Auernheimer, Raoul: Postkarte an Franz Karl Ginzkey. Wien, 4.11.1926
Lieber u. verehrter Herr Ginzkey,
haben Sie allerherzlichst
Dank für Ihre reizende Novelle,
die ich dieser Tage in einem
Zuge – nämlich im Zug, der
zwischen Berlin u. Wien ver=
kehrt – gelesen habe u. an der
ich durchaus meine Freude
hatte. Der melancholische Kater,
der so überlegen=artig mit
menschlichen Fragezeichen spielt,
die Seelenwanderung u. das
Fernrohr: alles dies sind wahr=
haft poetische Elemente, die den
einfachen Stoff ins Bedeutende
steigern. Auch der Landschaftsrah=
men gehört dazu u. passt sich
wunderbar der über gefährliche
Abgründe gefahrlos hingleitenden
Erzählung an. Ich habe die Em=
pfindung, dass solche Novellen –
wahre Novellen – heute nur noch