Engelhart, Josef: Brief an Adalbert Franz Seligmann. Wien, 27.7.1932
Wien 27. Juli 1932
Lieber College
Ich muß Ihnen was sagen!
Durch die Sorgsamkeit und Güte unserer gemeinsamen Freundin
bin ich dazu gekommen Ihr Feuilleton "Wie ich Billroth malte" wieder
zu lesen.
Sie wissen wie sehr Sie mir in Ihren Kritiken und Abhandlungen
aus der Seele reden, Sie wissen auch, daß ich Sie für den Einzigen
halte, der berechtigt ist, über bildende Kunst in der Zeitung zu
urteilen, Sie wissen aber auch, daß, ob vielleicht mit Unrecht,
ich Ihre Zurückhaltung nicht ganz verstehe.
Nun haben Sie sich in obgenanntem Artikel aufgeknöpfelt,
so warm und sympathisch offen über sich selbst auch geäußert,
daß ich Ihnen das sagen muß.
Das Temperament liegt meiner Meinung nach nicht immer darin,
daß man heftig für oder gegen etwas Stellung nimmt, es liegt
vielmehr darin, daß man das mit Wärme, mit warm fühlendem
Herzen tut - so viel Wärme haben Sie noch nie, auch in
Ihren besten Aufsätzen nicht, gezeigt, wie gerade hier.
Es war mir eine große Freude und ein hoher Genuß das zu
lesen und ich danke Ihnen dafür.
Aber nicht allein die Form hat mir gefallen, sondern von jeher
das Bild selbst - ich kenne es ja schon seit seiner ersten
Ausstellung und freue mich herzlich, daß es zu dem Erfolge
für Sie geworden ist, den es wirklich verdient.