W E R K S T A T T B E R I C H T 159 Herausforderungen für Stadtentwicklung und Wohnbau :urbane stadt Herausforderungen für Stadtentwicklung und Wohnbau VORWORTE Mag. a Maria Vassilakou Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Stadtentwicklung, Verkehr, Klimaschutz, Energieplanung und BürgerInnenbeteiligung Wien gehört zu jenen erfolgreichen Städten in Europa, die an Bevölkerung dazugewinnen. Immer mehr Menschen aus den Bundesländern und ganz Europa verwirklichen ihre Träume in unserer Stadt. So ist Wien auf dem Weg zur 2-Millionen-Stadt, und gerade das bietet neue Chancen: Die Stadt wird jünger, vielfältiger und lebendiger. Wien nützt diese Entwicklung, die zukunftsweisende Vorhaben erst möglich macht! Auf Initiative der Ressorts Wohnen und Stadtentwicklung wurde gemeinsam mit der TU Wien ein breiter Erörterungsprozess dazu in Gang gesetzt, wie auch in Zukunft die Qualitäten, die die Stadt heute ausmachen, bei der Entwicklung, Planung und Errichtung durchmischter, vielfältiger und urbaner Stadtquartiere gesichert werden können. Die Stadtverwaltung und die Politik haben daher gemeinsam mit BauträgerInnen, PlanerInnen und ArchitektInnen die aktuelle Ausgangssituation diskutiert sowie anstehende Fragestellungen und Handlungsfelder erarbeitet. Es ist unser Ziel, die sich jetzt bietenden Chancen zu nutzen und gerade jene Dinge zu stärken und auszubauen, die Wien so lebenswert machen. Ich freue mich über die nun vorliegende Publikation und die Vorschläge zur Weiterentwicklung unserer Stadt und bedanke mich bei allen, die sich dabei eingebracht haben. Gleichzeitig sehe ich diesen Werkstattbericht als einen Startschuss für weitere Kooperationen und gemeinsame Projekte, um eine zukunftsweisende, nachhaltige Stadtentwicklung voranzutreiben. Dr. Michael Ludwig Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung Wien im Jahr 2015 prosperiert wie kaum eine andere europäische Metropole. Zurück geht das auf das Engagement und die Innovationsfreude der Wiener Bevölkerung, zu einem Gutteil auch auf eine weitsichtige, vernünftige städtische Planung, die seit vielen Jahren Tatkraft und Beweglichkeit beweist. Der Wiener Weg, Tradition mit mutigen Neuerungen zu verschränken, die Stadt so in eine smarte Zukunft zu führen, ist ein erfolgreicher, der international hohe Beachtung findet. Auch, weil hier der soziale Aspekt einbezogen wird. Es geht um das urbane Erleben jeder einzelnen Wienerin, jedes einzelnen Wieners. Welche Herausforderungen bestehen, welche Erfordernisse bedacht werden müssen, was Urbanität überhaupt in den kommenden 20 oder 30 Jahren ausmachen soll, das alles und mehr waren Fragestellungen eines breiten Diskussionsprozesses im ersten Halbjahr 2015. Daran beteiligt waren Expertinnen und Experten aus Architektur und Stadtplanung, auch VertreterInnen von Bauträgern sowie Persönlichkeiten aus Politik und Stadtverwaltung. Für all ihre Inputs bedanke ich mich herzlich! Der vorliegende Werkstattbericht ist mehr als ein Kompendium zum Prozess. Er dient zum einen als Nachschlagewerk, zum anderen als Impuls für weitere Diskussionen, vielleicht auch zur Adaption. Denn das Wachstum Wiens wird in den kommenden Jahren neuer oder modifizierter Planungsansätze bedürfen. Die Menschen werden vielleicht andere Bedürfnisse entwickeln. Das soll auch so sein, denn gerade sanfte Veränderungen haben möglich gemacht, was Wien heute ist: eine Erfolgsgeschichte! INHALT 10 ZUM HINTERGRUND 12 Der Prozess 13 Der Workshop 18 Die Enquete 20 URBANE VIELFALT Zwischen Mythos, Wirklichkeit und Anspruch? Rudolf Scheuvens 26 URBANE QUARTIERE Herausforderungen für Stadtenwicklung, Städtebau und Wohnbau Rudolf Scheuvens 34 ÜBER DAS BAUEN HINAUS Instrumente, Prozesse und(Mit-)Verantwortlichkeiten Rudolf Scheuvens 44 URBANE VIELFALT Vom Mythos der Stadt zur Ressource ihrer Transformation Angelus Eisinger 64 POSITIONSBESTIMMUNGEN 66 Vielfalt statt„Kleinteiligkeit“ 68 Gestaltung offener Prozesse 70 Der Aufbau neuer strategischer Allianzen 72 Den Quartiersansatz stärken 74 Der Kontext des Stadtteils 76 Aktionsfeld Öffentlicher Raum und Erdgeschoße! 78 Vernetztes Handeln 10 Hintergrund : urbane stadt ZUM HINTERGRUND Wien zählt zu den am schnellsten wachsenden Städten Europas. Der Zuzug und die damit verbundenen Anforderungen an die Schaffung von Wohnraum werden die räumliche Struktur der Stadt verändern. Der Druck auf den Wohnungsund Immobilienmarkt ist enorm. Bis zum Jahr 2025 sollen rund 120.000 neue Wohnungen bereitgestellt werden. Mit der Zahl der EinwohnerInnen steigt auch die Vielfalt unterschiedlicher Kulturen und damit jene der kulturellen Werte in der Wahrnehmung, im Gebrauch und in den Erwartungen an den städtischen Raum selbst. Die Stadt wird zum Bezugs- und Aktionsraum von Migration, von ethnischer und soziokultureller Vielfalt. Etablierte Strukturen sind in Bewegung. Dynamisierungstendenzen betreffen Fragen des städtischen Lebens und umfassen als solche nicht nur die räumliche Verortung der städtischen Funktionen Arbeit, Wohnen und Freizeit, sondern ebenso deren räumliche Beziehung zueinander sowie ihre Verknüpfung auf einer sozialen Ebene. All dies bleibt nicht ohne Konsequenz auf die Entstehung neuer urbaner Lebenswelten und deren Anforderungen an Stadt und urbaner Vielfalt. Räumlich richtet sich der Blick der wachsenden Stadt auf die Entwicklung ehemaliger Bahnareale wie auf derzeit eher periphere Standorte, die über Investitionen in Wohnen, Gewerbe, Infrastruktur und öffentlichen Raum näher an die Stadt heranrücken werden. Die über den STEP 2025 zum Ausdruck gebrachte Zielrichtung ist unmissverständlich: Unter der Überschrift„Die Stadt weiterbauen“ geht es um die Weiterentwicklung des bebauten Stadtgebiets ebenso wie um die Vorsorge für die Stadterweiterung; letztlich um eine Stadtentwicklungsstrategie, die darauf setzt, Qualität und Leistbarkeit des städtischen Raums auch nachhaltig sichern zu wollen. Unter der Überschrift„Mut zur Stadt“ sind die Entwicklung einer qualitätsvollen Urbanität und die Sicherung der Leistbarkeit des Wohnens wesentliche Ziele der Stadtentwicklung und des geförderten Wohnungsbaus. Über den STEP 2025, wie über den geförderten Wohnungsbau, werden die politische Verantwortung und der Gestaltungswille zum Ausdruck gebracht, das Wachstum der Stadt nicht nur quantitativ zu bewältigen, sondern qualitativ zu gestalten. Hier setzt nun auch die 2010 im Rot-Grünen Regierungsübereinkommen verankerte Enquete an, in deren Rahmen„Chancen und Risiken kleinteiliger Strukturierungen bezogen auf die Entwicklung vielfältiger urbaner Stadtstrukturen“ 11 diskutiert und bewertet werden sollen. In einem thematisch deutlich erweiterten Spektrum, rückte die Auseinandersetzung mit dem Verständnis von Urbanität und Vielfalt in den Fokus der Diskussion zur Enquete. Verstanden als gemeinsames Anliegen von Stadtentwicklung und Wohnungsbau, widmete sich die Enquete den damit verbundenen Fragen und Herausforderungen: Wie lassen sich ganz konkret die Anforderungen an die Entwicklung urbaner Quartiere mit jenen des leistbaren Wohnens verknüpfen? Was bedeutet dies für das Zusammenspiel aus Bebauung und öffentlichem Raum, was für die Entwicklung einer vielfältig nutzbaren Sockelzone, was für die Körnung und die Vielfalt im Quartier und im Gebäude, was für das Zusammenwirken von Städtebau, Wohnungsbau und Freiraumgestaltung und was bezogen auf die Veränderbarkeit und Anpassungsfähigkeit des gebauten und des gelebten Raumes in der zeitlichen Perspektive? Damit einher gehen auch Fragen nach der Weiterentwicklung etablierter Instrumente ebenso wie einer zielführenden Programmierung von Prozessen in der Gestaltung von Verantwortlichkeiten in der urbanen Raumproduktion der wachsenden und der leistbaren Stadt! Diese Publikation führt die unterschiedlichen Positionen und Erwartungshaltungen zusammen, die im Rahmen der öffentlichen Enquete und eines vorangegangenen Workshops mit VertreterInnen aus Stadtentwicklung und Wohnbau, aus Politik und Verwaltung, der Wohnungswirtschaft, wie aus Planung, Architektur, Freiraumplanung und Soziologie, teilgenommen haben. Die Publikation erweckt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Abgeschlossenheit im Zugang auf eine urbane Vielfalt in der Quartiersentwicklung. Sie will zum Nachdenken bewegen und dazu beitragen, vorhandene Prozesse und Standards zu hinterfragen. Es geht damit nicht um den Abschluss eines Diskurses, sondern um dessen Auftakt! 12 Hintergrund : urbane stadt DER PROZESS rund um die Enquete Recherche Zur Vorbereitung des Prozesses wurde eine themenbezogene Untersuchung zu lokalen und auch internationalen Beispielen und Projekten durchgeführt, welche als Anregung für weiterführende Diskussionen diente. Workshop| 7. Mai 2015 Den Auftakt des Erörterungsprozesses bildete ein Workshop, zu dem in thematisch gefassten Arbeitsgruppen Herausforderungen, Bedingungen, Chancen und Risiken kleinteiliger Strukturierungen diskutiert wurden. Enquete| 17. Juni 2015 Als Abschluss des Prozesses fand eine öffentliche Enquete statt, wo unter Teilnahme von Fachleuten und internationalen Gästen die Ergebnisse des Workshops zur Diskussion gestellt und dokumentiert wurden. Dokumentation Der vorliegende Werkstattbericht dokumentiert den Prozess, gibt Einblick in die geführten Diskussionen und stellt mit den Positionsbestimmungen zukünftige Handlungsfelder dar. 13 DER WORKSHOP 7. Mai 2015 Der Enquete voraus ging ein Workshop mit VertreterInnen aus Politik und Verwaltung, der Wohnungswirtschaft sowie aus Planung, Architektur, Freiraumplanung und Soziologie, in dessen Rahmen die Erwartungen an die Entwicklung urbaner Quartiere aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Erwartungshaltungen erörtert wurden. Grundlegend betont wurde die weltweit einzigartige Tradition des kommunalen und geförderten Wohnungsbaus, der wesentliche Voraussetzungen zu einer sozial durchmischten, leistbaren Stadt beiträgt und eine hohe Wohnund Lebensqualität schafft. Damit verbunden sind hohe Anforderungen an die Ökonomie des Bauens ebenso wie an die Bewirtschaftung und Unterhaltung der Wohnbauten selbst. Aus den Diskussionen an den Tischen wurden als Ergebnis des Workshops 6 Punkte zur weiteren Vertiefung im Rahmen der Enquete extrahiert: Leistbarkeit sichern! Vielfalt statt Kleinteiligkeit thematisieren! Sockelzonen aktivieren! Gewerbliche Nutzungen integrieren! Den Quartiersansatz stärken! Den Faktor Zeit berücksichtigen! 14 Workshop : urbane stadt STATEMENTS AUS DEM WORKSHOP „Stadtentwicklung und Stadtplanung sind wichtige Zukunftsaufgaben, die aber auch immer auf die ökonomischen Rahmenbedingungen Rücksicht zu nehmen haben. Die aktuelle Wirtschaftslage – und diese wird sich in den nächsten 3 Jahren nicht zum Besseren ändern – ist durch steigende Arbeitslosigkeit, sinkende Einkommen, höhere Abgabenbelastungen und damit verbundenen Verlust an Kaufkraft gekennzeichnet. Vor diesem Hintergrund ist die Wohnbauförderung gefordert, den Zugang zum Wohnungsmarkt vor allem für benachteiligte Bevölkerungsschichten nachhaltig zu verbessern. Die Sicherung der Leistbarkeit des Wohnens wird zur Prämisse in Stadtentwicklung und Wohnungsbau.“ Wilhelm Zechner, Sozialbau AG „Urbanität bedingt die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ambivalenzen. Dazu braucht es robuste, flexible Strukturen, um Veränderungen zuzulassen.“ Raimund Gutmann, wohnbund:consult „Ich lebe seit meiner Geburt in Wien, einer Großstadt, in der es in meiner Kindheit Regio nen gab, die ich gar nicht kannte, weil sie so weit entfernt waren, und Regionen gab, die ich als mein Wien begriff, und zwar gleichgültig, wie viel hohe oder niedrige, große oder kleine, schöne oder eher weniger schöne, alte oder neue Gebäude ich dort vorfand. Ich begriff dabei meine Stadt immer als eine Großstadt, die einerseits in ihrer historischen Entwicklung Vor städte und Vororte integrierte, andererseits aber infolge ihrer Attraktivität von der Notwendigkeit, Wohnraum für zwei Millionen Menschen zur Verfügung zu stellen, stets angeleitet ist, auch dichte Strukturen hinzufügen musste, ohne dabei Freiräume verschwinden zu lassen.“ Christian Pöhn, MA 39, Prüf-, Überwachungs- und Zertifizierungsstelle 15 „Der Wohnanlagenfreiraum ist Teil des städtischen Freiraumsystems und daher in einer ganzheitlichen Betrachtung mit den benachbarten Bauplätzen und dem Umfeld abzustimmen. Eine übergeordnete Konzeptionierung der Grün- und Freiräume eines Wohnquartiers in der städtebaulichen Entwicklungsphase bestimmt Größen, Funktionen, Öffentlichkeiten und Wid mungen. In weiterer Folge sind Verantwortlichkeiten, Ausführungsstandards sowie budgetäre Erfordernisse und Zuständigkeiten für freiräumliche Leistungen in einer frühen Phase der Projektentwicklung festzulegen.“ Sabine Dessovic, DnD Landschaftsarchitektur 16 Workshop : urbane stadt „Die ‚Economy of Scale‘, welche besagt, dass größere Einheiten als Folge immer billiger sind, trifft nicht automatisch zu. Es sollte vielmehr zu einer Verschiebung zur ‚Economy of Scope‘ kommen, welche versucht, Synergien zu erzeugen. Diese sollte zum Prinzip einer jeden Entwicklung werden.“ Claudia Nutz, Wien 3420 AG „Es gibt urbane Qualitäten, die sich in kleinteiligen Strukturen besser realisieren lassen. Das wusste schon Camillo Sitte. Üblicherweise – und es war auch die erste Reaktion auf Camillo Sittes Werk – wischt man solcheErkenntnissemitdemHinweisaufwirtschaftlicheundsachliche Zwänge beiseite. Eine vielfältige, lebendige Stadt, die Eigeninitiative fördert, Persönlichkeiten hervorbringt und individuelle Lebensentwürfe erlaubt, bedingt die Keinteiligkeit und erfordert die Vielfalt.“ Bernhard Sommer, Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Wien, Niederösterreich und Burgenland „Wir müssen aufhören, ausschließlich in Bauplätzen zu denken – wir müssen in Stadtteilen denken! Dazu fehlt die legistische Ebene. Es braucht das Quartier als gesetzlichen Begriff!“ Cornelia Schindler, s&s architekten 17 „Qualitätsvolle Urbanität setzt die Integration vielfältiger, hochwertig gestalteter und angemessen dimensionierter Grün- und Freiräume voraus. Die Richtlinien des aktuellen Wiener Stadtentwicklungsplans STEP 2025 legen den Grün- und Freiraumbedarf quantitativ fest und beschreiben erforderliche Freiraumtypologien und Qualitätsstandards. Die Einhaltung dieser verbindlichen Vorgaben sichert Lebensqualitäten in der Stadt, erhöht die Wohnzufriedenheit der BewohnerInnen und steigert die Wirtschaftlichkeit einzelner Bauprojekte.“ Sabine Dessovic, DnD Landschaftsarchitektur „Gerade in Zeiten so komplexer Herausforderungen kommt den Flächenwidmungsverfahren eine besondere Bedeutung und Verantwortung zu. Neben einer notwendigen Beschleunigung der VerfahrensdauersindFlächenwidmungenundstädtebaulicheLösungeninjenerQualitätnachgefragt, wo geförderter (leistbarer) und frei finanzierter Wohnbau gleichermaßen realisiert werden können.“ Wilhelm Zechner, Sozialbau AG 18 Enquete : urbane stadt DIE ENQUETE 17. Juni 2015 „Das stadtplanerische Zauberwort des Augenblicks heißt Urbanität: Auf den Strassen und Plätzen soll es brummen.“ – so formuliert es Vittorio Magnano Lampugnani in seinem Artikel in der NZZ vom 23. Mai 2015. Er schreibt über Straßencafés und inszenierte Straßenräume und kritisiert die Okkupation des öffentliches Stadtraums unter dem Deckmantel eines urbanen Stadterlebnisses. Der Druck auf die urbanen Raumressourcen der Stadt steigt. Das Urbane scheint längst zu einem Marketingkriterium geworden zu sein, über das sich höhere Immobilienpreise realisieren lassen. Urbanität also nur noch für jene, dies sich dies auch leisten können? Die Förderung einer urbanen Vielfalt als Luxusanliegen der Stadtentwicklung? Dem gegenüber steht die Kritik an gegenwärtigen Entwicklungen im Wohnungsbau, die über den Architekten und Stadtplaner Erich Raith in dem Beitrag„Schluss mit Wohnbau“ thematisiert wird. Er kritisiert die Dominanz eines funktionalistisch spezialisierten Geschoßwohnbaus in der Entwicklung neuer Stadtteile.„Auf diese Art und Weise sind(Groß-)Siedlungen entstanden, aber keine Städte mit urbanem Charakter“, so Erich Raith. Wenn wir uns also im Rahmen der Enquete„Urbane Stadt“ mit den Herausforderungen einer„Urbanen Vielfalt“ befassen, dann ist es notwendig, den Zugang dazu differenziert zu betrachten. Der Fokus richtet sich dabei auf die Entwicklung neuer Stadtquartiere und Stadtteile und auf die Frage, ob und wie sich urbane Qualitäten über die Stadtentwicklung und den Wohnbau stimulieren und fördern und wie sich die hoch gesteckten Anforderungen an ein leistbares und qualitativ hochwertiges Wohnen mit jenen an Vielfalt, Flexibilität, Veränderbarkeit und Anpassungsfähigkeit des Quartiers und der Architektur verknüpfen lassen? Welchen Stellenwert messen wir dabei den öffentlichen Räumen bei? Wie können sie einer Bedeutung gerecht werden, die sie zum konstituierenden Grundgerüst der Quartiersentwicklung, zum Bezugs- und Aktionsraum für soziale Prozesse und städtisches Alltagsleben werden lässt? Was braucht es dazu an Gestaltung und Ausstattung? Wie lassen sich aber auch bewusst Dinge offen halten und wie lässt sich darüber der notwendige Raum geben für eine konkrete Mitgestaltung und Mitverantwortung künftiger BewohnerInnen im Quartier? Es sind dies Fragen, auf die keine einfachen, vordergründigen Antworten gegeben werden können. Dies vor allem dann, wenn die urbane Vielfalt nicht einfach als„medial anschlussfähige Metapher oder leicht zu kommunizierbare bildhafte Referenz“ verstanden werden darf, sondern als„produktive Größe bei der konkreten Entwicklung von Stadtalltag“ – wie Angelus Eisinger dies in seinem Beitrag in dieser Publikation formuliert. MÜSSEN WIR DEN ANSPRUCH AN URBANE QUARTIERE NICHT NEU JUSTIEREN? Rudolf Scheuvens 20 Enquete : urbane stadt URBANE VIELFALT Zwischen Mythos, Wirklichkeit und Anspruch? Rudolf Scheuvens Was und wie entsteht und was sich wie entwickelt, steht immer in Abhängigkeit und Wechselwirkungen von den Kräften des Marktes ebenso wie von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und politisch/normativen Zielsetzungen und Werthaltungen. Gerade die Entwicklung der europäischen Stadt ist Ausdruck dieser unterschiedlichen Kraftfelder und Einflusssphären. Im Ergebnis ist die Geschichte der Stadt und die Geschichte gesellschaftlicher Prozesse ablesbar in der Struktur der Stadt, in ihrer Architektur wie in ihren öffentlichen Räumen, in ihrer Gestalt, ihrer Funktion, ihrer Kultur. Wir brauchen hier nur den Blick auf die jüngere Geschichte der Stadt zu werfen, um festzustellen, wie ökonomische Prozesse und wie gesellschaftliche Leitbilder und Werthaltungen Einfluss genommen haben auf Gestalt, Gebrauch und Funktion städtischer Räume. Das, was heute an städtischer Vielfalt(wieder) an Bedeutung gewinnt, galt noch vor wenigen Jahrzehnten als Sanierungsfall: Beispielsweise das unmittelbare Aufeinandertreffen von Wohnen und Arbeiten im Quartier. Im Kontext der Entgrenzung von Wohnen und Arbeiten haben sich die Bedingungen zu einer neuen Durchmischung seither aber grundlegend verändert. Längst zählt es zum guten Ton einer Stadt, die Vielfalt in den städtischen Quartieren zu stützen und zu fördern. In den urbanen Transformationsprozessen wird die kulturelle und ökonomische Kreativität der Stadt und ihrer BewohnerInnen wieder(neu) entdeckt. Ihre Fähigkeiten zur Anpassung und Erneuerung schaffen die„Städte der Zukunft“. Tradierte Arbeits- und Lebenswelten sind in Bewegung. Es entwickelt sich ein neues Verhältnis von städtischer Produktion und städtischem Raum. Nach jahrzehntelanger Trennung erleben wir eine Renaissance des Beziehungsverhältnisses – Produktion, Handel, Wohnen und Kultur haben das Potenzial, sich wieder verstärkt gegenseitig zu durchdringen. Jedoch: Allein die Vielzahl und Vielfalt kultureller Einrichtungen, die Durchmischung von Quartieren mit Nutzungen auch jenseits des Wohnens, die Dichte des Zusammenlebens oder auch die Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit garantieren, jeweils für sich genommen, längst keine Urbanität. Urbane Vielfalt ist das Ergebnis sozialer Prozesse. Sie braucht Zeit, um sich entwickeln zu können. Vor allem aber ist Urbanität, so wie Walter Siebel dies formuliert, auch „immer gegen die glatte, ordentliche und übersichtliche Stadt gerichtet“. Zur Urbanität zählt die Anonymität und die Begegnung mit dem Fremden. Aber wie bringen wir die damit einhergehende Offenheit und Unbestimmtheit mit unseren Ansprüchen an geordnete Planungsprozesse, an gut gestaltete LebensumURBANE VIELFALT KANN NICHT GEPLANT, NUR GEFÖRDERT UND ZU EINEM GEWISSEN TEIL INSZENIERT WERDEN. Raimund Gutmann 22 Enquete : urbane stadt welten, an Sicherheit und Vertrautheit, an einen qualitätsvollen Wohnungsbau zusammen? Angesichts vielfältiger gesellschaftlich sowie kultureller und damit auch politischer und ökonomischer Veränderungen: Müssen wir den Anspruch an urbane Quartiere nicht auch neu justieren? Wie gehen wir dabei um mit den teilweise divergierenden Ansprüchen, Bedarfen und Sehnsüchten unterschiedlicher sozialer Gruppen? Und wo gilt es anzusetzen, wenn Vielfalt und Urbanität nicht nur bloße Postulate, sondern tatsächliche Realität im Aufbau neuer Stadtquartiere werden sollen? All dies sind Fragen, denen wir uns im Kontext der Ansprüche an urbane Stadtqualitäten stellen müssen. Dies erfordert die stete, reflexive Auseinandersetzung mit dem Verständnis von Stadt und Urbanität ebenso wie die Auseinandersetzung mit Möglichkeiten, Herausforderungen, aber auch den Grenzen einer urbanen Raumproduktion. 23 „Der Vielfaltsbegriff bedeutet im Kontext der Urbanität ein hohes Maß an Differenziertheit und Komplexität. Es geht um die Frage, wie man mit räumlichen und sozialen Spannungsfeldern in der Stadt umgeht. Urbane Vielfalt und in diesem Sinne – die Lebendigkeit an sich – kann nicht geplant, nur gefördert und zu einem gewissen Teil inszeniert werden. Aus stadtsoziologischer Sicht sowie im Sinne nachhaltiger Entwicklung und Resilienz ist das Ziel die Herstellung einer ausbalancierten Stadtgesellschaft, die mit Ambivalenzen umgehen kann. Dazu braucht es robuste, flexible Strukturen, um Veränderungen zuzulassen. Es geht konkret darum, Möglichkeitsräume zu schaffen, neue soziale Räume zu unterstützen und zu formen – stärker in die Software der Stadt zu investieren. Soziale Innovation und Entwicklung von Humanpotenzialen sollten im Sinne einer„balanced community“ stärker in den Fokus rücken. Raimund Gutmann wohnbund:consult Auf der Ebene der Software einer Stadt können Anschubhilfen, sozialorganisatorische Unterstützung und Partizipationsmodelle einen Beitrag leisten. Eine mögliche Antwort stellt der Fokus auf Prozesse dar und hierbei vor allem die Begleitung, Anpassung und Adaptierung.“ 24 Enquete : urbane stadt „Urbane Vielfalt ist kein Mythos, sie ist vielmehr Realität. Wir alle formen diese Stadt und tragen zu ihrer Vielfältigkeit bei. Reduziert wird diese Vielfalt nur durch unsere Wahrnehmung und durch Planungsprozesse, welche mit der vorhandenen Vielfalt nicht umgehen können. Stadtentwicklung ist eine komplexe Aufgabe. Katharina Bayer einszueins architektur Um komplexe Aufgaben lösen zu können, braucht es neue Ansätze, Prozesse und Methoden in der Planung. Der Blick über den Tellerrand, über Ressortgrenzen hinaus, ist dabei ein wesentlicher Ansatz. Der Bearbeitung der Schnittstellen zwischen Städtebau, Wohnbau und den NutzerInnen kommt dabei besondere Aufmerksamkeit zu, um die vorhandene Vielfalt erhalten zu können.“ 25 „Der öffentliche Raum im Allgemeinen und der Frei- und Grünraum im Speziellen stellen eine konstituierende Größe des Stadtraumes dar. Sie bilden sich in unterschiedlichsten Ausformungen und Maßstäben, vom großen Park über Boulevards und Alleen hin zum gewöhnlichen Straßenraum und kleinen Plätzen im Stadtraum ab. Jeder Freiraum – egal welcher Größe – verdient eine genaue Bearbeitung und ist im Zusammenhang mit seiner Umgebung zu verstehen. Allerdings ist die Gestaltung determiniert von Vorgaben aller Art. Tatsächliche Vielfalt ist somit nur schwer zu erreichen. Eine Reduktion der Vorgaben stellt einen möglichen Weg zur Stimulierung von Urbanität und Vielfalt dar. Lilli Lička BOKU Wien Eine Zurücknahme von programmatischen Anforderungen kann eine flexible Entwicklung, nicht nur im tageszeitlichen Verlauf, sondern auch über einen längeren Zeithorizont hinweg ermöglichen und somit einen Beitrag zur urbanen Vielfalt leisten.“ 26 Enquete : urbane stadt URBANE QUARTIERE Herausforderungen für Stadtentwicklung, Städtebau und Wohnbau Rudolf Scheuvens Wir schätzen sie: die hoch verdichteten Quartiere gründerzeitlicher Prägung. Hier finden wir oftmals das, was wir unter„urbaner Vielfalt“ verstehen bzw. verstehen möchten. Unterschiedlichste Bewohnergruppen und Milieus, eine Dichte an kulturellen Einrichtungen und Angeboten, Versorgungsmöglichkeiten, ein quirliges Stadtleben, sichtbar und erlebbar in den öffentlichen Räumen der Stadt und der Grätzel. Der tiefere Wert dieser Quartiere misst sich dabei an ihrer Fähigkeit, sich neuen Anforderungen anpassen zu können, ohne dass dies mit einer Erneuerung der physischen Strukturen, der Hardware der Quartiere, verbunden wäre. Es ist dies ein wesentlicher Faktor dazu, dass sich urbane Qualitäten im Verständnis dynamischer Prozesse auch entwickeln können. Ein gänzlich anderes Bild finden wir beispielsweise in den Wohnanlagen der 50er- bis 70er-Jahre. Allein die Bezeichnung bringt schon zum Ausdruck, dass diese ausschließlich auf die Wohnfunktion hin optimiert sind. Dies betrifft sowohl die Architektur wie auch Gestaltung und Funktion der öffentlichen Räume. Gewerbliche Nutzungen findet man dort so gut wie keine. Das Einkaufen wird mit dem Auto erledigt. Die für eine urbane Vielfalt so wichtige offene Erdgeschoßzone ist, was diese Funktion betrifft, nicht existent. Die Anforderungen an eine gute Durchlüftung und Belichtung und an die Realisierung ruhiger Wohnlagen steht im deutlichen Kontrast zur dichten, mitunter lauten und„rauen“ Stadt. Nun haben sich die Zeiten verändert. Neue Leitbilder prägen den Städtebau und nehmen Einfluss auf die Entwicklung neuer Stadtquartiere. Die Ansprüche an die Entwicklung urbaner Quartiere sind gestiegen, die Zugänge dazu jedoch höchst unterschiedlich. Fußend in der weitverbreiteten Kritik und aus dem Unbehagen am Städtebau der Moderne, gewinnt die Strömung des„New Urbanism“ an Bedeutung. Dieser zieht seine Haltungen aus der Rückbesinnung auf scheinbar zeitlose, bewährte Muster der Stadtbaugeschichte. Vielfach herrscht die Auffassung, über die baulich-räumliche Struktur und über das Erscheinungsbild der Quartiere urbane Qualitäten produzieren zu können. Nicht selten wird Städtebau dann auf Fassadenarchitektur reduziert, der öffentliche Raum zur gestalteten, aber leider oft inhaltsleeren Bühne. In diesen perfekt inszenierten Lebens- und Wohnwelten versteht sich das Offene und Unbestimmte als unkalkulierbares Risiko, das es auszuschließen gilt. Mit urbaner Vielfalt hat dies beileibe nichts mehr zu tun. Ähnlich zu sehen sind die vielzähligen Projekte eines„Urbanen Themenwoh- 27 nens“. Ganze Wohnanlagen werden maßgeschneidert auf spezifische Anforderungen hin zugeschnitten und optimiert. Ohne Zweifel stellen solche Projekte eine Bereicherung der Stadt in ihrer Vielfalt insgesamt dar. Aber wie sieht es aus mit den Bezügen zum Quartier, mit der Offenheit für Veränderungen, mit der Anpassungsfähigkeit und Variabilität – auch über mehrere Generationen und deren sich ändernde Anforderungen hinweg? Aber auch die aktuellen Projekte kleinteilig parzellierter Townhouses lassen leider vieles von dem vermissen, was unter urbaner Vielfalt zu verstehen ist. Nicht selten handelt es sich um exklusive, sehr hochpreisige Wohnformen im städtischen Kontext. Offen bleibt, wie sich beispielsweise solche Großprojekte wie die HafenCity in Hamburg entwickeln werden. Der Anspruch an die Entwicklung urbaner Qualitäten ist hier jedenfalls sehr prominent gesetzt, die Realität lässt noch vieles offen. Dies auch im positiven Sinne. Herauszuheben ist hier das Beispiel des Französischen Viertels in Tübingen. Dem mehrdeutigen Anspruch„Mischen Sie mit!“ folgend ist ein Quartier entstanden, dass aus der Masse der üblichen Standards heraussticht. Eben weil die Vielfalt der Nutzungen hier ebenso von Relevanz ist wie die Tatsache, dass viele der Projekte im Rahmen von Bottom-up-Prozessen entwickelt wurden. Die Entwicklung des Französischen Viertels verweist auf den hohen Stellenwert prozessualer Fragen in urbanen Sukzessionsprozessen. Unstrittig ist, dass die Entwicklung urbaner Quartiere eine Vielfalt an Nutzungen, an Lagen und räumlichen Atmosphären, an Orten des Aufenthalts und der Begegnung bedingt. Zudem steht die Entwicklung urbaner Quartiere im ständigen Spannungsfeld zwischen klassischen Top-Down-Strategien(im Sinne einer planerischen Regulierung und Gestaltung) und offenen Bottom-up-Prozessen und Taktiken(im Sinne von Aktivierung und Nutzung räumlicher Ressourcen). Wie ordnen sich Städtebau und Wohnbau in dieses produktive Spannungsfeld ein? Wie lassen sich die Voraussetzungen zu einer notwendigen Flexibilität, Variabilität und zu Unvorhersehbarem schaffen, ohne dabei so zentrale Aspekte wie Verlässlichkeit und Leistbarkeit aus den Augen zu verlieren? Was bedeutet dies für die räumliche Struktur der neuen Quartiere, für den öffentlichen Raum wie für die Bebauung selbst? Wie gehen wir um mit den Erdgeschoßlagen in den sich neu entwickelnden Quartieren? Vor allem: Was braucht es an Voraussetzungen zu räumlichen Strukturen, zu einer städtischen Hardware, damit sich Quartiere und städtisches Leben entwickeln und entfalten können? Damit einher gehen auch neue Anforderungen an Qualität und Inhalte von Plänen und Prozessen, die kreative Auseinandersetzung mit dem Faktor Zeit in der Entwicklung eines Quartiers. Nicht allein das entworfene Bild einer räumlichen Struktur ist entscheidend, ob und wie sich urbane Qualitäten entwickeln können. Es bedarf der öffentlichen Mitverantwortung und der gesellschaftlichen Teilhabe in der prozessualen Entwicklung. Aber ohne räumliche Atmosphäre, ohne„empathische Gestaltung“, wie Angelus Eisinger dies formuliert, fehlt auch die„katalytische Kraft, die urbane Vielfalt ermöglicht“. Hier dürfen wir auch nicht Gefahr laufen, den Wert städtebaulicher Entwürfe zu unterschätzen. Mit der Entwicklung der ehemaligen Bahnhofsareale, vor allem aber mit der Entwicklung der aspern Seestadt, werden auch in Wien neue Wege eingeschla- 28 Enquete : urbane stadt gen. Offensichtlich ist, wie die hoch gesteckten Ansprüche an die Leistbarkeit des Wohnens mit jenen an die Entwicklung städtischer/urbaner Qualitäten in Verbindung gebracht werden sollen. Fragen nach der städtebaulichen Struktur, Dichte und Körnung spielen dabei ebenso eine Rolle wie der Umgang mit den Sockelzonen und der Entwicklung der öffentlichen Räume im Quartier. Dem Ganzen liegt ein sich zunehmend ausdifferenzierendes System an Instrumenten, Management- und Beteiligungsprozessen zugrunde, deren Spektrum weit über die üblichen städtebaulichen Rahmenpläne und Widmungspläne hinausgeht. Zunehmend ist festzustellen, wie sich dabei die Betrachtungs- und Arbeitsebenen zugunsten quartiers- und stadtteilbezogener Blickweisen verschieben. Die seit kurzem etablierten zweistufigen und dialogorientierten Bauträgerwettbewerbe und die Etablierung des Stadtteilmanagements stehen in der Logik solch notwendiger bauplatzübergreifender, quartiersbezogener Entwicklungsstrategien. Der Weg ist eingeschlagen. Doch auch hier zeigt sich, dass wir uns erst zu Beginn eines breiten Diskussionsprozesses in der Entwicklung urbaner Quartiere befinden. 29 „Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir in Zukunft unsere Alltagsprozesse im Raum organisieren wollen – und zwar auf allen Maßstabsebenen. Es bedarf dabei jedenfalls eines viel effizienteren Umgangs mit den Ressourcen Fläche, Raum, Energie und Material. Die Konsequenz aus der Erfahrung, dass man die Zukunft nicht voraussehen kann, darf nicht bloß die Verbesserung fragwürdiger Prognosemodelle sein, eher sollte man robuste räumliche Strukturen schaffen, die lernfähig und korrigierbar bleiben und in Reaktion auf unvorhergesehene Anforderungen immer wieder mit wenig Aufwand angepasst und neu angeeignet werden können. Es sollte uns klar sein, dass auch die besten Gebäude, die wir heute bauen, die Umbauprojekte und Sanierungsfälle der nächsten Generation sein werden. Deshalb müssen wir aus den Erfahrungen der in Wien so erfolgreich praktizierten sanften Stadterneuerung lernen und für den Neubau wie für die Stadterweiterung insgesamt die entsprechenden konzeptionellen Konsequenzen ziehen. Erich Raith TU Wien Die strukturelle Offenheit – durchaus auch im Sinn von Nutzungsoffenheit – und die Transformationsfähigkeit der baulichen Strukturen stellen jedenfalls unverzichtbare und elementare Voraussetzungen für die Entwicklung urbaner Lebensräume dar.“ 30 Enquete : urbane stadt „Der gegenwärtige Wohnbau tendiert zu einer funktionalen Monostruktur. Ein Aspekt, der sie von gründerzeitlichen Quartieren unterscheidet. Diese hatten jedoch ausreichend Zeit, sich zu transformieren, und sie haben dabei gelernt, Wohn- und Arbeitsraum für eine breite Bevölkerung zu sein. Hier ist der Städtebau und die Architektur gefordert, Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Bedingungen zu gewährleisten und unterschiedlichste Räume anzubieten. Vor allem in Bezug auf den öffentlichen Raum ist der Städtebau in der Pflicht, Raumgerechtig keit und Raumverfügbarkeit sicherzustellen. Leistbares Wohnen stellt dabei nur einen Aspekt dar, denn die Leistbarkeit des öffentlichen Raums muss ebenso gewährleistet werden. Eine zunehmende Kommerzialisierung trägt nicht zu Vielfalt in einer urbanen Stadt bei. Vielfalt bedarf einer Verfügbarkeit von niederschwellig zugänglichen Räumen.“ Verena Mörkl Superblock ZT GmbH Rüdiger Lainer Rüdiger Lainer+ Partner Architekten 31 „Raumbildung, wie auch immer generiert, beeinflusst – meist unbewusst wahrgenommen – soziale Interaktion und Verhaltensmuster im städtischen Leben. Wesentlich sind Komplexität, Differenzierung und Vielfalt als urbane Katalysatoren. Dies bedeutet Unterschiedlichkeit, auch in Höhenentwicklung, Ausbildung der Räume und Ränder, Typologie und Nutzungen. Als Beispiel: Höhendifferenzierung schafft unterschiedliche Lichtstimmungen, sinnliche Atmosphären. Nutzungsdifferenzierung stimuliert soziales Leben. Schematismus funktioniert in der Stadtplanung nicht, weil er das wesentliche Moment der Veränderung in der Urbanität negiert. Es gilt urbane Partituren zu entwickeln, welche zwar Melodien vorgeben, aber auch Variationen zulassen. Dies bedingt Regeln, die soziale und räumliche Qualitäten sichern, gleichzeitig dynamische Entwicklungen ermöglichen, wie auch das Unvorhersehbare als wesentlichen Teil des urbanen Prozesses akzeptieren. Die Qualität der„schönen“ historischen Stadt liegt nicht in der homogenen Erscheinungsform, sondern in den Kategorien wie der Neutralität ihrer Struktur, die das Vielfältige, Gegensätzliche des täglichen Gebrauchs ermöglicht. Stadtplanung ist weniger klassischer Entwurf denn strategisches Entwickeln.“ 32 Enquete : urbane stadt „Die Rahmenbedingungen für die Stadtentwicklung sind denkbar schwierig. Geld und Ressourcen sind knapp. Diese Ausgangssituation verlangt bei jedem Projekt eine intelligente Lösung, um mit den vorhandenen Ressourcen arbeiten zu können. Der Städtebau spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn er ist die Grundlage für die spätere Wohnbauentwicklung, und ist die Basis für leistbaren Wohnbau und ein urbanes Quartier. Dazu bedarf es einer erweiterten Kontextualisierung der einzelnen Projekte. Bernd Vlay STUDIOVLAY Der konkrete Ort muss größer gedacht werden, um ihn in Wert zu setzen und zu verstehen, welche lokalen Möglichkeiten vorherrschen. Entscheidend dafür ist aus Sicht der PlanerInnen, möglichst früh in den Prozess einsteigen zu können, denn nur so können bauplatzübergreifende Strategien von Beginn an verfolgt werden und zu einer nachhaltigen Quartiersentwicklung beitragen.“ 33 „Vielfalt und Urbanität bringen Konflikte mit sich. Diese Erfahrungen machen wir bei Mitbestimmungsprojekten auf Objektebene. Die Konflikte bei Mitbestimmungsprojekten können, weil sie persönlich ausgetragen werden müssen und nicht an Dritte delegiert werden, zu besseren und besser akzeptierten Lösungen führen. Diesem Vermittlungs- und Aushandlungsprozess auf Quartiersebene wird sowohl in der Entwicklung als auch im Alltäglichen versucht aus dem Weg zu gehen. Das verhindert die Konflikte nicht, es kann sie potenzieren. Wir bieten zwar Vielfalt an, gleichzeitig segregieren wir diese, um Konflikte zu vermeiden. Hier sind alle Beteiligten in der Quartiersentwicklung gefordert, um diese Segregation aufzuheben und dazu beizutragen, dass sich Vielfalt und Urbanität tatsächlich einstellen können. Cornelia Schindler s&s architekten Technisch bedarf es dazu noch viel Arbeit, einerseits auf der legistischen Ebene und andererseits an den Systemgrenzen, um die Vielzahl an Schnittstellen besser aufeinander abzustimmen. Planungskulturell müssen wir bereits in der Quartiersentwicklung mit zukünftigen BewohnerInnen in Dialog treten, um die Ansprüche, Chancen und Herausforderungen von Urbanität deutlich zu machen.“ 34 Enquete : urbane stadt ÜBER DAS BAUEN HINAUS Instrumente, Prozesse und(Mit-)Verantwortlichkeiten Rudolf Scheuvens Urbanität bedingt die Vielfalt im Raum. Die Aushandlung und Entfaltung von Urbanität bewegt sich im steten Spannungsfeld zwischen Planungssicherheit und-verlässlichkeit, Improvisation und Innovation. In diesem Verständnis muss die Entwicklung des urbanen Raumgefüges als dynamischer Prozess verstanden werden, in dem unterschiedlichste Werthaltungen und Zielsetzungen, Geplantes und Ungeplantes, Spontanes und Gestaltetes, Reguliertes und Selbstorganisiertes mitunter auch konfliktträchtig aufeinandertreffen(können). Urbane Räume sind höchst dynamisch und daher auch nicht mit konventionellen, stark aus funktionalistischen Überlegungen heraus geprägten Planungskategorien zu fassen. Vor diesem Hintergrund steigt die Bedeutung indirekter Einflussnahmen und einer Strategie der Befähigung. Was sich planerisch fassen und auf die Zukunft projektieren lässt, ist die Eröffnung und Gestaltung von Möglichkeitsräumen, die auf technologische, demografische, kulturelle Veränderungen reagieren und den damit verbundenen Wandel urbaner Lebensstile gestalten und katalysieren können. In diesem Zusammenhang steigt dann folgerichtig die Bedeutung einer Kultur des Ermöglichens und der Kokreation, eine Akzeptanz des Wandelbaren und das Öffnen von Räumen für die vielfältigen Nutzungen in der Stadt. Im Kern geht es dabei um die Berücksichtigung des Faktors Zeit in der dynamischen Entwicklung urbaner Quartiersqualitäten – letztlich um den Aufbau von„Möglichkeitsräumen“. Halten wir damit fest: Ein urbanes Quartier ist kein Produkt, welches sich nach festgelegten Regeln und Prinzipien gestalten, geschweige denn designen oder ordnen lässt. Urbane Qualitäten lassen sich nicht bauen! Aber sie lassen sich initiieren, beeinflussen, fördern, stimulieren. Urbane Qualitäten können sich dort entfalten, wo Spontanität und auch Temporalität in der Nutzung zugelassen und gefördert werden. Dies stellt das eingefahrene Verständnis eines bildhaften Städtebaus ebenso in Frage, wie das formalisierte Planungs- und wohnbauliche Förderinstrumentarium und wie tradierte Entwicklungsprozesse vor besonderen Herausforderungen stehen. Eine Politik der urbanen Vielfalt muss zwangsläufig unscharf zwischen dem verlaufen, was als Top-down-Strategie(dies meint die planerische Regulierung und Gestaltung durch die Stadtverwaltung) und Bottom-up-Prozessen(dies meint gestalterische Prozesse der Aneignung und Nutzung von räumlichen Ressourcen durch RaumproduzentInnen) diskutiert wird. Damit einher gehen Fragen: Nach neuen Instrumenten und zielführenden Prozessen ebenso wie nach den(geteilten) Verantwortlichkeiten in Stadtentwick- 35 lung und Wohnungsbau – und darüber hinaus. Wie lässt sich die Nutzungsvielfalt oder gar die Nutzungsoffenheit im Quartier ermöglichen und fördern? Wie ist das vorhandene Instrumentarium bezogen auf die Entwicklung urbaner Qualitäten in der zeitlichen Entwicklungsperspektive eines Quartiers zu bewerten? Worauf gilt es aufzubauen, was weiter- und was neu zu entwickeln? Wer übernimmt(Mit-)Verantwortung in welcher Phase des Entwicklungsprozesses? Wie lassen sich die Anforderungen an die Leistbarkeit des Wohnens mit jenen an die Leistbarkeit einer städtischen Urbanität miteinander verknüpfen? Im Kontext der Anforderungen an die Entwicklung einer urbaner Vielfalt gewinnt das Leitbild der hybriden, der nutzungsoffenen, vielfältigen, veränderbaren Stadt und der koproduktiven Stadt- und Quartiersentwicklung an Bedeutung. Ein solches Leitbild erfordert politische Rahmenbedingungen, die eine niederschwellige Aneignung von Räumen ermöglichen und unterstützen und somit den Nährboden für eine neue Kultur der Nutzungsmischung bilden. Damit wird die Öffnung und Flexibilisierung von Entwicklungsprozessen zu einem Innovationsfeld der Stadtentwicklung und des Wohnungsbaus. 36 Enquete : urbane stadt „Wien hat in seiner Tradition des geförderten Wohnbaus ein enorm hohes Qualitätslevel erreicht. Mittlerweile sind wir aber an einem Punkt angekommen, an dem wir über das Gute hinaus auch dem Gewagten mehr Platz geben sollten. Es gilt einen Aktionsraum für Experimente zu schaffen und Formate zu erfinden, welche das Gewagte ermöglichen. Denn Stadt kann man in diesem Sinne nicht bauen, aber man kann sie ermöglichen und fördern. Es muss möglich werden, die vorhandene zivilgesellschaftliche Erfindungskraft mehr in die Entwicklung von Stadt einzubeziehen. Dazu braucht es neue Allianzen und Aushandlungsprozesse, welche diese Entwicklungen zulassen.“ Robert Korab raum& kommunikation Thomas Madreiter Planungsdirektor Stadt Wien 37 „Stadt ist seit jeher ein Ergebnis unterschiedlicher Logiken, Prozesse und Strukturen. Diese können ökonomischer Natur sein, können aber auch aus persönlichen Zielsetzungen resultieren. Hinsichtlich der Planung von Stadt wird der Spielraum bereits vorhandener Instrumente in der Regel unterschätzt. Wir brauchen nicht zwingend neue Planungsinstrumente, wir müssen uns vielmehr die Frage stellen, wie wir die vorhandenen Instrumente leben und welche Rolle wir unterschiedlichen AkteurInnenkonstellationen beimessen. Dennoch muss die Managementfunktion von Planung viel stärker in den Vordergrund rücken. Innovative Rechts- und Trägermodelle sollen dabei helfen, vorhandene Potenziale in der Stadt besser abrufen zu können und eine Kultur des Ermöglichens zu gewährleisten.“ 38 Enquete : urbane stadt „Wir streben eine permanente Weiterentwicklung unserer Prozesse und Verfahren an. Die Entwicklung von Quartieren über Bauplatzgrenzen hinweg rückt immer mehr in den Vordergrund. Wir wollen den zukünftigen BewohnerInnen eine Adresse bieten, welche sich nicht ausschließlich über ein einzelnes Gebäude definieren lässt, sondern über das Quartier. Michaela Trojan wohnfonds_wien Bei der Entwicklung von Quartieren gilt es weiterhin Schwellen abzubauen und zu einer gesamthaften Entwicklung beizutragen. Die dialogorientierten Verfahren stellen einen Schritt in diese Richtung dar. Diese ermöglichen es, Synergien zwischen den einzelnen Bauvorhaben auf verschiedensten Ebenen zu entwickeln und in weiterer Folge umzusetzen.“ 39 Bernd Rießland Sozialbau AG „Aktuelle Entwicklungen auf dem Kapitalmarkt haben weitreichende Konsequenzen für die Realität einer Stadt. Wir müssen ernsthaft über unsere urbanen Entwicklungen nachdenken. Auch wenn es wie ein Luxusproblem klingen mag, wenn wir Urbanisierung, Funktionsmischung und Raum für individuelle Entwicklungen und Vielfalt diskutieren, aber wenn man sich historische Entwicklungen ansieht, so sind bedeutende Transformationsprozesse immer aus den Städten ausgegangen. Die Transformation des Lehnswesen fand im Mittelalter ihren Ausgangspunkt in den Städten. Sogar Wien, eine der reichsten und sozial stabilsten Städte, ist gezwungen, aufgrund von außen auferlegten Kapitalmarktzwängen über alternative Finanzierungsmethoden Stadtentwicklung zu betreiben. Das Kapital ist in diesem Sinne das Lehnswesen unserer Zeit, und folglich müssen wir bestimmte Credos umdrehen, denn nur wenn es uns allen gut geht, geht es der Wirtschaft gut, und nicht umgekehrt.“ 40 Enquete : urbane stadt 41 42 Enquete : urbane stadt 43 44 Enquete : urbane stadt URBANE VIELFALT Vom Mythos der Stadt zur Ressource ihrer Transformation Angelus Eisinger Es ist nicht zu übersehen. In der Stadtentwicklungs- und der Städtebaudiskussion der letzten Jahre herrscht eine eigentliche Hausse von Konzepten, Modellen und Theoretisierungen, die die anstehende Entwicklung der Stadt an der Idee der urbanen Vielfalt ausrichten. Diese verbreitete Haltung birgt, so meine Überzeugung, erhebliche Risiken, weil sie mit gewichtigen Verengungen und argumentativen Verkürzungen einhergeht. Wenn wir es wirklich ernst meinen mit der Fortschreibung des Erbes der europäischen Stadt – und zu dieser Position besteht meines Erachtens keine Alternative, dann müssen wir für diese Fortschreibung, so meine These, diese eng mit der europäischen Stadt verwobene Idee einer kritischen Überprüfung unterziehen, damit wir tatsächlich die wesentlichen Eigenheiten der europäischen Stadt in den Blick nehmen können, die es für die Zukunft zu erhalten und weiterzuentwickeln gilt. Anders formuliert: In der Frage unserer Haltung zur urbanen Vielfalt geht es nicht um Belege für ausgesuchte ästhetische Präferenz oder einen Akt von Kultiviertheit, sondern es gilt, die faktisch gelebte urbane Vielfalt als vielschichtige wie widersprüchliche Größe bei der Weiterent wicklung unserer Städte anzunehmen. Damit geht es im Folgenden in diesem Essay darum, die Eckpunkte des Felds abzustecken, innerhalb dessen die Ausrichtung der Stadtentwicklung auf urbane Vielfalt eine angemessene, weil problemgerechte Option darstellt. Wir werden im Zuge dieser Diskussion aber auch sehen, dass damit gängige Prozeduren und Modalitäten von Planung, Städtebau und Stadtentwicklung in Frage gestellt werden. Ins Unreine gedacht – einige Überlegungen zur Enquete Die Enquete:urbane Stadt trianguliert das Spannungsfeld der Herausforderungen für Stadtentwicklung und Wohnungsbau in der Stadt Wien in einem Moment, der in Wien in doppelter Weise auf das Erbe der europäischen Stadt und ihre gegenwärtigen Qualitäten referiert. Wien ist einerseits ein bemerkenswertes Beispiel für die Kernqualitäten und die Wandelbarkeit der europäischen Stadt, dem in den letzten Jahren durch die wiederholte Wahl zur Stadt mit der weltweit besten Lebensqualität im renommierten(wie auch in seiner Fokussierung auf die Bedürfnisse einer gut ausgebildeten und mobilen urbanen Elite umstrittenen) Mercer-Rating weltweit Aufmerksamkeit zukommt. Andererseits wird für die WAS VERDECKT DER MYTHOS DER URBANEN VIELFALT, WELCHE HISTORISCHEN REALITÄTEN VERFLÜCHTIGEN SICH DABEI? Angelus Eisinger 46 Enquete : urbane stadt Stadt über die nächsten nicht einmal 20 Jahre ein Bevölkerungszuwachs erwartet von der Größe der Stadt Graz, immerhin der zweitgrößten Stadt des Landes. Wie nähert sich die Enquete dieser Gemengelage? Sichtet man die verschiedenen Positionspapiere dazu, stechen mit Blick auf urbane Vielfalt vor allem drei Aspekte ins Auge. Zunächst reiht sich die Haltung ein in die aktuellen Wachstumsbekenntnisse prosperierender europäischer Metropolen wie Hamburg, Kopenhagen, London oder Paris. Weiter operiert die Enquete mit Schlagwörtern wie „Mut zur Stadt“ oder der„Urbanität“ bewusst normativ, bedient sich dieser Begriffe aber vor allem als assoziativer Sprachbilder und bleibt hinsichtlich ihrer faktischen Operationalisierung im Planungsalltag vage. Schließlich begegnen wir bei der Lektüre des Papiers allen wesentlichen Einträgen in die weite Landschaft der Diskurs- und Denkkonjunkturen zur Stadtentwicklung, mit denen aktuell Stadt verhandelt wird. Sicher ist: Mit dem Referenzsystem der urbanen Vielfalt setzen die Politik und Planung zwar Themen und Stoßrichtungen. Konkrete Inhalte, Potenziale und Anforderungen bleiben aber im besten Falle diffus und stecken oft genug voller offener Fragen nach ihrem konkreten Wert in der Stadtentwicklung. Nehmen wir zum Beispiel die„Entwicklung einer vielfältig nutzbaren Sockelzone“, die von der Enquete aufgebracht wird. Heute ist diese Position soweit diffundiert, dass diese Zone mittlerweile landauf und landab zum festen Bestand im Vokabular eines jeden Immobilienentwicklers zählt, der etwas auf die Aktualität seiner Konzepte hält. Gleichzeitig sollte uns allerdings zu denken geben, dass die Urbanitätsdebatte der 1990er-Jahre noch sehr gut ohne solche typologische Vorformungen und Versprechen auskam, wenn sie die gewachsenen Qualitäten der europäischen Stadt zur Referenz und Ressource ihrer weiteren Entwicklung erhob. Diese Stadt war damals eine sehr starke, aber deutungsbedürftige Metapher als strukturelle Vorgabe des weiteren Vorgehens. Wenn wir, um eine zweite populäre Diskursfigur zu betrachten, die in die Enquete ihren Eingang findet, die„Chancen und Risiken kleinteiliger Strukturierungen bezogen auf die Entwicklung vielfältiger urbaner Stadtstrukturen“ genauer bedenken, tun sich rasch erhebliche Friktionen zwischen darin postulierten städtebaulichen Mustern und ihren immobilienmarktbezogenen Implikationen einerseits und dem politischen Ruf nach Aufrechterhaltung einer wie auch immer spezifizierten sozialen Durchmischung auf. Die städtebauliche Konkretisierung dieser Vorstellungen beispielsweise in den Townhouses führt unter den heutigen Bedingungen stadtsoziologisch zu Verdrängungs- und Entmischungsprozessen auch auf der Ebene der Stadtquartiere, tritt also genau die Kräfte los, gegen die das Konzept eigentlich angetreten ist. Was aber beide aus dem Argumentatorium der Enquete herausgegriffenen Postulate deutlich machen, an Stadt bauen lässt sich nicht trennen von elementaren Fragen der Stadtentwicklung: Wer soll hier künftig wohnen? Zu welchen Bedingungen? Welche Quartiersinfrastruktur brauchen wir dafür? Im Bauen an der Stadt legen wir Fundierungen von künftigen Stadtalltagen. Freilich nicht in einem deterministischen Sinne simpler logischer Actio-Reactio-Beziehungen, sondern in der Eröffnung – und eben oft genug auch der Einschränkung – von Optionen der weiteren Stadtteil- und Stadtentwicklung. Anders formuliert: Im Kern der Enquete geht 47 es somit um ein Bekenntnis der Politik zu ihrer Verantwortung in der Stadtentwicklung. Das bedeutet für die Politik zunächst einmal, dass sie sich nicht darauf beschränken kann, Wachstum einfach nur politisch zu ermöglichen, sondern sie muss Wachstum begleiten und dabei vor dem Hintergrund der verschiedenen Interessenlagen der Stadt gestalten. Dabei sollte sie sich aber unbedingt vor Augen führen, dass Städtewachstum immer abgeleitetes Wachstum bedeutet. Mit anderen Worten: im Kontext der europäischen Stadt ist wirtschaftliches Wachstum die unverzichtbare Grundvoraussetzung sowohl für ihre quantitative Expansion wie auch ihre qualitative Verbesserung. Diese im Grunde banale Erkenntnis wirft einige bereits recht elementare Fragen auf, welchen sich jede Stadtentwicklungspolitik stellen sollte: Welches sind die Treiber der zu erwartenden Entwicklung? Wie robust sind die entsprechenden Pfade? Woher kommen die Leute, die neu in die Stadt kommen? Welche Ansprüche und Bedürfnisse haben jene, die neu in die Stadt kommen, damit sie sich hier auch integrieren und umgekehrt, welche Ansprüche formuliert die Stadt an die, die sie empfängt? Es gilt also nach Hebelpunkten der Stadtentwicklung zu suchen, die die urbane Vielfalt nicht einfach als medial anschlussfähige Metapher oder leicht zu kommunizierende bildhafte Referenz verstehen, sondern in der faktischen und oft auch widersprüchlichen Vielfalt von Perspektiven, Interessen und Bedingungen als produktive Größe bei der konkreten Entwicklung von Stadtalltag. Auf der Suche nach belastbaren Antworten auf solche Fragekomplexe stellt uns die Stadtgeschichte zwei unterschiedliche Wissensreservoire zur Verfügung. Einmal bildet sie das kunsthistorisch, literatur- und bauhistorisch sorgfältig gesichtete Archiv einer reichen, durchaus aber auch widersprüchlichen Geschichte von Ideen, kultureller Produktion und Reflexion von Stadt. Zweitens aber stellt die Stadtgeschichte uns eine viel weniger tief und differenziert ausgeleuchtete, aber für ein angemessenes Verständnis der driving forces von Stadt unverzichtbare Geschichte von urbaner Praxis, Aneignungen und Umdeutungen zur Verfügung. Im Folgenden möchte ich vor dem Spannungsfeld zur europäischen Stadt und der urbanen Vielfalt, dass diese beiden Geschichtstraditionen der Ideen und Praxis aufspannen, drei Schlüsselbegriffe der Enquete reflektieren. Es sind dies die Stichworte urbane Mythen, urbane Räume und strategisches Arsenal. Daran anschließend werde ich Hebelpunkte ansprechen. Stichwort: Urbane Mythen Der französische Semiologe Roland Barthes hat vor gut 60 Jahren in einem schmalen Aufsatzband nicht nur Miniaturen von„Mythen des Alltags“ ausgebreitet, sondern im Anschluss an seine raffinierten Bespiegelungen von Versatzstücken seiner Gegenwart wie Le bifteck et les Frites oder dem Citroën DS eine zeichentheoretische Sichtung des Mythos unternommen. „Die Dinge verlieren in ihm(dem Mythos, AE) die Erinnerung an ihre Herstellung“, heißt es da an einer zentralen Stelle. Der Mythos, so Barthes’ elementarer Hinweis, hat also die Tendenz, die historischen Grundlagen zu verdecken, aus denen er sich erst entwickeln konnte. Der Mythos arrangiert dabei widerstreitende Ereignisse um, befriedet sie gleichsam. In diesem Akt„verliert der Sinn seine 48 Enquete : urbane stadt Beliebigkeit: er leert sich, verarmt, die Geschichte verflüchtigt sich.“ Mit Blick auf unsere Diskussion um urbane Vielfalt und seine mythische Überhöhung kann uns Barthes’ Diagnose nicht gleichgültig sein. Die zentrale Frage, der wir uns mit dem Votum für urbane Vielfalt stellen müssen, lautet: Was verdeckt der Mythos der urbanen Vielfalt, welche historischen Realitäten verflüchtigen sich dabei? Es bietet sich an, uns dieser Frage mit zwei Blicken auf Geburts- oder zutreffender: Wiedergeburtsmomente der europäischen Stadt im Wien und Paris der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zuzuwenden. Das 19. Jahrhundert, das gerade in Wien eine hohe Wirkmacht auf das Versprechen Stadt hat, an welche die aktuellen Feierlichkeiten und Ausstellungen zum 150-Jahr-Jubiläum der Ringstraße unterstreichen, alimentiert den Mythos der Urbanität und ihrer engen Verwandten, der urbanen Vielfalt, mit zwei Momenten. Auf der einen Seite steht der Akt des Bauens. Die faktische Präsenz dieser baulichen Manifestationen der bürgerlichen Stadt im großbürgerlichen Wien und im Paris des Second Empire erscheint uns heute als unumstößlicher Beleg dafür, dass sich diese Stadt in den letzten Jahren so oft beschworenen Qualitäten genauso herstellen lässt. Dunklere Momente, wie sie Robert Schindel gerade kürzlich in seinen Reflexionen zur Ringstraße anstellte, finden darin keine Aufnahme. Stattdessen bestätigt, so zumindest breitet unser kulturelles Gedächtnis die Sachlage aus, die kulturelle Produktion jener Jahre die Wirkmacht, die von diesem handfesten Machen von Stadt ausgeht. Denken wir dazu beispielsweise an die Faszination, die von den neu geschaffenen großen Pariser Boulevards auf Impressionisten wie Claude Monet oder Camille Pissarro ausgegangen ist, die diesen neuen Alltag der urbanen Massen vielfältig in ihren Gemälden spiegelten. Oder nehmen wir Charles Baudelaires Figur des Flaneurs, mit welcher der Dichter die Boulevards als klassen- und schrankenlose Territorien vereinnahmte, in denen er immer wieder versinken und sich von Neuem wiedererfinden konnte. Solche in unserer mythischen Erzählung von der Geburtsstunde der Urbanität tief eingelassenen kulturellen Artefakte berichten uns, dass diese Stadt der urbanen Vielfalt hergestellt werden kann und schieben zum Beleg gleich eine Vielzahl von Verweisen und Andeutungen auf den Reichtum des Lebens nach, der durch die diesen Entwicklungen zugrunde liegenden urbanistischen Festsetzungen realisiert werden konnte. Wo liegen denn nun die Trugbilder dieser Sichtweisen, die wir nach Roland Barthes ja vermuten müssten? Interessanterweise waren die Zeichen dafür, dass solche Idealisierungen einer bestimmten Stadtform und stadttypologischen Ordnung von massiven blinden Flecken begleitet waren, schon in ihrer Zeit zu erkennen. Allein: In unser kulturelles Gedächtnis haben diese Beobachtungen nicht den Eingang gefunden, der ihnen gebührte. So ereignete sich beispielsweise im Paris der 1870er-Jahre schrittweise der Prozess einer Verdichtung einer künstlerischen Selbst- und Gesellschaftsreflexion, die von Melancholie über den Verlust der bestehenden Stadt und wachsenden Zweifeln ob der neuen Stadtkulissen des Haussmannschen Städtebaus und den Stücken städtischen Alltags geprägt war, die darauf gespielt wurden. Zu diesen Werken zählen Eugene Atgets fotografische Dokumentationen des vom Abriss bedrohten mittelalterlichen 49 Paris ebenso wie Gustave Caillebottes malerische Sezierungen urbaner Mentalitätszustände. Gerade Caillebotte ging dabei äußerst subtil vor. In vielen seiner Gemäldekompositionen paart sich der gesellschaftliche Erfolg des Bürgertums, eingefangen auf der Leinwand in der Kleidung und im Gestus der Figuren vor dem Hintergrund repräsentativer Gebäude- und Straßenräume, mit Stimmungen tiefer Isoliertheit und existenzieller Leere. In den 1990er-Jahren hat dann der große französische Soziologe Pierre Bourdieu die Diagnose gewagt, dass es die Entstehung der Pariser Vorstädte aus den Aussammlungen schäbiger Hütten für die Bauarbeiter der großen Baustellen von Haussmanns Stadtumwälzungen im Zentrum von Paris gewesen sei, die die Probleme geschaffen hätte, mit denen Paris Ende des 20. Jahrhunderts immer noch zu kämpfen habe. Es sind dies die Probleme von Inklusion und Exklusion, die persistente Kluft zwischen Innenstadt und Banlieu in Kategorien des Einkommens, der Bildung wie der Lebenschancen, die Frankreich bis in die Aktualität hinein immer wieder in seinen Grundfesten erschüttert. In den Fotografien, die Charles Marvilles um 1860 von Bidonvilles am Ostrand der Stadt gemacht hat, sind diese Fratzen der Ungleichheit unübersehbar eingefangen. Allein: Diese Zeichen in ihrer Bedeutung für Interdependenzen der Stadtentwicklung zu erkennen, hat unsere kulturelle Lektüre der Stadt der großen Boulevards und der imposanten Platzanlagen bisher viel zu wenig zugelassen. Sie hat deshalb auch nicht deren städtebauliche Leitideen auf die sie auf Schritt und Tritt begleitenden dunklen Flecken befragt. Damit sind wir im eigentlichen Kern des Mythos der urbanen Vielfalt angelangt. Er verdrängt wesentliche Elemente historischer Wirklichkeit. Er filtert und schneidet dabei Vergangenheit zu. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Mit diesem Mythos und seinen Versprechungen zu arbeiten kann, ja darf nur im Bewusstsein um seine Schattenseiten geschehen. Stichwort: Urbane Räume Die Ära des öffentlichen Raums, die sich ausgehend von Barcelona und Lyon in den 1980er-Jahren europaweit in einer entschiedenen Hinwendung zum öffentlichen Raum äußerte, sah sich bald begleitet von einem Urbanitätsverständnis, das eine Entsprechung von typologischen Setzungen und der daraus resultierenden städtischen Öffentlichkeiten unterstellte. Dafür gibt es allerdings trotz beeindruckender gestalterischer Vielfalt und kreativer Exzellenz wenig empirische Evidenz. Vielmehr läuft der Mythos der Urbanität durch diese räumliche Fixierung Gefahr, die aktuellen Bedürfnisse der städtischen Öffentlichkeit im Raum wenn nicht zu verfehlen, so doch nur bruchstückhaft zu erfassen. Oft genug sind nämlich dabei Bühnen entstanden, die der Stücke des urbanen Alltags harren, die ihre Entwerfer ihnen in ihren Planwelten eigentlich zugedacht hatten. Gleichzeitig erleben wir neben der markanten Belebung der öffentlichen Räume durch kommerzielle Nutzungen über Reclaim the Street und andere ähnliche Aktionen eine Aktualisierung des Öffentlichen im Raum, die belegen, wie wichtig Öffentlichkeit für das Funktionieren unserer Städte ist. Die berühmte Nuova Pianta di Roma von Gian-Battista Nolli arbeitete am Ende der barocken Blütezeit der Papststadt eine wesentliche Charakte- 50 Enquete : urbane stadt ristik der europäischen Stadt heraus: Das Nebeneinander von öffentlichen und privaten Räumen, das Nolli visionär interpretierte durch einen Plan Roms auf dem Niveau des Erdgeschoßes, der auch Innenräume wie Kirchenräume zur Sphäre des Öffentlichen schlug. Europäische Stadt zeichnet sich somit durch eine produktive Koexistenz von Privatem und Öffentlichem aus, an die auch die Ära des öffentlichen Raums anzuknüpfen versuchte. Dabei gilt es drei Facetten dieser Koexistenz genauer zu betrachten, wenn wir Öffentlichkeit wirklich als Ressource der weiteren Entwicklung der Stadt berücksichtigen wollen: Einmal sollten wir bei öffentlichen Räumen zunächst nicht einfach gestaltete Flächen oder möblierte Raumcontainer vermuten, sondern Institutionen kultureller Intensivierung. Jürgen Habermas hatte dieses Themenfeld schon 1962 in seiner bahnbrechenden Habilitationsschrift zum Strukturwandel der Öffentlichkeit freigelegt. Bei dieser Form von Öffentlichkeit geht es zunächst um besondere Bedingungen des Gesprächs und des Diskurses. Das Wiener Kaffeehaus der Jahrzehnte vor und nach 1900 ist dafür ein wunderbarer Beleg, auch wenn es praktisch eine reine Männergesellschaft war und deshalb nicht als Ausdruck angemessener städtischer Öffentlichkeit gesehen werden kann. Nichtsdestotrotz bildete es einen außergewöhnlichen Raum der Begegnung und des Austausches, eine Öffentlichkeit, tief eingelassen in die Privatheit der Räumlichkeiten, die sie aufnahmen. Hier war möglich, was Heinz Kohut das“reshuffling of the self” schon vor Längerem nannte. Was schließen wir daraus: Stadt braucht für ihre Entwicklung Foren für Freigeister und Querdenkerinnen, sie bedarf geistiger Labore und Resonanzkörper. Die zweite Facette urbaner Räume lenkt unseren Blick auf gemeinsam geschaffene, durchaus auch im unmittelbaren physischen Sinne geschaffene Räume. Die Konjunktur, die die Zivilgesellschaft als Ressource gesellschaftlicher Transformation in der aktuellen Planungsdiskussion erhält, lenkt die Aufmerksamkeit auf gemeinsames, freiwilliges Arbeiten an bestimmten Nahtstellen der städtischen Gesellschaft. Die Nordbahntrasse in Wuppertal ist dafür ein exzellentes Beispiel. Durch gemeinsame Aktionen zur Rodung einer längst stillgelegten Eisenbahntrasse schufen Bürgerinnen und Bürger mitten durch Wuppertal einen neuen öffentlichen Raum in einem doppelten Sinne. Durch einen Raum gemeinsamen Handelns ist ein Raum der Bewegung/Begegnung entstanden, indem sie einem vergessenen und von der offiziellen Planung aufgegebenen Element im Stadtraum eine unerwartete und ausgesprochen relevante Bedeutung zu verleihen vermochten. Das Öffentliche braucht also das Private als Partner und Gegenüber der Stadtentwicklung, können wir aus dem Wuppertaler Beispiel ableiten. Es kann auf solche Impulse bei der Weiterentwicklung unserer Städte nicht verzichten, die Politik muss sie ermöglichen, muss sie aber auch aufnehmen und weiterführen. Die dritte Facette urbaner Räume neben der kulturellen Intensivierung und dem gerade diskutierten Moment der gemeinsam geschaffenen Räume liegt schließlich im Ruf nach empathischer Gestaltung. Architektur und Städtebau müssen autonome Spielräume erhalten, wollen sie die ihnen innewohnende Rolle der Kreativität und Gestaltung angemessen ausfüllen, auf die wir bei der Weiterentwicklung unserer Städte nicht verzichten können. Nur mit der Em- 51 pathie allerdings erhalten Architektur und Städtebau in der Stadtentwicklung die katalytische Kraft, die urbane Vielfalt ermöglicht. Daniel Burens Interventionen im Palais Royal in Paris sind paradigmatisch für diese Potenz der Gestaltung, die kompromisslos auf ihre Fähigkeiten setzt, weil sie es versteht, für deren Freisetzung auf die Aneignung durch das urbane Publikum zu zählen. Das Palais bildet einen der fokalen Punkte französischer Geschichte und ist ein herausragendes Zeugnis französischer Baukultur. In Burens Arbeit spiegelt sich dieses Erbe gleichsam im findigen Umgang mit erlesenen Materialien, die eine Landschaft aus unterschiedlich hohen Marmorsäulen formen. Diese Säulen sind aber gleichsam doppelt codiert. Sie fungieren nämlich gleichzeitig als Tag für Tag von Neuem aufgelegte Einladungen, sich diesen Raum anzueignen. Bis heute nehmen tagtäglich Hunderte von Kindern und Erwachsenen dieses Angebot an. Stichwort: Strategische Arsenale Die Enquete spricht mit dem Masterplan und der Forderung nach Kleinteiligkeit strategische Optionen an, wie sich urbane Vielfalt schaffen lässt. Was heißt das für die angestrebten Allianzen zwischen Wohnungsbau und Stadtentwicklung? Zunächst sollten wir uns vor Augen führen, dass in der Stadtentwicklung Strategien wie Scheinwerfer wirken. Sie leuchten die Stadt aus ihrer spezifischen Perspektive aus und schaffen so einen bestimmten Prospekt urbaner Wirklichkeiten. In diesem Akt werden bestimmte Aspekte hell erleuchtet, andere tauchen in den Halbschatten ein, wieder andere verschwinden gar im Dunkeln. Für die Stadtentwicklung gilt es somit, sich mögliche Trübungen und tote Winkel aktueller Städtebauansätze und Stadtentwicklungsvorstellungen bewusst zu machen. Betrachten wir die aktuelle Strategiediskussion im Städtebau cum grano salis, lassen sich drei grundsätzliche Zutritte ausmachen. Auf der einen Seite der Skala steht die Stadtwerdung über den großen Plan, auf der anderen der skeptischere Fokus auf einzelne Projekten, und dazwischen finden sich Ansätze, die die Zukunft der Stadt in enger Anlehnung an die stadträumlichen Eigenheiten der europäischen Stadt weiterentwickeln wollen. Alle Ansätze begleiten, wie aktuelle Umsetzungen zeigen, erhebliche Schwierigkeiten, die nach der Fertigstellung nach massiven Eingriffen verlangen oder negative Nebeneffekte provozieren. Hamburg bildete über die letzten Jahre eine interessante Bühne, wenn es darum ging, Pfade nachhaltiger Stadtentwicklung im Spannungsfeld zwischen dem großen Plan und der projektweisen Entwicklung zu beobachten. Mit der HafenCity rückte gleichsam das Berliner Planwerk Innenstadt an die Elbe. Die Konversion des ehemaligen Hafengebietes folgte dabei im Grunde demselben Prinzip der Tabula rasa, das über wesentliche Teile des 20. Jahrhunderts den Städtebau angeleitet und für welches er nach 1960 zusehends in Verruf kam: Der Städtebau der HafenCity findet auf einer von allen sich dem Konzept entgegenstellenden Widerständen und Hindernissen gereinigten Fläche statt. Auf dieser Grundlage adressiert die Planung verschiedene elementare Herausforderungen der Stadt der Zukunft durch das Beiziehen von ausgewiesenen Experten in richtungsweisender Manier. Die Schwierigkeiten bei der Nutzung der Erdgeschosszonen(sic!), die leeren Weiten der ambitioniert konzipierten öffentlichen Räume verweisen auf 52 Enquete : urbane stadt erheblichen Nachbesserungsbedarf und grundsätzliche Risiken, wenn nicht gar Defizite des Strategiepfads des großen Plans. Die Akzente, welchen die Internationale Bauausstellung in Wilhelmsburg folgte, könnten zum Vorgehen in der HafenCity nicht unterschiedlicher sein. Grundlegender Gedanke der IBA war die Idee, die anstehende Transformation des mit mannigfaltigen Problemen beladenen Stadtteils über einen Rückgriff auf bestehende Strukturen und vor Ort vorhandene materielle, soziale wie kulturelle Ressourcen anzugehen: Die IBA stellte sich diesen oft reichlich unbequemen Realitäten und eröffnete dafür im positiven Wortsinne materielle und immaterielle Baustellen, die bei der Schaffung für Stadtquartiere der Zukunft im Auge zu behalten sind. So beschäftigte sie sich mit der Prägung und Einschränkung des Lebensraums durch große Infrastrukturen wie Hafenanlagen oder Bahn, Autobahnen wie auch Altlasten. Die IBA in Wilhelmsburg versammelte damit zwar Projekt für Projekt relevante Baustellen aktueller Stadtentwicklung innerhalb eines Stadtteils, kannte aber keine inhaltliche Kuratierung in dem Sinne, dass sie sich der Suche nach den Synergien aus der Begegnung dieser einzelnen Projekte gestellt hätte. Die dritte Strategiekonjunktur betrifft die Mimikry der europäischen Stadt, wie sie sich beispielsweise bei den schon angesprochenen Townhouses zeigt, die von Berlin ausgehend heute verschiedenen Städten in Europa als Modell dienen. Dahinter steht eine Wiederentdeckung der Qualitäten der bürgerlichen Stadt als bauliche Werthaltung und stadtgesellschaftliches Selbstverständnis. Diese bis auf die Parzellenstruktur heruntergebrochene Mimikry der bürgerlichen Stadt übersieht aber, dass elementare Bedingungen ihrer früheren Existenz längst und unwiderruflich weggebrochen sind. Dies führt dazu, dass anstelle der in Aussicht gestellten Fortschreibung der bürgerlichen Stadt deren kulissenhafte Inszenierung erfolgt. Baulich vermag dieser Ansatz vielleicht sogar diese Stadt als Fassadenlandschaft und Volumetrie zu reproduzieren, faktisch aber entstehen so in der Stadt isolierte Inseln der Seligen für jene, die sich das Bleiberecht darauf im eigentlichen Wortsinne erkaufen können. Die Bilanz ist dabei nicht ohne Ironie: Unvermittelt stehen wir somit wieder vor den Unzulänglichkeiten der Moderne, wenngleich in einem anderen, bewusst vormodern gehaltenem Kleid. Die drei gängigen Strategieansätze haben aus wirkungsgeschichtlicher Perspektive einige Schwachpunkte gemeinsam, die einer höheren Relevanz der Planung für die konkrete Stadtentwicklung entgegenstehen. Zunächst unterschätzt jeder der drei Ansätze in der Tendenz die Komplexität, die prozessuale Dynamik und Abhängigkeiten im Zuge der Formulierung und Umsetzung ihrer Planwelten. Damit arbeiten sie inhaltlich viel zu fokussiert. D. h. sie bearbeiten Programme schon, wo eigentlich noch die Inhalte in Bezug auf das unmittelbare und weitere Gesichtsfeld der Intervention zu bestimmen wären. Damit schränken solche Strategien die Perspektiven und Entwicklungsoptionen bereits zu einem frühen Zeitpunkt ein und sind dann kaum mehr fähig, auf unabwendbare Anpassungen oder sich neu bietende Optionen angemessen zu reagieren. Die Hermetik, in der die Formulierung dieser Planwelten nach bestem Wissen in Sitzungszimmern und an Bildschirmen normalerweise er- 53 folgt, führt weiter dazu, dass so die Möglichkeiten verloren gehen, die in der thematischen Breite und personellen Verbindlichkeit notwendigen Allianzen zu schaffen, die Stadtentwicklung für eine erfolgreiche Umsetzung benötigt. Die drei Strategieansätze setzen stattdessen zu rasch auf die Konsistenz ihrer Planwelten und nehmen dies als Beleg für deren Umsetzung. Die Enquete fragt nach strategischen Allianzen zwischen Wohnungsbau und Stadtentwicklung. Damit geht es im Grunde um die Frage, wie Wohnen zum urbanen Momentum werden kann. Wie müssten denn Alternativen zu den gerade skizzierten Vorgehensweisen beschaffen sein? In der aktuellen Stadtentwicklungspraxis in Europa finden sich an verschiedenen Stellen Indizien darauf, worin Ansatzpunkte für robuste, kontextsensible und strategische Pfade der Stadtentwicklungen bestehen könnten. Folgende Eigenschaften stecken das Feld ab: Die Ansätze wissen um die Notwendigkeit starker Allianzen, sie bemühen sich um wachsende Netzwerke für ihre Ideenlandschaften, um ihnen die notwendige Robustheit zu verleihen. Sie setzen anstelle fixierter Bilder auf Emergenz und Prozess. Stadträumlich formen sie, um mit Sebastien Marots schöner Formel zu sprechen, einen„zoo of evolving spaces“. Das heißt: Räume sind nicht einfach. Sie werden physisch wie stadtgesellschaftlich produziert und sie entfalten sich erst über die Zeit. In diesen Prozessdynamiken entstehen aber die konkreten Momente, in denen sich urbane Vielfalt realisiert – nicht als Ausdruck normativer Postulate und romantischer Überhöhungen, sondern als Charakteristikum einer konkreten Manifestation von Stadtentwicklung an einem konkreten Ort. Fünf Hebelpunkte zur Schaffung urbaner Vielfalt Vor diesem Hintergrund möchte ich zum Abschluss am Beispiel von fünf europäischen Stadtentwicklungsvorhaben der jüngsten Vergangenheit zeigen, wie urbane Vielfalt tatsächlich zum Ausgangspunkt urbaner Transformation gemacht werden kann. Die Beispiele stammen aus einem Forschungsprojekt der RZU, das sich auf die Suche nach Beiträgen zur räumlichen Transformation gemacht hat, die über innovative Ansätze der Transformation gewachsener Stadträume informieren können. Den Ausgangspunkt bildeten dabei eine europaweit lancierte Umfrage unter Fachleuten und eine ergänzende Literaturrecherche der europäischen Fachpublikationen in Architektur, Städtebau und Planung. Um die Sicht auf Neues möglich zu machen, waren die Erhebungs- und auch die Rechercheprämissen möglichst offen formuliert und ohne weitere normative Kriterien zur Ermittlung der Beiträge angelegt. Insgesamt sind so europaweit über 300 Stadtentwicklungsprojekte erhoben worden. Sie bildeten die Basis für den nachfolgenden intensiven Auswahl- und Analyseprozess. Aus der Sichtung, Beschreibung und Bündelung der Beiträge mittels Stichworten unter charakteristischen Aspekten schälten sich thematische Verdichtungen heraus, in denen sich die aktuellen Schwerpunkte innovativer planerischer Praxis spiegeln. Die fünf Stichworte lauten im Kontext der hier diskutierten Themenstellung der urbanen Vielfalt: adäquate Programme finden; neue Partner integrieren; mit den Systemlogiken spielen; neue Perspektiven verankern und schließlich Oszillieren zwischen Top-down und Bottom-up. 54 Enquete : urbane stadt Stichwort: Adäquate Programme finden Wesentliche Weichen in der Planung werden schon früh im Planungsprozess gestellt, und oft genug geschehen dort auch folgenschwere Festlegungen, die sich später nicht mehr korrigieren lassen. So bilden Wettbewerbsprogramme oder Entwicklungskonzept in vielen Fällen zwar den Common Sense der zu Rate gezogenen Fachleute und des Erfahrungswissens ab, sie reagieren aber viel zu rasch mit Standardrezepturen auf spezifische Problemlagen und verfehlen damit die eigentliche Aufgabe, um die es vor Ort gehen würde. Ein interessantes Gegenbeispiel dazu, das weit über das eigentliche Themenfeld Wohnungsbau ausstrahlt, ist die „interkulturelle Planungswerkstatt“ der IBA Wilhelmsburg in Hamburg. Der Auslöser des Prozesses war die anstehende Sanierung des Weltquartiers, einer großen Siedlung aus den 1930er-Jahren mit erheblichem Interventionsbedarf, die weitgehend von Personen mit migrantischem Hintergrund bewohnt ist. Wie lässt sich unter solchen Voraussetzungen zu einem angemessenen, weil für alle Seiten verträglichen Vorgehen kommen? Die Erfahrung lehrte, dass Einwanderer mit der herkömmlichen „deutschen“ Beteiligungskultur nur selten erreicht werden. So wurde die Planungswerkstatt von Beginn an als mehrsprachiges Gemeinschaftserlebnis inszeniert, bei dem jeder seine Ideen zur Umgestaltung einbringen konnte. Der direkte Dialog durch sogenannte„Heimatforscher“ an der Haustüre war im Weltquartier dann der Schlüssel zum Erfolg: Ein halbes Dutzend Studierende der Universität Hamburg sprachen mehrere Fremdsprachen und befragten die Menschen vor Ort zunächst zu ihrer eigenen Vorstellung von Heimat und erst im zweiten Schritt zu ihrer Wohnsituation. So konnten kulturspezifische Wünsche für den Umbau der Siedlung in Erfahrung gebracht werden und das Vertrauen in den Beteiligungsprozess erhöht werden. In zwei Workshops wurde die Beteiligung schließlich fortgeführt. Erwachsene und Kinder diskutierten mehrsprachig und arbeiteten mit Fotos und Modellen an neuen Wohnungsgrundrissen und Freiraumkonzepten. Als Höhepunkt der Planungswerkstatt verband ein Aktionswochenende die gemeinsame Planung – hier ergab sich auch die Gelegenheit zu spontanen Vieraugengesprächen. Die Ergebnisse der Interkulturellen Planungswerkstatt flossen in einen Empfehlungskatalog, der Bestandteil des städtebaulichen Ideenwettbewerbs zur Umgestaltung des Weltquartiers wurde. So kamen beispielsweise Grundrisse zustande, die einen großen zentralen Raum und kleinere Zimmer besitzen, weil sie dem Alltag der Familien viel besser entspricht als die am veralteten europäischen Arbeiterfamilienmodell orientierten Standardgrundrisse. Zwei Beispiele aus Antwerpen und Rotterdam zeigen auf, wie zivilgesellschaftliches Engagement für Fragen der Quartiersentwicklung belastbare und wiederholbare Allianzen mit zeitgemäßer Gestaltung und schonendem Umgang mit knappen Ressourcen ausbilden kann, mit anderen Worten neue Partner in die Stadtentwicklung integriert werden. Stichwort: Neue Partner integrieren Im Rotterdamer Projekt Klushuizen (zu deutsch: Bastelhäuser) standen am Anfang leerstehende und vom Verfall bedrohte Gebäude in verschiedenen 55 problembeladenen Stadtteilen. Zwischen 2003 und 2010 kaufte die Stadt Rotterdam insgesamt 169 alte und unrenovierte Gebäude. Bald zeigte sich, dass deren Sanierung zu teuer ausfallen würde bzw. die Gebäude zu Preisen auf den Markt gelangen würden, die sich in diesen Gebieten nicht erzielen ließen. In dieser verfahrenen Situation schlug die Geburtsstunde der Klushuizen. Zentraler Gedanke der„Bastelhäuser“ ist die Idee, ein unrenoviertes Gebäude günstig an Interessierte abzutreten, die es dann selbst renovieren und sich darüber hinaus zu drei Jahren Eigennutzung verpflichten. Der Kauf eines Gebäudes ist aber nur möglich, wenn ausreichend(aber nicht zu hoch bemessenes) Kapital vorgelegt werden kann. Weiter zählen zu den Voraussetzungen für einen erfolgreichen Vertragsabschluss Abklärungen bezüglich der Machbarkeit eines Umbaus und die anschließende Entwicklung eines Umbaukonzepts gemeinsam mit von der Stadt zur Verfügung gestellten Architekten. Rechtskräftig werden Kauf und Umbau erst bei Vorliegen eines entsprechend qualifizierten Umsetzungsplans. Beim Ansatz von Klushuizen entstehen neue Optionen für die Quartiersentwicklung auch unter den Vorzeichen von leeren Kassen der öffentlichen Hand und ebenso knappen Mitteln privater Interessentengruppen, die normalerweise auf dem Immobilienmarkt keine Chance haben. Klushuizen stimuliert dabei durch Selbstbau Eigeninitiative als elementare Ressource der Quartiersentwicklung und Identitätsbildung. Diese Ambitionen verbindet das Programm mit dem Ziel, neue architektonische Qualität zu schaffen, um Impulse zu setzen. Anforderungen wie die Mindestbelegdauer erhöhen die Bereitschaft zur erfolgreichen und anhaltenden Integration in eine Umgebung, die mit den sanierten Gebäuden nicht nur neue Bewohner erhält, sondern auch klare Signale, dass den Abwärtsbewegungen der Quartiersentwicklung begegnet wird. Die Bastelhäuser werden also in dieser Allianz zu umfassenden Akupunkturen ihrer Umgebung, weil die Planung für ihre Anliegen in der Stadtentwicklung neue Partner in die Lösungssuche integriert und sie dabei auch weiter begleitet. Stichwort: Mit den Systemlogiken spielen Antwerpen geht verwandte Wege bei der Stabilisierung der Entwicklung in strukturschwachen Gebieten, setzt dabei aber entschiedener auf innovative Architekturkonzepte zur Stimulierung der Quartierentwicklung. Dazu gründete die Stadt 2003 die AG Vespa als städtische Immobillienmanagement- und Entwicklungsgesellschaft. Mit der AG Vespa entstanden Hebel der Quartiersentwicklung gerade für die Situationen, in welchen der Immobillienmarkt nicht mehr greift. Dazu werden sorgfältig ausgewählte Gebäude umgebaut, meist in einem Umfeld, in dem die Stadt weitere strategische Planungen verfolgt. Dieser Umbau geschieht durch einen Pool von zehn auf jeweils vier Jahre verpflichteten Architekten, die im Besitz der AG Vespa befindliche Bauten konzeptionell komplett neu reflektieren, anschließend sanieren und umbauen. Die Strategie zielt dabei auf bewusste Förderung von jungen Architekten mit experimentellen Bau- und Grundrissformen. Die nachhaltige Erneuerung soll also über qualitativ hochwertige und innovative Architektur erfolgen. Die transformierten Gebäude werden anschließend zu im Quartier übli- 56 Enquete : urbane stadt chen Preisen weiterverkauft. Allfällige Differenzen zwischen Umbau und Sanierungskosten bzw. Erlösen werden vom Stadtentwicklungsfonds aufgefangen. Das Engagement der öffentlichen Hand verstärkt die neuen baulich initiierten Entwicklungspfade im Quartier dadurch, dass über die minimale Dauer der Eigennutzung über fünf Jahre das soziale Kapitel für die Quartiersentwicklung nachhaltig gestärkt wird. Stadtentwicklung wird somit bei der AG Vespa nicht als Gegenmodell zu marktwirtschaftlicher Allokation entworfen. Vielmehr operiert Stadtentwicklung innerhalb der Systemlogiken des Marktes und nützt diese geschickt für Belange der Quartiersentwicklung aus. Stichwort: Neue Perspektiven verankern Die Planungsgeschichte ist voll von beeindruckenden Ideengebäuden, die allerdings oft genug nie das Papier verlassen haben, auf welchem sie entworfen worden sind. Ideen können Strahlkraft erst entfalten, wenn sie die Wahrnehmung relevanter Akteure verändern und es ihnen dort gelingt, neue und gemeinsam geteilte Perspektiven zu verankern. Das Projekt boulevard central von Pierre Alain Trévelo und Antoine Vigier-Kohler (TVK) für den Pariser Großraum ist dafür ein exzellentes Beispiel. Mit einer diagrammatischen Skizze formulierten die Architekten eine neuartige Interpretation des Boulevard périphérique, der Paris intra muros von den Vorortgemeinden scheidet, als vielfältiges thematisches, räumliches und funktionales Rückgrat der weiteren Entwicklung des Pariser Großraums. Dazu passt die augenzwinkernde Umbenennung des Boulevards in boulevard central. Die Botschaft lautet: Dort, wo sich bisher der Übergang von Paris ins Umland befand, liegt die eigentliche Zentralachse der Stadt. Die Straße, die bisher die Hierarchie von Zentrum und Peripherie im Wortsinne zementierte, wird neu als innerstädtische Hauptader imaginiert. Auf beiden Seiten formt sich nun eine Reihe neuer städtebaulicher Einheiten in Gestalt zahlreicher transversaler Territorien. An die Stelle der Differenz von innen und außen tritt nun die Symmetrie einer gleichberechtigten Betrachtung der Gebiete links und rechts des Boulevards. Der entscheidende Schritt der Idee bestand nun aber darin, dieses Programm gemeinsam mit den politisch Verantwortlichen auf beiden Seiten der Autobahn zu entwickeln und abzustimmen. Somit wurde aus einer bunten Ideenskizze eine neue mental map für politische Entscheidungsträger, die Zusammenhänge herstellt, die bis dahin nicht vorhanden waren. Stichwort: Oszillieren zwischen Top-down und Bottom-up Das Pariser Beispiel spricht es bereits an: Große Ideen sind nicht einfach da, man muss sie wachsen lassen. Die Transformation der Ìle de Nantes zeigt, dass sich das Wechselspiel von übergeordneter, strategischer Dimension und das Arbeiten aus und mit lokalen Kontexten sich entscheidend befruchten können. Auf der Insel im Unterlauf der Seine leben auf 337 Hektar 15.000 Einwohner. Aufgegebene Hafengebiete, Brachflächen von Industrie- und Gewerbebetrieben, Wohngebiete und Arbeitsplatzgebiete wechseln sich in einem bunten Patchwork ab. Um dieses über die Zeit entstandene Fragment wieder in eine tragfähige Struktur überzuführen, entwickelten der Architekt 57 Alexandre Chemetoff und sein Team eine Planungskonzeption, die systematisch die übergeordnete Betrachtung der Insel als Gesamtraum mit lokalen Initiativen und ihren baulichen Veränderungen verzahnte. Die Vision wird über den„Plan guide“ vorangetrieben, während gleichzeitig an verschiedenen Orten unterschiedlicher Größe und Qualität – also im Grunde auf der Ebene der Areale und Parzellen – architektonische Projekte lanciert, konkretisiert und umgesetzt werden. Im Abstand von drei Monaten wird der„Plan guide“ an die jeweiligen Projektstände angepasst. Damit erhalten die lokalen Projekte eine immer wieder von Neuem dem Stand der Dinge angepasste, übergeordnete und langfristige Orientierung, während gleichzeitig die gesamträumliche Idee nie Gefahr läuft, zu einer abstrakten, den konkreten Bedingungen vor Ort widersprechenden Setzung zu werden. Über dieses„Sägezahnprinzip“ wechselseitiger Anpassungsprozesse gelingt es den Planern in Nantes weiter, die Beteiligten vor Ort frühzeitig und konkret mit ihren Kenntnissen und Bedürfnissen in die Ausformulierung der Transformation der Insel einzubinden. So entstehen lokal sorgfältig abgestützte Akupunkturen, die gleichzeitig an der Vervollständigung eines integralen Gesamtzusammenhangs arbeiten. ihrer impliziten Annahmen und Bedingungen. So durchdringen sie in städtebaulichen Leitideen wie der urbanen Vielfalt prototypische Vorstellungen von Bebauungsmustern, Freiräumen und Architekturen mit impliziten wie expliziten Narrativen von damit beförderten Stadtalltagen. Diese normativen Ladungen mit ihren Widersprüchen gilt es sorgfältig in den Blick zu nehmen und nach ihren Voraussetzungen und Implikationen zu befragen. Unterbleibt dieser Reflexionsschritt, ist urbane Vielfalt nicht viel mehr als Maskerade. Neuland betreten Die fünf Beispiele zeigen neue Wege auf, wie urbane Vielfalt als gesellschaftliche Realität in konkrete Transformationsprozesse einbezogen werden kann und so neue und robuste Grundlagen der Entwicklung situativ hergestellt werden können. Den Anfang bilden aber in jedem Falle Klärungen hinsichtlich der angestrebten Zielvorstellungen und 59 60 Enquete : urbane stadt 62 Enquete : urbane stadt 64 Positionen : urbane stadt POSITIONSBESTIMMUNGEN Die nachfolgend dokumentierten Positionen spiegeln die Beiträge und Diskussion im Rahmen der Enquete und des vorangegangenen Workshops wider. Die Erwartungen an die Entwicklung urbaner Quartiere und an eine urbane Vielfalt wurden dabei aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Erwartungshaltungen heraus erörtert. In die Positionen eingeflossen sind auch die„fünf Hebelpunkte“, die von Angelus Eisinger im Rahmen der Enquete formuliert wurden:„adäquate Programme finden; neue Partner integrieren; mit den Systemlogiken spielen; neue Perspektive verankern; Oszillieren zwischen Top-down und Bottom-up“. Grundlegend wird die verstärkte Auseinandersetzung mit den Herausforderungen einer„urbanen Vielfalt“ in der leistbaren Stadt als zentrales Anliegen von Stadtentwicklung und Wohnungsbau betrachtet. Deutlich herausgehoben, findet sich dieser Anspruch im STEP 2025.„Neue Stadtquartiere – egal ob innerstädtisch oder in peripheren Lagen – sollen urbane Qualität und Vielfältigkeit bieten, leistbar sein sowie allen Aspekten der Nachhaltigkeit gerecht werden...“. (STEP 2025, S. 51). Allein schon dieser Anspruch macht deutlich, wie wichtig es sein wird, die stadtentwicklungspolitisch relevante Zielsetzung der„urbanen Vielfalt“ mit den Zielsetzungen, Qualitätsanforderungen des geförderten Wohnungsbaus in Verbindung zu bringen. Also kein Gegeneinander und keine Förderung einer vermeintlichen urbanen Vielfalt auf Kosten der Leistbarkeit des Wohnens. Unumgänglich wird allerdings die Überprüfung gewohnter Qualitätsstandards, eingefahrener Prozesse und tradierter Instrumente. Dies bedingt den Mut und die Bereitschaft, sich auf Neues einlassen zu wollen. Die Voraussetzungen und die Gestaltungsmöglichkeiten sind weltweit nahezu einzigartig. Sie begründen sich in der außerordentlichen politischen Verantwortungskultur für den sozialen Wohnungsbau ebenso wie in den dokumentierten politischen Zielsetzungen und Programmen einer nachhaltigen, einer smarten Stadtentwicklung. Um hier Robert Korab zu zitieren:„Wien hat in der Tradition des geförderten Wohnungsbaus ein enorm hohes Qualitätslevel erreicht. Mittlerweile sind wir aber an dem Punkt angekommen, an dem wir über das Gute hinaus auch dem Gewagten mehr Platz geben sollten.“(Robert Korab, S. 36) In diesem Sinne könnte die Auseinandersetzung mit einer urbanen Vielfalt in der Stadterweiterung zu einem internationalen Labor der Stadtentwickung und des Wohnungsbaus werden. Über die Enquete wurde dazu ein Diskussionsprozess eröffnet, den es konsequent weiterzuführen und zu intensivieren gilt. WIR SOLLTEN ÜBER DAS GUTE HINAUS AUCH DEM GEWAGTEN MEHR PLATZ GEBEN! Robert Korab 66 Positionen : urbane stadt Vielfalt statt „Kleinteiligkeit“ Ausgangspunkt der Enquete war die Diskussion um Chancen und Risiken einer Kleinteiligkeit der Bebauungs- und Parzellenstrukturen bezogen auf vielfältige urbane Strukturen. Die Verknüpfung einer so interpretierten„Kleinteiligkeit“ mit„Urbanität“ erklärt sich vorwiegend aus einem tradierten Städtebauverständnis. Zitiert werden meist Bilder der historischen Stadt. Dabei wird verkannt, dass sich die ökonomischen, die gesellschaftlichen, die technologischen wie auch die rechtlichen Rahmenbedingungen grundlegend verändert haben. Zudem begründet sich die strukturelle Qualität der„schönen historischen Stadt“ nicht in ihrem Bild, sondern eher„in der Neutralität ihrer Struktur, die das Vielfältige und das Gegensätzliche des täglichen Gebrauchs ermöglicht“.(Rüdiger Lainer, Seite 29). Hieran gilt es anzuknüpfen, um aus der Geschichte zu lernen. Im Verlauf des Diskussionsprozesses zur Enquete wurde der Bezugsrahmen der „Kleinteiligkeit der Bebauungs- und Parzellenstrukturen“ daher auch deutlich erweitert. Aus dem Primat der Kleinteiligkeit wurde die Auseinandersetzung mit„Vielfalt und Diversität“ in der Quartiersentwicklung. Relevant erschien die Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher, nutzungsbezogener und auch städtebaulich/architektonischer Vielfalt und Differenzierung im Quartier. Dies betrifft sowohl das Ermöglichen von Nutzungsvielfalt und sozialer Durchmischung im Quartier als auch den Umgang mit Atmosphäre(n) in der städtebaulich/architektonischen Raumbildung. Damit kommen wir zurück zur Relevanz einer Kleinteiligkeit in Parzellierung und Bebauung bezogen auf vielfältige urbane Strukturen. Herausgestellt wurde, dass deren Bedeutung, bezogen auf„Urbanität im Quartier“, zu relativieren ist. Dennoch nimmt sie Einfluss auf das Erscheinungsbild eines neuen Stadtteils, prägt dessen räumliche Struktur und nimmt über die städtebauliche/architektonische Vielfalt Einfluss auf Raumqualitäten, Raumwirkungen und damit auf das Raumerleben. Was bedeutet dies für die Entwicklung neuer Stadtteile und Quartiere, für die Herausforderungen in Städtebau und Architektur? Zunächst einmal, Fragen der Raumbildung und-atmosphären zu einem wichtigen Kriterium städtebaulicher Entwürfe zu erklären. Es geht eben um mehr, als um die bestmögliche ökonomische Ausnutzung von Standorten im Sinne einer baulichen Dichteoptimierung und um die Sicherung einer Funktionalität in Bebauung und Erschließung. Der Städtebau schafft die Grundlagen zu robusten, funktionsfähigen Strukturen ebenso wie zu einer differenzierten Raumbildung: von „prominenten“ Orten bis hin zu ruhigen Wohnlagen. Dabei geht es auch um die 67 Auseinandersetzung mit Proportionen in der Raumbildung, um das Zusammenspiel von Bebauung und Freiraum, um Typologien in Bebauung und Nutzung, um Sichtbezüge und Materialitäten – letztlich um die räumlichen Voraussetzungen zu einer Vielfalt an Bebauungsmöglichkeiten, Gestaltungsformen und Nutzungsoptionen in der übergeordneten Einheit des Quartiers. Unter ökonomischen Gesichtspunkten werden eine Bruttogeschoßfläche von mindestens 5.000 bis 7.500m 2 als notwendig bezeichnet, um die hohen Anforderungen an die Leistbarkeit des Wohnens im geförderten Wohnbau realisieren zu können. Dies eröffnet Spielräume. Für einen Mix an Bebauungsformen ebenso wie für unterschiedliche Träger- und Entwicklungsmodelle: vom geförderten Wohnungsbau über kleinteiligere Baugruppenmodelle bis hin zu Sonderformen im Mix von Wohnbau mit gewerblichen und oder sozioökonomischen Nutzungsbausteinen. Entscheidend ist die Offenheit, die die städtebauliche Grundanlage für differenzierte bauliche Interpretationen, Nutzungsmodelle und Aneignungsformen bietet, ohne dabei die Prägnanz des neuen Stadtteils aus den Augen zu verlieren. In allen Etappen des Entwicklungsprozesses muss das Zusammenspiel von„Identität und Flexibilität“, von„Verlässlichkeit und Variabilität“, von„Geplantem und Unverhersehbarem“ auch konzeptionell verbürgt sein. In diesem Verständnis muss auch das Verständnis städtebaulicher/freiräumlicher Pläne neu definiert werden. Weniger als starre, bildorientierte und regulative Planwerke, sondern weitaus mehr im Sinne „urbaner Partituren“(Rüdiger Lainer) zu komplexen Entwicklungsprozessen. Dies bedeutet auch, Abstand von der Vorstellung zu nehmen, die Qualitätssicherung über noch präzisere Pläne und restriktivere Vorgaben und Ausstattungsdetails regeln zu wollen. Das Werden von Stadt erfordert eine kritische Verfasstheit und eine Kultur des Ermöglichens. Dies eben auch bezogen auf das Verständnis von Städtebau, Freiraumplanung und Architektur. Dem zugrunde liegt ein Raum- und Planungsverständnis, das, über den räumlich/gestalterischen Städtebau hinaus, die Herausforderungen der Prozessgestaltung zum Gegenstand von Planung und Entwicklung macht. Erforderlich werden robuste Strukturen, die Raum geben für spätere Veränderungen, Anpassungen und Interpretationen. Letztlich erfordert dies politische Rahmenbedingungen hin zu einer Strategie der koproduktiven Stadt- und Quartiersentwicklung als Nährboden und Triebfeder einer urbanen Vielfalt. POSITIONEN • Auseinandersetzung mit den Grundanliegen von Offenheit, Flexibilität, Variabilität und Anpassungsfähig keit im Städtebau wie in der Architektur; • Überprüfen von Standards und Regelwerken hin zur Ermöglichung offener Systeme; • Verstärkte Thematisierung der zeitlichen Perspektive in der Quartiersentwicklung; • Förderung bzw. Ermöglichung der Durchmischung im Quartier, speziell mit Blick auf unterschiedliche Wohn- und Eigentumsformen, auf die Integration von Baugruppenprojekten, auf die Integration gewerblicher bzw. dienstleistungsbezogener Nutzungen etc.; • Erzeugen differenzierter Raumqualitäten und Atmosphären im Quartier – auch im Sinne einer „katalyti schen Kraft zu einer urbanenVielfalt“(Angelus Eisinger); • Durchführung spezifischer qualitätssichernder und dialogischer Verfahren in der städtebaulichen/frei räumlichen Strukturierung und Entwicklung neuer Standorte. 68 Positionen : urbane stadt Gestaltung offener Prozesse und eine Kultur des Ermöglichens Urbane Vielfalt lässt sich nicht mit Mitteln des Städtebaus und der Architektur bauen. Die Entwicklung einer urbanen Vielfalt muss als dynamischer Prozess verstanden werden, in dem sich Geplantes und Ungeplantes, Spontanes und Gestaltetes, Reguliertes und Selbstorganisiertes gegenseitig ergänzen, unterstützen und bereichern. Dies bedingt das Ineinandergreifen oder das„Oszillieren“ (Angelus Eisinger) von Top-down- und Bottom-up-Prozessen. Dies erfordert eine notwendige Anpassungsfähigkeit und Variabilität im Städtebau, im Freiraum wie in der Architektur. Dies bedingt den Mut und die Bereitschaft auch zu hybriden Strukturen, die das Nebeneinander, die Überlagerung und die Wechselwirkungen alltäglicher, soziokultureller und wirtschaftlicher Urbanität fassen können. Hybride Räume(im Städtebau, im Freiraum und in der Architektur) ermöglichen Aneignung und Aushandlung, sie katalysieren und schützen kulturelle Vielfalt und Differenzierung. Auffallend ist die Neigung vieler Fachdisziplinen und Planwelten, die jeweiligen Anliegen immer stärker zu optimieren und zu perfektionieren. Nicht selten führt dies zu einer gestalterischen und funktionalen Überregulierung und führt damit fast unweigerlich zu einem Verlust an Entwicklungsoptionen und Vielfalt. Ausgerichtet auf eine bestimmte Funktion, ein bestimmtes Tun oder Verhalten, sind die angebotenen Lösungen nur bedingt anpassungsfähig bezogen auf künftige Entwicklungen, Bedarfe und Ideen der RaumproduzentInnen, seien es die BewohnerInnen, Kulturschaffende oder Gewerbetreibende. Hier gilt es anzusetzen. Es bedarf eines Perspektivwechsels, ohne dabei den Wert und die qualitätssetzende Kraft der städtebaulichen Qualifizierungsverfahren oder jene der Bauträgerwettbewerbe aus dem Blick zu verlieren. Wurzelnd in dem Verständnis neuer strategischer Allianzen zwischen dem Wohnbau und der Stadtentwicklung, geht es hier sowohl um die Thematisierung der Grundanliegen des leistbaren Wohnens und der leistbaren Stadt als auch um die kreative Auseinandersetzung mit urbaner Vielfalt in einem prozessualen Verständnis. An die Stelle perfekt inszenierter und durchdeklinierter planerischer Bildwelten rückt dann vielleicht wieder das Grundanliegen eines robusten und gleichermaßen atmosphärischen Städtebaus, einer Freiraumgestaltung und einer Architektur, die offen sind für Veränderungen in der Nutzung wie in der Funktion. Also keine neuen Forderungskataloge, keine neuen Standards und Vorgaben, sondern die kreative Auseinandersetzung mit dem Faktor Zeit in der Entwicklung eines Quartiers! Eben damit sich urbane Qualitäten jenseits der reinen Wohnorientierung auch wirklich entfalten können. 69 POSITIONEN • Überprüfung vorhandener Normen, Instrumente und Standards in Städtebau, Architektur und in der Frei raumgestaltung hin zur Ermöglichung einer größeren strukturellen Offenheit für künftige Veränderungen, Anpassungen und Aneignungen. Dies betrifft auch förderrechtliche Aspekte, beispielsweise bezogen auf eine spätere Umwandlung von Wohnungen zu gewerblichen Einheiten; • Schaffung robuster, lern- und anpassungsfähiger räumlicher Strukturen, beispielsweise durch offene bzw. flexible Grundrisslösungen und größere Geschoßhöhen; • Verstärkte Fokussierung der Qualitätsstandards auf robuste und damit in zeitlicher Perspektive auch verän derbare und anpassungsfähige städtebauliche, freiräumliche und architektonische Strukturen als Schlüssel zu Vielfalt, Variabilität und Flexibilität; • Frühzeitige Stimulierung neuer Allianzen, Initiierung von Prozessen und Förderung des Aufbaus von Netz werken in der stadtgesellschaftlichen Raumproduktion; • Ermöglichen einer Vielfalt in Prozessen und Eröffnung von Mitverantwortung und Teilhabe der (künftigen) BewohnerInnen, bezogen auf die Entwicklung des Quartiers, Gestaltung der struktuellen Offenheit für eine prozessuale Dynamik; • Schaffung/Sicherung von (temporären) Experimentier- und Ausnahmezonen im Sinne von nutzungsoffenen Räumen in der Quartiersentwicklung. Dies auch im Sinne von Inkubatoren oder Katalysatoren zur Entwicklung einer urbanen Vielfalt. Hierbei kann es sich durchaus auch um besondere Baugruppenmodelle handeln. 70 Positionen : urbane stadt Der Aufbau neuer strategischer Allianzen und die Notwendigkeit eines Stadtteilmanagements Eine urbane Vielfalt lässt sich nicht bauen. Aber es lässt sich Vorsorge dafür treffen, dass eine solche möglich ist. Der Anspruch der urbanen Vielfalt erfordert politisch/administrative Rahmenbedingungen, die eine vielfältige Nutzung von Räumen unterstützen und damit den Nährboden für eine Kultur der Vielfalt bilden. Dazu zählt auch, die„zivilgesellschaftliche Erfindungskraft mehr in die Entwicklung der Stadt einzubeziehen“.(Robert Korab, S. 36) Damit einher gehen besondere Anforderungen an den Aufbau strategischer Allianzen und an die Befähigung von AkteurInnen, die zu KoproduzentInnen der Quartiersentwicklung werden können. So wie das„Werden von Stadt“ als Prozess verstanden werden muss, so braucht es, gerade in der schwierigen Startphase des urbanen„Sukzessionsprozesses“, einer koordinativen, katalytischen Hilfestellung. Dies kann und muss zur Aufgabe des Stadtteilmanagements werden. In den Fokus rückt die Einbeziehung von Stadtteilakteuren in Planungs- und Entwicklungsprozesse und rücken vielfältige Strategien der Aktivierung und Beteiligung im Aufbau neuer Netzwerke. Aus den Erfahrungen der behutsamen Stadterneuerung in Wien wissen wir, dass erst über die aktive Mitwirkung auch eine(neue) Mitverantwortung erwachsen kann – für die eigene Nachbarschaft, das Grätzel, den Stadtteil und letztlich die Stadt. Nutzen wir diesen wertvollen Erfahrungsschatz auch für die Bewältigung der Herausforderungen in der Entwicklung neuer Stadtquartiere! 71 POSITIONEN • Etablierung eines ressortübergreifenden Zusammenarbeitens in der Quartiersentwicklung – von Beginn an; • Frühzeitige Etablierung eines Stadtteilmanagements zum Aufbau neuer Partnerschaften in der Quartiersent wicklung; • Konsequente Unterstützung niederschwelliger Möglichkeiten zur Aktivierung von Räumen für gewerbliche und soziokulturelle Nutzungen – vor allem in den Sockelzonen des Quartiers; • Experimenteller Umgang mit offenen, kreativitätsfördernden und in die gesellschaftliche Breite gehen den Entwicklungsprozessen; • Öffnung und Flexibilisierung von Entwicklungsprozessen. Interessierte müssen darin Entwicklungs- und Ge staltungspotenziale entdecken können und eigene Impulse setzen können. 72 Positionen : urbane stadt Den Quartiersansatz stärken – vom leistbaren Wohnen zur leistbaren Stadt Urbane Qualitäten lassen sich wohl kaum entwickeln, wenn die Bezugsebene des Handelns an der Parzellengrenze des eigenen Bauplatzes endet. Das Nutzbarmachen von Synergien erfordert den Perspektivwechsel: Weg von einer „Economy of Scale“ hin zu einer„Economy of Scope“, in deren Rahmen das Nutzbarmachen von Synergien zu einem wichtigen Schlüssel einer holistischen Quartiersentwicklung wird. Im diesem Sinne gilt es, die Anforderungen an die Leistbarkeit des Wohnens um den Maßstab der Leistbarkeit der Stadt zu erweitern. Zentrale Schlüssel dazu finden sich im Aktionsfeld der Mobilität und der Energie ebenso wie bezogen auf die Durchmischung der Quartiere mit Nutzungen auch außerhalb des Wohnens und der wohnbezogenen Infrastruktur – etwa für Nutzungen im Bereich des Handels, der Kultur, des Gewerbes und der Dienstleistungen. In der Wahrnehmung vieler Beteiligter an der Enquete und an dem vorbereitenden Workshop, sind bauplatzübergreifende und quartiersbezogene Entwicklungsansätze noch unzureichend ausgeprägt. Vorhandene Zuständigkeiten, Plan- und Entwicklungslogiken, aber auch das vorhandene Rechts- und Förderinstrumentarium erschweren das bauplatzübergreifende Handeln ungemein. Notwendig wird eine besondere Qualität von Plänen, Prozessen und Instrumenten, die die Logik des Quartiers(und dessen Einbindung in den umgebenden Kontext) zum Kerngegenstand der Entwicklung und Förderung machen. Die kooperativen Verfahren(auf der städtebaulichen Ebene) und die zweistufigen, dialogorientierten Bauträgerwettbewerbe(auf der Ebene des geförderten Wohnungsbaus) weisen in die richtige Richtung. Sie bieten das Potenzial zur Einbeziehung verschiedener PartnerInnen – aus Politik und Planung ebenso wie aus der Wirtschaft, der Kultur, von Initiativen und aus der Zivilgesellschaft. Es wird aber darauf ankommen, diese Verfahren konsequent weiterzuentwickeln – und sie vor allem stärker in Bezug zueinander zu setzen. So wie die Frage der„urbanen Vielfalt“ nie nur eine Frage des städtebaulichen Entwurfs sein kann, so sind auch die nachgelagerten Bau- und Entwicklungsträger überfordert, diese mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und Instrumenten„realisieren“ zu können. Auch bezogen auf die Anliegen der SmartCity wird Handlungsbedarf deutlich. So beispielsweise in Fragen der Mobilität ebenso wie bezogen auf das Themenfeld der Energie. Grundlegend bedarf es des übergreifenden Dialogs und vor allem der Einbeziehung von PartnerInnen auch außerhalb der etablierten Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. Bezogen 73 auf den Städtebau ebenso wie im Wohnungsbau. In bestimmten Fällen kann ein frühzeitig etabliertes Quartiersmanagement oder ein koordinierender Entwicklungsträger diese Funktion übernehmen. Das Beispiel in der aspern Seestadt verweist jedenfalls auf diese Richtung. POSITIONEN • Erarbeitung von strategischen Entwicklungsplänen zur Quartiersentwicklung, die über städtebaulich/räumli che Aussagen hinaus auch Aussagen zu notwendigen Prozessen, Instrumenten und AkteurInnen wie zu zeitlichen Entwicklungsperspektiven und Evolutionsstufen(über das Bauen hinaus) implizieren(z. B. bezogen auf räumliche/inhaltliche Schwerpunkt- und Aktionsräume(auch im Sinne Inkubatoren/Katalysatoren der Quartiersentwicklung, auf Träger- und Finanzierungsmodelle zur Nutzung von Erdgeschoßlagen etc.); • Überprüfung und gegebenenfalls Neuausrichtung der Förderbestimmung im Wohnungsbau unter stärkerer Berücksichtigung quartiersbezogener und damit bauplatzübergreifender Anliegen(z. B. bezogen auf die Entwicklung/Aktivierung und Finanzierung von Sockelzonen, auf die quartiersbezogene Infrastrukturausstattung, auf Mobilitäts- und Energiekonzepte etc.); • Frühzeitige Etablierung eines ressort- und institutionell übergreifenden Quartiers- bzw. Entwicklungsma nagements zur Koordination der unterschiedlichsten Beteiligten und Vorhaben; 74 Positionen : urbane stadt Der Kontext des Stadtteils – Erweiterung des Umgriffs Bis zum Jahr 2025„soll die Siedlungsentwicklung innerhalb des bestehenden Siedlungsgebiets und auf den noch vorhandenen Potenzialgebieten des STEP 2005 realisiert werden.“(STEP 2025, S. 52) Die über den STEP 2025 zum Ausdruck gebrachte Haltung ist eindeutig: es geht um den konsequenten Weiterbau der gebauten Stadt und um die Sicherung der Qualität und Leistbarkeit des städtischen Raums. Stadterweiterungsvorhaben sollen sich dabei„vorwiegend an den Entwicklungsachsen hochrangiger öffentlicher Verkehrsträger und an Dichten von mindestens 1,5(Nettogeschoßflächenzahl) orientieren.“(STEP 2025, S. 54) Es wäre allerdings viel zu kurz gegriffen, die Herausforderung einer urbanen Vielfalt an baulichen Dichtewerten festmachen zu wollen – so wichtig diese auch sein mögen. Urbane Dichte geht einher mit dem Reichtum an funktionaler, baulicher, sozialer und kultureller Vielfalt und Mischung, mit einem wertsetzenden und befähigenden Umgang mit unterschiedlichen Sozialräumen und Milieus, mit der Differenzierung unterschiedlicher Raumqualitäten und Atmosphären. Und es geht immer auch um die Einbindung des Neuen in das Bestehende und damit um die Einbindung des neuen Quartiers in den größeren Zusammenhang des Stadtteils. Was kann das neue Quartier im Sinne einer urbanen Vielfalt auch für das bereits Bestehende leisten – und umgekehrt? Woran gilt es anzuknüpfen, welche Impulse können und müssen gesetzt, welche Synergien zur Entfaltung gebracht werden, welche StadtteilakteurInnen können gewonnen und in den Prozess einbezogen werden? Fragen, die deutlich machen, wie wichtig der erweiterte gedankliche und planerische Umgriff ist. Es bedarf neuer Orientierungen im Stadtteilzusammenhang, die Antworten geben müssen auf die Entwicklung der städtischen Infrastruktur, auf Fragen der Mobilität und der Energie, auf die Versorgung mit Grün- und Freiräumen sowie auf die(Neu-)Justierung lokaler Zentrenstrukturen. Dazu bedarf es einer besonderen Zwischenebene in der Stadtentwicklung: zwischen der grundlegenden Programmatik des STEPs und den konkreten Festlegungen der städtebaulichen Rahmen- und der Widmungspläne. Als raumbezogene Strategiepläne müssen diese darauf angelegt sein, frühzeitig zu einer querschnittsorientierten und ressortübergreifenden Grundlage für die Stadtteil- und Quartiersentwicklung und damit zu einem Bindeglied zwischen den gesamtstädtischen Absichten des Stadtentwicklungsplans und den konkreten standortbezogenen Vorhaben und Widmungsplänen werden zu können. Auch was die Aktivierung und Mitwirkung der Stadt(teil) öffentlichkeit betrifft. 75 76 Positionen : urbane stadt Aktionsfeld Öffentlicher Raum und Erdgeschoße! Die aktive Auseinandersetzung mit der Entwicklung der öffentlichen Räume und jenen der Erdgeschoße steht in maßgeblichen Wechselwirkungen zur urbanen Vielfalt im Quartier. Verknüpft mit dem Bedürfnis nach Vielfalt im Stadtraum, werden gerade diese zum Bezugs- und Aktionsraum des sozialen und kulturellen Lebens, der urbanen Qualitäten im Quartier. Es ist der Bezug der Erdgeschoße zum öffentlichen Raum der Stadt, ihre Qualität als Membran zwischen dem Innen und dem Außen, zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, die ihre Bedeutung als Interaktionszone, als Möglichkeitsraum und als„Produktionsmittel der Urbanität“(Franz Pesch) ausmachen. Die Erdgeschoße sind imstande, einen maßgeblichen Beitrag für die Aufenthalts- und Erlebnisqualität im Straßenraum und für die Alltagstauglichkeit der Stadt und ihrer Quartiere zu leisten. Sie bietet den erforderlichen Raum für vielfältige kulturelle und soziale Angebote, Geschäftsnutzungen und Arbeitsstätten. Als Indikator für„soziokulturelle Dynamiken“(Theresa Schütz) ist die Erdgeschoßzone gleichermaßen Rahmen und Bestandteil des urbanen Lebensraums. Mehr Urbanität wagen, verlangt daher auch nach einer kulturellen Verantwortung der Stadt wie der Entwicklungsträger für die öffentlichen Räume und für die Entwicklung der Erdgeschoßzone im Quartier. Eine geteilte Verantwortung, die sich auch niederschlägt in der Etablierung spezifischer Instrumente und Prozesse zur Entwicklung der Erdgeschoßzonen. Solange diese Bereiche in der alleinigen Verantwortung der einzelnen Bauträger stehen, wird es kaum möglich sein, die Entwicklung in einem Quartierssinne zu forcieren. Finanzierungsprobleme, fehlende Marktzugänge oder auch die Verpflichtungen und Mietpreisbindungen aus der Wohnbauförderung lassen hier nur wenige Spielräume zu. Notwendig werden quartiersbezogene Entwicklungsstrategien, Finanzierungskonzepte, Träger- und Managementmodelle in der Entwicklung der Sockelzonen neuer Stadtquartiere. Am konkreten Beispiel des Einkaufsstraßenmanagements in der aspern Seestadt werden Wege aufgezeigt, wie dies funktionieren kann. Erweitern wir den Fokus um soziokulturelle und um nicht-kommerzielle Einrichtungen und Angebote, so wird vielleicht deutlich, dass es dazu eines Entwicklungsträgers bedarf, dessen Verantwortungsbereich über die rein kommerzielle Nutzung und Vermarktung dieser für das Quartier so wichtigen Lagen hinwegreicht. 77 78 Positionen : urbane stadt Vernetztes Handeln und koproduktiv entwickeln – Mut zu Experimentierräumen! Urbane Vielfalt muss als wichtiges Grundanliegen im Aufbau neuer vitaler Stadtquartiere gesehen werden. Entscheidend ist weniger der distanzierte Blick der Planenden, als die Ideen derjenigen, die mit ihrem Tun die Stadt entwickeln, nutzen, gestalten und prägen. Ermöglicht werden kann diese strukturelle und gelebte Vielfalt nur über eine ressortübergreifende Zusammenarbeit der verschiedenen AkteurInnen und Institutionen aus der Stadtpolitik, der Stadtverwaltung, von Unternehmen und der Zivilgesellschaft. Striktes Ressortdenken macht die Entwicklung vielfältiger Stadtquartiere unmöglich. Die kreative und wertsetzende Auseinandersetzung in der Förderung und Entwicklung einer urbanen Vielfalt wird zu einer großen Investition in die Entwicklung der Metropole Wien. Der Erfahrungsschatz ist groß. Hierauf gilt es aufzubauen. Aber ohne die Bereitschaft, dabei auch anders und quer zu denken, zu forschen und zu entwickeln, wird dies nicht gehen. Dies erfordert eine besondere kreative Atmosphäre und den Mut, die Bereitschaft und die Risikofreude der Verantwortlichen aus Politik und Planung, aus der Wohnungswirtschaft und der Kultur, dabei auch neue Pfade zu suchen und Neuland betreten zu wollen, alltägliche Handlungsmuster und Kräfteverhältnisse aufzuheben und neue Prozesse in Gang zu setzen. Der über den STEP 2025 geforderte„Mut zur Stadt“ bedingt die Bereitschaft und den Mut zu offenen Prozessen! Anknüpfend an das Instrument einer Internationalen Bauausstellung, bedarf es dazu möglicherweise eines Laboratoriums auf Zeit, der Experimentierfläche im Raum wie im Geist, welche zur Hilfestellung und Verpflichtung für erforderliche Frei- und Experimentierräume und für innovative Lösungen im Aufbau nachhaltiger Strukturen werden kann. Festgemacht am konkreten Raum eines Standorts oder einer Stadtteils und freigespielt von üblichen Abläufen des Planungsalltags, böte das Laboratorium die Chance, auch andere Verfahrensformen und Konzepte zu ermöglichen und zu erproben und das darüber gewonnene Wissen in den Planungsalltag und die Quartiersentwicklung zurückzuspielen. Dies gilt gleichermaßen für Ansätze neuer Fördermodelle und rechtlicher Rahmenbedingungen. Im Sinne einer Leistungsschau und eines Innovationsprogramms kann die Auseinandersetzung mit der urbanen Vielfalt so zu einem wirklichen Lern- und Qualifizierungsprozess und zu einem internationalen Labor der Stadtentwicklung und des Wohnungsbaus werden. Die Erfahrungen zeigen, dass der politisch/administrative‘Ausnahmezustand‘, dass die Bereitschaft, alltägliche Handlungsmuster temporär und räumlich be- 79 grenzt außer Kraft zu setzen, zur notwendigen Voraussetzung für Frei- und Experimentierräume und zu modellhaften Lösungen wird, die für ihre Entwicklung und Ausreife Sonderkonditionen benötigen. Dies mit dem erklärten Ziel, aus solchen Prozessen für den Alltag von Stadtentwicklung und Wohnungsbau lernen zu können. Dies ist auch das Geheimnis innovativer Produktentwicklung in großen Unternehmen. Die gesicherte Chance für das„Neue“ und„Experimentelle“ versteht sich als wesentliches Privileg eines Laboratoriums und ihrer Besonderheiten gegenüber dem Alltag. Zum Abschluss: Es gibt keine Konvention über das, was ein solches Laboratorium im Sinne einer Internationalen Bauausstellung ausmacht. Jede für sich ist immer wieder eine neue Erfindung gewesen, und dies hat ihr Wesen bestimmt und ihre Innovationskraft ausgemacht. Die Stadt Wien hat das Potenzial dazu, hier eigene Akzente in einem internationalen Maßstab setzen zu können. 80 : urbane stadt TeilnehmerInnen an den Podiumsdiskussionen der Enquete Prof. Dr. Angelus Eisinger(Impulsvortrag) ist Städtebau- und Planungshistoriker und Urbanist. Seit 2013 ist er Direktor der Regionalplanung Zürich und Umgebung. Nach seiner Habilitation 2003 an der ETH Zürich war er von 2003 bis 2008 Professor für Städtebau und Raumentwicklung an der Hochschule Liechtenstein und darauffolgend Professor für Geschichte und Kultur der Metropole an der HCU Hamburg. Seit 2010 ist er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der IBA Basel 2020. Er ist Autor zahlreicher Publikationen, unter anderem: urbanRESET. Freilegen immanenter Potentiale städtischer Räume, 2012 erschienen im Birkhäuser Verlag. Univ. Prof. Dipl.-Ing. Lilli Lička ist Landschaftsarchitektin und seit 2003 Professorin für Landschaftsarchitektur an der Universität für Bodenkultur Wien. Zuvor war sie Lektorin für Landschaftsarchitektur und Städtebau an der TU Wien und Lektorin für Freiraumgestaltung an der Universität für Bodenkultur. Sie ist Gesellschafterin des Landschaftsarchitekturbüros KoseLička. Ganz aktuell hat sie gemeinsam mit Karl Grimm das Buch„nextland. Zeitgenössische Landschaftsarchitektur in Österreich“ herausgegeben. Dipl.-Ing. Katharina Bayer ist seit 2006 gemeinsam mit Markus Zilker Geschäftsführerin von einszueins architektur. Sie studierte Architektur an der TU Wien und an der TU Delft und sammelte umfangreiche praktische Erfahrung in Büros in Wien und Amsterdam. Berufspolitisch engagiert sie sich im Vorstand der IG Architektur. Das von einszueins architektur 2013 fertiggestellte„Wohnprojekt Wien“ am Nordbahnhof erhielt 2014 den Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit. Dr. Raimund Gutmann ist freiberuflicher Sozialwissenschafter, Firmeninhaber und Institutsleiter von wohnbund:consult, welches ein unabhängiges Büro für nachhaltige Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen ist. Das Büro ist Mitglied im europaweit tätigen Wohnbund-Netzwerk. Das Leistungsprofil von wohnbund:consult erstreckt sich neben Forschung und Beratung auf Projektentwicklung und Sozialplanung, Partizipative Prozesse und Community Design. Raimund Gutmann hat Lehraufträge an den Universitäten Graz und Salzburg. Dr. Robert Korab ist seit der Gründung vom Büro raum& kommunikation 2001 dessen Geschäftsführer. Er war langjähriges Mitglied des Grundstückbeirats der Stadt Wien. Von 1995 bis 2002 war er mit dem Aufbau und der Leitung der„Beratungsstelle für stadtökologische und umwelttechnische Fragen des Wohnbaus“ im Wohnfonds tätig. Er ist Mitinitiator des Baugruppenprojekts Sargfabrik. Sein Büro ist mit der Projektentwicklung und Projektsteuerung an gemeinschaftlichen Wohnbauprojekten beauftragt. Seit 1992 unterrichtet er an mehreren österreichischen Universitäten in den Bereichen Ökologie, Stadtplanung, Architektur und Bauwesen. Dipl.-Ing. Dr. techn. Bernd Rießland ist Vorstand der Sozialbau Gemeinnützige Wohnungsaktiengesellschaft. Von 1984 bis 1989 war er wirtschaftlicher Leiter des Bundeswohnbaufonds. Von 1989 bis 1999 war er im Bankwesen im Bereich Immobilienfinanzierung tätig. Parallel dazu vermittelte er sein Wissen über Wohnbaufinanzierung und Wohnbauförderung in einer Vorlesung an der TU Wien. Von 2000 – 2009 war er Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Wien und war dabei unter anderem an der Entwicklung der Seestadt Aspern beteiligt. Aktuell hält er an der TU Wien eine Vorlesung über Nachhaltige Stadtentwicklung. Dipl.-Ing. Thomas Madreiter ist Planungsdirektor und seit Jänner 2013 Leiter der Gruppe Planung in der Magistratsdirektion der Stadt Wien, Geschäftsbereich © W. Schaub-Walzer/PID Bauten und Technik, Stadtbaudirektion. Davor war er, 81 nach verschiedenen Stationen an der TU Wien und im Bereich der Stadt Wien, von 2005 bis 2013 als Leiter der Magistratsabteilung 18, Stadtentwicklung und Stadtplanung, im Magistrat der Stadt Wien tätig. Arch. Dipl.-Ing. Michaela Trojan war nach dem Studium der Architektur an der TU Wien und Ablegung der Ziviltechnikerprüfung in diversen Architekturbüros © www.studiohuger.at beschäftigt. Seit 1985 ist sie Mitarbeiterin des wohnfonds_wien, wo sie in den Jahren 1989 bis 2005 als Prokuristin, in den Jahren 2005 bis 2007 als stellvertretende Geschäftsführerin tätig war. Seit Jänner 2007 ist sie dessen Geschäftsführerin. Seit 2006 ist Dipl.-Ing. Michaela Trojan Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Donauuniversität Krems, für die sie 2006 bis 2013 auch als Lehrbeauftragte tätig war. Arch. Dipl.-Ing. Bernd Vlay (Inpulsvortrag) ist Architekt in Wien. Er ist Leiter des Büros STUDIOVLAY Büro für Urbanismus, Forschung und Architektur. Er ist Mitglied des Technischen Komitees von Europan Europa und Generalsekretär von Europan Österreich. Er lehrt aktuell an der Akademie der Bildenden Künste und war 2003 Gastprofessor an der Cornell University. 2013 hatte er den Roland-Rainer-Chair an der Akademie der Bildenden Künste inne. Aktuelle Projekte sind das Leitbild Nordbahnhof in Wien und der Bauteil C01 im Sonnwendviertel Wien. Weiters arbeitet er an einem FFG-Forschungsprojekt mit dem Titel„Mission Possible!“, bei dem die TU Wien Lead-Partner ist. Arch. Dipl.-Ing. Cornelia Schindler leitet seit 2000 gemeinsam mit Rudolf Szedenik das Büro s&s Architekten. Sie studierte Architektur an der TU Wien und arbeitete in diversen Architekturbüros. Von 2009 bis 2011 war sie Mitglied im Grundstücksbeirat der Stadt Wien. Seit 2012 ist sie dessen stellevertretende Vorsitzende. Vor Kurzem erhielt das Büro den Wiener Wohnbaupreis für ihr Projekt„so.vie.so mitbestimmt – sonnwendviertel solidarisch“. Ao. Univ.Prof. Arch. Dipl.-Ing. Dr. techn. Erich Raith ist Professor am Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur und Entwerfen der TU Wien. Er studierte Architektur an ebendieser Universität. Seit 1989 ist er Architekt mit den Schwerpunkten Städtebau, Wohnbau, Vermittlung und Forschung. Er habilitierte im Fach „Stadt- und Siedlungsmorphologie“. Er ist in verschiedenen Projektpartnerschaften als selbstständiger Architekt praktisch tätig. Arch. Dipl.-Ing. Verena Mörkl ist Geschäftsführerin der SUPERBLOCK ZT GmbH. Sie studierte an der TU Wien und der ETSA Barcelona. Aktuell arbeitet sie an Wohnbau- und Städtebauprojekten in Wien. Seit 2005 engagiert sie sich in der Gebietsbetreuung Ottakring. Seit 2012 ist die SUPERBLOCK ZT GmbH gemeinsam mit Atelier Kaitna Smetana und HuB Architekten Auftragnehmerin der Gebietsbetreuung für den 7., 8. und 16. Bezirk. 2011 und 2013 war sie als Lehrbeauftragte an der TU Wien tätig. Dipl.-Ing.(FH) Dr. phil. Sabine Knierbein(Moderation) ist seit 2008 tätig als Leiterin des Interdisciplinary Centre for Urban Culture and Public Space © Matthias Heisler am Department für Raumplanung sowie der Stiftungsgastprofessur für Stadtkultur und öffentlicher Raum der Stadt Wien an der TU Wien. Seit 2013 ist sie Assistenzprofessorin für Stadtkultur und öffentlichen Raum an der TU Wien. Sie hat eine umfangreiche wissenschaftliche Publikationstätigkeit zu Themen der Stadtforschung und Stadtentwicklung. Univ. Prof. Dipl.-Ing. Rudolf Scheuvens(Impulsvortrag& Moderation) ist seit 2008 Professor für Örtliche Raumplanung und Stadtentwicklung und seit 2013 Dekan der Fakultät für Architektur und Raumplanung der Technischen Universität Wien. Er studierte Raumplanung an der Technischen Universität in Dortmund. Gemeinsam mit Daniela Allmeier und René Ziegler leitet er seit 2014 das Büro„Raumposition“ in Wien. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte fokussieren sich auf Fragen der Gestaltung komplexer Transformations- und Planungsprozesse im städtisch/urbanen Kontext. Von 2009 bis 2015 war er stellvertretender Vorsitzender im Grundstücksbeirat der Stadt Wien und ständiges Mitglied in Bauträgerjurys im geförderten Wohnungsbau in Wien. Von 2011 bis 2015 war er Vorsitzender des aspern Beirats. 82 : urbane stadt Impressum Eigentümerin und Herausgeberin: MA 21 – Stadtteilplanung und Flächennutzung & MA 50 – Wohnbauforschung und internationale Beziehungen Inhalt, Redaktion& Gestaltung: TU Wien, IFOER – Fachbereich Örtliche Raumplanung Univ. Prof. Dipl.-Ing. Rudolf Scheuvens& Dipl.-Ing. Martin Zisterer MA 21, Dipl.-Ing. Hans Peter Graner Lektorat: Ernst Böck Technische Koordination: MA 18, Willibald Böck Druck: MA 21 – Druckerei Fotos: Christian Fürthner/MA 21 © Stadtentwicklung Wien, 2016 ISBN: 978-3-903003-19-4 Technische Universität Wien Department für Raumplanung Örtliche Raumplanung raum ifoer 83 Vielen Dank an alle TeilnehmerInnen des Workshops Oliver Barosch, Christoph Chorherr, Katharina Conrad, Sabine Dessovic, Sabine Dorazin, Mathis Falter, Daniel Glaser, Leopold Graf, Hans Peter Graner, Raimund Gutmann, Eckart Herrmann, Bernhard Jarolim, Eva Kail, Gerhard Kubik, Rüdiger Lainer, Christoph Lammerhuber, Sabine Lutz, Gernot Mittersteiner, Claudia Nutz, Kerstin Pluch, Christian Pöhn, Susanne Reppé, Cornelia Schindler, Iris Simsa, Bernhard Sommer, Bernhard Steger, Andrea Steiner, Erich Streichsbier, Michaela Trojan, Georgine Zabrana, Wilhelm Zechner ISBN 978-3-903003-19-4 MA 21 Stadtteilplanung und Flächennutzung