Ertl, Emil: Brief an Friedrich Much. Graz, 9.5.1921
Der Weltenweber, der rastlos an der Arbeit
ist, meint es dem deutschen Volke gut, er will das
edle Gewebe der Zukunft aus ihm weben. Darum
zieht er es alle hundert Jahr einmal, und auch öfter,
gründlich durch die Hechel, um es vom Werg zu
reinigen, denn einen grannigen Flachs kann
er nicht brauchen. Das ist der Sinn des immer
wiederkehrenden Unglücks und der schweren
Kämpfe, die unser Volk seit tausend Jahren
durchzumachen hat. Und so wird es auch jetzt wie
aus dem ruchlosen Weltkrieg, so aus dem
noch ruchloseren Frieden verjüngt, als aus einem
Stahlbade hervorgehn, von allem Wirren
und Schädlichen wird die fürchterliche Hechel
es gereinigt haben, und die reinste und
gediegenste Webe, die die Zeiten sahen, dem
Webstuhl der Weltgeschichte entquillen.
Denn Leid und Not sind die zuverlässigsten
Lehrmeister und Erzieher der Völker. Beherzige
es, Österreich! Glaub nicht,
es komme darauf an, wie ein wehleidiger
Genießer das Klügste und Schmerzloseste
zu wählen und den Götzen der Utilität
anzubeten. Nein! Das Ehrlichste sollst du
wählen nach deinem Herzen, denn es muß doch
einmal Frühling werden! Aber nie und
nimmer wirst du zum großen Deutschen
Gesamtvolk gehören in den fernen Tagen des
Jubels, wenn du in der Zeit der Tränen so
besonnen wie feige auf Sonder= und
Seitenwegen hingeschlichen bist.
Graz, Mai, 1921
Emil Ertl.
Druckerei „Leykam”, Graz.