Wien: polyzentral Forschungsstudie zur Zentrenentwicklung Wiens TU Wien ifoer – Fachbereich örtliche Raumplanung im Auftrag der MA 18, gefördert durch die MA 7 Mag. a Maria Vassilakou Vizebürgermeisterin, Stadträtin für Stadtentwicklung, Verkehr, Klimaschutz, Energieplanung und BürgerInnenbeteiligung Wien ist eine attraktive und vielfältige Stadt. Diese Vielfältigkeit ist auch an der Wiener Zentrenstruktur erkennbar. Von alten Ortskernen bis hin zu neuen Stadtquartieren prägen unterschiedliche Zentrumstypen mit unterschiedlichen Nutzungen und räumlichen Ausprägungen die Stadt. Jeder Bezirk und jedes Quartier haben dabei eigene lokale Besonderheiten aufzuweisen. Diese Verschiedenheit bringt nicht nur ein breites Angebot für alle Bürgerinnen und Bürger sondern ermöglicht auch das Erreichen von alltäglichen Erledigungen in einer Stadt der kurzen Wege. Dieser Werkstattbericht widmet sich den Wiener Zentren in all ihrer Vielschichtigkeit – von ihrer oftmals wechselvollen Entwicklung über aktuelle Herausforderungen bis hin zu künftigen Szenarien. Unsere Aufgabe ist es, die Vielfalt dieser Zentren zu gewährleisten und sie zugänglich zu machen, um den Wienerinnen und Wienern mehr Lebensqualität in ihrem Umfeld zu bieten. DI Thomas Madreiter Magistratsdirektion-Baudirektion, Planungsdirektor In der vorliegenden Studie wurde der Frage nachgegangen, wie sich die Wiener Zentrenstruktur darstellt. Wien ist eine polyzentrale Stadt und auch aus wissenschaftlichem Blickwinkel hat dies eine große Bedeutung für die Stadtentwicklung. Ausgehend von einer umfassenden Aufarbeitung der historischen Entwicklung, ergänzt um eigene Untersuchungen vor Ort, gibt die vorliegende Forschungsarbeit Empfehlungen für die Weiterentwicklung der städtischen Zentrenstruktur. Es wird dargelegt, die Vielfältigkeit zu fördern, Zentren wieder öffentlicher zu machen und dabei sowohl auf bestehende als auch auf die noch zu entwickelnden Strukturen der neuen Stadtquartiere einzugehen. Die vorliegenden Empfehlungen für einen Wiener Weg gilt es nun aus Sicht der Verwaltung zu schärfen und weiterzuentwickeln. DI Andreas Trisko Leiter MA 18 – Stadtentwicklung und Stadtplanung Stadtentwicklung als umfassende Aufgabe bedarf des Blickes auf eine Vielzahl an Aspekten auf unterschiedlichsten Ebenen. Ein aktuelles Thema ist die Entwicklung von Zentren, die ein wesentlicher Bestandteil einer lebendigen und vielfältigen Stadt sind. Welche Anforderungen hat die moderne Gesellschaft an zentrale Strukturen der Stadt? Wie geht man mit gebauten Strukturen um, deren Ursprung in ganz anderen Anforderungen an Zentren lag? Wie gestaltet man neue Strukturen flexibel genug für sich ändernde Anforderungen? Dass ein Zentrum nicht mehr nur aus Einzelhandelseinrichtungen besteht, sondern durch unterschiedlichste Nutzungen geprägt ist, zeigt die von den Verfassern dieser Studie durchgeführte Schichtenanalyse. Das Aufzeigen der Vielfalt und der örtlichen Verteilung ist eine wertvolle Grundlage für unsere Arbeit. Die Aufgabe wird es nun sein, Stadtplanungsinstrumente(weiter) zu entwickeln, die dieses breite Spektrum an Nutzungen in den Zentren ermöglichen und somit die polyzentrale Struktur Wiens weiter unterstützen. 3 Inhalt Kurzfassung Zentren sind Kristallisationspunkte des städtischen Lebens Beobachtungen – Zustand der Zentren und zukünftige Herausforderungen Der Wiener Weg – Empfehlungen Übersichtskarte Polyzentralität als Herausforderung Vertiefungsmaterial Wiener Zentrenentwicklung – von 1800 zum STEP 2025 Schichtenanalyse Handel Verkehr/U-Bahn/Bahnhöfe/Technische Infrastruktur Verwaltung/Büro/Zentrale öffentliche Infrastrukturen Touristische Zentren/Freizeit Neue Stadtteile/Alte Ortskerne Lokale Zentren/Pop-ups/Urbane Mischnutzungen Bildung/Kultur/Wissen/Glauben Tiefenbohrungen Gründerzeitliche Stadt, Teil 1: Lerchenfelder Straße Gründerzeitliche Stadt, Teil 2: Reindorfgasse und Schwendermarkt Liesing/Atzgersdorf: Alte und neue Zentren Donaufeld/Kagran: Autoaffine Stadtstrukturen nachverdichten Erdberger Mais: Insuläre Entwicklungen verknüpfen 7 11 25 37 67 127 5 Zentren sind Kristallisationspunkte des städtischen Lebens Jede Stadt hat ihre Zentren – intensive, räumlich und kulturell verdichtete Orte, an denen sich das städtische Leben konzentriert, Orte der Vielfalt und Lebendigkeit. Sie bilden die Gesichter der Stadt, sind Identifikationspunkte für die Bewohnerinnen und Bewohner, prägen deren Identität und ihr Selbstverständnis und sind gleichzeitig Anziehungspunkte für Touristinnen und Touristen, die die Stadt besuchen. Die Stadtzentren bilden wichtige Knotenpunkte für Händlerinnen und Händler, Geschäftstreibende sowie Investorinnen und Investoren, die mit ihren Geschäften und Bürobauten diese Orte entscheidend mitprägen. Stadtzentren sind vitale Mittelpunkte des städtischen Lebens und Kristallisationspunkte gesellschaftlicher Alltagssituationen: Orte der Begegnung, der Interaktion und der Kommunikation und damit auch der Integration – alltägliche Treffpunkte zwischen Arm und Reich, zwischen Alteingesessenen und Zugewanderten, Bürgerlichkeit und Avantgarde. Orte der Dichte und der Durchmischung, die die Häufigkeit und Intensität von Kontakten erhöhen und damit einen wichtigen Teil zu Stadt und Urbanität beitragen. So sind Zentren in den zunehmend ausufernden Städten am ehesten in der Lage, Identität zu stiften. Als Rückgrat der Siedlungsstruktur kommt ihnen eine Schlüsselrolle in der Stadtentwicklung zu. Trotz eines verhältnismäßig geringen Flächenanteils bleibt kaum ein Ort stärker im Gedächtnis haften. Damit prägen sie das Gesicht und das Außenbild einer Stadt und jene ihrer Stadtteile. Diese Bedeutung wird ablesbar in herausragenden Bauten und Nutzungen wie in charakteristischen öffentlichen Räumen. Als Abbilder ihrer Stadt wird diese hier sichtbar und erlebbar: in ihnen kann man die Größe, die politische Bedeutung, ihre Kultur und Wirtschaftskraft ablesen. Darüber hinaus sagen sie in ihrer städtebaulichen und architektonischen Gestalt und Nutzungsvielfalt viel über das Leben und den Umgang der Menschen miteinander aus. Diese Stadtkerne sind multifunktionale Schnittstellen zwischen Wohnen, Wirtschaft, Kultur, Dienstleistung, Verwaltung, Gastronomie, Verkehr und Erholung und im Besonderen dem Einzelhandel, dem neben seiner reinen Versorgungsfunktion auch eine maßgebliche gestalterische und soziale Funktion zukommt. Stadtzentren sind die Versorgungsbereiche in einer Stadt und gleichzeitig weit mehr als das. Durch ihren Bedeutungsüberschuss gegenüber der Umgebung ermöglichen sie Synergien, die in dieser Vielfalt an keinen anderen Orten in der Stadt zu finden sind. Diese Vielfalt generiert öffentliches Leben und benötigt attraktive öffentliche Räume. Ihre Vielfalt und Mischung im funktionalen und im gestalterischen Sinne sowie in Bezug auf die Unterschiedlichkeit der Nutzerinnen und Nutzer machen städtische Zentren zu Orten, die am stärksten öffentliches Leben erzeugen. Gleichzeitig sind es traditionell die Zentren, in denen sich sozialer Zusammenhalt, ökonomische Tragfähigkeit und kulturelle Innovationen in unseren Städten manifestieren und sichtbar werden. Doch das eine universelle Stadtzentrum gibt es immer weniger. Stadtzentren waren in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder starken Veränderungen ausgesetzt, die ihre Bedeutung, 7 ihr Bild und ihre Ausrichtung beeinflussten. Schon lange sind es nicht mehr allein die Bereiche innerhalb der Stadtmauer, in denen sich zentrale Funktionen bündeln, oder allein die Marktplätze, die als wirtschaftliche Zentren der Städte dienen. Auch die gewachsene multifunktionale Struktur der Zentren – mit der ganz selbstverständlichen punktuellen Konzentration von Geschäften, Verwaltung sowie sozialen und kulturellen Einrichtungen an städtischen und städtebaulich besonders gestalteten Plätzen – hat sich immer stärker ausgedünnt und in den einzelnen Funktionen spezialisiert. War die multifunktionale und hybride Struktur der gewachsenen Zentren, ihre gute öffentliche Erreichbarkeit und lokale Konzentration von verschiedensten Funktionen früher ausschlaggebend für die Bedeutung der Zentren, konnte man unter den veränderten Standortanforderungen eine Differenzierung in funktional spezialisierte Zentrenbausteine und eine Ansiedelung außerhalb der traditionellen zentralen Räume beobachten. Die traditionelle Zentrenhierarchie wurde dadurch teils ausgehebelt, teils noch weiter überhöht. Und auch der öffentliche Raum, vormals verknüpfend zwischen den Zentrenfunktionen und städtebaulich und architektonisch über Geschichte und Ausformung identifikationsstiftend sowie in seiner Funktion als Bühne des öffentlichen Lebens, hat mit dieser Entwicklung an Bedeutung eingebüßt, zumindest hat er sich enorm verändert und verlagert. Die Stadt sieht sich mit veränderten Anforderungen in der Entwicklung städtischer Zentren konfrontiert. Vielfältige, mitunter kollidierende Interessen unterschiedlicher Akteurinnen und Akteure einer ausdifferenzierten Gesellschaft, verschiedener Milieus und Lebensstile – in Kombination mit neuen Informationstechnologien – erhöhen die Geschwindigkeit und Halbwertszeit der sich verändernden Zentrenstruktur. Der ökonomische und gesellschaftliche Wandel wirkt sich tiefgreifend auf die Bedeutung, die Funktion und den Gebrauch der Zentren aus. und damit individuell Einfluss auf ein polyzentrales Zentrensystem ausüben. Angefangen von alten Dorfkernen über das Stadtteilzentrum bis zum Central Business District, vom Wissensstandort bis zum Handelszentrum, von Freizeit- und Tourismuszentren bis zum„lokalen Mikrozentrum“. Aufbauend auf den grundlegenden Erfahrungen in Bezug auf die Zentrenentwicklung im STEP 2025 und gleichzeitig als Vorarbeit zum Fachkonzept Zentren der MA 18 eröffnet diese Arbeit die Diskussion um ein generelles Verständnis von städtischen Zentren und insbesondere der speziellen Wiener Situation. Die Studie untersucht dazu die unterschiedlichsten Bausteine der Wiener Zentrenlandschaft, ihre geschichtliche Entwicklung und spezifischen Besonderheiten, ihre Qualitäten und die Potenziale dieser Räume. Sie zeigt aktuelle Trends und zukünftige Herausforderungen für die Zentren auf und gibt Empfehlungen für die weitere Auseinandersetzung und die Förderung der Wiener Zentren. Sie teilt sich dazu in eine komprimierte Kurzfassung, in der ein kurzer historischer Abriss sowie aktuelle Trends„Beobachtungen – Zustand der Zentren und zukünftige Herausforderungen“ zum Verstädnis der aktuellen Zentrensituation beitragen. Unter„Der Wiener Weg – Empfehlungen“ werden grundlegende und typenspezifische Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Zentren herausgearbeitet. Grundlage für diese Aussagen bildet der zweite Teil, das„Vertiefungsmaterial“. In„Wiener Zentrenentwicklung – von 1800 zum STEP 2025“ wird die fundierte historische Herleitung geliefert, in der„Schichtenanalyse“ eine Vielzahl zentrenrelevanter Bausteine auf ihre Bedeutung beleuchtet und in„Tiefenbohrungen“ vier ausgewählte Bereiche unterschiedlichster Stadtstrukturen auf Augenhöhe untersucht. So haben sich heute viele verschiedene, disperse Bausteine ausgebildet, die in der Stadt unterschiedlichste Zentrenfunktionen übernehmen Abbildung: Ausschnitt aus Leopold Beyer: Wien, Kohlmarkt, 1819, © Wien Museum 9 10 Beobachtungen – Zustand der Zentren und zukünftige Herausforderungen Stadt ist ständige Veränderung, und auch die Zentren einer Stadt unterliegen dieser Dynamik, die sich seit einigen Jahrzehnten beschleunigt hat, wobei die Ursachen und treibenden Kräfte im ökonomischen und gesellschaftlichen Wandel und einem veränderten Mobilitätsverhalten liegen. So besteht zwischen gewähltem Verkehrsmittel und der Art, Verteilung und Körnung von Zentren ein direkter und starker Zusammenhang. Demnach geht die gewachsene gründerzeitliche Zentrenstruktur mit einem engmaschigen Netz aus Märkten, Läden und Kultureinrichtungen auf Wien als Fußgängerstadt zurück. Schon der Ausbau der Straßenbahn als Massenverkehrsmittel führte mit einer weiteren Ausdehnung der Stadt und der Entwicklung der Geschäftsstraßen als lineare Zentren zu einer grundsätzlich veränderten Stadtstruktur und Stadtnutzung. Mit der nahezu vollständigen individuellen Motorisierung durch das Auto erweiterte sich der Erreichbarkeitsradius enorm und die Distanz der täglich zurückgelegten Wege nahm stark zu. Im Zuge der damit verbundenen Suburbanisierungsprozesse und in Kombination mit verändertem Konsumverhalten und sozialer und kultureller Werteverschiebungen ist besonders seit den 1970er-Jahren eine massive Veränderung der Zentrenstruktur und ein Rückzug der Einzelhandelsbetriebe aus der Fläche zu verzeichnen. Eine Folge des vergrößerten Aktionsradius und der höheren Ansprüche an Auswahl und Vielfalt der Waren war die Konzentration von Einzelhandelsstrukturen und die Entwicklung von großflächigen Einheiten an strategischen Punkten, die sich häufig an der Erreichbarkeit mit dem Auto orientierten. Im Zuge dieser stärkeren Hierarchisierung waren im Besonderen die gründerzeitlichen Stadtstrukturen mit einer fußläufigen Versorgungsstruktur von dieser Veränderung betroffen: Greißler, Kleinmärkte und inhabergeführte Fachgeschäfte gerieten mit dem veränderten Konsumverhalten unter Druck. Leerstand war in vielen innerstädtischen Geschäftslagen die Folge, und damit ging eine Ausdünnung des engmaschigen Zentrennetzes einher. Gleichzeitig führte die veränderte Hierarchie in den Hauptgeschäftsstraßen und an zentralen Orten der Stadt zu einem strukturellen Umbau überwiegend mit Filialen internationaler Unternehmen. Die angesprochene Konzentration von spezialisierten Zentrenstrukturen führte auch zu einer Ausdifferenzierung der Zentren: Bürozentren, Einkaufszentren, Kulturzentren, Bildungszentren, Freizeit- und Entertainmentcenter... Über die ökonomische Optimierung hinaus ist diese Spezialisierung in unterschiedlichste Typen auch Ausdruck struktureller und kultureller Werteverschiebungen in der traditionellen Bedeutung von Stadtzentren und impliziert auch die zunehmende Auflösung der gewachsenen, heterogenen Struktur und urbanen Qualität der städtischen Zentren. Das über einen langen Zeitraum gewachsene, mitunter fein austarierte Netz – mit der scheinbar ganz selbstverständlichen multifunktionalen Konzentration von Geschäften und Büros sowie sozialen und kulturellen Einrichtungen an besonderen Knoten – hat sich in der Fläche immer stärker ausgedünnt, in einzelne Funktionstypen spezialisiert und monofunktional konzentriert und verdichtet. Dabei üben diese neuen Bausteine wie etwa Einkaufszentren, Fachmarktagglomerationen oder auch die Stationen des öffentlichen Verkehrs massiven Einfluss 11 auf die Gravitationsfelder des gesamtstädtische Zentrensystems aus. Darüber hinaus musste das traditionelle gewachsene Zentrensystem und ihre hierarchische und engmaschige Struktur in Folge der Zunahme von verschiedensten zentrenrelevanten Strukturen(Versorgung, Freizeit, Kultur) an städtebaulich nicht-integrierten Standorten in Gewerbegebieten, entlang von Einfallstraßen und„auf der grünen Wiese“ in funktionaler und räumlicher Hinsicht grundlegend neu bewertet werden. Markt und Handel, einst die Gründungsfunktionen der mitteleuropäischen Stadt, und die dominierenden zentrenbildenden Kräfte scheinen längst nicht mehr auf die Verortung in einem städtischen Zentrum(im traditionellen Sinn) angewiesen zu sein. Diese„Entgrenzung“ überfordert vielfach die gewachsenen Zentrenstrukturen und stellt sie vor neue Herausforderungen. 1 Gleichzeitig ist das Zentrengefüge der Stadt als Gravitationsfeld immer in Bewegung: So drängen aktuell analog zur Renaissance der Städte zunehmend auch die großen Handelsstrukturen zurück in die Innenstädte. Statt Einkaufszentren auf der grünen Wiese zu errichten, werden sie zunehmend integriert in Einkaufsstraßen und besonders an innerstädtischen Knotenpunkten des öffentlichen Verkehrs situiert. Ihr Wettbewerbsvorteil gegenüber kleinteiligen Lagen liegt auf der Hand: Durch ihre Größe und durch ihre Möglichkeiten, über ein Management Miethöhen, Branchenmix und Marketing einheitlich ausgerichtet an einem gemeinsamen Unternehmensziel zu steuern, sind sie vielen Einzelkonkurrenten überlegen. Zwar sind sie in ihrem Flächenangebot nicht mit den großen Shopping Malls am 1 Elke Frauns und Rudolf Scheuvens, Kurs Innenstadt NRW, Positionen, Ansprüche und Forderungen aus dem Netzwerk Innenstadt NRW, Hrsg. Netzwerk Innenstadt NRW(Münster, 2010), 5 ff. 12 Stadtrand vergleichbar, sie üben aber dennoch maßgeblichen Einfluss auf die umgebende Zentrenlandschaft aus. Es liegt auf der Hand, dass diese Entwicklungen den Verdrängungswettbewerb im Einzelhandel weiter forcieren werden. Vor allem dann, wenn die Größe eines Einkaufszentrums, der Nutzungsmix und die Lage nicht in den Kontext der Zentrenlandschaft eingebunden sind. Gut gelegen und integriert und mit einem angemessenen Sortimentsangebot können die Einkaufszentren aber auch dazu beitragen, vorhandene Geschäftslagen zu stärken und weiter zu profilieren. Bei falscher Lage, Größe und Angebotsmix droht allerdings die Gefahr, dass sie den gewachsenen Zentren noch die letzte verbliebene Kraft rauben. In jedem Fall beschleunigen sie den Trend der Umverteilung und der Konzentration von Verkaufsflächen an besonderen, ökonomisch hoch aufgeladenen Orten in der Stadt. Auch machen die derzeitigen demografischen Veränderungen der Gesellschaft ein Umdenken in der Zentren- und Versorgungsstruktur nötig. Wohnortnahe und fußläufig erreichbare Zentren gewinnen bei einer Zunahme von älteren Mitbürgerinnen und-bürgern an Bedeutung. Das Gleiche gilt aber auch für junge Familien, die nicht mehr aufs Land ziehen und für die in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf der Anspruch an das nähere Wohnumfeld – an das Grätzl – auch in Zukunft noch zunehmen wird. Gleichzeitig handelt es sich dabei erneut um eine Mobilitätsfrage. So wie zwischen gewähltem Verkehrsmittel und Zentren ein direkter Zusammenhang besteht, gilt dieser auch umgekehrt: Eine Stadt der kurzen Wege mit einem kleinmaschigen Versorgungsgefüge und integrierten Zentrenbausteinen hilft, den motorisierten Individualverkehr 13 zu reduzieren und zu vermeiden. Aber auch abseits dieser Gründe ist schon jetzt beobachtbar, dass die Bedeutung des öffentlichen Raums als nicht kommerzieller Treffpunkt und Aufenthaltsraum wieder zunimmt. Diese Entwicklung hängt als Gegentrend eng mit der zunehmenden Enträumlichung und Entzeitlichung der Zentren zusammen. Während Zentrenfunktionen mehr und mehr jederzeit und an jedem Ort verfügbar sind und jeder ständig über Smartphone und Computer sein individuelles Zentrum – in Bezug auf Handelsfunktionen, Kommunikation oder Interaktion – zur Verfügung hat, wird der Wunsch nach realen Kontakten und lokalen Erfahrungen wieder stärker. Unbestritten wird die Verlagerung von Zentrenfunktionen auf Onlinedienste massiven Einfluss auf die Struktur der Stadt ausüben. So wird „der Erfahrungsaustausch an der Straßenecke (...) ersetzt durch das wortlose Fernsehen, der Schaufensterbummel durch die Recherche am PC-Monitor.“ 2 Gerade in Bezug auf Handelsfunktionen wird der E-Commerce in Kombination mit Zustelldiensten zu einer tiefgreifenden Veränderung führen. Dennoch ist der Gegentrend zu dieser Enträumlichung von Zentren spürbar: der Wunsch nach Authentizität, Ursprünglichkeit und Einzigartigkeit bedeutet eine verstärkte private Verortung im direkten Lebensumfeld und damit eine höhere Bedeutung und Wertschätzung des Lokalen sowie der soziokulturellen, wirtschaftlichen und ökologischen Rahmenbedingungen. Auch die zunehmende Uniformität im Zuge eines hohen Filialisierungsgrads trägt bei einer immer breiteren Bevölkerungsschicht zum Wunsch nach 2 Herbert Schubert, Städtischer Raum und Verhalten: Zu einer integrierten Theorie des öffentlichen Raums(Wiesbaden: Springer: 2000), 42 14 einem eigenständigem Charakter der Zentren bei. Inhabergeführte Geschäfte, die individuelle Sortimente anbieten, haben für die Vielfalt der Stadt besondere Bedeutung, was eine neue Chance für die Entwicklung eines kleinteiligen Zentrumsgefüges und damit für die Qualität des Städtischen darstellt. So verändert die gestiegene Wertschätzung von Stadt gerade in den gewachsenen Stadtstrukturen die Zentren. Gefördert durch die hohe Dichte und baulich-strukturelle Voraussetzungen kommt es besonders in den gründerzeitlichen Gebieten zu einer kleinteiligen Reaktivierung leerstehender oder bislang untergenutzter Erdgeschoßzonen. Hier liegt das besondere Potenzial in der Ermöglichung von Veränderung. Zwar sind es oftmals nicht Betriebe für die unmittelbare Nahversorgung mit Produkten des täglichen Bedarfs, sondern vermehrt Nischen- und Luxusprodukte sowie Dienstleistungsbetriebe und Lokale, die sich dort ansiedeln. Nichtsdestotrotz profitiert die Stadt enorm von dieser Belebung und der damit verbundenen Wiederentdeckung des öffentlichen Raums. All diese Entwicklungen sind auch am Beispiel der Zentrenlandschaft Wiens beobachtbar, die sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert, in ihrer Funktionalität spezialisiert und fortlaufend weiter ausdifferenziert hat. Die starke aktuelle Wachstumsdynamik wird auch weiterhin eine massive Veränderung des Wiener Zentrengefüges und der Gravitationsfelder in der Stadt nach sich ziehen. Neue Zentren kommen hinzu, andere gewinnen in ihrer Strahlkraft, wiederum andere nehmen in ihrer Bedeutung ab. Fest steht, dass es zu massiven Strukturverschiebungen im Zentrensystem der Stadt kommen wird. Ehemals vorstädtisch geprägte Stadtteile werden zu Erweiterungsgebieten der Stadtentwicklung. Auf ehemaligen Bahnarealen, militärischen Konversionsflächen oder derzeit landwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzten Flächen entstehen neue Quartiere und Stadtteile. Rein quantitativ betrachtet führt das Stadtwachstum zu einer Veränderung von Einzugs- und Versorgungsbereichen im Handel und in der Ausstattung mit Einrichtungen und Angeboten der sozialen und kulturellen Infrastruktur. Auf qualitativer Ebene bewirken veränderte Lebensstile und-milieus aber auch eine neue Nachfrage nach spezifischen Angeboten des Konsums, der Kultur, des Wohnens und der Bildung. 15 abstrahierter Schnitt Zentrengravitation 1850 – Fußgängerstadt 1850 wurden die direkten Vorstädte Wiens, die innerhalb des Linienwalls gelegen waren, als Gemeinden aufgelöst und administrativ mit der Kernstadt(dem heutigen 1. Bezirk) zu acht Bezirken vereinigt. Das Zentrum der gewachsenen Stadt bildete der Bereich innerhalb der Stadtmauern mit zahlreichen Märkten, Geschäftshäusern und vielen Einrichtungen der Staatsverwaltung. Außerhalb dieser Stadt- und Steuergrenze übernahmen Dorfkerne Zentren- und Versorgungsfunktionen. Gemeinsam 1850 mit diesen Vororten, die ebenfalls stark wuchsen, zählte Wien 1850 in den heutigen Stadtgrenzen ca. 551.300 Einwohner. Der abstrahierte Schnitt durch die Zentrengravitation zeigt eine starke Konzentration auf die Innere Stadt als das Zentrum der Stadtregion. abstrahierter Schnitt Zentrengravitation Halbstundenradius zu Fuß Heutige und damalige Stadtgrenzen 1910 Halbstundenradius mit Straßenbahn Heutige und damalige Stadtgrenzen 1910 – Straßenbahnstadt Bereits 1910 wurde auf dem erweiterten Gemeindegebiet die 2-Millionen-Grenze überschritten. Damit war die Hauptstadt der Habsburgermonarchie zu dieser Zeit die fünftgrößte Stadt der Welt und das wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum Mitteleuropas. Das starke Wachstum betraf dabei das gesamte Stadtgebiet: Im 1. Bezirk, umgeben von der kürzlich fertiggestellten Ringstraße, konzentrierten sich Banken, Versicherungen, Regierungsgebäude, Warenhäuser und Luxuswohnungen. Die Bezirke innerhalb des Gürtels wurden verdichtet, hier wohnte vorrangig die Mittelschicht, und in den Vorstädten nahe der Fabriksgebiete die Arbeiterschaft. Deutlich zeigt sich das soziale Gefälle vom Zentrum zum Stadtrand. Mit der nun städtischen, elektrifizierten Tramway und der Stadtbahn als Massenverkehrsmittel wurde die Bevölkerung insgesamt mobiler. Mit der Straßenbahn, die von der Ringstraße aus in jeder größeren Straße in alle Richtungen geführt wurde, entwickelte sich mit den Einkaufsstraßen parallel dazu auch ein lineares Zentrumsgefüge, das die Stadt bis heute prägt. Durch die neue Mobilität werden die Zentrenfunktionen etwas weiter verzweigt. Gleichzeitig verstärkt jedoch die Citybildung der Inneren Stadt die Bedeutung dieses Bereichs. 16 abstrahierter Schnitt Zentrengravitation abstrahierter Schnitt Zentrengravitation 1970 Halbstundenradius mit Auto 2015 1970 – Autostadt Die Suburbanisierung der Wohnbevölkerung, der Arbeitsstätten sowie von Zentrenfunktionen im Zuge der individuellen Massenmobilität führte zu einem dynamischen Wachstum der Umlandgemeinden und damit zu einem massiven Anstieg der Pendlerbewegungen. Damit konnte ein weitaus weitmaschigeres Netz an Versorgungseinrichtungen realisiert werden – große Einkaufszentren führten zu einer starken Konzentration des Angebots und Konkurrenzsituation. 1975 wurde im Nordosten Wiens das Donauzentrum eröffnet, 1976 entstand mit der Shopping City Süd auch ein großflächiges, autoorientiertes Shoppingcenter außerhalb der Wiener Gemeindegrenzen. Und auch Freizeitzentren wie Großkinos und Diskotheken wanderten an den Stadtrand. Der Erfolg peripherer Zentrenstrukturen führte zu einer Reduzierung der Geschäftsflächen in den kleinteiligen Strukturen im dicht bebauten Stadtgebiet und in Folge zu einer Verringerung des dortigen Geschäftslebens und Leerstand. Auf das gesteigerte Verkehrsaufkommen wurde vorrangig mit Straßen- und Autobahnprojekten reagiert, etliche Straßenbahnlinien wurden dagegen aufgelassen. Ab 1969 begannen aber auch die Bauarbeiten für die erste Ausbaustufe der Wiener U-Bahn. Viele Zentrenfunktionen werden konzentriert und spezialisiert und verlagern sich an den Rand der Stadt. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung des „Zentrums“ ab – man spricht sogar schon von einen„Tod der Innenstadt“ und einem psychologischen und funktionalen Verlust der Mitte. 2015 – Weiterbauen an einer Stadt der kurzen Wege Heute ist die Zentrenstruktur Wiens geprägt durch„Relikte“ aus den vorangegangenen Phasen der Stadtentwicklung. Neben innerstädtischen Märkten und Geschäftsstraßen übernehmen etwa auch Einkaufszentren am Stadtrand oder Fachmarktagglomerationen an den Einfallstraßen neben Bürozentren, Kulturzentren, Bildungszentren oder Freizeit- und Entertainmentcenter Zentrenfunktionen. Die Zentrenlandschaft ist ingesamt vielfältig geworden und dabei höchst spezialisiert. Mit dem derzeitigen Stadtwachstum und den verschiedenen Zonen der Stadterweiterung und der Nachverdichtung werden sich die Gravitationsfelder der bestehenden Zentrenstruktur weiter wandeln und neue Zentren werden entstehen. Erklärtes Ziel der Stadt Wien ist dabei eine möglichst kleinteilige Verteilung von Zentren. Ähnlich wie die Straßenbahn oder die individuelle Massenmotorisierung die Zentrenstruktur verändert hat, verlangt und bedingt eine solche politisch gewollte Stadt der kurzen Wege im Umkehrschluss auch eine veränderte Zentrenstruktur. Insgesamt zeigt ein Schnitt durch die Gravitationsfelder der städtischen Zentren heute eine Vielzahl an verschiedensten Zentren auf. Viele hoch spezialisierte Bausteine übernehmen Zentrenfunktionen über das gesamte Stadtgebiet verteilt, gleichzeitig unterstützt eine Renaissance der Stadt die Belebung von innerstädtischen Räumen, Entstehung von kräftigen, durchmischten urbanen Nachbarschaften mit jeweiligen Zentren und auch einer stark globalen und touristischen Ausrichtung der Mitte. 17 Mit dem derzeitigen Stadtwachstum verändert sich die Verteilung der Zentrenstrukturen in der Stadt drastisch. Ist aktuell noch eine starke Konzentration von Zentrenfunktionen in den dichten Strukturen der gewachsenen und kompakten Stadt mit hoher baulicher und sozialer Dichte zu finden, erfordert die Stadterweiterung in verschiedenen Zonen auch einen Ausbau in Bezug auf Zentrenfunktionen. Deutlich wird der derzeitige quantitative und qualitative Unterschied heute noch besonders zwischen dem cis- und transdanubischen Wien. Dies gilt für historisch gewachsene Zentrenstrukturen, aber etwa auch für die Verteilung von Citybike-Stationen als Indiz für eine grundsätzlich andere Stadtstruktur. Neben dem Bau von Wohnraum und infrastruktureller Grundversorgung braucht es in diesen Zonen auch Raumressourcen für ein kleinteiliges und engmaschiges Netz an unterschiedlichen Zentrenstrukturen, die im Besonderen auch zukünftige Veränderungen aufnehmen können. Neben dem gestiegenen Bedarf an neuen Zentrenstrukturen in den neuen Stadtteilen wird auch im Bestand der Stadt eine Verdichtung der funktionalen Ausstattung nötig. Dabei ist in beiden Bereichen eine„kompakte Stadt der kurzen Wege“ mit einer„möglichst kleinteilige[n] Verteilung von Zentren“ 3 erklärtes Ziel der Stadt Wien. Ein Fokus ist dabei auf monofunktionale Wohnstrukturen aus verschiedenen Epochen zu legen. Denn nicht nur im Zeitraum der 1950er bis 70er-Jahre, sondern teilweise bis weit in die 90er und 2000er hinein überwog in der Stadterweiterung die Herstellung von Wohnraum. Wenngleich sich die städtebaulichen Leitbilder und Dichtewerte über die Zeit geändert haben, so ist dennoch zu konstatieren, dass sich diese Stadtbausteine hinsichtlich Struktur und Nutzungsgefüge fast vollständig auf den Wohnungsbau konzentrierten. Analog zu der funktionalen Trennung zwischen Wohn-, Arbeits-, Einkaufs- und Freizeitstätten entstanden ebenso konzentrierte Zentrenstrukturen, die jeweils großformatige Elemente in der Stadtstruktur bilden. Bis heute erschweren bauplatzbezogene Bauträgerwettbewerbe eine quartiersbezogene Abstimmung und Entwicklung von Nutzungen jenseits des Wohnens bzw. wohnbezogener Folge- und Gemeinschaftseinrichtungen. Hinzu kommt, dass der Stellenwert der Erdgeschoßzone für die Ansiedlung von Nutzungen im Bereich des Handels, der Dienstleistungen und des Gewerbes lange Zeit nicht im Fokus der Aufmerksamkeit stand. Diese Entwicklungen stehen in engen Wechselbeziehungen zum Ausbau der Fachmarktzentren und der großflächigen Einzelhandelsbetriebe an für den Autoverkehr gut erschlossenen Standorten. In der Konsequenz steigt die Abhängigkeit vom Automobil und die mit dem KFZ-Verkehr verbundenen Belastungen im städtischen Raum. Die Erwartungen an die Stadt, an den Ort, an dem man wohnt, arbeitet oder seine Freizeit verbringt, scheinen pragmatisch geworden zu sein. Dies findet am deutlichsten in den Randbereichen der Stadt, in den suburbanen Lebenswelten seinen Ausdruck. So liegt in der Nachverdichtung und nachträglichen Urbanisierung dieser vorrangig monofunktionalen Wohnstrukturen mit fußgängertauglichen lokalen Zentren, Bildungseinrichtungen und Arbeitsplätzen besonders eine Möglichkeit, den Druck auf innerstädtische Quartiere zu mindern. 3 Magistratsabteilung 18 – Stadtentwicklung und Stadtplanung, STEP 2025(Wien, 2014), 64 19 BILD austauschen: ASPERN ROTE SAITE In verschiedenen Bereichen der Stadterweiterung versucht man aktuell mit verschiedenen Ansätzen,„Stadt“ zu produzieren und lebendige Erdgeschoßstrukturen zu fördern. Herauszuheben ist hier sicherlich der Kernbereich der Seestadt Aspern, der mit hohem Managementaufwand zu einem wesentlichen prototypischen Impulsgeber in der Entwicklung eines vollwertigen, urbanen Stadtquartiers werden soll. Mit der aspern Seestadt Einkaufsstraßen GmbH 4 wird an der„innovativen Handelsflächenentwicklung von morgen“ gearbeitet. Auf 5.500 m 2 Fläche werden dabei 25 Geschäfte, Gastronomie- und Dienstleistungsbetriebe als„gemanagte Einkaufsstraße“ realisiert und im laufenden Betrieb betreut. 5 Ähnlich dem Betrieb einer Shoppingmall sollen variable Mietpreise, ein Management aus einer Hand und Einflussmöglichkeiten auf die Durchmischung bereits in der Planungsphase der Seestadt eine funktionierende und alltagstaugliche Erdgeschoßzone und Nahversorgung garantieren. 6 Auch die Bereiche um den Hauptbahnhof sowie jene um den Nord- und Nordwestbahnhof werden in den kommenden Jahren neue Funktionen als städtische, urbane Zentren entwickeln und übernehmen. Im Nordbahnviertel vermittelt die Gebietsbetreung des 2. Bezirks zwischen Bauträgern und Geschäftstreibenden, um die Erdgeschoßzonen im Gebiet zu beleben. 7 Die Menge der potenziellen Geschäftsflächen in der Erdgeschoßzone dieses neuen Stadtteils mit fast 8.500 Einwohnerinnen und Einwohnern wird jedoch von manchen als zu gering kritisiert 8 , um in Zukunft ein lebendiges Viertel und eine dafür notwendige Dynamik entstehen zu lassen. Häufig sind es Gemeinschaftsräume, Fahrrad- und Kinderwagenabstellräume oder schlicht Müllräume, 4 Die aspern Seestadt Einkaufsstraßen GmbH ist ein Zusammenschluss aus der Wien 3420 Development AG und SES Spar European Shopping Centers, der in der Seestadt in den Erdgeschoßen der„roten Saite“ als Generalanmieter auftritt. 5 vgl.„Innovative Handelsflächenentwicklung von morgen,“ https:// www.ses-european.com/aspern--die-Seestadt-Wiens.b8911ca669. s71.24.0.html 6 vgl.„Spar-Tochter SES: Premiere als Kaufmeilen-Manager,“ http:// wirtschaftsblatt.at/home/nachrichten/oesterreich/wien/3816236/ SparTochter-SES_Premiere-als-KaufmeilenManager 7 vgl.„Im Erdgeschoß, da tut sich was! Lokale im Nordbahnviertel,“ http://www.gbstern.at/projekte-und-aktivitaeten/stadtwohnen/stadtteilmanagement-nordbahnviertel/eg-zonen-nordbahnhof 8 Wojciech Czaja,„Wohnst du noch? Oder lebst du schon?,“ Der Standard, 19. Juni 2014, http://derstandard.at/2000002121632/Wohnst-dunoch-Oder-lebst-du-schon 20 die die Erdgeschoßzonen der neuen Stadtquartiere belegen und damit in der Verwertung für Bauträger kalkulierbarer sind als Geschäftslokale. Neben den Zonen der Stadterweiterung nimmt nach wie vor der 1. Bezirk in der Zentrenstruktur Wiens noch immer eine Sonderstellung ein. Er bildet den historischen Kern von Wien, in dem nahezu die gesamte Stadtgeschichte abzulesen ist, ist das traditionelle kulturelle Zentrum. Hier befinden sich die wichtigsten Zentren der politischen Macht und der Verwaltung für Bund, Land und Stadt. Die wichtigsten repräsentativen Orte Wiens liegen hier. Er ist wichtiger Bildungsstandort, mit einer Vielzahl an Universitätsgebäuden, bedeutender Wirtschaftsstandort und touristischer Anziehungspunkt. Aufgrund der räumlichen Verbindung der Sehenswürdigkeiten durch die als Fußgängerzone gestalteten Haupteinkaufsstraßen sind diese Bereiche stark touristisch frequentiert, was sich auch am Angebot der Einkaufsstraßen ablesen lässt. Die Bedeutung des 1. Bezirks zeigt sich auch am Netz der U-Bahnen: Vier der fünf Linien haben Haltestellen in der City, wodurch diese im Vergleich zu den neuen Zentren ungleich einfacher zu erreichen ist. Diese Zentrenfunktion übernimmt der 1. Bezirk mit über 100.000 Beschäftigten auch als Arbeitsort und Central Business District, obwohl in diesem Bereich mit neuen Büroclustern und der Entwicklung in der Donau City mehrere Nebenzentren geschaffen wurden. Aktuell sieht der STEP 2025 gleich mehrere Erweiterungszonen für Cityfunktionen vor – etwa im Bereich des neuen Hauptbahnhofs bis Neu-Marx, auf den Transformationsflächen des Nord- und Nordwestbahnhofs oder in der Seestadt Aspern. Aber Zentren entstehen nicht allein durch ihre räumliche Festlegung in einem Stadtentwicklungsplan. So entwickeln sich etwa auch ohne direkte stadtplanerische Einflussnahme und Steuerungsabsichten vorwiegend in urban geprägten Quartieren neue„Lokale Mikrozentren“, die sich jedoch umso stärker auf die Stadt, die Milieus und insbesondere auf das Stadtgefühl auswirken und somit Zentren im besten Sinn werden. Was Klaus Overmeyer als„Taubenschlagprinzip“ bezeichnet, versteht sich als vielschichtiger Prozess einer Aktivierung und Inwertsetzung vorhandener Lagen, bei denen die lokalen Akteurinnen und Akteure Anziehungspunkte kreieren, die sich stark auf das jeweilige Grätzel auswirken und weitere Nutzerinnen und Nutzer oder„Stadtproduzentinnen und-produzenten“ anziehen. 9 So entstehen neue Treffpunkte, Orte der Kommunikation, der Kultur, der Integration und der Identifikation mit dem Stadtteil. Sie erfüllen zentrale Funktionen für den Wirtschaftsstandort ebenso wie für die Lebensqualität in der Stadt und in ihren Stadtteilen und sind prägend für deren Image. Diese kleinteilige Zentrenentwicklung lässt sich in Wien etwa anhand von verschiedenen migrantischen Ökonomien oder kreativen Nutzungen beobachten. Dabei gibt es in der Bewertung von Zentren – gerade im Fall solcher lokaler Mikrozentren – durchaus individuelle Unterschiede. So hängt die unterschiedliche Wahrnehmung und Nutzung der Zentrenstruktur in einer hoch individualisierten Bevölkerungsstruktur von verschiedensten Faktoren wie Lebensstilen, Wohnort, Bildungsschicht oder Einkommen ab. So kommt es durchaus vor, dass Wienerinnen und Wiener noch„nie die 9 vgl. Klaus Overmeyer, Siri Frech, Rudolf Scheuvens, Anja Steglich, Veronika Ratzenböck, Xenia Kopf, Kreative Nutzungen(Nürnberg, Verlag für moderne Kunst, 2014), 27 21 Ringstraße gesehen haben“ 10 oder weit häufiger, den 1. Bezirk der Stadt zwar als identifikationsstiftenden Ort und„Zentrum“ wahrnehmen, im Alltag aber kaum aufsuchen. Gleichzeitig nutzen sie lokale Zentren in ihrer Umgebung, die wiederum für andere auf ihrer persönlichen„Landkarte“ als solche nicht vorkommen. Und genau diese Vielfalt und Spezialisierung auf unterschiedlichste Interessen macht Stadt schließlich aus. Ähnlich wie die Straßenbahn oder die individuelle Massenmotorisierung mit Autos die Zentrenstruktur verändert hat, verlangt und bedingt eine politisch gewollte Stadt der kurzen Wege im Umkehrschluss auch eine veränderte Zentrenstruktur. Diese beinhaltet wohnungsnahe Versorgungsangebote und ein feinmaschiges Netz an unterschiedlichsten Zentrenfunktionen, eine flächendeckend gute Einbindung in das öffentliche Verkehrsnetz, eine erhöhte Dichte in Bezug auf Bevölkerung und Funktionen oder etwa auch die Kooperation und Organisation auf regionaler Ebene. Auf gesamtstädtischer Ebene ist damit wieder eine Bündelung verschiedener zentrenrelevanter Einrichtungen und Wiederherstellung von Multifunktionalität der Zentrenbereiche sowie eine damit verbundene Stärkung des verbindenden öffentlichen Raums notwendig. Diese Durchmischung steht dabei neben einer funktionalen auch für eine kulturelle und soziale Mischung im Stadtraum und für eine Fähigkeit der ständigen Veränderung und Hybridität. Bei all diesen Punkten geht es in vielen Belangen um ein Lernen von der Gründerzeit im Sinne einer„Wiener 10 David Krutzler,„Wo die Kids nicht nur kicken lernen,“ Der Standard, 11. Mai 2012, http://derstandard.at/1336696620577/Kaefig-League-Wodie-Kids-nicht-nur-kicken-lernen Mischung“ und einer robusten Stadtstruktur. Gerade im gewachsenen Stadtkörper erfordert die wachsende Stadt ein Nutzbarmachen der räumlichen Ressourcen wie Erdgeschoßzonen, Märkten und kleinteiligen Stadtstrukturen. In den monofunktionalen Siedlungsräumen, die vermehrt ab den 1950er-Jahren entstanden sind, kann eine nachträgliche Urbanisierung und Hybridisierung dieser Bestandsstruktur zu alltagstauglicheren und nachhaltigeren Quartieren führen, schon allein, da nachweislich„diejenigen, die in eher gemischten Quartieren wohnen,(...) die Angebote im Quartier[nutzen]. Dies allein ist Grund genug, derartige Strukturen zu erhalten und, sofern möglich, zu fördern“ 11 . Und auch in den vielfältigen Stadterweiterungszonen Wiens besteht ein dringender Bedarf nach vielfältigen Zentrenfunktionen – nicht nur im Bereich der Grundversorgung, sondern auch in Bezug einer kleinteiligen Mischung an urbaner Kultur, an Räumen für Kommunikation und Austausch – an„Kristallisationspunkten des städtischen Lebens“. Vieles davon wird sich erst in Zukunft entwickeln – gerade daher geht es in vielen Fällen nicht darum, dass sich etwa in den Erdgeschoßzonen schon heute zentrenrelevante Nutzungen ansiedeln, sondern um ein Ermöglichen – oder besser gesagt ein Nicht-Verunmöglichen – von späteren Entwicklungen. 11 Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung(Hrsg.), Nutzungsmischung und Stadt der kurzen Wege. Werden die Vorzüge einer baulichen Mischung im Alltag genutzt? Sondergutachten im ExWoSt-Forschungsfeld„Nutzungsmischung im Städtebau,“(Bonn, 1999), 5 22 23 24 Der Wiener Weg – Empfehlungen 25 Polyzentralität als Herausforderung Im Stadtentwicklungsplan 2025 nimmt das Handlungsfeld der Zentrenentwicklung einen hohen Stellenwert ein. Erklärtes Ziel ist es,„die vorhandene Zentrenvielfalt Wiens[zu] stärken und sowohl Impulse für wirtschaftliche Prosperität als auch für Lebensqualität[zu] setzen.“ Für die Zukunft der Stadt werden die Sicherung und der Ausbau eines möglichst kleinmaschigen, polyzentral organisierten Netzes als strategische Zielsetzung der Stadtentwicklung formuliert. Die Zentrenentwicklung soll somit unterschiedlichste Typen mit einschließen – angefangen vom alten Dorfzentrum über„das Stadtteilzentrum bis zum Central Business District und vom Wissensstandort bis zum Handelszentrum“. Dabei sind nicht nur die großen zentralen Standorte mit überregionaler Bedeutung weiter zu entwickeln,„sondern auch Subzentren, deren Funktion auf die umliegenden Stadtteile fokussiert ist und die Versorgungsqualität für alle Bevölkerungsgruppen sichert“, sind mitzudenken. In den Fokus rückt die Auseinandersetzung mit den Entwicklungsrahmenbedingungen und-anforderungen vorhandener Zentren, ebenso der Aufbau neuer Zentrenfunktionen in den Erweiterungsgebieten der Stadtentwicklung. Dabei lassen sich in Bezug auf die Herausforderung Polyzentralität folgende Erkenntnisse zusammenfassen: Zentrenfunktionen müssen wieder öffentlicher werden Dem öffentlichen Raum kommt im traditionellen Zentrenverständnis eine wichtige und verbindende Rolle zu. Straßen und Plätze bilden die Räume der Zentren und deren städtebauliche und architektonische Qualität trägt wesentlich zum Funktionieren der Zentren bei. Diese Räume schaffen Aufenthaltsqualitäten und generieren eigenständige Orte in einer Stadt, die viele Funktionen für die persönliche Identifikation und Verbundenheit, das soziale Leben, für kulturelle Aktivitäten sowie das Lebensumfeld übernehmen. Durch die schleichende Auflösung der multifunktionalen Zentrenstrukturen hat auch der öffentliche Raum an Bedeutung eingebüßt oder sich zumindest massiv verändert. In Zukunft wird es vermehrt darum gehen, Zentrenstrukturen wieder aktiv in die Stadtstruktur einzugliedern und Zentrenbausteine zu reurbanisieren. Eine vielfältige Zentrenlandschaft fördern Wien hat eine Vielzahl höchst unterschiedlicher und auf Bevölkerungsgruppen spezialisierte Zentren. Darüber hinaus hängt auch die Wahrnehmung und Bewertung der Zentrenstruktur und individuelle Bezugspunkte von den jeweiligen Interessen, Lebenseinstellungen und -stilen oder der politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Ausrichtung ab. Auch die Lage des Wohnund Arbeitsortes trägt maßgeblich dazu bei, wie und wo Stadt gelebt wird, welche und wie viele Zentren für jede Einzelne und jeden Einzelnen Bedeutung haben. Genau diese Vielfalt macht Großstadt aus. Gleichzeitig muss es natürlich Ziel sein, städtische Zentren für eine möglichst breite Gruppe an Menschen zugänglich, offen und ansprechend zu gestalten und somit eine Balance zwischen Spezialisierung der Zentren und Gemeinschaft zu schaffen und eine lebendige Mischung ohne gesellschaftliche Monokulturen zu fördern. Nicht alle Zentren sind planbar – Lokale Strukturen und Akteurinnen und Akteure fördern Bereits im STEP 94 wiesen die Autorinnen und Autoren in Bezug auf die Zentrenentwicklung darauf hin, dass eine Veränderung der„demographische[n] oder ethnische[n] Zusammensetzung der Wohn- und Arbeitsbevölkerung und/oder deren Versorgungsgewohnheiten, die Standortwahl neuer Einkaufszentrenprojekte, die(Büro-) Arbeitsstättenansiedlung oder die Kapazität der Verkehrsnetze“ die Bedeutung bestimmter Zentren verändert. Der 28 Einfluss der Stadtpolitik und-planung auf die Entstehung neuer oder die Stärkung vorhandener Zentren ist gerade durch die tiefgreifende Veränderung in Gesellschaft, Handel und Kultur, also in der gesamten Stadtstruktur, höchst begrenzt. Im Alltag sind es lokale Ansprechpartnerinnen und -partner und private Akteurinnen und Akteure, die oft über Erfolg oder Misserfolg von Zentren entscheiden. Dies reicht von informellen Nutzerinnen, Nutzern und aktiven Geschäftstreibenden über die Gebietsbetreuung bis zu Managementstrukturen in neuen Stadtteilen. Aber auch die aktive Partizipation am Stadtleben lässt für die Nutzerinnen und Nutzer selbst und für ganze Stadtteile neue Zentrenstrukturen entstehen. Dabei sind es lokale Akteurinnen und Akteure, die in Eigeninitiative mit persönlichem Engagement durch Umnutzung und Aneignung eine Neuprogrammierung verfügbarer Gebäude- oder Stadtstruktur vorantreiben und damit ihr Lebensumfeld, ihre Nachbarschaft und ihre Stadt gestalten. Sie alle bilden tragfähige Netzwerke aus und agieren als niederschwellige Anlaufstellen konkret vor Ort. Es bedarf neben den klassischen Steuerungsinstrumenten auch neuer Kooperationen, der Vernetzung von diesen Akteurinnen und Akteuren und dem Zulassen und Befördern informeller Entstehungsprozesse von Zentren, um der komplexen Zentrenstruktur gerecht zu werden. Zwar kann die Stadtplanung mit klassischen Instrumenten über ein„Festlegen und Verhindern“ die Wertigkeit von Räumen bestimmen, worunter etwa die Linienführung des öffentlichen Verkehrs, die Platzierung gesetzter Dienste wie Schulen, Magistratsabteilungen oder Bibliotheken oder eine Bestimmung über das Instrument der Widmungen fallen. Ein erweiterter Einflussbereich liegt aber auch in Kooperationen, der Beförderung und Beratung, der Förderung von Strukturen(etwa der Einkaufsstraßenförderung), Beratungsleistungen oder der Erstellung von Nutzungskonzepten sowie der Koordination. Gerade im feinmaschigen, lokalen Bereich der Stadt sind es häufig bürgerschaftliche Akteurinnen, Akteure und Initiativen, die Zentren schaffen und prägen und damit einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für die Vitalität der städtischen Zentrenstruktur leisten. Diese Akteursgruppen zu unterstützen und zu befähigen liegt häufig im Zulassen und Nicht-Behindern sowie in der Förderung des Engagements. Zentrenbausteine Die Spezialisierung einzelner Zentrenfunktionen und die Ausbildung monofunktionaler Zentrenstrukturen führen zu einer massiven Verschiebung des gewachsenen heterogenen Zentrengefüges. Jeder einzelne Baustein übt Einfluss auf die Zentrenlandschaft Wiens aus. Daher gilt es, zukünftige – insbesonders monofunktionale großmaßstäbliche – Entwicklungen hinsichtlich ihres Beitrages zur Gesamtstruktur zu prüfen und grundsätzlich diese Bausteine wieder zu bündeln und in den Stadtraum zu integrieren, um so städtische Vielfalt aufrechtzuerhalten und über einseitige Strukturen hinweg funktionierende Zentren zu schaffen und zu sichern. 29 Gewachsene Ortskerne Die historischen Ortskerne spielen stadträumlich eine wichtige Rolle und tragen bedeutend zur Stadtidentität Wiens bei. Dennoch sind viele dieser Strukturen in ihrer alltäglichen Bedeutung durch eine hohe Verkehrsbelastung und einen Struktur- und Wertewandel bedroht. Das aktuelle Stadtwachstum birgt die Chance, diese Strukturen zu erneuern und zu revitalisieren, da sie gerade in den hoch transformativen Stadträumen der Stadterweiterung in ihrer jeweiligen Einzigartigkeit eine hohe Bedeutung als Identifikationsort einnehmen, Orientierung geben und maßgeblich zu den besonderen Qualitäten der einzelnen Stadtteile beitragen. Dabei ist eine Neuinterpretation der historischen Dorfkerne sowie ihrer Rolle im Stadtteil nötig, um sie alltagstauglich und zukunftsfähig zu gestalten und die große Vielfalt der historischen Ortskerne und ihre Qualitäten zu erhalten, zu fördern und neue Qualitäten im Zusammenspiel mit der wachsenden Stadt zu generieren. Historische Ortskerne in direktem räumlichem Zusammenhang mit aktuellen Stadtentwicklungszonen Erster Bezirk Das Wachstum der Stadt wirkt sich nicht nur auf die Stadterweiterungsgebiete, sondern auch auf die Innenstadt aus. Aufgrund einer immer stärker werdenden Spezialisierung von Teilbereichen der Inneren Stadt besteht die Gefahr, dass dieser Bereich der Stadt überformt wird und seine Rolle als Zentrum für die ganze Stadt nicht mehr übernehmen kann. Hier gilt es eine Balance zwischen Altem und Neuem, zwischen Denkmalschutz und Ansprüchen an ein lebendiges Stadtzentrum, zwischen Sehenswürdigkeit und Lebensraum sowie zwischen Besonderheit und Alltagstauglichkeit zu finden, um den 1. Bezirk als soziale und funktionelle Mitte der Stadt zu erhalten. Der 1. Bezirk – auch geografisch im Mittelpunkt der Stadt 30 Stadtteilzentren In Siedlungsstrukturen stellt die Erreichbarkeit von zentrenrelevanten Einrichtungen zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Verkehr gerade für die ältere Bevölkerung und für Menschen mit eingeschränkter Mobilität einen Abbau von Barrieren dar und ermöglicht ihnen eine Teilhabe am städtischen Leben. Stadtteilzentren stellen Potenzialräume für ein feinmaschiges Netz an Zentrenstrukturen dar und sichern eine wohnort- und verbrauchernahe Grundversorgung. Darüber hinaus kann motorisierter Individualverkehr reduziert und vermieden werden, was wiederum zur Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum beiträgt. Vorhandene Zentren zu stärken verlangt eine Verbesserung ihrer Ein- und Anbindung im Stadtraum. Neue(Nah-)Mobilitäts- und Managementkonzepte auf Quartiersebene, die über das Wohnen und den Handel hinausgehen, bergen die Chance in sich, Qualitäten einer Stadt der kurzen Wege zu sichern und einen eigenständigen Charakter zu stärken. Stadtteilzentren laut STEP 2025 Öffentliche Verkehrsknotenpunkte Verkehrsknotenpunkte und multimodale Umsteigepunkte nehmen in der Stadt wichtige Funktionen als Treffpunkte und Aufenthaltsorte ein. Aufgrund der Lagegunst und der hohen Frequenz sind viele dieser Knoten mit Zusatznutzungen ausgestattet. Das reicht von Stehcafés an kleineren Knoten bis zu neuen Shoppingmalls. Die Ausgestaltung des öffentlichen Raumes und die Schaffung von Aufenthaltsqualitäten können das Potenzial der Knotenpunkte als zentrenbildende Orte aktivieren. Verkehrsknotenpunkte mit hohem Umstiegsaufkommen 31 Einkaufszentren Im Gegensatz zu den Malls auf der„grünen Wiese“, die als abgeschlossene Konsum- und Erlebnisräume funktionieren und nahezu vollständig auf automobile Kunden ausgelegt sind, bestehen für innerstädtische Einkaufszentren andere Anforderungen: in den letzten Jahren sind besonders an hochrangigen Knotenpunkten des öffentlichen Verkehrs„integrierte“ Shoppingcenter entstanden. Vermehrt bilden diese Zentren einen punktuellen Knoten in einer bestehenden linearen Zentrenstruktur wie einer Geschäftsstraße. Um hier Synergieeffekte mit den bestehenden Zentrenstrukturen entstehen zu lassen, sind viele Faktoren wie standortgerechte Baukubaturen und Verkaufsflächengrößen der Malls, eine gestalterische Abstimmung auf die Umgebung, die stadträumliche Öffnung, eine Verzahnung und Einbindung öffentlicher Wegebeziehungen sowie eine sorgfältig abgestimmte Sortimentsplanung entscheidend. Somit müssen die Einkaufszentren in der Stadt lernen, sich von dem Aspekt der autarken Funktionsfähigkeit zu verabschieden und sich als Teil des Gesamtsystems zu verstehen. Gewinnen würden dabei beide Seiten – die Einkaufszentren und die Stadt. Bürostandorte Während große Bürogebäude in der bestehenden Stadtstruktur als Arbeitsplatz für viele Menschen wichtige Orte ausbilden, generieren sie durch ihre interne Abgeschlossenheit nur selten, und wenn, dann allein temporär, Dichte und Urbanität. Im Falle der sogenannten„neuen urbane Zentren“, also neuer im„Town-in-town“-Konzept durch private Investoren errichtete Stadtteile(häufig werden die Büroflächen mit einem„Urban Entertainment Center“, Einkaufszentren sowie Wohnanlagen ergänzt und funktionieren somit„autonom“) besteht die Aufgabe heute häufig darin, diese dezentralen Standorte durch gezielte baulich-räumliche Weiterentwicklung und funktionale Nachverdichtung sowie vor allem durch eine nachträgliche Einbindung sowohl in den räumlichen Kontext der Stadtstruktur und in den öffentlichen Verkehr zu integrieren und aufzuwerten und somit die im Namen enthaltene Urbanität als Aufgabe für die weitere Entwicklung zu verstehen. 32 Einkaufszentren mit hoher Verkaufsfläche Bedeutende Bürostandorte Gründerzeitliche Zone Gerade in Wien stellt das feinmaschige Netz an gründerzeitlichen Zentrenstrukturen und die architektonische Ausgestaltung der Erdgeschoßzonen ein außergewöhnliches Potenzial dar. Mit der Durchmischung von Arbeits-, Wohn- und Versorgungsstrukturen und der hohen baulichen, sozialen und funktionalen Dichte liefern sie für eine Stadtstruktur der kurzen Wege und eine fußläufig erreichbare Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen optimale Voraussetzungen. Durch ihre Robustheit und Anpassungsfähigkeit an veränderte Anforderungen können sie eine hohe Nutzungsdynamik aufnehmen und den Raum für eine neue Aneignung der Stadt und eine neue Interpretation von Urbanität liefern. Gründerzeitliche Gebiete laut STEP 2025„Bestandsentwicklung“ plus der Gebiete innerhalb des Gürtels Nachverdichtungszonen Für die vorrangig monofunktionalen Siedlungsstrukturen der 50er- bis 70er-Jahre birgt eine Nachverdichtung im Zuge der Stadterweiterung die Möglichkeit einer nachträglichen Urbanisierung durch eine strukturelle Verdichtung und einen Fokus auf den öffentlichen Raum mit fußgängertauglichen lokalen Zentren. Die Entwicklung dieses städtebaulichen Bestands zu attraktiven, alltagstauglichen Quartieren und eine funktionale Anreicherung mit Handels- und Bildungseinrichtungen oder Arbeitsplätzen garantieren dessen Zukunftsfähigkeit, wodurch der Druck auf die innerstädtischen urbanen Quartiere verringert werden kann. Gebiete mit Baustruktur geprägt in den 50er- bis 70er-Jahren laut STEP 2025„Weiterentwicklung“ 33 Stadterweiterungsgebiete Neben einer quantitativen Stadterweiterung braucht es in den neuen Stadtquartieren auch qualitative Verdichtungen und einen Ausbau in Bezug auf Zentrenfunktionen. Neben dem Bau von Wohnungen ist auch eine qualitative Stadterweiterung notwendig. Dies beinhaltet Raumstrukturen für ein kleinteiliges und engmaschiges Netz an unterschiedlichen Zentren, die im Besonderen auch an zukünftige Veränderungen anpassungsfähig sind. Diese Anpassungsfähigkeit und Hybridität liefern die Grundlage für die Entstehung von Urbanität und bieten den Bewohnerinnen und Bewohnern wichtige Entfaltungsmöglichkeiten. Universitäten Wien ist gemessen an den Studierendenzahlen die größte Universitätsstadt in Zentraleuropa und im deutschsprachigen Raum. Die höchst zentral gelegenen Hauptstandorte vieler Hochschulen bilden eine integrierte vielfältige Wissenslandschaft, die im Verhältnis zur Stadt Synergieeffekte und Beeinflussungen fördert und dadurch viele Quartiere Wiens prägt. Universitäten spielen damit eine zentrale Rolle für die kulturelle, ökonomische und soziale Entwicklung der Stadt, die Studierenden unterstützen ein lebendiges, offenes und tolerantes Stadtleben. Die Bedeutung des Wissensstandortes geht dabei über die Grenzen Österreichs hinaus und prägt den Stellenwert Wiens als europäischer Hochschulstandort. Umso bedeutender ist die Entwicklung neuer Verbindungen zur städtischen Gesellschaft, eine verstärkte Öffnung, Kooperation und Verflechtung und die durchlässigere Gestaltung von Wissensquartieren zur Stadt. 34 Gebiete mit Entwicklungspotenzial für Wohnen und Arbeiten laut STEP 2025 Hauptstandorte größerer Universitäten Wichtige Einfallstraßen, Gürtel und Ring Einfallstraßen und Tangentialverbindungen Viele der sternförmig auf das Stadtzentrum ausgerichteten Radialstraßen haben über die lange Geschichte der Stadt Wien eine wichtige Rolle eingenommen. Obwohl sie in ihrer Lage und Grundstruktur nahezu unverändert sind, haben sie sich in ihrer Funktion, im Querschnitt und in ihren stadträumlichen Qualitäten stark verändert. So steht heute mehr denn je der Verkehrsraum im Vordergrund, sogar die flankierenden Strukturen sind in ihrer Gestaltung und Ausformung auf automobile Kunden ausgerichtet. Durch geschichtliche Bedeutung und ihre Lage in der Stadt strukturieren sie die Stadt, verbinden wichtige Orte der Stadt sowie den Kern mit dem Umland und bilden bedeutende Versorgungsschneisen in die Stadt. Gerade aufgrund dieser Qualitäten kann eine Re-Urbanisierung dieses Raumtyps eine wichtige Rolle in der polyzentralen Stadt leisten. Durch einen inhaltlichen Umbau, einer Wiedereingliederung in die Stadt und Nutzbarmachung für verschiedene Mobilitätsgruppen können diese Straßenräume wieder lebendige Räume für die ganze Stadt werden. Wiener Geschäftsstraßen(dick: mit übergeordneter Bedeutung laut STEP 2025) und die neue Geschäftsstraße in der Seestadt Aspern Geschäftsstraßen Die Struktur der Wiener Geschäftsstraßen sind weit mehr als reine Einkaufsstraßen, sondern vielfältige Stadträume mit Aufenthalts-, Kommunikations- und Versorgungsfunktion. Gerade in Bezug auf eine„Stadt der kurzen Wege“ können die vielen Geschäftsstraßen auch in Zukunft wieder wichtige Aufgaben übernehmen. Diese spannen sich in der Vielfalt der Geschäftsstraßen auf und reicht von hochrangigen Strukturen wie der Kärntner Straße oder der Mariahilfer Straße, die eine überregionale – auch gerade touristische – Bedeutung und Zentralität haben, gilt jedoch besonders für die weit gestreuten Geschäftslagen der Nebenlagen in dicht bebauten Stadtteilen. Gerade hier – abseits der übergeordneten Geschäftsstraßen – liegt in den Erdgeschoßen ein hohes räumliche Potenzial für eine nutzungsdurchmischte alltagstaugliche Stadt mit Arbeits-, Wohn- und Versorgungsstrukturen. Neue kleinteilige und kommunikative Strukturen für kleine Büros, Ateliers, Arbeitsräume oder Werkstätten, aber auch Cafés, Vereinslokale und kulturelle wie soziale Nutzungen können in diesen Räumen Platz finden und damit zu einer verbesserten Versorgungsqualität und Vitalität, zu lebendigen Straßen beitragen, soweit diese Räume zur Verfügung stehen und nicht mit zu hohen Mietpreisvorstellungen zurückgehalten, leer stehen gelassen oder als Garagen umgenutzt werden. 35 Abb. 1 Situations-Plan der k. k. Haupt- und Residenz-Stadt Wien(Karte gesüdet), Carl Graf Vasquez, ca. 1830 Abb. 2 Gloggnitzer und Brucker Bahnhof in Wien, Stich von Nicolas-Marie-Joseph Chapuy, 1850 36 Wiener Zentrenentwicklung – von 1800 zum STEP 2025 Städtische Zentren waren historisch betrachtet stets großen Veränderungen ausgesetzt. Ihre Verortung, ihre Gestalt und ihre Bedeutung haben sich in der Geschichte mehrmals stark gewandelt. Diese Genese ist auch heute noch spürbar und in vielen Teilen der Stadt ablesbar. Um die aktuelle Situation der Wiener Zentrenlandschaft besser einschätzen und verstehen zu können, lohnt daher ein Blick in die Vergangenheit. Gerade die jüngere Geschichte ab dem 19. Jahrhundert liefert wichtige Erkenntnisse und lässt Zusammenhänge, Abhängigkeiten und Entwicklungen nachvollziehen. Stadtleben innerhalb des Linienwalls Die Stadtstruktur Wiens war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts durch einen Schutzwall aus Stadtmauer, Basteien und Glacis geprägt und damit in ihrem Flächenwachstum stark eingeschränkt. Die 34 Vorstädte innerhalb des Linienwalls – einer zweiten Verteidigungslinie, die jedoch bereits ab 1829 nur noch als Steuergrenze diente – waren im Zuge eines enormen Stadtwachstums ebenfalls bereits zu einer dichten Bebauung mit großstädtischem Charakter zusammengewachsen. Infolge der Revolutionsjahre 1848/49 wurden 1850 diese direkten Vorstädte als eigenständige Gemeinden aufgelöst und administrativ mit der Kernstadt vereinigt. Damit wurde aus dem ursprünglichen„Wien“ der 1. Bezirk, der in Bezug zu den neuen Stadterweiterungsbereichen die„Altstadt“ und hierarchisch das Zentrum bildete. Die Zentrenstrukturen und die jeweiligen Entfernungen waren auf die Erfordernisse einer Fußgängerstadt ausgerichtet. So war dieser Zentrumsbereich innerhalb der Stadtmauern geprägt durch zahlreiche Märkte, Geschäftshäuser und viele Einrichtungen der Stadt- und Staatsverwaltung. Im Zuge dieser Eingemeindungen wuchsen auch die Vororte außerhalb der neuen Stadtgrenze stark an und bildeten Subzentren innerhalb des Stadtgebiets aus. Gemeinsam mit den Vororten in den heutigen Stadtgrenzen zählte Wien 1850 ca. 550.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Massenverkehr verändert die Stadt Ein Motor des Stadtwachstums und der Veränderung der städtebaulichen Struktur war die Industrialisierung und im Besonderen die Entstehung des Massenverkehrs mit dem Bau der Eisenbahn und der damit einhergehenden effizienten Verbindung sowohl zwischen einzelnen Städten als auch zwischen Stadt und Land. Mit dem schienengebundenen Massenverkehr und der damit verbundenen Verkürzung von Raum und Zeit veränderten sich die Hierarchien und Strukturen der Städte; entlang der Linienführung entstanden perlenschnurartig Siedlungsschwerpunkte im Wiener Umland. Die ersten Bahnhöfe entstanden als Kopfbahnhöfe im Süden, Osten und Westen Wiens und wurden aus Raum- und Kostengründen an der Grenze zum Linienwall errichtet, um sie so dicht wie möglich an die Stadt heranzubauen. „Als 1837 für Wien die Zeit der Züge begann, wies die Stadt höchste Verbauungsdichte (und höchste Bodenpreise) auf. Sie war in ihren Mauern gefangen und platzte aus allen Nähten. Von den Vorstädten im Norden trennte sie der Donaukanal, vom übrigen 37 Abb. 3 Der Wiener Burgring um 1872, Foto: Michael Frankenstein suburbanen Bereich das rund 350 Meter breite Glacis.“ 1 Als Tore zur Stadt und gebaute Ankunftsorte prägen Bahnhöfe seit mehr als 150 Jahren das Bild der Stadt. Sie wirkten als Impulsgeber für die Entwicklung der Stadt, die um die neuen Stationen und entlang der Gleiskörper stark wuchs. Die Vorplätze der großen Bahnhöfe – als Verkehrsknotenpunkte und Umstiegspunkte zum lokalen Verkehr – wurden zu den wichtigsten und belebtesten Plätzen der Stadt. An den ehemaligen Rändern der Stadt entstanden damit neue Zentren, die häufig mit dem Stadtkern über neue Achsen verbunden wurden, die sich zu wichtigen Geschäftsstraßen entwickelten. In Wien bildete sich etwa mit der Mariahilfer Straße durch den neugebauten Westbahnhof aus einer Vorstadtstraße ein lineares Geschäfts- und Handelszentrum – eine klassische Bahnhofsstraße. Zwar nahm sie bereits zuvor als wichtige Handels- und Hauptausfallstraße Richtung Westen und als Verbindung zwischen der Residenzstadt und dem Schloss Schönbrunn eine Sonderrolle ein, diese wurde jedoch mit der neuen Infrastruktur sowie der Verbindungsachse zwischen der Inneren Stadt und dem Bahnhofsvorplatz noch massiv verstärkt. Auf diese Weise schuf der Ausbau des 1 Gerhard M. Dienes,„Draußen vor der Stadt“ in Großer Bahnhof, Hrsg. Wolfgang Kos(Wien: Czernin Verlag, 2006), 72 Personennahverkehrs die räumlichen Grundlagen für die Konzentration von„neuen“ Strukturen in der Innenstadt. Vom historischen Stadtkern zur„City“ Bis 1890 wuchs Wien mit einem anhaltenden Zuwanderungsstrom von Arbeitskräften zur Millionenstadt. Neben Angehörigen der bürgerlichen Mittelschichten, die sich im Ballungsraum der Hauptstadt bessere Berufschancen erhofften, stellten Industriearbeiter die größte Gruppe. Diese ließen sich vorrangig in der Nähe der Produktionsorte in den günstigeren Wohnstandorten an den Stadträndern nieder. Das starke Wachstum verlagerte sich damit in die Vororte der Stadt und besonders entlang der Industrieachsen, dem Wienfluss folgend nach Westen und in Richtung Süden. Die 1857 angeordnete Schleifung der Befestigungsanlagen um den 1. Bezirk ließ Wien auch nach innen in die bürgerlich geprägten Bezirke wachsen: Auf dem zur Verbauung freigegebenen Glacisareal wurde die Ringstraße aus einer Kette von repräsentativen öffentlichen Gebäuden als Prachtstraße der österreichischen Monarchie und des Wiener Bürgertums errichtet. Bis heute hat die Ringstraße als Ort des Parlaments und des Rathauses, der Universitäten und der Museen bis zu Oper und Burgtheater diese Rolle im Stadt38 Abb. 4 Innere Mariahilfer Straße um 1890, Bild: Raimund von Stillfried-Rathenitz gefüge beibehalten. Ebenso wurde der 1. Bezirk durch den Bau der Ringstraße als Regierungs-, Kultur-, Hotel- und Geschäftsviertel mit Banken, Versicherungen und der Ausrichtung auf Luxusartikel im Stadtgefüge gestärkt. Diese Entwicklung eines Zentrums ging mit einer fortschreitenden Ausdifferenzierung der Stadtbereiche einher. Die historische Stadt wuchs mehr und mehr zur spezialisierten„City“. Die Citybildung führte zu einer Differenzierung verschiedener Lagen in funktionaler Hinsicht, ebenso in Bezug auf die Bodenpreise. Sie verstärkte auch die Abnahme der Wohnfunktion und der Durchmischung mit kleingewerblichen Produktionsund Lebensweisen, was in diesen Bereichen der Stadt zu Entleerungstendenzen führte. Lärm und Luftverschmutzung durch den neuen Großstadtverkehr und der Raumbedarf für neue Geschäftsflächen in den Innenstädten begünstigten schon damals in Folge die Ausbildung von reinen Villenvierteln für die reicheren Bevölkerungsschichten am Rande der Stadt. Ebenfalls wurden die Gründerzeitviertel innerhalb des Gürtels verdichtet: hier wohnte vorrangig die Mittelschicht in vier- bis fünfgeschoßigen Neubauten. In den Vorstädten nahe der Fabriksareale überformten beengte Zinshäuser für die Arbeiterschaft die vormals dörflich geprägte Bebauung. Die Stadt war funktional und vor allem symbolisch monozentrisch auf den 1. Bezirk ausgerichtet – insbesondere auch weil die Residenz des Kaisers auch das Zentrum des gesamten Kaiserreichs bildete. Um auch Richtung Nordosten in den transdanubischen Raum wachsen zu können, wurde der Donaulauf im Zuge eines der größten Bauprojekte der Habsburgermonarchie von 1870 bis 1875 reguliert. Damit wurden die Gebiete vor Hochwasser geschützt und durch das Trockenlegen von Flussnebenarmen neues Bauland geschaffen, eine Maßnahme, die ab 1875 zu einem Bauboom in den nordöstlichen Wiener Bezirken führte und das Stadtbild bis heute enorm prägt. Mit der Ende 1890 gefallenen Entscheidung, auch die Vororte einzugemeinden, wurde der Linienwall als bisherige Steuergrenze überflüssig, auch als Verteidigungslinie war er zu dieser Zeit längst obsolet geworden. Der Linienwall wurde ab März 1894 abgetragen, die bestehende Gürtelstraße stark ausgebaut und 1895 mit dem Bau der Stadtbahn entlang der Gürtellinie unter der Leitung Otto Wagners begonnen. Die vier realisierten Linien verbanden die einzelnen Bahnhöfe und waren in ihrer Ausrichtung und Linienführung stark von militärstrategischen Überlegungen für den Fall einer Mobilisierung und weniger von Anforderungen an den Personenverkehr geprägt. So finden sich zwar Planungen für zwei sich in der Innenstadt kreuzende elektisch geführte Linien 39 im Konzept, wurden jedoch auswirtschaftlichen Gründen nicht ausgeführt. 2 „Kathedralen des Handels für ein Volk aus Kunden“ Während die Nahversorgung der Bevölkerung noch durch zahlreiche Märkte, Markthallen und Greißler sichergestellt wurde, entstanden in den großen Geschäftsstraßen des 1. Bezirks und in der Nähe der stark frequentierten Bahnhöfe mit den ersten Warenhäusern – als Folge neuer industrieller Massenproduktionsweisen, der fortschreitenden Urbanisierung sowie dem Wirtschaftswachstum und dem damit verbundenen Kaufkraftanstieg – neue Bautypologien. Das Warenhaus bildet ein wesentliches Element im einschneidenden Transformationsprozess zur industriellen Stadt. In Wien entstand 1866/67 mit dem Haas Haus ein Kaufhaus in Eisenständerbauweise, in dem die Geschäftsflächen das ganze Gebäude für sich in Anspruch nahmen und das landläufig als das„erste Warenhaus Wien“ gilt, wobei das Sortiment anfangs auf Textilien beschränkt blieb. Um die Jahrhundertwende folgten – im europäischen Vergleich mit etwas Verspätung – durch Erweiterungen des Warensortiments die ersten Warenhäusern etwa auf der Mariahilfer Straße mit dem Warenhaus„Zur großen Fabrik“(heute: Möbelhaus Leiner), dem Warenhaus Herzmansky oder Gerngross. Auch diese Häuser hatten ihren Ursprung in der Textilindustrie. Zahlreiche Webereien, die die Warenhäuser belieferten, waren in den Gassen des Bezirks Neubau angesiedelt, was Abb. 5 Innenraum Warenhaus Herzmansky um 1898 2 Erich Schlöss, Die Wiener Stadtbahn, Band 19, Beiträge zur Stadtforschung, Stadtentwicklung und Stadtgestaltung(Wien: Magistratsabteilung 18, 1987), 4 40 zusätzlich die wichtige Rolle der Mariahilfer Straße weiter stärkte. An der Rückseite die Produzenten, an der Vorderseite eine Geschäftsstraße mit Tramway, Kunden aus den Hotels, Kaffeehäusern, dem Bahnhof und der nahen Innenstadt. Mit Skelettbauten und Materialien wie Glas und Eisen entstanden zunehmend transparente Gebäude,„Kathedralen des Handels für ein Volk aus Kunden“, die die Menschen beeindruckten. Innen hell und weiträumig, mit modernster Austattung wie Aufzügen und Rolltreppen und einer großzügigen elektrischen Beleuchtung waren diese luxuriösen Warentempel Inszenierungsräume der Konsumkultur, mit denen auch ein grundsätzlicher Wandel im Konsumverhalten verbunden war: Nicht allein die Notwendigkeit bestimmte das Einkaufsverhalten, sondern es wurde um die Dimension des Erlebnisses und des Kaufgenusses erweitert. Das Kauferlebnis und die Art der Präsentation entwickelten sich damit zu einem Teil des Produkts, das über den Gebrauchswert hinaus aufgeladen wurde. In den Straßenraum kommunizierten diese Häuser über eine repräsentative Fassade und stellten in Schaufenstern ihre Waren aus: „die nach den beiden Straßen hinausgehenden Schaufenster aber enthüllten fein abgestimmte Auslagen, und die Sauberkeit der Scheiben erhöhte noch die leuchtenden Farbentöne. Es war eine wahre Schwelgerei in Farben; ein reines Straßenvergnügen gab sich hier kund, eine große öffentliche Tafel, an der jedermann seine Augen ergötzen konnte.“ 3 3 Émile Zola: Das Paradies der Damen,122, zitiert nach Nina Schleif Schaufenster Kunst: Berlin und New York(Köln: Böhlau, 2004), 12 So beschreibt Émile Zola in seinem Roman Au Bonheur des Dames die Faszination der neuen Schauseiten der Stadt. Wurden die Waren bisher in den Regalen der Läden gelagert, wurden sie jetzt selbst als Werbemittel im Bestreben nach schnellem Umsatz eingesetzt. Daneben waren es verschiedene Geschäftsprinzipien, die einen entscheidenden Vorsprung im Konkurrenzkampf mit den traditionellen klein- und mittelständischen Betrieben bildeten und zu einem Umbruch des vormals vorwiegend kleingewerblich strukturierten Einzelhandels führte. Ein sukzessiv erweitertes Warenangebot deckte viele verschiedene Bereiche ab und vereinte so verschiedene Ladengeschäfte unter einem Dach. Jeder konnte die Waren anschauen, ohne sich zum Kauf verpflichtet zu fühlen, was die Hemmschwelle senkte. Eine zielgerichtete Werbestrategie mit aktuellen und saisonalen Angeboten führte zu einem schnelleren Warendurchsatz und damit verbunden zu weitaus geringeren Lagerkosten. Anstatt wie bisher zu feilschen und auf Kredit zu kaufen, wurden im Kaufhaus Fixpreise sofort bezahlt. Großaufträge direkt an den Produktionsstandorten ohne Zwischenhandel führten zu einer erheblichen Senkung der Einkaufskosten und erlaubten eine schärfere Kalkulation über kleinere Gewinnspannen, aber höhere Umsätze. Und die angebotenen Waren waren damit schlichtweg günstiger als bei der Konkurrenz. Wien als fünftgrößte Stadt der Welt Bereits 1910 wurde durch den Zuzug Hunderttausender auf dem erneut erweiterten Gemeindegebiet um die äußeren Bezirke und die transdanubischen Donauorte die 2-Millionen Grenze 41 Abb. 6 Wie 42 (2.031.498) 4 überschritten und damit der bisher höchste Stand in der Geschichte der Stadt erreicht. Die Hauptstadt der Habsburger-Monarchie war zu dieser Zeit die fünftgrößte Millionenstadt der Welt und auch das wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum Mitteleuropas. Gleichzeitig führte dieses rasante Wachstum zu einer extremen, anhaltenden Verdichtung der Stadt, spekulativem Wohnbau und wilden Siedlungen an den Rändern und damit für viele Bewohnerinnen und Bewohner zum„Moloch“ Großstadt. Die Bevölkerung wurde mit der nun städtischen, elektrifizierten Tramway und der Stadtbahn als Massenverkehrsmittel aber auch insgesamt mobiler. Mit der Straßenbahn, die von der Ringstraße aus in alle Richtungen geführt wurde, entwickelten sich starke lineare Zentren – die Wiener Geschäftsstraßen – und großstädtische Plätze an den Verkehrsknoten, die die Stadt bis heute prägen. In dieser Wachstumseuphorie entwickelte Otto Wagner im Zuge eines internationalen Wettbewerbs für die Grundlagen eines Generalregulierungsplans einen Stadterweiterungsplan für Wien und forderte darin die starke Einbeziehung des transdanubischen Raums. Er rechnete in seiner 1911 publizierten Studie„Die Großstadt“ mit einer Verdoppelung der Bevölkerungszahl auf vier Millionen innerhalb der nächsten 30 Jahre. Ausgehend von der Inneren Stadt als Zentrum unterteilte er die scheinbar grenzenlos wachsende Großstadt mit einem netzartigen System aus Radial- und Ringstraßen in Bezirke, die jeweils für 100.000 bis 150.000 Menschen ausgerichtet waren, und konstantierte:„Die Ausdehnung einer Großstadt muss unserem heutigen Empfinden nach eine unbegrenzte sein.“ 5 Wien in der Zwischenkriegszeit Mit dem Kriegsausbruch 1914 und dem damit eingeleiteten Zerfall des österreichischen Vielvölkerstaates der Habsburgermonarchie kam in Wien die jahrzehntelange Wachstumsdynamik zum Erliegen. Wien wandelte sich von der Residenzstadt en als moderne, unbegrenzt wachsende, polyzentrischen Metropole, Otto Wagner, 1910/11 4 K. K. Statistische Zentralkommision, Die Ergebnisse der Volkszählung von 31. Dezember 1910, Heft 1, 45, http://anno.onb.ac.at/cgi-content/ anno-plus?aid=ost&datum=0001&page=61&size=45 5 Otto Wagner, Die Großstadt- Eine Studie über diese(Wien: Schroll-Verlag, 1911), 10–15 43 Abb. 7 Karl-Marx-Hof, eine„Megastruktur“ des Roten Wiens, Planung: Karl Ehn einer Großmacht zur Hauptstadt eines kleinen Staates. Der Erste Weltkrieg hatte die bereits zuvor bestehenden enormen sozialen Probleme der Großstadt mit einer gravierenden Versorgungskrise und zehntausenden Kriegsflüchtlingen nochmals deutlich verschärft. So machte die extreme Wohnungsnot und der Mangel an sozialen Einrichtungen nach Kriegsende den städtischen Wohnungsbau und die Verbesserung der Lebensbedingungen der breiten Masse zur Hauptaufgabe der regierenden Sozialdemokraten im neuen Bundesland Wien 6 . Rund 65.000 Gemeindewohnungen 7 (finanziell durch die Neuordnung des kommunalen Finanzsystems und die Einführung der Wohnbausteuer im Jahre 1923 ermöglicht) wurden im sogenannten Roten Wien, in der Zeit der Ersten Republik(1918–1934) in 400 Wohnanlagen realisiert. Mit diesen Wohnanlagen und besonders mit den monumentalen Superblocks wie dem Karl-Marx-Hof, der Wohnraum für etwa 5.000 Menschen bot, wurden vollwertige Stadtbausteine geschaffen, die mit sozialen und infrastrukturellen Einrichtungen ausgestattet waren. Der Karl-Marx-Hof bildete unter anderem mit Wäschereien, Gemeinschaftsbädern, Kindergärten, Arztordinationen, einer Bibliothek und einem Jugendheim, einem Postamt und 25 Geschäftslokalen ein Stadtteilzentrum, das über den eigentlichen Wohnblock ausstrahlte. 8 Obwohl einige dieser Wohnsiedlungen am Stadtrand auf günstig zu erwerbenden Baugründen 6 ab 1922 bildeten Wien und Niederösterreich nach dem Trennungsgesetz zwei eigenständige Bundesländer. 7 vgl. Hans Bobek und Elisabeth Lichtenberger, Wien. Bauliche Gestalt und Entwicklung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts,(Wien: Böhlau, 1978), 137–139 8 vgl.„Presseinformation zur Ausstellung Das Rote Wien im Waschsalon“ Karl-Marx-Hof, http://dasrotewien-waschsalon.at/in/files/waschsalon_presseinfo.pdf errichtet und an die gründerzeitlichen Arbeiterbezirke anschlossen wurden 9 hat sich die Bebauung in dieser Zeit nur wenig Richtung Stadtaußengrenze verschoben. 10 Insgesamt wurden in dieser Periode durch städtische Bauprogramme, aber auch zivilgesellschaftliche Siedlerbewegungen Brachen gefüllt und einstige Grünkeile geschlossen, was die städtische Verdichtung stark förderte. 11 In der Zwischenkriegszeit flammte eine Begeisterung für Amerika auf. In neu etablierten Tanzcafés wurde Jazz gespielt, aber auch in der Architektur und im Städtebau wurde der Einfluss der amerikanischen Stadt deutlich: Im Zuge der Chicago School wuchsen zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem in Chicago und New York die Gebäude in die Höhe und neue Wolkenkratzer übertrumpften sich regelmäßig in ihrer Höhe. Fritz Lang lieferte 1926 mit„Metropolis“ den ersten Science-Fiction Film und ein Bild der Stadt der Zukunft. Hochhäuser wurden Symbol für Fortschritt und Bekenntnis zur modernen Stadt. Obwohl Adolf Loos, der von 1893 bis 1896 in New York und Chicago gelebt hatte, seine Eindrücke und Begeisterung in vielen Aufsätzen und Artikeln veröffentlichte, dauerte es bis 1932, bis in Wien das erste Hochhaus fertiggestellt wurde. Zwar wurde bereits 1929 von der sozialdemokratischen Stadtregierung ein Hochhauswettbewerb ausgelobt, das Gewinnerprojekt – ein„multifunktionales innerstädtisches Zentrum mit einer Lesehalle, begehbaren Dächern, einer eigenen Untergrund9 vgl. Hans Bobek und Elisabeth Lichtenberger, Wien. Bauliche Gestalt und Entwicklung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts,(Wien: Böhlau, 1978), 144 10 vgl. Peter Eigner und Petra Schneider,„Verdichtung und Expansion – Das Wachstum von Wien“ in Umwelt Stadt, Hrsg. Karl Brunner und Petra Schneider(Wien: Böhlau, 2005), 47 11 ebd., 47 44 Abb. 8 Das erste nicht realisierte Hochhaus Wiens, Titelseite Der Kuckuck 23/1930 bahnstation, Büros für gemeindeeigene Institutionen und 250 Wohnungen“ 12 im 9. Bezirk – wurde jedoch aufgrund einer Gesetzesnovelle der konservativen Bundesregierung niemals gebaut. 13 Das erste Hochhaus Wiens wurde dann mit Bundeszuschuss dem Wohnbauförderungsgesetz gemäß als Wohnhaus mit Geschäftszone in der Herrengasse verwirklicht. Aufgrund der Abtreppung nach oben tritt das von Siegfried Theiß und Hans Jaksch geplante Gebäude mit seiner Höhe von rund 50m Höhe im dicht verbauten Stadtbild als Hochhaus jedoch nur aus wenigen Perspektiven in Erscheinung. Krise und nationalsozialistische Machtübernahme Eine immer schwieriger werdende wirtschaftliche Lage und politische Radikalisierung führten zu einer Krise Österreichs, zur Auflösung des Parlaments und zu einem dreitägigen Bürgerkrieg 1934. Das Verbot der Sozialdemokratischen Partei 1934 durch das autoritäre Regime im Austrofaschismus führte in Folge auch zu einer Abkehr vom sozialen Wohnungsbau. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938 kam es zu massiven Veränderungen der wirtschaftlichen und Bevölkerungsstruktur Wiens. Unternehmen und Wohnungen der jüdischen Bevölkerung Wiens wurden„arisiert“, die vormaligen Besitzerinnen und Besitzer vertrieben oder deportiert und ermordet. Abb.9 Hochhaus Herrengasse, Planung: Siegfried Theiss und Hans Jaksch 12„Wiens erstes Hochhaus – Eine Stadterregung“, http://www.wienmuseum.at/fileadmin/psd-files/0900301_ausstellungsseiten/Wiens_erstes_Hochhaus.pdf 13 ebd. 45 Abb. 10 Hanns Dustmann: Modell des Neugestaltungsprojekts Wien, Gauforum mit Nordbahnhof Stadtplanerisch sollte auch Wien grundlegend umgebaut werden, obwohl der Schwerpunkt der nationalsozialistischen Planungen auf anderen Städten lag. Von verschiedensten Architekten wurden ab 1938 Projekte erarbeitet, wobei nahezu allen das Ziel gemein war, Wien näher an die Donau zu bringen. Daneben sollten aber auch große Infrastrukturplanungen wie ein Zentralbahnhof, ein neuer Hafen oder ein geplanter Autobahnring realisiert werden, die die standortpolitische Lage Wiens grundlegend verändert hätten. Ab 1941 wurde Hanns Dustmann mit den Planungen beauftragt, worin er dem historischen Stadtkern den 2. Bezirk als neues Großstadtzentrum gegenüberstellte, wobei dieser Bezirk dafür umfassend umgebaut werden sollte. Als bauliches Zeichen der politischen Macht schlug er eine ca. 95m breite und 1,5km lange Monumentalstraße vom Donaukanal bis zur Donau vor; ein großer Aufmarschplatz sollte das Zentrum dieses Stadtteils werden. 14 Von all den gigantomanischen Stadtumbauplänen wurde jedoch kaum etwas realisiert. Stadtstrukturell machte die Eingemeindung von 97 niederösterreichischen Umlandgemeinden Groß-Wien mit einem um das Fünffache vergrößerten Stadtgebiet zu einer der weltweit größten Städte. Um diese neuen Gebiete zu erschließen, wurden der öffentlichen Verkehr und das Straßennetz ausgebaut. Kriegsschäden und Versorgungsschwierigkeiten. Neben zerstörten Infrastruktureinrichtungen waren mehr als 20 Prozent des Hausbestandes ganz oder teilweise zerstört. Wien wurde unter den vier Besatzungsmächten aufgeteilt, wobei der 1. Bezirk von allen vier Besatzungsmächten gemeinsam als„Interalliierte Zone“ verwaltet wurde. Die Lebensmittelversorgung wurde streng rationiert über Bezugskarten ausgegeben, daneben florierten der Schwarzhandel und Tauschnetzwerke. Mit dem 1946 beschlossenen, jedoch erst 1954 umgesetzten„Gebietsänderungsgesetz“ wurde die Stadterweiterung von 1938 weitgehend wieder rückgängig gemacht. Das Stadtgebiet umfasst seither 23 Bezirke, wobei im Gegensatz zur Situation vor 1938 der 22. Bezirk nördlich der Donau und der 23. Bezirk im äußersten Süden der Stadt Wien zugeschlagen wurden. Ab 1945 – Nachkriegszeit im Wiener Städtebau Die Situation in Wien nach dem Kriegsende 1945 war geprägt durch viele Kriegsopfer, starke 14 vgl. Ingrid Holzschuh, Wiener Stadtplanung im Nationalsozialismus von 1938 bis 1942 – Das Neugestaltungsprojekt von Architekt Hanns Dustmann(Wien: Böhlau, 2011). 46 Abb. 11 Bombenschäden in der Wiener Innenstadt Die Stadt der Zukunft? In vielen Städten Europas wurden die massiven Kriegsschäden als Anlass genommen, besonders die Innenstädte in ihrem Stadtgrundriss zu reformieren und neu zu ordnen, um sie dem damaligen Leitbild einer autogerechten Stadt und modernen City anzupassen: „Wie jedes Unglück hat auch das der Kriegsschäden einen Vorteil, und dieser muss beim Wiederaufbau im vollen Maß genützt werden.“ 15 Moderne Architektur, breite, teils neugeschlagene Straßenzüge und eine Konzentration von Cityfunktionen versprachen ein Straßensystem, das den Anforderungen des motorisierten Verkehrs gewachsen war, sowie eine Aktualisierung und Stärkung der historischen Stadtkerne zu Großstadtzentren. Dabei gab jedoch nicht die historische Stadt in ihrer Wachstumslogik und Struktur die Richtung vor, sondern genau diese sollte mit der Stadt der Zukunft überwunden werden. „Organisation, das ist das Merkmal der neuen 15 Hans Riemer, Wien baut auf: 2 Jahre Wiederaufbau,(Wien: Verlag für Jugend und Volk, 1947), 114 Stadt. Ordnung, jedes Ding an seinem Platz – im Gegensatz zum Durcheinander der alten Stadt.“ 16 Neue technische Möglichkeiten und eine moderne Gesellschaft, schlicht eine neue Zeit würden eine solche Reform der Stadt und eine„zeitgemäße Neuordnung des gesamten Lebensraumes“ 17 verlangen. Mehr als formale und ästhetische Stadtkonzepte gewann die Soziografie als Grundlagenforschung für den Städtebau neben der Verkehrsplanung an Bedeutung und Einfluss. Die Analyse der Bevölkerungsstruktur zeigte Abhängigkeiten und funktionale Zusammenhänge auf und entwickelte sich zu einem ausschlaggebenden Faktor für die Stadtgestaltung und die Verteilung zentraler Orte unterschiedlicher Ordnung. Die Verkehrsplanung stellte die Grundlage für die Stadtgestalt und-ordnung, da durch die neue Massenmotorisierung die neue Verteilung und geforderte Auflockerung möglich gemacht wurde. 18 16 Walter Schwagenscheidt, Die Raumstadt. Hausbau und Städtebau für jung und alt, für Laien und was sich Fachleute nennt. Skizzen mit Randbemerkungen zu einem verworrenen Thema. Heidelberg: Lambert Schneider, 1949), 7 17 Roland Rainer, Planungskonzept Wien,(Wien, 1962), 6 18 Vgl. Enquete über den Wiederaufbau der Stadt Wien, 202 47 Abb. 12 Der Stephansplatz vor der Einführung der ersten Fußgängerzone Abb. 13 Opernpassage Auch in Wien folgten viele ideologisch den modernen Leitbildern. So betonte etwa Baustadtrat Franz Novy 1946: „Die Struktur der Großstadt mittelalterlicher und liberaler Prägung hat sich als falsch und gefährlich erwiesen. Sie kann nicht die äußere Form für die künftige Gesellschaftsordnung sein. Die neue bauliche Ordnung der Zukunftsstadt muss anders aussehen. Die Großstadt muss, den Erkenntnissen modernen Städtebaus gemäß, aufgelockert werden.“ 19 Oder wie es schon Le Corbusier 1929 formulierte: „Wohin eilen die Automobile? Ins Zentrum! Es gibt keine befahrbaren Flächen im Zentrum. Man muß sie schaffen. Man muß das Zentrum abreißen.“ 20 Diese Vorstellung von Stadt impliziert jedoch auch ein neues Urbanitätsverständnis. Nicht das Aufeinandertreffen von Verschiedenem, das Aushalten und Aushandeln von Konflikten, die Dichte in Funktionen, Bauten und Einwohnerinnen und Einwohner sollte die Stadt ausmachen. Sie sollte sich im Gegenteil durch Ordnung, Rationalität und optimierte Organisation der Funktionen sowie durch geringere Dichte und mehrere kleine lokale Versorgungszentren auszeichnen. „Immer wieder zeichnet sich das Bild der zukünftigen Stadt – besser gesagt der Stadt 19 Gottfried Pirhofer und Kurt Stimmer, Pläne für Wien – Theorie und Praxis der Wiener Stadtplanung von 1945 bis 2005(Wien: Magistratsabteilung 18, 2007), 30, https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/studien/pdf/ b008280a.pdf 20 Mark Nerlich,„Stadtverkehr in den neunziger Jahren“, in: Die Städte in den 90er Jahren. Demographische, ökonomische und soziale Entwicklung, Hrsg. Jürgen Friedrich,(Opladen: Westdeutscher Verlag, 1997), 276 unserer Bedürfnisse und Möglichkeiten – als ein räumlich lockeres, aber funktionell höchst lebendig verbundenes Gewebe aus einzelnen Zellen menschlichen Maßes ab, das über immer weitere Flächen gespannt sein wird.“ 21 In Wien entstand diese aufgelockerte und funktional getrennte Stadt der Moderne hauptsächlich in den Zonen der Stadterweiterung. Dabei sollte „der Mensch(...) im Mittelpunkt aller Überlegungen und Planungen“ 22 stehen, wobei dieser Grundsatz auch als Maßnahme zur Auflockerung der Stadt im Inneren zu verstehen ist. 23 Doch wurden die historischen Teile Wiens zur Verringerung der Wohndichte zwar entkernt, in der Stadtgestalt jedoch vorrangig repariert und rekonstruiert. Im Stadtzentrum führte der Umbau in weiterer Folge zu einer Konzentration von City-Funktionen. „Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hätten zwar die Kriegszerstörungen die Möglichkeit geboten, die städtebauliche Struktur Wiens an vielen Stellen zu verbessern. Die Knappheit der Geldmittel einerseits und die angestrebte Beseitigung der drückenden Wohnungsnot andererseits sowie der Zwang 21 Roland Rainer, Städtebauliche Prosa(Tübingen: Wasmuth, 1948), 19 22 Deutlich wird in Punkt 1 der 14 Punkte für den Wiederaufbau ein demokratischer Städtebau, klar im Gegensatz zur historischen repräsantiven und monarchisch geprägten, hervorgehoben. Aus: Hans Riemer, Wien baut auf. Zwei Jahre Wiederaufbau(Wien: Jugend& Volk, 1947), 118 23„Nun wird mit zunehmendem Nachdruck die Auflockerung des Stadtkörpers angestrebt. Um die Bevölkerung schrittweise – durch Sanierung, Herabzonung, Entfernung von Hinterhäusern, Übersiedlung in neu errichtete Mietwohnungen und Einfamilienhäuser im Außengebiet – auf die Ziffer von 200 Einwohnern pro Hektar zu verringern, wird im Laufe der nächsten Jahrzehnte die Ansiedelung von einem Drittel der Bevölkerungserneuerung(...) in Außengebieten notwendig sein. Und diese künftige Bevölkerungsgruppe ist es, welche die Aufschließung und Besiedelung bisher unverbauten Gebietes, also eine Stadterweiterung, erfordert.“ aus: Karl Brunner, Stadtplanung für Wien.: Bericht an den Gemeinderat der Stadt Wien, Hrsg. Stadtbauamt der Stadt Wien(Wien: Verlag für Jugend& Volk, 1952), 65 48 Abb. 14 Per Albin Hansson Siedlung(1947–1951 und 1954/ 1955), der erste große Wohnbau Wiens nach dem Krieg der vorhandenen technischen Infrastruktur haben jedoch zu einer Neubautätigkeit unter Beibehaltung der alten Parzellenstruktur geführt.“ 24 Die gegliederte und aufgelockerte Stadt Besonders ab der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre wurden die neuen Wohnsiedlungen entsprechend dem damaligen Planungsverständnis der gegliederten, aufgelockerten und autogerechten Stadt gebaut. Die neuen entdichteten und entmischten Siedlungskörper – mit dem Ziel ausreichender Durchlüftung und Besonnung gebaut – standen den schlechten Wohnverhältnissen in der dichten gründerzeitlichen Stadt mit beengten, dunklen und muffigen Wohnungen, engen Gassen und baufälligen Ensembles entgegen, da die„unnatürliche chaotische Zusammenballung großer Menschenmassen auf engem Großstadtraum in den letzten hundert Jahren [...] eine der Ursachen der sozialen Spannungen und der sanitären Missstände“ 25 war. Kurz gesagt: Das Ziel der Entmischung waren bessere Lebensbedingungen. 26 Die neuen Stadtteile waren in ihren Versorgungsstrukturen mehr oder weniger eigenständig. Die einzelnen Gebiete für Wohnen, Arbeiten und Erholung sollten in einer funktionellen Zonenteilung dezentralisiert durch weitläufige Grüngürtel gegliedert und durch leistungsfähige Verkehrsachsen verbunden werden, wobei der Zentrumsbezug dieser Stadtteile nur noch von funktionalen Zusammenhängen geprägt war und der tatsächliche und vor allem der symbolische Wert der Stadtmitte schrumpfte. In Bezug auf die Verkehrsentwicklung Wiens legte der damalige Leiter der Wiener Stadtplanung Karl Heinrich Brunner-Lehenstein einen Schwerpunkt auf den Individualverkehr und lehnte damals etwa noch eine Fußgängerzone in der Kärnter Straße entschieden ab. Exemplarisch für diese Politik ist auch die Eröffnung der Opernpassage 1955 als eine unterirdische Wiener„Einkaufs24 Rudolf Edlinger,„Kommunale Perspektiven“, zitiert nach Gottfried Pirhofer und Kurt Stimmer, Pläne für Wien – Theorie und Praxis der Wiener Stadtplanung von 1945 bis 2005(Wien: Magistratsabteilung 18, 2007), 36, https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/studien/pdf/b008280a. pdf 25 Stadtbauamt Wien(Hrsg.), 14 Punkte für den Wiederaufbau: kurzer Auszug aus den Hauptgesichtspunkten der Enquete für den Wiederaufbau der Stadt Wien; Juli 1945 bis Jänner 1946,(Wien: Stadtbauamt Wien, 1946) 26 Hans Riemer, Wien baut auf: 2 Jahre Wiederaufbau(Wien: Verlag für Jugend und Volk, 1947), 120 49 Abb. 15 Roland Rainer: Kartierung zentraler Einrichtungen, 1962 50 Abb. 16 Roland Rainer: Belastung der Innenstadt durch den Individualverkehr, 1962 straße“ zu lesen, die analog zu den weiteren Fußgängerunterführungen unter der Ringstraße den oberirdischen Verkehrsfluss in der Innenstadt verbessern sollten. Entgegen der Planungen von Otto Wagner, Wien mit einem starken Zentrum in gleichmäßiger Dichte in alle Richtungen wachsen zu lassen, schlug Brunner vor, an der Peripherie einer „gegliederten und aufgelockerten Stadt“ Trabantenstädte zu errichten, um die dicht bevölkerten Bezirke zu entlasten. 27 Auch sein Nachfolger Roland Rainer favorisierte eine bandartige Organisationsstruktur der Stadt entlang leistungsfähiger Verkehrsinfastrukturen statt einer konzentrischen Ausrichtung: „Der erste verkehrstechnische Schritt beim Umbau der alten, konzentrischen Stadtmechanismen in neue, den Gesetzen der Verkehrsmaschinen entsprechende Organismen muss daher darin bestehen, alle Verkehrslinien aus ihrer konzentrischen Richtung in eine tangentiale zu bringen, sie in Tangenten zu verwandeln, welche das Stadtgebiet durchziehen, indem sie die verschiedenen wirtschaftlichen Schwerpunkte möglichst unmittelbar miteinander verbinden.“ 28 Am südlichen und östlichen Stadtrand Wiens sollte mit verstärkter Bautätigkeit und der Errichtung von Wohnsiedlungen der anhaltenden Wohnungsknappheit, der Dichte und den schlechten Wohnverhältnisse in der gründerzeitlichen Stadt erwidert werden: 27 Gottfried Pirhofer und Kurt Stimmer, Pläne für Wien – Theorie und Praxis der Wiener Stadtplanung von 1945 bis 2005(Wien: Magistratsabteilung 18, 2007), 39, https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/studien/pdf/ b008280a.pdf 28 Roland Rainer, Städtebauliche Prosa(Tübingen: Wasmuth, 1948), 124 ff. „Die Bebauung gehört hinaus in die Ebene, wo sie sich wirtschaftlicher und auch sonst viel freier und ungehinderter entfalten kann. Es trifft sich gut, dass in den Ebenen im Osten und Süden auch viele Arbeitsstätten liegen und neue entstehen können.“ 29 So sollten Industriebetriebe in dafür vorgesehenen Gebiete konzentriert werden, wanderten jedoch trotz der Ausweisung großer Betriebsgebiete am südlichen und östlichen Stadtrand, verstärkt auch aus betriebswirtschaftlichen Gründen, in das Wiener Umland ab. Im Zusammenspiel einer funktionalen Trennung und Konzentration der Bereiche Wohnen, Arbeit und Freizeit und der einsetzenden Massenmotorisierung kam es zu einem immer stärkeren Verkehrsaufkommen. Verkehrsentlastung durch Dezentralisation Die Suburbanisierung der Wohnbevölkerung und der Arbeitsstätten führte zu einem dynamischen Wachstum der Umlandgemeinden und damit zu einem massiven Anstieg der Pendlerbewegungen. Durch diese Veränderung und Schwerpunktsverlagerung wurden auch die Versorgungslandschaft, der Einzelhandel und die städtischen Zentren im Allgemeinen massiv beeinflusst. So stellte bis Ende der 1960er-Jahre ein Netz kleiner Greißler die Nahversorgung sicher, Haupt- und Nebengeschäftsstraßen komplettierten das Angebot und deckten den mittelfristigen und langfristigen Bedarf. Im Zuge der Stadterweiterung und Motorisierung konnte ein weitaus weitmaschigeres Netz an Versorgungseinrichtungen realisiert werden. Einkaufszentren führten zu 29 Gottfried Pirhofer und Kurt Stimmer, Pläne für Wien – Theorie und Praxis der Wiener Stadtplanung von 1945 bis 2005(Wien: Magistratsabteilung 18, 2007), 47, https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/studien/pdf/ b008280a.pdf 51 Abb. 17 Roland Rainer: Vorschlag für die künftige Flächenwidmung Abb. 18 Roland Rainer: Abstrahiertes Zentrenkonzept Wien 52 Abb. 19 Systemschnitt U-Bahn Knoten Karlsplatz einer starken Konzentration des Angebots und zu einer stadtweiten Konkurrenzsituation. Motorisierte Wocheneinkäufe ersetzten mehr und mehr den Gang zum Markt und lokalen Händler. Ein Umdenken wurde in Bezug auf die historischen Stadtteile, die zur City geworden waren, deutlich: Hier stellte Roland Rainer und die gemeinderätliche Planungskommission klar, dass „nicht die Stadt dem Verkehr geopfert, sondern der Verkehr der Stadt angepaßt werden müsse“ 30 . Zwar war einerseits der Verkehr wichtig, um die Innere Stadt als wirkliches Zentrum Wiens zu argumentieren und wirtschaftlich aufrechtzuerhalten, andererseits stellte die Verkehrsbelastung die monozentrale Ausrichtung grundsätzlich in Frage. Im Zuge der Stadterweiterung schlug Rainer zur Lösung dieses Dilemmas ein Modell städtebaulicher Dezentralisation vor: „(...) das bedeutet die Vorsorge für Infrastruktur aller Art in den Zentren, womit sich in der Folge auch die Frage der Rangfolge der Zentren stellen wird: rechtzeitiges Planen der Funktionen und Einrichtungen der Zentren ist also eine entscheidende Vorraussetzung für die so nötige echte Dezentralisation.“ 31 Im Zuge seines Planungskonzepts für Wien versuchte er,„durch Stärkung und Entwicklung der Eigenarten und der Selbstständigkeit[...] aus den alten ‚Vorstädten‘[...] neue ‚Bezirkszentren‘“ zu entwickeln, die durch„möglichst vollständige Ausstattung mit Infrastruktur aller Art als Fußgängerzone mit Anschluß an Massenverkehrsmittel gestaltet“ sein sollen, damit„die Bewohner hier möglichst viel von dem vorfinden, was sie sonst im Stadt-Zentrum suchen müssen.“ Roland Rainer versprach sich von diesem polyzentralen System gerade in dicht bebauten Gebieten eine Reduktion des Verkehrs. 32 U-Bahn und Fußgängerzonen Bereits seit 1898(und damit als fünfte Stadt der Welt) hatte Wien mit der Stadtbahn ein schienengebundenes städtisches Massenverkehrsmittel. Die Linienführung war jedoch stärker von militärstrategischen Überlegungen und der Verbindung zwischen den Bahnhöfen abhängig als von innerstädtischen Verkehrsströmen. So wurden etwa keine Linien direkt ins Stadtzentrum realisiert. Der Ausbau der Stadtbahn zu einer modernen U-Bahn wurde in Wien lange und etwa um 1910 auch sehr konkret diskutiert 33 . Es dauerte aber schließlich bis 1968, bis der Beschluss zum Bau gefasst wurde, die Einweihung der ersten Teilstrecke der U1 folgte 1978. 30 Presseaussendung Stadt Wien vom 21.10.1960, vgl. Untersuchungen in: Roland Rainer, Planungskonzept Wien,(Wien, 1962), 121 31 Roland Rainer, Vitale Urbanität,(Wien: Böhlau, 1995), 64 32 ebd. 33 vgl. Johann Hödl, Das Wiener U-Bahn-Netz: 200 Jahre Planungs- und Verkehrsgeschichte,(Wien: Wiener Linien, 2009) 53 Abb. 20 Fußgängerstraße Favoritenstraße um 1980 Diese neue Verkehrsinfrastruktur veränderte mit ihrer Linienführung die Realität der Stadt. Neben neuen Wohnstandorten, die zeitlich nahe an die Stadt rückten, entstanden – unterstützt durch die Linienführung und Stationsplatzierung – auch neue Subzentren in der Stadt. Jedoch stärkte gerade die U1 und später die U3 mit der Station Stephansplatz und damit direkten Anbindung der Wiener Innenstadt – die bisher mit Straßenbahnen entlang der Ringstraße„umrundet“ wurde – die monozentrische Ausrichtung der Stadt. Mit dem Bau des Entlastungsgerinnes und der damit verbundenen Schaffung der Donauinsel wurde – dem städtebaulichen Ziel„Wien an die Donau“ folgend – mit einem Großprojekt zum Hochwasserschutz auch ein zentraler Grün- und Freizeitraum geschaffen, der mit der U-Bahn erreichbar die beiden Donauufer zusammenführte. Eine weitere städtebauliche Entwicklung, die diese Ausrichtung auf das Stadtzentrum stärkte und eng mit dem Bau der U-Bahn zusammenhängt, war die Einrichtung der ersten Fußgängerzone im 1. Bezirk: Die innerstädtischen Stations-Baustellen Oper und Stephansplatz machten hier ohnehin eine Sperrung für den Autoverkehr nötig, so wurde 1971 probeweise am Graben, dem Stephansplatz, der Kärntner Straße sowie der Bräunerstraße der autofreie„Weihnachtskorso“ eingerichtet, der wenig später als dauerhafte Fußgängerzone beschlossen und räumlich ausgedehnt wurde. Diese Entscheidung war eine Reaktion auf die Verkehrsüberlastung des Zentrums und sollte das alte Zentrum in seiner Bedeutung und Attraktivität sichern und gegen Verödungstendenzen durch„abnehmende Wohnbevölkerung, herabsinkendes kulturelles und künstlerisches Leben, Verminderung der Besucherzahl des Kerngebietes, wirtschaftliche Schwäche auf dem Gebiet des Einzelhandels, des Gastgewerbes und anderer Gewerbe und sogar Schwächen auf dem tertiären Sektor“ 34 wirken und einen damit verbundenen psychologischen und funktionalen Verlust der Mitte abwenden. Fußgängerzonen wie im 1. Bezirk oder wenig später auf der Favoritenstraße schufen einen autofreien Raum in zentraler Lage, der den Menschen zum Flanieren und Konsumieren zurückgegeben wurde und die Aufenthaltsqualität und Identität des Stadtkerns stärken sollte. Während die Straßen neben der Fußgängerzone dem privaten Autoverkehr und besonders dem Lieferverkehr dienten, wurde eine Zone des Zentrums her34 Victor Gruen International, Kerngebiet Wien, Annex Bericht 16 1969/70, 2, zitiert nach Barbara Mautner„Dem Wiener seine Stadt zurückgeben“: Victor Gruen(1903–1980) und die Wiener Stadtplanung: Städtebauliche Planungspraxis im ausgehenden 20. Jahrhundert(Wien, 2012), 27 54 ausgehoben und maximal in ihrer Bedeutung aufgewertet. Das Zentrum wurde mit dieser Planung sowohl in seiner Bewertung als auch in seinem Wert in Vorder- und Rückseiten unterteilt. Gleichzeitig glichen sich diese Fußgängerzonen in ihrer einheitlichen Gestaltung, ihren Strukturen und der Geschäftslogik an ihre Konkurrenz – an regionale Einkaufscenter – an. Stark beeinflusst wurde die Umgestaltung und Aufwertung des 1. Bezirks duch Victor Gruen, der nach seiner Rückkehr aus Amerika als externer Berater für die Wiener Stadtverwaltung arbeitete und sich stark für eine solche sogenannte„Umweltoase“ einsetzte: „Aus Amerika zurückkommend, wo er Jahrzehnte gelebt und gearbeitet hatte, waren ihm die negativen Auswirkungen der freizügigen Nutzung des Automobils und damit verbunden die großen Einkaufszentren am Stadtrand und deren negativen Auswirkungen auf die Innenbezirke der Städte durchaus bewusst. Dies führte zu einer Empfehlung an die Stadt Wien, die Wiener Innenstadt als Einkaufszentrum zu attraktivieren. So schlug er u. a. die Einrichtung der Fußgängerzone in der Innenstadt vor, mit dem Rückgrat der verkehrsfreien Kärntner Straße und des Grabens, teilweise in die angrenzenden Straßenzüge hineinreichend.“ 35 Victor Gruen favorisierte ähnlich Roland Rainer eine polyzentrale Stadtstruktur mit einem kompakten Kern und mehreren multifunktionalen Nebenzentren, die mit einem leistungsfähigen öffentlichen Verkehrssystem verbunden sein sollten. Darüber hinaus sprach er sich für eine durchmischte Stadt der kurzen Wege und gegen die funktionale Entmischung der Stadt aus. So plante er etwa eine Stadterweiterung am Wienerberg oder ein neues multifunktionales Zentrum für Floridsdorf. Neue„Citys“ auf der grünen Wiese Aber auch die Idee der Shopping Mall, die Victor Gruen in Amerika entwickelt hatte, hat sich weltweit verbreitet und wurde auch nach Wien importiert: 1964 wurde mit dem Ekazent Hietzing das erste Einkaufszentrum Österreichs als Bezirkszentrum mit Restaurants, Cafés, einer Bank und Kino errichtet. 1976 entstand mit der Shopping City Süd Europas erste Shopping Mall auf der grünen Wiese(mit 100.000 m² verbauter Fläche, 5.000 Parkplätzen und 160 Geschäften 36 ); ein großflächiges, autoorientiertes Shoppingcenter außerhalb der Wiener Gemeindegrenzen – ein Jahr, nachdem im Nordosten Wiens das Donauzentrum eröffnete. Sollte die Shopping Mall nach Gruens Idee in den ausgefransten Siedlungsgebieten der amerikanischen Städte ein fehlendes fußläufiges Zentrum nach europäischem Vorbild mit sämtlichen Funktionen(etwa Theatern, Kindergärten, Schulen oder auch einem Zoo) ersetzen und„Kristallisationspunkte des kommunalen Lebens in der 35 Arnold Klotz,„Strategien für die zukünftige Entwicklung der Stadt Wien,“ in: Auf dem Weg zur nachhaltigen Stadt. Schlussfolgerungen aus dem Werk Victor Gruens und aktuelle Strategien zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Symposium anlässlich des 100. Geburtstages von Victor Gruen am 16. und 17. Juli 2003 im Architekturzentrum Wien, Hrsg. Stadt Wien u. a.(Wien, 2005), 119 36 Raumordnung Niederösterreich: Shopping City Süd. Im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichem Erfolg und Konfliktpotential, http:// www.raumordnung-noe.at/fileadmin/root_raumordnung/infostand/ periodika/magazin_raum_und_ordnung/1999/1/199_Jun.pdf 55 Vorstadt“ 37 bilden sowie mit einem modernen Marktplatz Urbanität stärken, bedrohte das auf Einkaufen reduzierte Modell in den europäischen Städten genau diese gewachsenen urbanen Kernzonen. Der Erfolg peripherer Einkaufszentren und Fachmärkte führte zu einem Schwund der Geschäftsflächen in den kleinteiligen Strukturen im dicht bebauten Stadtgebiet und infolge zu Leerstand in den historischen Einkaufszonen. Gruen selbst distanzierte sich zeit seines Lebens von dieser Entwicklung:„Ich werde immer wieder der Vater der Shopping Mall genannt. Ich möchte die Gelegenheit nützen, diese Vaterschaft zurückzuweisen. Ich weigere mich, Alimente für diese Bastardprojekte zu zahlen. Sie haben unsere Städte zerstört.“ 38 Stadträumlich orientierten sich die Einkaufszentren am Stadtrand nicht wie andere Zentren an Knotenpunkten des öffentlichen Verkehrs oder in dichten Stadtgebieten. Ihre Standortkriterien waren günstige Bodenpreise und gute Straßenerschließung. Ihre Zielgruppe waren hochmobile Autofahrer, was auch ihre Gestaltung erklärt: Anders als die Warenhäuser in den Städten sind sie architektonisch häufig schmucklose Kisten – reine Funktionsbauten, die hauptsächlich vom Straßenraum auffallen, dazu billig sein und elementarste Grundbedürfnisse erfüllen sollen. Ein riesiger Parkplatz davor ist Teil des Erfolgsmodells: Er bietet Übersicht über die Parksituation und sorgt für einen möglichst stressfreien Übergang vom Privatraum des Pkw zur Mall. Durch eine klare Orientierung mit einem imposanten Eingangsbe37 Anette Baldauf,„Shopping Town USA. Victor Gruen, der Kalte Krieg und die Shopping Mall“, Eurozine, http://www.eurozine.com/articles/2007-05-25-baldauf-de.html 38 Victor Gruen bei einer Rede in London 1978, http://www.dergrueneffekt.at reich gelangen die Kunden in die überdachten, vollständig klimatisierten Malls, die erst im Inneren als Konsumtempel„luxuriös“ inzeniert wurden und dabei häufig in ihren Kulissenarchitekturen den Bezug zu historischen Innenstädten herstellen. Nicht selten steckt„City“ auch im Namen dieser auf der grünen Wiese errichteten Malls. Dieser Versuch, die bildlichen Aspekte der Innenstädte zu kopieren, macht die klare Konkurrenz der Shopping Malls zu den Innenstädten deutlich. Die Malls präsentierten sich als die neuen konsumorientierten Zentren in den stark wachsenden Großstadtregionen. Die anhaltende Suburbanisierung führte zu einer weiteren Ausdehnung der Stadt in die Breite; der Stadtkörper wuchs unscharf gegliedert weit über die politischen Grenzen hinaus. Hier entstanden neben den Fachmarkt- und Einkaufszentren auch Bürostandorte und Industrieparks. Gewerbe-, Dienstleistungsund Produktionsunternehmen verlagerten ihren Standort aufgrund der günstigeren und leichter verfügbaren Grundstücke häufig aus den Kernstädten ins Umland. Und auch die Freizeitzentren – etwa Großkinos und Diskotheken – wanderten an den Stadtrand. Aber diese Verlagerung betraf ebenso die Wohnfunktionen, wobei es die junge und kaufkräftigere Wohnbevölkerung mit dem Traum des„Hauses im Grünen“ in die Einfamilienhausgebiete am Stadtrand und in die Vorstädte zog. Großmaßstäbliche Neubauten des sozialen Wohnungsbaus wurden vorrangig am Stadtrand errichtet. Diese Zersiedelung auf Basis der Massenautomobilität führte zu einer individuellen Verschiebung der alltäglichen Zentralität, einer Schwächung und Entmischung der Kernstadt und mit der Zwischenstadt zu einem neuen Typ von Stadt. 56 Abb. 21 Zwei Aspekte eines in seiner Bedeutung wachsenden Städtetourismus: Festivalisierung und Sanierung der Altstadt Neupositionierung der Innenstadt Doch wurde deutliche Kritik an den Ergebnissen und Folgen des Planungs- und Stadtverständnisses der gegliederten und aufgelockerten Stadt laut und die neue„Unwirtlichkeit der Stadt“ 39 beklagt:„Die hochgradig integrierte alte Stadt hat sich funktionell entmischt. Die Unwirtlichkeit, die sich über diesen neuen Stadtregionen ausbreitet, ist niederdrückend.“ 40 Auch die Stadt Wien veränderte ihre Strategie und reagierte auf die anhaltende Stadtflucht der Wohnbevölkerung und den desolaten Zustand vieler innerstädtischer Quartiere mit niedrigen Wohnstandards mit Stadterneuerungsmaßnahmen, wobei die anfänglichen Assanierungen – Abriss und Neubau – auch einen Austausch der angestammten Wohnbevölkerung bewirkten. Nach Protesten gegen diese Praxis und nach Besetzungen, etwa am Spittelberg, verfolgte man seit 1974 mit der„sanften Stadterneuerung“ das Ziel, den Gebäudebestand zu sanieren und zu modernisieren und das umgebende Wohnund Geschäftsumfeld zu verbessern, wobei die im Gebiet lebenden Bevölkerung aktiv dabei beteiligt wurde. Mit dem„Großprojekt der kleinen Schritte“ wurden die gründerzeitlichen Stadtteile modernisiert und revitalisiert und die Basis für eine neue Urbanisierung und Renaissance der historischen Stadt geschaffen. Die damaligen qualitativen Verbesserungen der gewachsenen, dicht bebauten Stadtstruktur tragen noch heute zur urbanen, sozialen und gestalterischen Qualität Wiens enorm bei. Eine Entwicklung, die sich aus der Positionierung der Innenstädte im Konkurrenzdruck mit den Einkaufscentern ergeben hat, ist die verstärkte Romantisierung und Musealisierung sowie eine Eventisierung des Stadtraums, insbesondere der Zentren. Eine Aufwertung und Besinnung auf vermeintliche Stärken der Stadt und eine touristische Ausrichtung sollten das in die Defensive geratene Stadtzentrum wieder konkurrenzfähig machen: „Die Stadtzentren werden mit Kampanilen und Torhäusern markiert, kunstvoll gepflastert und verkehrsberuhigt, postmodern dekoriert, mit gläsernen Pavillons, Bänken, Kübeln und schmiedeeisernen Laternen möbliert und passagenweise überdacht.[...] Die Städte betreiben eine Art Kathedralenpolitik. Sie konzentrieren ihre Anstrengungen auf das Stadtzentrum und suchen sich real so herzurichten, wie sie auf Postkarten zu sehen sind. Im Sichtschatten einer mit allen denkbaren Architekturgesten hochgestylten und mit allen möglichen kulturellen Einrichtungen ausstaffierten Innenstadt kann sich dann der gestaltlose Siedlungsbrei um so unbemerkter ausbreiten. Was die Stadtzentren erkennbar machen soll, läßt den Rest veröden.[...] In dem Maße, in dem Stadtkultur und Stadtgestaltung zu Mitteln der Wirtschaftspolitik werden, vertieft sich das Gefälle zwischen Metropole und Provinz, Stadtzentrum und Stadtteil. Jene, die haben, werden bevorzugt. Und die kulturellen Inhalte verengen sich auf Großveranstaltungen für einen international gängigen Geschmack.“ 41 39 Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit der Städte. Anstiftung zum Unfrieden(Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1965) 40 ebd., 9 41 Walter Siebel,„Die Städte betreiben Kathedralenpolitik“ Die Zeit Nr. 45 3.11.1989, http://www.zeit.de/1989/45/die-staedte-betreiben-kathedralpolitik 57 Auch Wien stärkte mit dem STEP 84 und dem Leitparadigma Stadterneuerung die„Bewahrung des großflächigen und ‚durchgängigen‘ Historismus als tragende Schicht für Stadtbild, Stadtraum und Urbanität“„zur Erhaltung der Spezifität und (auch touristisch hoch relevanten) ‚unique selling proposition‘“ 42 . Daneben wurde im Zuge der Rückbesinnung auf „Stadt“ dem öffentlichen Verkehr der Vorrang vor dem motorisierten Individualverkehr eingeräumt und die U-Bahn weiter ausgebaut, womit die Rolle der Innenstadt als öffentlicher(Verkehrs-) Knotenpunkt und Zentrum gestärkt wurde. Die Phase eines geringen quantitativen Bevölkerungswachstums wurde zur qualitativen Verbesserung der Stadtstruktur, Umwelt- und Lebensqualität und insbesondere der Stadterneuerung genutzt. Das weitere Stadtwachstum –„soweit Stadterweiterung noch erforderlich“ sei – sollte entlang von Siedlungsachsen erfolgen, die ausgehend vom Stadtkern an öffentlichen Verkehrslinien liegen und„aufzuwertende Zentren“ ausbilden, in denen eine„ähnliche urbane Atmosphäre erreicht werden[soll], wie sie im dicht bebauten Stadtgebiet bereits besteht“ 43 . Neue urbane Zentren? Kurze Zeit nach Veröffentlichung des Stadtentwicklungsplans 1985 wurde diese Stadterweiterung unerwartet schnell erforderlich: Der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 veränderte die geopoli42 Gottfried Pirhofer und Kurt Stimmer, Pläne für Wien – Theorie und Praxis der Wiener Stadtplanung von 1945 bis 2005, 78(Wien: Magistratsabteilung 18, 2007), 30, https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/studien/ pdf/b008280a.pdf 43 Magistratsabteilung 18, Stadtentwicklungsplan für Wien 1984,(Wien, 1985), https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/studien/pdf/ b004541a.pdf tische und wirtschaftliche Lage Wiens essenziell. Nach einer Phase der Stagnation stiegen die Bevölkerungszahlen Wiens infolge der starken Zuwanderung aus dem Ausland wieder. Gerade in Bezug auf Büroimmobilien, die damals nahezu ausschließlich aus adaptierten Altbauten in der Innenstadt bestanden, wurde der Druck spürbar und führte infolge zu neuen Projekten etwa entlang des Donaukanals. Mit der Donau City wurde ein multifunktionaler Stadtteil mit Schwerpunkt Wirtschafts- und Bürozentrum als Ergänzung zum historischen Stadtzentrum geschaffen, in dem die Nachfrage des Büromarkts in vorrangig adaptierten Altbauten nicht mehr gedeckt werden konnte und das kaum weitere Entwicklungsmöglichkeiten bot. „Die Aufwertung der Stadt, die vielfältigen Tendenzen einer‚neuen Urbanität‘ haben zu einer Überlastung der Innenstadt geführt. Gerade um die historische Innenstadt in ihrer Struktur und Qualität zu erhalten, diskutiert Wien seit mehreren Jahren verstärkt die Schaffung einer‚zweiten City‘, d.h. die Bündelung moderner Wirtschafts-, Büro- und Wohnfunktionen an hochwertigen Standorten, Kreuzungspunkten des hochwertigen ÖV.“ 44 Nachdem die EXPO an diesem Standort in einer Volksabstimmung 1991 abgelehnt wurde, sollte das Großprojekt als City-Erweiterung und gemischt genutztes Quartier die neue Lage Wiens(und Österreichs als neues EU-Mitglied) im „Herzen Mitteleuropas“ stärken und unter den Titeln„Wien an die Donau“ oder„Wien neu“ die 44 Arnold Klotz,„Die Entstehung des Stadtentwicklungsplanes 1993“, Perspektiven, Heft 3(1993), 17 58 Abb. 22 Ein„neues urbanes Zentrum“ – die Wienerberg City Stadtentwicklung im Osten Wiens ankurbeln und vor allem Modernität bieten. Mit einer Hochhausbebauung auf der Donauplatte sollte diese moderne Stadtsilhouette entstehen und Wien als moderne und internationale Stadt profilieren. In einer Entwicklungsachse vom„alten“ Wiener Zentrum entlang der Wagramer Straße/U1 bis zur Donau City wurden neue Projekte aufgefädelt und die Entwicklung entlang von Achsen analog zum Stadtentwicklungsplan forciert. Eine weitere Achse folgte der Donau als Waterfront-Entwicklung. Aber auch abseits dieser Entwicklungsachsen entstanden ab 1990„neue urbane Zentren“ 45 , die auf die starke Nachfrage nach Büroflächen am hochrangigen Verkehrsnetz und an Knoten der Uund S-Bahn reagierten, wobei alle vom Individualverkehr direkt erreichbar sind. Diese oftmals von privatwirtschaftlichen Investoren entwickelten Projekte wie die Wienerberg City im Süden Wiens verfügen als eigenständig geplante Subzentren über alle Funktionen eines Stadtquartiers. Im Gegensatz zu den Zentren der Suburbanisierung liegt hier der Schwerpunkt nicht auf Einzelhandel, sondern meist auf Bürokomplexen; daneben gibt es Wohnnutzung, Einkaufszentren oder Malls und als kulturelle Bereiche sogenannte„Urban 45 Gerhard Hatz und Elmar Weinhold,„Die polyzentrische Stadt: Neue urbane Zentren,“ in Städtebauliche Strukturen und gesellschaftliche Entwicklungen, Hrsg. Heinz Fassmann, Gerhard Hatz und Walter Matznetter,(Wien: Böhlau, 2009), 337 Entertainment Centers“ mit Kinos und Restaurants. Dennoch zeichnen sich viele dieser„neuen urbanen Zentren“ auch noch heute mehr durch ein Nebeneinander dieser Funktionen als durch eine lebendige Urbanität aus. Europaweit haben viele in ihrer Idee ähnliche Projekte vergleichbare Schwierigkeiten aufgrund ihrer Nutzungsmuster. Insgesamt wird grundsätzlich bezweifelt,„ob die Vorstellung einer vor allem durch Büroflächen geprägten City noch stadtökonomisch zeitgemäß ist“ 46 . Rückkehr des Shoppings in die Stadt Im Bereich von Shoppingcentern ist in den letzten Jahren eine Renaissance der(Innen-)Stadt zu erkennen. Wie die Kunden zieht es auch die Malls zurück in die Innenstädte, in denen sie sich eine verstärkte Frequenz erwarten. Gleichzeitig umgehen sie damit aber auch die strengeren Genehmigungsverfahren für Standorte auf der „grünen Wiese“. Gerade innerstädtische Knotenpunkte des öffentlichen Verkehrs werden zu Einzelhandels- und Dienstleistungsstandorten – zu„BahnhofCities” ausgebaut, wobei oftmals die eigentliche Bestimmung von Bahnhöfen und Verkehrsknotenpunkten in den Hintergrund tritt. Als„Shoppingmalls mit Gleisanschluss“ bezeichnet Dietmar Steiner 46 Tagungsdokumentation„die zukunft der zentren – die zukunft des handels“, Symposium in Hamburg, 1998, http://www.hamburg.de/ contentblob/135120/data/broschuere-zukunft-der-zentren.pdf 59 Abb. 23 BahnhofCity Wien- neue Zentren der Stadt? diese Entwicklung und prognostiziert, dass die „neuen Bahnhöfe[...] zu neuen Zentren“ werden; „das Gewicht der Stadt verschiebt sich sicher dorthin” 47. Mit der Veränderung des Fortbewegungsmittels verändert sich auch die Architektur und Struktur dieser Zentren. Der Shopping-Bahnhof nutzt den Verkehrsknotenpunkt, den Ankunfts-, Umsteige- oder Abfahrtsort und bietet gleichzeitig ein Zentrum für die Fußgänger aus der Stadt und für Autofahrer, wobei die Autos – im Gegensatz zu den Malls – in Garagen „versteckt“ werden. Dabei wird im Wandel eines Transitraums hin zu einem Aufenthaltsraum und Einzelhandelsstandort der ohnehin vorhandene Menschenstrom genutzt und versucht, diesen in einen Kundenstrom zu wandeln. Gleichzeitig dienen vieler dieser integrierten Einkaufzentren als Verdichtungspunkt eines bestehenden Stadtteilzentrums. Dabei ist es von Einzelfall zu Einzelfall und besonders von der Centergröße abhängig, inwieweit ein solches in Konkurrenz zu der umgebenden Struktur tritt oder diese durch gesteigerte Frequenz aufwertet, sodass dort Nischen bedient werden können. Parallel zur Renaissance der Innenstadt-Shoppingcenter wachsen jedoch auch jenseits des Stadtrands die Malls weiter: Die SCS im Süden von Wien bietet aktuell auf 192.500 m 2 vermietbarer Fläche„in über 330 Shops unbegrenztes 47 Christopher Wurmdobler,„Bahnhof verstehen,“ Falter 03(2008), www. falter.at/falter/2008/01/15/bahnhof-verstehen/ Shopping-Vergnügen“ 48 oder das 2012 neu eröffnete G3 im Norden von Wien wirbt mit 70.000 m² Verkaufsfläche, mit 4.000 gratis Parkplätzen und Shuttlebussen aus Wien. Trotz der stadträumlichen Unterschiede bedienen sich die neuen integrierten Center in der Gestaltung der Innenräume nahezu der gleichen Logik wie die peripheren: Sie bieten einen klimatisierten, sauberen und sicheren(überwachten) Flanierraum – einen abgeschlossenen Rückzugsort in der Stadt. Neue Zentren in der wachsenden Stadt Mit aktuell 1,8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern zeigt die Kurve der Bevölkerungsentwicklung heute wieder steil nach oben, nachdem der Wert 1987 mit 1,484 Millionen auf den niedrigsten Stand seit 1890 gefallen war. Spätestens 2030 soll nach aktuellen Prognosen erneut die 2-Millionen-Grenze überschritten werden. 49 Im aktuellen Stadtentwicklungsplan STEP 2025 werden demnach auch neue Zentren für die wachsende Stadt proklamiert, mit dem Ziel,„die vorhandene Zentrenvielfalt[zu] stärken“. Urbane Stadtteilzentren sollen„in einer ‚Stadt der kurzen Wege‘ umfassendere Versorgungsaufgaben für die Bevölkerung“ übernehmen und„mit Büros 48„Shopping City Süd Geschichte,“ http://www.scs.at/W/do/centre/ geschichte 49 MA 23, Wien wächst... – Bevölkerungsentwicklung in Wien und den 23 Gemeinde- und 250 Zählbezirken, Statistik Journal Wien 1/2014, https:// www.wien.gv.at/statistik/pdf/wien-waechst.pdf 60 Abb. 24 Stadterweiterung in der Seestadt aspern und Einzelhandel ebenso wie Gastronomie, öffentliche[n] und kulturelle[n] Einrichtungen, multimodale[r] Erreichbarkeit, aber auch Wohnraum und zugehörige[n] Versorgungseinrichtungen“ 50 ausgestattet sein. Unter anderem in der Seestadt Aspern, am Nordbahnhof oder in einem neuen Entwicklungsband vom neuen Wiener Hauptbahnhof mit dem Quartier Belvedere über das Arsenal zu Neu-Marx und Gasometer finden sich künftige„City-Erweiterungen“, die die Funktionen im 1. Bezirk und in der Donau City ergänzen sollen. Während durch die neue Teilstrecke der U-Bahn-Linie U2 zum Wienerberg, die 2023 eröffnet werden soll, ein vorhandenes„neues urbanes Zentrum“ verkehrstechnisch mit der Stadtmitte zusammenwachsen wird, bleibt noch offen, wie sich die bereits 2017 abgeschlossene Verlängerung der U1 nach Oberlaa auf diesen Stadtteil auswirken wird. Der neue Hauptbahnhof soll als„Visitenkarte für Wien als Tourismusmetropole und Wirtschaftsstandort“ fungieren, während das umgebende Entwicklungsgebiet in Bezug auf„Arbeit, Freizeit, Kultur, Sport oder Gesundheit[...] zu einem Treffpunkt und Ort der Kommunikation für Menschen unterschiedlicher Herkunft und aus allen Stadtteilen werden“ 51 soll. Mit dem Hauptbahnhof – der wie bereits beschrieben mit einem Einkaufszentrum erweitert wurde – bildet ein Verkehrsknotenpunkt Ausgangspunkt und Zentrum des neuen 50 MA 18, STEP 2025(Wien, 2014), 61 51„Quartier Belvedere,“ http://www.qbc.at/de/quartierbelvedere Stadtteils. Durch die Umorganisation von einem Kopf- in einen Durchgangsbahnhof und den Bedeutungswandel der Bahn für den Güterverkehr wurden hier zentrumsnah große Baulandreserven für die Innenentwicklung Wiens frei. Hier sollen sich Büros, Hotels, ein Schulcampus und Wohnbauten zu einem neuen Quartier fügen. Elf Hochhäuser mit überwiegend Büronutzung prägen das direkte Bahnhofsumfeld und unterstreichen die Bedeutung als„City-Erweiterungsgebiet“, das in seiner Ausrichtung immer noch – ähnlich der Donau City – durch Bürobauten geprägt wird, während das angrenzende Sonnwendviertel nahezu monofunktional als Wohnstandort mit großem Park fungiert. Wie das neue Quartier mit den alten Strukturen des Bezirks zusammenspielen wird, muss sich zeigen; gerade, weil die neue„Vorrangzone für die Ergänzung mit City-Funktionen“ 52 in direkter Nachbarschaft zur Favoritenstraße liegt, die mit ihrer Fußgängerzone und dem integrierten Einkaufszentrum noch im STEP 05 als„wichtiges Stadtzentrum“ genannt wurde und nun einer starken Konkurrenz ausgesetzt ist. In einem weiteren City-Erweiterungsbereich – der Seestadt Aspern – wird dagegen mit hohem Managementaufwand versucht, auf der„Roten Saite“ Qualitäten aus den gründerzeitlichen Vierteln in die Neubauquartiere zu übersetzen. Anstelle der Funktionstrennung sollen städtische Funktionen 52 MA18, STEP 2025(Wien, 2014), 67 61 Abb. 25„Leitbild Siedlungsentwicklung“ STEP 2025 62 wieder stärker gemischt werden und die Erdgeschoßzonen mit dem Ziel einer Stadt der kurzen Wege und der fußläufigen Nahversorgung gefüllt werden. So sollten die neuen„Citybereiche“ der wachsenden Stadt durch qualitative Merkmale einer hohen Urbanität, einer zeitgemäßen Durchmischung von Wohnen, Arbeiten, Kultur und Handel mit belebten Erdgeschoßzonen und hybriden Nutzungen, kurzum durch eine möglichst umfassende Zentrenausstattung, geprägt sein: „Für die kompakte Stadt der kurzen Wege braucht es eine möglichst kleinteilige Verteilung von Zentren, wo gewachsene Ortskerne genauso ihren Platz haben wie die City. Die Stärkung und Weiterentwicklung etablierter Zentren wird daher in den nächsten Jahren ebenso im Fokus stehen wie die Behebung von funktionalen Defiziten an einzelnen Standorten sowie die gezielte Entwicklung neuer Zentren im Zuge der Stadterweiterung.“ 53 53 MA 18, STEP 2025(Wien, 2014), 64 63 Abbildungsverzeichnis: Abb. 01 Wien um 1830, Carl Graf Vasquez,© Wien Museum Abb. 02 Gloggnitzer und Brucker Bahnhof, Stich von Nicolas-Marie-Joseph Chapuy, 1850,© Wien Museum Abb. 03 Burgring 1872, Foto: Michael Frankenstein,© Wien Museum Abb. 04 Innere Mariahilferstraße, Gemälde von Raimund von Stillfried-Rathenitz, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9e/Raimund_von_ Stillfried-Rathenitz_Innere_Mariahilferstra%C3%9Fe_1890s.jpg Abb. 05 Warenhaus Herzmansky, aus:„Der Architekt“(Wien, 1898) https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4b/Warenhaus_Herzmansky_Innenraum-1898.jpeg Abb. 06 Übersichtsplan, aus Otto Wagner: Die Großstadt. Eine Studie über diese, Wien 1911 Abb. 07 Karl-Marx-Hof, Quelle: WStLA, Presse- und Informationsdienst, FC: 50400/3 Abb. 08 Scan Titelseite Der Kuckuck 23, aus Der Kuckuck 23/1930, Druck- und Verlagsanstalt Vorwärts,(Wien, 1930) Abb. 09 Hochhaus Herrengasse, Theiss& Jaksch, 1932, https://www.wien.gv.at/ma53/rkfoto/2006/952g.jpg,© ÖNB Wien, Bildarchiv Abb. 10 Modell des Gauforums Wien, Quelle: WStLA, Fotosammlung allgemein, FC:3537 Abb. 11 Bombenschäden an der Albertina, Josef Schöner, 10. September 1944, Quelle: WStLA, Fotosammlung Schöner, FC: 12550/42 Abb. 12 Stephansplatz mit Verkehr, https://www.wien.gv.at/gallery2/rk/run.php?g2_view=core.DownloadItem&g2_itemId=3694&extension=.jpg Abb. 13 Opernpassage, Quelle: WStLA, Presse- und Informationsdienst, FC: 59345/3 Abb. 14 Per Albin Hansson Siedlung, Quelle: WStLA, Presse- und Informationsdienst, FC: 74182/5 Abb. 15 Roland Rainer: Kartierung Zentraler Einrichtungen, aus: Roland Rainer, Planungskonzept Wien, 1962, Wien: Verl. für Jugend und Volk Abb. 16 Roland Rainer: Belastung des 1. Bezirks durch den Individualverkehr, aus: Roland Rainer, Planungskonzept Wien, 1962, Wien: Verlag für Jugend und Volk Abb. 17 Vorschlag für die künftige Flächenwidmung, aus: Roland Rainer: Planungskonzept Wien, 1962, Wien: Verlag für Jugend und Volk Abb. 18 abstrahiertes Zentrenkonzept Wien, aus: Roland Rainer: Planungskonzept Wien, 1962, Wien: Verlag für Jugend und Volk Abb. 19 Systemschnitt U-Bahn Knoten Karlsplatz, http://www.wien.gv.at/ma53/rkfoto/2009/1729g.jpg,© Votava Archiv Abb. 20 Fußgängerstraße Favoritenstraße um 1980,© Foto: Archiv Bezirksmuseum Favoriten Abb. 21 Ausschnitt Stadtentwicklungsplan, aus: MA 18, Kurzfassung Stadtentwicklungsplan 1984(Wien, 1984), 39 Abb. 22 Wienerberg City, Foto: Stefan Groh Abb. 23 Hauptbahnhof Wien, Foto: Stefan Groh Abb. 24 Seestadt Aspern, Foto: Stefan Groh Abb. 25 Leitbild Siedlungsentwicklung, aus Stadtentwicklungsplan 2025, MA 18, STEP 2025(Wien, 2014), 67 64 65 Handel Geschäftsstraßen Detailmärkte Einkaufszentren Fachmärkte Verkehr/U-Bahn/Bahnhöfe/Technische Infrastruktur Öffentlicher Verkehr Hochrangiges Straßennetz/ Ring, Gürtel, Radialen Ankunftsorte Carsharing und Bikesharing Fußgänger- und Begegnungszonen Verwaltung/Büro/Zentrale öffentliche Infrastrukturen Bezirke und städtische Ämter Politische Zentren Büro- und Dienstleistungszentren Krankenhäuser und Gesundheitszentren Touristische Zentren/Freizeit Touristische Zentren Sportzentren Sommerzentren/Winterzentren Neue Stadtteile/Alte Ortskerne Dichte Erster Bezirk Historische Ortskerne Stadterweiterung und Nachverdichtung Lokale Zentren/Pop-ups/Urbane Mischnutzungen Lokale Mikrozentren Bildung/Kultur/Wissen/Glauben Universitäten und Fachhochschulen Schulen Außerschulische Bildungseinrichtungen Kultur-Zentren Glaubensräume 66 Abseits der Christallerschen Theorie 1 , Raum hierarchisch nach Funktionen zu kategorisieren, zu gliedern und planerisch eindeutige Zentren zu definieren, lässt sich heute in der Stadt eine Fülle unterschiedlichster Zentralitäten erkennen. All diese höchst ausdifferenzierten und spezialisierten Bausteine nehmen in unterschiedlicher Intensität Einfluss auf das Zentrensystem Wiens. Dabei weichen diese„neuen“ Zentralitäten in ihrer Logik und auch räumlich von klassischen Stadtzentren ab. Ursachen für diese Entwicklung findet man in der Individualmobilität, der Spezialisierung verschiedener Zentrenfunktionen, dem fragmentarischen Stadtwachstum oder etwa in der Vielzahl der an Stadtentwicklung beteiligten Akteurskonstellationen. schäftsstraßen ebenfalls lineare Zentren bilden – mit dem gravierenden Unterschied des Verkehrsmittels. Als Straßenräume bilden Ring und Gürtel in Wien wichtige und lokal höchst spezifische und stadtstrukturierende Zentrenstrukturen, die weit über ihre Bedeutung als Transitraum hinausgehen. Auch der öffentliche Verkehr bildet mit seinen Knotenpunkten stadträumlich wichtige Orte aus, die aufgrund ihrer Frequenz oftmals auch gesellschaftliche Knotenpunkte und Treffpunkte generieren. Mit neuen Linienführungen und Haltestellen greift die Stadtplanung direkt in die Entwicklung der Stadt und das Entstehen neuer urbaner Orte – von Zentren – ein. Aber auch weichere Systeme wie etwa Carsharing oder Bikesharing beeinflussen dieses System. Einige dieser Bausteine werden in der nachfolgenden Schichtenanalyse bezüglich ihrer programmatischen und raumtypologischen Eigenschaften analysiert, stadträumlich kartiert sowie ihre Lage und Bedeutung im Wiener Zentrensystem interpretiert. Bei dieser grafischen Analyse geht es nicht um eine 100-prozentige Vollständigkeit, weder in der Fülle unterschiedlicher Bausteine und Kategorien noch in der Verortung einzelner Strukturen, sondern um eine Beweisführung der Theorie, dass eindeutige Hierarchien in der Zentrenplanung nicht mehr vorhanden sind und eine Vielzahl unterschiedlichster Bausteine die polyzentrale Stadt ausmachen. Die Bandbreite reicht dabei von Geschäftsstraßen als lineare Zentrenstrukturen, die gemeinsam mit den Wiener Detailmärkten eng mit der gründerzeitlichen Entwicklung Wiens zusammenhängen, über Einkaufs- und Fachmarktzentren bis hin zu Einfallstraßen, die ähnlich wie die Wiener Ge1 System der Zentralen Orte nach Walter Christaller Mit der Situierung städtischer Ämter, von Krankenhäusern, Schulen oder Büchereien als„gesetzte Dienste“ kann die Stadt ebenfalls aktiv in die Wertigkeit von Stadträumen eingreifen. Ähnlich verhält es sich mit der Ausweisung neuer Fußgänger- oder Begegnungszonen, die die jeweiligen Bereiche der Stadt hierarchisch neu ordnen. Sowohl der Tourismus als auch verschiedene Freizeitnutzungen bilden eigene Zentren in der Stadt aus, die wiederum in ihrer Ausdehnung und Struktur saisonalen Änderungen unterliegen. Gerade die Freizeitnutzung unterliegt ähnlich dem allgemeinen Konsumverhalten hochdynamischen Trendveränderungen, was sich auf bestehende und auf neu entstehende Zentren auswirkt. Der 1. Bezirk als historisches Stadtzentrum nimmt in der Zentrendiskussion in Wien eine Sonderstellung ein, doch auch die historischen Ortskerne der eingemeindeten Vororte spielen stadträumlich eine wichtige Rolle und tragen bedeutend 68 zur Stadtidentität bei. Mit dem derzeitigen Stadtwachstum und den verschiedenen Zonen der Stadterweiterung und der Nachverdichtung wird sich die bestehende Zentrenstruktur – das Gravitationsfeld – weiter wandeln und neue Zentren werden entstehen. Darüber hinaus bilden lokale Mikrozentren neue kleinteilige und oftmals auch temporäre Zentren, die informell entstehen und stark von der Initiative und dem Engagement lokaler Akteurinnen und Akteuren abhängig sind. Kulturelle Nutzungen bilden in der Stadt eine eigene Struktur mit eigenständigen räumlichen Schwerpunkten je nach Subtyp und Zielgruppe, die darüber hinaus häufig auch Fixpunkte (sub)-kultureller Szenen darstellen. Viele dieser Kulturbauten haben über ihre Nutzung hinaus auch als Gebäude und Ensembles identitätsstiftende Signalwirkung. Auch Glaubensräume folgen in ihrer stadträumlichen Verteilung einer Eigenlogik und bilden für die Gläubigen soziale und kulturelle Zentren und gesellschaftliche Treffpunkte. Gerade Glaubensräume mit hoher Öffentlichkeit und besonderer architektonischer Gestalt strukturieren die Stadt und prägen das Bild der Stadt über Konfessionen hinweg. Nicht zuletzt bilden Bildungszentren – von Schulen bis zu Universitäten – zentrale Institutionen im System Stadt und besondere Orte im Stadtgefüge. Der öffentliche Raum bildet dabei die Erschließungsfläche für diese zentrumsbildenden Bausteine, wobei die stadträumliche Struktur, Ausstattung und Organisation wesentlich zu den zentrenbildenden Funktionen beiträgt. Erst durch das Zusammenspiel und Einwirken all dieser Bausteine entsteht das – ständig in Bewegung befindliche – Zentrensystem Wiens. 69 Handel Geschäftsstraßen Das System der Wiener Geschäftsstraßen basiert im Wesentlichen auf der gründerzeitlichen Stadtstruktur und hängt in ihrer Hierachisierung in Haupt- und Nebengeschäftsstraßen eng mit der Verbreitung der Straßenbahnen zusammen. Viele dieser linearen Zentren beschränken sich nicht auf die Funktion als Einkaufsstraße, sondern dienen auch als lang gestreckte Stadträume mit Aufenthaltsfunktion. Funktionierten die Geschäftsstraßen in den 1960er-Jahren noch flächig als lineare Zentren des Konsums und der Versorgung, führte die Veränderung des Konsumverhaltens, die Steigerung der individuellen Mobilität und der hohe Konkurrenzdruck durch dezentrale Shoppingcenter zu tiefgreifenden Veränderungen in der Struktur der Geschäftsstraßen, die zunehmend unter Druck gerieten. Diese Entwicklungen führten auf der einen Seite zu teils hohen Leerstandsraten, verwahrlosten Geschäftslokalen und zu einer damit einhergehenden Abwärtsspirale, auf der anderen Seite zu einer weitaus stärkeren Ausdifferenzierung der hierarchischen Ordnung in den Geschäftsstraßen. So sind es gerade die Geschäftsstraßen der höchsten Hierarchiestufe, die erfolgreich in den Konkurrenzkampf mit den suburbanen Shoppingcentern getreten sind, wobei sie sich in Bezug auf den Filialisierungsgrad, Konsumverhalten und Geschäftslogik häufig den Shoppingcentern angeglichen haben. Aktuell gibt es in Wien noch viele Geschäftsstraßen mit gemischten Einzelhandels- und Dienstleistungsstrukturen, von denen die hierarchisch niedrigeren häufig noch nicht von Ketten dominiert sind. Jedoch sind häufig der Erhalt und die Entwicklung dieser Strukturen auf lange Sicht nicht gesichert und von wenigen Einzelakteurinnen und-akteuren oder Gruppen abhängig, die sich für die Strukturen und die Gemeinschaft einsetzen. Mit dem Programm der„Wiener Einkaufsstraßenförderung“ oder dem Pilotprojekt „Lebendige Straßen“ werden von Seiten der Stadt der Erhalt und die Weiterentwicklung der Wiener Geschäftsstraßen gefördert. Des Weiteren werden verschiedenste Vereine vom Wiener Wirtschaftsförderungsfonds unterstützt. Mit der Renaissance der Innenstädte und auch als Gegentrend zur Enträumlichung des Onlinehandels gewinnen das lokale Umfeld und die Nachbarschaft in der Stadt wieder stärker an Bedeutung. In den Nebenlagen liegt durch die architektonische Ausgestaltung der gründerzeitlichen Stadtstruktur und die Durchmischung von Arbeits-, Wohn- und Versorgungsstrukturen ein hohes Potenzial in den Erdgeschoßflächen, gerade für eine Stadtstruktur der kurzen Wege. Die Wiener Geschäftsstraßen konzentrieren sich auf gründerzeitliche Gebiete hoher Dichte. Aber auch in der Seestadt Aspern wird mit hohem Managementaufwand auf der„Roten Saite“ versucht, Qualitäten aus den gründerzeitlichen Vierteln in die Neubauquartiere zu übersetzen. Anstelle der Funktionstrennung sollen städtische Funktionen wieder stärker gemischt werden und die Erdgeschoßzonen mit dem Ziel einer Stadt der kurzen Wege und der fußläufigen Nahversorgung gefüllt werden. 70 Handel Detailmärkte Auf allen wichtigen Plätzen der heutigen Inneren Stadt und der Vororte etablierten sich im Mittelalter Märkte, die die Versorgung mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs sicherten. Einige Platz- und Straßennnamen, wie Getreidemarkt, Hoher Markt oder Fleischmarkt, erinnern noch heute an die frühere Nutzung als Marktplatz. Heute übernehmen Märkte in Wien wichtige Funktionen in der Nahversorgung, aber auch als kommunikative Zentren. Seit der statistischen Aufzeichnung mit der Gründung des Marktamtes 1839 sank die Zahl der Wiener Detailmärkte bis 2013 von 32 auf 17. Dennoch haben die Besuchszahlen gerade in den letzten Jahren wieder zugenommen, nachdem die Märkte durch ein verändertes Konsumverhalten der Bevölkerung und einen gestiegenen Konkurrenzdruck im Einzelhandel stark an Bedeutung eingebüßt haben. 2013 besuchten durchschnittlich 325.000 Menschen pro Woche die Wiener Märkte, wobei die Besucherzahlen höchst unterschiedlich verteilt sind. Der Naschmarkt boomt mit 62.300 Besucherinnen und Besuchern pro Woche, während der Floridsdorfer Markt mit 5.700 Besucherinnen und Besuchern an vorletzter Stelle rangiert. Hinzu kommen die kleineren und temporären Märkte – Wochen- oder Bauernmärkte oder einfache Straßenstände an einzelnen Markttagen. Der Kauf und Verkauf von regionalen Produkten am Markt schafft einen Gegentrend zum globalisierten und anonymen Lebensmittelhandel. Oft direkt von den Produzentinnen und Produzenten verkauft, vermitteln die Waren auf den Märkten ein Gefühl von Regionalität und erfüllen ein Bedürfnis nach lokaler Verankerung. Neben einer wichtigen Stellung als Nahversorger in ihrem Grätzel nehmen viele Märkte auch eine große Bedeutung als Treffpunkt und kommunikatives Zentrum innerhalb des Stadtquartiers ein. Geprägt durch Verkaufsstände verschiedener Ethnien sind viele Wiener Märkte auch soziale und multiethnische Begegnungszonen. So treffen etwa am Brunnenmarkt Menschen aus unterschiedlichen Schichten aufeinander, wenn neben teuren Bioprodukten und Spezialitäten Eier zu Billigpreisen verkauft werden. Am direkt anschließenden Yppenplatz hat sich in den letzten Jahren eine lebhafte Lokalkultur etabliert. Der Naschmarkt ist längst zum populärsten der Wiener Detailmärkte und zum touristischen Höhepunkt geworden. Doch läuft er durch eine zu starke Touristifizierung, die sich auch in der Eröffnung zahlreicher Souvenirshops abzeichnet, Gefahr, seine Identität und Bedeutung als Lebensmittelmarkt zu verlieren. Der Besuch am Markt verwandelt sich vom einfachen Einkaufen zur Freizeitbeschäftigung. Man geht zu Veranstaltungen, verabredet und trifft sich am Markt. Ein Drittel der verbauten Flächen der Märkte darf für Gastronomie verwendet werden, so verwandeln sich manche Märkte durch die Lokale nach Marktschluss in einen großen Schanigarten. Einen Bedeutungswandel zu Treffpunkt und Kommunikation hat neben dem Vorgartenmarkt und dem Kutschkermarkt auch der Meidlinger Markt erfahren. Zusätzlich zur Erweiterung der Angebotsvielfalt hat sich ambitionierte Gastronomie angesiedelt, welche als richtungsweisende Impulse für die zukünftige Entwicklung des Grätzels betrachtet werden können. Die Wiener Märkte haben das Potenzial, soziale Knotenpunkte innerhalb der Stadt zu bilden, die als zentrale Treffpunkte funktionieren und Begegnung und Kommunikation ermöglichen. Sämtliche Detailmärkte Wiens befinden sich in Gebieten mit einer hohen Bevölkerungsdichte und beschränken sich – bis auf den Floridsdorfer Markt – auf den cisdanubischen Bereich. 72 Handel Einkaufszentren Einkaufszentren sind als Einheit geplante, gebaute und verwaltete Einrichtungen mit mehreren Einzelhandels- und weiteren Dienstleistungsbetrieben, ergänzt durch Gastronomie- und Freizeiteinrichtungen.„Unter einem Dach“ bieten Shoppingcenter eine kalkulierte Angebotsmischung an unterschiedlichen Konsumbedürfnissen und übernehmen verstärkt auch Teilaufgaben des öffentlichen Raums, ohne die gleiche Offenheit in den semiöffentlichen Orten zu bieten. 1962 eröffnete mit dem Ekazent Hietzing das erste Einkaufscenter in Wien in unmittelbarer Nähe des Verkehrsknotenpunkts Kennedybrücke. Mittlerweile gibt es im Wiener Stadtgebiet rund 35 Shoppingcenter – mit insgesamt 700.000 m 2 vermietbarer Fläche –, die das historisch gewachsene Geschäftstraßensystem Wiens ergänzen, aber auch in direkter Konkurrenz dazu stehen. Hinzu kommt in der Wiener Agglomeration noch das 2012 eröffnete G3 in Gerasdorf und die 1976 eröffnete Shopping City Süd, die insgesamt mit einer vermietbaren Fläche von über 225.000 m 2 und einem Umsatz auf dem SCS Areal von 1,1 Milliarden Euro starken Einfluss auf die Wiener Einzelhandelsstruktur ausübt. 1 Obwohl Österreich mit den Verkaufsflächen pro Kopf europaweit führend ist, nimmt die Verkaufsfläche in Wien bei stagnierender Kaufkraft weiter zu. Während gerade die großen Malls in der Vergangenheit als autonome Konsum- und Erlebnisräume auf der„grünen Wiese“ errichtet wurden und damit auf Kunden mit Autos orientiert waren, entstanden in den letzten Jahren neue„integrierte“ 1 Vgl. Regioplan„Shoppen am Bahnhof: Wiens drittes Bahnhofscenter wird eröffnet!“, http://www.regioplan.eu/MailingPRA/07_PRA_Bahnhof/PRA%20Er%C3%B6ffnung%20SC%20Hauptbahnhof_08102014. pdf Einkaufszentren an hochrangigen Knotenpunkten des öffentlichen Verkehrs in der Innenstadt. Mit diesem Bekenntnis zur Stadt verändert sich auch der Modal Split der Kundinnen und Kunden. Zwar gibt es nach wie vor Parkmöglichkeiten für Autos, jedoch erreicht ein großer Teil der Kundschaft die Einkaufszentren über den öffentlichen Verkehr oder zu Fuß. Diese Zentren bilden dabei häufig einen punktuellen Knoten in einer bestehenden linearen Zentrenstruktur wie einer Geschäftsstraße. So treten diese zwar in Konkurrenz mit dem bestehenden Einzelhandel vor Ort, können unter Umständen jedoch auch die angrenzenden Geschäfte mit verstärkter Kundenfrequenz beleben und eine komplementäre Funktion zu den gewachsenen Geschäftslagen übernehmen, soweit die kleineren Fachgeschäfte mit ihrem spezialisierten Warensortiment eine Nische bedienen können. Voraussetzung für solche Synergieeffekte sind standortgerechte Baukubaturen und Verkaufsflächengrößen der Malls, eine gestalterische Abstimmung auf die Umgebung, die stadträumliche Öffnung, eine Verzahnung und Einbindung im Bezug auf öffentliche Wegebeziehungen sowie eine sorgfältig abgestimmte Sortimentplanung. Ein wesentlicher Aspekt der Center, die autarke Funktionsfähigkeit, müsste somit im innerstädtischen Bereich hinterfragt werden. Diese Faktoren entscheiden mit, inwieweit das Stadtteilzentrum mit einer Neuansiedlung eines Shoppingcenters insgesamt gewinnen kann oder die bestehende Geschäftsstruktur sowie das Stadtbild an Attraktivität und der öffentliche Raum an Vitalität einbüßen. Zwar ist die numerische Dichte an Shoppingcentern in der Innenstadt hoch, jedoch nimmt die Verkaufsflächengröße bei den Centern„auf der grünen Wiese“ gravierend zu. Auffallend ist die Shopping City Süd an der südlichen Wiener Stadtgrenze als größtes österreichisches Shoppingcenter und einer daran anschließenden Fachmarktagglomeration. Während diese an der Strecke der Lokalbahn Wien-Baden liegt und somit auch ohne Auto erreichbar ist, orientiert sich das kürzlich im Nordosten eröffnete Shopping Resort G3 – mit einer ebenfalls überdurchschnittlichen Verkaufsfläche von 70.000m² – am Individualverkehr. Innerstädtisch ragt das Donau Zentrum mit ca. 130.000 m² Verkaufsfläche heraus. Mehr als die Häfte der(flächenmäßig kleineren) Shoppingcenter sind in bestehende Geschäftsstraßen integriert und mit der U-Bahn erreichbar. 74 Handel Fachmärkte Fachmärkte zeichnen sich durch eine starke Spezialisierung auf eine Sortiments- oder Zielgruppe aus. Häufig sehr flächenexpansiv, discountorientiert und nicht in die Stadtstruktur integriert sind sie vorrangig auf Autokundinnen und-kunden spezialisiert. Die Standorte liegen daher sehr verkehrsgünstig und bieten ein großräumiges Angebot an kostenlosen Stellplätzen. Beispiele für Fachmärkte sind Baumärkte, Möbelhäuser und Elektronikmärkte, aber auch Drogeriemärkte, Textil- und Schuhketten und Haustierbedarfsmärkte gehören zu dieser Kategorie. Mehrere Fachmärkte werden als Fachmarktagglomerationen oder Fachmarktgebiete bezeichnet, wobei diese fast immer gewachsen sind und damit nicht gemeinsam geplant wurden. Durch diese Häufung und räumliche Konzentration entstehen Kopplungseffekte, die infolge zu einer regionalen Ausstrahlungskraft von Fachmarktagglomerationen führen kann. Fachmarktzentren oder-zeilen sind dagegen als Einheit geplant, errichtet und häufig auch zentral mit vermehrt kleinflächigeren Anbieterinnen und Anbietern gemanagt. In der Regel werden die einzelnen eingeschoßigen Geschäfte über den davorliegenden Parkplatz erschlossen. In kurzer Zeit seit Aufkommen dieser großflächigen Betriebsform des Einzelhandels haben Fachmärkte einen enorm hohen Anteil an Verkaufsfläche und Umsatz entwickelt. So machen Fachmarktzentren und Fachmarktagglomerationen in Wien bereits knapp 40% der Gesamtverkaufsfläche aus 1 und versprechen für Investorinnen und Investoren besonders hohe Renditen. Doch durch die rein funktionale Architektur und die Autoaffinität der Betriebsformen entstehen häufig Märkte ohne jegliche Aufenthaltsqualität und mit Barrierewirkung für Fußgängerinnen und Fußgänger. Stadtstrukturell haben diese Fachmarktansiedlungen negative Auswirkungen auf das Einzelhandelsangebot in den lokalen Bezirkszentren und die Stadtgestalt; sie sind sehr flächenintensiv und erhöhen die Abhängigkeit vom Individualverkehr. Mittlerweile werden kaum noch neue Fachmarktstandorte in Österreich entwickelt, sondern bestehende Standorte modernisiert und erweitert. Durch das Wachstum Wiens verändern sich die Anforderungen an bestehende Standorte, die in ihrer derzeitigen Autoorientiertheit und Maßstäblichkeit angepasst werden müssen. In Bezug auf die Architektur und den immensen Flächenverbrauch hat sich 2014 der Wiener Gemeinderat dafür ausgesprochen, dass„einstöckige Gebäude, die ausschließlich dem Handel dienen, schrittweise durch gemischt genutzte Gebäude(etwa mit Wohn-, Arbeits- oder Bildungseinrichtungen) ersetzt und allfällige Parkplätze so angeordnet werden, dass sie platzsparend überbaut werden.“ 2 1 vgl. Bank Austria:„Der österreichische Immobilienmarkt – klein, aber fein“, http://www.bankaustria.at/files/RealEstate_Oesterreich_deutsch. pdf 2 vgl.„Grüne Wien/Chorherr: Wegweisender Beschluss des Gemeinderats: Stadt verdichten – Supermärkte überbauen“, http://www.ots. at/presseaussendung/OTS_20141203_OTS0101/gruene-wienchorherr-wegweisender-beschluss-des-gemeinderats-stadt-verdichten-supermaerkte-ueberbauen Aufgrund ihrer Ausrichtung auf Autokundschaft sind Fachmarktzentren vermehrt an Ein- und Ausfallstraßen, in Gewerbegebietslagen und in der Peripherie Wiens zu finden. Besonders große Agglomerationen treten in Kombination mit Einkaufszentren, wie etwa dem Shopping Center Nord oder der Shopping City Süd auf. 76 Verkehr/U-Bahn/Bahnhöfe/Technische Infrastruktur Öffentlicher Verkehr Städte fußen in ihrer Dichte und Vielfalt auf Mobilität. Für die Bewohnerinnen und Bewohner ist die Möglichkeit der Überwindung von räumlichen Distanzen eine wichtige Voraussetzung für die Teilnahme am wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben in der Stadt. Dabei stehen der gebaute Raum und verschiedene Mobilitätsformen in einer Wechselbeziehung und enger Abhängigkeit. Eine zersiedelte Stadt geringer Dichte oder großer monofunktionaler Strukturen erschwert den Fuß- und Radverkehr. Kompakte, kleinteilige und durchmischte Strukturen hingegen fördern die Nahmobilität zu Fuß oder mit dem Rad und machen die Nutzung eines Autos im Alltag unnötig. Gleichzeitig ermöglicht eine dichte Stadtstruktur den ökonomischen Betrieb hochrangiger öffentlicher Verkehrssysteme. Dabei stellt der öffentliche Verkehr als System, das multimodal ineinandergreift, gerade in Ballungsräumen eine klare Alternative zum Auto dar. Auf der anderen Seite formt Mobilität auch Stadt. Gerade der Ausbau hochrangiger öffentlicher Verkehrsmittel ist ein wesentliches Instrument der Stadtentwicklung. Die Erweiterung des öffentlichen Verkehrsnetzes führt zur Attraktivierung von Stadtgebieten, wobei jedoch auch die Grundstückspreise und die Mieten steigen. Der Ausbau stellt einen gezielten Eingriff in das städtische System dar. Er fördert und erfordert an den Haltepunkten durch die gebotene Erreichbarkeit höhere Dichten und unterstützt eine Konzentration von Nutzungen in den Einzugsbereichen und damit von Zentralität. Aber auch die Modifikation weicher Faktoren, wie die Vergünstigung der Jahreskarte, die angedachte Ausdehnung ihrer Gültigkeit für das Wiener Umland oder die erweiterte Parkraumbewirtschaftung, wirken sich auf das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung aus. Mit der Veränderung der Mobilität verändert sich auch die Stadt. Das U-Bahn-Netz Wiens ist immer noch stark auf den historischen Stadtkern ausgerichtet. So umlaufen bzw. kreuzen vier der fünf U-Bahn-Linien den 1. Bezirk und schaffen rund um die Innere Stadt Verkehrsknoten. Verkehrsknoten und multimodale Umsteigepunkte nehmen in der Stadt wichtige Funktionen als Treffpunkte und Aufenthaltsorte ein. Aufgrund der Lagegunst und der hohen Frequenz sind viele dieser Knoten mit Zusatznutzungen ausgestattet. Das reicht von Stehcafés in kleineren Knoten bis zu neuen Shoppingmalls etwa an der Station Landstraße oder am Hauptbahnhof. Ein engmaschiges Straßenbahn- und Busnetz ergänzt in Stadtgebieten mit hoher Bevölkerungsdichte die flächige Mobilitätsversorgung. S-Bahn-Linien verbinden die Stadt mit dem näheren Umland. 78 Verkehr/U-Bahn/Bahnhöfe/Technische Infrastruktur Hochrangiges Straßennetz/Ring, Gürtel, Radialen Weit mehr als eine hochrangige Straße ist die Wiener Ringstraße ein Ensemble aus repräsentativen Bauten, Palais, Parks und Monumenten. Sie nimmt mit ihren hochrangigen öffentlichen, wirtschaftlichen und touristischen Funktionen eine Sonderstellung in der Stadt ein. Im Zuge der Schleifung der Befestigungsanlagen rund um die Innenstadt wurde von Kaiser Franz Joseph I. der Bau der Prachtstraße auf dem freigewordenen Glacis angeordnet. Sie sollte die vormaligen Vorstädte und die Residenzstadt verbinden, welche damit als neues Zentrum einer wachsenden Metropole definiert wurde. 1865 offiziell eröffnet, steht sie heute – 150 Jahre danach – im Zuge der stark wachsenden Stadt im Spannungsfeld zwischen einer hohen Entwicklungsdynamik und den Ansprüchen des Denkmalschutzes. Ebenfalls in einem Ringsegment führt der Wiener Gürtel als Hauptverkehrsader um den Stadtkern und ist die am stärksten befahrene Landesstraße in Österreich. Neben der Bedeutung für den Auto- und öffentlichen Verkehr mit U-Bahn und Straßenbahn bildet der Gürtel auf dem Gebiet des abgetragenen Linienwalls auch eine starke Linie innerhalb der Stadt aus. War diese gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch eine enorme Verkehrsbelastung und das Rotlichtmilieu eine trennende, wurde durch die Aktivierung der Gürtelmittelzone ein verbindender und wichtiger Ort der Stadt geschaffen. In insgesamt 218 Stadtbahnbögen unter der in Hochlage geführten U6 haben sich viele Lokale angesiedelt, die Wiener Hauptbücherei wurde offensiv direkt in die Mittelzone gebaut oder die Mittelzone durch Freizeitzonen und Grünräume aufgewertet. Neben der Ringstraße und dem Gürtel definieren die Radialstraßen, die sternförmig auf den Gürtel ausgerichtet sind, um von dort aus den Verkehr in der Stadt zu verteilen, die städtebauliche Struktur und das Leben in der Stadt. Diese Hauptverkehrswege gehören zu den ältesten und prägendsten Elementen der Stadt: Konstant in ihrer Grundstruktur und Lage, haben sie sich in Funktion und Querschnitt stetig verändert. Waren sie einst multifunktionale städtische Straßenräume, haben sie sich durch ihre Spezialisierung und ihren Ausbau mehr und mehr zu monofunktionalen Verkehrsachsen entwickelt. Mit den beiderseits flankierenden Randzonen bilden diese linearen Verkehrsflächen mittlerweile in ihrer wechselseitigen Ausrichtung – sowohl als Einfall- als auch Ausfallstraßen – eine voneinander abhängige, nahezu eigenständige Struktur: Fachmarktzentren, Großsupermärkte, Drive-in-Restaurants und Tankstellen sind alle auf das Auto ausgerichtete Strukturen, die im Zuge der autogerechten Stadt, des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Suburbanisierungswelle ab den 1950er-Jahren entstanden sind. Gleichzeitig besteht eine wechselseitige Entwicklungsdynamik zwischen dieser Struktur und der Beschleunigung der suburbanen Zersiedelung. Alle dieser drei Straßentypen haben doppelten Einfluss in der Stadt. Einerseits zerschneiden sie mit ihrer Verkehrsbelastung das Stadtgefüge und belasten die Stadt mit Lärm und Abgasen, andererseits wirken sie vernetzend, strukturieren den Stadtraum, bilden wichtige Verknüpfungen mit der Großstadtregion und bilden auch Lebensadern der Stadt. Sternförmig strahlen die Ein- bzw. Ausfallstraßen von Wien aus, bevor sie im System des Gürtels bzw. der Lände aufgenommen werden. Viele dieser Radialen tragen ihre Ziel- oder Herkunftsorte im Namen: von der Klosterneuburger Straße über die Triester, bis hin zur Prager, Budapester oder Brünner Straße. Sowohl die Ringstraße um den Ersten Bezirk als auch der Gürtel, der die inneren von den äußeren Bezirken trennt, übernehmen als verkehrstechnisches Rückgrat sowohl für den Individualverkehr als auch für den öffentlichen Verkehr wichtige Verteilerfunktionen. Darüber hinaus strukturieren diese Straßenzüge die Stadt und sind auch durch ihre„Tor-Funktion“ als identitätsgebende Bausteine nicht zu unterschätzen. 80 Verkehr/U-Bahn/Bahnhöfe/Technische Infrastruktur Ankunftsorte Täglich kommen zahlreiche Menschen nach Wien. Als Pendlerinnen, Pendler, Touristinnen, Touristen oder als Neuzugezogene kommen sie für einen Arbeitstag, eine Woche oder bleiben vielleicht ihr Leben lang. Die jeweiligen Ankunftsorte sind wichtige Bezugspunkte für sie. Diese konkreten Orte des Ankommens in einer Stadt ermöglichen den Eintritt in die Stadt und prägen damit entschieden den ersten Eindruck und das Image der Stadt. Sie fungieren als Empfangsraum und Visitenkarte. Zwar sind sie für den Transit gebaute Räume, erfüllen jedoch gleichzeitig repräsentative Funktionen. Obwohl sie infrastrukturell vernetzend wirken, haben sie oftmals durch die räumliche Ausdehnung der Verkehrsträger auf der lokalen räumlichen Ebene trennende Eigenschaften. Dabei unterscheiden sich die Orte in der Ausdehnung ihrer räumlichen Vernetzung und in ihrer Frequenz: von internationalen Knoten wie dem Flughafen oder Hauptbahnhof, über Regionalbahnhöfe, Busbahnhöfe, Schiffsanlegestellen an der Donau bis hin zu Park+Ride-Stationen. Vielerorts wird die vorhandene Frequenz sowie die Lagegunst dieser Ankunftsorte genutzt und es entsteht ein Angebot weiterer Funktionen vor Ort. Sowohl der Flughafen als auch der Hauptbahnhof wurden um große Shoppingflächen erweitert. Und auch im Fall einiger Park+Ride-Stationen wurden die Standorte mit Nutzungen wie Fitnesscenter oder Nahversorgungseinrichtungen verdichtet. Für Freizeitaktivitäten und als Einkaufseinrichtungen werden die Ankunftsorte abseits ihrer eigentlichen Bestimmung als Transiträume selbst zu Zielen oder Aufenthaltsorten in der Stadt. Sowohl der Flughafen Wien-Schwechat als auch der neue Hauptbahnhof bilden für Wien wichtige Ankunftsorte mit internationaler Bedeutung. Daneben bilden verschiedene Bahnhöfe, Busbahnhöfe oder Schiffsanlegestellen bedeutende Knotenpunkte in dem System aus. Auch die Lokal- und S-Bahnhöfe sowie die Park+Ride-Stationen an den Einfallstraßen sind täglich für tausende Ankommende wichtige Orte als Eintrittspunkte in die Stadt. 82 Verkehr/U-Bahn/Bahnhöfe/Technische Infrastruktur Carsharing und Bikesharing Zwar handelt es sich bei Carsharing nicht um ein klassisches öffentliches Verkehrsmittel, jedoch bestehen zwischen den beiden Systemen klare Abhängigkeiten, Synergiemöglichkeiten und auch Konkurrenzen. Carsharing, also das organisierte gemeinschaftliche(häufig kurzfristige) Nutzen eines Autos ist Teil der„kombinierten Mobilität“ und funktioniert am besten dort, wo die Schnittstelle zum öffentlichen Verkehr gut gegeben ist. So wird mit Car- und Bikesharing-Standorten an Verkehrsknotenpunkten das Umsteigen zwischen unterschiedlichen Verkehrsmitteln, die multimodale Vernetzung gefördert. Als Ergänzung zu Gehen und Radfahren und den Angeboten des öffentlichen Verkehrs wird das Auto nur im Bedarfsfall genutzt, anstatt es zu besitzen. Alternativ zum privaten Pkw bietet eine Auswahl an Autos verschiedener Klassen ein jeweils bedarfsgenaues Angebot und eine zeitlich optimierte Mobilitätslösung. Autos werden effektiver und wirtschaftlicher genutzt. Auf längere Sicht verringert Carsharing die Zahl der Pkw und wirkt sich damit positiv auf die Stellplatzsituation im öffentlichen Raum aus. Jedoch besteht auch die Gefahr, dass Strecken, die zuvor mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad zurückgelegt wurden, aus Bequemlichkeit wieder mit dem Auto gefahren werden, gerade auch weil sich das Angebot in den Gebieten der Stadt konzentriert, in denen das öffentliche Verkehrsnetz ohnehin dicht ist, die Randbezirke jedoch ausspart. Derzeit gibt es in Wien vier Carsharinganbieter, wobei zwischen zwei grundsätzlich unterschiedlichen Varianten zu unterscheiden ist: Während die Autos von zipcar und Flinkster auf festen Parkplätzen in Wien verteilt stehen und auch an diese Standorte zurückgebracht werden müssen, können die Fahrzeuge von car2go und DriveNow frei im öffentlichen Parkraum abgestellt werden, soweit dieser im Geschäftsgebiet der Anbieter liegt. Leihfahrräder werden in Wien unter dem Namen Citybike an mittlerweile 120 Stationen in der Stadt angeboten. Die erste Stunde ist gratis, danach gilt ein gestaffelter Tarif. Die Stadt Wien hat sich im „Fachkonzept Mobilität“ zum Ziel gesetzt, dass bis zum Jahr 2025 80% der Alltagswege klimafreundlich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt werden sollen. Neben Verbesserungen im öffentlichen Verkehr und der Förderung von Gehen und Radfahren kommt dem Carsharing eine zentrale Rolle in der Erfüllung dieser Ziele zu. So soll bis 2025 für mindestens 50% der Wiener Bevölkerung in maximal 500 Metern ein Carsharing-Standort erreichbar sein. Eine Leihradstation soll bis dahin für mindestens 40% der Bevölkerung in maximal 300 Metern Entfernung vorhanden sein. Sowohl bei den standortgebundenen als auch bei den standortunabhängigen Anbietern korrelieren die Stationen bzw. Flächen mit den Knoten und Einzugsbereichen des öffentlichen Verkehrs. Die fixen Standorte bündeln sich in den inneren Bezirken. Die beiden dezentralen Anbieter haben eine ähnliche Form der Ausdehnung ihrer Geschäftsgebiete, wobei car2go mit derzeit 800 Autos ein größeres Gebiet bedient als DriveNow, das mit einer Flotte von aktuell 400 Autos erst 2014 in den Wiener Markt eingestiegen ist. Ausschlussgebiete bei beiden Anbietern sind das Arsenal und eine Kleingartenanlage im 22. Bezirk. Da die Akzeptanz des Angebots mit der Verfügbarkeit der Fahrzeuge zusammenhängt, werden bei beiden Anbietern die Randgebiete Wiens ausgespart, um in den zentralen Bezirken genügend Fahrzeuge zur Verfügung zu haben. Die Geschäftsgebiete bleiben dabei jedoch anpassungsfähig und sind vergrößer-, aber auch verkleinerbar. Die Geschäftsgebiete stützen sich jedoch auch auf soziokulturelle Faktoren; so funktioniert das standortungebundene Carsharing besonders dort,„wo die Bevölkerungsdichte hoch und der Autobesitz gering ist, viele Singles leben und eine Mischnutzung aus Wohnen, Arbeiten und Ausgehen vorzufinden ist“ 1 . Die 120 Citybike-Stationen sind vorrangig an Stationen des öffentlichen Verkehrs angesiedelt und konzentrieren sich auf Stadtgebiete mit hoher Frequenz und hoher Bevölkerungsdichte, jedoch rein auf die cisdanubischen Bezirke. 1 Mark Spörrle,„Warum gibt es den Carsharing-Anbieter DriveNow nicht in Harburg?“, Die Zeit, 11.09.2014, http://www.zeit. de/2014/36/carsharing-drivenow-harburg 84 Verkehr/U-Bahn/Bahnhöfe/Technische Infrastruktur Fußgänger- und Begegnungszonen Die erste Fußgängerzone Wiens, die Kärntner Straße, wurde 1974 offiziell eröffnet. Damit wurde ein autofreier Raum in zentraler Lage geschaffen, der die Aufenthaltsqualität und Identität des Stadtkerns stärken und den Menschen als Flanierund Konsumbereich dienen sollte. Während die angrenzenden Straßen dem privaten Autoverkehr und dem Lieferverkehr dienen, wurde eine Zone maximal in ihrer Bedeutung gestärkt. Sowohl in der allgemeinen Bewertung als auch im Wert wurden Teile der Stadt in Vorder- und Rückseiten unterteilt. Doch im Gegenteil sind gerade die großen Einkaufsstraßen und sukzessive erweiterte Fußgängerbereiche in den Großstädten Erfolgsgaranten und stellen in vielen Städten das urbane Zentrum mit der höchsten Frequenz dar. Mit der gesteigerten Lagegunst ist jedoch auch eine Mietsteigerung verbunden, die in Folge die allgemeine Entwicklung von inhabergeführten Fachgeschäften zu Filialen beschleunigte. Gleichzeitig glichen sich diese Fußgängerzonen in ihrer einheitlichen Gestaltung, ihren Strukturen und der Geschäftslogik an regionale Einkaufscenter an. Die Entstehung und Verbreitung von Fußgängerzonen war stark vom Wirtschaftswachstum der 50er- und 60er-Jahre geprägt. Des Weiteren wurde damit versucht, Innenstädte aufzuwerten, die einerseits unter der zunehmenden Konkurrenz neuer suburbaner Einkaufszentren auf der„grünen Wiese“ unter wirtschaftlichen Druck gerieten und auf der anderen Seite unter einem extremen Verkehrsaufkommen als Folge der steigenden Mobilität der Bevölkerung litten. Dabei kam es jedoch nahezu in allen Städten, in denen Fußgängerzonen eingerichtet wurden, zu Widerstand von Geschäftsleuten, die einen Einbruch in den Kundenzahlen befürchteten, wenn diese nicht mehr direkt vor den Geschäften parken können. Ähnlich in den Beweggründen ist die Begegnungszone ein – in Österreich relativ neues – Werkzeug der Verkehrsberuhigung. Durch eine generelle Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h und eine Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmerinnen und-teilnehmer müssen diese stärker aufeinander Rücksicht nehmen. Gerade in Zentrums- und Altstadtbereichen oder Geschäftsstraßen kann auf diese Weise die Durchquerung für den Auto- und Fahrradverkehr weiterhin erhalten bleiben, gleichzeitig aber auch die Aufenthaltsqualität und damit die Belebung der Erdgeschoßzone entlang einer Straße gefördert werden. In Summe hat Wien derzeit 90 Fußgängerzonen mit insgesamt mehr als 250.000m 2 Fläche. Ein Großteil der Fußgängerbereiche konzentriert sich auf die inneren Bezirke mit Schwerpunkt im 1. Bezirk. Die älteste Fußgängerzone Wiens ist die Kärntner Straße, die jüngste die Mariahilfer Straße, die an beiden Enden von Begegnungszonen flankiert wird. 86 Verwaltung/Büro/Zentrale öffentliche Infrastrukturen Bezirke und städtische Ämter Ämter gehören mit anderen Einrichtungen der öffentlichen Hand zu den gesetzten Diensten. Ihre Verortung innerhalb der Stadtgrenzen obliegt der Gemeinde, womit sie gezielt als zentrale Standorte platziert werden können, aber auch über ihre Funktion wichtige Orte in der Stadt ausbilden, Frequenz generieren und Repräsentationsfunktionen übernehmen. Als Anlaufstelle für die Bürgerinnen und Bürger ist die Verfügbarkeit und Nähe wichtig, obgleich die Erreichbarkeit bei diesen Diensten aufgrund ihrer Monopolstellung nicht das ausschlaggebende Kriterium darstellt. Neben den spezialisierten Magistratsabteilungen bilden die Magistratischen Bezirksämter an 19 Standorten Außenstellen als erste Kontaktstelle der Wiener Stadtverwaltung. In einigen Bezirken hat sich an deren Standort vor der Eingemeindung bereits das jeweilige Gemeindeamt befunden. Im Falle anderer Ämter wurden Standorte sukzessive geschlossen und zentralisiert. So wurden aufgrund der Neuorganisation im Zuge der Verwaltungsreform sieben Wiener Finanzämter sowie das Finanzamt für Gebühren, Verkehrssteuern und Glücksspiel und auch der Bereich Großbetriebsprüfung Ost-Region an einem zentralen Standort zusammengelegt. Auch neue Standorte in der Stadt werden durch die Bündelung städtischer Einrichtungen in ihrer Bedeutung in der Stadt aufgewertet: Beispielsweise wurden am Standort TownTown im 3. Bezirk neben der Zentrale der MA 15(Gesundheitsdienst der Stadt Wien), auch sämtliche Stadtwerke-Unternehmen (zu denen etwa Wien Energie, Wiener Linien, aber auch Bestattung Wien gehören) gebündelt, wobei in beiden Fällen Kundencenter über die Stadt verteilt bestehen. Komplett dezentral wird als Serviceeinrichtung der MA 55(Bürgerdienst) im Stadtgebiet auch ein mobiler Bürgerdienst an wechselnden Standorten mit thematischen oder räumlichen Schwerpunkten eingesetzt, der Informationen zur Stadt liefert und auch als Ansprechstelle für verschiedenste Anliegen fungiert. Wien gliedert sich politisch in 23 Gemeindebezirke. Auf diese Bezirke verteilen sich 19 Magistratische Bezirksämter, wobei sich der 4., 6., 8. und 14. Bezirk jeweils ein Bezirksamt mit einem Nachbarbezirk teilen und diese Einrichtungen dann häufig nahe der Bezirksgrenze angesiedelt sind. Drei dieser Bezirke haben ihre Bezirksvorstehung innerhalb ihrer Bezirksgrenzen, nur der 14. Bezirk teilt sich auch das Gebäude der Bezirksvorstehung mit dem 13. Bezirk. Rund um das Rathaus clustern sich verschiedene Magistratsabteilungen. Im Zuge von Auslagerungen aufgrund von Platzmangel finden sich weitere Anhäufungen an der U-Bahn-Station Dresdner Straße gemeinsam mit anderen Ämtern sowie in TownTown. 88 Verwaltung/Büro/Zentrale öffentliche Infrastrukturen Politische Zentren Zentrale politische Einrichtungen prägen Wien als kommunales, nationales und internationales Zentrum. So finden sich in Wien neben den verschiedenen Ministerien und den Einrichtungen der Bundesregierung ebenso kommunale politische Zentren wie das Rathaus als Sitz der Regierung und Verwaltung Wiens. Diese Einrichtungen liegen auch geografisch zentral im historischen Stadtkern. Den Kern des Regierungsviertels bilden die Hofburg mit dem Amtssitz des Bundespräsidenten und der Ballhausplatz mit dem Bundeskanzleramt. Mit dem Bau der Ringstraße Mitte des 19. Jahrhunderts und der Errichtung wichtiger politischer Einrichtungen wie dem Parlament, dem Rathaus oder dem Justizpalast wurde das politische Zentrum der Stadt erweitert. Aufgrund der besonderen geografischen Lage Wiens im Nachkriegs-Europa entwickelte sich die Stadt zu einem Zentrum der internationalen Diplomatie. Bereits 1951 eröffnete die UNO eine Zweigstelle ihres Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Wien. Am Schnittpunkt zweier politischer Systeme wurde 1957 auch die Internationale Atom-Energie-Behörde(IAEO) in Wien angesiedelt, die einem weltweit zunehmenden atomaren Wettrüsten entgegenwirken sollte. Ebenso übersiedelte die Organisation erdölexportierender Länder(OPEC) 1965 nach Wien. Mit dem Bau des Vienna International Centre(VIC) und der UNO-City wurde Wien zum dritten Sitz der UNO weltweit und damit die internationale Rolle der Stadt als diplomatische Ost-West-Drehscheibe gefestigt. Mittlerweile sind mehr als 25 internationale Organisationen in Wien angesiedelt, die hier einen politischen und diplomatischen Knotenpunkt und eine Entscheidungszentrale ausbilden. Nahezu alle wichtigen Institutionen der Landes- und der Bundesverwaltung finden sich im Regierungsviertel im Westen des 1. Bezirks oder sind entlang der Wiener Ringstraße aufgefädelt. Auch die meisten internationalen Organisationen konzentrieren sich auf die Stadtmitte und haben ihren Sitz in und um die Innere Stadt. Eine wesentliche Veränderung und räumliche Ausdehnung wurde mit der Errichtung der UNO-City mit dem Vienna International Centre 1973–79 als Amtssitz für internationale Organisationen und der später verstärkten City-Erweiterung in der heutigen Donau City erreicht. 90 Verwaltung/Büro/Zentrale öffentliche Infrastrukturen Büro- und Dienstleistungszentren Als Reaktion auf einen steigenden Bedarf an Büro- und Geschäftsflächen, geprägt durch eine wirtschaftliche Hochkonjunkturphase, und auf geopolitsche Veränderungen, wie die Öffnung des Eisernen Vorhangs und den EU-Beitritt Österreichs, entstanden gerade ab den 1990er-Jahren neue Bürostandorte in Wien. War der Büromarkt zuvor nahezu auf die Wiener Innenstadt beschränkt, wurde jetzt mit Großprojekten versucht, „expandierende und ansiedlungswillige Unternehmen über die Bereitstellung eines attraktiven Flächenangebots“ 1 halten zu können und zu binden. Dies führte – begünstigt durch die strategische Lage Wiens – zu einem regelrechten Neubauboom um die Jahrtausendwende. Neben vielen Einzelbürobauten, etwa am Donaukanal mit noch deutlicher Verbindung zur Innenstadt, entstanden dem„Leitthema der nachhaltigen und ökologischen Stadt“ folgend „neue urbane Zentren“ 2 – multifunktionale und zu einem großen Teil autonome Strukturen innerhalb der Stadtgrenzen. Diese neuen Büroimmobilienstandorte – als„Town in Town“ konzipiert und häufig in PublicPrivatePartnership-Modellen oder als Investorenprojekt errichtet – entstanden sowohl am Schnittpunkt zwischen der dicht bebauten Stadt und der Peripherie als auch an innerstädtischen Brachlagen. Ausschlaggebend für die Standortwahl war ei1 Boris Drusowitsch, Mensch macht Raum macht Mensch – Relationen zwischen Gesellschaft und urbanem Raum am Beispiel Donau City, (Diplomarbeit, TU Wien, 2009), 55 2 Gerhard Hatz und Elmar Weinhold,„Die polyzentrische Stadt: Neue urbane Zentren,“ in Städtebauliche Strukturen und gesellschaftliche Entwicklungen, Hrsg. Heinz Fassmann, Gerhard Hatz und Walter Matznetter,(Wien: Böhlau, 2009), 337 nerseits die Sichtbarkeit und damit einhergehend auch die Prestigeträchtigkeit der Standorte, die über Landmarkarchitektur und Hochhäuser erreicht werden sollte, und andererseits eine gute – auch internationale – Verkehrsanbindung, wobei dem motorisierten Individualverkehr der Vorzug gegeben wird, was die Nähe zu Autobahnabfahrten und somit auch die schnelle Erreichbarkeit des Flughafens bedingt. Einen entscheidenden Faktor stellen die Eigentumsverhältnisse der Standorte dar, die auf die Projektkosten starken Einfluss nehmen, wodurch Großprojekte oft auf bereits vorhandenen Grundstücksreserven von investierenden Firmen entstanden. 3 Über eine funktionelle Durchmischung von Büro-, Freizeit-, Shopping- und Wohnnutzung im Sinne eines„Mixed Use Development“ sollten lebendige Stadtteile entstehen. Obwohl als Schlagwort suggeriert, attestieren Gollner und Wimmer diesen Stadtteilen eine gegen den Begriff„Urbanität“ gerichtete Entwicklung, da sich diese nur an einer Teilöffentlichkeit orientieren, während Gruppen auch durch physische Zutrittsbeschränkungen in Hochhäusern ausgeschlossen werden können und der Zugang„exklusiv“ vorbehalten bleibt. 4 In privat kontrollierten„öffentlichen“ Räumen geschieht die soziale Selektion auf einer symbolischen und ökonomischen Ebene. 3 Christoph Gollner und Hannes Wimmer,„Zwischen Kern und Peripherie –‚Neue urbane Zentren‘ als Herausforderung für Stadtplanung und Stadtforschung“, in Konvergenz und Divergenz der Kulturen in den Randzonen der Städte, Hrsg. Axel Borsdorf und Vera Mayer,(Wien: Eigenverlag, 2004), 29 4 ibid, 31 Insgesamt waren in Wien 2014 Büroflächen mit insgesamt rund 10,8 Millionen m 2 vorhanden. Aufgrund geringer Neubautätigkeiten blieb die Leerstandsrate im Vergleich zum Vorjahr stabil bei 6,6 Prozent. Zahlenmäßig liegen nach wie vor viele Projekte in der Innenstadt, jedoch überwiegen flächenmäßig die Projekte außerhalb. Auch die Neubautätigkeit konzentriert sich auf freie und gut erreichbare Flächen im Stadtgebiet, wie am neuen Hauptbahnhof, St. Marx oder der Seestadt Aspern und auf die Erweiterung vorhandener Bürostandorte wie dem Viertel Zwei oder am Wienerberg. 92 Verwaltung/Büro/Zentrale öffentliche Infrastrukturen Krankenhäuser und Gesundheitszentren Als zentrale Einrichtungen der Gesundheitsversorgung dienen Krankenhäuser der Lebensqualität der Bevölkerung durch bessere Gesundheit. Gerade unter der Bedingung einer steigenden Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen aufgrund eines medizinisch-technischen Fortschritts und einer älter werdenden Gesellschaft können Krankenhäuser in den nächsten Jahrzehnten einen wichtigen und wachsenden Bereich darstellen. Krankenhäuser bilden in der Stadt große Strukturen mit Eigenlogik aus. Wurden noch um die letzte Jahrhundertwende viele Heilanstalten aus hygienischen Gründen an der Peripherie der Städte angesiedelt, spielt bei der Errichtung moderner Krankenhäuser die gute allgemeine Erreichbarkeit und die Nähe zur Universität eine große Rolle. So bildet etwa das AKH als größtes Krankenhaus Europas mit der Konzentration von verschiedenen Kliniken in einem Gebäudekomplex mit einem räumlich anschließenden Cluster an weiteren gesundheitsrelevanten Strukturen wie einer Krankenpflegeschule, Personalwohnheimen oder auch Einrichtungen der universitären Forschung und Lehre eine kleine Stadt in der Stadt, die über die U-Bahn-Station Michelbeuern-AKH an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden ist. Aus historischen Gründen besaß Wien als ehemaliges Zentrum und Reichshauptstadt der Habsburgermonarchie eine hohe Konzentration an Spitälern und Heilanstalten. Und auch heute noch gehen viele der Krankenhäuser auf diese Zeit zurück. So sind Wiens Spitäler durchschnittlich über achtzig Jahre alt, fünf Standorte dabei über hundert Jahre alt. Gleichzeitig müssen auch diese Einrichtungen auf die schnellen Veränderungen und technischen Neuerungen im Gesundheitswesen eingehen können. Im Zuge des Wiener Spitalskonzepts 2030 soll die städtische medizinische Versorgung in Zukunft von sieben zentralen und aufeinander abgestimmten Krankenhäusern übernommen werden. Dabei gehen die Aufgaben der Spitäler über die ausschließliche medizinische Versorgung der Einwohnerinnen und Einwohnern der Stadtteile, in denen sie angesiedelt sind, hinaus, und so sollen sie auch als regionale Gesundheitszentren funktionieren. Neben der Gesundheitsversorgung stellen Krankenhäuser auch einen wichtigen Standort als Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor dar und unterstützen in räumlicher Nähe die Cluster Entwicklung im Bereich der gesundheitsorientierten Dienstleistungen oder Forschungs- beziehungsweise Bildungseinrichtungen. So zeichnet sich bereits jetzt durch die Entwicklung des Krankenhauses Nord ein Impuls für die Aufwertung der vorrangig gewerblich genutzten Flächen im Bereich der Brünner Straße ab. Als größtes Krankenhaus bildet das AKH mit über 2.000 Betten, knapp 10.000 Bediensteten und als Universitätsklinikum ein starkes Zentrum. Das Krankenhaus Nord in der Brünner Straße wird voraussichtlich 2016 fertiggestellt. Mit ca. 800 Betten und der Zusammenlegung einiger kleinerer Spitäler bildet dieses Krankenhaus im Nordosten Wiens einen neuen Schwerpunkt der Gesundheitsversorgung aus. Neben den städtischen Krankenhäusern des Wiener Krankenanstaltenverbunds gibt es noch eine Reihe an privaten Krankenhäusern in der Stadt. 94 Touristische Zentren/Freizeit Touristische Zentren Wie eine Stadt aus der Außenperspektive wahrgenommen wird, entscheiden meist Tourismusagenturen. Durch gezieltes Marketing im Ausland sollen Reisende in die Stadt gelockt werden, und das am besten gleich:„Wien. Jetzt oder nie.“ 1 Und noch bevor man am Ziel ankommt, sind viele Bilder der Reise generiert und reproduzieren sich nach der Ankunft beinahe von selbst. Schon im Vorhinein ist klar, was sehenswert ist und wo sich ein Besuch lohnt. So ist es nicht verwunderlich, dass sich in Städten touristische Zentren herausbilden, die immer wieder aufgesucht werden. 2 Zeitgleich findet eine Ausweitung des Sehenswerten statt und Märkte, Treffpunkte der Einheimischen oder Szenelokale ergänzen die üblichen Highlights des Erlebnisprojekts Reise. 3 Genuss gesellt sich zum visuellen Konsum von Kultur und Geschichte. Wiens Besuchszahlen steigen von Jahr zu Jahr. Im Jahr 2014 konnten rund 13,5 Millionen Nächtigungen in den über 430 Hotels und Pensionen verzeichnet werden, bis 2020 sollen es 18 Millionen werden. 4 Ungefähr die Hälfte der Gäste erreicht Wien mit dem Flugzeug, 15% mit dem Zug und vier Prozent mit dem Autobus; mehr als 80% reisen aus dem Ausland an. 5 Die Gründe für eine Reise nach Wien sind vielfältig – vom Kulturgenuss, über Shopping zum Besuch von Kongressen und Bekannten – lassen sich aber grob in fünf Kategorien zusammenfassen: das imperiale Erbe, Musik- und Kulturangebot, Kultur des Genusses, die funktionierende Stadtinfrastruktur und die Balance zwischen 1 Vgl. Werbesujets in Wien Tourismus: Markenmanual. Sowie: Wien Tourismus: Tourismuskonzept 2015, 5 2 Vgl. Standortauswertung von Fotos in Wien: Eric Fisher. Locals and Tourists. https://www.flickr.com/photos/walkingsf/4671527727 3 Christoph Hennig,„Kannst du abhaken“ Die Zeit, 21.02.2008, http:// www.zeit.de/2008/09/Reisefuehrer 4 Wien Tourismus: Tourismuskonzept 2020, 25 5 WKO: Tourismus in Wien zahlt sich aus. Wichtige Zahlen, Daten und Fakten aus der Tourismus- und Freizeitwirtschaft. 3. Ausgabe, Jänner 2015, 14 Stadt- und Grünraum. 6 Der durchschnittliche Wiengast bleibt 2,4 Nächte in Wien und gibt pro Tag 260 Euro aus. 7 In dieser Zeit sind neben den kaiserlichen Prunkbauten, wie Schönbrunn und der Hofburg auch die Ringstraße, die Spanische Hofreitschule und der Stephansdom entscheidende„Pull-Faktoren“. Im 1. Bezirk mit seinem historischen Erbe, aber auch mit dem Kulturangebot, das vor allem mit klassischer Musik assoziiert wird, finden sich auch die meisten Sehenswürdigkeiten. Jedoch folgt der Besuch dieser meist erst nach dem Besuch in Restaurants und Kaffeehäusern, mit denen die Marke Wien im Ausland konnotiert ist. Die Schlüsselrolle des historischen Stadtkerns zeigt sich auch in der Diskussion um eine Tourismuszone, die diesen Bereich umfassen soll, um dort die Geschäftsöffnungszeiten auszuweiten. Auch die Hotels im Luxussegment befinden sich hauptsächlich in und in der Nähe der Inneren Stadt. Mitgeprägt wird das internationale Wienbild von wiederkehrenden kulturellen Veranstaltungen wie beispielsweise dem Opernball und dem Life Ball. Mit letzterem positioniert sich Wien als offene und tolerante Stadt. Dies spiegelt sich auch in der Gay-&-Lesbian Marketingstrategie des Wien Tourismus wider. 8 Neben Freizeitbesuchen kommen viele Gäste beruflich und im Zuge von Kongressen nach Wien. Internationale Kongresse finden zum Großteil in Hotels mit entsprechenden Seminarräumen statt sowie in Universitäten und Krankenhäusern. Die größten Kongresszentren sind das Austria Center Vienna auf der Donauplatte, die Wiener Hofburg in der Innenstadt und die Messe Wien im 2. Bezirk. 6 Wien Tourismus: Tourismuskonzept 2015, 5 7„Tourismus in Städten legt stärker zu als auf dem Land“, Wiener Zeitung, 24.02.2014, http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wirtschaft/oesterreich/610915_Tourismus-in-Staedten-legt-staerker-zuals-auf-dem-Land.html 8 vgl.„Wien Tourismus mit neuer Gay-&-Lesbian-Marketingstrategie“, http://b2b.wien.info/de/presse/unternehmens-presse-info/2013/neues-gay-lesbian-marketing Die touristischen Zentren Wiens sind stark mit dem geschichtlichen Erbe der Stadt verbunden. So kommt es zu starken Häufungen im Bereich des 1. Bezirks sowie des Schlosses Schönbrunn, zu dem auch der daran anschließende Tierpark gezählt werden kann. Daneben bildet der Zentralfriedhof mit den Gräbern Wiener Persönlichkeiten ein touristisches Ziel sowie der Wiener Prater, mit dem Standort des Wiener Riesenrads. An den nördlichen und südlichen Rändern der Stadt kommt den Heurigengebieten die Bedeutung als Genuss- und Erholungsgebiet zu. 96 Touristische Zentren/Freizeit Sportzentren Die moderne, industrialisierte Stadt hat sich zu einem zentralen Ort für Freizeit und Sport entwickelt. Mit den ersten Vereinsgründungen, die anfangs noch stark von der deutschnationalen Turnerbewegung beeinflusst waren, und den ersten Arbeitersportvereinen im ausklingenden 19. Jahrhundert entstand auch in Wien eine öffentliche Kultur des Sports in der Stadt. Eine verstärkte Popularität des Sports führte zu einem enormen Zuspruch zu den Vereinen und der Entwicklung einer lokalen und regionalen Wettkampftätigkeit, aber auch zu einer kommerziellen Kultur des Zuschauens. Städte entwickelten sich dabei zu Hochburgen der unterschiedlichen Vereine, zu Austragungsstätten von Wettbewerben und zu Start- und Zielorten(etwa das Motorsportrennen Paris – Wien 1902). Als Orte von sportlichen Großveranstaltungen entstanden mit den Arenen, Rennbahnen und Sportpalästen neue städtische Architekturen. Seither sind unzählige Vereine gegründet und große Arenen, Sportplätze und-hallen gebaut worden. Die Austragung großer Sportereignisse des Spitzen-, aber auch Breitensports wie der Fußballeuropameisterschaft oder des City-Marathons werden gerade auch durch Public Viewings und die erweiterte Medienpräsenz mit der fast ausschließlich positiven Berichterstattung für Städte wie deren Vermarktung und Image immer wichtiger. Dennoch wurde in einem Volksentscheid 2013 gegen die Bewerbung Wiens um die Olympischen Sommerspiele 2028 gestimmt. Neben großen Sportereignissen und lokalem Vereinssport hat sich auch der öffentliche Raum der Stadt zu einem Bewegungsraum für viele Aktivitäten entwickelt. Gerade nicht-institutionalisierte Trendsportarten verlagern ihren Austragungsort in den öffentlichen Raum der Stadt: So beispielsweise urbane Varianten des Basketballs, Fußballs, Volleyballs, des Kletterns oder auch Golfens. Daneben gibt es Sportarten, die in der Stadt entwickelt wurden und subversiv Räume der Stadt uminterpretieren und umnutzen, etwa Skateboarden oder Parkour. Mit dieser Urbanisierung hat sich der Sport in der Alltagskultur festgesetzt. Gerade in Wien hat sich mit den Sportkäfigen in den Parks eine städtische Infrastruktur entwickelt, die in ihrer Bedeutung weit über die Sportausübung und Ertüchtigung hinausgeht und auch integrative Funktionen als hochurbaner Raum übernimmt. Aufgrund der Lage Wiens bieten sich viele Aktivitäten im Wienerwald und an der Donau an. So liegt ein Schwerpunkt des Vereinssports mit vielen Ruderclubs an der Alten Donau. Auch die Donauinsel bietet sich mit der Lage am Wasser und als verkehrsfreie Zone als außergewöhnliche innerstädtische Sportzone an. Donauinsel und Lobau biete auch Orte der Freikörperkultur, die ihren Urspung in der Wiener Arbeitersportbewegung haben. Die großen Fußballstadien, Arenen, Bäder oder Pferderennplätze finden sich mit ihrem großen Raumbedarf an den Rändern der Stadt in Hütteldorf und in großen Freiflächen wie am Prater. Nur mit der Stadthalle, die ursprünglich vorrangig für Sportevents gedacht war, liegt ein Ort des Massensports in der Innenstadt. Ansonsten überwiegen innerstädtisch kleine Sportflächeneinheiten in den Parkanlagen und halböffentliche Sportplätze bei den Schulen. Sportevents schaffen hier hauptsächlich temporär Orte: Der Rathausplatz wird„Wiener Eistraum“ oder Austragungsort des Vienna Air King für Mountainbike Dirtjumper, der Stephansplatz zur Langlaufloipe oder die Straßen Wiens Austragungsorte für den Wien-Marathon. 98 Neue Stadtteile/Alte Ortskerne Dichte Der Begriff der Dichte hängt seit jeher eng mit Stadt zusammen und gerade der„europäischen Kernstadt“ werden mit einer hohen Dichte und Kompaktheit verschiedenste Qualitäten zugeschrieben. So gilt die Verdichtung als Indiz für einen hohen Grad an programmatischer Vielfalt, unterschiedlichen Strukturen, Funktionen, Nutzungen, Menschen – ein hohes Potenzial für Synergien und eine hohe Anzahl an Interaktionen, Vitalität und Urbanität. Eine hohe Dichte und kompakte Stadt garantiert eine ökonomische und ökologische Flächenausnutzung. Gleichzeitig kann ein dicht bebautes Siedlungsgebiet aber auch mit höheren sozialen Spannungen durch programmatische Überlagerungen oder weniger Grün- und Erholungsflächen verbunden sein. Zwar trifft der Wert der Dichte lediglich quantitative Aussagen über das Verhältnis Einwohnerinnen und Einwohner zu einer Fläche – qualitative Aussagen, etwa über die programmatische Dichte oder die Urbanität werden nicht getroffen. Dennoch lassen die Zahlen Rückschlüsse auf die bauliche Dichte und das Potenzial dieser Stadträume zu: etwa über die vorrangige Erschließung mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder die effiziente Versorgung mit kommunalen Einrichtungen; die räumliche Nähe erlaubt grundsätzlich eine stärkere Durchmischung von Funktionen und Aktivitäten, kürzere Wege und damit eine Minimierung des Verkehrs. Dabei gilt es bei der Nachverdichtung und der Neuerrichtung von Quartieren auf die qualitative, programmatische Dichte und Verschiedenheit zu achten, um die quantitative Verdichtung als Potenzial nutzen zu können. Die Stadt Wien hat derzeit – auf das gesamte Stadtgebiet gerechnet – durchschnittlich 4.235 Einwohnerinnen und Einwohner pro km². Dabei unterscheiden sich einzelne Gebiete stark: Die höchsten Dichten finden sich in den gründerzeitlichen Bezirken entlang des Gürtels wieder. Hier steigt die Dichte auf bis zu 35.714 Einwohnerinnen und Einwohner pro km² im Fasanviertel im 3. Bezirk an. Durch anhaltendes Stadtwachstum, Nachverdichtung und Neubau verändern sich die Stadtstruktur und ihre Dichte. Gebiete mit einem prognostizierten Wachstum von über 2.500 Bewohnerinnen und Bewohnern pro km² bis zum Jahr 2024 sind vor allem in der Donaustadt rund um die Seestadt Aspern, den neuen Quartieren am Nord-, Nordwest- und Hauptbahnhof oder in Liesing zu finden. 102 Neue Stadtteile/Alte Ortskerne Erster Bezirk Wenn die Wienerinnen und Wiener in„die Stadt“ gehen, so ist damit immer noch häufig der 1. Bezirk gemeint. Und auch wenn manche den Bereich innerhalb des Rings im Alltag sehr selten aufsuchen, ist die Innere Stadt im Mittelpunkt Wiens für sie das identitätsstiftende Zentrum. Auf jeden Fall nimmt der 1. Bezirk in der Diskussion um Zentren der Stadt eine Sonderrolle ein. Der 1. Bezirk bildet den historischen Kern von Wien, in dem nahezu die gesamte Stadtgeschichte abzulesen ist. Er ist das traditionelle kulturelle Zentrum, hier befinden sich die wichtigsten Zentren der politischen Macht und der Verwaltung für Bund, Land und Stadt. Er ist wichtiger Bildungsstandort, bedeutender Wirtschaftsstandort und touristischer Anziehungspunkt. Aufgrund der räumlichen Verbindung der Sehenswürdigkeiten durch die als Fußgängerzone gestalteten Haupteinkaufsstraßen sind diese Bereiche stark touristisch frequentiert, was sich auch am Angebot der Einkaufsstraßen ablesen lässt. Viele Touristinnen und Touristen setzen sogar die Innenstadt mit Wien gleich. Bis 1850 und bis zu den ersten Eingemeindungen war dieser Stadtteil auch größtenteils deckungsgleich mit dem Stadtgebiet Wiens. Die Altstadt, die bis zu diesem Zeitpunkt von der Stadtmauer umgeben war, zählt heute – als weitgehend geschlossenes Ensemble – als UNESCO-Weltkulturerbe. Mit dem Bau der Ringstraße und der ab der Gründerzeit vollzogenen Frühphase der Citybildung – also der Spezialisierung auf den tertiären Bereich – änderte sich die Struktur des 1. Bezirks, und die Einteilung in eine vorrangige Regierungs-, Wirtschafts-, Bildungs- und Einzelhandelszone wurde gefestigt. Damit einhergehend nahm der wirtschaftliche Druck auf die Liegenschaften in dieser Zone zu und damit wiederum die Wohnbevölkerung sowie die durchmischten Wohn- und Gewerbegebäude in der Innenstadt ab. Eine zweite Phase der Citybildung setzte zwischen 1960 und 1980 im Zuge eines wirtschaftlichen Strukturwandels und einem damit verbundenen hohen Bedarf an Geschäfts- und Büroflächen ein. Erneut wanderten viele Bewohnerinnen und Bewohnern in die neuen Wohnquartiere am Stadtrand ab. Den Höchststand von knapp 73.000 Einwohnerinnen und Einwohnern verzeichnete der 1. Bezirk mit 3 km 2 Fläche im Jahr 1880. Seither ist die Bevölkerungsentwicklung rückläufig: Aktuell ist die Innere Stadt Wohnort für rund 16.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Mit über 100.000 Beschäftigten bleibt er nach wie vor – trotz der Erweiterung der Citybereiche auf die DonauCity und in„neue urbane Zentren“ 1 – ein wichtiger Arbeitsort in der Stadt. 1 Gerhard Hatz und Elmar Weinhold,„Die polyzentrische Stadt: Neue urbane Zentren,“ in Städtebauliche Strukturen und gesellschaftliche Entwicklungen, Hrsg. Heinz Fassmann, Gerhard Hatz und Walter Matznetter,(Wien: Böhlau, 2009), 337. Der 1. Bezirk Wiens liegt zentral im Stadtgebiet, eingefasst von den ehemaligen Vororten, die sukzessive eingemeindet und zu Wiener Gemeindebezirken wurden. Der Stadtkern ist historisch gewachsen und zeigt entsprechend den Phasen der Stadtentwicklung zwiebelförmige Wachstumsringe. Der Bereich wird von mehreren Straßenbahnlinien entlang des Rings umkreist, mit der Kreuzung der U-Bahn Linie U1 und U3 ist der Stephansplatz sehr gut öffentliche erreichbar. Vier der fünf U-Bahn-Linien haben Stationen im 1. Bezirk. Der 1. Bezirk lässt sich in verschiedene funktionale Zonen unterteilen: Neben dem Hauptgeschäftsviertel mit den Fußgängerzonen und dem Regierungsviertel sind noch deutlich das Universitätsviertel, ein Kultur-, ein Finanz- und ein Ausgehviertel: das„Bermuda-Dreieck“ um den Schwedenplatz – ablesbar. 104 Neue Stadtteile/Alte Ortskerne Historische Ortskerne Durch die sukzessive Erweiterung der Wiener Stadtgebietsgrenzen und der Eingemeindung umliegender Gemeinden sind zahlreiche historische Ortskerne in der Gesamtstadt aufgegangen. Die meisten standen auch zuvor in enger ökonomisch-funktionaler Verflechtung mit der Stadt Wien und entwickelten sich etwa entlang von Haupteinfallstraßen. Sie bilden mit ihren höchst unterschiedlichen Strukturen und eigenen Charakteren einen wichtigen Beitrag zum Stadtbild Wiens. Gerade in den äußeren Bereichen der Stadt sind viele Dorfkerne noch deutlich im Stadtgrundriss und in ihrer architektonischen Struktur ablesbar, sind identitätsstiftend, geben Orientierung und verleihen den Stadtteilen ihre besonderen Qualitäten. Dennoch haben viele dieser Ortskerne ihre funktionale Bedeutung als lokale Zentren verloren. Einerseits, weil gerade die historischen Anger- und Straßendörfer unter dem gesteigerten Verkehr an den Durchfahrtsstraßen leiden und in ihren Strukturen der nahen Konkurrenz von Shoppingcentern und Fachmarktzeilen auf der„Grünen Wiese“ und der wachsenden Mobilität wenig entgegensetzen können. Auch als Wohnstandort für Junge und Familien sind viele der Ortskerne aus struktureller Sicht nicht mit den Wohnquartieren der Stadterweiterungsgebiete konkurrenzfähig, was zu einer Überalterung der Ortskerne führt und Investitionen in die baulichen Strukturen maßgeblich einschränkt. Die Folge dieser großmaschigen autoorientierten Versorgungsstruktur und funktionalen Trennung liegt in einer weiteren Steigerung des Verkehrsaufkommens. Andere – gerade die historischen Stadtkerne im Weinbaugebiet des nordwestlichen Stadtgebiets – sind im größten Maß historisch und touristisch aufgeladen, wobei teils die Gefahr einer Überformung und Entwicklung zur Kulisse besteht. Andere Ortszentren, etwa der historische Kernbereich von Hietzing, haben bis heute ihre Bedeutung im Stadtteil und bilden alltagstaugliche Strukturen der Stadt mit Versorgungsfunktionen für die Bevölkerung und entsprechender Ausstattung an sozialer und technischer Infrastruktur. In den historischen Ortskernen Wiens liegt das Potenzial, als identitätsstiftende Bereiche mit Geschichte auch für die wachsenden neuen Stadtgebiete in der direkten Umgebung zu fungieren. Eine Einbindung in die Umgebung, ein aktiver Umgang mit dem Strukturwandel und möglicherweise eine Neugestaltung der öffentlichen Räume, eine Revitalisierung, punktuelle Nachverdichtung und Neuinterpretation der historischen Dorfkerne und ihrer Rolle im Stadtteil ist nötig, um die Strukturen alltagstauglich und zukunftsfähig zu gestalten und die große Vielfalt der historischen Ortskerne und ihre Qualitäten zu erhalten und zu fördern. Rund um Wien bilden die ehemaligen Ortskerne der eingemeindeten Ortschaften und Gemeinden noch heute strukturell ablesbare Stadtbausteine mit hohem Identifikationswert. 106 Neue Stadtteile/Alte Ortskerne Stadterweiterung und Nachverdichtung Die Stadt Wien gehört zu den derzeit am schnellsten wachsenden Metropolen innerhalb der Europäischen Union und zählte 2014 rund 1,78 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Das Überschreiten der 2-Millionen-Marke wird laut einer aktuellen Prognose für das Jahr 2029 erwartet. 1 Mit der Zahl der Bevölkerung, deren Zuwachs sowohl von Binnenmigration als auch von Zuzug aus dem Ausland geprägt ist, wird Wien nicht nur jünger 2 , es steigt auch der Grad an Internationalisierung und Diversität in der Stadt. Der gesellschaftliche Wandel hinsichtlich Lebensführung, Demografie und Bevölkerungszahl führt zu einer Intensivierung der Stadtnutzung, zu erhöhter Nachfrage an Transport-, Bildungsund Freizeitangeboten sowie an Gewerbe und Handel. Die Gestaltung einer weltoffenen und dynamischen Metropole stellt hohe Anforderungen an die Stadtentwicklung. frastrukturprojekte, wie der neue Hauptbahnhof, neue Unternehmensstandorte, wie das Viertel Zwei, und neu entstandene Stadtteile, wie am Nordbahnhof, sollen dafür Vorsorge treffen. Einerseits geht es darum, in der bereits gebauten Stadt Defizite zu beheben, die bestehende Stadtstruktur weiterzuentwickeln und aufzuwerten, um eine urbane Vielfalt und lebendige öffentliche Räume zu kreieren. Dabei sollen durch die„sanfte Stadterneuerung“ Gentrifizierungsprozesse gemindert werden. Wobei in der gründerzeitlich geprägten Stadt die Schwerpunkte auf der Verdichtung von Wohnen und Arbeiten und der Verknüpfung von Alt und Neu durch Sanierung oder Dachgeschoßausbauten liegen. Qualitätsverbesserungen in diesem Bereich sollten dabei mit Rücksicht auf das baukulturelle Erbe Wiens geschehen. Der 1. Bezirk als zwar stabiles und starkes Zentrum mit internationaler Bedeutung kann jedoch nicht alleine auf die sich erhöhenden Ansprüche reagieren. Das erfordert die Erneuerung und Entwicklung bereits vorhandener sowie neuer Stadtgebiete und einen hohen Investitionsbedarf zur Errichtung notwendiger Infrastruktur. Mit der Donau City wurde bereits in den 1990er-Jahren mit einem neuen Wirtschaftsstandort im transdanubischen Raum die erste City-Erweiterung verfolgt und ein weiterer Central Business District geschaffen. Im STEP 2025 ist vorgesehen, dass Stadterweiterung„nur dort stattfinden[wird], wo ausreichende ÖV-Angebote vorhanden sind bzw. parallel entwickelt werden“ 3 . Neben der Attraktivierung alternativer Verkehrsmittel gegenüber dem Pkw sollen in den Stadtteilzentren mit der Ausstattung an öffentlichen und privaten Versorgungseinrichtungen urbane Qualitäten geschaffen werden. Neue Bildungs- und Forschungsstandorte, wie der neue Campus der Wirtschaftsuniversität, In1 MA 23, Wien in Zahlen 2014(Wien: Stadt Wien, 2014) 2„Die Hauptstadt wird größer, bunter, jünger“, Kurier, 13.02.2015, http:// kurier.at/chronik/wien/demografie-die-hauptstadt-wird-groesser-bunter-juenger/113.719.816 3 Magistratsabteilung 18 – Stadtentwicklung und Stadtplanung, STEP 2025(Wien, 2014), S. 51 In gleicher Weise sollten die in den 1950er- bis 1970er-Jahren geprägten, meist monofunktional auf Wohnen ausgerichteten Gebiete durch gezielte städtebauliche Interventionen von Nutzungsmischung und urbanen Qualitäten profitieren, was zur Stärkung der sozialräumlichen Nachhaltigkeit und zur erhöhten Wertschätzung beiträgt. Eine Stärkung der Erdgeschoßzonen unterstützt die Entwicklungen in beiden Gebieten. Andererseits geht es dem aktuellen Stadtentwicklungsplan zufolge darum, Potenzialflächen – sowohl innerstädtische Brachen oder nicht mehr zeitgemäße Gewerbegebiete als auch Standorte an den Randbereichen der Stadt – zu aktivieren und in vollwertige Stadtquartiere im Sinne einer„Stadt der kurzen Wege“ zu verwandeln. Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung dieser Standorte nehmen Investitionen in Wohnungen, Gewerbe, öffentlichen Raum und Mobilität ein, die für eine flächendeckende und fußläufig zu erreichende Nahversorgung und für funktionierende Erdgeschoßzonen die notwendige Frequenz und Nachfrage erzeugen sollen. Beispiele für solche „Gebiete mit Entwicklungspotenzial für Wohnen und Arbeiten“ sind die schon in Bau befindliche Seestadt Aspern, das Quartier Belvedere oder das Sonnwendviertel, das ehemalige Nord- und Nordwestbahnhofareal sowie zahlreiche kleinere 108 Bereiche. Flächen, auf denen eine Realisierung von mehreren Millionen Quadratmetern für Büro- und Zentrennutzungen und bis zu 135.000 Wohneinheiten möglich ist, sind in Wien vorhanden. Als wesentlicher Entwicklungsfaktor wird dabei „die Diversität der Bevölkerung,[die] die Stadt auch zukünftig attraktiv macht“ genannt, sowie die Berücksichtung der„Bedürfnisse, unterschiedliche[r] Lebensstile und Interessen der neu Zugewanderten.“ Es geht dabei„neben Wohnungen auch um Raum für ethnische Ökonomien[…] und schließlich um öffentliche Räume, die für alle gleichermaßen ‚funktionieren’ und unterschiedlichen Ansprüchen des Zusammenlebens gerecht werden,“ 4 öffentliche Räume, die Begegnung und Kommunikation ermöglichen und als Aufenthaltsräume genutzt werden können. Um solche funktionierenden Räume zu schaffen, bedarf es eines breit getragenen Konsenses, der in einer Bottom-up-Stadtentwicklung nicht von oben vorgegeben, sondern in Eigeninitiative verschiedener Akteurinnen, Akteuren und in Kooperations- und Partizipationsprozessen erreicht werden soll. Gebietsbetreuungen und Initiativen auf lokaler Ebene leisten dabei wichtige Impulse für die Verschneidung von Politik und Zivilgesellschaft. Konzepte, die auf den jeweiligen Standort zugeschnitten sind und den sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und historischen Kontext miteinbeziehen, sind dabei unabdingbar. Dafür wurde das Umsetzungsinstrument Zielgebiete der Stadtentwicklung 5 im Stadtentwicklungsplan 2005 ein- und im STEP 2025 weitergeführt. Zielgebiete haben eine gesamtstädtische Bedeutung sowie hohes Entwicklungspotenzial. Unterschiedliche Besitzverhältnisse und verschiedene Interessen erfordern eine enge Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen den handelnden Akteursgruppen, die über ein Zielgebietsmanagement organisiert werden. 4 Magistratsabteilung 18 – Stadtentwicklung und Stadtplanung, STEP 2025(Wien, 2014), S. 23 5 vgl.„Zielgebiete der Stadtentwicklung“, www.wien.gv.at/stadtentwicklung/projekte/zielgebiete 109 Neue Stadtteile/Alte Ortskerne Stadterweiterung und Nachverdichtung Die gründerzeitlich geprägten Gebiete zur Bestandsentwicklung liegen entlang des äußeren Gürtels in den Bezirken 10, 12, 15, 16, 17 und 18 sowie in Teilen des 2. Bezirks. Außerhalb dieser Bereiche liegen die in den 1950er- bis 1970er-Jahren geprägten Gebiete, sowohl im cis- als auch im transdanubischen Bereich. Zusätzlich zu den vorhandenen City-Bereichen in der Inneren Stadt und zur Donau City weist der Stadtentwicklungsplan 2025 City-Erweiterungsgebiete aus, die Vorrangzonen für die künftige Ergänzung von City-Funktionen bilden. An diesen Gebieten ist eine starke Tendenz Richtung Süden und Osten zu erkennen. In den transdanubischen Bezirken wird mit dem Bau der Seestadt Aspern am östlichen Rand Wiens eine Stadt in der Stadt errichtet, die per U-Bahn mit den inneren Bezirken verbunden wird und CityFunktionen erfüllen soll. Für das Stadtteilzentrum Kagran in unmittelbarer Nähe zur Donau City wird eine Bedeutungssteigerung als Dienstleistungs- und Einzelhandelszentrum angestrebt. In der Leopoldstadt entstehen auf den Flächen des Nord- und des Nordwestbahnhofs neue Stadtquartiere. Entlang der U2-Achse zwischen Praterstern und Donaumarina enstand mit dem WU-Campus und dem Viertel Zwei ein neuer Bildungs-, Forschungs- sowie Wohn- und Bürostandort, der weiter ausgebaut werden wird. Das Areal des ehemaligen Südbahnhofs teilt sich in Wohngebiet, Hauptbahnhof und Quartier Belvedere, das als zusätzlicher Central Business District neue Funktionen übernehmen wird. In direkter Umgebung befindet sich das Zielgebiet Erdberg/St. Marx, in dem ein Unternehmens- und Forschungsstandort geschaffen wurde. Gebiete mit Entwicklungspotenzial für Wohnen und Arbeiten sind häufig direkt mit den City-Erweiterungszonen verbunden, die als Impulsgeber fungieren, finden sich aber auch an Achsen des öffentlichen Verkehrs oder an Ausfallstraßen. 110 Lokale Zentren/Pop-ups/Urbane Mischnutzungen Lokale Mikrozentren Die Entstehung von Zentren ist kaum noch allein von Seiten der Stadt planbar. Gerade im Hinblick auf feinmaschige lokale Strukturen und der gleichzeitigen Vielschichtigkeit einer höchst pluralistischen Gesellschaft werden Zentren häufig von Bürgerinnen und Bürgern und kleinen Initiativen gemacht. Solche„Lokale Mikrozentren“ finden sich oft in kleinteilig geprägten, in Transformation befindlichen Stadträumen und entwickeln dabei eine hohe identitätsstiftende Funktion und hohes stadträumliches Potenzial. Dabei sind es lokale Akteurinnen und Akteure, die in Eigeninitiative mit großem persönlichen Einsatz und Engagement durch Umnutzung, Aneignung und Zwischennutzung diese Neuprogrammierung der Gebäude- oder Stadtstruktur vorantreiben und damit ihr Lebensumfeld und ihre Stadt gestalten. Oft finden sich gerade hier neue kreative Nutzungen, innovative Kleinunternehmen und häufig migrantische Ökonomien, die lokal verwurzelt sind oder sich bewusst stark auf den Ort einlassen und dadurch informelle und kleinräumige Zentren mit hohem Identifikationswert schaffen. Gerade durch das hohe Maß an Mitgestaltung und lokaler Verbundenheit werden das Straßenbild und das Quartiersleben belebt und auch der umgebende Raum aktiviert. Auf diese Weise entstehen besonders innerhalb der jeweiligen Community lebendige Orte und funktionierende Nachbarschaften. Durch die neuerliche Aneignung werden die Räume im kollektiven Bewusstsein wieder präsent und als Lebensräume neu erschlossen. Als Stadtbausteine, die häufig in ihrer Vergangenheit einen funktionalen und/oder strukturellen Bedeutungsverlust bzw.-wandel erfahren haben, sind diese im Begriff, sich neu zu erfinden. Dabei bleiben Lokale Mikrozentren bis zu einem gewissen Grad unplanbar und unvorhersehbar, darüber hinaus nicht statisch mit einer auf Dauer festgeschriebenen Funktion. Gleichzeitig variieren Lokale Mikrozentren in ihrer Größe und treten in unterschiedlichen Milieus und Stadtstrukturen(Straßenzüge, Märkte, umgenutzte Fabriksareale oder Bürogebäude …) auf, die häufig zuvor nicht oder nur marginal genutzt wurden und damit ein hohes Potenzial zur Aneignung und Umgestaltung aufweisen. Grundvoraussetzung für diese Mikrozentren als innovative Laborsituationen sind räumliche und zeitliche„Spielräume“ in der Stadt mit einer flexiblen Struktur. Um die Entstehung solcher Räume und Strukturen zu stützen und Förderungsstrategien zu entwickeln, bedarf es der Beobachtung dieser Veränderungsprozesse in der Stadt und besonders behutsamer öffentlicher Interventionen. Lokale Mikrozentren lassen sich in ihrer Vielschichtigkeit kaum verorten. Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kategorie von Zentrenbausteinen sehr kleinräumig in ihrer Struktur und dabei höchst flexibel und unstatisch in ihrer Lokalisation auftreten. Sie nutzen Nischen im baulichen System der Stadt und eignen sich Räume an, wodurch die Stadt und ihr Zentrensystem weiterentwickelt wird. So gesehen finden sich Potentialräume für Lokale Mikrozentren in der ganzen Stadt und sind dabei individuell in ihrer Bedeutung auch höchst unterschiedlich gewichtet. 112 Bildung/Kultur/Wissen/Glauben Universitäten und Fachhochschulen An zehn staatlichen und vier privaten Universitäten sowie an sechs Fachhochschulen studieren aktuell ca. 190.000 Studierende, was Wien zur größten Universitätsstadt Zentraleuropas und im deutschsprachigen Raum macht. Gerade mit den privaten Universitäten und Fachhochschulen hat sich die Hochschullandschaft in den letzten Jahren stark gewandelt. Viele Hauptstandorte der Wiener Hochschulen liegen höchst zentral nahe dem historischen Stadtzentrum und bilden damit eine in die Stadt integrierte vielfältige Wissenschaftslandschaft, die gerade im Verhältnis von Universität und Stadt – im Gegensatz zu reinen Campus-Universitäten an den Stadträndern – Synergieeffekte und Beeinflussungen fördert. So werden viele Quartiere Wiens stark von den Universitäten geprägt, deren Qualität maßgeblich von der Vielfalt und Differenzierung in der Nutzung beeinflusst wird. Gerade in einer Wissensgesellschaft braucht es die Entwicklung neuer Verbindungen zur städtischen Gesellschaft, eine verstärkte Öffnung, Kooperation und Verflechtung und die durchlässigere Gestaltung von Wissensquartieren zur Stadt. Hochschulen prägen die Stadt tiefgreifend als Bildungsort, Wirtschaftsstandort, Arbeitgeber und mit ihren zahlreichen Gebäuden im Stadtbild, jedoch nicht zuletzt beeinflussen sie das gesellschaftliche Klima. Der Einfluss der Studierenden auf die Stimmung und kulturelle Vielfalt der Stadt, auf die Musik- und Kneipenszene sowie auf Sportund Freizeitangebote ist nicht zu unterschätzen. Universitäten spielen damit eine zentrale Rolle für die kulturelle, ökonomische und soziale Entwicklung der Stadt, die Studierenden unterstützen ein lebendiges, offenes und tolerantes Stadtleben. Die meisten akademischen Einrichtungen verteilen sich mit Haupt- und Nebenstandorten als integriertes Netzwerk über ein größeres Stadtgebiet. Die Hauptstandorte der großen Universitäten liegen innerstädtisch. Durch ihren Raumbedarf, Erweiterungen und Ausdifferenzierung hat sich eine weitläufige heterogene Gebäudestruktur ausgebildet. Die größte Hochschule Wiens ist mit derzeit rund 92.000 Studierenden und 9.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Universität Wien. 114 Bildung/Kultur/Wissen/Glauben Schulen Auf knapp 700 Schulen sind die rund 220.000 Wiener Schülerinnen und Schüler verteilt. 380 Schulstandorte des öffentlichen Pflichtschul-, Berufsschul- und sonderpädagogischen Bereichs werden dabei von der Stadt Wien verwaltet, wobei die einzelnen Bildungsinstitutionen in der Regel ihren Aufgaben und Zielgruppen eindeutig zugeordnet und räumlich voneinander getrennt sind. Eine Besonderheit stellt das ab 2009 eingeführte „Wiener Campusmodell“ dar. Hier werden Kindergarten, Schule und Freizeiteinrichtungen an einem zentralen Standort konzentriert und auch inhaltlich vernetzt. Die Betreuung findet ganztägig statt. So bildet dieser Schultyp für Schülerinnen und Schüler noch mehr als klassische Schulen einen zentralen Ort in ihrem Alltag. Mit der aktuellen Weiterentwicklung zum„Campus plus“-Modell soll die Stadtteilfunktion und -einbindung der Schule gestärkt werden. Weitere kommunale Einrichtungen wie Musikschulen, Sporteinrichtungen oder Jugendzentren sollen integriert werden und mit ihren Angeboten auch den Anrainerinnen und Anrainern offen stehen. Als städtische Einrichtungen unterliegen sie einer hohen Steuerungsmöglichkeit in ihrer Ausrichtung und Gestaltung und markieren als Sonderbau einen besonderen Ort im Stadtgefüge. Gerade in den Gebieten der Stadterweiterung können diese Bildungsorte auf diese Weise als stadtteilbezogene Projekte auch über die Schulnutzung hinaus einen wichtigen Beitrag zur Gemeinschafts- und Nachbarschaftsbildung leisten und als Treffpunkt und Kommunikationsort ein lokales Zentrum bilden. Dabei übernehmen sie Zentrenfunktionen über den gesamten Tag und für vielfältigere Bevölkerungsgruppen. Die Schulen in Wien sind in Abhängigkeit zur Bevölkerungsdichte relativ gleichmäßig über die Stadt verteilt. Die zahlenmäßig geringeren Berufsbildenden und Allgemeinbildenden Höheren Schulen weisen ein ähnliches Muster auf, zu Häufungen kommt es aber eher in den inneren Stadtteilen. Auffällig sind die Campusschulen, die in den neuen Stadterweiterungsgebieten gebaut werden und hier verstärkt auch weitere Zentrenfunktionen übernehmen. 116 Bildung/Kultur/Wissen/Glauben Außerschulische Bildungseinrichtungen Außerschulische Bildungseinrichtungen nehmen eine wichtige Rolle in Bezug auf das lebensbegleitende Lernen ein. Darüber hinaus zielen gerade die Einrichtungen der Erwachsenenbildung wie etwa BFI, WIFI oder VHS auf eine Erhöhung der Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Bildungsebenen und auf eine generelle Verbreiterung des Zugangs zu Bildung ab. Mit einem Programm von Bund und Ländern wird seit 2012 das Nachholen von Bildungsabschlüssen im Rahmen des„Zweiten Bildungsweges“ subventioniert und gratis angeboten. Allein in Wien beträgt die Anzahl der Personen ohne Pflichtschulabschluss insgesamt fast 102.000 1 . Durch den demografischen Wandel wird die Bedeutung der Erwachsenenbildung auch in der nachberuflichen Phase verstärkt, gerade weil dieser Lebensabschnitt heute einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren umfasst und derlei Angebote zur Weiterbildung die Sicherung von Teilhabechancen und Chancengleichheit mit gewährleisten. _______________ 1.„Bildungsabschlüsse können jetzt gratis nachgeholt werden“, Der Standard, 19.01.2012,„http://derstandard.at/1326503164598/Bildungsabschluesse-koennen-jetzt-gratis-nachgeholt-werden Die außerschulischen Bildungseinrichtungen sind über die gesamte Stadt verteilt, wobei eine deutliche Konzentration im Bereich zwischen Ring und Gürtel festzustellen ist, wohingegen die Dichte an Einrichtungen im transdanubischen Raum des 21. und 22. Bezirks ausdünnt. Öffentliche Einrichtungen wie Volkshochschulen und Bibliotheken sind gleichmäßig verteilt. Während das WIFI nur einen zentralen Standort in Wien unterhält, sind die Einrichtungen des BFI in kleineren dezentralen Einrichtungen verteilt. In der räumlichen und teils auch inhaltlichen Nische zwischen diesen beiden großen privaten Instituten bieten verschiedene kleinere Weiterbildungseinrichtungen wie etwa von WUK, von ABZ oder kirchlichen Organisationen spezialisierte Angebote. Durch Verknüpfung verschiedener Bildungseinrichtungen an einem Standort entstehen Bildungszentren mit betrieblichen und räumlichen Synergieeffekten und erhöhter Bedeutung im Stadtraum. So vereint etwa das Bildungszentrum Simmering Volkshochschule, Musikschule und Bücherei – eine häufige Kombination. 118 Bildung/Kultur/Wissen/Glauben Kultur-Zentren Kultur hat sich zu einem wichtigen Instrument der Stadtentwicklung entwickelt. Im Zuge einer Positionierung innerhalb des globalen Städtewettbewerbs wird ihr seit einigen Jahren eine zentrale Bedeutung als Hoffnungsträger in der postindustriellen Stadt beigemessen. Dabei dient Kultur mit der Entstehung kreativer Milieus als positiver Imagefaktor im Stadtmarketing und als kultur- und stadttouristischer Anreiz. Spätestens jedoch seit Richard Floridas(2002) Publikation zum Zusammenhang des Aufstiegs einer kreativen Klasse mit einer ökonomisch erfolgreichen kreativen Stadt gilt Kultur mit der Attraktivierung der Stadt auch als Ansiedlungsanreiz für junge, innovative und kreativ arbeitende Personen und Unternehmen. So positioniert sich Wien etwa„als touristisches Zentrum und vielfältige Kulturmetropole“ 1 , was als eine der„fünf zentralen Stärken Wiens im Städtewettbewerb“ 2 bezeichnet wurde. Aber die kulturelle Ausrichtung der Stadtentwicklung wurde nicht neu entdeckt, denn Stadt war schon immer Ort von Kultur: Mit der Dichte an Kontakten, Heterogenität in Lebensentwürfen, Werten und Lebensstilen und den Orten des Experimentierens findet sich die Basis, um Neues entstehen zu lassen, um Kultur weiterzuentwickeln. Genauso gibt es die Orte und Institutionen mit langer Tradition, um Kultur zu pflegen und zu bewahren. Gerade die Kumulation dieser unterschiedlichen kulturellen Einrichtungen in den Großstadtzentren begründen diese und sichern deren Vitalität. Wien ist eine Kulturmetropole mit hoher historischer Bedeutung, die auch heute vielfältige kulturelle Angebote und eine breite, junge Kulturszene mit inhaltlicher und struktureller Vielfalt zu bieten hat. Stadträumlich sind es neben vielen Häusern der Hochkultur und„Leuchtturmprojekten“, wie dem 2000 eröffneten MuseumsQuartier eine Vielzahl und Vielfalt an Kinos, Konzertsälen, Theater oder Clubs, die die Stadt bereichern und ausmachen. Im Zuge des derzeitigen Stadtwachstums legt Wien nicht nur quantitativ zu, sondern auch in ihrer Vielfalt und damit etwa auch in ihrer kreativen Energie. Dabei ist es wichtig, dass besonders in den Stadterweiterungsgebieten neben benötigtem Wohnraum Räume für Kultur unterschiedlichster Ausprägung möglich gemacht werden und in den bestehenden Stadtvierteln bezahlbare Räume und Flächen für kreative Nutzungen gesichert werden. 1 Stadt Wien,„Positionspapier‚Wien 2016‘: Internationale Aktivitäten der Stadt Wien“, www.wien.gv.at/politik/international/strategie/pdf/positionspapier.pdf, 2 2 ibid. Der Schwerpunkt der klassischen Kulturbetriebe mit oftmals hoher historischer Bedeutung befindet sich rund um den Ring und im 1. Bezirk. Das MuseumsQuartier bildet neben einem Museencluster auch einen wichtigen urbanen Freiraum in der Stadt. Bei Clubs und Konzerthallen sind es eher abgelegenere Standorte mit geringerer potenzieller Lärmbelästigung – etwa am Prater, am Donaukanal oder in den Stadtbahnbögen. Kinos gibt es sowohl im Stadtkern als auch an der Peripherie. Hier gilt es jedoch zwischen kleinen Programmkinos und großen Multiplexkinos zu unterscheiden. Richtung Stadtrand nimmt die Dichte der Kulturbetriebe merklich ab. 120 Bildung/Kultur/Wissen/Glauben Glaubensräume Kirchen sind fester Bestandteil von Stadt- und Stadtteilzentren und bilden häufig als architektonische Repräsentationsbauten sowie als gesellschaftliche Treffpunkte mit dem davor liegenden Kirchplatz den öffentlichsten Raum der Umgebung und damit(auch für Anders- oder Nichtgläubige) im Stadtraum Zeichen und Orte. Viele Kirchen mit oftmals hoher kulturhistorischer Bedeutung dominieren historische Plätze in der Stadt und stellen mit ihren Nebenräumen auch soziale und kulturelle Zentren dar. An sie sind soziale Netze geknüpft, die zum sozialen Zusammenhalt, zur Integration und zum kulturellen Leben in den Städten beitragen. Inzwischen hat sich jedoch mit der Ausdifferenzierung und Spezialisierung der Zentren und dynamischen Veränderung und Internationalisierung der Gesellschaft auch die Bedeutung, Vielfalt und Ausrichtung der Glaubensräume verändert. So überwiegen manche Glaubensräume in der touristischen Nutzung, während sie in der„alltäglichen Nahversorgung“ der Umgebung eingebüßt haben. Andere Glaubensräume sind bei Weitem nicht repräsentativ und finden sich in Hinterhöfen oder in reinen Zweckbauten. Dennoch stellen sie für die jeweilige Glaubensgemeinschaft einen wichtigen Ort, ein Zentrum in der Stadt, dar. In Österreich gibt es mittlerweile 22 anerkannte Religionsgemeinschaften und elf eingetragene Bekenntnisgemeinschaften, dabei sind außer dem Hinduismus alle Weltreligionen(Islam, Christentum, Buddhismus, Judentum) als Religionsgemeinschaften anerkannt. Die überwiegende Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher bekennt sich zum Katholizismus, gefolgt von Muslimen und Orthodoxen sowie den Angehörigen der Evangelischen Kirchen. Seit den 1970er-Jahren verzeichnete die Islamische Glaubensgemeinschaft, die bereits seit 1912 in Österreich eine gesetzlich anerkannte Religionsgesellschaft ist, den stärksten Zuwachs. Als Folge der Shoa leben heute lediglich ca. 15.000 Menschen jüdischen Glaubens in Österreich, während es 1938 noch ca. 210.000 Jüdinnen und Juden waren. Als erstes europäisches Land erkannte Österreich 1983 den Buddhismus als Religionsgemeinschaft staatlich an. In Wien stehen knapp 500 katholische Kirchen und Kapellen, die ältesten befinden sich größtenteils in der Innenstadt und den angrenzenden Bezirken. Daneben gibt es noch weitere christliche Kirchen, und 22 buddhistische und 14 jüdische Glaubensräume mit einer Konzentration im 2. und im angrenzenden 1. Bezirk. Neben vielen islamischen Glaubensräumen, die eng am westlichen Gürtel und im 2. Bezirk situiert sind, wurde mit dem Islamischen Zentrum Wien die erste und bislang einzige Moschee Wiens 1979 in Floridsdorf eröffnet. In den aktuellen Stadtentwicklungsgebieten werden vermehrt multikonfessionelle Projekte geplant: So entsteht beim Hauptbahnhof ein„Raum der Stille“, in der Seestadt Aspern wird derzeit über einen multikonfessionellen Campus beraten, wobei jede der drei Religionsgemeinschaften – christlich, jüdisch und muslimisch – eigene Räume erhalten, sich jedoch Vorplatz und Büro teilen sollen. 122 Quellen Schichtenanalyse Karten: Geschäftsstraßen STEP 2025, 67 Kurzparkzonen Wien https://open.wien.at/site/datensatz/?id=6858b20862bc-424e-9d7b-c89b74d3d3e3(abgerufen: 02.12.2014) Roman Schwarzenecker: Die Wiener Geschäftsstraßenanalyse 2009: eine Kategorisierung der Wiener Geschäftsstraßen, neue Einzelhandelsformen und die Entwicklung der Wiener Geschäftsstraßen im Laufe der Zeit(Wien, 2011) Detailmärkte http://www.wien.gv.at/wirtschaft/marktamt/maerkte/(abgerufen: 11.11.2014) https://www.wien.gv.at/freizeit/einkaufen/maerkte/(abgerufen: 11.11.2014) 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Bauliche Gestalt und Entwicklung. 1966 Stadtentwicklungsflächen STEP 2025, S. 67 Lokale Mikrozentren Miniinterviews Stadtplananalyse http://www.inoperable.at/urbanmap.pdf Universitäten und Fachhochschulen open.wien.at – Katalog„Universitäten und Fachhochschulen – Standorte“ https://open.wien.at/site/datensatz/?id=3e62e13e-3955-494a-91b3f00ab9e84b48(abgerufen: 4.11.2014) Anzahl Studierende http://statcube.at/superwebguest/login.do?guest=guest&db=deunistud3_ext https://www.fh-campuswien.ac.at/ http://www.technikum-wien.at http://www.fh-wien.ac.at/ueber-uns/daten-fakten/ http://www.statistik.at/web_de/statistiken/bildung_und_kultur/formales_bildungswesen/universitaeten_studium/040594.html http://www.studium.at/studieren/lauder-business-school (abgerufen: 4.11.2014) Schulen Bildungscampus-Standorte in Wien https://www.wien.gv.at/bildung-forschung/images/campus-neu-gr.jpg(abgerufen: 3.11.2014) open.wien.at – Katalog„Schulen – Standorte“ https://open.wien.at/site/ datensatz/?id=c1ba372b-dba2-4bce-b72e-b5c832eaaf44(abgerufen: 5.11.2014) Außerschulische Bildungseinrichtungen Geschäftsstellen Wien – Service für Arbeitssuchende http://www.ams.at/ wien/service-arbeitsuchende/arbeitsuche/geschaeftsstellen/adressen (abgerufen: 21.01.2015) Standorte des BFI Wien https://www.bfi.wien/service/standorte/(abgerufen: 2.12.2014) Open.wien.at- Katalog„Musik- und Singschulen – Standorte“ https:// open.wien.at/site/datensatz/?id=fc725989-5c3e-4bf4-89b1-68caeec4d858(abgerufen:19.01.2015) open.wien.at – Katalog„Volkshochschulen – Standorte“ https://open. wien.at/site/datensatz/?id=716d89ce-b0da-4158-abb6-72f562206b37 (abgerufen: 2.12.2014) Weiterbildung in Wien https://www.wien.gv.at/bildung/weiterbildung/ index.html(abgerufen: 19. 01.2015) Erwachsenenbildungseinrichtungen www.erwachsenenbildung.at (abgerufen: 19.01.2015) Wifi Wien www.wifiwien.at(abgerufen: 2.12.2014) WUK Bildung und Beratung http://bildung-beratung.wuk.at/(abgerufen: 19.1.2015) open.wien.at – Katalog„Büchereien – Standorte“ https://open.wien.at/ site/datensatz/?id=2adc5a86-faa3-4b63-acff-a66128b811b7(abgerufen: 10.11.2014) Kulturelle Zentren Musik, Bühne, Tanz in Wien http://www.wien.gv.at/kultur/buehne/index.html(abgerufen: 19.01.2015) IG Jazz http://www.ig-jazz.at/(abgerufen: 19.01.2015) http://www.oesterreich-auf-einen-blick.de/wien/theater.php(abgerufen: 19.01.2015) Wiener Konzertcafés http://www.wien.info/de/musik-buehne/klassik/ konzert-cafes(abgerufen: 19.01.2015) Kabarett in Wien http://www.wien.info/de/musik-buehne/theater/kabarett(abgerufen: 19.01.2015) Oh schon hell – Locations in Wien http://ohschonhell.at/orte(abgerufen: 19.01.2015) Kinos in Wien http://www.vienna4u.at/kino_wien.html(abgerufen: 19.01.2015) IG Kultur Wien http://www.igkulturwien.net/mitglieder/mitglieder/ (abgerufen: 19.01.2015) Glaubensräume Islamische Glaubensräume http://www.wien.derislam.at/?c=content&p=suchen_moschee&v=vereine&cssid=Moscheen&navid=410&par=40&cssid=Moscheen&navid=410&par=40(abgerufen: 3.11.2014) open.wien.at – Katalog„Kirchen und Religionsgesellschaften“ https:// open.wien.at/site/datensatz/?id=19987402-b592-41d5-89f7-fab3ab43fa54(abgerufen: 4.11.2014) Isrealitische Kultusgemeinde Wien http://www.ikg-wien.at/?page_id=787 (abgerufen: 17.11.2014) 125 An vier ausgewählten Bereichen Wiens wurden sogenannte Tiefbohrungen durchgeführt. Gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus der Planung und Wirtschaft, lokalen Akteurinnen, Akteuren und Vertreterinnen und Vertretern der Stadt Wien wurden in Form von Stadtspaziergängen Besonderheiten, Qualitäten und Potenziale dieser unterschiedlichen Räume untersucht und räumliche, gesellschaftliche sowie ökonomische Herausforderungen, bezogen auf die aktuelle Situation und mögliche zukünftige Entwicklung dieser zentrenbildenden Stadträume, diskutiert. Die vier im Rahmen dieser Begehungen untersuchten Stadtbereiche verteilen sich über das gesamte Stadtgebiet, weisen unterschiedlichste Entstehungszeiten, Körnungen und zentrenspezifische Fragestellungen auf. Auf diese Weise wird die Vielfalt des polyzentralen Systems und der unterschiedlichen Zentrenbausteine über die Auswahl der Spaziergänge abgebildet. Die Auswahl soll unterschiedlichste Aspekte abdecken, aufschlussreiche Informationen über die Wiener Zentrenstruktur liefern und dabei auch zu einem gewissen Grad auf vergleichbare Zonen der Stadt übertragbar sein. Mit der Lerchenfelder Straße und der Reindorfgasse wurden zwei in Größe, Struktur und jeweiligen Herausforderungen sehr unterschiedliche gründerzeitliche Stadtstrukturen gewählt. In Liesing wurde vorrangig die Bedeutung historischer Ortskerne im Zusammenspiel mit neuen Stadterweiterungsgebiete diskutiert. Im Donaufeld bzw. in Kagran standen sehr großformatige bzw. autoaffine Stadtstrukturen und deren Anpassungsfähigkeit im Vordergrund. Im Erdberger Mais wurden Möglichkeiten der nachträglichen Verknüpfung der vielen einzelnen insulären Entwicklungen in diesem Stadtraum diskutiert. Ein Hauptanliegen bei der Durchführung dieser Fallstudien war die Untersuchung unterschiedlichster Zentrenbausteine innerhalb des lokalen Kontextes sowie die Diskussion vor Ort. Diese Diskussionen, Gespräche und Miniinterviews bilden die Basis der Dokumentation, Kartierungen verorten die gewonnenen Erkenntnisse. Diese konkreten Beobachtungen und Gespräche mit lokalen Akteurinnen und Akteuren werden wiederum in die Empfehlungen rückgespielt. 126 128 Gründerzeitliche Stadt, Teil 1: Lerchenfelder Straße 129 Die durch die Stadtgeschichte geprägten traditionellen Geschäftsstraßen übernehmen für die gründerzeitlichen Stadtbezirke Wiens wichtige zentrenbildende Funktionen. Besonders die Bezirkshauptstraßen verstehen sich aufgrund ihrer versorgenden Funktion als lineare Stadtteilzentren für die lokale Bevölkerung im Quartier. Durch den tiefgreifenden Strukturwandel in der Handelslandschaft – der sich verstärkt auf jene kleinteiligen Strukturen ausgewirkt hat, die in den gründerzeitlichen Geschäftsstraßen zu finden sind – haben diese Straßen in der Vergangenheit an Bedeutung eingebüßt. So etwa auch die Lerchenfelder Straße, welche die Grenze zwischen den benachbarten Bezirken Neubau und Josefstadt bildet und somit auch in der Zuständigkeit beider liegt. Sie hatte besonders durch ihre Lage im Einzugsbereich anderer stark ausstrahlender Geschäftsstraßen, dem damit verbundenen Strukturwandel und dem Wandel im Einkaufsverhalten über viele Jahre hinweg mit verstärktem Leerstand zu kämpfen. Noch vor wenigen Jahren war der öffentliche Straßenraum von ungenutzten Lokalen mit zugeklebten Schaufensterflächen geprägt. Dieses Bild hat sich bis heute jedoch größtenteils verändert. Mythos Lerchenfelder Straße Noch in den 1960er-Jahren galt die Lerchenfelder Straße als Zentrum der lokalen Versorgung und des Konsums. Seit damals musste sie bis in die frühen 2000er-Jahre aufgrund der aufkommenden Einkaufszentren und Fachmärkte an den Stadträndern massiv an Umsatz einbüßen, daneben aber auch an den angrenzenden 1. Bezirk, sowie an die sich in der Nähe befindende, sich zusehends auf große globale Handelsketten spezialisierende Mariahilfer Straße Kaufkraft abgeben. Dies führte über die Jahre hinweg zu einem massiven Leerstand. Wie viele andere Bezirksgeschäftsstraßen ist die Lerchenfelder Straße von Einzelhändlern, kleinen Fachhandelsgeschäften, Gasthäusern und handwerksnahen Spezialgeschäften geprägt. Die Straße nahm, ebenso wie die Josefstädter Straße, jedoch eine Sonderstellung unter den Hauptgeschäftsstraßen in der gründerzeitlichen Stadt ein: Sie war durch das Vorherrschen der Güter des kurzfristigen Bedarfs gekennzeichnet. Dies sicherte der Straße für lange Zeit die notwendige Stabilität. Bis in die 1980er-Jahre wies die Lerchenfelder Straße im Gegensatz zu anderen Geschäftsstraßen nur einen geringen Anteil an Veränderungen in Form von Geschäftsneugründungen durch den Branchenwechsel auf. Die Konstanz der Geschäftsstraßenstruktur begründete sich aber vor allem in der Verbundenheit der lokalen Bevölkerung zum eigenen Wohnumfeld. Die Straße hatte gleichermaßen Bedeutung als authentischer Ort des gemeinsamen Konsums und der Identität. Danach orientierte sich auch das Konsumverhalten der Josefstädterinnen und Josefstädter. Die alltäglichen Einkaufstätigkeiten beschränkten sich auf die Geschäfte in der näheren Wohnumgebung: Bäckereien, Fleischereien, Obst- und Gemüsegeschäfte und Zuckerlgeschäfte. Diese kleinteiligen inhabergeführten Geschäfte, denen eine langjährige Familientradition zugrunde lag, profitierten lange Zeit von privilegierten und überaus treuen Kundenbeziehungen. Die kleinen 130 Läden wurden durch die Verbundenheit und die Vertrauensbeziehung zwischen Eigentümerinnen und Eigentümern bzw. dem Personal und den Kundinnen und Kunden zu Austauschorten von Information, zu Orten der Kommunikation und der Interaktion. Somit stellten die Geschäftslokale die Schnittstelle zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum im Bezirk dar. Über ihre Versorgungsfunktion hinaus übernahmen sie damit wichtige Aufgaben für die Authentizität des Wohnumfelds und Identifikation der Bewohnerinnen und Bewohner mit dem Stadtteil und lieferten einen wertvollen Beitrag zum sozialen Leben im Grätzel. Es waren Orte, an denen man sich trifft und mit Bekannten, Nachbarinnen und Nachbarn oder auch Fremden ins Gespräch kam. Besonders für die älteren Generationen stellten die Besorgungen für den täglichen Gebrauch oftmals die einzigen Interaktionsmöglichkeiten dar, um sich mit anderen Menschen auszutauschen, wodurch diese die wichtigsten sozialen Ereignisse des Tages bildeten. Die Zahl dieser überlebenden Spezialgeschäfte wurde über die Jahre hinweg immer geringer, folglich nahm die Leerstandsquote entlang der Straße zu. Immer weniger Geschäfte erinnerten an den Mythos der einst so lebendigen Bezirksgeschäftsstraße. Diese Entwicklung scheint jedoch vor allem in der jüngeren Vergangenheit eine Wende genommen zu haben: Die Leerstandsquote hat sich trotz des strukturellen Wandels und des damit einhergehenden Wandels im Einkaufsverhalten der Bewohnerinnen und Bewohnern stark reduziert und konnte sich bis heute stabilisieren. Neben den bestehenden Traditionsgeschäften in der Josefstadt haben sich neue, vor allem junge Geschäfte – unter anderem im Kunsthandwerksbereich –, Einzelhandels- und Gastronomiebetriebe angesiedelt. Die Lerchenfelder Straße hat vor allem in den letzten fünf Jahren als lebendiges lokales Zentrum im gründerzeitlichen Stadtteil wieder an Bedeutung gewinnen können. 131 Die traditionelle Geschäftsstraße als authenErdgeschoßzonen als Möglichkeitsräume für tischer Ort junge Unternehmen Offensichtlich stellen die Geschäftslokale in den Erdgeschoßzonen nicht nur für die ältere Wohnbevölkerung wichtige Kommunikations- und Identifikationsräume, die das Bedürfnis nach sozialer Interaktion und Beteiligung am urbanen Leben decken, dar. Auch bei den jüngeren Generationen wird verstärkt der Wunsch nach Authentizität zum Ausdruck gebracht, und das Bedürfnis nach identitätsstiftenden Konstrukten rückt in den Vordergrund. Gerade die junge urbane Gesellschaft ist mit Verschiebungen von Wertvorstellungen konfrontiert, einer allgemein gültigen Kurz- bzw. Schnelllebigkeit, einer starken Dynamik im Wohnort- und Arbeitsplatzwechsel und den sich damit immer schneller verändernden Lebensbedingungen. Gleichermaßen verändern sich Lebensstile und Lebensformen. Bezogen auf die Versorgung bzw. den Handel hat sich das Einkaufs- und Konsumverhalten ebenso verändert. Der Onlinehandel hat in den letzten Jahren massiv an Umsatz zulegen können und zieht stetig Kaufkraft aus der Fläche der Geschäftsläden ab. In vielen Fällen ist das analoge Einkaufen immer mehr zu einer anonymen Verhaltenspraktik geworden, bei der der soziale Austausch in den Hintergrund gerückt ist. All dies verstärkt das Bedürfnis nach authentischen Orten, nach Räumen der Interaktion und der Kommunikation, aber ebenso nach Möglichkeitsräumen, um eigene Ideen und Konzepte zum Ausdruck und zur Umsetzung zu bringen. Immer häufiger wird der romantisierte Wunsch nach dem Dorf in der Stadt, in dem sich jeder kennt, formuliert. Dieser drückt sich vermehrt in Umfragen, bezogen auf das Angebot in Geschäftsstraßen, meist in Form von regionalen Fleischereien, Bäckereien und Greißlern aus. Hinzu kommt aber auch die zunehmende Wertschätzung für regionale Produkte sowie für deren transparente Herstellung und gleichzeitig die Abwendung von globalen Handelsketten, die ausschließlich auf Massenproduktion und -konsum abzielen. Für viele junge Unternehmensgründerinnen und -gründer, oder Kreativbetriebe wurde die Erdgeschoßzone in der Lerchenfelder Straße zur besonderen Adresse und Identifikationsgrundlage für einen offenen und kommunikativen Lebensstil. In den letzten Jahren konnten sich entlang der Lerchenfelder Straße junge Läden ansiedeln und etablieren, deren Konzept nicht jenem des klassischen Einzelhandelsgeschäftes folgt, sondern beispielsweise durch ein gastronomisches Zusatzangebot gestützt wird. Auf diese Weise wird der Kontakt zu und der Austausch zwischen den Kundinnen, Kunden und Gästen gefördert. Darüber hinaus werden die Verbundenheit und die lokalen Bezüge intensiviert. In diesem Sinne kann behauptet werden, dass sich kleinteilige Nahversorgungsläden neu erfunden haben und deren Zentrenfunktionen für die lokale Umgebung neu interpretiert werden können. Häufig steht dabei die Raumproduktion für Prozesse des Mitwirkens und des Selbermachens im Vordergrund. Diese Orte werden zu Werkstätten der eigenen Identifikation, schaffen aber auch Identifikationsräume für die Stadtbewohnerinnen und-bewohner und stellen lokale Bezüge zum eigenen Wohnumfeld her. Somit leisten sie einen wichtigen Beitrag für ihr Grätzel. Eine traditionelle Geschäftsstraßen mit vermehrt internationalen Bezügen: ein Imagewechsel „Das Image der Lerchenfelder Straße hat sich in den Medien in den letzten Jahren zu 100% gedreht.“ Gemeinsam mit dem Bedeutungswandel von einer vorrangigen Nahversorger-Geschäftsstraße zu einer Straße mit einem vielfältigen Branchenmix, traditionellen Geschäften, Strukturen mit lokalen ebenso wie mit internationalen Bezügen hat sich ein Imagewechsel und ein Wechsel in der Wahrnehmung der Lerchenfelder Straße vollzogen. Der strukturschwachen Einkaufsstraße konnte über die letzten Jahre hinweg eine neue Dynamik 132 133 verliehen werden. Neben kleinteiligen, innovativen Geschäftsformaten einerseits und traditionellen lokalen Geschäften andererseits haben sich auch neue Cafés, Bars und Restaurants mit einem vielfältigen Angebot über die Jahre im Straßenraum einfügen können. Die kroatische Taverne eröffnete neben einem japanischen Fischrestaurant, das Wiener Wirtshaus wurde zum Nachbarn eines vietnamesischen Take-away-Lokals. Einhergehend mit der Vielfalt im Angebot und der Internationalisierung der Betreiberinnen und Betreiber der Lokale haben sich auch die Zielgruppe und die Nutzerinnen und Nutzer der Lerchenfelder Straße verändert. Im Gegensatz zu einst vereint die Straße nunmehr Menschen unterschiedlicher ethnischer Kulturen und Herkünfte. Ihr Publikum wurde jünger, vielschichtiger, heterogener und internationaler. Vermehrt wird auch im Gespräch darauf hingewiesen, dass die „Internationalisierung“ der Lerchenfelder Straße weiter intensiviert werden soll, etwa indem vermehrt auf Touristinnen und Touristen der nahen Hotels und touristischen Zonen des 1. Bezirks als Zielpublikum fokussiert werden soll. „Lebendige Lerchenfelder Straße“ Der Imagewechsel und die Reduktion der Leerstandsquote auf der Lerchenfelder Straße sind großteils auf das von der Stadtpolitik initiierte Pilotprojekt„Lebendige Lerchenfelder Straße“ und die hierbei beteiligten Personen zurückzuführen. Damit ist es gelungen, der Lerchenfelder Straße als ehemals strukturschwache Einkaufsstraße mit partizipativen Methoden eine neue Dynamik zu verleihen. Mit Methoden des Quartiersmanagements im Wortsinn des Projektnamens wurden mittels neuer Ansätze und Projekte wichtige Beiträge zur Belebung der Straße geleistet. Adressatinnen bzw. Adressaten des Projektes waren Akteurinnen und Akteure auf der lokalen Ebene der Geschäftsstraße, auf Ebene der Stadtverwaltung sowie der politischen Ebene. Die Arbeit und die Initiativen richteten sich in erster Linie an Geschäftsinhaberinnen und Geschäftsinhaber, Unternehmerinnen und Unternehmer, Einkaufsvereine, Bewohnerinnen und Bewohner, lokale Institutionen und Dienststellen als Multiplikatoren vor Ort. Zentraler Ansatz dabei war, all diese Akteurinnen und Akteure in Form eines umfassenden Aktivierungsprozesses aus dem Wohn- und Arbeitsfeld heraus für ein gemeinsames Interesse an der Belebung der Lerchenfelder Straße zu motivieren und zu vernetzen. Einen zentralen Baustein des zeitlich begrenzten Pilotprojektes stellte dessen Präsenz und Wahrnehmung im öffentlichen Straßenraum in Form eines gut gelegenen, sichtbaren und einladenden Geschäftslokal dar. „Nachdem Geschäftsstrukturen einem ständigen Strukturwandel im Handel unterliegen, gibt es einen großen Bedarf, auf veränderte Rahmenbedingungen zu reagieren. Das kann nur vor Ort erfolgen.“ Nach Ende der Projektlaufzeit konnte die Projektinitiative durch Unterstützung beider angrenzender Bezirke weitergeführt werden. Die lokale Arbeit wurde durch das Weiterbestehen der Koordinationsstelle vor Ort gesichert. Diese stellt eine für alle sichtbare und wahrnehmbare Plattform 134 135 für die aktive Vernetzung sämtlicher Geschäftsstraßen bezogener Akteurinnen und Akteure dar. Sie ist gleichermaßen Kontakt- und Anlaufstelle für interessierte Geschäftstreibende, die auf der Suche nach neuen Geschäftslokalen sind, wie für Hauseigentümerinnen und- eigentümer, Immobilienbüros sowie sesshafte Kaufleute und Bewohnerinnen und Bewohner im Umfeld. Leerstand bleibt als Herausforderung für die Geschäftsstraße bestehen Leerstehende Lokale prägen zwar nicht mehr den Straßenraum, trotzdem finden sich immer wieder ungenützte Strukturen entlang der Lerchenfelder Straße. Die Ursachen für den Leerstand sind vielfältig: Der Erfolg der Wiederbelebung der Lerchenfelder Straße steht im direkten Zusammenhang mit dem sich vor Ort befindenden Büro der„Lebendigen Lerchenfelder Straße“ und ihren engagierten Betreiberinnen und Betreibern. Durch vielzählige Projekte – wie z. B. Zwischennutzungsinitiativen, um auf den langjährigen Leerstand in der Straße aufmerksam zu machen, die Erfassung leerstehender Lokale in der Straße, die Aufklärung der Eigentumsverhältnisse – sowie durch eine proaktive Öffentlichkeit konnte ein Imagewandel der Straße vollzogen werden. Die Straße wurde dadurch in das Blickfeld vieler Geschäftslokal-Suchender gerückt und das Interesse sowie die Bedeutung der Straße wurden gesteigert; mit dem Ergebnis, dass sich die Zahl der leerstehenden Lokale verringerte. Zum anderen fördert und sichert die Plattform die Kommunikation und Zusammenarbeit all jener, die die Straße mit urbanem Leben füllen, sie schafft Zusammenhalt und fördert zudem Synergien. „Eine Straße mit Leben zu füllen, kann nur gemeinsam erfolgen. Dazu braucht es viel Engagement und die aktive Arbeit vor Ort. Dies bedingt, das man alle in der Straße kennt!“ Wichtig dabei scheint zu erwähnen, dass das Funktionieren einer Geschäftsstraße nicht mit Zahlen und Fakten messbar gemacht werden kann. Vielmehr ist der Gesamteindruck der Straße als Ganzes, samt ihren langjährig bestehenden Geschäften und neu eröffneten, jungen Läden sowie ihren Nutzerinnen und Nutzern für die Vielfalt und Lebendigkeit der Straße ausschlaggebend. Die räumliche und bauliche Qualität der Erdgeschoßlokale entspricht in den seltensten Fällen den Vorstellungen interessierter Mieterinnen und Mieter. Oftmals sind diese stark sanierungsbedürftig. Wegen temporärer Vermietungsmöglichkeiten ist die Motivation für die Eigentümerinnen und Eigentümer, in die Lokale zu investieren, jedoch meist gering. Hinzu kommt, dass viele Geschäftslokale – gemessen an den heutigen Handelskonzepten – zu klein und in weiterer Folge nur schwer zu vermieten sind. Eine Zusammenlegung kleinerer Einheiten gestaltet sich aufgrund komplexer Eigentumsverhältnisse, baulicher Restriktionen und konkreter Vermietungsverhältnisse als äußerst schwierig. „Es gibt Grundvoraussetzungen für das Leben der Erdgeschoßzone, dazu zählt die Qualitätssicherung des öffentlichen Raums und das Schaffen von Aufenthaltsqualitäten.“ Die Fluktuation der Betreiberinnen und Betreiber der Geschäfte ist in traditionellen Geschäftsstraßen aufgrund der Kleinteiligkeit der Lokale meist höher als in Straßen, die größere Handelsflächen aufweisen. Sich verändernde wirtschaftliche Rahmenbedingungen stellen vor allem Kleinunternehmen vor große Herausforderungen. Diese können oftmals nur schwer dem Kaufkraftabfluss in besser frequentierte Lagen entgegenwirken. Infolge führt dies zu einem unausgewogenen Branchenmix und verstärkt dadurch die Tendenz der Geschäftsaufgabe. Die Mieten für die angebotenen Standorte und die Lagen der Geschäftslokale sind oftmals zu hochpreisig. Das Mietpreisniveau steigt nach Beendigung der Altmietverträge massiv an. Vor allem Jungunternehmen stehen häufig nicht die 136 137 notwendigen finanziellen Mittel zur Anmietung zur Verfügung. Das wirtschaftliche Risiko ist zu hoch. Die geringen Altmieten für Geschäftslokale führen häufig dazu, dass die vermietbaren Flächen bevorzugt als Lagerräumlichkeiten weiterverwendet werden, anstatt diese an neue Unternehmen zu vermieten. Vom Straßenraum aus betrachtet wirken diese Lokale ungenutzt und leerstehend. Die Voraussetzung für das Existieren von kleinteiligen Spezialisten sind geschützte Altmietverträge. Mit der Schließung und dem Auszug des Geschäfts steigen die Mietpreise um ein Vielfaches an. Einerseits sind Hauseigentümer meist nicht gewillt, in die Sanierung zu investieren, weil die Unsicherheit einer Rentabilität zu groß erscheint. Andererseits können Unternehmerinnen, Unternehmer bzw. Unternehmensgründerinnen und -gründer nur in den seltensten Fällen die Kosten für eine notwendige Sanierung selbst tragen. Sanierungsrücklagen sind nicht vorhanden. Aufgrund des Drucks zur Nachverdichtung werden vor allem in der gründerzeitlichen Stadt Dachgeschoßausbauten errichtet und zusätzliche Wohneinheiten angelegt. Häufig wird in diesen Fällen im Zuge der Stellplatzverordnung die aktuell vermeintlich untergenutzte Erdgeschoßzone in die benötigten Autoabstellflächen konvertiert. An die Stelle von Geschäftslokalen treten Garagentore, die in Folge zur Verminderung von Aufenthaltsqualitäten des öffentlichen Raums führen. „Bezogen auf die Leerstandsproblematik könnten durch gesetzliche Veränderungen und Regelungen bessere Voraussetzungen für die Ansiedlung neuer Geschäftsstrukturen geschaffen werden. Dafür braucht es jedoch ein politisches Bekenntnis.“ Die Geschäftsstraße ist mehr als nur ein Ort des Konsums Das Einkaufen wurde kontinuierlich wiedererfunden und neu geformt, um mit den Veränderungen der Stadtgesellschaft Schritt halten zu können. Als Programm hat es ständig neue Formate, Konfigurationen und Konzepte hervorgebracht, um sich an die sich verändernden urbanen Muster und sozialen Verhaltenspraktiken anzupassen. Dabei ist das Einkaufen schon lange kein ortsfestes Konzept mehr: Spätestens mit der Etablierung des elektronischen Marktplatzes, der in nächster Zukunft massiv an Zuwachs gewinnen wird, kann der Konsum immer weniger an einem spezifischen Ort festgemacht werden. Viele städtische Orte sind bereits zu Orten des Konsums gemacht worden. Die Kommerzialisierung ist in die unterschiedlichsten urbanen Räume vorgedrungen: in Bahnhöfe, Museen, Schulen und Bibliotheken, sogar in Postämter und Krankenhäuser. Einkaufen kann man somit mittlerweile fast überall, und das rund um die Uhr. Es muss schon lange nicht mehr geplant werden, sondern kann spontan beim Fortbewegen durch die Stadt praktiziert werden. Das prozesshafte Ausbreiten und Vordringen von Einkaufsprogrammen im gesamten Stadtraum lässt das Bedürfnis nach authentischen Orten des gemeinsamen Konsums in den Vordergrund treten, ebenso wie das Bedürfnis, dies bewusst zu praktizieren. Die Lerchenfelder Straße ist in ihrer kleinräumlichen Vielfalt imstande, eine Mischung unterschiedlicher Programme anbieten zu können: die alltägliche Versorgung, das Kunsthandwerk, immer seltener gewordene handwerkliche Dienstleistungen, ebenso aber auch die Geselligkeit und der soziale Austausch vor Ort. Geschäftsstraßen sind smart Die Konzentration der Infrastrukturen für Bedarfe des täglichen Lebens und die damit verbundene Mobilitätsform sind wichtige Bausteine für eine Stadt der kurzen Wege: Die Fortbewegung entlang der Lerchenfelder Straße, wie bei den meisten Wiener Geschäftsstraßen, erfolgt vorrangig zu Fuß. Größere Distanzen können mittels der längsverlaufenden Straßenbahn zurückgelegt werden. 138 Neben der Ermöglichung einer ressourcenschonenden Fortbewegung sichern Geschäftsstraßen wie die Lerchenfelder Straße mit ihrem dichten Handelsnetz die Nahversorgung. Die unkomplizierte Erreichbarkeit der Versorgungsinfrastrukturen wird in Zukunft immer weiter an Bedeutung gewinnen. So erfordert etwa die zunehmend alternde Gesellschaft kleinteilige Strukturen, die fußläufig erreichbar sind. Zusätzlich gewährleisten die Geschäftslokale durch die Lage in den Erdgeschoßzonen eine barrierearme Zugänglichkeit für mobilitätseingeschränkte Personen und kommunikative Räume. So können diese gleichzeitig einen integrierenden Effekt auf die soziale Durchmischung ausüben. Die Lerchenfelder Straße leistet jedoch nicht nur einen Beitrag zur fußläufigen Erreichbarkeit der Nahversorgungsstrukturen, sondern ebenso der dort vorhandenen Mikrofreiräume. Im unmittelbaren Umfeld der Geschäftsstraße befinden sich zahlreiche kleinteilige Grün- bzw. Freiräume, die als soziale Treffpunkte und Orte der Kommunikation eine wichtige Rolle übernehmen. „Oft genügt ein Baum und ein Bankerl zur Förderung der Lebensqualität und zur Verbesserung der öffentlichen Wahrnehmung in und für den Stadtteil oder die Nachbarschaft.“ 139 Lebendige Lerchenfelder Straße Die lokale Koordinationsstelle „Lebendige Lerchenfelder Straße“ vor Ort leistet einen wichtigen Beitrag für die Belebung der Straße. In Form eines Büros in einem Erdgeschoßlokal stellt sie eine für alle sichtbare und wahrnehmbare Plattform für die aktive Vernetzung sämtlicher geschäftsstraßenbezogener Akteure dar. Sie ist gleichermaßen Kontaktund Anlaufstelle für interessierte Geschäftstreibende, die auf der Suche nach neuen Geschäftslokalen sind, ebenso für Hauseigentümerinnen und-eigentümer, Immobilienbüros sowie sesshafte Kaufleute und Bewohnerinnen und Bewohner im Umfeld. Zudem fördert und sichert die Plattform die Kommunikation und Zusammenarbeit all jener, die die Straße mit urbanem Leben füllen, schafft Zusammenhalt und fördert Synergien. Gründerpioniere Lerchenfelder Bauernmarkt Seit 2008 findet einmal wöchentlich ein von der Interessengemeinschaft Lerchenfelder Straße initiierter und organisierter Bauernmarkt am Vorplatz der Altlerchenfelder Kirche statt. Jeden Freitag wird der neu gestaltete Kirchplatz zum lokalen Treffpunkt für Bewohnerinnen und Bewohner aus der Umgebung, zur Kontaktund Austauschzone. Neben der Kommunikation wird das„anders Einkaufen“ in der Stadt möglich gemacht: betont regional und saisonal, verbunden mit lokaler Wertschöpfung und kurzen Wegen, im direkten Kontakt mit den Erzeugern. Die Philosophie sowie die Struktur des Bauernmarkts entsprechen der Logik der kleinteiligen Geschäftsstrukturen entlang der Lerchenfelder Straße. Die spezialisierten, meist inhabergeführten Geschäfte fördern den sozialen Austausch und stellen somit Identifikationsmöglichkeiten für die Nachbarschaft dar. Entlang der Lerchenfelder Straße haben sich neben alteingesessenen Traditionsbetrieben junge Geschäftsläden angesiedelt. Diese sind ebenso inhabergeführt und legen Wert auf die persönliche Betreuung der Kundinnen und Kunden. Dabei verstehen sie sich jedoch nicht als klassische Einzelhandelsgeschäfte: Handel und Gastronomie überlagern sich und werden in einem Geschäftslokal kombiniert angeboten. Die Ausdifferenzierung des traditionellen Geschäftsladens lässt neue Kontakträume v. a. für eine jüngere Zielgruppe in der Straße entstehen. Durch das Aufladen mit zusätzlichen Funktionen wird die Kommunikation und Bindung zu und zwischen den Kundinnen und Kunden bzw. den Gästen gefördert. Darüber hinaus bieten diese neuen kleinteiligen Geschäftsformate großes Potenzial, die Aufgaben authentischer Tradionsgeschäfte für die Lerchenfelder Straße und ihrer Umgebung weiterzuführen und auch für jüngere Generationen zugänglich zu machen. Sie bilden Identifikationsund Kommunikationspunkte und sind deshalb für die Geschäftsstraße von zentraler Bedeutung. Traditionelle inhabergeführte Geschäfte Auf der Lerchenfelder Straße befinden sich auch noch heute viele inhabergeführte traditionelle Geschäfte. Über ihre Versorgungsfunktion hinaus sind sie vielmehr zu wichtigen Bausteinen in Bezug auf die Authentizität für die Straße geworden. Sie stellen Orte der Identifikation für die Bewohnerinnen und Bewohnern und das Wohnumfeld dar. Sie wirken stark kommunikationsfördernd und leisten deshalb einen wertvollen Beitrag zum sozialen Leben im Grätzel, vor allem für die älteren Generationen. Im Straßenraum wirken sie als Entschleuniger. Die Außenwahrnehmung traditioneller authentischer Geschäfte weicht von jener von Geschäften aus jüngeren Zeit ab. Durch ihre Aufmachung erinnern sie an den Flair der Geschäftsstraße aus alten Zeiten. Oftmals wird der Verkaufsraum erweitert und vor die Türe auf den öffentlichen Gehsteig gezogen. Die ausgestellten Verkaufsprodukte laden zum Stehenbleiben und Verweilen ein und entschleunigen gleichermaßen die lineare Bewegung entlang der Geschäftsstraße. 140 100 m 200 m Nischengeschäfte in den Seitengassen Garageneinfahrten Auf der Lerchenfelder Straße finden sich nicht nur Nutzungen, die zur Belebung der Straße beitragen, wie etwa Versorgungsinfrastrukturen oder gastronomische Nutzungen. Zwischen ihnen sind Lücken hinsichtlich der Erdgeschoßnutzung, die einer Geschäftsstraße enstprechen würde, entstanden. In Verbindung mit der Stellplatzverpflichtung führt gerade der Ausbau der Dachgeschoße zu einer Umnutzung der Erdgeschoße zu PKW-Stellplätzen. Dies entzieht der Geschäftsstraße zum einen Vitalität und zum anderen führt dies aber auch zu einer Abwertung der angrenzenden Geschäftslokale. Mit der Errichtung von Parkraum in den Erdgeschoßlagen entsteht nicht nur ein Nutzungswechsel, sondern zusammenhängende Schaufensterfronten und die damit verbundene Transparenz der Erdgeschoßzone entlang des Straßenzugs geht dadurch verloren. Leerstehende Lokale Heute finden sich nur noch wenige leerstehende Erdgeschoßlokale auf der Lerchenfelder Straße. Noch vor einigen Jahren lag die Leerstandsqote viel höher. Diese konnte sich aufgrund von erfolgreichen Initiativen vor Ort offiziell auf eine kleine Anzahl an leerstehenden Strukturen verringern. Trotzdem wird die durchgehende Erdgeschoßnutzung immer wieder durchbrochen: ehemalige Geschäftslokale werden als Lagerräume genutzt oder stehen zur Gänze leer. Dies bewirkt eine Abtrennung der Erdgeschoßzonen vom öffentlichen Raum. Der Straßenraum verliert somit seine„Atmosphäre“ und seine Qualitäten als sozialer und urbaner Raum. Die Lerchenfelder Straße ist zwar in ihrer räumlichen Struktur eine linear ausgerichtete Geschäftsstraße, ihre Geschäfte konzentrieren sich jedoch nicht nur entlang ihrer Längsachse. Die Aktivitäten strahlen in die Nebengasse aus. Vor allem in jene Straßen, deren Straßenmündungen mit Querungen, Haltestellen und Aufenthaltsmöglichkeiten versehen sind. In diesen Nebenlagen haben sich sehr spezialisierte Geschäftstypen angesiedelt, die nicht von der Lauffrequenz in den Hauptlagen der Lerchenfelder Straße abhängig sind. Hierbei handelt es sich vorrangig um angebotene Nischenprodukte, die imstande sind, ein hohes Maß an Eigenfrequenz für den Standort zu generieren. Der Grund für das Weiterwachsen der Geschäftstätigkeiten in die Seitengassen liegt bei den niedrigeren Mietpreisen im Vergleich zu den Hauptlagen. Diese flächige Entwicklung steht nicht in Konkurrenz zur Hauptgeschäftsstraße, sondern wird als eine Erweiterung des vielfältigen Branchenmixes und Belebung der Erdgeschoßzone in den Seitengassen gesehen. 100 m 200 m 141 142 Gründerzeitliche Stadt, Teil 2: Reindorfgasse und Schwendermarkt 143 Die Reindorfgasse hat eine lange und wechselhafte Geschichte hinter sich. In den letzten Jahren haben sich auf der einst florierenden Wiener Einkaufsstraße und in direkter Umgebung verstärkt kreative Nutzungen angesiedelt. Rund um den lokalen Platz mit Kirche und Gasthaus hat sich an der leicht ansteigenden Einbahnstraße und den Plätzen in der Nachbarschaft mit viel Engagement aus dem Grätzel„ein Dorf in der Stadt“ mit einer für den 15. Bezirk typischen Mischung herausgebildet. Als„Broadway von Rudolfheim“ 11 wurde die Reindorfgasse noch in den 30ern beschrieben. Sie stellte eine wichtige Verbindung zwischen den Wohngebieten auf der Schmelz und der Schwerindustrie in Unter-Meidling dar und wuchs als Geschäftsstraße zu einem wichtigen lokalen, linearen Zentrum eines Arbeiterviertels mit vielen Handwerksbetrieben und Gewerbetreibenden sowie einem dichten Marktgebiet am Schwendermarkt. Aber mit der Absiedlung der Industriebetriebe entfiel der tägliche Arbeitsweg und damit die Laufkundschaft. Zusätzlich führte die einsetzende Massenmotorisierung und das damit verbundene Entstehen eines weitmaschigeren Netzes an konzentrierten und großmaßstäblichen Versorgungseinrichtungen auch in der Reindorfgasse zu einem grundlegenden Strukturwandel. Wocheneinkäufe mit dem Auto ersetzten mehr und mehr den Gang zum Markt und lokalen Händler. Funktionierte das Gebiet zuvor wie eine kleine Stadt in der Stadt, folgte auf die Veränderungen der Strukturen und Einkaufsgewohnheiten auch die Auflösung dieses„Ortsgebildes“. 1 Der Kuckuck Nr. 40, 1932 „Es gab eine Zeit, da hat es sehr düster ausgeschaut mit der Reindorfgasse, da war auch viel Frustration dabei.“ Bereits 1978 wurde mit der IG Reindorfgasse ein Verein gegründet, der seither die Belebung des Gebiets im Fokus hat und regelmäßig mit Veranstaltungen auf die Gasse aufmerksam macht. „Ziel der unterschiedlichen Veranstaltung ist schon, dass sie uns kennenlernen und wiederkommen. Das ist ein langwieriger und kleinteiliger Prozess.“ Das„Dorf in der Stadt“ war dann auch der Titel einer Strategie für die Reindorfgasse, die 2006 mit der Wirtschaftskammer Wien und den ansässigen Akteuren entwickelt wurde. Und seit einigen Jahren spürt man einen merklichen Aufschwung in der Gasse und dem umliegenden Gebiet. Dabei sind es mehr und mehr kreative Nutzungen, die sich im Gebiet ansiedeln. Als Pionier hat Kurt Tanner mit seiner Firma für urbane Multifunktionstaschen„Urban Tool“ vor ca. 10 Jahren das Potenzial der Straße erkannt und sich bewusst für die Reindorfgasse entschieden und sich hier eingemietet. Mittlerweile gibt es gerade im nördlichen Teil der Straße einen Cluster aus unterschiedlichsten neuen Nutzungen aus dem erweiterten kreativen Umfeld, aber auch einen ungarischen Fleischhauer oder einen türkischen Friseur. Im südlichen Teil hat sich etwa mit dem froff eine Anwohnerinnen- und Anwohnerinitiative mit dem Wunsch nach einem Veranstaltungsort und kleinen Laden und Treffpunkt angesiedelt. Auf der einen Seite funktioniert das Gebiet höchst lokal und familiär, andererseits strahlen viele der einzelnen Akteure über die Nische, die sie bedienen, über die Stadt hinaus aus. Das gleiche gilt für die gesamte Straße etwa für das Straßenfest. Die Reindorfgasse liegt dabei relativ zentral und öffentlich gut angebunden, wobei die gute Infrastrukturausstattung und gute Wohnqualität zur Zufriedenheit beiträgt: „Wir haben hier eine super Infrastruktur. Auch wenn man alt ist, kann man hier alles innerhalb von fünf Gehminuten erhalten und erreichen.“ 144 145 Unter dem Motto„einfach:lässig“ wollen die lokalen Akteure der IG Reindorfgasse und die Gebietsbetreuung die alten und neuen Mieter und Strukturen der Gasse zusammenbringen und sich dabei nicht auf eine Sparte festlegen, sondern mit der Vielfalt arbeiten, die bereits vor Ort ist.„Wir leben Vielfalt“ ist damit auch der Untertitel der neugegründeten Initiative„einfach 15“, die über eine Geschäftsgebietsförderung mit den Mitteln der Wirtschaftsagentur Wien und hohem Engagement der lokalen Akteure die Belebung des gesamten Stadtteils weitertreiben will, wobei die Reindorfgasse mit dem langjährig arbeitenden Verein im Hintergrund sowie der Sparkassaplatz das Zentrum bilden. Zusätzlich zu den Geschäftstreibenden werden jetzt aber auch aktive Anwohnerinnen und Anwohner, Kulturinitiativen und soziale Einrichtungen mit in die Pläne für das Gebiet einbezogen. Die Reindorfgasse – ein lokales Mikrozentrum Dabei spielt auch die städtebauliche und architektonische Struktur der Gasse eine wichtige Rolle: Von der äußeren Mariahilfer Straße durch einen kleinen abgetreppten Höhenunterschied getrennt, bietet die kleine Einbahnstraße eine gewisse Abgeschlossenheit und Verkehrsberuhigung und nahezu familiäre Intimität rund um den zentralen Kirchplatz mit Dorfkirche und Gasthaus. Gleichzeitig führt diese Stadtstruktur zu einer geringen Frequenz an Laufkundschaft. Die vielen kleinteiligen Erdgeschoßzonen aus unterschiedlichen Bauperioden sind für Filialbetriebe meist zu klein und bieten für kleine Galerien, Unternehmen oder Büros viel Potenzial. So zeigt sich bei den neuen Erdgeschoßnutzerinnen und-nutzern oft ein ähnliches Anforderungsprofil, das sich durch ein begrenztes Budget und einen geringen Platzbedarf für einen Schreibtisch für den Laptop und Kaffeeecke auszeichnet, wobei viele die Nähe und Lebendigkeit der Straße und den Austausch suchen. Mit der zunehmenden Auflösung zwischen Privatleben und Arbeit verändern sich auch die Arbeitsweisen und damit die Anforderungen an die Arbeitsräume. Aber auch die Nutzung des öffentlichen Raums hat sich gewandelt und wird im Alltag wieder beansprucht, stärker genutzt und auch gestaltet. Durch die räumliche Situation in der Reindorfgasse und die beteiligten Akteure weist der öffentliche Raum vor Ort nahezu eine halböffentliche Wohnzimmeratmosphäre auf, in der die Grenzen zwischen privat und öffentlich fließend sind. Auch die Feste wirken dann wie Einladungen in das Wohnzimmer Stadt. Betont viele der neuen Mieterinnen und Mieter wohnen und arbeiten auch in unmittelbarer Nähe und bringen damit ein großes Interesse an dem Grätzel mit und wollen ihr Lebensumfeld und ihre Stadt mitgestalten. Dieses bewusste Einlassen auf den Ort und die lokale Verwurzelung schafft diese informellen und kleinräumigen Zentren mit enorm hohem Identifikationswert, die dann auch weiter ausstrahlen. Gleichzeitig sind Investitionen in die Struktur vielfach ausgeblieben, was hohe Anfangsinvesti146 tionen oder eine enorme Mietsteigerung bei Mieterwechsel zur Folge hat. So stehen auch heute noch einige Gassenlokale leer. Dabei geht es bei vielen ums Ausprobieren von Geschäftsmodellen, um ein kreatives Trial& Error, aber gerade hier sind hohe Investitionsvorleistungen nicht leistbar und ein wirtschaftlicher Erfolg nicht risikolos absehbar. Aber genau dieses Probieren und Schauen, was möglich ist, bereichert die Stadt und den öffentlichen Raum. „Hier gibt es einfach noch Spielraum. Es ist noch Freiraum da, der genutzt werden kann.“ Nach Süden bildet die stark befahrene Sechshauser Straße eine gewisse Barriere, obwohl in den letzten Jahren gerade auch der Sparkassaplatz von der neuen Belebung profitieren konnte und die beiden Bereiche gerade inhaltlich durch die beteiligten Akteure zusammenwachsen. Der Platz liegt im Gebiet der Blocksanierung Sechshauser Straße und war 2012 ein erstes Projekt der damals neustrukturierten Gebietsbetreuung, wobei der Schwerpunkt auf der Sanierung der Bebauung, aber auch auf den Freiräumen lag. Der Sparkassaplatz bildet einen zentralen Freiraum und stark frequentierten Knotenpunkt im Gebiet, obwohl aktuell noch seine Nutzung als Kreisverkehr im Vordergrund steht. Mit der Lichtfabrik und dem Pier15 wurde ein langer Leerstand am Platz wieder mit neuen Akteuren gefüllt, die sich aktiv in das Viertel eingebracht haben und mit öffentlichen Veranstaltungen zu einem gewissen Teil die Rolle des leerstehenden Gasthauses gegenüber übernommen haben und einen Anknüpfungspunkt für die Nachbarschaft bildet. Auf dieses Projekt wurde von Seiten der Gebietsbetreuung aufgebaut und mit den lokalen Akteuren gemeinsam an Projekten und Planungsstrategien weitergearbeitet. Dabei versucht die Gebietsbetreuung auf die Eigenheiten, die jeweiligen Akteure und Besonderheiten einzugehen und gemeinsam mit diesen zu arbeiten und als Schnittstelle die Fäden zwischen Bezirk, Akteuren und Bewohnerinnen und Bewohnern zu bündeln. Die Gebietsbetreuung wird dadurch selbst zu einem wichtigen Akteur, an den man sich mit Anliegen oder Ideen wenden kann und die das Engagement unterstützen und vor Ort verknüpfen. „Je mehr man auf lokaler Ebene und mit den Leuten direkt arbeitet, umso mehr Engagement muss auch dahinter sein.“ Denn diese positiven Entwicklungen basieren neben den harten Faktoren wie der baulichen Struktur stark auf dem Engagement lokaler Ak147 teure und deren Zusammenarbeit. „Das Lokale ist ausschlaggebend. Das muss jeden Tag funktionieren für die Leute, die hier wohnen und ihr Geschäft hier haben. Und das funktioniert hier ausgesprochen gut. Das ist eine Gemeinschaft und eine funktionierende Nachbarschaft. Das hat nicht nur räumlich den dörflichen Charakter, sondern auch in der Mentalität der Leute. Sowohl bei den Alteingesessenen als auch den Neuhinzukommenden.“ Nach wie vor nicht eindeutig geklärt ist die Situation und Zukunft am Schwendermarkt im Nordwesten der Reindorfgasse. War er früher gerade durch seine günstige Lage an der äußeren Mariahilfer Straße ein dichter und florierender Detailmarkt, kämpft er seit Jahren mit fehlender Frequenz und sucht nach einer neuen Bestimmung. 2002 wurde er umstrukturiert und dabei bedeutend verkleinert. Gerade die kontinuierliche Wochenmarktnutzung gestaltet sich schwierig. Hinzu kommen die unterschiedlichen Zuständigkeiten: die Fläche und Infrastruktur liegen in der Zuständigkeit des Marktamts, die meisten Gebäude hingegen als Superädifikat im Eigentum der Marktbetreiber, die zusätzlich dazu noch monatliche Pacht zahlen. Dazu stehen einige Inhaber kurz vor ihrer Pensionierung und tätigen daher keine Investitionen mehr. Immer wieder gibt es von verschiedenen Seiten Versuche einer Reaktivierung des Wochenmarkts, der jedoch dann in Dauer und Umfang stark wechselt. „Was fehlt, ist die Kontinuität. Man muss sich auf die Qualität und Mischung verlassen können.“ Das Marktamt(MA 59) versteht sich dabei als Marktverwalter und ausdrücklich nicht als Marktmanager. Die Flächen des Marktgebiets werden verwaltet, eine aktive Kuratierung der Stände und des Wochenmarkts ist nicht vorgesehen. Schon seit 2010 arbeitet die Initiative„Samstag in der Stadt“ gemeinsam mit der Nachbarschaft aktiv mit und am Schwendermarkt. Dabei steht besonders die soziale und kommunikative und integrative Komponente des Markts im Vordergrund. So organisieren sie mit enormem privaten Engagement etwa eine wöchentliche kostenlose Sozialberatung vor Ort, nutzen den öffentlichen Raum für einen Nachbarschaftsgarten, für einen Flohmarkt oder stärken ihn als lokalen Treffpunkt. Dabei arbeiten sie aber auch weiterhin am Ziel der Reaktivierung des Markts und vermitteln zwischen den Wünschen der lokalen Bewohnerschaft und den Marktfahrern. Samstag in der Stadt hat mittlerweile ein Gassenlokal in der Reindorfgasse bezogen. 148 149 Die Bedeutung des Orts für die lokale Wohnbevölkerung zeigte sich eindrücklich, nachdem das Gerücht eines drohenden Abrisses des gesamten Markts die Runde machte, wobei genau diese Ungewissheit dem Markt noch weiter geschadet hat. 1700 Unterschriften wurden daraufhin für den Erhalt von einer Bürgerinitiative unter dem Motto„Schwendermarkt bleibt“ gesammelt und für den Platz Verbesserungen wie Sonnenschutz und mobile Sitzmöglichkeiten gefordert. Wichtig dabei wird sein, dass der Raum auch weiterhin robust für wechselnde Nutzungen und alle Nutzerinnen und Nutzer offen bleibt. 150 151 Markt mit erweiterter Ausrichtung Seit 2010 engagiert sich das Projekt„Samstag in der Stadt“ mit regelmäßigen Aktionen vor Ort am Schwendermarkt. Sie arbeiten mit der lokalen Bevölkerung und gemeinsam am Ziel der Reaktivierung eines kontinuierlichen Markts, wobei die soziale, kommunikative und integrative Komponente des Marktplatzes im Vordergrund steht. Dafür bietet der freie Platz als öffentlicher Raum eine robuste Struktur für unterschiedlichste Bespielungen und Anforderungen der lokalen Bevölkerung. Aktive Akteure Maßgeblich hängt der neuerliche Erfolg der Reindorfgasse von der Initiative und dem Engagement einiger Akteure ab. Durch die aktive Vernetzung der lokalen Unternehmen, Kulturinitiativen und soziale Einrichtungen, sowie der Unterstützung durch die Gebietsbetreuung arbeiten sie aktiv an der Entwicklung und Gestaltung der Reindorfgasse und dem erweiterten Umfeld. 152 Lokale Geschäfte mit großer Strahlkraft Viele Unternehmen und Initiativen in der Reindorfgasse besetzen in ihrer Ausrichtung Nischen und prägen damit auch die Straße und ihre Eigenheit. Einerseits sind die Geschäfte in einem hohen Maß lokal vernetzt und eingebunden, auf der anderen Seite wirken sie über den ganzen Stadtraum und teils auch darüber hinaus und werden gezielt aufgesucht. Alte Dorfstrukturen Zentral in der Reindorfgasse liegt heute noch der alte gepflasterte Dorfplatz mit Kirche und Gasthaus, der architektonisch und städtebaulich maßgeblich zum Charakter der Straße beiträgt und mit den Raumqualitäten den Rahmen für das lokale Mikrozentrum Reindorfgasse bilden. Gerade das Alt-Wiener Gasthaus Quell ist als Treffpunkt von„Einheimischen“ aus dem Bezirk und„Gästen“ sowie alten und neuen Bewohnerinnen und Bewohnern ein Verknüpfungspunkt. Gerade die Gastronomie spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Entwicklung des Gebiets. Neue Mieter In den letzten Jahren haben sich eine Reihe von neuen Mietern in der Reindorfgasse und der direkten Umgebung angesiedelt. Viele davon stammen aus dem erweiterten künstlerischen Umfeld, jedoch ist auch ein ungarischer Fleischhauer, türkischer Friseur oder Buddhistischer Tempel darunter, die alle zu der Mischung und Stimmung im Grätzel beitragen. Neben dem Shop„Urban Tools“ als Pionier war es vor allem 2010 eine Ausstellung der Galerie FotoK, die sich auf mehrere leerstehende Lokale im Gebiet verteilte und so den Kontakt zu den Eigentümerinnen und Eigentümern aufbaute und einen Impuls für die(temporäre) Nutzung dieser Raumressourcen setzte. Leerstehende Lokale Auch heute noch stehen einige Erdgeschoßlokale aus unterschiedlichsten Bauperioden in der Reindorfgasse leer. In einigen Fällen hängt der Leerstand mit dem schlechten Zustand der Liegenschaft aufgrund eines Sanierungsstaus zusammen, die hohe Start-Investitionskosten nach sich ziehen würde. In anderen Fällen wurden die Mieten bei der Anpassung im Zuge eines Mieterwechsels zu hoch angesetzt, was gerade für junge Unternehmen häufig das Budget übersteigt. Manche vermeintlich leerstehende Erdgeschoße sind jedoch auch als Lager genutzt, ohne das Potenzial der Öffentlichkeit auf der Straße zu nutzen. Das abgebildete Lokal am Sparkassaplatz wurde mittlerweile im Zuge der Blocksanierung generalsaniert und als Gasthaus von einem lokalen Wirt wieder eröffnet. Auch damit wird der Platz für das Gebiet wieder maßgeblich an Bedeutung gewinnen. 200 m 100 m 100 m 153 200 m 154 Liesing/Atzgersdorf Alte und neue Zentren 155 Liesing hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv gewandelt und steht auch im Zuge des aktuellen Wiener Stadtwachstums erneut vor großen Veränderungen. So findet in dem Bezirk am äußersten südwestlichen Rand Wiens durch strukturelle Veränderungen in der Flächennutzung und der damit verbundenen Nutzbarmachung von Flächenressourcen eine beachtliche Nachverdichtung hauptsächlich über Wohnbauprojekte statt. Insbesondere entlang der S- und U-Bahn-Linien entstehen in Baulücken und Nischen, auf brachliegenden Betriebsarealen oder ehemaligen Gärtnereiflächen neuen Wohnquartiere. Welche Rolle können unter diesen Aspekten die gewachsenen Ortskerne übernehmen, wie kann deren Identität unter den Veränderungsdynamiken erhalten bzw. gestärkt werden? Welche Zentrenfunktionen müssen die neuen Quartiere leisten? Wie kann es gelingen, dass der Dialog zwischen neuen und alten Strukturen gefördert wird und wie kann das alles mit einer Steigerung der lokalen Lebensqualität verknüpft werden? Noch heute sind in der Stadtstruktur Liesings die alten gewachsenen Ortskerne deutlich ablesbar, aus deren Zusammenschluss der Bezirk im Zuge der Eingemeindung zu Wien 1938 gebildet wurde. In seiner heutigen flächenmäßig reduzierten Begrenzung besteht er als 23. Wiener Gemeindebezirk seit 1954/56. Zwischen diesen Ortskernen, die als Bezirksteile mit eigener Identität noch weiter bestehen, bilden Wohngebiete in unterschiedlichsten Maßstäben, Gewerbe- und Industriegebiete und Verkehrsflächen eine lose 156 157 zusammenhängende heterogene Collage an Stadtstrukturen. Zwar zeugen einige Architekturen und Straßennamen noch von der frühen Landwirtschafts- und Industriegeschichte vor Ort, eine verstärkte Industrieansiedlung fand aber vor allem ab den 60er-Jahren statt. Liesing weist bis heute eines der bedeutendsten Industriegebiete Wiens auf. „Im Standpunkt Liesing gibt es aktuell über 560 Betriebe mit sehr hoher Branchenvielfalt. Das reicht von Ein-Personen-Betrieben bis zu Großunternehmen.“ Einige der insgesamt acht Ortskerne(Alterlaa, Atzgersdorf, Inzersdorf, Kalksburg, Liesing, Mauer, Rodaun, Siebenhirten) fungieren auch heute noch über die reine Identifikation hinaus als lokale Zentren – soziale Treffpunkte, Versorgungs- und Kommunikationsräume. Doch führte auch hier der Strukturwandel im Handel und die Veränderung des Einkaufsverhaltens und Mobilitätsverhaltens zu„Geschäftssterben” und Leerstand. „Viele der Ortskerne mit den Geschäften und Lokalen sind veraltert – hier muss was passieren, dennoch soll der Charakter erhalten bleiben.“ Gerade mit dem Bau der Shopping City Süd 1976 direkt an der Grenze zu Liesing veränderte sich die Versorgungsstruktur und das Zentrengefüge im Süden von Wien enorm. Mit der Konzentration von Versorgungseinrichtungen dünnten die fußläufig erreichbaren Strukturen merklich aus. Vor allem ab Mitte der 1960er-Jahren wurde der Bezirk Liesing zwischen den Ortskernen mit großen Wohnanlagen nachverdichtet. Auch heute sind Veränderungen in der Liesinger Stadtstruktur durch das aktuell erneut starke Bevölkerungswachstum zu erwarten. Innerhalb der kommenden fünf Jahre dürfte die Zahl von 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner im Bezirk überschritten werden. Bis 2034 wird ein Bevölkerungszuwachs von 19% prognostiziert(Statistik Austria), das Flächenpotenzial vor Ort aber mit bis zu 35.000 Personen berechnet(TU Wien –„Perspektive Liesing“). Neben dem neu gestalteten Liesinger Platz liegt ein Schwerpunkt dieser Tiefenbohrung auf dem Ortskern Atzgersdorf, da gerade hier in unmittelbarer Nähe mit dem Carrée Atzgersdorf ein Wohnquartier mit 1.500 Wohneinheiten errichtet wird, das starken Einfluss auf den alten Kern ausüben wird. War das Gebiet rund um den Ortskern früher stark von Gewerbe geprägt, wird durch die Absiedlung vieler Betriebe Raum für eine neue Nutzung frei, was auch einen Maßstabssprung in der Bebauung bewirkt. Der zentrale Bereich Atzgersdorf spannt sich zwischen dem Kirchenplatz über die Levasseurgasse bis zur stark befahrenen Breitenfurter Straße auf und hat noch heute einen dörflichen Charakter mit einer noch 158 159 intakten Nahversorgungsstruktur, obwohl natürlich auch hier die großen Fachmärkte etwa an der Breitenfurter Straße starken Einfluss ausüben und der Einkauf mit dem Auto den Standard darstellt. Zwar liegt der Ortskern nicht unmittelbar an einer Einfallstraße, dennoch ist eine Belastung durch den Durchzugsverkehr Richtung Speising und Hietzing deutlich spürbar. Die heterogene Struktur im Gebiet setzt sich aus einer kleinteiligen Mischung aus Wohnhäusern, Kleingewerbe und Industriebetrieben zusammen, in die immer wieder größere Wohnblöcke aus unterschiedlichen Bauperioden eingefügt wurden. Auch aktuell wird mit dem Projekt„Kirchenplatz 6“ ein neues Wohnprojekt in einen innerörtlichen Bauplatz eingepasst, der mit einem innenliegenden Platz auch Nahversorgungs- und Zentrenfunktionen übernehmen soll. Damit verschiebt sich der lokale Zentrumsbereich etwas von der Straße in einen Innenhof, jedoch wird im Zuge dieser Neugestaltung auch die östliche Seite des Kirchenplatzes neu gestaltet. Gerade dieser kann durch seine Lage eine Spange zwischen dem alten und neuen Atzgersdorf bilden und einen positiven Einfluss auf diese Struktur ausüben. Durch einen engen Bezug und ein Einweben in bestehende Ortsstrukturen kann für die neu entstehenden Quartiere mit vorrangiger Wohnnutzung ein Mehrwert in beide Richtungen generiert werden. Durch die Nachverdichtung des unmittelbaren Umfelds nimmt die Bevölkerungsdichte und somit die Anzahl potenzieller Nutzerinnen und Nutzer dieser lokalen Zentren zu. Durch eine Stärkung der historisch gewachsenen Orte kann die Vielfalt und lokale Identität erhalten werden, sie geben Halt und Orientierung in der veränderten Stadtstruktur, sind Zonen des Treffpunkts und Dialogs. Dennoch wird das derzeitige Wachstum Liesings nicht nur positiv gesehen: „Wenn Liesing komplett verbaut wird, wozu sollte man dann noch am Stadtrand wohnen? Dann kann man doch gleich zurück in die 160 161 Innenstadt mit mehr Freizeitmöglichkeiten ziehen!“ Umso wichtiger wird dabei auch ein Ausbau und die Förderung von vielfältigen kulturellen Angeboten. Mit einer über den Wohnbau hinausgehenden hybriden Nutzung in den neuen Quartieren wird neben der Nachverdichtung der Bevölkerungszahlen auch die Stadt verdichtet. In einer engen Verzahnung mit dem Bestand schafft dies nicht nur Wohn- und Schlafstätten, sondern städtischen Lebensraum. Dabei stellt sich die Herausforderung, in den Zentrenbereichen Ankernutzungen des kleinteiligen Einzelhandels, der Gastronomie und lokale Arbeitsplätze zu sichern, zu erneuern und zu erweitern oder deren Ansiedlung zu forcieren. Nicht nur entscheiden diese Faktoren über die Vitalität der Ortskerne, sondern ihnen kommt dabei besonders eine integrative Rolle zu. Hier treffen sich im Idealfall Alteingesessene und Neubürger Liesings. Dafür soll außerhalb der alten Ortskerne und neuen Zentrenbereiche keine weitere Ausweisung von großflächigem, nicht integriertem Einzelhandel erfolgen. Aber Zentren beschränken sich nicht nur auf Handelseinrichtungen, sie sind Kommunikationsorte und Treffpunkte. Nicht zuletzt bilden Kultureinrichtungen wichtige Kerne der Stadtstruktur. Die ehemalige Sargfabrik Atzgersdorf hat sowohl stadträumlich als auch architektonisch das Potenzial, ein solcher kultureller Anker im Bezirk zu werden und die Nachverdichtung im Bezirk nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ zu nutzen. Mit der historischen Verortung im Bezirk und einem Nutzungswandel steht die Anlage prototypisch für eine neue Zeit im Quartier und kann alte und neue Bewohner Liesings zusammenbringen. So zeigt beispielsweise der neugestaltete langgestreckte Liesinger Platz, der sich zwischen der ehemalige Brauerei Liesing bis zum Busbahnhof aufspannt, das Potenzial, inwieweit auch durchaus im Vergleich kleinere Projekte lokale Zentren stärken und positiv auf die vorhandene Struktur auswirken können: auf dem ehemaligen Brauereigelände entstand eine Mischnutzung aus Shoppingcenter, Büroflächen, Gastronomie, sozialer Infrastruktur und Wohnnutzungen. Am Busbahnhof, der als wichtiger Umsteigeknoten funktioniert, entstand ein städtischer Platz, der als temporärer Markt wichtige soziale Aufgaben und Versorgungsfunktionen übernimmt. Der dazwischenliegende öffentliche Raum wurde neu gestaltet und verkehrstechnisch neu strukturiert. Gerade die Aufwertung des öffentlichen Raums und der(auch fußläufigen) Versorgungsinfrastruktur stärkt das lokale Gefüge und vermindert den Kaufkraftabzug in die umliegenden Einkaufszentren. 162 163 Veränderungen erfordern neue Zentren Stadt ist ständige Veränderung. Gerade für Liesing trifft dies zu, da in den Bezirk gerade seit den 1960ern immer wieder neue Strukturen eingepasst wurden und Räume für neue Anforderungen angepasst wurden. Der Blick auf das Luftbild zeigt heute die Eingriffe aus unterschiedlichsten Zeiten deutlich. Durch das derzeitige Wiener Stadtwachstum werden die Potenzialflächen in Liesing wieder verstärkt bebaut. Das reicht von großen Wohnprojekten auf ehemaligen Betriebsgeländen bis hin zu kleinen, exakt eingepassten Passstücken in der gewachsenen Ortsstruktur. Die derzeitige Transformation des Bezirks braucht neben einer Verdichtung an Wohnraum auch eine Verdichtung an Stadt und eine Ausbildung und Stärkung von Zentren, Orte der Begegnung und Kommunikation, der Vielfalt und Lebendigkeit. Alte Ortskerne und neue Zentren Die gewachsene Struktur der Ortskerne bildet wichtige Identifikationspunkte und bietet das Potenzial einer kleinteiligen, fußläufig erreichbaren Zentrenstruktur. In einer engen Verwebung mit der Entwicklung der neuen Stadtquartiere können beide Strukturen profitieren. Die Ortskerne werden mit der Nachverdichtung des unmittelbaren Umfelds wieder belebt und erhalten als Zentren neue Legitimation. Lokale Identitäten werden weiterentwickelt, aber gestärkt, und die neuen Stadtteile fügen sich besser in das gewachsene System ein. Die Ortskerne mit ihrer historischen Aufladung bilden im Alltag Treffpunkte und Kommunikationsräume. Damit können die gewachsenen Ortskerne ein Schlüssel sein, um Lebensraum, nicht nur Wohn- und Schlafstätten entstehen zu lassen. Neugestaltung fördert Zentren Auch kleinere, gut gesetzte Eingriffe haben das Potenzial, die Zentrenstruktur lokal zu verändern oder zu stärken. Das Drehen kleiner Stellrädchen kann sich positiv auf die vorhandene(Zentren-)Struktur auswirken. So fördert die Aufwertung des öffentlichen Raums die lokale Identität und das Quartiersleben. Mit der Stärkung der lokalen und fußläufigen Versorgungsinfrastruktur wird der Kaufkraftabzug in die umliegenden Einkaufszentren vermindert. 100 m 200 m 164 Kultur schafft Zentren Gerade in einem Teilbereich von Liesing, der besonders durch die Transformation von Industrie zu Wohnstandort geprägt ist, steht die denkmalgeschützte ehemalige Sargfabrik Atzgersdorf. In diesen neuen Stadtteilen, die stark durch neue Wohnnutzung geprägt sein werden, entstehen Zentren gerade durch kulturelle Nutzungen und durch öffentliche Orte, die von alteingesessenen und neuen Liesinger Bewohnerinnen und Bewohnern genutzt werden. Die ehemalige Sargfabrik birgt als Stadtteilzentrum das Potenzial, als kultureller Standort weit über Liesing hinaus zu reichen und eine positive Entwicklung hin zu mehr Urbanität im Viertel zu markieren. 165 Neue Dichte Liesing ist geprägt durch unterschiedlichste Nutzungen und verschiedenste Maßstäblichkeiten. Vorstädtisch geprägte, autoaffine Zentrenbausteine liegen noch an den Stadteinfallstraßen und in den Gewerbegebieten. Die Nutzung als hochwertiger und bestens angebundener Wohnstandort verändert jedoch den Maßstab und die Nutzungsdichte und bedarf einer Nachrüstung und Nachverdichtung an kleinteiligeren Zentrenstrukturen. 100 m 200 m 166 Donaufeld/Kagran Autoaffine Stadtstrukturen nachverdichten 167 Viele Bewohnerinnen und Bewohner der beiden transdanubischen Bezirke Donaustadt und Floridsdorf definieren sich in ihrem Selbstverständnis noch immer über die einzelnen alten Ortskerne, die im Zuge der Eingemeindung zu den Bezirken zusammengefasst wurden. Und besonders in den Bereichen der Stadt, die enormen Veränderungen ausgesetzt sind, können diese historischen Ortskerne auch als Identifikationsräume eine wichtige Rolle übernehmen und bieten Ankerpunkte, die Stabilität erzeugen, während vieles dazwischen immer austauschbarer wird und sich in starker Transformation befindet. „Die Bezirke nördlich der Donau sind mit über 300.000 Einwohnerinnen und Einwohnern de facto die zweitgrößte Stadt Österreichs. Die Anrainer sagen: ‚Wir sind nicht in Wien. Wir sind zwar Wiener, ja, aber wir sind Donaufelder, Breitenleer, etc. Wir haben hier noch das Land und wir wollen nicht, dass uns die Stadt nachzieht.’ Die Bezirke hier ticken ganz anders und haben eine ganz andere Logik als die innerhalb des Gürtels.“ nofunktionale Zentrenbausteine, die Nutzungen des öffentlichen Raums aus der Fläche an sich ziehen, wodurch der restliche Stadtraum oft als reiner Straßen- und Verkehrsraum zurückbleibt. Aktuell erhöht das Wiener Stadtwachstum den Druck auf die transdanubischen Bezirke, in denen noch immer ein großes Angebot an Transformationsflächen vorhanden ist, und es findet eine Verdichtung mit einer starken Ausrichtung auf Wohnraumproduktion statt. Im Hinblick auf das Ziel einer klimaschonenden und alltagstauglichen Stadt der kurzen Wege erfordert diese Entwicklung neben der quantitativen Verdichtung auch eine Nachverdichtung mit kleinteiligen Zentrenfunktionen, um die fußläufige Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner sowohl der vorhandenen als auch der neuen Wohnbebauungen sicherzustellen. Weit über reine Handelseinrichtungen hinaus, geht es dabei um Zentren im weitesten Sinn: öffentliche Räume, Treffpunkte, Kommunikationsorte, ein vielschichtiges urbanes Angebot an Kultureinrichtungen, Geschäften und Dienstleistungen. Doch sowohl in Bezug auf die großen Wohnbauten als auch im Besonderen auf Zentren ist die städtebauliche Struktur Transdanubiens stark von großen Einzelentwicklungen geprägt, die – vorrangig ab den 1970er Jahren – in der Zentralisierung und Großmaßstäblichkeit der Einrichtungen auf den Autoverkehr ausgelegt waren. So entstand etwa das Donauzentrum als größtes Einkaufszentrum innerhalb der Wiener Stadtgrenzen in einer vom Individualverkehr geprägten Umgebung. Erst durch die Verlängerung der U1 in den 80er-Jahren wurde das Shoppingcenter und der Stadtteil an das hochrangige öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen. Radiale Ein- und Ausfallstraßen strukturieren den Raum und prägen bis heute den Alltag als Verkehrsinfrastrukturen mit angegliederten Versorgungsbausteinen wie Fachmarktagglomerationen und Tankstellen. Verschiedenste Einzelprojekte mit wenig stadträumlicher Einbindung führten zu einem Nebeneinander unterschiedlichster Strukturen mit geringem Zusammenhang. Dazwischen mit Shoppingmalls und Fachmarktzentren starke moKagraner Platz: Vom Linsenangerdorf zum Verkehrsknotenpunkt Am Kagraner Platz, der Schnittstelle der Wagramer Straße – als eine stark befahrene Einfallstraße – und der Donaufelder Straße treffen allein auf den öffentlichen Verkehr bezogen die U1, die Straßenbahnlinie 26 und drei Buslinien aufeinander. Die hohe Auslastung in Bezug auf Fahrgastzahlen hat bereits einen wiederholten Umbau der Straßenbahnhaltestelle nötig gemacht. Dieser multimodale Verkehrsknotenpunkt hat im Bereich Kagraner Platz durchaus zu einer verstärkten Öffentlichkeit und Zentralität beigetragen und die Nutzung der Stadt verändert. War es früher undenkbar, in diesem Bereich der Stadt einen Supermarkt ohne Parkplatz zu bauen, beweisen nun verschiedene Geschäfte direkt am U-Bahn-Ausgang das Gegenteil. Viele Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels kaufen am täglichen Arbeitsweg ein, dennoch bildet der Einkauf mit dem Auto immer noch den Standard. Trotz der starken Frequenz wird der Kagraner Platz von 168 vielen nicht als lebendiges Zentrum angesehen. Häufig wird kritisiert, dass dem Platz die Anreize und räumlichen Angebote fehlen, um sich hinzusetzen und sich aufzuhalten. Als eigentliches Zentrum Kagrans wird das Donauzentrum genannt, das mit seiner starken Ausstrahlung auch kaum neue Entwicklungen zulässt. „Meiner persönlichen Empfindung nach ist der Beitrag des K1[Nahversorgungszentrum] zur Aufwertung des Platzes nicht messbar oder spürbar. Die Konkurrenz des Donauzentrums ist äußerst schwierig für etwas Neues hier.“ Im Gegensatz zu einer kleinteiligen Stadt der kurzen Wege ist im Bereich der neu errichteten Wohnbauten und Versorgungseinrichtungen erneut eine monofunktionale Ausrichtung zu erkennen. Gerade die Erdgeschoßzonen sollten über eine Gestaltung und Orientierung zum öffentlichen Raum Möglichkeitsräume bieten, die zukünftige Um- und Neunutzungen nicht verhindern und Rahmenbedingungen schaffen, die unterschiedlichste Raumanforderungen zulassen. Der kleinteilige Handel, der die Nahversorgung und Angebotsvielfalt sicherstellen könnte, braucht dabei konkrete Ansprechpartner im Stadtgebiet(etwa aus der Gebietsbetreuung), die die Ansiedlung auch in Wohngebieten koordinieren und so eine durchmischte, kleinmaschige Versorgung garantieren würden. Neben den Handelseinrichtungen erfordert die Stadterweiterung und-verdichtung auch neue 169 Angebote an kleinen Läden, Dienstleistern und Gastronomien, statt immer weiterer Fachmärkte mit großem Parkplatzangebot. „Alles nimmt zu: An jeder Ecke entstehen Supermärkte mit Bäckereien. Alles hat aber irgendwann trotz starken Zuzugs einen Sättigungsgrad erreicht.“ Durch die Verlängerung der Straßenbahnlinie 26 ins Hausfeld wurden die Gleise entlang der Wagramer Straße Richtung Donauzentrum obsolet. Dies ermöglicht eine Neugestaltung des durch die Entfernung des Gleiskörpers freiwerdenden Straßenraums in diesem Abschnitt. Nach Wünschen des Bezirks sollen neue Nutzungen den Bereich attraktiver machen und einen Ort mit Aufenthaltsqualitäten zum Verweilen und Flanieren generieren. Die Priorität liegt dabei bei Fußgängerinnen, Fußgängern und Radfahrerinnen und Radfahrern, die den Stadtverkehr und damit die Erdgeschoßebene beleben. Eine Verbreiterung der Gehsteige und die geplante Hauptradroute aus dem Norden her in die Wagramer Straße zu legen, gemeinsam mit der Konzentration des motorisierten Individualverkehrs auf die geringstmögliche Fläche, könnten in diesem Abschnitt eine Frequenz schaffen, die in ihrer Bewegung langsamer als das Auto ist und die Wahrnehmung der Erdgeschoßzonen zulässt. Die Strategie für eine„Wagramer Straße Neu“ stellt nicht in erster Linie den Handel, sondern den öffentlichen Raum in den Vordergrund. 170 Fachmarktzentrum Donaufeld: Neunutzung autoaffiner Strukturen Das Fachmarktzentrum Donaufeld ist in seiner Logik und räumlichen Struktur auf eine Trennung von Arbeits- und Wohnort und vor allem auf den motorisierten Individualverkehr ausgelegt. Durch das aktuell starke Stadtwachstum und die massive Produktion von Wohnbau in unmittelbarer Umgebung verändern sich jedoch die Ansprüche an das Gefüge der ursprünglich betrieblich geprägten Gebiete. Bis zum Jahr 2024 wird hier ein Bevölkerungswachstum von bis zu 3.000 Einwohnerinnen und Einwohnern pro Quadratkilometer prognostiziert. Diese quantitative Transformation bedeutet aber auch veränderte qualitative Anforderungen an das direkte Wohnumfeld und erfordert besonders im Bezug auf Zentren neue Ideen und Konzepte. Auf die Fachmarktzeilen als Zentrenbausteine mit einer nahezu reinen Ausrichtung auf Versorgung motorisierter Kunden kommt damit eine wesentliche Veränderung der Funktionen zu. Damit wird auch eine Umgestaltung in Richtung einer Nahmobilität nötig. Bereits heute werden Vorläufer dieser Veränderungen ablesbar: in ein leerstehendes Drive-in-Lokal am Fachmarktzentrum Donaufeld zog ein Cross-Fit-Center, eine urbane Variante eines Fitnesscenters, das sich aufgrund seiner geringen Raumanforderungen in Nischen in der Stadt einmieten kann. Auf lange Sicht wird der Fachmarkt als„Platzhalter“ gesehen, der einmal auch schnell einer anderen, einer dichteren und urbaneren Bebauung weichen kann. Mit einem kalkulierten Amortisierungszeitraum von 20 Jahren können diese Fachmärkte demnach bei veränderten Anforderungen auch umgebaut oder erneuert werden. „Fachmarktzentren haben ihre Zeit gehabt, aber die Zukunft gehört ihnen nicht.“ Zwar steht diese Art der pragmatischen Verwertungslogik, die durch den Abriß von ausgedienten kurzlebigen Gebäuden Umweltbelastung verursacht, im Gegensatz zu einer nachhaltigen Entwicklung von Stadt- und Wohngebiet, 171 allerdings ergab sich der Bedeutungsgewinn des Bereichs erst durch die stark wachsende Wohnbebauung im direkten Umfeld. Vor 25 bis 30 Jahren waren die Prioritäten in der Stadt anders verteilt, an diesem Standort sollte einst ein stadtgliedernder Grünkeil installiert werden. Durch Stadtwachstum und Innenverdichtung hat sich mittlerweile der Wert dieses Gebiets enorm in Preis und Bedeutung gesteigert. „Da haben sich auch die Konzepte der Stadt Wien stark verändert. Da gab es Konzepte aus den 90er-Jahren für Kagran West und das Donaufeld, wo man damals entlang der Dückestraße auch noch eher Betriebsbaugebiet angesiedelt hat. Das Wohnen wurde eher nach innen gelegt. Und auch das ändert sich hier langsam, indem man versucht, auch zu den Verkehrsträgern hin eher gemischter zu bleiben, mit allen Problemen, die auch das wieder mit sich bringt. Das war eine Zone, die ursprünglich so vorgesehen war, dass hier kein Wohnen stattfinden soll. Mittlerweile ist hier die Bauklasse 3.“ Das erfordert, zusammenhängend und resilient zu planen, um für unterschiedliche Bedürfnisse stabile Rahmenbedingungen zu schaffen. Für den Entwicklungsbereich Donaufeld bedeutet dies, im zentralen Bereich vor allem die Nahversorgung sicherzustellen. Zusätzliche höherrangige Zentrenfunktionen zu den nahegelegenen Zentren Floridsdorf und Kagran sind unwahrscheinlich. Daraus ergibt sich die Überlegung, die stark befahrene Dückegasse von einer reinen Einfallschneise zu einem„Boulevard“ umzugestalten, um die Wohnqualität und Begehbarkeit zu erhöhen und gleichzeitig die Verbindung von Donaufeld und Zentrum Kagran fußläufig und radfreundlich herzustellen. Campus-Schulen als lokale Zentren Abseits des Handels als zentrenbildender Faktor entsteht in der Attemsgasse ein Schulzentrum nach dem Campus-plus-Modell der Stadt Wien. An einem Standort bündeln sich mehrere Kindergartengruppen und Schulklassen sowie zusätzliche Sport-, Therapie- und Kreativbereiche. Gleichzeitig ergänzen andere Stadtteilfunktionen, wie Jugendzentrum, Musikschule, Bücherei und Verwaltungsbereiche, den Campus. Besonders in den Stadterweiterungsbereichen mit rund 6.000 Menschen im Einzugsgebiet können diese Bildungsorte als stadtteilbezogene Projekte auch über die Schulnutzung hinaus einen wichtigen Beitrag zur Gemeinschafts- und Nachbarschaftsbildung leisten und als Treffpunkt und Kommunikationsort ein lokales Zentrum ausbilden und Zentrenfunktionen über den gesamten Tag und für vielfältigere Bevölkerungsgruppen übernehmen. Rechtlich gesicherte Durchgangsmöglichkeiten verhindern eine räumliche Abtrennung aus dem Stadtgebiet. Donauzentrum: vom Einkaufszentrum in peripherer Lage zum Stadtteilzentrum Das Donauzentrum wurde in den 1970er-Jahren als Einkaufszentrum in peripherer Lage geplant und gebaut. Erst in den 80er-Jahren wurde es mit der Verlängerung der U-Bahn-Linie U1 an das hochrangige öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen und bildete sich seither mit den Entwicklungen rund um den Adolf-Schärf-Platz und den Schrödingerplatz nicht nur zu einem integrierten Einkaufszentrum, sondern vor allem auch zu einem Stadtteilzentrum und Treffpunkt heraus. Gleichzeitig stellt es – als der eigentliche Geschäftskern Kagrans – für die Umgebung eine große Konkurrenz dar und erschwert durch seine introvertierte Ausrichtung und enorme Saugkraft das Entstehen weiterer kleinmaschiger Zentrenversorgung. „Das Donauzentrum funktioniert vorrangig hinter verschlossenen Türen. Es strahlt nicht aus, sondern saugt ab. Es zieht die Benutzerinnen und Benutzer des öffentlichen Raums, also den Fußgängerverkehr, an. Es funktioniert ja teilweise auch als Durchwegung in diesem Areal, weil die Leute einfach nicht gerne auf der Straße gehen, wo es laut ist. Das heißt, sehr viele der Menschen aus den umliegenden Wohnbebauungen, wie der Bernoullistraße, gehen dann wirklich durch das Donauzentrum und nutzen es quasi als Weg.“ 172 173 Neben einem anderen„urbaneren“ Rhythmus und einer höheren Erlebnisdichte gewinnt dieser Weg durch Überbrückungen von Straßen und einem generellen Lärm- und Witterungsschutz an Attraktivität. Dieser„öffentliche“ Fußweg durch die Shoppingmall ist dann auch abends länger als die Geschäfte selbst geöffnet und ist bezeichnend für das Selbstverständnis des Donauzentrums als Stadtzentrum. Dementsprechend bezieht sich die innere Beschilderung auf Institutionen, wie das Bezirksamt, das Ärztezentrum und Carsharing-Anbieter, die außerhalb der eigentlichen Mall und deren Kernkompetenz liegen, in der Kommunikation aber integriert und mitverkauft werden, um so den öffentlichen Einkaufsstraßen- und Stadtraumcharakter noch stärker zu suggerieren und das Einkaufszentrum zu urbanisieren. Eine stärkere Verwebung mit dem Stadtteil und ein Aufbrechen der introvertierten Gestaltung wären möglich, jedoch fehlt dazu der Anreiz für das Einkaufszentrum selbst, weil es dadurch vermeintlich Kaufkraft verlieren und sich letzten Endes selbst schwächen würde. In der systemimmanenten Logik der Mall wird versucht, die Kundschaft im Haus zu halten und zum Verweilen zu bringen. Mit der Ausgestaltung von Kleinbereichen mit Grünflächen, Wasserfällen, Lounges, Handyladestationen und Aufenthaltsqualität schafft sie sich einen eigenen„öffentlichen Raum“. Dadurch entsteht ein kommunikativer Treffpunkt, unter anderem auch für Schülerinnen und Schüler aus den nahe liegenden Schulen. Gerade junge Leute nutzen es als öffentlichen Raum und suchen ihn nicht nur auf, um zu konsumieren. Die Herausforderung für die anstehende Neugestaltung des Dr.-Adolf-Schärf-Platzes besteht darin, wie man trotz der starken Konkurrenz durch das Donauzentrum urbanes Leben generieren kann und die Shoppingmall in die Gestaltung miteinbeziehen kann. Dabei ist die Öffnung der U-Bahn-Station, die heute noch als trennendes Element wirkt, ein wesentlicher Faktor, damit der Raum überhaupt als Platz wahrgenommen werden kann und eine Durchgängigkeit möglich wird. Auch der Abbau von anderen Barrieren, wie von Blumentrögen, die die stadträumliche Verbindung zwischen Donauzentrum und U-Bahn-Station beeinträchtigen, kann positiv auf die Attraktivierung des Vorplatzes wirken. „Aus der stadtplanerischen Perspektive zur Attraktivierung der Vorplätze hier wäre es sehr wichtig, wenn da drüben tatsächlich auch öffentliches Leben stattfindet. Die Krankenkasse und das Amtshaus sind Einrichtungen, die in Wahrheit nicht auf den Schrödingerplatz gehören, sondern direkt neben die U-Bahn, um dem Ganzen Leben einzuhauchen und ein Bezirkszentrum zu etablieren.“ „Alle Leute, mit denen ich spreche, sagen: ‚Das ist das Schönste!’ Sie schätzen das Donauzentrum und es ist gut an den öffentlichen Verkehr angebunden, wodurch auch Leute aus anderen Gegenden kommen. Eltern schicken ihre Kinder hier her, weil es sicher und sauber ist und sie gut aufgehoben sind. Sie sehen hier eine Alternative zum Rumhängen in anderen Wohngebieten.“ 174 175 Autoaffine Zentrenbausteine Noch immer sind die transdanubischen Bezirke – wie auch andere Bezirke am Stadtrand – durch großmaßstäbliche und autoaffine Zentrenstrukturen geprägt. Vorzugsweise an den diversen Ein- und Ausfallstraßen und in den Gewerbegebieten befinden sich die Fachmärkte oft als eingeschoßige Zeilen oder Agglomerationen mit großem Parkplatzangebot davor. Einkaufen mit dem Auto stellt den Standard dar. Diese Einheiten haben sich als Versorger einer automobil geprägten Gesellschaftsschicht zunehmend zu Konkurrenten der Geschäfte an integrierten Standorten entwickelt. Die gewachsenen Ortskerne leiden damit sowohl unter einer hohen Verkehrsbelastung, jedoch auch an einer Ausdünnung ihres Nahversorgungsangebots. Durch das anhaltende Stadtwachstum erhöht sich jedoch auch der Bedarf einer kleinteiligen, fußläufigen Zentrenstruktur nahe der Wohnstandorte. Dies führt zu einem„Urbanisierungsdruck“ auf die Fachmärkte. Die ersten Anzeichen dieses Umbruchs liefert etwa ein ehemaliger Drive-In am Parkplatz der Fachmarktzeile Donaufeld. Hier hat sich ein Fitnesscenter eingemietet und bespielt den Raum sowie den davor liegenden Parkplatz und nützt damit eine freigewordene Nische in der Stadtstruktur aus. Auf lange Sicht wird der Fachmarkt als„Platzhalter“ gesehen, der, einmal amortisiert, auch schnell einer anderen, dichteren und urbaneren Bebauung weichen kann. 100 m 200 m Erdgeschoßzonen im Neubau nutzbar machen Im Hinblick auf das Ziel einer klimaschonenden und alltagstauglichen Stadt der kurzen Wege erfordert die stark auf Wohnraumproduktion ausgerichtete Entwicklung in den Stadterweiterungsgebieten eine Nachverdichtung mit kleinteiligen Zentrenfunktionen, um die fußläufige Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner sowohl der vorhandenen als auch der neuen Wohnbebauungen sicherzustellen. Über die Gestaltung und Orientierung der Erdgeschoßzonen hin zum öffentlichen Raum können im Wohnumfeld Angebote geschaffen werden, die eine qualitative Verdichtung der Siedlungen ermöglichen. Weit über reine Handelseinrichtungen hinaus geht es dabei um Zentren im weitesten Sinn: öffentliche Räume, Treffpunkte, Kommunikationsorte, ein vielschichtiges urbanes Angebot an Geschäften und Dienstleistungen. 176 Neue Verkehrsknotenpunkte Die Platzierung von Haltestellen des öffentlichen Verkehrs bildet ein wichtiges Instrument der Stadtentwicklung in der Planung von höherrangigen städtischen Räumen. An diesen multimodalen Knotenpunkten generiert der Verkehr Öffentlichkeit und Zentralität. Am Verkehrsknotenpunkt Kagran verändert der öffentliche Verkehr auch die Nutzung der Stadt: War es früher undenkbar, in diesem Bereich der Stadt einen Supermarkt ohne Parkplatz zu bauen, beweisen nun verschiedene Geschäfte direkt am U-Bahn-Ausgang das Gegenteil. 177 Einkaufszentren urbanisieren Das Donauzentrum wurde zwar ursprünglich auf der„grünen Wiese“ gebaut, wurde jedoch in den 1980ern durch den Ausbau der U-Bahn nachträglich in das öffentliche Verkehrssystem eingebunden und hat sich damit über die Zeit zu einem„integrierten“ Einkaufszentrum entwickelt. In einer fast umgekehrten Logik nähern sich die Stadt und das Shoppingcenter einander an. Das Center übernimmt als privater Raum Teilaufgaben des öffentlichen Raums, ist Treffpunkt, Kommunikationsort und bietet über die Shopöffnungszeiten hinaus eine komfortablere Durchwegung dieses Stadtraums. Für viele Bewohnerinnen und Bewohner der Donaustadt und Floridsdorf hat sich das größte Shoppingcenter Wiens zu„dem“ Zentrum der Donaustadt entwickelt. Auch die Bezirkspolitik sucht die Nähe zu diesem Publikumsmagneten an der U-Bahn-Station Kagran und plant mit einer Neugestaltung des Dr.-AdolfSchärf-Platzes und der Errichtung eines neuen Amtshauses ein neues Bezirkszentrum. Auf der gegenüberliegenden Seite der U-Bahn-Station soll mit dem„Forum Donaustadt“ ein„gemischtes Stadtquartier“ mit zwei Hochhäusern(145 m und 90 m) entstehen. 100 m 200 m 178 Erdberger Mais Insuläre Entwicklungen verknüpfen 179 Der Erdberger Mais – ein fragmentierter Raum Der Erdberger Mais zählt zu den größten Transformationsgebieten in Wien. Der ehemalige Schlachthof, ehemalige Landwirtschaftsbetriebe und Gärtnereien, welche einst über Generationen die Stadt mit Gemüse belieferten, stillgelegte und von der Natur überwucherte Bahngleise der Schlachthausbahn und die mitunter beeindruckende Backsteinarchitektur ehemaliger Industrie- und Infrastrukturbauten verweisen bis heute auf einen historisch geprägten Stadtteil. Dazwischen finden sich noch Reste der überkommenen Auenlandschaft, Brachen und Abstandsflächen, Lagerhallen und Unternehmenssitze, Wohn- und Bürobauten. Ein fragmentierter Mix unterschiedlichster Nutzungen, Maßstäbe, Ansprüche und Raumqualitäten. gen für die Stadt im Erdberger Mais angesiedelt. Und auch heute noch wirkt der Standort in den Köpfen der meisten Wienerinnen und Wienern entlegen. Die Ansiedlung von Ver- und Entsorgungseinrichtungen für die Stadt setzte sich auch im Zuge der industriellen Revolution und mit Beginn der Großstadtentwicklung fort: Dem damaligen Wiener Central-Viehmarkt folgten Müllverbrennung, Zentralfriedhof mit Krematorium, Kläranlage, Raffinerie, Deponien, Lagerhäuser und Logistik-zentrum. Ebenso aber auch das einstige städtische Gaswerk mit seinen vier dominanten Gasbehältern, den Gasometern, und das städtische Elektrizitätswerk. Dazwischen lagen immer noch landwirtschaftlich genutzte Flächen, die von der agrarischen Vergangenheit des Gebiets zeugten. In der räumlichen Fragmentierung, im„Rauen“ des Erdberger Mais verbirgt sich zugleich aber auch die„Einmaligkeit“ dieses Stadtgebiets. Rudolf Kohoutek spricht dabei von einem„hybriden Raumbild“, das eine„mehrdimensionale räumlichen Kodierung“ aufweist. In seiner Auffassung„handelt es sich bei diesem Entwicklungsraum um einen für Wien kostbaren, einmaligen Raum, sowohl was die Nutzungspotenziale, die Erschließung und Zentrumsnähe, aber auch die topografisch und historisch mitgeprägten Raumbilder betrifft (…) In dieser Mischung/Collage von historischen und neuen Raumfiguren ist Neu Erdberg - Simmering in der heutigen Wahrnehmung ein besonders ‚moderner Raum‘, ein post-industrieller und post-funktionalistischer Überlagerungsraum, der sowohl für sich genommen wie gesamtstädtisch eine hohe historische imagemäßige, nutzungsmäßige und kulturelle Bedeutung hat.“ 1 Aufgrund seiner Abgelegenheit – einst vor den Toren von Wien – wurden bereits im Mittelalter die problematischen und ungeliebten NutzunDiese einstige Logik, im Erdberger Mais vorrangig großbetriebliche Einrichtungen anzusiedeln, blieb bis heute erhalten: Fettwarenfabriken, Autohändler, Betonwerke, Lager- und Kühlhallen sowie Baustoff- und Baumärkte prägen das Stadtbild unverändert weiter. Bezogen auf die Flächennutzung zählt der Erdberger Mais auch heute noch zu jenen Stadtteilen mit den höchsten Flächenzahlen an betrieblichen Standorten. Maßgeblich beeinflusst wurden die Ansiedlungsprozesse von der Errichtung umfangreicher Verkehrswege und Infrastrukturen: Der Bau der Stadtautobahn A 23 und die Flughafenautobahn A 4 nahmen entscheidenden Einfluss auf die gewerbliche und industrielle Entwicklungsdynamik. Die Verlängerung der U-Bahn wurde hingegen zum Impuls für den jüngeren, intensiven Transformationsprozess, welcher neue urbane Texturen, Architekturen und Raumbilder im Erdberger Mais erzeugt hat, wie etwa das T-Center, TownTown, das sich in Entwicklung befindliche Wohnquartier Eurogate, den Medien- und Forschungsstandort Neu Marx mit einer Vielzahl an Unternehmen, deren Nutzungsbausteine sich in Zukunft noch erweitern sollen. 1 Kohouthek, R.(2005) Architektur und Raumbild in der Stadtentwicklungszone Neu Erdberg- Simmering: Analyse und Perspektiven. 180 Dabei ist die Geschichte des Standorts bis heute in der alltäglichen Wahrnehmbarkeit des Stadtteils präsent. Nach aufwändiger Sanierung wurde die einstige Rinderhalle zu einer Veranstaltungshalle umgenutzt und Kern des in Entwicklung befindlichen Wissens-, Technologie- und Medienstandortes Neu Marx. Weithin wahrnehmbar sind die einstigen Gasometer, die zur beeindruckenden Kulisse eines neuen Wohnund Dienstleistungsstandorts im Erdberger Mais uminterpretiert wurden. Es gibt kaum ein Stadtgebiet in Wien, dass von so tiefgreifenden und hochdynamischen Transformationsprozessen geprägt wird, wie der Erdberger Mais. In Neu Erdberg wurde mit TownTown ein neues Verwaltungs- und Dienstleistungszentrum geschaffen, das aktuell mit weiteren Bürotürmen und Wohnhochhäusern erweitert und verdichtet werden soll. Auch der Stadtteil Neu Marx weist mit seinen verfügbaren Entwicklungsflächen großes Potenzial für die Schaffung von urbanen Nutzungsdurchmischungen auf. Die Marx Halle soll sich dabei als pulsierendes Zentrum am Standort öffnen und könnte zukünftig einer neuer Nutzungslogik folgen. Im Bereich des Franzosengrabens werden neuen Wohntürme Wohn- und Lebensraum für noch mehr Bewohnerinnen und Bewohnern im Bezirk bieten und die Höhenentwicklung im Erdberger Mais neu interpretieren. Nicht weit davon entfernt, soll vor den Gasometern ein weiteres Bürohochhaus als neues Landmark den Süden von Wien markieren. Besonders das südliche Gasometervorfeld, wo sich alte Strukturen, Bebauungs- und Straßenformen bis heute erhalten haben, weist ein spannendes Entwicklungspotenzial für die Zukunft des Erdberger Mais auf. 181 Das Gasometerumfeld: Notwendigkeit zur Vernetzung insulärer Stadtstrukturen Der Umbau und die Revitalisierung der Gasometer gilt als eines der spektakulärsten und prominentesten Modellprojekte der Wiener Stadtplanung in den 1990er-Jahren. Neben einem Schwerpunkt an Wohnnutzungen wurden Büro- und Verkaufsflächen sowie großzügige Veranstaltungs- und Freizeitflächen geschaffen und mit dem Ausbau der U-Bahn in den 11. Bezirk auch unmittelbar an das hochrangige öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen. Mit dieser infrastrukturellen Aufwertung rückte die„Gasometer City“ aus der Vorstadt bis 10 Minuten an die Wiener Innenstadt heran; multifunktional ausgerichtet sollte die„City“ – anfangs noch als„G-Town“ vermarktet – als eigener „Stadtteil“ und als Impulsprojekt für die weitere Entwicklung des gesamten Erdberger Mais funktionieren und Zentrenfunktionen für die Umgebung übernehmen. Den hohen Erwartungen zum Trotz ist zu beobachten, dass die Gasometer bis heute diesem Anspruch nur schwer gerecht werden können: auch knapp 15 Jahre nach Eröffnung der Gasometer lässt sich weder im Inneren noch im unmittelbaren Vor- und Umfeld kaum städtisches Leben beobachten. Die Flächen der Shopping Mall wurden über die letzten Jahre hinweg sukzessive reduziert und aktuell teils zu einem Ausbildungszentrum für Musik und Tanz umgenützt. Der Großteil der Nutzerinnen und Nutzer kommt mit der U-Bahn oder mit dem eigenen Auto. Anreize, sich fußläufig zu bewegen, findet man außerhalb dieser großmaßstäblichen Stadtstruktur kaum. Die Gasometer wirken heute immer noch wie eine Insel in einem fragmentierten Stadtgebiet, wie einer von vielen Bausteinen einer städtischen zusammenhanglosen Collage. Um die Gasometer als Stadteilzentrum für den Erdberger Mais zu etablieren, muss diesem insulären Charakter schrittweise im Nachhinein ent182 gegengewirkt und der Dialog zu ihrem Umfeld gefördert werden. Großes Potenzial dafür liegt im Bereich des Gasometerumfeldes im öffentlichen Raum: in der Verknüpfung mit dem Bestehenden, etwa in der Vernetzung zur Simmeringer Hauptstraße oder in der besseren Verbindung zu den Wohnquartieren in der Umgebung. Diese Aufwertung und Belebung der Einzelprojekte beginnt mit der Schaffung von attraktiven Fußwegeverbindungen. Es versteht sich von selbst, dass nur von den hier vorgefundenen Rahmenbedingungen ausgegangen werden kann: Zum einen sind dies eben die bestehenden baulichen Strukturen und zum anderen natürlich auch die umliegenden Teilgebiete, in denen diese eingebettet sind. Zu den heutigen Rahmenbedingungen zählen die Großmaßstäblichkeit der Einzelprojekte, die ausgeprägten, nicht sehr lebendigen Erdgeschoßzonen, die unzähligen Tiefgaragenstellplätze in den Gebäuden, die einfach und leicht erreichbar sind, und das industriell geprägte Umfeld. Die großdimensionierten Strukturen orientieren sich am motorisierten Individualverkehr, sind stark insulär-monofunktional, wie etwa das T-Center. Hinzu kommt die Einschränkung durch große räumliche Barrieren: die Zugänglichkeit zum Wasser ist durch die Donauuferautobahn A 4 verwehrt oder die in Hochlage geführte Stadtautobahn A 23, die weniger räumlich als funktionell eine Barriere zwischen 3. und 11. Bezirk darstellt. Entwicklungen fast immer an der Baufeldgrenze enden. Anzunehmen ist, dass die heutige städtebauliche Situation auf den Umgang mit den Liegenschaften in der Geschichte und die Einhaltung von Flurgrenzen zurückzuführen ist, denn grundsätzlich liegt dieses Gebiet, bezogen auf die Maßstäblichkeit, an der Blockrandbebauung. Eine solche kritische Reflexion sollte auch in den jeweiligen städtebaulichen Leitbildern und Rahmenplänen enthalten sein. Für Planungen auf der städtebaulichen Ebene gilt dabei das selbe wie für jene auf der Ebene der Baufelder. Diese dürfen sich nicht nur auf das jeweilige engere Entwicklungsgebiet konzentrieren, sondern müssen gerade hier auch Einflussfaktoren aus dem Umfeld berücksichtigen: Was bedeutet dies für die Durchwegung eines Gebiets, was für die Anordnung der Baufelder, was für die soziale Infrastruktur, etc.? In einem Quartier mit den genannten Herausforderungen bedarf es vermutlich mehr denn irgendwo sonst einer sensiblen und langsamen stadtplanerischen Herangehensweise, um letztlich auch aus der aktuellen Situation für die Zukunft zu lernen – auf allen Ebenen: der sozialen, verkehrlichen, städtebaulichen und freiräumlichen. „Da kann man nicht erwarten, dass dieses Gebiet von heute auf morgen in eine Lebensoase zu transformieren ist.“ All dies stellt große Herausforderungen für die Planung, aber zu gleichermaßen auch ein nicht ausgeschöpftes Potenzial dar. Die Herausforderungen für die Vernetzung und Verflechtung innerhalb des Gebiets stehen im Fall des Gasometerumfelds im direkten Zusammenhang mit den dort vorhandenen komplexen Liegenschaftsverhältnissen und natürlich mit den damit einhergehenden Finanzierungsfragen. Dies wiederum hängt damit zusammen, dass die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten für die einzelnen 183 TownTown – eine stark monofunktionale Stadtstruktur als Stadteilzentrum? Als einer von vielen großdimensionierten Stadtbausteinen im Erdberger Mais sollte TownTown an der Achse City – Flughafen als Stadt in der Stadt einen wesentlichen Bestandteil des Entwicklungsgebiets Erdberger Mais bilden und Zentrenfunktionen in der direkten Umgebung übernehmen. Aber gerade durch die strukturbedingte Überhöhung des Gebiets über der Remise der U3 besteht eine Barrierewirkung zu den umliegenden Straßen. Die zentrale, als Nahversorgung und Erholungsraum geplante„Piazza“ – der Thomas-Klestil-Platz – ist zwar direkt mit der U-Bahn verbunden, aus der direkten Umgebung ist die fast 9m überhöhte Stadt in der Stadt aber nur über lange Treppenläufe zu erreichen, was der Einbettung dieses Quartiers in seine Umgebung diametral entgegenwirkt. Eine schnelle und bequeme Durchwegung und Zugänglichkeit ist aufgrund der räumlichen Barrieren nicht gegeben und für die Überwindung der Höhendifferenz, um auf den Stadtplatz im Inneren des Quartiers zu gelangen, fehlt meist ein attraktives Angebot. So wirkt das Quartier zumeist unbelebt und wenig frequentiert. Die Passanten, die den Platz queren, sind größtenteils die Beschäftigten, die vor Ort in den hohen Bürogebäuden arbeiten. Dementsprechend orientiert sich das Leben in diesem Quartier vorrangig an die Büroarbeitszeiten. Während der Arbeitszeit und nach Feierabend wirkt es leer und ausgestorben. „In TownTown fehlt die Nutzungsdurchmischung. Kulturelle Nutzungen oder Mischnutzungen sind überhaupt nicht vorhanden. Es fehlt Urbanität.“ Neben Gegensätzen und Reibungen, die städtische Räume urban werden lassen, trägt auch eine programmatische Dichte und Durchmischung durch eine erhöhte Intensität und Häufigkeit von Kontakten zu einem urbanen Stadtteil bei. Im Fall von TownTown findet diese Durchmischung inhaltlich und auch architektonisch kaum statt. Neben einigen wenigen öffentlichen Einrichtungen, wie etwa Magistratsstellen, sind es zum überwiegenden Teil Büro- und Dienstleistungsnutzungen, die hier angesiedelt wurden. Auch die Erdgeschoßzone wirkt abgesehen von einigen wenigen gastronomischen Betrieben monoton gestaltet und trägt wenig zur Belebung des Quartiers bei. „Bei der Ausgestaltung der Erdgeschoßzonen braucht es mehr Fantasie der Bauträger.“ So ist es die stark monofunktionale Ausrichtung, die dieses Quartier in der Entwicklung städtischer Qualitäten bremst und die Erwartungen eines urbanen Stadtteilzentrums nicht erfüllen lässt. Verstärkt wird diese Tendenz von einer meist introvertierten Betriebspolitik der dort ansässigen Unternehmen, die es beispielsweise den Beschäftigten erschwert, die gastronomischen Einrichtungen im Quartier in der Mittagspause zu besuchen und damit den öffentlichen Raum urban zu nutzen. Ähnlich wie bei den Gasometern wird auch im Fall des TownTown ein großes Potenzial für die Entwicklung von Zentrenfunktionen in der Vernetzung des Quartiers mit dem Umfeld gesehen. Die weitläufigeren Verbindungen, insbesondere was jene unterhalb der Autobahnen betrifft, die sich durch den Erdberger Mais ziehen, können jedoch nur begrenzt an ein höher gelegenes Quartier andocken. Eine Aufwertung erhofft sich der Stadtteil durch die neuen Entwicklungen in direkter Umgebung. Die Vernetzung damit soll auf der Ebene des TownTown erfolgen, indem beide Quartiersplätze in Hochlage über Brücken miteinander verbunden werden. „Durch die Entstehung des neuen Wohnquartiers mit 800 – 1000 Wohnungen in unmittelbarer Nähe erwarten wir uns eine Stärkung von TownTown und dass dieses somit mit Leben befüllt wird.“ 184 185 186 Neu Marx Im Bereich St. Marx entwickelte sich am Areal des ehemaligen Schlachthofes ein neuer Stadtteil als Wissens-, Technologie- und Medienstandort in Wien. Die Stadtplanung setzte dafür den inhaltlichen Schwerpunkt und koordinierte die Interessen. Bis heute konnte eine hohe Konzentration von Forschungsinstitutionen, Informationstechnologie und Medieneinrichtungen angesiedelt werden. Der Zentralbereich von Neu Marx mit dem erhalten gebliebenen Stiertor des damaligen Schlachthofes wurde zum einen als Entree zum Areal konzipiert und zum anderen fungiert er als Vorplatz zur ehemaligen Rinderhalle. Bis heute bleibt er unter seinem großen Potenzial, bezogen auf die dortigen Aufenthaltsqualitäten. „Leute, die extra hierher kommen, um zu verweilen, fehlen aufgrund der Lage und Anbindung. Von Seiten der Unternehmen besteht wenig Interesse an der Bespielung öffentlicher Plätze im Quartier.“ Hinsichtlich der Belebung wird großes Potenzial bei den noch verfügbaren Entwicklungsflächen am Areal gesehen. „Auf den Bezirk strahlt der Zentralbereich von Neu Marx nicht aus. Wenn eines Tages andere Nutzungen am Standort sind, kann dieser zum autochthonen Zentrum für den Stadtteil werden.“ Einen entscheidenden Beitrag zum Funktionieren der öffentlichen Räume könnte die Marx Halle leisten. Durch ihre Revitalisierung sollte diese zu einem pulsierenden Zentrum des Standorts gemacht werden. Genutzt wird sie heute für Veranstaltungen. Für die Öffentlichkeit ist die Halle nicht frei zugänglich – nur gegen Bezahlung, wenn abends ein Konzert oder Theaterstück besucht wird. Durch ihre Bespielung als konventionelle Eventlocation mit beschränkter Zugänglichkeit unterstützt sie die temporäre Nutzungslogik eines Geschäfts- und Dienstleistungszentrum. 187 Auch von den Bewohnerinnen und Bewohnern des in unmittelbarer Nähe gelegene Wohnquartiers Karree St. Marx mit über 400 Wohneinheiten wird das Areal bislang kaum frequentiert. Die Außenwirkung wird wie eine Barriere wahrgenommen. „Mit Kinderwagen fühlt man sich zwischen Geschäftsgesprächen, nachvollziehbarerweise, nicht wohl.“ Für Kinder und Jugendliche bietet das Quartier keine adäquaten Aufenthaltsräume und Verweilmöglichkeiten. Die Situation in Neu Marx wird maßgeblich davon abhängen, welche zukünftigen Nutzungen auf den zur Verfügung stehenden Entwicklungsflächen am Standort etabliert werden. In Neu Marx befindet sich ein kleinmaßstäblicher Grünraum – der Robert-Hochner-Park. Parkflächen verstehen sich als Begegnungsorte – neben der Möglichkeit für Erholung erzeugen sie Identität, Kommunikation und urbane Bildung. Der Robert-Hochner-Park wirkt für Außenstehende wie eine Insel, die nicht eingebunden ist in ein übergeordnetes Grün- bzw. Freiraumnetz, das sich durch das Areal und darüberhinaus zieht. Ähnlich wie die Gastronomie vor Ort, funktioniert dieser ebenso nur zu bestimmten Zeiten – in der Mittagszeit als Studentinnen- und Studententreffpunkt des danebenliegenden Vienna Biocenters. Großer Handlungsbedarf liegt in der Einwebung und Verknüpfung der insulären Grünraumstrukturen im Erdberger Mais in ein zusammenhängendes Grünraumnetz. Dafür bietet das Entwicklungsgebiet im Südosten von Wien größtes Potenzial. 188 189 Bedeutungstragende Architekturen Stadtteilprägende Markierungspunkte Der Erdberger Mais ist ein historisch geprägter Stadtteil. Noch heute verweisen wertvolle architektonische Relikte auf ein Gebiet, das – einst vor den Toren von Wien gelegen – für die Kernstadt wichtige Ver- und Entsorgungsfunktionen übernahm. Zu ihnen zählen etwa in Neu Marx die Marx Halle(ehemalige Rinderhalle des Schlachthofareals), die Backsteinbauten, die heutige Arena im Franzosengraben oder etwa auch die Gasometer. Unter aufwendigen und teils spektakulären Revitalisierungs- bzw. Sanierungsarbeiten wurden all diesen Strukturen neue Nutzungskonzepte zugeschrieben, stets mit dem Anspruch, über ihre baulichen Grenzen hinaus in ihr städtisches Umfeld zu wirken. Umgeben von großdimensionierten, stark monofunktionalen neueren Bausteinen wirken diese bedeutungstragenden Architekturen mit ihrer deutlichen Geschichte aber dennoch oft zusammenhanglos und wie Fremdkörper. Es sind vor allem stark monofunktionale Großprojekte mit vorrangiger Büro- und Dienstleistungsnutzung, die die unterschiedlichen Teilgebiete des Erdberger Mais markieren. Manche unter ihnen wirken als stadtteilprägende Architekturen, verstehen sich als Icons und drücken die Inhalte des jeweiligen Stadtteils aus. Bei vielen dieser Markierungspunkte handelt es sich um introvertierte Strukturen, die nur bedingt den Dialog mit dem Umfeld zulassen bzw. fördern. Möglichkeitsräume für Ungeplantes Es lässt sich beobachten, dass der Erdberger Mais aufgrund seiner Fragmentierung auch Möglichkeitsräume etwa für Kleinstnutzungen oder auch für Zwischennutzungen bietet. Diese wirken oft wie Resträume, die sich in Zukunft zu Transformationsräumen verändern können. Es stellt sich somit die Frage, welche Rolle eben jene Rest- und Transformationsräume für den Stadtteil einnehmen können? Welche Anforderungen an die Entwicklung weiterer Flächen lassen sich daraus ableiten? 190 Räumliche Barrieren Oft wird die Einbindung einzelner Strukturen in den Kontext ihrer Umgebung durch räumliche Barrieren erschwert. Die städtebauliche Haltung dieser großmaßstäblichen Einzelprojekte lässt oftmals unattraktive und lange Treppenläufe sowie Rampen entstehen, die meist nur wenig einladende Entreesituationen hervorbringen und die Zugänglichkeiten zu diesen – zumindest ihren Entwicklungsgedanken folgend – Stadtteilzentren erschweren. Große Entwicklungspotenziale Kaum ein anderer Stadtteil in Wien unterläuft eine so starke Entwicklungsdynamik und birgt ein so hohes Potenzial in sich wie der Erdberger Mais. In allen Teilgebieten ist Neues am Entstehen und befinden sich teilweise große verfügbare Entwicklungsflächen. In Neu Erdberg werden neben TownTown weitere Büro- und Wohnhochhäuser entstehen. Neu Marx bietet großes Potenzial für urbane Nutzungsdurchmischungen, der Franzosengraben wird mit drei Wohntürmen vom Gewerbestandort zum Wohnstandort transformiert. Ebenso werden die Aspanggründe durch die Entwicklung des Eurogates zum Lebensraum vieler Bewohnerinnen und Bewohnern gemacht. Auch im südlichen Gasometerumfeld werden die Wohnnutzungen intensiviert. All dies transformiert den Raum, setzt neue Impulse für Bestehendes und weist ein spannendes Entwicklungspotenzial für die Zunkunft dieses Stadtteils auf. Grüne Inseln in einem fragmentierten Freiraumnetz In Neu Marx bietet der kleinmaßstäblich gestaltete Robert-Hochner-Park den Nutzerinnen und Nutzern vor Ort Möglichkeit zur Naherholung. Im Gegensatz dazu erinnert die nicht weit davon entfernte„Erdberger Stadtwildnis“ an die überkommene Donauuferlandschaft, indem sie sich durch das Wohnquartier Karree St. Marx zieht. Generell folgen viele Freiflächen im Erdberger Mais der Logik einer Stadtwildnis. Die meisten darunter sind von Vegetation überwuchert, wurden mittels Trampelpfaden von den Bewohnerinnen und Bewohnern aus der Umgebung zum „Bestandteil des öffentliches Raumes“ gemacht. Viele unter ihnen wirken wie lose Inseln in einem fragmentierten Freiraumnetz. Ähnlich verhält es sich mit den linearen Strukturen, wie etwa der ehemaligen Trasse der Schlachthausbahn. Erste Interventionen verweisen auf die hohe Bedeutung dieser Trasse als lineares Freiraumelement. Insbesondere in der Vernetzung der öffentlichen Räume kann ein großes Potenzial für die Aufwertung bestehender Strukturen gesehen werden. 100 m 200 m 191 Herzlichen Dank an die beteiligten Expertinnen und Experten für ihre Teilnahme und Input: Gründerzeitliche Stadt, Teil 1: Lerchenfelder Straße René Patschok, IG Kaufleute Lerchenfelder Straße& Lebendige Lerchenfelder Straße Thomas Blimlinger, Bezirksvorsteher Neubau Angelika Psenner, Fachbereich Städtebau TU Wien, Projektleitung des Forschungsprojekts„Wiener Parterre“, Mitglied der„Plattform EG-Zone“ Angela Heide, Initiatorin, Kuratorin und Autorin von„Aufbruch in die Nähe – Wien Lerchenfelder Straße“ Michael Hemza, Bezirksvorsteherin-Stellvertreter Josefstadt Barbara Mayer, GB*7/8/16 Markus Mondre, GB*6/14/15 Gründerzeitliche Stadt, Teil 2: Reindorfgasse und Schwendermarkt Markus Berger, Magistratsabteilung 59 – Marktamt Vera Biedermann, Vorsitzende des Bauausschusses und Bezirksentwicklungskommission, Bezirksrätin Rudolfsheim-Fünfhaus Hans Hatzl, Obmann IG Kaufleute Reindorfgasse Manuela Kobiezcki, WKO Wien, Einkaufsstraßenmanagement Reindorfgasse Nadia Prauhart, Samstag in der Stadt Tamara Schwarzmayr, Samstag in der Stadt Markus Steinbichler, GB*6/14/15 Kurt Tanner, Geschäftsführer„Urban Tools“, Initiator von„Einfach 15“ Liesing/Atzgersdorf: Alte und neue Zentren Martin Zisterer, Fachbereich Örtliche Raumplanung, Strategieplan„Perspektive Liesing“ Beteiligte Bürgerinnen und Bürger im Rahmen der Werkstatt„Perspektive Liesing“ Donaufeld/Kagran: Autoaffine Stadtstrukturen nachverdichten Basma Abu-Naim, Initiative GrünRaum DONAUFELD Andrea Eggenbauer, MA 21 – Dezernat 22. Bezirk, Mitarbeiterin Zielgebiet„Positionen für Kagran“ Karl Gasta, Bezirksvorsteher-Stellvertreter Donaustadt Stefan Klingler, Büro Stadtland, Moderation Leitbilderstellung Zielgebiet Kagran Wolfgang Sailer, Bauträger und Investor, FMZ Donaufeld Martina Vlasek, Standort und Markt René Ziegler, Fachbereich Örtliche Raumplanung, Strategieplan„Wo willst du hin, meine Donaustadt?“ 192 Erdberger Mais: Insuläre Entwicklungen verknüpfen Ursula Eripek, WSE Wiener Standortentwicklung GmbH Harald Frey, TU Wien, Forschungsbereich Verkehrsplanung und Verkehrstechnik Wolfgang Kiselka, GB*3/11 Alexandra Loidl-Kocher, WSE Wiener Standortentwicklung GmbH Stephan Barasits, WSE Wiener Standortentwicklung GmbH Martin Skrivanek, GB*3/11 Rudolf Zabrana, Stellvertretender Bezirksvorsteher Landstraße, Vorsitzender des Bauausschusses Fotografische Dokumentation aller Tiefenbohrungen Daniel Dutkowski 193 Impressum Eigentümer und Herausgeber Stadtentwicklung Wien Magistratsabteilung 18 – Stadtentwicklung und Stadtplanung www.stadtentwicklung.wien.at Konzept und inhaltliche Bearbeitung TU Wien, Fachbereich Örtliche Raumplanung Rudolf Scheuvens, Stefan Groh, Mitarbeit: Daniela Allmeier, Mario Weisböck www.ifoer.tuwien.ac.at Redaktion und inhaltliche Begleitung Magistratsabteilung 18 Katharina Söpper, Kurt Mittringer Layout Stefan Groh Grafik Titelseite Stefan Groh Fotos(soweit nicht anders angegeben) Daniel Dutkowski S. 3 Vorworte: Maria Vassilakou:© Lukas Beck Thomas Madreiter:© David Bohmann Andreas Trisko:© Foto Wilke S. 20: Stefan Groh, S.21: Markus Steinbichler Abbildungen Kapitel Wiener Zentrenentwicklung von 1800 zum STEP 2025: siehe Abbildungsverzeichnis S. 64. Technische Koordination Willibald Böck(MA 18) Lektorat Ernst Böck Druck Paul Gerin Gedruckt auf ökologischem Druckpapier aus der Mustermappe von ÖkoKauf Wien © MA 18 – Stadtentwicklung und Stadtplanung, Wien 2016 Alle Rechte vorbehalten Werkstattbericht Nr. 158 ISBN 978-3-903003-13-2