Grillparzer, Franz: Brief an Mathilde Kapri. Wien, 28.4.1851

J. N. 1176 Wien am 28 April 851 Mein sehr verehrtes Fräulein Wirklich bei ich, unmittelbar nach Ihrer Anwesenheit in Wein durch lästige Unpäßlichkeit gehindert worden, sogleich an die Lesung Ihrer Gedichte zu gehen. Seit dieser ist es übrigens seit lange geschehen und wenn ich nicht früher Rechenschaft über den empfangenen Eindruck gab, so war die Ursache ein wahrscheinliches Mißverständniß. Ich glaubte nämlich von Ihnen gehört zu haben, daß Sie bald wie der nach Wien kommen würden, wo dann mündlich die Sache sich am leichtesten abgemacht hätte. Was ein jenen Eindruck selbst betrifft, so leuchtet aus vielen dieser Gedichte ein wahres poetisches Talent hervor und der Hauptfehler der übrigen ist, daß der Leser fühlt dieselbe Verfaßerin hätte dieselbe­Gedichte viel beßer machen können Mitunter vernachläßigte Verse 6 unreine denne, Härten der Sprache hätten nicht vermüden werden können, wenn in der Dichterin die patrirtische Begeisterung nicht die poetische überwogen und sie genöthigt hätte schnellen zu arbeiten und leichter zufrieden zu seyn, als die eigensinnige Kunst nun einmal durchaus verlangt. Was die Frage über die Druckligung betrifft, so liegt ein Theil der Antwort in den mir eben gemachten Bemerkungen. Man wird im Einzeln viel zu tadeln finden und da der Patriotismus ers nicht die hervor­stechende Eigenschaft der Gournalistick ist, so dürfen Sie sich auf bebrächt liche Einwendungen gefaßt machen. Übrigens ist die Erscheinung, ein reibliches Wesen von den Heldenthaten unserer Armen begeistert zu 124