Bender, Auguste: Briefe an Marie von Ebner-Eschenbach. Baden, 20.9.1915
Baden-Baden-Lichtental, im Mai 1914.
P.P.
Hierdurch die ergebenste Mitteilung, daß ich den Vertrieb meines Werkes
Bender A.: Auf der Schattenseite des Lebens
Jugendgeschichte einer Autodidaktin,
2 Bände. Preis broschiert Mk. 3.00, gebunden Mk. 4.00
der Fa. E. Sommermeyer, Baden-Baden, entzogen habe und nun selbst
ausliefern lasse.
Den früheren günstigen Preßstimmen möge hier noch eine der letzten
aus dem Berliner Lokal-Anzeiger folgen:
"Die beliebte Erzählerin Augusta Bender, die sich auch als Sittenschilderin und Sammlerin des
Oberschefflenzer Volksliederschatzes verdient gemacht hat, veröffentlicht jetzt unter dem Titel "Auf der Schattenseite
des Lebens" ein zweibändiges Werk, das, in Ichform geschrieben, den Charakter des Erlebten und Erlittenen
trägt, und das man füglich als Autobiographie der Verfasserin ansprechen darf. Es ist ein Buch, so ganz erfüllt
von tiefer Lebenseinsicht und der Lauterkeit eines großen Herzens, daß jeder Leser, der sich still darin versenkt,
dauernd von seinem Inhalt bereichtert wird. Nicht nur von den interessanten kulturgeschichtlichen Streifzügen, in
denen die Vergangenheit des Heimatdörfchens humorvoll geschildert wird, da der Sauhirt noch besser besoldet
war als der – Schulmeister, und die Kinder zur Schule kamen, jedes ein Scheit Holz im Aermchen, um den
Schulraum damit zu heizen.
Der Wert dieser Lebenserinnerung liegt in den beziehungsreichen Charakter- und Milieuschilderungen,
am ergreifendsten aber wird die Darstellung, wo die Verfasserin ihr eigenes Porträt zu zeichnen beginnt. Ich
wüßte nicht, was ich Besseres zum Lobe des Buches sagen könnte, das ein Lebensroman ist, oder besser: der
Roman einer in ihren Grenzen gewaltigen geistigen Lebensarbeit – ein Nachtstück, nur von innen belichtet, aber
eben deshalb nicht entmutigend, sondern erhebend. Der Stil, trotz seinem trüben Gegenstand, ist so leicht, frisch
und beweglich, wie ich mir das ganze junge Bauernkind denke, als es im hellen Sonntagsstaat nach Mannheim
reist, in tapferer Hoffnungsfreude seine Gedicht auf den Redaktionstisch zu legen. Auf dieser denkwürdigen Fahrt
ein erstes ernst-komisches Erlebnis: ein junger Engländer, gerührt von dem Wissenshunger der Dorfdichterin,
verehrt ihr eine – deutsche Grammatik.
Mit unheimlicher Schnelligkeit wächst das hochbegabte Mädchen über die wesensfremde Umgebung
hinaus, bahnt sich unberaten, geführt von einer inneren Stimme, allein den Weg in die Welt. Im Elternhaus
hat sie den Knecht ersetzt, war im Dörfchen als die beste "Schäfferin" bekannt, und dann, ein Sprung in ein
anderes Leben: sie lernt, eignet sich im Selbststudium vielfache Kenntnisse, lebende und tote Sprachen an, macht
Reisen – hält in Amerika bemerkenswerte Vorträge, soll dort eine Professur erhalten – so reich ist dieses
Sein an seltsamen Gegensätzen, an tragischen Konflikten. Denn dieser unersättliche Geist hat nie genug, aber
die Hand, die das Lebensschiff steuert, ist dennoch schwach. Sehnsucht und Liebe ranken sich um die Heimat, aber
dies einsame Lebensschiff irrte noch viele Male über den großen Ozean, um in der Fremde zu suchen, was die
deutsche Erde versagte. Nicht nur einmal hat das Glück von fernher gegrüßt – da aber war die Seele ganz
erfüllt von Schaffensdrang und Idealismus, hatte nicht Raum für die Dinge der Welt, jagte ohne Rast und
Ruh nach unsicheren Zielen . . .
So stellt sich uns ein Dichterleben dar, ein Leben, das die Verfasserin mit einem wehmütigen Beiklang
im Untertitel "Jugendgeschichte einer Autodidaktin" nannte. Nicht ohne Bitterkeit vielleicht; die hat sich auch
in das sonst so klare Buch geschlichen. Bitterkeit – wer hätte sie nicht, der Großes zu geben, Großes zu ge-
winnen hatte, aber auf den tönenden Ruf seines Herzens nicht die volle Resonanz fand. – Und doch stimmt
dieses Buch nicht traurig, denn eine seelische Energie ohnegleichen, ein heroisches Menschentum drückt sich darin
aus, läßt dessen äußere Schranken nebensächlich erscheinen, weil diese vielleicht gerade das große innere Wachstum
bedingten. Selten habe ich Aussprüche von solch erkennender Weisheit und gütigem Verstehen alles Menschen-
wesens und jeder Kreatur gelesen. Und selten habe ich in der Literatur ein feineres, gütigeres Frauenbild ge-
funden als dieses ringende Dörflerkind, das auf der Schattenseite des Lebens ging – strahlend belichtet von
seiner inneren Schönheit."
Gefl. Bestellungen entgegensehend, zeichnet
Hochachtungsvoll
Augusta Bender.