XIX/ 1 Billrothstrasse No 6
14. Dezember 1919.
Herrn Otto König
Feuilleton-Redakteur der „Arbeiter Zeitung”, Wien,V.,Rechte Wienzeile No 97
Werter Kollege - Sie haben durch Dr.Markowitz bei mir anfragen lassen,warum
ich einen Brief,den Sie mir vor einigen Wochen schrieben,unbeantwortet liess.
Ich habe diesen Brief nicht erhalten. Die letzte Mitteilung,die mir von Ihnen
zukam bestand in einigen Begleitzeilen zu einer Drucksachensendung und ent-
hielt das Ersuchen um die Rezension der vier gleichzeitig übermittelten Hefte;
seither vernahm ich nichts wieder von Ihnen. Was nun meine,wie mir Dr.Markowitz
sagte,von Ihnen in Zweifel gezogene weitere Mitarbeit an der A.Z. als Kunst-
kritiker angeht,habe ich Ihnen mitzuteilen,dass Sie recht mutmassten,denn ich
fand mich genötigt,heute an F. Austerlitz als Chefredakteur der A.Z. einen
Brief nachstehenden Inhalts zu senden:
„Werter Kollege - in diesem Monat sind es zehn Jahre geworden seit
dem ich auf Einaldung Dr. Viktor Adlers und E. Pernerstorffers das Kunstrefe-
rat für die Arbeiter Zeitung übernahm. In der Besprechung mit Dr. Adler,Per-
nerstorffer und Emmerling,die mich zur Annahme des kritischen Amtes bewog,
wurde ein monatliches Fixum von 60 K. für alle kleinen Referate und separate
Honorierung jedes grösseren,den Umfang eines Feuilletons aufweisenden,verein-
bart. Seither sind zehn Jahre verflossen ohne dass mein Honorar ein Erhöhung
erfahren hätte,im Gegenteil,seit etwa acht Jahren erhielt ich nicht einmal
mehr die vereinbarten Feuilleton-Honorare,wie Ihnen die Buchhaltung der A.Z.
jederzeit wird bestätigen müssen.
Meine Tätigkeit für die A.Z. hat mir beträchtliche Opfer auferlegt,
da sie unter anderm meine Boykottierung seitens der bürgerlichen Blätter nach
sich zog,wurde aber von mir aus ideellen Gründen dennoch aufrecht erhalten bis
jetzt,wo ich mich genötigt sehe,entweder die den veränderten Geldverhältnissen
entsprechende Erhöhung des Pauschalhonorares zu fordern, oder meine weitere
Mitarbeit an der A.Z. einzustellen. Die 60 K.,die ich jetzt allmonatlich erhal-
te,decken die reinen Barauslagen für Fahrten in die Ausstellungen,für die Farb-
bandabnützung,das Schreibpapier und Portis nicht,so das ich meine eigentliche
Arbeit nicht nur nicht bezahlt erhalte,sondern auf sie noch draufzahle. Ich
bin dazu leider nicht mehr in der Lage,was Ihnen ja wohl auch ohne eingehendere
Begründung glaubhaft erscheinen wird. Einem Arbeiter,der gleich mir durch
zehn Jahre der A.Z. treue und gute Dienste geleistet hat,darf man heute keine
60 K. monatlich bieten,wenn man sich an ihm nicht materiell und moralisch schwe[r]
versündigen will! Das werden wohl auch Sie zugeben.
Bitte,geben Sie mir baldigst Bescheid darüber ob ich auf eine angemes-
sene Erhöhung des monatl. Pauschalhonorares rechnen kann oder ob Sie auf meine
weitere Mitarbeit verzichten wollen,da Ihnen eine billigere Ersatzkraft als
Kunstkritiker zur Verfügung steht.” - -
Vielleicht nehmen Sie den vorliegenden Brief zum Anlass um mit Auster-
litz über die Angelegenheit,die mir sehr zuwider ist,zu sprechen. Findet F.A.
es passend micht bei dieser Gelegenheit zu „verabschieden” - na gut,dann möge
ihm und der A.Z. dieses . . . . . Verhalten bekommen; ich kann jedenfalls für
den Lohn,für den die Bezeichnung „Hungerlohn” noch viel zu gut ist,nicht
14. Dezember 1919.
Herrn Otto König
Feuilleton-Redakteur der „Arbeiter Zeitung”, Wien,V.,Rechte Wienzeile No 97
Werter Kollege - Sie haben durch Dr.Markowitz bei mir anfragen lassen,warum
ich einen Brief,den Sie mir vor einigen Wochen schrieben,unbeantwortet liess.
Ich habe diesen Brief nicht erhalten. Die letzte Mitteilung,die mir von Ihnen
zukam bestand in einigen Begleitzeilen zu einer Drucksachensendung und ent-
hielt das Ersuchen um die Rezension der vier gleichzeitig übermittelten Hefte;
seither vernahm ich nichts wieder von Ihnen. Was nun meine,wie mir Dr.Markowitz
sagte,von Ihnen in Zweifel gezogene weitere Mitarbeit an der A.Z. als Kunst-
kritiker angeht,habe ich Ihnen mitzuteilen,dass Sie recht mutmassten,denn ich
fand mich genötigt,heute an F. Austerlitz als Chefredakteur der A.Z. einen
Brief nachstehenden Inhalts zu senden:
„Werter Kollege - in diesem Monat sind es zehn Jahre geworden seit
dem ich auf Einaldung Dr. Viktor Adlers und E. Pernerstorffers das Kunstrefe-
rat für die Arbeiter Zeitung übernahm. In der Besprechung mit Dr. Adler,Per-
nerstorffer und Emmerling,die mich zur Annahme des kritischen Amtes bewog,
wurde ein monatliches Fixum von 60 K. für alle kleinen Referate und separate
Honorierung jedes grösseren,den Umfang eines Feuilletons aufweisenden,verein-
bart. Seither sind zehn Jahre verflossen ohne dass mein Honorar ein Erhöhung
erfahren hätte,im Gegenteil,seit etwa acht Jahren erhielt ich nicht einmal
mehr die vereinbarten Feuilleton-Honorare,wie Ihnen die Buchhaltung der A.Z.
jederzeit wird bestätigen müssen.
Meine Tätigkeit für die A.Z. hat mir beträchtliche Opfer auferlegt,
da sie unter anderm meine Boykottierung seitens der bürgerlichen Blätter nach
sich zog,wurde aber von mir aus ideellen Gründen dennoch aufrecht erhalten bis
jetzt,wo ich mich genötigt sehe,entweder die den veränderten Geldverhältnissen
entsprechende Erhöhung des Pauschalhonorares zu fordern, oder meine weitere
Mitarbeit an der A.Z. einzustellen. Die 60 K.,die ich jetzt allmonatlich erhal-
te,decken die reinen Barauslagen für Fahrten in die Ausstellungen,für die Farb-
bandabnützung,das Schreibpapier und Portis nicht,so das ich meine eigentliche
Arbeit nicht nur nicht bezahlt erhalte,sondern auf sie noch draufzahle. Ich
bin dazu leider nicht mehr in der Lage,was Ihnen ja wohl auch ohne eingehendere
Begründung glaubhaft erscheinen wird. Einem Arbeiter,der gleich mir durch
zehn Jahre der A.Z. treue und gute Dienste geleistet hat,darf man heute keine
60 K. monatlich bieten,wenn man sich an ihm nicht materiell und moralisch schwe[r]
versündigen will! Das werden wohl auch Sie zugeben.
Bitte,geben Sie mir baldigst Bescheid darüber ob ich auf eine angemes-
sene Erhöhung des monatl. Pauschalhonorares rechnen kann oder ob Sie auf meine
weitere Mitarbeit verzichten wollen,da Ihnen eine billigere Ersatzkraft als
Kunstkritiker zur Verfügung steht.” - -
Vielleicht nehmen Sie den vorliegenden Brief zum Anlass um mit Auster-
litz über die Angelegenheit,die mir sehr zuwider ist,zu sprechen. Findet F.A.
es passend micht bei dieser Gelegenheit zu „verabschieden” - na gut,dann möge
ihm und der A.Z. dieses . . . . . Verhalten bekommen; ich kann jedenfalls für
den Lohn,für den die Bezeichnung „Hungerlohn” noch viel zu gut ist,nicht