschland zeigen, dass in der Bevölkerung zwischen 55 und 74 Jahren der nicht ent­ deckte Diabetes mellitus ebenso verbreitet ist wie der bereits diagnostizierte. Nicht selten wird Diabetes erst entdeckt, wenn bereits Folgeschäden aufgetreten bzw. diese so weit fortgeschritten sind, dass sie nicht mehr aufzuhalten sind. Früherkennungsmaßnahmen können sich auf die krankheitsspezifische Inzidenz und Mortalität nicht nur positiv auswirken, sondern, wie sich am Beispiel von Krebs-Vorsorgeuntersuchungen zeigt, auch nega­ tive Effekte auf die untersuchte Bevölkerung haben (z. B. falsch negative oder falsch positive Befunde, un­ nötige Strahlenexposition, unnötige und folgenschwere Operationen, etc.). Es ist daher besonders wichtig, vor Einführung von Vorsorgeprogrammen deren potenzi­ elle Vorteile und Risiken zu kennen und die Bevölke­ rung so darüber zu informieren bzw. aufzuklären, da­ mit sie befähigt wird, selbst darüber zu entscheiden, ob sie an den jeweiligen Vorsorgeuntersuchungen teilneh­ men will oder nicht. 247 Nach den Empfehlungen der Europäischen Union 248 sollten neue Tests zur Krebs­ vorsorge nur dann in die Routineversorgung Eingang finden, wenn diese evaluiert worden sind – das heißt, wenn nachgewiesen ist, dass sie die krankheitsspezifi­ sche Mortalität und Inzidenz senken, das Kosten-Nut­ zen-Verhältnis akzeptabel ist und wirksame und ange­ messene Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Vorsorgeprogramme bedürfen der Qualitätssi­ cherung. Eine angemessene Qualitätskontrolle erfor­ dert jedoch auch entsprechende personelle und finan­ zielle Ressourcen. Tertiärprävention: Behandlung chronischer Erkrankungen Chronische Erkrankungen erfordern in der Regel eine komplexe Behandlung, die sich meist auf lange Zeit er­ streckt und mit häufigen Arztbesuchen und Kranken­ hausaufenthalten verbunden ist. Obwohl in der Be­ handlung chronisch Kranker in den letzen Jahren große Fortschritte gemacht wurden, ist die Qualität der Be­ handlung in Österreich und auch international nicht immer zufriedenstellend. Die WHO empfiehlt folgende Strategien zur Erhöhung der Wirksamkeit der Behand­ lung chronischer Krankheiten sowie zur Vermeidung von Folgekrankheiten. 249 Sicherung des Zugangs zu den vorhandenen Be­ handlungsmöglichkeiten . Dazu bedarf es der Bereit­ stellung von Wissen und Information über bestehende Dienste, sowie des Wissens- und Informationsflusses zwischen den Dienstleistern. Wie sich am Beispiel der rheumatischen Erkrankungen zeigt, werden viele chro­ nische Erkrankungen oft nicht entsprechend ernst ge­ nommen. Haus- bzw. PrimärärztInnen dienen hier so­ zusagen als„Lotse“ und bedürfen entsprechender Qua­ lifikation, um den Zugang der Betroffenen zu optimaler Behandlung zu sichern. Weiterbildung, Informations­ broschüren und elektronische Landkarten 250 bieten hier eine wichtige Unterstützung. Förderung von Compliance und Empowerment . Studien belegen, dass nur ein Teil der Menschen, die wegen chronischer Erkrankungen in Behandlung ste­ hen, die verschriebenen Medikamente in der geforder­ ten Weise einnimmt. Besonders schlecht ist die Com­ pliance(Mitarbeit der PatientInnen) in den unteren so­ zialen Schichten. PatientInnen mit mangelnder Com­ pliance, die nicht an den verschriebenen Behandlungen festhalten bzw. sie unterbrechen, erzielen schlechtere Ergebnisse. Die Wirksamkeit von Interventionen lässt sich erhöhen, wenn der Stärkung der Compliance bzw. dem Empowerment größere Bedeutung zugemessen wird. Bei PatientInnen mit chronischen Erkrankungen wie etwa Diabetes mellitus ist die Motivierung für ein jahrelanges, stabiles gesundheits- bzw. krankheitsbe­ wusstes Verhalten sehr bedeutsam. Zuverlässigkeit und Genauigkeit bei der Medikamenteneinnahme oder Insulindosierung tragen in hohem Maß zum Erfolg in der Diabetestherapie bei. Non-Compliance ist beim Typ-2-Diabetes die häufigste Ursache von Therapiever­ 247 Grundsätze für Vorsorgeuntersuchungen als Instrument der Prävention chronischer Erkrankungen wurden bereits 1968 von der Welt­ gesundheitsorganisation(WILSON[1986]) und vom Europarat(Council of Europe[1994]) veröffentlicht. 248 Empfehlungen zur Krebsvorsorge in der Europäischen Union(1999), S. 2 ff. 249 WHO(2001), S. 947–948. 250 Wie etwa im Bereich der rheumatischen Erkrankungen die Broschüre„Rheuma-Service“ oder die„Rheuma-Landkarte“(Auflistung aller Rheumatologen Österreichs). Zusätzlich steht die Hompage www.rheuma-service.at zur Verfügung. 292 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN SCHLUSSFOLGERUNGEN sagen. Unterstützung und Schulung von PatientInnen ist daher besonders wichtig. Gerade bei Diabetes-Kran­ ken ist jedoch der Begriff der Compliance nicht unpro­ blematisch, weil damit Erwartungen im Sinne von„Be­ folgen“ an die PatientInnen verbunden werden, welche die Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit der PatientInnen schwächen. Die Chance, die Behandlung zu verbessern und die Mitarbeit der Betroffenen zu er­ höhen, ist größer, wenn mehr Wert auf Empowerment gelegt wird. Empowerment bedeutet, PatientInnen zu befähigen und zu motivieren, ihre Krankheit und die damit verbundenen Einschränkungen bestmöglich zu managen. Wichtig ist, dass chronisch Kranke ihre eige­ ne Situation in den Griff bekommen und die vorhande­ nen Möglichkeiten(Behandlungen, Medikamente, etc.) optimal nutzen. Selbständigkeit, Eigenverantwortlich­ keit, Entscheidungs- und Problemlösungsfähigkeiten (Empowerment) sind für die Selbstbehandlung des Di­ abetes mellitus wichtiger als die Fähigkeit, einen Ver­ schreibungsplan zu befolgen. Trotzdem sind Diskre­ panzen zwischen Therapieplan und tatsächlichem Aus­ maß der Behandlung wichtige Kenngrößen, um dem Patienten/der Patientin durch das Empowerment zur erfolgreichen Selbstbehandlung zu verhelfen. Wichtig ist eine Gesundheitspolitik und-gesetzgebung, die eine umfassende Behandlung und Betreuung chronisch kranker Menschen ermöglicht bzw. unter­ stützt und zur Verbesserung der Kooperation und Ver­ netzung in der Betreuung beiträgt. Vorrangig ist die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Dienstleis­ tern und Berufsgruppen, unter anderem im Sinne der Aufrechterhaltung der Kontinuität der Betreuung. In diesem Zusammenhang gewinnt auch das DiseaseManagement an Bedeutung. Darunter versteht man eine Form der medizinischen Versorgung, die dazu bei­ trägt, die Prävention und Behandlung einer Krankheit zu verbessern und die durch die Krankheit bedingten Beeinträchtigungen zu verringern. Disease-Manage­ ment erfordert verbindliche und aufeinander abge­ stimmte Behandlungsprozesse, die auch die Wirt­ schaftlichkeit der Behandlung sicherstellen. 251 Struktu­ rierte Behandlungsprogramme sind ein entscheiden­ der Einstieg in die sektorübergreifende medizinische Versorgung mit dem„Hausarzt als Lotsen“. Die Be­ handlung erfolgt koordiniert zwischen ambulanter und stationärer Versorgung sowie(falls nötig) der Rehabili­ tation. Die verschiedenen Gesundheitsberufe arbeiten abgestimmt zusammen. Die PatientInnen profitieren von der in den Programmen geförderten Zusammenar­ beit der ÄrztInnen(Hausarzt/-ärztin, qualifizierte/r Facharzt/-ärztin oder Schwerpunktpraxis, Kranken­ haus, etc.). Insbesondere wird hier gesichert, dass Pati­ entInnen zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stel­ le behandelt werden. Es geht hier aber auch um die Ver­ netzung zwischen Gesundheitsbereich und anderen Be­ reichen. Auch die Palliativmedizin ist in die ärztliche Praxis zu integrieren. Ausrichtung der Behandlung an evidenzbasierten Behandlungsleitlinien . Um zu garantieren, dass neu­ este wissenschaftliche Erkenntnisse in ausreichendem Maße berücksichtigt werden, gilt es, Behandlungspläne auf den Grundlagen einer„Evidence Based Medicine“ zu entwickeln und in verschiedenen Bereichen und Einrichtungen zu implementieren. Dazu bedarf es je­ doch der Bereitstellung entsprechender finanzieller Mittel. Beispielsweise werden Spätkomplikationen des Diabetes, wie etwa Schäden an Nieren, Augen, Nerven und Gefäßen, nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, obwohl dies durch sachgerechte Kontrolle möglich wä­ re. Wenn die notwendigen diagnostischen und thera­ peutischen Maßnahmen immer durchgeführt würden, könnten zahlreiche Komplikationen wie Nierenversa­ gen, Herzinfarkte und Amputationen verhindert wer­ den. Beim Brustkrebs könnten beispielsweise unnötige Brustentfernungen, zu wenig oder unnötige Bestrah­ lungen verhindert und eine bessere psychosoziale Be­ treuung sichergestellt werden. Auch die bei Krebspati­ entInnen oft unzureichenden Verordnungen von hoch­ wirksamen(Schmerz)medikamenten lässt sich so kor­ rigieren. Strukturierte Behandlungsprogramme, in denen Be­ handlungsmethoden eingesetzt werden, die in wissen­ schaftlichen Studien auf Wirksamkeit, Sicherheit und Nutzen überprüft worden sind, tragen dazu bei, vor­ handene Defizite abzubauen und eine Versorgung zu sichern, die das Risiko von Folgeschäden und akuten Verschlechterungen der Krankheit so weit wie möglich verhindert und die Lebensqualität der PatientInnen verbessert. Grundlage der Behandlung ist ein differen­ 251 In Deutschland wurden„Disease-Management-Programme“ für Diabetes mellitus Typ 2 und Brustkrebs vorbereitet. Für Diabetes mel­ litus Typ 1, koronare Herzkrankheiten und chronisch obstruktive Atemwegserkrankungen(Asthma, Bronchitis) werden solche Pro­ gramme ebenfalls in Erwägung gezogen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 293 SCHLUSSFOLGERUNGEN zierter Therapieplan auf der Basis einer individuellen Bewertung des Krankheitszustandes des Patienten/der Patientin. Im Vordergrund steht also die individuelle Behandlung nach den Bedürfnissen der PatientInnen bzw. deren Krankheitszustand. Bei vielen chronischen Erkrankungen(wie etwa Krebs, Aids, Oberschenkelhalsbrüche) ist, mitunter abhängig von der Lebenssituation der Betroffenen, Case-Ma­ nagement von Bedeutung. Wie sich aufgrund von Mo­ dellprojekten eindrucksvoll zeigt, können bei Multi­ morbidität, wie sie sich vor allem bei älteren Men­ schen findet, Dienste dieser Art einen wesentlichen Beitrag zur Verkürzung teurer stationärer Aufenthalte bzw. zur Verringerung von Mehrfachaufenthalten leis­ ten und trotz schwerer Krankheit und Behinderung Übertritte in Pflegeheime verzögern bzw. verhindern, die Entlassung aus dem Heimbereich unterstützen und ein Leben in den„eigenen vier Wänden“ ermögli­ chen. Mit Hilfe des Case-Managements lässt sich eine optimale, Qualitätskriterien entsprechende, integrier­ te Versorgung und deren Kontinuität sichern. Die ge­ änderten bzw. sich in Zukunft weiter ändernden Fami­ lienstrukturen(Zunahme der Ein-Personen-Haushal­ te, etc.) erfordern eine vermehrte Heranziehung sol­ cher Alternativen. Beobachtung und Evaluation der Qualität der Leis­ tungen und der Ergebnisse . Um vorgegebene Quali­ tätsanforderungen sicherzustellen, sollten die Ergeb­ nisse neu eingeführter Behandlungsprogramme in Hinblick auf Wirksamkeit und Kosten überprüft und bewertet werden. Die Evaluation ermöglicht es, not­ wendige Änderungen frühzeitig vorzunehmen. Chronische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen Wie gezeigt wurde, bleiben auch Kinder von chroni­ schen Erkrankungen nicht verschont. Um einer Ver­ schlechterung des Krankheitsbildes im Erwachsenen­ alter vorzubeugen, bedürfen chronische Erkrankungen im Kindesalter besonderer Aufmerksamkeit. Abgese­ hen von der frühzeitigen Behandlung der Symptome müssen die betroffenen Kinder lernen, mit ihrer Krankheit richtig umzugehen. Dies trägt wesentlich da­ zu bei, dass sie ein möglichst normales und zumindest teilweise beschwerdefreies Leben führen können. Aufgrund differenzierter Behandlungspläne konnten zum Beispiel die Heilungschancen bei Krebserkran­ kungen im Kindesalter erheblich gesteigert werden. Psychologische Betreuung, die Einbindung naher An­ gehöriger(z. B. Eltern, Geschwister) in die Therapie und eine weitgehende Normalisierung des Lebensab­ laufs trotz Krankheit(etwa durch Unterricht) können den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen. Für chronische Erkrankungen im Kindesalter(wie z. B. rheumatoide Arthritis, Asthma) scheint es besonders wichtig, dass Kinder sowie deren Eltern lernen, mit der Krankheit umzugehen und entsprechend geschult wer­ den. Der Kontakt mit LeidensgenossInnen kann, wie sich auch aufgrund von Therapiecamps zeigt, wichtige Erfahrungen im Umgang und in der Auseinanderset­ zung mit der Erkrankung bieten. Fazit Bisher orientieren sich die Gesundheitssysteme noch immer hauptsächlich am episodenhaften Charakter akuter Erkrankungen. Je früher sich die involvierten Politikbereiche(vor allem Arbeits-, Sozial- und Ge­ sundheitspolitik) auf die zunehmende Verbreitung chronischer Erkrankungen und die daraus erwachsen­ den Folgen einstellen sowie in die Vorbeugung und Be­ handlung chronischer Erkrankungen investieren, desto eher wird es gelingen, die anstehenden Probleme zu be­ wältigen. Vor allem bedarf es der vermehrten Bereit­ stellung koordinierter Behandlungssysteme. Zu beden­ ken ist, dass sich auch die Form der Leistungserbrin­ gung(ambulant, teilstationär oder stationär) auf die Kosten auswirkt. Auch die vermehrte Einbeziehung und Anerkennung so genannter komplementärmedizi­ nischer Leistungen(Akupunktur, Akupressur, Homö­ opathie, Neuraltherapie, manuelle Medizin, Bioreso­ nanz-Therapie, Kneipp-Therapie, etc. 252 ) wäre insbe­ sondere im Bereich der chronischen Krankheiten ziel­ führend. Die Behandlung chronischer Erkrankungen ist sehr komplex und dauert lange. Nicht selten erstreckt sich der Behandlungsbedarf auf Jahrzehnte(wie z. B. bei Di­ abetes-Kranken). Aufgrund der demographischen Ent­ wicklung ist mit einer weiteren Zunahme chronischer Erkrankungen zu rechnen, welche wiederum mehr Ressourcen binden werden. Die Kosten für die Behand­ lung chronischer Krankheiten sind schon jetzt sehr 252 Vgl. Stadt Wien(1999), Gesundheitsbericht für Wien 1998, S. 277 ff. 294 CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN SCHLUSSFOLGERUNGEN hoch. Die gegenwärtige Diskussion um Einsparungen läuft jedoch Gefahr, auf Kosten der Behandlungsqualität zu gehen. Auch wenn in manchen Bereichen Effizienzsteigerungen möglich sind, werden, will man die Qualität in der Versorgung sichern, die Gesundheits­ kosten in Zukunft weiterhin rasant steigen. CHRONISCHE KRANKHEITEN IN WIEN 295 LITERATUR BIBLIOGRAPHY LITERATUR LITERATUR AROLT, V. et al.(1995), Psychische Störungen bei inter­ nistischen und chirurgischen Krankenhauspatienten – Prävalenz und Behandlungsbedarf, Nervenarzt, 66, S. 670–677. AROLT, V.(2000), Psychiatrische Erkrankungen, in: SCHWARTZ, F.W. et al.(Hrsg.), Das Public Health Buch, München/Jena. AROMAA, A.; KOSKINEN, S.; HUTTUNEN, J.(Hrsg.) (1999), Health in Finland, Helsinki. ATKIN, W.; CUZIK, J. et al.(1993), Prevention on colo­ rectal cancer by once-only sigmoidoscopy, Lancet, 341, S. 736–740. AUVINEN, A. et al.(1996), Prorok PhC for the Internati­ onal Prostate Cancer Trial Evaluation Group. Pros­ pective evaluation plan for randomised trials of pros­ tate cancer screening, J. Med. Screening, 3, S. 97–104. 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