Berg, Alban: Brief an Anton von Webern. Wien, 10.5.1930
Alban Berg in Wien XIII
Trauttmansdorffgasse 27
10.5.30
Mein liebster Freund, ich muß Dir eine sehr betrübliche
Nachricht geben: Trotz meinen Bemühungen, die sich in
dieser letzten Woche fast auf jeden Tag erstreckten, ist es
nicht gelungen, den Kunstpreis für Dich zu retten !
Das von der U.E. begangene Versäumnis konnte nicht wieder
gut gemacht werden, trotz dem erklärenden Gesuch, trotz
Hinweis auf einen Präzedensfall und obwohl man bis zum
Bürgermeister vordrang. Und obwohl selbstverständlich
wir 3 Juroren einstimmig Dich vorschlugen und auch das
ganze Rathaus der Meinung ist, daß nur Du den Preis ver-
dienst. Aber wie Du weißt, sind die Noten verpätet ein-
gelangt und ohne ein Begleitschreiben, was natürlich den
Statuten widerspricht, die zu brechen sich schließlich
der Bürgermeister, bei dem sich auch Bach sehr bemühte,
nicht entschließen konnte.
Du kannst Dir vorstellen, wie mich das, der ich das seit einem
vollen Jahr richtig eingefädelt hatte, in tiefste Ent-
täuschung versetzt. Wie muß erst die Deine sein, der Du
ja die Verleihung des Preises mit vollem Recht als tot-
sicher erwarten konntest. Und das war es auch und Du hät-
test heute die Mitteilung der erfolgten Preisverleihung,
wenn die UE, bei der ich am 24.Februar, also 4 Tage vor
Terminschluß, bei Direktor Hertzka vor Zeugen in der Sache
vorsprach...., wenn also die UE diese Sache nicht verdorben
hätte !
Dies nur in Eile, damit Du das Unglück nicht etwa zuerst aus
der Zeitung erfahrst; alles andere gelegentlich mündlich!
Dein sehr trauriger
Berg