Schiele, Egon: Kartenbrief an Arthur Roessler. Mühling, 21.6.1916
21. Juni 1916.
Lieber A. Rößler – seit wir uns zuletzt in Wien am 2. Mai sahen – war
ich inzwischen 2mal in Wien, – kam aber nicht dazu Ihnen zu schreiben oder
Sie beim Vorüberkommen zu besuchen. – So viel ich hörte sind Sie noch im
K.A. und ich glaube auch daß Sie dort bleiben werden.
– Wie Sie ja wissen werden, bin ich hier in der Provianturkanzlei – und
habe von 8-12 und 2-6 Kanzleistunden. – es geht mir gerade nicht
schlecht – und wenn es abends halbwegs geht, und das Wetter günstig ist,
so male ich draußen.
– Vorige Woche schrieb mir Pfemfert daß er endlich ein Aktionheft
von mir machen will und ich ihm dazu Material senden soll –
haben Sie nicht auch Lust einiges dazu zu geben? – Harta hat
mich gezeichnet und Gütersloh hat es versprochen als ich am
Sonntag in Wien war, – es war aber so schlechtes Wetter, so
daß er nicht kam. – In drei Wochen soll alles fertig sein und ich
werde versuchen Holzschnitte zu machen. – Dr. Reichel möchte seine
von mir gemalten Bilder welche ich erwähnte photographieren
lassen – ich habe zu wenig Zeit um an alles dies zu denken
und es auszuführen. – Das Bild welches Dr. Reichel an Sykora
gab, – die „Herbstbäume” wollte Dr. Haberditzl erwerben –
warum gab es Dr. R. einstens her? – Wie Sie wissen hätte ich einige
Bilder für die Staatsgalerie zur Auswahl und Verfügung –
Dr. Haberditzl sollte sich auch an mich gewandt haben. –
ich glaube daß heute wenigstens ein Bild doch in der St.-G. hängen
könnte. – Was machen Sie sonst und wie geht es Ihnen? –
wenn Sie einmal wieder eine größere alte Holzfigur für mich
übrig hätten oder irgend etwas anderes – (auch ein altes Möbel)
hätte ich gerne – so wäre ich mit einen entsprechenden Tausche, bei
vorherigem gegenseitigen Einverständnis vorbereitet. –
Wenn wir heil den Krieg übertauchen sollten – so habe ich ein nettes kleines
Haus – allein stehend, samt Garten für Wohnung und Atelier
in Aussicht, – in Hietzing. – Freundliche Grüße und Handkuß Ihrer Frau.
EGON
SCHIELE
1916