Engelhart, Josef: Brief an Gustav Huber. Wien, 6.10.1934
Wien 6. Oct. 1934
Lieber Freund
Ich danke dir für deine liebe Karte aus der ich ersehe, daß man dich über
meine Stellungnahme in der letzten Sitzung des Volkstheaterausschusses bereits
informirt hat.
Ich hatte den Eindruck, daß man allgemein über mein Verhalten erstaunt war.
Wenn ich darauf bestanden habe, daß die Versuche, dich von deiner Demission abzubringen
eindringlich fortzusetzen sind und nicht auf deine Rückkehr gewartet werden soll,
so geschah dies aus folgenden Gründen:
Vor allem erlaubt die gegenwärtige Lage nicht, daß eine Krise im Volkstheaterausschuß
an die Öffentlichkeit gelangt, das wäre aber unbedingt der Fall, wenn man mit ihrer
Lösung bis zu deiner Rückkehr warten würde; du weißt sehr gut wie herumgeredet
wird und daß solche Gerüchte schädlich auf die Fortführung des Theaters einwirken ist
nicht zu leugnen.
Es müßte also, wenn du auf die Niederlegung bestehst eine Neuwahl stattfinden.
Nun sehe ich innerhalb des Vereinsausschusses keine Persönlichkeit, die dich ersetzen
könnte und wenn eine solche tatsächlich auch vorhanden ist, so stehen ihrer Wahl
Hindernisse äußerer Natur entgegen, die die Annahme einer Wahl ausschließen.
Man müßte sich also von außen eine solche Persönlichkeit verschaffen und das
scheint mir eine Niederlage zu sein - die auch nicht vorteilhaft für die Sache ist.
Schließlich kommt noch ein Grund rein persönlicher Natur hinzu:
Meine Lust als noch so bescheidener Mitarbeiter zu dienen würde wesentlich herab=
gemindert werden unter einer anderen Führung - wenn du da sagst, daß das
ganz Nebensache ist - so hast du Recht - aber ich führe eben alles an, was
mich zu dem Schritte bewogen hat dich eindringlich zu bitten von deinem
Entschluße abzustehen - Ich wäre dir persönlich aufrichtig dankbar und
du hättest mir damit eine große Freude bereitet.
Ich begreife, daß der verantwortliche Obmann einer Körperschaft nicht
gerne für Fehler einstehen will die gegen seinen Willen gemacht wurden
aber der Fehler ist gemacht und wird dadurch, daß du dich zurückziehst