27. Dez. 1914.
Lieber Freund!
Nach dem bekannten Stelldichein in B. ging für mich gleich wieder
der Krieg an. Kaum kamen wir "heim", nach einem Umschmiß
auf der schrecklichen Straße, kam der Abmarschbefehl. Und da merkte
ich schon was Merkwürdiges: da eine Kiste mich etwas plattgedrückt hatte
bei dem Umsturz, schmerzten mich die Rippen und das Kreuz ganz
mächtig; und als wir alarmiert wurden, konnte ich auf einmal
laufen wie ein Wiesel. So lange Ruhe war, hatte ich sogar so
dumme Gedanken wie marode sein etz. Und mit Beginn un=
serer Tätigkeit wars fertig mit Alledem. Als ich dann im Wagen
saß und unser Train in Ordnung weiterging, da dachte ich erst
zurück an B., da kam es mir erst so recht zum Bewußtsein,
was für ein unbeschreibliches Glück ich habe, meine Frau mitten
im Krieg wiederzusehen, daß es so klappte und ausging. Wie
wenige von den Millionen die heute im Felde stehen können
sich eines gleichen Vorzuges rühmen! Dann kamen andere Ein=
drücke, die das genossene Glück noch lebhafter im Bewußtsein
aufleben ließen, ja erst recht deutlich werden ließen. Wir
kamen nachts über ein weites Feld, durchzogen und zerwühlt
von Schützengräben, wo drei Wochen vorher heftige Angriffe
unserer Truppen stattgefunden. Die Ebene war besäet mit den
noch unbeerdigten Leichen, zum Teil nackt ausgezogen, z. T.
bloß der Schuhe beraubt. Und an einem Hause lagen drei
deutsche Soldaten, an Hals und Füßen mit Draht zusammenge=
bunden. Von Weitem sah man die Laternen der Sanitätspatruille
kleine Licht-Kreise auf den Boden zeichnen, in deren Bereich die
Lieber Freund!
Nach dem bekannten Stelldichein in B. ging für mich gleich wieder
der Krieg an. Kaum kamen wir "heim", nach einem Umschmiß
auf der schrecklichen Straße, kam der Abmarschbefehl. Und da merkte
ich schon was Merkwürdiges: da eine Kiste mich etwas plattgedrückt hatte
bei dem Umsturz, schmerzten mich die Rippen und das Kreuz ganz
mächtig; und als wir alarmiert wurden, konnte ich auf einmal
laufen wie ein Wiesel. So lange Ruhe war, hatte ich sogar so
dumme Gedanken wie marode sein etz. Und mit Beginn un=
serer Tätigkeit wars fertig mit Alledem. Als ich dann im Wagen
saß und unser Train in Ordnung weiterging, da dachte ich erst
zurück an B., da kam es mir erst so recht zum Bewußtsein,
was für ein unbeschreibliches Glück ich habe, meine Frau mitten
im Krieg wiederzusehen, daß es so klappte und ausging. Wie
wenige von den Millionen die heute im Felde stehen können
sich eines gleichen Vorzuges rühmen! Dann kamen andere Ein=
drücke, die das genossene Glück noch lebhafter im Bewußtsein
aufleben ließen, ja erst recht deutlich werden ließen. Wir
kamen nachts über ein weites Feld, durchzogen und zerwühlt
von Schützengräben, wo drei Wochen vorher heftige Angriffe
unserer Truppen stattgefunden. Die Ebene war besäet mit den
noch unbeerdigten Leichen, zum Teil nackt ausgezogen, z. T.
bloß der Schuhe beraubt. Und an einem Hause lagen drei
deutsche Soldaten, an Hals und Füßen mit Draht zusammenge=
bunden. Von Weitem sah man die Laternen der Sanitätspatruille
kleine Licht-Kreise auf den Boden zeichnen, in deren Bereich die