Avenarius, Ferdinand: Brief an Marie von Ebner-Eschenbach. Dresden, 11.9.1914
KUNSTWART-LEITUNG
DRESDEN-BLASEWITZ,
11.IX.14.
Hochverehrte und teure Frau,
Lassen Sie mich in diesen ernsten und grossen Zeiten
wenigstens einen Augenblick zu Ihnen hinüberkommen,um Ihnen
als Ausdruck unsrer unwandelbaren Verehrung den kleinen
Volkskalender des von mir geleiteten Dürerbundes zu über-
reichen,in dem wir uns,diesmal durch Dr.Lehmanns Feder,
bemüht haben,auch den weiten Kreisen des Volks im Reiche
eine Vorstellung von Ihrer Bedeutung zu vermitteln. Es ist
der Kalender fürs nächste Jahr. Im nächsten Jahr selbst
wird der Kunstwart seine Schuldigkeit tun.
Gerade in dieser Zeit des Kriegs empfinden wir Deutschen
mit doppelter Kraft,wieviel wir auch Ihnen danken.Das zu
begründen brauche ich nicht,denn Sie müssen es ja unmittel-
bar in sich fühlen. Möge Ihnen noch lange vergönnt sein,
den Aufschwung unsrer besten Kräfte,den diese Zeit gebracht
hat,mitzuerleben und die geistige Ernte von dem mit anzusehen,
was jetzt unter dem Donner der Geschütze gesät wird.
In herzlichster Verehrung getreu
der Ihrige
F. Avenarius