Bolin, Wilhelm: Brief an Wilhelm Börner. o.O., 1.10.1918
Hf. 9 Fabriksgatan. Abgeschick:
Octob. 1. 1918.
Mein lieber Namensvetter.
Am 30 Sptb. erhielt ich zugleich zwei Ihrer
Karten: v. 2. u. v. 17. Sptb. Dankte umgehend. Die spätere
bittet um nähere Auskunft üb. Anzengrubers Familien-
leben, worüber Bettelheim Ihnen nicht genügt. Alles Ge-
nauere habe ich von ihm, was ich durch eigene Ein-
drücke bestätigen muss.
Die Gattin war ein nettes, kindl. Wesen, aber von einer
unverkennbaren Oberflächlichkeit. Mir unerklärlich
wie ER, bei seinem tiefernsten Wesen, an einem solchen
Persönchen Gefallen finden konnte. Verständlich
ist mirs nur durch seine Freundschaft zum Bruder
Franz Lipka; an ihm hing Anzengruber und muss eine
Verschwägerung mit ihm für besonders glücklich ge=
halten haben. Einer flüchtigen Andeutung seitens Bet-
telheim entnehme ich, dass Mutter Lipka selbst
kein Tugendspiegel gewesen; vielleicht hat Das den Wunsch
geweckt; das niedliche Dämlichen aus solcher Nähe
zu entfernen, würde ihr förderlich sein. Das
Empfangsbestätigung dieser Zuschrift erbitte ich durch einfache Postkarte