Bolin, Wilhelm: Postkarte an Margarete Jodl. Helsingfors, 14.4.1914
Hfors. Fabriksgatan 9. April 14. 1914
Osterfeier hatte für mich die besondere Be=
deutung einer "Erlösung": sieben Jahre Witwer.
Zustand, der Ihnen endlose Qual, brachte mir
endliche Freiheit aus unleidl. Abhängigkeit.
Wäre ihr erlegen ohne voraufgegangener Er=
leichterung volle 10 Jahre hindurch. Sie beide
u. eine alte Freundin von mir, die viele Jahre
in Sttgt gelebt & 1896 dort gestorben, hatten
die Persönlichkeit sofort richtig abgeschätzt.
Nur ich, von Mittleid & Willensimpulsen be=
herrscht, liess mich verblenden. Habe reichlich
dafür leiden müssen. Aus der Zeit nicht ein
versöhnender Lichtstrahl. Alleregoistischeste
Kaltherzigkeit, die sich selbst für fehler=
los hielt und beständig "ein liebenswür=
diger Charakter wie ich" im Munde führte.
Und dazu die Handlungen: endloses Geltend=
machen des Ich, dessen Rechte über alles gehen.
Der Typus heut besonders an d. engl. ladies, die
auf ihre "Rechte" pochen u. sie erzwingen wollen. Wie
man dort all ihr Gehaben u. Thun nicht als Ver=
brechen behandelt, mir ein Zeichen der Entartung
der dortigen Bevölkerung. Worauf wird dort gewartet?
Und in solche Hände soll man sein Schicksal
legen? Meine Schwester, Fr. Bartel, trägt mir
auf Ihnen ihr Beileid kundzugeben. Heuer
wird für sie das Reisen unterbleiben. Ihr W.B.