Berg, Alban: Brief an Johanna Berg. Wien, 28.12.1919
Berghof-Katastrophe 1919 An Mama Berg Wien, 28.12.1919.
Liebe Mama, ich erhalte soeben Deinen 8-seitenlangen Brief vom 15.12.
und bin nicht in der Lage, wieder stunden- oder halbtagelang auf alle Einzel-
heiten einzugehen, da ich, neben der fortlaufenden Arbeit, in dieser Weihnachts-
woche nun noch Deine jetzt dringlich gewordenen Angelegenheiten (Telephon-
ablesung, Steigerungen von zirka 50 Parteien, etc.) erledigen muß.
Daher nur das Wichtigste: Ich bitte Dich, selbst zur Kenntnis zu nehmen
und es allen, die es unbegreiflicherweise noch nicht wissen sollten, also auch
Charley, bekannt zu geben: der wahre Grund meines am Berghofkommens ist folgender:
Ich habe mich bereit erklärt, mich jederzeit, wenn es die Familienverhält-
nisse erfordern, Dir zu Verfügung zu stellen. Wenn ich also jetzt am Berghof
kommen sollte, so geschehe es lediglich deshalb, weil dadurch, daß Charley den
Berghof verläßt, man mich dort braucht. (Um Gotteswillen! Am Ende gibt es Men-
schen -- nein, Lebewesen, die das Gegenteil zu behaupten wagten: nämlich, Charley
verlasse den Berghof, weil ich dort hin kommen möchte -- !) Der ganzen Sache
liegt also nicht, wie Du schreibst, irgendein "Plan" zugrunde (warum nicht gleich
eine "Verschwörung"!), sondern eben die, durch die Familienverhältnisse geschaf-
fene Notwendigkeit, der ich mich, gemäß meiner stets, auch vor Charley betonten
Bereitwilligkeit eben füge.
Es entspricht also in keiner Weise meinen "Intentionen", daß es heißen
soll: ich komme auf den Berghof, weil ich momentan "ohne richtige Beschäftigung
in Wien bin" - "und auch keine Apanage beziehen kann"! Im Gegenteil! Ich lege
sogar Gewicht darauf (um eben auch für späterhin einer solchen Deutung vorzu-
beugen) daß ich
1. in Wien eine richtige Beschäftigung habe. Und zwar meine Stellung im Verein,
der weitergeht. -- 3 Schüler. -- Deine Angelegenheiten, die mich doch immerhin
1, 2 oft mehr halbe Tage in der Woche kosten.
2. hiedruch --auch ohne Apanage .. monatlich 850 K verdiene (Kassowitz 300 K,
Jelinek 50 , Waza 100, Verein 400 K), was mit dem auf 5 Raten verteilten Bareis-
und Hermanngeld 1250 K monatlich, also wenigstens bis zum Mai ausmacht. Hierzu
rechne ich die mir von der Universal-Edition fortlaufend erteilten Aufträge --
(mit gleicher Post erhielt ich einen solchen neuen: einen Führer zu Schönbergs
"Pelleas" bis Jänner (!!!) herzustellen) -- garnicht, die ich --verwendte ich
hiefür die vielen, vielen Stunden meiner Berghofkorresponden -- nebenbei
effektuieren könnte.
Und 3., daß Helene, begreiflicherweise, nicht auf den Berghof geht. (Abgesehen
davon, steht sie augenblicklich mit der amerikanischen Mission wegen Export
von Kinderkleidmodellen in Unterhandlung, wodurch sie einen ganz schönen Ver-
dienst in Aussicht hat.
Erhellt daraus, daß ich einen --wenn dir auch nicht, wie Du schreibst, "wichtig" erscheinen-