Abel, Othenio: Brief an Franz Karl Ginzkey. Wien, 1.5.1933
Paläontologisches u. Paläobiologisches Institut der Universität Wien.
Wien, I., Universität.
Wieder einmal ist es uns allen zum Bewusstsein gekommen,dass
unsere deutsche Kultur zu einem gewaltigen Teile in der altgriechischen
Kultur wurzelt und dass dies vielleicht die Stärke unserer geistigen Kul-
tur bedeutet.Das mag es auch sein,weshalb mir jedesmal,wenn ich den heili-
gen Boden der Akropolis betreten habe,eine Art Schauer durch die Knochen
ging,die durch Ort und Lage des Tempels und des Tempelbezirks allein nicht
erklärlich ist.Erscheint der Boden der Akropolis doch eigentlich am meisten
als ein Symbol für uns.
Je öfter ich griechischen Boden betrete,desto grösser und tiefer
wird mein Interesse für die archäische Kunst.Es sind in den letzten Jahren
ganz wunderbare Dinge ausgegraben worden,die zum Teile im Museum von Heraklion
in Kreta,zum Teil im Nationalmuseum von Athen liegen.Das ist einerseits die
ganz unvergleichliche minoische Kultur,anderseits die Kultur,die viel jünger
ist als diese und die weit vor der perikleischen Zeit liegt.Da ist jetzt in
Athen ein Torso aufgestellt,der in Sparta gefunden worden ist und der als
"Leonidas" bezeichnet wird.Ob er ihn darstellen soll oder irgend einen Heroen,
ist fraglich,sicher aber ist dieser Torso eine der wunderbarsten Schöpfungen
der archäischen Kunst und ihm schliesst sich die wunderbare Bronzestatue ei-
nes speerwerfenden Zeus an,die vor kurzem erst zur Aufstellung gelangt ist.
Um wie vieles ist doch der berühmte Wagenlenker von Delphi als Kunstwerk
höher einzuschätzen als der viel gerühmte Hermes des Praxiteles in Olympia !
Und so sehe ich,dass man immer wieder Dinge,die man seit längerer oder kür-
zerer Zeit kennt,anders beurteilt,wenn man sie wieder sieht,weil man wahr-
scheinlich selbst ein anderer geworden ist und sich das Urteil geändert hat.
Von allen den Dingen,die wir sahen,hat mich diesesmal das Theater von Epi-
dauros auf das Tiefste ergriffen.Ein Theater für zehntausend Zuschauer !Und
das liegt heute verlassen und vergessen von den Lebenden in den Bergen des
Peloponnes,in tiefem Schweigen und vollster Einsamkeit.Und Epidauros war
doch einmal das Karlsbad oder Wiesbaden des Altertums,und die sonderbaren